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Keynes' "fundamentales psychologisches Gesetz" und dessen Vorwegnahme von Lujo Brentano

Zinn, Karl Georg

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Zinn, Karl Georg Article Keynes' "fundamentales psychologisches Gesetz" und dessen Vorwegnahme von Lujo Brentano Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Zinn, Karl Georg (1993) : Keynes' "fundamentales psychologisches Gesetz" und dessen Vorwegnahme von Lujo Brentano, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 113, Iss. 3, pp. 447-459, https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291803 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Sozialwissenschaften (ZWS) 113 (1993), S. 447 - 459 Duncker & Humblot, Berlin Keynes' „fundamentales psychologisches Gesetz" und dessen Vorwegnahme von Lujo Brentano Von Karl Georg Zinn Das „fundamentale psychologische Gesetz" wurde von Keynes als eine wesentliche Grundlage seiner Allgemeinen Theorie betrachtet. Jedoch lieferte er keine systematische theoretische Begründung dieses Gesetzes. Diese findet sich jedoch in einer Veröffentlichung Lujo Brentanos von 1908. Brentano wird künftig auch die Priorität der Entdeckung des „Keynesschen" Gesetzes zu geben sein. Brentanos Ansatz impliziert eine umfassendere anthropologische Deutung des Sparverhaltens, wie hier näher ausgeführt werden soll. 1. Keynes* Ansatzpunkte Der Versuch, die gedankliche Entwicklung nachzuvollziehen, die Keynes bis zur Formulierung seiner Konsumfunktion durchlaufen haben muß, führt zu zwei Ansatzpunkten: zur Sättigungsthese und der Unterscheidung zwischen absoluten und relativen Bedürfnissen einerseits und zur Erkenntnis, daß die Sparbereitschaft eine Art Bedürfnis des Menschen darstellt, das er - wie andere „gehobene" Bedürfnisse - erst von einer bestimmten kritischen Einkommensschwelle an befriedigt. Die Sättigungsthese stellte bereits zu Keynes' Zeiten eine alte nationalökonomische Erkenntnis dar. Sie war ansatzweise bereits im 18. Jahrhundert (Stavenhagen 1969, 227ff.; Zinn 1968) bekannt, wurde aber präzise erst von Hermann Heinrich Gossen formuliert (Gossen 1889). Das Erste Gossensche Gesetz oder eben „Sättigungsgesetz" gehört seit dem Siegeszug des Wertsubjektivismus im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts zum Grundwissen der mikroökonomischen Theorie. Der Sättigungsgedanke taucht bei Keynes in Verbindung mit der Unterscheidung von absoluten und relativen Bedürfnissen auf (Keynes 1972 a). Absolute Bedürfnisse betreffen sozusagen den sozial isolierten Robinson. Alles, was er zum (Über-)Leben benötigt, zählt dazu, und die absoluten Bedürfnisse folgen dem Ersten Gossenschen Gesetz, sind also absoluter Sättigung fähig. Dem stehen die relativen Bedürfnisse gegenüber, die darauf gerichtet sind, sich seinen Mitmenschen gegenüber überlegen zeigen und fühlen zu können. Es geht also um Prestigeund Demonstrationskonsum. Keynes benutzt den Begriff „relative Bedürfnisse" somit in einer ganz anderen Verwendung als frühere Autoren; ZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 448 Karl Georg Zinn im 19. Jahrhundert wurden relative Bedürfnisse als die weniger wichtigen, vor allem die auf Luxus gerichteten, verstanden (Hermann, 1870, 82)1. Absolute Bedürfnisse sind sättigungsfähig, und somit wird im Zuge des technischen Fortschritts bzw. langfristiger Produktivitätssteigerungen eine Gesellschaft bei der Befriedigung ihrer absoluten Bedürfnisse prinzipiell die Sättigungsgrenze erreichen können. Ganz anders sieht es mit den relativen Bedürfnissen aus. Wenn der Wunsch nach sozialer Abhebung ausschließlich, zumindest vorwiegend durch Konsum befriedigt wird, so wird auch bei allgemeinem Einkommensanstieg keine Sättigungsgrenze der relativen Bedürfnisse erreicht. Denn jede allgemeine Einkommensbzw. Konsumsteigerung läßt einen zeitweiligen relativen Konsumabstand zwischen den Menschen schwinden, so daß Anreiz besteht, ihn durch erneute Einkommensund Konsumerhöhung wieder herzustellen. Mit der Unterscheidung zwischen absoluten und relativen Bedürfnissen wird den beiden konfligierenden Auffassungen, nämlich daß der Konsum einer Sättigungsgrenze zustrebe einerseits und daß die menschlichen Bedürfnisse unbegrenzt wären andererseits, durchaus Rechnung getragen. Keynes tendierte allerdings dazu, die Bedeutung der relativen Bedürfnisse zu unterschätzen. Er setzte sich mit diesem Aspekt dann auch später nicht mehr eingehender auseinander. Anderenfalls hätte er wohl einige Einschränkungen an seiner Stagnationsthese vornehmen müssen. Es läßt sich zudem unterstellen, daß Keynes auch gewisse normativ begründete Aversionen gegen die relativen Bedürfnisse hatte. Jedenfalls finden sich in dem erwähnten Aufsatz von 1930 auch eindeutig abwertende Beurteilungen bestimmten Konsumverhaltens. Der Deutlichkeit halber seien einige Passagen aus dem Original kurz wiedergegeben: Now it is true that the needs of human beings may seem to be insatiable. But they fall into two classes - those needs which are absolute in the sense that we feel them whatever the situation of our fellow human beings may be, and those which are relative in the sense that we feel them only if their satisfaction lifts us above, makes us feel superior to, our fellows. Needs of the second class, those which satisfy the desire for superiority, may indeed be insatiable; for the higher the general level, the higher still are they. But this is not true of the absolute needs - a point may soon be reached, much sooner perhaps than we all of us are aware of, when these needs are satisfied in the sense that we prefer to devote our further energies to non-economic purposes (Keynes 1972 a, 326)2. 1 Das Keynessche Verständnis von absoluten und relativen Bedürfnissen entspricht der alten von Epikur vertretenen Auffassung, daß Bedürfnisse in natürliche, diese wiederum in notwendige und nicht notwendige, und in quasi eingebildete, d. h. über unser Vorstellungsvermögen erzeugte, zu unterscheiden sind. „Von den Begierden sind die einen natürliche und notwendige, die anderen natürliche, aber nicht notwendige, die dritten weder natürliche noch notwendige, sondern aufgrund leeren Meinens entstehend". Siehe Epikur 1983, 63. 2 Keynes unterlegte seiner Unterscheidung von absoluten und relativen Bedürfnissen auch eine wertende Beurteilung. Die absoluten Bedürfnisse hielt er für gerechtferZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 Das Keynessche Gesetz und Lujo Brentano 449 Die Bedeutung des Prestigemotivs für das Konsumverhalten steht heute aber außer Zweifel. Von Fred Hirsch (Hirsch 1980, 46 ff.) wurde mit der Einführung des Begriffs der „Positionsgüter", die er als nicht-vermehrbare (Seltenheits-)Güter den prinzipiell vermehrbaren gegenüberstellt, eine neue Deutung der sättigungsbedingten Wachstumsgrenzen vorgelegt: Zwar sind wegen der relativen Bedürfnisse i.S. Keynes' Sättigungsgrenzen eigentlich nicht zu erwarten, aber da im Zuge des allgemeinen Einkommensanstiegs alle Konsumenten sich bis zur Sättigung mit vermehrbaren Gütern versehen können, konzentriert sich das Prestigebedürfnis auf die unvermehrbaren Positionsgüter. Wenn sich Prestige aber nur noch durch Konsum von Seltenheitsgütern befriedigen läßt, dann ergibt sich eine Wachstumsgrenze wegen deren prinzipieller Unvermehrbarkeit. Hätte Keynes seine Zweiteilung der Bedürfnisarten konsequent beibehalten und für seine spätere Konsumtheorie genutzt, hätte er wohl die prinzipielle Möglichkeit erkennen müssen, daß unter bestimmten sozialen Bedingungen die relativen Bedürfnisse derart stark werden können, daß sie vom Sparen abhalten, sofern der Prestigewunsch vorwiegend über Konsum und nicht über andere Möglichkeiten, soziale Anerkennung zu gewinnen, befriedigt wird. Obgleich u.W. noch keine einschlägigen Untersuchungen über Sparverhalten und die Art, Prestigewünsche zu befriedigen, vorliegen, läßt sich vermuten, daß - etwa in den USA - ein Übergewicht des Konsums in den Sozialbeziehungen auch zu einer relativ niedrigen Sparquote der Haushalte führt. Unbeachtet der kulturabhängigen Unterschiede im Sparverhalten und der moralischen und ideologischen Einflüsse auf Konsum und Ersparnisbildung (erinnert sei etwa an Max Webers religionssoziologische Erklärung gewinnwirtschaftlichen Verhaltens) entdeckte Keynes jedoch, daß zumindest in den entwickelten Marktgesellschaften steigende Einkommen mit steigenden freiwilligen Ersparnissen einhergehen, und zwar derart, daß die Sparquote ceteris paribus mit dem Einkommen steigt. Dieses Phänomen führte er auf eine Art psychologische Gesetzmäßigkeit zurück, gab ihm also den Anstrich einer anthropologischen Disposition, so daß die Bezeichnung als „fundamentales psychologisches Gesetz" durchaus angemessen gewählt wurde. Die Einsicht Keynes' in die Bedeutung des fundamentalen psychologischen Gesetzes hat sich den Quellen nach zu urteilen nicht in einem abrupten Erkenntniserlebnis eingestellt, sondern ist allmählich gewachsen. Keynes tigt und vernünftig, andere hingegen nicht. Einschlägige Qualifizierungen finden sich immer wieder in Keynes' Arbeiten. Beispielhaft sei eine solche zitiert: „A very few more quinquennia of equal activity might, indeed, have brought us near to the economic Eldorado where all our reasonable economic needs (Hervorh. v. V.) would be satisfied." Siehe Keynes 1973a, 348. ZWS 113 (1993) 3 29 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 450 Karl Georg Zinn gewann wohl aufgrund der empirischen Beobachtung den Eindruck, daß die Ersparnisbildung bei steigendem Einkommen ein derart allgemeines Phänomen bildet, daß in einem Induktionsschluß bzw. in einer intuitiven Eingebung eine verallgemeinernde Aussage, eben jene Gesetzesformulierung, zustande kam. In der zitierten Arbeit von 1930 herrschte noch die Vorstellung, daß die individuelle Zeitallokation auf drei Verwendungszwecke gerichtet wäre: Konsum zur Befriedigung von absoluten Bedürfnissen, Konsum zwecks Bedienung der relativen Bedürfnisse und Freizeit. Sparen als besondere Einkommens Verwendung wurde eher als eine pathologische Liebe zum Geld betrachtet, wie Keynes ja auch zum grundsätzlichen Kritiker des Sparens in Wohlstandsgesellschaften geworden ist3, nachdem er die Möglichkeit des Ungleichgewichts zwischen freiwilliger Ersparnis und freiwilliger Investition erkannt hatte. Gossens Sättigungsgesetz stellt zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Keynes' fundamentales psychologisches Gesetz dar. Denn wenn die üblichen Konsumbedürfnisse (absolute Bedürfnisse) und eventuell auch die relativen Bedürfnisse bis zu einem gewissen Grad gesättigt sind, so könnte das Wirtschaftssubjekt sein konsumiertes Einkommen stabil halten und seine Freizeit auszudehnen suchen; eine Konsumquote von eins bzw. 100% ist also durchaus mit dem Sättigungsgesetz vereinbar. Erst wenn neben der konsumtiven Einkommensverwendung auch noch ein Teil des Einkommens für Ersparnisbildung vorgesehen wird, ergibt sich das von Keynes betonte Phänomene steigender Ersparnisse. Die individuelle (Lebens-)Zeitallokation umfaßt dann Arbeitszeit für Konsum, Arbeitszeit für Ersparnis und Freizeit. Die beiden von Gossen und Keynes entdeckten bzw. formulierten Gesetzmäßigkeiten lassen sich mit der Kurzformel „Gossen-Keynessche-Regel" bezeichnen (Zinn 1986, 80 ff.). Keynes fokussierte seine Aufmerksamkeit schon recht früh auf den Zusammenhang von Ersparnis und (Nicht-)Beschäftigung: Wer spart, produziert mehr als er konsumiert, und daher gibt es ein Beschäftigungsproblem4. Diese schon vor der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre formulierte Sicht verdichtete sich später zu der Überzeugung, daß der Drehund Angelpunkt des gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsniveaus im Sparver3 In diesem Sinn charakterisiert er die Überersparnis, die er für die Ursache von Arbeitslosigkeit hält, als „räuberisch". „Those who speak of ,forced saving' have not, I think, invented a corresponding term for the excess of »voluntary saving' ... over investment. Perhaps we might call it,predatory saving' or ,exploitary saving' to indicate that it is made wholly at the expense of other people and without benefit to the aggregate wealth of the community." Siehe Keynes 1979b, 109. 4 „Individual saving means that some individuals are producing more than they are comsuming. This surplus may, and should be, used to increase capital equipment. But, unfortunately, this is not the only way in which it can be used... This is what happens when there is unemployment. We are using our savings to pay for unemployment, instead of using them to equip the country." Siehe Keynes 1972b, 116f. ZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 Das Keynessche Gesetz und Lujo Brentano 451 halten zu finden wäre. In gewissem Sinn ist also die Keynessche Theorie gar nicht als nachfrageorientierte Theorie der Beschäftigung zu charakterisieren, sondern Beschäftigung wird ceteris paribus (d. h. bei gegebener Investitionsfunktion) zu einer vom Sparen abhängigen Größe. Daß mit der Sparentscheidung zugleich die Entscheidung über die Konsumquote und vice versa getroffen wird, gibt jener Qualifizierung der Keynesschen Theorie als „nachfrageorientiert" zwar durchaus Sinn, aber wie auch die Formulierung „fundamentales psychologisches Gesetz" hervorhebt, die sich direkt auf die Ersparnis, nicht auf den Konsum, der fast als eine „Restgröße" erscheinen könnte, bezieht, kreist die (Un)Gleichgewichtsanalyse um das Sparverhalten. If an increament of saving by an individual is not accompanied by an increment of new investment - and, in the absence of deliberate management by the central bank or the government, it will be nothing but a lucky accident if it is - it necessarily causes diminished receipts, disappointment and losses to some other party, and the outlet for the savings of A will be found in financing the losses of B (Keynes 1979a, 14). Keynes hob in der 1937 publizierten Stellungnahme zu einigen Kritikpunkten, die gegen seine „Allgemeine Theorie" vorgebracht worden waren, die Bedeutung des fundamentalen psychologischen Gesetzes für die in der „Allgemeinen Theorie" niedergelegten Einsichten erneut hervor und warf den Kritikern vor, gerade diesen Punkt übersehen zu haben: Now what governs the amount of consumption expenditure? It depends mainly on the level of income. People's propensity to spend (as I call it) is influenced by many factors such as the distribution of income, their normal attitude to the future and - though probably in a minor degree - by the rate of interest. But in the main the prevailing psychological law seems to be that when aggregate income increases, consumption expenditure will also increase but to a somewhat lesser extent. This is a very obvious conclusion. It simply amounts to saying that an increase in income will be divided in some proportion or another between spending and saving, and that when our income is increased it is extremely unlikely that this will have the effect of making us either spend less or save less than before. The psychological law was of the utmost importance in the development of my own thought, and it is, I think, absolutely fundamental to the theory of effective demand as set forth in my book. But few critics or commentators so far have paid particular attention to it (Keynes 1973 d, 119 f.). Keynes hatte in der „Allgemeinen Theorie" sein fundamentales psychologisches Gesetz allerdings auch nicht mit dem Aufmerksamkeitswert versehen, den dieses Gesetz seiner eigenen Einschätzung nach verdient. Es handelte die für das fundamentale psychologische Gesetz relevanten Argumente im Rahmen der Analyse der „Konsumneigung" (Keynes 1973c, 107f.) ab. Zudem zählte Keynes lediglich acht ungewichtet nebeneinandergestellte Sparmotive auf, ohne eine theoretische oder anthropologische Begründung des Sparverhaltens anzubieten. Auch für den aufmerksamen Leser konnten Keynes' Ausführungen zum Sparverhalten durchaus als bloße Ergänzung ZWS 113 (1993) 3 29* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 452 Karl Georg Zinn der Konsumanalyse gelten, d.h. es lag nahe, die Ersparnis sozusagen als eine Restgröße zu deuten, die nach Befriedigung der Konsumbedürfnisse übrigbleibt. Damit wird aber die „fundamentale" anthropologische Bedeutung des Sparens bagatellisiert. Keynes legte allerdings gar nicht soviel Wert auf eine tiefergehende Begründung seines psychologischen Spar-Gesetzes, sondern es kam ihm darauf an, die makroökonomischen Folgen, insbesondere für die Beschäftigung, steigender Ersparnis ausführlich zu verdeutlichen. Dies ist ihm ja auch bestens gelungen. 2. Die bedürfnistheoretische Erklärung des Sparverhaltens durch Lujo Brentano Unter dem Titel „Versuch einer Theorie der Bedürfnisse" (Brentano 1908) legte Lujo Brentano 1908 eine Abhandlung vor, in der sich äußerst konzentriert nicht nur der wesentliche Kerngedanke von Keynes' fundamentalem psychologischem Gesetz findet, sondern auch eine konsistente anthropologische bzw. bedürfnistheoretische Begründung jenes Gesetzes. Der ökonomischen Theoriegeschichtsschreibung ist Brentanos Priorität bei der Entdeckung und Formulierung des fundamentalen psychologischen Gesetzes bisher entgangen, so daß die einschlägige Passage hier wiedergegeben sei, ehe Brentanos bedürfnistheoretische Interpretation kommentiert wird. Kapital sammeln ist ein mittelbares, aber kein zukünftiges Bedürfnis. Kapital anzusammeln wird in der Gegenwart als Bedürfnis empfunden um eines Vorteils willen, der allerdings erst in der Zukunft zur Reife gelangt, dessen Sicherung für die Zukunft aber in der Gegenwart bereits Lust bereitet... Angenommen, jemand habe ein Einkommen von 3000 M; er empfindet das Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Erholung, Erheiterung, außerdem wird er von der Sorge um seine Zukunft gequält. Er verwendet das Notwendigste auf die erstgenannten Bedürfnisse; er könnte noch mehr darauf verwenden, allein der Genuß, den die Mehrverwendung, nachdem für das Notwendigste gesorgt ist, bringen würde, wäre geringer als der Genuß, den ihm die Sicherheit bringen würde, gegen einen in der Zukunft ihm drohenden Mangel geschützt zu sein. Infolgedessen bricht er mit der Verwendung seines Einkommens auf die erstgenannten Bedürfnisse, sagen wir, bei 2900 M ab und verwendet seine letzten 100 M auf die Sicherung gegen den Mangel in der Zukunft... Ebenso wie in diesem angenommenen Fall ist es allgemein. Je größer das Einkommen, in um so größerem Maße wird kapitalisiert und ausgeliehen, weil die Verfügung über ein Kapital in der Zukunft schon in der Gegenwart größeren Genuß verleiht als seine Verwendung auf unmittelbare Bedürfnisse (Brentano 1908, 10). Der letzte Satz des Zitats entspricht genau der Aussage des fundamentalen psychologischen Gesetzes von Keynes: mit steigendem Einkommen wächst die Ersparnis überproportional. Brentano unterstellt nicht nur einen Anstieg der Ersparnis mit dem Einkommen, sondern die Ersparnis bzw. die Kapitalbildung wächst „in um so größerem Maße"; die Sparquote nimmt zu. ZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 Das Keynessche Gesetz und Lujo Brentano 453 Brentanos Priorität bei der Formulierung des fundamentalen psychologischen Gesetzes dürfte durch das vorstehende Zitat hinreichend belegt sein. Bedürfnistheoretisch weitaus bedeutsamer ist aber seine Begründung. Brentano verwirft den Begriff Zukunftsbedürfnis, weil er die damit vermeintlich bezeichnete Sache für Unsinn hält. Es gäbe kein „Zukunftsbedürfnis", sondern nur gegenwärtige Bedürfnisse, die sich als Empfindungen dem Subjekt bzw. seinem Bewußtsein sozusagen mitteilen. Möglich sind nur Vorstellungen über künftige Zustände, also auch über einen Zustand, der durch (unbefriedigte) Bedürfnisse charakterisiert sein wird. Daraus resultiert die Sorge um die Zukunft. Sorge wird aber, wie wohl leicht nachzuvollziehen ist, gegenwärtig gefühlt - oder gar nicht. Sorge stellt quasi selbst ein Bedürfnis dar. Diese Besonderheit des Sorge-Bedürfnisses betrifft aber nicht das Erfordernis, es zu befriedigen. Wie die Befriedigung anderer, unmittelbarer Konsumbedürfnisse erfolgt die Befriedigung durch Einkommen(sverwendung). In gewisser Weise läßt sich also der zur Beruhigung von Sorge aufgewandte Einkommsteil bzw. die darauf entfallende Arbeit(szeit) ebenfalls als „Konsum" im psychologischen Sinn deuten. Die Gossenschen Gesetze sind entsprechend anwendbar, d.h. es läßt sich auch auf das Bedürfnis „Sorge" eine Grenznutzenfunktion beziehen; alle Güter bzw. Aktiva, die geeignet sind, die Sorge zu mindern, sind grenznutzentheoretisch den Konsumgütern, die unmittelbare Bedürfnisse befriedigen, gleichzustellen. Wenn die Befriedigung der Sorge - durch Ersparnisbildung bzw. „Kapitalisieren" - sozusagen einen Selbstzweck darstellt, entfällt auch die Notwendigkeit, das Sparen mittels Zins oder anderer Anreize zu stimulieren. Es ist daher nur logisch, wenn Brentano gegen zinstheoretische Deutungen im Stil der Abstinenztheorie, d. h. des Zinses als Prämie für Konsumverzicht scharf polemisiert5 (Brentano 1908, 9 ff.). Wenn von anderen möglichen Ursachen der Ersparnis abstrahiert wird (beispielsweise der Geldvermögensbildung wegen einer anormalen „Liebe zum Gelde" oder Geiz), so ergibt sich aus Brentanos bedürfnistheoretischer Begründung des Sparverhaltens die paradoxe Konsequenz, daß steigende Zinsen zu einer sinkenden Sparneigung führen, und zwar nicht auf dem Umweg des Keynesschen Zinsparadoxons6, sondern wegen des steigenden künftigen Kapitalwertes einer bestimmten Summe. Wenn beispielsweise ein Haushalt aus Vorsorgegründen jährlich 10 000 Mark spart, um in fünf, zehn oder x Jahren eine bestimmte angesparte Summe verfügbar zu haben, so wird dieses Sparziel bei steigenden 5 Sparen als spezielle Form der Einkommensverwendung, nämlich Befriedigung der Sorge, müßte bei konsequenter Anwendung des Prinzips, die Einkommensverwendung zu besteuern, ebenfalls steuerlich belastet werden; ein Gedanke, der sich leicht „keynesianisch" deuten läßt. 6 Keynes argumentiert, daß steigende Zinsen ceteris paribus zu sinkenden Investitionen, damit sinkendem Einkommen und damit wiederum zu sinkender Ersparnis und - wegen des verminderten Einkommensniveaus - auch reduzierter Sparquote bzw. gestiegener Konsumquote führen. Vgl. Keynes 1973c, 110f. ZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13 454 Karl Georg Zinn Zinsen rascher erreicht bzw. läßt sich mit einer geringeren gegenwärtigen Ersparnis realisieren. Daher könnte bei steigendem Zins die Entscheidung, 10 000 Mark zu sparen, zugunsten einer verminderten Ersparnishöhe revidiert werden. Selbstverständlich gilt die Überlegung unter ceteris paribusBedingung, und die ist in der Realität üblicherweise nicht gegeben. Steigende Zinsen dürften nämlich berechtigte Inflationserwartungen provozieren, was wiederum eine Veränderung des Vorsorgeverhaltens bzw. der Ersparnisbildung bewirken kann. 3. Die anthropologische Dimension des „Brentano-Theorems" Brentano gehört zu den Gründungsmitgliedern des „Vereins für Socialpolitik" und wird dogmengeschichtlich der angeblich theoretisch sterilen Historischen Schule zugerechnet (Schefold 1987, 275f.). Die theoretische Tragweite seiner Entdeckung der anthropologischen Grundlage des Sparverhaltens dürfte jedoch kaum zu überschätzen sein, denn mit dem theoretisch fundierten Begriff der Sorge wird eine äußerst fruchtbare Verbindung zwischen Wirtschaftstheorie und (philosophischer) Anthropologie hergestellt. Dies sei hier mit einigen abschließenden Bemerkungen näher erläutert. Im ersten Hauptkapitel der „Kritik der reinen Vernunft" behandelt Kant die „transzendentale Ästhetik". Dort begründet er, warum die menschliche Fähigkeit, Raum und Zeit zu erkennen, a priori gegeben ist, womit er die Humesche Erklärung, daß jenes Wahrnehmungsvermögen auf induktiver Erfahrung beruhe, zurückweist (Kant 1966). Denn um überhaupt Zeit, d.h. Ereignisabfolgen zu erfahren, muß bereits a priori die Fähigkeit, solche Erfahrung machen zu können, gegeben sein. Daß der Mensch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden vermag, also künftige Ereignisse in der Vorstellung vergegenwärtigen kann, ist Voraussetzung für Sorge. Sorge macht sich in einem Gefühl der Angst bzw. der Furcht, wenn auf ein bestimmtes erwartetes Ereignis bezogen, geltend. Psychologisch unterscheiden sich Angst und Furcht hingegen nicht, sondern diese semantische Differenzierung betrifft nur die jeweilige Ursache des Angstgefühls. Im Unterschied etwa zum Hungeroder Durstgefühl, die ganz spezifische Bedürfnisse erkennen lassen, ist Angst sozusagen ein Pauschal-Indikator; sie kann als Gefühl verschiedene Ursachen (Bedürfnisse) haben. Angst tritt auch beim Tier auf, aber nur der Mensch vermag, sich über die Zukunft zu ängstigen, eben Sorge zu haben. Da jedoch die Zukunft nur in unserer Vorstellung existiert, können auch alle für die Zukunft für möglich gehaltenen Bedüfnisse bzw. Mangellagen nur über unsere Vorstellung aktualisiert werden. Daher löst der Gedanke an künftigen Hunger kaum akuten Hunger, sondern Sorge bzw. Angst aus. ZWS 113 (1993) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.113.3.447 | Generated on 2023-04-04 12:18:13