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Studiengang Psychomotoriktherapie Bachelorarbeit Bewegungsförderung im frühen Kindesalter: Einfluss von Sinneswahrnehmungen und psychomotorischen Arbeitsweisen bei Kita-Fachpersonen Eine systematische Literaturarbeit zum Zusammenhang von Sinneswahrnehmungen und Bewegungsentwicklung im frühen Kindesalter sowie eine Auseinandersetzung zur Rolle von Fachpersonen bei der Bewegungsförderung Eingereicht von: Larina Sina Kohler Begleitperson: Lara Fabel Zweite Fachperson: Lydia Strässle Datum der Abgabe: 16.05.2025
2 Abstract Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die Relevanz von Sinneswahrnehmungen für die grobmotorische Bewegungsentwicklung von Kleinkindern im Alter von 0 bis 3 Jahren. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen dazu auf, dass frühkindliche Erfahrungen nicht nur aktuelle Bewegungsreaktionen prägen, sondern auch zukünftige Wahrnehmungsmuster beeinflussen und daher eine hohe Bedeutung und Aktualität haben. Die Arbeit beschäftigt sich darüber hinaus mit psychomotorischen Arbeitsweisen von Kita-Fachpersonen, die als Grundlage für die SchaNung positiver Rahmenbedingungen zur Förderung der Bewegungsentwicklung dienen. Im Rahmen einer systematischen Literaturarbeit wurden Studien und theoretische Ansätze analysiert, um die Bedeutung der Sinneswahrnehmungen für die grobmotorische Entwicklung von Kleinstkindern genauer zu beleuchten und aufzuzeigen, wie Kita-Fachpersonen durch psychomotorische Arbeitsweisen zur Bewegungsentwicklung beitragen können. Die Arbeit zeigt, dass Sinneswahrnehmungen, insbesondere kinästhetische, vestibuläre, taktile und visuelle Reize, einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung grobmotorischer Fähigkeiten bei Kleinstkindern haben. Sie bieten nicht nur wichtige Anreize zur Bewegungsentwicklung und -freude, sondern fördern auch die Selbstwahrnehmung und das Körperbewusstsein der Kinder. Darüber hinaus wird die Rolle von Kita-Fachpersonen in der Gestaltung der Umgebung und in der aktiven Unterstützung von Bewegungsaktivitäten hervorgehoben. Psychomotorische Haltungen wie ONenheit, Sensibilität, Aufmerksamkeit und eine aktive und mitspielende Vorbildfunktion wurden als Schlüsselmerkmale identifiziert, um die Bewegungsentwicklung des Kindes zu begünstigen. Die Ergebnisse der Analyse legen nahe, dass eine bewusste Auseinandersetzung mit Sinneswahrnehmungen und ihrem Einfluss sowie eine bewusste Haltung und Gestaltung in der Praxis bei Fachpersonen in der frühkindlichen Betreuung erforderlich sind, um die grobmotorische Entwicklung der Kleinstkinder nachhaltig zu unterstützen. Es wird empfohlen, dass Fachpersonen regelmäßig geschult und in ihrer pädagogischen Haltung unterstützt werden, um geeignete Rahmenbedingungen für die Bewegungsförderung zu schaNen. Dafür eigenen sich psychomotorische Weiterbildungen für Kita-Fachpersonen besonders gut. Aus diesen Erkenntnissen wurden in dieser Arbeit einige Aspekte herausgearbeitet, die für die Durchführung einer Weiterbildung zentral wären. Abschließend wird auf die Notwendigkeit weiterer Forschung hingewiesen, um gezielte Interventionen zur Optimierung der Bewegungsentwicklung bei Kleinkindern in Betreuungsumfeldern zu entwickeln.
3 Danksagung Ich bedanke mich von Herzen bei Lara Fabel für die unterstützende, wohlwollende und äusserst geduldige Begleitung bei meiner Arbeit. Ein grosser Dank geht auch an Sihna Lind, die meine Arbeit zu Beginn begleitet und mir insbesondere bei der Themeneingrenzung Unterstützung geboten hat. Weiter geht ein grosses Dankeschön an meine zwei Lektorinnen Muriel Krummenacher und Corinne Althaus. Muriel hat meine Worte auf Verständlichkeit geprüft und Corinne hat meine Arbeit gelesen und durch anregende und kritische Rückmeldung bereichert. Mein letzter Dank gilt meiner Familie und meinen Freunden, die mich während des herausfordernden Schreibprozesses stets aufgebaut und unterstützt haben. Ein herzliches Dankeschön richte ich insbesondere an meine Mutter, Ursula Kohler, die mir darüber hinaus als erfahrene Kita-Leiterin wertvolle Einblicke, aufmerksame Beobachtungen und inspirierende Rückmeldungen aus der Praxis vermittelt hat.
4 Inhaltsverzeichnis Abstract Danksagung 1 EINLEITUNG ............................................................................................................................... 5 1.1 AUSGANGSLAGE UND PROBLEMSTELLUNG ............................................................................................. 5 1.2 BESCHREIBUNG DES INHALTS UND AUFBAU DER ARBEIT ............................................................................ 7 2 THEORETISCHER RAHMEN ......................................................................................................... 8 2.1 BEGRIFFSKLÄRUNGEN ...................................................................................................................... 8 2.1.1 Sinneswahrnehmungen ....................................................................................................... 8 2.1.2 Grobmotorische Entwicklung ............................................................................................. 11 2.1.3 Psychomotorische Arbeitsweise ........................................................................................ 15 2.2 RELEVANZ DER SINNESWAHRNEHMUNGEN .......................................................................................... 17 2.2.1 Entwicklung der Sinnessysteme und der Wahrnehmung ...................................................... 17 2.2.2 Konzepte zum Einfluss der Sinneswahrnehmungen auf das Bewegungsverhalten ................. 18 2.3 KONZEPTE ZUR PSYCHOMOTORISCHEN ARBEITSWEISE ............................................................................ 23 2.3.1 Ansätze und Handlungsprinzipien ...................................................................................... 23 2.3.2 Einfluss von Haltungen und Verhaltensweisen bei Fachpersonen auf die motorische Entwicklung .............................................................................................................................. 25 2.3.3 Übertragung in den Kontext einer Kindertagesstätte ............................................................. 26 3 FRAGESTELLUNG UND ZIELSETZUNG ......................................................................................... 27 4 METHODISCHES VORGEHEN ..................................................................................................... 27 5 ERGEBNISSE ............................................................................................................................. 32 5.1 RELEVANZ VON SINNESWAHRNEHMUNGEN FÜR DIE GROBMOTORISCHE ENTWICKLUNG ................................... 32 5.2 PSYCHOMOTORISCHE ARBEITSWEISE VON FACHKRÄFTEN ........................................................................ 37 5.3 ERKENNTNISGEWINN AUS DEN STUDIEN .............................................................................................. 41 5.4 BEANTWORTUNG DER FRAGESTELLUNGEN ........................................................................................... 42 6 DISKUSSION ............................................................................................................................. 44 6.1 ZUSAMMENFÜHRUNG DER ERGEBNISSE .............................................................................................. 44 6.1.1 Welche Relevanz haben Sinneswahrnehmungen nun für die Bewegungsentwicklung des Kindes? ..................................................................................................................................... 44 6.1.2 Und was bedeutet dies jetzt für Fachpersonen in Betreuungseinrichtungen? ........................ 49 6.2 RELEVANZ DER ERGEBNISSE FÜR DIE BERUFSPRAXIS .............................................................................. 51 6.3 KRITIK AN VERWENDETEN STUDIEN .................................................................................................... 51 6.4 KRITISCHE REFLEXION DES ARBEITSPROZESSES .................................................................................... 52 6.5 LIMITATIONEN ............................................................................................................................... 52 7 FAZIT UND AUSBLICK ................................................................................................................ 53 8 VERZEICHNISSE ....................................................................................................................... 55 8.1 LITERATURVERZEICHNIS .................................................................................................................. 55 8.2 ABBILDUNGSUND TABELLENVERZEICHNIS .......................................................................................... 58 9 SELBSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG ............................................................................................... 59 10 ANHANG ................................................................................................................................. 60
5 1 Einleitung 1.1 Ausgangslage und Problemstellung Ein zweijähriges Kind kommt mit der Mutter in die Kita und sitzt im Kinderwagen vor dem Ipad. Es spielt gebannt ein Spiel, in welchem es bestimmte Früchte antippen muss. Geschickt steuert es seine Finger über die Bildschirmfläche und kontrolliert mit den Augen seine Bewegungen. Kommt eine falsche Frucht, nimmt es diese wahr und löst den Finger vom Bildschirm, um ihr auszuweichen. Dieses Kind scheint geschickt zu sein und eine gute Wahrnehmung zu haben. Doch als die Mutter ihm das Ipad wegnimmt und das Kind den Begrüssungsraum der Kita betritt, sieht es eine Stufe nicht und fällt gleich hin. Die Hand der Erzieherin, die soeben in den Raum gekommen ist, greift es erst nach dem zweiten Versuch erfolgreich. Als ein anderes Kind in den Raum stürmt und voller Freude eine Begrüssungsumarmung anpeilt, reagiert das Kind nicht rechtzeitig und fällt erneut um. Als die Kita-Gruppe draussen auf dem Spielplatz spielt, will das Kind dauernd auf die Schaukel und die BetreuerInnen können ihm gar nicht fest und lang genug angeben. Das Kind scheint das Schaukel-Erlebnis sichtlich zu geniessen und einzufordern. Was ist hier los? Wieso scheint dieses Kind vor dem Ipad geschickt und reaktionsschnell, während es mit scheinbar gleichen Bewegungsanforderungen im realen Raum überfordert ist? Warum möchte es dauernd schaukeln? In persönlichen Gesprächen im Familienund Bekanntenkreis mit Personen, welche in Kitas tätig sind, wurden solche Beispiele oft diskutiert. Dabei wurde festgestellt, dass das tiefgründige Verständnis der Bewegung aus psychomotorischer Sicht bei ihnen nicht, oder nur ansatzweise, vorhanden ist. Diese Erkenntnis und dazu der Fakt, dass soziale Medien im Alltag der Kleinstkinder immer häufiger werden, und diese sich folglich immer weniger bewegen, hat die Autorin dazu bewogen, sich mit dieser Thematik enger zu beschäftigen. Hinter diesem Beispiel verbirgt sich die Bedeutung davon, wie Kinder durch grobmotorische Bewegungserfahrungen die Umwelt wahrnehmen, einordnen lernen und was geschieht, wenn ihnen diese Erfahrungen teilweise oder ganz fehlen. Die Grundsteine, die für diese Bewegungsund Wahrnehmungsentwicklung zentral sind, werden bereits in diesem jungen Alter gelegt. Das Beispiel veranschaulicht auch, dass sich die Digitalisierung heutzutage immer mehr zuspitzt und eine fixe Zugehörigkeit im Alltag hat. Die Bildschirmzeit bei Kleinstkindern ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Allein in den letzten zwei Jahrzenten ist die Bildschirmzeit bei Kindern um 32% gestiegen. Dies hat neben positiven ENekten auch negative zur Folge. Beispielsweise auf den Schlaf, die Aufmerksamkeit sowie auf das Lernen. Auch eine grössere Anzahl von Fettleibigkeit und Depressionen kommt damit einher (Brauchli et al., 2024). Wenn Kinder mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen, verbringen sie folglich weniger Zeit damit, sich zu bewegen.
6 Doch gerade bei Kleinstkindern beginnt die Entwicklung aller lebenswichtigen Fähigkeiten in der Bewegung. Durch die Bewegung erkundet das Kind nämlich seine Umwelt, nimmt sie wahr und beeinflusst sie. Es hat ein grosses Bedürfnis, seine körperlichen Möglichkeiten und Grenzen zu erfahren und auszuweiten. Solche Körpererfahrungen sind für die Wahrnehmung des eigenen Körpers von zentraler Bedeutung. Die Grundlage, damit diese Wahrnehmungen gemacht werden können, bilden die Sinne (Haberthür et al., 2017, S.28). Denn über die Sinne nehmen die Kinder verschiedenste Bewegungsreize im Körper wahr. Sie sehen beispielsweise nicht nur, wie flauschig eine Katze ist, sie können diese durch das Ausstrecken des Armes mit ihren Händen auch berühren. Dadurch entwickeln sie eine Vorstellung davon, wie sich eine Katze und wie sich im Vergleich dazu die Hand der Mutter anfühlt. Durch die Bewegung nimmt das Kind also die Informationen über sich selbst oder die Umwelt auf, und vermittelt diese über die Sinnessysteme an die zentrale Schaltstelle; das Gehirn. Dieses verknüpft den Reiz mit bereits vorhandenen Informationen und kann ihn einordnen (Zimmer, 2012, S.42-57). Das Beispiel zeigt die Verbindung von Bewegung und Wahrnehmung. Nach aktuellen Ansätzen werden diese zwei Aspekte als Kopplung verstanden; erst durch einen Wahrnehmungsinput hat das Kind Anreiz, seine motorischen Fähigkeiten zu nutzen. Dadurch entsteht eine Handlung, welche weitere Handlungen nach sich zieht. Folglich ist die Handlung der Kern von Wahrnehmungsentwicklung, weil sie neue Wahrnehmungsmöglichkeiten schaNt (Schwarzer et al., 2015, S.141). Nun lässt sich vermuten, dass wenn Kinder sich weniger bewegen, sie sich nicht nur in ihrer Bewegungsentwicklung, sondern damit einhergehend auch in ihrer Wahrnehmungsentwicklung verzögern. Folglich fehlen ihnen wichtige Erfahrungen, was weitreichende Folgen nach sich ziehen kann. Konsumiert ein Kind des Öfteren soziale Medien, werden die körpernahen Sinne vernachlässigt und stattdessen körperferne Sinne dauernd stimuliert. Das Kind konsumiert somit Reize, welche Sinne stimulieren, die für das Lernen und Entwickeln des kleinen Kindes (noch) sinnlos sind. Kinder werden daher falsch stimuliert, was sich langfristig negativ auf die Entwicklung auswirken kann. Dieses Szenario beginnt bereits bei den Kleinsten, die noch enge Betreuung von Erwachsenen brauchen und somit von ihnen abhängig sind. Im Jahr 2022 wurden über 60% der Kinder von 0 bis 3 Jahren fremdbetreut, davon besuchten circa 35% eine Kindertagesstätte (Bundesamt für Statistik, 2024). Daher kam die Inspiration, das psychomotorische Verständnis der Bewegung in dieser Arbeit vertiefend aufzubereiten und anhand einer Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschungsliteratur neue Erkenntnisse zu gewinnen. Ziel dabei war es, dieses Themengebiet Kita-Fachpersonen näher zu bringen und zugänglich zu machen. Bei Kita-Fachpersonen, welche die Kinder betreuen und begleiten, herrscht nämlich ein einseitiges Verständnis von Bewegung; das bedeutet, ihnen fehlt das Wissen bzw. die Bedeutung, was Körperempfindungen und -wahrnehmungen, die über Bewegung gemacht werden, im Kind auslösen und was sie für einen
7 Reichtum für das Lernen und Entwickeln der Kinder bedeuten. Auch diese Aussagen wurde in persönlichen Gesprächen gesammelt, hier während einem Telefonat mit einer psychologischen Fachperson in Früherziehung. Das psychomotorische Fachwissen über die Bewegung kann einen wichtigen Beitrag zur angemessenen grobmotorischen Entwicklungsförderung kleiner Kinder beitragen. Es ist wichtig, dass Fachpersonen sich bewusst sind, was Körperempfindungen, die das Kind über Bewegung macht, in ihm auslösen, um das Kind angemessen fördern zu können. Deswegen wird es als wertvoll empfunden, dieses Wissen zu teilen. Was genau dies bedeutet und beinhaltet wird im Rahmen dieser Bachelorarbeit anhand einer theoretischen Auseinandersetzung aufgearbeitet. 1.2 Beschreibung des Inhalts und Aufbau der Arbeit Zu Beginn der Arbeit folgen erste BegriNsklärungen und entwicklungspsychologische Grundlagen. Anschliessend wird auf die Wahrnehmung, insbesondere deren Funktion, Entwicklung und die dazugehörigen, verschiedenen Sinnessysteme näher eingegangen werden. Im Anschluss wird die Verknüpfung mit der Bewegung dargelegt. Hier wird anhand theoretischer Konzepte und neurowissenschaftlichen Grundlagen aufgezeigt, wieso die Wahrnehmung für die grobmotorische Entwicklung des Kleinstkindes eine zentrale Rolle spielt. Danach sollte die lesende Person ein Verständnis von Bewegung und Wahrnehmung haben. Zudem soll für die lesende Person durch den Beschrieb zugrundeliegender Modelle verständlich gemacht werden, wieso diese zwei Aspekte eng beieinander liegen und für die Entwicklung vom Kleinstkind besonders zentral sind. Um den Zusammenhang mit der psychomotorischen Arbeit im Frühbereich aufzuzeigen, wird dargelegt, nach welchen Grundprinzipien die Psychomotorik arbeitet. Hierbei wird aufgezeigt, auf welche Handlungsprinzipien sich die Psychomotorik stützt und deren Wirkungsweisen auf die Entwicklung des Kindes wird aufgezeigt. Auf Basis dieser theoretischen Auseinandersetzung folgt eine vertiefte und systematische Literaturrecherche, um den aktuellen Forschungsstand des Themengebiets mittels spezifischer Fragestellungen darzulegen. Abschliessend werden Erkenntnisse diskutiert und in einen übergreifenden Kontext gebracht. Darauf aufbauend werden Anhaltspunkte eines Konzepts diskutiert, um Fachpersonen das vertiefte Wissen in Form einer Weiterbildung näherbringen zu können.
8 2 Theoretischer Rahmen Das Themengebiet der Arbeit ist breit und beinhaltet verschiedene Zugänge und Erkenntnisse aus der Forschung. Um zu verstehen, wovon die Aussagen genommen und die Fragestellung erarbeitet wurden, werden die folgenden Kapitel zuerst den theoretischen Bezugsrahmen diNerenziert aufzeigen. Das bedeutet, dass ein Verständnis der fachlichen Grundlagen und wichtigsten BegriNen geschaNen wird. Dabei wird näher darauf eingegangen, wie sich das Kleinstkind in der Bewegung entwickelt. Es werden Grundlagen zur Wahrnehmung erläutert und diNerenziert. Zum Schluss des Kapitels folgt eine erste AuNassung darüber, wie Bewegung und Wahrnehmung in der kindlichen Entwicklung zusammenspielen. Im Weiteren wird aufgezeigt, was die Psychomotorik im Frühbereich macht, und es wird ein Überblick darüber geschaNen, auf welche psychomotorischen Konzepte zur Arbeitsweise sich diese Arbeit bezieht. Dieser Teil der Arbeit ist so aufgebaut, dass zuerst eine Klärung der wichtigsten BegriNe dargelegt wird und im Anschluss theoretische Grundlagen zu den vertieften Themengebieten aufgezeigt werden. Die Arbeit fokussiert sich auf Kinder zwischen 0 und 3 Jahren. Dieser Lebensabschnitt nennt sich das Säuglingsund Kleinkindalter. Es sind die ersten drei Jahre, die das Kind auf der Welt verbringt, und die Erfahrungen, die es macht, prägen es ein Leben lang. Hier findet der Ausdruck des «ersten Eindrucks» seine volle Bedeutung. In dieser Zeit hat das Kind wichtige Entwicklungsaufgaben zu meistern, welche die Grundlage für die spätere Entwicklung bilden. Die Hauptaufgaben sind die Herstellung einer sicheren Bindung zu Bezugspersonen, die sensorische und motorische Entwicklung sowie die Sprachentwicklung. Auf die sensorische und motorische Entwicklung und deren Bedeutung wird in dieser Arbeit eingegangen. In diesem Alter wechseln die BegriNe, die man für das Kind verwendet, immer wieder ein wenig: Als Neugeborenes wird ein Kind von der Geburt bis zur vierten Lebenswoche bezeichnet. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres spricht man vom Säugling, ab dem zweiten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr vom Kleinstkind (Jenni, 2021, S. 175). In dieser Arbeit wird zur sprachlichen Vereinfachung gelegentlich der BegriN „Kind“ verwendet, auch wenn sich die Aussagen spezifisch auf das Kleinstkindalter beziehen. 2.1 Begri:sklärungen 2.1.1 Sinneswahrnehmungen Wenn wir einen runden, rot-grünen Gegenstand sehen, der einen Stiel hat, beim Abbeissen ein knackendes Geräusch macht und süsslich-sauer schmeckt, können wir einordnen, dass dies ein Apfel ist. Der gesamte Vorgang, der hier geschieht, nennt man Sinneswahrnehmung (Zimmer 2012). Was genau diese Sinneswahrnehmung bedeutet und wie sie funktioniert, wird im
9 Folgenden zuerst definiert und dann fachlich erklärt. Je nach Fachliteratur wird gerade der BegriN der Wahrnehmung, sowie auch dieser der Sinne, unterschiedlich definiert bzw. aufgeteilt. Untenstehend sind die BegriNe so definiert, wie sie für diese Arbeit verwendet wurden. WahrnehmungsbegriDie Wahrnehmung ist ein ÜberbegriN für den Prozess, der abläuft, wenn wir etwas wahrnehmen. Der Prozess hilft uns Menschen, Informationen aus der Umgebung zu verstehen und darauf zu reagieren. Laut Zimmer (2012) ist die Wahrnehmung der Prozess der sensorischen Informationsaufnahme aus Umweltund Körperreizen und deren Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung im Gehirn. Der Prozess wird beeinflusst von individuellen Erfahrungen, Erlebnissen und Bewertungen. Der BegriN Sinneswahrnehmung umfasst also nicht nur das funktionale Erkennen von Sinneseindrücken, sondern auch deren Interpretation, die auf vorhandenem Wissen, individuellen Erfahrungen und dem Kontext basiert. Jenni (2021) teilt die Wahrnehmung in zwei Prozesse. Zum einen die Sinnesempfindung und zum anderen die Wahrnehmung. Unter Sinnesempfindung versteht Jenni die Aufnahme sensorischer Informationen aus der Umwelt durch die Rezeptoren der Sinnesorgane. Zu diesen Organen zählen die Augen, die Ohren, die Haut, die Zunge sowie die Nase. Die Wahrnehmung meint dann die darauNolgende Verarbeitung, Strukturierung und Interpretation von sensorischen Informationen im Gehirn (Jenni, 2021, S.82-84). Zimmer macht hierbei auch eine Unterscheidung; sie nennt zum einen die objektive Sinnesphysiologie und zum anderen die subjektive Sinnesphysiologie (Zimmer, 2012, S.30). Somit entsteht, wenn ein Reiz von Organ bis zum Gehirn gelangt ist, eine bewusste Wahrnehmung, durch die wir die Welt um uns herum erleben. Das zeigt, wie die gemachten Wahrnehmungen zu einem bewussten Erleben und Verstehen unserer Umwelt führen. Sinn und Sinnessystem Ein Sinn bezeichnet die Fähigkeit, bestimmte Reize aus der Umwelt oder dem Körperinneren wahrzunehmen (z. B. Tastsinn, Gleichgewichtssinn). Ein Sinnessystem bezeichnet die ganzen dazugehörigen, anatomischen Strukturen wie Sinnesorgane, Nervenbahnen und das Gehirn. Es umfasst alle Strukturen, die Reize aufnehmen, weiterleiten und verarbeiten können. Je nach Fachliteratur und DiNerenzierung gibt es verschiedene Unterteilungen. Diese Arbeit stützt sich auf Lienert und Sägesser (2010), welche in sieben gleich wichtige Sinnessysteme unterteilen; 1. Das visuelle System 2. Das auditive System 3. Das taktile System 4. Das kinästhetische System 5. Das vestibuläre System
16 Die Psychomotorik als Haltung In der Psychomotorik strebt die Fachperson eine professionelle Haltung mit einem humanistischen Menschenbild an. Unter der professionellen Haltung versteht man dabei die Verknüpfung von impliziten Erfahrungen, implizitem beruflichem Erfahrungswissen und erworbenem Fachwissen durch Reflexion. Reflexion meint dabei die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken und eigenes Verhalten zu bewerten bzw. zu evaluieren (Kuhlenkamp, 2022, S.115). Die psychomotorische Praxis wird folglich geplant und begründet durch den Bezug auf Fachwissen und auf der Basis von reflektiertem Erfahrungswissens. Das dabei vertretene humanistische Menschenbild meint die Annahme, dass der Mensch in seiner Entwicklung das Recht hat, sich selbst zu entfalten, eigene Potenziale zu entdecken und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es betont die ganzheitliche Betrachtung des Menschen, bei der Körper, Geist und Seele als untrennbare Einheit angesehen werden. Die Emotionen, Kognitionen, sinnlichen Wahrnehmungen, Bewegungen und sozialen Interaktionen werden als enge Wechselwirkung betrachtet. Das humanistische Menschenbild in der Psychomotorik geht folglich davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit zur Selbstverwirklichung hat und durch unterstützende, respektvolle Angebote in seiner Entwicklung gefördert werden kann. Das bedeutet, die Psychomotorik vertritt ein ganzheitliches Menschenbild, welches geprägt wird durch das Recht jedes Menschen auf seine eigene Entwicklung und den Respekt jeder Psychomotorik-Fachperson vor diesem Recht (Kuhlenkamp, 2022, S.50 & 54-55).
17 2.2 Relevanz der Sinneswahrnehmungen Im Folgenden werden die Sinneswahrnehmungen und zugrundeliegende Konzepte genauer erklärt. Dabei wird die Absicht verfolgt, der lesenden Person aufzuzeigen, wie die in der Arbeit verwendeten Gedankengänge zusammenhängen und woher sie stammen. 2.2.1 Entwicklung der Sinnessysteme und der Wahrnehmung Bis vor kurzem war man der Ansicht, dass sämtliche Handlungen von Säuglingen nach der Geburt aus Reflexreaktionen bestehen und sich die Wahrnehmung erst später entwickelt. Heute weiss man, dass ein Kind im Mutterleib bereits ein wenig sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen können (Jenni, 2021, S.83). Mit Beginn des pränatalen Hirnwachstums nämlich, beginnt auch die Entwicklung der verschiedenen Wahrnehmungssysteme. Als erstes sind es das taktile, kinästhetische und vestibuläre System, die vor der Geburt funktionsfähig sind. Das Kind kann sich im Mutterleib drehen und macht hier bereits erste Lageveränderungs-Erfahrungen. Etwas später kommen der Geruchsund Geschmacksinn dazu. Ganz zum Schluss folgen das auditive und visuelle System. Bis zur Geburt sind alle sieben Sinne funktionsfähig, die Zusammenarbeit ist dabei noch begrenzt möglich (Pfluger, 2018, S.7). Das bedeutet, die Sinnessysteme sind bereits vor der Geburt vorhanden. Bis aber eine Wahrnehmung im eigentlichen Sinne stattfinden und sich entwickeln kann, braucht das Kind die Erfahrung und die Interaktion mit der Umwelt. Dies kann erst nach der Geburt geschehen. Für diese nachgeburtliche Entwicklung hat Félicie ANolter ein vereinfachendes Stufenmodell entwickelt. Es sagt aus, wie sich die Sinnessysteme nach der Geburt entwickeln, bis sie zusammenarbeiten und im Gehirn abgespeichert und verknüpft sind. In ihrem Modell geht sie davon aus, dass sich die primären Wahrnehmungsprozesse in einer Zeitspanne von 18 Lebensmonaten in einer hierarchischen Reihenfolge entwickeln. Danach entwickeln sie sich weiter im Sinne einer AusdiNerenzierung, und beeinflussen sich ein Leben lang gegenseitig. Das Modell besteht aus drei Stufen (siehe Abb.1). Während der modalen Stufe läuft die Entwicklung vorerst in den einzelnen Sinnessystemen ab und schreitet dabei mit Reifung der Nervenzellen in rasantem Tempo voran. Ein Neugeborenes hat beispielsweise einen Sehschärfe-Wert von 0,05, während bei einem drei Jahre alten Kind die Sehschärfe bereits circa 0,7 beträgt (Jenni,2021, S.194). In der intermodalen Stufe verknüpfen sich dann die einzelnen Sinnessysteme untereinander. Das bedeutet, dass eine koordinierte Zusammenarbeit möglich wird. Es ist beispielsweise zu beobachten, dass das Kind bei einem lauten Geräusch seine Augen auf die Geräuschquelle fokussieren kann. Zuständig dafür sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen (Genaueres siehe S.20-23). Die letzte, die seriale Stufe meint die Verbindung einzelner Informationen zu einer Art geistigen Kette. Das bedeutet, dass Informationen zusammengetragen werden können und ein inneres Konzept ergeben. Ein Kind kann sich folglich
18 vorstellen, dass beispielsweise das Herunterfallen eines Glases Lärm verursacht und es wird frühzeitig durch Schützen der Ohren reagieren (Pfluger, 2018, S.11, in Anlehnung an Félicie ANolter,1995). Weiteres dazu in 2.2.2 zur Bewegung und Wahrnehmung als wechselseitiger Prozess. Das bedeutet also, dass das Kind im Verlauf der Entwicklung die Umwelt immer diNerenzierter wahrnehmen kann, weil die Sinnessysteme mit der Zeit zusammenarbeiten und kombiniert werden. Das Kind stimuliert sich mit neuen Erfahrungen, womit sich die Sinne immer weiter ausdifferenzieren. Dabei scheint die Bewegung wichtig zu sein, denn durch diese kann das Kind neue Reize aufnehmen und verarbeiten. Es gibt hier eine Kopplung, weil sich im Gehirn alles zusammenfügt. Dies wird im Folgenden erklärt. Es soll klar werden, inwiefern Sinneserfahrungen das Bewegungsverhalten beeinflussen. 2.2.2 Konzepte zum Einfluss der Sinneswahrnehmungen auf das Bewegungsverhalten Die Entwicklung der Sinne und deren Zusammenarbeit nach der Geburt ist davon abhängig, wie oft die Sinnesorgane gebraucht werden (Zimmer, 2012, S. 46-47). Gerade die Entwicklung des Gehirns, welches alle gewonnenen Informationen verarbeitet, ist dabei wichtig. Auch im Kapitel zur Bewegungsentwicklung wurde erwähnt, dass die Entwicklung mit der Gehirnreifung in Verbindung steht. Im Folgenden wird deswegen eine kurze, neurologische Übersicht über das Gehirn und die Nervenzellen gemacht. Zudem werden aktuelle Modelle aus der neurowissenschaftlichen Forschung aufgegriNen. Auf diese Konzepte wird in der Arbeit Bezug genommen. Der ganze Aufbau und Prozess sowie deren Komponenten ist komplex und umfänglich. Daher ist es nicht möglich, im Rahmen dieser Arbeit alle Aspekte aufzugreifen und zu erklären. Es wird lediglich auf die wichtigen Strukturen und Funktionen eingegangen, die wichtig sind für das Verständnis des Themengebiets dieser Arbeit und dessen enorme Relevanz. – 17 – Wahrnehmungsentwicklung und Sensorische Integration von Linda Eich len: Schauen – Berühren – Umfassen (zuerst mit der Hand, dann mit dem Mund). „Vertraut-Werden mit der Umwelt heißt also zunächst und vor allem: die Umwelt erspüren, erspüren mit dem ganzen Körper“ (Affolter 1995, 45). 3. Serialstufe Mit zunehmender Handlungsfähigkeit kann das Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres aufeinanderfolgende Reize aus allen Sinnesbereichen miteinander verknüpfen. Auf dieser Stufe erfolgt die zeitliche und räumliche Integration von Sinnesinformationen (vgl. Zimmer 2012, 51). Das Kind entwickelt mehr und mehr das Verständnis für die Serialität (= Reihenfolge) von Handlungen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Die Teilnahme am Alltagsgeschehen samt seinen Gewohnheiten und Problemen stehen nun im Mittelpunkt der kindlichen Entwicklung. Über wechselnde Alltagsereignisse erkennt das Kind neuartige Wirkungen seines Handelns und es kommt zur Ausweitung von bereits gemachten Erfahrungen sowie zur Anwendung von „bereits vertrauten Regeln des Berührens und des Wirkens […] in komplexeren Betätigungen“ (Affolter 1995, 87). Bild 6: Überblick über das Stufenmodell nach AFFOLTER (aus Friedlein 2014, 52) Die Abbildung zeigt im Überblick die hierarchisch stufenweise Wahrnehmungsentwicklung, von der Félicie Affolter ausgeht. Komplexe Leistungen wie Sprache und Denken, werden durch Interaktionserfahrungen mit der Umwelt möglich. Abbildung 1: Stufenmodell der primären Wahrnehmungsprozesse nach Affolter, 1995
19 Funktion und Aufbau des Zentralnervensystems Wie nimmt der Körper Sinnesreize auf und verarbeitet diese? Es ist wichtig zu verstehen, was die Steuerungszentrale des Menschen ist und wie diese funktioniert. Die Steuerungszentrale nennt sich das zentrale Nervensystem (Zentralnervensystem; kurz ZNS). Dieses besteht aus dem Gehirn sowie dem Rückenmark (siehe Abb. 2). Es ist dafür zuständig, das gesamte menschliche Lernen und Verhalten zu steuern und überwachen. Dies geschieht, indem sensorische Nerven Nachrichten von den Sinnesorganen aufnehmen können und an das Gehirn weitervermitteln. Im Gehirn werden die aufgenommenen Informationen verarbeitet. Anschliessend wird ein entsprechender Impuls bzw. Befehl über motorische Nerven an die Muskeln weitergeleitet, um eine Reaktion oder eine Verhaltensänderung beizusteuern. Man nennt dies einen neuronalen Schaltkreis. Das Gehirn ist so organisiert, dass es aus verschiedenen Gebieten besteht, welche bestimmte Funktionen erfüllen (Zimmer, 2012, S.31). Für die Wahrnehmung und Bewegungssteuerung sind das Rückenmark, der Hirnstamm, das Kleinhirn sowie die Grosshirnhemisphären von Bedeutung. Diese sind auf obenstehendem Bild abgebildet und werden nun in Kürze erklärt. ¨ Das Rückenmark besteht aus vielen Nervenbahnen. Zum einen aus Bahnen, welche die sensorischen Informationen zum Gehirn transportieren und zum anderen aus Bahnen, welche motorische Impulse aus dem Gehirn wegtransportieren und zu den Nerven im Körper bringen (Ayres, 2016, S.41). Abbildung 2: Übersicht der Hirnstrukturen
20 ¨ Der Hirnstamm ist nach dem Rückenmark der unterste Teil des Gehirns. Er enthält kugelförmige Strukturen, in welcher sich die Bahnen des Rückenmarks fortsetzen. Zudem enthält er viele wichtige Kerne, in welchen Informationen aus den Sinnessystemen ankommen und, meist unbewusst, zur ganzheitlichen Wahrnehmung verarbeitet werden. Der Mittelpunkt des Hirnstamms erfüllt eine wichtige Aufgabe; er besteht aus einer Gruppe von Nervenzellen und nennt sich Netzkörper (lat. Formatio reticularis). Der Netzkörper enthält Fasern, die mit jedem sensorischen System, motorischen Nerven und den meisten Teilen des Gehirns verbunden ist. Er spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von sensorischen Aktivitäten. Zudem ist er zuständig für viele basale Funktionen, von welchen wir nichts mitbekommen, z.B. die Atmung (Ayres, 2016, S. 41-42). ¨ Das Kleinhirn ist auf der Rückseite des Hirnstamms. Es war ursprünglich ein Auswuchs der vestibulären Kerne (Strukturen des Hirnstamms, die für Verarbeitung von Schwerkraftund Bewegungsrezeptoren zuständig sind und die Kontrolle von aufrechter Haltung haben). Es verarbeitet alle Sinnesmodalitäten und sorgt dafür, dass Körperbewegungen geschmeidig und exakt ausgeführt werden können (Ayres, 2016, S. 43). ¨ Die Grosshirnhälften zählen zum Grosshirn und bestehen, wie es der Name sagt, aus zwei Hälften (sogenannte Hemisphären). Sie sind auf der rechten und linken Seite des Gehirns angeordnet und sind zuständig für die komplexesten Verarbeitungsprozesse sensorischer Informationen. Zudem enthalten sie das limbische System, welches für das emotionale Verhalten verantwortlich ist und auf sensorische Reize emotionale Reaktionen auslöst. Die äussere Schicht der Grosshirnhälften nennt sich Hirnrinde (auch Kortex genannt); sie hat verschiedene Felder, welche hoch spezialisiert auf die einzelnen Sinnesmodalitäten sind. So gibt es Bereiche, welche für die visuelle Wahrnehmung zuständig sind und andere, welche für die Interpretation von auditiven Reizen verantwortlich sind. ¨ Die Verbindung des Zentralen Nervensystems mit den Körperteilen stellt das periphere Nervensystem dar. Es beinhaltet alle Nerven ausserhalb des Gehirns und Rückenmarks. Es besteht aus zwei unterschiedlichen Nerven-Typen: Sensorische Nerven nehmen Informationen von den Sinnesorganen auf und leiten diese zum Gehirn. Motorische Nerven bekommen die Informationen vom Gehirn und leiten sie zu den Muskeln oder Drüsen im Körper. ¨ Das Rückenmark fasst diese Nervenbahnen zusammen und ist die Verbindung zwischen dem Gehirn und dem peripheren Nervensystem (Ayres, 2016, S.41). Funktion und Entwicklung einer Nervenzelle Wie funktioniert es denn nun, dass diese Informationen übertragen und weitergeleitet werden können? Es sollte nun verständlich sein, wie die Steuerungszentrale des Menschen aufgebaut ist
21 und funktioniert. Um zu verstehen, wie die Weiterleitung von Informationen geschieht, sollte man den Aufbau der Nerven verstehen; dort geschieht die Informationsweiterleitung. Nerven kann man sich so vorstellen, dass sie wie viele kleine Schnur-Stücke sind, die man auseinandergeschnitten und aneinandergereiht hat. Wenn nun eine Information zu einem Sinnesorgan gelangt und ins Hirn weitertransportiert werden muss, muss sie alle Nerven passieren und jeweils die kleinen Lücken zwischen den Stücken passieren. Die Erklärung stützt sich auf die obenstehende Abbildung 3, welche den Aufbau einer Nervenzelle darstellt. Jede Nervenzelle besteht aus einem Zellkörper und einer Faser, die sich in viele kleine Fasern verzweigt. Dies sind die sogenannten Dendriten. Sie ermöglichen eine Verbindung zu anderen Nervenzellen Die meisten Nervenfasern haben Tausende solcher kleinen Verzweigungen, was Verbindungen zu Tausenden anderen Nervenzellen ermöglicht. So werden Signale weitergeleitet, und das sind Hunderte von Impulsen pro Sekunde. Dies ist ein sehr komplexer Vorgang. Er ist zuständig für unser Lernen und Verhalten (Ayres, 2016, S. 39-41). Diese eben genannte Reizübermittlung von einer Zelle zur nächsten geschieht meist in chemischer Form. Die dazugehörigen chemischen StoNe nennen sich Neurotransmitter; sie bewirken eine Signalübertragung zwischen den Nerven. Das bedeutet, dass sie die Lücke zwischen den Schnurstücken passieren können und somit die Information weitergeben. Die Lücke zwischen den Schnur-Stücken nennt sich die Synapse (Zimmer, 2012). Ein Reiz kommt also von der Synapse, wird dort mithilfe des Neurotransmitters an die Dendriten der nächsten Zelle abgegeben, passiert diese Zelle und wird wieder an der Synapse mithilfe des Neurotransmitters an die nächste Zelle weitergeleitet (siehe Abb. 3; von links nach Abbildung 3: Aufbau einer Nervenzelle aus Zimmer, 2012
22 rechts). Damit die Übermittlung von Nachrichten in ausreichender Genauigkeit und Schnelligkeit funktioniert, muss die Synapse immer in Übung sein. Das bedeutet, sie muss ständig benutzt werden (Zimmer, 2012, S. 38). Je häufiger sie benutzt wird, umso stärker und eNizienter wird sie. Daraus schliesst sich, dass eine Synapse durch häufige Aktivierung durchlässiger wird; bleibt sie hingegen ungenutzt, lässt sie sich schwer aktivieren (Ayres, 2016, S.57). Warum ist das alles jetzt wichtig? Durch die eben erklärten Prozesse und Konzepte kristallisiert sich heraus, wie wichtig die ständige Aktivierung der Nervenzellen ist, damit sie in Übung bleiben und funktionieren können. Bei Geburt hat der Mensch fast alle Nervenzellen, aber die Gehirnmasse ist noch sehr gering. Sie vergrössert sich nur deswegen, weil Nervenzellen wachsen und sich das Gehirn dadurch vergrössert. Viele Verknüpfungen im Gehirn können sich erst nach der Geburt entwickeln. Die Entwicklung der Nerven sowie die des Gehirns funktionieren nach dem «use-it-or-loose-it» Prinzip: Damit sie gebraucht und stimuliert werden, braucht ein Säugling viele sensorische Reize, die er verarbeiten und integrieren kann (Zimmer, 2012, S.38-39). Daraus folgt: Bewegung und Wahrnehmung als wechselseitiger Prozess Aus den oben aufgeführten Erläuterungen kristallisiert sich nun heraus, dass die Entwicklung der Wahrnehmung eng mit Sinnesempfindungen und motorischer Entwicklung gekoppelt ist. Durch Fortschritte in der Wahrnehmung gelingt es dem Kind, immer gezieltere Handlungen auszuführen (Jenni, 2021, S.83-85). Das Kind lernt, sensorische Informationen zu filtern und verarbeiten. Es kann sie folglich integrieren und stets wieder verwenden. Dabei führt es dann zu einer Wahrnehmung. Diesen Prozess nennt man die sensorische Integration (vgl. Ayres, 2016). Die Wechselwirkung zwischen Sensorik und Bewegung nennt sich Sensomotorik. Sie beschreibt den Prozess, bei dem unser Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet und daraufhin Bewegungen oder Reaktionen steuert. Kurz gesagt, ist Sensomotorik die Fähigkeit, Informationen aus der Umwelt zu erkennen (sensorisch) und darauf mit körperlichen Aktionen (motorisch) zu reagieren. In der Kindheit ist die Entwicklung der Sensomotorik besonders wichtig. Denn Babys und Kleinkinder lernen durch ihre Erfahrungen, ihre Bewegungen mit sensorischen Wahrnehmungen zu koordinieren. Dies ist ein grundlegender Bestandteil der motorischen Entwicklung, zum Beispiel beim Greifen, Krabbeln oder Laufen. Sensomotorik meint also die Wechselwirkung zwischen den sensorischen (Wahrnehmung) und motorischen (Bewegung) Funktionen des Körpers. Sensomotorische Fähigkeiten sind entscheidend für alle alltäglichen Bewegungen und für unsere Fähigkeit, uns in der Welt um uns herum zurechtzufinden (Bender, Schache, Martzy, 2013, S.79-81). Die aktuelle Forschungslage verfolgt dabei eine Abkehr von einem einseitigen Prozess. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass die Sinne und die Bewegungsentwicklung dynamisch rückgekoppelt sind (Friston, 2010). Es handelt sich nicht nur um einen starren Reiz-Reaktions-Mechanismus, sondern um ein hochkomplexes System, welches durch verschiedenste
23 sinnliche und motorische Erfahrungen von Erwartungen gesteuert wird und somit vorausschauend verarbeitet. Das bedeutet, dass das Gehirn nicht nur passiv agiert, sondern aktiv arbeitet, um sensorische Reize zu sammeln, die seine internen Modelle bzw. Erwartungen bestätigen. Daraus ergibt sich diese wechselseitige Rückkopplung; Sensorische Reize beeinflussen motorische Handlungen, und umgekehrt. Diese Beziehung ist unabdingbar für adaptive Verhaltensweisen (Friston, 2010). Thalamus und Kortex (=Grosshirnrinde) stehen dabei in wechselseitigem Austausch, wodurch das Gehirn kontinuierlich Vorhersagen über sensorische Eindrücke bildet und diese mit aktuellen Reizen abgleicht. Dieser Vorgang nennt sich «predictive coding». Er funktioniert nach dem top-down-Prinzip; obere Gehirnregionen (top) wirken sich auf untere (down) aus (Auksztulewicz & Friston, 2010). Diese Annahme unterstützt die Bedeutung der Sinnesreize und Bewegung in der frühen Kindheit und sie zeigt auf, dass Bewegungsförderung zudem die Wahrnehmungsentwicklung unterstützt. Daraus lässt sich schliessen: Frühkindliche Erfahrungen prägen nicht nur momentane Bewegungsreaktionen, sondern beeinflussen auf nachhaltige Weise, die Art, wie Wahrnehmung und Bewegung in Zukunft zusammenspielen werden. Diese Erkenntnisse aus der neurowissenschaftlichen Forschung betonen die Kopplung von Struktur und Funktion im Nervensystem und veranschaulichen die massive Komplexität der neuronalen Schaltkreise. 2.3 Konzepte zur psychomotorischen Arbeitsweise In diesem Teil werden Konzepte und Handlungsmethoden der psychomotorischen Arbeitsweise aufgegriNen, die für diese Arbeit genutzt werden. Es soll verdeutlicht werden, inwiefern diese Konzepte auf den Kita-Alltag übertragen werden können. Dabei wird aufgezeigt, wie eine psychomotorische Fachkraft arbeitet und wie diese Arbeitsweise in den Alltag der Kita integriert werden kann. Zudem wird erläutert, wie es gemeint ist, dass die Fachkraft durch die Anwendung dieser Prinzipien die motorische Entwicklung des Kindes beeinflussen kann. 2.3.1 Ansätze und Handlungsprinzipien Ansätze und Handlungsprinzipien in der Psychomotorik beschreiben die grundlegenden Ideen und die praktische Vorgehensweise psychomotorischer Arbeit. Ansätze sind theoretische Grundlagen, auf denen sich die psychomotorische Arbeit aufbaut. Sie betonen, dass Bewegung, Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln eng miteinander verbunden sind und die kindliche Entwicklung ganzheitlich unterstützt werden soll. Handlungsprinzipien geben die Richtung für das praktische Arbeiten vor. Sie bestimmen, wie psychomotorische Förderung gestaltet wird. Zusammen sorgen Ansätze und Handlungsprinzipien dafür, dass psychomotorische Angebote kindgerecht, fördernd und entwicklungsunterstützend gestaltet sind.
24 Der kindzentrierte Ansatz nach Zimmer Die kindzentrierte Psychomotorik orientiert sich an den von Zimmer aufgeführten Konzepten für eine psychomotorische Entwicklungsförderung. Für die vorliegende Arbeit ist aus diesem Ansatz die Annahme wichtig, dass die erwachsene Person durch ihre Begleitung das Kind durch Wertschätzung und Verstärkung fördert. Das bedeutet, Lob und Bewertung werden vermieden, stattdessen konzentriert man sich auf die Sache. Das Kind soll in seinem Selbstwertgefühl gestärkt werden und in die Lage versetzt werden, dass es an seinen Schwächen und Stärken mitarbeiten kann. Körperund Bewegungserfahrungen sind für das Kind daher nicht Medien zur Aneignung der Wirklichkeit, sondern bilden die Grundlage der Identitätsentwicklung. Das Ziel besteht demnach darin, am Aufbau eines positiven Selbstkonzepts mitzuarbeiten. Dabei ist die Interaktion zwischen Kind und pädagogischer Fachperson von Bedeutung (Zimmer, 2022, S.44+45). Der Kompetenzorientierte Ansatz nach Schilling Schilling geht in seinem Ansatz davon aus, dass Bewegungsmuster die Grundlage der Handlungsfähigkeit bilden. Damit meint Schilling die Fähigkeit einer Person, in unterschiedlichen Lebenskontexten und -situationen aktiv, zielgerichtet und angemessen zu handeln. Er stützt sich dabei auf die Annahme, dass Bewegung und Wahrnehmung eine Einheit bilden und als Grundlage dienen, um Handlungsfähigkeit zu erlangen. Nur wenn diese beiden Aspekte zusammen funktionieren, gelingt es einem Individuum, sich an die Umwelt anzupassen. Schilling verfolgte diesen Gedanken weiter und formulierte daraus die Annahme, dass wenn ein Kind in der Motorik oder der Wahrnehmung Schwierigkeiten zeigt, es fehlende Adaptionsmöglichkeiten hat und sich folglich nicht seiner Umwelt entsprechend anpassen kann. Daraus entwickeln sich nach Schilling sogenannte Sekundärstörungen, welche sich im sozialen und emotionalen Bereich zeigen. Er will damit aufzeigen, dass die AuNälligkeiten, welche ein Kind zeigt, oft gar nicht die Störung sind, sondern dass die Störung in der Wahrnehmung und/oder Motorik liegt, wodurch das Kind Schwierigkeiten hat, sich der Umwelt anzupassen. Für die vorliegende Arbeit ist aus diesem Ansatz wichtig, dass die Fachperson dem Kind Situationen bietet, in denen es immer wieder die gleichen motorischen Fertigkeiten ausprobieren kann. Dadurch wird es viele Erfahrungen sammeln, wodurch Bewegungsund Wahrnehmungsfähigkeiten vertieft werden und sich Muster bilden, die schnell und unbewusst abgerufen werden können. Darauf baut sich die Handlungsfähigkeit auf. In der Arbeit nach dem Ansatz von Schilling werden also Bewegung und Wahrnehmung vor dem Hintergrund der VerhaltensauNälligkeiten betrachtet und es wird die Annahme verfolgt, dass die Bewegungsentwicklung in engem Zusammenhang mit der psychischen und sozialen Entwicklung steht (Schilling, 1986 in Bender, Martzy und Schache, S.79-80).
25 Handlungsprinzipien Aus den bisher beschriebenen AuNassungen zu Psychomotorik lassen sich Handlungsprinzipien ableiten, an welchen sich die psychomotorische Arbeit orientiert, Entscheidungen triNt und Ziele verfolgt. Die Handlungsprinzipien wurden vom Begründer der deutschen Psychomotorik, Ernst Johnny Kiphard, zusammengefasst (aus Kuhlenkamp, 2022, S.121-123): 1. Erlebnisund Persönlichkeitsorientierung anstelle von Leistungsorientierung: Die Gestaltung orientiert sich an individuellen Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmenden. Es werden Bewegungsund Spielhandlungen geschaNen, welche zu den relevanten Wirklichkeiten der Teilnehmenden passen. Verwendetes Material hat einen hohen AuNorderungscharakter. Die Leistung wird dabei vorneweg gelassen. 2. Individuumsorientierung anstelle Normorientierung: Die einzelnen Fortschritte und Erfolge werden in Bezug zum Individuum angesehen und nicht im Vergleich zu einer Norm. 3. Prozessorientierung anstelle von Produktorientierung: Die Praxis orientiert sich nicht an Defiziten sondern an Ressourcen und Fähigkeiten. Sie stellt den Prozess des Handelns und nicht das Ergebnis in den Vordergrund. Es sollen Experimentieren, Ausprobieren, Versuchen und Problemlösen im Vordergrund stehen. Dabei werden allmögliche Lösungen akzeptiert. 4. freie Handlungsmöglichkeiten in oJenen Bewegungssituationen: meint die SchaNung von oNenen Situationen, in denen die Teilnehmenden eigenständig und kreativ handeln und dabei eigene Methoden zur Verwirklichung eines Ziels finden können. Selbständigkeit und Eigenaktivität sollen entwickelt werden können. Regeln werden nicht ausgelassen, jedoch so gesetzt, dass sie Sicherheit und Struktur vermitteln. 5. Selbstbestimmung und Freiwilligkeit anstelle von Fremdbestimmung: Teilnehmende werden durch Entscheidungsfreiheit angeregt, sich mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen auseinanderzusetzen. Dabei sind Selbstbestimmung und Selbsttätigkeit zentrale Aspekte. Das Individuum übernimmt Verantwortung für das eigene Handeln wobei Selbststeuerung und Selbstbeherrschung erfahren und erlebt werden. Freiwilligkeit meint dabei, dass die Teilnehmenden die freie Entscheidung haben, ob und wie sie am Angebot teilhaben wollen. 2.3.2 Einfluss von Haltungen und Verhaltensweisen bei Fachpersonen auf die motorische Entwicklung Aktuelle Debatten um Bildung im pädagogischen Bereich belegen die Bedeutung von Bildung für individuelle Lebenswege, Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Teilhabe am sozialen Leben. In diesem Zusammenhang kommt den Haltungen und Verhaltensweisen von Fachpersonen in Bildungseinrichtungen - insbesondere in Kitas - eine zentrale Rolle zu. Sie sind nicht nur Wissensvermittlerinnen und -vermittler, sondern auch Vorbilder und aktive Gestalter der kindlichen Umwelt. Gerade im Bereich der motorischen Entwicklung haben Fachpersonen einen
32 5 Ergebnisse Dieser Abschnitt dient der Präsentation der Ergebnisse aus der systematischen Literaturrecherche dieser Arbeit. Es wurden insgesamt 21 wissenschaftliche Studien und Artikel berücksichtigt. Nach der sorgfältigen Überprüfung wurden sechs Studien sowie ein Review-Artikel in die endgültige Analyse einbezogen. Davon beziehen sich vier auf die erste Fragestellung zur Relevanz von Sinneswahrnehmung auf die Bewegungsentwicklung. Die restlichen drei beziehen sich auf die zweite Fragestellung zum Thema Unterstützung der Bewegungsentwicklung seitens pädagogischer Fachpersonen. Die Auswertung der Studien zeigte, dass viele Untersuchungen zum Erforschen des Zusammenspiels von Motorik und Sensorik mit Frühgeborenen durchgeführt wurden. Hier scheint ein erhöhtes Risiko für motorische und sensorische EntwicklungsauNälligkeiten zu bestehen, was mit der Gehirnentwicklung in Zusammenhang steht, wie aufgezeigt werden wird. Es wurde in verschiedenen Studien darauf hingewiesen, dass weitere Forschung zu diesem Themengebiet erforderlich ist, um aktuelle Ergebnisse belegen zu können. Auch bezüglich der Verhaltensweisen wurde vermehrt aufgegriNen, dass es mehr Forschung und insbesondere auch Weiterbildung benötigt bezüglich der Rolle von BetreuerInnen auf die Entwicklung der Kinder. Es wurde in Studien nachgewiesen, dass pädagogische Fachpersonen oft über den breiteren Aspekt der Bewegung (und damit einhergehend der Sensorik) nur begrenzt Bescheid wissen. Daraus konnten Konzepte aus der Psychomotorik aufgegriNen und bedeutend gemacht werden. Im Folgenden werden die verwendeten Studien aus der systematischen Literaturrecherche zusammengefasst und in Bezug auf die Forschungsfragen erklärend aufgeführt. Dabei wird darauf geachtet, dass die angewendete Forschung und Erhebung der Studien vollständig aufgeführt wird. Von den Ergebnissen der Studien werden nur solche ausführlich aufgeführt, welche für diese Arbeit von Nutzen waren. Nach der Zusammenfassung der Studien werden die Forschungsfragen beantwortet. 5.1 Relevanz von Sinneswahrnehmungen für die grobmotorische Entwicklung Für die erste Fragestellung wurden ein Review-Artikel und drei Studien verwendet. Untenstehend werden sie zusammenfassend aufgeführt. Fetal Origin of Sensorimotor Behaviour (Fagard et. al. 2018) In diesem Review-Artikel werden verschiedene Studien betrachtet und zusammengeführt, um den fetalen Ursprung von sensorischem und motorischem Verhalten zu untersuchen. Der Artikel zeigt auf, wie frühe Bewegungsaktivitäten die späteren motorischen und sensorischen Fähigkeiten beeinflussen. Es wird ausführlich über den Beginn der Motorik im Mutterleib geschrieben.
33 Der Review-Artikel sagt aus, dass die Bewegung im Mutterleib die Ausgangslage für späteres motorisches und sensorisches Verhalten darstellt und dass die Bewegungen und Entwicklungen im Mutterleib sich nach der Geburt im Verhalten des Säuglings wiederholen. Dies wird durch verschiedenste Argumentationen dargelegt. Zum einen wird angenommen, dass erste Bewegung durch neuronale Aktivität geschieht; spontane Aktionspotentiale werden versursacht im Rückenmark und Hirnstamm, die dann Bewegung erzeugen. Dies seien spontane Schreckreaktionen der ersten Schwangerschaftswochen, die zunehmen und ab circa der 17.SSW wieder abnehmen würden. Danach folgen Bewegungen nicht mehr unbedingt auf einen Schreck, sondern könnten auch spontan entstehen. Später bilden sich Zuckungen, die während des Schlafs auftreten. Hier wird auf eine Studie hingewiesen, die besagt, dass solche Zuckungen möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer körperlichen Repräsentation im Gehirn spielen. Auf diese ersten Bewegungen baut sich ein weiteres Argument auf, welches meint, dass sich dadurch erste Sinneserfahrungen und sensorisches Bewegungsverhalten entwickeln. Es wird gesagt, dass sich schwer genau bestimmen lasse, wann eine Bewegung spontan und wann eingeleitet durch Empfindungen von Bewegung der Mutter oder inneren Empfindungen ausgelöst werde. Es wird erwähnt, dass sich mit Entwicklung der Sinnessysteme nicht-reflexive Reaktionen auf Reize beobachten lassen; Die Umgebung des Fötus wird durch Geräusche, Licht und Berührungen gestört; darauf folgen Bewegungen. Hier wird ein weiteres Argument aufgeführt, nämlich die spontanen, allgemeinen Bewegungen der Föten. Es wird aufgegriNen, dass bereits solche spontanen Bewegungen dem Fötus ermöglichen, den Raum um ihn herum zu erkunden, seinen Körper und seine Umgebung zu erforschen und die Auswirkungen seiner Bewegungen auf seinen Körper und seine Umgebung zu untersuchen. So entstehe die intrinsische Motivation nach Wissenszuwachs. Zudem verändere sich die Umgebung im Mutterleib, was auch Einflüsse auf das Nervensystem habe; dieses merke sich verändernde Bedingungen und fange bereits an, ein Repertoire an bevorzugten Bewegungen zu entwickeln. Hier wird aufgegriNen, dass ein Fötus die Verbindung zwischen motorischen Nervenzellen und Muskeln entwickeln müsse, um eine Bewegung wiederholen zu können. Dafür brauche es das sensorisch-motorische System. WissenschaftlerInnen gehen laut der Autorin vermehrt davon aus, dass sich dieses (das sensomotorische System) aus den spontanen Bewegungen entwickle; Hier wird aufgegriNen, dass es keine Bewegungen gebe, ohne sensorische Konsequenzen. Durch eine Bewegung werden verschiedenste, sensorische Reize wie beispielsweise taktile, vestibuläre oder propriozeptive Empfindungen ausgelöst. Dies geschieht noch bevor das Gehirn Reize aus der Aussenwelt empfängt. Deswegen seien solche allgemeinen Bewegungen von Föten nicht nur für die Muskelentwicklung wichtig, sondern auch für die Entwicklung sensorisch-motorischer Kreisläufe und einer sensorischen Kartierung. Es wird zusammengefasst, dass alle Quellen fetaler, sensorischer
34 Stimulationen wahrscheinlich zur Entwicklung des somatosensorischen Kortex beitragen. Es wird des Weiteren aufgegriNen, dass bei Bewegungen Körperteile bevorzugt würden, die bereits gut innerviert seien; so beispielsweise Hände, Fusssohlen, Mund und Gesicht. Gerade das Gesicht sei spannend, weil der Trigeminus (der es innerviert) eine wichtige Quelle taktiler und kinästhetischer Empfindungen ist. Als letztes wird aufgegriNen, dass in der aktuellen Forschung die Annahme gilt, dass Entwicklung als selbstorganisierender Prozess verstanden wird, bei dem sich komplexe Formen aus der spontanen Aktivität von Individuen und dem Nervensystem bilden. Bewegung und ihre sensorischen Konsequenzen ermöglichen es dem Fötus, Informationen aufzunehmen, um sich selbst und die Welt zu verstehen. Diese kontinuierliche Informationserfassung verändert auch die Netzwerke im Gehirn und ermöglicht neue Verhaltensweisen. Nach einigen Wochen auf der Welt zeigten sich die aufgegriNenen Verhaltensweisen dann auch beim Säugling, mit dem Unterschied, dass nun die Umweltbedingungen andere seien. Beispielsweise lebe er nun in Luft anstatt Wasser und er sei im Hellen statt im Dunkeln. Es brauche Zeit, sich daran zu gewöhnen, weswegen die grosse motorische Entwicklung dann erst mit 2 bis drei Monaten beginne, wenn es bereit sei, seinen Körper und die Umwelt zu erkunden. Dabei scheine es, als streben die Säuglinge immer nach maximalen ENekten, die sie durch Manipulation erzielen können. Sie scheinen Freude an neuen ENekten zu haben aber auch an Wiederholung bekannter ENekte, als wollten sie ihre Handlungsfähigkeit an dem Gegenstand testen. Als Fazit wird aufgegriNen, dass die Funktion von fetalen Bewegungen oft unterschätzt wird. Es wird ausgesagt, dass fetale Bewegungen die direkten Vorläufer des explorativen, sensomotorischen Verhaltens des Säuglings seien (Fagard et. al. 2018). Early life experience sets hard limits on motor learning as avidenced from artificial arm use (Maimon-Mor et. al. 2021) Maimon-Mor et. al. (2021) untersuchten in ihrer Studie die motorische und sensorische Plastizität des Gehirns. Dabei verfolgten sie die Frage, wie ein sensomotorisches System, das sich entweder mit oder ohne Erfahrung eines kompletten Arms entwickelt hat, die Steuerung eines Ersatzarmes unterstützt. Dafür wurden Teilnehmende rekrutiert, die entweder eine angeborene oder erworbene Oberarmfehlstellung hatten und zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Armprothese nutzten. Diese zwei unterschiedlichen Gruppen wurden verglichen mit einer Kontrollgruppe, die keine Fehlstellung hatte und für das Experiment ihren schwächeren Arm benutzte. Untersucht wurde dies, indem die Testpersonen die Armprothese anziehen mussten und anschliessend nach verschiedenen Zielobjekten griNen. Dabei wurde die motorische Kontrolle der Greifbewegungen gemessen. Zudem wurden Faktoren für die motorisch-sensorischen Leistungen untersucht und auch, wie dass Schlüsselkomponenten für die motorische Kontrolle mit der
35 früheren Erfahrung einer Armprothese zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigten, dass Testpersonen, welche eine angeborene Störung hatten, mehr Schwierigkeiten zeigten, die Prothese zu steuern. Damit konnte belegt werden, dass Menschen mit einer angeborenen Störung nie das Gefühl eines Arms und somit keine innere Repräsentation dessen entwickeln konnten und es ihnen daher schwerer fällt, eine Prothese zu steuern. Zudem ergab sich eine positive, signifikante Korrelation zwischen den GreiNehlern im Experiment und der Jahre der Nutzung einer Prothese; Testpersonen, die eine Armprothese kurz nach der Amputation ihres Armes einsetzten, konnten im Experiment die Prothese gezielter steuern als Testpersonen, die nach der Amputation zuerst längere Zeit ohne Prothese lebten. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Gehirn rasch an Umweltanforderungen anpasst; Menschen, die länger ohne Prothese gelebt haben, fingen bereits an, eine innere Repräsentation ohne Arm zu erstellen und zu integrieren (Maimon-Mor et. al., 2021). Brain and Development: Early infantile spontaneous movement in very low birthweight infants is associated with sensory characteristics at the corrected age of 3 years (Kobayashi et. al. 2023) In dieser prospektiven Kohortenstudie von Kobayashi et. al. (2023) wurde die Beziehung zwischen frühkindlichen, spontanen Bewegungen von Säuglingen mit geringem Geburtsgewicht und sensorischen Merkmalen in der frühen Kindheit untersucht und geklärt. Dafür wurden Videos von Säuglingen angeschaut und anhand des MOS-R 1 bewertet. Dies ist ein Instrument zur detaillierten Bewertung der motorischen Optimalität während der Zappelphase bzw. der Zeit der frühkindlichen Reflexe (0 bis circa 4 Monate). Zudem wurden Fragebögen an die Eltern verteilt, um die sensorischen Eigenschaften der Säuglinge zu erfassen. Dafür wurde der ITSP-J angewendet (Infant/Toddler Sensory Profile, japanische Version). Insgesamt wurden 53 Säuglinge und deren Eltern untersucht, die auf der NICU (National Defense Medical College University) der Universität Oita (Japan) behandelt wurden. Es ergab sich eine signifikante Korrelation zwischen visuellem Score und altersgerechtem Bewegungsrepertoire sowie auch zwischen vestibulärem Score und Zappeligkeits-Subscore. Laut den AutorInnen gibt dies ein Hinweis darauf, dass der Rückgang sensorisch-motorischer Integrationserfahrungen in Kombination mit atypischen zappeligen Bewegungen im Säuglingsalter zu einer verminderten Reaktionsfähigkeit sensorischer Merkmale in der frühen Kindheit führt (Kobayashi et. al., 2024, S. 138). Bei einer Mehrzahl der Testpersonen war der vestibuläre Wert niedrig. Laut AutorInnen deute dies auf eine schwache Reaktion auf Bewegung oder geringer Freude an vestibulärer Stimulation hin. Es wird 1 Einspieler C, Prechtl HFR. Prechtl’s assesement of general movements: a diagnostic tool for the functional assesment of the young nervous system. Ment Retard Dev Disabil Res Rev 2005 ; 11(1) :61-7
36 angenommen, dass die zappeligen Bewegungen der Säuglinge durch enge Zusammenarbeit mit dem Grosshirn (Kortex) und darunter liegenden Bereichen (Subkortikal) entstehen. Auch spielt dabei die rasche Verbindung von Nervenzellen (Synaptogenese) eine Rolle. Diese Prozesse widerspiegeln laut AutorInnen die Reifung und die Organisation des Nervensystems. Zusammenfassend gesagt, ergab sich aus den Ergebnissen der Studie die Schlussfolgerung, dass ein Mangel an sensorischen und motorischen Erfahrungen die Fähigkeit von Kleinstkindern einschränken könnte, ihre motorischen Muster als Reaktion auf ihre Umgebung zu nutzen. Die genaue Ausprägung der sensorischen Eigenschaften dabei konnten nicht nachgewiesen werden. Die Ergebnisse werden durch die Reifung und Organisation des Gehirns und Nervensystems interpretiert (Kobayashi et. al., 2023). Early Human Development: The early spontaneous movements, and developmental functioning and sensory processing outcomes in toddlers born preterm : A prospective study (Yardimci-Lokmanoglu et. al. 2021) Diese prospektive Studie stützte sich auf die Annahme, dass Frühgeborene sowohl Schwierigkeiten bei der sensorischen Verarbeitung als auch Entwicklungsstörungen aufweisen können. Dazu gibt es wenige Studien, die sowohl die frühen spontanen Bewegungen von Säuglingen als auch die spätere sensorische Verarbeitung und Entwicklung untersuchen. Dies wollten die AutorInnen dieser Studie angehen. Der Fokus wurde auf drei Untersuchungsfragen gelegt. Man wollte die frühen spontanen Bewegungen untersuchen (1), Unterschiede erfassen in der späteren sensorischen Verarbeitung bei Säuglingen, die normale und abweichende spontane Bewegungen zeigten (2), und die Beziehung zwischen sensorischer Verarbeitung und sowohl frühen spontanen Bewegungen als auch der Entwicklungsfunktion erfassen (3). Für die Untersuchung wurden 88 Frühgeborene rekrutiert. Ähnlich wie in der Studie von Kobayashi et. al. (2023) wurden auch hier Videos von Säuglingen aufgenommen und von zertifizierten GutachterInnen beurteilt wurden mit dem Motor Optimality Score. Auch hier wurde mit dem Sensory Profile-2 die sensorische Verarbeitung beurteilt. Zusätzlich wurde anhand der Bayley-3-Scales die Entwicklungsfunktion bestimmt. Die Ergebnisse zeigten, dass Säuglinge mit abweichenden, zappeligen Bewegungen einen niedrigeren Wert im MOS und in den Bayley-3-Scales aufwiesen und zudem atypische Bewegungsund Berührungsprozesse zeigten. Es konnte gezeigt werden, dass zappelige typische und atypische Bewegungen in Zusammenhang mit der Bewegungsverarbeitung stehen. Es erscheint den AutorInnen zudem möglich, dass die erhobenen Ergebnisse auf abnorme Bewegungserfahrungen auf der Intensivstation und die dadurch verursachten abnormen, sensorischen Inputs zurückzuführen sind. Es wurde gezeigt, dass Säuglinge, die sehr früh geboren wurden und leichter waren und somit länger im Krankenhaus waren, mehr atypische Berührungs-
37 und Bewegungsverarbeitung aufwiesen als Säuglinge, deren Aufenthalt kürzer war (YardimciLokmanoglu et. al. 2021). Mehrere, auch frühere Studien zeigten, dass frühgeborene Kinder Auffälligkeiten in der sensorischen Verarbeitung zeigten. Überall wurden etwas andere Gründe aufgeführt, so wurden unter anderem auch suboptimale Reflexe und erhöhte Stresssymptome damit in Zusammenhang gebracht. Jedoch handelte es sich bei den Studienergebnissen immer um einen sensorischen Aspekt, gekoppelt mit Bewegungserfahrung. Die vorliegende Studie stützt diese früheren Ergebnisse und zieht die Schlussfolgerung, dass Frühgeborene mit abweichenden, zappeligen Bewegungen einem erhöhten Risiko für atypische sensorische Verarbeitung von Berührungen und Bewegungen ausgesetzt sein können. Die AutorInnen greifen auch klar die Aussage auf, dass verschiedene Studiendesigns mit grösseren Stichproben zur sensorischen Verarbeitung bei Frühgeborenen und deren Auswirkung auf die Entwicklung erforderlich seien (Yardimci-Lokmanoglu et. al. 2021). 5.2 Psychomotorische Arbeitsweise von Fachkräften Für die zweite Fragestellung wurden drei Studien verwendet, welche im Folgenden zusammengefasst werden. A Thematic Analysis of Qualitative Findings on Preschool Teacher’s Behavioral Intention to Facilitate Children’s Movement within the Indoor Preschool Classroom (Rech et. al. 2024) Der Zweck der vorliegenden Studie war es, die Wahrnehmung von VorschullehrerInnen hinsichtlich der Bewegungsförderung im Vorschulbereich zu untersuchen. Dabei wurden zwei Forschungsfragen verfolgt. Man wollte untersuchen, wie VorschullehrerInnen den Einsatz körperlicher Aktivitäten im Tagesverlauf sehen, insbesondere in Bezug auf ihren eigenen Einfluss auf das Bewegungsverhalten der Kinder und auf Umweltfaktoren innerhalb der Vorschuleinrichtung. Es wurde auch untersucht, wie die LehrerInnen ihre Rolle bei der Bewegungsförderung sehen und wie ihre eigene Wahrnehmung sowie die Umgebung in der Einrichtung ihre Absicht beeinflussen, Bewegung im Klassenzimmer zu fördern. In der Untersuchung wurden Lehrkräfte aus Nebraska per E-Mail kontaktiert, um an einer Umfrage und einem anschließenden Interview teilzunehmen. Ziel war es, ihre Wahrnehmungen und Einstellungen zur Förderung von aktivem Freispiel und bewegungsbasiertem Lernen zu ermitteln. Die Erhebungsmethode bestand aus halbstrukturierten Interviews, die mittels thematischer Analyse ausgewertet wurden. Die Stichprobe umfasste 25 Lehrkräfte aus verschiedenen Bildungseinrichtungen (52 % aus Vorschulzentren, 28% aus Kindertagesstätten, 20% öNentliche Schulen). Es wurden fünf zentrale Themen identifiziert und die Haupterkenntnisse davon aufgeführt: 1. Körperliche Aktivität wird meist im freien Spiel oder bei Außenaktivitäten gefördert, nicht jedoch in Innenräumen. 2. Sozial-emotionale Entwicklung wird
38 als größter Nutzen von körperlicher Aktivität angesehen, aber als weniger wichtig als Bewegung. 3. LehrerInnenphilosophie: LehrerInnen sehen sich als Vorbilder für Bewegung und nutzen diese zur Verhaltenssteuerung. 4. Berufliche Entwicklung: Lehrkräfte wünschen sich mehr Schulungen zur Förderung von Bewegung im Klassenzimmer. 5. Umweltbarrieren: Begrenzte Zeit und Platz sowie institutionelle Anforderungen hindern die Bewegungshäufigkeit (Rech et. al. 2024). Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse zu den Wahrnehmungen und Herausforderungen von Lehrkräften hinsichtlich der Förderung körperlicher Aktivität und führen die AutorInnen zu weiteren Diskussionen über mögliche Lösungsansätze. Rech et. al. (2024) führen aus, dass Lehrkräfte körperliche Aktivität im Vorschulbereich unterschiedlich definieren, was ihre Überzeugungen zur Bewegung beeinflusst. Kinder sind im Schulalltag oft nicht genug körperlich aktiv, und nur wenige Lehrkräfte setzen freies, kindgerechtes Spielen in Innenräumen ein. Die Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, dass angeleitete Bewegung im Unterricht die Inaktivität der Kinder reduzieren könnte. Lehrkräfte integrieren Bewegung oft nur, wenn es zu ihrer Unterrichtsphilosophie passt. Weitere Strategien und Weiterbildungen sind nötig, um Lehrpersonen darin zu stärken, Barrieren wie Platz, Zeit und Sicherheitsbedenken zu überwinden. Zudem merken die AutorInnen an, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die Ergebnisse auf andere Regionen zu übertragen (Rech et. al. 2024). The E-ects of the PLAYTOD Program on Children’s Physical Activity at Preschool Playgrounds in a Deprived Urban Area : A Randomized Controlled Trial (Toussaint et. al., 2020) In der vorliegenden Studie wurde die aktivierende Rolle der ErzieherInnen und die Qualität sowie Vielfalt der körperlichen Aktivitäten von Kindern auf Spielplätzen untersucht. Ziel war es, die Auswirkungen eines vorschulischen Spielplatzprogramms 2 auf die Verbesserung der Bewegungsqualität der Kinder zu untersuchen. Als Interventionsmethode wurde das Playtods-Programm an städtischen Vorschulen durchgeführt. Zur Stichprobe zählten insgesamt 41 Vorschulen, die in einem sozial benachteiligten Gebiet von Amsterdam platziert waren. 17 Vorschulen zählten zur Interventionsgruppe, 19 zur Kontrollgruppe. Das Playtods-Programm schult Fachkräfte in der frühkindlichen Betreuung darin, wie sie die physische Aktivität der Kinder anregen können. Es beinhaltet zwei Trainings und ein Coaching, wobei der Fokus auf der SchaNung herausfordernder Bewegungsräume auf dem Spielplatz liegt. Fachkräfte lernen, wie sie verschiedene Zonen (z.B. Fahrrad-, Bewegungs-, sensorische Zonen) gestalten, um die Kinder zu aktivieren. Es handelt sich um eine randomisierte kontrollierte Studie mit strukturierten Beobachtungen im Tandem, unter Verwendung des SOPLAY-Protokolls, das die Spielplatznutzung, Art und Intensität der körperlichen Aktivität sowie die physische Umgebung während der Durchführung 2 The PLAYgrounds for Toddlers Program. Availabe online : https://www.playgrounds.nu (Nov 2019)
39 des Playtods-Programms bewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass ErzieherInnen nach der Schulung eine herausforderndere Bewegungsumgebung gestalteten und aktiver an den Aktivitäten teilnahmen als vor der Durchführung des Programms. Toussaint et. al. (2020) konnten zudem erheben, dass die Kinder mehr körperliche Aktivität zeigten, insbesondere eine größere Vielfalt an grundlegenden Bewegungsformen, im Vergleich zur Kontrollgruppe. Als Schlussfolgerung führen die AutorInnen auf, dass das Playtods-Programm zur Verbesserung der Bewegungsqualität beigetragen habe, auch wenn die Mindestbewegungszeit nicht immer erreicht wurde. Die Verringerung von langer, sitzender Tätigkeit und anstelle davon mehr körperliche Aktivität sei wichtig für die motorische Entwicklung und könne langfristig einen aktiveren Lebensstil und die Vorbeugung von Übergewicht fördern (Toussaint et. al. 2019). Die Studie ist in verschiedenen pädagogischen Einrichtungen umsetzbar und erfordert keine baulichen Veränderungen. Einschränkungen bestehen in der Verallgemeinerbarkeit und dem möglichen BeobachtereNekt. Zukünftige Forschungen könnten den Einsatz technologischer Hilfsmittel zur Echtzeit-Erfassung der Bewegung von Kindern untersuchen (Toussaint et. al. 2020). The impact of new government childcare accreditation standards on children’s in-care physical activity and sedentary time (Carson et. al., 2022) Die vorliegende Studie wurde in Alberta, Kanada durchgeführt. Dort wurde ein neuer Akkreditierungsstandard zum Einsatz gebracht. Dieser sollte die körperliche Aktivität der Kinder erhöhen und die sitzende Tätigkeit reduzieren. Viele Kinder verbringen nämlich zu viel Zeit vor dem Bildschirm und bewegen sich zu wenig. Das Ziel dieser Studie war es, zu untersuchen, ob sich die körperliche Aktivität und die sitzende Zeit von Kleinstkindern in Betreuungseinrichtungen nach der Einführung der neuen Alberta Childcare Accreditation Qualitätsstandards 3 verändert haben. Dabei verfolgten die AutorInnen als primäres Ziel die Überprüfung, ob sich die Ansichten der ErzieherInnen nach der Einführung des Akkreditierungsprogramms unterscheiden. Als sekundäres Ziel galt die Untersuchung, ob Altersgruppe oder Betreuungsumgebung Unterschiede bei der Veränderung der primären Ergebnisse beeinflussen. Zusätzlich wurden Unterschiede bei BMI, kognitiver Entwicklung und der Wahrnehmung der primären Ergebnisse zwischen der Akkreditierungsund der Kontrollgruppe untersucht. Die neuen Akkreditierungsstandards wurden in verschiedenen Betreuungseinrichtungen in Alberta eingeführt und mit Kontrollgruppen aus Ottawa verglichen. Vor und nach der Intervention wurden Fragebögen an ErzieherInnen, Leitungspersonal und Eltern ausgegeben. Diese enthielten demografische Angaben, Strategien und Hindernisse zur Förderung körperlicher Aktivität. Zudem wurde die Vertrautheit mit den neuen 3 Alberta Government. Alberta Child Care Accreditation Standards 2017 (available from : http://humanservices.alberta.ca/documents/accreditation-standards.pdf
40 Standards erfragt. Auch erhielten die Einrichtungen eine eintägige Umweltberatung. Die Kinder trugen während des gesamten Tages Bewegungssensoren, um die Auswirkungen der Standards zu messen. Zusätzlich wurden ihre Größe, ihr Gewicht sowie ihre kognitive Entwicklung (für Kinder im Alter von 19-36 Monaten) erhoben. Die vorliegende Studie wurde als Korrelationsforschung in Form von Längsschnittforschung, Beobachtungsforschung und Umfrageforschung durchgeführt. Als Erhebungsmethode wurden Fragebögen, Beobachtungen und Messdaten eingesetzt. Die Stichprobe bestand aus 29 Kindertagesstätten (11 in der Akkreditierungsgruppe und 8 in der Kontrollgruppe). Insgesamt waren es 253 Kinder und 80 pädagogische Fachpersonen, die in der Studie involviert waren. Einschlusskriterien für die Kinder waren: Vollzeit in der Kita und im Alter von 19 bis 60 Monaten. Für die pädagogischen Fachpersonen: Arbeit mit der richtigen Altersgruppe und keine geplante Kündigung während der Studie. Die Ergebnisse der Studien zeigten zum primären Ziel keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen hinsichtlich der Veränderung der sitzenden Zeit der Kinder in der Betreuungseinrichtung festgestellt. Auch für das sekundäre Zeil hatten die Altersgruppe und Betreuungsumgebung keinen signifikanten Einfluss auf die Veränderung der Aktivität der Kinder in den beiden Gruppen. Es gab einen leichten signifikanten Unterschied im BMI-Score und im Arbeitsgedächtnis der Kinder in der Akkreditierungsgruppe. In der Studie wurden auch keine Unterschiede in der Wahrnehmung von Barrieren und Strategien seitens der ErzieherInnen festgestellt. Viele ErzieherInnen gaben an, dass sie selten auf Hindernisse stoßen und die Notwendigkeit von Verbesserungen nicht immer erkennen konnten, da es an klaren Richtwerten für die Bewegungszeit und an Wissen zur Beurteilung fehlte. Gründe für diese fehlende Wirkung werden von AutorInnen so interpretiert, dass das Programm umfassend war, aber nicht alle Beteiligten mit den neuen Standards vertraut waren. Zudem fehlte es an ausreichendem Wissen und Unterstützung in den Einrichtungen, um Änderungen eNektiv umzusetzen. Das Coaching war nicht ausreichend und deckte nicht alle Standards ab. Der fehlende Richtwert für die Bewegungszeit erschwerte es den ErzieherInnen, Verbesserungen zu erkennen. Carson et. al., 2022 diskutieren zudem, dass Studien zur Wirksamkeit von BetreuerInnen auf die Bewegungsförderung begrenzt sind, es jedoch ähnliche Initiativen gäbe, die eine tägliche Bewegungszeit von 60 Minuten empfehlen. In British Columbia wurde ein Programm entwickelt, das Wissen, Selbstvertrauen und Absicht der BetreuerInnen stärkte. Jedoch ist noch nicht klar, ob diese Initiative zu einer Veränderung der körperlichen Aktivität geführt hat. Weitere Forschung muss klären, wie physische Umgebung, Zeit im Freien und politische Maßnahmen zusammenwirken. Die AutorInnen führen auf, dass politische Änderungen spezifischere Indikatoren sowie umfassendere Schulungen und Unterstützung für ErzieherInnen berücksichtigen sollten. Es gibt einen klaren Bedarf zur Verbesserung der Umsetzung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Akkreditierungsstandard alleine, unabhängig vom
41 Betreuungsumfeld, möglicherweise nicht ausreicht. Es bedarf mehr Schulungen und Ressourcen, um BetreuerInnen bei der Umsetzung zu unterstützen. Weitere Forschung ist notwendig, um zu verstehen, welche Faktoren die Zusammenhänge beeinflussen könnten (Carson et. al., 2022). 5.3 Erkenntnisgewinn aus den Studien Die verwendeten Studien belegen die Relevanz von Sinneswahrnehmungen für die Bewegungsentwicklung. Es konnte herausgearbeitet werden, wie die Wahrnehmungsfähigkeiten von Kleinkindern deren motorische Entwicklung beeinflussen. Dies geschieht durch die Verknüpfung und Verarbeitung verschiedener Reize im Gehirn, wie das bei Maimon-Mor et. al. (2021) hervorgehoben wird. Es konnte die Erkenntnis gewonnen werden, dass die Fähigkeit, sensorische Informationen zu integrieren und für gezielte Bewegungssteuerung zu nutzen, von frühen Erfahrungen abhängig ist. Denn zu dieser Zeit ist die Plastizität des Gehirns am höchsten und daher haben frühe, sensorische Erfahrungen eine grosse Relevanz für die Bewegungsentwicklung. Auch aus Kobayashi et. al. (2023) folgt eine ähnliche Erkenntnis. Hier wird aufgezeigt, dass bei atypischen, frühkindlichen Reflexbewegungen auNällige sensorische Verarbeitung entstehen kann. Es wird angenommen, dass Frühkindliche Reflexe durch die enge Zusammenarbeit des Kortex mit darunterliegenden Strukturen entstehen und dabei auch die Synaptogenese eine wichtige Rolle spielt (Kobayashi et. al. 2023). Damit die Synaptogenese erfolgreich funktionieren kann, braucht es sensorische Erfahrungen, die integriert werden können. Es wurde des Weiteren erkannt, dass kleinkindliche Bewegungsmuster die Bewegungsempfindung beeinflussen. Je früher ein Säugling solche Erfahrungen machen kann, umso mehr Vernetzungen können im Hirn entstehen und umso besser ist die Voraussetzung für das spätere Lernen (Rech et. al. 2024). In Yardimci-Lokmanoglu et. al. (2021) wird aufgeführt, dass AuNälligkeiten in der sensorischen Verarbeitung durch atypische Bewegungsentwicklung verursacht werden. Dies widerspricht teilweise den anderen Studien, weil diese in umgekehrter Richtung auNühren, dass sensorische Erfahrungen die Voraussetzung für die Bewegungsentwicklung seien. Hier scheint es keine einstimmige Meinung zu geben. Zudem wird in den Studien erwähnt, dass zu wenig Forschung zum Zusammenhang von Bewegung und Wahrnehmung im Kindesalter besteht. Daher ist diese Unstimmigkeit nicht verwunderlich. Dies konnte als Erkenntnis hinzugezogen werden. Was deutlich zum Vorschein kommt, ist, dass ein enger Zusammenhang besteht und diese zwei Aspekte in enger Wechselwirkung zueinanderstehen. Dies ist allen Studien gemein, und gerade Fagard (2018) zeigt in ihrem Review-Artikel diese Relevanz sehr deutlich und ausführlich auf. Die Studien zu den psychomotorischen Arbeitsweisen von Fachpersonen zeigen auf, dass auch hier weitere Forschung nötig ist. Es wurde erforscht, dass äussere Bestimmungen wie
48 Konsequenz (Fagard et al., 2018). Diese Erkenntnis unterstreicht die Bedeutung der Sinneswahrnehmungen für die grobmotorische Entwicklung, da sensorische Informationen direkt das Handeln des Kindes beeinflussen. Durch diese sensorischen Rückmeldungen kann das Kind nicht nur seine eigene Körperwahrnehmung schulen, sondern auch die Welt durch sein Handeln erfahren (Fagard et al., 2018). Laut den aufgegriNenen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen geht die Bedeutung noch tiefer. Zu Beginn der Arbeit wurde dargelegt, dass das Gehirn vorausschauend arbeitet: Es speichert gemachte Erfahrungen und reagiert in zukünftigen Situationen auf Basis dieser gespeicherten Muster (Friston, 2016). Auf dieser Grundlage entwickelt das Kind durch sinnliche Erfahrungen während motorischer Tätigkeiten seine Lernmotivation, sein Selbstkonzept, ein Körpergefühl und die Fähigkeit, soziale Interaktionen zu gestalten. Die tiefergehende Relevanz von Sinneswahrnehmung bei der Bewegungsentwicklung wird dadurch deutlich auf den Punkt gebracht. Die in dieser Arbeit analysierten Studien konnten diese Relevanz mittels wissenschaftlicher Untersuchungen aufzeigen und verknüpfen. Diese Erkenntnisse veranschaulichen, wie entscheidend es für das Beispielkind ist, nun die erforderlichen Erfahrungen und Sinnesreize zu sammeln, um eine erfolgreiche Entwicklung zu ermöglichen. Kann dieser Prozess im aktuellen Moment nicht stattfinden, wird dies Auswirkungen auf die gesamte weitere Entwicklung haben. Es lässt sich zusammenfassen, dass die Möglichkeit, vielfältige grobmotorische Erfahrungen zu sammeln, eine zentrale Rolle in der kindlichen Entwicklung spielt. Es geht nicht nur darum, dass sich das Kind genug bewegen und dadurch gesund bleiben kann. Nein, vielmehr geht es darum, dass das Kind durch die Bewegung seine Neugier, seine Lebenslust, seine Interaktion, sein Selbstvertrauen und seine kognitiven Fähigkeiten entwickeln kann. Wie durch das Studium der Studien und theoretischen Konzepte deutlich wurde, gibt es durch die von Bewegung verursachten Sinneswahrnehmungen sogenannte Bewegungsempfindungen, die das Kind integrieren und verarbeiten kann, wodurch sich die grobmotorische Bewegung immer weiterentwickelt und ausdiNerenziert. Mit jeder neuen Bewegung entwickelt sich eine neue Wahrnehmung der Umwelt, sei es in räumlicher Dimension oder im eigenen Körperempfinden. In der frühen Kindheit ist Bewegung in einem wechselseitigen Prozess eng mit Sinneswahrnehmung verknüpft und bildet damit eine zentrale Basis, die wichtige Entwicklungsprozesse anstösst– eine echte Schule fürs Leben.
49 6.1.2 Und was bedeutet dies jetzt für Fachpersonen in Betreuungseinrichtungen? Im Anfangsbeispiel wurde zum Verhalten der Fachperson nicht viel ausgesagt. Zu beobachten ist, dass das Kind das Schaukel-Erlebnis sucht und in seiner Körpersteuerung auNällt. Aus dieser Situation lässt sich anhand der AuNassung zu Sinneswahrnehmung und Bewegungsentwicklung, ableiten, dass das Kind vielseitige Erfahrungsmöglichkeiten im grobmotorischen Bereich braucht, um sich entwickeln zu können. Weil das Kind noch von Bezugspersonen abhängig ist, sind diese dafür verantwortlich, dass es solche Erfahrungsmöglichkeiten erhält. Aus den Erkenntnissen der Studien sowie den zu Beginn formulierten psychomotorischen Arbeitsweisen lässt sich das Beispiel nun diskutieren und positive Rahmenbedingungen für die Bewegungsentwicklung ableiten. Im vorangehenden Abschnitt wurde zusammengeführt, dass sich das Kind durch grobmotorische Erfahrungen in vielen weiteren Aspekten entwickelt und insbesondere neue Sinnesreize eingliedern lernt. Indem Fachpersonen die grobmotorische Entwicklung unterstützen, unterstützen sie das Kind in vielen weiteren Entwicklungsbereichen. Aus Studien konnte die Erkenntnis gezogen werden, dass in Betreuungsund Bildungseinrichtungen die Bewegung des Öfteren zu kurz kommt (Carson et al. 2022). Und zudem wurde aufgezeigt, dass es bei Fachpersonen an Wissen über die Bewegung fehlt (Rech et. al. 2024), wodurch die Bereitstellung eines angepassten Angebots herausfordernd ist. Im Folgenden werden ausgewählte, als relevant empfundene Überlegungen dargelegt, eine umfassende Darstellung würde den Rahmen jedoch sprengen. Verbindet man das Beispiel mit den psychomotorischen Arbeitsweisen, insbesondere mit formulierten Ansätzen und Haltungen, so lassen sich verschiedene Interventionen ableiten, um dem Kind positive Rahmenbedingungen für seine grobmotorische Entwicklung zu bieten. 1.Wird das Beispiel mit dem Ansatz von Schilling betrachtet, läuft das Kind Gefahr, in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt zu sein, was sekundäre Störungen wie etwa psychische Schwierigkeiten verursachen kann. Das Kind braucht deswegen dringend Erfahrungsmöglichkeiten, um seinen Körper besser kennen zu lernen und seine Handlungsfähigkeit auszuweiten. Es zeigt Erfahrungsbedürfnisse in kinästhetischen, vestibulären und taktilen Wahrnehmungsbereichen. Für die Kleinstkinder betriNt dies grobmotorische Aktivitäten, die vor allem die vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewicht) sowie die kinästhetische Wahrnehmung (Körpersensibilität) beanspruchen. Es geht darum, dass die Kinder bei und mit ihrem Körper Erfahrungen sammeln und Reize integrieren lernen (vgl. Fagard, 2018). Im Anhang 1 wurden einige spezifische Interventionen zusammengestellt, die zur Förderung geeignet wären und alternativ zum Schaukeln angeboten werden können.
50 2.Aus Studien folgte die Aussage, dass aktives Mitspielen und Anpassung der Umgebung durch die Betreuungsperson als fördernde Interventionen zur Bewegungsentwicklung dienten (Touissant et. al. 2019). Dies widerspiegelt das vierte Handlungsprinzip der psychomotorischen Arbeit (Kuhlenkamp, 2022): Die Umgebung wird für das Kind anregend gestaltet, sodass es sich frei bewegen und explorieren kann. Für den Kontext in die Kita kann dies insofern angepasst werden, als dass Impulse aus dem Alltag aufgenommen und begleitet werden. Vanessa Solioz de Pourtalès hat für die psychomotorische Entwicklungsbegleitung kleinster Kinder ein Buch verfasst. Sie stellt in ihrem Buch zentrale Punkte zur Rolle von ErzieherInnen auf. Folgende können übernommen werden, um die Bewegungsentwicklung beim Kind zu begünstigen: 1. SchaNen eines physischen Umfelds, welches sensorische Stimulierung bietet, 2. Das Kind seinen Körper und den der ErzieherIn erforschen lassen, 3. Entdeckungen begleiten mittels gezielter, sensorischer Stimulierung, 4. Die Betreuungsperson behält eine Haltung aufrecht, die dem Kind signalisiert, dass sein Körper der Aufmerksamkeit würdig ist. Dies bedeutet, die Fachperson kümmert sich zugleich in psychologischer Hinsicht um das Kind. Durch diese Handlungspunkte ist sich die Erziehungsperson ihrer HandgriNe und damit dem Einfluss, den sie auf die Empfindungen des Kindes hat, bewusst. Auch durch gleichzeitiges Versprachlichen hilft die Fachperson dem Kind, Wahrgenommenes einzuordnen, verstehen und später benennen zu können (Lienert, Sägesser, Wyss, 2019, S.24). So können verschiedenste Alltagssituationen als Förderbzw. Unterstützungsmomente genutzt werden. Beispielsweise wenn das Kind am Boden liegt, kann seine Umwelt mit verschiedensten sensorischen Erfahrungsmöglichkeiten angereichert werden. So können die Unterlage (Kissen, raue Unterlage, weiche Matte) oder die Körperposition des Kindes variiert werden. Beim Tragen kann die Art und Weise des Tragens variiert werden, wodurch das Kind wiederum verschiedenste Informationen zu seinem Körper erfährt (Solios de Pourtalès, 2018, S.123 + 124). Weitere praktische Implikationen zur angepassten Raumgestaltung finden sich in Anhang 2. 3. Es lässt sich zudem ergänzen, dass eine aufmerksame und wohlwollende Haltung, die eine genaue Beobachtung des Kindes ermöglicht, ebenfalls eine positive Rahmenbedingung ist. Dadurch können Bedürfnisse des Kindes entdeckt und begleitet werden. Es ist hierbei von zentraler Bedeutung, dass das Kind bereit und willig ist, sich auf das Angebot einzulassen. Die Verarbeitung von Reizen sollte nämlich für das Kind Sinn machen (Lienert, Sägesser und Spiess, 2019, S.24). Hier kommt der kindzentrierte Ansatz zum Vorschein; die Interaktion von Erwachsenem und Kind hat eine zentrale Bedeutung für die Bewegungserfahrung und dem Aufbau eines positiven Selbstkonzepts (Zimmer, 2011). Hierbei werden nämlich Impulse vom Kind aufgenommen und angereichert. Und genau darum geht es auch bei der Unterstützung der Bewegungsentwicklung bei den Kleinstkindern, und es fordert, wie bereits erwähnt, eine bewusste und
51 wohlgewollte Aufmerksamkeit der Fachperson. Zusammenfassend gesagt lassen sich in die Kita die Arbeitsweisen der Psychomotorik in kleinsten Alltagssituationen einbauen. Hierbei ist wichtig zu beachten, dass es darum geht, anhand von psychomotorischen Überlegungen positive Rahmenbedingungen abzuleiten, um das Kind passend zu begleiten und nicht, um es zu fördern. Das gezielte Fördern bleibt das Fachgebiet der Psychomotorik. Die Kita-Fachperson kann sich an den Prinzipien von Kipphard (in Kuhlenkamp 2022) orientieren und durch den kindzentrierten sowie kompetenzorientierten Ansatz (Schilling 1978, Zimmer2011) dem Kind begegnen. Als positive Rahmenbedingungen eignen sich deswegen angepasste Umweltgestaltungen sowie aufmerksame, wohlwollende Haltungen. Dadurch wird ermöglicht, dass das Kind durch aufmerksame Beobachtung angepasst begleitet wird und in seiner Entwicklung selbständig voranschreiten kann. Um dies gezielt und geübt anwenden zu können, sowie AuNälligkeiten zu identifizieren, eignen sich Weiterbildungen oder sonstige Auseinandersetzungen mit psychomotorischen Arbeitsweisen, um diese vertiefend zu verstehen und in der eigenen Berufspraxis anwenden zu können. 6.2 Relevanz der Ergebnisse für die Berufspraxis Die Auseinandersetzung mit dem Themengebiet zeigte auf, dass zum einen Forschung zu Bewegung und Wahrnehmung rar ist (Kobayashi et. al., 2023) und zum anderen, dass Fachpersonen in Betreuungseinrichtungen sich der tiefgründigen Bedeutung der Bewegung, wie sie in dieser Arbeit thematisiert wurde, nicht bewusst sind (Rech et. al. 2024). Diese Erkenntnisse zeigen auf, dass die Psychomotorik im Frühbereich eine wertvolle Ressource ist und die Weiterverbreitung, vor allem auf wissenschaftlicher Basis, gefordert wird. Dass sich Fachpersonen der Bedeutung der Bewegung nicht bewusst sind, zeigt auf, dass eine Wissensvermittlung an Fachpersonen, wie es die Grundidee dieser Arbeit ist, angezeigt ist. Die Durchführung psychomotorischer Weiterbildungen für Fachpersonen, angeboten von PsychomotoriktherapeutInnen, können daher ein sinnvolles Medium sein und öNnen ein breites Feld für neue Arbeit und Projekte im Frühbereich. Die vorliegende Arbeit hat eine grosse Relevanz für zukünftige, psychomotorische Arbeit. 6.3 Kritik an verwendeten Studien Bei der Verarbeitung der Studien ist aufgefallen, dass diese oftmals mit Frühgeborenen durchgeführt wurden. Der Themenbereich dieser Arbeit bezieht sich jedoch auf die Normentwicklung. Hierbei herrschte teilweise eine Unsicherheit. Dennoch wurden Erkenntnisse aus einigen Studien verwendet, in welchen Frühgeborene untersucht wurden. Zudem fiel auf, dass die verwendeten Studien ihre Untersuchungen meist lokal durchführten und eine Übertragung auf andere Gebiete daher erschwert ist. Für diese Arbeit wurden zwar zwei verschiedene Gebiete verwendet, trotzdem ist eine Übertragung ohne kritische Betrachtung
52 nicht angebracht. Die herangezogenen Studien dienen dazu, die in dieser Arbeit formulierten Aussagen zu stützen und anschaulich zu machen. Sie erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit konnten nicht alle relevanten Aspekte umfassend beleuchtet, vertieft oder integriert werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit den dargestellten Argumenten und Erkenntnissen ist daher für eine weiterführende Verwendung unerlässlich. 6.4 Kritische Reflexion des Arbeitsprozesses Während des Arbeitsprozesses gelang es gut, den Zeitplan einzuhalten und Fristen zu beachten. Die Arbeit wurde teilweise als herausfordernd empfunden, weil mit der Verfassung einer Literaturarbeit noch keine Vertrautheit vorhanden war. Deswegen wurde teilweise etwas mehr Zeit benötigt, um die Arbeit zu strukturieren und passend zu gestalten. Im Verlaufe der Arbeit hat es sich zudem als schwierig herausgestellt, dass zwei Fragestellungen verwendet wurden. Für das Ziel der Arbeit war dies durchaus sinnvoll, und gleichzeitig auch eher schwierig, weil sich dadurch verschiedene Themen öNneten, was die Eingrenzung auf das Wesentliche erschwerte. Zudem wären für eine detaillierte Beschreibung des Umgangs mit psychomotorischen Arbeitsweisen bei Kita-Fachpersonen weiterführende Erklärungen und Untersuchungen notwendig, was im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich war. Hier hätte sich allenfalls auch eine empirische Arbeit geeignet, um mittels Interviews die tatsächliche Wahrnehmung von Kita-Fachpersonen erfassen zu können. Rückblickend betrachtet konnte jedoch eine gute Lösung gefunden werden, um die Fragestellungen miteinander zu verknüpfen und insbesondere für die Arbeit im Frühbereich war die gewählte Auseinandersetzung mit der Thematik passend. Die Forschungsfragen konnten schlussendlich beantwortet werden und enthielten wichtige Erkenntnisse und Grundkonzepte für die Praxis. 6.5 Limitationen Weil es sich bei vorliegender Auseinandersetzung um eine Bachelorarbeit mit eingeschränktem Umfang handelt, war es nicht möglich, jegliche aktuelle Studien durchzusehen und in die Arbeit einzubeziehen. Dauer und Umfang waren beschränkt, wodurch sich auch die wissenschaftliche Tiefe und Vollständigkeit begrenzt hält. Die Arbeit wird deswegen trotz sorgfältiger Bearbeitung und Darstellung Lücken und Unvollständigkeiten aufweisen. Zudem war es herausfordernd, Studien zu finden, welche genau auf die Forschungsfragen passten, weil diese sehr spezifisch formuliert waren.
53 7 Fazit und Ausblick Die Ergebnisse dieser Arbeit haben aufgezeigt, dass Sinneswahrnehmungen eine enorme Relevanz haben für die grobmotorische Entwicklung von Kindern im Alter von 0-3 Jahren. Anhand der theoretischen Grundlagen, der systematischen Literaturrecherche und des analysierten Beispiels wurde deutlich, dass Sinneswahrnehmungen und Bewegung in wechselseitiger Wirkung eng miteinander verknüpft sind und gemeinsam wesentliche Entwicklungsprozesse des frühkindlichen Lebensabschnitts anstossen. Ein besonderer Fokus lag auf der Bedeutung der neurologischen Strukturen. Hierzu konnte aufgezeigt werden, dass Sinneswahrnehmungen und Bewegungsentwicklung insofern eng miteinander verknüpft sind, weil dies mit der Gehirnentwicklung und -struktur im Zusammenhang steht. Im praktischen Kontext der Kindertagesstätte bedeuten die Ergebnisse der Arbeit, dass KitaFachpersonen gezielt Räume und Situationen schaNen sollten, die vielfältige Bewegungsgelegenheiten, und damit einhergehend Sinneserfahrungen, ermöglichen. Psychomotorische Arbeitsweisen bieten hierfür eine wertvolle Orientierung, um positive Rahmenbedingungen schaffen zu können. Die Arbeit legte den Schluss nahe, dass einige dieser grundlegenden Arbeitsweisen in der täglichen pädagogischen Arbeit der Kita zwar intuitiv aufgegriNen werden, jedoch häufig ohne ein klares theoretisches Fundament oder gezielte psychomotorische Planung erfolgen. Daraus ergab sich ein konkreter Handlungsbedarf: Kita-Fachpersonen benötigen mehr Wissen, Sicherheit und methodische Anregungen, um psychomotorische Prinzipien gezielt und kindgerecht in den Alltag integrieren zu können. Im Rahmen der systematischen Literaturanalyse wurde deutlich, dass die Entwicklung eines fundierten Weiterbildungskonzepts für Fachpersonen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig ist. Ein solches Konzept sollte zum Ziel haben, das Bewusstsein für die Bedeutung von Bewegung und Sinneserfahrungen zu stärken, Beobachtungsund Handlungsfähigkeit bei Kita-Fachpersonen zu erweitern und konkrete Impulse für die Gestaltung bewegungsfreundlicher Lernumgebungen zu bieten. Auch wenn die Umsetzung eines solchen Konzepts im Rahmen dieser Arbeit nicht ausgearbeitet werden konnte, bietet die vorliegende Auseinandersetzung eine solide inhaltliche Grundlage. Erste Überlegungen zur Struktur eines möglichen Weiterbildungskonzepts sind im Anhang (Anhang 3) skizziert und könnten als Grundlage für die Entwicklung eines praxisorientierten Weiterbildungskurses dienen. Zukünftige Schritte könnten ausserdem darin bestehen, dieses Wissen in ein umsetzbares Weiterbildungskonzept zu überführen, Pilotprojekte zu initiieren und die Wirkung psychomotorischer Weiterbildungen systematisch zu evaluieren. Abschliessend lässt sich festhalten, dass die vorliegende Arbeit ein aktuelles und äußerst relevantes Thema behandelt. Es wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Verbindung von
54 Sinneswahrnehmung und Bewegung nicht nur die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung hervorhebt, sondern auch die wissenschaftliche Grundlage für weiterführende Entwicklungen bei Fachpersonen und praxisorientierten Konzepten schaNt, welche einen nachhaltigen Beitrag zur Arbeit in der psychomotorischen Frühförderung leisten können.
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