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Dekarbonisierung des Gebäudesektors als Teil einer sozial-ökologischen Transformation: Ein Gestaltungsvorschlag

Kapeller, Jakob,Hornykewycz, Anna,Weber, Jan David,Cserjan, Lukas

Abstract

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Kapeller, Jakob; Hornykewycz, Anna; Weber, Jan David; Cserjan, Lukas Research Report Dekarbonisierung des Gebäudesektors als Teil einer sozial-ökologischen Transformation: Ein Gestaltungsvorschlag ifso expertise, No. 25 Provided in Cooperation with: University of Duisburg-Essen, Institute for Socioeconomics (ifso) Suggested Citation: Kapeller, Jakob; Hornykewycz, Anna; Weber, Jan David; Cserjan, Lukas (2024) : Dekarbonisierung des Gebäudesektors als Teil einer sozial-ökologischen Transformation: Ein Gestaltungsvorschlag, ifso expertise, No. 25, Universität Duisburg-Essen, Institut für Sozioökonomie (ifso), Duisburg This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/307146 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ uni-due.de/soziooekonomie/expertise Ein Gestaltungsvorschlag Jakob Kapeller Anna Hornykewycz Jan David Weber Lukas Cserjan Dekarbonisierung des Gebäudesektors als Teil einer sozial-ökologischen Transformation 2024 no.25ifso expertise DEKARBONISIERUNG DES GEBÄUDESEKTORS ALS TEIL EINER SOZIAL-ÖKOLOGISCHEN TRANSFORMATION: EIN GESTALTUNGSVORSCHLAG∗ Jakob Kapeller† Anna Hornykewycz‡ Jan David Weber§ Lukas Cserjan¶ 10. November 2024 ABSTRACT Der Gebäudesektor stellt einen Schlüsselsektor für eine erfolgreiche Dekarbonisierung Deutschlands dar und bildet damit eine wesentliche Schnittstelle zur Erreichung der gesamtgesellschaftlichen Klimaziele. Vor diesem Hintergrund versucht dieser Policy Brief, den nötigen Sanierungsbedarf zur Erreichung einer solchen Dekarbonisierung zu bestimmen, die damit verbundenen Kosten zu schätzen und Vorschläge für mögliche Finanzierungsmodelle einer solchen Transformation des Gebäudesektors vorzulegen. Darüber hinaus werden auch die ökonomischen Auswirkungen der untersuchten Transformationsstrategie – wie damit verbundene Wachstumsund Beschäftigungseffekte sowie technologische und organisatorische Innovationspotentiale – diskutiert. Keywords Klimawandel · Gebäude · Sanierung · Dekarbonisierung · Klimaneutralität · Sozial-ökologische Transformation ·’just transition’ ∗ Die vorliegende Studie ist im Rahmen des von Dezernat Zukunft geförderten European Macro Policy Networks entstanden. Die Autor*innen danken Bernhard Schütz für die Unterstützung in der Input-Output Modellierung, Florian Wagner für detaillierte Beiträge zu aktuellen Technologien sowie Laura Porak, Ulrike Röhr und Rafael Wildauer für ihr konstruktives Feedback. JK und JDW wurden darüber hinaus durch Forschungsförderungsmittel der Hans Böckler Stiftung (Fördernummer 201-544-2) unterstützt. Diese Studie verwendet Daten des Eurosystem Household Finance and Consumption Survey. † Institut für Sozioökonomie, Universität Duisburg-Essen und Institute for Comprehensive Analysis of the Economy (ICAE), Johannes Kepler Universität Linz, jakob[email protected] ‡Institute for Comprehensive Analysis of the Economy (ICAE), Johannes Kepler Universität Linz, anna.hornyke[email protected] §Institut für Sozioökonomie, Universität Duisburg-Essen, [email protected] ¶Institute for Comprehensive Analysis of the Economy (ICAE), Johannes Kepler Universität Linz, [email protected] VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 1 Einleitung: Der Gebäudesektor als ‘low-hanging fruit’ der Dekarbonisierung Der Gebäudesektor ist ein Schlüsselsektor für eine erfolgreiche Dekarbonisierung der deutschen und europäischen Wirtschaft. Hier wird ein signifikanter Anteil der gesamten Emissionen erzeugt – zugleich sind Emissionseinsparungen auch mit bereits verfügbaren Technologien rasch erreichbar. Damit handelt es sich beim Gedäudesektor um einen Bereich, in dem die ökologische Hebelwirkung öffentlicher Investitionen besonders stark zum Tragen kommt, da diese es erlauben, die Implementierung möglicher Effizienzsteigerungen zu beschleunigen. Vor diesem Hintergrund fokussiert dieser Policy Brief auf zwei zentrale Aspekte: die Bestimmung des Dekarbonisierungspotentials im deutschen Wohngebäudesektor, sowie die Formulierung konkreter, sozial verträglicher Umsetzungsvorschläge zur Steigerung der Transformationsgeschwindigkeit im Sinne der Erreichung der Klimaziele. Der Gebäudesektor ist einer der größten Verursacher von Treibhausgas(THG)-Emissionen in Deutschland. Er besteht aus rund 21 Mio. beheizten Gebäuden – rund 19 Mio. davon sind Wohngebäude, die den Untersuchungsgegenstand dieser Studie bilden. Sie setzen sich wiederum aus rund 16 Mio. Einund Zweiparteienhäusern (EZPH) und 3 Mio. Mehrparteienhäusern (MPH) zusammen (dena, 2021b). Im gesamten Gebäudesektor entstanden 2018 in Deutschland mit 117 Megatonnen (Mt) CO 2 ä 1 direkter THG-Emissionen rund 14% der gesamten THG-Emissionen dieses Jahres (Prognos u. a.,2021)2. Der größte Teil der Emissionen von Wohngebäuden entsteht bei der Wärmebereitstellung für Raumwärme und Warmwasseraufbereitung – von fast 935 Terawattstunden (TWh) der in Gebäuden verbrauchten Endenergie, entfielen 2019 etwa drei Viertel auf die Wärmebereitstellung, der verbleibende Energieverbrauch entstand vorwiegend durch Beleuchtung bzw. den allgemeinen Stromverbrauch im Kontext der Gebäudenutzung (BMWK, 2022). Der Endenergieverbrauch im Gebäudesektor wird demnach vorwiegend von Fragen der Wärmebereitstellung getrieben. Letztere umfasste 2018 rund 698 TWh, wovon etwa 70% aus dezentraler Ölund Gasverbrennung stammen, weitere 17% aus erneuerbaren Energiequellen, 8% aus Wärmenetzen und etwa 4% aus Strom (BMWi, 2022; dena, 2021b). Diese Größenordnungen weisen auf das massive Dekarbonisierungspotential des Gebäudesektors hin und zeigen auf, dass die Wärmebereitstellung den quantitativ bedeutsamsten Anwendungsbereich darstellt. Das Dekarbonisierungspotential im deutschen Gebäudesektor ist nicht nur groß, sondern auch greifbar. So konnten in der Vergangenheit bereits beträchtliche Effizienzsteigerungen erreicht werden, indem energetische Gebäudesanierungen und effizientere Neubauten mit dem Ersatz alter Kohle-, Ölund Gasöfen durch Fernwärme, moderne Gasund Ölkessel und erneuerbare Energie kombiniert wurden. Zwischen 1990 und 2015 wurden die zur Wärmeerzeugung entstandenen THG-Emissionen um 75 Mt CO 2 ä reduziert (Gerbert u. a.,2018). Das entspricht, trotz gewachsener Bevölkerung und einem Anstieg der durchschnittlichen Wohnfläche pro Person, einer Reduktion des THG-Ausstoßes um 34% in privaten Haushalten und um 50% in gewerblich genutzten Gebäuden. Wie in Abschnitt 2weiter ausgeführt wird, liegen bereits ausreichend erprobte Technologien zur Transformation des Gebäudesektors vor und es herrscht weitestgehend Konsens über die geeignete Transformationsstrategie: Um den Energiebedarf zu reduzieren, muss der Gebäudebestand großteils saniert, fossile Heizungssysteme durch erneuerbare Alternativen ersetzt und die Stromversorgung weitgehend dekarbonisiert werden. Da der Gebäudesektor bei der Verwirklichung der Klimaziele Zeit ein entscheidender Faktor ist, ist es zusätzlich sinnvoll, weitere Effizienzsteigerungen durch ein innovationsfreundliches Umfeld zu fördern. Obwohl eine klimaneutrale Transformation des Gebäudesektors vor diesem Hintergrund grundsätzlich möglich scheint, reichen bisherige Maßnahmen nicht aus, um diese zeitgerecht umzusetzen. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die notwendige energetische Sanierung des Gebäudebestands möglichst schnell zu erwirken. Der Begriff der energetischen Sanierung umfasst dabei alle Maßnahmen, die dazu dienen, den Energieverbrauch bei der Wärmebereitstellung 1CO2ä, oder CO2-Äquivalente sind eine vereinheitlichte Maßeinheit zur Messung von Treibhausgasen. 2 Berücksichtigt man auch indirekte Emissionen, verursachte der Gebäudesektor mindestens 25% aller Emissionen (Thomas u. a., 2022). Die Spannbreite dieser Schätzwerte ergibt sich dabei aus unterschiedlichen definitorischen Zugängen: Nach dem Quellprinzip werden nur jene Emissionen erfasst, die unmittelbar durch die innerhäusliche Energieproduktion, primär für Raumwärme und Warmwasser, entstehen (“direkte Emissionen”). Nach dem Verursacherprinzip dagegen werden alle von der Gebäudenutzung induzierten Emissionen erfasst, darunter auch anteilige Emissionen im Stromsektor (“indirekte Emissionen”). In beiden Maßen nicht erfasst sind schließlich jene Emissionen, die durch Errichtung neuer bzw. Sanierung und Erweiterung bestehender Gebäude entstehen. 2 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 zu senken oder zu dekarbonisieren. In der Praxis bedeutet dies, dass sowohl die lokal verwendete Heiztechnologie (Heizungstausch) als auch die energetische Effizenz der Gebäudehülle (Sanierung) zentrale Variablen darstellen. Vor dem Hintergrund, dass ein Wechsel der Heiztechnologie meist nur dann sinnvoll ist, wenn das Gebäude bereits eine bestimmte energetische Effizienz aufweist 3 , lässt sich auch eine erste Abschätzung des Handlungsbedarfes vornehmen: So entspricht die energetische Hülle aller privaten und gewerblichen Gebäude in Deutschland durchschnittlich der Effizienzklasse F (mit einem jährlichen Bedarf bzw. Verbrauch von 170kWh/m 2 ), wobei fast ein Viertel aller EZPH der schlechtesten Effizienzklasse H mit einem jährlichen Raumwärmebedarf von mehr als 250kWh/m 2 zugeordnet wird (dena und Krieger, 2019). Diese Verteilung trägt damit freilich zur fehlenden THG-Effizenz des deutschen Gebäudesektors entscheidend bei. Demgegenüber liegt die energetische Sanierungsrate nach unseren Schätzungen zur Zeit bei ca. 1,4-1,5% (bzw. nach Vollsanierungsäquivalenten bei ca. 1,15%; siehe Prognos u. a.,2021)4. Diese Sanierungsrate ist nach allgemeiner Einschätzung zu niedrig, um die Klimaziele zu erreichen (BCG, 2021; BMWi, 2015; Bürger u. a.,2021; dena, 2021c; dena und geea, 2017; ifeu u. a.,2018; Prognos u. a.,2021; Repenning u. a.,2018; Thomas u. a.,2022). Diese Beobachtung ist ein zentraler Ansatzpunkt für die vorliegende Studie, die versucht, Vorschläge für ein wirksames Instrumentarium an Förderungen für Sanierungsmaßnahmen und sich sukzessive verschärfenden, rechtlichen Pflichten zur Effizienzsteigerung von schlecht isolierten Gebäuden zu machen, um die Sanierungsrate rasch auf die nötigen 3% anzuheben (siehe Abbildung 2). Dabei verstehen wir unter Sanierungsrate im Folgenden den Anteil der Gebäude, die jährlich saniert wird um ein klimaneutrales Zielniveau zu erreichen. Eine Anhebung der Sanierungsrate würde die Reduktion der THG-Emissionen im Gebäudesektor stark beschleunigen und einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der globalen und nationalen Klimaziele leisten. Laut Klimaschutzgesetz muss der Gebäudesektor bis 2030 die Zielmarke von 67 Mt CO 2 ä unterschreiten (§4 Absatz 1 KSG Anlage 2) – eine Reduktion um 34% gegenüber dem Stand 2023. Bis 2040 müssen die Gesamtemissionen in Deutschland gegenüber dem Referenzjahr 1990 um 88% sinken (§4 Absatz 1 KSG Anlage 3). Soll diese Reduktion in allen Bereichen proportional geschehen, so bedeutet dies für den Gebäudesektor einen Höchstwert an Emissionen von 23 Mt CO 2 ä (§4 Absatz 1 KSG Anlage 3, BMUV, 2020). Bis 2050 muss der gesamte Sektor klimaneutral sein, wobei wir einen Zielbereich skizzieren. Im optimistischsten Szenario nehmen wir an, dass 90% der gesamten Einsparung durch die hier vorgeschlagene Transformation der deutschen Wohngebäude durch energetische Sanierungen und Heizungstausch aufgebracht werden. Die restlichen 10% müssten in diesem Szenario auf anderen Wegen – etwa durch weitere technologische Innovationen – aufgebracht werden. Im Gegensatz dazu nehmen wir im pessimistischsten Szenario an, dass die gesamten Einsparungen aus den hier vorgeschlagenen Sanierungen inklusive Heizungstausch aufgebracht werden. Im Sinne einer methodisch ganzheitlichen Betrachtung bilden wir in unseren Ergebnissen die gesamte Emissionsintensität der Wärmebereitstellung im Wohngebäudesektors ab, indem wir die indirekten Emission aus der außerhäuslichen Energiebzw-. Wärembereitstellung miterfassen. Dies hat den konzeptionellen Vorteil, dass insbesondere das Outsourcing direkter Emissionen in den außerhäuslichen Bereich automatisch berücksichtigt wird. Mit Hilfe des Konzepts der Emissionsintensität erfassen wir also alle durch Wärmebereitstellung im Gebäudesektor induzierten Emissionen ungeachtet der Frage, ob diese inneroder außerhäuslich anfallen5 Abbildung 1zeigt das Potential verschiedener Sanierungsraten zur Einsparung von THG. Die unterste Linie entspricht mit 1,5% in etwa der jetzigen Sanierungsrate, während die nächste Linie die in Studien oft geforderte Sanierungsrate von 2% zeigt. Wie die Abbildung verdeutlicht, führt eine Sanierungsrate zwischen 1,5% und 2% dazu, dass die Klimaziele deutlich verfehlt werden. Durch eine Erhöhung der Sanierungsrate von aktuell 1,4-1,5% auf bis 3% ließe sich der Abstand zwischen klimapolitischen Zielen und realer Entwicklung signifikant verringern, wenn auch nicht schließen. 3 Momentan eignen sich nur etwa 14% der Gebäude für einen Heizungswechsel – der Rest müsste davor erst energetisch saniert werden (dena, 2021b). 4 Wie angedeutet verwenden bestehende Studien unterschiedliche Definitionen der energetischen Sanierungsrate. Manchmal werden darunter Vollsanierungsäquivalente verstanden, die als Anteil an vollsanierter Gebäudefläche erfasst werden. In anderen Fällen umfasst die Sanierungsrate alle Sanierungen, die darauf abzielen, ungeachtet des Ausgangszustands ein exogen gegebenes Zielniveau zu erreichen, relativ zur Gesamtanzahl der Gebäude. Vor diesem Hintergrund meint der Begriff der Sanierungsrate im Folgenden, den Anteil am Gebäudebestand, an dem eine Sanierungstätigkeit vorgenommen bzw. durchgeführt wird. 5 Ein direkter Vergleich der hier verwendeten Emissionsintensität mit einem Szenario, das nur direkte Emissionen erfasst, findet sich in Abschnitt 3.2. 3 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 2025 2030 2035 2040 2045 2050 2055 0% 20% 40% 60% 80% 100% Einsparungspotential THG: Heizungstausch und Sanierung Klimaziele Einsparungspotential THG bei einer Sanierungsrate von 1,5% Einsparungspotential THG bei einer Sanierungsrate von 2% Einsparungspotential THG bei einer Sanierungsrate von 3% Abbildung 1: Die Rolle der Sanierungsrate in der Erreichung der Klimaziele. Durch eine Erhöhung der Sanierungsrate auf 2% bis 3% ließe sich der Abstand zwischen klimapolitischen Zielen und realer Entwicklung signifikant verringern, wenn auch nicht schließen. Die energetische Sanierung und Umrüstung des Gebäudebestands erscheint daher als eine notwendige, aber alleine nicht hinreichende Maßnahme zur Erreichung der Klimaziele. 2025 2030 2035 2040 2045 2050 2055 0% 20% 40% 60% 80% 100% Einsparungspotential THG: Heizungstausch, Sanierung, Dekarbonisierung Klimaziele Einsparungspotential THG: Sanierungsrate 2,5% Einsparungspotential THG: Sanierungsrate 3% Einsparungspotential THG: Sanierungsrate 2,5% +Dekarbonisierung Einsparungspotential THG: Sanierungsrate 3% +Dekarbonisierung Abbildung 2: Die Rolle der Dekarbonisierung der Stromund Fernwärmeversorgung zur Erreichung der Klimaziele. Die gelben Linien stellen dar, wie wichtig die Verschränkung der energetischen Sanierungen inklusive Heizungstausch mit einer weitreichenden Dekarbonisierung der Stromerzeugung und der Fernwärme ist. Nur mit einem solchen Vorgehen können die Klimaziele erreicht, oder sogar übertroffen werden. Die energetische Sanierung und Umrüstung des Gebäudebestands erscheint daher als eine notwendige, aber alleine nicht hinreichende Maßnahme zur Erreichung der Klimaziele. Um eine Klimaneutralität des deutschen Gebäudesektors zu erreichen, ist es daher, wie in Abbildung 2dargestellt, nötig, die Sanierung der Bestandsgebäude inklusive Heizungstausch mit einer weitreichenden Dekarbonisierung der Stromerzeugung und Fernwärme zu verschränken (dies ist in den gelben Linien dargestellt). Nur mit einem solchen Vorgehen können die Klimaziele erreicht, oder sogar übertroffen werden. Auf Basis dieser Überlegungen diskutieren wir im Folgenden die Kernfragen einer Transformation des Gebäudesektors. In einem ersten Schritt analysieren wir die bestehende Literatur und erläutern die zentralen technologischen und infrastrukturellen Ausgangsbedingungen (Abschnitt 2). Darauf aufbauend entwickeln wir ein konkretes Szenario zur Erreichung der Klimaziele im Gebäudesektor (Abschnitt 3). Dieses Szenario wird in Folge mit einem konkreten Finanzierungsmodell unterlegt (Abschnitt 4) und hinsichtlich seiner mikro-, mesound makroökonomischen Voraussetzungen analysiert (Abschnitte 5und 6).6 6Der Code des zu Grunde liegenden Modells ist via Github anrufbar. 4 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 2 Safe and Sound: Der wissenschaftliche Konsens zur Transformation des Gebäudesektors in Deutschland In diesem Abschnitt werden Strategien zur praktischen Umsetzung der Transformation des Gebäudesektors vorgestellt und diskutiert. Aufgrund der aktuellen Bedeutung des Themas ist in den letzten Jahren eine Reihe von Studien entstanden, die die Möglichkeiten zur Transformation des Gebäudesektors in Deutschland detailliert untersuchen (BCG, 2021; BMWi, 2015; Bürger u. a.,2021; dena und geea, 2017; ifeu u. a.,2018; Prognos u. a.,2021; Repenning u. a.,2018; Thomas u. a.,2022). Vordergründig werden dabei vier verschiedene technische Umsetzungsmöglichkeiten zur Dekarbonisierung der Raumwärmeerzeugung diskutiert, wobei weitestgehend Konsens über die Wirkung und Effektivität dieser Vorschläge herrscht. Wir stellen diese Optionen im Abschnitt 2.1 vor und erörtern die wichtigsten Ergebnisse der gegenständlichen Literatur, bevor wir im Abschnitt 2.2 zentrale Einsichten der bestehenden Literatur zusammenfassen. Es liegt auf der Hand, dass Lösungen mit möglichst hoher CO 2 -Effizienz erforderlich sind, um die Transformation möglichst rasch und wirksam umzusetzen. Vergangene Forschungsarbeiten zum Thema legen eine Strategie nahe, die im Bereich der Dekarbonisierung die elektrische Erzeugung von Raumwärme mittels Wärmepumpen und einen Ausbau erneuerbarer Wärmenetze kombiniert und zugleich mittels energetischer Sanierung des Gebäudebestands einen Beitrag zur Reduktion des Gesamtenergieverbauchs leistet. In diesem Abschnitt stellen wir diese Technologien, auf die sich ein solcher Transformationspfad stützt, kursorisch vor. 2.1 Dekarbonisierung: Wärmeerzeugung durch erneuerbare Energien Aktuell werden in Deutschland vier verschiedene Vorschläge zur Dekarbonisierung der Raumwärmeerzeugung diskutiert. Der erste ist der Vorschlag zur flächendeckenden Installation von Wärmepumpen. Diese wird mehrheitlich als die vielversprechendste Variante zur Dekarbonisierung betrachtet, da Wärmepumpen in einem Großteil der Gebäude in Deutschland eingesetzt werden können und eine sehr hohe Effizienz versprechen (BCG, 2021). Der zweite Ansatz besteht im Ausbau klimaneutraler Wärmenetze, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Dieser Vorschlag eignet sich insbesondere für Mehrparteienhäuser in urbanen Gebieten (Fraunhofer IEE, 2021), ist aber zumeist an weitere Voraussetzungen gebunden, die vor allem die Dekarbonisierung der verwendeten Energieträger betrifft. Der dritte Ansatz besteht in der dezentralen Verbrennung von Biomasse bzw. Biogas. Traditionell wird dies als THG-neutrale Technologie dargestellt, neuere Forschungen zeigen aber, dass dies, wenn überhaupt, nur unter voraussetzungsreichen Annahmen gilt (Fehrenbach u. a.,2022). Darüber hinaus ist der Einsatz von Biomasse aufgrund der physischen Ressourcenknappheit nur in kleinem Rahmen umsetzbar. Der vierte Ansatz, der in der Literatur diskutiert wird, ist der Einsatz von Power-to-Gas(PtG)-Technologien, durch die mittels Wasserelektrolyse Brenngas hergestellt wird. Diese Variante ist allerdings mit einem hohen Strombedarf verbunden und kann daher, wie unten weiter ausgeführt, für den Gebäudesektor nicht als zielführend erachtet werden. Wärmepumpen. Der großflächige Einsatz von Wärmepumpen im Gebäudesektor stellt aus verschiedenen Gründen einen vielversprechenden Weg hin zu einer Transformation des Gebäudesektors dar. Erstens, arbeiten diese effizienter als herkömmliche Brennwertkessel – sie erreichen einen höheren Wirkungsgrad und verbrauchen so pro bereitgestellter Einheit an Endenergie weniger Primärenergie. In der Praxis liegt der Wirkungsgrad von Luft-Wasser-Wärmepumpen oftmals bei 300% oder höher, während bei der konventionellen Gasverbrennung auch mit modernsten Brennwertkesseln bloß ein maximaler Wirkungsgrad von 95% erreicht werden kann (Prinzing u. a.,2019). Die reale Effizienz einer Wärmepumpe wird durch ihre Jahresarbeitszahl (JAZ) beschrieben. Wir gehen davon aus, dass die durchschnittliche Jahresarbeitszahl einer Wärmepumpe bei 3,1 liegt (Fraunhofer ISE, 2013).7 Diese Relationen sprechen aus ökologischer Perspektive für den großflächigen Einsatz von Wärmepumpen, wobei in einem solchen Szenario mit einem erhöhten Strombedarf zu rechnen ist. Daraus ergeben sich zwei wichtige Voraussetzungen für die effektive Dekarbonisierung häuslicher Wärmeerzeugung mittels eines großflächigen Einsatzes von Wärmepumpen. 7 Das bedeutet, dass Wärmepumpen aus der erneuerbaren Wärmeenergie ihrer Umgebung durch die Zufuhr von 1 kWh elektrischem Strom zumindest 3,1 kWh Wärmeenergie erzeugen können, wobei hier noch Effizienzsteigerungen erwartet werden. 5 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 1. Es muss gewährleistet sein, dass die Ausweitung von Wärmepumpen in Deutschland mit einem Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung einhergeht, da der Einsatz von Wärmepumpen an sich noch keinen Einfluss auf die verwendeten Primärenergiequellen nimmt. In diesem Kontext ist auch zu klären, ob und in welchem Ausmaß aktuell verfügbare Kapazitäten im Stromnetz ausreichen um eine entsprechend höhere Stromversorgung aller Wohngebäude sicherzustellen. 2. Der Einsatz von Wärmepumpen muss durch umfassende Sanierungsmaßnahmen begleitet werden, um deren Effizienzpotential bestmöglich auszuschöpfen. Hinsichtlich der ersten Voraussetzung ist es essentiell, die deutsche Stromerzeugung möglichst flächendeckend auf erneuerbare Energien umzustellen. Die Dekarbonisierung der Stromversorgung ist daher, wie bereits in Abbildung 2quantitativ illustriert, auch im Kontext des Gebäudesektors ein unerlässlicher Schlüsselfaktor. Darüber hinaus präsentieren die verfügbaren Studien zum Einsatz von Wärmepumpen in Deutschland unterschiedliche Prognosen über den dadurch zu erwartenden Anstieg des Stromverbrauchs. Sie stimmen aber darin überein, dass der Anstieg des Strombedarfs zu keiner strukturellen Überlastung des Stromnetzes führen sollte (dena und geea, 2017; Lux u. a.,2021; Prognos u. a.,2021)8 Zweitens spielt, wie bereits eingangs angedeutet, die Wärmedämmung der Gebäude eine ausschlaggebende Rolle für die erfolgreiche Dekarbonisierung im Gebäudesektor. Eine hohe Energieeffizienz der Gebäudehüllen verringert den Energieverbrauch und entlastet dadurch den Energiesektor. Zugleich sind gewisse Mindeststandards im Bereich der Gebäudehülle eine wesentliche Voraussetzung, um das Potential der Schlüsseltechnologie Wärmepumpe voll auszureizen.9 Fernwärme. Eine zweite Variante zur Dekarbonisierung des Wärmebedarfs im Gebäudesektor stellt die Nutzung von Fernwärme dar. Fernwärme bietet grundsätzlich den Vorteil, dass Wärme aus unterschiedlichen Bereichen nutzbar gemacht werden kann – durch die Einspeisung neuer Wärmequellen in das Wärmenetz birgt Fernwärme auch Potential zu stetiger Effizienzsteigerung. Allerdings ist der Ausbau von Fernwärme nur bedingt ein erfolgsversprechender Ansatz zur Dekarbonisierung, da aktuell nur 18% der Fernwärme in Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen stammen, während ein wesentlicher Anteil der gesamten Fernwärmebereitstellung auf fossilen Energieträgern beruht (Erdgas hat dabei einen Anteil von 48%, Kohle 19%, siehe BDEW, 2021). Es ist daher nicht verwunderlich, dass der durchschnittliche Emissionsfaktor von Fernwärme nur wenig unter dem von fossilen Heizungssystemen liegt (Bettgenhaeuser und Boermans, 2011). Damit der Ausbau des Fernwärmenetzes sein Potential zur Dekarbonisierung ausschöpfen kann, muss gleichzeitig die Erzeugung von Fernwärme selbst dekarbonisiert werden – in einem solchen Szenario bietet Fernwärme insbesondere im städtischen Raum große Chancen für eine klimaneutrale Transformation des Gebäudesektors. Konkret nehmen Fraunhofer IEE (2021) an, dass rund 30 % der Gebäude anschlussfähig sind. In Anlehnung daran gehen wir davon aus, dass ein Viertel aller Wohngebäude ans Fernwärmenetz angebunden werden kann. Wie für Wärmepumpen gilt allerdings auch für die Verwendung von Fernwärme, dass eine effiziente Umsetzung letztendlich auch von einer Reduktion des Raumwärmebedarfs durch energetische Sanierungsmaßnahmen abhängig ist (siehe Abschnitt 2.2). Biomasse und Biogas. Es gibt in Deutschland eine geringe Anzahl an Gebäuden, die nicht ans Wärmenetz anzubinden sind und aufgrund technischer und rechtlicher Restriktionen auch nicht dahingehend saniert werden können, dass der Einsatz von Wärmepumpen möglich wird – vor allem Altbauten und denkmalgeschützte Gebäude sind hier betroffen. In solchen Fällen kann Biomasse oder Biogas eine relevante Alternative zu anderen Energieträgern darstellen (BCG, 2021; BMWi, 2015). Allerdings haben solche biogenen Brennstoffe neueren Analysen zufolge keine neutrale THG-Bilanz 8 Die errechneten Werte hängen allerdings maßgeblich von zugrundeliegenden Annahmen über zukünftige Entwicklungen des restlichen Strombedarfs im Gebäudesektor sowie der Entwicklung der Effizienz von Wärmepumpen ab und weisen dementspechend eine große Spannbreite auf. Während einige Berechnungen eine moderate Steigerung des Strombedarfs prognostizieren (siehe zB dena und geea, 2017; Lux u. a.,2021), gehen andere Schätzungen davon aus, dass es aufgrund von flankierenden Effizienzsteigerungen (effektivere Wärmepumpen, Umstellung der Warmwasseraufbereitung) bis 2050 sogar trotz flächendeckendem Einsatz von Wärmepumpen zu einem Rückgang des Strombedarfs im Gebäudesektor kommt (Prognos u. a.,2021). 9 Wird bei einem Gebäude mit einem Verbrauch von 265 kWh/m 2 durch eine energetische Sanierung ein Niveau von 60 kWh/m 2 erreicht, bewirkt dies einen Rückgang des Energiebedarfs um 77%. Wird zusätzlich eine Wärmepumpe mit einer Jahresarbeitszahl von 3 eingesetzt, beträgt die Einsparung beim Endenergieverbrauch etwa 92%. 6 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 (Fehrenbach u. a.,2022) – zugleich sind diese nur begrenzt verfügbar und sollten daher, wenn überhaupt, nur in Einzelfällen eingesetzt werden. Power-to-Gas. Power-to-Gas (PtG) bezeichnet ein Verfahren, durch das Brenngas mittels Wasserelektrolyse hergestellt wird. Dieses Verfahren geht mit einem hohen Stromaufwand in der Erzeugung einher und wirkt nur dann im Sinne einer Dekarbonisierung, wenn sowohl die Produktion des benötigten (grünen) Wasserstoffs als auch die weitere Verarbeitung mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen durchgeführt wird. Für den Gebäudesektor stellt PtG daher eine hochgradig ineffiziente Lösung dar, da Wärmepumpen einen wesentlich geringeren Strombedarf aufweisen – im Vergleich zur Wärmepumpe wird bei PtG-Verfahren ca. 5-mal soviel Primärenergie für dieselbe Menge an Raumwärme benötigt (Thomas u. a.,2022)10. 2.2 Wege zur Klimawende im Gebäudesektor Die in diesem Abschnitt eingangs zitierten Studien zu Handlungsbedarfen im klimapolitischen Kontext versuchen durchweg, Transformationspfade hin zu einem klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 bzw. 2050 zu skizzieren 11 und bieten einen guten Überblick über die technischen Möglichkeiten zur Umgestaltung des Gebäudesektors. Einige der genannten Studien betrachten dabei auch die Frage der Kosten bzw. Finanzierung einer entsprechend angelegten Investitionsoffensive. Als gemeinsame Einsicht der genannten Studien ergibt sich, dass einerseits die energetische Sanierungsrate erhöht werden muss und andererseits ein Umstieg auf weniger CO 2 -intensive Heizungssysteme notwendig ist. Bereits bei den Angaben zur nötigen Höhe der Sanierungsrate als auch zum anzustrebenden Technologiemix geben die Studien jedoch heterogene Empfehlungen, deren Begründung nicht immer klar nachvollziehbar ist –– auch weil nicht alle Annahmen transparent gemacht werden und Unterlagen zur Replikation der Ergebnisse nicht offen zur Verfügung stehen. Im Allgemeinen unterscheiden sich sowohl die methodischen und konzeptionellen Vorannahmen, als auch die thematischen Schwerpunktsetzungen und politischen Empfehlungen der gesichteten Studien, sodass die Ergebnisse oftmals schwierig vergleichbar sind. Wesentliche Punkte, in denen sich die genannten Studien unterscheiden, betreffen fundamentale Fragen, wie die Berücksichtigung der Dekarbonisierung der Stromerzeugung, die Frage der (ggf. auch ordnungsrechtlich zu erwirkenden) Priorisierung der Sanierung von Gebäuden mit besonders niedrigem Effizienzstandard oder die Berechnung der Investitionskosten (die typischerweise als diskontierte Nettokosten erfasst werden und daher stark von Annahmen über zukünftige Preisentwicklungen abhängen). Darüber hinaus weisen die genannten Studien auch in ihrer Gesamtheit noch wichtige Leerstellen auf – so bleiben nicht nur Fragen nach dem genauen methodischen Vorgehen oftmals diffus, auch die Frage nach der Finanzierung der Investitionskosten und deren Verteilung findet nur gelegentlich bzw. gar keine Berücksichtigung. Im Folgenden greifen wir zentrale Einsichten der bestehenden Literatur, wie die Notwendigkeit einer Anhebung der Sanierungsrate oder die Dekarbonisierung der verwendeten Primärenergie, auf und entwickeln auf dieser Basis ein ganzheitliches, transparentes und politisch umsetzbares Szenario zur Transformation des Gebäudesektors in Deutschland. Um die weiterführenden Überlegungen und Berechnungen zu vereinfachen, nehmen wir auf Basis dieser Analyse im Folgenden an, dass die Transformation des deutschen Gebäudesektors auf zwei zentralen Maßnahmen beruht: Einerseits auf einer Ausweitung der energetischen Sanierungen zur Reduktion des Verbrauchs, wobei wir hier eine standardisierte Sanierungstiefe von 60 kWh/m 2 vorsehen, andererseits auf der Dekarbonisierung der verwendeten Energieträger, wofür die Umrüstung auf Wärmepumpen bzw. der Anschluss ans Fernwärmenetz eine Voraussetzung darstellt. In Anlehnung 10 Im industriellen Bereich könnten PtG-Verfahren hingegen eine mögliche Lösung für jene Vorgänge darstellen, bei denen fossile Brennstoffe nicht durch elektrischen Strom ersetzt werden können. 11 Im Einklang mit den EU-Klimazielen und auch um die Vergleichbarkeit mit anderen Studien zum Thema zu erhalten, gehen wir in dieser Studie davon aus, dass eine Klimaneutralität des Gebäudesektors bis 2050 erreicht werden soll, wobei wir die Klimaneutralität, wie in Abschnitt 1erläutert, durch einen Zielbereich zwischen 90-100%iger Reduktion der Emissionsintensität im Vergleich zum status quo darstellen (siehe auch Abbildungen 1und 2). 7 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 Um die Frage, wie diese Kosten bewältigt werden können, strukturiert zu analysieren, ist es hilfreich, zunächst die Eigentümer*innenstruktur zu beachten. In Deutschland befinden sich 78% der Wohneinheiten im Eigentum von Privatpersonen (Statista, 2022) 20 , daher liegt der Fokus des Finanzierungsplans, der im kommenden Abschnitt beschrieben wird, bei dieser Gruppe. Die restlichen 22% sind im Eigentum verschiedener institutioneller Wohnungsunternehmen, für die am Ende dieses Abschnitts eigenständige Überglegungen zur Finanzierung diskutiert werden. 4.1 Finanzierungsplan für private Haushalte. Werden Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden, die sich im Eigentum von Privatpersonen befinden, durch die öffentliche Hand subventioniert, so ist damit typischerweise ein Wertanstieg der betroffenen Immobilien verbunden. Es handelt sich bei solch einer Maßnahme also um eine Subvention von Privatvermögen. Vor dem Hintergrund, dass privates Vermögen hier den Subventionsgegenstand bildet, scheint es konsequent, auch die ökonomische Leistungsfähigkeit der subventionierten Haushalte auf der Vermögensebene zu bewerten und diese Bewertung in die Subventionsentscheidung miteinzubeziehen. Konkret bietet es sich an, das Ausmaß der öffentlichen Subvention von der (Netto-)Vermögensposition der subventionierten Haushalte abhängig zu machen um (a) all jenen, für die eine derartige Maßnahme nicht leistbar ist, jedenfalls eine entsprechende Förderung zu garantieren und (b) zu vermeiden, dass allgemeine Steuermittel Verwendung finden um den Vermögensbestand der reichsten 10% der Haushalte noch weiter zu erhöhen. Eine solche Organisation der Subventionsvergabe ist dabei natürlich keineswegs alternativlos 21 , geht allerdings mit den nachstehenden Vorteilen einher, die bei einer alternativen Umsetzung entweder nicht oder nur über Umwege realisiert werden könnten. • Die Umsetzung einer solchen Maßnahme wäre mittels stichprobenartig zu überprüfenden Selbstauskünften der Haushalte auf rasche, effiziente und datenschutzrechtlich unproblematische Weise möglich. • Die Kopplung von Subventionshöhe an den entsprechenden Subventionsgegenstand erscheint steuerpolitisch sachgerecht, da es das steuerpolitische Bewertungsmoment der ökonomischen Leistungsfähigkeit (’abilityto-pay’) möglichst unverzerrt zur Anwendung bringt, indem berücksichtigt wird, dass die hier potentiell zu subventionierenden Vermögen eine zentrale Komponente dieser Leistungsfähigkeit bilden (Saez und Zucman, 2019). • Die Ausführung einer solchen Politik wäre in hohem Maße sozial treffsicher, da diese eine Subventionierung reicher Haushalte vermeidet und zugleich verhindert, dass ärmere Haushalte bei dem Versuch, ihr Eigentum zu erhalten in Schwierigkeiten kommen.22 • Die Vorgehensweise stellt sicher, dass die Transformation des Gebäudesektors im Sinne einer ’just transition’ auch verteilungspolitischen Überlegungen Rechnung trägt. Der von uns vorgeschlagene Finanzierungsplan setzt daher bei der beobachteten, hochgradig ungleichen Vermögensverteilung an: Wir schlagen eine vermögensabhängige Förderung vor, die die gesamten Sanierungskosten der vermögensschwächsten Haushalte übernimmt, während die vermögendsten Haushalte die gesamten Kosten selbst tragen. Haushalte der zweiten Gruppe können sich Sanierungsmaßnahmen nicht nur leichter leisten als andere, die Maßnahme stellt auch sicher, dass die hohe Ungleichheit der Vermögensverteilung durch die Transformation des Gebäudesektors nicht zusätzlich verstärkt wird. Diese sozial gerecht ausgestaltete Förderpolitik macht im Umkehrschluss ordnungs20Diese Zahl setzt sich zusammen aus 31% vermieteten Einheiten und 47% Eigenheimen. 21 Ein Beispiel für eine alternative Bemessungsgrundlage, die allerdings weniger Potential zur Umverteilung hat, ist Einkommen. Die Korrelation zwischen Vermögen und Einkommen ist zwar hoch, aber Einkommen ist weniger ungleich verteilt: Während die vermögendsten 10% der deutschen Bevölkerung zwischen 55%-65% des deutschen Gesamtvermögens besitzen (Kapeller u. a.,2023; Schröder u. a.,2020), verdienen sie bloß 19% des Gesamteinkommens. Umgekehrt besitzen die vermögensärmsten 50% in der Vermögensverteilung nur 3% des Gesamtvermögens, verdienen aber 34% des Gesamteinkommens. Insbesondere befinden sich in der Gruppe der niedrigsten 10% in der Einkommensverteilung auch Haushalte, die nach dem Vermögen bemessen zu den reichsten 10% gehören. Damit ist Einkommen zwar ebenfalls als umverteilende Bemessungsgrundlage geeignet, der Hebel zur Umverteilung ist aber nicht nur kleiner, sondern auch weniger trennscharf: unter den vermögendsten Haushalten gäbe es Fälle, die komplett gefördert würden. 22 Für Haushalte, die trotz eines relativ hohen Vermögens nicht über die Mittel verfügen, eine Sanierung zu finanzieren (dies ist denkbar in Fällen, in denen das ganze Vermögen in der zu sanierenden Immobilie liegt und dennoch keine Kreditwürdigkeit mehr besteht), sind geförderte Kredite denkbar – als Sicherheit kann hier zumeist die Immobilie selbst dienen, für die wenigen verbleibenden Ausnahmefälle wären staatliche Garantien denkbar. 14 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 rechtliche Maßnahmen sozial verträglich, die wiederum benötigt werden um zu vermeiden, dass vermögende Haushalte keine entsprechenden Transformationsbemühungen unternehmen.23 Wir schlagen daher ein Szenario vor, dass die am wenigsten vermögenden 65% in Höhe des vollen Kostenumfangs der bei ihnen nötigen Sanierungen gefördert werden, während die vermögendsten 10% die Sanierungskosten zur Gänze selbst tragen. Für Haushalte, die in der Vermögensverteilung dazwischen liegen, lässt sich die Förderquote mittels linearer Interpolation bestimmen. 24 Der Staat übernimmt in diesem Szenario mit jährlichen Kosten von rund 24 Mrd. C etwa 26% des gesamten Finanzierungsbedarfs, der für private Eigentümer*innen anfällt 25 . Diese Werte sind dabei als Diskussionsvorschlag zu verstehen und dienen vorwiegend der Illustration. Sie basieren konzeptionell auf der Beobachtung, dass die unteren zwei Drittel der Vermögensverteilung kaum Immobilieneigentum besitzen, während ein Großteil desselben bei den reichsten 10% der Haushalte konzentriert ist. Letztlich ist die Setzung derartiger Schwellenwerte eine genuin politische Entscheidung, die hier nicht überbewertet werden soll. Die Situation der Mieter*innen Im Sinne einer ‘just transition’ ist es nicht zuletzt wichtig, die Lage der Mieter*innen zu berücksichtigen, da im Kontext von vermietetem Wohneigentum das sogenannte ‘landlord/tenant dilemma’ zum Tragen kommt: Eine energetische Sanierung bringt beiden Parteien Vorteile. Während Mieter*innen beispielsweise von den niedrigeren Energiekosten und höherem Wohnkomfort profitieren, steigern Eigentümer*innen die wirtschaftliche Nutzungsdauer ihrer Immobilien. Es ist daher nicht von vornherein klar, wer für die Kosten einer energetischen Sanierung aufkommen soll (Ástmarsson u. a.,2013). Während es in Deutschland grundsätzlich erlaubt ist, Sanierungskosten auf die Mieter*innen abzuwälzen, bleibt umstritten, ob und in welchem Grade solche Mieterhöhungen langfristig durch niedrigere Energiekosten für die Mieter*innen gerechtfertigt werden können. Hier sind einerseits ökonomische Aspekte im engeren Sinne ungeklärt – die Ergebnisse der Berechnungen für die hier üblicherweise die Kapitalwertmethode herangezogen wird, hängen stark von den in Betracht gezogenen Faktoren und Annahmen über zukünftige Preisentwicklungen ab. So kommen Enseling und Hinz (2006) grundsätzlich zu dem Schluss, dass Mieterhöhungen im Kontext klimabezogener Sanierungsmaßnahmen legitim seien. Dagegen finden Galvin und Sunikka-Blank (2012), dass die Sanierungskosten keinesfalls durch Mieterhöhungen finanziert werden dürfen, sofern für die Mieter*innen kein Nachteil entstehen soll. Andererseits stehen hier ungeklärte verteilungspolitische Fragen im Raum – etwa welche Gruppen und Personen von der Einführung einer neuen Technologie besonders profitieren sollen. Da sich diese Frage bei der Verwendung ordnungsrechtlicher Mittel und/oder öffentlicher Förderungen mit doppelter Schärfe stellt, scheint es im Sinne einer ‘just transition’ geboten, Mietpreiserhöhungen aufgrund von Sanierungen stark zu beschränken. Dies kann insbesondere vor dem Hintergrund, dass Mieter*innen vom öffentlichen Förderangebot für Eigentümer*innen gar nicht profitieren werden, leicht gerechtfertigt werden. Schließlich sind Mieter*innen vorwiegend in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung zu finden, tragen aber signifikant zu jenem allgemeinen Steueraufkommen bei, aus dem öffentliche Subventionen für Immobilieneigner*innen finanziert werden. In diesem Sinne erscheint es essentiell, das hier vorgeschlagene Modell zur Steigerung der Sanierungsrate durch eine Kombination aus ordnungsrechtlichen Vorgaben und öffentlichen Förderung durch eine entsprechende Mietgesetzgebung zu flankieren, die sicherstellt, dass auch Mieter*innen von einer so gestalteten Transformation des Gebäudesektors langfristig profitieren. In einem solchen Fall würden die zur Sanierung des privaten Gebäudebestands eingesetzten Fördermittel indirekt auch Mieter*innen zu Gute kommen. 4.2 Finanzierungsplan für institutionelle Eigentümer*innen. Aktuell befinden sich 22% der Wohneinheiten in Deutschland im Besitz von institutionellen Eigentümer*innen: Wohnungsund Baugenossenschaften, öffentlichen Einrichtungen sowie privaten Unternehmen (Statista, 2022). Da diese sich wesentlich von Privathaushalten unterscheiden, ist es sinnvoll, für diese Gruppe eine eigene Finanzierungsstrategie 23 Die von uns vorgeschlagene Sanierungspflicht lässt sich auch im Sinne von Art. 14 GG argumentieren; die Klimapolitik dient dem Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft und da Eigentum dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen hat, können Eigentümer*innen hier in die Pflicht genommen werden. 24Um zu Berechnen, wie viele Kosten bei dieser Vorgehensweise anfallen, verwenden wir die Daten des Eurosystem Household Finance and Consumption Survey (HFCS), der ausführliche Daten zu privaten Sachund Finanzvermögen in den einzelnen EU-Staaten enthält. 25Bzw. 21% der Gesamtkosten, die auch institutionelle Eigentümer*innen berücksichtigen. 15 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 vorzulegen. Die wichtigsten Unterschiede liegen darin, dass institutionelle Eigentümer*innen einerseits nicht in der gleichen Weise mit endlichen Lebensdauern konfrontiert sind wie Privatpersonen und andererseits zumeist ein breiteres Portfolio an Assets besitzen als die durchschnittliche private Eigentümer*in. Vor diesem Hintergrund erscheint es in solchen Fällen durchaus vertretbar, wie in anderen Studien vorgeschlagen, amortisierte Kosten –– also jene Kosten, die durch den Gewinn an Energieeffizienz durch die Sanierung, eingespart werden können –– zu berücksichtigen. Demnach schlagen wir vor, dass institutionelle Eigentümer*innen, jene Kosten der Sanierung, die sich innerhalb von 30 Jahren amortisieren (Schmiel, o.D., siehe hierzu auch), selbst tragen, während für den verbleibenden Anteil eine öffentliche Förderung denkbar wäre. Thomas u. a. (2022) gehen davon aus, dass sich mindestens 80% der anfallenden Kosten amortisieren. Folgt man dieser Schätzung würden im institutionellen Bereich jährlich höchstens 5,2 Mrd. C an öffentlichen Förderungen anfallen, sollte das politische Interesse an einer Förderung institutioneller Eigentümer*innen bestehen. Auch für die in dieser Studie nicht behandelten Nicht-Wohngebäude könnte diese Vorgehensweise einen gangbaren Lösungsansatz bieten. 5 Doable Domestically? Neben den Finanzierungsaspekten einer Transformation im Gebäudesektor stellt sich auch die Frage, ob die hier vorgeschlagene Sanierungsoffensive umsetzbar ist, ohne an Kapazitätsgrenzen zu stoßen. Daher wird in diesem Kapitel diskutiert, ob im Rahmen einer ambitionierten Transformation des Gebäudesektors materielle Engpässe (bei der Produktion und Installation von Wärmepumpen) oder personelle Engpässe (etwa aufgrund eines Fachkräftemangels) entstehen können. Die bestehende Literatur zur Produktionskapazität von Wärmepumpen ist grundsätzlich zuversichtlich – so argumentiert etwa BWP u. a. (2022), dass ein Hochlauf auf eine Produktion von bis zu 500.000 Wärmepumpen pro Jahr realisierbar wäre. Zur erfolgreichen Installation dieser Wärmepumpen wären allerdings flankierende Maßnahmen – wie eine staatliche Förderung der Ausbildung entsprechender Fachkräfte und der Abbau regulatorischer Hemmnisse bei der Installation von Wärmepumpen – hilfreich bzw. erforderlich. Auch in der Absichtserklärung des BMWK u. a. (2022) ist eine Steigerung des Installationsvolumens auf mindestens 500.000 neue Wärmepumpen jährlich ab 2024 vorgesehen. Bis 2050 könnten demnach etwa 13,5 Mio. Wärmepumpen produziert werden. Noch optimistischer gehen Prognos u. a. (2021) davon aus, dass bis 2045 14 Mio. Wärmepumpen installiert werden können, während Lux u. a. (2021) sogar 16 Mio. Wärmepumpen vorsehen. Gemein ist diesen Schätzwerten, dass diese deutlich über den von in dieser Studie errechneten Bedarf hinausgehen: Nach der von uns vorgeschlagenen Sanierungsoffensive sind durchschnittlich rund 429.000 (bzw. bis 2050 in Summe 11,6 Mio.) Wärmepumpen nötig, wobei der Bedarf aufgrund der Priorisierung gerade in den ersten Jahren mit bis zu 457.000 Wärmepumpen höher liegt und mit der Zeit abnimmt. Wir gehen daher davon aus, dass die Transformation des Gebäudesektors im Bereich der Heiztechnologie mit keinen signifikanten Engpässen konfrontiert sein wird. Weniger eindeutig fällt die Beantwortung der Frage aus, wie hoch der zusätzliche Arbeitskräftebedarf sein wird und ob hier zentrale ökonomische Kapazitätsgrenzen erreicht werden. Dies liegt einerseits an unterschiedlichen Methoden und Schätzverfahren für den durch eine Steigerung der Sanierungsrate induzierten Arbeitskräftebedarfs sowie andererseits daran, dass solche Studien typischerweise auch Annahmen zur branchenspezfischen Entwicklungen des Arbeitsmarkts treffen, die ebenso sehr heterogen ausfallen. Um möglichst direkt an der hier implementierten Modellierungsstrategie anzuschließen, legen wir im Folgenden eine eigene Berechnung auf Basis eines Input-Output Modells (Miller und Blair, 2009) vor, das mit den aktuellsten verfügbaren Daten des deutschen statistischen Bundesamts kalibriert wurde (Destatis, 2022). Neben den direkten Effekten, die vornehmlich auf den Bauund Elektrotechnik-Sektor konzentriert sind, berücksichtigt eine solche Analyse auch indirekte Effekte (zusätzliche Produktion in den zuliefernden Industrien) und induzierte Effekte (zusätzliche Konsumnachfrage, die aus der mit einer Produktionssteigerung verbundenen Anwachsen der Einkommen entsteht). Allerdings handelt es sich bei der Input-Output Modellierung um eine lineare Extrapolation, d.h. potentielle Preisänderungen und Skaleneffekte bleiben in einem solchen Modell unberücksichtigt. Daher ziehen wir ergänzend zu den Ergebnissen der Input-Output Analyse Einschätzungen zur langfristigen Arbeitsmarktentwicklung und potentiellen Skaleneffekten heran, um ein realistisches Gesamtbildes zu erwartenden Arbeitskräftebedarfs zeichnen zu können. 16 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 So zeigen etwa längerfristige Schätzungen zur Entwicklung des Arbeitsmarkts im Bausektor, dass ein Teil des zusätzlichen Arbeitskräftebedarfs für Sanierungen aus einem Rückgang an Neubauvorhaben (Dorffmeister, 2020) decken lassen. So gehen Zika u. a. (2022) beispielsweise von einem endogenen Rückgang des Arbeitskräftebedarfs im Baugewerbe bis 2030 um 60.000 und bis 2040 um 220.000 Beschäftigte aus – eine Entwicklung, die durch die jüngsten Leitzinsanhebungen der EZB potentiell weiter verstärkt wird. In jedem Fall besteht im Bereich der Neubautätigkeit ein großes Reservoir an Arbeitskräften, das entsprechend qualifiziert ist und so jedenfalls zu verstärkten Sanierungen bestehender Gebäude beitragen kann. Nachdem die Herstellung von Neubauten auch ökologische Belastungen verursacht und der bestehende Gebäudebestand sich darüber hinaus durch eine große Langlebigkeit auszeichnet, erscheinen regulatorische und/oder finanzielle Anreize zu einer strategischen Reorientierung des Bausektors im Falle einer Verknappung der Kapazitäten des Bausektors grundsätzlich sinnvoll um die angestrebten Transformationsziele zu erreichen. Zudem können in der praktischen Durchführung von Sanierungstätigkeit auch Skaleneffekte erzielt werden. So gehen Hoch u. a. (2021) beispielsweise davon aus, dass eine Verdoppelung der Vollsanierungsäquivalente zu einem Anstieg des Arbeitskräftebedarfs um bloß 33% führen würde. Weitere Maßnahmen und Möglichkeiten zur Erreichung derartiger Skaleneffekte werden in Abschnitt 6kursorisch vorgestellt. Den Ergebnissen unserer Input-Output Analyse zufolge führen die Mehrinvestitionen in den Bausektor 26 zu einem zusätzlichen Bedarf von durchschnittlich rund 282.000 Arbeitskräften im Bausektor – in den ersten Jahren kann der Bedarf aber auf bis zu 379.000 zusätzliche Arbeitskräfte ansteigen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse der Input-Output-Analyse, dass die Durchführung der Transformation des Gebäudesektors zu einem Anstieg des BIP von 68 Mrd. C führen wird. Dies entspricht einem Multiplikator von 1,16 und repräsentiert einen vergleichsweise geringen Wertschöpfungseffekt. Dies liegt zum einen an der geringen Vorleistungsintensität der betroffenen Sektoren und zum anderen an dem Umstand, dass mit durchscnittlichen 17 Mrd. C 30% dieser Vorleistungen aus dem Ausland importiert werden muss. Um etwaigen kurzfristigen Engpässen des Arbeitskraftbedarfs vorzubeugen, bieten sich verschiedene Maßnahmen an. Die nachstehende Vorschlagssammlung bietet einige Beispiele dafür – weiterführende Optionen zur Steigerung der Produktivität von Sanierungstätigkeiten finden sich im nachfolgenden Abschnitt 6. Kapazitäten für einen klimaneutralen Gebäudesektor: Eine Vorschlagssammlung • Eine begleitende Informationsund Ausbildungsoffensive als bildungspolitische (Beurfsorientierung) und arbeitsmarktpolitische (Umschulungsund Ausbildungsangebote) Begleitung erscheint geboten um bestehendes Arbeitskräftepotential effektiv für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors vorzubereiten und zu nutzen. • Eine Reduktion von Neubauten ist nicht nur ein eigenständiger Beitrag zu einem klimaneutralen Gebäudesektor, sondern vereinfacht es auch, ein entsprechendes Arbeitskräftepotential für Sanierungsvorhaben bereitzustellen. • Eine unterstützende Deregulierung im Bereich Sanierung und Wärmepumpeninstallation sowie die Forcierung von Skaleneffekten im Sanierungsbereich ermöglichen eine höhere Arbeitsproduktivität und senken so den effektiven Arbeitskräftebedarf. • Die oftmals kleinteilige Firmenstruktur im Handwerksbereich ( destasis_strukturdaten ) kann durch weitergehende Maßnahmen – etwa die Bereitstellung geförderter Expansionskredite oder die Förderung von Unternehmensnetzwerken – unterstützt werden um eine Ausweitung bestehender Betriebsgrößen zu erleichtern (siehe dazu auch Abschnitt 6). 26 Genauer gesagt werden die Kosten auf die Sektoren “Vorb.Baustellen-, Bauinstallations-, Ausbauarbeiten”, “Chemische Erzeugnisse, “Keramik, bearbeitete Steine und Erden”, “Glas und Glaswaren”, “Gummiund Kunststoffwaren”, “Elektrische Ausrüstungen” und “Maschinen” aufgeteilt. Die Aufteilung der Kosten basiert auf eigenen Berechnungen auf Grundlage der Verteilung der thermischen Hüllfläche in Beuth Hochschule für Technik Berlin und ifeu (2015). 17 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 6 Accents for Acceleration: Wirkmächtige Innovationsimpulse. Die Umsetzbarkeit der sozial-ökologischen Transformation kann durch Innovationen unterschiedlicher Art erleichtert werden. Dazu zählen etwa die Implementierung effizienterer Prozesse, die Entwicklung neuer Technologien oder die Nutzung neuartiger Geschäftsmodelle und Organisationsformen. Aus der systematischen Literaturübersicht zu Innovationsdynamiken in Aistleitner u. a. (2021) geht hervor, dass Prozessinnovation typischerweise vor allem auf der Unternehmensebene vorangetrieben werden. Dennoch kommt dem Staat mit Blick auf die Möglichkeit innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, eine essentielle Rolle zu. Öffentliche Ausgaben können hier gezielt dazu genutzt werden um neue Technologien (siehe beispielsweise Kapitel 6.1), Prozessinnovationen (wie etwa in Kapitel 6.2) und Organisationsformen (Kapitel 6.3) in Unternehmen zu fördern. Da die genauen Auswirkungen erhöhter staatlicher Aktivität im Gebäudesektor auf die Innovationsneigung nicht präzise abschätzbar sind, wurden derartige Effekte auch nicht in die in Abschnitt 1bzw. 2präsentierten Projektionsrechnungen inkludiert. Dennoch ist aus heutiger Sicht absehbar, dass laufende Innovationen im Gebiet der Gebäudesanierung sowie der Installation von klimaneutralen Heizund Energieträgern die sozial-ökologische Transformation erleichtern werden, da diese den mit der Dekarbonisierung verbundenen zeitlichen und finanziellen Aufwand reduzieren. Es ist zu erwarten, dass Innovationen auf zwei Ebenen zu internationalen Spillover-Effekten führen – einerseits im Sinne einer positiven Auswirkungen auf die Emissionsbilanz anderer Länder, andererseits durch eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. In diesem Abschnitt werden daher drei zukunftsweisende Ideen beispielhaft vorgestellt, die ein vielversprechendes Potential aufweisen um den Weg zu einer ökologischen Transformation effizienter zurückzulegen. 6.1 Neue Technologien zur Gebäudesanierung: Energiesprong und saisonale Wärmespeicher Energiesprong ist ein in den Niederlanden gegründetes Projekt, das auf die Koordination effizienter, kostengünstiger Massensanierungen abzielt, in dem verschiedene bereits verfügbare Technologien rekombiniert und skaliert werden. Dazu werden in einer Fabrik leichtgewichtige Isolierpaneele hergestellt, die auf die Fassade bestehender Gebäude aufgesetzt werden können. Vorab werden die Gebäude mit einem Laserscanner vermessen, sodass vollautomatisch Freiräume für bestehende Fenster und Türen ausgeschnitten werden. Auch für die Sanierung des Daches werden vorgefertigte Module genutzt, die in der Regel bereits integrierte PV-Module enthalten. Eine energetische Sanierung kann durch dieses System binnen weniger Tage vorgenommen werden (Peters, 2022). Die Kosten der Sanierung sollen durch die eingesparten Heizkosten gedeckt werden – Energiesprong bietet privaten Haushalten ein dementsprechendes Finanzierungsmodell an (Green Alliance, 2019). Vor diesem Hintergrund wäre eine offensichtliche Option das Potential des Energiesprong-Ansatzes mit Hilfe öffentlicher Förderungen auch in Deutschland nutzbar zu machen (dena, 2021a). Eine weitere Herausforderung, die sich im Kontext der Dekarbonisierung des Gebäudesektors stellt, bezieht sich auf die Frage der (eingeschränkten) Verfügbarkeit nicht-fossiler Wärmequellen, da erneuerbare Energien nicht immer und überall in gleichem Ausmaß gewinnbar sind – so ist an dunklen Wintertagen kaum Solarenergie und bei Flaute keine Windenergie zu gewinnen. Um das Problem der saisonalen Energieschwankungen zu adressieren, scheint es sinnvoll, die Entwicklung saisonaler Wärmespeicher zu fördern. Diese speichern die im Sommer entstehende Überschusswärme möglichst effizient bis in den Winter, sodass die Wärme dann etwa für Fernwärme zur Verfügung gestellt werden kann. Obgleich in Deutschland bereits mehrere technische Ansätze zur Implementierung derartiger Wärmespeicher erprobt wurden 27 , hat die zugrunde liegende Technologie aufgrund der günstigen Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe bis heute noch keine Marktreife erreicht. Dennoch ist das Potential von Wärmespeichern groß: Bürger u. a. (2021) rechnen damit, dass bei großflächigem Ausbau von Wärmespeichern und ähnlich funktionierenden Power-to-Heat Technologien 28 , rund 27 In Deutschland wurden etwa bereits zwei Aquiferwärmespeicher in Betrieb genommen (Liebenthal und Zimmer, 2021). Diese basieren darauf, Wasser in abgeschlossenen Gesteinsschichten, die nach oben und unten hin natürlich abgedichtet sind, zu speichern bzw. zu erhitzen. Durch die Abgeschlossenheit der Aquifere kann die dadurch erzeugte Wärme vergleichsweise lange gespeichert werden. 28 Hier wird die Überschussenergie, die saisonal durch erneuerbare Quellen entsteht, wie beispielsweise Solarenergie im Sommer, genutzt um Wärme zu erzeugen, die im Winter verfügbar gemacht werden kann. 18 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 34 TWh jährlich verfügbar gemacht werden könnten. So könnten saisonale Wärmespeicher einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Fernwärme tatsächlich klimaneutral bereitgestellt werden kann. Da fossile Energieträger auf absehbare Zeit einen Kostenvorteil gegenüber saisonalen Wärmeund Energiespeichern aufweisen werden, könnte staatliches Handeln in diesem Bereich zu wichtigen Durchbrüchen verhelfen – etwa durch Förderung von Grundlagenforschung oder der lokalen Implementierung solcher Wärmespeicher. Wichtig scheint es hierbei, die Synergiepotentiale zwischen saisonalen Wärmespeichern und der Nutzung von saisonal unabhängig zur Verfügung stehenden Wärmequellen – wie Abwärme aus Müllverbrennung, Industrieabwärme und Umweltwärme – systematisch mitzudenken. 6.2 Prozessinnovationen im Bereich der Wärmebereitstellung: Klimaneutrale Quartierswärme Ein Vorschlag zur Steigerung der Wärmeeffizienz besteht in der Förderung von klimaneutraler Quartierswärme auf lokaler Ebene. Im Kern dieses Vorschlags stehen öffentliche Gebäude, die ein großes Potential an erneuerbaren Energiequellen bieten, etwa durch Abwasserwärme oder große Dachflächen, die für Photovoltaik genutzt werden können. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung einer solchen Strategie bietet das Modellquartier Elbestraße in Berlin (Dunkelberg u. a.,2021). Dieses besteht aus vier Schulen, drei Sporthallen und 15 umliegenden Wohngebäuden, die in einem Wärmenetz zusammengefasst werden sollen. 6.3 Neue Geschäftsmodelle in der Handwerksorganisation: Unternehmensnetzwerke Eine Ausweitung der Sanierungstätigkeit in Deutschland sollte aus rein technischer Sicht nicht an bestehende ökonomische Kapazitätsgrenzen stoßen (siehe hierzu bereits Abschnitt 5), insbesondere wenn es zugleich zu einer politisch gewollten Reduktion der Neubautätigkeit kommen sollte. Dennoch kann es abseits von Fragen der technischen Realisierbarkeit auch zu organisatorischen Herausforderungen kommen – etwa wenn neue Betriebe gegründet oder bestehende Betriebsgrößen ausgeweitet werden sollen. Gerade im Handwerksbereich, der in Deutschland von kleinen und mittleren Unternehmen dominiert ist, sind angebotsseitige Koordinationsprobleme nicht völlig auszuschließen. Um die Flexibilität der Angebotsseite zu erhöhen, bieten sich zum einen die bereits in Abschnitt 5erwähnten Instrumente, wie staatlich geförderte Kreditlinien oder eine Ausbildungsund Umschulungsoffensive an. Zum anderen können durch eine verbesserte Koordination der bestehenden Unternehmenslandschaft – etwa durch die Bildung von Unternehmensnetzwerken – Effizienzsteigerungen erzielt und die real verfügbaren Kapazitäten durch organisatorische Verbesserung (z.B. Aufteilung von Einsatzgebieten, Bündelung von Arbeitsschritten, Zusammenführung ausgewählter Unternehmensfunktionen) ausgeweitet werden. Derartige Entwicklungen sind im Handwerkssektor aktuell bereits zu beobachten und könnten sowohl durch zusätzliche Regulierungen (Schaffen von Rechtssicherheit für bestehende und in Gründung befindliche Unternehmensnetzwerke) als auch durch öffentliche Förderungen zusätzlich unterstützt werden. Auch für die Konsument*innen kann die Bildung solcher Netzwerke mit Vorteilen einhergehen. So finden Michelsen u. a. (2015) etwa, dass größere Immobilienfirmen einen Erfahrungsvorsprung in Sanierungsfragen gegenüber Privathaushalten mit Immobilieneigentum aufweisen und Privathaushalte daher bei der energetischen Sanierung mit Erfahrung und Know-How unterstützen können. Geschäftsmodelle, die sich auf die Planung von Sanierungen spezialisieren, könnten also auch in dieser Hinsicht ein vielversprechendes Konzept sein. 7 Fazit Die vorliegende Studie zeigt, dass die Klimaziele Deutschlands im Gebäudesektor weiterhin erreichbar sind – zentrale Voraussetzung hierfür ist allerdings eine grundlegende regulatorische und ökonomische Richtungsänderung zu Wege zu bringen, die bisher bestehende Trägheiten in der Umsetzung einer sozial-ökologischen Transformation im Gebäudesektor konsequent überwindet. Anders als oft angenommen, reicht eine Sanierungsrate von 2% nicht aus, um bis 2050 eine klimaneutrale Transformation des Wohngebäudesektors zu erreichen. Dazu wäre neben einer höheren energetischen Sanierungsrate von 3% (inklusive Heizungstausch) eine gleichzeitige Dekarbonisierung der Stromversorgung bzw. 19 VERSION 2.1 - 10. NOVEMBER 2024 Fernwärmebereitstellung erforderlich. Vor diesem Hintergrund liegt der Einsatz ordnungspolitischer Maßnahmen nahe um die Sanierungsrate entsprechend zu erhöhen und, darüber hinaus, jene Gebäude in den schlechtesten Effizienzklassen mit höherer Priorität zu sanieren. Schließlich wird in der Studie ein Finanzierungsmodell vorgelegt, das im Sinne einer ‘just transition’ die höchst ungleiche Verteilung von (Immobilien-)Vermögen berücksichtigt. Nach diesem Vorschlag trägt der Staat rund 26% des Finanzierungsbedarfs im privaten Bereich (bzw. 21% des gesamten Finanzierungsbedarfs). Zusätzlich ist zu beachten, dass ein hoher Anteil an Wohnungen in Deutschland Mietobjekte sind. Um eine ‘just transition’ sicherzustellen, muss rechtlich gewährleistet werden, dass Sanierungskosten nicht durch Mieterhöhungen auf die Mieter*innen überwälzt werden. Schließlich wird in der vorliegenden Studie diskutiert, ob die vorgeschlagenen Sanierungsmaßnahmen in Deutschland zu Produktionsund Arbeitskraftengpässen führen würden. Insbesondere der hohe Arbeitskraftbedarf könnte eine Herausforderung darstellen. Neben einer Attraktivierung des Bausektors (etwa durch Lohnsteigerungen) könnte diese auch durch den Rückgang der (verhältnismäßig treibhausgas-intensiveren) Neubauaktivität zugunsten von Sanierungstätigkeiten erreicht werden. Zusätzlich zu diesen zentralen Stellgrößen, die auch den wesentlichen Fokus dieser Studie bilden, stehen eine Reihe flankierender Maßnahmen im Bereich der Industriepolitik, der Arbeitsmarktpolitik und der Wohnungspolitik zur Verfügung. Die Kombination regulatorischer Maßnahmen und öffentlicher Investitionen erleichtert es, ein Transformationsvorhaben dieser Tragweite friktionsfrei und mit Blick auf langfristige Ziele konsequent voranzutreiben und ermöglicht zugleich den gesellschaftlichen Rückhalt für solch ein Projekt zu stärken. Auch wenn es für eine klimaneutrale Transformation des Gebäudesektors also noch nicht zu spät ist, müssen fehlende politische Weichenstellungen in den vergangenen Jahren durch entschiedenes Handeln kompensiert werden. Ohne eine entsprechende politische Kraftanstrengung und eine effiziente und zielgerichtete Gesetzgebung in dieser Hinsicht, wird sich dieses (letzte?) Zeifenster für einen Richtungswechsel im deutschen Gebäudesektor bald schließen. Aus einer technisch-ökonomischen Sichtweise bietet sich heute allerdings noch die Chance, das Richtige zu tun um dem deutschen Gebäudesektor eine nachhaltige und klimaneutrale Zukunft zu bauen. Literatur Aistleitner, M., C. Gräbner und A. Hornykewycz (2021) „Theory and empirics of capability accumulation: Implications for macroeconomic modeling“. In: Research Policy 50.6, 104258. Ástmarsson, B., P. A. Jensen und E. Maslesa (2013) „Sustainable renovation of residential buildings and the landlord/tenant dilemma“. In: Energy Policy 63, 355–362. 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