[Rezension] Oppermann, Matthias (2024): Edmund Burke. Der Staatsmann als Philosoph
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Full text
Kahl, André Book Review — Published Version [Rezension] Oppermann, Matthias (2024): Edmund Burke. Der Staatsmann als Philosoph Politische Vierteljahresschrift Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Kahl, André (2025) : [Rezension] Oppermann, Matthias (2024): Edmund Burke. Der Staatsmann als Philosoph, Politische Vierteljahresschrift, ISSN 1862-2860, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 66, Iss. 2, pp. 481-483, https://doi.org/10.1007/s11615-025-00616-8 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/323520 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
REZENSION https://doi.org/10.1007/s11615-025-00616-8 Politische Vierteljahresschrift (2025) 66:481–483 Oppermann, Matthias (2024): Edmund Burke. Der Staatsmann als Philosoph Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH. 248 Seiten. 32,00 C André Kahl Angenommen: 2. Mai 2025 / Online publiziert: 19. Mai 2025 © The Author(s) 2025 An Biografien über den anglo-irischen Unterhausabgeordneten Edmund Burke (1730–1797) mangelt es nicht; zu nennen sind etwa die umfangreichen Studien von Frederick Lock und Richard Bourke. Braucht es nun ein weiteres Buch zum Leben des mitunter störrischen Iren? Die Antwort ist „Ja“, denn in Deutschland fehlt es bislang an einer kenntnisreichen, aber komprimierten Gesamtdarstellung seines Lebens, welche das Potenzial hat, über das akademische Fachpublikum hinaus eine Leserschaft zu erreichen. Eine solche hat Matthias Oppermann vorgelegt, der sich bereits im Rahmen seiner 2020 erschienenen Habilitationsschrift mit dem Aufstieg des britischen Liberalkonservatismus zwischen 1750 und 1850 beschäftigte. Drei miteinander verwobene Anliegen leiten Oppermanns Buch an: Erstens geht es darum, die Lebensstationen Burkes nachzuzeichnen. Das ist für sich genommen bereits interessant, denn der berühmte Kritiker der Französischen Revolution kann wohl kaum als prädestiniert für eine politische Karriere im England des 18. Jahrhunderts bezeichnet werden. In gleich zweifacher Weise ist dieser benachteiligt, einerseits als Spross einer bürgerlichen Familie und andererseits als Ire. Dem Historiker Oppermann geht es zweitens darum, seine Leserschaft für die politischen wie auch sozialen Gepflogenheiten jener Zeit zu sensibilisieren. Drittens positioniert sich der Autor zur Gretchenfrage der Burke-Forschung: Gibt es Prinzipien, die Burke anleiten und wenn ja, welche sind das? Oppermann untergliedert sein Buch in elf Kapitel, wobei er seine Leser:Innen zunächst in die politische Welt einführt, welche Burke um die Mitte des 18. Jahrhunderts betritt (Kap. 1). Das Selbstverständnis der Whigs und Tories spielt hier ebenso eine Rolle, wie das damals vorherrschende Verständnis von Repräsentation. Vollkommen zu recht geht der Autor bis in das 17. Jahrhundert zurück, denn André Kahl Universität Halle, Halle, Deutschland E-Mail: [email protected] K
482 A. Kahl ohne den von 1642 bis 1649 währenden Englischen Bürgerkrieg und die Glorious Revolution (1688/89) sind Burkes Denken und Wirken nicht zu verstehen. Mit Burkes ersten Lebensjahren in Irland und seinen literarischen Gehversuchen im London der 1750er-Jahre beschäftigt sich Oppermann in Kapitel zwei und drei. Die Benachteiligung der Iren, die ihren systematischen Ausdruck in den Penal Laws fand, wird hier ebenso thematisiert, wie Burkes Studienzeit am renommierten Trinity College in Dublin. Im vierten Kapitel wird die Profilierungsphase im Unterhaus verhandelt, im Zuge dessen der sprachgewandte anglo-irische Sozialaufsteiger zum Spiritus Rector der Rockingham-Whigs avanciert. Abseits der politischen Großwetterlage jener Tage werden auch interessante Nebenschauplätze beleuchtet, etwa Burkes fortwährendes Bemühen, der von ihm so geschätzten englischen Gentry anzugehören. Zur Verwirklichung dieses Wunsches erwirbt er ein Landgut in Beaconsfield nahe London, für welches sich der finanziell nicht üppig ausgestattete Burke in hohem Maße verschuldete (vgl. S. 72–73). Neben innenpolitischen Herausforderungen wie der Wilkes-Affäre stehen Burkes erste Jahre im Unterhaus im Zusammenhang der Nachwehen des Siebenjährigen Krieges (1756–1763), der Lastenverteilung zwischen den Kolonien in Neuengland und dem Mutterland und einer strategischen Neuausrichtung des Empire, und zwar von einer Politik des salutary neglect (S. 96) hin zu einer stärkeren Anbindung der peripheren Gebiete an das Zentrum. Mit den hieraus erwachsenden politischen Spannungen hat Burkes Beschäftigung im politischen Tagesgeschäft der 1770er-Jahre maßgeblich zu tun, was eingehend im fünften Kapitel erläutert wird. Dabei ist der englischen Öffentlichkeit bisweilen nicht klar, auf wessen Seite der Whig steht, so musste er sich des Öfteren der Anschuldigung erwehren, er sei ein „Agent amerikanischer Interessen“ (S. 98). Kapitel sieben und acht verhandeln dagegen verstärkt innenpolitische Themen. Neben der Economical Reform zur Verringerung von Verschwendung und Entlastung des Staatshaushalts, spielen die Regierungskrise der 1780er-Jahre ebenso eine Rolle wie die Gordon Riots, die Burke vor Augen führen, wozu „eine wütende Masse fähig war“ (S. 108). In Kapitel acht und neun werden die beiden größten Herausforderungen in Burkes politischer Laufbahn thematisiert: das von ihm hauptsächlich vorangetriebene Amtsenthebungsverfahren gegen Warren Hastings – seinerzeit Generalgouverneur der East India Company – und die Französische Revolution. Bekanntlich war Indien eine Herzensangelegenheit von Burke, und Oppermann zeichnet hier geschickt nach, wie er sich durch sein fortwährendes Engagement gegen Hastings zunehmend unbeliebt macht. Auffallend ist indes, dass Oppermann Burkes Agieren vordergründig moralisch motiviert sieht. Zwar ist dies nicht falsch, zur Wahrheit gehört aber auch, dass Burke die politischen Rückkopplungseffekte auf das Mutterland fürchtet, erachtet er doch die jungen und in Indien zu Reichtum gekommenen Männer, die seinerzeit abschätzig als Nabobs bezeichnet wurden, als eine Gefahr des fragilen englischen Verfassungsgefüges. Zu befürchten sei nämlich, dass die Nabobs ihr ökonomisches Kapital nutzen, um sich in das Unterhaus einzukaufen, wodurch sich die Anzahl der am Gemeinwohl orientierten Gentleman auf lange Sicht vermindern würde. Bisweilen wirkt Burke in der Darstellung von Oppermann zudem etwas weichgezeichnet, was besonders deutlich an seiner Haltung zur Sklaverei wird. Ob man Burke nun als bekennenden Abolitionisten liest oder als Sklavenhandel beinhaltenden Fürsprecher von Freihandel versteht, ist zweitrangig, K
Oppermann, Matthias (2024): Edmund Burke. Der Staatsmann als Philosoph 483 dass allerdings die Frage nach seinem Verhältnis zur Sklaverei in der Forschung nun wieder verhandelt wird, hätte zumindest erwähnt werden müssen. In Kapitel zehn weist Oppermann auf die Relevanz von Klugheit und Mäßigung als leitende Konzepte von Burkes Denken hin. Dies sind die analytischen Begriffe mit denen der Autor die Spezifik von Burkes Denken auszuloten versucht, ein Zugang, den Oppermann bereits in seiner Habilitation wählt. Abschließend geht der Autor auf die Wege und vor allem Irrwege der Burke-Rezeption ein. Besonders Friedrich Gentz habe die Reflections aus dem britischen Kontext herauslöst und die darin enthaltenen Argumente zu einem „rationalistischen Konservatismus“ verflacht (S. 198). Oppermanns Buch ist weniger vom Bestreben geleitet, sich zu einem der innerhalb der Burke-Forschung kursierenden Fragen zu positionieren, vielmehr soll der spärlichen Anzahl im deutschen Sprachraum verfügbarer Einführungswerke eine weitere pointierte Abhandlung zur Seite gestellt werden. Die Überblicksdarstellung lohnt sich daher verstärkt für einen ersten Zugang, somit steht sie in einer Tradition mit anderen Kompendien, wie etwa jenen von Walter von Wyss und Robert Zimmer im deutschen, oder aber Jesse Norman im englischen Kontext. Für Detailfragen sollte man jedoch eher auf die famosen und wesentlich umfangreicheren Biografien von Bourke, Lock, David Bromwich oder Conor Cruise O’Brien zurückgreifen. Die bereits angesprochene Gretchenfrage lässt der Autor zwar zunächst mit der Bemerkung „was Burke wirklich glaubte, kann niemand wissen“ (S. 181) offen. Jedoch zeigt er sich sodann skeptisch, dass Burkes Denken trotz gelegentlicher Bezüge auf einen überzeitlichen Standard geleitet wurde, was auch der Mehrzahl der gängigen Positionen innerhalb der Burke-Forschung entspricht. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/ 4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. K
