IMK Inflationsmonitor: Inflation fällt im August 2024 auf 1,9 %, Kernrate sinkt auf 2,6 %
Abstract
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Full text
Dullien, Sebastian; Tober, Silke Research Report IMK Inflationsmonitor: Inflation fällt im August 2024 auf 1,9 %, Kernrate sinkt auf 2,6 % IMK Policy Brief, No. 177 Provided in Cooperation with: Macroeconomic Policy Institute (IMK) at the Hans Boeckler Foundation Suggested Citation: Dullien, Sebastian; Tober, Silke (2024) : IMK Inflationsmonitor: Inflation fällt im August 2024 auf 1,9 %, Kernrate sinkt auf 2,6 %, IMK Policy Brief, No. 177, Hans-Böckler-Stiftung, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/302875 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
POLICY BRIEF IMK INFLATIONSMONITOR Inflation fällt im August 2024 auf 1,9 %, Kernrate sinkt auf 2,6 % Sebastian Dullien, Silke Tober IMK Policy Brief Nr. 177 · September 2024
Seite 1 von 12 IMK INFLATIONSMONITOR Inflation fällt im August 2024 auf 1,9 %, Kernrate sinkt auf 2,6 % Sebastian Dullien und Silke Tober1 Zusammenfassung Die deutsche Inflationsrate fiel im August 2024 mit 1,9 % deutlich niedriger aus als im Juli 2024 (2,3 %). Ausschlaggebend war der kräftige Rückgang der Energiepreise (-5,1 % nach -1,7 % im Juli 2024), aber auch die Kernrate ohne Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak schwächte sich von 2,9 % im Juli 2024 auf 2,6 % im August 2024 ab. Demgegenüber erhöhten sich die Nahrungsmittelpreise (einschließlich Getränke und Tabakwaren) erneut etwas stärker als zuvor (2,3 % nach 2,2 % im Juli 2024). Der Anstieg des für die EZB wichtigen harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) verringerte sich noch deutlicher, und zwar von 2,6 % im Juli 2024 auf 2,0 % im August 2024. Die HVPI-Kernrate fiel auf 3,0 % nach 3,3 % in den zwei Monaten zuvor. Die VPI-Inflation hat sich damit ebenso schnell abgeschwächt, wie sie seit 2021 unter dem Eindruck der aufeinanderfolgenden Preisschocks gestiegen war. Ähnliches gilt für die Kernrate, deren Niveau zudem durch die Mehrwertsteuererhöhung auf Speisen im Gastgewerbe zu Jahresbeginn überzeichnet ist und die durch die massive Teuerung einzelner Dienstleistungen wie Autoversicherungen (25,7 %) und Mietwagen (10,1 %) hochgehalten wird. Die Inflationsraten der hier betrachteten Haushaltstypen in verschiedenen Einkommensklassen lagen sämtlich unter 2 % und die Spanne der Teuerungsraten verengte sich auf 0,4 Prozentpunkte. Die EZB hat die Zinsen im September 2024 erneut nur zögerlich gesenkt. Dabei unterschätzt sie die negativen Wirkungen ihrer restriktiven Geldpolitik. Die Inflation ist aus heutiger Sicht unter Kontrolle. Demgegenüber hat sich die wirtschaftliche Lage im Euroraum – und insbesondere in Deutschland – weiter verschlechtert. Die hohen Finanzierungskosten dämpfen eben jene Investitionen, die nicht nur für die Dekarbonisierung und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft dringend erforderlich sind, sondern auch dafür, dass das Inflationsziel nachhaltig erreicht wird. Investitionen fördern den technologischen Fortschritt und Produktivitätsgewinne, die ihrerseits inflationssenkend wirken. Die restriktive Geldpolitik dämpft damit nicht nur die Wirtschaft stärker als erforderlich, sondern erhöht zudem das Risiko einer höheren Inflation in den kommenden Jahren und kurzfristig wegen des geringen Auslastungsgrads der Wirtschaft. 1 Prof. Dr. Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor, [email protected] Dr. Silke Tober, Referatsleitung Geldpolitik, [email protected]
Seite 2 von 12 Inflation erstmals seit März 2021 unter 2 % Die deutsche Inflationsrate lag im August 2024 bei 1,9 %, nach 2,3 % im Juli 2024, obwohl die Nahrungsmittelpreise in der engen Definition (1,5 %) und der weiten Definition einschließlich Getränke und Tabakwaren (2,3 %) etwas stärker zulegten. Ausschlaggebend war der mit -5,1 % starke Rückgang der Energiepreise (Juli 2024: -1,7 %). Die Kernrate ohne Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak verringerte sich zudem um 0,3 Prozentpunkte auf 2,6 % (Abbildung 1).23 Dabei verharrte der Anstieg der Dienstleistungspreise den vierten Monat in Folge bei 3,9 %, während die in der Kernrate enthaltenen Preise für Waren – alle Waren außer Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak – um 0,4 % stiegen und damit um 0,6 Prozentpunkte weniger als im Juli 2024. Abbildung 1: Inflation und Kerninflation in Deutschland Januar 2015 – August 2024 Veränderungen der Indizes gegenüber Vorjahresmonat, in % Quellen: Statistisches Bundesamt, Berechnungen des IMK. Im März 2021 lag die Inflationsrate mit 1,8 % zuletzt unter dem Inflationsziel von 2 %. Vor dem Hintergrund zahlreicher pandemie-, konfliktund kriegsbedingter Preisschocks stieg sie dann zunächst bis Ende 2021 auf 4,9 %, schwächte sich im Januar 2022 auf 4,2 % ab und erreichte im Oktober 2022 mit 8,8 % den Höhepunkt. Trotz der Energiepreisbremsen betrug der Anstieg der Verbraucherpreise auch im Februar 2023 noch 8,7 %. Danach allerdings sank die Inflationsrate sogar etwas schneller, als sie zuvor gestiegen war. Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, war der Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) mit 11,6 % im Oktober 2022 deutlich stärker. Das lag insbesondere daran, dass das Gewicht des emporschnellenden Erdgaspreises (Abbildung 2) im HVPI des Jahres 2022 2 Die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) veröffentlichte Kernrate verringerte sich auf 2,8 % nach 2,9 % im Juli 2024. Das Statistische Bundesamt lässt dabei neben Energie nur Nahrungsmittel im engeren Sinne unberücksichtigt, während hier in Einklang mit Eurostat Nahrungsmittel im weiten Sinne und damit einschließlich von Getränken und Tabakwaren herausgerechnet werden. 3 Im vorigen IMK Inflationsmonitor wurde die Kernrate für Juli 2024 fälschlicherweise mit 2,7 % angegeben. 1,9 2,6 2,0 3,0 -1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Verbraucherpreisindex (VPI) VPI ohne Energie, Nahrungsmittel, Getränke, Tabak Harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI) HVPI ohne Energie, Nahrungsmittel, Getränke, Tabak Inflationsziel der EZB
Seite 3 von 12 zweieinhalbmal so hoch war wie im nationalen Verbraucherpreisindex (VPI).4 Auch das Gewicht des Strompreises war etwas höher. Daher trug der Erdgaspreis im Oktober 2022 2,2 Prozentpunkte zur HVPI-Inflation bei und Haushaltsenergie insgesamt 4,3 Prozentpunkte, verglichen mit Beiträgen zur VPI-Inflation in Höhe von nur 0,9 bzw. 2,1 Prozentpunkten. Mittlerweile ist infolge der turnusmäßigen Revision des Verbraucherpreisindex Anfang 2023 das Gewicht von Erdgas auch im HVPI deutlich abgesenkt worden – allerdings nicht rückwirkend. Entsprechend verringerte Haushaltsenergie die HVPI-Inflation und VPI-Inflation im August 2024 um jeweils 0,2 Prozentpunkte (Abbildung 3). Wie auch der VPI schwächte sich der HVPI etwa so schnell ab, wie er zuvor emporgeklettert war. Kernrate sinkt auf 2,6 % Die Kernrate ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak lag zuletzt im Januar 2022 auf dem aktuellen Niveau von 2,6 %5 – 14 Monate bevor sie im März 2023 mit 5,6 % ihren Höhepunkt erreichte. Im Juni 2023 lag die Kernrate noch bei 5,5 % – 14 Monate später liegt sie im August 2024 wieder bei 2,6 %. Die aktuelle Kernrate ist überhöht und mittelfristig nicht mit dem Inflationsziel von 2 % vereinbar. Allerdings sind schätzungsweise 0,3 Prozentpunkte der Kernrate auf den Anstieg der Mehrwertsteuer auf Speisen im Gastgewerbe zu Jahresbeginn zurückzuführen. Zudem schlagen sich die kräftigen Erhöhungen der Dienstleistungspreise in der Kernrate besonders stark nieder, da alle Dienstleistungspreise in der Kernrate enthalten sind und dort ein Gewicht von 65,2 % haben statt 50,3 % wie im VPI. Die Dienstleistungspreise stiegen im August 2024 den vierten Monat in Folge um 3,9 %. Hierin schlägt sich die Mehrwertsteuererhöhung im Gastgewerbe nochmals stärker nieder als in der Kernrate. Zudem legten einige wenige Dienstleistungspreise besonders stark zu, an erster Stelle die Preise von Versicherungsdienstleistungen für private Fahrzeuge. Letztere stiegen seit Jahresbeginn mit Raten von über 20 % – zuletzt mit leicht abgeschwächten 25,7 % – und übertrafen damit das Vorpandemieniveau im August 2024 um 47,6 %. Dabei spielt der massive Preisanstieg bei Pkw ebenso eine Rolle wie die Teuerung bei der Wartung und Reparatur von Fahrzeugen sowie bei Ersatzteilen. Pkw waren zuletzt 26,0 % teurer als im Vorpandemiejahr 2019, darunter Gebrauchtwagen sogar 35,5 %. Die Preise für Gebrauchtwagen hatten im Januar und Februar 2024 ihren Maximalpreis erreicht und sinken seither im Trend, während die Preise für Neuwagen weiterhin gegenüber dem Vormonat steigen. Der Preisanstieg für die Wartung und Reparatur von Fahrzeugen erreichte im April 2023 mit 8.8 % ihren Höhepunkt und schwächte sich bis August 2024 auf 5,5 % ab, wobei die Preise zuletzt das Vorpandemieniveau um 32,2 % übertrafen. Demgegenüber ist die Teuerungsrate bei Ersatzteilen und Zubehör für Fahrzeuge seit Juli 2024 negativ, und sie waren im August 2024 19,8 % teurer als im Vorpandemiejahr 2019. Hinzu kommen gestiegene 4 Im HVPI des Jahres 2022 hatte Erdgas ein Gewicht von 2,865 % verglichen mit 1,099 % im VPI der Basis 2020. Vor der Revision des Verbraucherpreisindex Anfang 2023, die bis ins Jahr 2020 zurück erfolgte, betrug das Gewicht von Erdgas im VPI zur Basis 2015 2,5 %. Entsprechen war die VPI-Rate zur Basis 2015 im Oktober 2022 nicht 8,8 %, sondern 10,4 %. 5 In der zweiten Jahreshälfte 2021 war die Kernrate höher, was allerdings primär auf den Basiseffekt der Mehrwertsteuersenkung in der zweiten Jahreshälfte des ersten Coronajahres 2020 zurückzuführen war.
Seite 4 von 12 medizinische Kosten und Anstiege bei der Entlohnung der Versicherungsangestellten. Ferner könnten die Reparaturkosten im Schadensfall auch infolge technologischer Neuerungen stärker gestiegen sein als die allgemeinen Reparaturund Wartungskosten. Ein Anstieg der Versicherungspreise um nahezu 50 % seit 2019 erscheint durch diese Faktoren allerdings nicht zu erklären zu sein, was die Frage aufwirft, ob der Preisanstieg in diesem Segment überschätzt wird oder ob die Versicherungsunternehmen übermäßig auf eine Aufforderung der Finanzaufsicht BaFin im Dezember 2023 reagiert haben, die Prämien zu erhöhen (BaFin 2023). Die Preise für Autoversicherungen trugen im August 2024 0,2 Prozentpunkte zur Inflationsrate und 0,3 Prozentpunkte zur Kernrate bei – mehr als zehnmal so viel, wie es der Fall wäre, wenn sie mit der Zielinflationsrate der EZB von 2,0 % gestiegen wären. Bei weiteren besonders stark steigenden Dienstleistungspreisen spielen staatliche Einflüsse eine Rolle, beispielsweise bei Verwaltungsgebühren (8,5 % wie im Juli 2024), Dienstleistungen sozialer Einrichtungen (7,8 % nach 8,1 % im Juli), Bahntickets (7,1 % nach 7,3 % im Juli), Bildungsdienstleistungen des Elementarund Primärbereichs (6,6 % nach 6,2 % im Juli) sowie stationären Gesundheitsleistungen (6,1 % seit Februar 2024). Die meisten Dienstleistungspreise nahmen zuletzt leicht ab, wenn auch von hohem Niveau aus wie für die Wartung und Reparatur von Fahrzeugen (5,5 % nach 5,9 % im Juli) und Wohnungsinstandhaltungsdienstleistungen (5,2 % nach 5,5 %), während einige zunahmen wie Abwasserentsorgung (5,0 % nach 4,6 % im Juli), Pauschalreisen (3,6 % nach 3,5 % im Juli) und Dienstleistungen von Hauspersonal (7,2 % nach 5,2 % im Juli). Sehr deutlich verteuerten sich neben den Versicherungsprämien für Fahrzeuge Mietwagen (10,1 % nach -1,4 % im Juli), während die Flugpreise die Inflation weniger stark senkten (-0,2 % nach -1,6 % im Juli). In den kommenden Monaten ist ein verringerter Anstieg der Dienstleistungspreise zu erwarten, insbesondere da die niedrigeren Energiepreise mit Verzögerung auch hier dämpfend wirken. Bereits im weiteren Jahresverlauf und vor allem im nächsten Jahr dürften die Löhne, die einen relativ hohen Anteil an den Dienstleistungskosten haben, weniger stark zunehmen (Dullien et al. 2024), so dass der von diesen ausgehende Aufwärtsdruck abnimmt. Deutlicher Rückgang der Energiepreise: Rückgang der Kraftstoffpreise nicht allein Folge niedrigerer Rohölpreise Sowohl der Preisrückgang bei Kraftstoffen als auch bei Haushaltsenergie war im August 2024 deutlich ausgeprägter als im Juli 2024. Dabei ist der Rückgang der Kraftstoffpreise im August nur teilweise durch den Rückgang der Rohölpreise zu erklären. Trotz des zu Jahresbeginn erhöhten CO2-Preises waren die Preise für Diesel und Benzin im August 2024 um 11,3 % bzw. 3,1 % niedriger als im März 2023, als der Europreis von Rohöl der Nordseesorte Brent vergleichbar hoch war. Eine Rolle dürfte das Ölembargo ab Januar 2023 gespielt haben, das zu angebotsbedingten Engpässen in Raffinerien geführt hatte, die sich mittlerweile etwas entschärft haben. Darauf deutet auch das kräftige Minus bei den Preisen für Heizöl hin (-9,3 % mit und ohne Betriebskosten). Besonders ausgeprägt war der Rückgang der Kraftstoffpreise im August 2024 mit 7,1 % zudem in Nordrhein-Westfalen, das Ende Juni wegen besonders hoher Preise auf AutobahnTankstellen in die Schlagzeilen geraten war. Auch die jüngste Veröffentlichung der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe des Bundeskartellamts könnte einen Einfluss gehabt haben durch
Seite 5 von 12 allgemeine Hinweise zum möglichst günstigen Tanken und den Hinweis, dass eine Tankfüllung auf Autobahn-Tankstellen im zweiten Quartal 2024 im Schnitt 24 Euro teurer war als bei anderen Tankstellen (Bundeskartellamt 2024). Nach einem Rückgang der Kraftstoffpreise im August 2024 um 6,9 % gegenüber dem Vorjahresmonat dürfte auch im September 2024 ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen sein, da der Rohölpreis in Euro gerechnet im September 2023 mit 87,72 Euro je Tonne (93,72 US-Dollar) den Jahreshöchststand erreichte, während im September 2024 mit rund 65 Euro je Tonne voraussichtlich der bisherige Tiefststand in diesem Jahr erreicht wird. Abbildung 2: Internationale Energieund Agrarrohstoffpreise Index 2019=100, Januar 2019 – August 2024 Quellen: EZB; FAO, Macrobond; U.S. Energy Information Administration; Berechnungen des IMK. Haushaltsenergie verbilligte sich um 3,8 % deutlich (Juli 2024: -2,6 %). Der Preisindex für Erdgas lag trotz des seit April 2024 wieder fälligen regulären Mehrwertsteuersatzes um 5,0 % niedriger als im August 2023,6 weil sich die deutlich gesunkenen Börsenpreise für Erdgas (Abbildung 2) nach und nach in den Lieferverträgen der Haushalte niederschlagen und den Effekt der höheren Steuern überkompensieren. Damit war Erdgas für die privaten Haushalte allerdings immer noch 96 % teurer als im Jahr 2018 und 91 % bzw. 88 % teurer als in den Jahren 2019 und 2020. Strom war im August 2024 6,8 % billiger als ein Jahr zuvor. Trotz des Preisrückgangs überstieg der Strompreis das Niveau von 2019 und 2020 noch um 31 % bzw. 27 %. Dabei wurde die preissenkende Wirkung durch den Wegfall der EEG-Umlage ab Juli 2022 infolge der starken Erhöhung der Netzentgelte zu Jahresbeginn 2024 weitgehend kompensiert. Demgegenüber liegt die Steigerungsrate beim Fernwärmepreis, der im vergangenen Jahr für 80 % des historischen Verbrauchs auf dem relativ niedrigen Niveau von 9,5 ct/kWh gedeckelt war, seit Anfang 2024 im zweistelligen Bereich und zuletzt bei 31,1 %. Damit lieferte Fernwärme 6 Einschließlich der Betriebskosten von Zentralheizungen. Betrachtet man nur die Haushalte mit eigenem Gasanschluss, betrug die Preisänderungsrate gegenüber dem Vorjahresmonat im August 2024 -3,1 %. 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1.000 1.100 1.200 1.300 1.400 1.500 2019 2020 2021 2022 2023 2024 Erdgas (TTFI, EUR) Erdgas (Henry Hub, USD) Nahrungsmittelpreisindex (FAO, USD) Elektrizität (EEX DE/LU, EUR) Rohöl (Brent, EUR)
Seite 6 von 12 im August 2024 trotz ihres geringen Gewichts am Verbraucherpreisindex (0,3 %) wie in den Vormonaten einen Inflationsbeitrag von 0,1 Prozentpunkten. Im August 2024 war Fernwärme 78,8 % teurer als im Vorpandemiejahr 2019. Im Verlauf des Jahres ist bei Strom und Erdgas mit weiteren Preisrückgängen zu rechnen: Mit rund 11,4 ct/kWh bzw. 40 ct/kWh7 liegen die aktuell von den privaten Haushalten im Durchschnitt zu zahlenden Preise noch deutlich über den Preisen bei Neuabschlüssen von 8,8 ct/kWh bei Erdgas und 27 ct/kWh bei Strom (11. September 2024), auch wenn Letztere seit März dieses Jahres etwas nach oben tendieren.8 Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke steigen stärker als zuvor Die Preise für Nahrungsmittel im weiten Sinne stiegen im August 2024 mit 2,3 % etwas stärker als im Juli 2024 (2,2 %), was auf Nahrungsmittel im engen Sinne (1,5 % nach 1,3 % im Juli 2024), alkoholfreie Getränke (7,1 % nach 5,9 %) und Tabakwaren (5,1 % nach 4,7 %) zurückzuführen ist. Demgegenüber verringerte sich der Preisanstieg bei Alkohol um 0,9 Prozentpunkte auf 0,8 %. Im August 2024 hatten nur noch 6 der 168 Nahrungsmittel in der Kategorie „Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke“ eine zweistellige Preissteigerungsrate verglichen mit 144 auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelteuerung im März 2023. Besonders stark verteuerte sich Olivenöl (35,0 %), gefolgt von Butter (25,4 %), Orangensaft (23,8 %), Erdnüssen (11,0 %), Multivitaminsaft (10,7 %) und tiefgefrorenem Spinat (10,0 %). Auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelteuerung im März 2023 hatten 144 Produkte eine Teuerungsrate von mehr als 10 %. Die Zahl der Nahrungsmittel mit einem Preisanstieg von 2 % oder weniger ist seit März 2023 von 5 auf 94 gestiegen, was allerdings etwas weniger ist als im Juli 2024 (101 Produkte). Preisrückgänge verzeichneten dabei 59 Nahrungsmittel, besonders stark Möhren (-11,7 %), Zwiebeln, Knoblauch und Ähnliches (-10,9 %) und tiefgefrorenes Obst (-10,1 %). Insgesamt waren Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im August 2024 33,9 % teurer als im August 2020. Wären die Nahrungsmittelpreise entsprechend dem Inflationsziel von 2 % gestiegen, hätten sie im selben Zeitraum von vier Jahren um 8,2 % zugelegt. Teuerungsrate aller Haushaltsgruppen unter 2 % Im monatlichen IMK Inflationsmonitor wird seit Anfang 2022 anhand von haushaltsspezifischen Inflationsraten untersucht, wie sich die hohen Preisschocks seit Mitte 2021 auf unterschiedliche Haushaltsgruppen auswirken (Dullien und Tober 2024a-h; Dullien und Tober 2023a-i; Tober 2023). Wie die Inflationsrate des Statistischen Bundesamtes werden die haushaltsspezifischen Inflationsraten als Veränderung der gewichteten Verbraucherpreise zum Vorjahresmonat berechnet. Während allerdings die haushaltsspezifischen Inflationsraten weiterhin auf den Ausgabenanteilen der Einkommensund Verbrauchsstichprobe basieren, berechnet das Statistische Bundesamt den 7 Eine präzise Bezifferung ist nicht möglich, da die Energiepreisund Verbraucherpreisstatistiken des Statistischen Bundesamts nicht übereinstimmen. 8 Vgl. https://www.verivox.de/gas/gaspreise/ und https://www.verivox.de/strom/strompreise/.
Seite 7 von 12 Verbraucherpreisindex seit 2023 (mit Rückrechnung bis 2020) auf Grundlage von Gewichten, die primär aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgeleitet werden (Statistisches Bundesamt 2023, Dullien und Tober 2023b). Abbildung 3 zeigt die auf der Grundlage von 30 Ausgabenpositionen berechneten haushaltsspezifischen Inflationsraten und die Beiträge von 12 zusammengefassten Ausgabenpositionen zur jeweiligen Inflationsrate der neun repräsentativen Haushaltsgruppen sowie für die Verbraucherpreisinflation insgesamt.9 Abbildung 3: Haushaltsspezifische Inflationsraten und Inflationsbeiträge im August 2024 in % bzw. Prozentpunkten VPI: Verbraucherpreisindex, HVPI: Harmonisierter Verbraucherpreisindex. Inflationsbeiträge beim HVPI berechnet als Ribe-Beiträge nach Eurostat (2018). Quellen: Statistisches Bundesamt; Berechnungen des IMK. Die haushaltspezifischen Inflationsraten werden exemplarisch für repräsentative Haushaltstypen mittleren Einkommens berechnet sowie für jene am unteren und oberen Rand. Dabei handelt es sich jeweils um Durchschnittshaushalte, also weder Haushalte mit Ölheizung, Gasheizung, Kohleofen oder Wärmepumpe noch Haushalte, die die Mobilität primär mit dem Fahrrad, dem 9 Die 30 Ausgabenpositionen sind in Tabelle 2 des Anhangs wiedergegeben. Die 12 Untergruppen weichen von den 12 Abteilungen des Verbraucherpreisindex ab, um die besonders einflussreichen Gütergruppen gezielt auszuweisen. Entsprechend wurde die Haushaltsenergie aus der Abteilung 4 (Wohnen) herausgelöst und die Kraftund Schmierstoffe aus der Abteilung 7 (Verkehr). Mit dem Ziel der Übersichtlichkeit wurden dann Abteilungen 1 und 2 in die Untergruppe Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren zusammengefasst und das Bildungswesen (Abteilung 10) mit einem geringen Gewicht von durchschnittlich 0,9 % am Warenkorb der Abteilung 12 (Andere Waren und Dienstleistungen) zugeschlagen. 0,5 0,3 0,6 0,6 0,5 0,6 0,6 0,8 0,7 0,7 0,6 -0,2 -0,2 -0,4 -0,3 -0,2 -0,3 -0,3 -0,5 -0,3 -0,3 -0,2 0,4 0,4 0,5 0,4 0,3 0,4 0,3 0,5 0,4 0,3 0,1 -0,3 -0,3 -0,4 -0,4 -0,3 -0,3 -0,4 -0,1 -0,3 -0,3 -0,3 0,2 0,3 0,3 0,2 0,2 0,2 0,2 0,1 0,2 0,2 0,2 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,3 0,2 0,2 0,2 0,4 0,3 0,1 0,3 0,3 0,4 0,3 0,4 0,2 0,3 0,4 0,4 0,3 0,2 0,3 0,4 0,50,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,1 0,2 0,6 0,7 0,3 0,3 0,3 0,2 0,3 0,2 0,2 0,2 0,3 1,9 2,0 1,5 1,5 1,6 1,8 1,5 1,5 1,7 1,7 1,9 -1,0 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 VPI HVPI Paare, 2 Kinder 2000-2600€ Paare, 2 Kinder 3600-5000€ Paare, 2 Kinder ≥5000€ Paare 3600-5000€ Alleinerziehende, 1 K 2000-2600€ Alleinlebende <900€ Alleinlebende 1500-2000€ Alleinlebende 2000-2600€ Alleinlebende ≥5000€ Mieten, Nebenkosten, Wohnungsinstandhaltung Haushaltsenergie Nahrungsmittel, Getränke, Tabak Nachrichtenübermittlung Kraftund Schmierstoffe für Fahrzeuge Verkehr ohne Kraftund Schmierstoffe Bekleidung und Schuhe Freizeit und Kultur Gaststättenund Übernachtungsdienstleistungen Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände Gesundheitspflege Andere Dienstleistungen, Bildungswesen Inflationsrate