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Friedensstifter oder Konfliktträger? Der Krieg in der Ukraine als sozialethische Herausforderung für die orthodoxen Kirchen

Elsner, Regina

Abstract

Dieser Report analysiert die Position und Rolle der orthodoxen Kirchen in der Ukraine angesichts des Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Die Kirchen haben einerseits aufgrund ihrer theologischen Grundlagen ein hohes friedensstiftendes Potential, andererseits verschärfen historische und politische Umstände die Konflikte zwischen ihnen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Ukraine seit den Protesten auf dem Maidan 2013/14 haben alle beteiligten orthodoxen Kirchen zu einer Klärung ihrer sozialethischen Positionierung herausgefordert und zu großen Veränderungen in der kirchlichen Landschaft geführt. In den fünf Jahren des Ukraine-Krieges haben die orthodoxen Kirchen der beiden Länder unterschiedliche und zum Teil sehr ambivalente Haltungen zum Krieg eingenommen. Neben praktischen Initiativen der Versorgung von Flüchtlingen oder vereinzelten Projekten zu Dialog und Versöhnung auf lokalem Niveau stehen das Verschweigen oder Relativieren des Krieges als „Bürgerkrieg“ und der Versuch, kirchliche Identitäten mit politischem Kalkül gegeneinander auszuspielen. Der Prozess der Gründung der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine zeigt, wie Religion und vorhandene innerreligiöse Spannungen in einem politischen Konflikt so instrumentalisiert werden können, dass dieser eine ausdrücklich religiöse Dimension erhält. Auch wenn die OKU das Potential hat, innerhalb der Ukraine stabilisierend und versöhnend zu wirken, wurde dieses Potential durch die politische Instrumentalisierung zunächst verspielt.

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ZOiS REPORT Nr. 2 / 2019 · August 2019 FRIEDENSSTIFTER ODER KONFLIKTTRÄGER? DER KRIEG IN DER UKRAINE ALS SOZIALETHISCHE HERAUSFORDERUNG FÜR DIE ORTHODOXEN KIRCHEN Regina Elsner ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 2 Inhalt 2 ____ Zusammenfassung 3 ____ Einleitung 5 ____ Friedensethik und Kriegstheologie – Kontextuelle Einordnung 7 ____ Der Umgang der orthodoxen Kirchen mit dem Krieg in der Ukraine 7 _______ Russische Orthodoxe Kirche: Frieden als paternalistische Projektion 10 ______ Ukrainische Orthodoxe Kirche: Frieden als Rückzug auf individuelle Rechtschaffenheit 12 ______ Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyiver Patriarchats: Frieden als patriotische Pflicht 14 ______ Orthodoxe Kirche der Ukraine: Frieden als innerkirchliche Herausforderung 15 ___ Zwischenfazit 18 ___ Ausblick: Versöhnung durch eine neue Kirche? 18 ______ Konflikteindämmende Faktoren 18 ______ Konfliktverschärfende Faktoren 21 ___ Impressum Zusammenfassung Dieser Report analysiert die Position und Rolle der orthodoxen Kirchen in der Ukraine angesichts des Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Die Kirchen haben einerseits aufgrund ihrer theologischen Grundlagen ein hohes friedensstiftendes Potential, andererseits verschärfen historische und politische Umstände die Konflikte zwischen ihnen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Ukraine seit den Protesten auf dem Maidan 2013/14 haben alle beteiligten orthodoxen Kirchen zu einer Klärung ihrer sozialethischen Positionierung herausgefordert und zu großen Veränderungen in der kirchlichen Landschaft geführt. In den fünf Jahren des Ukraine-Krieges haben die orthodoxen Kirchen der beiden Länder unterschiedliche und zum Teil sehr ambivalente Haltungen zum Krieg eingenommen. Neben praktischen Initiativen der Versorgung von Flüchtlingen oder vereinzelten Projekten zu Dialog und Versöhnung auf lokalem Niveau stehen das Verschweigen oder Relativieren des Krieges als „Bürgerkrieg“ und der Versuch, kirchliche Identitäten mit politischem Kalkül gegeneinander auszuspielen. In allen Kirchen fehlt eine systematische theologische sozialethische Auseinandersetzung mit den beiden Themen Krieg und Frieden. Darum dominieren in der Situation akuter militärischer Gewalt einerseits individualethische Appelle, andererseits fehlen die Mittel, einer Instrumentalisierung der kirchlichen Position durch kirchliche, gesellschaftliche und politische Akteure effektiv entgegen zu wirken. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 3 Der Prozess der Gründung der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine zeigt, wie Religion und vorhandene innerreligiöse Spannungen in einem politischen Konflikt so instrumentalisiert werden können, dass dieser eine ausdrücklich religiöse Dimension erhält. Auch wenn die OKU das Potential hat, innerhalb der Ukraine stabilisierend und versöhnend zu wirken, wurde dieses Potential durch die politische Instrumentalisierung zunächst verspielt. Einleitung Der seit 2014 andauernde Krieg zwischen Russland und der Ukraine hat auch die Bedeutung der orthodoxen Kirche für beide Gesellschaften erneut sichtbar gemacht. Die Kirchen in beiden Ländern berufen sich auf die gleichen historischen Wurzeln, die Taufe des Fürsten Wladimir im Jahr 988. Sie teilen darüber hinaus die selbe Glaubenslehre, denn in Fragen der Dogmatik und der Liturgie gibt es keine Unterschiede. Schließlich vertritt die Orthodoxie ein Primat des Friedens, welches auf den christlichen Prinzipien der Nächstenund Feindesliebe beruht. Das Potential der orthodoxen Kirchen für eine vermittelnde, Konflikt entschärfende und Frieden stiftende Funktion in dem scharfen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist vor diesem Hintergrund hoch. In den fünf Jahren des Ukraine-Krieges haben die orthodoxen Kirchen der beiden Länder allerdings unterschiedliche und zum Teil sehr ambivalente Haltungen zum Krieg eingenommen. Neben praktischen Initiativen der Versorgung von Flüchtlingen oder vereinzelten Projekten zu Dialog und Versöhnung auf lokalem Niveau stehen das Verschweigen oder Relativieren des Krieges als „Bürgerkrieg“ und der Versuch, kirchliche Identitäten mit politischem Kalkül gegeneinander auszuspielen. Bilder von Waffen segnenden Priestern und Prügeleien vor Kirchen stehen im klaren Kontrast zu Priestern, die sich zwischen die Fronten auf dem Maidan gestellt hatten. Die von einigen Akteuren als Instrument des Friedens und der gesellschaftlichen Einheit positionierte Gründung einer unabhängigen Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) hat zu neuen Spaltungen und Konflikten geführt. Die Rolle von Religionen in kriegerischen Konflikten wurde in den vergangenen Jahrzehnten umfassend untersucht. Dabei gilt als Konsens, dass Religion „weder inhärent gewaltsam noch inhärent friedlich ist, sondern Praktiken, Überzeugungen, Werte und Institutionen umfasst, die in beide Richtungen lenken können.“1 Angesichts dieses Befunds ist das Fehlen einer umfassenden Analyse der friedensoder konfliktfördernden Aspekte 1 Rethinking Society for the 21st Century. Report of the International Panel on Social Progress. Vol 3, p 663. https://www.cambridge.org/gb/academic/subjects/economics/ economic-development-and-growth/rethinking-society-21st-century-report-internationalpanel-social-progress?format=WX&isbn=9781108399593 ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 4 der prägenden Kirchen im post-sowjetischen Raum auffällig, vor allem auch, da der Krieg in der Ukraine nach dem Krieg in Georgien 2008 bereits der zweite militärische Konflikt zwischen zwei maßgeblich orthodox geprägten Ländern ist. Die vorliegende Studie untersucht theologische, sozialethische und gesellschaftspolitische Faktoren der Haltung der orthodoxen Kirchen in Russland und der Ukraine im Krieg zwischen den beiden Ländern. Sie liefert erste Ergebnisse für eine allgemeinere Einordnung des sozialethischen Denkens der Russischen Orthodoxen Kirche im 21. Jahrhundert. Ausdrücklich stehen die orthodoxen Kirchen im Zentrum der Analyse, da die ebenfalls in der Ukraine vertretenen und durchaus einflussreichen anderen Konfessionen und Religionen einen grundsätzlich anderen Zugang zu sozialethischen Fragestellungen haben.2 2 Für eine ausführlichere Darstellung der Haltung der Kirchen innerhalb der Ukraine siehe Krawchuk/Bremer (2016): Churches in the Ukrainian Crisis. Palgrave Macmillan. Orthodoxe Kirchen in der Ukraine* UOK – Ukrainische Orthodoxe Kirche Oberhaupt: Metropolit Onufrij (Beresovskij) (seit 2014), Sitz der Kirchenleitung: Kyiv, ca. 12.300 Gemeinden, „Status weitreichender Autonomie“ innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche OKU – Orthodoxe Kirche der Ukraine gegründet 2018 als Vereinigung von UOK-KP und UAOK, Oberhaupt: Metropolit Epifanius (Dumenko) (seit 2018), Sitz der Kirchenleitung: Kyiv, ca. 6.000 Gemeinden im Prozess der Registrierung, anerkannt vom Patriarchat von Konstantinopel UOK-KP – Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyiver Patriarchats 1992-2018, Oberhaupt: Patriarch Filaret (Denisenko) (1997-2018), Sitz der Kirchenleitung: Kyiv, ca. 5.000 Gemeinden, nicht anerkannt von anderen orthodoxen Kirchen UAOK – Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (1918)1989-2018, Oberhaupt: Metropolit Makarij (Maletich), Sitz der Kirchenleitung: Kyiv, ca. 1000 Gemeinden, nicht anerkannt von anderen orthodoxen Kirchen ROK – Russische Orthodoxe Kirche Oberhaupt: Patriarch Kirill (Gundaev) (seit 2009), Sitz der Kirchenleitung: Moskau, ca. 39.000 Gemeinden * https://risu.org.ua/ua/index/resourses/statistics/ukr_2018/70440 ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 5 Friedensethik und Kriegstheologie – Kontextuelle Einordnung Allen christlichen Kirchen ist ein theologisches Primat des Friedens eigen, welches auf den biblischen Botschaften der Nächstenliebe, der Feindesliebe und der Vision des gottgewollten friedlichen Zusammenlebens der Schöpfung basiert. Im Kontrast zu dieser grundlegenden Option für den Frieden stehen die zahlreichen kriegerischen Handlungen auf Initiative oder unter Beteiligung christlicher Herrscher*innen und Völker in der Geschichte. Auf diese Realität reagierten christliche Theolog*innen durch die Ausarbeitung von ethischen Normen für die Kriegsführung, etwa durch das Konzept des „gerechten Krieges“ in den westlichen Kirchen. Eine theologische Auseinandersetzung mit dem Frieden trat hingegen in den Hintergrund. Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) stand bereits in den 1950er Jahren vor der Herausforderung, während des Kalten Krieges im internationalen „Kampf für den Frieden“ Stellung zu beziehen. Neben der staatlichen Instrumentalisierung und trotz der äußerst begrenzten Möglichkeiten, theologische Forschung zu betreiben, vertrat die Kirche den Anspruch, theologisch fundierte Stellungnahmen zu verschiedenen friedensethischen Themen abzugeben. Dies betrifft etwa Aspekte von sozialer Gerechtigkeit, Schutz vor Diskriminierung oder das Verständnis von Gewalt und Abrüstung.3 Obwohl friedensethische Fragestellungen seit dem Kalten Krieg durch zahlreiche militärische Konflikte mit russischer Beteiligung auf dem Gebiet der ROK nicht an Relevanz verloren haben, blieb eine systematische Auseinandersetzung damit aus. Die Impulse der Friedensbewegung des Kalten Krieges wurden unter den Bedingungen theologischer und kirchlicher Freiheit nach dem Ende der Sowjetunion nicht weiterentwickelt. Frieden wurde – durchaus in Übereinstimmung mit der orthodoxen Tradition – zu einem Thema individualethischer Reflexion und eschatologischer Erwartung. Gleichzeitig erfuhr das Verhältnis der ROK zum Militär theologisch und praktisch große Aufmerksamkeit.4 Anders als für die theologische Beschäftigung mit der sozialethischen Dimension von Frieden finden sich für kirchliche Positionen zum Krieg und Militär zahlreiche historische Vorarbeiten. Die enge Verstrickung der russischen Kirche mit dem russischen Imperium in seinen verschiedenen historischen Formen bedingte eine Verpflichtung, staatliches militärisches Handeln theologisch zu legitimieren. Auch die neue Zuwendung zu Themen des Militärs und Krieges nach dem Ende der Sowjetunion steht damit im Kontext der neuen Nähe zur politischen Führung. In der Zuordnung von Frieden als individualethischem Thema und Krieg als Thema der Zusammenarbeit von Kirche und Staat wird der Kern der sozialethischen Herausforderung für die Kirchen der russischen orthodoxen Tradition deutlich – das Fehlen einer Auseinandersetzung mit der (Zivil-) 3 Vgl. Heiko Overmeyer: Frieden im Spannungsfeld zwischen Theologie und Politik: Die Friedensthematik in den bilateralen theologischen Gesprächen von Arnoldshain und Sagorsk. Frankfurt: Lembeck, 2015. 4 Vgl. das Kapitel VIII „Krieg und Frieden“ der Grundlagen der Sozialkonzeption der ROK aus dem Jahr 2000 und die Tätigkeit der 1995 gegründeten Synodalen Abteilung für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften und den Strafverfolgungsbehörden www.pobeda.ru Die Impulse der Friedensbewegung des Kalten Krieges wurden nach dem Ende der Sowjetunion nicht weiterentwickelt. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 6 Gesellschaft als Akteurin menschlichen Zusammenlebens. In Russland hat die enge Verbindung der ROK mit dem Staat nach dem Ende der Sowjetunion und die damit verbundene Monopolstellung in der religiösen Landschaft schnelle Stellungnahmen der Kirche zu gesellschaftsrelevanten Fragen gefordert. Gleichzeitig wurde so eine von der politischen Agenda unabhängige sozialethische Reflexion verhindert. Faktisch wird die Gesellschaft als – neue – Sphäre zwischen Staat und Individuum und als eigenständiger Dialogpartner ignoriert. Die fehlende Verbindung zwischen Kirche und Gesellschaft wird besonders dort zu einem drängenden Problem, wo sich von der ROK geprägte Gesellschaften von einem vormals starken Staat emanzipieren. Dies ist in der Ukraine seit vielen Jahren der Fall, so dass hier der Mangel an tragfähigen sozialethischen Konzepten besonders deutlich wird. Die von Russland verschiedene politische und gesellschaftliche Entwicklung der Ukraine bietet allerdings auch andere Bedingungen für die in der Ukraine verankerten orthodoxen Kirchen. Obwohl diese Kirchen maßgeblich durch das gemeinsame theologische und historische Erbe mit der ROK geprägt sind, bewirken die religiöse Pluralität der Ukraine und das Fehlen einer dominanten Religionsgemeinschaft, dass auch die orthodoxen Kirchen sich verstärkt mit der Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Ausdruck dieser anderen Position ist vor allem der Allukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der mit jeweils rotierendem Vorsitz gemeinsame Positionen aller Religionsgemeinschaften zu gesellschaftlich relevanten Fragen erarbeitet. Schließlich zeigte der Umgang der Orthodoxen Kirchen mit dem Maidan – die geschlossene Solidarisierung mit der ukrainischen Bevölkerung und die aktive Präsenz während der Proteste – ein anderes Selbstverständnis im gesellschaftlichen Miteinander und andere Potentiale für eine sozialethische Auseinandersetzung. ABBILDUNG 1 Friedensgebet der Kirchen zwischen Protestierenden und Sondereinheiten der Polizei auf dem Maidan am 21. Januar 2014 Foto: Constantin Sigov ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 7 Der Umgang der orthodoxen Kirchen mit dem Krieg in der Ukraine5 Russische Orthodoxe Kirche: Frieden als paternalistische Projektion Angesichts der gewaltsamen Eskalation in der Ukraine im Februar 2014 veröffentlichte die ROK mehrfache Aufrufe zu Frieden und Gewaltlosigkeit, den Gemeinden und allen Gläubigen wurden kirchlich approbierte Gebete für den Frieden in der Ukraine zugesandt.6 Neben dieser rein kirchlich-religiösen Reaktion äußert sich die Kirchenleitung auch dezidiert in offiziellen Stellungnahmen. Diese sind von der Verstrickung der Kirche mit der Agenda der russischen politischen Führung geprägt. Dabei spielen ein paternalistisches Verständnis der Gestaltung der ukrainischen Gesellschaft und Kirche, eine implizite Nichtanerkennung der Selbständigkeit der Ukraine bzw. der Kirche vor Ort und das Selbstbild einer von Feinden umgebenen Bastion eine entscheidende Rolle. –Der Konflikt in der Ukraine wird als ein Bürgerkrieg, also als ein innergesellschaftlicher Konflikt beschrieben.7 Damit versucht die ROK, sich als externe und damit objektive Beobachterin der Ereignisse zu positionieren und ruft die Ukrainer*innen zur Gewaltlosigkeit und die politische Führung der Ukraine zu einer gerechten Lösung des Konflikts auf.8 Die Kampfhandlungen in der Ostukraine werden in erster Linie nationalistischen Stimmungen innerhalb der Ukraine und einer Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung sowie Anhängern der UOK zugeschrieben.9 „„Um dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten, hat die ROK die verfeindeten Seiten stetig zum friedlichen Dialog aufgerufen. Jedoch kann der erhoffte Frieden nicht dauerhaft sein, wenn nicht die Ursachen für Formen der Ungerechtigkeit und Diskriminierungen nach Sprachen, Nationalitäten und Religion behoben werden. Wir nutzen alle Möglichkeiten, um der Weltgemeinschaft ein reales Bild der Geschehnisse in der Ukraine darzulegen und die Aufmerksamkeit auf die furchtbare Lage ihres Volkes zu lenken.“10 Obwohl die ROK bereits seit Beginn des Maidan betonte, dass die Ukrainer*innen selbst über ihren gesellschaftlich-politischen Weg 5 Die Studie bezieht sich in erster Linie auf die Stellungnahmen der jeweiligen Kirchenleitungen. Äußerungen von aktiven Kirchenmitgliedern und kirchlichen oder kirchennahen Organisationen können methodisch hier nicht dargestellt werden, sie sind jedoch auch Ausdruck der Stimmung in der jeweiligen Kirche und prägen die öffentliche Wahrnehmung von einer Kirche häufig mehr, als offizielle Stellungnahmen. In ausgewählten Fällen wird darauf verwiesen. 6 http://www.patriarchia.ru/db/text/3575275.html 7 http://www.patriarchia.ru/db/text/3588256.html; http://www.patriarchia.ru/db/ text/3700208.html 8 http://www.patriarchia.ru/db/text/3588592.html 9 http://www.patriarchia.ru/db/text/3977938.html 10 Patriarch Kirill, Rede vor der Bischofsversammlung am 2.2.2015: http://www.patriarchia. ru/db/text/3977938.html ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 8 entscheiden sollen, wird gleichzeitig immer darauf hingewiesen, dass dieser Weg die „eigentliche“ Zugehörigkeit der Ukraine zur russischen Zivilisation und ihren traditionellen Werten nicht verraten dürfe. „„Einige [dieser Menschen in der Ukraine] bemühen sich um eine maximale Integration in politische Strukturen, die durch westeuropäische Staaten gegründet wurden. Andere, im Gegensatz, streben nach einer Entwicklung der Beziehungen mit den Völkern der historischen Rus‘, nach einer Bewahrung der eigenen ursprünglichen Kultur.“11 –Die Betonung der Zusammengehörigkeit der Völker der Heiligen Rus‘ aufgrund der gemeinsamen geistlich-moralischen Werte führt zu einer Beschreibung des Konflikts als Zivilisationskonflikt, als Angriff auf die Identität der „Heiligen Rus“ bzw. der „Russischen Welt“ auf dem Gebiet der Ukraine. Wie Mikhail Suslov 201612 ausführlich gezeigt hat, argumentiert die ROK ab März 2014 zunehmend mit dem religiösen Charakter des Konflikts, in dem „Feinde der Orthodoxie“13 gegen die rechtgläubige und an traditionellen Werten festhaltende Kirche vorgehen würden. „„Wir wissen, dass immer dann, wenn unser Vaterland von Feinden angegriffen wurde, sie in erster Linie unser Volk teilen wollten und besonders die südlichen und westlichen russischen Länder von der gemeinsamen Welt abreißen wollten. Heute gibt es auf dem Gebiet dieser Welt unabhängige Staaten, und wir schätzen ihre Souveränität, ihre Bereitschaft und ihren Wunsch, ihr nationales Leben selbständig zu gestalten. Aber das heißt nicht, dass das Streben nach rechtmäßiger Souveränität und der Verwirklichung dieser Souveränität von der Zerstörung des gemeinsamen, einheitlichen geistlichen Raums begleitet werden darf.“14 Dieser Kampf gegen die russische Orthodoxie auf dem ukrainischen Territorium rechtfertige das Mitspracherecht der ROK und auch Russlands, die damit ihre Verantwortung für den Schutz des wahren Glaubens wahrnehmen. Darüber hinaus wird die Situation der gespaltenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine als Element des Konflikts und die nicht anerkannten Kirchen als maßgebliche Akteure der Spaltung der ukrainischen Gesellschaft und gegen die Kirche des Moskauer Patriarchats beschrieben.15 –In einer dritten Argumentationslinie wird die ROK und die zu ihr gehörige UOK als entscheidende friedenstiftende Kraft in der Ukraine beschrieben. Da diese Kirche Gläubige unabhängig von ihrer politischen 11 Erklärung des Heiligsten Synods der ROK am 19.3.2014: http://www.patriarchia.ru/db/ text/3609033.html 12 Mikhail Suslov: The Russian Orthodox Church and the Crisis in Ukraine. In: Bremer/Krawchuk: Churches in the Ukrainian Crisis, 133-162. 13 http://www.patriarchia.ru/db/text/3606168.html 14 Ansprache Patriarch Kirills am 14.3.2014: http://www.patriarchia.ru/db/text/3606168.html 15 http://www.patriarchia.ru/db/text/3700208.html; http://www.patriarchia.ru/db/ text/3636891.html ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 9 Meinung auf beiden Seiten des Konflikts umfasse,16 sei sie das einzige gesellschaftliche Institut, welches die Menschen vereinen und versöhnen könne. Die Bedingung für eine friedenstiftende Rolle der Kirche sei ihre absolute politische Neutralität in dem innergesellschaftlichen Konflikt.17 Diese Argumentation bedeutet gleichzeitig, dass eine friedliche Lösung des Konflikts nur mit dieser Kirche möglich sein werde. „„Die Kirche steht über den Meinungsverschiedenheiten und kann nicht nur eine der genannten Perspektiven einnehmen. Im Gegenteil, die kanonische Orthodoxe Kirche ist die einzige Kraft, die im Namen des gesellschaftlichen Friedens Menschen versöhnen und vereinen kann, welche diametral entgegengesetzte Überzeugungen haben.“18 –Auffällig in der Position der ROK ist das vollständige Ausblenden der Annexion der Krim und der russischen Beteiligung an den Kämpfen in der Ostukraine. Der Synod vom 19. März 2014 erwähnt in seiner „Erklärung zur Situation in der Ukraine“ die zu dem Zeitpunkt höchst aktuellen Ereignisse auf der Krim mit keinem Wort. In einem eigenen Tagesordnungspunkt zur Krim wird die Zugehörigkeit der Krim zur ROK erklärt und für Frieden und Gewaltlosigkeit auf der Krim gebetet – ein Anachronismus angesichts der bereits vollzogenen gewaltsamen Besetzung durch russisches Militär. „„1. Unterstreichen, dass die Krim ein untrennbarer Teil unserer einen und multinationalen Kirche war und bleibt. 2. […] zu Gott zu beten, damit niemals auf dem Boden der Krim das Blut von Brüdern vergossen wird und Gott alle Bewohner der Halbinsel – Russen, Ukrainer, Krimtataren und Vertreter anderer Nationalitäten – in Frieden, Wohlstand, Gleichgesinntheit und Liebe bewahre. 3. Die Überzeugung ausdrücken, dass in der Beziehung zwischen den Brudervölkern Russlands und der Ukraine keine Fragen sein sollten, die durch Waffengewalt und gegen den Willen der Menschen gelöst werden. 4. Bezeugen, dass die ROK, welche die Völker Russlands und der Ukraine umfasst und von pastoraler Verantwortung angetrieben wird, bereit ist, alles von ihr Abhängende zu tun für die Wiederherstellung brüderlicher, nachbarschaftlicher und wertschätzender Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine.“19 Während das Bistum der Krim weiterhin als strukturelle Einheit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche zugeordnet ist, fand gleichzeitig eine schleichende Akzeptanz der politischen Zugehörigkeit zu Russland 16 http://www.patriarchia.ru/db/text/3609033.html; http://www.patriarchia.ru/db/ text/3575247.html; http://www.patriarchia.ru/db/text/5444744.html 17 http://www.patriarchia.ru/db/text/3640000.html 18 Erklärung des Heiligsten Synods der ROK am 19.3.2014: http://www.patriarchia.ru/db/ text/3609033.html 19 Tagesordnungspunkt 15 der Sitzung des Heiligsten Synods am 19.3.2014: http://www. patriarchia.ru/db/text/3609112.html Auffällig an der Position der ROK ist das vollständige Ausblenden der Krimannexion und der russischen Beteiligung an den Kämpfen in der Ostukraine. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 16 positionieren und ihre Stellungnahmen häufig mit Forderungen an Aufklärung, Wahrheit und einen gesellschaftlichen Dialog verbinden, erhalten seit Kriegsbeginn wachsende Zustimmungswerte.50 Das gesellschaftliche Vertrauen in „die Kirche“ in der Ukraine ist seit dem Beginn des Krieges stabil hoch,51 was als Unterstützung der einen oder anderen kirchlichen Strategie gedeutet werden kann. Die entsprechenden Umfragen differenzieren jedoch die Kirchen nicht und der Prozentsatz derjenigen, die sich als „einfach orthodox“ bezeichnen, ist ebenfalls sehr hoch.52 Es ist davon auszugehen, dass viele Gläubige ihr Verhältnis zur Kirche unabhängig von den Stellungnahmen der Kirchenführungen auf der Grundlage der persönlichen Erfahrungen in einer Ortsgemeinde definieren. 2. Alle Kirchen nehmen eine beobachtende Rolle ein und reflektieren in ihren Stellungnahmen die strukturelle Verstrickung der jeweiligen Kirche selbst in den Konflikt nicht.53 Keine der Kirchen sieht sich selbst als Teil des Konflikts, alle nehmen für sich jedoch in Anspruch, Teil der Lösung zu sein. Das führt dazu, dass die Stellungnahmen der Kirchen als distanzierte Appelle an die Gläubigen oder an die politischen Entscheider formuliert sind, obwohl sie gleichzeitig eine tiefe emotionale Verbundenheit mit den unter dem Krieg leidenden Gläubigen zum Ausdruck bringen. Diese Beobachtung deutet auf ein problematisches 50 https://www.kyivpost.com/article/content/ukraine-politics/divided-by-politics-orthodoxchurch-fails-to-unite-ukrainian-people-417077.html 51 https://www.kiis.com.ua/?lang=rus&cat=reports&id=678; https://www.kiis.com.ua/?lang=r us&cat=reports&id=817; https://www.kiis.com.ua/?lang=rus&cat=reports&id=579 52 https://risu.org.ua/ru/index/all_news/community/social_questioning/74551/ 53 Vgl. die Einschätzungen der Kirchenvertreter beim Runden Tisch “Religion und Autoritäten in der Ukraine: Probleme der Beziehungen“ vom 15. Mai 2014 (http://razumkov.org.ua/ upload/2014_Khyga_Religiya_site_e.pdf) Es ist davon auszugehen, dass viele Gläubige ihr Verhältnis zur Kirche auf der Grundlage der persönlichen Erfahrungen in einer Ortsgemeinde definieren. ABBILDUNG 2 Zuwächse für die UOK-KP Quelle: Razumkov Zentrum  Jahr Zuwachs 2018 28,70% 2017 26,50% 2016 25,00% 2014 22,40% 2013 18,30% 2010 15,10% 2000 12,10% Total 100,00% 28,7% 26,5% 25,0% 22,4% 18,3% 15,1% 12,1% 2018 2017 2016 2014 2013 2010 2000 Zuwächse für die UOK-KP Quelle: Razumkov Zentrum  ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 17 Verhältnis aller Kirchen zur Gesellschaft als Akteurin zwischen den (gläubigen) Individuen und dem (der Kirche wohlgesonnenen oder sie verfolgenden) Staat hin. Grund dafür ist zum einen, dass den orthodoxen Kirchen auf dem Territorium der Ukraine und Russlands die historische Erfahrung einer zumindest formal freien Gesellschaft bis auf eine kurze Ausnahme am Beginn des 20. Jahrhunderts fehlt und sie damit auch keine systematische theologische Auseinandersetzung damit vorweisen können. Zum anderen liegt dieser mangelnden Wahrnehmung der Gesellschaft als Gegenüber bzw. die mangelnde Selbstwahrnehmung als Teil der Gesellschaft eine grundsätzliche theologische Haltung zugrunde, die Metropolit Antonij (Pakanic), Kanzler der UOK, am 20.3.2019 formulierte: „„In der gegenwärtigen Gesellschaft gibt es leider ein falsches Verständnis der Mission der Kirche, und daraus folgt die Kritik an ihr. Das Christentum ist nicht auf eine soziale Doktrin zu reduzieren. Für diese Aufgaben gibt es soziale Institutionen, die sich ausschließlich um diese Mission kümmern. Die Kirche hat neben der Wohltätigkeit ein wichtigeres Ziel, zu dem nur sie den Menschen führen kann. Die Kirche ist berufen, sich um die unsterbliche Seele zu sorgen.“54 3. Es ist auffällig, dass alle Kirchen den gesellschaftspolitischen Konflikt in seiner religiösen Dimension wahrnehmen und bewerten, obwohl es sich um keinen Religionsoder Konfessionskrieg handelt. Die Achtung oder Missachtung der Religionsfreiheit stellt offenbar für sie einen entscheidenden Aspekt des Konflikts dar. Mehrere Gründe können diesen Umstand erklären: Zum einen wiegt die Erinnerung an die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den christlichen Konfessionen in den 1990er Jahren schwer, die ebenfalls durch die gesellschaftspolitischen Umbrüche der Zeit und durch einen ungenügenden Schutz der Religionsfreiheit verschärft wurden. Zum zweiten waren sich die orthodoxen Kirchen der Tatsache bewusst, dass ihr ungelöster innerkirchlicher Konflikt im offenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine politisch instrumentalisiert werden kann. Gleichzeitig und drittens fehlte ihnen jedoch für die Analyse und Bewertung des Konfliktes jenseits der religiösen Dimension das theologische Instrumenatrium. Die Erfahrung des Maidan, als die orthodoxen Kirchen jenseits ihrer innerkirchlichen Konflikte mit der Gesellschaft gemeinsam nach friedlichen Lösungen suchten, konnte bisher kaum theologisch aufgearbeitet werden.55 Da eine systematische theologische sozialethische Auseinandersetzung mit den beiden Themen Krieg und Frieden fehlt, dominieren in der Situation akuter militärischer Gewalt einerseits individualethische Appelle, andererseits fehlen die Mittel, einer Instrumentalisierung der kirchlichen Position durch kirchliche, gesellschaftliche und politische Akteure entgegen zu wirken. 54 https://vesti-ukr.com/strana/329546-o-hlavnoj-oshibke-v-ponimanii-khristianstva-mitropolitantonij55 Ausnahmen sind die Arbeiten von Cyril Hovorun, u. a.: The Church in the Bloodlands. Ukrainian churches must encourage and engage civil society. October 2014, https://www.firstthings.com/article/2014/10/the-church-in-the-bloodlands; Архімандрит Кирило (Говорун): Українська публічна теологія. Kyiv: Відкритий Православний Університет Святої СофіїПремудрості, 2017; Foundations of Political Theology in Ukrainian Context. In: Religion, State, Society, and Identity in Transition Ukraine, Oisterwijk: Wolf Legal Publishers, 2015. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 18 Ausblick: Versöhnung durch eine neue Kirche? Die Forderung nach einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine entstand nicht erst mit dem Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine, sie erhielt dadurch jedoch eine neue Dynamik. Das politische Bestreben, sich möglichst umfassend von propagandistischen Einflüssen aus Russland abzuschirmen, brachte die UOK mit ihren engen Verbindungen zum Patriarchat von Moskau verstärkt ins Visier. In der Situation des Krieges und der Festigung der ukrainischen Identität erhielt die Frage nach eindeutiger Loyalität und nach Freund und Feind eine nahezu existentielle Bedeutung, der die UOK in der geforderten Eindeutigkeit aufgrund ihres kirchlichen Selbstverständnisses nicht entsprechen konnte. Die Gründung der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine sollte ein wichtiges Element der gesellschaftlichen Vereinigung und Stabilisierung sein. Sie sollte zum einen die Spaltung zwischen den nicht anerkannten Kirchen und der UOK aufheben und so die Menschen in ihrer Kirchenzugehörigkeit vereinen. Zum anderen sollte es den Anspruch Moskaus unterbinden, einen entscheidenden Einfluss auf die ukrainischen Gläubigen auszuüben, da mit einer einigen unabhängigen Kirche die Ukraine nicht mehr zum kanonischen Territorium der ROK gehören würde. Beide Ziele setzten voraus, dass die UOK sich mehrheitlich oder vollständig der neuen Kirche anschließen würde. Mit dem Stand vom Mai 2019 lassen sich die konflikteindämmenden und konfliktverschärfenden Auswirkungen der Kirchengründung auf die gesellschaftliche und kirchliche Situation folgendermaßen einordnen: Konflikteindämmende Faktoren –Die Anerkennung der bis 2018 religiös isolierten Gläubigen der abgespaltenen Kirchen UOK-KP und UAOK durch das Ökumenische Patriarchat hat für Millionen Gläubige eine Aufwertung ihrer religiösen Identität und ihres religiösen Alltags bewirkt und damit innerkirchliche Spannungen abgebaut. –Unter dem Aspekt der divided memories stellt die Gründung der neuen Kirche mit ihrem Anspruch, die Geschichte und das theologische Erbe der Kyiver orthodoxen Tradition unabhängig von dem Moskauer Deutungsanspruch zu gestalten, grundsätzlich eine Chance dar. Die Lösung von der imperialen, homogenisierenden und idealisierenden Geschichtsdeutung der ROK kann eine integrative Sicht auf die Diversität der Geschichte, ihre Brüche und vielfältigen Einflüsse ermöglichen. Dies schließt jedoch auch ein, die enge theologische und historische Nähe mit Russland nicht im Kampf um Unabhängigkeit kategorisch abzustreiten, sondern als einen Teil des Eigenen konstruktiv zu integrieren. Konfliktverschärfende Faktoren –Auf der Ebene der Beziehungen innerhalb der Orthodoxie hat die Anerkennung der vorher schismatischen Kirchen in der Ukraine durch das Ökumenische Patriarchat zu einer schwerwiegenden Krise geführt. Die Forderung nach einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine erhielt durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine eine neue Dynamik. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 19 Unter den orthodoxen Kirchen zeichnen sich langfristige Spannungen zwischen den Kirchen ab. –Auf nationaler Ebene bestehen statt drei gespaltenen orthodoxen Kirchen weiterhin zwei – die OKU und die UOK56. Eine Vereinigung hat nicht stattgefunden, und nach wie vor verläuft der Wechsel von Gemeinden der UOK zur OKU zögerlicher, als es von vielen erwartet wurde – bisher wird von etwas mehr als 500 Wechseln berichtet (Mai 2019)57. Allerdings handelt es sich meistens um Aufspaltungen der Gemeinden vor Ort, so dass die Zahl der Gemeinden der UOK nicht abnimmt. Aktuelle Umfragedaten des KiiS zeigen, dass zwar große Teile der Bevölkerung die vereinende Rolle der OKU begrüßen, die Situation allerdings gleichzeitig die gegensätzliche Wahrnehmung im Westen und Osten des Landes eher vertieft.58 –Auf lokaler Ebene hat besonders im ländlichen Bereich der geplante demokratische Wechsel der Gemeinden faktisch zu neuen Spaltungen in der Bevölkerung geführt. Häufig wird in Orten, in denen es nur kleine aktive Kirchgemeinden der UOK gab, von engagierten Bewohner*innen 56 Im Juni 2019 erklärte auch eine kleine Gruppe um Filaret (Denisenko) die UOK-KP als weiterhin existierend, so dass weitere Spannungen abzusehen sind. 57 http://gis.huri.harvard.edu/contemporary-atlas/revolution-of-dignity/religion-module/ transfer-of-parishes.html 58 https://www.kiis.com.ua/materials/pr/20192205_tomos/Tomos_may%202019.pdf?fbclid=I wAR2qB9jqnPmZAx3H9sZphGNK0oDzmD2-Ldg1NdxtWDxBsr_Ur_-cR465VjM ABBILDUNG 3 Petro Poroschenko mit dem Oberhaupt der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine im Dezember 2018 Foto: SOPA Images Limited / Alamy Stock Foto ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 20 der Wechsel der Ortskirche zur neuen Kirche als patriotische Pflicht verstanden. Mehrfach wurde von psychischer und physischer Gewalt bei der Verdrängung der Gemeinde der UOK berichtet. Die in der UOK verbleibenden aktiven Gläubigen werden als „russische Kirche“ stigmatisiert und führen ihr religiöses Leben in Privatwohnungen oder Ersatzräumen weiter, während die Ortskirche häufig ohne neuen Priester und auch ohne aktive Gläubige leer steht. Langfristig werden so an vielen Orten zwei konkurrierende orthodoxe Gemeinden entstehen, die Spaltung betrifft dabei auch Familien. –In der Frage der besetzten Gebiete im Donbass und auf der Halbinsel Krim wird die Gründung der neuen Kirche ein absehbares Hindernis bei der möglichen Re-Integration der Gebiete und der dort lebenden Menschen darstellen. Die Diffamierung der UOK, die als einzige orthodoxe Kirche in den besetzten Gebieten ihre pastorale Arbeit ungehindert durchführen kann, als russische Kirche und die Vereinnahmung ukrainischer Zugehörigkeit durch die OKU verfestigt die Barrieren zwischen den Bewohner*innen in den jeweiligen Gebieten. –Im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland hat die Kirchengründung kurzfristig eine eskalierende Wirkung. Das Narrativ von der geistlichen Einheit der Völker Russlands und der Ukraine basiert entscheidend auf den historischen Wurzeln der „Heiligen Rus‘“. Wladimir Quelle: Kiewer Internationales Institut für Soziologie VereinigungspotentialderneuenKirche Ehervereinigend Ehertrennend Schwierigzubeantworten/Weißnicht Ukraineinsgesamt 50,60% 30,50% 18,90% Westen 64,50% 18,40% 17,00% Zentrum 55,10% 26,30% 18,60% Süden 40,80% 40,40% 18,80% Osten 36,20% 44,90% 18,80% Donbass 30,60% 40,40% 29,00% 50,6% 64,5% 55,1% 40,8% 36,2% 30,6% 30,5% 18,4% 26,3% 40,4% 44,9% 40,4% 18,9% 17,0% 18,6% 18,8% 18,8% 29,0% Ukraine insgesamt Westen Zentrum Süden Osten Donbass Vereinigungspotential der neuen Kirche Eher vereinigend Eher trennend Schwierig zu beantworten/Weiß nicht Quelle: Kiewer Internationales Institut für Soziologie Quelle: ZOiS  Eher vereinigend Eher trennend Schwierig zu beantworten / Weiß nicht ABBILDUNG 4 Vereinigungspotential der neuen Kirche Das stabilisierende, versöhnende Potential der OKU wurde durch die politische Instrumentalisierung zunächst verspielt. ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 21 Putin legitimierte offen und von der ROK unwidersprochen mit dieser religiösen Dimension der „Russischen Welt“ die völkerrechtswidrige Annexion der Krim.59 Durch die Gründung der neuen Kirche wird somit ein zentraler Aspekt der russischen kirchlichen und politischen Identitätskonstruktion in Frage gestellt. Die politische Unterstützung der neuen Kirche durch den ukrainischen Staat hat in Russland die Rede von einer neuen Verfolgung der ROK und der UOK bestärkt. In Reaktion darauf kündigten kirchliche und staatliche Vertreter Russlands bereits an, „ihre“ Gläubigen zu verteidigen. Die Einbindung der Gründung der neuen Kirche in den Wahlkampf von Präsident Petro Poroschenko und die damit verbundene massive Politisierung der Kirchenfrage hat dem Ziel der gesellschaftlichen und kirchlichen Vereinigung geschadet. Die Losung der „Kirche ohne Putin“60 widerspricht allen Paradigmen kirchlicher Identität und ignoriert das Selbstbewusstsein der Mehrheit der Gläubigen der UOK. Auf der Suche nach Faktoren, die die Einheit der ukrainischen Gesellschaft in der Situation des Krieges verstärken oder aber gefährden können, kam es zu einer gezielten politischen Instrumentalisierung des Themas Religion. Die politische Fokussierung auf die Gründung einer vereinigten ukrainischen orthodoxen Kirche nahm eine Stigmatisierung der Ukrainier*innen bewusst in Kauf, die sich eher mit der UOK identifizierten. Diese politische Strategie widerspricht deutlich der gesellschaftlich verankerten religiösen Vielfalt des Landes, die u. a. bei dem gemeinsamen deeskalierenden Engagement der Kirchen während der Proteste auf dem Maidan deutlich wurde. Der Prozess der Gründung der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine illustriert eindrücklich, wie Religion und vorhandene innerreligiöse Spannungen in einem politischen Konflikt so instrumentalisiert werden können, dass dieser eine ausdrücklich religiöse Dimension erhält. Auch wenn die OKU das Potential hat, innerhalb der Ukraine stabilisierend und versöhnend zu wirken, wurde dieses Potential durch die politische Instrumentalisierung zunächst verspielt. Der Umgang der orthodoxen Kirchen mit dieser politischen Instrumentalisierung zeigt den Zusammenhang von politischer (Un-)Abhängigkeit und der Entwicklung einer theologischen Sozialethik: Während im militärischen Konflikt mit Russland die UOK in ihrer Abhängigkeit von Moskau keine klare Position zu russischer Gewalt äußerte und die Solidarisierung mit den Opfern militärischer Gewalt und staatlicher Unterdrückung in den besetzen Gebieten nur in sehr allgemeinen Aussagen formuliert, ist es im innerukrainischen Kirchenkonflikt die OKU, die sich aufgrund ihrer Abhängigkeit von der politischen Führung nicht eindeutig zu Gewalt und mangelndem Schutz der Religionsfreiheit in ihrem Namen positioniert und die Rede von Opfern physischer und psychischer Gewalt im Zusammenhang mit Gemeindewechseln vermeidet. 59 https://crimea.dekoder.org/rede 60 https://www.president.gov.ua/news/glava-derzhavi-obyednana-ukrayinska-pravoslavnacerkva-cerkv-52062 Impressum Autorin Regina Elsner Herausgeber © Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Adresse Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Mohrenstraße 60 10117 Berlin [email protected] www.zois-berlin.de Zitation Elsner, Regina: Friedensstifter oder Konfliktträger? Der Krieg in der Ukraine als sozialethische Herausforderung für die orthodoxen Kirchen, ZOiS Report 2 / 2019, (https://www.zois-berlin.de/fileadmin/media/Dateien/ZOiS_Reports/ZOiS_Report_2_2019.pdf) ISSN 2512-7233 Layout Yuko Stier Umschlagsfoto Denis Karpenkov / Alamy Stock Foto ZOiS Report 2 / 2019 Friedensstifter oder Konfliktträger? 22