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Studiengang Logopädie Bachelorarbeit Die Ersetzung des Lautes /r/ im Kanton Schwyz Ein Vergleich zwischen Einschätzungen von praktizierenden Logopäd:innen zum phonologischen Prozess und der Ersetzung des Lautes /ʁ/ nach Fox-Boyer Eingereicht von: Sonja Rickenbacher Begleitperson: Britta Massie Zweite Fachperson: Katrin Riederer Datum der Abgabe: 16.05.2025
Abstract Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem phonologischen Prozess der Ersetzung des Lautes /r/. Es wird der Frage nachgegangen, wie dieser Laut im Kanton Schwyz ersetzt wird. Das Ziel war es, herauszufinden, ob der Laut /r/ nach Einschätzungen von Logopäd:innen gleich ersetzt wird, wie Annette V. Fox-Boyer die Ersetzung des Allophons /ʁ/ beschreibt. Dazu wurden praktizierende Logopäd:innen aus dem Kanton Schwyz mittels einer OnlineUmfrage befragt. Die 25 Einschätzungen zu monound multilingualen Kindern wurden ausgewertet und anschliessend mit den Daten aus den Untersuchungen von Fox-Boyer verglichen. Zusätzlich wurden die Einschätzungen zu monolingualen Kindern mit denen zu multilingualen Kindern verglichen. Laut den gewonnenen Einschätzungen wird im Kanton Schwyz der Laut /r/ häufiger durch /l/ ersetzt als durch /h/ oder /ʔ/ wie es Fox-Boyer beschreibt. Etwas seltener wird auch eine Glottalisierung gezeigt. Zwischen monound multilingualen Kindern gibt es im Kanton Schwyz laut den gewonnenen Einschätzungen nur minimale Unterschiede bei der Ersetzung: Multilinguale Kinder zeigen etwas häufiger eine Glottalisierung als es monolinguale Kinder tun. Um eine genauere Diagnostik und dadurch eine hochwertigere Therapie zu ermöglichen, braucht es mehr und genauere Daten zu den gezeigten phonologischen Prozessen in der Schweiz.
Inhaltsverzeichnis 1 Einführung und Fragestellung ............................................................................................. 1 1.1 Persönlicher Bezug ...................................................................................................... 1 1.2 Relevanz ...................................................................................................................... 1 1.3 Fragestellungen ........................................................................................................... 2 1.4 Methodisches Vorgehen ............................................................................................... 3 2 Theoretische Überlegungen und Forschungsstand ............................................................. 3 2.1 Grundlagen der Phonetik ............................................................................................. 3 2.1.1 Artikulatorische Phonetik ....................................................................................... 3 2.1.2 Internationales phonetisches Alphabet .................................................................. 5 2.1.3 Phonetik im Standarddeutschen ............................................................................ 7 2.1.4 Phonetik im Schweizerdeutschen .......................................................................... 7 2.2 Grundlagen der Phonologie ......................................................................................... 7 2.2.1 Phonologie im Standarddeutschen ........................................................................ 8 2.2.2 Phonologie im Schweizerdeutschen .....................................................................10 2.3 Unterschiede Phonetik und Phonologie Standarddeutsch vs. Schweizerdeutsch .... 11 2.4 Phonetisch-phonologische Entwicklung ......................................................................12 2.5 Phonologische Prozesse in Deutschland nach A.V. Fox-Boyer ...................................14 2.5.1 Physiologische phonologische Prozesse ..............................................................15 2.5.2 Pathologische phonologische Prozess .................................................................16 2.6 Phonologische Prozesse im Schweizerdeutschen ......................................................19 3 Methodik ............................................................................................................................19 3.1 Forschungsdesign .......................................................................................................19 3.2 Datenerhebung ...........................................................................................................20 3.3 Auswertung .................................................................................................................21 4 Ergebnisse ........................................................................................................................21 4.1 Antworten der Umfrage ...............................................................................................22 4.1.1 Fragen zu monolingualen Kindern ........................................................................23 4.1.2 Fragen zu multilingualen Kindern .........................................................................27 4.2 Vergleiche ...................................................................................................................31
4.2.1 Vergleiche zwischen den verschiedenen Ersetzungs-/Elisionsarten .....................31 4.2.2 Vergleiche zwischen monolingualen und multilingualen Kindern ...........................33 4.3 Zusammenfassung .....................................................................................................35 5 Diskussion .........................................................................................................................36 5.1 Erkenntnisse ...............................................................................................................36 5.2 Beantwortung der Fragestellung .................................................................................38 5.3 Kritische Reflexion der Arbeit ......................................................................................39 5.4 Ausblick bezüglich Berufspraxis und weiterer Forschung ............................................41 6 Literaturverzeichnis ...........................................................................................................42 7 Abbildungsund Tabellenverzeichnis .................................................................................44 8 Anhang Anhang 1: Selbständigkeitserklärung ....................................................................46 Anhang 2: Umfrage zur Realisierung des Lautes /r/ im Kanton Schwyz ........................47
1 1 Einführung und Fragestellung 1.1 Persönlicher Bezug In meinem Umfeld komme ich viel in Kontakt mit Kindern. Sei es bei meiner früheren Arbeit als Fachperson in der Kinderbetreuung, in der Nachbarschaft, bei gesellschaftlichen Anlässen im Dorf oder wenn ich neben dem Studium Kinder betreue. Seit ich den Bachelorstudiengang Logopädie an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik besuche, achte ich mich (auch unbewusst) bei einem Gespräch auf die Sprache meines Gegenübers. Seit August 2024 absolviere ich den berufsbegleitenden Abschluss und arbeite neben dem Studium an einem logopädischen Dienst im Kanton Schwyz. Da ist es eine meiner zentralen Aufgaben, die Sprache von Kindern und Jugendlichen zu beobachten. In meinem privaten sowie im beruflichen Umfeld nehme ich wahr, dass die Aussprache einigen Kindern Schwierigkeiten bereitet. Besonders bei jüngeren Kindern fällt auf, dass der Laut /r/ häufig nicht korrekt gebildet wird. Für meine zukünftige Arbeit als Logopädin ist es interessant zu wissen, wie dieser Laut in Gebieten, in denen der Laut /r/ meistens alveolar gebildet wird, ersetzt wird. Dadurch kann ich in Zukunft bei Kindern mit einem phonetisch und/oder phonologisch inkorrektem /r/ vergleichen, ob es den Laut gleich ersetzt, wie die meisten Kinder es machen oder auf eine eher seltene Art. Diese Erkenntnis kann sich auf die zu therapierende Reihenfolge der phonologischen Prozesse auswirken. 1.2 Relevanz Laut Mayer & Ulrich (2023) zeigen 10-15% aller Kinder Auffälligkeiten beim Erwerb der korrekten Aussprache. Zum einen kommt es vor, dass die Kinder physiologische Prozesse in einem Alter zeigen, in dem sie bereits überwunden sein sollten oder sie zeigen pathologische Prozesse. Es sind also nicht unwesentlich viele Kinder, die von einer Aussprachestörung betroffen sind. Für die betroffenen Kinder können sich die Schwierigkeiten auf die Verständlichkeit sowie auch auf die Akzeptanz der anderen Kinder auswirken (ebd). Um den betroffenen Kindern eine geeignete Therapie anbieten zu können, braucht es Wissen über den unauffälligen Ausspracheerwerb. Annette V. Fox-Boyer (2023) hat die Ausspracheentwicklung von Kindern mit deutscher Muttersprache in Deutschland mittels mehrerer Studien untersucht. Ihre Erkenntnisse werden in Deutschland sowie auch in der Schweiz bei der Diagnostik von Aussprachestörungen als Normwerte betrachtet. Die Normwerte aus ihren Studien beziehen sich jedoch auf Kinder, die monolingual Deutsch aufwachsen. Was ist nun aber mit Kindern, die mit der schweizerdeutschen Sprache aufwachsen? Dieser und weiteren Fragen wird in den nächsten Kapiteln dieser Arbeit
2 nachgegangen. Zur Ausspracheentwicklung in der Schweiz gibt es nur sehr wenige Studien. Waibel (2012) hat den Erwerb von wortinitialen Konsonantenclustern im Schweizerdeutschen untersucht. Ansonsten gibt es aktuell keine Studien über die Ausspracheentwicklung bei schweizerdeutschen Kindern. Doch das wäre für eine genaue Diagnostik und die darauf aufbauende Therapie sehr wichtig. Es ist also von besonderer Bedeutung, mehr über den Artikulationserwerb sowie die vorkommenden phonologischen Prozesse im Schweizerdeutschen zu erfahren. 1.3 Fragestellungen Durch mein Interesse im Bereich Aussprachestörungen wollte ich mich in dieser Thematik vertiefen. Auch das fehlende Wissen zum Spracherwerb bei Kindern, die mit Schweizerdeutsch aufwachsen, hat mich ermutigt, meine Bachelorarbeit zu diesem Thema zu schreiben. Eine Untersuchung zum phonologischen Erwerb in der Schweiz zu machen wäre sehr spannend. Da eine solche Untersuchung mit enorm viel Aufwand und Zeit verbunden ist, würde es den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. Also habe ich mich gefragt, welche Unterschiede es bei der Aussprache in Deutschland und der Schweiz gibt. Ein grosser Unterschied in der Aussprache der beiden Sprachen ist die Bildung des Phonems zum Graphem «R». In vielen Regionen Deutschlands wird dieses Phonem uvular gebildet. In der Schweiz findet die Bildung des Lautes /r/ in vielen Kantonen alveolar statt. Durch das Erkennen des Unterschiedes kam ich meiner Fragestellung einen Schritt näher. Denn die Frage stellt sich, ob schweizerdeutsche Kinder, die diesen Laut phonetisch und/oder phonologisch nicht korrekt realisieren, ihn gleich ersetzen wie deutsche Kinder. Auch wenn der Artikulationsort nicht derselbe ist. Als nächstes kam die Frage, ob ich lieber eine quantitative oder eine qualitative Sozialforschung machen möchte. Bei einer qualitativen Untersuchung hätte ich eine Einzelfallstudie machen oder maximal wenige Kinder untersuchen können. Um aussagekräftigere Ergebnisse zu bekommen, habe ich mich jedoch für eine quantitative Sozialforschung entschieden. Ich möchte praktizierende Logopäd:innen nach ihren Einschätzungen befragen. Somit bin ich zu folgenden Fragestellungen und Hypothesen gekommen: Fragestellung 1: Benennen praktizierende Logopäd:innen im Kanton Schwyz bei Kindern, die den Laut /r/ nicht korrekt realisieren die gleichen Ersetzungsprozesse für den Laut /r/ wie Annette V. Fox-Boyer für das Allophon /ʁ/ benennt? Hypothese 1: Ich vermute, dass im Kanton Schwyz der Laut /r/ häufiger durch /l/ ersetzt wird als durch /h/ oder /ʔ/ wie in Deutschland.
3 Fragestellung 2: Gibt es laut den Einschätzungen der praktizierenden Logopäd:innen Unterschiede zwischen monolingualen und multilingualen Kindern bei der Ersetzung des Lautes /r/ bei Kindern im Kanton Schwyz? Hypothese 2: Ich vermute, dass monound multilinguale Kinder den Laut gleich ersetzen. 1.4 Methodisches Vorgehen Im ersten Teil der Arbeit vertiefe ich mich in bereits vorhandenes theoretisches Wissen und den aktuellen Forschungsstand. Ich informiere mich, worüber bereits Studien gemacht wurden und was allenfalls fehlt. Dieses erarbeitete Wissen stützt den empirischen Bereich. Im empirischen Teil geht es um die Befragung von praktizierenden Logopäd:innen. Durch ihre Antworten und der anschliessenden Auswertung der Daten kann ich die Fragestellungen dieser Arbeit beantworten und meine Hypothesen verifizieren oder falsifizieren. 2 Theoretische Überlegungen und Forschungsstand Im folgenden Kapitel wird eine Übersicht über den aktuellen Forschungsstand gegeben. Diese Zusammenfassung bildet die Basis für den darauffolgenden empirischen Teil der Arbeit. 2.1 Grundlagen der Phonetik Die Phonetik befasst sich mit der Art und Weise, wie Laute motorisch hervorgebracht werden und wie diese klingen. Ein Laut wird in der Phonetik als Phon bezeichnet. Phone werden durch eckige Klammern ([ ]) gekennzeichnet (Dahmen & Weth, 2018). In der Phonetik gibt es drei Teilgebiete. Das sind die artikulatorische Phonetik, die akustische Phonetik und die auditive Phonetik. Die akustische Phonetik befasst sich mit der Lautsprache als hörbares Ereignis. Merkmale der akustischen Phonetik sind die Frequenz, Intensität, Dauer und die Formanten. Unter der auditiven Phonetik versteht man die Verarbeitung von Schallwellen mit dem Hörorgan (Kannengieser, 2019). Da in dieser Arbeit besonders die artikulatorische Phonetik von Bedeutung ist, wird diese im folgenden Kapitel genauer erläutert. 2.1.1 Artikulatorische Phonetik Um Laute erzeugen zu können, wird der Luftstrom, die Phonation und die Modifikation des Luftstroms benötigt. Diese Prozesse sind abhängig voneinander und erfordern ein abgestimmtes Zusammenspiel. Dieses wird als Artikulation zusammengefasst. Die
4 Artikulation im engeren Sinne findet im Ansatzrohr, also im supraglottischen Bereich, statt. Dazu gehören der Rachen-, Mundund Nasenraum (Grassegger, 2016). Um die Artikulation besser beschreiben zu können, wird in drei Gruppen unterteilt. Das sind die Artikulationsorgane, die Artikulationsstellen sowie die Artikulationsarten. Zu den Artikulationsorganen gehören die beweglichen Teile des Ansatzrohres. Dazu gehören der Unterkiefer, die Lippen, die Zunge und das Gaumensegel mit dem Gaumenzäpfchen. Auch der Rachen und der Kehlkopf zählen zu den sogenannten Artikulatoren. Die Artikulationsstellen fassen die relativ unbeweglichen Teile des Ansatzrohres zusammen. Die Oberlippe (diese Stelle wird in der Phonetik als labial beschrieben), die oberen Schneidezähne (dental), der Zahndamm (alveolar), der harte Gaumen (palatal) sowie der weiche Gaumen (velar), das Gaumenzäpfchen (uvular), der Rachen (pharyngeal) und der Kehlkopf (laryngeal) mit der Glottis (glottal) gehören zu den Artikulationsstellen. Die Artikulationsarten beschreiben die Art und Weise, wie der Luftstrom im Ansatzrohr moduliert wird. Diese Modifikationen bewegen sich zwischen völliger Blockade des Luftstroms und dem unbehinderten Ausströmen der Luft. Je nach Variation des Abstandes zwischen den Artikulationsorganen und den Artikulationsstellen sowie des modifizierten Weges des Luftstroms kommen die unterschiedlichen Artikulationsarten zustande (Grassegger, 2016). In den zwei folgenden Unterkapiteln wird vertieft beschrieben, wie Vokale respektive Konsonanten gebildet werden. 2.1.1.1 Vokale Bei der Bildung von Vokalen nähert sich der Zungenrücken an eine der Artikulationsstellen. Der vordere oder hintere Zungenrücken wölbt sich dabei auf oder bleibt flach, die Kieferöffnung variiert und/oder die Lippenrundung wird moduliert (Altmann & Ziegenhain, 2015). Der Luftstrom kann das Ansatzrohr bei der Bildung von Vokalen relativ ungehindert verlassen. 2.1.1.2 Konsonanten Konsonanten werden gebildet, indem der Atemstrom aus der Lunge strömt und im Ansatzrohr auf ein Hindernis trifft (Altmann & Ziegenhain, 2015). Sie werden je nach Artikulationsart gruppiert. In Tabelle 1 werden die verschiedenen Artikulationsarten von Konsonanten genauer beschrieben.
5 Tabelle 1: Artikulationsarten (In Anlehnung nach Altmann & Ziegenhain, 2015; Grassegger, 2016; Kannengieser, 2019) Artikulationsart Beschreibung Beispiele Plosiv Vollständige Blockade des Luftstroms durch Verschluss zwischen Artikulationsorgan und -stelle, danach folgt die Sprengung des Verschlusses (Luft entweicht explosionsartig aus dem Mundraum). [p], [d], [k] Nasal Kompletter Oralverschluss, durch das gesenkte Velum wird die Luft durch den Nasenraum gelenkt. [m], [n], [ng] Frikativ Luftstrom wird durch eine Enge gelenkt, indem sich das artikulierende Organ der Artikulationsstelle nähert, es jedoch nicht berührt. Es entsteht ein Reibegeräusch. [s], [f] Lateral Die Zunge verschliesst den mittleren Teil des Mundraums, sodass die Luft seitlich der Zunge herausströmt. [l] Vibrant Das artikulierende Organ berührt die Artikulationsstelle mehrmals hintereinander schnell und kurz. Der Luftstrom wird in schnellem Wechsel gestoppt und freigelassen. Es entsteht ein rollendes Geräusch. [r] Approximant Es wird eine relativ geringe Verengung hergestellt, sodass die Luft zwar nicht ungehindert herausströmt, jedoch auch kein Turbulenzgeräusch verursacht. [j] Affrikat Affrikate sind eine Kombination von Verschlusslauten und Reibelauten. Beide Laute haben denselben oder einen sehr nahen gelegenen Artikulator sowie dieselbe oder eine sehr nahe gelegene Artikulationsstelle. [ts], [pf], [tsch] Ein weiteres Merkmal von Konsonanten ist die Sonorität. Darunter wird das Vorhandensein oder Fehlen der Stimmbeteiligung verstanden (Kannengieser, 2019). 2.1.2 Internationales phonetisches Alphabet Das internationale phonetische Alphabet (IPA) ist ein Hilfsmittel für die Beschreibung von Sprachlauten. Für jeden Laut gibt es ein Zeichen. So kann man jede Sprache verschriftlichen, ohne das jeweilige Schriftsystem zu beherrschen. Viele der Zeichen im IPA kommen aus der lateinischen Buchstabenschrift, andere wurden aus zusätzlichen Schriftsystemen entnommen. Es wurden auch Sonderzeichen entwickelt (Graefen & LiedkeGöbel, 2020). 2.1.2.1 Vokale Alle Vokale werden im IPA im sogenannten Vokaltrapez dargestellt. Der Standort der Vokale im Trapez gibt Informationen darüber, ob der Mund weit geöffnet oder fast geschlossen ist, über die Lippenform sowie wo der Zungenrücken sich hebt. Je weiter oben das phonetische Zeichen im Vokaltrapez steht, desto weniger ist der Mund bei diesem Laut geöffnet. Je weiter rechts das Zeichen steht, desto weiter hinten im Gaumen hebt sich die Zunge. Die meisten Zeichen sind paarweise angeordnet. Das linke der beiden Zeichen bedeutet, dass dieser Laut mit gespreizten Lippen gesprochen wird. Das rechte Zeichen wird mit gerundeten
12 - Das Schweizerdeutsche Vokalsystem ist differenzierter als das Standarddeutsche. Es kennt mehr Diphthonge. - Im Vergleich zum Standarddeutschen kennt das Schweizerdeutsche mehr Affrikate. - Im Schweizerdeutschen wird ausschliesslich der velare ch-Laut [x] verwendet und nicht auch noch der palatale ch-Laut [ç] wie im Standarddeutschen. - Die stimmhaften Plosive [b], [d] und [g] sind im Schweizerdeutschen stimmlos. - Die Konsonantencluster /st/ und /sp/ werden im Schweizerdeutschen immer als [ʃt] und [ʃp] realisiert. 2.4 Phonetisch-phonologische Entwicklung Laut Kannengieser (2019) beginnt der Erwerb von sprachlichen Lauten ab dem ersten Geburtstag. Doch schon im ersten Lebensjahr zeigen Kinder sogenannte vorsprachliche Entwicklungsaktivitäten. Damit sind die beiden Lallphasen gemeint. Die erste Lallphase beginnt ab dem zweiten Lebensmonat. Es zeigen sich konsonantenähnliche Produktionen, welche in orale und nasale Laute unterschieden werden können. Man geht davon aus, dass das Lallen in der ersten Lallphase noch nicht zielgerichtet erfolgt, die Laute entstehen unwillkürlich. Ungefähr ab dem siebten Monat kommt das Kind in die zweite Lallphase. Die Lautproduktion wird nun gezielter. Das Kind zeigt Wiederholungen und bildet Silbenketten. In dieser Phase beginnt das Kind, die eigenen Lautproduktionen sowie die der Bezugspersonen wahrzunehmen, diese zu vergleichen und das Gegenüber zu imitieren. Diese Fähigkeiten sind bedeutend für die weitere phonetisch-phonologische Entwicklung. Zwischen dem 11.-18. Lebensmonat findet der Übergang vom Lallen zum Sprechen statt. In diesem Stadium äussert das Kind vor allem Laute der vorderen Artikulationszonen. Besonders häufig kommen die sogenannten Verschlusslaute vor. Kannengieser (2019, S. 66) beschreibt die Äusserungen des Kindes „teils noch als Babbeln, teils als intentionale Sprechakte, die sich sowohl Protowörtern (Eigenschöpfungen mit zu vermutenden Wortbedeutungen) als auch nachgeahmter Echtwörter bedienen“. Im weiteren Verlauf bis zum etwa 24. Lebensmonat zeigt das Kind neben den offenen auch geschlossene Silben. Dazu kommen erste Konsonantenverbindungen und einige Frikative. Es ist nun in der Lage, alle Vokale der Sprache zu bilden (ebd.). Annette V. Fox-Boyer ermittelte durch mehrere Studien (siehe Kapitel 2.4.1) das durchschnittliche Alter, in dem ein Konsonant phonetisch korrekt gebildet werden kann. Die Ergebnisse können der untenstehenden Tabelle (Abbildung 7) entnommen werden. Das 75% resp. 90% Kriterium bedeuten, dass in der jeweiligen Altersklasse 75% respektive 90% der untersuchten Kinder diesen Laut phonetisch korrekt realisieren konnten. Die Laute /s/, /z/
13 und /ts/ sind in dieser Tabelle aus folgendem Grund nicht aufgeführt: 35% der untersuchten Kinder konnten diese Laute auch in der Altersgruppe 8 noch nicht korrekt aussprechen. Die Laute wurden von diesen Kindern interdental gebildet und somit nicht von 75% der untersuchten Kinder phonetisch erfolgreich erworben (Fox-Boyer, 2023). Abbildung 7: Phon-Erwerb (Fox-Boyer, 2023, S. 66) Aus Abbildung 7 ist ersichtlich, dass im zweiten Lebensjahr vor allem plosive, laterale und nasale Laute erworben werden. Innerhalb des dritten Lebensjahres werden Frikative, der Affrikat /pf/, der laterale Laut /l/ und Reibelaute gelernt. Die letzten zu erlernenden Phone sind /ç/ und /ʃ/ (ebd.). Auffällig ist, dass es für einige Phone eine grosse Diskrepanz zwischen dem 75%-Kriterium und dem 90%-Kriterium gibt. Das Erwerbsalter dieser Phone kann entsprechend von Kind zu Kind stark variieren. Dieselbe Auflistung macht Fox-Boyer (ebd.) auch für den Phonemerwerb. Die mit einem Stern gekennzeichneten Phoneme wurden wie oben beschrieben von weniger als 75% der Kinder korrekt gebildet. Da es die Laute /s/, /ts/ und /z/ in der interdentalen Bildung (/ð/, /tθ/, /θ/) in der deutschen Sprache nicht gibt, wurden sie hier als Allophone gewertet und somit als korrekt gebildet akzeptiert. Abbildung 8: Phonem-Erwerb (Fox-Boyer, 2023, S. 66)
14 Die ersten Laute, die phonemisch korrekt erlernt werden, sind ähnlich wie in der Phonetik die vorderen Verschlusslaute sowie die Nasalen /m/ und /n/. Sie werden im ungestörten Erwerb im zweiten Lebensjahr erlernt. Im dritten Lebensjahr kommen die Frikative /s/, /z/, /f/, /v/ sowie der laterale Laut /l/ und die Reibelaute /x/ und /ʁ/ dazu. Anschliessend folgt der Approximant /j/ und die letzten Plosive und Affrikate werden erlernt. Auch hier gehören die Phoneme /ç/ und /ʃ/ zu denjenigen, die als letztes erworben werden. Wie bei der Auflistung der Phone sind hier grosse Unterschiede bezüglich des Erwerbsalters zwischen dem 75%- Kriterium und dem 90%-Kriterium festzustellen. Es gibt Laute, die (laut dem 75%-Kriterium) gleichzeitig phonetisch und phonemisch erworben werden. Das sind die Laute [m n p b t d j x ʃ ʁ ŋ]. Die Laute [v f l g k h pf ç] werden phonetisch erworben, bevor sie phonemisch erlernt werden. Und die Laute [s/z ts] werden phonetisch nicht bis zum Alter von 6;0 Jahren erworben, phonemisch jedoch schon (Fox-Boyer, 2023). Bezüglich der Silbenstruktur äussert das Kind bis zum zweiten Geburtstag hauptsächlich offene Silben. Es dominieren einund zweisilbige Wörter, wobei bei den zweisilbigen Wörtern die erste Silbe betont wird. Anschliessend werden auch geschlossene Silben geäussert. Konsonantenverbindungen treten mit ungefähr 2,5 Jahren im Auslaut auf. Ab drei Jahren werden dann auch initiale Konsonantenverbindungen erworben, wobei diese häufig bis zum Alter von fünf Jahren vereinfacht werden. Lautlich komplexe Wörter können sogar bis ins Schulalter Schwierigkeiten bereiten. Ebenfalls mit drei Jahren werden zweiund dreisilbige Wörter mit unbetonter Anfangssilbe korrekt realisiert (Kannengieser, 2019). 2.5 Phonologische Prozesse in Deutschland nach A.V. FoxBoyer Die deutsche Logopädin, Neuropsycholinguistin und Professorin Annette V. Fox-Boyer hat in den Jahren 1999-2012 mit einigen Kolleginnen die am häufigsten auftretenden phonologischen Prozesse in Deutschland untersucht. Das Ziel dieser Studien war die Beschreibung des Erwerbs des phonologischen Systems der deutschen Sprache bei Kindern zwischen 1;6-5;11 Jahren (Dodd & Fox, 1999; Grohnfeldt & Achhammer, 2014; Sachse & Bockmann, 2015). So wollte man Normdaten für das Auftreten zu phonologischen Prozessen im Kindesalter sowie für das Überwindungsalter gewinnen. Die dazu gemachten Studien wurden zusammengefasst und gemeinsam von Fox-Boyer (2014) und Schäfer (2015) resümiert. Durch diese Erkenntnisse veröffentlichte Fox-Boyer (2023) eine Auflistung der typischen physiologischen und pathologischen phonologischen Prozessen. Die Unterscheidung zwischen physiologischen und pathologischen phonologischen Prozessen
15 ist insofern wichtig, da sie Auswirkung auf die zu stellende Diagnose hat und somit die Therapie direkt beeinflussen (Dodd, 2013). 2.5.1 Physiologische phonologische Prozesse Fox-Boyer (2023) beschreibt physiologische phonologische Prozesse als Prozesse, die jedes Kind im ungestörten Spracherwerb bis zu einem gewissen Alter zeigt. Ein solcher Prozess wird dann als physiologisch eingestuft, wenn er bei mindestens zehn Prozent der von ihr untersuchten Kinder mindestens drei Mal vorkommt. Fox-Boyer unterteilt die physiologischen phonologischen Prozesse in strukturelle und systemische Vereinfachungen. Ein Prozess wird den strukturellen Prozessen zugeordnet, wenn die Wortstruktur durch einen oder mehrere phonologische Prozesse verändert wird. Die Silbenoder die Phonemanzahl des Wortes verändert sich. Bei systemischen Prozessen werden ein oder mehrere Phoneme ersetzt, wobei die Wortstruktur dieselbe bleibt. Die Anzahl der Silben oder Phoneme ändert sich nicht. Annette V. Fox-Boyer (ebd.) zeigt die typischen phonologischen Prozesse von Kindern mit deutscher Muttersprache in nachfolgender Tabelle auf (Abbildung 9). Dabei gibt sie das Alter an, in welchem der Prozess von Kindern gezeigt wird.
16 Abbildung 9: Physiologische phonologische Prozesse (Fox-Boyer, 2023, S. 74) Für diese Arbeit besonders relevant ist der phonologische Prozess der glottalen Ersetzung von /ʁ/ zu [h] oder [ʔ]. Dieser Prozess ist laut Fox-Boyer (2023) bis zu einem Alter von 2;5 Jahren physiologisch. 2.5.2 Pathologische phonologische Prozess Zu den pathologischen Prozessen nach Annette V. Fox-Boyer (ebd.) werden Prozesse gezählt, die so im ungestörten Artikulationserwerb von Kindern mit gleicher Muttersprache nicht vorkommen. Fox-Boyer spricht von drei Formen von pathologischen Prozessen. 1. «Ein phonologischer Prozess gilt als pathologisch, wenn er an sich nicht in der physiologischen Entwicklung vorkommt (z.B. alle Frikative werden zu /h/)» (FoxBoyer, 2023, S. 117).
17 2. «Ein phonologischer Prozess gilt als pathologisch, wenn er bei einem Phonem auftritt, bei dem er in der physiologischen Entwicklung nicht auftritt (z.B. sind Rückverlagerungen nur physiologisch bei /ʃ/ und /ç/; die Rückverlagerungen der Alveolaren sind immer pathologisch.)» (Fox-Boyer, 2023, S. 117). 3. «Ein phonologischer Prozess gilt als pathologisch, wenn er in einer ungewöhnlichen Häufigkeit auftritt (z.B. Plosivierungen sind physiologisch, wenn sie sehr vereinzelt auftreten, wenn aber ein Kind alle Frikative plosiviert, so ist dies pathologisch)» (FoxBoyer, 2023, S. 117). Gleich wie die physiologischen phonologischen Prozesse unterteilt Fox-Boyer (ebd.) auch die pathologischen Prozesse in strukturelle und systemische Prozesse. Strukturelle Prozesse Tabelle 4: Strukturelle pathologische Prozesse (in Anlehnung an Fox-Boyer, 2023) Abkürzung Erläuterung Beispiel TICC Tilgung von wortinitialen Konsonantenverbindungen: Am Anfang eines Wortes wird eine Konsonantenverbindung ausgelassen. /gʁyn/ → [yn] TFCC Tilgung von wortfinalen Konsonantenverbindungen: Am Ende eines Wortes wird eine Konsonantenverbindung ausgelassen. /baŋk/ → [ba] TIK Tilgung von wortinitialen Konsonanten: Am Anfang eines Wortes wird ein Konsonant ausgelassen. /katse/ → [atse] TBS Tilgung betonter Silben: Innerhalb eines Wortes wird eine betonte Silbe ausgelassen. /kanə/ → [nə] IntrK Intrusive Konsonanten: Ein Konsonant, der nicht in ein bestimmtes Wort gehört, wird zusätzlich eingefügt. /telefon/ → [telefʁon] IntrV Intrusive Vokale: Ein Vokal, der nicht in ein bestimmtes Wort gehört, wird zusätzlich eingefügt. /blume/ → [bəlume] RED Reduplikation: Die betonte Silbe eines Wortes wird vollständig wiederholt (Verdoppelung) und die zweite Silbe wird dadurch ersetzt. /ball/ → [baba]
18 Systemische Prozesse Tabelle 5: Systemische pathologische Prozesse (in Anlehnung an Fox-Boyer, 2023) Abkürzung Erläuterung Beispiel RV /t d n/ Rückverlagerung von Alveolaren /t d n/: Ein Phonem wird durch ein weiter hinten gebildetes, sonst merkmalsgleiches Phonem ersetzt. /teləfon/ → [keləfon] Vok /l/ Vokalisation von /l/ -> [j oder i]: Das Phonem /l/ wird durch eine Mischung aus dem Vokal [i] und [j] ersetzt. /bal/ → [baj] VCC Veränderung von Konsonantenverbindungen: Innerhalb eines Wortes wird eine Konsonantenverbindung verändert. /blumə/ → [sʁumə] Meta Metathese: Die Reihenfolge von zwei Phonemen innerhalb eines Wortes wird vertauscht. /fogəl/ → [folək] Aff Affrizierung: Ein Frikativ wird durch eine Affrikate ersetzt. /lœfəl/ → [lœpfəl] Frik Frikativierung: Ein Plosiv wird durch einen Frikativ ersetzt. /baum/ → [vaum] OnsetP Onset-Prozess/Wortbetonungsprozess: Alle betonten Wortund Silbenonsets bis auf /m n b p d t/ werden durch /h/ oder /d/ ersetzt. /bʁɪlə/ → [hɪlə] AlloL (AlloFrik, AlloNas, Allo) Allophonischer Gebrauch von Lautklassen: Die Lautklasse der Frikative wird durch einen einzigen Ersatzlaut ersetzt. z.B.: /f v/ → [s z] /fedɐ/ → [sedɐ] Nas Nasalierung: Ein Phonem wird durch einen Nasal ersetzt. Dabei bleibt der Artikulationsort meistens erhalten. /dax/ → [nax] Denas Denasalierung: Ein Nasal wird durch einen Laut ersetzt, der nicht nasal gebildet wird. /naːzə/ → [laːzə] Vok Vokalfehler: Ein Vokal wird durch einen anderen, inadäquaten Vokal ersetzt. /teləfon/ → [tilofon] Von den pathologischen Prozessen nach Fox-Boyer (Fox-Boyer, 2023) bezieht sich kein Prozess direkt auf die Laute /ʁ/ oder /r/. Deshalb ist keiner der pathologischen Prozesse von besonderer Bedeutung für diese Arbeit. Es kann jedoch sein, dass einer der beiden Laute von einem pathologischen Prozess betroffen ist. Ein Beispiel ist beim strukturellen Prozess «Tilgung von wortinitialen Konsonantenverbindungen» aufgezeigt.
19 2.6 Phonologische Prozesse im Schweizerdeutschen Es wird davon ausgegangen, dass der Spracherwerb universellen Grundsätzen folgt. Das soll heissen, dass er in verschiedenen Sprachen sehr ähnlich, jedoch nicht identisch abläuft (Fox-Boyer, 2023). Im Schweizerdeutschen liegen zurzeit keine Normdaten zur Ausspracheentwicklung vor (Fox-Boyer, 2014). Es wird davon ausgegangen, dass der Lauterwerb von schweizerdeutschen Kindern ähnlich verläuft wie der Lauterwerb deutscher Kinder, da Schweizerdeutsch eine Varietät des Deutschen ist. Während des Lauterwerbs kommt es in allen Sprachen zu phonologischen Prozessen. Deshalb wird angenommen, dass auch schweizerdeutsche Kinder solche phonologische Prozesse zeigen und diese zumindest teilweise denen entsprechen, die bei deutschen Kindern auftreten (Waibel, 2012). Es existieren praktisch keine Studien über den phonologischen Erwerb von schweizerdeutschen Kindern. Christiane Waibel (ebd.) analysierte in den Jahren 2007/2008 den Erwerb von Konsonantenclustern im Schweizerdeutschen bei Kindern zwischen 5;4-8;11 Jahren. Das Ziel war ein Vergleich der Lautsysteme von sprachunauffälligen und sprachauffälligen Kindern. Dazu untersuchte sie sprachauffällige Kinder in einer Testgruppe sowie sprachunauffällige Kinder in einer Kontrollgruppe. Die Probanden der Kontrollgruppe zeigten keine Lautverwendungsfehler. Die Kinder der Testgruppe zeigten entweder Reduktionen oder Substitutionen von wortinitialen Konsonantenclustern. Die Aspekte dieser Untersuchung sind nicht von wesentlicher Bedeutung für diese Arbeit, deshalb wird sie nicht weiter beschrieben. 3 Methodik 3.1 Forschungsdesign Das Ziel des empirischen Teils dieser Arbeit ist es, herauszufinden, wie der Laut /r/ nach Einschätzung von praktizierenden Logopäd:innen im Kanton Schwyz ersetzt wird, wenn er von Kindern phonetisch und/oder phonologisch nicht korrekt realisiert werden kann. Um das herauszufinden, wurde ein quantitatives Forschungsdesign ausgewählt. Durch die quantitative Sozialforschung können mehr praktizierende Logopäd:innen befragt werden. Das führt zu mehr Antworten und dadurch zu aussagekräftigeren Ergebnissen (Kohler, 2022). Ein weiterer Vorteil der quantitativen Forschung ist die objektive Betrachtung sowie die einfache Auswertung mit geeigneten statistischen Methoden (Hug & Poscheschnik, 2020).
20 3.2 Datenerhebung Für die Datenerhebung wurde eine vollstandardisierte Befragung in schriftlicher Form erstellt. Das heisst, die Antwortmöglichkeiten sind weitgehend vorgegeben (Hug & Poscheschnik, 2020). Die Befragung wurde online durchgeführt. Dadurch sind die Kosten sowie der Organisationsaufwand gering. Zudem kann sie zeitund ortsunabhängig durchgeführt werden. Durch die Online-Befragung ist auch die Anonymität gesichert (ebd.). Die Online-Umfrage wurde mit Microsoft Forms erstellt. Dieses Tool ermöglicht es, auf einfache Art einen Fragebogen zu erstellen und es bietet vielfältige Fragemöglichkeiten an. Für die Befragung wurde Microsoft Forms gewählt, da die Handhabung des Programms und die Erstellung einer Umfrage relativ einfach sind und man nicht viel Zeit braucht, um sich ins Programm einzufinden. Zudem ist dieses Tool für die Befragten sehr niederschwellig: Man gelangt über einen Link oder QR-Code sofort zur Umfrage. Es ist keine Anmeldung nötig für die Befragten. Durch die einfache Handhabung des Programms wird eine höhere Rücklaufquote erwartet. Der Umfrage (siehe Anhang 2) wurde folgendermassen aufgebaut: Sie beginnt mit einem Einleitungstext, sodass die Befragten wissen, worum es geht und was es zu beachten gibt. Es wurde auf die Anonymität aufmerksam gemacht, um zu verhindern, dass jemand aufgrund von Scham oder sonstigen Gründen falsche Antworten gibt. Im Einleitungstext wurde auch die Zielgruppe beschrieben, sodass die Antworten auf dieselbe Kindergruppe bezogen ist, wie die Fragestellung dieser Arbeit. Es wurde auch ein erster Dank erwähnt. Dann kommt eine Einstiegsfrage ins Thema. Anschliessend wurden zu den zwei Klientengruppen (monolinguale beziehungsweise multilinguale Kinder) je die gleichen vier Fragen gestellt. Die Überlegung hinter der getrennten Abfrage von monound multilingualen Kindern war, dass Fox-Boyer in ihren Studien nur monolinguale Kinder untersucht hatte. So können nachher die Einschätzungen von Logopäd:innen über monolinguale Kinder mit den Daten von Fox-Boyer verglichen werden. Zudem kann der Vergleich von den Einschätzungen zwischen monound multilingualen Kindern im Kanton Schwyz gemacht werden und so die zweite Fragestellung beantwortet werden. Drei der jeweils vier Fragen wurden geschlossen gestellt mit je fünf Antwortmöglichkeiten. Diese Anzahl an Antwortmöglichkeiten wurde aus folgenden Gründen gewählt: Da es Einschätzungen von den praktizierenden Logopäd:innen sind und keine Fakten, wurde die Prozentspanne bei den verschiedenen Antworten nicht zu klein gemacht. Ansonsten wäre es womöglich vorgekommen, dass die Befragten sich nicht zwischen zwei oder mehreren Antwortmöglichkeiten entscheiden konnten und sie dann zufällig eine Antwort davon ausgewählt haben. Das wollte vermieden werden. Auf der anderen Seite wurde versucht, möglichst aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Deshalb sollten die Prozentspannen auch
21 nicht zu gross sein. Mit fünf Antwortmöglichkeiten à 20%-Spanne wurde ein Mittelweg gewählt. Die Befragung wurde per E-Mail versendet. Die Verfasserin dieser Arbeit arbeitet zu einem kleinen Pensum an einem logopädischen Dienst im Kanton Schwyz und hat dadurch Kontakt zu den praktizierenden Logopäd:innen sowie zur Abteilungsleiterin der Abteilung Logopädie des Kantons Schwyz. So konnte die Umfrage an die Logopäd:innen an den logopädischen Diensten des Kantons Schwyz versendet werden. Die Klientel der Fachpersonen aus den logopädischen Diensten sind Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 20 Jahren. Zusätzlich wurden die Leitungen der Logopädie der beiden Standorte der Sprachheilschule SteinenFreienbach angeschrieben mit der Bitte, die Umfrage an die praktizierenden Logopäd:innen weiterzuleiten. Die Fachpersonen an der Sprachheilschule arbeiten mit Kindern vom Kindergartenalter bis zur vierten Primarklasse. Nach dem Versenden der Umfrage hatten die Befragten ungefähr drei Wochen Zeit (bis am 30.1.2025), die Umfrage auszufüllen. Der letztmögliche Zeitpunkt für das Ausfüllen der Umfrage wurde den Befragten in der Mail mit dem Link mitgeteilt. Dadurch konnten sie sich einteilen, wann sie Zeit für die Umfrage aufwenden wollten. 3.3 Auswertung Nachdem das Zeitfenster vorüber war, wurde die Umfrage geschlossen. Insgesamt haben 25 praktizierende Logopäd:innen an der Befragung teilgenommen (N=25). Die erhobenen Daten zur Online-Befragung wurden mit den Online-Programmen DATAtab („DATAtab“, 2025) und Canva („Canva“, 2025) ausgewertet. Das Ziel dabei war es, die gewonnenen Daten anschaulich darzustellen, sodass sie anschliessend beschrieben werden können. Für die Darstellung wurden Säulendiagramme erstellt. Sie sind einfach zu verstehen und geben einen raschen Überblick über die gewonnenen Daten. 4 Ergebnisse In den ersten Säulendiagrammen und Tabellen werden die Antworten zu den einzelnen Fragen grafisch dargestellt. Anschliessend werden Vergleiche der verschiedenen Ersetzungsrespektive Elisionsarten zwischen rein monolingualen in einem, und rein multilingualen Kindern in einem weiteren Kombinationsdiagramm aufgezeigt. Zum Schluss werden Unterschiede zwischen monolingualen und multilingualen Kindern dargestellt, auch durch Kombinationsdiagramme.
28 Bei multilingualen Kindern, die das /r/ ersetzen: Wie häufig findet ungefähr eine Lateralisierung statt (zu /l/)? Abbildung 15: Lateralisierung bei multilingualen Kindern Neun Personen schätzen die Situation so ein, dass 40%-60% der multilingualen Kinder, die das /r/ nicht korrekt realisieren, eine Lateralisierung zeigen. Ebenfalls neun Personen wählten die Antwortmöglichkeit 60%-80%. Je zwei weitere Personen geben an, eine Lateralisierung würden sie zu 20%-40% respektive zu 80%-100% einschätzen. Eine Person schätzt eine Lateralisierung als selten ein bei multilingualen Kindern, sie wählt die Antwortmöglichkeit 0%-20%. Diese Frage wurde von 23 der 25 Befragten beantwortet.
29 Bei multilingualen Kindern, die das /r/ nicht korrekt realisieren: Wie häufig wird der Laut konstant weggelassen? Abbildung 16: Konstante Elision bei multilingualen Kindern Fast die Hälfte der befragten Personen, elf von 25, schätzen ein Vorkommen von einer konstanten Tilgung auf 20%-40% ein bei multilingualen Kindern. Sechs praktizierende Logopäd:innen wählen die Antwortmöglichkeit 0%-20% auf diese Frage. Vier Personen sehen eine Tilgung des /r/ bei ungefähr 40%-60% der Kinder, die diesen Laut nicht korrekt realisieren und zwei Personen bei 60%-80%. Eine Person schätzt die Lage so ein, dass der Laut zu 80%-100% getilgt wird. Diese Frage wurde von eine:m Teilnehmer:in der Befragung nicht beantwortet.
30 Gibt es multilinguale Kinder, die das /r/ anders ersetzen als durch /l/, /h/ oder /ʔ/? Wie? Tabelle 7: Weitere Ersetzungen bei multilingualen Kindern Laut Häufigkeit (Wie oft wurde diese Ersetzungsmöglichkeit genannt?) /j/ 6 /w/ 3 /ɾ/ 2 /n/ 1 /u/ 1 /ch/ 1 Auslassung (inkonstant) 1 /s/ 1 Gleich wie bei den monolingualen Kindern wird nach der Einschätzung von Logopäd:innen auch bei multilingualen Kindern der Laut /r/ neben /l/, /h/, /ʔ/ und der konstanten Auslassung am häufigsten durch /j/ ersetzt. Auch der Laut /w/ wird bei monolingualen und multilingualen Kindern am zweithäufigsten genannt neben den erfragten Lauten: Bei der Frage zu den multilingualen Kindern wird er drei Mal genannt. Zweimal wird angegeben, dass das englische /ɾ/ schon gezeigt wurde von monolingualen Kindern. Die Laute /n/, /u/, /ch/, /s/ sowie die Auslassung wird von je eine:r der Befragten angegeben. Diese Frage wurde von 12 der befragten Logopäd:innen beantwortet.
31 Häufigkeit 4.2 Vergleiche Nachfolgend werden die oben beschriebenen Ergebnisse der Umfrage miteinander verglichen. Die Einschätzungen zu den drei erfragten Ersetzungs-/Elisionsmöglichkeiten werden bei monolingualen und multilingualen Kindern getrennt kompariert. Anschliessend wird jede Ersetzungsoder Elisionsmöglichkeit einzeln angeschaut und die Unterschiede bei monound multilingualen Kindern betrachtet. 4.2.1 Vergleiche zwischen den verschiedenen Ersetzungs-/Elisionsarten Vergleich zwischen den Ersetzungsarten bei monolingualen Kindern Abbildung 17: Vergleich Ersetzungsarten bei monolingualen Kindern In der Abbildung 17 sind die drei erfragten Ersetzungsrespektive Elisionsarten bei monolingualen Kindern aufgezeigt. Je weiter rechts und je höher der Balken, desto häufiger wird ein Vorkommen der jeweiligen Ersetzungsoder Elisionsart eingeschätzt. Bei monolingualen Kindern wird die glottale Ersetzung als die am seltenste der drei Optionen eingeschätzt. Wie aus dem Diagramm zu entnehmen ist, werden alle Einschätzungen unter 60% angegeben. Als zweithäufigste der drei erfragten Ersetzungsoder Elisionsmöglichkeiten wird die konstante Elision angegeben. Die Antworten der befragten Logopäd:innen dazu zeigen eine grosse Streubreite: Die Einschätzungen reichen von 0%- 100%. Klar am häufigsten wird bei monolingualen Kindern die laterale Ersetzung für den Laut /r/ eingeschätzt. Alle der Befragten haben eine Häufigkeit zwischen mindestens 40% und 100% angegeben.
32 Häufigkeit Vergleich zwischen den Ersetzungsarten bei multilingualen Kindern Bei multilingualen Kindern wird die glottale Ersetzungsmöglichkeit als die am seltensten vorkommende Option eingeschätzt. Alle gesammelten Antworten liegen zwischen 0%-80%. Am zweithäufigsten wird die Option der konstanten Elision angegeben. Die Antworten reichen von 0%-100%, wobei der grössere Teil der Antworten im unteren Bereich liegt. Wie bei den monolingualen Kindern wird auch bei den multilingualen Kindern die laterale Ersetzung als die am häufigsten vorkommende eingeschätzt. Auch hier zeigt sich eine grosse Streubreite der Antworten, sie liegen zwischen 0%-100%. Im Unterschied zur konstanten Elision liegen die meisten Werte (20 der 23 Antworten) jedoch im mittleren bis hohen Bereich, also zwischen 40%-100%. Abbildung 18: Vergleich Ersetzungsarten bei multilingualen Kindern
33 4.2.2 Vergleiche zwischen monolingualen und multilingualen Kindern Anschliessend werden die Einschätzungen zwischen monolingualen und multilingualen Kindern zu jeweils einer der drei Ersetzungs-/Elisionsarten veranschaulicht dargestellt und verglichen. Vergleich zwischen monound multilingualen bei der Ersetzungsart Glottalisierung Abbildung 19: Glottalisierung monound multilinguale Kinder Eine Glottalisierung wurde anstelle des Lautes /r/ bei beiden Kindergruppen als recht selten eingeschätzt. Laut den Einschätzungen von praktizierenden Logopäd:innen kommt sie bei monolingualen Kindern etwas seltener vor als bei multilingualen Kindern im Kanton Schwyz: Die Antworten zu monolingualen Kindern reichen von 0%-60%, wobei 83.3% der Antworten im Bereich 0%-20% sind. Die Antworten zu den multilingualen Kindern reichen von 0%-80%. Im untersten Bereich (zwischen 0%-20%) liegen hier jedoch nur 62.5% der Antworten. Häufigkeit
34 Vergleich zwischen monound multilingualen bei der Ersetzungsart Lateralisierung Abbildung 20: Lateralisierung monound multilinguale Kinder Deutlich höher wird die Ersetzung des Lautes /r/ bei beiden Kindergruppen durch eine Lateralisierung eingeschätzt. Bei monolingualen Kindern wird eine Lateralisierung bei inkorrektem /r/ zu 40%-60% eingeschätzt von praktizierenden Logopäd:innen. Knapp die Hälfte der Antworten liegen bei 60%-80%, ein Viertel bei 80%-100% und der letzte Viertel bei 40%-60%. Die Einschätzungen zu den multilingualen Kindern haben eine deutlich breitere Streubreite: Sie liegen zwischen 0% und 100%. Der grösste Teil (18 von 23 Antworten) liegt zwischen 40%-60%. Bei diesem Vergleich ist darauf zu achten, dass die Frage zur Lateralisierung bei monolingualen Kindern von einer Person mehr beantwortet wurde als dieselbe Frage zu den multilingualen Kindern. Nach diesen Einschätzungen kommt eine Lateralisierung bei einem inkorrektem /r/ bei monolingualen Kindern häufiger vor als bei multilingualen Kindern. Häufigkeit
35 Vergleich zwischen monolingualen und multilingualen bei einer konstanten Elision Abbildung 21: Konstante Elision monound multilinguale Kinder Bei der Frage zur Einschätzung, wie häufig eine konstante Tilgung vorkommt bei Kindern, die den Laut /r/ nicht korrekt realisieren, sind die Antworten zu monolingualen und multilingualen Kindern recht ähnlich ausgefallen (siehe Abbildung 21). Die Antworten zu beiden Kindergruppen verteilen sich von 0%-100%, wobei sich die meisten davon in der unteren Hälfte befinden: Bei monolingualen Kindern sind 18 der 23 Antworten zwischen 0% und 40%, bei multilingualen Kindern sind es im selben Prozentbereich 17 der 24 Antworten. Den Einschätzungen der Befragten zufolge findet eine Tilgung also bei monolingualen Kindern minimal häufiger statt als bei multilingualen Kindern, die das /r/ nicht korrekt realisieren. 4.3 Zusammenfassung Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten der befragten Logopäd:innen die physiologischen und pathologischen phonologischen Prozesse nach Annette V. Fox-Boyer kennen. Bei monolingualen Kindern, die den Laut /r/ nicht korrekt realisieren, findet laut den gewonnenen Einschätzungen eine Glottalisierung sowie eine konstante Elision selten statt. Um einiges häufiger scheint dagegen eine Lateralisierung (durch den Laut /l/) aufzutreten. Vereinzelt gibt es auch monolinguale Kinder, die weder eine Glottalisierung, noch eine Lateralisierung oder eine konstante Elision zeigen, sondern andere Ersatzlaute benutzen. Am meisten von diesen weiteren Ersetzungsmöglichkeiten wurde der Laut /j/ genannt. Häufigkeit
36 Auch bei den multilingualen Kindern kommen laut den Einschätzungen von Logopäd:innen im Kanton Schwyz eine Glottalisierung sowie eine konstante Tilgung eher selten vor. Gleich wie bei monolingualen Kindern wird am häufigsten eine Lateralisierung des Lautes /r/ gezeigt. Als zusätzlich zu den erfragten Ersetzungs-/Auslassungsmöglichkeiten wurden die Laute /j/ gefolgt von /w/ am häufigsten genannt. 5 Diskussion 5.1 Erkenntnisse Durch die Einschätzung von praktizierenden Logopäd:innen konnten Daten gewonnen werden, wie Kinder aus dem Kanton Schwyz, die den Laut /r/ nicht korrekt realisieren, diesen ersetzen. Bei monolingualen sowie bei multilingualen Kindern wird die Lateralisierung des Lautes /r/, also eine Ersetzung durch den Laut /l/, als am häufigsten vorkommend eingeschätzt. Annette V. Fox-Boyer zeigt in ihrer Auflistung der physiologischen phonologischen Prozesse nur einen Prozess auf, der direkt für einen Vergleich zwischen der Ersetzung in Deutschland und im Kanton Schwyz wesentlich ist: Es ist der Prozess der Glottalisierung von /ʁ/ (dem Allophon zum im Kanton Schwyz gesprochenen /r/) zu [h] oder [ʔ]. Bei den pathologischen phonologischen Prozessen gibt es keinen Prozess, der den Laut /r/ oder /ʁ/ so tangiert, dass er für den Vergleich dieser Arbeit von Bedeutung wäre. Da Annette V. Fox-Boyer eine Lateralisierung des Lautes /ʁ/ nirgends beschreibt, scheint er in ihren Untersuchungen nicht oder nur so selten vorzukommen, dass sie den Prozess als nicht physiologisch im Sinne von zu selten vorkommend betrachtet. Wenn nun die Einschätzungen der praktizierenden Logopäd:innen im Kanton Schwyz verglichen werden mit den Daten aus Fox-Boyers Studien wird ersichtlich, dass der Laut /r/ respektive das Allophon /ʁ/ von monolingualen Kindern in Deutschland und von monolingualen Kindern im Kanton Schwyz grösstenteils unterschiedlich ersetzt wird. Ein Grund für diese Differenz könnte der jeweilige Artikulationsort sein. Während /r/ an den Alveolen gebildet wird, wird der Laut /ʁ/ uvular gebildet. Kinder, die einen oder mehrere Laute ersetzen, bilden den Laut häufig am gleichen Artikulationsort, jedoch durch eine andere Artikulationsart. So ist es naheliegend, dass ein Grossteil der Kinder im Kanton Schwyz die laterale Ersetzung am Zahndamm wählen anstelle der glottalen Ersetzung. Interessant wäre zu wissen, in welchem Gebiet/in welchen Gebieten Deutschlands FoxBoyer die Untersuchungen mit den Kindern gemacht hat. In einigen südlichen Regionen Deutschlands wird häufig der Laut /r/ anstelle des Lautes /ʁ/ gesprochen, also gleich wie im Kanton Schwyz. Da Fox-Boyer jedoch kein Prozess mit dem Zungenspitzen-R beschreibt,
37 gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die Probanden zu den gemachten Studien stammen nicht aus dem gesamten Deutschland und es hatte keine Kinder dabei, die den Laut /r/ (alveolar) gezeigt haben. Es könnte auch sein, dass die untersuchten Kinder aus ganz Deutschland kommen, Kinder, die das /r/ zeigen jedoch in der Minderheit waren und der Prozess so zu selten gezeigt wurde und es nicht auf die Liste der physiologischen Prozesse geschafft hat. Oder die untersuchten Kinder zeigten den Laut /r/, es gab jedoch dabei keine phonologischen Prozesse. Wie durch die gewonnenen Daten zu entnehmen ist, zeigen Kinder im Kanton Schwyz jedoch nicht ausschliesslich eine Lateralisierung des Lautes /r/. Weniger häufig wird von den praktizierenden Logopäd:innen auch eine konstante Elision oder noch etwas seltener die glottale Ersetzung eingeschätzt. Es gibt also auch Kinder im Kanton Schwyz, die den Laut gleich ersetzen wie Kinder in Deutschland. Das zeigen die Einschätzungen der Befragten, die angeben, eine Glottalisierung auch bei monolingualen Kindern im Kanton Schwyz zu beobachten. Bei der Befragung der logopädischen Fachpersonen wurden die Antworten zu monolingualen und multilingualen Kindern getrennt erfragt. Grund dafür ist, dass die untersuchten Kinder bei Annette V. Fox-Boyer allesamt monolingual aufwachsen. So konnten in dieser Arbeit die Einschätzungen der Befragten zur monolingualen Kindergruppe mit den Daten von FoxBoyer verglichen werden. Beim Vergleich zwischen den Einschätzungen zu monound zu multilingualen Kindern gibt es leichte Unterschiede (siehe Abbildungen 19, 20 und 21). Auch bei multilingualen Kindern wird eine Lateralisierung als am häufigsten vorkommend eingeschätzt. Darauf folgt die konstante Elision und anschliessend die glottale Ersetzung. Im Vergleich zu den Einschätzungen zu den monolingualen Kindern kommt eine Glottalisierung bei multilingualen Kindern etwas häufiger vor als bei monolingualen Kindern. Die Lateralisierung wird dagegen bei monolingualen Kindern häufiger beobachtet und eine konstante Elision zeigen monolinguale Kinder minimal häufiger als multilinguale Kinder. Insgesamt wird jedoch auch bei multilingualen Kindern eine laterale Ersetzung als die am häufigsten vorkommende Ersetzungsart eingeschätzt von den befragten Logopäd:innen. Wenn man nun die Antworten zu den multilingualen Kindern aus dem Kanton Schwyz mit den Daten von Fox-Boyer vergleicht, kommt man auf dasselbe Ergebnis wie beim Vergleich mit den monolingualen Schwyzer Kindern: Die häufigste Ersetzungsart im Kanton Schwyz bei multilingualen Kindern ist laut der gewonnenen Einschätzungen nicht dieselbe, wie aus den Untersuchungen von Annette V. Fox-Boyer. Es gibt jedoch einen Teil der Kinder, der den Laut /r/ glottal ersetzt und somit gleich wie Fox-Boyer es beschreibt. Durch den beschriebenen Vergleich können nun die Fragestellungen und die Hypothese beantwortet werden:
44 7 Abbildungsund Tabellenverzeichnis Abbildung 1: IPA Vokale (Graefen & Liedke-Göbel, 2020, S. 208) ......................................... 6 Abbildung 2: IPA Konsonanten (Graefen & Liedke-Göbel, 2020, S. 208) ............................... 6 Abbildung 3: Phoneme im Standarddeutschen (Konsonanten) (Grassegger, 2016,S. 88) ..... 9 Abbildung 4: Phoneme im Standarddeutschen (Vokale) (Grassegger, 2016, S. 89) .............10 Abbildung 5: Konsonanten im Zürichdeutschen (Fleischer & Schmid, 2006, S. 244) ............10 Abbildung 6: Konsonanten im Zürichdeutschen (Fleischer & Schmid, 2006, S. 246) ............ 11 Abbildung 7: Phon-Erwerb (Fox-Boyer, 2023, S. 66) ............................................................13 Abbildung 8: Phonem-Erwerb (Fox-Boyer, 2023, S. 66) .......................................................13 Abbildung 9: Physiologische phonologische Prozesse (Fox-Boyer, 2023, S. 74) ..................16 Abbildung 10: Bekanntheit phonologische Prozesse nach Fox-Boyer ..................................22 Abbildung 11: Glottalisierung bei monolingualen Kindern .....................................................23 Abbildung 12: Lateralisierung bei monolingualen Kindern ....................................................24 Abbildung 13: Konstante Elision bei monolingualen Kindern ................................................25 Abbildung 14: Glottalisierung bei multilingualen Kindern ......................................................27 Abbildung 15: Lateralisierung bei multilingualen Kindern ......................................................28 Abbildung 16: Konstante Elision bei multilingualen Kindern ..................................................29 Abbildung 17: Vergleich Ersetzungsarten bei monolingualen Kindern ..................................31 Abbildung 18: Vergleich Ersetzungsarten bei multilingualen Kindern ....................................32 Abbildung 19: Glottalisierung monound multilinguale Kinder ..............................................33 Abbildung 20: Lateralisierung monound multilinguale Kinder ..............................................34 Abbildung 21: Konstante Elision monound multilinguale Kinder .........................................35 Tabelle 1: Artikulationsarten (In Anlehnung nach Altmann & Ziegenhain, 2015; Grassegger, 2016; Kannengieser, 2019) ................................................................................................... 5 Tabelle 2: Phonetisches Inventar Standarddeutsch (Fox-Boyer, 2014) .................................. 7 Tabelle 3: Phonetisches Inventar Schweizerdeutsch (Fox-Boyer, 2014) ................................ 7 Tabelle 4: Strukturelle pathologische Prozesse (in Anlehnung an Fox-Boyer, 2023) .............17
45 Tabelle 5: Systemische pathologische Prozesse (in Anlehnung an Fox-Boyer, 2023) ...........18 Tabelle 6: Weitere Ersetzungen bei monolingualen Kindern .................................................26 Tabelle 7: Weitere Ersetzungen bei multilingualen Kindern ...................................................30
47 Anhang 2: Umfrage zur Realisierung des Lautes /r/ im Kanton Schwyz
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