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Studiengang Logopädie Bachelorarbeit Stottern bei Kindern mit Migrationshintergrund – Ein Einblick in kulturbedingte Sichtweisen auf Stottern und deren Bedeutung für die logopädische Therapieintervention Eine Literaturarbeit Eingereicht von: Teuta Schüler Begleitperson: Prof. Wolfgang G. Braun Zweite Fachperson: Janna Kosack Datum der Abgabe: 15.08.2025
ABSTRACT Während kindliche Sprachentwicklungsstörungen in Verbindung mit Mehrsprachigkeit in der Fachwelt ein viel diskuertes Thema sind, findet Stoern im Zusammenhang mit Mehrsprachigkeit respekve im Kontext sprachlich-kultureller Diversität noch wenig Beachtung in der Fachliteratur. Die vorliegende Arbeit gibt zunächst einen Abriss über den Wissensstand zum Thema Stoern und Mehrsprachigkeit bei Kindern und untersucht, welche Annahmen über die Ursachen des Stoerns in unterschiedlichen Kulturkreisen bestehen und welche Einflussfaktoren sich hieraus für die therapeuschen Intervenonen ergeben können. Die Ergebnisse der Literaturstudie zeigen, dass Kultur einen Einfluss darauf hat, wie Stoern wahrgenommen und erklärt wird. Dabei zeigt sich, dass häufig religiös-spirituelle Erklärungsansätze für die Ursachen des Stoerns zugrunde gelegt werden. Die daraus resulerenden Annahmen können die Erwartungen an die Behandlung sowie die Therapieziele im Bereich psychische Reakonen beeinflussen, was ein kultursensibles Vorgehen und interkulturelle Kompetenzen seitens der Logopäd:innen erforderlich machen.
Danksagung Ein herzlicher Dank geht an Wolfgang G. Braun für die wertvolle Unterstützung und den offenen und konstrukven Austausch. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei allen Jugendlichen des Stoerchamps 2023 bedanken, die mir durch ihre persönlichen Geschichten das Thema Stoern näher gebracht haben. Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Familie, die mich unterstützt und mir den Rücken frei gehalten hat.
Inhalt 1. Einleitung .................................................................................................................................... 1 1.1. Ausgangslage ...................................................................................................................... 1 1.2. Fragestellungen ................................................................................................................... 2 1.3. Methodisches Vorgehen ..................................................................................................... 2 2. Theoresche Grundlagen, zentrale Begriffe und Konzepte ........................................................ 4 2.1. Stoern ............................................................................................................................... 4 2.1.1. Definion ............................................................................................................................ 4 2.1.2. Symptomak ....................................................................................................................... 5 2.1.3. Epidemiologie ..................................................................................................................... 6 2.1.4. Äologie .............................................................................................................................. 6 2.1.5. Therapeusche Intervenonen .......................................................................................... 7 2.2. Mehrsprachigkeit und Migraonshintergrund.................................................................... 8 2.2.1. Definion Mehrsprachigkeit ............................................................................................... 8 2.2.2. Mehrspracherwerb ............................................................................................................. 9 2.2.3. Definion Migraonshintergrund ....................................................................................... 9 2.3. Kultur................................................................................................................................. 10 2.3.1. Definion Kulturbegriff ..................................................................................................... 10 2.3.2. Enkulturaon und Akkulturaon ...................................................................................... 11 3. Stoern im sprachlich-kulturell divergierendem Kontext ........................................................ 12 3.1. Stoern und Mehrsprachigkeit ......................................................................................... 12 3.1.1. Prävalenz ........................................................................................................................... 12 3.1.2. Manifestaon des Stoerns bei Mehrsprachigkeit ........................................................... 13 3.1.3. Stoertherapie bei Mehrsprachigkeit ............................................................................... 13 3.2. Stoern und Kultur ........................................................................................................... 13 3.2.1. Stoern und Gesellscha.................................................................................................. 13 3.2.2. Unterschiede zwischen Kulturen ...................................................................................... 14 3.2.3. Kultur, Sprache und Nonverbale Kommunikaon ............................................................. 16 3.2.4. Kulturspezifische Sichtweisen auf Beeinträchgungen .................................................... 17 3.2.5. Kulturspezifische Sichtweisen auf Stoern ....................................................................... 18 4. Interkulturelle Aspekte in der Stoertherapie ......................................................................... 22 4.1. Kulturbedingte Einflussfaktoren auf die Stoertherapie .................................................. 22 4.1.1. Äologieverständnis.......................................................................................................... 22 4.1.2. Scham und soziale Harmonie ............................................................................................ 23 4.1.3. Kommunikave Verhaltensweisen .................................................................................... 24 4.2. Interkulturelle Kompetenzen ............................................................................................ 25
5. Ergebnisse, Schlussfolgerung .................................................................................................... 27 5.1. Ergebnisse und Schlussfolgerungen .................................................................................. 27 5.2. Handlungsempfehlungen .................................................................................................. 29 6. Beantwortung der Forschungsfragen ....................................................................................... 30 7. Fazit und Ausblick ..................................................................................................................... 31 8. Reflexion der Arbeit .................................................................................................................. 32 Literaturverzeichnis ........................................................................................................................... 33 Abbildungsund Tabellenverzeichnis ................................................................................................ 37 Selbständigkeitserklärung ................................................................................................................. 38 Verwendete Abkürzungen BfArM Bundesinstut für Arzneimiel und Medizinprodukte BFS Bundesamt für Stask BVSS Bundesvereinigung Stoern & Selbsthilfe e.V. ICD Internaonal Stascal Classificaon of Diseases and Related Health Problems ICF Internaonal Classificaon of Funconing, Disability and Health UNO United Naons Organizaon WHO World Health Organizaon
1 1. Einleitung 1.1. Ausgangslage Mehrsprachigkeit ist ein allgegenwärges Thema. Die Schweiz ist eines der Länder, welches sich alleinig mit ihren vier Landessprachen durch eine grosse Sprachenvielfalt auszeichnet und Mehrsprachigkeit per se die Norm ist. Globalisierung und Migraon haben in den letzten Jahrzehnten zu einer Zunahme der Sprachenvielfalt geführt und so werden heute eine Vielzahl von weiteren Sprachen in der Schweiz gesprochen. Es verwundert daher nicht, dass über 40 % der unter 15Jährigen zu Hause mit mehr als einer Sprache in Kontakt kommen (Bundesamt für Stask, 2022). Da der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migraonshintergrund in der Schweiz steg ansteigt, ist davon auszugehen, dass uns auch zunehmend mehrsprachige Kinder und Jugendliche in der logopädischen Praxis begegnen. Dies schliesst folglich auch mehrsprachige Kinder und Jugendliche, die stoern, ein. Stoern gehört zu den bekanntesten und in allen Kulturen auretenden und komplexen Störungsbildern. Rund 1 % der Weltbevölkerung ist von der Redeflussstörung betroffen, wobei die Rate bei Kindern weitaus höher eingeschätzt wird. Beim ICF-orienerten Vorgehen in der Stoertherapie wird deutlich, dass bei der Betrachtung von stoernden (mehrsprachigen) Kindern, den individuellen Kontexaktoren eine besondere Bedeutung zukommt. Dabei spielt das soziale Umfeld eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Stoern. Häufig ist Mehrsprachigkeit, insbesondere in Verbindung mit Migraon, mit einem kulturell divergierenden Hintergrund verbunden. Scharff Rethfeldt (2013) weist auf die Bedeutung der kulturellen Differenz hin, die «je grösser [diese] zwischen dem Paenten, seinen Angehörigen und dem Therapeuten ist, desto komplexer und komplizierter kann sich das sprachtherapeusche Handeln gestalten» (S. 178). Während kindliche Sprachentwicklungsstörungen in Verbindung mit Mehrsprachigkeit in der Fachwelt ein viel diskuertes Thema sind, findet Stoern im Zusammenhang mit Mehrsprachigkeit noch wenig Beachtung in der Fachliteratur und es exiseren keine spezifischen diagnosschen und therapeuschen Konzepte für die logopädische Praxis (Shenker, 2011; Van Borsel, 2011). Obgleich die Relevanz und die Berücksichgung der kulturellen Besonderheiten in der Sprachtherapie betont wird, ist wenig bekannt, wie sich dies konkret in der Stoertherapie darstellt. Im Rahmen der Ausbildung hae die Autorin dieser Arbeit die Möglichkeit am Wahlmodul «Stoerchamp», einer Stoerintensivtherapiewoche, teilzunehmen und jugendliche Stoernde als Pan zu begleiten. Dabei zeigte sich, dass mehrsprachige stoernde Jugendliche quantav eine nicht zu vernachlässigende Klientel ausmachen. Aufgrund von Beobachtungen und Gesprächen während dieser Woche sowie ihrem persönlichen Bezug zur Mulkulturalität stellt sich der Verfasserin dieser Arbeit die Frage, welche kulturell bedingten Besonderheiten und - theoreschen -
2 Anforderungen sich in der Stoertherapie bei Kindern mit Migraonshintergrund ergeben können, was zum Thema dieser Arbeit führte. 1.2. Fragestellungen In der vorliegenden Arbeit soll das Äologieverständnis von Stoern in verschiedenen Kulturen untersucht werden. Im Fokus stehen hierbei Kulturen des nahost-/asiaschen Raums, welche weltweit den grössten Bevölkerungsanteil ausmachen und im Vergleich zu westeuropäischen Kulturen eine stärkere tradionelle Prägung aufweisen. Zudem weisen die Kulturen unterschiedliche Glaubensrichtungen auf, welche sich von der Mehrheitsreligion im deutschsprachigen Raum unterscheiden. Weiter sollen kulturell bedingte Besonderheiten herausgearbeitet werden, die einen Einfluss auf die Stoertherapie haben können. Auf Basis dieser Erkenntnisse sollen abschliessend Handlungsempfehlungen für die therapeusche Arbeit formuliert werden. Hieraus ergeben sich folgende Fragestellungen: Fragestellung 1: Welche kulturell bedingten Überzeugungen zur Äologie des Stoerns benennt die Literatur für die Regionen des Nahen Ostens, Südund Ostasiens im Vergleich zur Sichtweise im deutschsprachigen Raum? Fragestellung 2: Welche ausgewählten Elemente einer kulturell westeuropäisch geprägten Stoertherapie können aufgrund des kulturgeleiteten Äologieverständnisses beeinflusst werden? Fragestellung 3: Welche Handlungsempfehlungen lassen sich aus den Erkenntnissen der Fragestellungen 1 und 2 für die therapeuschen Intervenonen bei stoernden mehrsprachigen Kindern ableiten? 1.3. Methodisches Vorgehen Aufgrund der Fragestellung wurde für die vorliegende Arbeit die Methode der Literaturarbeit gewählt. Zu Beginn der Literaturrecherche erfolgte die Sichtung der Unterlagen vergangener Lehrveranstaltungen der Module Störung der Rede und Mehrsprachigkeit. Diese Unterlagen sowie die darin enthaltenen Empfehlungen zu weiterer Literatur bildeten die Ausgangslage. Die Suche an der HfH-Bibliothek sowie miels Swisscovery ermöglichte einen schnellen Zugang zu weiterer Fachliteratur. Mit Hilfe der wissenschalichen Suchmaschinen und Datenbanken EBSCO, ScienceDirect, ReseachGate und Google Scholar wurde die Suche nochmals ausgeweitet. Dabei wurde anhand der Schlüsselbegriffe Stoern, Mehrsprachigkeit, Bilingualität, Kultur und Mulkulturalität auf Deutsch und Englisch gesucht, was zu einer grossen Fülle an Suchergebnissen führte, insbesondere an englischsprachigen Studien. Nach der ersten Sichtung relevanter Studien führte das Recherchieren miels Schneeballprinzip zu einer zielführenderen Suche und förderte
3 weitere Quellen. Eingeschränkt wurde die Recherche aufgrund der begrenzten Zugänglichkeit gefundener Studien, Bücher und Konferenzbeiträge. Der Zugang wäre zum Teil nur mit hohen Kosten möglich gewesen. Um das Sammeln und Verwalten der Quellen, die vorwiegend in digitaler Form zur Verfügung stehen, zu erleichtern, als auch um die Nachvollzierbarkeit der Quellen sicherzustellen, wurde ein Literaturverwaltungsprogramm genutzt. Alle Studien und Arkel wurden in einem ersten Schri oberflächlich analysiert. Dabei wurde anhand des Titels und des Abstracts bewertet, ob diese relevante Informaonen oder Forschungsergebnisse liefern würden, welche für die Beantwortung der Fragestellungen herangezogen werden könnten. Darüber hinaus wurde beurteilt, ob die Anforderungen in Bezug auf Wissenschalichkeit (Review, quantave Studie, qualitave Studie, Expertenmeinung) und Hintergrund der Autor:innen erfüllt wurden. Nach einer ersten Durchsicht der vollständigen Texte sowie der Beurteilung als geeignete Quelle, erfolgte eine ausführliche und krische Auseinandersetzung aller als relevant festgelegten Quellen. Die wichgsten Inhalte wurden herausgearbeitet, die Aussagen analysiert und in die Arbeit integriert. Abbildung 1: Prozess des wissenschalichen Arbeitens Literaturarbeit (in Anlehnung an Roos & Leutwyler, 2017)
4 2. Theoresche Grundlagen, zentrale Begriffe und Konzepte 2.1. Stoern Im folgenden Kapitel soll Stoern definiert werden. Um ein umfassendes Bild zu erhalten, wird zudem auf die Symptomak, die Epidemiologie und Äologie eingegangen. Abschliessend erfolgt eine Betrachtung der therapeuschen Intervenonen, wobei die Elternarbeit und einzelne Elemente der Stoertherapie, die im Zusammenhang mit der Beantwortung der Forschungsfrage stehen, besonders betont werden sollen. Wohlwissend, dass Therapie auf den Ergebnissen einer fundierten Diagnosk basiert, wird auf eine Beschreibung der Diagnosk in dieser Arbeit verzichtet. 2.1.1. Definion Stoern ist eine Redeflussund Kommunikaonsstörung, die weltweit Millionen von Menschen betri und sich durch unwillkürliche Unterbrechungen im Redefluss äussert. Die stoernde Person weiss, was sie sagen möchte, kann jedoch die Sprechbewegungen im Augenblick des Stoerns nicht störungsfrei ausführen und erlebt das Stoern als «motorischen Kontrollverlust» (Natke & Kohmäscher, 2020, S. 1). Stoern ist kein einheitliches Störungsbild und wird aufgrund der Komplexität der Störung sowie der jeweils zugrundeliegenden Sicht auf die Verursachung in der Fachliteratur unterschiedlich definiert. Neumann et al. (2017) definieren Stoern als «zentralnervöse Störung des Sprechens und seiner Planung, die in der Kindheit durch genesche Disposion entsteht. Es umfasst Kernsymptome mit stoertypischen Sprechunflüssigkeiten und Begleitsymptomen mit vegetaven, motorischen und emoonalen Reakonen» (S.384). Im internaonalen Klassifikaonssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisaon (WHO) wird Stoern (F98.5) als entwicklungsbedingte Störung den Verhaltensund emoonalen Störungen zugeordnet (Bundesinstut für Arzneimiel und Medizinprodukte, 2019). Das in dieser Arbeit erörterte Stoern beschränkt sich auf das idiopathische Stoern, welches gemäss der S3-Leitlinie als originäres, neurogenes, nicht-syndromales Stoern bezeichnet wird und sich ohne erkennbare Ursache in der Kindheit entwickelt. Es stellt den grössten Anteil an Stoern im Kindesalter dar und ist abzugrenzen vom erworbenen, neurogenen und psychogenen Stoern sowie dem syndromal bedingten Stoern (Neumann et al., 2017). An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass Stoern rechtlich als Sprechstörung den Sprachbehinderungen zugeordnet wird und mit den damit einhergehenden rechtlichen Ansprüchen (z.B. Nachteilsausgleich) verbunden ist (Bundesvereinigung Stoern & Selbsthilfe e.V., 2023). Aus Haltungsfragen wird jedoch in dieser Arbeit der Begriff «Beeinträchgung» bevorzugt und als Synonym für Behinderung verwendet.
11 Abbildung 2: Drei Ebenen der Einzigargkeit der mentalen Programmierung des Menschen (Hofstede, 1993, S. 19) An dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass Kultur nicht als eine Art «Gleichschaltungsmechanismus» (Erll & Gymnich, 2015, S. 25) zu verstehen ist, wonach alle Mitglieder einer Kultur gleich denken, handeln und sich verhalten (ebd.). Vielmehr gleichen Kulturen einem «intern heterogenen, nach aussen hin offenen und stets in Veränderung begriffenen Netzwerk» (ebd, S. 26). 2.3.2. Enkulturaon und Akkulturaon Der Begriff «Enkulturaon» bedeutet das Hineinwachsen in die Herkunskultur und gehört zur Primärsozialisaon im Kindesalter (Erll & Gymnich, 2015, S. 68). Dabei werden das grundlegende Wissen sowie Verhaltensweisen, welche den sozialen Umgang in der entsprechenden Kultur kennzeichnen, verinnerlicht (ebd.) Dies geschieht grösstenteils unbewusst und so sind sich «Menschen […] der Kulturbedingtheit ihres Wahrnehmens, Interpreerens und Handelns […] selten bewusst» (Wiechelmann 2006, ziert nach Erll & Gymnich, 2015, S. 62). Dem gegenüber erfolgt die Akkulturaon nach der abgeschlossenen Enkulturaon und meint das Hineinwachsen in eine zweite «fremde» Kultur während der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter. Sie gehört zur Sekundäroder Terärsozialisaon und erfolgt z.B. aufgrund von Migraon. (Erll & Gymnich, 2015, S. 69 ff.). Tabelle 3: Vier Formen der Akkulturaon (in Anlehnung an Erll & Gymnich, 2015) Form der Akkulturaon Bedeutung Integraon Ursprüngliche kulturelle Identät wird bei posiver Beziehung zur neuen Kultur beibehalten Assimilaon Ursprüngliche kulturelle Identät wird zugunsten der neuen Idenfikaon mit neuer Kultur verdrängt Separaon Festhalten an ursprünglicher Kultur mit Ablehnung der neuen Kultur Marginalität Verlust der kulturellen Identät ohne Zugang zu neuer Kultur
12 3. Stoern im sprachlich-kulturell divergierendem Kontext 3.1. Stoern und Mehrsprachigkeit Stoern tri in allen Sprachen und Kulturen auf. Obgleich der Anteil an mehrsprachigen Menschen in der Weltbevölkerung steigt, ist Stoern im Zusammenhang mit Mehrsprachigkeit noch selten Gegenstand der Forschung und es liegen nur begrenzte Forschungsergebnisse vor (Natke & Kohmäscher, 2020, S.39). Im Folgenden sollen wichge Erkenntnisse zum Stand der Forschung, die im Zusammenhang mit Stoern und Mehrsprachigkeit bei Kindern stehen, herausgearbeitet werden. 3.1.1. Prävalenz Die Frage, ob Stoern bei mehrsprachigen Kindern häufiger auri als bei einsprachigen Kindern, wurde bereits in frühen Studien untersucht. In einem umfassenden Review zieren Van Borsel et al. (2001) die Studien von Travis, Johnson & Shover (1937) und Stern (1948), welche die Prävalenz des Stoerns von mehrsprachigen Kindern in Chicago und Johannesburg untersuchten. Diese kamen zu dem Schluss, dass mehrsprachige Kinder signifikant häufiger vom Stoern betroffen sind als monolinguale Kinder (S.181). Eine neuere Studie von Howell, Davis und Williams (2009), bei der 317 stoernde Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren in England untersuchten wurden, zeigte, dass Kinder mit simultanem Spracherwerb sowohl ein höheres Risiko für Stoern, als auch eine geringere Chance zur Remission als monolinguale oder mehrsprachige Kinder mit sukzessivem Spracherwerb aufwiesen. Au-Yeung et al. (2000, in Van Borsel et al., 2001) konnten diese Ergebnisse dagegen nicht bestägen. Basierend auf den Selbstberichten von einund mehrsprachigen erwachsenen Teilnehmenden ihrer weltweiten Online-Umfrage zu Stoern und Mehrsprachigkeit, ermielten sie vergleichbare Prävalenzraten für beiden Gruppen (S. 182). Allerdings weist Van Borsel (2011) auf methodische Schwächen hin. Neben einer Selbstselekvität der Schprobe, wird krisch angemerkt, dass die Angaben zum Stoern auf Selbstangaben beruhten. Ob es sich tatsächlich um Stoern in Abgrenzung zu normalen Unflüssigkeiten, Worindungsstörungen oder Poltern handelt, unterlag der subjekven Beurteilung der Teilnehmenden, und wird als fraglich beurteilt (ebd.). Ebenso weisen die frühen Studien von Travis et al. (1937) und Stern (1948) , als auch die aktuellere Studie von Howell et al. (2009) methodische Schwächen auf, weshalb sie umfassend krisiert wurden (vgl. Gahl, 2020; Packman et al., 2009; Roberts, 2010). Aufgrund der widersprüchlichen und kontroversen Forschungsergebnisse lassen sich bis heute keine eindeugen Angaben machen, ob Stoern bei mehrsprachigen Kindern häufiger vorkommt als bei monolingualen Kindern (Van Borsel, 2011).
13 3.1.2. Manifestaon des Stoerns bei Mehrsprachigkeit Stoern kann bei mehrsprachigen Kindern in nur einer oder in beiden Sprachen aureten. Dass Stoern in nur einer von beiden Sprachen auri, wird als ungewöhnlich erachtet (Nwokah, 1988). Häufig zeigt sich das Stoern in beiden Sprachen, wobei eine der beiden Sprachen stärker betroffen sein kann. So können Art, Häufigkeit als auch Schweregrad der Stoersymptome in den verschiedenen Sprachen variieren (Van Borsel et al., 2001, S. 190 f). Als Einflussfaktoren für die unterschiedlichen Erscheinungsformen werden neben der Sprachdominanz der Sprecher, linguissche Differenzen von Erstund Zweitsprache als auch emoonale Aspekte, die mit einer Sprache verbunden werden, genannt. Unterschiedliche Studienergebnisse lassen jedoch keine allgemeingülgen Feststellungen zu (Van Borsel, 2011). 3.1.3. Stoertherapie bei Mehrsprachigkeit In Bezug auf die Therapie bei mehrsprachigen Kindern, die stoern, stehen keine spezifischen Therapiekonzepte oder verbindliche Leitlinien zur Verfügung (Shenker, 2011; Van Borsel et al., 2001). Vielmehr wird in der Literatur der Frage nachgegangen, ob in einer oder beiden Sprachen bzw. in welcher Sprache die Therapie erfolgen sollte. Dabei muss ohnehin berücksichgt werden, dass in der Praxis eine Therapie in beiden Sprachen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse seitens der Logopäd:innen sehr häufig nicht möglich ist (Van Borsel, 2011, S. 250f). Studien weisen darauf hin, dass die Therapie in einer Sprache zu einem posiven Generalisierungseffekt führt. Demnach kommt es zu einer spontanen Verbesserung der Symptomak in der nicht behandelten Sprache, wobei der Grad des Transfers in die unbehandelte Sprache unterschiedlich ausgeprägt sein kann (ebd.). Ein weiterer Aspekt, der in Zusammenhang mit Stoern und Mehrsprachigkeit diskuert wird, ist die Frage nach dem Verzicht auf eine Sprache, insbesondere bei frühen kindlichen Redeflussstörungen. Laermann & Shenker (2005) geben hierzu Empfehlungen, welche auf einem Beratungsmodell des Montreal Fluency Center basieren. Diese sollen hier nicht weiter ausgeführt werden (vgl. Lamann & Shenker, 2005). 3.2. Stoern und Kultur Dieses Kapitel widmet sich dem Stoern im Zusammenhang mit Kultur. Dabei soll zunächst kurz darauf eingegangen werden, welche Bedeutung Gesellscha für das Stoern hat. Ein kurzer Abriss soll die Unterschiede zwischen Kulturen und die Bedeutung von Kultur auf die Sprache aufzeigen. Anschliessend wird dargelegt, wie Beeinträchgungen in unterschiedlichen Kulturen wahrgenommen werden, um abschliessend kulturspezifische Sichtweisen auf Stoern aufzuzeigen. 3.2.1. Stoern und Gesellscha Hinsichtlich des Stoerns herrschen in der Gesellscha noch häufig negave Einstellungen und stereotype Ansichten vor, weshalb sich stoernde Menschen immer wieder mit Vorurteilen und
14 Sgmasierungen konfronert sehen. Ihnen wird unter anderem unterstellt besonders schüchtern und ängstlich zu sein oder psychische Probleme zu haben, was als ursächlich für das Stoern erachtet wird (Sandrieser & Schneider, 2015, S. 72). Gesellschaliche Einstellungen, Normen und Weltanschauungen sind dahingehend relevant, als dass sie Kontexaktoren gemäss ICF bilden und als förderliche oder hemmende Einflussfaktoren zur Entwicklung und Aufrechterhaltung von Stoern beitragen (Ochsenkühn et al., 2015, S. 52). So lassen sich unter anderem die Entwicklung von Begleitsymptomen, sozialen Ängsten und Selbstsgmasierungen häufig auf negave Reakonen aus dem Umfeld zurückführen (vgl. Blood et al., 2003; Natke & Kohmäscher, 2020). Die Familie als unmielbares Umfeld bildet bei Kindern einen zentralen Kontexaktor, dem in der Stoertherapie eine entscheidende Rolle zukommt. Innerhalb ihrer Familie können Kinder Unterstützung und Rückhalt erfahren, was ihnen den Umgang mit Stoern erleichtert und ihre Resilienz stärkt (Sandrieser & Schneider, 2015, S. 73). Ebenso ist es möglich, dass Kinder Erfahrungen innerhalb der Familie machen, die sich ungünsg auf die Entwicklung des Stoerns auswirken und als aufrechterhaltende Faktoren zu bewerten sind (ebd). Hierzu zählen Reakonen wie z.B. Tabuisierung, Schuldoder Schamgefühle. Diese können aufgrund von Unsicherheiten oder Unwissen entstehen und durch gesellschaliche Überzeugungen beeinflusst werden. So ist das Familiensystem in ein Umfeld eingebeet, welches geprägt wird von allgemeinen Überzeugungen, Einstellungen und Werten, die sich, insbesondere in einer mulkulturellen Gesellscha unterschiedlich darstellen können (vgl. Siegler et al., 2016, S. 337). 3.2.2. Unterschiede zwischen Kulturen Um Kulturen miteinander vergleichen und unterscheiden zu können, müssen Kulturen zunächst in ihrer Komplexität erfasst werden. So finden sich in der Literatur unterschiedliche Modelle, die Kulturen anhand von Merkmalen und Dimensionen beschreiben und kategorisieren. Mit Hilfe dieser bietet sich die Möglichkeit Kulturen zu begreifen und zu vergleichen (Erll & Gymnich, 2015). Eines der bekanntesten und weit verbreiteten Modelle zur Erfassung kultureller Unterschiede stammt von Hofstede. Auf Basis umfangreicher empirischer Studien besmmte Hofstede fünf zentrale Dimensionen, die die Werte und Verhaltensweisen innerhalb einer Kultur beschreiben (Erll & Gymnich, 2015, S. 44). Im Folgenden sollen die beiden Dimensionen Machtdistanz und Individualismus/Kollekvismus beschrieben werden. Die Dimensionen Maskulinität/Femininität, Unsicherheitsvermeidung und Langzeit-/Kurzzeitorienerung sollen hiermit nur genannt werden, da die Relevanz der ersten beiden Dimensionen betont werden soll. Mit der Dimension Machtdistanz beschreibt Hofstede (1993), inwieweit Ungleichheiten in Macht, Autorität und Hierarchie innerhalb einer Gesellscha akzepert werden. In Kulturen mit grosser
15 Machtdistanz werden Ungleichheiten und Hierarchien stärker akzepert und die Beziehungen zwischen Menschen sind von Abhängigkeit geprägt (S. 41). Dies spiegelt sich auch in Familien und in der Schule wider und so wird z.B. von Kindern Gehorsam gegenüber ihren Eltern und Respekt gegenüber Autoritätspersonen erwartet. Lange noch wird eine Bevormundung beobachtet und die kindliche Autonomie wenig gefördert (ebd., S.47). Kulturen mit geringer Machtdistanz hingegen sind geprägt von Gleichheit und Parzipaon, und Beziehungen durch Interdependenzen gekennzeichnet (ebd., S. 41). Kinder werden eher gleichberechgt behandelt und ermugt, die Welt zu entdecken und nach Unabhängigkeit zu streben (ebd. S.47). Die zweite Dimension bezieht sich auf das Verhältnis von Kollekvismus und Individualismus. In individualisschen Kulturen steht das Individuum und damit einhergehend Autonomie, Unabhängigkeit und Selbstbesmmung im Zentrum (Hricová, 2023, S. 6). Im Gegensatz dazu steht in kollekvisschen Kulturen die Gruppe und das Interesse der Gruppe im Vordergrund und gegenseige Unterstützung, Fürsorge und Verbundenheit sind von grosser Bedeutung (edb., S.6). Hofstede (1993) beschreibt Kollekvismus als „Gesellschaen, in denen der Mensch von Geburt an in starke, geschlossene Wir-Gruppen integriert ist, die ihn ein Leben lang schützen und dafür bedingungslose Loyalität verlangen“ (S. 67). Im sozialen Kontakt wird das Bewahren von Harmonie als höchst bedeutungsvoll angesehen. Offene Konfrontaonen werden als unhöflich und unerwünscht angesehen und so werden häufig Kommunikaonsstrategien verwendet, um Konflikte zu vermeiden oder beizulegen (ebd., S. 75). Kinder lernen früh, sich bei ihrer Meinungsfindung an anderen zu orieneren und dass die persönliche Meinung nicht erwünscht ist, wogegen in individualisschen Gesellschaen Kinder ermugt werden, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zu äussern (ebd.). Weiter nennt Hofstede (1993) im Zusammenhang mit individualisschen und kollekvisschen Gesellschaen die Begriffe Schuldund Schamkulturen. Individualissche Gesellschaen werden als Schuldkulturen bezeichnet und kennzeichnen sich dadurch aus, dass Menschen, die gegen gesellschaliche Regeln verstossen, häufig Schuldgefühle entwickeln und von ihrem individuellen Gewissen geplagt werden (ebd.). Dagegen werden kollekvissche Gesellschaen als Schamkulturen beschrieben. Mitglieder einer Gruppe schämten sich für den Regelverstoss eines einzelnen Mitglieds, was auf einen Sinn für kollekve Pflicht zurückzuführen sei, so Hofstede (1993, S. 77). Scham ist ihrem Wesen nach gesellschalich, Schuld ist individuell; ob man Scham empfindet, hängt davon ab, ob der Regelverstoss anderen bekannt geworden ist. Dieses Bekanntwerden ist mehr als der Regelverstoss selbst eine Quelle der Scham. (Hofstede, 1993, S. 77)
16 In diesem Zusammenhang wird ebenfalls der Begriff des «Gesichts» angeführt (ebd.). In kollekvisschen Gesellschaen wird das «Gesicht» als ein Ausdruck von Ehre und Ansehen einer Person innerhalb der Gemeinscha angesehen. Es beschreibt die angemessene Beziehung zur sozialen Umgebung, wobei das Wahren des «Gesichts» für das Individuum als auch für seine Gruppe als bedeutsam erachtet wird (ebd.). Die dargelegten Dimensionen dienen der Beschreibung von Gesellschassystemen, welche die vorherrschenden Werte der Mehrheit der Mitglieder der Gesellscha berücksichgt. Rückschlüsse auf einzelne Individuen dieser Gruppe entbehren jedoch jeder Grundlage, weshalb an dieser Stelle vor der Bildung von Stereotypen ermahnt werden soll. Vielmehr dient die vereinfachte Darstellung der Erörterung möglicher Unterschiede in Ansichten und Überzeugungen (Hofstede, 1993, S. 297 f.) 3.2.3. Kultur, Sprache und Nonverbale Kommunikaon Der Spracherwerb ist eng mit der kulturellen Identät und dem kulturellen Kontext verbunden. Der Prozess des Erstspracherwerbs und der Prozess der Enkulturaon sind in vielfälger Hinsicht miteinander verknüp und verlaufen gleichzeig (Erll & Gymnich, 2015, S. 81). Sprache ist nicht nur ein Werkzeug der Kommunikaon, welches erforderlich ist für die Aufnahme sozialer Beziehungen, sondern wird selbst auch als «Repertoire der Kategorien» (ebd., S. 81), die in einer Kultur als relevant erachtet werden, angesehen. Der Sprache wird demnach ein erheblicher Einfluss auf das Denken und die Weltsicht eines Individuums beigemessen (ebd.). Im Prozess der Sozialisaon werden neben der Sprache auch kommunikav-pragmasche Verhaltensweisen, die für die jeweilige Kultur charakterissch sind, erworben. Kinder lernen durch Kommunikaonserfahrungen in konkreten Interakonen nonverbale Codes, wie Gesk, Mimik, Blickverhalten, Proxemik, Hapk und paralinguissche Codes (Gebrauch der Smme, Intonaon, Smmlage, -volumen) (ebd., S. 111). Dies erfolgt grösstenteils unbewusst. Diese Codes stellen einen wichgen Teil der Kommunikaon dar und interagieren mit der verbalen Kommunikaon. Da die Elemente der nonverbalen Kommunikaon hochgradig kulturspezifisch sind, können diese häufig Gegenstand von Fehlinterpretaon und Missverständnissen sein (ebd.). Maletzke (1996) hebt hervor, dass «die Erscheinungsformen der nichtverbalen Kommunikaon […] in hohem Maße kulturell überformt [sind und] eine und dieselbe Form […] in verschiedenen Kulturen etwas Verschiedenes, manchmal sogar Gegensätzliches bedeuten [kann]» (S. 77). So wird Lachen z.B. in europäischen Ländern vornehmlich mit posiven Emoonen wie Freude assoziiert, wohingegen in vielen asiaschen Ländern Lachen ein Ausdruck von Scham oder Befangenheit darstellt (Erll & Gymnich, 2015, S. 113). Besonders die Bedeutung und Verwendung des Blickkontakts unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. In westlichen Kulturen wird der Blickkontakt in erster Linie als posiv angesehen und gilt als Zeichen von Respekt, Aufrichgkeit und Vertrauen, während das Fehlen häufig als Desinteresse, Vermeidung
17 oder Unsicherheit interpreert wird. So ist es üblich während des Gesprächs den Blickkontakt mit dem Kommunikaonspartner aufrechtzuhalten, was Aufmerksamkeit und Interesse signalisiert. Dagegen gilt der direkte Blickkontakt in vielen anderen Kulturen als respektlos, aufdringlich oder unangemessen, insbesondere gegenüber Respektpersonen oder andersgeschlechtlichen Gesprächspartnern (Erll & Gymnich, 2015, S. 115). Eine weitere paralinguissche Dimension zeigt sich in Bezug auf das Vielreden und der Wortkargheit bis hin zum Schweigen als Formen der Kommunikaon, welche je nach Kultur unterschiedliche Bedeutungen und Funkonen haben können (Maletzke, 1996, S. 79). Wird z.B. in gewissen Kulturkreisen das Reden als solches hochgeschätzt, hat hingegen das Schweigen in anderen Kulturen eine andere Bedeutung und einen höheren Stellenwert (ebd.). 3.2.4. Kulturspezifische Sichtweisen auf Beeinträchgungen Bei der Betrachtung von Beeinträchgungen aus Sicht verschiedener Kulturen wird deutlich, dass vielfälge Sichtweisen exiseren. Die Wahrnehmung und das Verständnis von Gesundheit, Krankheit oder Beeinträchgung werden dabei massgeblich kulturell beeinflusst (Scharff Rethfeldt, 2013, S. 179). Ob und was als Beeinträchgung angesehen wird, unterliegt kulturspezifischen Merkmalen und so können Störungsbilder und Krankheiten unterschiedlich wahrgenommen und interpreert werden (Halfmann, 2014, S. 50). Halfmann (2014) führt hierzu das Beispiel von Lernbeeinträchgungen an, welche im Vergleich zum deutschsprachigen Raum in anderen Kulturen nicht als Beeinträchgung wahrgenommen werden. Dahingegen gelten mangelnde Sprachkompetenz und Gehörlosigkeit in Süd(ost)asien und Ozeanien als Indiz für geisge Schwäche (Wagner, 2012, S. 6). Ebenso sind Vorstellungen und Ansätze zur Erklärung was eine Beeinträchgung verursacht, häufig von kulturellen und religiösen Konzepten geprägt (Scharff Rethfeldt, 2013, S. 179). Eine übliche Unterscheidung vielfälger Erklärungsansätze nennt Halfmann (2014), wonach sich diese nach natürlichen Ursachen (naturwissenschalich-medizinischer Sichtweise) und nach übernatürlichen Ursachen bzw. religiös-spirituellen Erklärungsansätzen unterscheiden (S.50). Als übernatürliche Ursachen von Beeinträchgungen gelten Aberglaube, Fluch, Hexerei, Geister, Fehlverhalten oder Nicht-Einhalten besmmter Rituale und Regeln (Wagner, 2012, S. 6). In muslimischen Kulturkreisen wird Behinderung häufig als eine von Go auferlegte Bewährungsprobe oder Prüfung angesehen, die es bedingungslos anzunehmen und zu bewälgen gilt (Halfmann, 2014, S. 50). Diese gogegebene Aufgabe wird als Schicksal erachtet, um besmmte Tugenden zu fördern, und selten als Strafe Goes erachtet (Wagner, 2012). Als Fluch oder Strafe, insbesondere für neidisches Verhalten, wird in verschiedenen Kulturen der «böse Blick» als Ursache für Beeinträchgungen angesehen (Wagner, 2012, S. 6). Zunehmend rücken auch in Kulturen, die tradionell übernatürliche Ursachen bzw. religiös-spirituelle Erklärungsansätze heranführen, naturwissenschaliche Erklärungsansätze in den
18 Vordergrund, wobei tradionelle Erklärungen in unterschiedlichem Masse weiterhin beibehalten werden (Schmidt, 2012). Die zugrunde gelegten Erklärungsansätze können einen massgeblichen Einfluss auf die Bewertung von und den Umgang mit Beeinträchgungen sowie die Wahl und Inanspruchnahme von Behandlungsund Therapiemethoden haben (Halfmann, 2014, S. 52). Wird eine Beeinträchgung auf höhere Instanzen zurückgeführt und als gogegeben angesehen, fördert dies eine posive Akzeptanz dieser. Trotzdem ist es jedoch möglich, dass medizinische oder therapeusche Behandlungen abgelehnt werden könnten, da dies als Eingriff in den gölichen Willen und als Goeslästerung empfunden werden könnte (Halfmann, 2014, S. 52). Wird hingegen eine Beeinträchgung als Strafe oder schlechtes Karma betrachtet, was auf ein moralisches oder spirituelles Fehlverhalten des Betroffenen oder eines Familienangehörigen zurückgeführt wird, kann dies zu negaven Reakonen und zur sozialen Ausgrenzung führen. In diesem Fall wird die Beeinträchgung als eine Art Busse interpreert (Schmidt, 2012). In Bezug auf die Behandlungsmethoden spielt die Zuschreibung der Ursache eine massgebliche Rolle. Werden übernatürliche Gründe oder religiös-spirituelle Erklärungsansätze zugrunde gelegt, werden zumeist auch tradionelle oder spirituelle Heilmielmethoden (wie z.B. das Tragen von Anhängern als Schutz vor dem «bösen Blick») oder religiöse Rituale bevorzugt. Hierbei werden häufig religiöse oder spirituelle Führungspersönlichkeiten oder Heiler zu Rate gezogen (Halfmann, 2014, S. 51) Vielfälge Wahrnehmungsund Erklärungsmuster sowie der Umgang mit Beeinträchgungen variieren nicht nur interkulturell, sondern auch intrakulturell und sind nicht zu generalisieren. Dabei spielen zahlreiche Kontexaktoren, wie z.B. Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status eine entscheidende Rolle, ebenso wie, «dass sich Kulturen und damit auch das Verständnis von und der Umgang mit Behinderungen im ständigen zeitlichen Wandel befinden» (Halfmann, 2014, S. 53). 3.2.5. Kulturspezifische Sichtweisen auf Stoern Aufgrund der Bedeutung der öffentlichen Meinung über Stoern entstand 1999 das «Internaonal Project on Atudes Toward Human Aributes» (IPATHA). Im Rahmen dieser Iniave entwickelten St. Louis und Kollegen das «Public Opinion Survey on Human Aributes – Stuering» (POSHA-S), ein evidenzbasiertes Umfrageinstrument, um die gesellschaliche Wahrnehmung und das Wissen über Stoern weltweit zu analysieren und vergleichbar zu machen (St. Louis, 2011). Miels des standardisierten Fragebogens werden unter anderem Einstellungen zur Ursache und Behandlung von Stoern sowie soziale Reakonen gegenüber stoernden Personen erhoben. Ziel der Forschungserkenntnisse ist es auf Grundlage dieser gezielte Aulärungsund Sensibilisierungskampagnen zu entwickeln, um die Wahrnehmung und Einstellungen zu Stoern zu verändern und die gesellschaliche Akzeptanz zu fördern (St. Louis, 2011).
19 Die Ergebnisse unterschiedlicher Studien miels des POSHA-S belegen, dass deutliche Unterschiede in den öffentlichen Einstellungen gegenüber stoernden Personen bestehen. In einer Studie von St. Louis et al. (2016) zu Unterschieden der öffentlichen Meinung über Stoern innerhalb eines Landes sowie zwischen einzelnen Ländern, wurden die Erhebungen aus fünf europäischen Ländern und Regionen analysiert und verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einstellungen gegenüber Stoern innerhalb eines Landes weitgehend ähnlich sind, wohingegen sich die Einstellungen von Land zu Land zum Teil sehr unterscheiden. Aufgrund ihrer Ergebnisse schlossen St. Louis et al. (2016), dass naonale oder kulturelle Einflussfaktoren eine entscheidende Rolle in der Einstellung zu Stoern spielen und diese beeinflussen können (ebd., S. 127f). Weitere Vergleiche internaonaler Befragungen führten zu der Erkenntnis, dass die öffentliche Meinung in den sogenannten westlichen Kulturen (z.B. Nordamerika, Westeuropa, Australien) in der Regel posiver ist als in anderen Regionen der Welt (vgl. St. Louis et al., 2014; El-Adawy et al., 2020; Üstün-Yavuz et al., 2021). Bei der Betrachtung unterschiedlicher Personengruppen zeigt sich, dass Studierende der Sprachtherapie eine posivere Einstellung gegenüber Stoern haben, was auf die professionelle Auseinandersetzung mit dem Störungsbild Stoern zurückgeführt werden kann (St. Louis et al., 2014). Im länderübergreifenden Vergleichen wiederum zeigen Studierende der Sprachtherapie in westlichen Ländern posivere Einstellungen als ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Teile der Welt (AlShdifat et al., 2018; St. Louis et al., 2014). Üstun-Yavuz et al. (2021) untersuchten in ihrer Studie den Einfluss der Herkunsund Gastkultur auf die Einstellungen gegenüber stoernden Personen. Die Herkunskultur wurde dabei als das kulturelle Wertesystem definiert, das die Befragten aus ihrem Herkunsland mitbringen, während die Gastkultur jene des Aufenthaltslandes darstellt. Für die Studie wurden 156 Studierende mit brischer, arabischer und chinesischer Herkun einer brischen Universität miels des standardisierten Erhebungsinstruments POSHA-S befragt. Die Analyse ergab signifikante Unterschiede in den Einstellungen gegenüber Stoern zwischen den kulturellen Gruppen. Die brischen Teilnehmenden zeigten insgesamt die posivste Haltung, gefolgt von arabischund chinesischstämmigen Befragten. Die Aufenthaltsdauer in Großbritannien hae dabei keinen bedeutsamen Einfluss auf die Einstellung der arabischen und chinesischen Teilnehmenden. Die Autor:innen folgerten daraus, dass die Herkunskultur einen prägenden Einfluss auf die Wahrnehmung von Stoern hat, und dass kulturell geformte Einstellungen auch nach einem längerfrisgen Kulturwechsel eine hohe Persistenz aufweisen (ebd., S. 616-617). Während einige stereotypische Ansichten und Überzeugungen – etwa die Vorstellung, dass stoernde Menschen schüchtern und ängstlich seien – kulturübergreifend bestanden, unterschieden sich insbesondere die Erklärungsansätze zu Ursachen des Stoerns zwischen den kulturellen Gruppen (ebd.). Obgleich die genesche Veranlagung als mögliche Ursache von allen drei Gruppen genannt wurde, zeigten sich signifikante Unterschiede in inkorrekten
20 Zuschreibungen zwischen den Gruppen. So führten die arabischstämmigen Befragten im Vergleich zu den brischen und chinesischen Teilnehmenden die Ursache des Stoerns verstärkt auf den «Willen Goes» zurück (ebd., S. 615). Empirische Studien aus Kuwait, Ägypten, Jordanien und der Türkei weisen hinsichtlich des Äologieverständnisses vergleichbare Ergebnisse auf (vgl. Abdalla & St. Louis, 2012; Abdalla et al., 2014 ; Al-Khaledi et al., 2009; Al-Shdifat et al., 2018; El-Adawy et al., 2020; Özdemir et al., 2011). In einer Studie von Al-Khaledi et al. (2009) wurden 424 arabische Eltern in Kuwait zu ihrer Einstellung, Wahrnehmung und ihrem Wissen über Stoern befragt. Die Ergebnisse bezüglich der Ursachenzuschreibung ergaben, dass 43 % der Befragten Stoern auf genesche Faktoren zurückführen, gleichzeig auch 62 % der arabischen Eltern Stoern als einen «Akt Goes» betrachten. Daneben wurden auch weitere Zuschreibungen wie psychologische und emoonale Gründe genannt. Die Autor:innen begründen die weitverbreitete Ansicht, dass Stoern als «Wille Goes» erachtet wird, mit den religiösen Vorstellungen der arabischen Kultur. Demnach wird Stoern, wie Beeinträchgungen im Allgemeinen im Islam, als gogegeben, jedoch nicht als ‘göliche Strafe’ erachtet. Die Studie von El-Adawy et al. (2020) aus Ägypten konnte diese Ergebnisse bestägt. In ihrer Studie wurden Eltern und Familienmitglieder stoernder Kinder, die sich zum Zeitpunkt der Studie in therapeuscher Behandlung befanden, unter anderem nach der Ursache des Stoerns ihres Kindes befragt. Die Befragten werteten den «Willen Goes» und spirituelle Einflüsse wie Geister als Ursache besonders hoch. El-Adawy et al. (2020) führten dies ebenfalls auf die religiösen Deutungsmuster zurück. Nonis et al. (2022) untersuchten in einer qualitaven Studie die Wahrnehmungen und Erfahrungen von Eltern stoernder Kinder in Sri Lanka. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass bei den Befragten Unsicherheiten sowie ein begrenztes Wissen hinsichtlich der Ursachen des Stoerns vorherrschen. Neben physiologischen und psychologischen Ursachen wie genescher Disposion, traumaschen Erlebnissen und Nachahmung wurden auch kulturell geprägte Vorstellungen genannt. So betrachteten viele Eltern das Stoern als Folge von Unglück, dem sogenannten „Bösen Blick“ oder insbesondere von Karma. Die Autor:innen stellen einen Zusammenhang zwischen diesen Deutungsmustern und dem in Sri Lanka vorherrschenden Buddhismus her und folgern, dass spirituell tradionelle Überzeugungen die Zuschreibungen massgeblich beeinflussen. Im Hinblick auf die Behandlung gaben die Eltern an, häufig auf spirituelle oder tradionelle Heilmethoden wie Rituale und Gebete zurückzugreifen. Zu vergleichbaren Erkenntnissen kamen Rout et al. (2014) in ihrer Studie aus Indien. Während etwa ein Viertel der Befragten keine Ursache benennen konnte, wurden häufig Vererbung (11,3 %) und mythische Erklärungen (12,7 %) genannt. Dabei wurde Stoern als Folge und Ergebnis früherer
27 5. Ergebnisse, Schlussfolgerung In diesem Kapitel werden die wichgsten Erkenntnisse für die Beantwortung der Forschungsfragen zusammengefasst und im Anschluss Handlungsempfehlungen formuliert. 5.1. Ergebnisse und Schlussfolgerungen Die Studienlage zeigt, dass Kultur einen Einfluss darauf hat, wie Stoern wahrgenommen und erklärt wird. So sind die Wahrnehmungen und Einstellungen gegenüber Stoern innerhalb eines Landes einheitlich, zwischen den Ländern hingegen sehr unterschiedlich. Hierbei zeigt sich, dass vor allem Unterschiede in den Erklärungsansätzen zu Ursachen des Stoerns bestehen. Es lässt sich feststellen, dass in allen Kulturen falsche Annahmen zu Ursachen des Stoerns verbreitet sind, wofür Vorurteile und Unwissenheit verantwortlich zu machen sind. Die in dieser Arbeit herangezogenen Studien zeigen, dass Stoern in unterschiedlichem Masse auf eine genesche Disposion zurückgeführt wird. Jedoch lassen sich anhand der Häufigkeit fehlerhaer Zuschreibungen kulturelle Unterschiede erkennen, wie die Äologie von Stoern eingeordnet wird. In den Studien aus Ländern des Nahen Ostens und Südasiens lässt sich ein einheitliches Verständnis der Äologie erkennen. So werden hier für die Ursachen des Stoerns häufig übernatürliche Gründe bzw. religiös-spirituelle Erklärungsansätze herangezogen. In Kulturkreisen des Nahen Ostens, wie Kuwait, Jordanien und Ägypten, wird Stoern häufig als «Akt Goes» erachtet. Vor dem Hintergrund des im Nahen Osten vorherrschenden Islams als kulturprägende Mehrheitsreligion, wird Stoern, wie Beeinträchgungen im Allgemeinen, als gogegebenes Schicksal und auferlegte irdische Bewährungsprobe erachtet, was weder posiv noch negav konnoert ist. Dahingegen wird Stoern in südasiaschen Kulturkreisen, wie Befragungen aus Sri Lanka und Indien zeigen, häufig als Strafe und Folge früherer Lebenstaten respekve Karma betrachtet. Aufgrund der negaven Zuschreibung wird schlechtes Karma omals in Verbindung mit Sgmasierung und sozialer Ausgrenzung beobachtet . Bei der Betrachtung der Sichtweise ostasiascher Länder, welche auf Studien aus China und Japan basieren, zeigt sich, dass eine ursächlich genesche Veranlagung weniger häufig zugrunde gelegt wird. Vielmehr wird die Ansicht vertreten, dass Stoern auf Lernprozesse und psychische Faktoren zurückzuführen ist, wobei die Aufrechterhaltung der Redeunflüssigkeit durch mangelnde Willenskra das Stoern zu überwinden begründet wird. An dieser Stelle soll betont werden, dass die hier dargestellten Erklärungsansätze und Deutungsmuster auch innerhalb einer Kultur unterschiedlich sein können und daher keinesfalls pauschalisiert und generalisiert werden dürfen. Vielmehr dienen die Erkenntnisse einer Sensibilisierung und dem Bewusstmachen von möglichen kulturell geprägten Unterschieden in Sichtweisen und Deutungsmustern. Obgleich Generalisierungen zu vermeiden sind, treten besmmte
28 Erklärungsansätze innerhalb einer Kultur zuweilen häufiger auf, sodass kulturelle Zuschreibungen helfen können, Unterschiede besser zu verstehen und sensibel auf diese zu reagieren. Die kulturspezifischen Deutungsmuster und das zugrunde gelegte äologische Verständnis von Stoern sind dahingehend bedeutsam, dass sie einen Einfluss auf die Bereitscha eine logopädische Therapie in Anspruch zu nehmen als auch auf die therapeuschen Intervenonen selbst haben können. Werden übernatürliche Ursachen oder religiös-spirituelle Erklärungsansätze zugrunde gelegt, könnten sprachtherapeusche Massnahmen abgelehnt werden, da an der Wirksamkeit menschlicher Intervenonen Zweifel bestehen und das Vertrauen in spirituelle, tradionelle Behandlungsmethoden grösser sein könnten. Es bedarf einer sensiblen und ausführlichen Aulärung über die Ursachen und den Verlauf des Stoerns, wobei die Ansichten und Vorstellungen der Eltern ernst zu nehmen sind. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass auch nach einer Aulärung die tradionellen Erklärungen der Eltern in unterschiedlichem Masse weiterhin fortbestehen können (Schmidt, 2012). Logopäd:innen können sich mit für sie widersprüchlichen Ansichten und Handlungsweisen konfronert sehen, die zu Verunsicherungen führen können. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und den daraus resulerenden Vorstellungen und Erwartungshaltungen, wie sie im Rahmen der Klinisch Interkulturellen Kompetenz impliziert wird, kann sich als hilfreich erweisen. Des Weiteren können die zugrunde gelegten Ursachen von Stoern einen Einfluss darauf haben, wie Stoern gesellschalich bewertet und wahrgenommen wird. Werden die Ursachen negav konnoert und Stoern mit Strafe, Fluch, schlechtem Karma oder psychischen Störungen assoziiert, kann dies zu verstärkten Schamgefühlen führen. Insbesondere in kollekvissch geprägten Kulturen, in denen die Gruppe im Vordergrund steht und der Erhalt der Harmonie von zentraler Bedeutung ist, ist das Schamempfinden stärker ausgeprägt. Dies ist für die therapeusche Arbeit dahingehend relevant, als dass die Enabuisierung und Desensibilisierung zentrale Bestandteile der Stoertherapie darstellen. Aufgrund der besonderen kulturellen Bedeutung von Scham können therapeusche Prozesse erschwert werden. Hier soll auf die Gefahr einer Überbetonung der kulturellen Unterschiede hingewiesen werden. So dürfen mögliche schwierige Therapieprozesse nicht voreilig und einseig auf kulturelle Unterschiede zurückgeführt werden (Scharff Rethfeldt, 2013, S. 183). Auch die pragmasch-kommunikaven Verhaltensweisen stellen in der Stoertherapie im Kontext sprachlich-kultureller Diversität einen wichgen Aspekt dar. Da sie kulturell geprägt sind, können sie zu vielfälgen Fehlinterpretaonen und Missverständnissen führen. Blickkontakt stellt ein zentrales Element der nonverbalen Kommunikaon dar, dem auch in der Stoertherapie eine besondere Rolle
29 zukommt. Es besteht die Gefahr, den Abbruch des Blickkontakts als Begleitsymptom zu deuten, obwohl dieser kulturell bedingt als Zeichen des Respekt verwendet werden könnte. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier der fundierten Diagnosk, die die Grundlage für die Therapie bildet. Therapieziele, die sich auf pragmasch-kommunikave Verhaltensweisen beziehen, könnten im Spannungsverhältnis zu kulturellen Normen stehen, mit negaven Auswirkungen auf die Behandlungseffekvität und therapeuschen Beziehung. Dies kann auch andere Bereiche wie das Selbstkonzept betreffen. Auch hier soll vor einer einseigen Zuschreibung auf kulturelle Differenzen hingewiesen werden. Darüber hinaus erfordern nonverbale Ausdrucksformen, die als Strategie zur Bewälgung von emoonal belastenden Situaonen oder Konflikten genutzt werden, besonderer Aufmerksamkeit. Besonders Eltern von stoernden Kindern sind häufig aufgrund von Schuldgefühlen, Sorge und Ängsten emoonal stark belastet. 5.2. Handlungsempfehlungen Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden nachfolgend Handlungsempfehlungen abgeleitet. Es bedarf einer differenzierten Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kultur des Kindes, wobei die individuellen Lebenswelten und Wertorienerungen zwingend zu berücksichgen sind. Dabei sind die Überzeugungen, Einstellungen und Werte bei den Therapiezielen zu berücksichgen. Der Aulärung kommt aufgrund divergierender Ansichten über die Ursachen des Stoerns eine besondere Rolle zu. Es bedarf einer sensiblen und ausführlichen Aulärung, wobei die Ansichten und Vorstellungen der Eltern zu würdigen sind. Die kulturell geprägte Bedeutung von Scham erfordert eine erhöhte Sensibilität und sollte im Prozess der Enabuisierung und Desensibilisierung berücksichgt werden. Es sollte darauf geachtet werden, Schwierigkeiten im Therapieprozess nicht unreflekert auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen Logopäd:innen sind gefragt kulturelle Kompetenzen zu entwickeln, wie sie die Klinisch Interkulturelle Kompetenz impliziert. Eine besondere Beachtung stellt hier die Selbslexion und Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur dar.
30 6. Beantwortung der Forschungsfragen Fragestellung 1: Welche kulturell bedingten Überzeugungen zur Äologie des Stoerns benennt die Literatur für die Regionen des Nahen Ostens, Südund Ostasiens im Vergleich zur Sichtweise im deutschsprachigem Raum? Die Ergebnisse der Literaturstudie verdeutlichen, dass Kultur einen Einfluss darauf hat, wie Stoern wahrgenommen und erklärt wird. So zeigt sich, dass im Vergleich zu westlichen Ansichten, zu denen auch die Sichtweise des deutschsprachigen Raums zugeordnet wird, in Kulturkreisen des Nahen Ostens und Südasiens häufig religiös-spirituelle Erklärungsansätze herangezogen werden. Demnach werden die Ursachen des Stoerns, wie Beeinträchgungen im Allgemeinen, häufig mit übernatürlichen Kräen in Verbindung gebracht und als gogegeben („Wille Goes“) oder als Folge früherer Lebenstaten (Karma) erachtet. Im ostasiaschen Raum gelten vermehrt Lernprozesse und psychische Faktoren als Ursachen für Stoern. Die ausführlichen Forschungsergebnisse lassen sich dem Kapitel 3.2.5 entnehmen. Fragestellung 2: Welche ausgewählten Elemente einer kulturell westeuropäisch geprägten Stoertherapie können aufgrund des kulturgeleiteten Äologieverständnisses beeinflusst werden? Das zugrunde gelegte Äologieverständnis kann sich auf die elterliche Haltung gegenüber logopädischer Therapie auswirken. Werden religiös-spirituelle Erklärungsansätze für das Stoern zugrunde gelegt, kann sich dies negav auf die Bereitscha zu einer Therapie auswirken. Aufgrund einer krischen Haltung gegenüber therapeuschen Massnahmen, könnten vielmehr tradionelle Behandlungsmethoden bevorzugt werden. Es können verstärkte Schamgefühle, die im Zusammenhang mit dem zugrunde liegenden Verständnis stehen, entstehen. Die kulturell geprägte Bedeutung von Scham kann massgeblich zur Tabuisierung beitragen, was bei der Enabuisierung und Desensibilisierung besondere Beachtung findet. Dies explizit auch in Bezug auf die Elternarbeit. Die ausführliche themasche Auseinandersetzung ist dem Kapitel 4 zu entnehmen, ebenso wie weitere Aspekte kultureller Einflüsse auf die Stoertherapie, die nicht auf das Äologieverständnis zurückzuführen sind, weshalb sie hier nicht erwähnt werden. Fragestellung 3: Welche Handlungsempfehlungen lassen sich aus den Erkenntnissen der Fragestellungen 1 und 2 für die therapeuschen Intervenonen bei stoernden mehrsprachigen Kindern ableiten? Die Handlungsempfehlungen wurden bereits in Kapitel 5.2 dargestellt, sodass an dieser Stelle auf diese verwiesen wird.
31 7. Fazit und Ausblick Stoern im Kontext sprachlich-kultureller Diversität ist ein noch wenig beachtetes Thema, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass in der einschlägigen, zumindest deutschsprachigen Fachliteratur der Aspekt Mehrsprachigkeit kaum Erwähnung findet. Vor dem Hintergrund, dass 5 % aller Kinder stoern und der Anteil mehrsprachiger Kinder zunimmt, können die gewonnen Erkenntnisse praxisrelevante Anhaltspunkte für die sprachtherapeusche Arbeit liefern und zu einer zunehmenden Sensibilisierung beitragen. Wichg erscheint, dass neben der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, auch die Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur massgebend zur Weiterentwicklung der therapeuschen Handlungskompetenz beitragen kann. Die theoresch fundierten Ergebnisse haben gezeigt, dass kulturspezifische Faktoren einen Einfluss auf die therapeuschen Intervenonen nehmen können. Es wäre interessant, im Rahmen einer empirischen Untersuchung zu evaluieren, inwiefern sich diese kulturellen Aspekte tatsächlich in der sprachtherapeuschen Praxis widerspiegeln und wie Logopäd:innnen diesen praksch begegnen. Während der theoreschen Auseinandersetzung mit dem Thema Stoern im Kontext sprachlichkultureller Diversität zeigte sich, dass Kinder mit Migraonshintergrund omals mit vielfälgen psychosozialen Anforderungen konfronert sind. Kulturelle Ambivalenz und Identätsentwicklung sind nur zwei Aspekte, die hier genannt werden sollen. Diese können sich mit zunehmendem Alter stärker auf die Kinder auswirken. Insbesondere männliche Jugendliche können aufgrund der kulturellen (Rollen-)Erwartungen verstärkt Belastungen im Identätsbildungsprozess erfahren (vgl. Nelde, 2012). Vor dem Hintergrund der mulfaktoriellen Verursachung des Stoerns, wäre von Interesse zu untersuchen, welche psychosozialen Anforderungen und interkulturelle Faktoren als mögliche auslösende oder aufrechterhaltende Faktoren zur Entwicklung von Stoern beitragen können. Das Thema Stoern und sprachlich-kulturelle Diversität lässt für die Praxis und Forschung noch viele Fragen offen.
32 8. Reflexion der Arbeit Der Fokus dieser Bachelorarbeit lag in der Untersuchung kultureller Vorstellungen über die Ursachen des Stoerns. Die Fragestellung konnte mit einer Literaturrecherche beantwortet werden. Dabei zeigte sich, dass die Studienlage im betrachteten Forschungsbereich jedoch insgesamt begrenzt ist. Insbesondere zur Beantwortung der zweiten Forschungsfrage konnten keine empirischen Studien gefunden werden. Die Argumentaon erfolgte daher in Anlehnung an den Erkenntnissen der ersten Fragestellung. Eine frühzeig angelegte und veree Literaturrecherche häe dies voraussichtlich im Vorfeld erkennen lassen. Krisch anzumerken ist, dass zum Äologieverständnis des Stoerns im deutschsprachigen Raum keine spezifischen Studien vorliegen. Im Rahmen der Literaturrecherche konnte lediglich eine Untersuchung gefunden werden, die relevante Erkenntnisse liefert; diese war jedoch Bestandteil einer europäischen Vergleichsstudie. Aus den Ergebnissen dieser Studie liess sich ableiten, dass die Vorstellungen zur Ursache des Stoerns in Deutschland weitgehend mit den in der Literatur beschriebenen «westlichen» Konzepten übereinsmmen. Diese Annahme bildete die Grundlage für den kulturvergleichenden Ansatz zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage. Die begrenzte Studienlage verdeutlicht den Bedarf an weiterer Forschung in diesem Bereich. Es hat sich gezeigt, dass die Literaturarbeit als Methode zur Beantwortung der Forschungsfrage als geeignet zu werten ist. Als herausfordernd hat sich das Literaturstudium herausgestellt. Da das Thema sehr vielschichg ist und mehrere umfangreiche Themen anspricht, wie Stoern, Mehrsprachigkeit und Kultur, barg dies die Gefahr sich in den einzelnen Themen und Themenkombinaonen zu verlieren. Hieraus resulert die wichge Erkenntnis, beim Literaturstudium immer die Forschungsfrage im Auge zu behalten. Obwohl die Autorin dieser Arbeit den Anspruch verfolgte, aktuelle Quellen einzubeziehen, zeigte sich im Verlauf der Literaturrecherche, dass dieses Kriterium nur eingeschränkt erfüllt werden konnte. Aufgrund der alleinigen Bearbeitung der Arbeit als auch der subjekven Auswahl der Quellen kann die Einhaltung der wissenschalichen Gütekriterien, insbesondere Objekvität und Reliabilität, nur bedingt gewährleistet werden.
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