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Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis

Malburg-Graf, Barbara,Zademach, Hans-Martin,Dornbach, Falk,Dudek, Simon,Graef, Marie,Jerjen, Damian,Kießling, Nadine,Kufeld, Walter,Miosga, Manfred,Neubauer, Petra,Pütz, Marco,Ritzinger, Anne,Saller, Raymond,Stark, Alexander,Warner, Barbara

Abstract

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Malburg-Graf, Barbara et al. Research Report Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis Positionspapier aus der ARL, No. 148 Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Malburg-Graf, Barbara et al. (2024) : Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis, Positionspapier aus der ARL, No. 148, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, https://doi.org/10.60683/66zc-c156 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/295734 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Geschäftsstelle der ARL: Dr. Barbara Warner, barbara.[email protected] Positionspapier aus der ARL 148 ISSN 1611-9983 (PDF-Version) Die PDF-Version ist unter https://www.arl-net.de/shop verfügbar (Open Access) CC_BY_SA 4.0 International Verlag der ARL – Hannover 2024 Sprachliches Lektorat: C. Burkhart Formales Lektorat: V. Mena Arias Satz und Layout: G. Rojahn, O. Rose Zitierempfehlung: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (Hrsg.) (2024): Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 148. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01489 https://doi.org/10.60683/66zc-c156 ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Vahrenwalder Str. 247 30179 Hannover Tel. +49 511 34842-0 Fax +49 511 34842-41 [email protected] www.arl-net.de www.arl-international.com Dieses Positionspapier wurde von den Mitgliedern der gemeinsamen Arbeitsgruppe der Landesarbeitsgemeinschaften Baden-Württemberg und Bayern „Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis“ der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft erarbeitet: Dr. Barbara Malburg-Graf, Plan_N, Weissach im Tal (Co-Leiterin der AG) Prof. Dr. Hans-Martin Zademach, KU Eichstätt-Ingolstadt (Co-Leiter der AG) Falk Dornbach, Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg, Stuttgart Dr. Simon Dudek, KU Eichstätt-Ingolstadt (Geschäftsführer der AG) Marie Graef, Universität Stuttgart Damian Jerjen, EspaceSuisse, Bern Dr. Nadine Kießling, Regionalverband Bodensee-Oberschwaben, Ravensburg Walter Kufeld, Regierung von Oberbayern, München Prof. Dr. Manfred Miosga, Universität Bayreuth Petra Neubauer, Stadt Villingen-Schwenningen PD Dr. Marco Pütz, Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, Birmensdorf Dr. Anne Ritzinger, Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung, München Dr. Raymond Saller, Landeshauptstadt München Alexander Stark, Regierung von Oberbayern, München Dr. Barbara Warner, Geschäftsstelle der ARL, Hannover Danksagung: Die Arbeitsgruppe bedankt sich bei Prof. Dr. Barbara Zibell und Dr. Ansgar Schmitz-Veltin für ihre kenntnisreichen Kommentare zu einer früheren Fassung dieses Papiers im Rahmen der Sitzung der Arbeitsgruppe am 30.11.2023 in Stuttgart. Zudem danken wir den Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) Baden-Württemberg und Bayern für weitere Kommentare, Fragen und Anregungen. Die LAG Baden-Württemberg hat eine Arbeitsfassung im Rahmen ihrer Sitzung in Freiburg in einem Workshop-Format konstruktiv diskutiert. Aus der LAG Bayern kamen wertvolle schriftliche Kommentare von Prof. Dr. Martin Kment, Dr. Theophil Weick und Dr. Peter Lintner. 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN 1 GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis Gliederung 1 Kontext und Motivation 2 Räumliche Planung für die große Transformation: Grundparadigmen und Perspektiv verschiebungen 3 Transformative Strategien und Praktiken in der räumlichen Entwicklung und Planung 3.1 Transformation als übergeordnetes öffentliches Interesse etablieren 3.2 Eine neue raumbezogene Governance für die Gestaltung der großen Transformation 3.3 Transformationskonzepte 3.4 Anpassung und Abweichung von Festlegungen in Raumordnungsplänen im Sinne der großen Transformation 3.5 Integrierte Transformationsräume als neues Instrument der räumlichen Planung 3.6 Verankerung einer freiraumaffinen Vorrangausweisung im kommunalen Finanzausgleich 4 Fazit: Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen – jetzt Literatur Kurzfassung Das vorliegende Positionspapier fasst Diskussionsergebnisse und Anregungen der gemeinsamen Arbeitsgruppe „Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung eines komplexen Konzepts in der regionalen und kommunalen Praxis“ der Landesarbeitsgemeinschaften Baden-Württemberg und Bayern für die Praxis der Raumplanung und Raumentwicklung zusammen. Es zielt darauf ab, die Diskrepanz zwischen dem Anspruch an eine Raumentwicklung, die vom Gedanken einer starken Nachhaltigkeit geleitet und auf das Ziel der großen Transformation im Sinne des WBGU (2011) orientiert ist, und einer oftmals ernüchternden Wirklichkeit der Planungspraxis zu verringern. Dazu zeigt das Papier konkrete Möglichkeiten auf, mit denen diese Implementierungslücke geschlossen werden kann. Es richtet sich vor allem an Vertreterinnen und Vertreter in Raumentwicklung, Raumplanung und Raumordnungspolitik, die sich mit zukunftsfähigen Planungsparadigmen auseinandersetzen und umsetzbare Lösungen suchen. Schlüsselwörter Große Transformation – Nachhaltige Raumentwicklung – Planungsund Raumentwicklungspraxis Practicing sustainable spatial development and transformation: Thoughts and insights with special focus on the regional and municipal scale Abstract This position paper summarises the results and suggestions of the joint working group ‘Making great transformation and sustainable spatial development a reality: Impulses for implementing a complex concept in regional and municipal practice’ of the Baden-Württemberg and Bavaria state working groups for the practice of spatial planning and development. It aims to reduce the discrepancy between the demand for spatial development that is guided by the idea of strong sustainability and orientated towards the goal of the great transformation as defined by the WBGU (2011) and the often sobering reality of planning practice. To this end, the paper identifies specific ways 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN2 in which this implementation gap can be closed. It is primarily aimed at representatives in spatial development, spatial planning and spatial planning policy who are concerned with sustainable planning paradigms and are looking for realisable solutions. Keywords Great Transformation – Sustainable Spatial Development – Planning and Spatial Development Practice 1 Kontext und Motivation Das Positionspapier schließt an den Diskurs des 2020 abgeschlossenen ARL-Arbeitskreises „Nachhaltige Raumentwicklung für die Große Transformation“ (Hofmeister/Warner/Ott 2021; Warner/ Malburg-Graf/Hofmeister et al. 2021) an und benennt weitergehende Umsetzungsoptionen für die Raumplanung und -entwicklung. Der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) hat betont, dass wir in sehr kurzer Zeit eine große Transformation umsetzen müssen, vor allem um die gesteckten Klimaschutz-Ziele zu erreichen und die Biodiversitätskrise zu bewältigen (WBGU 2011). Mit großer Transformation ist eine umfassende sozialökologische Transformation gemeint, die alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft einschließt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass wir uns hinsichtlich der Biodiversitätskrise und der Klimakrise sowie einer Reihe weiterer (Teil)Krisen in einer Situation befinden, die als Notlage eingestuft werden muss (Gilding 2019). Die Welt und die Räume, in denen wir leben, verstehen wir als Einheit von Natur-, Sozialund Wirtschaftsräumen, die durch ein wechselseitiges aufeinander Einwirken miteinander verbunden sind und durch soziale Praktiken geformt, geprägt und hervorgebracht werden. Entsprechend sind integrative und systemische, über Ressortund disziplinäre Grenzen hinausgehende Ansätze erforderlich. Als prozessorientiertes Konzept bedeutet nachhaltige Raumentwicklung, auf allen (Planungs-)Ebenen Verantwortung für globale und zukünftige Wirkungen gegenwärtigen Handelns zu übernehmen. Das Positionspapier richtet den Blick auf die konkrete Umsetzung nachhaltiger Raumentwicklung, die mit den Strategien der Suffizienz, Konsistenz und Effizienz einhergeht, auf der kommunalen und regionalen Ebene. Zwei Fragenkomplexe werden vertieft behandelt. Erstens: Welche Perspektivverschiebungen sind notwendig, um das Ziel einer transformativen Raumplanung und -entwicklung zu erreichen? Und zweitens: Was kann und sollte ganz konkret ‚gemacht‘ werden, das heißt, welche unmittelbaren Impulse müssen gesetzt werden und welche Governance, Instrumente und Praktiken sind erfolgversprechend für die große Transformation? 2 Räumliche Planung für die große Transformation: Paradigmen und Perspektivverschiebungen Die nachfolgenden Abschnitte legen offen, welche Leitprinzipien aus unserer Sicht besonders zentral für die Umsetzung der großen Transformation sind. Starke Nachhaltigkeit konsequent verfolgen, den sektoralen Ansatz überwinden Unsere Empfehlungen orientieren sich am Ansatz einer starken Nachhaltigkeit. Dies bedeutet, dass „Natur“ prinzipiell nicht durch menschliche Güter oder Leistungen ersetzt werden kann (siehe z.B. Warner/Malburg-Graf/Hofmeister et al. 2021). Demzufolge haben der Schutz der Biosphäre und der Biodiversität, die Eindämmung der Klimakrise und damit die Treibhausgas-Reduktion sowie eine schadstofffreie Umwelt oberste Priorität. Eine chancenund verteilungsgerechte Gesellschaft wird durch gemeinwohlorientierte Ökonomien innerhalb dieser Leitplanken entfaltet, ermöglicht 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN 9 3.4 Anpassung und Abweichung von Festlegungen in Raumordnungsplänen im Sinne der großen Transformation Raumordnungspläne sollen Beständigkeit und Kohärenz in der Planung sichern. Die Festlegungen gelten für circa 10 bis 20 Jahre. Die Langlebigkeit und damit (teilweise) verbundene Starrheit und Trägheit von nichttransformativen Festlegungen können gegenüber den Zielen einer großen Transformation kontraproduktiv sein, wenn die - aufgrund der Dringlichkeit der großen Transformation notwendigen - schnellen Reaktionen auf neue Anforderungen nicht möglich sind. Bisherige Praktiken zur kurzfristigen Anpassung und Abweichung von Festlegungen in Raumordnungsplänen aufgrund neuer Erfordernisse, etwa durch Planänderungsoder auch für atypische Fälle als Zielabweichungsverfahren (§ 6 Abs. 2 ROG) in Deutschland oder Richtplananpassungen (Art. 9 RPG) in der Schweiz, gehen häufig zulasten des Freiraums und zugunsten von Infrastruktur und Siedlung. Es gibt keine Pflicht zur zügigen Anpassung bzw. Abweichung von Raumordnungsplänen bei Anliegen der großen Transformation. Zudem zeigt sich, dass etwa die Art der Durchführung von Zielabweichungsverfahren auch von der zuständigen Behörde abhängt. Im Kontext von Energiewende und Freiraumsicherung zeigen sich Schwierigkeiten, transformative Anpassungen bzw. Abweichungen von Raumordnungsplänen vornehmen zu können. So kann es in einem Vorranggebiet für Wohnungsbau unzulässig sein, ein Biomasseheizkraftwerk zu errichten – trotz mangelnder Alternativen. Eine enge Auslegung der Schutzziele regionaler Grünzüge kann den Ausbau erneuerbarer Energien aus Gründen des Landschaftsbildes hemmen. Es mangelt an einer transformativ-strategischen Entwicklung von Freiräumen, z.B. als Vorranggebiete für Klimawandelanpassung. Raumordnerische Festlegungen sind zum Teil veraltet und es braucht Jahre, diese in Gesamtoder Teilfortschreibungen anzupassen. Andererseits zeigen Beispiele, dass zügige Änderungen von Raumordnungsplänen möglich sind, z.B. infolge der Umsetzung der Flächenziele nach dem Wind-an-Land-Gesetz oder als vorhabenbezogene (beschleunigte) Teilfortschreibung eines Regionalplans in Deutschland oder der Teilrevision des Schweizer RPG im Bereich Siedlung. Wir empfehlen, Maßnahmen vorzusehen zur schnelleren Änderung von Raumordnungsplänen und in speziellen Fällen zur Abweichung von Festlegungen in Raumordnungsplänen für Vorhaben, die im überragenden öffentlichen Interesse der großen Transformation liegen (vgl. 3.1) und im Sinne einer starken Nachhaltigkeit sind (vgl. 2). Anpassungen und Abweichungen von Festlegungen, die der großen Transformation entgegenstehen, sollten vermieden werden. In Deutschland könnten die Voraussetzungen für Zielabweichungsverfahren auf Vorhaben im überragenden öffentlichen Interesse der großen Transformation beschränkt werden. In der Schweiz könnte die Richtplananpassung für transformative Änderungen verpflichtend werden. Für Regionalplanänderungen könnte in Deutschland ein der Richtplananpassung nach Art. 9 RPG ähnliches Instrument eingeführt werden. Dadurch könnten Maßnahmen, die für die große Transformation notwendig sind, forciert werden, auch wenn die Voraussetzungen für ein Zielabweichungsverfahren nicht gegeben sind. Bei der Anpassung und Abweichung von nichttransformativen Festlegungen sind noch viele Fragen zu klären, z.B. zu zeitlichen Fristen, dem Verfahren, den zuständigen Behörden und der Legitimation. Zudem dürfen diese Instrumente nicht für nichttransformative Zielsetzungen und Einzelinteressen ausgenutzt werden. 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN10 3.5 Integrierte Transformationsräume als neues Instrument der räumlichen Planung Passend zu den Empfehlungen des Hauptgutachtens des WBGU (2020) schlagen wir vor, eine neue Raumkategorie „Integrierte Transformationsräume ITR“ zu etablieren. Zentrales Anliegen dieser Kategorie ist es, die im Gutachten als für die große Transformation dringend erforderlich genannten Mehrgewinnstrategien und Mehrfachnutzungen räumlich umzusetzen. Das kann z.B. erfolgen indem eine Fläche mehrere Nutzungsanforderungen erfüllt. Dazu gehören insbesondere die Regeneration und Stabilisierung der Biosphäre und der Artenvielfalt zusammen mit Anpassungen an den Klimawandel und Maßnahmen zum Klimaschutz. Geeignete Räume sind zunächst als Experimentier-, Pionieroder Modellräume auszuweisen, und dies möglichst sowohl großräumig (auch grenzüberschreitend) als auch kleinräumig (z.B. auf Quartiersebene), um hier Erfahrungswissen zu sammeln, das später in die Breite getragen werden kann („Transformation der unterschiedlichen Geschwindigkeiten“). Welche räumlichen Einheiten sich in einem ersten Schritt für die Ausweisung als Transformationsraum eignen, ist Gegenstand weiterer Untersuchungen und Aushandlungsprozesse. Für jede ausgewiesene räumliche Einheit sind verbindliche, terminierte und messbare Aussagen und Zielsetzungen im Sinne der oben genannten Grundperspektiven zu treffen. Dabei sollen die Ziele bzw. Zielbündel im Sinne der Transformationsbereiche der DNS festgelegt werden. Die Kategorie ITR schafft dann Spielraum für Experimente und neue Initiativen wie Zwischennutzungen, Modellvorhaben und Pilotprojekte. Somit werden Transformationsräume zu Chancenräumen für die Transformation; gleichzeitig bietet die Transformation diesen Räumen Chancen, ihre Potenziale in Wert zu setzen. 3.6 Verankerung einer freiraumaffinen Vorrangausweisung im kommunalen Finanzausgleich Das Gelingen der großen Transformation hängt maßgeblich von einer angemessenen Finanzausstattung der Gebietskörperschaften ab, die eine adäquate Ausstattung mit personellen Ressourcen ermöglichen soll. Zugleich werden die entscheidenden Anreize für transformative Prozesse durch Finanzierungsinstrumente gesetzt. Zentraler Hebel dafür ist die Steuerpolitik: Sie muss eine stärkere Steuerungswirkung im Sinne der großen Transformation entfalten. Alternative Steuerund Abgabenformen sind beispielsweise Energiesteuern oder Lenkungsabgaben auf Technologien mit negativen Externalitäten. Konkret schlagen wir die Verankerung von Raumordnungsklauseln in Finanzierungsinstrumenten vor. Dies setzt voraus, dass auf allen Planungsebenen konkrete und strikte raumordnerische Steuerungsinstrumente (wie Vorranggebiete für Klimaschutz und für die Anpassung an den Klimawandel, regionale Grünzüge, auch: Integrierte Transformationsräume, vgl. 3.5) festgelegt werden, an denen sich die Verteilung öffentlicher Mittel orientiert. Als Beispiele sind etwa der Mehrwertausgleich in der Schweiz oder das Modell der freiraumaffinen Vorrangausweisung als Grundlage für Zuwendungen im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs (Weick 2022) zu nennen, bei denen kommunale Einnahmen als Anreiz zur Verringerung der Flächenneuinanspruchnahme dienen. Das Instrument wirkt somit etwa der exzessiven Ausweisung von Gewerbeflächen entgegen und steigert die Akzeptanz von Maßnahmen zur Flächensicherung im öffentlichen Interesse. Analog muss die Gemeindefinanzierung Planungssicherheit für transformative Projekte gewährleisten. 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN 11 4 Fazit: Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen – jetzt Eine unverzügliche Konkretisierung der umfassenden Ziele und Anliegen der großen Transformation und einer nachhaltigen Raumentwicklung ist machbar und dringend notwendig. Weil wir im Angesicht multipler, miteinander verflochtener globaler und regionaler Krisen – insbesondere der Biodiversitätsund Klimakrise – eine Notlage erkennen, rufen wir die in Politik und Planung Verantwortlichen zu den notwendigen Schritten auf, die viel zu große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nachhaltiger Raumentwicklung zu schließen. Das Positionspapier macht konkrete Vorschläge, wie gewohnte Paradigmen und Strategien der Raumplanung und -entwicklung überdacht werden müssen und welche neuen Ansätze und Wege es braucht. Wir sind davon überzeugt, dass wir das Prinzip der starken Nachhaltigkeit und die Überwindung sektoralen Denkens in der räumlichen Entwicklung und Planung einführen müssen. Dazu sind der konsequente Schutz und die entsprechende Bewertung von Ökosystemleistungen sowie die ebenso konsequente Internalisierung aller ökologischen und sozialen Kosten nichtnachhaltiger Praktiken erforderlich. Allgemein anerkannte und zum Teil schon jetzt bzw. seit Längerem gesetzlich verankerte Zielgrößen sollten unbedingt im Sinne eines konsequenten Klimaund Ressourcenschutzes konkretisiert werden. Dazu braucht es konsistente, regionalspezifische und verbindliche Zielsysteme für eine nachhaltige Raumentwicklung. In Form von Transformationskonzepten als verbindliche Grundlage für formelle Instrumente sollten in jedem Bezugsraum – Regionen und Kommunen – auf der Basis dieser Zielsysteme Handlungsprogramme für die Umsetzung der großen Transformation ausgearbeitet werden. Die große Transformation muss als übergeordnetes öffentliches Interesse etabliert werden. Zu ihrer Gestaltung wird eine neue raumbezogene Governance benötigt. Hierzu ist ein Kulturwandel in der räumlichen Planung und Entwicklung dergestalt notwendig, dass stärker umsetzungsorientiert agiert wird. Als konkrete transformative Strategien und Praktiken für die räumliche Planung empfehlen wir Transformationskonzepte, transformative Zielabweichungsverfahren (tZAV) und Integrierte Transformationsräume (ITR). Ein Wirken in der Fläche wird eine flankierende rechtliche Rahmensetzung (Fordern) bezüglich einer transformativen Neuausrichtung öffentlicher Finanzierung (Fördern) zwingend erforderlich machen. Diese Ansätze müssen weitergedacht und konkretisiert werden, damit daraus Planungspraxis werden kann. Unsere Arbeitsgruppe versteht sich selbst als Teil eines Prozesses, hat das in der Gruppe vorhandene Wissen gebündelt und damit eine Reihe von neuen Fragen und Konkretisierungsbedarf aufgeworfen. Wir laden dazu ein, mit uns in den Diskurs über die in diesem Papier ausgeführten Ideen und Vorschläge einzutreten. Wir fordern Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf, das Projekt „große Transformation“ in und durch Raumplanung und -entwicklung mit aller Tatkraft voranzutreiben und durchzusetzen. Literatur Bauriedl, S.; Held, M.; Kropp, C. (2021): Große Transformation zur Nachhaltigkeit: Konzeptionelle Grundlagen und Herausforderungen. In: Hofmeister, S.; Warner, B.; Ott, Z. (Hrsg.): Nachhaltige Raumentwicklung für die große Transformation – Herausforderungen, Barrieren und Perspektiven für Raumwissenschaften und Raumplanung. =Forschungsberichte der ARL 15. Hannover, 22–44. Bündnis –ARL Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft LAG Bayern; ALR Bayerische Akademie Ländlicher Raum e.V.; Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V.; BAYIKA Bayerische Ingenieurekammer Bau; BDA Bund Deutscher Architektinnen und Architekten; BDLA Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Bayern e.V.; BN BUND Naturschutz in Bayern e.V.; CIPRA Deutschland e.V.; DASL Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung e.V. Landesgruppe Bayern; DVL Deutscher Verband für Landschaftspflege e.V.; Energieund Klimaallianz Forchheim e.V.; forum1.5 Mittelfranken e.V. i.G.; KLJB Katholische Landjugendbewegung Bayern; KLB Katholische Landvolkbewegung Bayern; Münchner Forum e.V.; 148 _ GROSSE TRANSFORMATION UND NACHHALTIGE RAUMENTWICKLUNG MACHEN12 VBI Verband Beratender Ingenieure LV Bayern e.V.; VFB Verband Freier Berufe in Bayern e.V.; VfN Verein für Nachhaltigkeit e.V.; SRL Vereinigung für Stadt-, Regionalund Landesplanung e.V. RG Bayern; Mitwirkende Professuren der TU München (2022): Plädoyer für einen Neustart. Gemeinsame Stellungnahme des Bündnis „Wege zu einem besseren LEP“ und der Initiative „Offener Appell für ein zukunftsfestes Bayern“ zur Teilfortschreibung des LEP 2022. https://www.byak.de/aktuelles/newsdetail/plaedoyer-fuer-einen-neustart.html (04.05.2024). BMUV – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (2023): Planetare Belastbarkeitsgrenzen. https://www.bmuv.de/themen/nachhaltigkeit-digitalisierung/nachhaltigkeit/integriertes-umweltprogramm-2030/ planetare-belastbarkeitsgrenzen. (04.05.2024). Bundesregierung (2021): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Weiterentwicklung 2021. https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/L/landesplanung/Downloads/zentrale_orte_stadtrandkerne. html?nn=abe03b36-ce7f-4acd-b470-e73ebcf936fe (04.05.2024). Fisahn, A. (2023): Bremst EU-Recht die sozial-ökologische Transformation aus? Eine juristische Bewertung. = Working Paper Forschungsförderung 267. Düsseldorf. Gilding, P. (2019): Climate emergency defined. What is climate emergency and does the evidence justify one?. Melbourne. https://www.breakthroughonline.org.au/_files/ugd/148cb0_3be3bfab3f3a489cb9bd69e42ce22e7c.pdf (04.05.2024). Hofmeister, S.; Warner, B.; Ott, Z. (Hrsg.) (2021): Nachhaltige Raumentwicklung für die große Transformation. Herausforderungen, Barrieren und Perspektiven für Raumwissenschaften und Raumplanung. = Forschungsberichte der ARL 15. Hannover. Jacob, D.; Birkmann, J.; Bollig, M.; Bonn, A.; Nöthlings, U.; Ott, K.; Quaas, M.; Reichstein, M.; Scholz, I.; MalburgGraf, B.; Sonntag, S. (2022): Research priorities for sustainability science. = DKN Position Paper. Hamburg. https://hdl.handle.net/21.11116/0000-000A-0098-A (04.05.2024). Rockström, J.; Gupta, J.; Qin, D.; Lade, S. J.; Abrams, J. F.; Andersen, L. S.; Armstrong McKay, D. I.; Bai, X.; Bala, G.; Bunn, S. E.; Ciobanu, D.; DeClerck, F., Ebi, K.; Gifford, L.; Gordon, C.; Hasan, S.; Kanie, N.; Lenton, T. M.; Loriani, S.; Liverman, D. M.; Mohamed, A.; Nakicenovic, N.; Obura, D.; Ospina, D.; Prodani, K.; Rammelt, C.; Sakschewski, B.; Scholtens, J.; Stewart-Koster, B.; Tharammal, T.; van Vuuren, D.; Verburg, P. H.; Winkelmann, R.; Zimm, C.; Bennett, E. M.; Bringezu, S.; Broadgate, W.; Green, P. A.; Huang, L.; Jacobson, L.; Ndehedehe, C.; Pedde, S.; Rocha, J.; Scheffer, M.; Schulte-Uebbing, L.; de Vries, W.; Xiao, C.; Xu, C.; Xu, X.; Zafra-Calvo, N.; Zhang, X. (2023): Safe and just earth system boundaries. In: Nature 619, 102–111. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06083-8 Roggendorf, W.; Scholl, B.; Scholles, F.; Schönwandt, W.; Signer, R. (2011): Methoden der Raumplanung. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Grundriss der Raumordnung und Raumentwicklung. Hannover, 279–377. Schäfer, S.; Everts, J. (Hrsg.) 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Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft „Urbane Produktion" der Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01474 146 Die Reaktivierung von Schienenstrecken als Strategie der integrierten Raumentwicklung – Chancen nutzen und Hemmnisse überwinden. Positionspapier des Arbeitskreises „Reaktivierung von Schienenstrecken als Instrument einer integrierten Raumentwicklung“ der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01466 145 Neue Planungsgrundlagen für erneuerbare Energien – Herausforderungen und Lösungsvorschläge. Positionspapier des Ad-hoc-Arbeitskreises „Windenergie an Land“ der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01458 144 Mobilität, Erreichbarkeit und soziale Teilhabe – Für eine gerechtere Raumund Verkehrsentwicklung. Positionspapier von Mitgliedern des Arbeitskreises „Mobilität, Erreichbarkeit und soziale Teilhabe“ der ARL. Hannover, 2023. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01448 143 Handlungsempfehlungen für die planerische Steuerung der Krankenhausversorgung in Nordwestdeutschland. Positionspapier aus der Arbeitsgruppe „Planerische Steuerung der Krankenhausversorgung in Nordwestdeutschland“ der Landesarbeitsgemeinschaft Bremen / Hamburg / SchleswigHolstein / Niedersachsen der ARL. Hannover, 2023. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01437 142 Die Zukunft der Regionen in Nordrhein-Westfalen gestalten – Eine gemeinsame Aufgabe von Regionalplanung und Regionalentwicklung. Positionspapier aus der Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Verhältnis von Regionalentwicklung und Regionalplanung“ der Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen der ARL. Hannover, 2023. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01425 141 Ökosystemleistungen in der räumlichen Planung – Chancen und Handlungsoptionen. Positionspapier von Mitgliedern des Arbeitskreises „Ökosystemleistungen in der räumlichen Planung“ der ARL. Hannover, 2022. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01412 ISSN 1611-9983 ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft [email protected] · www.arl-net.de · www.arl-international.com