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Studiengang Psychomotoriktherapie Bachelorarbeit Perspektive Prävention: Psychomotoriktherapie und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Welche Rolle die Psychomotoriktherapie in der Förderung der psychischen Gesundheit im Kindesund Jugendalter einnehmen kann. Eingereicht von: Michelle Mathys Begleitperson: Annette Krauss Zweite Fachperson: Vera Simon Datum der Abgabe: 16.05.2025 Abbildung 1: Eigene Darstellung, erstellt mit KI-gestütztem Tool
Abstract Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Vor dem Hintergrund zunehmender psychischer Belastung untersucht diese Arbeit, welche Rolle die Psychomotoriktherapie in der Förderung der psychischen Gesundheit im Kindesund Jugendalter einnehmen kann. Basierend auf theoretischen Grundlagen sowie sechs qualitativen Interviews mit einem Experten und fünf Expertinnen aus Berufspolitik, Forschung und Praxis werden zentrale Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit identifiziert. Zudem wird analysiert, inwiefern sich die Psychomotoriktherapie für die Gestaltung und Umsetzung präventiver Angebote eignet und wie diese in der Praxis konkret realisiert werden können. Die Ergebnisse zeigen, dass die Förderung individueller Ressourcen ein zentrales Element der Förderung der psychischen Gesundheit darstellt. Die Psychomotoriktherapie mit ihrer Ressourcenorientierung eignet sich sehr, präventive Angebote zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu implementieren. Die Psychomotorik kann sich einer Vielzahl geeigneter Methoden bedienen, um individuelle Ressourcen über körperund erlebnisorientierte Zugänge zu stärken. Für eine nachhaltige Umsetzung braucht es jedoch strukturelle Veränderungen. Dazu gehören die Integration der Prävention ins Grundpensum, mehr finanzielle und personelle Ressourcen, eine unermüdliche Positionierung, klare Rahmenbedingungen sowie die Entwicklung und Evaluation spezifischer psychomotorischer Programme.
Danksagung Ich bedanke mich herzlich bei allen, die mich während des Entstehungsprozesses dieser Arbeit unterstützt haben. Ein grosser Dank gilt meiner Begleitperson Annette Krauss, die mich während des gesamten Arbeitsprozesses begleitet hat und mir wertvolle Impulse für die Entwicklung dieser Arbeit geben konnte. Mein herzlicher Dank gilt dem Experten und den Expertinnen, die sich Zeit für ein Gespräch genommen haben. Durch ihr Fachwissen und ihren reichen Erfahrungsschatz haben sie meine Arbeit wesentlich bereichert. Ihre Einblicke waren für meine Forschung von grossem Wert. Ein besonderer Dank gilt meiner Familie, meinem Partner und meinen Freundinnen für ihre Geduld, ihre aufmunternden Worte und den unerschütterlichen Glauben an mich.
Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung ......................................................................................................................1 1.1 Ausgangslage ...................................................................................................... 1 1.2 Persönlicher Bezug ............................................................................................. 2 1.3 Ziel der Arbeit und Fragestellung ....................................................................... 2 1.4 Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit ...................................................... 3 2 Theoretische Grundlagen ............................................................................................4 2.1 Definition psychische Gesundheit ...................................................................... 4 2.2 Psychische Auffälligkeiten im Kindesund Jugendalter .................................. 4 2.2.1 Prävalenz psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen............................... 5 2.2.2 Zusammenspiel von Belastungen und Ressourcen .......................................................... 6 2.3 Prävention ............................................................................................................ 6 2.3.1 Relevanz ............................................................................................................................ 7 2.3.2 Schule und Prävention ....................................................................................................... 8 2.3.3 Lehrplan 21 und Prävention ............................................................................................... 9 2.3.4 Prävention psychischer Auffälligkeiten ............................................................................ 10 2.4 Psychomotoriktherapie ......................................................................................13 2.4.1 Entstehung und Einflüsse der Psychomotoriktherapie .................................................... 13 2.4.2 Verankerung der Psychomotoriktherapie in der Schweiz ................................................ 14 2.4.3 Psychomotoriktherapie und Prävention ........................................................................... 14 2.4.4 Ansätze der Psychomotoriktherapie mit Wirkung auf die psychische Gesundheit ......... 15 3 Forschungsmethodik ................................................................................................. 18 3.1 Auswahl und Beschreibung der Erhebungsmethode ......................................18 3.2 Datenerhebung ....................................................................................................18 3.2.1 Stichprobe ........................................................................................................................ 18 3.2.2 Datenaufbereitung ........................................................................................................... 20 3.2.3 Datenauswertung ............................................................................................................. 20 3.3 Verwendete Materialien und technische Hilfsmittel .........................................21 3.4 Methodenkritik ....................................................................................................21 4 Darstellung der Ergebnisse ....................................................................................... 23 4.1 Handlungsbedarf und gesellschaftliche Entwicklungen ..................................23 4.2 Ist-Zustand ..........................................................................................................23 4.2.1 Akteure ............................................................................................................................. 24
4.2.2 Bestehende Ansätze und Programme ............................................................................. 24 4.3 Die Schule als Setting .........................................................................................25 4.3.1 Chancen und Möglichkeiten ............................................................................................ 25 4.3.2 Schwierigkeiten und Herausforderungen ........................................................................ 25 4.3.3 Die Schule als System ..................................................................................................... 25 4.4 Zukunftsaussichten und Umsetzungsmöglichkeiten .......................................26 4.4.1 Wünsche an das System ................................................................................................. 26 4.4.2 Entwicklungspotenzial ..................................................................................................... 27 4.4.3 Anknüpfungspunkte und Vorgehensweisen .................................................................... 27 4.5 Psychomotorik und Prävention .........................................................................28 4.5.1 Fördersettings und Zielgruppe ......................................................................................... 28 4.5.2 Aktuelle Bestrebungen der Psychomotoriktherapie......................................................... 29 4.5.3 Interdisziplinarität ............................................................................................................. 31 4.6 Handlungsfelder und Anknüpfungspunkte der Psychomotorik ......................32 4.6.1 Strukturelle Ebene und Entwicklungsbedarf .................................................................... 32 4.6.2 Interventionen und Förderbereiche.................................................................................. 32 4.6.3 Haltung und Haltungstransfer der Psychomotorik ........................................................... 34 4.6.4 Mut zur Positionierung ..................................................................................................... 34 4.7 Stolpersteine und Grenzen der Psychomotorik ................................................35 5 Diskussion .................................................................................................................. 36 5.1 Diskussion der Ergebnisse entlang der Forschungsfragen ............................36 5.2 Schlussfolgerungen für die psychomotorische Praxis ....................................43 5.3 Ausblick ...............................................................................................................43 6 Literaturverzeichnis .................................................................................................... 44 7 Abbildungsverzeichnis............................................................................................... 51 8 Tabellenverzeichnis .................................................................................................... 51 9 Anhang ........................................................................................................................ 52 9.1 Interviewleitfaden ................................................................................................52 9.2 Codierleitfaden ....................................................................................................55 9.3 Beispiel-Transkript mit Codierung .....................................................................62
1 1 Einleitung 1.1 Ausgangslage Seit einiger Zeit erscheinen immer wieder Zeitungsartikel und Nachrichtenbeiträge, welche thematisieren, dass Kinder und Jugendliche psychisch stark belastet sind. Die mediale Präsenz der Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist hoch. Gemäss Pro Juventute (n.d.) sind sämtliche Stellen stark gefordert, das Versorgungssystem ist überlastet, die Zahl der Anmeldungen in Ambulatorien ist dramatisch gestiegen und die Wartezeiten für ambulante Termine sind lang. Der Wunsch nach präventiven Angeboten zur Stärkung der Resilienz und der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird von verschiedenen Seiten geäussert. Die Schule wird zunehmend in die Verantwortung gezogen, nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort der Sensibilisierung für die Themen psychische und körperliche Gesundheit sowie gesundheitsförderliches Verhalten zu sein (Reis et al., 2023). Die Psychomotoriktherapie in der Schweiz ist eng mit dem schulischen Kontext verbunden. Als Fachrichtung, die stets im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Phänomenen und ihren Bezugswissenschaften betrachtet werden muss, birgt sie Potenzial, dieser gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden (Kuhlenkamp, 2022). Das Berufsbild nach Psychomotorik Schweiz (2021) besagt, dass die Psychomotoriktherapie als Profession an der Schnittstelle von Bildung und Gesundheit angesiedelt ist. Ausserdem wird sie nicht nur therapeutisch, sondern auch vorbeugend eingesetzt. Einerseits sollen die Entwicklung und die Fähigkeiten von Kindern gefördert werden und andererseits kann möglichen Schwierigkeiten und Entwicklungsauffälligkeiten entgegengewirkt werden. Das Theoriegebilde der Psychomotorik wurde durch die Entwicklungen in den Bezugswissenschaften in den letzten Jahren mit Erkenntnissen der Gesundheitsförderung und der Resilienzforschung erweitert (Kuhlenkamp, 2022). Bewegungstherapeutische Massnahmen haben sich bei der Behandlung von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen bereits etabliert. Gemäss Thimme, Deimel und Hölter (2021) treffen diese Angebote die Lebenswelt junger Menschen und können an zentralen Bedürfnissen und wichtigen Ressourcen anknüpfen. Dabei begünstigen sie erhoffte Veränderungen in Persönlichkeitsbereichen jenseits der Motorik.
2 1.2 Persönlicher Bezug Das Thema dieser Arbeit entstand aus zahlreichen Gesprächen und Diskussionen mit meiner Mutter, die seit vielen Jahren immer wieder mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Aus ihren persönlichen Erfahrungen in Kindheit und Schulzeit entwickelte sich bei ihr die feste Überzeugung, dass (psychische) Gesundheit bereits dann gefördert und wichtige Kompetenzen gestärkt werden sollten, bevor überhaupt Probleme auftreten. Ihr zeigte sich die Wichtigkeit, dass Angebote früh ansetzen, dass viele davon profitieren können, dass Schlüsselkompetenzen früh gefördert werden und somit allfällige spätere Probleme vermindert oder gar verhindert werden können. Obwohl ihre Kindheit in einem kleinen, ländlichen Dorf schon einige Jahre zurückliegt, zeigten unsere Gespräche, dass dieser präventive Ansatz, insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit, noch immer zu wenig Beachtung findet. Während meines Studiums reifte in mir die Idee, dass die in der Psychomotoriktherapie vermittelten Grundlagen das Potenzial bieten, um die Wünsche meiner Mutter in die Praxis umzusetzen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich die Psychomotoriktherapie in diesem Bereich bislang nicht ausreichend positioniert oder etabliert hat. 1.3 Ziel der Arbeit und Fragestellung Die vorliegende Bachelorarbeit soll aus verschiedenen Perspektiven aufzeigen, welche Möglichkeiten sich der Psychomotoriktherapie bezüglich der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bietet. Ziel ist es, Einflussfaktoren zu identifizieren, die für die Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von Bedeutung sind. In diesem Zusammenhang wird untersucht, inwiefern sich die Psychomotoriktherapie eignet, präventive Angebote im Bereich der psychischen Gesundheit zu gestalten und umzusetzen. Zudem wird beleuchtet, wie ein solches Angebot in der Praxis umgesetzt werden kann. Mit Fokus auf diesen Zielen lassen sich aus der beschriebenen Ausgangslage folgende Fragestellungen ableiten: • Welche Faktoren sind in der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von Bedeutung? • Inwiefern eignet sich die Psychomotoriktherapie, präventive Angebote hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu implementieren? • Wie könnte ein präventives Angebot zur psychischen Gesundheit durch die Psychomotoriktherapie umgesetzt werden?
3 Mit der Beantwortung dieser Fragestellungen möchte diese Arbeit einen Denkanstoss für weitere Bemühungen in diese Richtung geben und das Feld der Psychomotorik dazu anregen, sich in diesem Bereich mehr zu etablieren. 1.4 Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit Zu Beginn der Arbeit findet eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Zunächst wird der Begriff der psychischen Gesundheit definiert und ein Überblick über psychische Auffälligkeiten im Kindesund Jugendalter gegeben. Durch die Darstellung der Prävalenzdaten wird der Handlungsbedarf deutlich gemacht. Der Begriff der Prävention wird konkretisiert und die Schule als zentrales Handlungsfeld vorgestellt. Anschliessend richtet sich der Fokus auf die Psychomotoriktherapie. Es werden die Einflüsse der Psychomotoriktherapie und verschiedene Ansätze dargestellt, die einen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben können. Durch das Einflechten der Berufspolitik werden der aktuelle Stand und das präventive Potenzial der Psychomotoriktherapie im Kontext psychischer Gesundheit aufgezeigt. Im empirischen Teil der Arbeit wurden sechs Interviews mit Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen geführt. Auf der Grundlage der Erkenntnisse aus der Literatur wurden Fragen für die Interviews formuliert. Das methodische Vorgehen wird im Kapitel 3 vorgestellt. In der Diskussion werden die Ergebnisse aus den Interviews mit dem theoretischen Wissen verknüpft und die Fragestellungen werden beantwortet. Zum Schluss folgt ein Ausblick in die Praxis.
4 2 Theoretische Grundlagen 2.1 Definition psychische Gesundheit Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2005) beschreibt die psychische Gesundheit als einen Zustand, in dem sich eine Person wohlfühlt, ihre eigenen Fähigkeiten erkennt, mit alltäglichen Herausforderungen umgehen kann, leistungsfähig ist und sich aktiv in das gesellschaftliche Leben einbringen kann. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) (2015) umfasst die psychische Gesundheit Aspekte wie das Wohlbefinden, Zufriedenheit, Selbstbewusstsein, Beziehungsfähigkeit, Alltagsbewältigung und Arbeitsfähigkeit. Eine Person ist dann psychisch gesund, wenn sie ein stabiles Selbstwertgefühl, eine gefestigte Identität sowie das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Handlungskontrolle hat. Zudem nimmt sich eine psychisch gesunde Person meist als optimistisch, zuversichtlich und ausgeglichen wahr. Psychische Gesundheit bedeutet folglich mehr als nur das Fehlen einer psychischen Erkrankung. Die psychische Gesundheit ist ein vielschichtiger Prozess, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Es spielen individuelle Aspekte sowie sozio-ökonomische, kulturelle und ökologische Faktoren eine massgebliche Rolle. Die psychische Gesundheit wird durch Faktoren wie psychisches Wohlbefinden, psychische Belastungen und psychische Erkrankungen definiert. 2.2 Psychische Auffälligkeiten im Kindesund Jugendalter Die oben genannte Definition der WHO (2005) betrifft hauptsächlich Erwachsene, kann jedoch auch auf Kinder und die Besonderheiten ihrer Umgebung angepasst werden (Gentaz, 2022). «Eine psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen liegt vor, wenn das Verhalten und/ oder Erleben bei Berücksichtigung des Entwicklungsalters abnorm ist und/oder zu einer Beeinträchtigung führt» (Steinhausen, 2019, S. 21). In diesem Entwicklungsabschnitt sind die meisten psychischen Auffälligkeiten von der Wechselwirkung zwischen Kind und sozialer Umgebung beeinflusst und deshalb vielfach stark situationsspezifisch (ebd.). Bei der Bewertung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sollte berücksichtigt werden, dass sie sich in einer Entwicklungsphase befinden, die von schnellen Veränderungen in ihrer körperlichen, kognitiven und emotionalen Entwicklung geprägt ist. Daher können bestimmte Auffälligkeiten entwicklungsbedingt sein und nicht zwangsläufig auf eine psychische Störung hinweisen (Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2020). Die genauen psycho-physiologischen Prozesse1, die bei manchen Kindern zu psychischen Störungen führen oder sie widerstandsfähig machen, sind noch nicht vollständig geklärt. Allerdings ist 1 Die Psychophysiologie befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen psychischen Vorgängen und den zugrunde liegenden körperlichen Prozessen (Fahrenberg, 2023).
11 über die Problemlage beinhalten, positive Effekte zeigen. Die Kombination aus physiologischen und kognitiven Prozessen scheint die Wirksamkeit von Programmen zu begünstigen. Es zeigt sich eine höhere Wirksamkeit bei interaktiven und strukturierten Programmen. Dies ist dadurch zu begründen, dass diese Massnahmen auf einer soliden wissenschaftlichen Basis aus der Lerntheorie beruhen und dass sie sich in der Planung und Durchführung an wichtigen und wirkungsvollen Gestaltungsprinzipien orientieren. Hennemann et al. (2017) betonen die Bedeutung von Schutzfaktoren für Präventionsprogramme. Im pädagogischen Kontext sind insbesondere die schützende Wirkung eines positiven Selbstwertgefühls und die damit einhergehende Selbstwirksamkeitserwartung, ein positives Sozialverhalten sowie ein hohes Mass an aktiver Stressbewältigung von Bedeutung. Die Stärkung dieser Faktoren sollte bei gut fundierten Präventionsmassnahmen berücksichtigt werden. Gemäss Gentaz (2022) kann auf verschiedenen Ebenen angesetzt werden, um die psychische Gesundheit von Kindern zu fördern und zu stärken. Wie bereits vorangehend in dieser Arbeit erwähnt, bietet sich dabei eine Förderung und Stärkung interner und externer Ressourcen an. Als bedeutende externe Ressourcen nennt er die Notwendigkeit Elternkompetenzen zu fördern und Chancenungleichheit abzubauen. Nachfolgend werden die von ihm genannten internen Aspekte, welche von der Forschung bestätigt, miteinander verknüpft und systemisch sind, dargestellt und mit der passenden Theorie hinsichtlich der Wirkung auf die psychische Gesundheit dargelegt.
12 Tabelle 1: Eigene Darstellung nach Gentaz (2022, S.78-82) Koch und Amstad (2022) betonen zudem die Bedeutung der regelmässigen Bewegung hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Kindern. Interne Ressource Wirkung auf die psychische Gesundheit Emotionale Kompetenz entwickeln Die Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen gilt als eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben in der Kindheit. Die emotionalen Kompetenzen haben eine grosse Bedeutung für die psychische Gesundheit von Kindern (Petermann & Wiedebusch, 2016). Den Stellenwert der verschiedenen Spielformen stärken Für die Entwicklung der psychischen Gesundheit von Kindern ist das Spiel zentral (Schiftan & Wittgenstein Mani, 2022). Achtsamkeitsbasierte Interventionen einsetzen Die Analyse verschiedener Studienergebnisse konnte zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen in der Schule relevant sind für die Prävention verschiedener psychologischer Probleme bei Kindern, darunter Depressionen und Angstzustände (Theurel, Gimbert & Gentaz, 2018). Selbstwirksamkeit fördern Die Selbstwirksamkeit beinhaltet die subjektive Überzeugung, etwas bewirken und verändern zu können, und nimmt somit einen grossen Einfluss auf das menschliche Handeln und dessen Kontrollüberzeugungen. Damit hat die Selbstwirksamkeit einen grossem Einfluss auf das Wohlbefinden (Zimmer, 2022).
13 2.4 Psychomotoriktherapie 2.4.1 Entstehung und Einflüsse der Psychomotoriktherapie Das Konzept der Psychomotorik entwickelte sich aus verschiedenen Ideen, Erfahrungen und Theorien. Ernst «Johny» Kiphard, der Begründer der deutschen Psychomotorik, entwickelte in der Kinderund Jugendpsychiatrie sein psychomotorisches Konzept. Dazu orientierte er sich an den Ansätzen der Leibeserziehung, der rhythmischen Gymnastik sowie der Sinnesund Bewegungsschulung (Kuhlenkamp, 2022). In der Schweiz entstand die Psychomotorik aus der Zusammenarbeit der Tanzpädagogin Suzanne Naville und des Psychiaters Jean de Ajuriaguerra. Ihr Konzept orientierte sich am französischen Vorbild. Die Wurzeln der Psychomotoriktherapie in der Schweiz liegen in der französischen Neurologie und Psychiatrie sowie in der rhythmisch-musikalischen Erziehung und den tänzerischen Elementen, die Naville einbrachte (Fischer, 2024). Die Psychomotoriktherapie hat sich heute zu einem wissenschaftlichen Fachbereich entwickelt. Sie stützt sich dabei auf die Erkenntnisse aus der Psychologie, der Heilpädagogik, der Sportund Bewegungswissenschaften, der Erziehungsund Sozialwissenschaften sowie der Neurowissenschaften und der Medizin (Psychomotorik Schweiz, 2021). Kuhlenkamp (2022) schreibt: «Psychomotorik steht daher für unterschiedliche Ansätze, theoretische Begründungen sowie deren praktischen Umsetzung» (S.17). Es besteht die Gefahr, dass Modelle zu komplex werden und eine klare Handlungsorientierung fehlt. Gleichzeitig ist es eine Chance und eine Stärke der Psychomotorik, dass Therapeut:innen aus einer Vielzahl von Möglichkeiten diejenigen Ansätze auswählen können, die am besten zu ihrem Klientel, ihrem Arbeitsfeld sowie ihrer eigenen Persönlichkeit und Ausbildung passen (ebd.). Während sich die Medizin und ihre angrenzenden Fachbereiche, wie beispielsweise die Physiotherapie, auf die Behandlung körperlich-muskulärer Beeinträchtigungen fokussieren und psychotherapeutische Ansätze vorrangig das emotionale und psychische Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen, bewegt sich die Psychomotorik an der Schnittstelle dieser Disziplinen. Sie macht die wechselseitige Verbindung zwischen Bewegung, Wahrnehmung, Verhalten und Selbsterleben sichtbar. Die Psychomotorik ist ein pädagogisch-therapeutisches Konzept, welches die Wechselwirkung psychischer und motorischer Prozesse nutzt. Über Bewegung wird versucht, eine Beziehung zum Kind (bzw. zum Jugendlichen oder Erwachsenen) herzustellen, sein psychisches Wohlbefinden positiv zu beeinflussen und seine Entwicklung zu unterstützen. Der heutige Ansatz der Psychomotorik kann nicht mehr als übungszentriert, sondern eher als erlebnisorientiert bezeichnet werden (Zimmer, 2022).
14 2.4.2 Verankerung der Psychomotoriktherapie in der Schweiz Gemäss der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (n. d.) sind Psychomotoriktherapeut:innen vorwiegend in Schulen, Sonderschulen, Kindergärten und Ambulatorien tätig, wobei sie zunehmend auch in integrativen und präventiven Settings arbeiten. Die Psychomotoriktherapie ist gesetzlich im Bildungssystem verankert und es ist festgelegt, dass die Psychomotorik die Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen von 0 - 20 Jahren mit besonderem Bildungsbedarf garantiert (Psychomotorik Schweiz, 2021). In der Deutschschweiz finden vor allem Einzeltherapien und Kleingruppentherapien bis vier Kinder statt. Es gibt zahlreiche Gründe für eine Anmeldung für die Psychomotoriktherapie. In der Schweiz liegt der Schwerpunkt der Psychomotorik auf der Unterstützung von Kindern mit motorischen und grafomotorischen Schwierigkeiten. Ein weiteres zentrales Arbeitsfeld ist die Begleitung von Kindern mit sozialen und emotionalen Auffälligkeiten (Widmer & Bräuninger, 2020). Bei vielen Kindern liegt jedoch eine Kombination von verschiedenen Auffälligkeiten vor (Amft, Boveland, Hensler-Häberlin & Uehli-Staufer, 2013). 2.4.3 Psychomotoriktherapie und Prävention Gemäss dem Berufsbild von Psychomotorik Schweiz (2021) umfasst die Arbeit der Psychomotoriktherapeut:innen vielfältige Aufgaben, darunter auch Gesundheitsförderung und Prävention. Institutionalisierte Präventionsprojekte fördern die Entwicklung, minimieren Risiken und stärken Schutzfaktoren. Durch Früherkennung, psychomotorische Förderung und Beratung wird der Alltagstransfer unterstützt. Zudem sensibilisiert die Präventionsarbeit die Öffentlichkeit in Kooperation mit Bildungsund Betreuungseinrichtungen sowie dem Umfeld der Klient:innen. Gemäss Psychomotorik Schweiz (n.d.) kann die Psychomotorik durch das präventive Einsetzen die Lebensqualität verbessern und die individuelle Entwicklung bereits im frühen Kindesalter fördern. In vielen Kantonen ist der gesundheitsfördernde und präventive Auftrag der Psychomotoriktherapie im Berufsauftrag verankert (z.B. Bildungsund Kulturdirektion des Kantons Bern & Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung, 2024). Widmer und Bräuninger (2020) schreiben auf Grundlage einer Online-Umfrage: «Die Konzeption von Präventionsangeboten in der PMT scheint bisher auf dem persönlichen und individuellen Erfahrungsschatz der TherapeutInnen aufzubauen und an die Bedürfnisse der Lehrperson respektive der Klasse angepasst zu werden» (S.140). Passend dazu, stösst man im Berufsbild von Psychomotorik Schweiz (2021) auf folgende Beschreibung: «Vor dem Hintergrund von vielfältigen sozial-, gesundheitsund bildungspolitischen Herausforderungen können Psychomotoriktherapeut:innen innovative Antworten und Interventionen entwickeln» (S.5). Amft et al. (2013) betonen das präventiv-integrative Potenzial der
15 Psychomotoriktherapie für die Schule. Die psychomotorische Arbeitsweise beinhaltet einerseits die Selbstbildungsprozesse des Kindes, orientiert sich aber auch an der anregenden und begleitenden Rolle der therapeutischen Fachperson durch Angebote und Herausforderungen. Dieser Ansatz zeigt Potenzial, wertvolle Impulse für jedes Kind zu bieten. Therapien in grossen Gruppen finden jedoch bisher kaum statt. Wissenschaftlich evaluierte Psychomotorik-Präventionsprogramme mit dem Fokus auf die soziale und emotionale Entwicklung scheinen bislang keine zu existieren und es wird ein grosser Bedarf deutlich (Widmer & Bräuninger, 2020). Es bestehen jedoch durchaus einzelne Praxisprojekte wie beispielsweise «Mutige Mädchen» (Grolimund & Nideröst, 2021), die ganzheitliche Bewegungsförderung der «Bewegungslandschaften» (Zeberli-Sigrist, 2004) oder «Reise durch die Wiese» (Walker-Haberthür, 2024). Zudem zeigen Ergebnisse der Umfrage von Widmer und Bräuninger (2020), dass nur wenige Therapeut:innen an der Umsetzung von Programmen im Rahmen der Unterrichtszeit und in Zusammenarbeit mit der Lehrperson beteiligt waren. Sie schliessen daraus, dass Lehrpersonen nur selten mit Psychomotoriktherapeut:innen Präventionsprogramme durchführen. 2.4.4 Ansätze der Psychomotoriktherapie mit Wirkung auf die psychische Gesundheit Wie in Kapitel 2.4.1 dargestellt, greift die Psychomotoriktherapie auf ein breites Methodenspektrum zurück, darunter Spiel-, Wahrnehmungsund Bewegungsangebote, Achtsamkeitsund Entspannungsübungen sowie künstlerische und musische Interventionen. Ergänzend dazu können verbale Reflexionen eingesetzt werden, um Verhaltensweisen bewusst zu machen und deren Bedeutung zu erörtern (Buchmann, 2007; Lienert et al., 2019; Zimmer, 2022). Zimmer (2022) beleuchtet die Psychomotorik als eine ganzheitliche Gesundheitsförderung und stellt dabei vor allem die Schutzfaktoren ins Zentrum. Gesundheitswirksame Ressourcen, die über den Körper und die Bewegung aufgebaut und unterstützt werden, erstrecken sich auf unterschiedliche Bereiche. Dabei steht vor allem die Stärkung der individuellen beziehungsweise internen Ressourcen im Vordergrund.
16 Thimme et al. (2021) betonen, dass körperbezogene Interventionen die Lebenswelt von jungen Menschen ansprechen, da sie zentrale Bedürfnisse und wichtige Ressourcen aufgreifen. Sie identifizieren verschiedene Wirkbereiche bewegungstherapeutischer Angebote und schlagen die Orientierung an folgenden Dimensionen vor: Gemäss Lienert et al. (2019) wird der körperlichen Aktivität in der Psychomotorik ein grosser Einfluss auf die psychische Befindlichkeit und auf die Entwicklung des Selbstkonzepts im Kindesalter zugeschrieben. Unter pädagogisch-therapeutischer Begleitung lösen Kinder in der Psychomotorik Bewegungsaufgaben, die für ihre Entwicklungsthemen relevant sind, die sie selbst und damit ihr «Selbst» betreffen (Valkanover, 2015). Körperund Sinneserfahrungen ermöglichen dem Kind, seine Kompetenzen zu erkennen und ein zunehmend differenziertes Selbstbild zu entwickeln (Hüther, 2022). Gemäss Zimmer (2022) gibt es mehrere zentrale Ziele der psychomotorischen Förderung. Ein wesentlicher Aspekt besteht darin, die Eigenaktivität der Kinder zu fördern und sie zu selbstständigem Handeln anzuregen. Zudem tragen Gruppenerfahrungen massgeblich zur Erweiterung der Handlungskompetenzen und der Kommunikationsfähigkeit bei. Ein weiteres Ziel ist die Stärkung der Selbstwahrnehmung, sodass die Kinder ein besseres Verständnis für sich und ihre Fähigkeiten entwickeln. Darüber hinaus soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, wodurch sie sich als kompetent und selbstwirksam erleben können. Dies knüpft an die Bedeutung der Schutzfaktoren für die Entwicklung eines Kindes an und appelliert an deren Förderung. Neben der Bewegung gehört das Spiel zu den zentralen Ausdrucksformen des Kindes. In der Psychomotoriktherapie wird dies gezielt genutzt, indem übungsorientierte Aufgaben spielerisch gestaltet werden. Symbolund Abbildung 2: Bewegungstherapeutische Ziele mit psychisch erkrankten Kindern (Thimme et al.,2021, S.91)
17 Rollenspiele ermöglichen es Kindern, Erlebtes zu verarbeiten, alternative Handlungsweisen auszuprobieren und Verhaltensweisen zu erproben, die ihnen im realen Leben oft nicht zugänglich erscheinen. Dabei geht es nicht nur um das blosse Nachahmen einer Rolle, sondern auch um eine tiefere Identifikation mit ihr. So kann ein Kind beispielsweise durch das Spielen eines starken Tieres Mut entwickeln und erproben. Ausserdem spielen die Beziehung zum Kind und das therapeutische Verhalten eine wichtige Rolle in der Psychomotoriktherapie. Dabei orientiert sich die Psychomotoriktherapie an der personenzentrierten Haltung nach Carl F. Rogers (1902-1987). Die drei Basisvariablen «Einfühlendes Verstehen (Empathie)», «Unbedingte Wertschätzung (Akzeptanz)» und «Kongruenz (Authentizität)» sind die Grundlage des therapeutischen Verhaltens (Weinberger, 2015).
18 3 Forschungsmethodik 3.1 Auswahl und Beschreibung der Erhebungsmethode Die vorliegende Bachelorarbeit nutzt qualitative Interviews als primäres Forschungsinstrument, welche anhand eines strukturierten Leitfadens in Anlehnung an Kruse (2015) geführt wurden. Der Leitfaden wurde basierend auf dem theoretischen Hintergrund und den Fragestellungen dieser Arbeit entwickelt. Expert:innen-Interviews dienen dazu, spezifisches Fachwissen und themenbezogene Informationen im Rahmen von Fachgesprächen zu erschliessen, und stellen daher eine geeignete Methode für die qualitative Forschung dar. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen dabei nicht die individuellen Lebensgeschichten der Befragten, sondern die sachdienlichen Inhalte und fachlichen Perspektiven, die sie aufgrund ihrer Expertise einbringen können. Um dennoch die beruflichen Erfahrungswerte der Expert:innen einzubeziehen, wurde der Leitfaden so konzipiert, dass er einerseits strukturiert durch das Gespräch führt, andererseits aber auch Raum für offene und narrative Elemente lässt. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse sollen eine hohe Praxisnähe sowie eine konkrete Anwendbarkeit für das Forschungsfeld ermöglichen (ebd.). 3.2 Datenerhebung 3.2.1 Stichprobe Für die Erhebung dieser Arbeit wurden sorgfältig sechs Personen ausgewählt. Auf der theoretischen Grundlage, dass nach Reis et al. (2023) die schulische Gesundheitsförderung Bestandteil der Praxis, der Forschung und der Politik ist, wurden jeweils zwei Personen aus den entsprechenden Bereichen angefragt. Um Personen aus der Praxis mit entsprechender Erfahrung zu erreichen, wandte ich mich an den Berufsverband, der meinen Aufruf im nächsten Newsletter veröffentlichte. Daraufhin nahmen mehrere Therapeut:innen Kontakt mit mir auf. Berufspolitisch engagierte Fachpersonen konnte ich über persönliche Anfragen gewinnen, während ich durch Recherchen und die Lektüre erster Forschungsarbeiten auf geeignete Expert:innen aus der Wissenschaft aufmerksam wurde. Es erfolgten sechs Zusagen. Die Kontaktaufnahme mit den Expert:innen erfolgte per E-Mail. Alle notwendigen Dokumente, die Einverständnisund Datenschutzerklärung sowie der Interviewleitfaden wurden nach der Zustimmung zur freiwilligen Vorbereitung zugesendet. Alle Expert:innen haben ihr Einverständnis zur namentlichen Nennung in dieser Arbeit gegeben. Die Ergebnisse samt verwendeter Zitate wurden ihnen zur Einsicht und Überprüfung vorgelegt. Die Interviews fanden im direkten Austausch statt und wurden in jedem Fall in schriftdeutscher Sprache geführt. Die Interviews dauerten zwischen 30 und 45 Minuten.
19 Expert:in Bereich Beruf und Ausbildung B1: Dr. Fabienne Amstad Forschung • Studium: Sozial- & Entwicklungspsychologie • Dissertation: Arbeits- & Organisationspsychologie • Leiterin Psychische Gesundheit, Leiterin Programmentwicklung, Leiterin Produkteentwicklung Betriebliches Gesundheitsmanagement, Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz • Dozentin & Angebotsverantwortliche, PH Bern • Geschäftsführerin, kohärent, Expertise für die psychische Gesundheit B6: Lara Fabel • Studium der Psychomotoriktherapie • Master Frühe Kindheit • Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik B2: Dr. Judith Sägesser Berufspolitik • Lehrpatent des Kantons Bern • Studium der Psychomotoriktherapie • Dozentin am Institut für Heilpädagogik der PH Bern • Doktorat im Fach Psychomotorik, Motologie und Bewegungsförderung an der PH Ludwigsburg • Präsidentin des Berufsverbands Psychomotorik Schweiz B5: Simone Reichenau • Studium der Ethnologie • Studium der Psychomotoriktherapie • Co-Geschäftsführerin Psychomotorik Schweiz • Wissenschaftliche Mitarbeiterin Psychomotorik beim Amt für Sonderpädagogik des Kantons Freiburg B4: Anja StuderLüscher Praxis • Lehrperson • Studium der Psychomotoriktherapie • Praktizierende Psychomotoriktherapeutin B3: Patrick Hengartner • Kaufmännische Berufsausbildung • Studium der Psychomotoriktherapie • Praktizierender Psychomotoriktherapeut Tabelle 2: Stichprobe, eigene Darstellung
20 3.2.2 Datenaufbereitung Die Interviews wurden aufgezeichnet und anschliessend transkribiert. Die Transkription erfolgte unter Anwendung der inhaltlich semantischen Transkription nach Dresing und Pehl (2018). Dabei kam eine Kombination aus automatischer und manueller Transkription zur Anwendung. Es erfolgte eine automatische Transkription, welche manuell überprüft und korrigiert wurde. 3.2.3 Datenauswertung Die Analyse der Interviewdaten wurde anhand der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse durchgeführt, wie sie von Kuckartz und Rädiker (2022) beschrieben wird. Qualitative Inhaltsanalysen ermöglichen eine systematische Auswertung von Daten, indem sie zentrale Inhalte und Themen herausarbeiten. Dabei werden die Daten geordnet, kategorisiert und strukturiert. Der allgemeine Ablauf der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse ist in Abbildung 3 veranschaulicht. Die sieben Phasen werden im Folgenden kurz dargelegt und durch das spezifische Vorgehen dieser Arbeit ergänzt: 1. Initiierende Textarbeit, Memos und Fallzusammenfassungen: Zunächst wurden die Transkripte sorgfältig gelesen, um ein erstes Verständnis für die Inhalte zu gewinnen. Wichtige Textstellen wurden direkt in den Word-Dateien markiert, und erste Notizen (Memos) sowie Fallzusammenfassungen angefertigt. Die Kategorien sind im Codierleitfaden im Anhang 9.2 dargestellt. Abbildung 3: Ablauf einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz und Rädiker, 2022, S.132)
27 Zugänglichkeit, wie ihn beispielsweise B3 äussert: «Ja auf jeden Fall, dass jedes Kind weiss, oder in dem Sinn, dass es die Beratung gibt an Schulen, oder zugängliches Informationsmaterial» (56). 4.4.2 Entwicklungspotenzial Entwicklungspotenzial wird in einem klareren systematischen Vorgehen, der Integration in den Lehrplan und die damit verbundene Entwicklung entsprechender Materialien gesehen. B5 äussert explizit, die Abwesenheit von Programmen, bei denen die psychische Gesundheit im Zentrum steht (36). B1 betont die Entwicklungsmöglichkeiten hinsichtlich des Lehrplan 21: «Es ist nicht systematisch. Der Lehrplan 21, das wäre systematisch, aber es ist relativ wenig Material da» (19). Laut mehreren Aussagen muss die Flächendeckung und somit die Chancengleichheit vermehrt in den Fokus rücken. Zudem wird von mehreren Seiten die Notwendigkeit geäussert, dass mehr finanzielle Mittel für die Prävention zur Verfügung stehen müssen. Viele Nennungen beziehen sich auf die Unterrichtsgestaltung als ein zentrales Entwicklungsfeld und auf die Nutzung alternativer Zugänge innerhalb des Unterrichts: «Und dort finde ich auch, ja, da müssen wir mal schauen, was ist die Umgebung und was ist didaktisch zu machen und wie muss der Unterricht gestaltet werden, damit diese Kinder Platz haben» (B2, 11). 4.4.3 Anknüpfungspunkte und Vorgehensweisen Als zentrales Handlungsfeld wird von allen Befragten die stärkere Einbindung der psychischen Gesundheitsförderung in den Unterricht dargelegt. B3 liefert eine Idee für einen strukturellen Anknüpfungspunkt: «Vielleicht geht es auch darum, dass man in dem Sinn auch schulpolitisch sagt, man nimmt mal das Thema psychische Gesundheit als Jahresthema. Und zwar, das hört dann beim Lehrpersonal nicht auf. Dass man auch mal sagt, wir sprechen darüber, wir sind ein Vorbild. Das geht uns alle etwas an» (42). Mehrfach genannt werden bewegungsund handlungsorientierte Ansätze, bei denen Erleben und Erfahren im Zentrum steht: «Eigentlich geht es darum, einen Unterricht zu gestalten mit viel Körperbezug» (B2,13). B4 und B2 zeigen den Anknüpfungspunkt der Raumgestaltung auf und die konkrete Überlegung wie die Rhythmisierung im Klassenzimmer durch die Raumgestaltung vereinfacht werden könnte (51,59). Auch zur strukturellen Verankerung werden Vorgehensweisen benannt. So schlägt B5 vor, Stellen für die psychische Gesundheit zu schaffen - ähnlich wie es in bestehenden Bereichen bereits der Fall ist, wie beispielsweise das Büro für Gleichberechtigung (74). Eine weitere von B5 genannte Idee ist eine Informationskampagne zur Sensibilisierung zu lancieren (78).
28 Alle befragten Expert:innen greifen die Stärkung von internen Ressourcen auf, wenn auch mit jeweils eigenen Begrifflichkeiten und Schwerpunktsetzungen. Wie B1 betont, spielen diese Ressourcen nicht nur im Kontext psychischer Gesundheit, sondern auch im Hinblick auf Prävention z. B. von Sucht oder Gewalt eine wichtige Rolle und so «[…] haben wir mehrere Fliegen auf einen Schlag» (13). Hervorgehoben werden insbesondere die Bedeutung der Selbstwirksamkeit, der Förderung des Wohlbefindens im schulischen Kontext, eine gelingende Beziehungsgestaltung zwischen Lehrpersonen und Lernenden, den Umgang mit Stress erlernen sowie die Stärkung der Resilienz und jenen Schlüsselkompetenzen, die im Lehrplan 21 verankert sind und welche sich mit den von der WHO definierten Lebenskompetenzen decken. So betont beispielsweise ebenfalls B1: «Viel wirkungsvoller ist es, wenn die Kinder und Jugendlichen sich selbstwirksam fühlen, wenn sie Nein sagen können, wenn sie sich behaupten können in einer Situation, die zum Teil unangenehm ist, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse, Ängste wahrnehmen, um Nein sagen zu können» (13). So wird auch der Diagnostik und der damit einhergehenden selektiven Prävention Potenzial beigemessen. Mehrere Äusserungen beziehen sich auf die Bedeutung betroffene Kinder zu identifizieren und gezielt zu unterstützen. So äussert B6 eine spannende Überlegung: «Da auch die multiprofessionelle Zusammenarbeit, also dass zum Beispiel alle Kinder oder die Lehrpersonen und Eltern zu allen Kindern eigentlich Fragebögen zur psychischen Gesundheit ausfüllen würden» (49). 4.5 Psychomotorik und Prävention 4.5.1 Fördersettings und Zielgruppe Fördersettings B5 bringt die Perspektive der Psychomotoriktherapie in der französischen Schweiz ein. Diese ist anders aufgebaut und deckt verschiedene Settings und Arbeitsfelder ab. «Also in Genf war wirklich die ganze Altersspanne eigentlich immer Thema. Und dann gab es auch Praktikumsplätze in Kitas. Ich habe auch zwei Praktikas in der Psychiatrie gemacht, eines stationär und eines so in einer Tagesstruktur» (133). Aus verschiedenen Aussagen geht hervor, dass sich die Psychomotorik in der Deutschschweiz vor allem auf den schulischen Bereich fokussiert. Gemäss verschiedener Aussagen stellt die Einzelund Kleingruppentherapie aktuell den grössten Anwendungsbereich der Psychomotoriktherapie in der Deutschschweiz dar. Interventionen im Klassenverband oder im Kindergarten scheinen nur vereinzelt, statt zu finden. Zielgruppe Von mehreren befragten Personen wird geäussert, dass Kinder mit externalisierenden Verhaltensweisen vermehrt die Psychomotoriktherapie besuchen, da ihr Verhalten in der Schule
29 mehr auffällt und stört: «Das Problem ist halt auch, dass die Verhaltensweisen, wie störendes Verhalten beispielsweise, das fällt mega auf, wenn einer irgendwie immer laut ist. Aber dann gibt es ja die psychischen Erkrankungen oder eben die subklinischen, im Bereich von Angststörungen oder Depressionen, was eher internalisierende Verhaltensweisen sind, die fallen je nachdem überhaupt nicht auf. Und das ist die Gefahr, dass die voll durch die Masche fallen, weil die irgendwie nie negativ auffallen» (B3, 42). Die Mehrheit der befragten Personen bemerkt zudem, dass vorwiegend jüngere Kinder von Interventionen der Psychomotoriktherapie profitieren können. B5 liefert dazu eine passende Begründung: «Und es ist schon auch so, dass eben viele Kantone haben, wirklich definiert, die Psychomotorik ist vor allem im Primarschulbereich, aber eigentlich im Sonderpädagogik-Konkordat sind wir von 0 bis 20 drin» (108). Die Befragten sind sich einig, dass die Jugendlichen vermehrt im Zentrum von Interventionen der Psychomotorik stehen müssen, da sich in dieser Altersgruppe Schwierigkeiten hinsichtlich der psychischen Gesundheit zeigen: «Und doch denke ich eben gerade bei Jugendlichen mit Problemen mit ihrem Körper, das ist so ein wichtiges Thema» (B2, 19). Zudem wird hinsichtlich des therapeutischen Settings von einer Person beobachtet, dass trotz der grossen Betroffenheit von Mädchen und jungen Frauen, deutlich mehr Knaben in der Psychomotoriktherapie sind. Gemäss verschiedenere Aussagen ergibt sich auch immer wieder die Frage nach der Indikation für eine Psychomotoriktherapie: «Muss die Bewegung oder Schwierigkeiten in der Bewegung, in der Motorik, Wahrnehmung, muss das daran gekoppelt sein? Oder richtet sich die Psychomotorik wirklich auch an Kinder mit Auffälligkeiten, Schwierigkeiten in der Emotionalität, in der sozio-emotionalen Entwicklung» (B6, 47). So wird von mehreren Seiten betont, dass neben der motorischen Förderung zunehmend auch sozio-emotionale Thematiken im Zentrum psychomotorischer Interventionen stehen: «Weil ich denke, in der Therapie ist ja der Fokus eh auch auf eben sozio-emotionalen Themen und nicht nur auf der Motorik, würde ich jetzt mal sagen, in der ganzen Schweiz.» (B5, 20). 4.5.2 Aktuelle Bestrebungen der Psychomotoriktherapie Innerhalb dieser Subkategorie treten verschiedene Schwerpunkte der psychomotorischen Praxis deutlich hervor. Berufspolitik Aus den Aussagen von B2 und B5 geht hervor, dass der Berufsverband aktuell einen Schwerpunkt auf die frühe Förderung legt. Dieser Fokus schliesst jedoch die Förderung der psychischen Gesundheit nicht zwingend aus, wie in der Aussage von B5 deutlich wird: «Ja, genau. Und dann ist bei uns immer so ein bisschen die Frage, wo setzen wir Schwerpunkte
30 oder im Verband. Und im Moment haben wir den Schwerpunkt stark auf dem Frühbereich, was sich nicht unbedingt ausschliessen muss» (20). Es werden bestehende Weiterbildungen, Bestrebungen im Bachelor – und Masterstudiengang erwähnt. So sagt B6, dass der Masterstudiengang einen Fokus auf die Prävention und die entsprechende Produktentwicklung legt (7). B3 bezieht sich auf vermittelte Lerninhalte des Bachelorstudiengangs: «Ich glaube, dein Thema von der Bachelorarbeit ist super wichtig, weil wir so viel auch in der Ausbildung zu diesen Themen gelernt haben, beispielsweise die Psychopathologie, die sozial-emotionale Entwicklung, da haben wir sehr viel gutes Grundlagenwissen, wo wir auch ein Angebot, ein kindgerechtes, präventives Angebot eben schaffen können, damit Kinder ihren Körper oder ihre Psyche besser verstehen lernen» (42). Gleichzeitig werden Entwicklungen des Systems wahrgenommen, welche auf eine zunehmende Öffnung und Weiterentwicklung hinweisen. «Es ist aber so, für die Schulentwicklung sind das schon auch Themen. Also mehr multiprofessionelle Zusammenarbeit in Psychomotorik, näher auch in Schulzimmer. Das sind alles Themen, mit der sich die Praxis schon auseinandersetzt. Deshalb habe ich schon den Eindruck, da entwickeln sich, ja, Systeme auch weiter» (B6, 59). Natur der Psychomotorik Die Bedeutung der psychischen Gesundheit in der Psychomotoriktherapie wird besonders von den Fachpersonen aus der Praxis als zentraler Bestandteil beschrieben. Dies wird gemäss Aussagen nicht unbedingt in einem präventiven Setting umgesetzt aber innerhalb der Therapiestunden nimmt dieser Aspekt einen grossen Stellenwert ein. «Und ja, von dem her schwingt bei mir dieses Thema psychische Gesundheit immer ein Stück weit mit, weil ich glaube, dass es so wichtig ist, dass sich ein Kind wohl fühlt, also mental auch wohl fühlt, aufgehoben und sicher fühlt. Deswegen glaube ich, ist das unglaublich wichtig» (B3, 10). B4 stellt eine Verbindung zwischen psychischer Gesundheit und psychomotorischen Arbeiten her, indem sie betont, dass die Arbeit mit Kindern grundsätzlich bereits präventive Elemente beinhaltet, unabhängig ob sie in einem therapeutischen oder in einem integrativen Rahmen stattfindet. «Ich habe mir auch überlegt, ich denke auch die Psychomotorik, nämlich egal ob sie therapeutisch stattfindet oder ob sie integrativ stattfindet, wir arbeiten mit Kindern und dadurch, dass wir mit Kindern arbeiten, ist es immer Prävention. Also ich denke auch die Psychomotoriktherapie in Kleingruppen ist Prävention für psychische Gesundheit im Erwachsenenalter» (27).
31 Bestehende Programme und Interventionen Gemäss verschiedenen Aussagen fehlt es an psychomotorischen Präventionsprogrammen zur gezielten Förderung der psychischen Gesundheit. Die zwei befragten Personen aus dem Berufsverband antworten auf die betreffende Frage, dass es keine konkreten Programme gibt. In zwei Fällen werden die Bewegungslandschaften und deren Potenzial auf der sozioemotionalen Ebene genannt. Ausserdem wird einmal ein Rollenspielprojekt erwähnt, welches an einer Therapiestelle umgesetzt wurde. Sowohl das Projekt «Mutige Mädchen» wird einmal erwähnt wie auch das Lehrmittel «Reise durch die Wiese». Die Praktiker:innen berichten von eigenständig initiierten Projekten zur Förderung der psychischen Gesundheit. Ein Beispiel hierfür ist ein von B3 umgesetztes Projekt mit der Schulsozialarbeit zum Thema Nähe und Distanz in einer fünften Klasse: «Also ich habe mit der Schulsozialarbeit zusammen mit einer fünften Klasse gearbeitet. Dann haben wir im Psychomotorik-Raum gearbeitet mit dem Körper und da ging es um Nähe und Distanz. Also ja, ich würde jetzt auch sagen, grob geht es hier auch um psychische Gesundheit. So auch zu merken, was ist mein Schutzraum oder wo ist meine Grenze und zu sich stehen können und dürfen und so weiter» (94). Auch B4 erwähnte ein eigeninitiiertes Programm gemeinsam mit einer Kindergärtnerin (33). 4.5.3 Interdisziplinarität Die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen bezüglich psychomotorischer Präventionsprogramme wird vor allem von den Praktiker:innen erwähnt. B3 beschreibt seine Erfahrungen bezüglich der Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit als gewinnbringend: «Ich habe gemerkt, dass die Zusammenarbeit beispielsweise mit der Schulsozialarbeit mir mega wichtig ist und ich da auch Synergien rauskriege, die sich eben wieder auf diese psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eigentlich einen gemeinsamen Nenner dann ergeben» (26). B4 legt die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit und einer gewissen Individualisierung dar: «Ich finde genau das ist auch die Prävention oder unser psychomotorisches Gedankengut, es muss sich einpassen in (…) den Kindergartenmorgen und es muss zur Kindergärtnerin passen» (35). Ihres Erachtens sind diese Projekte sowohl für die Kinder als auch für die Lehrpersonen von Bedeutung und betont dabei die nachhaltige Wirkung für die Lehrperson: «Aber wenn quasi die (…) etwas mitnehmen können, denn das ist das Nachhaltige und nicht meine fünfmal zwei Lektionen» (37).
32 4.6 Handlungsfelder und Anknüpfungspunkte der Psychomotorik 4.6.1 Strukturelle Ebene und Entwicklungsbedarf Mehrere befragte Personen heben die Bedeutung eines differenzierteren Bewusstseins für die jeweiligen Fördersettings und deren Potenzial hervor. So äussert beispielsweise B2: «Ich denke, es braucht noch ein grösseres Bewusstsein für unterschiedliche Settings, in denen wir arbeiten können. […] Aber dass wir uns wirklich sehr proaktiv auch in präventive, integrative, inklusive Formen reinwagen» (73). Alle befragten Personen sind sich einig, dass die präventive Arbeit in der Psychomotoriktherapie Chancen bietet und es wünschenswert ist, dass sich die Psychomotorik vermehrt in diese Richtung ausdehnt. Auch bei B3 zeigt sich grosser Enthusiasmus gegenüber der Psychomotorik und der Prävention: «Fokus Prävention finde ich super gut in der Psychomotorik. […] Und eigentlich, wenn man das präventiv macht, denke ich, sind wir auf einem interessanten Weg. Weil da kann man nichts kaputt machen, im Gegenteil, alle profitieren, alle haben Freude, haben Spass, sie haben gehen gestärkt aus solch einem Angebot heraus. Also, let's do that!» (62-63). Die Verankerung der Prävention im Berufsauftrag und die stärkere Einbettung der Psychomotoriktherapie in den Schulalltag werden auf struktureller Ebene als einen zentralen Anknüpfungspunkt erachtet. B6 hebt hervor, dass die Prävention vielerorts nicht im Grundpensum enthalten ist und plädiert dafür diese zukünftig klarer im Berufsauftrag zu definieren (63). B4 weist auf ein Dokument hin, indem sich die Psychomotorik Schweiz verpflichtet, im Sinne des Gesundheitsbegriffes der WHO und der ICF-Kriterien der Aktivität und Partizipation zum körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden der Kinder beizutragen (99). Ausserdem wird durch mehrere Aussagen deutlich, dass Entwicklungsarbeit in Bezug auf präventive psychomotorische Konzepte gefragt ist: «Und an sich fände ich es cool, man könnte so ähnlich wie wir das jetzt in der Grafo gemacht haben, man könnte das jetzt für ganz viele Bereiche machen. Für das psychische Wohlbefinden, wie erkenne ich denn, wenn es einem Kind nicht gut geht? Welche Interventionsformen wären da wirksam, können da eingesetzt werden? Eigentlich braucht es in dieser Art für viele Bereiche noch Entwicklungsarbeit» (B2,73). So auch B3. «Ich denke, ein Problem ist vielleicht, dass wir noch keine oder wenig Konzepte in diesem Bereich haben» (76). 4.6.2 Interventionen und Förderbereiche «[…] und dort denke ich eben, dort, wo ich eine Lücke eigentlich sehe und wo ich die Psychomotorik sehr spannend fände, das wäre dann eben eigentlich eher so Selbsterfahrung, also Erfahrung erleben, reflektieren dann auch und nicht Programme, wo es um Wissen geht» (B5, 67). Dieser genannte Aspekt wird durch diverse andere Aussagen verschiedener befragter Personen verdeutlich. So meint B4, dass auch Interventionen, welche auf
33 der sozio-emotionalen Ebene ablaufen «einen Anker im Körper finden» müssen. Sie betont, dass «dieses körperliche Element» dabei sein muss, «damit wird es psychomotorisch nennen dürfen» (33). Auch der ergänzende Charakter der Psychomotorik zu bereits bestehenden, eher auf der kognitiven Ebene vermittelten Programmen wird von allen befragten Personen betont. So meint beispielsweise B5: «Ich habe die Schulsozialarbeit erwähnt, denke ich, sehr spannend, oder? Aber das ist ja dann doch meistens einfach über die Reflexion oder die Kommunikation, man redet dann darüber, oder? Aber eben dann auch wirklich, also wenn jetzt das Wort Embodiment schon gefallen ist, oder? Aber wirklich diese ganz konkrete Erfahrung, denke ich, und dann zu reflektieren oder dann das wieder zu integrieren, ich denke, das wäre wirklich eigentlich eine spezifische Leistung der Psychomotorik» (96). Im Zusammenhang mit der Förderung der psychischen Gesundheit durch Psychomotorik werden folgende Förderbereiche genannt: Körperwahrnehmung, Selbstreflexion, Sozialkompetenzen, Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation und die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts. Weitere genannte Förderaspekte sind die Stärkung der Schutzfaktoren sowie die altersentsprechende Förderung der sozial-emotionalen Kompetenzen. So betont B2: «Ich denke schon, die Selbstreflexion, die Selbstwahrnehmung, Körperwahrnehmung. Genau, das Aufbauen von Toleranz dann sich selbst gegenüber, wenn es Jugendliche sind. […] Ich denke, dort haben wir wirklich sehr viel Potenzial» (89). B5 schildert ihre Erfahrung, dass sich Lehrpersonen vermehrt «dieses Sozio-emotionale wünschen» (27). Zudem werden die Bewegung und das Spiel von allen befragten Personen als zentraler Zugang zum Kind beschrieben. So wird auch die Bewegung und das Spiel als Mittel in der Psychomotorik betont: «Und da sehe ich den Punkt, oder ich persönlich finde die Psychomotoriktherapie, also ob es jetzt die Therapie ist oder auch in Form von präventiven Angeboten, wirklich sehr stark, so die Bewegung auch als Mittel zum Zweck einsetzen zu können, Bewegung und Spiel. Und da finde ich die Psychomotorik sehr gut geeignet» (B6, 47). In diesem Zusammenhang werden verschiedene konkrete Interventionsformen genannt, welche zur Förderung eingesetzt werden können. So wird in drei Fällen das Konzept des Embodiments erwähnt. In zwei Fällen wird die Achtsamkeit aufgegriffen. Auch die Theaterpädagogik findet in zwei Fällen Erwähnung. Der Ausbau und Einsatz bereits bestehender Konzepte wie zum Beispiel die «Bewegungslandschaften» und das Projekt «Mutige Mädchen» werden in diesem Kontext erneut erwähnt. Das Potenzial von Tanzinterventionen wird in einem Fall aufgezeigt. Zudem werden einmal das Potenzial von Geschichten sowie das Rollenspiel als konkrete Intervention erwähnt.
34 4.6.3 Haltung und Haltungstransfer der Psychomotorik Die beziehungsorientierte Haltung der Psychomotorik wird als ein wichtiger Baustein für das kindliche Wohlbefinden und die Lernbereitschaft von Kindern und Jugendlichen benannt. Als eine Stärke der Psychomotorik wird hervorgehoben, dass ein sicherer Raum geboten werden kann, in dem Kinder ihre Gefühle ausdrücken und erleben dürfen, in Beziehung treten können und sich gesehen fühlen. In diesem Zusammenhang erwähnen drei Expert:innen die Funktion der Psychomotoriktherapeut:in in der Sensibilisierungsund Meditationsrolle im schulischen Kontext. In dieser Funktion tragen Psychomotoriktherapeut:innen dazu bei das kindliche Verhalten neu zu rahmen, Missverständnisse aufzulösen und das Umfeld für die Individualität der Kinder zu sensibilisieren. Zudem wird von B4 ein konkreter Ansatz benannt, wie die Beziehungsgestaltung zwischen Lehrperson und Kind durch die Psychomotorik unterstützt werden kann und somit das System entlastet wird: «Und was ich auch noch mache, und ich finde das ist gerade auch hinblicklich dieser psychischen Gesundheit einfach auch sehr wichtig, weil ich finde, was den Lehrpersonen ja oft fehlt und was sie auch vermissen, ist A: in die Beobachterrolle zu gehen und B: Zeit, wirklich Zeit zu haben, wo sie sich einzelnen Kindern widmen können. Also es ist quasi auch, zum Beispiel während dem Freispiels sagen, ich übernehme die Verantwortung für das Freispiel oder ich übernehme die Verantwortung für die Bewegungslandschaft, für die grosse Gruppe, damit du mit einzelnen Kindern in die Beziehungsarbeit gehen kannst» (39). 4.6.4 Mut zur Positionierung Ein grosses Handlungsfeld zeigt sich bei der Positionierung der Psychomotoriktherapie. Mehrere befragte Personen nehmen wahr, dass aktuelle gesellschaftliche Trends wie Achtsamkeit, Schulfach Glück oder Humor in den Schulen von anderen Berufsgruppen aufgegriffen und erfolgreich platziert werden: «Vor ein, zwei Jahren gab es einen Humor-Boom. Jetzt gibt es den Achtsamkeits-Boom. Und dann bringen irgendwelche Leute das Thema Achtsamkeit in die Schule und verkaufen das gut. Und dann nerve ich mich manchmal. Ich kann mich schon nerven. Wir müssen es einfach besser machen. Warum bringen wir das nicht? Diese Hype-Themen verpassen wir manchmal ein bisschen. Warum macht das nicht die Psychomotoriktherapeutin? Die ist ja eh da» (B2, 49). B4 benennt dieselbe Beobachtung wie folgt: «Eben, was ich wirklich mir wünschen würde, dass die Psychomotorik mehr den Fuss in diese offene Tür stellen würde. […] Und wir Psychomotoriktherapeutinnen sind einfach schlecht damit (lacht), an die Öffentlichkeit zu gehen mit unserem Know-How. Das ist eigentlich schade, weil ich finde, wir haben grundsätzlich eigentlich viel dazu zu sagen. Und wir sind von Natur aus, sage ich mal, sind wir genau da, wo jetzt ganz viele andere versuchen, sich zu positionieren.» (77). Zudem ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Berufsidentität ein wiederkehrendes Thema. Verschiedene Aussagen betonen die Bedeutung einer
35 unermüdlichen Positionierung und den bewussten Umgang mit der Eigenverantwortung in der therapeutischen Rolle. B3 hebt hervor, dass es im schulischen Kontext Mut erfordert, sich aktiv einzubringen und sichtbar zu positionieren, besonders weil man oftmals als Einzelkämpfer:in unterwegs ist. Sowohl B2 als auch B5 betonen den Auftrag der Therapeutenperson das Bewusstsein für die Methoden und Einsatzmöglichkeiten der Psychomotorik klar zu kommunizieren und so das Bewusstsein in der Schule und in der breiteren Öffentlichkeit zu schärfen. In der Zusammenarbeit und der gemeinsamen Entwicklung von Angeboten mit anderen Berufsgruppen sehen die Interviewpartner:innen besonders grosse Chancen. Dies sagt auch B3: «Vielleicht können wir die Lehrpersonen hier bestens unterstützen […] und gemeinsam ein attraktives Angebot erarbeiten» (44). Er wagt zudem einen Blick in andere Berufsgruppen und äussert den Ansatz sich auch mit Fachpersonen der Psychiatrie oder anderen therapeutischen Disziplinen auszutauschen. 4.7 Stolpersteine und Grenzen der Psychomotorik Die Überlastung des bereits stark beanspruchten Systems wird thematisiert. B2 hebt den Fachkräftemangel hervor: «Und trotzdem haben wir einen Fachkräftemangel überall und müssen jetzt schauen, was wir wie schlau bewirtschaften können» (17). Mehrere Befragte äussern die Beobachtung, dass die vorhandenen Stellenprozente häufig zu gering sind und Therapeut:innen kaum Kapazität haben, neue Projekte und präventive Massnahmen zu realisieren. Zudem wird die Priorisierung zwischen präventiven Angeboten und der therapeutischen Arbeit mit Kindern in komplexen Situationen und mit grossen Schwierigkeiten als Herausforderung gesehen: «Was ich halt schon sehe ist, dass im Moment, oder was ich häufig auch höre, ist, dass halt eh die Ressourcen schon so klein sind, dass sie eben dann gebraucht, werden für Kinder mit einem hohen Bedarf, mit komplexen Situationen, mit grossen Schwierigkeiten, oder? Und das ist dann auch nicht immer einfach dort abzuwägen, ja, nimmt man jetzt eher noch ein Kind oder macht man noch ein Präventionsprojekt, im Wissen, dass die Stellenprozente ja häufig relativ klein sind. Also das sehe ich schon, und dort denke ich eben, kommt dann die Ressourcenfrage schon auch wieder rein» (B5, 106). Als Grenze wird von allen Befragten genannt, dass die Psychomotorik einfach einen Teil in diesem komplexen Geschehen beitragen kann: «[…] weil ich finde, wir sind da einfach ein Rädchen» (B4, 51). Mehrfach wird darauf hingewiesen, dass sich das Fachgebiet klar gegenüber der Psychotherapie abgrenzen und sich der eigenen fachlichen Grenzen bewusst sein sollte: «Weil wir müssen schon aufpassen, wir sind nicht die Psychotherapeuten, wir müssen uns irgendwo dann auch abgrenzen» (B3,62).
36 5 Diskussion In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen mit den empirischen Ergebnissen verknüpft und in Bezug auf die Fragestellungen interpretiert und diskutiert. Ziel dieser Arbeit war es zunächst, zentrale Einflussfaktoren zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen herauszuarbeiten. Darauf aufbauend wurde untersucht, inwiefern sich die Psychomotoriktherapie für die Gestaltung und Umsetzung präventiver Angebote eignet. Abschliessend wurde der Blick auf die praktische Realisierbarkeit solcher Angebote gerichtet. Die Einflussfaktoren auf die Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen erweisen sich als vielfältig, wobei die Stärkung von Ressourcen im Zentrum steht. Die Schule wird als zentraler Ort für gegenwärtige und zukünftige Bestrebungen hervorgehoben. Die Psychomotoriktherapie wird grundsätzlich als geeigneter Ansatz angesehen, um sich in der Förderung psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu positionieren und einen Beitrag in diesem vielschichtigen Feld zu leisten. Für die konkrete Umsetzung psychomotorischer Programme sind jedoch strukturelle Anpassungen erforderlich und es benötigt Entwicklungsarbeit. 5.1 Diskussion der Ergebnisse entlang der Forschungsfragen Forschungsfrage 1: Welche Faktoren sind in der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von Bedeutung? Die Interviews und der theoretische Rahmen zeigen, dass die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein komplexer, dynamischer und vielschichtiger Prozess ist, der von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird. Diese Tatsache zeigt beispielsweise auch das Bundesamt für Gesundheit (2015) in einem Bericht auf. Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit kann diese Fragestellung nicht in ihrer ganzen Tiefe und Breite behandelt werden. Stattdessen werden zentrale theoretische und empirische Befunde dargestellt, die für die Beantwortung der Forschungsfragen dieser Arbeit besonders relevant sind. Der wesentliche Faktor, welcher sich sowohl aus den empirischen Daten wie auch aus der Theorie ableiten lässt, ist die Förderung von individuellen Ressourcen als Schutzfaktor gegenüber verschiedener Belastungen. Aussagen zur Förderung von Ressourcen ziehen sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Interviews. Auch Hennemann et al. (2017) betonen in ihrem Buch die Bedeutung der protektiven Faktoren für Präventionsprogramme. So unterscheiden sich zwar innerhalb der Interviews die Begrifflichkeiten und die Ausführungen, der Grundgedanke ist jedoch der gleiche.
43 5.2 Schlussfolgerungen für die psychomotorische Praxis Welche Rolle kann also die Psychomotoriktherapie nun in der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen einnehmen? Die Ergebnisse machen deutlich: In der präventiven Arbeit liegt ein grosses Potenzial. Nicht nur zur frühzeitigen Unterstützung einzelner Kinder und Jugendlicher, sondern auch im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Beitrags zur Förderung psychischer Gesundheit im Bildungssetting. Es gilt, diesen Weg mutig weiterzugehen. Es liegt in der Natur der Psychomotorik, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und schulischen Herausforderungen zeigt sich jedoch ein wachsender Bedarf an präventiven Strategien zur Förderung des psychischen Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen. Die vorliegende Arbeit zeigt auf, dass die Psychomotorik in diesem Bereich über grosses Potenzial verfügt und sich noch gezielter im präventiven Feld positionieren kann. Es ist auch denkbar, dass der Berufsverband einen Fokus auf das Thema legt. Erste Programme zeigen bereits vielversprechende Ansätze. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, braucht es ein stärkeres Bewusstsein für die verschiedenen Settings und das Potenzial der Psychomotorik in diesem Bereich. Um B4 erneut zu zitieren: «Die Psychomotorik ist von Natur aus genau da, wo sich andere versuchen zu positionieren» (77). Durch ihre Nähe zur Lebenswelt Schule, ihre kindzentrierten und handlungsorientierten Zugänge, ihre Beziehungsarbeit und die Vielfalt an Methoden zeigt sich die Psychomotorik als optimales Fachgebiet zur Unterstützung der schulischen Prävention und Gesundheitsförderung. Dazu braucht es jedoch strukturelle Anpassungen, mehr finanzielle und personelle Ressourcen, eine unermüdliche Positionierung und wirksamkeitsgeprüfte Entwicklungsarbeit. Abschliessend möchte ich gerne noch einmal B3 zitieren: «Fokus Prävention finde ich super gut in der Psychomotorik. […] Weil da kann man nichts kaputt machen, im Gegenteil, alle profitieren, alle haben Freude, haben Spass, sie gehen gestärkt aus einem solchen Angebot heraus. Also, let's do that!» (62). 5.3 Ausblick Die vorliegende Bachelorarbeit beleuchtet ein interessantes Gebiet für zukünftige Forschungen und Entwicklungsarbeiten der Schweizer Psychomotorik. So könnten beispielsweise spezifisch genannte Interventionen und deren Wirkung auf die psychische Gesundheit im Rahmen präventiver Projekte erforscht werden. Wünschenswert wären zudem die Entwicklung und Evaluation eines psychomotorischen Präventionskonzepts zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Auch der Einsatz von Screenings zur frühzeitigen Erkennung von Belastungen sowie die Entwicklung selektiver Präventionsprogramme stellen bedeutsame Zukunftsaussichten dar.
44 6 Literaturverzeichnis Amft, S., Boveland, B., Hensler-Häberlin, K. & Uehli-Staufer, B. (2013). Kann Psychomotoriktherapie zur Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen beitragen? Praxis der Psychomotorik, 38(3), 134–139. Bildungsund Kulturdirektion des Kantons Bern. (n.d.). Lehrplan 21 für die Volksschule des Kantons Bern. Verfügbar unter: https://be.lehrplan.ch/ Bildungsund Kulturdirektion des Kantons Bern & Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung (Hrsg.). (2024). Leitfaden Massnahmen in der Regelschule (MR) - Regelung der einfachen sonderpädagogischen und unterstützenden Massnahmen im Regelschulangebot des Kantons Bern für Lehrpersonen, Schulleitungen und Schulbehörden. Verfügbar unter: https://www.akvb-unterricht.bkd.be.ch/de/start/sonderpaedagogische-massnahmen/einfache-sonderpaedagogische-massnahmen.html Bonetti, B., Conrad, C., Costantini, D., Holdener, E., Jordan, M., Heim, D. K. et al. (2017). Bedarfsanalyse von Massnahmen zur Förderung der Psychischen Gesundheit im Bildungsbereich (BPGB) - Synthesebericht. Bern Liebefeld: bildung+gesundheit Netzwerk Schweiz, Bundesamt für Gesundheit. Verfügbar unter: https://www.bildungundgesundheit.ch/deutsch/produkte Buchmann, T. (2007). Psychomotorik-Therapie und individuelle Entwicklung: Bewegung bewegt das Denken und Fühlen. Luzern: Edition SZH/CSPS der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik. Bundesamt für Gesundheit (BAG). (2015). Psychische Gesundheit in der Schweiz: Bestandsaufnahme und Handlungsfelder. Bericht im Auftrag des Dialogs Nationale Gesundheitspolitik. Verfügbar unter: https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/psychische-gesundheit/politische-auftraege/dialog-bericht/bericht_psychische_gesundheit.pdf.download.pdf/bericht_psychische_gesundheit.pdf Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. (n.d.). Lehrplan 21: Das Wichtigste im Überblick. Verfügbar unter: https://lehrplan21.ch/sites/default/files/lp21_leporello_a4.pdf
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51 7 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Eigene Darstellung, erstellt mit KI-gestütztem Tool ................................ 1 Abbildung 2: Bewegungstherapeutische Ziele mit psychisch erkrankten Kindern (Thimme et al.,2021, S.91) ........................................................................................ 16 Abbildung 3: Ablauf einer inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz und Rädiker, 2022, S.132) ................................................................................................ 20 8 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Eigene Darstellung nach Gentaz (2022, S.78-82)..................................... 12 Tabelle 2: Stichprobe ................................................................................................. 19
52 9 Anhang 9.1 Interviewleitfaden Raster nach Kruse (2015)→ Kapitel 3 (S.213 ff.) Vorbereitung: - Begrüssung und kurzer Smalltalk - Einverständniserklärung - Ablauf besprechen (Dauer, Hochdeutsch? Audioaufnahme?) - Danksagung Erzählaufforderung: Einstieg / Eckdaten Leitfrage: Sie beschäftigen sich in ihrem Berufsalltag direkt oder indirekt mit dem Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen. Was ist ihr beruflicher Werdegang? Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete Nachfragen Beruflicher Hintergrund und Bezug zum Thema o Inwiefern setzten sie sich in ihrem beruflichen Alltag mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auseinander? o Wie fest sind sie in ihrer Arbeit von den steigenden Zahlen psychisch erkrankter Kinder und Jugendlichen betroffen? Erzählaufforderung: Bereich 1 – Handlungsbedarf psychische Gesundheit Leitfrage: Inwiefern sehen sie einen Handlungsbedarf hinsichtlich der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen? Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Konkrete Nachfragen Handlungsbedarf Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen o Allenfalls Darlegung der Zahlen? o Wie kann ihrer Meinung nach die aktuelle Situation entlastet werden? o Was braucht es? o Was brauchen Kinder und Jugendliche?
59 Potenzial der Psychomotoriktherapie Psychomotorik und Prävention Die Psychomotoriktherapie und deren Ansätze, Philosophien, Rahmenbedingungen, aktuelle Bemühungen und konkrete Umsetzungsideen hinsichtlich der Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. - Fördersettings und Zielgruppe - Aktuelle Bestrebungen der Psychomotoriktherapie - Interdisziplinarität B3 (26): «Wo ich auch merke, gerade auch ältere Kinder oder junge Jugendliche haben da viele Themen. Ja, und da sind wir aber bei einem Problem, die sind eigentlich nicht in der Psychomotoriktherapie. Und finde ich übrigens auch, dann einen spannenden Punkt zu schauen. Ja, wieso haben wir vor allem nur so ganz kleine Kinder? Weil ich denke, gerade die psychische Gesundheit ist etwas, das man wie stetig begleiten muss oder stetig fördern kann und es ist eben auch altersabhängig.» B2 (34-35): I: «Gibt es bereits Projekte oder Ansätze, um explizit diese psychische Gesundheit auch eher präventiver zu fördern?» B2: «Ich glaube im Fall nicht gross. In der Deutschschweiz, vielleicht in der Romandie etwas mehr. Aber auch da bin ich nicht sicher.» B4 (35): «Also mein integratives Arbeiten ist ja jetzt explizit mit den Kindergärtnerinnen und ich merke, ich bin nicht der Typ, der etwas Fertiges nimmt und dies alleine umsetzt, sondern ich finde, weil ich finde genau das ist auch die Prävention oder unser psychomotorisches Gedankengut, es muss sich einpassen in (…) den Kindergartenmorgen und es muss zur Kindergärtnerin passen.»
60 Handlungsfelder und Anknüpfungspunkte der Psychomotorik - Strukturelle Ebene und Entwicklungsbedarf - Interventionen und Förderbereiche - Haltung und Haltungstransfer der Psychomotorik - Mut zur Positionierung B2 (73) «Ich denke, es braucht noch ein grösseres Bewusstsein für unterschiedliche Settings, in denen wir arbeiten können.» B4 (33) «Für mich ist dann immer auch ein bisschen die Frage, wenn ich etwas mache im sozioemotionalen, was ist denn das psychomotorische daran und ich finde immer, es muss einen Anker im Körper finden, es geht um die Körperwahrnehmung, es geht um eben im Spiel drin etwas erfahren und klar ist die Reflexion auch wichtig, aber dieses körperliche Element finde ich, das muss rein, damit wir es psychomotorisch nennen dürfen (lacht).» B2 (37) «Aber sonst denke ich, eben ausser dass es immer ein Teil unserer Arbeit einfach ist und wir häufig auch in den Schulen so eine Mediationsrolle, wenn ich dem jetzt so sagen soll oder will, einnehmen, dass wir auch das Verständnis für das Verhalten des Kindes eben zu öffnen versuchen.» B4 (77) «Eben, was ich wirklich mir wünschen würde, dass die Psychomotorik mehr den Fuss in diese offene Tür stellen würde.»
61 Stolpersteine und Grenzen der Psychomotorik Grenzen und Stolpersteine, welche sich der Psychomotorik hinsichtlich der Prävention psychischer Auffälligkeiten zeigen. B2 (27) «Ich sehe einen dringenden, aber ich sehe ein Problem mit den Ressourcen. Jetzt aus psychomotorischer Sicht. Und ich freue mich sehr, wenn du ein paar Leute zusammentrommelst, die da…» B3 (62) «Weil wir müssen schon aufpassen, wir sind nicht die Psychotherapeuten, wir müssen uns irgendwo dann auch abgrenzen.» Sonstiges Weitere spannende Aussagen der befragten Personen.
62 9.3 Beispiel-Transkript mit Codierung Aus Gründen des Datenschutzes wurde das Beispiel-Transkript separat eingereicht.