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Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938

Toury, Jacob

Abstract

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Full text

Toury, Jacob Book Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938 Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, No. 56 Provided in Cooperation with: Mohr Siebeck, Tübingen Suggested Citation: Toury, Jacob (2024) : Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, No. 56, ISBN 978-3-16-163609-7, Mohr Siebeck GmbH & Co. KG, Tübingen, https://doi.org/10.1628/978-3-16-163609-7 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/312700 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Toury und Peter Zimmermann J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1984 CJP-Kurztitelaufaahme der Deutschen Bibliothek Toury,Jacob: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938 / Jacob Toury. Unter Mitw. von Eva Ch. Toury u. Peter Zimmermann. -Tübingen: Mohr, 1984. (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-lnstituts; 42)ISBN 3-16-744824-5 / eISBN 978-3-16-163609-7 unver ä nderte eBook-Ausgabe 2024ISSN 0459-097 X NE: Leo Baeck Institute ofJews from Germany (New Nork, NY): Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen ... © J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1984. Alle Rechte vorbehalten.Dieses Werk ist seit 04/2024 lizenziert unter der Lizenz ‚ Creative Commons Namens-nennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International ‘ (CC BY-SA 4.0). Eine vollst ä ndige Version des Lizenztextes findet sichunter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de Printed in Germany. Satz und Druck: Gulde-Druck GmbH, Tübingen. Einband: Heinrich Koch, Großbuchbinderei, Tübingen. Dieses Open Access eBook wird durch eine Förderung des Leo Baeck Institute Londonund des Bundesministeriums des Innern und für Heimat ermöglicht. Vorwort Diese, vom Leo Baeck Institut New York und seinem Direktor, Dr. Fred Grube!, angeregte, vom Land Baden-Württemberg großzügig geförderte und auch von der Robert Bosch G.m.b.H. unterstützte Forschungsarbeit muß für sich selbst sprechen, wenn sie einen mehr als sentimentalen Erinnerungswert beanspruchen und das Gewicht jüdischer Textilunternehmungen in der Wirtschaftsentwicklung von Baden-Württemberg auch nur in allgemeinen Umrissen zeichnen soll. Der zeitliche und örtliche Rahmen ergibt sich wie von selbst. Die ersten Anzeichen eines großen jüdischen Textilhandels in den heute zum Lande Baden-Württemberg gehörigen Gebieten lassen sich noch vor Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts feststellen und aus ihnen entwickeln sich -insbesondere seit der bürgerlichen Gleichstellung der Juden und der Reichsgründung -blühende Unternehmungen des Großhandels und der Industrie. Mehr als zwei Drittel von ihnen bestanden noch bis 1929, bzw. 1932, und selbst bis zur Zeit der Zwangs»entjudung« seit November 1938 hielten noch beinahe 400 Großfirmen -und zwar meist gerade die wirtschaftswichtigsten -allen Drangsalen zum Trotz ihren Betrieb aufrecht. Die jüdischen Textilunternehmungen waren eng mit der Entwicklung einzelner Orte und Landesteile verflochten, dehnten aber ihre Werksniederlassungen auch nach sonst kaum von der Industrialisierung berührten ländlichen Siedlungsgebieten aus. So befanden sich jüdische Textilunternehmen an mehr als 120 Plätzen in Baden, Hohenzollern und Württemberg, und insgesamt mag es wohl, im Laufe der hier behandelten Jahrhunderte, über tausend jüdische Großtextilfirmen gegeben haben. Diese konnten natürlich im Rahmen dieser Arbeit nicht sämtlichst namentlich aufgeführt werden (obwohl sie statistisch erfaßt sind), und alle Firmennennungen sind also nicht als Bewertung ihrer Leistung zu verstehen, sondern tragen lediglich exemplarischen Charakter. Da die Grenzen zwischen Handel und frühem Entrepreneurtum, sowie auch zwischen späterem Großhandel und Initiierung der Herstellung gewisser Produkte, ja sogar -wie sich herausstellen wird -selbst zwischen Großhandel und Warenhäusern und Kettenläden nicht immer ganz eindeutig zu ziehen sind, ist im Text gelegentlich vom »Großen Handel« die Rede. Damit ist jede über den Einzelhandel mit Elle und Maß hinausgehende Textilhandelstätigkeit gemeint, doch sind solche Grenzverschiebungen so VI Vorwort selten wie möglich in die Statistiken übernommen, um das Bild des Großhandels nicht zu verzeichnen. Auch hinsichtlich der Industrieunternehmungen sind die Grenzen zwischen dem Verlagsund dem Fabriksystem selbst im ganzen 19. Jahrhundert -bis zur völligen Mechanisierung und der Konzentration aller Produktionsphasen in Großfabrikanlagen -noch einigermaßen fließend. So sind also als »Fabrikanten« zunächst diejenigen eingestuft, die auf ihr eigenes Risiko die Textilproduktion organisierten. Später wurde ja dann die Organisation der im Fabrikgebäude konzentrierten maschinellen Bearbeitung von Rohoder Halbfertigprodukten zum Kennzeichen der Fabrikunternehmer. Wenn in der Arbeit von »Textil« die Rede ist, so sind damit alle pflanzlichen und tierischen, später auch die künstlich hergestellten oder reklamierten, Faserstoffe (also auch federn!) und Kunstfaserstoffe in ihren verschiedenen Verarbeitungsstadien gemeint. Spinnen, Weben, Wirken, Stricken, Sticken, aber im letzten Jahrhundert auch chemische Prozesse und insbesondere die Kunstfaserbearbeitung gehören zum Thema, ebenso wie die Verwertung textiler Abfälle und ihre Rezyklierungobwohl Kartonagenund Papierwerke nicht berücksichtigt sind, soweit sie nicht neben oder aus »wirklichen« Textilbetrieben entstanden. Gelegentlich ist im Text die Branchenbezeichnung »Grobtextil« benutzt, welche einerseits auf die eigentlichen Grobfasern natürlicher und chemischer Provenienz und die aus ihnen hergestellten Grobgarne und Grobgewebe, Jute, Filze, Teppichböden und -beläge, gemünzt ist, andererseits sind aber auch ihre Abfalle, also Grobbadern und ihre Reklamation mit inbegriffen, und von daher wird »Grobtextil« zuweilen auch auf Lumpensortierund Reißwollbzw. Reißbaumwollbetriebe ausgedehnt. Wenn eine solche Kategorisierung vielleicht nicht ganz zünftig ist, so hat sie sich doch -wie wir hoffen -bei der mühevollen Ordnung des überaus umfangreichen Stoffes nicht übel bewährt. An Mühewaltung von seiten der Mitarbeiter bei der Bewältigung der Materialfülle hat es jedenfalls nicht gefehlt, und Herr Diplom-Volkswirt Peter Zimmermann, sowie meine Gattin, haben Mengen von Archivalien, sowie von Adreßund Nachschlagewerken bewältigt, um insbesondere im zweiten Abschnitt der Arbeit das Engagement der beinahe tausend jüdischen Großtextilfirmen in der Wirtschaft des heutigen Baden-Württemberg zu dokumentieren. Daß Auslassungen dabei vorgekommen sein können, ist durchaus möglich; vielleicht hat auch der eine oder andere nichtjüdische Unternehmer, der Namensähnlichkeit halber, Aufnahme in die Listen gefunden. Beide Gruppen seien von vornherein um Absolution gebeten. Ihre Erwähnung, bzw. Nichterwähnung, ist allein dem verantwortlichen Verfasser als Lapsus anzulasten. Vorwort VII Alle Mitarbeiter danken den Herren Archivdirektoren, den Archivarinnen und Archivaren, den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren von Jerusalem und Tel-Aviv bis Berlin und Washington, von Bonn und Koblenz bis New York, und insbesondere sei den Stadt-, Staatsund Landesarchiven in Baden-Württemberg für ihre immer freundliche Hilfsbereitschaft und ihren Arbeitsaufwand gedankt. Besonderer Dank gebührt Herrn Dr. Paul Sauer, dem Leitenden Archivdirektor des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, dessen sachkundige Einführung in die Quellenlage und selbstlose Mitteilung seines reichen Wissens und der Früchte seiner dezidierten Studien den Forschern viele Mühen ersparten und ihre Arbeit injeder Hinsicht erleichterten. Ebenso sei nicht verfehlt, Herrn Dr . Alfred Marx, Stuttgart, einem der letzten überlebenden jüdischen Textilfabrikanten (Gurtenund Bandweberei Gutmann & Marx, Cannstatt) für seinen Beistand bei der Identifizierung jüdischer Unternehmungen und für sonstige ins Fach schlagende Informationen zu danken. Auch Herrn Dr. Avraham Barkai und Herrn Dr. Abraham Margaliot, den Kollegen und Freunden, die Teile des Entwurfs lasen und wichtige Anmerkungen zur Textgestaltung lieferten, sei auf diesem Wege herzlichst gedankt. Mögen alle, die mitgeholfen haben, ein nicht unbedeutendes Arbeitsquantum zu bewältigen und druckreif zu machen, in dem vorgelegten Buch einen kleinen Teil der Dankesschuld abgetragen sehen, in der die Verfasser bei ihnen stehen. Universität Tel-Aviv, Dezember 1983 J. T. XIV Vgl. VSWG WK WL Ws YLBI Abkürzungsverzeichnis Vergleiche Vierteljahrsschrift für Sozialund Wirtschaftsgeschichte Weltkrieg Wiener Library, Tel-Aviv University Webstühle Y earbook, Leo Baeck Institute, London 1. Abschnitt Die Anfänge 1. Erste Spuren Frühe Ansätze jüdischer Beteiligung an der Textilwirtschaft in den Gebieten des heutigen Landes Baden-Württemberg lassen sich wohl noch vor Anbruch des 18. Jahrhunderts, wenn auch nur in fast verwehten Spuren, nachweisen. Die frühesten namentlichen Angaben liegen aus Mannheim vor, wo ein gewisser Moses Jacob als Lieferant von Mänteln und Mantelstoffen zur Einkleidung von Stadtbediensteten wiederholt in den Ratsprotokollen (1681, 1684) erwähnt ist. Nach Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt setzte dann Löw Hayum Bensheim, wohl seit 1717, die Belieferung der Stadtverwaltung mit Uniformtüchern in verhältnismäßig großem Maßstab fort, und Juden scheinen auch noch während des ganzen 18. Jahrhunderts Tuche an die Stadt geliefert zu haben1. Eine andere Sparte des Textilunternehmertums ist für die Residenzstadt Durlach belegt. Dort erhielt der Schutzjude Lämlin Löwe, oder Lämlein Löwy, im Jahre 1711 vom Markgrafen ein Privileg zur Gründung einer Leinwandbleiche, ohne daß genauere Nachrichten über ihren Geschäftsgang und die Dauer ihres Bestehens vorliegen. Löwy war dem Anschein nach eine Art Hoffaktor, und neben der Bleiche wollte er sich auch mit der Errichtung eines Tabakmonopols in Baden-Durlach befassen, hatte aber wohl dabei keinen Erfolg. Obwohl auch die Bleiche mit einem Monopol ausgestattet wurde, wonach die Einwohner »alldero dann und wann zu bleichen habende Tücher, sofern sie solche nicht selbsten bleichen wollten, bey bemeldtem Lämlin zu bleichen tragen« mußten, scheint sie nicht allzu lange bestanden zu haben. Wirtschaftlich wichtig war sie jedenfalls kaum2• Eine dem Lämlin ähnliche und vielleicht finanziell umfangreichere Stellung mag Mayer Levi am Kurpfälzischen Hofe in Mannheim eingenommen haben3, und auch ihm wurde der Tabakhandel, sowie die Anlage einer 1 BERTHOLD RosENTHAL,juden als Städt. Lieferanten in Alt-Mannheim, Israelitisches Gemeindeblatt, Mannheim (Red. Max Grünewald),Jg. XI, 1933, S. ~. 2 GLAK 136/543. Vgl. dazu Ono K. ROLLER, Die Einwohnerschafi der Stadt Dur/ach (Karlsruhe 1907), S. 329, Anm . 2. J Im Chur-Pfolzischen Staatsund Standes-Calender 1734 ist nur ein Samuel Levi aufgeführt. Mayer Levi dürfte vielleicht der jüngere Bruder des Samuel gewesen sein. 2 Die Anfange Bleiche, als Monopol verliehen -allerdings nicht in Mannheim, und darüber wird später noch ausführlicher die Rede sein. Deutlicher lassen sich immerhin die Spuren eines großen Textilhandels der Juden von Pforzheim und Bretten absichern. Diese Städte gehörten damals noch zu unterschiedlichen politischen Herrschaftsgebieten -Bretten zur Kurpfalz, Pforzheim zur Markgrafschaft Baden-Durlach-und die wenigen dortigen Judenfamilien -im 18. Jahrhundert wohl kaum mehr als jeweils zwischen fünf und dreizehn4 -lebten demnach auch unter verschiedenartigen Privilegien: Hinsichtlich der Textilwirtschaft, und insbesondere beim Tuchhandel, waren gerade die Pforzheimer Juden gewissen Beschränkungen unterworfen, während die von Bretten, laut dem Pfälzer Schutzbrief des Kurfürsten Johann-Wilhelm (1698) »alle ehrliche Handlung ohne Hindernisse« treiben durften. Wenn also von den sieben wohlhabenden Brettener »Judenkrämern<c ums Jahr 1738 berichtet wird, daß sie »capables<c seien, drei Landschaften mit wohlfeilem Tuch zu versehen5, so bedeutet das wohl, daß ihr Tuchhandel weniger dem »geringen« Einzelhandel, als vielmehr dem späteren sogenannten Großhandel ähnelte. Das wird durch eine Pforzheimer Bittschrift aus demJahre 1739 erhärtet, wonach die Brettener Juden auch als Importeure ausländischer Tücher auftraten. Sie und die »ChristenHauptleuthe<c aus Bretten führten »das schönste Meißner Tuch<c ein und verkauften es um vieles billiger als die Pforzheimer Tuchmacher ihre Lokalerzeugnisse abgeben konnten6. Wenig verschieden davon war im 18. Jahrhundert wohl auch der Tuchhandel, den die Pforzheimer Juden selbst betrieben. Allerdings war ihnen schon dreiJahre vor der Verwüstung der Stadt durch die Franzosen (1689) vom Markgrafen die Beschränkung auferlegt worden, sie sollten Tücher nicht billiger als um einen Gulden die Elle verkaufen, d. h. nur bessere Waren anbieten, damit die etwa 40 ortsansässigen Tuchmacher geschützt würden, soweit sie »gemeines« Tuch webten und verkauften7. Auch der Handel mit Rohwolle -dazu waren z.B. Moses und WolfReutlinger seit 1677 privilegiert gewesen8 -soll ihnen bei dieser Gelegenheit im Jahre 1686 verboten worden sein. 4 Für Pforzheim sind beim Regierungsantritt des Markgrafen Karl Wilhelm (1709-38) fünf Judenfamilien belegt: B. ROSENTHAL , Heimatgeschichte der badischen Juden (Bühl 1927, Neudruck Stuttgart 1981), S. 200--212. Die Zahl stieg wohl langsam bis zum Ende des Jahrhunderts auf13 oder mehr Familien an (FRANZ HUNDSNURSCHER & GERHARD T ADDEY, Die jüdischen Gemeinden in Baden , Stuttgart 1968, S. 234). In Bretten sind um 1740 mindestens sieben Familien belegt (HUNDSNURSCHER-TADDEY , S. 53). 5 Lt . Eingabe der Judenschaft von Pforzheim , 9. Sept. 1739: GLAK 171/1252. Unterschrieben : S. Schlesinger, Abr. Sambter . 6 Wie Anm . 5, und ROSENTHAL, Heimatgeschichte, S. 211 f. 7 A.a.O . 8 ROSENTHAL, Heimatgeschichte, s. 198. Erste Spuren 3 Nach der Zerstörung und Wiederbesiedlung Pforzheims hatte sich aber die Lage geändert. Die Tuchfabrikation kam nicht wieder in Schwung, und um 1738 gab es nur noch fünf ärmliche Tuchmacher am Ort, die für ihre geringe Produktion genügend Absatz hatten und nicht einmal die lokale Nachfrage zufriedenstellend decken konnten. Doch daran gaben sie gerade den Juden die Schuld. Als nämlich der Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach im Jahre 1738 das Zeitliche segnete und ein Vormundschaftsrat für den damals zehnjährigen Thronfolger Karl-Friedrich die Regierungsgeschäfte führte, reichten zwei Zunftmeister bei der Regierung Beschwerde über die ihnen schädlich erscheinenden Geschäftspraktiken der Juden ein und verlangten die Verminderung ihrer Zahl und die Beschränkung ihres Handels. So glaubten sie, die darniederliegenden Gewerbe der Stadt wieder aufrichten zu können. Bei einer darauf folgenden Umfrage klagten insbesondere die Tuchmacher über den Vertrieb billiger, auswärtiger Tücher durch die Juden. Gegen die Anschuldigungen der Zünfte führten die Juden aus, daß sie seit ihrer Neuniederlassung im wiederaufgebauten Pforzheim (etwa 1709/10) die Stadt »wegen dene gemeine Tücher, ohne mit Ruhm zu gedenken, in einen Renomme« gebracht, der allen Einwohnern zugute komme. Denn von 9 und 10 Stunden weit kämen die Bauersleute aus dem Württembergischen und den reichsritterschaftlichen Dörfern, um ihren Bedarf an Tüchern zu decken. Sollten etwa die Käufer zu den Brettener Händlern abwandern? Oder wollte man nur die Bauern des von den jüdischen Händlern gewährten Kredits berauben? So oder so, die Klagen der Zünfte seien unbegründet. Tatsächlich hob das Hofratskollegium im Jahre 1740 die Beschränkungen von 1686 vollständig auf, da der große jüdische Tuchhandel viel Geld nach Pforzheim fließen ließ. Unter den Höchststeuerzahlern der Stadt waren nämlich auch zwei der Textilhändler: Herz Moses, gen. Bodenheimer (Seiden und Wollen, nebst Kurzen Waren) und Josef Levy (Seide, Wolle). Gerade zugezogen war David Josef Bodenheimer, der auch mit Textilien handelte, aber noch nicht zur Steuer veranlagt war9. Ein weiterer Ort, aus dem eine verhältnismäßig frühe Nachricht über Großhandel mit Tuchen und Schneider bedarf vorliegt, ist die Stadt Buchen, damals die Heimat einer bedeutenden Tuchproduktion. Ein Geschäftsbuch der jüdischen Textil-Firma Mayer aus den Jahren 1754-56, meist in hebräischen Lettern und in vermengter deutscher, jiddischer und hebräischer Sprache geführt, hat sich bis heute erhalten 10 . Es war geraume Zeit in einem 9 GLAK 171/1252, 11. 12 . 1738 (Zeugmacher) und 9. 9. 1739 (Juden); Steuerund Berufslisten: GLAK171/1251, 17112055 . 1° Fürst/. Leiningensches Archiv, Amorbach. Mikrofilm: CAH]P HM 2/5050. Ich bin dem Direktor des Archivs, Herrn Dr. Daniel]. Cohen, zu Dank für freundliche Bereitstellung von Ablichtungen verpflichtet. Ebenso danke ich Herrn Dr . Rainer Trunk vom GLA Karlsruhe für 4 Die Anfange Weinfaß in Amorbach versteckt, wie ein deutscher Eintrag auf dem Inneneinband ausweist: »Herrn Samuel Mayern Büchlein, dermalen anzudreffen in Amorbach in die Wein Fässer.« Sonst sind noch -wohl als Schreibübungen eines seiner Söhne -folgende Namen deutsch eingetragen: Monsieur Mayer Moyses, vornehmer Handelsjud, Monsieur Frank, Buchen (wohl ein Freund des jungen Mayer). Dazu in hebräischen Lettern: »Lieb und Lust zu meiner Geig' «. Der junge Moyses zeigte wohl wenig Neigung, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Und doch war es ein recht erhebliches Unternehmen. Aus den Eintragungen im Büchlein läßt sich entnehmen, daß Mayer vornehme Kunden hatte, wie Richter und Grafen, aber auch Schneider zu seinen Abnehmern zählte. Sein Handel erstreckte sich u. a. auf folgende weit auseinanderliegende Orte: Miltenberg, Walldürn, ja sogar in Heddesheim bei Mannheim hatte er Kundschaft. Jüdische Wiederverkäufer scheint er nur in geringem Umfang beliefert zu haben, auch der aufgeführte Schneider Michel braucht nicht gerade jüdisch gewesen zu sein. Von den von ihm geführten Waren kehren immer wieder: Wolle, Futterstoff, Barchent, Kamelhaargarne, Kanevas, Hosenstoff, sowie auch Seide und Bänder. Es läßt sich aber aus den Eintragungen im Buchener Büchlein von Samuel und Moyses Mayer, wie auch hinsichtlich des Handels der Brettener und Pforzheimer Juden, die Frage nicht lösen, ob denn hier nun wirklich ein moderner Großhandel, vorzugsweise an Wiederverkäufer oder Verarbeiter, stattfand, oder ob nur ein relativ großer und schneller Umsatz auf offenem Markte bei Belieferung des Endkonsumenten vom Stück und nach Ellenmaß den Eindruck von Großhandelsgeschäften erweckte, obwohl in Wirklichkeit nur Selbstverbraucher versorgt wurden. Was vielleicht tatsächlich diesem damaligen Tuchgeschäft, sei es in Bretten, in Pforzheim oder in Buchen, den Charakter des Großhandels aufprägte, liegt in der handelstechnischen Tatsache, daß die Tücher, teils aus dem »Ausland« (Sachsen) importiert und befördert, teils auch ins »Ausland« (Württemberg und »Edelleutische« Gebiete) weiterverkauft wurden. Also: zumindest Exportund Importhandel ist belegt, selbst wenn man zum Teil auch Endverbraucher direkt belieferte. Die Klärung der Frage, ob nicht auf diese Weise die Definition des »Großhandels« ungebührlich erweitert werde, wird dann später, und jedenfalls im zwanzigsten Jahrhundert, noch schwieriger werden, wenn Kettenläseinen freundlichen Hinweis auf die Quelle. Er nimmt in seiner Darstellung 700 Jahre Stadt Buchen (Hg. R. TRUNK et al.) an, daß der Jude Moyses Mayer geheißen habe, da der Name in lateinischen Buchstaben eingetragen ist. Doch siehe oben im Text. Erste Spuren 5 den, Warenhäuser und große Versandgeschäfte zwar nominell Kleinhandel treiben, in Wirklichkeit aber Großhandelspolitik bei Einund Verkauf verfolgen und teilweise sogar auch Zwischenhändler beliefern. Jedenfalls sollte man wohl auch im folgenden die Begriffe »Großhandel« und »Großer Handel« als mit einer gewissen Elastizität ausgelegt betrachten. Diese Erklärung schließt jedenfalls im 18. Jahrhundert auch die genannten jüdischen Tuchhändler von Buchen, Pforzheim oder Bretten 11 in den »Großhandel« ein. Denn es trifft auf sie mehr oder weniger deutlich zu, daß die kleinen ambulanten Hausierer und Landhändler, und sicherlich die jüdischen, ihren Warenbedarf so preiswert und kreditgünstig wie möglich bei dem jeweilig nächsten (und billigsten) größeren jüdischen Händler gedeckt haben und ihre Rechnung erst nach erfolgtem Vertrieb beglichen. Indem nun die genannten jüdischen Tuchhändler die herumziehenden Hausierer von Woche zu Woche belieferten und teilweise auch finanzierten, mußten sie sicher ein umfangreiches Lager unterhalten und waren also auch in diesem Sinne Großhändler. Da bereits kurz die Frage des Rohwollhandels berührt wurde, soll dazu angemerkt sein, daß die Pforzheimer Wollmanufaktur -seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Hauptgewerbe der Stadt 12 -ihre Rohwolle zunächst hauptsächlich aus dem Württembergischen beziehen mußte 13 , und daß dabei möglicherweise jüdische Landhändler als Wollaufkäufer eine gewisse Rolle spielten. Doch fehlen hierfür exakte Belege. Erhalten ist nur ein Lieferungsvertrag für »Landwolle«, den die Pforzheimer Waisenhausverwaltung imJahre 1748 mit »Hofjud undJudenschultheiss RaphaelJacob zu Rastadt« abschloß. Woher Jacob seine Rohwolle bezog, bleibt dabei unklar14. Die Gründung der Pforzheimer Waisenhaus-Manufaktur in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ihre Wiederbelebung in der zweiten Jahrhunderthälfte15, allerdings mit Hilfe privater Initiative, war teilweise mit den neuen Wirtschaftsanschauungen über die »Produktivierung« der Bevölkerung verbunden. Aus solchem Gesichtswinkel heraus glaubte man nämlich, die Insassen von Arbeits-, Waisen-und Zuchthäusern zu nützlicher und gewinnbringender Beschäftigung erziehen zu sollen, jedenfalls aber die Ausgaben für ihren Unterhalt durch die eigene Arbeitsleistung der »Zücht11 In Bretten scheinen Juden zu Anfang des 19. Jh. daraufhin auch das Tuchmacherhandwerk gelernt zu haben. Jedenfalls ist ums Jahr 1844 dort ein Tuchmachermeister belegt: Mayer Ettlinger, der sich über Entziehung der Bürgernutzungen beklagt: GLAK233/15558 . 12 Vgl. z. B. GLAK206/1864, Beschwerde vom 19. 3. 1809; auch 237/4471. 13 WOLFRAM FISCHER, Der Staat u. d. Anfange d. Industrialisierung in Baden, S. 26. 14 GLAK 171/2508. 15 Ausführliche quellenmäßige Behandlung in der Heidelberger Dissertation von HORST ZUBER, Die Privilegierte Wollenund Zeughandlungs-Manufaktur zu Pforzheim, Augsburg 1969. 6 Die Anfiinge linge« decken zu lassen. Selbst als die Pforzheimer Wollmanufaktur sich 1752 zu einer selbständigen Unternehmung entwickelte 16 , wurde sie auch weiterhin »zum Besten des Waisenhauses betrieben«, allerdings nicht mehr in städtischer oder staatlicher Regie, sondern durch private Pächter. Immerhin hatte aber auch dieses Unternehmen von Anfang an, und bis zu Ende des 18 . Jahrhunderts, seine »jüdische Seite«: Um dem Waisenhaus und seiner Manufaktur Einkünfte zu verschaffen, zog man die Forderungen ausländischer Juden an Inländer, die nicht aus dem einzig erlaubtenJahrmarkthandel erflossen, zugunsten der Waisenhauskasse ein 17 • Mehr noch, neu in den Schutz genommene Juden hatten um 200 Gulden Wollwaren zu beziehen, die späterhin nur im Ausland abgesetzt werden durften. Wann man diese Auflage eingeführt hat, und ob sie vielleicht anfangs »freiwillig« war, ist nicht ersichtlich 18 . Sie wurde jedenfalls bei Erneuerung der Verträge mit den privaten Manufakturunternehmern als selbstverständliche Zwangsauflage erwähnt 19 . Diese zusätzliche Belastung, die an Härte etwa der berüchtigten Zwangsentnahme aus der preußischen Porzellanmanufaktur entspricht und wahrscheinlich älter ist als jene, blieb bis 1799 in Kraft20 . Doch genossen einige Juden auch gewisse Vorteile von der Pforzheimer Manufaktur. Da diese an Absatzschwierigkeiten litt, räumte man eine Schutzgeldbefreiung »für einige mit der Fabrik handelnde Juden« ein, falls dabei »nicht excedirt wird« 21 • Allerdings war dieser Vorteil schwer erkauft, denn die Erzeugnisse der Manufaktur zeichneten sich weder durch Gefalligkeit, noch durch Qualität, aus. Mehr noch, es scheint, daß wer der Manufaktur durch Erlassung des Schutzgeldes verpflichtet war, ebenfalls ihre Waren abnehmen mußte, ob er sie nun absetzen konnte oder nicht 22 . So ist zumindest im Falle des jüdischen Großhändlers Moises Gydeon aus Emmendingen belegt, daß er -nach Abnahme von mehreren Lieferungen für insgesamt etwa 1500 Gulden - 16 HANS GEORG ZIER, Gesch . d. Stadt Pforzheim, Stuttgart 1982, S. 135--144 ; ich danke Herrn Ltd. Archivdirektor Zier-Karlsruhe für seine wertvollen bibliographischen Hinweise. 17 ROSENTHAL, Heimatgeschichte, s. 215. 18 A. a.O ., S. 219. Dort wird die Zwangsabnahme nur für dieJahre 1768-1799 behauptet, während sie früher freiwillig gewesen sein soll. Doch vgl. nächste Anm. 19 GLAK 171/2513, Geh. Ratsprotokoll vom 2. II . 1778, spricht von einer »bisher bei Judenannahme gemessenen Andingung« als etwas längst Gewohntes. 20 Rosenthal, wie in Anm. 18 . 21 Zuber (wie in Anm. 15), S. 226; GLAK 171/2513. 22 So hatte z.B. die Manufaktur 1728 Forderungen an Juden in Karlsruhe, Ottenheim und Sinzheim (ZUBER, a.a.O ., S. 132ff.), während zehn Jahre später mehrere Kisten Sommerstrümpfe einfach in die Herrschaft Rötteln (also nach Lörrach) und in die Markgrafschaft Hochberg »ohne Hoffnung auf einen schnellen Absatz« geschickt und an die Juden »nach proportionem« zum Verschleiß verteilt wurden (GLAK 171/2507). ]osua Uffenheimer, K. K. Fabrik-Entrepreneur 7 schließlich die Flucht ins Ausland erwählte, um sich seinen Schulden und dem unverkäuflichen Warenlager (hauptsächlich Strümpfe) zu entziehen23• Es spricht gegen die Methoden der Waisenhausmanufaktur, daß sich alsbald viele Juden weigerten, Pforzheimer Manufakturerzeugnisse zum Vertrieb zu übernehmen. Vielleicht führte das dann zur Einführung der Zwangsabnahme für neu in den Schutz aufgenommene Juden. Übrigens war wohl Württemberg bei der »Produktivierung« der »Züchtlinge« dem Herzogtum Baden zuvorgekommen. Denn schon imJahre 1710 hatte Eberhard Ludwig von Württemberg ein kombiniertes Zucht- , Arbeitsund Waisenhaus in Stuttgart ins Leben gerufen, und im Jahre 1736 verfügte Herzog Karl Alexander die Errichtung eines ähnlichen Tuchfabrikations-Betriebs im Zuchthaus von Ludwigsburg. Allerdings wurde dort die eigentliche Webarbeit von gelernten Tuchmachern, alle anderen Arbeiten aber von Gefangenen und Kindern besorgt 24 . Da Karl Alexander die fast gleichzeitig errichtete Tabakfabrik einigen kurpfälzischen Schutzjuden als Monopol für 12 Jahre verlieh 25 , läßt sich vielleicht vermuten, daß Karls Finanzberater, der bekannte und später berüchtigteJud Süss Oppenheimer, bei den lndustrialisierungsplänen Pate gestanden und auch die Wollfabrikation in Ludwigsburg initiiert haben mochte. Die Kombination von Zuchtund Arbeitshaus jedoch bestand, wie erwähnt, bereits vor seiner Zeit, und weder in Württemberg, noch im badischen Pforzheim, noch auch in der großen Spinnerei des »Zuchtund Waisenhauses« von Mannheim 26 , läßt sich bei Organisierung der Produktion eine offene jüdische Beteiligung nachweisen 27 • 2. Josua Uffenheimer, K. K. Fabrik-Entrepreneur Eine jüdische Initiative tritt erstmalig am Zucht-und Arbeitshaus im damals vorderösterreichischen Alt-Breisach zutage und ist an den Namen Josua Uffenheimer geknüpft. Josua führte in Kippenheim (zunächst zur Markgrafschaft Baden-Baden, seit 1771 zu Durlach gehörig) einen größeren 23 GLAK 171 /2507, 2508. 24 Heimat und Arbeit - Der Kreis Ludwigsburg (1960), S. 156 f. 25 Beschreibung d. 0 . A. Ludwigsburg, 1859, S. 134 . 26 GLAK 213/3795: Tabellen »Über das aus dahiesigem Zuchtund Waisenhaus an die Churfürstliche Zeugfabrique zu Frankenthal... gelieferte Sayet-Garn« (1772-74). Sayet: Strick-, Stick-, Strumpfwirkergarne aus feiner Kammwolle, mit oder ohne Seidenzuschuß. 27 Auch sonst scheinen die Mannheimer Juden eher auswärts als in Mannheim selbst Unternehmungen ins Leben gerufen zu haben, wie die erwähnte Tabakfabrik in Ludwigsburg, aber auch noch einige andere später zu erwähnende Betriebe von Mayer Levi (s . Anm. 3) beweisen. Vgl. jetzt auch J. TOURY , »Jüdische Textilgrossisten vor Errichtung des Großherzogtums Baden «, Juden in Baden 1809-1984, Hg. Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe 1984, S. 131 ff . 8 Die Anfange Handel und betrieb wohl auch Inkassogeschäfte1. Ob er bereits in den fünfziger Jahren mit dem Amtmann von Neustadt im Schwarzwald über Einführung der Baumwollspinnerei als Hausindustrie für die Ortsbewohner verhandelt hatte2, bleibe dahingestellt, zumal die Verhandlungen anscheinend im Sande verliefen. Seine Beteiligung am Hall-Insbrucker Salzverschleiß, zusammen mit seinem Bruder Gabriel und seinem Vetter Götz (GidionJakob) war nur temporär3. Von wirtschaftlicher Wichtigkeit ist alleinJosua Uffenheimers Übernahme des Fabrikbetriebes in dem gerade gegründeten Alt-Breisacher Zuchtund Arbeitshaus. Etwa seit 1764, also noch vor Vollendung des Zuchthausneubaus, war die Arbeit der »Florettseide-Fabriques« von zwei schweizerischen Pächtern -Cajetan Brentano und Johann Baptist Fornaro, die auch kurze Zeit (bis zum Tode Brentanos, 1768) in Teilhaberschaft wirkten - geleitet worden; dies erwies sich aber, trotz Unterweisung durch Instruktoren und Mitbeschäftigung von freien Arbeitskräften, als nicht recht rentabel; auch die breisgauischen Stände kamen mit den nicht allzu unterwürfigen Schweizern schlecht zurechtwas allerdings mehr an den Ständen als an den Pächtern liegen konnte4. Die Übernahme des Fabrikbetriebes durch Josua Uffenheimer fand stufenweise zwischen 1768 und 1769 statt5. Da es sich nun hier um das erste von 1 So richtig B. ROSENTHAL, Heimatgeschichte, S. 196. Doch übernimmt er S. 187 den Irrtum aus EBERHARD GOTHEJNS Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes (Straßburg 1892), S. 756, 761, der die Manufakturunternehmungen dem GidionJakob (= Götz) Uffenheimer zuschreibt. So auch HuNDSNURSCHER-TADDEY , S. 50f . Götz saß tatsächlich in Alt-Breisach und war in die Salzmonopol-Geschäfte seines Vetters Gabriel U. aus Innsbruck verwickelt, die seit 1775 zu längeren Prozessen führten (GLAK 196/412 passim). GLAK 196/703 erwähnt auchJosua als Partner und belegt dies für 1773/75, möglicherweise aber auch für die vorhergehenden Jahre. Später schiedjedochJosua aus. Im Büschel 196/412 erscheint dann die verwirrende Namensverschreibung für 1784 -Josua statt Gabriel. Dort aber auch die Berichtigung, datiert 21 . 2. 1785. Josua und Gabriel waren Brüder. Nebenbei sei bemerkt, daß nach Abwicklung des Gabriel & Götz Uffenheimerschen Salzmonopols -wohl noch im Jahre 1785 -ein Salzmangel eintrat (GLAK 196/413). Nicht Götz U. ist dann um 1785, wie Gothein und seine Ausschreiber behaupten, auch als Textilentrepreneur im Schwarzwald und am Kaiserstuhl belegt, sondern die Gebrüder Uffenheimer, d. h. Josua und Gabriel: GLAK 196/709 (vorletztes Stück). Vgl. auch im Text. Ob Götz später als Mitgesellschafter in diese Firma eintrat -was immerhin möglich ist -wurde nicht aktenkundig. 2 ROSENTHAL, Heimatgeschichte, S. 187 , wohl wiederum auf Gothein gestützt, erwähnt das Jahr 1756. 3 Vgl. die Quellen in Anm. 1, und insbes. GLAK 196/703. 4 Sehr viele Unterlagen für die Geschäftsführung seit den sechziger Jahren, und auch zur Zeit Uffenheimers: GLAK 196/196-200, 701-709. 5 Unterlagen wie in voriger Anm. Spezifizierung in den folgenden Anmerkungen. Vgl. zu allem: G. HASELIER, Gesch. d. Stadt Breisach a. Rh. II, (Breisach 1971), S. 88-94. Wo die Darstellung hier von H. 's Angaben abweicht, ist der Tatbestand archivalisch überprüft worden. ]osua U.ffenheimer, K. K. Fabrik-Entrepreneur 9 Juden geleitete Textilunternehmen in Baden-Württemberg handelt6, so mag es gestattet sein, auf einige Einzelheiten der Übernahme und der Betriebsführung etwas näher einzugehen. Die verschiedenen früheren Unternehmungen des Josua Uffenheimer hatten wohl das Augenmerk der vorderösterreichischen Regierung aufihn gelenkt. Unter anderem hatte er Monturen fürs Militär geliefert7, so daß er im Textilfach nicht ganz unerfahren war. Daher erscheint es glaubhaft, daß der vorderösterreichische »CommerzienConsess« als zuständige Behörde imJahre 1768 an ihn mit dem Vorschlag herantrat, die Arbeit im »landständisch-breisgauischen Zuchtund Waisenhaus« in seine Regie zu übernehmen. Den Plan, so behauptete Uffenheimer, unterbreitete ihm der Konsess-Vorsitzende persönlich, »Freiherr von Wittenbach, der wahre Urheber und Beförderer der in den Kaiserlich-Königlichen Vorlanden ... existierenden Manufakturen« 8. So trat also U ff enheimer mit den Schweizern und noch einigen zusätzlichen Gesellschaftern in ein Teilhaberverhältnis, um einem durchaus unrentablen Betrieb auf die Beine zu helfen. Was ihn dazu bewog, mag dreierlei gewesen sein: Er wohnte als Schutzjude im badischen Kippenheim, kann also, auch wegen seiner anderen Geschäfte, das Schutzund Wohnrecht im Vorderösterreichischen zu erwerben getrachtet haben; er war, wie viele Entrepreneurs, an der Diversifikation seiner Unternehmungen interessiert, um möglichst krisenfest der wechselnden Konjunktur und den wandelbaren politischen Verhältnissen gegenüber dazustehen; und schließlich hatte er wohl den Ehrgeiz (oder die Voraussicht), seine und seiner Familie Rechtstellung durch einen Hofagententitel zu unterbauen. Tatsächlich scheint ihm das nicht gelungen zu sein; zwar lag im Jahre 1778 sein Gesuch um Verleihung des Titels eines »Vorländischen Kommerzien Faktors« bei Hofe vor und wurde von der Freiburger Regierung aus befürwortet9, doch fehlt jede Bestätigung des Titels. Was immer die Gründe sein mochten, die ihn bewogen das Werk im Zuchthaus zu übernehmen, jedenfalls machte er sich zunächst daran, die unter Fornaros Leitung -Brentano war wohl gerade gestorben - im Zucht6 ImJudenrepertorium des General-Landesarchivs Karlsruhe ist auch die Akte 212/201 aufgeführt, die das Rubrum trägt: »Isaac Lichtenhan's und Sohn Vorhabende Anlegung einer Seydenzeug-Fabrique zu Lörrach betreffend, 1770« . Die genannte Firma hatte ihren Sitz in Basel, wo keine Juden ansässig sein durften, aber auch aus anderen Gründen kann sie unmöglich jüdisch gewesen sein. Der Vorname Isaak war überdies in Basel, und auch sonst, unter Nichtjuden noch recht beliebt (z . B. Isaak Jselin, der Redakteur der »Ephemeriden der Menschheit«). 7 GLAK 196/709, Schreiben aus Wien, 22. 1. 1782. Ein Datum der Lieferungen ist nicht angegeben. 8 GLAK 196/708, BI. 115 R., Uffenheimer an Kaiserl. Kanzlei, 23 . 12. 1777 . 9 GLAK 196/709: Zum Protokoll vom 6. und 7. Hornung 1778 u.ä. 16 Die Anfänge alte -bis 1781 (oder 1784) 35 laufen sollte und Uffenheimer nochmals Erleichterungen bei den Gehaltszahlungen für die Züchtlinge gewährte 36 . Jedenfalls führte Josua Uffenheimer seine Unternehmungen weiter fort (nur die Salzgeschäfte hatte er bereits 1775 aufgegeben) und begann, ihnen den Charakter eines Familienbetriebes zu verleihen. Sein Bruder Gabriel trat seit 1784 als Mitinhaber auf und Josuas Sohn Abraham erhielt die Stelle des Buchhalters Wertheimer. Vielleicht beteiligte sich auch der Vetter Götz Jacob Uffenheimer an der Firma, so wie er vorher am Salzverschleiß im Inntal beteiligt gewesen war 37 . Die Gewinnbeteiligung der LandständeMitglieder jedoch wurde als unziemlich untersagt. Ein neuer Vertrag befindet sich nicht bei den Akten. überhaupt bricht die Dokumentation der Fabriksangelegenheiten in Breisach Ende 1784 ab. Aber aus anderen Anzeichen läßt sich folgern, daß Uffenheimer sein Familienunternehmen, und insbesondere die Zuchthauswerkstätten, mit oder ohne V ertrag, bis zum Franzosen einfall fortgeführt hat. Die Gefangenen wurden rechtzeitig evakuiert und entgingen so dem Bombardement und der Eroberung der Stadt durch die Franzosen (Sept.- Okt. 1793) 38 . Zusammenfassend sollte manJosua Uffenheimer nicht nur als Entrepreneur einer vom Staate gepachteten Manufaktur, nicht nur als Vermittler von Investitionskapital und als Verleger 39 für handwerkliche Heimindustrie in den Schwarzwaldorten Hausen am Thann, Schuttern und ihrer Umgebung, sondern auch als echten Großhändler, d. h. als Belieferer der kleinen und kleinsten Wiederverkäufer ansehen. Daß er, der Entrepreneur einer »Fabrique«, kaum ein »Fabrikant<< im modernen Sinne war, versteht sich dabei von selbst, sogar wenn die Definition einer »Fabrik« nicht ohne weiteres ganz eindeutig feststeht. Jedoch läßt sich aufihn durchaus die »im weiteren Sinne« gefaßte Definition Wolfram Fischers anwenden, der zur älteren » Textilindustrie« ebenso die »verlegerisch organisierte Heimarbeit, wie die zentrale Produktionsstätte ohne oder mit Maschinen<c rechnet 40 . Daß sich Uffenhei35 So Haselier, a.a.O. , S. 104. 36 GLAK 196/703, Wien, zur Sitzung vom 14. 6. 1783. 37 A.a.O ., 196/709 Juli/ August 1782; 196/200, 4. Okt . 1784. 38 Haselier (wie in Anm . 5), S. 141 f. 39 Für eine kurze und durchaus genügende Definition der Begriffe Manufaktur und Verlag, vgl. FRIEDR . LüTGE : Deutsche Soz. u. Wirtsch. Gesch. , Berlin-Heidelberg3 1966, S. 365-367. Ausführlicheres über die Problematik der Definition und ihr Verhältnis zum modernen Industrieund Fabrikwesen: HERMANN FREUDENBERGER : »Die Struktur der frühindustriellen Fabrik etc. «, in: Wirtschaftsund Sozialgesch. Probleme der .frühen Industrialisierung (Hg. Wolfram Fischer), Berlin 1968, S. 413--433. 40 Vgl. die Definition von Freudenberger, wie in voriger Anm . Kürzer: WOLFRAM FISCHER : Der Staat und die Anfänge der Industrialisierung in Baden 1801>-1850, Bd. 1, Berlin 1962, S. 28, 31 f. Das Zitat oben im Text -a.a.O ., S. 29. Und ganz kurz und prägnantderselbe, >Ansätze zur Hoffaktoren und Adelsbürger 17 mer mit seinem unternehmerischen Fleiß einen Namen machte, läßt sich vielleicht aus dem Gutachten des Kirchenrats Sittel anläßlich der badischen Enquete im Jahre 1782 ablesen, der vorschlägt, die Juden einzuladen, »ein oder andere Fabrik im Badischen zu errichten«, wobei der Gutachter Abgabenerlaß für die Beteiligten und noch dazu sogar Beschäftigungserlaubnis für solche Juden, die bisher ohne Schutz waren, befürwortet, sowie endlich »verdiente bürgerliche Vorzüge« dem Unternehmer selbst als Anreiz in Aussicht stellt 41 . Natürlich ist der Vorschlag des badischen Kirchenrats vom Toleranzpatent Josephs II beeinflußt, und hinsichtlich der Gründung oder Übernahme von königlichen Manufakturen hattenja insbesondere die preußischen Juden in und um Berlin bereits einiges geleistet. Doch liegt hier das Vorbild Uffenheimers näher. Sei dem wie es wolle, jedenfalls war Uffenheimer einer der ersten -wenn nicht gar der erste -unter den jüdischen Industriellen. im heutigen BadenWürttemberg und genoß dementsprechend eine berechtigte Wertschätzung, selbst bis hin zum Wiener Hof -wenn ihm auch ein wohlklingender Titel vorenthalten blieb. 3. Hoffaktoren und Adelsbürger Den Anspruch Uffenheimers, der erste jüdische Textilunternehmer gewesen zu sein, hätte ihm vielleicht einer der Titelträger, etwa der Hechinger Hoffaktor Maier Levi oder der beinahe gleichnamige, jedoch in Mannheim ansässige »Über-Münzfaktor und Cammer-Agent« Mayer Levi streitig machen können. Der Hechinger Hoffaktor Maier Levi übernahm die Führung der 1760 von der vorderösterreichischen Regierung in Nusplingen (bei Albstadt-Ehingen) eingerichteten Baumwollspinnerei, konnte sie aber nicht sogleich rentabel gestalten, obwohl auch er, ähnlich wie Uffenheimer in Breisach, nur Hungerlöhne zahlte. Schon im Jahre 1767 löste die vorderösterreichische Verwaltung den Vertrag mit Maier Levi auf, um den Betrieb in eigener Regie bei besseren Bedingungen weiter zu führen. Bald aber mußte sie ihn ganz schließen, da auch sie nur Verluste erwirtschaftete1. Es scheint demnach, daß Maier Levi aus Hechingen just an denjenigen Hürden gestrauchelt war, die Josua Uffenheimer in Alt-Breisach mit großem Geschick überwunden hatte. Der andere Mayer Levi war Hofagent des Pfälzischen Kurfürsten Karl Industrialisierung in Baden 1779-1870<, in: VSWG 1960 , S. 187 : »>Fabrik< unterscheidet sich von der Manufaktur durch das Vorwiegen der technischen Apparatur, von der Handwerksund Hauswerkstätte durch ihre Größe und meist ebenfalls durch die technische Ausstattung«. 41 GLAK74/3689. 1 S. KuLLEN in: Heimat und ArbeitDer Zollernalbkreis , Stuttgart-Aalen 1979, S. 134. 18 Die Anfange Philipp (1716-1742), der seit 1720 in Mannheim residierte. Er erhielt von seinem Schirmherrn im Jahr 1737 recht großherzige Wirtschaftskonzessionen2, allerdings erst nach Hergabe von Darlehen und Vorschüssen in Höhe von beinahe 200000 fl. 3. Die Privilegien umfaßten eine Tabakfabrik nebst Verkaufsmonopol4, sowie ein Monopol zur Fabrikation von Spielkarten5 und -für unseren Zusammenhang am wichtigsten -eine am 11. Oktober 1737 ausgefertigte Konzession zur Anlegung einer Wachsbleiche und eines Betriebes zur Seidenfabrikation 6• Jedoch schweigen die Akten, außer einer Protestschrift der Bürgerschaft7, über den Vollzug der Konzession. Darum bleibt es unklar, ob und wie Mayer Levi zum Textilentrepreneur wurde. Mehr noch, den Vorrang von Uffenheimer kann Levi schon deshalb nicht in Frage stellen, da seine Privilegien zwar in Mannheim ausgestellt, aber zum Vollzug nur auf Düsseldorf und Umgebung, nicht aber auf die Pfalz oder Levis Wohnort Mannheim lauteten. Es bleibt übrigens auffallend, daß die zahlreichen und wohlhabenden Juden der Gemeinde Mannheim sich überhaupt im 18. Jahrhundert an ihrem Wohnort nicht zu Manufakturoder Industriegründungen anschickten, sondern Privilegien in der Feme suchten. Außer in Düsseldorf wurden sie ja bereits oben auch als Tabakfabrikanten im württembergischen Ludwigsburg erwähnt. Sollte die christliche Konkurrenz zu stark gewesen sein? Oder mochten sie als Juden nicht mit den Zünften in Konflikt geraten? Vielleicht aber war ihnen Mannheim in den unruhigen Zeiten nicht sicher genug für langfristige Investitionen? Auf alle Fälle nahmen an der beginnenden Textilwirtschaft Mannheims bis zum Anfang des 19 . Jahrhunderts keine Juden irgendwelchen Anteil, es sei denn als Händler, wie schon erwähnt. überhaupt begann seit Verlegung des Mannheimer Hofes nach München (1777) ein langsames »Absterben und Eintrocknen« des Ortes. Und als Mannheim dann im Jahre 1802/03 an Baden fiel , war es »eine heruntergekommene Stadt«. Die wiederholten schweren Kämpfe während der Revolutionskriege hatten sie »von der stolzen Höhe als Residenz der pfälzischen Wittelsbacher« in eine Trümmerstätte ohne »eigentlichen Handel oder Manufakturen <c verwandelt. Und doch äußerte sich bei den Einwohnern gerade damals ein »neuer Lebenswille<c , und vielleicht begann damit auch eine 2 HStA Düsseldorf, Best. Jülich-Berg III, Nr . 286, Notariatsakte aus Amsterdam vom 11. 11. 1746. Vgl. auch die Akten in Anm. 5 unten. Mayer Levi ist weder bei H. SCHNEE , Hoffinanz, noch im Staatsund Standes-Kalender fürs Jahr 1734 aufgezählt. Doch vgl. oben, Kap. 1, Anm. 3. 3 HStA Düsseldorf, a.a.O., es folgte später noch ein Darlehen von 125000 fl. 4 A. a.O . 5 HStA Düsseldorf, Best. Jülich-Berg II, Nr . 3919, Stück 4. 6 A. a.O., Stück 5. 7 A.a.O., Stück 11. Hoffaktoren und Adelsbürger 19 erneute soziale Aufnahmebereitschaft8, die sich u. a. auch den Juden gegenüber zu erweisen begann. Nachdem zwei in Leimen, bzw. in Mannheim, wohnhaften begüterten Judenfamilien9 bereits 1798/99 von der Kurpfälzischen Regierung das Staatsbürgerrecht verliehen worden war, wandten sich seit 1801 einige Juden an die Behörden von Mannheim und Umgebung mit der Bitte um Verleihung der Stadtbürgerrechte 10 -möglicherweise weil die Schwächung der Staatsgewalt während der politischen Wirren das Stadtbürgerrecht als von realerem Wert erscheinen ließ. Daß bei diesen Anträgen das Vorbild der von Frankreich annektierten rechtsrheinischen Pfalz zugrunde liegt, in welcher die Juden plötzlich als Vollbürger angesehen wurden, steht außer Frage. Fraglicher schon ist, warum der Mannheimer Magistrat imJahre 1801 die Einbürgerungsbitte des Kreisfaktors Wolf Jakob Würzweiler abschlägig begutachtete, während er das wiederholte Gesuch ein Jahr später positiv beschied, worauf das badische General-Landeskommissariat die Verleihung des Stadtbürgerrechts genehmigte-allerdings unter der Auflage, daß Würzweiler in Mannheim »irgend ein dem Gewerbsfleiß und Industrie der hiesigen Bewohner angemessenes ( ... ] Etablissement anlegen« solle 11 . Dieses Versprechen dürfte wohl, bei der geschilderten prekären wirtschaftlichen .Situation Mannheims, zusammen mit dem Kapitaltransfer des Kreisfaktors in die Stadt, ausschlaggebend für die Meinungsänderung des Magistrats gewesen sem. Jedenfalls bezeugte Würzweiler alsbald, daß er mit den Vorbereitungen zur Errichtung einer Textilmanufaktur begonnen habe, und zwar betonte er, daß er Baumwollwaren herzustellen beabsichtigte. Das war in Hinsicht auf die Zünfte recht geschickt, denn bekanntlich lag die Verarbeitung der Baumwolle außerhalb des Zunftmonopols. Würzweiler betonte außerdem, er habe seiner Tochter einen Bräutigam (Abraham Weißenburger) eigens im Hinblick auf das neue Unternehmen ausgesucht. Der zukünftige Schwiegersohn habe versprochen mit Kapital und Arbeitskraft zu helfen, damit die Manufaktur sich erfolgreich entwickle. So wolle man einer »ansehnlichen 8 Die ausdrucksreichen Zitate nach FRIEDRICH FA C IUS , »Badische Häfen am Oberrhein etc.« und WOLFGANG LEISER , »Mannheim und verwandte Stadtgründungen etc.«, beide in: Festschrift far Erich Maschke : Au s Stadtu. Wirts c hajisge s ch. Südwestdeutschlands. (Hg. F. Facius, J. Sydow), Stuttgart 1975, S. 173, 185, bzw . 209. 9 Der Mannheimer Jude war der neuzugezogene Josef Lallement, die Leimener waren die bekannten Seeligmanns, vgl. J. ToURY, Der Eintrill d.Juden ins dt. Bürgertum-Eine Dokumentation, Tel-Aviv 1972, S. 71 f. Über die Frage der jüdischen Stadtbürgerrechte vor der staatsbürgerlichen Emanzipation, DERSELBE : » Typ es ofjewish Municipial Rights, etc.«, in: Leo Baeck Institute, Yearbook XXII, 1977. 10 GLAK 7717266, BI. 8, 13, 17ff., 23ff., 147ff., 153, 157-165. Teilweise abgedruckt in: ToURY, Dokumentation, (wie Anm. 9), Kap. III b/c . 11 A.a.O ., Marginalie des Ministers Lamezan auf BI. 23, 24. 20 Die Anfänge Menschenzahl ausdauernde Nahrung verschaffen«. Nur sollte dafür Weißenburger auch zum Stadtbürger mit allen Rechten erhoben werden. Aufgrund des Versprechens der »würklichen Ausführung des angezeigten Etablissement« verlieh die Regierung mit Einverständnis des Magistrats auch dem Weißenburger die Stadtbürgerrechte in Mannheim12. Über eine große Manufaktur der beiden ist allerdings nichts bekannt geworden, jedoch erscheint im Verzeichnis der Handelsfirmen für 1875 die Firma S. Weißenburger als Leinenhandlung und Sackfabrik 13 . Ein Isidor Würzweiler war allerdings nur noch Kommissionshändler 14 . Aber damit ist nicht unbedingt bewiesen, daß Würzweiler und Weißenburger nicht doch schon vor 1815 ein Manufakturunternehmen -vielleicht sogar für Jute und Grobtextilien15 -eröffneten, welches dann später verkümmerte. Das scheint nämlich der Weg der meisten Manufakturen gewesen zu sein: »Von den älteren [ ... ] in der ehemaligen Kurpfalz gelegenen Textilbetrieben [ ... ] hat sich später keiner zu behaupten vermocht«. Es ist damit auch das Ende von Uffenheimers im »vorderösterreichischen Raum« gelegenen Manufaktur miterklärt, da sich auch dort nur »em1ge wemge halten« und weiterentwickeln konnten 16 . 4. Die ersten Industriebankiers So führte von den ersten jüdischen Textilunternehmern, ähnlich wie von den nichtjüdischen, nur ein sehr schmaler Weg zur modernen Industrieentwicklung Baden-Württembergs. Diesen Weg beschritt nun just die erste in der Kurpfalz eingebürgerte jüdische Familie Seligmann. Einer ihrer Söhne, David Seligmann, hatte sich etwa seit dem Jahre 1797 in Karlsruhe niedergelassen und eine große Bank aufgebaut. Später wurde er zum Freiherrn v. Eichthal ernannt und ließ sich schließlich taufen 1. Hatten also die ersten jüdischen Entrepreneurs mehr ihr Organisationstalent und ihre Marktbeziehungen eingesetzt, um die Manufakturen aufzu12 A.a. O., BI. 160-165, endend mit Hofratsprotokoll v. 25 . 5. 1803. 13 Selbst noch im Adreßbuch von 1931 /32 und in den Nazi-Akten (z.B. StdA Mannheim, Zug. 16 /67, Paket 6, Mappe 13/2, BI. 93) ist Fa . Weißenburger & Co . als Großhandel und Fabrik geführt. Vgl. auch Anm. 14 und 15 . 14 Mannheimer Adreß-Kalender f. d. Jahr 1875 . Beide Firmen aufS. 215. 15 D. h. Fabrikation von Säcken, Planen, Decken u.ä . Dieser Zweig hatte sich seit dem 19 . Jh . zu einer Mannheimer Spezialbranche entwickelt. Vielleicht hat Weißenburger dabei mitgewirkt. 16 Zitiert nach KARL STIEFEL, Baden II, S. 1588. 1 Vgl. oben, Kap. 3, Anm. 9. Ein Stammbaum der Seligmanns (so die spätere offizielle Schreibweise) bei H. SCHNEE , Hoffinanz, Bd . IV , S. 238f. Dort, S. 213, auch Abdruck des Einbürgerungspatentes des Aron S. vom Jahre 1799. Die ersten Industriebankiers 21 bauen und zu erhalten, so tritt mit David Seligmannjetzt der Finanzmann und Bankier als Initiator oder Förderer der Industriegründung auf den Plan. Ihm ist das Fachgebiet der Unternehmung weniger wichtig, als etwa finanztechnische oder auch politische Überlegungen. Daher finden wir das erste jüdische Unternehmen in Altbaden, das zur Textilindustrie in Verbindung steht, gerade in der landwirtschaftlich fundierten Farbstoff-Fabrikation, der Krapp-Industrie in Grötzingen bei Karlsruhe. Aus den Quellen läßt sich das Engagement des Bankhauses Seligmann & Co in der Krappfarben-Industrie wie folgt erklären: Die erste badische Krappfabrik entstand 1753 in Durlach, um die dortige Baumwollund Kattunmanufaktur (gegr. 1751) mit türkischroten Farbstoffen zu versorgen. Obwohl eigentlich dadurch der Absatz der Krappfarben gesichert schien, entwickelte sich der kleine Betrieb nicht so recht und lag bald ganz brach. Da kauften die Markgrafen Friedrich (gest. 1819) und Ludwig (gest. 1830) die Fabrik (1778) und richteten die Krappmühle in dem Stallgebäude des Schlosses Augustenburg in Grötzingen ein. Die Durlacher Räume dienten weiterhin als Magazin, und bald mußten zusätzliche Speicherräume in Grötzingen gepachtet werden. Schließlich entschlossen sich die Markgrafen, wohl auch aus wassertechnischen Gründen, zum Neubau einer großen Fabrikanlage an der Pfinz, zu der auch neue Speicherräume2 gehörten (1783) . Das Bauvorhaben muß die Markgrafen finanziell schwer belastet haben, denn bereits fürs Jahr 1792 wird der Hoffaktor Hayum Levi aus Karlsruhe an einer Stelle als Besitzer der Fabrik genannt. Allerdings stammt die Angabe aus dem Jahre 1816, muß also nicht genau stimmen3. Denn alle anderen Quellen geben 1798 als das Jahr des Fabrikverkaufs an, und als Erwerber ist die Bankund Handelsfirma Seligmann & Co genannt. Diese Firma wurde aber seit 1797 von dem bereits erwähnten David Seligmann in Kompanie mit Hayum Levi, seinem Schwiegervater4, geführt. Es mag sein, daß Levi bereits 1792 eine größere Hypothek auf den Fabrikkomplex vorgeschossen hatte, welche die völlige Übernahme zum späteren Termin vorbereitete. Ob diese banktechnische Transaktion den Teilhabern zum Nutzen gereichte, bleibt fraglich. Es ist eher einleuchtend, daß man den beiden Hoheiten gefällig war. Jedenfalls beschäftigte die Fabrik im Durchschnitt 30 Arbeiter, deren Zahl aber saisonbedingt zwischen 20 und 60 schwankte5. Auch bereiteten die politisch bedingten Konjunkturschwankungen dem aktiven Partner David 2 W. MössINGER, Das badische MalerdoifGrötzingen (1965), S. 324-326. 3 GLAK236 /953, BI. 21 (Stadtamt Karlsruhe, 1816). 4 GLAK 206/2206. 5 GLAK236/849 , 850. Dazu ausführlich: WOLFRAM FISCHER, Der Staat und d. Anfange etc. 1, S. 277, 279. 22 Die Anfange Seligmann Kopfzerbrechen, so daß der Betrieb »schon seit Jahren die Interessen der Capitalien nicht mehr erträgt, dennoch mit einer ungeheuern Gewerbsteuer belegt worden ist«6. Da Seligmann unter diesen Umständen die Weiterbeschäftigung aller Arbeiter der Krappfabrik nicht garantieren wollte, schlug er im Jahre 1808 dem Großherzoglichen Finanzkollegium vor, die Grötzinger Anlagen zur Verarbeitung inländischen Marmors umzufunktionieren, was auch vom Großherzog befürwortet worden sei' . Allein das Finanzkollegium meinte, daß Krapp auf »dem auswärtigen Markt mehr gesucht sein sollte« als Marmor (obwohl die Magazine Seligmanns in Durlach und Grötzingen tatsächlich übervoll waren!) und riet daher dem Seligmann zu, »seine Fonds« weiterhin in Krapp zu belassen, denn -so fragte es- »mit welcher Handelspflanze will der Landmann in der Markgrafschaft sogleich wieder den Verlust der Krappkultur ersetzen?<< Nach längeren Verhandlungen gab Seligmann vorerst nach und teilte dem Kollegium mit, daß er »unter diesen Umständen von seinem Vorhaben abstrahiere«8. Die Sorge für die Landwirtschaft hatte demnach über rein finanzielle Erwägungen den Sieg davongetragen. Also suchte der seit 1814 zum Freiherrn v. Eichthal ernannte (und vorerst noch nicht getaufte) Hofagent und Bankier nach einer Antwort, die auch den Bauern zugute käme. Tatsächlich ging er -etwa seit 1815 -zur Fabrikation von Rübenzucker über. Spätestens imJahre 1817 scheint die Farbenproduktion dann ganz eingestellt worden zu sein9. Die Zeit von Seligmanns Engagement in der Krappfabrikation, d. h. die Jahre 1798 bis 1817, waren gleichzeitig auch die Entstehungsjahre jener jüdischen Bankhäuser, die -wie Seligmann & Co -im Industrialisierungsprozeß von Baden und Württemberg eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen sollten. In Karlsruhe organisierten neben Hayum Levi (dem Schwiegervater und Kompagnon Seligmanns), die Bankiers Salomon Haber und Elkan Reutlinger den Geldund Anleihemarkt für den fürstlichen Hof, aber auch für unternehmende Bürger. In Stuttgart entstand 1799 das Bankhaus Gebrüder Benedikt, das später in der »Württembergischen Vereinsbank« aufging, sowie insbesondere das Bankhaus der aus Hechingen stammenden Familie Kaulla, deren Mitglieder oft als persönliche Finanzberater der württembergischen Könige fungierten und deren Bankgründung bald, durch die Gunst König Friedrichs 1., den Charakter einer »Hofbank« erhielt 10 . Wir werden noch von den Bankhäusern hören. 6 GLAK 237 /471. Eingabe Seligmanns vom 1. 12. 1808. 7 A. a.O. 8 A.a .O ., Gutachten o. D. und Sehfußvermerk v. 12. 2. 1810. 9 Wolfram Fischer (wie in Anm . 5) . 10 Dazu kurz (basiert aufH . SCHNEE , Hoffinanz IV): HERM . KELLENBENZ: > Unternehmertum in Südwestdeutschland<, in: Tradition, Zs. f. Firmengeschichte X4, S. 180ff. Über die » Hof- Die ersten Industriebankiers 23 Der erste von all denen jedoch, der sich persönlich aktiv an der Leitung von Industrieunternehmungen, und insbesondere an Textilwerken beteiligte, war wiederum David Seligmann. Die Krappfabrik bildete keineswegs Seligmanns einzigen Berührungspunkt mit der Bearbeitung von Textilien. Sein zweites und erheblich belangvolleres Textilunternehmen kam auf merkwürdigen Umwegen, jedoch im Effekt mit großen Erfolgen und unter wichtiger Einflußnahme auf die Wirtschaftsentwicklung Badens, zustande. Es handelte sich um die von dem Schweizer Mechaniker und Erfinder Georg Bodmer begründete Maschinenfabrik in den Gebäuden des ehemaligen Klosters St. Blasien im Schwarzwald. Bodmer hatte einige mechanische Verbesserungen, insbesondere an Spinnmaschinen, patentieren und in Baden und Frankreich vermarkten lassen, war aber mit seinem Werk in St. Blasien, das hauptsächlich Maschinen baute, in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Hier rief man Seligmann zu Hilfe. Der Karlsruher Entrepreneur und Bankier liierte sich, außer mit Bodmer, auch mit dem Pariser Mechaniker Albert (welcher der französische Bevollmächtigte und Vertreter Bodmers war und finanzielle Forderungen an ihn hatte), sowie mit dem Oberforstmeister Carl Gerer in St. Blasien. Diese vier gründeten, lt. Gesellschaftsvertrag vom 6. November 1810, die Aktiengesellschaft »Societe de St. Blasien oder St. Blasische Gesellschaft«. Das Nominalkapital von 100000 Gulden sollte aus 20 Aktien, je zu 5000 Gulden, bestehen und wie folgt zusammengebracht werden: Seligmann übernahm sogleich fünf, Gerer aber zwei Anteile -wahrscheinlich gegen bares Geld -während Albert der Gesellschaft von seinen Forderungen an Bodmer eine Summe zedierte, die dem Gegenwert von zwei Aktien entsprach. Bodmer erhielt für sein Verbleiben in St. Blasien und seine Leitung des Betriebs in »artistischer«, d. i. technischer, Hinsicht zunächst nur ein Monatsgehalt von 150 Gulden für sich und seine Familie, sowie ein Viertel des eventuellen Reingewinns, der -allerdings erst nach Abtragung aller seiner Schulden -zur Erwerbung von fünf Aktien auf seinen Namen einbehalten werden sollte. Die restlichen sechs Aktien wollte man vom Publikum »in den nächsten Monaten« zeichnen lassen 11 . Es geht aber aus einigen weiteren Unterlagen hervor, daß die sechs Anteile alsbald oder später von Seligmanns Familienmitgliedern erworben wurden 12 . bank«, vgl. auch: ERNST KLEIN, »Die kgl. württ. Hofbank etc.«, in: Jahrbücher far Nationalökonomie u. Statistik, Bd. 179, 1966, S. 324-343. 11 GLAK 65/494. »Abschrift aus Akten der Spinnerei St. Blasien«. Der Faszikel enthält Vorarbeiten zu einer ausführlichen Geschichte der Fabrik und ist reich an sorgfältigen Abschriften aus verlorenen oder verstreuten Dokumenten. Leider fehlt eine laufende Paginierung. Vgl. dazu WOLFRAM FISCHER (wie in Anm . 5), S. 209ff., der außer dieser Akte noch viele andere Quellenangaben bringt. 12 GLAK 65/494: »Abschriften aus den Amtsakten, die Darmstädter Verhandlungen betr.« (13. August 1821). 24 DieAnfonge Es mag vielleicht aufSeligmanns Einfluß zurückzuführen sein, daß schon im Gesellschaftsvertrag von 1810 ein besonderes Gewicht auf die Erzeugung von Spinnmaschinen und die Baumwollspinnerei gelegt wurde, während die anderen metallurgischen Zweige des Unternehmens, z.B . die Gewehrfabrik, ein Eisenhammerund Schmelzwerk, nur nebenher bedacht sind 13 . Dabei war es mit der Spinnerei beim Eintritt Seligmanns in die Firma nicht sehr weit her, trotz der Bodmerschen Maschinen. Aus diesem Grunde wohl mußte sich Albert im Gesellschaftsvertrag an erster Stelle verpflichten, »gute und tüchtige Arbeiter, sowie auch in der Folge einen guten und ausgelernten Spinner« herbeizuschaffen. So fing man also bescheiden an. Bei der Gewerbezählung von 1815 (= 1817) registrierte man in St. Blasien erstmalig 105 Arbeiter in der Baumwollspinnerei14, wovon allerdings sicher ein Gutteil Kinder waren. An der verhältnismäßig langsamen Entwicklung mögen die Kriege und die politischen Umwälzungen nicht unschuldig gewesen sein, es wird aber auch erwähnt, daß Bodmer unstet wurde und oft auf »Studienreisen« ging. Trotzdem gelang es wohl dem Oberforstmeister Gerer, der sich als Mann am Platz im Vertrag (§ 8) verpflichtet hatte, »auf die Haupt-Cassa des Etablissements sowie auf dessen Betrieb im Ganzen, soviel es seine Amtsgeschäfte erlauben, zu wachen«, den Betrieb in gutem Zustand zu erhalten und sogar zu erweitern. So wurde -anstelle der Naturbleiehe-eine zweistöckige Kunstbleiehe angelegt und noch vor 1821 vergrößert 15 . Eichthal fand indem geschickten Mechaniker Felix Spitz einen Spinnereileiter nach seinem Herzen, und Spitz und Gerer hielten das Unternehmen auch bei Abwesenheit Bodmers in bester Ordnung. Als Gerer aber im Jahre 1820 starb und Albert -wohl nach Ende der engeren Beziehungen zwischen Baden und Frankreich -von der Bildfläche verschwand, wurde Eichthal vor die Entscheidung gestellt, ob er die Aktiengesellschaft aufrecht erhalten oder auflösen wolle. Er entschied sich für die Fortsetzung der Unternehmung, zumal er gerade im Jahre 1821 die ehemaligen Klostergebäude, die bis dahin nur gepachtet waren, käuflich erwerben konnte. Bald kaufte er noch weitere Nebengebäude und Hofgüter dazu. Er fand auswärtige lnvestitoren, die ihm Geld zum Kauf und zur Reorganisation vorschossen (die Ansprüche der Witwe Gerer und Bod13 A.a.O . 14 Fischer (wie in Anm. 5), S. 279 . 15 Anscheinend wurde die Vergrößerung der Bleichanlage dadurch notwendig gemacht, daß eine große zu St . Blasien gehörige Bleichwiese, die in einer badischen Enklave im Aargau gelegen war, um diese Zeit im Zuge von Flurbereinigungen, zusammen mit der gesamten Enklave, von einem Konsortium aus Lengnau übernommen wurde. Die Prokura des Konsortiums war in den Händen zweier Lengnauer Juden: Moses Joseph und Moses Hönnely Guggenheim: GLAK233/ 1117 . Die ersten Industriebankiers 25 mers 16 -vielleicht auch noch Alberts Aktien -mußten abgelöst werden), und so wurde der Baron zum Alleininhaber aller Fabrikanlagen 17 • Die Werke beschäftigten damals an die 800 Arbeiter, darunter 200 Kinder, alles Badenser Landesbewohner, und meist Schwarzwälder. Eichthal war also in dieser armen Gegend ein Arbeitgeber von beträchtlichem Gewicht. Er rühmte sich auch offen der großen Erfolge seines Textilunternehmens, welches damals »Zu den ausgedehntesten des Continents« gehörte. Die Qualität der in der Spinnerei erzeugten »Wasser-, Muleund gezwirnten Garne« war so gut, daß sie »den englischen vorgezogen« wurden. Dazu importierte man allerdings vom Ausland erhebliche Quantitäten von Rohmaterialien. Die Spinnerei bezog zwischen 3000 und 4000 Zentner amerikanische Rohbaum wolle pro Jahr, direkt von holländischen oder französischen Häfen. Geringere Qualitäten gab das Werk, teilweise nach Halbfertigung, zu sehr herabgesetzten Preisen an die Handspinnereien ab, die davon ebenfalls profitierten. Direkt zahlte Eichthal, wie er selbst angab, »den nahrungslosen Schwarzwäldern einen jährlichen Betrag von 120000 fl. rein an Arbeitslöhnen [ ... ], die indirekten Vorteile nicht gerechnet, die denselben durch eine bei 1100000 fl. betragende Circulation zufließen« 18 • Legt man die direkten Arbeitslöhne auf die 800 im Werk Beschäftigten um, so ergibt sich ein wöchentlicher Durchschnittslohn von etwa 29-30 Gulden (etwa 17 Taler) pro Arbeiter, Kinder mitgerechnet. Da aber die 200 Kinder, unter 14 oder 15 Jahren, wesentlich unter dieser Norm entlohnt wurden, müßte Eichthal seine Spinner königlich bezahlt haben. In der sächsischen Spinnindustrie erhielt z. B. ein verhältnismäßig gut dotierter Krempel meister 7 Taler (11 1 /2 fl.) Wochenlohn, während Spinner nur mit 2-2 1/2 Taler, Kinder sogar nur mit einem halben Taler entlohnt wurdenallerdings oft bei freier Station 19 . Es ist also unmöglich, daß die von Eichthal angegebene Summe, die jedem Arbeiter etwa den Salär verspricht, der im Vertrag von 1810 dem Erfinder und früheren Besitzer Bodmer zugesagt worden war, sich nur auf die Fabrikarbeiter bezieht. Sie muß die Entlohnung der vielen Heimarbeiter mitenthalten. Diese aber entzieht sich der Berechnung, da weder die Zahl der Beschäftigten, noch auch annähernde Lohnangaben bekannt sind. Im Ganzen entsprachen also die angegebenen Zahlen nur der Direktive, die 16 Bodmer kehrt e dann 1822 in die Schweiz zurück. FRANZ JOSEF GEMMERT , >Die Schicksale der Textilfabriken etc. <, in: Schau-ins-Land, 77. Jahresheft, Freiburg/ Br . 1959, S. 69 f. Dort kurz die Entwicklung der Werke bis 1821 , deren Darstellung den in Anm . 18 genannten Akten folgt. 17 GEMMERT, a. a.O . 18 GLAK 65/494, »Abschrift aus den Amtsacten: Die Darmstädter Verhandlungen betr .«, 13. 8. 1821. t9 Lohnangaben nach WOLFRAM FISCHER : »lnnenbetrieblicher und sozialer Status der frühen Fabrikarbeiterschaft«, in: [Hg . W. Fischer/G. Bajor), Die soziale Frage, Stuttgart 1967, S. 237. Der Taler wird zwischen 1837 und 1852 zu etwa 1, 75 Gulden angesetzt. 32 Die Anfange jüdischen Betätigung, wie injeder Industrie, so auch im Textilwesen angesprochen werden können, so bleiben doch auch die modernen kaufmännischen Aspekte der Marktforschung und Marktbedienung1 (die schon bei Uffenheimer ersichtlich wurden), sowie die fachlich-technische Ausbildung (wie schon bei Louis v. Haber gestreift), als Faktoren der Industriegründung wichtig und sollen nun ausführlicher behandelt werden. Doch gerade die fachlichen Zugänge zur Industrie waren den Juden bis zum Ende des 18. Jh., oder gar noch länger, in Baden-Württemberg, einschließlich Hohenzollern, vollkommen verbaut. Die Gilden waren christliche Organisationen. Und ganz abgesehen davon, welcher ehrbare Kaufmann wollte schon einen jüdischen Volontär annehmen, und welcher Zunftmeister einen jüdischen Lehrling? Eine Veränderung dieser Lage begann in Baden theoretisch mit dem I. Konstitutionsedikt vom 14. März 1807, dessen erster Paragraph das Staatsbürgerrecht auch den Juden zugänglich macht 2• Praktisch jedoch hatte das VI. Konstitutionsedikt (§ 19) vom 14. Juni 1808, bei aller theoretischen Anerkennung der Juden als »erbfreie Staatsbürger«, ihre realen Ortsbürgerrechte3 von »einer mit den Christen gleichförmigen Nahrungsart« abhängig erklärt. Dem entsprachen dann die eingehenden »Erziehungs«-Reglements im ausführlichen »Konstitutionsedikt der Juden « vom 13. Janaur 1809. Dort wird über »Berufswahl« (§ 17) folgendes bestimmt: Diejenigen, welche sich nicht zu höhern Studien widmen und eignen, müssen gleich den Christenkindern nach vollendeten Schuljahren zu irgend einer ordentlichen Lebensund Berufsart im Staat, im Landbau oder in Gewerben aller Art nach den dafür allgemein bestehenden Regeln angezogen und gebildet werden, wo Zünfte oder Meister sich unterstehen würden, hierin Hindernisse in den Weg zu legen, da ist die Polizei-Obrigkeit verantwortlich, durch strengen Vollzug des Satzes 23. Litt. o. und Satz 24 Litt. k. im VI. Konstitutionsedikte jene ordnungswidrige Anmaßungen zu erledigen. 1 Wenn H. A. WINKLER: » Die dt . Gesellschaft der Weimarer Republik und der Antisemitismus« in: (Hg. B. Martin und Ernst Schulin), Di e Juden als Minde rh eit in der G esc hich te, München 1981, S. 276 schreibt, daß das starke jüd is che Eng agement in der Te xtilindustrie »s ich aus der Tradition des Altkleiderhande ls ableiten« ließe, so trifft das vie ll eicht auf Anfa nge des Konf e ktionswesens zu (s . unt en, Anm . 51), sonst ergibt sich auch nic ht e in e Tatsache, die dieses in Bad enWürtt e mber g belegen könnte. 2 Zur Frage de rjüd. Rechte in Baden, vgl. R eg ie run g sblatt 1807, Nr. 6. Ausführliche Darstellung: A. LEWIN, Bad en, S. 76-111, und kurz und prägnant bei Rürup (wie oben , Kap. 4, Anm. 31), S. 46ff. 3 Üb er die Problematik des Ortsbür gerrec ht s, vg l. To U RY, »Types of Municipal Rights in Ge rman Townships«, etc., in: YLBIXXII, 1977, S. 55ff. »Erziehungspolitik« und Textilwirtschaft in Baden 33 Zu den Berufszweigen, die neben dem Handwerk vom Gesetz gebilligt werden, sind Kaufmannshandel mit ordentlicher Buchführung [ = insbes. Großhandel), »Fabrikenbetreibung«, sowie auch Handel in offenen Läden mit einem »hinlänglichen« Vorrate von Waren, und ins besondere von Ellenwaren, also Textilien, ausdrücklich hervorgehoben4• In ebendemselbenJahre verlautbarte in Württemberg, ohne ausdrückliche und umfassende Regelung der Judengesetzgebung (die ja bekanntlich bis 1828 auf sich warten ließ), eine ähnlich ausgerichtete königliche »Normalverordnung« anläßlich eines jüdischen Gesuchs um Aufnahme in eine Handwerkszunft. König Friedrich befahl unter dem 18 . 9. 1809, daß »jeder .. . Jude, der sich qualifiziert ein bürgerliches Gewerb zu treiben, dazu aufgenommen werden soll«5. In Hohenzollern-Hechingen beabsichtigte man bereits seit 1806, denJuden die Erlernung von Handwerksberufen zu gestatten, jedoch kam es niemals zu einer landeseigenen Emanzipationsgesetzgebung, während immerhin in Sigmaringen ein »Gesetz über die staatsbürgerlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen<< erlassen wurde, das sich eng an die »Erziehungs«-Tendenzen des württembergischen Judengesetzes von 1828 anlehnte, und wie dieses Handwerke, freie Professionen und ordentlichen Handel fördern wollte6. Nach dem Gesagten sollte man ein jüdisches Eingehen auf die »Erziehungs«politik der Regierungen und ihre Produktivierungswünsche in Baden eher als in Württemberg, und dort eher als im Hohenzollerschen erwarten. Das stimmt unbedingt für die beiden großen Länder; überraschenderweise jedoch scheinen die Juden von Hohenzollern so sehr von den Absichten des württembergischen Judengesetzes von 1828 beeinflußt worden zu sein, daß sie insbesondere im Textilgewerbe Außerordentliches leisteten und zu den Hauptfaktoren der Industrialisierungsbestrebungen in den kleinen Fürstentümern gerechnet werden müssen. Beginnen wir mit Baden. Die aufeinanderfolgenden Konstitutionsedikte, die seit 1807 auch auf die Juden etwas vom allgemeinen Bürgerstolz ausstrahlten, konnten gerade auf dem Gebiete der Textilwirtschaft verhältnismäßig eindrucksvolle Anfangserfolge verzeichnen. Das mag vielleicht in 4 Zitiert bei Lewin (wie Anm. 2), S. 95. 5 HStA Stg. E 143 Bü 3226. 6 Verordnungsund Anzeige-Blattf d. Ftm. Hohenzollern-Sigmaringen, Nr . 34, Sonntag d. 20. Aug. 1837. Über die Juden in den hohenzollernschen Gebieten, vgl. MAREN KuHN - REFUS , „Das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit« etc., in: Ztschr. f Hohenzollerische Geschichte XIV, 1978, S. lOff. ; hier insbes. S. 52-54. Das von der Verfasserin behauptete lnkraft-Bleiben der Emanzipation infolge d. dt . Grundgesetzes von 1848/49 ist mehr als fraglich. Möglicherweise findet sich kein Widerruf bei den Akten, jedoch ist die preußische Verwaltungspraxis, mehr noch als in Preußen selbst, durchaus emazipationsfeindlich gewesen, selbst nach 1871, was Kuhn-Refus aufgrund lokaler Aktenbestände immerhin zugesteht. 34 Die Anfange gewissem Maße die Folge einer semantischen Umorientierung gewesen sein, die damals gerade im Textilhandel merkbar wurde: Berufsbezeichnungen wie »Kapitalist«, »Manufakturen en gros«, »Neue Kleider«, »offener Ladenhandel« u.ä . mußten den Eindruck hervorrufen, daß hier »Ordentliche« Gewerbezweige im Entstehen waren; doch fehlte selbst diesem naiven Manöver nicht die reale Basis. Wenn also bereits imJahre 1801 im damals noch pfälzischen Mosbach zwei Juden (von insgesamt 15 Ernährern) offene Tuchläden führten 7, so ist das wohl als Fortsetzung jener Tendenz anzusehen, die schon im ersten Kapitel hinsichtlich des Tuchhandels von Bretten erwähnt wurde, und es ist anzunehmen, daß die seßhaften Tuchhändler auch als Grossisten ihren hausierenden Brüdern Waren auf Kredit vorschossen. Nur daß seit 1808 der Besitzer eines offenen Ladens oder der Grossist eben »bürgerlich« ist, oder wenigstens durch seine Berufsbezeichnung so eingeschätzt werden will, während er bis dahin just einen Handel mit allem zur Hand Kommendem führte, wobei allerdings Textilien oft und seit langem ein bevorzugter Artikel waren. So zählte z.B. die Judentabelle der Provinz Oberrhein vom Jahre 1809 unter 181 Ernährern 28-29 Textilhändler auf, von denen aber mindestens fünf auch anderen Handel trieben, und drei sogar eher zum sogenannten »Nothandel« als zum bürgerlichen Kaufmannsstand gerechnet werden müssen8. Einer von diesen handelte mit Säcken, zwei aber mit Lumpen. Ihre Erwähnung hier erfolgt nun eigens deshalb, weil diese anfangs verachteten Sparten des Textilwesens in Zukunft unter starker jüdischer Beteiligung zu wichtigen Zweigen der badischen Wirtschaft werden sollten. Von einem betont bürgerlichen Bewußtsein geformt gaben sich bereits im Jahre 1809 die Juden von Karlsruhe. Von 98 Berufsangaben (einschl. arbeitender Witwen) waren nur noch 16 nicht ganz eindeutig definiert, und die im Textilfach Tätigen boten im »Register der Judengemeinde«9 die folgende, für die Zukunft der jüdischen Gewerbe in der Landeshauptstadt wegweisende, Zusammensetzung: Von den 81 berufstätigen Männern bezeichneten sich 14 (= 17,3%) als Textilkaufleute, Textilunternehmer oder Textilhandwerker. Der Unternehmer war der uns bereits bekannte Hayum Levi, Schwiegervater und stiller Teilhaber von David Seligmann bei der Krappfabrik in Grötzingen (Seligmann selbst gehörte der Gemeinde nicht mehr an) . Der Handwerker war der »Hof-Goldsticker« Emanuel Wolff. Ein gewisser M. L. Stein gab an, »Manufakturwaren und neue Kleider« zu verkaufen, wobei sich zum ersten Male die später noch zu behandelnde 7 GLAK77 / 3034, BI. 325 . 8 GLAK 236/952. Über »Nothandel«, seine Definition und Problematik, vgl. ToURY, Soz. u. polit . Gesch„ S. 75-83. 9 GLAK 206/2210, das Register ist am 1. VII . 1809 unterschrieben vom Vorsteher Elkan Reutlinger, der sich selbst in der Liste als »Kapitalist« (d. i. Bankier) bezeichnet. »Erziehungspolitik« und Textilwirtschaft in Baden 35 Frage regt, wer ihm denn die neuen Kleider verfertigte, und auf welche Weise sie den Käufern angepaßt wurden. Von den übrigen Kaufleuten gaben zwei als ihren Handelszweig »Manufakturen en gros und en detail « an. Einer von ihnen war Jacob Kusel, der, wie schon erwähnt, später zum Industriefinanzier werden sollte; der andere gehörte zur Familie Ettlinger, die nicht weniger als drei Textilhändler stellte, von denen allerdings zwei sich nicht ausdrücklich als Grossisten bezeichnen. Dabei erhebt sich wiederum die Frage, die gerade für Karlsruhe bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein von Wichtigkeit war: Was bedeutet eigentlich die Nomenklatur »Großhandel«? Trifft sie nur auf diejenigen Firmen zu, die ihre Waren ausschließlich für den Wiederverkauf oder zwecks Weiterverarbeitung lieferten? Wäre dem so, dann hätte es um 1809 keinen jüdischen Textil-Großhandel in Karlsruhe gegeben, und vielleicht wäre dieser Zweig auch später nur wenig besetzt gewesen. Fügt man aber hinzu, daß auch die Belieferung gewisser Großverbraucher, wie Hofstaat, Armee, oder sonstiger Körperschaften, zum Arbeitsbereich des Großhändlers gehöre, so sieht die Lage schon anders aus, und Kusel und Ettlinger wurden fast sicher von Munizipalund Regierungsstellen mit Lieferaufträgen dieser oder jener Art bedacht. Und schließlich belieferten wohl auch die Textilgroßhändler der Hauptstadt eine Reihe von Hausierern, ebenso wie sie und viele andere Firmen später Musterreisende und Vertreter ins Land hinausschickten, um ihren Absatz zu sichern 10 . Doch zurück zu der Textilstatistik von Karlsruhe. Während 1809 nur ein einziger Textilhandwerker, ein Hof-Sticker, den ganzen Wirtschaftszweig vertritt, hören wir bereits imJahre 1811, daß außer ihm drei junge Burschen dem Ruf zur Produktivierung und Verbürgerlichung gefolgt sind, und daß in Karlsruhe nunmehr drei zünftige Gesellen im Textilfach arbeiteten, ein Hutmacher, ein Schneider und ein Strumpfwirker, die beiden letzteren allerdings, wie der Brauch es heischte, auf Wanderschaft. Sie müssen demnach schon ums Jahr 1807 ihre Lehre begonnen haben 11 , gaben also auf diese Weise ihre und ihrer Eltern spontane Zustimmung zum ersten Konstitutionsedikt kund, das ihnen die Bürgerrechte zugänglich machte. Im Jahre 1816 hatten dann in Karlsruhe von 36 Jünglingen, die einen Handwerksberuflernten, nicht weniger als acht(= 23%) einen Textilberuf ergriffen, und einige von ihnen waren bereits als Meister niedergelassen. Zu den bisher Genannten hatten sich noch ein Schneider, ein Bortenwirker und zwei Goldsticker gesellt 12 . Letztere waren wahrscheinlich bei dem jüdischen Meister in die Lehre gegangen, denn die Aussicht, als Jude in eine Lehrstelle 10 So auch recht instruktiv über den späteren jüdischen Textilhandel in Konstanz, ERICH BLOCH, Geschichte d.Juden von Konstanz im 19. und 20.Jh„ 1971, S. 43. 11 Sulamith 111 2, S. 72. 12 GLAK236/953. 36 Die Anfange beim christlichen Meister aufgenommen zu werden, war nicht allzu rosig und jedenfalls mit erheblichen Ausgaben verbunden 13 . Tatsächlich existierte ein großherzoglicher Fond zur Deckung dieser Ausbildungskosten, und seit 1809 schaltete sich der »Oberrat der Israeliten« in die Förderung der Berufsumschichtung ein. So erhielten in denJahren 1817-20 42 Lehrlinge Unterstützung während ihrer Ausbildung 14 . Schon die Berufszählung von 1816 hatte für Baden 39 jüdische Schneider, 7 Tuchmacher, 2 Leineweber, und je einen Stricker und Strumpfwirker aufgezählt. In dieser Zählliste ist eine Angabe aus Lörrach besonders interessant, da aus ihr hervorgeht, daß Salomon Bloch damals bereits als Modellstecher in einer dortigen Zitzfabrik angestellt war, also einen ganz spezialisierten Beruf ergriffen hatte 15 . Ob Juden nun gerade eine besondere Vorliebe für Textilberufe an den Tag legten, da sie reinlich und körperlich nicht allzu anstrengend waren, oder ob die christlichen Meister aus Wirtschaftsnot für einen gewissen Zuschuß zum Lehrgeld geneigter waren, Juden aufzunehmen und sich mit ihrer Absonderung vom gemeinsamen Essen und von der Samstagsarbeit abzufinden, bleibe dahingestellt. Jedenfalls sprechen die Badener Zahlen von 1816 für sich selbst, und es kann festgestellt werden, daß bei der in Schwung kommenden Berufsumschichtung viele jüdische Jünglinge gerade zur Erlernung des Textilfaches neigten. Ein manchmal behaupteter Einfluß der günstigen Gelegenheit zum Handel, die mit diesem Zweig verbunden sei, auf die Berufswahl, konnte anfangs nicht ausdrücklich festgestellt werden. Zu den genannten Zahlen ist noch die vielleicht gewichtigste Tatsache hinzuzufügen, daß nämlich die Statistik von 1816 nicht nur das eine jüdische Textilunternehmen von David Seligmann in St. Blasien (und die Grötzinger Krappfabrik) aufzählt, sondern noch eine jüdische Wolltuchfabrik erwähnt, nämlich die von Zacharias Oppenheimer in Michelfeld. Michelfeld war einer der zum Kraichgau gehörigen ritterschaftlichen Orte, dessen Schirmherren einer beträchtlichen Anzahl von Juden Aufenthaltsrecht gewährten, meist wohl des Schutzgeldes und anderer Leistungen wegen, die ihnen abgefordert wurden. Als Michelfeld 1806 zu Baden kam, machten die 125 Juden des Ortes nicht weniger als 20% der Gesamtbevölkerung aus 16 . Zwei von ihnen, Zachari as Oppenheimer und Michael Herz13 Und vgl. auch einen Karlsruher Bericht vomJahre 1811 in der Sulamith (wie Anm. 11) : »Durch die Bemühung einiger hiesiger Einwohner wurden nämlich junge Leute zu verschiedenen Handwerkern in die Lehre gegeben; den ärmeren derselben wurde das Lehrgeld besorgt, Kleidung, Handwerkszeug usw. angeschafft, und auch jetzt noch werdenjedem Gesellen oder Lehrburschen alle Sonnabende 36 Kreuzer ausgezahlt, weil er an diesem Tag nicht arbeitet [und nicht beim Meister ißt,J . T.). 14 RüRUP, Baden, Anm. 114 . 15 GLAK 236/953. Zitz -feiner rotgefärbter Kattun. 16 B. ROSENTHAL, Heimatgeschichte , S. 149, Anm. Weiteres über Oppenheimer, ebda, S. 243 f., 324. und vgl. die nächste Anm. »Erziehungspolitik« und Textilwirtschaft in Baden 37 Herzog, hatten bereits imJahre 1803 begonnen, Tuche für den Manufakturwarenhandel des Hayum Oppenheimer herstellen zu lassen 17 . Alsbald nach Veröffentlichung des ersten Konstitutionsedikts in Baden entstand aus solchen Anfängen und mit »Höchster Bewilligung«, eine Wolltuchfabrik, die vorzugsweise Militärtuche herstellte. Das Kriegsministerium sicherte Abnahme »eines Drittels für den Militär-Bedarf« zu 18 . Eine solche, dem Produktivierungsstreben der Regierung genau entsprechende, Wirtschaftsinitiative zog auch sofort eine anerkennende Auszeichnung nach sich: Oppenheimer wurde, lt. der großherzoglichen Prärogative zur Verleihung des Ortsbürgerrechts an Juden (VI. Konstitutionsedikt), noch imJahre 1809 als Bürger von Michelfeld immatrikuliert 19 . Er war tatsächlich von Anfang an wirklich »nützlich«, auch insofern, als er auf seinen Handwebstühlen die in den Zuchtund Arbeitshäusern des Staates gesponnenen Garne verarbeitete. Erst 1814 richtete er in Michelfeld eine mechanische Spinnerei und Walkerei ein, deren Ausrüstung durch einfache Wasserräder (später Turbinen) angetrieben wurde 20 . Anfangs arbeiteten in der Fabrik etwa 30 Arbeiter, deren Zahl 1815/17 bis auf 40, zeitweise sogar 80, anstieg. Dreißig bis vierzig Prozent von ihnen waren damals im Fabrikgebäude konzentriert, der Rest wurde als Heimarbeiter beschäftigt 21 . Nach Oppenheimers eigenen Aussagen gab er mehr als zweihundert Arbeitern Brot und erzielte einen Jahresumsatz von 25-27000 Gulden22. Trotzdem klagte er ständig über Schwierigkeiten beim Absatz seiner U niformtuche. Die erste größere Krise scheint bereits um 1816, also beim Rückgang des Militärbedarfs, vielleicht auch mit dem Ausscheiden von Michael Herzog aus der Firma, die Fabrik heimgesucht zu haben. Jedenfalls richtete Z. Oppenheimer gegen Ende des Jahres ein dringendes Gesuch ans Staatsministerium um Bewilligung von Betriebskapital, und sei es auch nur in Form eines mit 5 % jährlich verzins baren Vorschusses für sechs Jahre auf künftige Militärlieferungen. Zur Begründung wies er darauf hin, daß er »zwei bis dreihundert Menschen . .. seit einer ganzen Reihe von Jahren Brod« gegeben 17 Herz-Herzog belegt in: GLAK 236/953. Nach 1816 wird er nicht mehr genannt . Die Michelfelder Archivalien GLAK 229/67439. Photokopien in LBI, NY-AR Ludwig Marum (Nachlaß). Eine ausführliche Geschichte der Fa. Oppenheimer, die auch von der Gründung berichtet, befindet sich ebenfalls im LBI NY-AR 7044, Kasten III, Mappe 3, Schwarzer Umschlag, S. 1-25 . Wo nicht anders vermerkt, ist diese Firmengeschichte auch weiterhin im Text benutzt. lS GLAK 233/18856. Eingabe Oppenheimers vom 28. Januar 1818. 19 LBI NY , AR7044 (wie in Anm. 17), S. 6. 21. XII. 1809. Allerdings mußte Zacharias 0. noch bis 1813 Schutzgeld zahlen. 20 HUNDSNURSCHER & TADDEY, S. 202. 21 WOLFRAM FISCHER, Der Staat u. d. Anfänge etc., S. 276 (Tabelle) u. S. 279. 22 Wie in Anm . 18 und in Anm . 19 . 38 Die Anfange und so die »tiefste Armut« der Umgebung gelindert habe, was die »pflichtmäßigen Berichte« der Lokalbehörden ja auch bestätigten. Aus diesem Gesuch geht hervor, daß Oppenheimer damals anscheinend auch die Wollspinnerei in Waisen-, Zuchtund Arbeitshäusern in eigener Regie hatte, denn er spricht von seiner »wohltätigen Anstalt«, die Unterstützung verdiene und schildert als einen der Gründe seiner Schwierigkeiten auch »das Verderben vieler Wolle. . . welche durch das Erlernen der Anfänger zu Grunde gerichtet wird« 23 . Natürlich klagt er auch über die Verminderung der Bestellungen seitens des Kriegsministeriums. Die Tatsache, daß solche beredten Anträge zweimal hintereinander vom Großherzog abgelehnt wurden, soll hier nicht durch die großen Züge der Wirtschaftspolitik erklärt werden. Es geht nämlich aus den erhaltenen Akten hervor, daß das Haus Oppenheimer ein regelmäßiger Antragsteller bei den Regierungsämtern war, vielleicht, weil die Familie glaubte, daß ihrer Pioniertät_igkeit auch materielle Zuwendungen gebührten. Die Ministerien scheinen anderer Meinung gewesen zu sein. Zu Ende der zwanziger Jahre übergab Zacharias Oppenheimer seinen Söhnen die Leitung der Fabrik, und dem neuen Namen nach muß er auch bald darauf das Zeitliche gesegnet haben. Jedenfalls firmiert das Werk jetzt »Zacharias Oppenheimer Söhne« -und dies wiederum in Eingaben um wirtschaftliche Förderung, z. B. durch Bevorzugung bei Militärlieferungen24, und durch Befreiung von Einfuhrzöllen für Rohwolle 25 . In den vierziger Jahren weitete sich der Markt etwas aus, da auch »Bahnwärter, Conducteurs, Postillone, Amtsund Canzley-Diener« jetzt uniformiert wurden, und wieder finden wir die Firma Z. Oppenheimer Söhne mit einer Vorstellung vertreten, in der sie um Berücksichtigung ihrer Fabrikate bei Anschaffung der Uniformtücher bittet 26 . Im Gegensatz zur tiefen Krise, in welche Eichthals großer Werkkomplex in St. Blasien gerade damals geriet, scheint die wesentlich kleinere Michelfelder Fabrik, in der wohl immerhin 60-70 Personen beschäftigt waren, die schweren Jahre 1846-50 einigermaßen überstanden zu haben. Jedenfalls beteiligte sie sich im Jahre 1861 an der fünften Landesindustrieausstellung in Karlsruhe und erhielt eine Silbermedaille für ihre Tuche, die sich durch feine Wolle und schöne Appretur auszeichneten. Jedoch mußte die Firma, bald nach der Errichtung des Deutschen Reiches und noch vor der Krise im Gefolge der Gründerjahre, 23 GLAK 233/18856. 24 A.a.O., Vorstellung vom 4. Juli 1821. Ähnlich die Bitte der Tuchfabrikanten Zach. Oppenheimer Söhne v. 12 . Juli 1830 ans M.d. I. um Gleichstellung mit der Finckensteinschen Tuchfabrik in Pforzheim bei Militärlieferungen. 25 A.a.O., Bitte v. 25 . 11. 1833, vom Staatsmin. an Finanzmin. weitergegeben am 4. 12 . 1833 . 26 A.a.O ., 15 . -19 . Febr. 1846. »Erziehungspolitik« und Textilwirtschaft in Baden 39 ihre Produktion in Michelfeld einstellen. Sie war nach beinahe 70jähriger Tätigkeit der Konkurrenz der norddeutschen, und insbesondere der preußischen, Militärtuchfabriken nicht gewachsen. Als Großhandelsfirma bestand das Unternehmen aber in Bruchsal noch viele Jahre weiter 27 , und wir werden noch vom Hause Oppenheimer in späteren Kapiteln einiges hören. In zweifacher Hinsicht verdient die Michelfelder Fabrik erhöhte Aufmerksamkeit: Sie entstand als erster Ausdruck modernen Unternehmertums badischer Juden und wurde wohl durch die gesetzliche Besserstellung der Juden seit 1807 /08 entscheidend gefördert. Dies rief dann gewisse staatsund orts bürgerliche V erbundenheitsund V erpflichtungsgefühle hervor, die auch fernerhin in der Sorge für Beschäftigung der Arbeitnehmer ihrer engeren Heimat Ausdruck fanden, selbst nachdem das Verlagssystem durch organisierte Fabrikarbeit abgelöst worden war. Mehr noch, die Familie Oppenheimer hielt mit der technischen Entwicklung Schritt und muß auch noch in den sechziger Jahren einige Modernisierungen vorgenommen haben. Vater und Söhne wirkten also weder nur als Verleger, wie Uffenheimer in Breisach, noch als Finanziers, wie die jüdischen Bankiers, sondern interessierten sich an der Vermarktung ihrer Erzeugnisse und speziellwas zusätzliche Forschungen ausweisen mögen -am Schritthalten mit den technischen Fortschritten. Letzteres mag dann das mittelgroße Familienunternehmen finanziell allzustark belastet haben, so daß in der ständigen, bereits seit Ende des amerikanischen Sezessionskrieges 28 in ganz Süddeutschland fühlbaren Textilkrise 29 , die Schließung det Michelfelder Fabrik unabwendbar wurde. Doch wieder zurück zu den Anfängen der »Erziehungspolitik« und ihren Einflüssen auf die Entwicklung jüdischer Textilfirmen in Baden. Nach der Berufszählung von 1809 und noch vor der Zählung von 1815/17, deren Ergebnisse bereits kurz gestreift wurden, findet sich imJahre 1814 die erste weitere Nachricht über jüdische Aktivität im Verlagswesen von »Ellenwa21 LBI NY - AR7044, Kasten III, Mappe 3, Schwarzer Umschlag, S. 56 , 57 . 2a Vgl. die Lebenserinnerungen von Josef Raff (abgedr. : TouRY, Dokumentation, S. 269): »Mit dem Frieden ... trat ein horrender Preissturz ein« etc. Eine vollständige Abschrift befindet sich auch im Archiv d. Leo Baeck Institute, NY, Nr . C 316. Es würde zu weit führen, hier auf die Krisengründe näher einzugehen. Doch vgl. auch die nächste Anm. 29 So schrieb z.B. Die Schwäbische Kronik des Schwäbischen Merkurs am 9. 3. 1869, Nr . 57, 2. Abtlg., 2. Blatt: Wer unsere vaterländische Industrie bei einigem Verständnis mit Interesse verfolgt, dem kann es nicht entgangen sein, daß speziell unsere Tuchfabrikation in dem letzten Dezennium nicht unbedeutend an ihrem Umfange eingebüßt hat, und zusehends geht ihr immer mehr Terrain für den Absatz verloren( . . . ) Längst hätten sie wahrnehmen sollen, daß der größte Theil der Nachfrage nicht mehr, wie ehedem, darauf sieht, Stoffe von sehr langer Dauer, welche einen höheren Preis bedingen, zu suchen, sondern mehr darauf Bedacht nimmt , daß dieselben mit neuestem Geschmacke ausgerüstet einen möglichst billigen Preis verbinden, und durch richtige Lösung dieses angedeuteten Problems haben die sächsischen und preußischen Tuchfabrikanten den unsrigen den Rang abgelaufen( ... ) 40 Die Anfange ren«. Und dies gerade in Gailingen, wo die verhältnismäßig sehr zahlreiche Judengemeinde (1820: etwa 600 Seelen) der Ortsbevölkerung höchst verhaßt war. Während bei der Berufszählung von 1809 die vier in Frage kommenden Personen -Daniel Levi (später Levinger), Emanuel Biedermann, wie auch sein Bruder Elias, und Salomon Oettingernoch als Hausierer und Marktgänger mit Ellenwaren aufgeführt sind, erscheinen sie seit 1814 als Großhändler und Verleger, welche einen »selbst fabriciren lassenden Waarenhandel en gros mit Buch« betreiben 30 . Sie sind also Produktionsorganisatoren, die auf »eigene Rechnung« wohl hauptsächlich Kattun fabrizieren ließen 31 und somit bürgerliche Berufe ergriffen hatten. Einer von ihnen, der Rabbinersohn Daniel (Levi) Levinger, stellte am 2. 8. 1818 den Antrag auf Verleihung der Ortsbürgerrechte in Gailingen, da er ja, wie er sich rühmte, den »Fabrik-Handel« und »niemals Nothandel« mehr triebe 32 . Die Gemeinde Gailingen protestierte darauf in nicht mißzuverstehender Weise, indem sie nämlich mit kollektiver Auswanderung drohte 33 , falls man sie zwingen wollte, auch nur einen einzigen Juden als Ortsbürger aufzunehmen. Später hat sich diese Judenfeindschaft der Tatsache beugen müssen, daß die Bevölkerung des Ortes zeitweilig mehr Juden als Christen zählte. Daher erklärte sich auch die merkwürdige Tatsache, daß die Gemeinde im Jahre 1870 sogar den ersten jüdischen Bürgermeister in Baden erwählte 34 . Ob dazu wirklich die Kattunund Ellenwarenverleger mithalfen, als sie dem Orte Arbeit und Brot verschafften, läßt sich nicht beweisen. Eine eigentliche Textilindustrie ist in Gailingen auch nie heimisch geworden, dafür aber scheinen nicht wenige Juden, gefördert durch die Grenzlage des Ortes, ihr Auskommen als Vertreter deutscher Firmen in der Schweiz und schweizerischer Firmen in Deutschland gefunden zu haben. Einige der letzteren Unternehmungen mögen wohl auch durch ausgewanderte Verwandte der Gailinger Juden gegründet oder geführt worden sein 35 . Die Zahl der jüdischen Textilvertreter war dann schließlich etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht ganz unerheblich 36 . 30 GLAK 236/952, BI. 27f. ; 236/953. Das Zitat beschreibt Elias Biedermann; die anderen, möglicherweise Kompagnons, sind ähnlich definiert. 31 So Daniel Levi-Levinger; s. auch nächste Anm . 32 GLAK231 /1423, datiert Karlsruhe, d. 2. Aug. 1818, abgedruckt: ToURY, Dokumentation, S. 9~95 . In der Einleitung (a .a.O „ S. 89) ist die Vermutung ausgesprochen, daß das Gesuch möglicherweise positiv beschieden worden sei. Jedoch vgl. jetzt oben im Text. 33 GLAK 231 /1423. Lt. B. ROSENTHAL , Heimatgeschichte, S. 252, reichten die Gailinger dem Landtag imJahre 1819 eine ganz ähnliche antijüdische Petition ein. 34 Bevölkerungsverhältnis für 1858: 996:982, lt. Hundsnurscher & Taddey, S. 99. Der jüdische Bürgermeister ist belegt bei K. STIEFEL, Baden 1, S. 515. 35 So HuNDSNURSCHER & TADDEY, S. 101, für einen nicht genau spezifizierten Zeitraum, aber wohl erst nach 1870. 36 Vgl. die Angaben über Fa . Jacob Bloch's Söhne, Gailingen und Feuerthalen, bei ERICH »Erziehungspolitik« und Textilwirtschaft in Baden 41 Eigentliche Fabrikgründungen vor 1848 lassen sich für Baden, außer in den bisher genannten Werken (St. Blasien, Ettlingen, Michelfeld), nur noch in Bühl und Stebbach belegen. Obwohl die Gründungsjahre der betreffenden Firmen bekannt sind-1820 bzw. 1826-ist doch nicht genau feststellbar, wie und wann genau sie zu Industriebetrieben wurden. In Bühl muß es irgendwann zwischen 1820 und 1846 geschehen sein, und wahrscheinlich noch in den zwanziger Jahren. Denn gegen den Willen der bürgerlichen Gemeinde erhielt G. Massenbach (gleichzeitig mit einem gewissen Marum Wolf) auf Veranlassung des Kinzigkreisdirektoriums das Niederlassungsrecht in der Stadt, und bald eröffnete die Familie, zusammen mit einem Zweig der Familie Kusel, eine Spinnerei und Weberei37, die sich gut entwickelte. Schon 1846 wurde der »Fabrikant Massenbach« in den Oberrat der Israeliten Badens gewählt 38 , hatte sich also zu einer substantiellen Persönlichkeit entwickelt. In der Leitung der Firma traten mit der Zeit personelle Veränderungen ein, die wohl durch den Generationenwechsel bedingt waren. In der Statistik von 1869 erscheint die Firma als H. Massenbach & Cie und ist als Baumwollspinnerei, Zwirnerei und Färberei bezeichnet. Im Jahre 1875 hieß sie dann W. Massenbach (ohne Kompagnon), Baumwollfärberei und Bleicherei. Die Spinnerei scheint also eingestellt worden zu sein. Damals beschäftigte das Werk noch 119 Arbeiter, und zwar 74 Männer gegenüber nur 45 Frauen, sämtlichst auf dem Fabrikgrundstück. Hier war also der Verlagsund Manufakturbetrieb gänzlich vom modernen Fabrikwesen abgelöst worden 39 . Außer dem Massenbachsehen Unternehmen, das für diese Stadt von nicht geringer wirtschaftlicher Wichtigkeit war, gab es damals in Bühl noch eine kleinere Trikotweberei von Michael Edelsheimer, die nur 20 Arbeitskräfte in der Fabrik, aber dreißig zusätzliche in Heimarbeit beschäftigte. Im Ganzen hat also die Stadt Bühl zur Zeit der Reichsgründung von den jüdischen Fabriken einen Gutteil der Einnahmen und der Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Einwohner bezogen. Das schließliche Eingehen der beiden Fabriken gegen Ende des Jahrhunderts, wird auf die Rechnung der Konkurrenz aus dem Elsaß gesetzt 40 • Jedenfalls bestand Edelsheimers Trikotweberei etwa zwei Generationen lang, während die Firma Massenbach von drei Generationen der Familie geführt wurde. Doch dann fehlten den familienbetrieben anscheinend eine fortschrittlich orientierte Leitung, BLOCH, Gesch. d. J. in Konstanz, S. 24. Auch Angaben der Berufe vor 1933 in HStA Stg.,J 355, Kasten 34, 35. Vgl. für 1938: GLAK 237 / 40492. 3? HUNDSNURSCHER & TADDEY, S. 64f . 38 ROSENTHAL, Heimatgesch ., s. 354. 39 Alle Angaben über die Fabrikentwicklung: GLAK237 /29110. 40 Wie Anm. 37. 48 Die Anfiinge in ihren Tätigkeiten als Textil-Verleger kaum von einander zu trennen. Insgesamt betätigten sich also in Württemberg ums Jahr 1845 rund 470 oder etwa 12% der 3928 berufstätigen Juden im Textilfach -abgesehen davon, daß auch die sogenannten Notund Schacherhändler, also die Dorfgänger und Hausierer, von denen es damals noch etwa 870 gab, häufig gerade den Absatz von Bändern, Ellenwaren, Tüchern und den Anund Verkauf von Säcken und Haderlumpen betrieben. Letzteres sollte sich, obwohl gesellschaftlich verachtet und gesetzlich verpönt, bald als ein wirtschaftlich höchst wichtiges Fachgebiet erweisen. Es ist vielleicht verwunderlich, bleibt aber wahr, daß man im benachbarten Hohenzollern die württembergische Judengesetzgebung als fortschrittlich empfand3 und freiwillig deren »Erziehungs«-Maximen folgte. Eine Statistik aus Haigerloch läßt dies erkennen. Laut einem Bericht des Rabbiners Hilb über die Berufe der 44 Jünglinge, die im Jahre 1836 noch unter zwanzig Jahre alt gewesen waren4, erscheinen 23 von ihnen für produktive Berufe vorgebildet. Darunter hatten sechs das Textilfach erlernt: vier Weber, ein Tuchmacher und ein Schneider. Allerdings mußte der Rabbiner anmerken, daß von diesen nur noch vier in ihrem erlernten Berufe tätig waren. Ein ähnliches Abspringen läßt sich auch in anderen Handwerksberufen -in Hohenzollern wie in Württembergfeststellen. Und vielleicht muß man daraus folgern, daß das Prinzip der »Produktivierung«, wie es sich in der Erziehungsgesetzgebung ausdrückte, den realen Zuständen und den wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht unbedingt entsprach5. Dies monierte auch der Geschichtsschreiber der württembergischenJuden in einem für unsere Untersuchung prägnanten Zusammenhang: »Wohl war dem Gesetzgeber [ ... ] ein voller Erfolg da nicht beschieden, wo er durch strenge Maßnahmen eine berufliche Umschichtung der Juden jener Tage erzwingen wollte. Wenn auch die Begründer von bedeutenden, heute noch bestehenden Industriefirmen eben jene Israeliten waren, die damals ein Handwerk ordnungsgemäß erlernt und als Meister ausgeübt hatten«6. 3 KUHN-REFUS, "Das Verhältnis von Mehrheit zu Minderheit etc .« in: Ztschr.f Hohenzollerische Gesch. 1978, S. 48 , 52f. 4 StASi, Ho 86/11 6338, vom 23. 1. 1846. 5 J. Toury, wie in Anm . 2. Und vgl. dazu den Passus aus der Denkschrift der isr. OKBehörde (wie Anm . 1): [„ .] indem die Handwerker [„ .] im Allgemeinen, aus Mangel an Nachfrage nach ihren Fabrikaten nicht das ganze Jahr sich auf ihrem Gewerbe zu beschäftigen vermögen [ ... ] Durch die stets steigende Fabrikthätigkeit ist eine große Zahl von Handwerksgewerben in ihrer Existenz bedroht, nahezu außer Stand, die Erzeugnisse ihres Fleisses in Konkurrenz mit den wohlfeilem Fabrikarbeitern auf den Markt, selbst nur auf den engem Markt des eigenen kleinen Wohnorts zu bringen( . .. ] 6 A. TÄNZER, Gesch . d.J. in]ebenhausen und Göppingen, Vorwort, S. V. »Erziehungspolitik« und Textil in Württemberg und Hohenzollern 49 Bevor aber noch die gelernten Handwerker in Jebenhausen, Göppingen oder Ludwigsburg und Cannstatt -oder im Hohenzollerischen -zu Fabrikherren wurden, worüber später die Rede sein wird, ließen sich immerhin die Großkaufleute, entsprechend den Absichten der Gesetzgebung, zur Organisierung der Textilproduktion in Verlagsoder Manufakturunternehmungen anregen. Einige der Betriebe entwickelten sich später zu richtigen Fabriken, die selbst den Übergang vom Wasserrad zur Wasserturbine und von dieser zur Dampfmaschine überstanden. Den ersten Schritt tat, anscheinend noch vor dem Jahre 1828 und gerade in Hechingen 7 -dessen Juden damals noch ein Viertel der Stadtbevölkerung ausmachten8 -der Einzelkaufmann Benedikt Baruch, der wohl zunächst als Verleger in Plieningen, also im »Ausland«, arbeiten ließ, bis er imJahre 1845 in Hechingen den Grundstein zu der 1848 eröffneten Fabrik B. Baruch & Söhne legte9. Hier brachte dann die zweite, moderne Generation (Leopold und Salomon B.) buchstäblich Dampf in den Betrieb. Denn sobald Hechingen unter preußische Verwaltung kam, wandten sich die Besitzer an die Kgl. Regierung mit der Bitte um Unterstützung zwecks Vervollkommnung und Erweiterung ihrer Fabrikanlagen, in denen baumwollene und halbwollene Stoffe gewebt wurden . Im Jahre 1854 bewilligte der preußische Minister für Handel und Gewerbe, von der Heydt, der Fabrik nicht nur einen zinslosen Vorschuß von 6000 fl. »Zur Anschaffung einer zehnpferdigen Dampfmaschine und zur Vermehrung der vorhandenen Webstühle«, sondern auch fünf Bearbeitungsmaschinen »neuerer Construction«, u. a. eine Zwirnmaschine, einen Kalander und eine hydraulische Presse 10 . Dafür mußten sich die Baruchs verpflichten, binnen dreier Jahre 300 zusätzliche Webstühle in Betrieb zu nehmen. Tatsächlich gaben sie imJahre 1858 zu Protokoll, daß nunmehr 416 Webstühle, gegenüber 137 imJahre 1854, betrieben würden, wozu das Oberamt entschuldigend bemerkte, daß sich keine gelernten Weber finden ließen, sonst könnten sie sogar noch 200 zusätzliche Webstühle betreiben. Damals war Abraham Löwengard als Sozius in die Firma aufgenommen worden, und bald traten auch Mitglieder der Familie Einstein aus Buchau 7 A.a.O „ S. 434. Tänzer steht mit dieser frühen Jahreszahl allein da, und es läßt sich annehmen, daß zunächst nur Verlegertätigkeit vorlag. Vgl. auch die nächste Anm. 8 P. SAUER, Württemberg-Hohenzollern, S. 93. Doch fiel die jüdische Bevölkerung nach 1842 schnell ab. 9 Das Datum 1845 belegt in: Heimat u. Arbeit, Der Kreis Hechin g en, S. 139-141, wo auch von den Gründern als »Handelsmännern« gesprochen wird. Sie haben also bis dahin, wenn überhaupt (und wenn die Angaben zuverlässig sind), nur als Verleger produziert. Das Jahr 1848 aus den Akten StASi Ho 235 /1 8341 . 10 StASi Ho 235 , 1-Vl/P 905 , Berlin 28. IX. 1854. Dies ist wohl nur eine neuere Signatur für den in voriger Anm. zitierten Faszikel (18341) . 50 Die Anfange und Ulm in ein Teilhaberschaftsverhältnis zur Firma11 • Das neue Blut machte sich schnell in der Firma Baruch bemerkbar: man bildete auf den Dörfern Weber aus (» Weberschulen«) und gründete in einem zur Stadt Hechingen gehörenden Weiler (Friedrichstraße) eine Filialfabrik mit 80 mechanischen Webstühlen und zehn Hilfsmaschinen, die 1865 ihren Betrieb aufnahm, und neben den Webern noch 150 ungelernte Arbeiter beschäftigte. Unter Hinweis auf ihre Stellung als wichtige Arbeitgeber in Notstandsgebieten baten die Fabrikbesitzer nunmehr um Übertragung der Maschinen aus Regierungsin ihren Privatbesitz. Obwohl im Werk Hechingen immer noch nicht mehr als 416 Stühle arbeiteten, wurde die Bitte, wohl hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage in Hohenzollern, vom Ministerium in positivem Sinne beschieden 12 . Tatsächlich hatte die Fabrik B. Baruch & Söhne eine lange Lebensdauer, wenn sie sich auch kaum noch ausdehnte. Sie bestand praktisch bis zur » Arisierung «, allerdings wechselte sie im Jahre 1905 den Besitzer, als sie von einer Göppinger jüdischen Textilfirma angekauft wurde. Die Gründung der Fabrik von B. Baruch Söhne, die jedenfalls noch unter hohenzollerischer Herrschaft erfolgt war, regte erst bei Beginn der preußischen Verwaltung zur Nachahmung an. Als erste wandten sich im Jahre 1853 zwei Textilgroßhändler, Sigmund Bernheim und Simon Heilbronner, die zusammen mit ihrem Bruder, bzw. Schwager, Heinrich Heilbronner aus Plieningen bei Stuttgart, seit etwa 1843 dort die Firma J. Heilbronner und Söhne geführt hatten, an die preußischen Regierungsstellen mit der Bitte, die Überführung ihres Fabrikbetriebs nach Hechingen zu genehmigen. Möglicherweise folgten sie dabei dem Beispiel der ihnen wohlbekannten Baruchs. Sie schilderten ihren Verlagshandel, den sie nun zur Fabrikation ausgestalten wollten, als ein »Fabrikgeschäft in Leinen-, Baumwollenund Wollen waren [ ... ] engros und en detail «, für welches sie auch »beinahe das ganze Jahr auf Bestellungen reisen« ließen. »Die Ware wurde bis jetzt in Plicningen fabriziert« . Der ganze Betrieb solle aber nunmehr in Hechingen konzentriert werden, wozu bereits zwei Häuser und zwei Gartengrundstükke angekauft worden seien. Die Stadtverwaltung befürwortete das Gesuch noch am Tage des Erhalts, und es dauerte keinen Monat bis auch die Regierung den Teilhabern ihre Konzession bestätigte13. Diese zweite jüdische Weberei hatte sogar noch länger Bestand, als die langlebige Fabrik von B. Baruch, allerdings in veränderter Form und unter neuen, teilweise christlichen, Inhabern bis sie schließlich als Trikotwarenfabrik von der Familie 11 Der Kr ei s Hechingen (wie Anm. 9) , S. 151. 12 StASi Ho, 1-VI, P 905 , Hechingen, 27 . X. und Bewilligung, Berlin, 4. XII. 1865 . 13 A.a. O. , Ho 235, !-VI, Nr . 893 . Die Zitate aus dem Antrag, datiert Hechingen 10 . V. 1853, gez. Sigmund Bernheim, Simon Heilbronner. »Erziehungspolitik« und Textil in Württemberg und Hohenzollern 51 Coblenzer (= Koblenzer) erworben und neu organisiert wurde 14 . Vgl. unten, Teil II und III . Die Anfänge der jüdischen Trikotwaren-Industrie in der Stadt Hechingen selbst reichen ohne Zweifel bis in die dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Jüdische Textilkaufleute traten gegenüber den Trikotwirkern in Tailfingen und Onstmettingen als Verleger auf, lieferten ihnen die Rohmaterialien und übernahmen ihre Erzeugnisse zum Vertrieb. In den siebziger Jahren gingen sie dann zum Fabrikbetrieb im Weichbild der Stadt Hechingen über 15 . Doch das gehört in ein späteres Kapitel. Die Stadtväter von Hechingen hatten schnell gehandelt, um die Fabrik von Heilbronner in die Stadt zu ziehen, weil -wie es in ihrer Befürwortung des entsprechenden Gesuchs hieß -»durch die Errichtung fraglichen Geschäftes Verkehr und Verdienst in hiesiger Stadt gehoben werden«. Das hinderte sie aber nicht, den jüdischen Käufern von Häusern und Grundstükken eine » Verschönerungssteuer« als Sonderabgabe für Juden abzuverlangen. Selbst den preußischen Verfassungsparagraphen(§ 12 , 30. 1. 1850), der den Juden gleiche Rechte verlieh, sahen sie nicht automatisch als Abschaffung der jüdischen Sonderstellung in Hechingen an, »denn eine Regelung der öffentlichen Verhältnisse der Israeliten habe noch nicht stattgefunden«. In dem hier zitierten Fall hob die preußische Regierung Sigmaringen »das Resolut des K. Oberamts zu Hechingen« einfach auf, aber in anderen Fällen zahlten die Juden 16 . Tatsächlich blieb die Stellung der Juden in Hechingen bis 1901 gleich der von Hintersassen 17 , und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren in den jüdischen Zeitungen Klagen aus Hohenzollern über bürgerliche Hintansetzung zu lesen. Es ist bemerkenswert, daß trotz der gesellschaftlichen und bürgerlichrechtlichen Beeinträchtigung der Juden das gewerbliche Klima Hechingens dem jüdischen Unternehmertum ziemlich günstig gewesen sein muß; denn imJahre 1864 entschloß sich ein zusätzliches Textilfabrikanten-Paar, gerade Hechingen zum Standort einer neuen Fabrik zu wählen. Der eine Teilhaber, Julius Levi, war in Hechingen, der andere aber, Adolf Weil, in Nonnenweier (Baden) beheimatet. Letzterer genoß also im Jahre 1864 bereits die volle Emanzipation. Was ihn nun injenemJahre zur Neugründung einer »Färberei von Strickund Webgarnen« unter der Fa. »Julius Levi und Comp . [ ... ] 14 Über die F a. Koblenzer und die Trikotweberei: Der Kreis Hechingen (wie Anm. 9), S. 150. Ausführliche Materialien: StdA Hechingen, Nachlaß Sauter. 15 A. a.O . 16 Städt. Befürwortung als Marginalie auf dem ersten Blatt des in Anm. 13 zitierten Antrags. Die »Verschönerungs«-Steuer: StASi, Ho 235, 1-III 402 b, aus dem Jahre 1855. Aber vgl. Ho 13 , Nr . 452. 17 CAHJP, D-GA Hechingen/ 1, Entwurf einer Klageschrift vom 5. 11. 1868. Abgedr.: J. ToURY, Dokumentation, S. 419f. 52 Die Anfange verbunden mit Warengeschäft« in Hechingen bewog, ist nicht ersichtlich. Es mag allerdings sein, daß die jungen Unternehmer 18 damals schon eine Zwirnerei am Ort betrieben, denn sie titulierten sich bereits als Fabrikanten. Jedenfalls wurde ihr neues Projekt »citissime« genehmigt. Jeder der Teilhaber investierte 5000 fl. baren Geldes in dem Unternehmen. Später traten noch Mitglieder der Familie Weil in die Firma ein, die schließlich Näh-, Strickund Webgarne herstellte, bleichte und färbte. Die Firma hielt bis zu ihrer Arisierung im Jahre 1938 stand und blieb ein wichtiger Betrieb in der Hechinger Wirtschaft. Wie gesagt: es läßt sich nicht leicht erklären, warum gerade die benachteiligten Juden der Stadt Hechingen während der 20 Jahre zwischen 1845 und 1864 drei wichtige Industriebetriebe gründeten, die eigentlich erst den Anstoß zur Modernisierung des ganzen Stadtlebens und der städtischen Wirtschaft gaben. Selbst wenn sie vor 1848 ein Viertel der Stadtbewohner ausmachten, hatten sie ja um 1887 mindestens die Hälfte aller Fabrikbetriebe in Besitz und beschäftigten weit mehr als die Hälfte der städtischen Fabrikarbeiterschaft19. Kann es sein, daß es »das sichere Gespür« der »jüdischen Handelshäuser« für die »Chancen der Neuen Zeit« war, welches dieses Phänomen von Hechingen ins Leben rief2°? Anderswo legten die Juden ein solches Gespür nur sehr sporadisch an den Tag. Vergleichbar wären etwa die Konzentrationspunkte jüdischer Industrie im württembergischenJebenhausen und Göppingen. Dort gab es Wasserkraft und billige Arbeiter, ebenso wie in Hechingen. Aber mit dem Sieg der Dampfmaschine wurden die Wasserverhältnisse sekundär, und just über den Arbeitermangel klagte z. B. die Hechinger Firma Baruch ununterbrochen. Vielleicht hat das neue preußische Regime also gerade in Hechingen durch Wirtschaftsförderung wettgemacht, was es an politischer Gleichberechtigung eindeutig durchzusetzen verweigerte? Anders ist Hechingen als jüdisches Wirtschaftszentrum, dessen Unternehmer teilweise sogar vom »Ausland« herüberkamen, schwer erklärbar. Zu einer solchen Annahme würde die Tatsache passen, daß sich auch in Hohenzollern-Sigmaringen, dessen Juden bis auf wenige hundert auswanderten, ein jüdisches Fabrikunternehmen etablierte, das über hundert Jahre bestanden hat. Es handelt sich um die käufliche Übernahme der vom Fürsten Anton von Hohenzollern um 1836 oder 1839 als Sozialunternehmen für erwerbslose Untertanen gegründeten Makospinnerei in Karlstal bei Haigerloch, durch die Firma Kober & Meyer (im Jahre 1863 oder 1866). Theodor 18 Sie waren beide noch recht jung. Levi war 1833, der andere Teilhaber gar erst 1838 geboren. Zitate und sonstige Einzelheiten aus StASi Ho 2351 5984 (wohl alte Nr.) = 1-VI, P. 912. 19 Chronik d. Stadt Hechingen, S. 310, und siehe auch das in der nächsten Anm . zitierte Werk. 20 Heimat und Arbeit, Der Kreis Hechingen, S. 139-141. »Erziehungspolitik" und Textil in Württemberg und Hohenzollern 53 Kober und Heinrich Meyer hatten bis dahin einen Garngroßhandel mit Zwirnerei, Färberei und Bleiche in Stuttgart-Berg, sowie eine Weberei in Mühlen am Neckar betrieben. Ohne diese Betriebe aufzugeben, widmeten sie sich jetzt der Entwicklung der Karlstaler Spinnerei und konnten ihr zu einem großen Aufschwung verhelfen. Ums Jahr 1880 trennten sich die Teilhaber und ihre Fabriken. Kober blieb in Mühlen, während Heinrich Meyer Alleininhaber von Karlstal wurde. Die Gründerfamilie führte das Werk bis zur Nazizeit fort. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte es, ähnlich wie die Hechinger Trikotfabrik von Koblenzer, in die Hände der dritten Generation der Familie Meyer zurück 21 . Gegenüber der positiven Industrieentwicklung in Hechingen haben die Familien der Haigerlocher Berufsumschichter, die aus der hohenzollerischen Erziehungspolitik hervorgegangenen Weber, Tuchmacher und Schneider, höchstens eine oder zwei der größeren Manufakturhandlungen mit Versandgeschäften gegründet. Besonders scheint sich die Familie Levi darauf spezialisiert zu haben 22 . Bisher war nur von Textilfabrikanten die Rede, die ihre Unternehmen von Baden, oder insbesondere von Württemberg, nach Hohenzollern überführten. Nun muß aber auch von den württembergischen Juden die Rede sein, die ihre Fabriken in ihrer Heimat, also im Königreich selbst, aufzubauen versuchten. Die Anfänge wurden wohl, wie gesagt, von den »Erziehungsgesetzen« der Judenordnung des Jahres 1828 angeregt. Zwar läßt sich eine erste »Fabrik« bereits 1830 feststellen, doch kam das stärkere Engagement der Juden in der Textilfabrikation eigentlich erst zehn Jahre später in Schwung. Den Erstanspruch stellte der Sontheimer Tuchmacher Isidor Veit, der sich 1830 im benachbarten und bis dahinjudenleeren Heilbronn niederließ, um mit einem Kapital von 9000 Gulden eine Fabrik für wollene Tücher , Papierfilze und Filzunterlagen, hauptsächlich zwecks Ausfuhr in die deutschen und französischen Nachbargebiete, zu gründen. Daraufhin wurde ihm auch ein Jahr später das städtische Bürgerrecht erteilt. Bald danach aber erhob sich gegen ihn eine Protestwelle in Heilbronn: er habe seinen Mietsvertrag verletzt, oder ihn gar überhaupt zu betrügerischen Zwecken abgeschlossen, da in ihm von einer Firma »Gebrüder Veit« die Rede war, die gesetzlich nicht 21 Die abweichenden Gründungsdaten erklären sich aus der Divergenz der beiden benützten Heimatbücher: FRANZ XAVER HoDLER, Gesch . d. 0. A. Haigerlo ch (1928) , S. 864 hat die früheren, Heimat und Arbeit, Der Kreis Hechingen (1962), S. 175 die späteren Daten. Ich konnte mich aber nicht davon überzeugen, daß das spätere Buch notwendigerweise zuverlässiger als das frühere sein müsse. Daher sind im Text beide Daten angegeben. 22 HStA Stg. J 355, K 241, Staatsanwaltschaft Hechingen, KS 1253 c/ 47 und 1262/ 49 . Die Levis sind als Inhaber von zwei Versandgeschäften aufgeführt. 54 Die Anfange anerkannt sei. Trotzdem hatte Isidors Bruder Carl, ebenfalls Tuchmacher aus Sontheim, sich darauf gestützt und in der Stadt als Mitarbeiter der »Fabrik« Wohnung genommen. Der Stadtrat wollte ihm das Niederlassungsrecht vorenthalten, drohte wohl auch mit Austreibung der Brüder. Zur Begründung diente die Tatsache, daß ja noch gar keine Fabrik entstanden sei und die Brüder nur Handel trieben, so daß man die Gilden-Kaufleute, Tuchmacher und Tuchscherer vor ihrer Konkurrenz bewahren müsse. Das Oberamt jedoch schützte die Brüder Veit, und sie blieben in Heilbronn. Im Jahre 1832 hatten sie endlich eine Maschine angeschafft. Es läßt sich vermuten, daß es eine Walkmaschine war, denn einige Zeit später traten sie in ein Teilhaberverhältnis mit dem Pächter der Walkmühle, Christian Hartmann, ein. Als Hartmann starb, die Walkmühle aber imJahre 1838 von der Stadt vergrößert und verbessert wurde, erschienen als Pächter die Brüder Veit (zu denen sich noch ein dritter -Konrad -gesellte) und die Witwe Hartmann. Doch konnte das kleine Unternehmen so viele Teilhaber nicht tragen und geriet bald in drückende Schulden. Die weitere Entwicklung bleibt dunkel23. Da im Jahre 1857 in der Stadt ein jüdischer Tuchfabrikant und dazu im Jahre 1860 zwei jüdische Tuchscherer erwähnt sind, imJahre 1865 ausdrücklich Carl Veit wieder als Fabrikant von Öltüchern und Papierfilzen erscheint, läßt sich annehmen, daß zumindest einer der Brüder die Öltuchund Filzfabrikation fortlaufend betrieb. Als dann in den sechziger Jahren noch eine Leinenwarenfabrik unter der Firma M. Oppenheimer Söhne entstand, hatte die Stadt Heilbronn zur Zeit der württembergischen Judenemanzipation immerhin zwei kleinere jüdische Textilfabriken, zusätzlich zum Tuchhandel der Gebrüder Veit24. Das war, gemessen an dem damals noch recht geringen Bevölkerungsanteil der Juden (1862 : 137 Seelen) ein verhältnismäßig beträchtlicher Prozentsatz am Textilwesen der Stadt, welcher sich sogar später noch erheblich steigern sollte. Wenn die Brüder Veit aus Sontheim wirklich gelernte Tuchmacher gewesen sind, so ist ihr Heilbronner Unternehmen der erste Versuch von jüdischen Handwerkern, eine industriemäßige Produktion zu organisieren - selbst wenn die von Veit angewandten Praktiken etwas zwielichtig anmuten. Jedenfalls gelangte ihr Unternehmen nicht zur Kenntnis der Finanzbehörden, die imJahre 1832 eine» Übersicht der im Königreich Württemberg 23 Die Einzelheiten über das Veitsche Unternehmen sind unklar. Es ist hier der Versuch gemacht worden, die Widersprüche in den drei vorliegenden Berichten zu beseitigen und eine logische Entwicklungskette aufzuzeigen, die jedenfalls den bekannten Tatsachen nicht widerspricht. Die Berichte bei (a) P. SAUER, Württemberg, S. 97; (b) G. KRUSEMARCK, Die Juden in Heilbronn, S. 43f .; (c) H. FRANKE, Gesch. und Sc hi c ksal d.J. in Heilbronn, S. 53-55. 24 Wie in Anm. 23, (a) : S. 97 , 99; (b) : S. 45; (c) : S. 55, 283 . »Erziehungspolitik« und Textil in Württemberg und Hohenzollern 55 befindlichen Fabriken und Manufakturen« erstellten25• Dort ist von jüdischen Betrieben nur die Bijouteriewarenfabrik von Jacob Levi in Esslingen erfaßtalle Anfänge des Textilwesens wurden aber -vielleicht weil noch zu klein -ignoriert. Und doch müssen solche Anfänge existiert haben, wofür ja die bereits erwähnten Unternehmen der Brüder Veit in Heilbronn und der später nach Hechingen übergesiedelten Verlegergemeinschaft von Bernheim und Heilbronner in Plieningen Zeugnis ablegen. Nur ist leider der erhaltene archivalische Niederschlag gering, und manchmal sogar nicht eindeutig fixierbar. So ist z.B. nirgends belegt, ob jener David Wunderlich, der in Crailsheim im Jahre 1838 die vom Kaufmann Most begründete Kattundruckerei nach zwanzigjähriger Stillegung käuflich erwarb und wieder in Betrieb setzte 26 , überhaupt als Jude angesehen werden kann; der Name schließt es nicht aus, und tatsächlich hat es unter den jüdischen Berufsumschichtern einige Kattundrucker gegeben. War Wunderlich aber Nichtjude, so gebührt die Ersterwähnung im Crailsheimer Textilfach der etwa achtzig Jahre im Familienbesitz gebliebenen Großhandelsfirma in Schafwolle: Theodor Rosenfeld 27 . Hier fällt ein neuer Grund für Betriebsgründungen bald nach Einführung der Erziehungsgesetzgebung ins Auge: Die bisher genannten Orte (Heilbronn, Plieningen, Crailsheim) waren bis 1828 judenleer gewesen. Neuniederlassungen von Juden an solchen Plätzen kamen laut Gesetz überhaupt nur dann in Frage, wenn die Juden sich als »produktiv«, oder besser noch, als dem Platze nützlich erweisen konnten. Schon in den nächsten Seiten werden noch zwei oder drei solche Niederlassungen erwähnt werden. Allerdings müssen vorher noch einige der älteren Judensiedlungen Erwähnung finden, in denen ebenfalls ein merklicher Aufschwung der Textilunternehmungen zu verzeichnen ist. Wenn aus Buchau am Federsee (heute: Bad Buchau) berichtet wird, daß es dort imJahre 1841 bereits elf jüdische Läden gab, und daß der Großhandel »mit Tuch, Ellenwaren [ .. . ] Seidenwaren« den Hausierhandel mehr und mehr verdrängte, so nimmt es nicht wunder, daß mindestens zwei Textilbetriebe, die noch im Jahre 1938 in jüdischen Händen waren, ihre Gründung hundert und mehr Jahre zurückdatieren konnten. Es waren dies die Textilwarengroßhandlung Hirsch Weil und die Trikotwarenfabrik A.G. Hermann Moos, die sich später zu einem bedeutenden Unternehmen entwickelte und auch heute noch besteht 28 • Doch fällt auf, daß noch andere kleinere Textilunternehmen in Buchau ihre Gründung bis beinahe zur Mitte des 19. 2s HStA Stg . E 221/4191. 26 HStA Stg. E 146/6064, U-fasc. 5, BI. 31. 27 A.a. 0., J 355 K 265 . Photokopierte Dokumente von Th. Rosenfeld, Lakewood. 2s HStA Stg„J 355, K 17. 56 Die Anfange Jahrhunderts zurückdatierten, wie etwa die Firma Jakob Dannhauser 29 . Das Angebot an Arbeitskräften muß eben recht groß gewesen sein, um die Juden ins Verlagsgeschäft zu ziehen und später zur Eigenfabrikation zu veranlassen. Tatsächlich zählte man in Buchau und dem benachbarten Kappel sogar unter den 72 jugendlichen Juden, die seit 1836 das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt hatten, nicht weniger als dreißig gelernte Weber. Ansätze in derselben Richtung hat es wohl auch in Buttenhausen gegeben. Dort hatte Simon Bernheimer, der Sohn des Leib (Leopold) B. die Bandweberei erlernt. Er bezeichnete sich deshalb stets als Herrenhuterbänderweber, gründete aber dann mit seinen erworbenen Kenntnissen eine Webereiund Stickereifabrikation. Möglicherweise half er dadurch auch seinem zunächst als Hausierer bezeichneten Bruder, der 1846 ein kleineres Textilgeschäft (auch Lederwaren) am Orte eröffnete 30 . Die Buttenhauser Fabrikation wird schon 1845 in einer Denkschrift des Oberrats der Israeliten gerühmt, es fehlen jedoch Einzelheiten 31 . Ausführlicher erwähnt jener Bericht des Oberrats auch einen Betrieb im nahe bei Crailsheim gelegenen Orte Deufstetten, der achtzig, auch »ausländische«, d. h. bayerische, Arbeitskräfte beschäftigte 32 . Ähnliche Fälle, in denen württembergische Juden bayerische Untertanen beschäftigten, sind auch von anderen Orten belegt: Beispielsweise sei die Firma H. Neuburger und Söhne in Dietenheim (bei Laupheim) genannt, welcher die » Webemeister des baierischen Gerichtsbezirks Weissenhorn<< ihren wärmsten Dank dafür aussprechen, »daß sie dieselben ... seit mehreren Jahren mit Arbeit beschäftigte und dadurch ca. 300 Personen vor Not bewahrt« hätte 33 . Das bedeutet, daß die Firma H. Neuburger bereits in den vierziger Jahren in Dietenheim entstand und den Verlag von Stickereien und weißen Webwaren betrieb. Seit 1851 begann sie aber auch von Stuttgart aus zu produzieren und ließ in der Umgebung die selben Weißund Stickwaren herstellen 34 , worauf später zurückzukommen sein wird. Zunächst muß nochmals ein Blick zurück nach Buttenhausen geworfen werden, da die dortige Familie Bernheimer noch den einen oder anderen Schritt tat, der für die Entwicklung des Textilwesens von Bedeutung war: 29 Die Buchauer Firmen lt.: Beschreibung des 0. A . Riedlingen 2, S. 703. Vgl. SAUER, Württemberg, S. 34 . Auch HStA Stg., wie in voriger Anm . 30 ALFRED FRITZ, D . Gesch . u. Entwicklung d.J. in Buttenhausen, Diss. Hohenheim, 1938, S. 41f. 31 HStA Stg ., E 146/1194, BI. lOR. 32 A.a.O ., Unterund Ober-Deufstetten gehörten früher zum Kreis Crailsheim, heute Gemarkung Fichtenau, L. Kr. Schwäbisch-Hall, Das Land Baden-Württemberg, Bd. II (1975), S. 659. 33 Allg. Ztg. d.Judentums 1852, S. 306, zitiert aus: Ausgburger Abendztg. Sperrungen von mir, J. T. 34 Beschreibung d. StadtdirectionBez. Stuttgart (1856), S. 231 f. jebenhausen 57 Ein Vetter des Fabrikanten Simon Bernheimer, namens Meir Bernheimer, erhielt im Jahre 1853 die Erlaubnis, von Buttenhausen aus im preußischen Hoheitsgebiet Haderlumpen zu sammeln 35 . Das heißt, er mußganz entgegen der Bezeichnung seines Berufes -ein wichtiger Mann in diesem, früher als »Nothandel« bezeichneten, jetzt aber langsam als Rohstoffquelle anerkannten, ja monopolisierten 36 , Felde gewesen sein. Einen von Simons Neffen jedoch litt es nicht in der Enge Buttenhausens. Er verzog zuerst nach Ulm, dann nach München, wo er eines der ersten Warenhäuser gründete. Beide diese Bernheimers können also als Pioniere zweier, später von Juden sehr geförderter, Textilwirtschaftszweige, des Warenhausbetriebs und des der Wiederverwertung dienenden Rohproduktenhandels, angesehen werden. 7. Jebenhausen Doch muß man zunächst nochmals zu den jüdischen Handwerkern und Großhändlern zurückkehren, um ihren Lebensweg zum V erlegertum und weiter zur Fabrikgründung und zur maschinellen Produktion in eindringlicherer Form als bisher mit Beispielen zu belegen. Die Tätigkeit von einigen der ersten gelernten Weber, die Fabrikbetriebe eröffneten, ist in biographischen bzw. autobiographischen Aufzeichnungen ziemlich ausführlich geschildert. Gemeint sind Josef Raff aus Jebenhausen1 und Benedikt und Louis Elsas2 aus Aldingen bei Ludwigsburg. Raff, der in Altenstadt geboren war, kam etwa 1832 nachJebenhausen zu seinem Onkel David, der mit seinen Söhnen unter der Fa. Raff & Söhne einen Textilhandel betrieb und der den Neffen Josef, wie auch einen anderen jungen Verwandten namens Simon Raff, zu einem Webermeister in die Lehre gab. Nach der Lehrzeit arbeitete Simon dann eine Zeitlang in der Firma Raff & Söhne, während Josef, der etwa 1834 Geselle geworden war, auf die Wanderschaft ging. Er wanderte durch Mitteldeutschland bis nach Brandenburg und Sachsen. 35 Wie Anm. 30. 36 Vgl. HStA Stg„ E 222 11 /1655, wo u. a. Anträge zur Beseitigung »der Monopole, Exclusivund Bannrechte bezüglich des Verkehrs mit Lumpen, soweit dergleichen im Zollvereine noch bestehen, wieder in Anregung gebracht werden« (Aus den Anträgen Preußens zur 15. GeneralZoll-Conferenz 1863« -gedruckt, § VIII). 1 Über Jebenhausen ausführlich in: ARON TÄNZER, Die Gesch. d. Juden in jebenhausen u. Göppingen. Dort auch über die Familie Raff (S. 445f.}, und insbesondere über Josef Raff (S . 145f „ 438f .). Dazu die ausführliche Autobiographie von Josef Raff, deren Handschrift ich durch die Freundlichkeit von Frau Dina Schloss, s. A„ Kfar Schmarjahu, einsehen durfte. Eine Abschrift befindet sich im Archiv des LBI NY, Nr. C 316. Ein Teil daraus abgedruckt: TouRY, Dokumentation . 2 Über Familie Elsas im Archiv des LBI NY, C 89, C 90. Zum Teil abgedruckt bei MONIKA RICHARZ,jüd . Leben in Deutschland 1780-1871, S. 302ff. 64 Die Anfange hatte, später auf den Übergang zum vollmechanisierten Dampfbetrieb. Er liquidierte stattdessen sein Unternehmen und eröffnete 1870 in Stuttgart ein Bankgeschäft 20 . In der Firma A. Gutmann dagegen liefen die Dinge in positiveren Geleisen: einer der Söhne des Gründers, Leopold A. Gutmann, studierte am Polytechnikum in Stuttgart und brachte von dort in die Göppinger Fabrik neues technisches Wissen und neue Initiativen in der Geschäftsführung mit 21 , welche dem ebenfalls nach Göppingen übergesiedelten Großbetrieb einen erheblichen Auftrieb vermittelten (vgl. unten, Kap. 8, u. auch Teil II und III). 8. Göppingen, Ludwigsburg, Stuttgart, Ulm Den Übergang der meisten Jebenhäuser Textilwerke nach Göppingen und ihre alsbaldige Mechanisierung förderten drei Tatsachen: die Wasserkraft des Stadtbaches; die 1847 vollendete Eisenbahnlinie, deren Beförderungskapazität für Textilrohstoffe, für den Versand der Fertigware und letztlich auch für die Heranführung von Kohlen als neue Antriebskraft für Dampfmaschinen, die jüdischen Textilunternehmer ziemlich früh erkannten; und schließlich fiel auch der plötzliche Wechsel in der Einstellung der Göppinger Stadtväter gegenüber den Juden recht entscheidend ins Gewicht. Noch 1828 hatte der Handelsstand der Stadt gegen die Juden petitioniert, obwohl sie noch gar nicht am Ort zu wohnen verlangten1. Doch bereits im Jahre 1841 nahm die Kaufmannszunft einige Juden auf, wohl weil sie ihre Funktion als Arbeitgeber in der Stadt schätzen gelernt hatte. Vollends seit dem Eisenbahnbau (1847) und dem ins Auge fallenden Erfolg der von Jebenhäuser Juden gegründeten Textilwerke waren sie ihnen gegenüber viel freundlicher gesinnt. Vielleicht beeinflußte auch die Revolution von 1848/49 ihre Einstellungjedenfalls entschlossen sie sich erstmals imJahre 1849, die Unternehmendsten der Jebenhäuser Juden als Stadtbürger aufzunehmen. Dadurch beschleunigten sie die Übersiedlung vieler jüdischer Einwohner Jebenhausens und mancher ihrer Fabriken nach Göppingen. Bis 1867, dem Gründungsdatum der Göppinger jüdischen Gemeinde, hatten sich dort 33 Familien mit 174 Seelen niedergelassen. Aber der Wille zur Rationalisierung des Transportwesens führte dann mehrere Firmen, nach Übergang von der Wasserturbine zur Dampfkraft, seit etwa 1870 in die Hauptstadt Stuttgart, den Hauptvermarktungsplatz für 20 Wie Anm . 1. 21 A. TÄNZER,jebenhausen u. Göppingen , S. 435. 1 A. TÄNZER,jebenhausen u. Göppingen , S. 119ff. Göppingen, Ludwigsburg, Stuttgart, Ulm 65 ihre Waren -oder zu billigeren Baugründen und billigeren Arbeitskräften, das heißt: zurück auf die Dörfer (z.B. nach Süssen). Während der Überführung jüdischer Betriebe nach Göppingen erfuhr zumindest einer der Unternehmer, Daniel Rosenthal (s. oben, Kap. 7, Jebenhäuser Liste, Nr . 13) eine wohlwollende Förderung durch die von der Regierung geschaffene »Zentralstelle für Gewerbe und Handel« 2, und ins besondere durch deren Technischen Rat Dr . Ferdinand Steinbeis3. Schon als die Firma noch Rosenthal, Steinhardt & Co hieß, erhielt sie eine gewisse Unterstützung durch die Behörden und wohl auch Hilfe bei Anstellung von Fachkräften4• (Sonst aber sind in den Akten höchstens noch Beihilfen zur Erwerbung von Webstühlen für jüdische Weber5 nachweisbar). Doch scheint gerade Daniel Rosenthals Pionierarbeit auf dem Gebiet der Korsettweberei zwecks Export ins Ausland und nach Übersee, deren Blütezeit wohl zwischen 1856 und 1869 fiel 6, anerkannt und dementsprechend unterstützt worden zu sein. Wohl hatte Carl d'Ambly seit 1848 die Technik der Webkorsett-Herstellung nach Frankreichs Vorbild zu verbreiten versucht7, aber erst in Göppingen scheint es gelungen zu sein, Erzeugung und Vermarktung zu rationalisieren8. Doch gab es bereits in den fünfziger Jahren auch anderswo Korsettfabriken, z.B . die Korsettfabrik Veis & Cie, in Winnenden, 0. A. Waiblingen, die möglicherweise Juden gehörte9. Was damals die Gründung einer Fabrik an Kapitalien und damit an Verhandlungen mit prospektiven Partnern oder Geldgebern erforderte, da Bankfinanzierung von Familienfirmen an kleineren Orten fast unmöglich 2 Über die verschiedenen Gesellschaften und »Zentralstellen« Württembergs seit 1819, vgl. : FRIEDR. FRANZ WAuSCHKUHN: »Staatliche Gewerbepolitik« in: (Hg. E. Maschke,J. Sydow) Zur Gesch. d. Industrialisierung i. d. südwestdt. Städten, Sigmaringen 1977, passim. 3 TÄNZER,jebenhausen u. Göppingen, S. 454. 4 StALu E 170/422 Akten betr. Webermeister Jacob Sonnenthal aus Jessnitz Uüdisch?), wo auch eine Gratislieferung von Maschinenteilen per Eisenbahn aus Berlin an die Adresse der Firma in Göppingen erwähnt ist, 22. Sept. 1855. 5 StALu E 170/953: Z. B. Abraham Kohn, Merklingen (1854, 1862); Michael Ostertag, Laichingen (1855); Martin Kaufmann, Sontheim (1853) . Ob alle drei jüdisch waren, bleibe dahingestellt. 6 Über Blütezeit, vgl. z.B .: Beschreibung d. 0 . A. Reutlingen 1893, S. 283. Über den Rückgang, vgl. z.B . Württ.]ahrbücher 1873, Teil 1, S. 218 . 7 HStA Stg . E 146/5952, Nr. 248, 408 (Patente für D'Ambly). s Beschreibung d. 0 . A. Reutlingen, wie Anm. 6. Dort sind auch fürs Jahr 1875, als die genähten Korsetts die gewebten bereits überflügelten, folgende Zahlen angegeben: Von 487 Betrieben in Deutschland waren 272 = 66,2% in Württemberg konzentriert. Etwa 4% davon hatten noch Göppingen als Zentrum. 9 HStA Stg. E 146/6739. Der Name Veis wurde in manchen Gegenden auch von Juden getragen. Die Fabrik hatte 1857 bereits eine gedruckte Fabrikordnung, aus der sich auf eine gewisse Bestehensdauer des Werkes schließen läßt. Im selben Büschel befindet sich auch die Fabrikordnung der Firma Steinhardt, Gutmann & Cie., Baumwollwaren und Korsettfabrik, Göppingen. Über dieses. die folgende Tabelle im Text. 66 Die Anfange war, mag aus der Aufstellung des Göppinger nichtjüdischen Bürgers Joh. Hermann Mayer vom Jahre 1831 ersehen werden, der beim Finanzministerium um Unterstützung bei Gründung einer Seidenfabrik vorsprach 10 . Er selbst wollte die kaufmännische Seite des Unternehmens leiten, hatte einen Schweizer Werkmeister als Partner an der Handes fehlten ihm nur 40000 Gulden Kapital, deren Verwendung er folgendermaßen spezifizierte: für ein Gebäude nebst Einrichtung für ca. 18-20 Arbeiter für Rohstoffe im ersten Jahr für Arbeitslohn im ersten Jahr für Büro-und Reisespesen im ersten Jahr fl. 10000,- fl. 21500,- fl. 6000,- fl. 2500,- fl. 40000,- Diese Schätzung ist für ihre Zeit durchaus als übertrieben anzusehen, wenigstens kann sie auf ein jüdisches Unternehmen nicht zutreffen, denn eine solche Kapitalakkumulation wäre sogar bei vier oder mehr Partnern, und selbst in denJahren nach 1848, noch unerreichbar geblieben (und siehe die Angaben über Steuerkapital11 in der folgenden Tabelle). Man behalf sich also auf andere Weise, und der Beginn der Göppinger Korsettindustrie mag als Beweis angeführt werden. Ahnlich wie sich zur erstenJebenhäuser Textilfirma A. Rosenheim & Cie vier Partner vereinigt hatten (s. oben, Namensliste Jebenhausen, Nr. 1-4), beteiligten sich auch an der ersten Göppinger Korsetterzeugungs-Arbeitsgemeinschaft vom Jahre 1851 sieben Partner, darunter zwei Nichtjuden, Frobenius und Stumpp. Die Juden waren: Maier Arnold Q. 15), Hirsch Gutmann Q. 18), Daniel Rosenthal Q. 13), Sigmund Steinhardt Q. 14) und Isak Ottenheimer, der wenige Jahre später nach Stuttgart übersiedelte. Anfangs ließen sie nur auf einem Stuhl arbeiten, um Erfahrung zu gewinnen. Nachdem die Partner ihre Arbeitsgemeinschaft imJahre 1855 friedlich-schiedlich auflösten 12 , bedienten sich die meisten von ihnen der gewonnenen Kenntnisse, und einige gingen bald darauf ganz zur Korsettfabrikation über. Als Josef Raff und Salomon Einstein imJahre 1849 vonJebenhausen nach Göppingen übersiedelten, folgten ihnen schnell mehrere andere Jebenhäuser Fabrikanten, und im Ganzen saßen bis zur Reichsgründung etwa 31 Textilfirmen in Göppingen, die allerdings teilweise durch Absplitterung und Neuverbindung von Teilhabern bereits bestehender Unternehmen entstan10 HStA Stg . E 221 (1), Bü 4202/04/, St. 123, »Plan zur Errichtung einer Seidenfabrik«, 23. XII. 1831. 11 Welches wohl immer niedriger angesetzt ist, als der Kapitalwert des Unternehmens, der jedoch hinwiederum durchaus höher sein kann als das Investitionskapital. 12 TÄNZER,jebenhausen u. Göppingen, S. 453 . Die Zahlen in Klammern (J. 15 etc.) bezeichnen die Position in der Liste des vorigen Kap. Göppingen, Ludwigsburg, Stuttgart, Ulm 67 den. Als Neuerungen sind die fortschreitende Mechanisierung durch die Nutzung der Wasserkraft, und in deren Gefolge die stärker konzentrierte Fabrikerzeugung bei abnehmender Heimarbeit, zu nennen. Dampfkraft trat erst ums Jahr 1871 in den Vordergrund, und so ist dieses Jahr als Endpunkt der folgenden Tabelle 13 gewählt: Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken 1849-1871 (Vgl. S. 68-74) Abkürzungserklärung zur Tabelle 4: 1, II, lla etc: Hauptfirmen, aus denen andere sich abzweigten. 1, 2, 3, Differenzierte Firmennamen. D = Dampfkraft. J 1, 2 etc. =Verweis auf dieJebenhäuser Unternehmerliste in Kapitel 7. K = Korsettfabrik. Q =Quelle . T = Tänzer,Jebenhausen u. Göppingen. W =Weberei. Wh = Handwebereibetrieb. W m = Maschinenweberei. Im Ganzen sind in der Tabelle 31 Firmen aufgeführt, die sich aus 16 (1-XVI) Stammunternehmen entwickelten. In der Gründergeneration waren an ihnen 24 Inhaber bzw. Partner beteiligt, die vonJebenhausen nach Göppingen übergesiedelt waren. Von ihnen hatten 22 schon in ihrem Heimatsorte als Verleger bzw. Fabrikanten oder Großhändler gewirkt. Zu diesen gesellten sich dann 2 Göppinger Nichtjuden. Als zweite Generation, die das väterliche Unternehmen fortsetzten, lassen sich mindestens 12 Söhne der Jebenhäuser Gründer nachweisen. Außerdem beteiligten sich an den Göppinger Fabriken auch noch 13 nicht ausJebenhausen stammende, sondern aus anderen württembergischen und hohenzollerischen Orten zugezogene Juden. Alles in Allem umfaßt die Tabelle also 51 Teilhaber, die sich zusammenschlossen, trennten, wieder vereinigten und schließlich in den Ruhestand traten -oft in der Hauptstadt Stuttgart. Drei der ums Jahr 1870 gegründeten Firmen scheinen sich bald, zunächst teilweise, dann aber auch gänzlich, dem Großhandel zugewandt zu haben 13 Alle Angaben nach TÄNZER, a.a.O., S. 432-461. Steuerangaben nach: StdA Göppingen, Gewerbesteuerkapital und -Kataster, 1877/ 81. Die Tabellenform habe ich der fleißigen und übersichtlichen Diplomkaufmanns-Arbeit von Ursula Liebe, die unter Prof . Dr . Hermann Kellenbenz an der Univ. Erlangen-Nürnberg 1971 gefertigt wurde, entnommen: U. LIEBE, Einflüsse der ]ebenhäuser Juden auf d. wirtsch. Entwicklung d. Raumes Göppingen . Natürlich ist hier die Form erweitert und vervollständigt. Die Einsichtnahme in genannte Arbeit verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Dr . Kaus, Direktor des Stadtarchivs Göppingen. - Die Quellenangaben der Tabelle beziehen sich auf die Seitenzahlen bei TÄNZER, a.a.O. (T) und auf die Kurzbiographien aus Jebenhausen, s. oben Kap. 7 im Text 0). Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken, 1849-1871 Nr. GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in fl . rund) jahr Q: StdA Gö ppingen Ia = 1 1849 Raff, JosefRaffQ. 12) u. Baumwoll1850: 94 fl. Einstein & Co. bis (gelernter Weber) waren-Hand1852: 141 fl. Ib = 2 (1852) Fa. Josef Raff 1852: Sa!. &Josef weberei Einstein O. 10, 11) Ila = 3 1851 Kaufmann & Gehr. Elias B. Gutmann Weberei-Fabri1851 : 182 fl. Gutmann Jakob B. Gutmann kenu . Manu1852: 278 fl. Leop. B. Gutmann faktur 1857: 449 fl. a. 3, 4, 5) (gelernter Weber) Josef Kaufmann a. 2) III (-IV) 1851 ArbeitsgemeinArnold, Maier =4(K) schaft für Korsetts Gutmann, Hirsch Ottenheimer, Is . Gewebte KorRosenthal, D. setts Steinhardt, S. und 2 Nichtjuden IVa = 5 1851 Rosenthal, SteinZu: Daniel, R. Fabrik v. halb1851: 94 fl. (Wh+K) hardt& Co. a. 13) u. ganzleinenen 1852: 124 fl. und Sigmund, St. Stoffen, auch 1853: 277 fl. a. 14) Korsett s (mit Geschäft) tritt: Matthias Gutmann Q. 17) New York Bemerkungen Höchstdauer für Fa. Josef Raff: 1868: 48.24 fl. Forts. d. Fa . s. VI, VII Jakob kehrt nachJebenh. zurück (bis~ Fortsetzung s. ~ i Versuchi.J. 1853: Herrenkonfektion zu erzeugenscheitert. Fortsetzung ~ i Ende der Fa. (1852) 1870 1859 1860) 1855/6 1855/6 Quelle T437f T440 T453 T 436f. T 454f. T451 °' 00 0 ;;;· :::... ~ .„ ~ "' Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken, 1849-1871 (Fortsetzung) Nr. GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in fl. rund) jahr Q: StdA Göpping en 1Vb=6 1855/56 D. Rosenthal&Cie. Später Neffe Louis Gewebte (später 1856: 62 fl. (K) Schiele zum Verkauf genähte) Kor1859: 151 fl. nach U.S .A. setts 500000 1867: 234 fl. Stück pro Jahr! 1877: Steuerkapital: 378 fl„ dann fallend! !Vc = 7 1856 Steinhardt, GutSigmund Steinhardt Handweberei v. 1856: 62 fl. (WiJ mann&Cie . o. 17) halbleinenen Hirsch Gutmann Waren J. 8) {gel. Weber) 1Vd=8 1858 Steinhardt, Herz & Albert Herz (neu) Korsettindustrie 1858: 134 fl. (K) Co . u. d. o., ohne H. 1861: 303 fl. Gutril.ann 1873: 232 fl. !Ve = 9 1858 Hirsch Gutmann & Partner: Bruder Gewebte Kor1858: 42 fl. (K) Co. Matthias G„ New setts 1859: 57 fl. York (gest. 1862) 1861: 90 fl. V= 10 1857 S. Neumaier Salomo N. allein Leinen-, Baum1858: 30 fl. (K) (aus Laupheim) wollweberei, 1865: 39 fl. genähte Korsetts 1872: 62 fl. Bemerkungen Ende der Fa. 30 Außenstellen 1887 z. Weben, Stikken, Nähen, u. a. Wäschenbeuren, Rechberghausen. D. Rosenthal selbst setzt sich in Ffm zur Ruhe (1871) Nach Austritt V. 1858 H. Gutmann s. u. weiterge1873 führt als ca. lOOOBeschäftigte, FiliaJe i. Sindelfing. Zweiggeschäft 1862 Weilheim (Manuf.), verlegtn. Cannstatt (q.v.) 1877: Steuerka1902 pital: 8279 fl. (fallend)! Quelle T 453f. T437 T456 StdA. Göpp. T456 T 456f . () ~ : "" ~ · -~ r- " ~ o<; · "' .,... " ~ ~ ~ „ -~ ~ "' '° Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken, 1849-1871 (Fortsetzung) Nr. GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in fl. rund) jahr Q: StdA Göppingen Via= 1859 Gehr. Gutmann Elias B. Gutmann Leinen-, ? (llb) = 11 (J . 3) Baumwoll- (Wm) Leop. B. Gutmann weberei (J . 5) (gelernter Weber) Vlb= 1868 selbständig:]. B. Jakob B. Gutmann Leinen-, 1869: 29 fl. (llc) = 12 Gutmann (J. 4) kommt 1860 Baumwoll1874: 116 fl. (Wm) ausJebenh., ist an weberei ob. Fa. bis 1868 beteiligt (?). Dann selbständig bis 1877. Dann wieder: Vlc= (1877) Gehr. Gutmann (2 . Generation) »Mech. Wehe1877: 704 fl. (lld) = 13 rei am Stadtalle städt. St. (Wm) bach« Vlla = 1850 Kaufmann & Söhne VonHandwe- ? (lle) = 14 berei zur mech. - (Wm) Buntweberei (seit 1862). Auch Korsett s (186 6) vgl. VII ,= 23 Vllb = 1873 Mech. Drillweberei JosefK. (J . 2) u. (Ilf) = 15 A.G., Göppingen Söhne Max u. Julius (Wm) Kaufmann Bemerkungen Ende der Fa . Leop. u. Elias (1872) siedeln nach Stuttgart über Jakob G. tritt (1877) 1877 aus Fa . besteht bis 1908 Josef zieht nach 1861 Stgt. Wird 1873 mit ca. 1000 Arb. zur AG. Besteht bis 1912 1912. Erste mech. Weberei am Stadtbach. Quelle T440 T 447f . T440 T 447f. T440 T 447 f. T 440f. T 440f. ...... 0 ti ::. · ::... ~ "'· ~ " Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken, 1849-1871 (Fortsetzung) Nr . GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in fl. rund) jahr Q : StdA Göppingen VIiia = 1861 A. Gutmann & Co . Abr. Gutmann Weberei von lei1861 : 306 fl. 16(Wm) gegr. 1840inJeben- (Weber,]. 9) nenen u. Baum1863: 278 fl. hausen Isaak RaffO. 6) wollwaren 1866: 90 fl. Simon Raff (Weber, 1867: 119 fl. J. 8) 1872: 185 fl. Austritt d. letzteren 1875: 201 fl. 1861 (vgl. VIIIb) 1877: Steuerkapital: Eintritt d. Söhne d. 32143 (fallend!) Abr .: (1865) Jakob A. Gutmann, (1872) Leop. A. G. (Absolvent d. Polytechn. Stgt.) VIIlb= 1861 Raff& SöhneinJeIsaak D. RaffO. 6) Weberei ? IX= 17 benhausen ab 1830 Simon M. Raff(We- (Wm) her , J. 8) Dazu: Albert Raff (Weber) S. d. Simon R. o. 8) Bemerkungen Ende der Fa . Austritt 1938 Abr. 1881 und bis heute Auflnitiative v. AlbertR. Haupthaus n. München 1873 Filiale nur bis-+ 1875 Quelle T432 T446 C) ~ ' '""' ~· -~ r "' ~ ~ · <:>- "' ~ (/) ;:: ~ " -~ s;; :! ...... ..... Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken , 1849-1871 (Fortsetzung) Nr . GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in tl rund) jahr Q : StdA Göppingen Xa = 18 1862 E. Dettelbach & Emanuel D. aus JeWebereiv. 1873: 62 fl. (Wm) Co . benhausen verkauft Baumwoll-u . 1874: 83 fl . an: Leinen waren, 1877: Steuerkapital: und Handlung 4835 fl . Xb = 19 1873 Brüder Levy & engros Aug. & Sigmund Xc=20 Rothschild Levy dazu: 1875 Moritz R. 1876: Austritt Aug. Levy Xd=21 (1876) August Levy & Co . August Levy Webereiv. 1877: Steuerkapital (Wo) Baumwolle& veranlagt : nur 2315 fl . Halbleinen XI= 22 1865 Gebrüder OttenSalomon,Joseph 0 . Webereiv . 1865: 94 fl . (Wmo} heimer Q. 21. 22) Anfänge Baumwolleu . 1869: 110 fl. 1854/62Jebenhaus. Leinen 1872: 185 fl . 1877: Steuerkapital ca . 27000fl. Vllc = 23 1866 Kaufmann & Co . Max & J ulius K. Korsettfabrik ? (K) von Fa. Kaufmann (nahtlos) Vlld = 24 1869 Fa . Walker & Co . & Söhne (q .v.) Dazu bis 1869: Abr. Korsettfabrik (K) Löwengart, Ad. (nahtlos) Vlle = 24 1871 Fa. Walker & Co . Baruch (beide Hechingen), Raphael Einstein, Buchau, dann bis 1889: Louis Walker, dann:Jos. Einstein, Buchau Bemerkungen Ende der Fa . gelöscht 1875 E. Dettelbach (1873) n. Stgt. Sigm. Levy (1876) n. Stgt. 1892 1920 1905-Haupt- (1905) werk in Süßen 1922 (1869) Austritt Gehr. 1871 Kaufmann. Eintritt vonJos. Einstein, 1889/97 Alleininhaber Quelle T446 T448 T442 T457 T453 ...... N 0 ;;;· ;:i,. ~ "· ~ "' Tabelle 4: Göppinger Textilfabriken, 1849-1871 (Fortsetzung) Nr. GrünName der Firma Gesellschafter Erzeugnisse Gewerbesteuer dungs- (städt. in fl. rund) jahr Q: StdA Göppingen XII= 25 1867 Julius Reinganum Julius Reinganum Korsettdrill1867: 16 fl. (K=W) weberei 1868: 23 fl . 1873: 33 fl. 1877: Steuerkapital: 3421 fl. VIb (= Ilc) 1868 J. B. Gutmann J. B. Gutmann Weberei s. oben = 12(Wm) s. oben, unter Fa. Gebr. G. XIII= 26 1869 Heumann & Sohn Kaufmann H. und Webereiv. 1870: 41 fl. (Wm+ Gegr . 1862, Jebenh. SohnJulius H. Baumwoll-u. 1876: 132 fl. Großh.) Leinen waren. Auch Handlung XIV= 27 1870 Hoffmann & Netter JosefH . u. Nathan Korsett-u . 1870: 12 fl. (Wm) N. aus Schmieheim SchuhdrillXIVb = 2E 1873 N. Netter Hoffmann tritt aus waren 1873: 44 fl. XIVc= 29 1885 Netter & Eisig Kaliko-u . 1877: Steuerkapital: (Kaliko) Lederimita3890 fl. tionsstoffe Bemerkungen Ende der Fa. 1870: 100 Handweber aufDörfern. 1885: eigene Mech. Weberei nach Stgt. verkauft~ 1912 1877 Nach d. Elsaß verlegt 1902 1938 Quelle T460 T 447f . T447 T 450f . (J ~: .,. ~ · §l t°"' "' ~ <><; · "' "'"" „ ~ c;,, ;: ~ "' _::t s; ;i -..J V> 80 Die Anfange Doppelangabe für einen Grossisten und gleichzeitigen Fabrikanten vor, so daß die Gesamtzahl der Textilunternehmer jedenfalls, wie angegeben, 30 beträgt. Sie waren an 23 Firmen im Raume Stuttgart beteiligt. Bei diesen zusammenfassenden Zahlen fehlt allerdings die Konfektion, über deren Entwicklung in der Landeshauptstadt für den Zeitraum bis 1864 keine spezifizierten Angaben vorliegen. Die Archivquellen 32 sprechen von 18 Modewarenhändlern denen 13 Firmen gehörten. Ob und wieviele von ihnen aber bereits als Konfektionäre selbst produzierten (oder produzieren ließen), entzieht sich der Kenntnis. Man darf jedoch als sicher annehmen (insbesondere im Hinblick auf die fernere Entwicklung dieses Zweiges), daß mindestens drei oder gar fünf Firmen bereits mit konfektionsmäßiger Herstellung von Herrenund Damenbekleidung begonnen hatten und nach Standardgrößen und Standardmodellen auf Lager produzierten. Die Gesamtzahl der Textilfirmen, die für unseren Themenkreis in Frage kommen, war damals also mindestens 25, wahrscheinlich aber näher an dreißig, und ihre Besitzer bzw. Teilhaber dürften-knapp gerechnet-35 bis vierzig an der Zahl gewesen sein. Von all den Fabrikanten kamen zwei der Cannstätter Brüder Elsas, sowie der Sticker Neuburger, vom Handwerk her. H. Rothschild ist wohl durch das Bankgeschäft zum Fabrikdirektor aufgestiegen. Die anderen kamen teils vom Rohstoffund Fertigwaren-Großhandel her, wie die Baumwollspinnerei der Familie Arnold (deren Entstehungsdatum nicht ganz geklärt ist und die also in obiger Aufstellung nur als Großhandlung erscheint). Auch die Hemdenfabrik von Kahn & Söhne hat sich mit dem Kurzwarenhandel (z.B. Knöpfe, Gummibänder, Monogramme) befaßt. Das scheint nicht ungewöhnlich gewesen zu sein. überhaupt vertrieb eine überraschend große Zahl der Stuttgarter Großhändler gerade kurze Waren, wollten also u. a. als Einkaufsquelle für Schneider und Konfektionäre dienen, aber auch Hausierer beliefern. Vielleicht wegen der Überbesetzung des Kurzwarenhandels mag sich die Hemdenund Schürzennäherei, später auch der Betrieb des Miedernähens, als zusätzliche oder selbständige Existenzgrundlage angeboten haben, da die Näherei kaum spezifische Vorkenntnisse erforderte. Jedenfalls wurden später solche Kleinfabrikbetriebe in Stuttgart eine Domäne jüdischer Unternehmer, die oft sogar in ihren eigenen Wohnungen arbeiteten oder arbeiten ließen. Die Cannstätter Fabriken hingegen, die sich zu Großbetrieben entwickelten, sind wohl bereits auf den Erfahrungen der Ludwigsburger und Jebenhausen-Göppinger Manufakturen errichtet worden. Damit ist für Stuttgart eine breitgestreute Palette von Impulsen zur Industriegründung aufgezeigt. Es scheint, daß diese Impulse auch für die Folge 32 StdA Stg „ wie in Anm. 29. Göppingen, Ludwigsburg , Stuttgart , Ulm 81 gerade in Stuttgart wirksam gewesen sind, denn bis 1933 war der Anteil der Juden an der Textilwirtschaft der württembergischen Hauptstadt recht beträchtlich (s. II u. III. Teil). Es spricht übrigens für die Solidität der jüdischen Gründungen und für ihren Charakter als Familienbetriebe, daß von den vor 1864 entstandenen Großhandelsund Fabrikunternehmungen Stuttgarts zumindest zehn Firmen noch bis in die Hitlerzeit hinein existierten und einen gedeihlichen Bestand hatten. Was die Juden bereits bis zu ihrer gesetzlichen Emanzipation imJahre 1864 an wirtschaftlichen Leistungen hervorgebracht hatten, ergibt sich ohne weiteres aus dem Vergleich vonjüdischen Textilfirmen in Stuttgart, Cannstatt und den anderen Vorstädten der württembergischen Hauptstadt mit den nichtjüdischen Betrieben im selben Raum. Wenn 205 Familien (etwa 2% der Gesamtbevölkerung) fünfundzwanzig bis dreißig größere Betriebe gründeten und erhielten, hätten die Bürger von Groß-Stuttgart als Initiatoren für etwas mehr als 1200 oder gar 1500 größere Firmen des Textilfaches auftreten sollen. Das war aber, laut Adressbuch, keineswegs der Fall. Vielleicht läßt sich, außer den bisher behandelten Zentren der jüdischen Regsamkeit im Textilwesen -Jebenhausen, Göppingen, Ludwigsburg und Stuttgart -auch auf die Donaustadt Ulm hinweisen, deren Adreßbuch fürs Jahr 1860 vier Textilfabriken, und zwar hauptsächlich für Weißund Strikkereiwaren, sowie zwei Bettfedernfabriken und noch zwei weitere ohne Spezifikation aufzählt 33 . Dazu gab es vier Großhandlungen, drei für Bandwaren, wohl zur Belieferung von Kleinsthändlern, und eine für Roßhaar, die wahrscheinlich ihrerseits von Kleinsthändlern mit Waren versorgt wurde. Dem Namen nach herrschten im Fabrikwesen die Familien Straus, Levi und Neuburger vor. Letztere führten auch einen Großhandel mit Bandwaren, und insgesamt liefen um 1860 vier Unternehmen an drei verschiedenen Adressen unter dem Namen Neuburger. Von dem Bettfedernund Baumwollwarenunternehmen der Familie Straus ist schon gesprochen worden. Ein anderer Strauss in Firma Strauss & Co betrieb eine Zunder-Fabrik, d. h. er verarbeitete Feuerschwamm zu Zündstoff . Das war sicherlich kein großes Unternehmen, und wurde wohl bald von der Zeit überholt. Die Familie Levi betrieb einerseits eine Bettfedernfabrik in Konkurrenz zur Fa. S. Straus & Co, andererseits gehörte auch der Roßhaar-Großhändler dieser Familie an. Ob es sich bei den bisher genannten Firmen um größere oder kleinere Betriebe handelt, ist bis auf die bekannte und gewichtige Baumwollwaren33 StdA Ulm , Adreßbücher und insbes.: HEINZ KEIL, Dokumentation über die Verfolgung der jüd. Bürger von Ulm (1961), Anlage Nr . 4, S. 343f . 82 Die Anfange und Bettfedernfirma S. Straus & Co, nicht genau festzustellen und dürfte eher im negativen als im positiven Sinne zu beantworten sein. Sicherlich waren die Unternehmen der anderen, hier nicht besonders behandelten, Textilfirmen in Ulm von wenig Gewicht. Nach Fach und Besitzer waren diese: L. Levinger, Weißwarenfabrik; Steiner & Friedmann, Baumwolle; Gebr. Erlanger, Bandwaren;]. D. Essinger, Bandwaren. Jedenfalls hielten weder die größeren, noch die kleineren Firmen, auch nur eine Generation lang stand 34 , aber andere entstanden an ihrer Statt in Ulm und Umgebung, und die Münsterstadt an der Donau blieb auch weiterhin ein Zentrum jüdischer Aktivität im Textilwesen. Insgesamt gab es also in der jüdischen Gemeinde Ulm, die um 1860 etwa 150 Familienväter zählte, 11 bis 12 Textilfabriken und Großhandelsgeschäfte. Diese Quote ist nicht so auffallend wie die vonJebenhausen, Göppingen oder Stuttgart, liegt aber jedenfalls höher als die Quote von Ludwigsburg. Dagegen waren die Ludwigsburger jüdischen Fabriken sicher unter den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt, was ja für Ulm wohl nur in beschränkterem Maße zutreffend ist. Die Gründe für die wirtschaftliche Regsamkeit der Juden -in Stuttgart, Ulm, Jebenhausen und Göppingen, wie auch anderwärts in Baden-Württembergsind zwar im Verlauf dieser Schilderung bereits nebenher erwähnt worden, dürften aber wohl zum Beschluß dieses ersten Abschnitts der Entwicklung nochmals kurz summiert werden. Die Zunftfreiheit der Juden und ihre wirtschaftliche Mobilität, sowie ihre Außenseiterstellung als Neuankömmlinge, ließ einige von ihnen schon ziemlich zeitig den Weg des Manufaktur-Entrepreneurs einschlagen. Die Zunftfreiheit hatte aber auch zur Folge, daß die Unternehmungen der jüdischen Entrepreneurs nicht auf dem Prinzip der baren Zahlung und des justum pretium basierten, sondern von vornherein auf maximale Kreditgewährung zwecks Umsatzsteigerung und auf Kalkulation von Kleinstgewinnen bei Maximalumsatz programmiert waren. Zum Teil konnte ein solches Programm gerade wegen der großen Zahl der jüdischen Hausierer verwirklicht werden, die vom Hersteller bzw. vom Großhändler solange im Debit getragen wurden, bis sie ihre Waren abgesetzt hatten. Sie dienten also als verläßliche Absatzförderer für die Manufakturerzeugnisse oder für die Warenlager der Grossisten. Bei all dem drängte die den Juden gegenüber eingeführte »Erziehungspolitik« in Baden und Württemberg die jüdische Jugend vorzugsweise zur Erlernung von Textilhandwerken, und die Vermutung der Judenfeinde läßt sich nicht einfach von der Hand weisen, daß ein Teil dieser Handwerker den 34 Adreßbu ch der Stadt Ulm & Neu Ulm, 1894. Göppingen, Ludwigsburg, Stuttgart, Ulm 83 Beruf wählte, weil er als verhältnismäßig sauber und körperlich nicht allzu anstrengend angesehen wurde. Dabei spielte auch die Möglichkeit des Handels mit den von ihnen selbst, aber auch von anderen, gefertigten Textilien eine gewisse Rolle 35 . Demnach scheint es auch, daß die Juden sich mehr der organisatorisch-kaufmännischen und insbesondere der finanziellen Seite des Textilwesens, als der rein technischen Betriebsführung zuwandten. Allerdings ist schon oben darauf hingewiesen worden, daß es bereits in der zweiten Generation der Unternehmer auch ausgebildete Techniker gab, die ihren Textilberuf auf Fachschulen oder durch Besuche im Ausland (England) erlernt hatten, und dann Neuerungen in den väterlichen Betrieb einführten. So erhielt z. B. die nach Stuttgart übersiedelte und bereits erwähnte Korsettfabrik]. W. Ottenheimer & Söhne zwischen Juni 1861 und Februar 1862 gleich drei Patente (auf je zehn Jahre) für Verbesserungen an Korsettwebstühlen 36 . überhaupt begannen seit etwa 1840 manche Juden um Patente für Erfindungen und Verbesserungen nachzusuchen, doch waren sie zunächst wenig erfolgreich. Eigentlich ist als erster »Erfinder« der Fabrikant David Wunderlich aus Crailsheim zu nennen, der seit 1841 mehrere Patente zur Verbesserung der Färbeverfahren anmeldete 37 . Aber es liegt, wie oben bereits bemerkt, außer dem Namen kein Anhaltspunkt für seine jüdische Abstammung vor. Auch andere »jüdische« Erfinder, die in den Stuttgarter Patentlisten vorkommen, sind entweder nicht sicher als Juden belegbar, oder waren nicht in Baden-Württemberg beheimatet. Also bleiben sie hier unerwähnt. Dagegen muß angemerkt werden, daß die Bankiers Max Kaulla und der Frh. v. Eichthal schon 1840 ein Patent zur Wasserdichtmachung von Webstoffen angemeldet hatten, welches sie wohl als Finanziers förderten, das aber nicht von ihnen erfunden war. Jedenfalls wurde ihr Gesuch in Württemberg abgelehnt 38 . Ob man es in Baden bestätigte oder nicht, läßt sich aus den Akten nicht ersehen. Tatsächlich ist für unsere Periode in Karlsruhe nur ein »jüdisches« Patent belegbar, nämlich eine Bettfedernreinigungsmaschine (1869) der von Stebbach bereits nach Mannheim übersiedelten Firma M. Kahn Söhne 39 • Mit diesem Gleichziehen der Juden in den technischen Voraussetzungen einer mechanisierten und von Kraftmaschinen betriebenen Industrie sei die Vorgeschichte und die erste Phase des jüdischen Eintritts in die Textilwirtschaft von Baden-Württemberg beschlossen. Im Zeichen der gleichzeitig 35 HStA Stg. E 146/1194, z. B. Bericht d. 0. A. Ludwigsburg, 24. IX. 1845. 36 HStA Stg. E 146/5952. 37 A.a.O ., auch Bü 5953. 38 A.a.O ., auch E 146 (11)/1361, 1382. 39 GLAK Abs. III, Patentschriften, OZ 168, BI. 1-2 . Etwas später (1873) ließ sich ein gewisser L. Gompertz eine Nähund Stickmaschine patentieren; a.a.O ., OZ 97, BI. 1-4. 84 Die Anfange vollendeten Emanzipation konnten sie dann zwei bis drei Generationen hindurch, ohne jede gesetzliche Behinderung, als theoretisch gleichgestellte und gleichberechtigte Bürger, zusammen mit ihren deutschen Mitbürgern am Wirtschaftsleben ihrer Heimatstaaten teilnehmen. II. Abschnitt Die Blütezeit-1867 bis 1932 1. Die Konjunkturentwicklung des Textilsektors in Südwestdeutschland von 1867 bis 1932 Ein neuer Abschnitt der jüdischen Teilnahme an der Entwicklung des Textilwesens in Baden, Württemberg und Hohenzollern beginnt mit der vollen bürgerlichen und politischen Gleichstellung der Juden dieser Gebiete1. In wirtschaftlicher Hinsicht darf wohl auf ein gewisses Vorwegnehmen der gesetzlichen Emanzipation hingewiesen werden, welches durch die allgemeine Annahme einer gesamtdeutschen Wechselordnung (seit etwa 1847) und der Gewerbeordnung (1861) erfolgte. Letztere erhielt spätestens 1865 in allen deutschen Staaten Geltung und wurde gegenüber allen Personen ohne Religionsunterschied verwirklicht. Sehr weitgehende Gewerbefreiheit und völlige Freizügigkeit waren damit, zugleich mit der gesetzlichen Emanzipation in Südwestdeutschland, zu einer Tatsache geworden, die jüdische Wirtschaftsaktivitäten ermutigen mußte. Diese Teilemanzipation erhielt dann im geeinten Deutschland eine allgemeingültige, von Kaiser, Kanzler und Bundesstaaten in der Reichverfassung bekräftigte, Krönung. Von nun an sollte sich eigentlich die Eingliederung der Juden in den diversen Wirtschaftssparten so schnell und so reibungslos vollzogen haben, daß von einer jüdischen Sonderentwicklung nicht mehr die Rede zu sein brauchte. Da jedoch, kaum siebzigJahre später, die Juden binnen fünfJahren vollkommen aus dem deutschen Wirtschaftskörper eliminiert werden konnten, muß man doch, zumindest post eventum, die Möglichkeit eines spezifisch gearteten jüdischen Wirtschaftsanteils immerhin im Auge behalten. Auch muß in Rechnung gestellt werden, daß die Entwicklungstendenzen 1 Der Abschluß der Emanzipationsgesetzgebung erfolgte in Baden 1862, in Württemberg 1864. Dabei muß allerdings auf die Problematik der Emanzipation in Hohenzollern, das ja nun preußisch war, hingewiesen werden. Es ist ganz sicher, daß die jüdischen Einwohner Hechingens zum vollen Ortsbürgerrecht erst nach 1901 zugelassen wurden. Das ist übrigens ein Beweis mehr für die Ansicht des Verf. , daß die Regierung des Königsreichs Preußen ihre reservatio mentalis gegenüber der Emanzipation trotz gegenteiliger Gesetze im Norddeutschen Bund bzw. im Reich, bis zum Ende bewahrte, und daß es vor 1918 (abgesehen von den Revolutionsjahren 1848/49) keine Vollemanzipation der Juden in Preußen, und a fortiori nicht in der Provinz Hohenzollern, gegeben hat. Vgl. TouRY, Soz. u. Polit. Gesch . d.J., S. 351-358. 86 Die Blütezeit-1867 bis 1932 des deutschen Textilwesens nicht ganz eindeutig der generellen Konjunkturlage entsprachen, sondern durch gewisse Sonderfaktoren auch noch branchenspezifische Beeinflussungen erfuhren. Wenn das für die gesamte deutsche Textilbranche zutrifft, versteht es sich von selbst, daß auch in Baden und Württemberg diese oder jene lokalen Gegebenheiten die allgemeine Wirtschaftskurve variierend bestimmten. In welchem Maße sich dann die Juden der südwestdeutschen Staaten jenen Schwankungen anpaßten, soll im weiteren untersucht werden. Zunächst einmal ganz kurz ein Abriß über allgemeine Konjunkturbewegungen und über deren Variationen im Textilwesen: Nach gewissen krisenhaften Erscheinungen um 1856/57 bahnt sich in der deutschen Wirtschaft seit etwa 1861 eine neue stetige Aufwärtsbewegung an, die zwar im Kriege von 1866/67 gebremst, aber keineswegs abgewürgt wurde. Im Gegenteil, seit 1868, und insbesondere in den Jahren 1871-73, beschleunigte sich die Entwicklung in schwindelhaftem Tempo, bis es zur sogenannten Gründerkrise von 1873/74 kam, die allerdings in ihren Auswirkungen in Südwestdeutschland eigentlich erst um 1874/75 fühlbar wurde. In der dann für etwa zwei Jahrzehnte ziemlich stagnant bleibenden Situation ist zwar zwischen 1880 und 1882 ein leichter Aufschwung, als Antwort der Wirtschaft auf die Einführung der Schutzzollpolitik, zu verzeichnen; jedoch kam es auch damals immer wieder zu Stockungen und Produktionsrückgängen mit Arbeitslosigkeit und Verminderung der Investitionsbereitschaft, so daß erst nach dem Jahre 1891 eine erneute, und dann mehr oder minder stetig fortschreitende, Wirtschaftsbelebung eintrat, die kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs einen Höhepunkt erreichte2. Auch hier, wie schon bei der Gründerkrise, muß für Südwestdeutschland eine gewisse Verspätung gegenüber der allgemeinen Konjunktur verzeichnet werden: Württemberg und Hohenzollern traten in die Aufschwungsphase etwas später ein als andere Regionen (etwa seit 1895)3, wozu dann noch ein kurzer Konjuktureinbruch um 1906 merkbar wurde, der sich aber in Württemberg und Hohenzollern verhältnismäßig schnell ausglich. Dagegen blieb in Baden gerade die Baumwollindustrie die ganzen Jahre »auf der Schattenseite der Konjuktur« und mußte am Vorabend des Weltkriegs wegen Bestellungsmangel sogar zur Kurzarbeit übergehen4. 2 Diese Schilderung folgt in der Hauptsache: FRIEDRICH LüTGE , Deutsche Sozialund Wirt - schaftsg e schi c hte , Berlin, Heidelbg., New York 19663, S. 479f ., 503ff ., 510f . 3 Das spätere Datum für Württemberg bei HANS LORETH, Das Wachstum der Württembergischen Wirtschaft 1818-1918, (Diss. Heidelberg). Wiederabgedr. in: Jahrbücher f Statistik und Landeskunde von B.-W. (Hg.: Stat. Landesamt B. -W .) XIX, 1974, S. 35. 4 HERM . SCHÄFER, Konjunkturdifferenzierung[ ... ), das Beispiel Baden 190~1914/18, in: (Hg. R. H. TILLY et al.) Industrialis i erung u. Raum. Hist . Soz.-wiss. Forschungen , Nr. 7, S. 144149. Die Konjunkturentwicklung in Südwestdeutschland 87 Die Kriegswirtschaft mit der ihr inhärenten Abschließung von den Auslandsmärkten, der starken Drosselung des zivilen Konsums bei steter Verknappung der Rohmaterialien und der nichtmilitärischen Fertigprodukte, führte zur Ausbildung eines bürokratischen Wirtschaftszentralismus, der auch nach Kriegsende in der blockierten Republik zunächst noch weiterwirkte. Dazu kam die inflationäre Finanzierung der staatlichen Kriegsund Nachkriegshaushalte, der Verlust von Absatzmärkten in den abgetretenen Randgebieten, sowie der anhaltende Ausfall der meisten Exportmöglichkeiten für deutsche Erzeugnisse. Das finanzielle Tohuwabohu des sogenannten Ruhrkampfes und des Inflationstaumels von Januar bis November 1923 sei hier wegen seines episodischen, jedoch einschneidenden, Einflusses verzeichnet, der injeder Hinsicht zu abnormen Wirtschaftserscheinungen führte. Ein Abweichen der Entwicklung Südwestdeutschlands von dem allgemeinen Trend ist hierbei kaum feststellbar5. Mit der Wiederherstellung des Vertrauens zur neuen deutschen Rentenwährung im Inund Auslande beginnen die fünf guten Jahre in der Wirtschaft der Weimarer Republik -eine allzu kurze Zeit, um ihre Auswirkungen gerade auf den verhältnismäßig kleinen, aber diffusen, jüdischen Bevölkerungssektor voll erfassen zu können. Und doch wird es vielleicht möglich sein, aus den für das Textilwesen von Baden-Württemberg vorliegenden Zahlen gewisse Schlüsse auf wirtschaftliche Vorgänge im jüdischen Sektor zumindest andeutend aufzuzeigen6. Über die große Krise seit 1929, deren destruktive wirtschaftliche Tendenzen in die Katastrophenpolitik des Hitlerismus einmündeten, erübrigen sich hier viele Worte. Daß auch Baden, Württemberg und Hohenzollern von der akuten wirtschaftlichen Krisensituation ebenso wie von der braunen Flut überschwemmt wurden, versteht sich. Über Einzelheiten dieses Prozesses wird dann im dritten Teil der vorliegenden Abhandlung die Rede sein müssen. Für die Zeit vor 1932 bleibt hier nur noch die Frage nach der Sonderentwicklung der Textilbranche, und insbesondere ihres jüdischen Sektors, in Südwestdeutschland zu beantworten. Was Baden und Württemberg angeht, so hat sich deren Textilwirtschaft nicht ganz in parallelen Bahnen entwickelt, denn Baden hinkte um etliches dem Nachbarstaat nach. Obzwar eine eher zögernde Entwicklung des Zweiges, sogar in der Hochblütezeit vor 1874, für Baden und Württemberg gleichermaßen charakteristisch blieb, litt letzterer Staat auf die Dauer unter den Folgen weniger als Baden. Als Gründe der Stagnation im Textilwesen 5 Lütge, wie Anm. 2, S. 536, 541-45. 6 Der Versuch, den Jakob Lestschinsky in seinen Schriften, und insbes. im Aufsatz, Das wirtschafil. Schicksal des Deutschen Judentums (Berlin 1932) unternahm, ist interessant; doch liefert das Textilwesen kaum überzeugendes Belegmaterial dafür. 88 Die Blütezeit-1867 bis 1932 seien stichwortartig angeführt: Die Rohstoffkrise im Verein mit dem amerikanischen Sezessionskrieg (1862/65), welche besonders die bis dahin voranstrebende Baumwollindustrie durch extreme Schwankungen in den Preisund Lieferbedingungen des Rohmaterials verunsicherte7; dazu kam die im deutschen Zollverein verstärkt fühlbare Konkurrenz der preußischen und sächsischen Textilwerke, die sich nach der Einigung Deutschlands noch akuter bemerkbar machte. Obwohl die Mechanisierung der Textilproduktion und der Übergang zum Dampfantrieb in den sechziger Jahren, insbesondere in Württemberg, in technisch zufriedenstellender Weise vor sich ging, gab es dabei allenthalben Absatzschwierigkeiten für die Erzeugnisse. Die »Schwäbische Kronik« zählt als Gründe auf: Das Problem des Verhältnisses von Qualität und Preis der Ware sei in Württemberg, nicht wie in Sachsen oder Preußen, durch einen Kompromiß gelöst worden. Man produziere eben zu gute und zu teure Stoffe. Dabei geschehe es, daß man der Modeentwicklung nicht genügend Beachtung schenke, also der Nachfrage nicht entgegenkomme. überdies, und das sei wohl das Kardinalübel der verstreuten kleineren Unternehmen in Württemberg wie auch in Baden, fabriziere man »Alles durcheinander [ .. . ] was unbedingt der Leistungsfähigkeit<< der einzelnen Betriebe schädlich sei, so daß »die sächsischen und preußischen[ ... ] den unsrigen den Rang abgelaufen« haben8. Insbesondere für Baden ergab sich seit 1871 aus der Annexion der grenznahen elsaß-lothringischen Gebiete mit ihren leistungsfähigen Textilbetrieben ein vonJahr zu Jahr stärker fühlbar werdender Konkurrenzfaktor, der sich auch in der Statistik eindeutig ausdrückt. So muß das offiziöse Handbuch Badens im Jahre 1885 den geringen Grad der Entwicklung in der Wollindustrie zugeben, doch rühmt es dagegen das »hervorragende Wachstum« der Baumwollfabrikation. Die Wachstumszahlen, verglichen mit denen anderer Industriezweige, weisen jedoch keinerlei besondere Blüte für die gesamte badische Textilindustrie auf: Selbst die als blühend beschriebene Baumwollindustrie beschäftigte in Betrieben mit mehr als zwanzig Arbeitern9 imJahre 1869: 9900 Arbeiter; imJahre 1875: 12884 Arbeiter, und im Jahre 1882: 10621 Arbeiter. Sie hatte also am Gründerboom nur geringen Anteil und wurde bald wieder rückläufig. Während nun imJahre 1882 in der gesamten Textilindustrie von Württemberg etwa 33500 Personen beschäf7 Vgl. dazu die Memoiren von JOSEF RAFF, ALB! , N . Y., teilw. abgedr. ToURY , Dokumentation, S. 268f . 8 Schwäb . Kronik d. Schwäb. Merkurs : »Eingesandt (E.E.) - Die Württembergische Tuchfabrikation«, 9. 3. 1869, Nr. 57, II. Abtlg ., II. Blatt. 9 Zitate und einige der folgenden Zahlen aus: Das Großherzogtum Baden. Karlsruhe 1885, Kap. IX . Ergänzende Zahlen, WOLFRAM FISCHER , Der Staat und die Anfange der Industrialisierung in Baden , 1800-1850, Bd. I, Berlin 1962, Tabellen S. 320f. Die Konjunkturentwicklung in Südwestdeutschland 89 tigt waren (allerdings ebenfalls 16% weniger als 1875!), beschäftigten die badischen Unternehmen damals kaum mehr als 20000 Arbeiter1o. Daß Stagnation und Rückgang in Baden nicht nur auf den »Gründerkrach« zurückzuführen waren, sondern tiefere Ursachen hatten, geht aus dem weiteren langsamen Wachstum der badischen, gegenüber der württembergischen, Textilindustrie hervor: Tabelle 6: Gesamtzahl der Arbeiter, Spindeln und Webstühle (Baumwolle) 11 : (Prozentstand nach der Basis von 1924/ 5) Württemberg Baden 1893 Arbeiter ca . 38 000 (46%) ca. 25 000 (65%) Spindeln 499 492 (53%) 402 088 (72 %) Webstühle 11 865 (45%) 11 996 (62%) 1901 Spindeln 673 441 (72%) 475 044 (85%) Webstühle 18 838 (72%) 15 119 (77%) 1913 Spindeln 882 998 (95%) 550 436 (95%) Webstühle 25 238 (96%) 18 503 (96%) 1924 /5 Arbeiter ca . 80 000 (100%) ca . 38 500 (100%) Webstühle 26 289 (100%) 19 260 (100%) Spindeln 935 057 (100%) 557 916 (100%) Auch die Entwicklung der Zahl der Betriebe in Baden redet eine deutliche Sprache: Von 1869 bis 1925 stieg sie (ohne die Konfektionsbranche) nur von 95 (= 50%) auf 192 (= 100%), während gleichzeitig die Bekleidungswerke in auffallendem Maße von 12 (= 11%) bis auf 105 (= 100%) zunahmen. Insgesamt vermehrten sich jedoch sämtliche Textilunternehmen in Baden zwischen 1869 und 1925, selbst unter Einschluß der Konfektion, nur von 107 (= 36%) auf 297 (= 100%) Betriebe, so daß dieser anfänglich in der Industrialisierung Badens führende Gewerbezweig bald von der Nahrungsund Genußmittelfabrikation (691 Betriebe mit ca . 48000 Arbeitern) und schließlich auch von der Eisenindustrie (364 Betriebe mit etwa 68000 Beschäftigten) weit überflügelt wurde 12 . 10 LORETH, wie Anm. 3, S. 53. Huco RIEDE , Die Entwicklung der Württ. Textilindustrie, Heidelberg 193 7, Anhang, Tab . 4. 11 Die Zahlen nach WILH . RIEGER, Verzeichnis der im Dt. Reiche auf Baumwolle laufenden Spindeln und Webstühle, Stuttgart 1893, 1895, 1898, 1901, 1905, 1908, 1913, 1925. Die Tabelle in ihrer vorliegenden Form ist bearbeitet nach den von Dipl. Volkswirt Peter Zimmermann gefertigten Manuskript-Notizen für diesen Teil des Buches, die im Archiv des LBI New York deponiert sind (fernerhin zitiert: Zimmermann, Materialien) . Die Arbeiterzahlen lt. Wolfram Fischer, wie Anm. 9, dazu HERM . SCHÄFER, Bad . Geschichte, Hg .: Landeszentrale f. polit. Bildung, Stg. 1979, S. 175. 12 Zusammengestellt nach den in Anm . 9--11 genannten Arbeiten. 96 Die Blütezeit-1867 bis 1932 oder ohne Angehörigen, in ihrem Weichbild aufnahmen. Dagegen entwikkelte sich nach 1862 im bis dahin judenleeren Offenburg eine größere Gemeinde. Ähnliches geschah damals auch in Freiburg und in Konstanz, worüber im nächsten Paragraphen die Rede sein wird. Es ist bemerkenswert, daß gerade in mehreren der bisher judenleeren kleinen Orte Betriebe der Primärund Sekundärproduktion, also Spinnereien und Webereien, gegründet wurden, deren Rentabilität an größeren Plätzen den jüdischen -wie auch den nichtjüdischen -Besitzern in zunehmendem Maße zweifelhaft wurde. Die Zahlen reden eine ganz eindeutige Sprache: Zwischen 1862 und 1932 bestanden in ganz Baden überhaupt nur 15 Seiden-, Wollbzw. Baumwollspinnereien und -webereien in jüdischem Besitz oder Teilbesitz -wobei allerdings die RoßhaarspinnereienS, sowie Betriebe zur Produktion von Grobtextilien und Kunstfasern nicht berücksichtigt sind, da letztere ja zunächst als Neuentwicklung mit scheelen Blikken angesehen wurden. Von den Spinnereien und Webereien befanden sich nur zwei in den größeren Zentren der Textilindustrie (Konstanz, Freiburg), während zehn Baumwollwebereien in Meersburg (3) , Bühl (2), Schielberg, Frauenalb, Lahr, Säckingen, Todtnau Ge 1) angesiedelt waren. Dann gab es um 1900 eine Seidenweberei in Waldshut (Geilinger & Gugelmann), eine Wollweberei in Denzlingen (S . Marx u. Sohn bis etwa 1911), und seit dem ersten Weltkrieg eine Baumwollspinnerei in Waldkirch (M. Rothschild u. Söhne, bis zur Nazizeit), die mit 10290 Spindeln damals eine der größten jüdischen Fabriken Badens war6. Allerdings bestanden die Werke nicht alle zur gleichen Zeit. Die beiden Bühler Webereien, darunter eine der ältesten jüdischen Textilfabriken in Baden überhaupt, (Fa. Massenbach & Kusel), sowie eine Trikotweberei (Edelsheimer) schlossen ihre Tore noch vor Anlegung der allgemeinen »Spindelund Webstuhlverzeichnisse« 7, welche die Kapazität der größeren Baumwolle verarbeitenden Betriebe zwischen 1893 und 1924 getreu registrieren. Die Bühler Trikotweberei fiel etwa 1875 der Gründerkrise zum Opfer, während die Spinnerei und Weberei Massenbach & Kusel um 1890 stellt werden . Über die judenleeren Orte , vgl. HuNDSNUR S CHER-T ADDEY , Die jüd. Gemeinden in Bad en, passim, lt . Register und Inhaltsverzeichnis. 5 Von denen eine oder gar zwei jüd . Unternehmen in Eb erbach ums Jahr 1925 belegt sind (Heinr. Mayer; Meier & Sigmund), vgl. Die Industrie in Baden (wie Anm . 2). 6 Waldshut belegt: GLA Freibur g 317/346; Denzlingen: a.a.O ., Amtsger i cht Emmendingen, Handelsregister B 1, S. 89ff.; Waldkirch : HStA Stgt. J 355, K. 172; Spindelzahl: GLAK 237 1 27109. 7 WILHELM RIEGER, Verzeichnis der im Dt. ReicheaufBaumwol/e laufenden Spindeln und Webstühle , Stuttgart 1893, 1895, 1898, 1901, 1905, 1908, 1913, 1924. Die jüdischen Großtextil.firmen in Baden, 1862-1932 97 der Konkurrenz elsässischer Fabriken erlag. In dem ehemaligen Fabrikgebäude befand sich dann jahrzehntelang das Bühler Gymnasium8. Über die anderen, meist kleinen, Baumwollwebereien gibt das genannte Verzeichnis folgende tabellarisch zusammenfaßbare Auskunft: Tabelle 7a: Jüdische Baumwollwebereien an drei badischen Orten -Entwicklung 1893-1924 Ort/Jahr Schielberg/Frauenalb Meersburg Todtnau 1893 Raphael Dreyfas u. Söhne; J. Koblenzer, Oscar Wo/ff, 144 Stühle 134 Stühle 150 Stühle 1895 Dreyfus ex, dafür Eymer & J. Kobl en ze r, Oscar Wo/ff, Löb, 244 St. 134 Stühle 150 Stühle 1905 ex J. Koblenzer, ex 100 Stühle 1913 ex A. &J. Erlanger, ex 122 (bis 414!) St. 1924 ex ex. übernommen ex durch Raff& Sohn, Augsburg, bis 1937 Um die Aufzählungen der Webereibetriebe abzurunden, seien noch eine Lohnweberei in Säckingen, die bis 1939/40 einer Zürcher jüdischen Gesellschaft gehörte, sowie die Aktiengesellschaft Zimmermann & Co in Lahr erwähnt, die einen jüdischen Gesellschafter namens S. S. Haberer hatte, an dessen Stelle dann seine nichtjüdische Frau im Jahre 1939 in die Firma eintrat 9. Im ganzen können die obigen Angaben eher die Schwierigkeiten der kleinen und verstreuten Betriebe, als eine Blüte jüdischer Wirtschaftsinitiative in Baden unter Beweis stellen. In den Betrieben unter jüdischer Leitung oder Beteiligung liefen 1893/95 maximal 400--450 Webstühle, bei einer Gesamtzahl von etwa 12-13000 Stühlen in Baden. Das sind 3,4%. Welch ein Rückgang des jüdischen Anteils an der Produktion seit dem Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als etwa die Hälfte aller Spindeln und Webstühle Badens in den beiden von jüdischen Bankiers bewirtschafteten Werken in St. Blasien und Ettlingen liefen 10 ! An einer so umwälzenden Änderung der Verhältnisse kann nicht nur der allgemeinen Wirtschaftskrise die Schuld gegeben werden. Schließlich waren ja auch Nichtjuden von der s Über die Bühler Webereien vgl. oben, Teil 1, Kap. 5, sowie Hundsnurscher-Taddey (wie Anm . 4) , S. 65 . 9 HStA Stgt., J 355 K 166. 10 Vgl. oben, Teil 1, Kap. 4. 98 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Krise zumindest in gleichem Maße betroffen, und doch liefen tagaus tagein tausende von Spindeln und Webstühlen in Baden. Man muß also in Betracht ziehen, daß jüdische Unternehmer in den meisten Fällen dem kleinen oder mittleren Familienbetrieb den Vorzug vor einer anonymen Großgesellschaft gaben, daß aber der Familienbetrieb nicht nur auf einer geregelten »Erbfolge« basierte, sondern auch oft durch Expansionsoder technischen Neuerungszwang in Kapitalnöte geriet, daher auch den Konjunkturschwankungen höchstens eine (nicht immer angebrachte) strenge Sparsamkeit entgegenzusetzen hatte. Die Geschicke der bereits in der vorhergehenden Tabelle genannten Konstanz-Meersburger Firma Koblenzer soll diese Folgerung belegen helfen. Die Gründungsinitiative ging von dem Konstanzer Kaufmann Jacob Koblenzer11 und seinem Bruder Adolf K. in Ulm aus, der mit seinem Sozius Isaak Bernheim unter der Firma »Mechanische Baumwollweberei« bereits um 1874 als Erzeuger von »rohen und gefärbten Baumwollstoffen« in Meersburg belegt ist 12 . Das Verkaufsbüro befand sich zunächst in Ulm, wurde aber -wohl im Verfolg der seit 1875 stärker spürbaren Krise -noch vor 1880 geschlossen. Nun konzentrierte sich die Leitung in Konstanz und Meersburg. Noch vor der Jahrhundertwende übernahmen die Neffen der Gebrüder Koblenzer, Adolf und Jacob Erlanger, die Leitung der Fabrik und verlegten ihren Wohnsitz nach Meersburg. Sie steuerten das Unternehmen durch die schweren Jahre bis 1906, und dann erreichte die Fabrik ihre höchste Blüte: Nach einem Brand im alten Fabrikgebäude entstand 1910 eine moderne Neuanlage am Stadtrand 13 . Dort arbeiteten vor Ausbruch des ersten Weltkriegs etwa 300 Männer und 200 Frauen an 414 Stühlen 14 , und in dem allgemeinen Aufschwung mochte es scheinen, als hätte sich Meersburg auf der Karte der Textilindustrie endgültig etabliert. Doch der erste Weltkrieg änderte dies. Der einzige männliche Spross der Erlanger-Familie fiel an der Front, die Töchter hatten auswärtige Akademiker geheiratet, und die nunmehr ältlichen Senioren, Adolf und Jacob Erlanger, fühlten sich der Nachkriegs-Krise und dem Neuanfang nach der Stabilisierung der Mark nicht mehr gewachsen. Sie hatten alles getan, das Werk vor der Schließung zu bewahren, trotzdem »die Aufträge erschöpft« waren und »Außenstände nicht eingehen«. Mit 70 Arbeitern und 12 Angestellten sahen sie sich genötigt, im Oktober 1923 Kurzarbeit an zwei Wochentagen 11 So ERICH BLOCH, Geschichte der Juden von Konstanz, 1971, S. 70. Korrekturen dazu s. nächste Anm. 12 Lt. Fabrikzählung vom 1. Dez. 1875, s. auch Adreßbuch Ulm unter »lsak Bemheim(er)« und »Gebr. (A . u. J.) Koblenzer«, 1876, 1878. lJ BLOCH , wie Anm . 11. 14 GLAK 237 /29110, wodurch die in der Webstuhlliste angegebene Zahl von 122 Stühlen (vgl. Anm . 7) erheblich modifiziert ist. Die jüdischen Großtextil.firmen in Badrn , 1862-1932 99 einzulegen, um »die Arbeiterschaft beibehalten zu können (( 15 . Sobald sich dann die Wirtschaftslage stabilisierte, suchten und fanden sie einen Käufer für die Fabrik: Die Firma Raff u. Sohn, die, vonJebenhausen/Göppingen kommend, seit 1874 zunächst in München und schließlich in Augsburg ihren Standort gefunden hatte und jetzt die Meersburger Weberei als Filiale entwickeln wollte. Bis 1929 ging alles nach Wunsch. Doch dann schrumpften die Aufträge, mehrten sich die Entlassungen, und die Kündigung der letzten 37 Arbeiter und 6 Angestellten mußte von den Behörden am 26. Oktober 1932 als unvermeidbar genehmigt werden 16 , so daß die Fabrik nach achtundfünfzigjährigem Existenzkampf und nur kurzen und oft unterbrochenen Blütejahren, ihre Tore endgültig schloß. Die drei Besitzerfirmen hatten sich jeweils von der günstigen Konjunktur (1874, 1910, 1924/25) und von dem Angebot an billigen Arbeitskräften, zur Gründung bzw. Übernahme und Erweiterung des Betriebes motivieren lassen, ohne die verhältnismäßige Ungunst des von Hauptverkehrswegen abgelegenen Standortes zu berücksichtigen -falls sie nicht allzu sehr auf einen Export ihrer Erzeugnisse nach der Schweiz rechneten. Die Familien Koblenzer und Erlanger hatten zwar beim ersten Generationenwechsel vor der Jahrhundertwende das Glück, in den beiden Neffen sehr fähige Geschäftsleiter gefunden zu haben. Dann aber überholte sie das Mißgeschick. Anstelle einer dritten Generation erwarb sich eine bayerische Firma nun in Baden eine Filiale, die dann ohne Sentimente dem Rotstift zum Opfer fallen mußte, als es die Konjunktur erforderte. Daß auch die bayerische Firma jüdisch war, tut dabei nichts zur Sache. Die Spinnerei und Weberei in Baden war eben nicht recht krisenfest und wurde darum um so eher abgeschrieben, als damit keine Familienbelange mehr betroffen waren. Wenn demnach in den kleineren badischen Orten die Primärproduktion vielen Juden aus diesen oder jenen Gründen nicht mehr attraktiv erschien, welche Fabrikationszweige zogen sie also an? Die Statistik weistaußer den Spinnereien und Webereien -noch 29 Fabrikbetriebe aus, die branchenmäßig in drei oder vier große Sparten eingeordnet werden können: 10 Werke für Ober-und Unterkleidung (Kleiderfabriken, Arbeitskleidung, Schürzen-, Hemden-, Korsett-, Wäschefabriken). Dazu: 3 Werke für Filzhausschuhe, gewebte od. gestrickte Handschuhe 17 etc. 15 GLA Freiburg , 317 / 474, Liste der Betriebsstillegungen, Eintrag Nr . 56 vom 23 . Okt . 1923 . 16 A.a.O., Eintrag Nr . 47 vom Jahre 1932. 17 Bei den Hausschuhfabriken handelt es sich festgestelltermaßen um Stoffe und Filze verarbeitende Werke. Dagegen ist nicht klar, ob es sich bei den Handschuhfabriken vielleicht 100 Die Blütezeit1867 bis 1932 5 Werke für Grobtextilien (Roßhaar-, Seegrasspinnereien, Gurte-, Planen-, Decken-, Sackfabriken 11 Werke für Lumpenverwertung (Reißwoll-, Putzwoll-, Kunstwoll-, Kunstbaumwollfabriken, Putz-, Polierwolle, Zellstoff, Kartonagen u.ä .). Zu diesen Angaben soll gleich angemerkt sein, daß die größten Unternehmen in der Lumpenverwertung und die kleinsten Einund Zweifamilienfirmen in der Hemdenund Wäscheherstellung zu finden waren. Letztere blieben bis 1932 oft durchaus im Rahmen des Wohnungsbetriebs mit Nähmaschinen in 2-3 Räumen, oder aber im Rahmen des ursprünglichen Verlagssystems mit Ausgabe von Materialien an Heimarbeiter(innen) und Endfertigung (Konfektionierung) durch die Familie des Entrepreneurs. Teilweise bestand auch eine mehr oder weniger lockere Verbindung beider Systeme. Die Benennung »Fabrik« ist also vielleicht etwas großspurig, da die Zahl der festangestellten Fabrikund Bürokräfte, gegenüber den Heimarbeitern, sehr gering war. So hatte z.B. die Wäschenäherei der Geschw. Mayer in Emmendingen nur zwei fest angestellte Arbeiter(innen). Auch die Betriebe der Lumpenverwertung und die Grobtextilwerke kamen oft mit 10-15 Arbeitern 18 aus, und nur einige größere Werke beschäftigten bis zu 50 Arbeitskräften 19 , so daß sie zumindest damit der Definition einer »Fabrik« entsprachen. Jedoch beschäftigten viele Betriebe dieser Art in der Regel nicht mehr als 5 Mitarbeiter. Demgegenüber hatten einige Konfektionsbetriebe von 10 bis an die 40 Angestellte 20 , jedoch arbeiteten diese zum guten Teil als Verkäufer und Verkäuferinnen, da es sich ja um große Ladengeschäfte handelte. Die Fertium Leder verarbeitende Unternehmen handelt. Jedenfalls sind zwei Heidelberger Handschuhfabriken hier aufgenommen, da sie zu Einzelhandelsfirmen der Textilbranche gehören. Vgl. AB 1931, unter Gebr. Rothschild, Silbermann. 18 So . die Emmendinger Lumpensortieranstalt der Gebr. Kahn, die 15 Arbeiter beschäftigteund das noch 1937/38! Vielleicht lagen die Zahlen der Beschäftigten also vor der Nazizeit um einiges höher. GLAK237/40492, 40501. Dort auch die Angestelltenzahl der Näherei Geschw. Mayer. 19 30 Mitarbeiter hatte die Fa. R. Behr (Baer?) in Rastatt, 40 die Lumpensonieranstalt J. Ohlhausen in Schwetzingen und 50 Leo Mayer in seiner Kunstwollfabrik in Ruchsen. HStA Stgt.J 355 K 62, 313; GLAK237/40501. 20 So beschäftigte z. B. das Damenkonfektionshaus (mit Eigenfertigung) L. Mayer in Baden-Baden 39 und die Konfektionsfirma Hauser u. Levy in Offenburg mindestens 10 Mitarbeiter. Diese Zahlen, die für die Zeit nach 1933 gelten, können früher sogar noch höher gelegen haben HStA Stgt. K 313; GLAK 237/40470. Oberhaupt legte das Gesetz gerade bei Konfektionsbetrieben die Mindestzahl von 10 Arbeitern als unterste Grenze eines der Fabrikinspektion und ihren Verordnungen unterstehenden Betriebes fest (1909), nachdem schon vorher eine kleine Werkstatt, die für einen Zwischenmeister oder Unternehmer arbeitete, welcher» Waren in Massen herstellen läßt«, als »Herstellung im Großen« behandelt wurde. GLA Freiburg 317/ 336, Min. d. 1., Karlsruhe, 25 . 6. 1903 und 31. 12. 1909. Die jüdischen Großtextil.firmen in Baden, 1862-1932 101 gung mag zum Teil auch als Heimarbeit außer Haus stattgefunden haben. Jedenfalls liegen selbst für die sogenannten »Kleiderfabriken« keine höheren Zahlen vor, doch könnten z. B. die» Vereinigten Heidelberger Kleiderfabriken« in Zeiten der Konjunktur durchaus eine etwas zahlreichere Belegschaft gehabt haben. Sowohl bei der kurzen Erwähnung der Bekleidungsindustrie und der Fabrikund Maßkonfektion, wie auch -die Gegensätze berühren sich - hinsichtlich der Stapelung und Verarbeitung von Haderlumpen und Textilabfällen, sind sowohl im bisher Gesagten die Grenzen zwischen Einzelund Großhandel, bzw. industrieller Fabrikation und handwerklicher oder sonstiger manueller Bearbeitung der Materialien, einigermaßen verwischt worden. Es ist also durchaus möglich, daß dieses oder jenes Unternehmen übergangen, ein anderes aber aufgenommen wurde. Die entscheidende Überlegung war jedenfalls, daß die Zweifelsfälle sich immerhin in der Statistik ausbalancieren sollten. Ahnliche Abgrenzungsschwierigkeiten existieren auf dem Gebiete des Großhandels, insbesondere in den kleineren und kleinsten Orten. Wie ist es beispielsweise zu erklären, daß in Großeicholzheim (Kr. Buchen) zwei jüdische Textilwarengeschäfte, in Kleineicholzheim und in Kuppenheim (Kr. Rastatt), sowie in Freudenberg (Kr. Tauberbischofsheim) je drei Textilgeschäfte und in Kippenheim (Kr. Lahr), dem Ort von Josua Uffenheimer21, sogar mindestens sechs jüdische Textilwarenhändler 22 existierten? Es sollte klar sein, daß die Bedarfsdeckung der Ortsbevölkerung so viele Geschäfte nicht jahrzehntelang am Leben erhalten konnte. Mit anderen Worten, sie mußten in dieser oder jener Form eine Belieferung der weiteren Umgebung anstreben. Tatsächlich scheinen viele dieser Firmen sogenannten Reisegeschäfte gewesen zu sein. Das heißt: Während ein oder zwei Familienmitglieder den Laden hüteten, bereisten andere die Orte in der Umgebung, um Bestellungen aufzunehmen, sei es auf tatsächlich im Geschäftshaus gelagerte Waren, sei es -wie bei den eigentlichen Reisevertretern üblich - auf Grund von Fabrikund Großhändlermustern. So verwischt sich wiederum die Grenze zwischen dem Reisegeschäft und den Vertretern, ebenso wie die Grenze zwischen dem dörflichen Einzelhandel und dem Großhandel fluktuiert. Oder wie wäre es sonst zu erklären, daß von einem der Textilhändler aus Großeicholzheim berichtet wird , er habe »ein gut gehendes« Geschäft geführt rnnd ebenfalls große Kundschaft im benachbarten Odenwald « gehabt23? Das mag durchaus bedeuten, daß er den Vermischtwarenhandlun21 Vgl. Teil 1, Kap. 2. 22 HuNDSNURSCHER-TADDEY (wie Anm . 4), S. 115, 154, 15 7, 173. 23 HStA Stgt.J 355 K 40. 102 Die Blütezeit-1867 bis 1932 gen der kleineren Nachbarorte diejenigen Textilien, die sich für sie zu führen lohnten, auf Kommission oder auf Kredit lieferte, also ihnen gegenüber als Großhändler funktionierte. Trotzdem ist von den erwähnten Dorfgeschäften nur ein Textillager und Büro in Kippenheim mit unbezweifelbar großhändlerischem Charakter in die hier erstellte Statistik aufgenommen worden. Weitere Reisegeschäfte, deren Affinität zum Großhandel feststeht und die deshalb statistisch berücksichtigt sind, gab es in Baden-Baden, Bruchsal, Ettenheim, Freistett, Friesenheim, Ihringen, Hüffenhardt und Offenburg. Interessant ist die Ihringer Firma 24 , da sie mit dem Reisegeschäft auch einen Textil-Versandkombinierte. Die Versandgeschäfte sind nun wiederum ein Grenzfall und gehören eigentlich nicht in unsere Aufstellung, denn sie wenden sich in ihren Inseraten und mit sonstiger Reklame direkt an den Endverbraucher, den sie dannja auch beliefern. Doch liegt ein fachmännischer Kommentar aus dem Jahre 1930 vor, der das Versandwesen durchaus dem Großhandel zurechnet. Die Begründung ist, daß die Versandhäuser angesichts der »verhältnismäßig schneller wechselnden Moden [ ... ] ein Lager unterhalten, dessen Anschaffung und Führung im allgemeinen Kapitalien erfordert, über welche der Kleinhändler«, besonders in Provinzorten, einfach »nicht mehr verfügt« 25 . In den kleineren Zentren Badens konnten von solchen, an den Grenzen des Großhandels rührenden, Textilbetrieben die folgenden festgestellt werden: Versandhäuser Reisegeschäfte Vertretungsagenturen 4 9 3 16 Interessant ist, daß einige der größeren Vertreter, wie auch der Versandfirmen, gerade in Gailingen ihr Zuhause hatten. Das läßt sich wohl damit erklären, daß manche » Gailinger Juden [ ... ] als Vertreter deutscher Firmen in der Schweiz und schweizerischer Firmen in Deutschland tätig waren« 26 . Die jüdische Aktivität bei Import und Export von Textilien läßt sich allerdings aktenmäßig nur schwer belegen. Daher müssen dann die wenigen für jüdische Großhandelsfirmen aufgefundenen Daten als beispielhaft für sonst fehlende Angaben gewertet werden. Doch zuvor ist wohl eine allge24 A.a. O., K 61. 25 ALFRED MARCUS, Die Wirtsch. Krise des deutschen Juden, Berlin 1931 , S. 80f . Hier gerade auf die Herrenmode angewandt, doch auch »in anderen Zweigen der dt . Textilwirtschaft festzustellen«. A.a. O„ S. 81. 26 HUNDSNURSCHER-TADDEY, S. 101. Ein ähnlicher Hinweis der Verf . auf das Vorkommen mancher Auslandsvertreter unter den Juden von Lörrach (a . a.O ., S. 182), läßt sich nur in einem Fall aus den Akten sicher belegen. GLAK 237 /40492. Die jüdischen Großtextilfirmen in Baden , 1862-1932 103 meine Übersicht der jüdischen Textilgrossisten an den bisher betrachteten Orten als Hintergrund für die Außenhandelstätigkeit zu erstellen. Außer 18 Stoffabfallund Hadern-Sortieranstalten und -Großhandlungen, die teilweise das Ausland belieferten 27 , sowie den vier-ebenfalls bereits erwähnten -Versandhäusern, die eher Waren einals ausführten, sind als eigentliche Großhandlungen aufzuzählen: 1 Konfektionsgroßhandlung 2 Möbel-, Polsteru. Matratzenstoffgroßhandlungen 3 Futteru. Schneiderbedarfsfirmen 4 Weiß-, Wirk-, Baumwoll-, Strumpfu. Trikotagenfirmen 4 Kurzwarengroßhandlungen 17 Großhandelsfirmen für Tuche u. Manufakturwaren 31 Größere Konzentrationen dieser (31 + 18 + 4 =) 53 Geschäfte, zu denen dann noch die 12 Reisegeschäfte und Agenturen zur Gesamtsumme von 65 Firmen hinzutreten können, befinden sich, außer den bereits erwähnten fünf Agenturen in Gailingen, vier in Offenburg, und je 7 in Bruchsal, Heidelberg und Lörrach, so daß an fünf Orten beinahe 50% aller Grossisten angesiedelt waren. Um einen Eindruck von Umfang und Zusammensetzung des Großhandels zu erhalten, sei als Beispiel eine ausführliche Schilderung der Verhältnisse in Bruchsal geliefert, einerseits, weil mehrere Quellen darüber vorliegen, andererseits aber auch, weil sich dort etwas über das bereits angesprochene Volumen des Außenhandels jüdischer Firmen ablesen läßt: Ein Beispiel:Jüdische Großhandelsfirmen in Bruchsal 1. Basinger Karoline: Musterlager ( Weißwaren. Mitinh. Jos. Basinger, Vertretungen (gegr. vor 1927, bis 1938) 2. Dreyfuß-Schmidt (dann: Nachf. : David Rindsberg): Futteru. Schneiderbedarfs-Grhdlg. (gegr. vor 1927, bis 1930/32). 3. Gross & Cie (Leop. u. Jul. Gross): Korsettfabrik u. -Großhandel (belegt 1871-77, möglicherweise länger). 4. Herzog Berthold: Herrenstoff-Großhandlg. (gegr. 1902, bis 1938). 27 Über Lumpenexport nur ein allgemeiner Satz aus den »Mitteilungen der Handels-Kammer Karlsruhe« in: Bad . Wirtschafts-Zeitung 1928, S. 92 : .. . Besonders ruhig verlief das Ausfuhrgeschäft mit den westlichen Ländern, die in früheren Jahren das Hauptabsatzgebiet bildeten. Der Osten trat als Käufer stärker auf, ist aber infolge seiner langsamen Zahlungsweise kein begehrenswertes Gebiet ( ... ) Bei dem starken Anteil großer jüdischer Firmen an diesem Branchenzweig ist es selbstverständlich, daß sie in entsprechendem Maße auch am Exportgeschäft beteiligt waren. Einzelbeispiele folgen, soweit vorhanden. 104 Die Blütezeit -1867 bis 19 32 5. Loeb & Rothschild: Polstermaterialien-Grhdlg. (gegr. vor WK I, bis 1938). 6. Oppenheimer Louis: Uniformtuch-Grhdlg. (Mitinh.: Jakob 0 ., Otto 0.), (gegr. 1803, bis 1938). 7. Sulzberger Sigmund: Putzlappen-, Polierscheibenu. SchleiftücherGrhdlg., (gegr. vor 1911, bis nach WK I). Vier der sieben Firmen 28 waren wohl noch im 19. Jahrhundert entstanden, und unter ihnen befindet sich die älteste und langlebigste Textilfirma Badens, Louis Oppenheimer (1803-1938). Es ist übrigens möglich, daß auch die Firma Herzog beinahe gleichaltrig war. Denn die Michelfelder Uniformtuchfabrik der Familie Oppenheimer, über die bereits ausführlich oben im ersten Teil die Rede war, hatte kurz nach ihrer Gründung einen Teilhaber namens Herzog, dessen Spuren sich allerdings dann bald verloren. Es mag sein, daß Herzog nach Bruchsal übersiedelte, wie es ja um 1862 dann auch die Firma Oppenheimer tat. Beide Firmen verzichteten allerdings bald nach der Reichsgründung auf Eigenproduktion, da sie sich der preußischen und sächsischen Konkurrenz nicht gewachsen fühlten. Zwar versuchte die Fa. Oppenheimer auch in Bruchsal, mit Weben von Öl-Sacktüchern zumindest für einen ihrer Spezialartikel die Produktion in Heimarbeit fortzusetzen, doch damit konnte sie sich bei steigender Mechanisierung nicht über Wasser halten. So blieb sie im Uniformtuchgeschäft, ließ aber, nach Schließung der Michelfelder Weberei (1872), bei anderen Firmen außerhalb Badens nach eigenen Spezifikationen, und nach 1918 auch unter eigenen Markenzeichen (Ello, Lob), weben. Von 1908 bis 1916 hatte die Firma eine Zweigniederlassung in Berlin, die dann der Kriegswirtschaft zum Opfer fiel. Am Ende des ersten Weltkriegs kaufte die Firma Oppenheimer von der badischen Bekleidungsstelle, die aufgelöst werden mußte, in Waggonladungen tausende von Metern des nicht mehr benötigten feldgrauen Tuches. Daß eine solche Investition -zunächst vielleicht von patriotischen Erwägungen beeinflußt -während der Inflationskrise und der Flucht in die Sachwerte positiv zu Buch schlug, kann nicht geleugnet werden. Jedenfalls aber ging die Firma nach der Inflation auch zum Vertrieb ziviler und gemusterter Stoffe über und importierte sogar englische Tuche, insbesondere den sogen. Harrison-Tweed. Als ausländische Märkte für deutsche Waren erschloß das Bruchsaler Großhandelshaus insbesondere die Schweiz, aber auch Belgien, Luxemburg, Finnland, Jugoslawien und Lettland 29 . Stellvertretend muß dieser Bericht auch für die zweite Tuchgroßhand28 Nr. 3, 4, 6, und vielleicht auch Nr. 5 und/oder 7. Quellen: HUNDSNURSCHER-TADDEY, s. 58f„ HStA Stgt., S. 355, K. 15; AB; und vgl. auch Q . in den folgenden Anm. 29 LBI NY, AR-7044, schwarzer Einband in Mappe 3, passim. Die jüdischen Großtextil.firmen in Baden, 1862-1932 105 lung, die erwähnte Firma Herzog, gelten, von der keinerlei Einzelheiten überliefert sind. Demgegenüber hat die Bruchsaler Korsettfirma Gross & Cie in den Akten des Handelsministeriums vom Jahre 1877 lobende Erwähnung gefunden, da sie »den Anschluß an Württemberg« dadurch herstellte, daß sie »diesen Industriezweig im Lande einführte, in großem Umfange mit ersprießlichem Erfolg betreibt und den an sie ergehenden Aufforderungen zur Beteiligung an Ausstellungen, auf welchen sie -so in Paris, Wien .und Philadelphia - bisher auch stets mit hohen Preisen bedacht wurde«, gern entsprach und dazu noch nicht einmal staatliche Beihilfe in Anspruch nahm 30 ! Das Unternehmen muß also wohl bis in die Vereinigten Staaten exportiert haben, mag aber nach 1890 durch Verlust dieses Marktes die Produktion eingestellt haben. Jedenfalls ist die Fa . Gross & Cie später nicht mehr belegt. Dagegen blühte gerade vor dem ersten Weltkrieg die auf Putzlappen, Schleiftücher und Polierscheiben spezialisierte Firma Sigmund Sulzberger, welche in Bruchsal den neuaufsteigenden Zweig der Textilabfall-Verwertung vertrat 31 , da ja die von ihr vertriebenen Erzeugnisse aus den bei der Hadernund Abfallbearbeitung rückgewonnenen Materialien hergestellt sind. Es ist zweifelhaft, ob dieser Betrieb den ersten Weltkrieg und die Inflationszeit überlebt hat. Die Bruchsaler Unternehmen, die diese Krisen überstanden, waren dann allerdings recht substantielle Betriebe. Steuerrollen konnten zwar nicht eingesehen werden, aber von zwei Firmen sind Angaben über den Reingewinn erhalten. Die kleinere will vor 1932 etwa 10000 RM jährlich verdient haben, die größere hat aber bilanzmäßig mehr als das Dreifache dieser Summe als Nettogewinn ausgewiesen 32 • Kurz -die Anzahl der im Großen in der Textilbranche tätigen Juden in Bruchsal war -unter den etwa 600 Mitgliedern der Gemeinde -nicht gerade hervorstechend; aber ihre wirtschaftliche Bedeutung überstieg bei weitem ihre beschränkte Zahl. Das mag nicht nur für Bruchsal so gewesen sein. Es liegen z. B. Steuerlisten aus Lörrach und Lahr vor, welche gestatten, die Entwicklung von Firmen von etwa 1870 bis 1932, wenn auch mit gewissen Unterbrechungen, zu verfolgen. Vier Firmen, deren Bestehen durch fast 60 Jahre belegt ist, seien hier, in vergleichbaren Jahren, mit ihrem steuerpflichtigen Gewerbekapital vorgestellt 33 : 30 GLAK 236/9709, die Landesgewerbeausstellung in Karlsruhe betreffend, 20. Sept. 1877 . 31 Die Firma inserierte groß in der Mannheimer Ztschr. Süddeutsche Industrie, z.B. Jg. III, 1911, Nr. 1, Inneneinband, und folgende Nm . Ein anderer Lumpenverwertungsbetrieb, die Papierfabrik Weil, ist als nicht mehr zur Branche zugehörig, hier unberücksichtigt geblieben. 32 Um den Datenschutzvorschriften zu entsprechen, sind überall bei solch detaillierten Angaben nach 1914 / 18 Namen und/oder Quellen nicht genannt. 33 StA Lörrach: Akten V und Handelsregister. StA Lahr : Archivalien, Umlageregister und Handelsregister. Betreffs der Firmennamen vgl. die vorige Anm. 112 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Tabelle 9b : Fabrikbetriebe in Konstanz und Freiburg Konstanz Webereien Konfektionsfabriken s. Meersburg (1) 5 Arbeitskleiderfabriken Wäsche-, Hemden-, Schürzenfabriken Planen, Decken Reißwoll-, Kunstwoll-, Kartonagen- (Lum penverwertungs-) Industrie Strickwaren Taschentücher, Stickereien Krawatten, Seidenwaren Gardinenfabrik Hutfabrik Korsettfabrik Hosenträger-, Gürtelfabriken 1 7 3 5 26 (+ 1) Freiburg 4 (+ 1 Großschneiderei 2 4 2 1 2 18 (+ 1) Das absolute überwiegen der Betriebe des Nadelgewerbes ist ganz hervorstechend. In Freiburg gehören die Hälfte der Fabriken dazu, während in Konstanz mit dieser Bezeichnung alle bis auf zwei oder drei Betriebe umschrieben sind. Jedenfalls entwickelte sich bald auf diesem Gebiet die größte Konstanzer Industrieunternehmung überhaupt, die Firma L. Stromeyer & Co, Zeltfabrik und Textilwerke. Sie hieß ursprünglich (seit 1872) Landauer und Stromeyer und entstand auflnitiative vonJulius Landauer, der mit dem damals noch nicht volljährigen Ludwig Stromeyer eine Filiale Fürther Fabrikanten in Romanshorn übernommen hatte, sich dann dort verselbständigte und die Produktion Ende des Jahres 1873 nach Konstanz überführte. Landauer schied nach etwa fünf Jahren aus der Firma aus, die bis Ende des ersten Weltkriegs ohne jüdische Beteiligung arbeitete. Nach dem Krieg aber taten sich die zwei Brüder Ernst und Oskar Kauffmann, die ihre Fabrik im Elsaß aufgegeben hatten und nach Konstanz gezogen waren, mit dem Inhaber der Fa . Stromeyer zusammen und errichteten in Konstanz und Kreuzlingen die Arbeitskleiderfabrik Stromeyer und Kauffmann, an der sie bis zu ihrer Auswanderung um 1933 mitarbeiteten 41 . Übrigens gab es in Konstanz im Laufe der Jahre noch zwei andere Partnerschaften zwischen Nichtjuden und Juden im Textilfach, und auch in Freiburg existierten zwei solche Firmen, deren Inhaber nicht weniger harmonisch zusammenarbeiteten als jüdische Partner. Es mag manchmal, wenn man die häufigen Spaltungen und Umgründungen reinjüdischer Partner41 ERICH BLO CH (wie Anm. 35), S. 66--69 . Die jüdischen Großtextil.firmen in Baden, 1862-1932 113 schaften betrachtet, sogar der Eindruck entstehen, daß es unter den jüdischen Glaubensgenossen, die oft genug noch miteinander verwandt waren, erheblich hektischer zuging als in »gemischten« Firmen. Zwar pflegte man die Pietät auch im Geschäftsleben. So zum Beispiel firmierte Daniel Marx mit seinem Freiburger Manufakturenwaren(groß)- handel42 S . Marx & Sohn (1) , wohl um seinen Vater zu ehren. Erst als der Vater starb (anscheindend um 1877), lautete der Firmenname S . Marx Sohn (2). Etwa zehn Jahre später nahm Daniel seinen jüngeren Bruder Emanuel in die zur OHG umgewandelte Firma auf (3) , jedoch hielt diese Idylle nur drei Jahre stand, und Emanuel schied bereits 1889 wieder aus dem Geschäft aus. Das weitere ist nur deshalb geschildert, um dem Eindruck eines Familienidylls die rauhere Wirklichkeit entgegenzusetzen: Nach den Steuerakten hatte Daniel zwei Söhne, Leo undJulius, die beim Ausscheiden von Emanuel die Firma übernahmen und -teilten: Leo Marx (4) betrieb nur den Großhandel, ohne sich ins Handelsregister einzutragen, während die Firma Julius Marx (5) als Großund Einzelhandelsfirma eingetragen war. Sie wurde dann 1921 von ]ulius Marx mit seinem Sohn Erwin und einem anderen Partner als OHG (6) registriert. Schon ein Jahr darauf schied der Sohn Erwin aus und ein neuer Teilhaber wurde aufgenommen . 1932 trat Julius aus der Firma aus, und gleichzeitig wurde ein Vergleichsverfahren zur Abwendung des Konkurses eröffnet. Es endete mit der Auflösung der OHG. Noch weniger glücklich alsJulius, der immerhin über vierzigJahre seine Firma leitete, war sein Bruder Leo Marx (4), der zunächst nur dreiJahre lang allein seine Firma führte, aber schon 1892-vermutlich wegen geschäftlicher Schwierigkeiten -das Firmenschild in Leo Marx Nachf (4a) ändern mußte . Der Nachfolger und Geschäftsführer war niemand anderer als der seit 1889 zur Seite gedrängte Vater Daniel, der nun acht Jahre lang die Firma leitete, bis er bei seinem Rückzug ins Privatleben (1900) die Firma löschen ließ. Der vom Vater ausgebootete Sohn Leo Marx eröffnete 1896 eine neue Firma - Warenagentur Leo Marx (4b), die schließlich vom Großund Agenturhandel zum Kleinhandel mit Ausstattungen und zur Hemdenfabrikation überging (1911), dabei sogar auch einige Erfolge erzielte. Diese Firma wurde 1925 an einen Nichtjuden verkauft 43 . Die dürren Fakten einer solchen Firmenentwicklung enthalten -neben den in der Chronik nicht laut werdenden Familienreibereien -viel Mißerfolge und Krisen, welche das Bild korrigieren helfen, als ob alle jüdischen 42 Erstmals 1871 im Freiburger Adreßbuch. Die Nummern hinter den Personenbzw. Firmennamen sollen die Orientierung zwischen den Familienmitgliedern und ihren Firmierungen erleichtern. 43 Zusammengestellt v. P. ZIMMERMANN, Materialien (wie Anm . 34), lt. Adreßbücher und Handelsregister, StdA Freiburg. 114 Die Blütezeit - 1867 bis 19 32 Unternehmen von vornherein unter einem glücklichen Stern gegründet und zum Erfolg prädestiniert gewesen seien. Trotzdem bleibt die Tatsache augenfällig, daß der jüdische Anteil am lokalen Steuerertrag recht erheblich war. Für Konstanz liegen leider nur Bruchstücke aus den Listen der Steuerwerte vor, nach denen errechnet wurde, daß in den Jahren 1925-32, bei einem fallenden Bevölkerungsanteil von etwa 1,9%-1,6% der Gesamteinwohnerschaft, die 112 steuerpflichtigen jüdischen Firmen mit etwa 22% der Steuerwerte des gewerblichen Vermögens zu Buch standen. Wenn es damals in der Stadt rund 30 Textilgroßhändler und Fabrikanten gab, ist es jedenfalls sicher, daß sie mit erheblich mehr als einem Viertel an diesen Steuerwerten und am Steueraufkommen beteiligt waren 44 • Mehr läßt sich leider über die Größe und Wichtigkeit der Konstanzer Unternehmen nur insoweit aussagen, als einer der Besitzer der Damenkonfektionsfabrik Hoz und Kemper, Samuel Schatz, dessen Familie dann auch das Kaufhaus Schatz mit einer großen Textilabteilung eröffnete, von 1903 bis 1919 von seinen Mitbürgern zuerst in den Bürgerausschuß und schließlich dann in den Stadtrat gewählt wurde. Was nicht hinderte, daß er infolge der Wirtschaftskrise, als alter Mann, wieder beginnen mußte, Textilvertretungen zu übernehmen. Für Freiburg liegen zwar Angaben des Gewerbesteuerkapitals der Unternehmen vor, aber sie decken gerade nur eine Spanne von 25 Jahren. Sie beweisen immerhin, daß die Firmen, die so lange (und länger) existierten, Tabelle 10 : Das Steuerkapital dreier Firmen zur Freiburger Gewerbesteuer war 45 : 1899 (mit WachsIn Mark berechnet 1872/73 1878 1886/7 1893 turn seit 1872) 30000 Kurzwaren19000 70000 + 30000 54000 (+352%) Großhandelsfirma 30000 (1 Teilh.) (2Teilh.) Manufakturwaren- (1875) 16000 21000 27000 27000 (+315%) Großhandelsfirma 8500 GesamtGobtextilienwertm . 30000 16000 Grund- + 60000 74000 (+216%) fabrik stück 46 4500 86128 44 BLOCH, a. a.O., S. 71 f. Dort auch die folgenden Einzelheiten über S. Schatz. 45 Wie Anm. 43. 46 StdA Freiburg H, Nr. 12860. Vermögensaufnahme wegen Todesfalles. Die jüdischen Großtextil.firmen in Baden, 1862-1932 115 meist auch wirtschaftlich fundiert waren. Als Beispiele dienen zwei Großhandelsfirmen und eine größere Fabrik. Bei der Grobtextilienfabrik handelt es sich um die imJahre 1863 gegründete »Deckenfabrik« S. Weinheim und A. Pollack, wohl einer der größten jüdischen Industriebetriebe in Groß-Freiburg. Das Werk war in Haslach gelegen. Dort verarbeitete man Wolle und Grobtextilien verschiedenster Art Oute etc.), wie auch insbesondere Abfallmaterialien (»Kunstwolle«). Hergestellt wurden: Watte in verschiedenen Arten, »Fliesen«, (d . h. Vliese, oder breite Faserschichten) aus Wolle, Baumwolle, Seide, Jute. Diese Vliese dienten auch zur Polsterund Matratzenfabrikation, welche in einer besonderen Werksabteilung betrieben wurde 47 • Daneben gehörten auch Decken, Planen, sowie Säcke, zu den Standardprodukten des Werkes. Im Jahre 1900 schied der Erbe des Gründers Samuel Weinheim aus der Firma aus, so daß sie zum Familienbesitz der Pollacks wurde. Im Jahre 1910 nahm dann der nunmehr vom Alleininhaber Nathan Pollack geleitete Betrieb den Namen Badische Textilund Polsterwerke an. Im Weltkrieg verkaufte Pollack die Firma an die »Deutsche Wollindustrie AG« (1917). Er selbst befaßte sich dann mit Vertrieb von Polsterund Sattlerartikeln. Zwei Nachkommen der Gründerfamilie Weinheim, Jakob und Richard W., eröffneten imJahre 1909 eine Hadernsortieranstalt, die allerdings nur bis 1913 bestand. Nach dem Kriege erneuerte Richard Weinheim den Großhandel mit Textilrohstoffen und Garnen, aber die Blüte der ursprünglichen Firma S. Weinheim und Pollack war dahin und kehrte nicht wieder. Eine andere größere Fabrik, in der Stadt selbst gelegen, gehörte dem seit 1900 in Freiburg ansässigen, früheren Auslandsvertreter Albert Braun. Er führte zunächst, zusammen mit seinem Bruder Martin, eine Seidenwarenund Besatzgroßhandlung, Gehr. Braun, doch verließ er die Firma im Jahre 1905, um eine Gürtelund Hosenträgerfabrik, A. Braun & Cie, zu begründen. Das Werk stellte auch Sockenhalter und ähnliche Artikel aus elastischen Geweben her, und beschäftigte in seiner Blütezeit 40--50 Arbeiter 48 , obwohl in den zwanziger Jahren ein gewisser Karl Braun, möglicherweise ein Verwandter von Albert, ein Konkurrenzunternehmen unter der Firma Süddeutsche Hosenträgerfabrik gründete. Aber Karl Braun scheint sich verkalkuliert zu haben, denn seine Unternehmung konnte die Krise von 1931/32 nicht überstehen 49 und verschwand von der Bildfläche, während die Firma A. Braun & Cie bis 1938 fortbestand. Noch weitere vier Freiburger Firmen fielen der Weltwirtschaftskrise seit 1929 zum Opfer, und insgesamt schlossen zwischen 1920 und 1932 neun 47 HANS-CARL SCHERRER, Haslach . Freiburg 1980, S. 206. 4s HStA Stgt. J 355, K 29. 49 Adreßbücher. 116 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Firmen ihre Betriebe, während in Konstanz sogar beinahe doppelt so viele betroffen wurden. Es ist vielleicht ganz lehrreich zu überprüfen, welche Firmen besonders von der Nachkriegsund Inflationskrise bis 1923, sowie von der Weltwirtschaftskrise 1929, betroffen wurden: Tabelle 11: Betriebsschließungen in Freiburg und Konstanz, 1919-1932 in Freiburg In Konstanz bis 1929bis 1929Es wurden geschlossen: 1923 1932 Sa 1923 1932 Sa große Fabriken 1 -1 -1 1 kleine Fabriken (Näh-, Stricketc. Betriebe) 1 1 2 1 5 6 Konfektion, Hüte, Moden 3 1 4 4 -4 Textilen gros -1 1 1 3 4 Grobtextil, Lumpen -1 1 -1 1 5 4 9 6 10 16 In beiden Städten erwiesen sich bis 1923 die Modenund Konfektionsbetriebe als am wenigsten krisenfest. Später kam die Reihe, besonders in Konstanz, an die kleineren Fabrikbetriebe, wie Wäsche-, Hemdenund Schürzennähereien. In Konstanz litt auch der Großhandel, während in beiden Städten, selbst im sonst blühenden Handel mit Grobtextilien, im Jahre 1931/32 einige schwache Firmen das Rennen aufgeben mußten. Trotz dieser Krisenerscheinungen zu Beginn und zu Ende der zwanziger Jahre wurden zwischen 1920 und 1932 so viele neue Firmen gegründet, wie nie zuvor in einer vergleichbar kurzen Zeitspanne. In Konstanz waren es 11, in Freiburg sogar 13! Auf diese Weise erreichten, trotz der vielen Geschäftsschließungen, die jüdischen Groß-Textilunternehmen um 1932 in Freiburg die stattliche Zahl von 28, in Konstanz sogar von 30 Firmen, die dann der nationalsozialistischen Enteignungspolitik zum Opfer fallen mußten. Unter den Initiatoren der soeben erwähnten Neugründungen befand sich kaum mehr als einer der Besitzer oder Mitinhaber von den vorher in Schwierigkeiten geratenen Firmen, auch kaum einer der ehemaligen leitenden Angestellten jener Unternehmen. Die brotlos gewordenen Textilkaufleute und -industriellen versuchten nämlich meist, ihren Lebensunterhalt als Vertreter oder Reisende zu finden. Oft war die Umstellung auch mit dem Umzug der Familie in eine andere Stadt, meist gerade nach Karlsruhe, später auch nach Mannheim, verbunden. Diese Großstädte waren immerhin die Zentren des badischen Textilwesens, und auf ihre jüdischen Unternehmen soll jetzt die Aufmerksamkeit gerichtet werden. Jüdische Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 3. Jüdische Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim a) Statistischer Vergleich 117 Als in den Jahren 1870/75 die jüdische Bevölkerung Badens mit etwa 2626500 Seelen, d. i. 5,02% aller deutschen Juden, ihren relativen Höhepunkt erreicht hatte, machte sie doch nicht mehr als 1, 79% der Gesamteinwohnerschaft des Großherzogtums Baden aus. Wenn also bisher von erheblicher Aktivität der jüdischen Textilunternehmer die Rede war, so wird diese inein noch helleres Licht gerückt durch die Tatsache, daß selbst die Freiburger und Konstanzer Juden nie den Anteil von 1, 79% der Einwohnerschaft überschritten, sondern, im Gegenteil, bald einen viel geringeren Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachten. Parallel dazu zeichnete sich auch im Gesamtstaat, bereits seit 1875, ein stetiger Rückgang des relativen jüdischen Bevölkerungsanteils ab (1900: 1,4%; 1925: 1, 1 % ), wenngleich die absolute Zahl der jüdischen Einwohner gerade in den beiden Großstädten Karlruhe und Mannheim bis 1925 in so augenfälligem Maße stieg, daß man dabei völlig ihren stetigen prozentualen Rückgang gegenüber der Gesamtbevölkerung vergaß: Tabelle 12: Zahl der Juden in Baden und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung davon in Jahr Karlsruhe Mannheim Baden ingesamt Karlsruhe u. Mannheim 1875 1488 = 2,8% 3943 = 6,6% 26492 = 1,79% 20,5% 1900 2577 = 2,4% 5550 = 3,9% 26132 = 1,4% 31,2% 1925 3386 = 2,3% 6972 = 2,8% 24064 = 1,1% 43,0% 1933 3119=2,0% 6402 = 2,3% 20617 = 0,9% 46,2% Ouni) Nach den Prozentzahlen der Tabelle müßten die Juden in Mannheim - und in geringerem Maße auch in Karlsruhe -in besonders hervorstechender Weise schon im Jahre 1875 an der Textilwirtschaft beteiligt gewesen sein, wohingegen dann später ein Absinken hätte verzeichnet werden sollen. Doch ist schon im ersten Teil darauf hingewiesen worden, daß die Juden Mannheims verhältnismäßig wenig Interesse am Textilwesen zeigten, daß auch in Karlsruhe hauptsächlich einige Großhändler Aktivität entwickelten, während die eigentliche Beteiligung von Juden besonders im Einzelhandel merkbar wurde. Selbst die Entwicklung der Textilindustrie war fast ausschließlich Sache der Bankiers -Eichthal, Haber und Kusel in Karlsruhe und Ladenburg in Mannheim 1 -gewesen. Für den hier behandelten Zeitab1 BERNH. KIRCHGÄSSNER, »Mannheim als Bankund Versicherungsplatz«, in: (Hg. Maschke/Sydow) Zur Geschichte der Industrialisierung etc., Stadt u. Geschichte I, S. 75. 118 Die Blütezeit-1867 bis 1932 schnitt sollte dazu noch ein »moderner« Bankier, nämlich Felix Hecht, der erste Direktor der »Rheinischen Hypothekenbank«, die in Mannheim 1871 gegründet wurde, vorgestellt werden, da seine Tätigkeit auch der Entwicklung der Textilwirtschaft in Nordbaden zugute kam 2. Aber die jüdischen Geschäftsleute -Mannheimer und Karlsruher als Gesamtheit -zeigten zunächst wenig modernen Unternehmungsgeist. Die folgende Tabelle der Gründungsjahre badischer Textilunternehmen (soweit genaue Angaben vorliegen) soll dies beweisen. Allerdings sind gerade die Daten für die Mannheimer Unternehmen nicht immer eindeutig feststellbar3. Tabelle 13: Gründungsjahre der Großtextilunternehmen in Baden Baden insgesamt Karlsruhe Mannheim ungewiß 3,5% 4,0% s. Anm. 3 vor1870 7,5% 8,0% 8,8% 1871/80 11,0% 8,0% 15,7% 1881/90 3,0% 2,5% 3,2% 1891/1900 10,5% 7,0% 5,7% 1901/1910 17,0% 17,0% 22,2% 1911/1920 9,0% 12,5% 7,6% 1921/1932 35,0% 37,0% 35,0% 1933/36 3,5%(!) 4,0%(!) 2,0%(!) n= 404 = 100% 129 = 100% 159 = 100% Aus den Gesamtangaben für Baden läßt sich eine erhöhte Tätigkeit in den Boomperioden vor 1875 und nach 1893, sowie im Jahrzehnt vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, eindeutig ablesen. Das stimmt namentlich mit der Tendenz unter den Juden Mannheims überein und ist -ebenso wie auf die allgemeine Haussestimmung -vielleicht besonders auf die starke Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Stadt zurückzuführen. In Karlsruhe war man bis etwa 1900 vorsichtiger bei Gründungen, und erst im Jahrzehnt vor dem Weltkrieg erstarkte die Aktivität in der Landeshauptstadt in ähnlichem Maße wie an den anderen Orten Badens. Wenn nun aber aus den letzterwähnten Daten obiger Tabelle der Schein erweckt werden könnte, als hätte sich der eigentliche Aufschwung des 2 A.a.O., S. 67f. 3 Da Mannheimer Archivalien, ähnlich wie in Konstanz, im Krieg verloren gegangen sind und nur Adreßbücher sowie die Kästen im HStA Stgt. J 355, Nr. 84-134, benutzt werden konnten, ist die Möglichkeit genauer Angaben in Mannheim lediglich auf etwas über die Hälfte der Firmen beschränkt. Allerdings handelt es sich um die renommierteren, so daß den Daten eine nicht zu unterschätzende Aussagekraft zukommt. Jüdische Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 119 jüdischen Textilwesens in den beiden Großstädten (und dementsprechend auch relativ in ganz Baden) erst nach dem Ersten Weltkrieg vollzogen, so sind einige Erwägungen zur Korrektur dieses Eindrucks anzubringen: Erstens erreichte, wie schon erwähnt, die Zahl der Juden in Karlsruhe und Mannheim just im Jahre 1925 ihr absolutes Maximum, und es sollte schon allein von daher verständlich sein, daß die jüdische Wirtschaftsaktivität in beiden Städten einem der Seelenzahl angepaßten Maximum zustrebte. Dazu darf wohl in Rechnung gestellt werden, daß Großstädte gerade die aktivsten Elemente, sei es aus der dörflichen oder kleinstädtischen Peripherie, sei es aus weiterer Entfernung, anzogen; und darüber wird noch im Folgenden ausführlicher die Rede sein. Eine zweite Erwägung betrifft die Größe und die ökonomische Bedeutung der damals gegründeten Firmen. Die Anzahl allein ist noch kein Indikator für ihr wirtschaftliches Gewicht. Und tatsächlich scheint es, daß nur wenige Unternehmen, die in den zwanziger Jahren entstanden, schnell eine gewisse Wichtigkeit im Geschäftsleben erlangten. Allerdings wurde ihnenja während der Herrschaft der Nationalsozialisten jede Zukunftsmöglichkeit abgeschnitten, so daß schon allein aus diesem Grunde alle Neugründungen der zwanziger Jahre überhaupt nicht länger als 10 bis höchstens 17 Jahre ihre Lebensfähigkeit unter Beweis stellen konnten. Und schließlich gab es in den zwanziger Jahren nicht nur eine Hochflut von Neugründungen im Textilfach, sondern auch einige Jahre schwerer Krisen, in denen recht viele -und nicht nur kurz vorher gegründete - Unternehmen strauchelten und zerschellten: die Krise von 1918/19, als Textil als absolute Mangelware unter drückender Zwangsbewirtschaftung stand -dann die Inflationskrise von 1922/23, als Geld nicht schnell genug gedruckt und Ware nicht eifrig genug gehortet werden konnte. Manche Firmen aber, die über diese Hürden hinweggekommen waren, vermochten schließlich der Weltwirtschaftskrise seit 1929 nicht mehr standzuhalten. Die Zahlen der zwischen 1919 und 1932 gescheiterten Textilunternehmen betrug in Mannheim über dreißig, und in Karlsruhe an die fünfundzwanzig. Allerdings wurde dieser Einbruch, wie gesagt, durch die 56 Mannheimer, bzw. 48 Karlsruher, Neugründungen wieder wettgemacht. Doch verlegten sich die Gründer kaum auf Industriebetriebe, sondern konzentrierten sich, besonders in Karlsruhe, eindeutig auf den Großhandel. Die Auffächerung aller Textilunternehmen zwischen 1875 und 1932 nach Großhandelszweigen stellt sich in Karlsruhe und Mannheim wie folgt dar: (Siehe Tabelle 14 S. 120) Die jüdische Bevölkerung von Mannheim, die 1875-1933 ungefähr doppelt so stark war wie die von Karlsruhe, gründete und führte, soweit der Ausweis obiger Tabellen als repräsentativ gelten kann, prozentual weniger Großhandelsbetriebe als die der badischen Hauptstadt. Dazu war der 120 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Tabelle 14: Der jüdische Großhandel in Karlsruhe und Mannheim4, 187511932 Karlsruhe Mannheim En-gros-Abteilungen in Kaufhäusern 3 - Rohstoffhandel: Hanf, Flachs, Wolle, Roßhaar, Federn 2 5 Konfektion 7 9 Putz-, Mode-, Samt-, Seidenwaren, Hüte 5 8 Weiß-, Wirk-, Baumwoll-Trikotagen 3 13 Leinenwaren, Ausstattungen 2 2 Manufakturwaren, Tuche 28 33 Kurz-, Posamentierwaren 4 5 Möbel-, Polsterstoffe, Teppiche, Gardinen 6 12 Garne -4 Schneiderbedarf, Futter -6 Seilereierzeugnisse -1 Säcke, Decken, Planen 6 14 Textilabfälle, Hadern, en gros 6 12 Großversand, Großagenturen 4+4 3+17 Sa 80 144 Großhandelsbetrieb von Karlsruhe auch noch in einer qualitativen Hinsicht bemerkenswert: Einige der Detailgeschäfte, die sich eher als in Mannheim zu Kaufhäusern, bzw. Kettenläden, entwickelten, errichteten gleichwohl, aus diesem oder jenem Grunde, auch eine Großhandelsabteilung oder etwas ihren besonderen Zwecken Entsprechendes. Die Gründe dafür, und das Maß dieser Erscheinung in Mannheim, werden in den nächsten Kapiteln untersucht werden. Wenn eine gewisse Ballung des Großhandels vielleicht typisch für Karlsruhe war, so gab es jedenfalls auch einige besondere Mannheimer Zweige des Engrosgeschäfts, die in der Landeshauptstadt gänzlich fehlten, oder dort viel schwächer vertreten waren als in Mannheim (s. Tabelle): Auffallend ist das völlige fehlen von Garnund Schneiderbedarfsgroßhandlungen in Karlsruhe und der bei weitem überwiegende Anteil Mannheims am Handel mit textilen Rohmaterialien (einschließlich Bettfedern) und mit Grobtextilien5. Diese Tendenz hatte schon lange vor dem ersten Weltkrieg begonnen, scheint aber erst in den zwanziger Jahren zu besonders augenfälligen Propor4 Quellen: Adreßbücher und HStA Stgt. J 355 61-69, 84-134, auch StdA Mannheim, Judenkartei. 5 Darüber wird ausführlicher im folgenden Kapitel die Rede sein. Jüdische Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 121 tionen gediehen zu sein. Ähnliches läßt sich wohl auch über die Häufung der Generalvertretungen und Großagenturen ( 4:17) aussagen, die in den zwanziger Jahren vorwiegend in Mannheim, und nicht in Karlsruhe, beheimatet waren. Das gilt aber nicht für Großversandhäuser (4:3), Konfektionsgroßhandlungen und den »eigentlichen« Textilhandel, d. h. den Handel mit »langen« und »kurzen« Waren. Angesichts der Tatsache, daß die jüdische wie auch die allgemeine Bevölkerung der Hauptstadt weniger als die Hälfte der Mannheimer ausmachte, bedeuten die 55 Karlsruher jüdischen Firmen in den genannten Branchen wohl proportional um einiges mehr als die 82 Mannheimer Betriebe (s. nächstes Kapitel). Dagegen waren die Mannheimer Juden, insbesondere im 20. Jahrhundert, erheblich aktiver im Fabrikwesen als die Karlsruher. Die Statistik der jüdischen Textilproduktionsstätten seit 1875 ergibt, daßwie im Großhandelauch auf industriellem Gebiet eine Reihe von Zweigen in beiden Städten relativ ähnlich besetzt waren, während andere insbesondere für Mannheim als typisch gelten können. Nur in Mannheim erstreckte sich die jüdische Initiative auf Fabrikation von Seilerwaren, auf Roßhaar-, Seegrasund Jutespinnerei, aufBettfedernzurichtung, sowie auch auf jene Textilzweige, die eng mit chemischen Prozessen verbunden waren. Letzteres war wohl in Mannheim-Ludwigshafen kein Zufall, und darüber soll weiter unten im Text einiges ausgesagt werden. Dagegen entsprang es wohl wirklich einem Zufall, wenn zu den zwei Mannheimer Hutfabriken, einer Textilfilzschuh-Fabrik, einer Stickerei, einer Seidenwarenund Krawattenfabrik, sowie zwei Tuchfabriken, keine parallelen Unternehmungen in Karlsruhe existierten. Möglicherweise deckte die Hausschuhfabrik den nordund mittelbadischen Bedarf6, während die» Tuchfabriken«, schon ihrer Bestehenszeit nach (19. Jh.), wohl als Handwebereien und Einfamilienbetriebe eingestuft werden können. Den vierundzwanzig Fabriken, die in Karlsruhe keine Nachahmung fanden, stehen nur zwei Betriebe in der Hauptstadt gegenübereine Flaggenfabrik und ein Polstermöbelwerk -die ihresgleichen in Mannheim vermissen lassen. Sonst aber waren die Produktionszweige in beiden Städten recht ähnlich. Es bestanden die folgenden parallelen Fabrikbetriebe7: (Siehe Tabelle 15 S. 122) Wieder, wie schon beim Großhandel, schneidet der »eigentliche« Textilsektor in Karlsruhe im Vergleich zu Mannheim gar nicht schlecht, ja im Konfektionsbetrieb sogar recht eindrucksvoll ab. In der Textilabfallund 6 Es gab auch eine Textilschuhfabrik in Emmendingen unter jüd. Leitung. 7 Wie Anm. 4, dazu StdA Mannheim, Zug. 16/1967. 128 Die Blütezeit-1867 bis 1932 lieh ausdehnen müßte, die aber von Wichtigkeit als Aufstiegsoder Abstiegsformen des Großtextilwesens sind und daher einen kurzen Kommentar verdienen. Denn wer waren diese Vertreter bzw. Versandhausinhaber? Wie soeben am Beispiel Friedmann gezeigt 27 , sind sie das Schrumpfungsprodukt eines ehemals großen Betriebs, von dem noch Warenbestände und Verbindungen zu Lieferanten und Kunden bestehen, die eine Geschäftsführung des persönlichen Vertreterbesuchs, bzw. per Inserat und Post, unter Umständen sogar von der Wohnung des Besitzers aus, ohne große Spesen ermöglichen. Ein anderer Aspekt des Vertretungsbzw. Versandhandels enthüllt sich in seiner Funktion als erste Aufstiegsstufe für frisch von kleineren Orten zugezogene Unternehmer mit etwas Kapital, das zur Haltung eines Warenlagers ausreicht. Dazu kamen dann oft Menschen, die statt mit Kapital nur mit viel Fleiß, Kontaktfreudigkeit und Initiative ausgestattet waren. Diese wurden dann Vertreter. Es ist durchaus verständlich, daß die nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland gestrandeten, oder vor Revolutionen geflüchteten, Juden aus Österreich, Rußland, Ungarn, Rumänien und Polen, nunmehr zum Teil staatenlos, unter den Unternehmern von Versandund Vertretungsgeschäften einen auffallend hohen Prozentsatz ausmachten: Beinahe die Hälfte der 38 im Versandund Agenturhandel Tätigen besaßen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Ein Teil von ihnen betrieb seine Geschäfte auf Abzahlung 28 , insbesondere im Bekleidungsund Wäscheversand29. Das war vielleicht für ihren Leumund nicht immer zuträglich, da säumige Schuldner sie in Verruf brachten, doch erfüllte wohl ihr Handel, insbesondere in den Krisenjahren 1930/32, die wirtschaftlich nicht unwichtige Funktion der Kreditgewährung in einer Situation akuter Geldknappheit. Die zweite wichtige Entwicklung auf dem Gebiete des Großhandels, die erwähnt werden muß, wird in der Liste der Großhändler (oben, S. 127) durch die Firmen A . Mahler Söhne und Vogel u. Schnurmann vertreten. Zwar glichen sich diese Firmen nicht ganz in ihrem Aufbau -das Mahlersche Unternehmen blieb eine Großhandlung und Sortieranstalt, während Vogel u. Schnurmann seit 1908 dazu noch eine große Kunstwollfabrik betrieben; auch waren sie nicht die einzigen ihrer Art, und mindestens die Lumpensortieranstalt von S. Nachmann in Durlach, muß noch als größeres Unternehmen aus der Gesamtzahl der sechs Haderngroßhandlungen und vier Abfallverwertungsfabriken namentlich hervorgehoben werden. Dann 27 Auch Jakob Löwe, ein Teilhaber des in Anm. 20 genannten Schneiderateliers, gehört hierher. 26 Vgl. das Zitat oben im Text (und Anm . 22) über das Umsichgreifen des Ratenzahlungssystems. 29 Eine zweite Domäne war der Rohmaterialien-, Lumpenund Sackhandel. Darüber weiter unten im Text. Jüdische Großtextilbetriebe in Karl s ruhe und Mannheim 129 wäre auch noch die von Vogel u. Schnurmann in Maxau gegründete Zellstoffund Papierfabrik Vogel und Bernheimer als wichtiger Rezyklierungsbetrieb den gesondert geführten großen Fabrikunternehmungen zuzurechnen. Bevor Näheres über die bisher genannten Firmen ausgesagt wird, soll zur Vervollständigung des Branchenbildes hinzugefügt werden, daß zusätzlich zu den in der Tabelle 14 gezählten 6 Großhandelsund 4 Fabrikbetrieben (zur Lumpenund Textilabfallsortierung, zu deren Lagerung bis zum Versand, bzw. zu ihrer Verarbeitung) noch sechs kleinere Lumpenhandlungen in Karlsruhe existierten. Dazu kommt, daß das Geschäft mit alten Säcken (Ankauf, Verleih, Verkauf) diesem Textilzweig recht nahe stand, und so darf man vielleicht hier auch noch -zusätzlich zu den vier in Tabelle 14 gezählten größeren Sack-, Planenund Pferdedeckenfabriken -sogar die sechs größeren (und zehn [!] kleineren) Sackhandlungen erwähnen. In Mannheim werden noch viel mehr vorgefunden werden, aber hier wie dort ist der Prozentsatz nichtdeutscher Staatsbürger in der Lumpenund Sackbranche recht auffallend. Auch das erwähnte Durlacher Großunternehmen von (Samuel, dann Berthold) Nachmann, das eine Niederlage in Freiburg unterhielt 30 , gehörte staatenlosen Besitzern. Dadurch waren sie von den Vogels, Schnurmanns, Bernheimers und Mahlers verschieden, die -hundert und mehr Jahre in Baden beheimatetmeist aus kleinen Orten stammten und sich erst später in Karlsruhe selbst etablierten. Auch S. N achmann gründete seine Lumpensortieranstalt noch ehe Durlach der Residenzstadt eingemeindet war. Die mittlere Größe seines Betriebs, ebenso wie dessen Wirtschaftswichtigkeit im ersten Weltkrieg, läßt sich aus den Zahlen der bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen ablesen 31 : 1916/17: 3246 Beschäftigte 1918: 5~22 Beschäftigte 1919/20: 28-30--22 Beschäftigte 1921/22: 22-31-22 Beschäftigte Es war also ein Geschäft, das gerade in Krisenzeiten Hochkonjunktur hatte. Vielleicht war dies auch der Grund, daß mitten im Kriege (1916) in Karlsruhe die Deutschen Textilwerke, GmbH , gegründet wurden, die der »Herstellung von Textilien und Zellulosegespinsten, Geweben, Säcken, Bindfaden u.s. w. « dienen sollten. Das Stammkapital betrug 20000 Mark. Als Geschäftsführer wurde Alfred Blumenstein genannt 32 • Eigentlich war es 30 In Pforzheim und Rastatt betätigte sich auf demselben Gebiet die Firma Ludwig Nachmann . Eine Familien-oder Geschäftsverbindung war, trotz der Namensgleichheit, nicht festzustellen, ist aber durchaus möglich. 31 StdA Karlsruhe , Best. Durlach A-1324, lfd. Nr . 10. 32 Wo c henberi c hte der Leipziger Monats s chrift fiir Textilindustrie, XXXI (1916), Nr. 16 , S. 188. 130 Die Blütezeit-1867 bis 1932 wohl mehr ein Hadernverwertungsals ein reguläres Textilunternehmen; denn Jute als Sackrohstoff und Hanf waren im Kriege Mangelware; deshalb, und wegen des Leiters Alfred Blumenstein, sei die Firma hier besonders genannt, obwohl ihr in Karlsruhe keine blühende Zukunft beschieden war. Wichtiger und größer wurde im Laufe der Jahre die Firma Mahler, die wohl 1886 zum ersten Mal in Durlach als Hadernsortieranstalt A. Mahler Söhne, firmierte 33 . Vorher hatte der Vater, Aron (auch Abraham) Mahler, einen Rohproduktenhandel geführt, in dem sich wohl die Lumpen als besonders lukrativ erwiesen. Nach den Steuerlisten unterhielt die Firma der Söhne Ferdinand und Max (st. 1915) einen Betrieb in Karlsruhe und einen in Durlach. Letzterer wurde dann spätestens imJahre 1908 eingestellt und mit dem in Karlsruhe vereinigt. Es ist vielleicht interessant zu erwähnen, daß ein Enkel von Aron Mahler, Heinrich, zusammen mit seiner Mutter, Frieda M., sich imJahre'1919 von Ferdinand trennte, um von neuem eine Rohproduktenhandlung, wie seinerzeit der Großvater, zu beginnen. Als der Onkel Ferdinand sich im Jahre 1923 von seinem Geschäft zurückzog, fusionierten die beiden Firmen, Heinrich Mahler und A. Mahler Söhne, unter dem Namen Heinrich Mahler u. Co, wobei der Anteil eines neuen Kompagnons, Sigmund Löwenthal, 20% betrug, während Heinrich und Frieda Mahler je zu 40% an einem Jahreseinkommen beteiligt waren, das sich hoch in den fünfstelligen Zahlen bewegte. Die größte Firma auf dem Gebiet der Alttextilverwertung war aber Vogel und Schnurmann. 1833 in Muggensturm bei Rastatt von Juda Levy Vogel gegründet, expandierte sie zum ersten Male beim Eintritt des Schwiegersohnes Samuel Schnurmann ins Geschäft. Die nunmehrige Firma Vogel u. Schnurmann beschäftigte 1866 etwa dreißig Mitarbeiter(innen) beim Sortieren der Lumpen und bei der Herstellung von Reißwolle, die hauptsächlich nach England exportiert wurde. Mit Eintritt des Sohnes von Juda Levy - Samuel Vogel -in die Firma begann für ihn und seinen Schwager Schnurmann die Zeit der eigentlichen Expansion. Unter Beibehaltung des Sortierund Reißwollbetriebes in Muggensturm verlegten sie den Schwerpunkt und den Sitz des Unternehmens nach Karlsruhe (1878/79). Gleichzeitig nahmen sie einen neuen Teilhaber, Simon Bernheimer, auf, und zusammen gründeten Vogel und Bernheimer im Jahre 1884 die Zellstoff-Fabrik in Maxau, nachdem sie bereits vorher eine Papierfabrik in Ettlingen aufgekauft hatten. Es ging ihnen also wohl darum, die nunmehr wirtschaftlich wichtiger werdenden reklamierten Textilfasern selber zur Papier-, Kartonagenund Alfred BI. gehörte, lt frdl. Auskunft des StdA Mannheim, zur Mannheimer Unternehmerfamilie Blumenstein, deren Konzernaufbau im nächsten Paragraphen erwähnt ist. Vgl. dort. 33 lnh. Ferdinand und Max Mahler, Durlach, Söhne des Aron Mahler, auch Abraham genannt, ehern. Metzgergehilfe, seit 1870 in Karlsruhe als Lumpenhändler besteuert. ZIMMERMANN, Materialien, vgl. StdA Karlsruhe, Best. Durlach A-1304. Jüdische Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 131 Zellstoffherstellung zu nützen, um dann schließlich auch zur Eigenfabrikation von Kunstwolle und Kunstbaumwolle in großem Maßstab zu schreiten (seit 1908). Im Jahre 1914 beschäftigten sie etwa 500 Arbeiter(innen), und Mitte der zwanziger Jahre standen in ihren diversen Betrieben 700 und mehr Mitarbeiter in Lohn und Brot. Damals waren sie wohl das größte deutsche Unternehmen ihrer Art 34 . Auch in diesem Unternehmen, wie bei der Firma Mahler, gab es Umgründungen und Schaffung von Spezialfirmen, die später wieder mit dem Hauptunternehmen fusionierten; von den Schnurmanns waren in den Kriegsund Nachkriegsjahren einige Frauen als Geschäftsführerinnen bzw. Kommanditistinnen aktiv. Jedoch in der Führung der seit 1936 wieder vereinten Fa. Vogel u. Schnurmann herrschten -nach Tod oder Ausscheiden der männlichen Schnurmanns -die Mitglieder der Familie Vogel als maßgebliche Leiter der Firma und Eigentümer aller Geschäftsanteile bis zur »Arisierung« des ganzen Komplexes 35 . Die Erwähnung der weiblichen Geschäftsträger bei den Firmen Mahler und Vogel & Schnurmann ist hier kein Zufall. Gerade im Textilwesen hatten Frauen, noch vom Stricken, Sticken und Näher her, »Branchenverstand« entwickelt. Im frühen Verlagswesen arbeiteten sie bei der Endverarbeitung und Endabrechnung von gelieferten Heimarbeitswaren mit, und wenn -wie oben geschildert -Männer das Reisegeschäft betrieben und unterwegs waren, leiteten ihre Frauen und Töchter Laden, Büro, Lager und Versand. Oft führten Witwen jahrelang die Firmen ihrer verstorbenen Ehegatten fort. Es lassen sich gerade aus Karlsruhe (und Mannheim) viele Beispiele für aktive und führende Frauenarbeit in Textilunternehmungen beibringen. Von den bisher genannten Firmen wirkte in Fa. Dreyfaß und Siegel die Witwe des 1925 verstorbenen Geschäftsführers Gustav Rosenthal, Hedwig geb. Oberdorfer, an seiner Stelle. Ähnlich fungierte Frau Emma Hirsch, geb. Fabel, seit dem Jahre 1924 an Stelle ihres verstorbenen Mannes als Geschäftsführerin der Deutschen Signal-Flaggenfabrik. Die Möbelstoffgroßhandlung Moritz Veith Nachf KG hatte bereits 1903 als Kommandistin die Frau des persönlich haftenden Gesellschafters Sigmund Behr, Dina geb. Mayer. Die schon erwähnte Kleiderfabrik Billig wurde eine zeitlang von der Witwe Rosa B. geführt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, doch würde sie den Rahmen des Themas sprengen. Darum soll nur noch ein Beispiel erwähnt sein, weil es auch einen zusätzlichen Grenzfall des Großhandels, nämlich den »großen Handel« beleuchtet: Gemeint ist die Firma Paul Burchardt, Spezialhaus für 34 Karlsruhe, Wirtschaftszentrum am Oberrhein , Karlsruhe 1953, S. 78; Das Buch d. Stadt Karlsruhe (wie Anm . 8), S. 241. 35 ZIMMERMANN, Materialien . 132 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Damenund Herren-Modeartikel, Betten und Gardinen, Kaiserstr. 143. Dieses Unternehmen hatte sieben Filialen: am Werderplatz, in Durlach, Mühlburg, Knielingen, Rüppurr, Daxlanden, und auch in Bruchsal. Nach dem Tode des Ehemannes führte die Witwe, Rosa Burchardt, geb. Metzger, das Unternehmen erfolgreich bis zu seiner »Arisierung« imJahre 1937 fort. Wie schon bei den Warenhäusern und Versandgeschäften muß auch hier erklärt werden, daß die Lagerhaltung für ein Stammhaus und sieben Filialen durchaus dem Volumen einer mittleren Großhandlung entspricht, wenn sie nicht gar, insbesondere durch die Vielfalt der Handelsartikel, weit darüber hinausragt. Dies scheint auch tatsächlich der Fall gewesen zu sein bei einer anderen von Frauen begründeten und geleiteten Unternehmung, dem Warenhauskonzern Geschwister Knopf, mit Filialen in Bruchsal, Freiburg, Lörrach, Pforzheim und Rastatt. Die Firma unterhielt in Karlsruhe ihr »Engroslager<<, sowie ihre Zentralversandabteilung, verdient also jedenfalls eine spezielle Erwähnung im Zusammenhang mit dem Großen Handel der Stadt Karlsruhe 36 . Wie verlief nun die allgemeine Entwicklung der jüdischen Großhandelsbetriebe in Karlsruhe (denn die Fabriken waren, bis auf Vogel u. Schnurmann, meist klein, und letztere Firma gehört ja, mindestens teilweise, zum Großhandel)? Gewerbesteuerveranlagungen liegen für etwa 40 Jahre vor, und das Wachstum der größeren jüdischen Betriebe läßt sich von der Entwicklung ihres Gewerbesteuerkapitals recht eindrucksvoll ablesen. Zwischen 1862 und 1874, für welche Zeit sechs jüdische Großhandlungen in den Steuerlisten ununterbrochen erscheinen, betrug ihr Anteil am Gewerbesteuerkapital aller Unternehmen der Residenzstadt maximal etwa 13% (1862), minimal 9,5% (im Jahre 1874). Das mag der beginnenden Gründerkrise, den Anfangsschwierigkeiten zusätzlicher jüdischer Betriebe, oder aber der Entwicklung des nichtjüdischen Gewerbesektors zuzuschreiben sein. Letzteres ist wohl die wahrscheinlichste Erklärung. Denn auch in den Angaben für die Jahre 1878-1907, in denen elf jüdische Großhandelsfirmen in ihrer Steuerkapitalentwicklung verfolgt werden können, sinkt ihr Anteil stetig ab: 1878 besaßen die elf Firmen noch 2, 7% des Gesamtsteuerkapitals, 1900 waren es nur noch 1, 7%. Und während das Gesamtsteuerkapital in der Stadt von 1878 bis 1907 um 412% gewachsen war, wuchs das Kapital der 11 größeren jüdischen Firmen im Durchschnitt nur um 360%. Allerdings stieg der Anteil der jüdischen Firmen im Jahre 1907 wieder bis auf 2,4% an, aber wohl hauptsächlich dank der Wachstumsraten einer einzigen Firma. Das bedeutet unter anderem, daß die meisten jüdischen Textilfirmen recht konservativ blieben, daß aber auch das Textilwesen in Karlsruhe von anderen Industrie36 Fa. Burchardt: HStA Stgt„J 355, K 62; Geschw. Knopf: GLAK237/40492. Jüdisc he Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 133 zweigen überrundet worden war. Denn die ausgewählten Firmen selbst weisen zum großen Teil eine stetige Erhöhung ihres Gewerbesteuerkapitals auf, wenn auch nicht im Maßstab des Gesamtwachstums. folgendes Schaubild soll dies verdeutlichen 37 : --·---- - ---- „~_,_,!! ~~H X ----- - --.e- - - -~- "'- - - cn C t~ 8 ;;; ~lr~ ~ + - -- zcll • - "' cn.gls = -i ~n:o11i > + .... C> i 1 18 ' I!' •!:s&• > -- :jl g .„. 'E • "" w .! 1 ~hi ...J i ::1 i > ~·a i ::h . · 1"' I!' "":I i 1 'l "" . ~1 ~~ l 2: % 1 i i .; :i: 1 ~di f3l~ t: D .!! + ~ . 1 ~~ l „ - " .... i 1 ~:; h e::i = > 11 '".c!t =! .... i 0 1 ~'5 h ~~ - olll!'".c3l <.>~ i 0 ic i 1 ~::t h!ä :ii·- ... ! -~ !! 1 llll!de,,..nelllCIJ8M89 -!IP!l'•I- :tp911!JeAW"Z "' '°"' ~ ~ ~ ~ ~~ + + + + • Entwicklung des Gewerbesteuerkapitals von 11 Textil.firmen in Karlsruhe, 1878-1907 ------ 37 StdA Karlsruhe, Steuerkataster und Gemeindesteuerumlageregister, Auswertung v. P. Zimmermann. 134 Die Blütezeit-1867 bis 1932 Die elf dargestellten Firmen sind nach Gesichtspunkten ausgewählt, die es schon auf den ersten Blick ermöglichen, sie in fünf Gruppen aufzugliedern. Die erste Gruppe (I-11) besteht aus Großhandlungen ohne offenes Ladengeschäft. Die zweite Gruppe (Illa, Illb) wird von zwei affiliierten Firmen gebildet, deren eine den Großhandel, die andere hauptsächlich den Einzelhandel betrieb. Der Vergleich zwischen diesen beiden Gruppen läßt es klar werden, daß der Großhandel keine leichten Verdienste abwarf, und daß die Kapitalwachstumsrate bescheidener war als beim Einzelhandel über den Ladentisch (vgl. die Laden-Firma Illb gegenüber der Engrosfirma Illa). Es liegen übrigens Unterlagen vor, nach denen z.B. die Großhandelsabteilung eines Warenhauses sich im Jahre 1904 mit einem Nettogewinn von 4, 9% begnügte und eine Engros-Textilfirma in den zwanziger Jahren maximal 7% Reingewinn einbrachte 38 . Unter extremen Bedingungen, wie bei Vergabe großer öffentlicher Aufträge auf dem Ausschreibungswege, kalkulierte man manchmal mit einer Verdienstspanne von nur 2%. Es ist also wohl kein Zufall, daß die dritte Gruppe (Firmen IV-V) im Schaubild nicht gerade eine positive Entwicklung demonstriert. Eine Fehlkalkulation, oder uneintreibbare Außenstände, aber auch Familienstreit, Teilhaberwechsel, Alter, Todesfalle, sonstiges Mißgeschick, Wirtschaftskrisen - all diese Faktoren trafen jüdische wie nichtjüdische Firmen und führten zu Schließung oder Konkurs. Doch blieb die Zahl der gescheiterten Unternehmen im Großtextilwesen durchaus in Grenzen, selbst in Krisenjahren. Gegenüber dem sehr mäßigen Wachstum der reinen Textilgroßhandlungen demonstriert die vierte Gruppe (Firmen VI, VII, VIII) eine größere Steigerung des Gewerbesteuerkapitals. Allerdings handelt es sich, wie auch schon bei Firma Illb, um Unternehmen, bei denen Einzelhandelstätigkeit, oder Eigenfertigung im Konfektionsbetrieb, mit dem Großhandel gekoppelt ist. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die Konfektionsfirma VIII in kürzerer Zeit als die anderen bisher erwähnten Firmen -sie wurde 1885 zum ersten Male besteuerteine größere Gewerbesteuerkapitalserhöhung als die anderen bisher aufgeführten Betriebe zu verzeichnen hatte. Jedenfalls scheint die Konfektion viele jüdische Unternehmer, die etwas von Schneiderei, Moden, wohlorganisierter Arbeitsteilung und gekonntem Verkauf -sei es an Einzelbesteller, sei es an Wiederverkäufer -verstanden, zur Investition veranlaßt zu haben. Doch zeichneten sich vor allen anderen kombinierten Einzelund Großhandelsbetrieben die Hoflieferantenfirma, deren Tätigkeit auch Import und Export von Teppichen umfaßte, die Fa . Dreyfuß und Siegel, besonders aus. Mit einer Steigerung von 900% in ihrem Gewerbesteuerkapital übertraf sie um mehr als das Doppelte die Kapital-Wachstumsrate der 38 StALu F 102, Bü 44, HStA Stgt„J 355, K 174. Jüdische Großte xtilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 135 meisten jüdischen, und überhaupt den Gesamtdurchschnitt aller Unternehmen der Stadt Karlsruhe. Doch wurde sie selbst weit zurückgelassen von den Firmen der letzten Gruppe im Schaubild (IX, X), den Lumpensortierund Reißwollfirmen Mahler und der Kunstwollfabrik Vogel und Schnurmann. Zwar blieb das Kapital der Firma Mahler bescheiden und machte noch 1907 weniger als ein Zehntel des Kapitals von Vogel und Schnurmann aus, wurde auch noch von anderen Unternehmen überschattet, aber relativ war es seit 1878 um mehr als 3000% gewachsen. Vogel u. Schnurmann dagegen lagen relativ und absolut mit der Höhe ihres Gewerbesteuerkapitals an der Spitze der gesamten Gruppe . Allerdings investierten sie tatsächlich immer wieder von ihren Gewinnen in den Ausbau der Firma, und doch bilden die für 1908 ausgewiesenen Jahreseinkünfte von über 425000 Mark, verteilt auf sieben Teilhaber39, einen für damalige Zeiten enormen und nur von wenig anderen Betrieben erreichten oder übertroffenen Spitzenwert. Dieser Betrieb war aber nicht der einzige der Kunstwollbranche, der sich der Million näherte. In Stuttgart gab es damals bereits richtige Kunstwollmillionäre. Die Kunstwollfirmen waren aber nicht typisch für den Karlsruher - oder auch den anderwärts geführten -allgemeinen Großhandel mit Textilien. Darum soll die Schilderung der Karlsruher Entwicklung abgeschlossen werden mit einer Übersicht über den Anteil der maßvoll gedeihenden jüdischen Großhandelsfirmen an einigen Zweigen des Gesamthandels in der badischen Landeshauptstadt, aufgrund des Karlsruher Adreßbuchs für die Jahre 1931/32. Dabei ist allerdings zu beachten, daß im Adreßbuch nicht zwischen Großund Kleinhandelseintragungen unterschieden ist. Es scheint sogar, als hätten die jüdischen Firmen mehr Wert auf den Zusatz »en gros« gelegt als die nichtjüdischen. Es mag also sein, daß die folgenden Prozentsätze zugunsten der jüdischen Firmen um einiges überhöht sind. Der jüdische Anteil am Textilhandel in Karlsruhe betrug also im Jahre 1931 in der Sparte Sackund Deckengroßhandel -etwa 75% . Derselbe Anteil kam auch den jüdischen Hadernsortieranstalten im Gebiet von GroßKarlsruhe zu. Die Konfektionsgeschäfte für Damen, Herren und Kinder, bei denen allerdings viele Detailläden mitgezählt sind, waren zu 50% in jüdischem Besitz. Die jüdischen Kurz-, Weiß-, Wollund Strickwarenhandlungen, soweit sie Großhandel betrieben, machten etwa 45% aller Firmen dieser Sparte aus. Am Tuchund Manufakturwarenfachhandel (einschließlich Detailgeschäften) waren jüdische Firmen zu einem guten Drittel beteiligt. 39 Wie Anm. 37 . Daß hier Firmennamen genannt sind, hat seinen Grund darin, daß die Daten 75 und mehr Jahre zurückliegen. 136 Die Blütezeit-186 7 bis 1932 Die Zahlen sprechen -selbst wenn sie allzu drastisch herausgehoben sindfür sich. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, daß der Karlsruher Prozentsatz der jüdischen Beteiligung am Textilwesen durch die Mannheimer Juden übertroffen werden könnte. Denn »Mannheim war keine Textilstadt((, wie so mancher vom Verfasser befragte ehemalige Mannheimer behauptete. Oder war diese Meinung vielleicht doch nur eine optische Täuschung? c) Mannheim als Textilstadt Um es gleich vorwegzunehmen: die Mannheimer Statistik jüdischer Beteiligung am Textilwesen, wie sie im Kap. 3a geboten wurde, kann sich - besonders im Fabrikwesen -durchaus mit der von Karlsruhe messen, wenn auch die Großhandelszweige vielleicht noch etwas exzentrischer (vom »regulären« Tuch- , Weißund Kurzwarenhandel her gesehen) ausfallen als in der Landeshauptstadt. Das hängt auch mit den jüdischen Fabrikgründungen in Mannheim zusammen, die jedenfalls, wie bereits kurz erwähnt, zur Erzeugung von Grobtextilwaren und zu chemischen Fabrikationsprozessen hin tendierten. Damit glichen sich die jüdischen Betriebe in der Stadt den Entwicklungen im nichtjüdischen Sektor einigermaßen an, wenn auch auf diesem oder jenem Gebiet eine besonders auffallende Konzentration jüdischer Textilunternehmen ins Auge fällt. Sicherlich hängt das auch mit der Niederlassung von jüdischen Bettfedernfabriken in Mannheim zusammen, die noch ausführlicher dargestellt werden soll. Da das allgemeine Branchenbild bereits oben skizziert ist, soll hier gerade nur die in anderen Städten selten zu findende ortsspezifische Aufgliederung jüdischer Unternehmungen geboten werden: Von den 144 großen Mannheimer Handelsbetrieben waren, wie schon (Tab. 14) erwähnt, fünf Firmen auf den Rohstoffhandel mit Hanf, Flachs, Roßhaar und federn spezialisiert. Dabei ist zu bemerken, daß die Bettfedernfirmen zuletzt den sonstigen Handel mit Rohtextilien, außer vielleicht den mit Jute, vollends in den Schatten stellten. Nur ein Unternehmen spezialisierte sich auf den Engros-Vertrieb von Seilererzeugnissen, aber vier handelten mit Garnen im Großen. Allerdings traten diese im 19 . Jahrhundert bevorzugten Spezialgüter schließlich vor der Engros-Belieferung der vielen Konfektionsund Nähwerkstätten mit Futterstoffen und sonstigem Schneiderbedarf eindeutig zurück. Die sechs Firmen, die nach dem ersten Weltkrieg auf diesem Gebiet tätig waren, bildeten wohl die erste auffallende Ballung im jüdischen Textilgroßhandel. Doch zurück zu den Jutewaren und anderen Grobtextilien. Hier trat im zwanzigsten Jahrhundert eine besonders ins Gewicht fallende Konzentration Jüdis che Großtextilbetriebe in Karlsruhe und Mannheim 137 jüdischer Firmen in Erscheinung. Decken, Zeltstoffe, Planen und insbesondere Säcke -neu und gebraucht -wurden zu einer Domäne des jüdischen Großhandels, wie auch der Fabrikation: Vierzehn jüdische Firmen wirkten in diesem Sektor, und um sie herum noch mindestens fünf kleinere und kleinste Sackhändler als Aufkäufer und Einzelbelieferer, die aber in unserer Statistik nicht mitgezählt sind. Über die Fabrikbetriebe auf diesem Gebiet wird bald die Rede sein. Schließlich, obwohl vielleicht die zahlenmäßige Ballung, mehr noch als das Volumen des Faches, für Mannheim charakteristisch ist, seien die zwölf Großhändler mit Textilabfällen und Hadern -manche mit eigenen Sortierund Kunstwollproduktionsanlagen -erwähnt, deren Betriebe sich zwar nicht mit dem von Vogel und Schnurmann in Karlsruhe messen konnten, die aber doch für die Textilwirtschaft Mannheims von Wichtigkeit waren. Unter anderem versorgten die Lumpenfirmen auch die zahlreichen Papier-, Zelluloseund Kartonagenfabriken mit Rohstoffen. Eine der großen, meist Lumpen verarbeitenden, Papierfabriken war die Fa . Krebs u. Co. Sie gehörte Heinrich Rosenfeld und H. Waldeck bis zumjahre 1938, als sie »arisiert<< werden mußte 40 . Auch im Umkreis der großen Unternehmen gab es dann noch mindestens zwölf kleine Hadernund Lumpenfirmen, die aber nicht in unsere Statistik gehören. Doch muß wohl, wie schon hinsichtlich Karlsruhe, die Tatsache hervorgehoben werden, daß besonders unter den kleineren Sackhändlern und bei den Lumpenfirmen eine recht erhebliche Zahl von gerade eben aus Kleinstädten Zugezogenen, sowie von nichtdeutschen Staatsangehörigen, auf diesem Gebiet die ersten Sprossen der Aufstiegsleiter zu erklimmen suchten, wie es ja viele in Deutschland geborene Juden im 19. Jahrhundert auch anderswo getan hatten 41 . Ähnliches läßt sich über die Mannheimer Handelsvertreter aussagen, die nicht in Tabelle 14 (S . 120) aufgeführt sind. Dort erscheinen zwar, gegenüber nur drei Großversandhäusern 42 , immerhin 17 größere Agenturen und Generalvertretungen, an deren Peripherie jedoch -außerhalb unserer Statistik -noch einige weitere (Abzahlungs-) Versandbüros und nicht weniger als 65 kleinere und kleinste Vertreter, Reisende und Agenten des Textilfaches ihr Auskommen fanden. Viele kleine Versandhausinhaber und ein gewisser Teil der Vertreter waren ebenfalls nichtdeutscher Staatsangehörigkeit 43 . 40 Vgl. z.B . GLAK237/40501, BI. 519. 41 Vgl. ToURY, Soz. u. polit. Gesch ., Kap. Ila, passim und insbes. S. 79f . 42 Eines der Großversandgeschäfte gehörte Max Frank, dem Bruder des 1914 an der Front gefallenen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank. Vgl. ToURY , Polit . Orientierungen, Index. 43 Hinsichtlich der Ausländer kann man generell sagen, daß viele von ihnen bereits seit 1912 oder gar noch früher, in Baden ansässig waren, wie aus den Gründungsdaten ihrer Unternehmen hervorgeht. Aber, da seit 1913 ein Reichsgesetz existierte, nach welchem Naturalisie- 240 Das letzte Kapitel und Lieferanten, sowie auch deren Arbeitnehmer, in Mitleidenschaft gezogen würden, was im Interesse der Arbeitsbeschaffung und des Wirtschaftsaufstiegs unerwünscht sei« 36 . So gab es also wohl bei den meisten Firmen, eine Rezession, aber keinen Zusammenbruch. Im Gegenteil, die Ankurbelung der deutschen Wirtschaft37 durch die neuen Machthaber griff auch auf den jüdischen Textilsektor über: Ein Textilwerk, das vor 1929 etwa 30000 RM netto verdiente, gab für 1932/33 für 1933/34 für 1934/35 für 1936 für 1937 nur aber 5796 RM 22659 RM 42711 RM 23587 RM 45405 RM als Verdienst an 38 . Es hatte jedenfalls gegen Ende seines Bestehens mehr und einträglicher fabriziert als zur Blütezeit des Jahres 1928! Natürlich muß angenommen werden, daß dieses Werk irgendwie an Lieferungen für den wachsenden Uniformbedarf der Wehrmacht und anderer Verbände beteiligt war. Das mag wohl nicht bei allen Betrieben der Fall gewesen sein. Und doch sprechen die im zweiten Teil für Ulm erwähnten Gewerbesteuersätze des Jahres 1933/34 eine ähnliche Sprache, besonders wenn man die gleichzeitig zur Brandversicherung veranlagten Grundstücksund Sachwerte der acht Ulmer Firmen mit in Betracht zieht, deren Schätzungswert von 23600 RM bis zu einem Maximum von etwa 200000 RM reichte, so daß die Firmen imJahre 1934 zusammen ein Realvermögen von über 3/4 Millionen Mark repräsentierten. Das erleichtert das Verständnis, wovon Juden nach ihrer Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben ihr Dasein fristeten, die Willkürauflagen des Tyrannensystems zu zahlen imstande waren und dabei noch umfangreiche Sozialhilfe an die vielen, allzuvielen, völlig arbeitsund einkommenslosen Brüder abgeben konnten. Aber zurück zum Textilwesen: eine Großhandelsfirma in Baden rühmte sich im nachhinein, daß sie zwischen dem 1. April 1933 und dem 1. Februar 1936 beinahe 1800 neue Kunden geworben habe, unter anderem auch deutsche Spielbanken, deren Tischbezüge bisher aus Frankreich importiert worden waren. Dieselbe Firma, die also Produktionsinitiative entwickelte, wenn sie auch selbst nicht produzierte, gibt folgende Reingewinne an: per 1. 6. 1934 etwa 44000 RM per 1. 6. 1935 etwa 81500 RM 36 SAUER, Dokumente, Nr. 138, 139, aus dem Jahr 1933, S . 162f. 37 Einzelheiten bei AvRAHAM BARKAI, Das Wirtschaftssystem d. Nationalsozialismus, Köln 1977, S. 12>-175. 38 Namen und Quellen vorenthalten. Der Ort : Stuttgart. Der jüdische Textilsektor bis 19 37 per 1. 6. 1936 etwa 38 500 RM per 1. 6. 1937 etwa 43000 RM per 1. 6. 1938 etwa 55 291 RM 241 Letztere Angabe entsprang der Buchprüfung vor der bereits schwebenden »Arisierung« des Betriebs 39 . Kurz, die jüdischen Großhandelsund Fabrikationsfirmen im Textilsektor, soweit sie 1932 auf stabilen Grundlagen ruhten -und das umfaßt die allermeisten -scheinen nicht in demselben Maße von der Stagnation oder dem Kundenschwund betroffen worden zu sein wie der Einzelhandel. In gewissem Maße revertierten ihre Besitzer zu den voremanzipatorischen Geschäftsgebarungen: Ausgeschlossen von allgemeinen bürgerlichen und kulturellen Aktivitäten, ehrlos gemacht und stets von den Machtträgern in Staat und Partei bedroht, bewiesen sie wiederum ihre Befähigung zum Aufspüren der Marktlücke, der verborgenen Chance, die der Gesetzgeber noch nicht verstopft hatte. Wie weit dabei nichtjüdische Reisende, Strohmänner, Tarnungsfirmen, oder ähnliche bereits im 18 . und 19 . Jahrhundert gebräuchliche Finessen, benutzt wurden, läßt sich quantitativ nicht mehr feststellen. Daß es aber geschah, lehrt die von Göring als Beauftragtem zur Durchführung des Vierjahresplans gezeichnete» Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnungjüdischer Gewerbebetriebe« vom 22. April 1938 40 . Das war sicherlich in der großen Stadt leichter als auf dem Land. Wer also auf dem Dorf oder in der Kleinstadt nicht weiterkam, zog in die Großstadt und versuchte dort, im Wirtschaftsleben Fuß zu fassen. Einige jüdische Unternehmer, insbesondere aus Julius Streichers Franken, kauften sogar noch nach 1933 mehrere Betriebe in Baden-Württemberg aufbelegt sind z. B. eine Tuchgroßhandlung und eine Strickwarenfabrik - um durch größere Rationalisierung billig liefern und ihren Platz in der Marktwirtschaft behaupten zu können 41 . Es wurde schon kurz erwähnt, muß aber hier wiederholt werden, daß zwischen 1933 und 1936 in Karlsruhe und Konstanz je 5, in Mannheim 3, und in Freiburg/Br. eine, also insgesamt 14 Neugründungen von Textilfirmen in Baden stattfanden. Für Württemberg sind nur 4 Neugründungen, alle in Stuttgart, belegt. Allerdings handelte es sich dabei teils um weibliche 39 Quelle in ALB! NY , Name vorenthalten. 40 BK R 7 /4740 (Abschri ft aus RGBI. 1, Nr . 60). Selbst noch drei Monate danach sah sich die Stapoleitstelle München genötigt, die »Judenknechte« zu verwarnen, welche »sich nicht scheuten «, für jüdische Firmen »Vertretungen zu übernehmen«. A. a. 0 ., Slg. Schumacher, Nr . 240 II , vom 19 . 2. 38. 41 So wurde z. B. die Stuttgarter Tuchgroßhandlung Gebr. G. von einer Nürnberger jüd . Firma noch im Jahre 1934 aufgekauft. Bei SAUER, Dokumente, Bd . 1, S. 167f „ ist ein Schreiben vom 31. 1. 34 abgedruckt, das auch von dem Erwerb einer (nichtjüd. ?) Strickwarenfabrik in Wattenberg (Kr. Überlingen?) durch einen Nürnbergerjüd. Textilkaufmann spricht. 242 Das letzte Kapitel Kleingewerbetreibende, die ihre Familien mit ihrer Hände Arbeit ernähren mußten, teils um ausländische Juden, und in einigen Fällen um Fusionen bestehender Firmen, die nur technisch als Neugründungen anzusprechen sind. Dies zur Betonung der Tatsache, daß man den jüdischen Wirtschaftsoptimismus, selbst vor 1937, nicht überschätzen sollte. Man muß aber jedenfalls die hartnäckige Verteidigung der jüdischen Position im Großtextilwesen anerkennen. Denn von den insgesamt etwa 700 in Teil II belegten jüdischen Firmen dieses Wirtschaftszweiges, die zum Zeitpunkt der »Machtergreifung« in Baden, Württemberg und Hohenzollern bestanden -von denen bei etwa 60% die »Arisierungs«- bzw. Schließungstermine mehr oder weniger genau bekannt sind -wurden etwa 40% bis Ende 1937 auf diesem oder jenem Wege »entjudet«, und zwar 107 = 17% während der Jahre 1933/35, gegenüber 158 = 24% in der etwas kürzeren Periode 1936/37. Das Tempo der Verdrängung aus dem Großtextilsektor zog also stetig, wenn auch bis 1937 in gemäßigtem Tempo, an. Allerdings ergaben sich örtliche Unterschiede, die nicht ganz bedeutungslos waren. Die folgenden Tabellen sollen dies beleuchten: (Siehe Tabelle 24, gegenüber) Beim Vergleich der statistischen Gegebenheiten fallt die Tatsache ins Auge, daß das Tempo der »Entjudung« in der Textilwirtschaft keineswegs einheitlich war. Die Erklärung dafür ist nicht immer leicht ersichtlich. Will man behaupten, daß die jüdischen Industriewerke - je größer, desto leichter - durchhielten, während die Großhandelsbetriebe schneller verschwanden und als Beweis etwa Hechingen, Konstanz und die kleinen Orte Badens, oder auch Mannheim, anführen, in denen 67%-87% aller Betriebe bis 1938 standhielten-so wird diese Erklärung durch die hohe »Arisierungs«quotein den kleinen Orten Württembergs mit ihren Industriewerken, sowie auch durch die gegenteilige Quote der Kleinindustrie und des Handels von Heilbronn (70% Überlebensrate) eindeutig widerlegt. Gegenüber Heilbronn erreicht die Großund Kleinindustrie von Stuttgart gerade die Durchschnittssätze für Württemberg, während das jüdische Industriezentrum Göppingen, zusammen mit Ulm, noch vor 1938 an die Spitze der »Entjudungsbewegung« traten (50% der Firmen). Im Ganzen scheint aus der Statistik hervorzugehen, daß in Baden die Juden ein größeres Durchhaltevermögen an den Tag legten als in Württemberg, trotz des starken Druckes der Parteiorgane an vielen Orten und trotz des vorwiegend großhändlerischen Engagements der badischen Firmen. Zwei Faktoren scheinen dieses Ergebnis zu Ungunsten Württembergs beeinflußt zu haben: Das statistische Gewicht von mindestens 30 Firmen nichtdeutscher Staatsangehöriger in Karlsruhe und von 44 ebensolcher Betriebe in Mannheim. Das sind 11,5% aller in obigen Tabellen erfaßten Tabelle 24: »Entjudungen« im Großtextilsektor von Württemberg und Hohenzollern Hechingen Württemberg Heilbronn Göppingen Ulm Stuttgart Sa Württ./ kleine Orte Hohenzollern 1933/35 1=11% 14 = 30% O= 0% 3=20% 8=25% 38=19% 64 = 20% 1936/37 2= 22% 10 = 20% 3=30% 5=30% 8=25% 59 = 29% 87 = 28% Rest 0 "' 1938/39 24 = 50% 7=70% 8= 50% 15 = 50% 106 = 52% 166 = 52% ... 6=67% '- · ::: ... :::· ~ "' ::.i )l ~ "' ,.... ~ <:>- :::· Tabelle 24a : »Entjudungen« der Großtextilfirmen von Baden - ~ Kleine Orte Konstanz Freiburg Mannheim Karlsruhe Sa Baden total --.1 Baden BWH 1933/35 4= 5% 6=20% 4= 14% 17 = 13% 12 = 16% 43 = 14% 107 = 17% 1936/37 6= 8% O= 0% 8=28% 34 = 27% 23 = 32% 71=21% 158 = 24% Rest 1938/39 66 = 87% 24 = 80% 16 = 58% 72 = 60% 38 = 52% 216 = 65% 382 = 59% N ~ (.,> 244 Das letzte Kapitel Firmen, deren Inhaber zunächst auf den Schutz der polnischen, rumamschen, österreichischen oder tschechischen Regierungen vertrauten. Als zweiter Faktor, nicht ganz ohne Beziehung zum vorigen, wirkte die bereits hervorgehobene Konzentration der Juden Mannheims in der Fabrikation und dem Vertrieb von Säcken und anderen Grobtextilien der Reißwoll-, Reißbaumwollund sonstigen Hadernverwertung. Ähnliches gilt auch noch von manchen zusätzlichen Orten Badens. Im Jahre 1937 gab es nämlich im badischen Grobtextilsektor 42 : 17 »arische« Firmen mit durchschnittlich 15 Mitarbeitern 33 »nichtarische« Firmen mit durchschnittlich 21 Mitarbeitern. In Württemberg dagegen war das Verhältnis der Betriebe umgekehrt: 32 »arische« Firmen mit durchschnittlich 12 Mitarbeitern 11 »nichtarische« Firmen mit durchschnittlichje31 Mitarbeitern. In Württemberg waren also die jüdischen Hadernverarbeitungsbetriebe noch recht groß, aber zahlenmäßig blieben die Juden Badens in dieser Branche führend. Ganz besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Gewicht der Juden Mannheims, die beinahe unentbehrlich zu sein schienen. Noch im Januar 1939 (!)sah sich die »Deutsche Arbeitsfront« genötigt, eine Liste »arischer« Sackfabriken und Sackhändler zur »besonderen Beachtung« ihrer Mitglieder zu veröffentlichen, die allerdings nur die Namen von vier Herstellern und drei Handlungsfirmen enthielt 43 . In diesem Sektor muß also bereits seit Ende 1938 infolge der Oktober-Austreibung polnischer Staatsangehöriger, eine spürbare Verknappung des Angebots eingetreten sein. Zwar bahnten die Pogrome der »Kristallnacht<< den Weg zur zügigen Zwangsarisierung fast aller jüdischen Betriebe, doch scheint einstweilen eine gewisse Ratlosigkeit in Käuferkreisen geherrscht zu haben, so daß anscheinend jüdische Betriebe selbst während des Zwangsarisierungsprozesses immer 6och Waren produzieren und absetzen konnten. Das mag der Beweggrund zur Veröffentlichung der »Arierliste« durch die »Arbeitsfront« gewesen sem. Zum Verständnis der vorhergehenden Tabellen über die »Entjudung« 42 HStA Stgt.,J 355, K 259, 313; GLAK237/40501, BI. 273, 577-581. Rechnet man dazu (lt. a. a.O ., 40470) die Kartonagenfabrik Dreyfas & Roos als Verwerterin von Textilabfällen, die beinahe 120 Mitarbeiter beschäftigte. so kommt den Juden Badens ein noch größeres Gewicht in der Statistik zu. Zur Definition der Sparte >Grobtextil< vgl. Teil II, S. 220, Anm. 58. 43 StdA Mannheim, Zug . 16/67, Paket 6, Mappe 13/5. Der jüdische Textilsektor bis 19 37 245 muß nun wohl auch danach gefragt werden, ob der Firmenbesitzer seinen Betrieb einfach abwickelte und die Firma im Handelsregister löschte, oder ob er sie durch Verkauf oder auf anderen Wegen in arische Hände überführte. »Auf anderen Wegen« bedeutet u. a. Überschreibung auf die »arische« Ehefrau oder Schwiegertochter, oder den »arischen« Schwiegersohn, die zuweilen von den Behörden genehmigt, zuweilen aber von Partei und/oder Staatmeist erfolgreichangefochten wurde, besonders wenn ein Parteigenosse an der Erwerbung des Betriebes interessiert war. Oft übernahm ein nichtjüdischer leitender Angestellter die »Führung« der Firma, wobeiwie nachstehender Passus lehrt -der frühere Inhaber zunächst noch an der Leitung mitwirkte. Ein solcher Vorgang der Firmenübertragung scheint alsbald nach der Berliner Olympiade begonnen zu haben. Denn am 26. August 1936 erließ das RWM eine vertrauliche Direktive, u. a. an sämtliche Wirtschaftskammern und an die Wirtschaftsminister der Länder, in der es hieß 44 : Jüdische Gewerbetreibende gehen offenbar in zunehmendem Maße dazu über, ihre gewerblichen Unternehmen an deutschstämmige Erwerber zu veräußern [ . .. ] Es bedarf keiner Hervorhebung, daß jede Ausübung von Zwang [ ... ] durch die Kammern zu unterbleiben hat. Liegt aber eine freiwillige und ernstgemeinte -nicht etwa zu Tarnungszwecken vorgenommene -Veräußerung eines jüdischen Geschäfts an einen deutschstämmigen Erwerber vor, so ist [ . .. ] dieses Geschäft [ ... ] nunmehr als nichtjüdisches Unternehmen zu behandeln. Der nichtjüdische Charakter kann nicht dadurch aufgehoben werden, daß der Erwerber dem jüdischen Veräußerer noch einen Teil des Kaufpreises schuldet oder dieser in gewissem Rahmen noch mitarbeitet -etwa um den neuen Inhaber mit den geschäftlichen Verhältnissen des ihm bisher fremden Unternehmens vertraut zu machen oder um dem Geschäft seine Auslandsbeziehungen zugute kommen zu lassen [ .. . ] . Soweit Großhandlungen und Fabriken damit gemeint waren, hatte man mancherorts mit kleinlichen Schikanen vorgearbeitet 45 . So z.B. exmittierte der Oberbürgermeister von Ulm jüdische Firmen, die in städtischen Grundstücken eingemietet waren. Ebenso mischte sich die Partei so oft wie möglich ein, um die Produktion aufzuhalten. Ein Beispiel aus Baden mag genügen: Im Dezember 1935 ließ die Reichszeugmeisterei München eine Partie von khakifarbenem Trikot bei einer Firma in Baden beschlagnahmen, da »die Farbe parteiamtlich ähnlich anzusprechen« sei . Um Weiterungen aus 44 GLAK233 /26162. 45 Ulm: KEIL, Dokumentation, S. 39f .; Baden: ALBINY , AR-7044, Box3, schwarze Mappe, s. 103 . 246 Das letzte Kapitel dem Wege zu gehen, unterschrieb der Firmenchef eine Verzichterklärung auf die Ware im Rechnungswert von beinahe 600 RM. Das kam ungefähr zu gleicher Zeit, wie die gesetzlichen Beschränkungen der freien Wirtschaftsbetätigung für den gesamten Textilsektor: das Spinnstoffgesetz vom 6. Dezember 1935 (RGBI. I, S. 1411 ), nebst Durchführungsverordnungen vom 6. 1. 1936, vom 4. VII. 1936 und vom 29. IX. 1936 verknappte die Rohstoffe und straffte die Überwachung. Noch wichtiger war das Verbot von Preiserhöhungen vom 30. IX. 1936, das sogenannte Preisstoppgesetz 46 . Gegen Ende 1937, gleichzeitig mit dem Erscheinen von Walter Funk im RWM, wurde die Devisenund Rohstoffkontingente »nichtarischer Firmen grundsätzlich mindestens um 10%, unter Umständen noch mehr, gekürzt«. Ausnahmen waren nur zulässig, »wenn nachweislich der Export« dadurch Schaden erleiden sollte. Dabei betonte ein Referent ausdrücklich, daß im Fall der » Arisierung [ .. . ] die Kontingente im alten Umfang wieder aufleben würden« 47 . Damit ist aber bereits der gezielte Druck auf die Verdrängung der Juden aus allen wirtschaftlichen Positionen zur Regierungsmaxime erklärt, der noch fünf Monate vorher, zur Amtszeit Schachts im RWM, gezügelt worden war 48 • Zweifelhaft bleibt also, ob der Befehl amtlicher Stellen in Baden, große Beschriftungen mit jüdischen Firmennamen von Hauswänden zu entfernen, um die Firmen auf diese Weise zu verunsichern (wohl Ende 1937), auf eine lokale oder zentrale Instanz zurückging. Jedenfalls mußte er den Geschäftsinhabern die Lust an ihrer Arbeit nehmen. Trotzdem bemühten sich jüdische Firmen immer noch um Steigerung ihres Exports und -im Gefolge der Baumwollknappheit einerseits und der Devisenverknappung andererseits -sogar um Tauschgeschäfte mit den Vereinigten Staaten, mit dem Ziel, Rohbaumwolle gegen Fertigwarenexport zu importieren 49 . Ob damit vielleicht auch eine Auswanderung eingeleitet .bzw. erleichtert werden sollte, bleibe dahingestellt. Und all dies geschah zu einer Zeit, da der deutsche Textilsektor aus seiner jahrelangen Krise herauszukommen begann. Der amerikanische Generalkonsul in Stuttgart, Samuel W. Honaker, berichtete im Juli 1937, daß im 46 ALB! (wie vorige Anm.), S. 106. 47 GLAK237/40501, BI. 565 (Abschrift}. 48 In den »Richtlinien« zur Judenpolitik, RSDH 11 /112, Verf. Wisliceni und Hagen, vom 22. 4. 37. BK R 58/544, heißt es noch: »Das Schwergewicht des Einflusses des Judentums in Deutschland liegt heute auf dem Gebiet der Wirtschaft. Durch Verbot von Einzelaktionen [ . . . ) stehen die Juden dabei unter einem gewissen Schutz des RWM «. 49 Quellen: ALB! NY (wie Anm. 45), S. 107 und NARS (Suitland Branch = WNRC) RG 59, Box 1118, Sept. 16 , 1935, sowie a.a.O., Box 1198 . Zur Textilfaserknappheit, vgl. NARS RG 59/862.655, Nr. 55 ,56. Der jüdische Textilsektor bis 19 37 247 vorhergehenden Jahre die Zahl der Textilwerke sich wieder der von 1930 annäherte und die Zahl der Beschäftigten mehr als 10% über 1930 liege. Insbesondere hob er den Anstieg in der Produktion von synthetischen Garnen und Kunstwolle hervor 50 . An der Produktion von letzteren waren aber Juden in nicht geringem Maße, und mit höchst profitablen Unternehmungen, direkt oder indirekt beteiligt. Trotzdem gab es reichlich Gründe, die bereits 1936/37 zur Veräußerung jüdischer Betriebe drängten, wenn man über den engen Geschäftsbereich hinaus den weiteren Entwicklungen nationalsozialistischer Politik Aufmerksamkeit schenkte. Andererseits gab es aber bis Ende 1937 immer wieder Anhaltspunkte für die -heutzutage schier unverständliche -Annahme, daß man als wirtschaftswichtig in einem mehr oder weniger sicheren, wenn auch beschränkten, Textilsanktuarium existieren können werde, bis die Zeiten sich zum Besseren wendeten. Wie die Statistik lehrt, waren diese »Optimisten« den für Aufgabe der Firma und für die Auswanderung Optierenden (und die Geschäftsaufgabe war leider nicht gleichbedeutend mit Auswanderung!), um ein leichtes überlegen. Wie die »Entjudungs«-Tabellen (oben, Nr . 24, 24a) ausweisen, waren bis Ende 1937 in Baden nur 41%, in Württemberg immerhin 48% aller jüdischen Großbetriebe bereits arisiert oder liquidiert worden. Es ist vielleicht nicht unwichtig, das Verhältnis der Schließungen zu den Arisierungen anhand von stichprobenartigen Daten für 215 dieser Firmen 51 zu überprüfen: Tabelle 24b : Verhältnis von Schließungen zu » Arisierungen" der Großbetriebe 1933137 Baden Württemberg Jahre Schließung/ Arisierung Schließung/ Arisierung 1933/35 57,5% : 42,5% 60%: 40% 1936/37 60,5% : 39,5% 40%: 60% n= 63 : 43 52 : 57 Insgesamt% 59,4% : 40,6% 48% : 52% Der Vergleich zwischen beiden Ländern in den zwei Zählperioden liefert recht interessante Befunde: Während zwischen der »Machtergreifung« und 50 NARS (= WNRC) RG 59, Box 1273, S. 6, 7. Eine der Quellen des Generalkonsuls war sein persönlicher Kontakt mit einem jüdischen Textilindustriellen (Name vorenthalten). 51 Zahlenmäßig sind die 215 erreichbaren Daten mehr als eine zufällige Stichprobe. Insofern Württemberg mehr jüd . Firmen als Baden zählte, ist auch das Verhältnis zwischen den Ländern gewahrt. Hohenzollern ist wegen der geringen Betriebszahlen nicht eigens berücksichtigt. Das Verhältnis der Schließungen zu den »Arisierungen« war dort 193~1937, bei den drei in Frage kommenden Firmen, wie 2:1. 248 Das letzte Kapitel den Rassegesetzen von 1935 sich das Verhältnis von Geschäftsschließungen zum Firmenverkauf an »Arier« in Baden wie auch in Württemberg etwa wie 6:4 abzeichnet, klaffen in der darauf folgenden Periode (1936/37) die Verhältniszahlen erheblich auseinander. In Baden wurden wieder nur knapp 40% der Firmen verkauft und über 60% liquidiert; dagegen kehrte sich in Württemberg das Verhältnis in positiver Richtung um, und 60% der Betriebe konnten -ohne viel Regierungszwang -verkauft werden. Das bedeutete aber leider nicht, daß die Verkäufer und ihre Familien sofort auswanderten. Höchstens Angehörige der jüngeren Generation verließen schon damals ihr Geburtsland. Wie der Unterschied in der »Entjudung« zustande kam, läßt sich vielleicht durch die Branchenaufteilung für Stuttgart erklären: Tabelle 25: Branchenaufteilung von 62 »entjudeten" Betrieben in Stuttgart 1933137 Geschäftsaufgabe »Arisierungen« Verhältnis Art der Betriebe 1933/35 1936/37 1933/35 1936/37 1933-1937 Sa Auflös. : Verk. Fabriken 3 7 4 10 10:14 24 Konfektion mit Eigenfabrikation -1 1 3 1: 4 5 Großhandel 7 7 3 10 14:13 27 Hadernverwertung 1 -1 2 1: 3 4 Vertretungs-, Versandgeschäfte 2 - - - 2: 0 2 Sa 13 15 9 25 28:34 62 1933/35 wurden Firmen von politisch Gefährdeten, sowie Unternehmungen von Menschen, die sich zur raschen Auswanderung entschlossen hatten, liquidiert oder verkauft, während die wirtschaftlich schwachen-oder durch die große Krise seit 1929 geschwächten -Unternehmungen den Weg der Liquidation gingen, den sie vielleicht auch ohne den Nationalsozialismus hätten wählen müssen. Dagegen scheint man 1935-1937 umsichtiger nach einem passenden »Arisator<c bei verhältnismäßig günstigen Preisen gesucht -und selbst hinsichtlich der kleineren Fabriken auch oft gefunden -zu haben. Demgegenüber waren Großhandlungen weniger gefragt. Es wurden also während der Jahre 1933--37 in Stuttgart viel mehr Fabriken und Konfektionsbetriebe an »Arier<c verkauft, als von ihren Besitzern aufgelöst wurden. Daß es sich bei Auflösungen oft um die kleineren und kleinsten Strickund Nähbetriebe in Wohnungen und Hinterhäusern handelte, wird auch aus der Tatsache klar, daß die im Jahre 1938/39 vonJuden aufgegebenen Werke zu mehr als 90% an Nichtjuden verkauft und nur zu 9% liquidiert werden mußten (s. unten, in den folgenden Paragraphen). Vom Maßnahmenstaat zum Terror-Regime 249 Da im zweiten Teil viel davon die Rede war, daß die meisten badischen Fabrikunternehmungen -soweit sie nicht Grobtextilien und Kunstwolle herstellten -kleinere Modewarenund Konfektionsbetriebe, sowie Nähereien waren, erklärt sich die Tatsache, daß in Baden in denJahren 1936/37 60% der Firmen liquidiert und nur 40% verkauft wurden. Doch auch dort verschwanden die wirtschaftlich schwächeren Unternehmungen zuerst, so daß es sich im allgemeinen sagen läßt, daß in den letzten zwei Jahren der »Entjudung« von 1938 bis zum zweiten Weltkrieg, sowohl in Baden wie auch in Württemberg und Hohenzollern der Prozentsatz der Arisierungen hoch über dem der Geschäftsschließungen zu liegen kam. 3. Vom »Maßnahmenstaat« zum Terror-Regime Vielleicht ist die Periodisierung ein allzu künstliches Mittel der Darstellung, denn langsam begann -auch bei bisher optimistischen jüdischen Geschäftsleuten -die Einsicht an Überzeugungskraft zu gewinnen, daß die bisherige Durchhaltetaktik gegenüber dem zunehmenden Parteiund Regierungsdruck nur noch eine begrenzte Frist fortgesetzt werden könne. Das Tempo der »Entjudung« begann sich seit dem Herbst 1937 zu beschleunigen, und es ist ziemlich sicher, daß viele der bis zum Frühsommer 1938 durchgeführten Verkäufe bereits spätestens im Winter 1937 eingefädelt und mit Käufern und Behörden abgesprochen worden waren. Es ist nicht zu verkennen, daß Schachts Wirtschaftspolitik der Gegenseitigkeit in den Beziehungen mit den Rohstoffländern (Bilateralismus), wodurch der Außenhandel von den westeuropäischen und angelsächsischen Ländern nach Südosteuropa, Vorderasien und Lateinamerika verlagert wurde, erheblich dazu beitrug, Görings Autarkiepolitik vorzubereiten und erfolgreich durchführbar zu machen -wodurch dann überhaupt die Rücksicht auf die Belange des Außenhandels in der gesamten Wirtschaftsführung Deutschlands ihre zentrale Position einbüßten 52 • Demgemäß wurde aber auch die Notwendigkeit der Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung der westlichen Welt und die Befürchtung vor einem antideutschen Boykott erheblich verringert. Als dann Walter Funk anstelle des »beurlaubten« Schacht ins RWM einzog, und Göring »die Führung der Amtsgeschäfte« übernahm (3 . Dezember 1937), konnte man in der Judenpolitik die Reaktionen der westlichen Welt bald ganz außer Betracht lassen 53 . Tatsächlich hatten schon seit Februar 1937 zwischen den Ministerien Diskussionen um die Kennzeichnung »deutscher« Gewerbebetriebe und die 52 A. BARKAI, Das Wirtschafissystem des Nationalsozialismu s, S. 141-143. 53 HELMUT GENS C HEL, Die Verdrängung d.J. aus d. Wirtschafi im Dritten Reich, Göttingen 1966, S. 140f „ nebst Anm. 3, 15, 16, u. S. 143f .; vgl. auch die nächste Anm. 256 Das letzte Kapitel es wurde den Behörden aufgegeben, »demJuden«, welcher versuchte, seine Stellung als Vertreter [ . . . ] »gegen eine hohe Entschädigung an einen deutschblütigen Bewerber abzugeben, [ .. . ] eine besondere Entschädigung [ .. . ] grundsätzlich nicht zuzulassen«, da sein »Betrieb [ ... ] wertlos geworden« sei 81 . Dazu kam die Schikane der Entziehung des ermäßigten Bahngepäcktarifs für Musterkoffer; um »mißbräuchlicher Benutzung durch Juden« von solchen Bescheinigungen zu verhüten, mußte die zuständige Industrieund Handelskammer einen besonderen Stempel »nach dem 30. 9. 1938 gültig« für diejenigen jüdischen Reisenden auf die »Musterkofferbescheinigung« aufdrücken, die ausnahmsweise noch dem Reiseberuf nachgehen durften 82 (vgl. weiter unten im Text). Wie einschneidend das auf die Juden im Textilsektor wirkte , kann aus den bisher gebotenen Statistiken leicht abgelesen werden. Doch mag ein zusätzliches Beispiel erlaubt sein, das die Verbreitung des Vertreterberufs auch an kleinen Orten (die in unserem Zusammenhang fast gänzlich beiseitegelassen sind) darstellen hilft: Ein Verzeichnis der von den Bezirksämtern Tauberbischofsheim und Wertheim (letzteres inzwischen aufgelöst) im Jahre 1938 ausgestellten (I) Wandergewerbescheine bzw . (II) Gewerbelegitimationskarten enthält83: Im Bezirksamt Tauberbischofsheim, unter I: 3 Textilreisende und unter II : 2 Textilkaufleute Im Bezirksamt Wertheim unter und unter I: 3 Textilreisende II: 2 Textilkaufkleute v. 4 ausgeg. Scheinen v. 2 ausgeg. Karten v. 6 ausgeg. Scheinen v. 4 ausgeg. Karten insgesamt also: 10 Textilberufe von 16 Betätigungen Diese Menschen verloren also per 30. 9. 1938 Beruf und Nahrung . Doch ging es nicht allen Reisenden so. Es gab eine privilegierte Klasse, zu welcher auch ein Teil der Textilreisenden gehörte . Einige Textilvertreter machten es nämlich dem Händler »wegen der Knappheit des Warenangeberichtet, daß eine Verordnung zum Ausschluß jüdischer Reisender in Arbeit war; daß man den Erlaß aber wegen der katastrophalen Folgen für den Außenhandel zunächst aufgeschoben habe (NARS, RG 59/862.4016, No . 1604). Tatsächlich scheint man damals gerade bei Tochterfirmen deutscher Häuser in New York jüdische Verkäufer und Reisende eingestellt zu haben, um den Verkauf aufrecht erhalten zu können. Bericht d. dt . Generalkonsuls New York v. 1. 7. 36, PAAA Bonn, Inland II A/B, 83-75 B. 81 SchnellbriefRWM Berlin, d. 25. Aug. 1938, GLAK233 /26162. 82 BK , R 11 /142, BI. 34-35 (Dt. Industrieu. Handelstag), datiert Berlin, 20 . 9. 38. 83 LRA Tauberbischofsheim, Generalia VII, Gesetz v. 6. 7. 38 . Kopie in HStA Stgt., J 355, K237 . Vom Maßnahmenstaat zum Terror-Regime 257 bots« unmöglich, sie zu umgehen 84 . Und selbst wenn man nach dem 30. September 1938 rigoros gegen sie vorgehen wollte, mußte man, zwecks Vermeidung von »Absatzschwierigkeiten« und von »einer Gefährdung der Arbeitsplätze« bei den von ihnen vertretenen Firmen, zumindest einige Reisende ausnahmsweise zunächst »bis zum 31. Dezember 1938 « in ihrer Stellung belassen. Für die Vertreter im Ausland wurde in einem vertraulichen Schnellbrief des RWM am 28. September eine Sonderregelung eingeführt, wonach die Legitimationskarten der im Dienst verbleibenden jüdischen Reisenden als »nicht für Deutschland« gültig gekennzeichnet werden sollten 85 . Das bedeutete für einige in der Schweiz und im Elsaß tätige jüdische Textilvertreter, hauptsächlich aus Baden, einen Aufschub ihres Berufsverlusts, nicht aber für einen Ulmer Textilvertreter in Italien, der durch die italienischen Rassegesetze (August 1938) gezwungen wurde, nach England hinüber zu wechseln 86 . Genossen so die Auslandsvertreter einen Aufschub der Entlassung, so kam man einen kleinen Schritt auch »nichtarischen« Auslandsinvestitionen bei deutschen Textilwerken entgegen und drängte erst seit Juli/ August 1939 auf deren völlige Ausschaltung 87 . Sogar jüdischen Exportfirmen im Reich, deren Ausfuhr im Jahre 1937 den Gegenwert von 100000 RM überstiegen hatte, räumte man eine kleine Atempause ein: alle Entjudungsvorschläge und -vorgänge solcher Betriebe sollten dem Reichswirtschaftsminister persönlich »zur Billigung vorgelegt werden« 88 . Solches geschah am Tage nach Erlaß der Abschiebungsverordnung gegen Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Das totalitär-anarchische Nebenund Gegeneinander der Bürokratie und der Partei im Maßnahmenstaat kann kaum noch greller beleuchtet werden. Übrigens lebte die Anomalie der jüdischen Auslandsvertreter auch nach der »Kristallnacht« 89 , ja sogar bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein, fort 90 . 84 FLIEDNER, Mannheim l, S. 138, lt. Stimmungsbericht v. Februar 1938. 85 RWM, am 28 . 9. 1938 an die Landesregierungen etc. GLAK233 /26162. 86 Vgl. FLIEDNER, Mannheim II, Nr. 120 c, S. 199; Schreiben d. Bad. Finanzu. Wirtschaftsministeriums v. 21. 7. 38, über die Verflechtung der Textilindustrie mit der Schweiz. Hundsnurscher/Taddey erwähnen diese Verflechtung der Auslandsvertretung, insbes. für Lörrach und Gailingen, ohne Namensnennung, S. 101 , 182. Oben im Text (Teil II) ist ähnliches über Konstanz-Kreuzlingen berichtet. Der Ulmer Textilvertreter ist belegt: HStA Stgt., K 170. Name vorenthalten. 87 !HK Schopfheim, vom 1. VIII. 1939 an FWM Karlsruhe, GLAK237/40502, S. 137. 88 GLAK 233/26162. fehlt bei WALK (wie Anm. 60) . 89 PAAA Bonn, Rep. Inland!, Partei P 0041, Paket 3/4, enthält berichtlich einen Leitartikel aus dem rumänischen Blatt Porunca Vremii vom 12. Juli 1939, der Klage führt, daß die Juden bisher noch nicht aus den Büros der deutschen Handelsvertreter entfernt wurden. Allerdings war en hier wohl einheimische Juden gemeint. 90 NARSIRG 59/862.4016, No . 2169 (deutsche Anlage der Außenhandelsstelle Berlin), v. 258 Das letzte Kapitel Doch zunächst löste die Abschiebung der Juden polnischer Staatsbürgerschaft (26. -29. 10. 1938) -die später Erlaubnis erhielten, ihre bis dahin bestehenden Geschäfte (oft Textil!) »abzuwickeln« -eine Kettenreaktion aus, die in der »Reichskristallnacht<c und ihren Greueln kulminierte. Der »legale<c Niederschlag für das Wirtschaftsleben konzentrierte sich zunächst in der »Ersten Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben<c vom 12. November, sowie in der gleichzeitigen» Verordnung über eine Sühneleistung der Juden<c in Höhe von 1 Milliarde RM 91 . Das wurde von der US-Botschaft in Berlin als »mindestens ein Viertel des realisierbaren jüdischen Besitzes <c eingeschätzt 92 . Durch diese »Verordnungen <c hatte Göring die sich ihm bietende Gelegenheit wahrgenommen , um die staatlich beaufsichtigte »Zwangsarisierung<c einzuleiten. Allerdings wurden zunächst gerade Großhandelsund Fabrikbetriebe in den Ausführungsbestimmungen zur Ausschaltungs-Verordnung nicht mit einbezogen (RWM, 12. Nov.) , und ein Erlaß des Württembergischen Wirtschaftsministers vom 5. Dezember erklärte ausdrücklich: »Für Industrieund Großhandelsbetriebe bleibt es bei dem seitherigen Verfahren <c . Allerdings konnten die jüdischen leitenden Angestellten - soweit es solche noch gab 93 - mit sechswöchiger Frist und ohne alle Sozialverpflichtungen gekündigt werden. Den jüdischen Besitzern von Großtextilbetrieben hingegen schien sich hier eine Galgenfrist zur schnellen, noch quasi »freiwilligen«, Umstellung zu eröffnen. Doch verschloß ihnen bereits am 14. Dezember eine neue Durchführungsverordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben (RGBI. 1, S. 1902) den Posten eines »Betriebsführers<c, oder sogar des »stellvertretenden Betriebsführers«, selbst im eigenen Betrieb - wobei Ausnahmen vom Reichstreuhänder der Arbeit zu genehmigen waren. Eine Woche später wies der »Stellvertreter des Führers<c 94 die Parteistellen an, schon bei Einleitung der »Entjudung<c sofort die AuslandskundenKartei bzw. die Zolldokumente des Betriebs sicherzustellen. Die Besitzer hatten also, sogar noch vor der völligen Enteignung, von nun ab selbst im eigenen Werke nichts mehr zu sagen. Ende Juni 1940. Inhalt ähnlich der vorigen Anm., mit dem Zusatz, daß »deutsche Firmen bei Lösung der Vertreterverträge unnötig hohe Abfindungssummen veranschlagt und angeboten haben«. Hier können auch jüdische Flüchtlinge in den USA u.ä. gemeint sein. 91 RGBI. 1938 1, S. 1579, 1580. Bei der Sühneleistungs-Verordnung fehlt bei WALK (III, Nr . 13) eine Null! 92 NARS (wie Anm. 65). 93 Beide Erlasse abgedr. bei SAUER , Dokumente!, Nr. 174, 177. Hervorhebung im Original. Die Betonung des Kündigungsrechs bei HANS WAGNER, Die Ober.fiihrung jüd. Betriebe in dt . Besitz, unter Berück s ichtigung der Verhältnisse in Baden, Diss. Heidelberg 1941 , S. 130. Sonst bietet W's Arbeit enttäuschend wenig Stoff. 94 BK , Slg. Schumacher Nr . 240 II, Stellv. d. Führers, München 21. XII. 38. Vom Maßnahmenstaat zum Terror-Regime 259 Dazu kam für die jüdischen Großtextilfirmen, deren spezifische Lage nun zu untersuchen ist, eine zusätzliche Schwierigkeit, die auf den erzielbaren Verkaufspreis drückte und unter Umständen zur Betriebsstillegung, anstatt zum Verkauf, führen konnte. Der Reichswirtschaftsminister in seinem Schnellbrief vom 12. Dezember mag dazu selbst zu Worte kommen 95 : Betr.: Entjudung der Textilwirtschaft Die altreichsdeutsche Textilindustrie erfährt durch das Hinzukommen der österreichischen und sudetendeutschen Industrie eine beträchtliche Kapazitätsausweitung. Die gegenwärtige Versorgungslage macht es auf verschiedenen Gebieten der Spinnstoffwirtschaft schwierig, die Industrie ausreichend mit Rohstoffen zu versorgen. Daher scheint es geboten, jüdische Betriebe grundsätzlich stillzulegen [ ... ] . Die deutschen Betriebe können die Gefolgschaftsmitglieder bei dem gegenwärtigen Mangel an Facharbeitern in den meisten Fällen übernehmen [ .. . ] . Demzufolge behielt sich der Minister ein persönliches Bestätigungsrecht bei sämtlichen entscheidungsreifen »Arisierungs«anträgen von Textilbetrieben vor und forderte die Angabe besonderer Gründe für ihre Genehmigung. Es hat nicht den Anschein, als ob bereits eingeleitete »Arisierungs«verfahren aufgrund dieser Anordnung rückgängig gemacht worden wären. Im Gegenteil, es soll angemerkt werden, daß gerade bei recht großen Werken die endgültigen Vertragsabschlüsse weit ins Jahr 1939 hineinreichten. Beispielsweise zogen sich die Übertragungsprozeduren bei wichtigen Betrieben, wie z.B. Lenel & Be nsinger in Mannheim, der Trikotweberei Ludwig Maier & Co in Böblingen, der Mech . Zwirnerei Cannstatt, oder auch bei einem Hechinger Großbetrieb, noch monatelang nach der »Kristallnacht«, ja bis nach Kriegsausbruch, hin, und die »Arisierung« einiger weniger Werke, wie z. B. der kleinen Steppdeckenfabrik Ideal in Cannstatt, wurde gar erst 1941 abgeschlossen. Dagegen schlug sehr vielen Großhandlungen, soweit sie im No v ember 1938 noch nicht verkauft waren, die Schicksalsstunde bei den Pogromen der »Reichskristallnacht«, die an mehreren Orten auch zu einer »Reichstextilnacht« ausarteten. Manche Besitzer wurden nach Dachau verschleppt, um die »Abwicklung« der Firma (wie die Liquidation jetzt hieß) möglichst zu beschleunigen, und manche Geschäfte und Lagerräume wurden zwischen dem 9. und 11. November einfach ausgeraubt, ihr Inhalt und Einrichtung sinnlos auf die Straße geworfen, womit ihre letzten Vermögenswerte zerstört waren. Als gerichtsnotorische Fälle seien solche Vorgänge aus Heidelberg und Donaueschingen erwähnt, und die Fortführung der »Aktion« am 11. November ist für Mannheim bezeugt, wo noch immer »Warenvorräte 9s GLAK 233/26162. 260 Das letzte Kapitel durch Beauftragte der Partei abtransportiert« wurden. Dabei handelte es sich häufig um textile Lagerbestände96• Von der Pogromnacht zur schnellen Liquidierung führte auch der Weg mancher kleinen Familienbetriebe der Strickerei und Näherei, die noch nicht veräußert waren und jetzt fast unverkäuflich dastanden. Schließlich liquidierte man bis zum Sommer 1939 auch fast alle Großhandelsgeschäfte polnischer und rumänischer Staatsbürger, nachdem man ihnen bis dahin eine Gnadenfrist zur »Abwicklung« eingeräumt hatte. Es wurde gegenüber dem Besitz von Ausländern gerade in Baden betont, daß »die Liquidierung[ ... ] möglichst auf freiwilliger Basis« durchgeführt werden solle 97 • Diese verhältnismäßig vorsichtige Haltung war ja, wie schon angedeutet, mitbedingt durch die starke Auslands-Verflechtung der »Textilindustrie Oberbadens«, wo etwa 20 Uüdische und nichtjüdische) »große Betriebe mit mehr oder weniger starker Beteiligung der Schweiz geführt« wurden, deren Überführung in deutsche Hände man zunächst als nahezu »aussichtslos« betrachtete98, die aber später -soweit sie jüdische Besitzer berührten -doch erzwungen wurde. Schließlich erging zu Beginn des Jahres 1939 auch der lange hinausgezögerte offizielle Befehl zur völligen »Entjudung« von Großhandel und Fabriken. Wann und wie die Befehlsausgabe erfolgte, ist nicht klar. Es liegt die Inhaltsangabe eines Geheimschreibens von Göring über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vor (durch die Oberste SAFührung, vom 14. Januar 1939), in dem eindeutig von der »Übernahme jüdischer Betriebe und sonstiger Vermögenswerte auf streng gesetzlicher Grundlage« die Rede ist. Jedoch ein Artikel im Karlsruher Führer (»Aus Berlin«) meldete erst am 16. Februar 1939 in seiner Überschrift: »Großhandel und Industrie werden entjudet«. Der Übermittler der Nachricht bezieht sich eigentlich mehr auf den »Durchführungserlaß -Einsatz des jüdischen Vermögens« vom 6. Februar, obwohl sein Bericht wohl durch die Veröffentlichung eines späteren Erlasses, vom 14. Februar 1939, veranlaßt ist, der hauptsächlich von Grundstücksveräußerungen handelt 99 . Jedenfalls betont der Artikel die Neuerung, daß nunmehr Entjudungen (von Betrieben des Großhandels und der Industrie, nebst den dazugehörigen Grundstücken) auch 96 Als ein Beispiel sei ein gerichtsnotorischer Fall eines Heidelberger Textilkaufmann erwähnt, dessen Warenballen auf die Straße geworfen wurden. Für Heidelberg vgl. : HStA Stgt„ J 355, K 241. Für Donaueschingen: a.a. 0., K 242. Über Mannheim vgl. FLIEDNER, Mannheim l, S. 200, Anm. 29. 97 GLAK237/40502, BI. 31, vom 4. 1. 39. 98 Bad. F. u. W. Min. an Außenstelle d. Bad. Staatskanzlei in Berlin, v. 21. 7. 1938. Zitiert bei FLIEDNER, II, Nr . 120c, S. 199. 99 Das Schreiben der obersten SA-Führung: BK, Slg. Schumacher, Nr . 240 II, (Bd. 1) . Die Durchführungserlässe bei: WALK (wie Anm. 60) III, Nr . 132, 139 . Die End-„Entjudung« 261 zwangsweise durchgeführt werden könnten. Von einer zwangsweisen Entjudung bei Beteiligungen, sowie bei jüdischem Streubesitz an Aktien und sonstigen Wertpapieren sei vorläufig abzusehen. Dagegen sollten »wichtige Patentund sonstige gewerbliche Schutzrechte« nicht »in jüdischer Hand« belassen werden. So oder so waren nun im Februar 1939 die quasilegalen Anordnungen des »Maßnahmenstaates« zur totalen »Entjudung« jüdischen Eigentums unter Dach und Fach gebracht -bis auf die letzte vom 23. 7. 1940, daß nämlich die »Arisierungen« bis zum Jahresende abzuschließen seien 100 . Wie hatten nun die jüdischen Textilgroßbetriebe in den dreizehn Monaten von Januar 1938 bis zu den Februarverordnungen von 1939 den geforderten »Arisierungs«- prozeß durchlitten? 4. Die End-»Entjudung« Nach den Berechnungen in diesem Abschnitt, Tabellen 24a, 24b, bestanden am 1. Januar 1938 in Baden noch 216, in Württemberg 160 und in Hohenzollern 6 Firmen, zusammen also 382 Textilbetriebe, deren »Entjudung« erst nach diesem Datum durchgeführt wurde. Allerdings gab es wahrscheinlich noch einen gewissen Prozentsatz von jüdischen Großunternehmen, die in dieser Zahl nicht enthalten sind, da keine genauen Angaben über ihr Ende vorliegen. überdies läßt sich selbst für die soeben summierten 382 Textilfirmen nicht in allen Fällen das genaue Datum der Übertragung, bzw. »Abwicklung«, feststellen, so daß es auch aus diesem Grunde fast unmöglich wird, zwischen den vor bzw. nach der »Kristallnacht« begonnenen »Entjudungen« zu unterscheiden. Das ist auch der Fall hinsichtlich der Angaben in einer Karlsruher Polizeiliste, welche die im August 1938 noch in Baden gezählten 1244 Betriebe am 12. April 1939 von neuem überprüfte und wie folgt klassifizierte 101 : als »entjudet« als »abgewickelt« oder »eingegangen« als noch nicht »entjudet<(: Großhandlungen und Fabriken Einzelhandel von Ausländern 100 Vgl. dazu GENSCHEL (wie Anm . 53), S. 251 f. 495 685 59 5 1244 101 GLAK237 /40502, S. 101. Darunter sind im August 1938 noch 33 ausländische, im April 1939 nur noch 5 ausländische Firmen aufgeführt. Meiner Auszählung nach waren von letzteren mindestens drei dem Textilsektor zugehörig. 262 Das letzte Kapitel Da die 59 Großhandlungen und Fabriken im April 1939 allen Anzeichen nach bereits mitten in »Entjudungs«verhandlungen standen und wahrscheinlich fast alle in »arische« Hände übergingen, da sie ja produzierten und exportierten, jedenfalls aber Arbeitsplätze sicherten, ergibt sich hier als Fazit, daß seit August 1938 etwa 45% (= 554) der Großbetriebe arisiert wurden, jedoch 55% ( = 690) liquidiert werden mußten. Gensehei hat in seiner grundlegenden Untersuchung die Berichte der jüdischen Rundschau zur Arisierung für die Monate März-Oktober 1938 ausgezählt. Er kommt zu folgendem Ergebnis 102 : Von den etwas über 740 während dieser Zeit arisierten Betrieben in ganz Deutschland waren 260 Textilfabriken und 190 Textileinzelund -großhandlungen, also zusammen etwa 450 Textilfirmen. In der Gesamtsumme war Baden-Württemberg »etwas überdurchschnittlich [ ... ] unter Berücksichtigung der Verteilung der jüdischen Firmen« mit 75 Betrieben aller Branchen, d. h. etwas über 10% vertreten. Das aber waren »Arisierungen«, deren Endzahlen alle Branchen, sowie auch Einzelhandelsgeschäfte, mit einschließen. Für unseren Bereich läßt sich also kein klarer Schluß aus den obigen Zahlen ziehen -außer dem, daß damals wesentlich weniger als 75 Textilbetriebe in Baden-Württemberg »arisiert« wurden. Die einzig mögliche Folgerung aus dem bisher Gesagten ist also, daß die große »Arisierungs«welle im Textilwesen erst nach Oktober 1938 ihren Höhepunkt erreichte. Bei einer solchen Feststellung kann man sich auch auf Ortsstatistiken für Hechingen und Baden-Baden stützen, aus welchen sich immerhin gewisse Schlüsse auf das Verhältnis im Textilwesen ziehen lassen: Von den in Hechingen am 1. Januar 1938 noch bestehenden 6 Unternehmungen 103 wurde nur eine Großhandlung »liquidiert«, während 5 Fabriken als »arisiert<< belegt sind -allerdings waren in drei der Betriebe die Formalitäten bereits vor der »Kristallnacht« beendigt. Dazu walteten in einem Falle noch besondere Bedingungen vor, daja die (Mit)Besitzerin der Fabrik C. M. Koblenzer, wie schon erwähnt, tatsächlich rein »arischer« Abstammung war. Hinzu kommt, das die Hechinger jüdischen Fabriken, als Hauptarbeitgeber für Stadt und Umgebung, einfach nicht zu liquidieren waren. Darüber hinaus läßt sich wohl aus diesem »Arisierungs«bericht nur ablesen, daß Fabriken besser behandelt wurden als Großhandlungen, und daß die Arbeitsplatzerhaltung an kleineren Orten einen wichtigen Faktor der Erwägungen zur »Arisierung« bildete. Gewisse Schlüsse lassen auch die Angaben für Baden-Baden zu 104 , wo 102 GENSCHEL (wie Anm . 53) S. 174, nebst Anm. 157. 103 StASi Ho 235 !-VI 2101a; !-VIII 339a; 1-VIII 345. 104 Diese Aufstellung, lt. Angaben in: HStA Stgt., J 355, Box 2-4, Box 313; GLAK 2371 40470,40483,40492,40502. Der jüdische Textils ektor bis 1937 263 von den fünf im Jahre 1932 bestehenden Textilbetrieben nur ein einziger seine Pforten schon im Jahre 1935 schloß, um nach Karlsruhe zu übersiedeln, während: 1 Großversandhaus 1 Reisegeschäft 1 Damen-Pelzund Modehaus (Fa . L. Mayer OHG) mit Großatelier und 39 Mitarbeitern 1 Großkaufbaus (R. Lipsky) mit Filialen m Weinheim und Singen --- Sa 4 Großtextilfirmen, sowie zwei Einzelhandelsgeschäfte für Damenkonfektion, also insgesamt sechs Firmen, im Sommer 1938 noch geöffnet waren. Vor der »Kristallnacht« schloß das Reisegeschäft und ging das Warenhaus nebst Filialen in »arische« Hände über. In der Liste des Polizeidirektors von jenem Datum 105 sind nämlich nur noch die restlichen 4 Firmen auf geführt, welche -wie zweifelsfrei belegt 106 -alle (einschließlich der Einzelhandelsfirmen) bis zum 1. März 1939 »arisiert« wurden. Von vier zum Großtextilsektor gezählten Firmen wurde also nur eine liquidiert. Und das, obwohl sich eine Versandfirma unter den »arisierten« Betrieben befand. Der merkwürdige Fall, daß ein jüdisches Großversandhaus, trotz aller im vorigen Paragraphen geschilderten Drangsalierungen, weiter bestehen durfte, läßt sich auf die »arische« Frau des Besitzers (und/ oder eine arische Schwägerin) zurückführen, auf deren Namen das Geschäft schließlich (März 1939!) eingetragen wurde. Nun lassen sich gerade aufgrund obiger Ausnahmen für Baden-Baden noch einige Schlüsse hinsichtlich des »Arisierungs«- bzw. Liquidierungsprozesses ziehen. Es liegt nämlich noch eine Polizeiliste vom 13 . März 1939 vor, die Auskunft über das Schicksal der zum Termin des ReichskristallPogroms noch in Baden-Baden existierenden jüdischen Firmen aller Branchen gibt 107 • Das ermöglicht den folgenden Vergleich anderer Branchen mit dem Textilsektor: (S. Tabelle 26 , auf der nächsten Seite) Die Großund Einzelhandelsfirmen der Sparte Textil blieben also alle bestehen und machten in Baden mindestens 80% aller »Arisierungen« in der letzten »Entjudungs«phase aus. Natürlich kommt dem Weltbadcharakter von Baden-Baden ein gewisser Einfluß auf diese überraschende »Arisierungs«quote von großen Handelsbetrieben zu . tos GLAK237 /40492, Polizeidirektor B-B, 30. 9. 38 . 106 Wie in Anm. 104. 107 GLAK237/40489, Polizeidirektor B-B, 13 . 3. 39. 264 Das letzte Kapitel Tabelle 26: »Entjudungen « in Baden-Baden, Okt. 1938-März 1939 Sa .: aufgelöst davon arisiert davon 8. 11. 38 zum 1. 3. 39 Textil zum 1. 3. 39 Textil Gewerbebetriebe 5 4 -1 noch - schwebend (Hotel) Einzelhandlungen einschließlich Konfektion 6 3 -3 3 (100%) Versandgeschäfte 1 7 -1 1 (100%) 12 7 - 4+1 4(80-100%) Auch eine württembergische Stadt liefert anhand ausführlicher Aufstellungen die Möglichkeit zu ähnlichen, wenn auch nicht ganz so ungewöhnlichen, Schlüssen. Gemeint sind die Angaben für Ludwigsburg 108 • Dort bestanden im Jahre 1938 noch sieben jüdische, den Textilsektor berührende, Betriebe, die allerdings zwei Einzelhandlungen und eine Papierzentrale (als Lumpenverwertungsbetrieb) mit einschließen. Von diesen wurden: Vor der Kristallnacht arisiert: 1 Konfektionshaus, 1 Kleiderfabrik eingeleitet: 1 Weberei (arisiert bis 30. 11.) eingeleitet: 2 Textilgeschäfte (1 aris. bis 30. 11.) (1 abgewickelt bis dto.) Nach der Kristallnacht (zwangs)arisiert: 1 Papierzentrale (Frühjahr 1939) (zwangs)abgewickelt: 1 Lumpengroßhandlung (Mai 1939) =2 = 1 }=2 = 1 = 1 Sa . 7 Insgesamt wurden also zwei Textilfabriken, ein Konfektionshaus und eine Großpapierzentrale, sowie eine Textileinzelhandlung - d. h. 5 von 7 - arisiert, die Papierzentrale wohl unter deutlichem Zwang. Nur zwei Textilfirmen mußten gänzlich schließen, darunter die Lumpengroßhandlung. Diese hatte allerdings ein besonderes Schicksal: Ihr Inhaber war als polnischer Staatsangehöriger Ende Oktober über die Reichsgrenze abgeschoben worden, durfte aber von März bis Mai 1939 zurückkehren, um seine Geschäfte abzuwickeln. Über die Art der »Abwicklung« und sein weiteres Schicksal ist nichts Genaues bekannt. Hinsichtlich der Kristallnacht als Stichtag ergeben sich in Ludwigsburg: 3 später »arisierte» gegenüber 2 später »abgewickelten« Firmen. Allerdings ist 108 HStA Stgt. ,J 355, K 81, 82; StdA Ludwigsburg, Dokumentenanhang zu B. M. ScttüSSLER, MS einer Zulassungsarbeit (Die Originaldokumente z. Zt. im Magazin nicht auffindbar). Die End-»Entjudung« 265 klar angegeben, daß bei zwei »Arisierungs«vorgängen die Verhandlungen bereits vor der Kristallnacht begonnen hatten. Jedenfalls wird deutlich, daß in denJahren 1938/39 nur zwei von sieben Textilfirmen (d.h . unter 30%) liquidiert wurden, und diese auch erst nach der »Kristallnacht«. Alle bisher aus Hechingen, Baden-Baden und Ludwigsburg angeführten Zahlen bilden die Grundlage für die Vermutung, daß nämlich im Großtextilsektor selbst noch 1938/39 ein günstigeres Verhältnis von »Arisierungen« zu Schließungen als in anderen Wirtschaftssparten bestand. Um dieser Vermutung Gewicht zu geben, und um das Verhältnis in ganz Baden-Württemberg zum Vergleich heranzuziehen, sollen nunmehr diejenigen der 382 im Jahre 1938 noch bestehenden Großbetriebe untersucht werden, bei denen klar ist, ob sie liquidiert oder arisiert wurden. Das sind immerhin 196 von den 216 Firmen aus Baden (90%) und 156 von den 160 jüdischen Unternehmen in Württemberg (97,5%). Das Ergebnis für insgesamt etwa 95% der noch bestehenden großen Firmen ist nun wie folgt: Tabelle 27: Schicksal der jüdischen Großtextilfirmen 109 nach dem 1. 1. 1938 Ort liquidiert arisiert Verhältnis Baden, kleine Orte 19 37 1:2 Baden, Konstanz 2 18 1:9(!) Max. Baden, Freiburg 3 12 1:4 Baden, Karlsruhe 18 20 1: 1,1 Baden, Mannheim 26 41 1:1,6 Baden, insgesamt 68 128 1:1,9 Hohenzollern 5 1:5 Württemberg, kleine Orte 6 24 1:4 Württemberg, Göppingen 2 6 1:3 Württemberg, Ulm 8 7 1:0,9(!) Min. Württemberg, Stuttgart 28 75 1:2,6 Württemberg, insgesamt 44 112 1:2,5 Total 113 245 1:2,2 Die Ergebnisse der Tabelle weisen eindeutig in folgende Richtungen: 1. Je kleiner die Orte, desto eher wurde »arisiert« (und nicht liquidiert). 2. Je industrialisierter die Betriebe, desto mehr »arisierte« man sie. 3. Die »Arisierungs«-Normen der als Industrieorte hervorgehobenen Plätze, wie Hechingen, Göppingen, Konstanz, liegen hoch über dem Landesdurchschnitt. 4. Da in Freiburg ebenfalls überdurchschnittlich »arisiert« wurde, mag 109 Eigene Auszählung, lt. aller in Teil II und III benutzten Quellen. 272 Bibliographie ARCHIVDIREKTION, STUTTGART : s. HUNDSNURSCHER & TADDEY; SAUER PAUL BACH Rum D., Multa Multum, Vervielfältigung, ALB! 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