Ist Deutsch als Wissenschaftssprache noch zeitgemäß?
Abstract
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Full text
Tödter, Karl-Heinz Article Ist Deutsch als Wissenschaftssprache noch zeitgemäß? Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Tödter, Karl-Heinz (2003) : Ist Deutsch als Wissenschaftssprache noch zeitgemäß?, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 123, Iss. 2, pp. 307-310, https://doi.org/10.3790/schm.123.2.307 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292055 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Schmollers Jahrbuch 123 (2003), 307-310 Duncker & Humblot, Berlin Discussion Ist Deutsch als Wissenschaftssprache noch zeitgemäß? Stellungnahme zu den Beiträgen von Christian Wey und Walter Krämer* Von Karl-Heinz Tödter Für Christian Wey ist die konsequente Verbreitung des Englischen als Wis senschaftssprache im deutschen Forschungsbetrieb eine unerläßliche Bedin gung für den Anschluß an die Weltelite. Walter Krämer hält dem entgegen, dass ein Vordringen von Englisch im internen deutschen Wissenschaftsbetrieb dem Fortschritt eher abträglich wäre. Die Argumentation Wey's erinnert an einen Unternehmer, der auf Absatz schwierigkeiten seines Produktes mit einer Änderung der Verpackung reagiert. Natürlich ist eine gute Verpackung wichtig, doch auf lange Sicht wird sich ein Unternehmen am Markt nur behaupten, wenn das Produkt stimmt. Indem er beim Ausstoß des Forschungsprozesses ansetzt statt beim Mitteleinsatz, zäumt er das Pferd vom Schwanz auf. Krämer trifft mit seinen Ausführungen den Kern des Problems, wonach es primär auf das Entstehen von Gedanken an komme und nicht auf deren Vermittlung. Die Sprache ist keine bloße Hülle autonom ablaufender Denkprozesse, sie ist ein Produktionsfaktor. Mit anderen Worten, wir müssen zwischen Produktion und Publikation von Forschungs ergebnissen unterscheiden. Denken, Kreativität und Sprache sind aufs engste miteinander verwoben: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. "1 Den meisten Menschen fällt das Denken, der Dialog mit sich selbst, und das Gespräch mit Fachkollegen in der Muttersprache wesentlich leichter als in einer Fremdsprache. Fachsprache und Alltagssprache ergänzen einander. Des- * In Schmollers Jahrbuch 122 (2002), 293-300 und 301-304. Der Autor vertritt seine persönliche Meinung, die nicht notwendig mit der Position der Deutschen Bun desbank übereinstimmt. Jeong-Ryeol Kirn, Reiner König und Gerhard Ziebarth danke ich für wertvolle Anregungen. 1 Ludwig Wittgenstein (1979): Logisch-philosophische Abhandlung, 14. Auflage, Frankfurt am Main. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.307 | Generated on 2023-04-04 12:31:57
308 Karl-Heinz Tödter halb ist wissenschaftliche Forschung in der Muttersprache kreativer und effek tiver. Ein Verzicht auf Deutsch als Wissenschaftssprache bliebe umgekehrt nicht ohne Folgen für die Alltagssprache. Wenn Deutsch als Fachsprache ver kümmert, beispielsweise in den Wirtschaftswissenschaften, wird es auch zur Verständigung mit der Öffentlichkeit immer weniger taugen. Die Verbreitung der Forschungsresultate ist eine sehr wichtige, jedoch nachgelagerte Frage.2 Natürlich muss jemand, der international beachtet werden will, auch auf Eng lisch publizieren. Stimmen die Anreize im Forschungsbetrieb, werden die Wissenschaftler Sprache und Medium der Publikation effektiv wählen. Bevor etwas publiziert werden kann, muss es durchdacht und „zu Papier gebracht" werden. Würden sämtliche wissenschaftlichen Veröffentlichungen deutscher Forscher nur noch in Englisch erscheinen, wären sie doch um keinen Deut besser. 3 Wer die Qualität deutscher Forschung verbessern will, der muss beim Bildungssystem ansetzen, vom Kindergarten bis zur Hochschule, der muss für gleiche Bildungschancen sorgen und eine konsequente Begabtenför derung betreiben, der muss bei der Organisation von Lehre und Forschung für Leistungsanreize und mehr Wettbewerb sorgen, und der muss alte Zöpfe wie die Habilitation abschneiden. Wird hingegen ein Bildungssystem kultiviert, das die Regression zum Mittelwert betreibt, so darf sich niemand wundem, wenn am Ende die Spitzenforschung auf der Stecke bleibt. Niemand will, dass die deutschen Forscher der Weltelite hinterherlaufen. Doch wenn Wey schreibt „Die Ursache des aufhaltsamen Abstiegs von Deutsch als Wissenschaftssprache nach dem Zweiten Weltkrieg ist die man gelnde Qualität der deutschen Forschung, die nur verbessert wird, wenn die besten und kreativsten Fachleute ihre Gedanken untereinander effizient aus tauschen können, " dann ist das aus mehreren Gründen fragwürdig. Zunächst einmal: Die Ursachen des Abstiegs sind andere, sie haben mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen zu tun.4 Die interessantere Frage ist doch: Wieso hat die deutsche Forschung in den letzten fünfzig Jahren den Wiederaufstieg nicht geschafft? Dies mit ungenügender Qualität der deutschen Forschung zu begründen, ist ähnlich erhellend wie zu sagen, der Läufer habe das Rennen nicht gewonnen, weil er nicht die schnellste Zeit gelaufen sei. Ent scheidend ist vielmehr: Wie sind die Rahmenbedingungen zu ändern, damit 2 Die durch die Sprache bedingten Transaktionskosten werden weiter sinken. In Zu kunft dürfte es möglich sein, brauchbare Übersetzungen wissenschaftlicher Aufsätze online abzurufen. 3 Die Aufgabe der deutschen Sprache durch die Deutschen könnte sogar als Signal für mindere Qualität verstanden werden. Vgl. Gerhard Brinkmann (2001): ,,Die Rezeption der wissenschaftlichen Artikel deutschsprachiger Nationalökonomen," Schmollers Jahrbuch 121, 215-234. 4 Vgl. F.M. Scherer (2000): ,,The Emigration of German-Speaking Economists after 1933", Journal of Economic Literature, Vol. XXXVIII, pp. 614-626. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.307 | Generated on 2023-04-04 12:31:57
Ist Deutsch als Wissenschaftssprache noch zeitgemäß? 309 die Effizienz des Forschungsbetriebs zunimmt und die Qualität der For schungsergebnisse steigt? Außerdem: Warum sollte sich die Qualität der Forschung verbessern, wenn die „besten und kreativsten Forscher" ihre Gedanken effizient (gemeint ist auf Englisch) austauschen? Das ist doch längst der Fall, die Kommunikationsnetze funktionieren, der internationale Wissensaustausch ist in vollem Gange. Deutsch als Wissenschaftssprache staatlich zu fördern, halte ich für keine gute Idee. Doch ebenso wenig bin ich dafür, den Gebrauch des Englischen zu pu schen. Wenn didaktisch meist ungeschulte Professoren ihre Studenten auch noch flächendeckend in einer Fremdsprache unterrichten müssten, dann sind beide Gruppen nur zu bedauem.5 Und wenn deutsche Ökonomen anfingen, sich untereinander des Englischen zu bedienen, wäre dies kaum ein Zeichen für Qualität in der Forschung. Wey schwebt so etwas wie eine Zweiteilung vor, in „reine Forschung", die auf Englisch stattfindet, und einen „Austausch mit der Öffentlichkeit", der auf Deutsch geführt wird. Das liefe bald darauf hinaus, Wichtiges nur noch auf Englisch und Banales auf Deutsch zu schreiben. Es ist doch nicht so, dass deutsche Forscher Probleme damit hätten, eine brillante Idee in einem führen den englischsprachigen Journal unterzubringen und dort auch zitiert zu wer den. Das Problem liegt doch wohl eher in der Knappheit brillanter Ideen! Das heute vorhandene Nebeneinander von deutschen, englischen und mehrsprachi gen Zeitschriften scheint mir jedenfalls keine schlechte Lösung zu sein. An der deutschen Sprache liegt es also nicht. Wirtschaftswissenschaftliche Forschung ist heute eine amerikanische Veranstaltung. Auch andere euro päische Länder hatten nach dem Zweiten Weltkrieg einen Bedeutungsrück gang zu verzeichnen. Selbst die britische Forschung blieb davon, trotz fehlen der Sprachbarrieren, nicht verschont, wie Richard Portes feststellt: ,, ... its per formance cannot be compared to that of the United States, even allowing for relative size. "6 Der „Anschluss an die Weltelite" darf jedoch nicht das einzige Ziel deut scher Forschungspolitik sein. Forschung in Deutschland sollte sich nicht damit begnügen, US-Forschem auf ausgetretenen Pfaden zu folgen. Sie sollte sich vielmehr auf ihre traditionellen Stärken besinnen und es auch wagen, neue Wege in unbekanntes Territorium einzuschlagen. In der US-amerikanisch ge prägten Nationalökonomie rangiert mittlerweile mikroökonomische Stringenz vor empirischer Evidenz und mathematische Eleganz vor wirtschaftspoliti scher Relevanz. Nicht von ungefähr kritisiert der angesehene britische Ökos Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass Lehrveranstaltungen oder Referate in englischer Sprache eine sinnvolle Ergänzung des Lehrbetriebs sind. 6 Richard Portes (1987): ,,Economics in Europe", European Economic Review 31, 1329-1340. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.307 | Generated on 2023-04-04 12:31:57
310 Karl-Heinz Tödter nom Mark Blaug, dass „economics has increasingly become an intellectual game played for its own sake and notfor its practical consequences. "7 Fazit: Eine umfassende Verwendung von Englisch im internen deutschen Forschungsbetrieb löst keine Probleme. Deutsche Forschung wird sich im in ternationalen Wettbewerb nur behaupten, wenn sie relevante Probleme angeht, Marktlücken füllt, kreativ und originell ist. Dass die Ergebnisse des For schungsprozesses zu einem guten Teil in englischer Sprache publiziert werden müssen, ist völlig klar. Nur wenn die Rahmenbedingungen für Ausbildung, Lehre und Forschung nachhaltig verbessert werden, ist der Abstieg der deut schen Forschung aufzuhalten. Doch dazu bedarf es einer aktiven und leben digen Wissenschaftssprache Deutsch. 7 Mark Blaug (1998): ,,Disturbing Currents in Modem Economics", Challenge, May June, 11 -34. Auch in den USA gibt es Kritik, die aber interessanterweise in einer euro päischen Zeitschrift veröffentlicht wurde: Lawrence H. Summers (1991): ,,The Scienti fic Illusion in Empirical Macroeconomics," Scandinavian Journal of Economics 93(2), 129-48. Schmollers Jahrbuch 123 (2003) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.123.2.307 | Generated on 2023-04-04 12:31:57