Soziale Polarisierung in den deutschen Städten
Abstract
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Full text
Helbig, Marcel Book Part — Published Version Soziale Polarisierung in den deutschen Städten Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Helbig, Marcel (2024) : Soziale Polarisierung in den deutschen Städten, In: Deutschland, Statistisches Bundesamt, DESTATIS ; Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung - Social Science Research Center Berlin, WZB ; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, BiB (Ed.): Sozialbericht 2024 : ein Datenreport für Deutschland, ISBN 978-3-8389-7264-0, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, pp. 268-272 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/312972 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
Die Region, in der ein Mensch lebt, kann seine Lebenschancen beeinflussen. Dies kann durch unterschiedliche infrastrukturelle Bedingungen, etwa im Gesundheitsoder Bildungsbereich, geschehen. Auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind regional ungleich verteilt. Darüber hinaus können aber auch kleinräumige sozialstrukturelle Unterschiede auf der Ebene von Stadtquartieren Lebenschancen verändern. Konzentrieren sich beispielsweise viele arme Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund in einem Stadtteil, so hat auch die Schule vor Ort größere Herausforderungen zu bewältigen. Die Kinder an einer solchen Schule haben oft größere Sprachdefizite, es kommt häufiger zu störendem Verhalten im Unterricht und in Zeiten des Lehrermangels fehlen hier oftmals Lehrkräfte. Zu regionalen soziostrukturellen Disparitäten gibt es auf der Ebene der 400 deutschen Kreise und kreisfreien Städte eine Vielzahl von Untersuchungen. Auch für die knapp 11 000 deutschen Gemeinden beziehungsweise fast 5 000 Gemeindeverbände liegt eine Reihe von soziostrukturellen Analysen vor. Deutlich weniger Aufmerksamkeit wurde bisher kleinräumigen Analysen innerhalb der Städte geschenkt. Und das obwohl die sozialen Unterschiede bei der Armutsverteilung innerhalb von Städten weitaus größer sind als die Unterschiede zwischen verschiedenen Kreisen und Gemeinden. Armut wird in diesem Kapitel über den Anteil von Personen (unter 65 Jahren) gemessen, die Transferleistungen aus dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuches (SGB II) erhalten. Eine einkommensbasierte Definition ist auf kleinräumiger Ebene nicht verfügbar. Die kreisspezifischen Unterschiede der SGB-II-Quoten betrugen im Jahr 2022 maximal rund 23Prozentpunkte. Den höchsten Wert wies dabei die kreisfreie Stadt Gelsenkirchen auf (24,4 %), den niedrigsten Wert der Kreis Pfaffenhoffen an der Ulm (1,3 %) (Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung [BBSR] 2023, siehe Info 1). Innerhalb der Städte variierten die SGB-II-Quoten im gleichen Jahr deutlich stärker. In Essen, Erfurt und Duisburg waren auf Stadtteilebene Unterschiede von rund 35 Prozentpunkten, in Dortmund und Kiel von 40 Prozentpunkten, in Köln, Halle (Saale) und Schwerin von 45 Prozentpunkten und in Hamburg und Berlin von fast 60Prozentpunkten zu beobachten. Große Unterschiede innerhalb der Städte zeigen sich auch, wenn die Verteilung der Personen mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit betrachtet wird. Hier unterschieden sich die Stadtteile mit dem niedrigsten und dem höchsten Ausländeranteil in Kiel um gut 35 Prozentpunkte, in Essen und Halle (Saale) um 45Prozentpunkte, in Duisburg, Dortmund und Stuttgart um rund 55 Prozentpunkte, in Berlin um 60 Prozentpunkte und in Hamburg um 70 Prozentpunkte. Auf Kreisebene betrug die Differenz bei diesem Indikator im Jahr 2020 nur knapp 35Prozentpunkte. Im Erzgebirgskreis lag der Ausländeranteil bei rund 2 % und in der kreisfreien Stadt Offenbach am Main bei fast 37 %. Die soziale und ethnische Polarisierung innerhalb einzelner Städte ist damit zum Teil deutlich größer als zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten Deutschlands. In dem vorliegenden Kapitel soll anhand der Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) die soziale Polarisierung in den 153 größten deutschen Städten dargestellt werden. u Info 1 7.2.1 Armutssegregation in den deutschen Städten Um Städte unterschiedlicher Größe und Gestalt miteinander vergleichen zu können, benötigen wir etablierte Indikatoren, die Auskunft über das Ausmaß der Ungleichverteilung zwischen den Städten geben. Eines der am weitesten verbreiteten Maße ist der Dissimilaritätsindex. Er wird in der Stadtforschung auch als Segregationsindex bezeichnet. Der Index mit einem Wertebereich von 0 bis 100 gibt für die Gesamtstadt an, wie ungleich eine soziale Gruppe im Vergleich zum Rest der Bevöl7.2 Soziale Polarisierung in den deutschen Städten Marcel Helbig Leibniz Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) WZB / SOEP 268 7 / Sozialstruktur und soziale Lagen 7.2 / Soziale Polarisierung in den deutschen Städten
2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 20 25 30 35 40 Ost (21) Ruhrgebiet (23) Süd (34) Nord (21) West (54) Segregationsindex kerung über die statistischen Gebietseinheiten der Stadt verteilt ist. Je höher der Wert ausfällt, desto ausgeprägter ist die Segregation. Der Wert gibt den Anteil einer bestimmten Bevölkerungsgruppe an (zum Beispiel der von Armut betroffenen Personen), der umziehen müsste, um eine Gleichverteilung dieser Gruppe über die Gesamtstadt zu erreichen. Mit den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist es möglich, die Ungleichverteilung von Personen mit SGB-II-Bezug bezogen auf alle anderen Personen (unter 65 Jahren) abzubilden. Diese Ungleichverteilung lässt sich als Armutssegregation interpretieren. Darüber hinaus können die Anteile von Akademikern und Akademikerinnen bezogen auf alle Erwerbspersonen (als Maßzahl für die Bildungssegregation) sowie von Beziehenden höherer Einkommen (oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze) bezogen auf alle Erwerbspersonen (als Maßzahl für die Einkommenssegregation) errechnet werden. Abbildung 1 zeigt die städtische Armutssegregation in fünf unterschiedlichen Regionen für den Zeitraum von 2013 bis 2022. In den ostdeutschen Städten war die Armutssegregation in diesem Zeitraum am stärksten ausgeprägt und verzeichnete zwischen 2013 und 2018 den größten Zuwachs. Den höchsten Stand erreichte der Segregationsindex im Jahr 2022 in den ostdeutschen Städten: Rund 38 % aller Personen mit SGB-IIBezug hätten demnach umziehen müssen, um eine Gleichverteilung innerhalb der ostdeutschen Städte zu erreichen. Auch in den Städten des Ruhrgebiets zeigte sich ein starker Anstieg zwischen 2013 und 2020. Die norddeutschen Städte wiesen zwar ebenfalls eine vergleichsweise hohe Armutssegregation auf, verzeichneten aber einen geringeren Anstieg. Für die süddeutschen Städte zeigte sich ein gegenläufiger Trend. Sie wiesen 2022 die geringste Armutssegregation auf. u Abb 1 Ein Grund für die deutliche Zunahme der Armutssegregation in den ostund norddeutschen Städten sowie den Städten des Ruhrgebiets insbesondere u Abb 1 Entwicklung der Armutssegregation in 153 Städten nach Regionen In Klammern ist jeweils die Anzahl der Städte angegeben, die in die Betrachtung eingeflossen sind. Ost: Neue Länder und Berlin. Ruhrgebiet: Alle Städte, die im Ruhrgebiet liegen. Süd: Städte in Bayern und Baden-Württemberg. Nord: Alle Städte in Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie die Freien Hansestädte Bremen und Hamburg. West: Alle übrigen Städte im früheren Bundesgebiet. Datenbasis: Bundesagentur für Arbeit. Arbeitslose, Personen in Bedarfsgemeinschaften und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im 1-Kilometer-Gitter, Auswertungen vom 22.12.22, 01.02.23, 24.04.23 und 11.09.23; eigene Berechnungen 269 Soziale Polarisierung in den deutschen Städten / 7.2 Sozialstruktur und soziale Lagen / 7 u Info 1 Datengrundlage Für die Untersuchung der innerstädtischen Sozialstruktur fehlen öffentlich zugängliche Datenquellen. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR) sammelt allerdings im Rahmen der sogenannten Innerstädtischen Raumbeobachtung (IRB) seit vielen Jahren Daten zu den größten Städten Deutschlands, die sich durch Daten weiterer Städte ergänzen lassen. Diese müssen bei jeder Stadt einzeln angefragt werden. In der Studie von Marcel Helbig (2023), Hinter den Fassaden. Zur Ungleichverteilung von Armut, Reichtum, Bildung und Ethnie in den deutschen Städten. WZB Discussion Paper P 2023-003 (https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2023/p23-003.pdf), auf der das hier vorliegende Kapitel beruht, wurden Daten für 101 deutsche Städte zusammengetragen. Darin finden sich auch methodische Hinweise sowie ausführliche Ergebnisse. Die kommunalen Daten bieten eine Vielzahl von Verknüpfungsmöglichkeiten mit Merkmalen aus der Einwohnermeldestatistik und den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA). Eine Schwierigkeit für den Vergleich der Kommunen ergibt sich daraus, dass jede Stadt ihre Stadtteile, statistischen Bezirke oder Quartiere selbst kartografiert. So gibt es Städte, in denen in einem Stadtteil durchschnittlich nur rund 1 000 Einwohnerinnen und Einwohner leben, während es in anderen über 10 000 sind. Ein präziser Vergleich zwischen den Städten ist daher nicht immer möglich. Eine weitere Quelle bilden die Daten der BA. Sie wurden für die vorliegenden Auswertungen auf einem einheitlichen Raster von einem Quadratkilometer für die Jahre 2013 bis 2022 zur Verfügung gestellt. Darin enthalten sind Statistiken zu SGB-II-Empfangenden, Arbeitslosen und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Mit diesen Daten ist es möglich, kleinräumige soziale Ungleichheiten für ganz Deutschland auf Basis eines einheitlichen Gebietsrasters zu vergleichen. Allerdings stellt die BA-Statistik keine Informationen zu Bevölkerungszahlen oder spezifischen Altersgruppen zur Verfügung. Diese Daten können derzeit nur von marktwirtschaftlich orientierten Unternehmen geschätzt werden, um beispielsweise die Bezugsgrößen (etwa: Personen unter 65 Jahre) für die SGB-II-Zahlen zu erhalten und damit kleinräumige Armutsquoten zu berechnen. Die Armutssegregation wurde in Abbildung 1 und 2 als Anteil der Leistungsempfangenden an allen Personen unter 65 Jahren berechnet. In Abbildung wurde diese für erwerbsfähige Leistungsempfangenden an allen Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren berechnet, um sie mit der Bildungsund Einkommenssegregation vergleichen zu können. Die Bildungssegregation bezieht sich auf den Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und Arbeitslosen mit einem akademischen Abschluss an allen Erwerbspersonen. Die Einkommenssegregation bezieht sich auf den Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten mit Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze an allen Erwerbspersonen.
u Abb 2 Armutssegregation in 153 deutschen Städten 2021 Rostock Kartenmaterial: ©BKG 2018, erstellt mit Datawrapper 35 bis unter 40 31 bis unter 35 40 und mehr 27 bis unter 31 22 bis unter 27 unter 22 München Stuttgart Frankfurt am Main Erfurt Köln Münster Bremen Hamburg Berlin Dresden Segregationsindex Datenbasis: Bundesagentur für Arbeit. Arbeitslose, Personen in Bedarfsgemeinschaften und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im 1-Kilometer-Gitter, Auswertungen vom 22.12.22, 01.02.23, 24.04.23 und 11.09.23; eigene Berechnungen 270 7 / Sozialstruktur und soziale Lagen 7.2 / Soziale Polarisierung in den deutschen Städten
unter 100 000 (76) 100 000 bis 200 000 (38) 200 000 bis 500 000 (26) ab 500 000 (13) 28 28 29 28 18 21 25 28 20 21 23 27 Index für Armutssegregation Index für Bildungssegregation Index für Einkommenssegregation Einwohnerinnen und Einwohner zwischen 2016 und 2018 war die Zuwanderung von Geflüchteten in die ohnehin sozial benachteiligten Quartiere dieser Städte. Da Geflüchtete häufiger auf SGBII-Leistungen angewiesen waren, kam es zu einer Verschärfung der Armutssegregation. In Süddeutschland gab es dagegen zahlreiche Städte, in denen die Neuzuwanderung in geringerem Maße in sozial benachteiligte Stadtteile erfolgte. In Abbildung 2 ist das Ausmaß der Armutssegregation in den einzelnen untersuchten Städten dargestellt. Die Unterschiede zwischen den Städten fielen im Jahr 2021 noch größer aus als beim Vergleich der fünf Regionen (siehe Abbildung 1). Unter den Städten mit der höchsten Armutssegregation (mit Werten über 40 %) befanden sich viele ostdeutsche Städte, wie Schwerin, Rostock, Halle (Saale) oder Erfurt, und norddeutsche Städte, wie Kiel oder Salzgitter. Ein sehr niedriges Niveau der Armutssegregation (mit Werten unter 20 %) fand sich vor allem in kleineren süddeutschen Städten, wie Konstanz, Kempten, Sindelfingen oder Ludwigsburg. Interessanterweise zeigt sich kein nennenswerter Zusammenhang zwischen den Armutsquoten einer Stadt und der Armutssegregation innerhalb der jeweiligen Stadt. Ebenso gibt es keinen statistischen Zusammenhang mit der Gemeindegröße. u Abb 2 7.2.2 Bildungsund Einkommenssegregation Während Städte unterschiedlicher Größe ein ähnliches Niveau der durchschnittlichen Armutssegregation aufwiesen, nahm im Jahr 2021 sowohl die Bildungssegregation (Ungleichverteilung von Akademikern und Akademikerinnen) als auch Einkommenssegregation (Ungleichverteilung von Besserverdienenden) mit der Gemeindegröße zu. Die stärkste Bildungsund Einkommenssegregation fand sich in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern und Einwohnerinnen, die geringste in Städten mit weniger als 100 000 Einwohnern und Einwohnerinnen. Bei dieser Betrachtung fällt zudem auf, dass die räumliche Segregation von Armut mit Ausnahme der Großstädte (ab 500 000 Einwohner und Einwohnerinnen) stärker ausgeprägt war als die Segregation von Bildung und Einkommen. u Abb 3 Die Muster der sozialen Segregation sind in den deutschen Städten unterschiedlich ausgeprägt. In einer größeren Zahl von Städten konzentriert sich die Armut in der Innenstadt, während die höheren Einkommensgruppen eher im Umland zu finden sind. In einigen Metropolen und Universitätsstädten konzentrieren sich in den Innenstädten vor allem Akademiker und Akademikerinnen, zum Teil auch höhere Einkommensgruppen. In den ostdeutschen Städten ist die räumliche Segregation vor allem durch die Lage der Großwohnsiedlungen geprägt. In den Plattenbausiedlungen sind die Armutsquoten hoch, während die Anteile von Akademikern und Akademikerinnen sowie einkommensstarken Gruppen niedrig ausfallen. In den übrigen Quartieren der ostdeutschen Städte ist eher das umgekehrte Bild zu beobachten (siehe hierzu auch das Kartenmaterial der Wochenzeitung Die Zeit: https://zeit.de/ wirtschaft/2023-12/armut-deutschlandverteilung-grossstaedte). 7.2.3 Ballung von Armut Bei der Betrachtung der sozialen Segregationsindizes ist zu beachten, dass diese nicht beschreiben, wie hoch der Anteil von Personen einer bestimmten Gruppe in einem Gebiet ist. Auch wenn beispielsweise Erlangen mit einem Wert von rund 32 % (im Jahr 2021) ein relativ hohes Niveau der Armutssegregation aufwies, fiel die Armutsquote selbst in den am stärksten benachteiligten Stadtteilen relativ gering aus, da sie in Erlangen insgesamt sehr niedrig ist. So gab es in Erlangen keinen Stadtteil mit einer Armutsquote von mehr als 25 %. Umgekehrt weist die Stadt Herne mit einem Wert von rund 18 % eine eher geringe Armutssegregation auf. Aufgrund der sehr hohen Armutsquote in Herne lebten dennoch rund 18 % aller Einwohner und Einwohnerinnen in Gebieten mit einer Armutsquote von über 25 %. In Klammern ist jeweils die Anzahl der Städte angegeben. Datenbasis: Bundesagentur für Arbeit. Arbeitslose, Personen in Bedarfsgemeinschaften und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im 1-Kilometer-Gitter, Auswertungen vom 22.12.22, 01.02.23, 24.04.23 und 11.09.23; eigene Berechnungen u Abb 3 Vergleich der Armuts-, Bildungsund Einkommenssegregation nach Gemeindegröße in 153 Städten 2021 271 Soziale Polarisierung in den deutschen Städten / 7.2 Sozialstruktur und soziale Lagen / 7
u Abb 4 Zusammenhang zwischen SGB-II-Quote und Ausländeranteil auf Stadteilebene in 93 deutschen Städten nach Regionen Ost (20) Ruhrgebiet (13) Süd (20) West (25) Nord (16) 0,41 0,87 0,71 0,75 0,75 0,72 0,93 0,77 0,81 0,85 2013 2021 Das Zusammentreffen einer hohen Armutssegregation und einer überdurchschnittlichen Armutsquote zeigt sich dagegen beispielsweise in Schwerin (mit einer Armutssegregation von 51 %) oder Halle an der Saale (mit einer Armutssegregation von rund 42 %). Hier lebten rund 21 % (Schwerin) beziehungsweise 25 % (Halle) der Bevölkerung in Quartieren mit einer Armutsquote von über 25 % (vgl. Helbig 2023, 89ff. und 176ff., siehe Info 1). Insbesondere in den ostdeutschen Städten war trotz zunehmender Armutssegregation ein deutlicher Rückgang der Gebiete zu verzeichnen, in denen die Armutsquote besonders hoch war. Dies ist darauf zurückzuführen, dass hier zwar fast überall die Armutsquoten zurückgegangen sind, in den Stadtteilen mit niedrigen Armutsquoten diese aber stärker zurückgegangen sind als in den Stadtteilen mit hohen Armutsquoten. 7.2.4. Armut und Migration In den vergangenen Jahren zeigt sich ein immer stärkerer Zusammenhang zwischen Armut und dem Anteil von Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Mit den kommunalen Daten kann für 93 Städte gezeigt werden, dass sich auf der Ebene der Stadtteile der Zusammenhang zwischen Armut, verstanden als der Anteil der Personen mit Bezügen nach SGB II, und dem Anteil von Ausländern und Ausländerinnen verstärkt hat. Im Ruhrgebiet wies dieser Zusammenhang auf Stadtteilebene im Jahr 2021 eine sehr hohe Korrelation auf (Korrelationskoeffizient von 0,93). Auch in den süd-, westund norddeutschen Städten fiel die Korrelation (mit Werten zwischen 0,77 und 0,85) hoch aus. Selbst in den ostdeutschen Städten, in denen sich im Jahr 2013 kein ausgeprägter Zusammenhang zwischen den beiden Merkmalen gezeigt hatte, stieg der Korrelationskoeffizient im Jahr 2021 auf 0,72 an. Insgesamt ist der Anteil der SGB-II-Beziehenden mit ausländischem Pass in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. u Abb 4 7.2.5 Fazit Nicht nur die Regionen in Deutschland unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Sozialstruktur. Innerhalb der deutschen Städte fallen diese sozialen Unterschiede noch größer aus. Insbesondere in den ostdeutschen Städten und im Ruhrgebiet hat diese soziale Segregation in den vergangenen Jahren zugenommen, während die süddeutschen Städte eher sozial homogener geworden sind. Die Zunahme der Armutssegregation steht im Zusammenhang mit der Zuwanderung ärmerer Menschen aus anderen Ländern, oft mit Fluchthintergrund. Diese haben sich im Osten, im Ruhrgebiet und in einigen norddeutschen Städten vor allem in den ohnehin sozial benachteiligten Gebieten niedergelassen. Inwieweit die soziale Segregation in deutschen Städten die Lebenschancen der städtischen Bevölkerung beeinflusst, ist kaum untersucht worden. Durch die Verknüpfung der hier verwendeten Daten mit Befragungsdaten aus dem Nationalen Bildungspanel oder dem Sozio-oekonomischen Panel lassen sich hier in Zukunft neue Erkenntnisse gewinnen. In Klammern ist jeweils die Anzahl der Städte angegeben; zur Abgrenzung der Gebiete siehe Abbildung 1. Dargestellt ist für die Städte der jeweiligen Regionen, wie stark der Anteil von Personen mit SGB-II-Bezug mit dem Anteil von Ausländerinnen und Ausländern in einem Stadtteil zusammenhängt. Der dargestellte Korrelationskoeffizient beschreibt einen statistischen Zusammenhang in einem Wertebereich von 0 und 1. Ein Wert von 0 bedeutet, dass es keinen statistischen Zusammenhang gibt. Ein Wert von 1 beschreibt einen perfekten statistischen Zusammenhang. Datenbasis: Innerstädtische Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadtund Raumforschung und Datenlieferungen der Kommunen; eigene Berechnungen 272 7 / Sozialstruktur und soziale Lagen 7.2 / Soziale Polarisierung in den deutschen Städten