Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor: Eine problemerschließende Scoping Review zur Neuprogrammierung des Arbeitsfelds
Abstract
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Full text
Betzelt, Sigrid; Bode, Ingo; Eckstein, Johannes Working Paper Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor: Eine problemerschließende Scoping Review zur Neuprogrammierung des Arbeitsfelds Working Paper Forschungsförderung, No. 361 Provided in Cooperation with: The Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Betzelt, Sigrid; Bode, Ingo; Eckstein, Johannes (2025) : Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor: Eine problemerschließende Scoping Review zur Neuprogrammierung des Arbeitsfelds, Working Paper Forschungsförderung, No. 361, HansBöckler-Stiftung, Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/311825 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
WORKING PAPER FORSCHUNGSFÖRDERUNG Nummer 361, Januar 2025 Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor Eine problemerschließende Scoping Review zur Neuprogrammierung des Arbeitsfelds Sigrid Betzelt, Ingo Bode und Johannes Eckstein Auf einen Blick In den letzten Jahrzehnten wurde die Kindertagesbetreuung in Deutschland nicht nur massiv ausgebaut, sondern ihr wurden zudem eine Vielzahl neuer Aufträge zugewiesen. Die bisherige Forschung dazu ist primär pädagogisch geprägt, es gibt kaum übergreifende soziologische Analysen. Das vorliegende Working Paper füllt diese Forschungslücke mittels einer Scoping Review, die kritische Dimensionen der „Neuprogrammierung“ des Sektors erschließt. So werden die vielfältigen an Kitas gerichteten Erwartungen abgebildet und für drei zentrale Bereiche die sich ergebenden dilemmatischen Anforderungen aufgezeigt. Deutlich wird: Kitas sind einer inkonsistenten Erwartungskultur ausgesetzt, die sie spürbar strapaziert und deren Implikationen der kritischen Reflexion und Bearbeitung bedürfen.
© 2025 by Hans-Böckler-Stiftung Georg-Glock-Straße 18, 40474 Düsseldorf www.boeckler.de „Inkonsistenter Erwartungsdruck im Kita-Sektor“ von Sigrid Betzelt, Ingo Bode und Johannes Eckstein ist lizenziert unter Creative Commons Attribution 4.0 (BY). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell. (Lizenztext: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/legalcode) Die Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wiederverwendung von Material aus anderen Quellen (gekennzeichnet mit Quellenangabe) wie z. B. von Schaubildern, Abbildungen, Fotos und Textauszügen erfordert ggf. weitere Nutzungsgenehmigungen durch den jeweiligen Rechteinhaber. ISSN 2509-2359
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 3 Inhalt Zusammenfassung ................................................................................. 5 1. Einleitung ........................................................................................... 8 2. Erwartungskultur als Untersuchungskonzept ................................... 13 3. Die Erfassung der Erwartungskultur in Kitas: Methodischer Zugang ...................................................................... 15 3.1 Suchstrategie ............................................................................. 15 3.2 Studienauswahl ......................................................................... 19 3.3 Studienauswertung .................................................................... 20 4. Die Erwartungskultur im deutschen Kita-Sektor: Ergebnisse ........... 22 4.1 Prominente Anforderungsprofile in deutschen Kitas heute ......... 23 4.2 Spezielle Anforderungsprofile unter der Lupe ............................ 25 4.3 Quintessenzen ........................................................................... 36 5. Fazit: Inkonsistenter Erwartungsdruck und was daraus folgt ............ 38 Literatur ................................................................................................ 41 Autorinnen und Autoren ....................................................................... 51
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 4 Abbildung Abbildung 1: Gesamtdarstellung des Verfahrens zur Erstellung des Textkorpus ................................................................................ 17 Tabellen Tabelle 1: Suchtermsystematik für die Scoping Review ....................... 18 Tabelle 2: Zentrale Befunde priorisierter Feldstudien zur Erwartungskultur in deutschen Kitas ................................................ 27 Tabelle 3: Dilemmapotenziale bei der Verarbeitung von Erwartungen an Kita-Arbeit .............................................................. 37
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 5 Zusammenfassung Dieses Working Paper beleuchtet die aktuelle Situation der organisierten Kindertagesbetreuung bzw. frühkindlichen Bildung in Deutschland hinsichtlich der aktuell an den Sektor gerichteten Leistungserwartungen, und zwar mit Blick auf Implikationen für das dort beschäftigte Personal auch jenseits der aktuell – sicher nicht zu Unrecht – in Politik und Öffentlichkeit diskutierten Frage von knappen Personalbzw. Betreuungskapazitäten. Unterstellt wird, dass ein wesentliches Problem des Sektors darin besteht, dass er im Zuge seines Ausbaus und seiner weiteren Professionalisierung mit einer Fülle von Aufgaben „beladen“ worden ist – konkret etwa die Formung von (schulfähigem) Humankapital, die auch auf private Lebensumstände gerichtete Arbeit mit Eltern und Familien oder eine jeweils spezifische, bedarfsorientierte Förderung von Kindern mit diversen Benachteiligungen. Jede Aufgabe hat für sich genommen einen nachvollziehbaren Hintergrund, jedoch steht zu vermuten, dass bei ihrem Aufeinandertreffen im Praxisalltag beträchtliche Herausforderungen entstehen und – wie die hier vorgenommene Analyse plausibilisiert – mitunter Rollenkonflikte provoziert, die mit erheblichen Arbeitsbelastungen und Qualitätseinschränkungen einhergehen dürften. Dies gilt z. B. dort, wo das Erreichen eines kollektiven Vorschulwissensstandards einerseits, der fallsensible Umgang mit individuellen kindlichen Entwicklungsprozessen andererseits nicht nur als Anforderung formuliert, sondern deren Erfüllung auch gemäß vorgegebener Standards dokumentiert bzw. überprüft werden soll. Die für die Studie maßgebliche Untersuchungsfrage lautet: Wie „vertragen“ sich die vielfältigen, gegenwärtig dem Kita-Sektor zugewiesenen Funktionen, und: Ergeben sich aus ihnen Spannungen und Widersprüche oder ergänzen sie sich vielmehr? Argumentiert wird, dass das Passungsverhältnis dieser Funktionen sehr wesentlich dafür ist, ob und inwieweit die oben genannten Rollenkonflikte im Arbeitsfeld wirksam werden. Die Konstellation, die sich mit der Multiplizierung von Leistungserwartungen im Kita-Sektor einstellt, wird dabei als „Neuprogrammierung“ des Arbeitsfelds beschrieben, die gewissermaßen aus der Gesellschaft kommt: von Politik und Medienöffentlichkeit, aus der Wirtschaft und auch aus einflussreichen wissenschaftlichen Diskursen, nicht zuletzt seitens der Pädagogik. Um die oben genannten Fragen zu bearbeiten, sortiert und interpretiert die Analyse in diesem Working Paper vorliegende Befunde aus wissenschaftlichen Studien im Rückgriff auf eine sogenannte Scoping Review, wobei diese problemerschließend angelegt ist – was bedeutet, dass nicht einfach nur der Stand der Forschung zu an den Kita-Sektor gerichteten
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 6 und dort auch so wahrgenommenen Leistungserwartungen resümiert wird, sondern Quintessenzen herausgefiltert werden, die das Verhältnis von Anforderungen untereinander und damit verbundene Dilemmata freilegen. Zu diesen Dilemmata gibt es nur unsystematisch und fragmentarisch empirische Befunde und theoretische Betrachtungen – die systematische und im oben genannten Sinne problemerschließende Betrachtung des Forschungsstands zur „Erwartungskultur“ im Kita-Sektor erlaubt insofern Aufschlüsse über bislang unzulänglich ergründete Belastungskonstellationen sowie ihre möglichen Folgen. Der damit verbundene Forschungsansatz eröffnet neue Perspektiven insofern, als er eine „gesellschaftsbewusste(re)“ Betrachtung von Arbeitskonstellationen im Kita-Sektor befördert – also das, was er als „Neuprogrammierung“ des Sektors in Gestalt erweiterter Leistungsanforderungen beschreibt, in Bezug auf Praxisfolgen durchleuchtet. Die Scoping Review liefert zunächst eine Übersicht zu Charakter und Vielfalt der im Arbeitsfeld wahrgenommenen Anforderungen und umreißt so die Konturen der „Erwartungskultur“, die dieses Feld gegenwärtig prägt. Deutlich werden die Breite und Verschiedenartigkeit von Anforderungen sowie die – teilweise „mitgehende“, teilweise Verunsicherung signalisierende – Reaktion darauf in den Belegschaften. Anhand von drei Dimensionen der Erwartungskultur (das Postulat der Subjektorientierung; die Anforderung „multiprofessionellen“ Denkens; Anforderungen an die Arbeit mit Eltern und Familien) legt die Analyse relevante Fallstricke bestehender Leistungserwartungen frei. Die zusammengetragenen und sortierten Befunde verweisen auf Diskrepanzen zwischen komplexen Erwartungen und strukturelle Grenzen der Erwartungsbearbeitung, z. B. Aufmerksamkeit für alles und jedes versus Konzentration auf die Bewältigung des Kita-Alltags unter Knappheitsbedingungen und gemäß des Postulats der Gleichbehandlung. Es scheint, dass manche Erwartungen untereinander inkompatibel sind (z. B. kindorientierte Einzelfallpädagogik versus standardisierte Bildungsförderung) sowie eine fundamentale Spannung besteht zwischen der Erwartung arbeitsteilig-spezialisierter Kita-Praxis und einer qualifikationsübergreifenden Bewältigung des Alltagsbetriebs. Im Fazit reißt das Working Paper kurz Wege der Problemlösung an, ohne sie auf der Basis der bislang vorliegenden Forschungsbefunde im Einzelnen ausbuchstabieren zu können. Im Kern wird hier argumentiert, dass Einblicke in die Komplexität der oben genannten Erwartungskultur bzw. der mit ihr im Kita-Sektor wahrgenommenen Leistungsanforderungen eine basale Grundlage für beides bilden: eine defizit-orientiertes Den-
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 7 ken überwindende Selbstvergewisserung der Berufsgruppe und Lernprozesse in Diskursarenen von Politik und Wissenschaft, die für die Ausgestaltung bzw. „Programmierung“ ihres Arbeitsfelds von zentraler Bedeutung sind.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 8 1. Einleitung Die organisierte Kindertagesbetreuung ist schon lange ein viel diskutierter Topos in Politik, Öffentlichkeit und Wissenschaft – auch vor dem Hintergrund länderübergreifend beobachtbarer Anstrengungen, massiv in Einrichtungen der Früherziehung zu investieren (Bode 2024, S. 111–119). Einen Fixpunkt der Debatte in Deutschland bildet dabei die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage, bezogen auf die Bewältigung des Kapazitätsausbaus sowie die Rekrutierung und Belastung von Fachkräften (siehe etwa Beher et al. 2023 oder Gramelt/Hopf 2023). Beklagt werden Mangelsituationen, die angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen des Sektors (Spieker 2017) schon länger offenkundig sind und im Sektor die Erfahrung von „Druck und Hektik, von Zerrissenheit und Anspannung“ (Klusemann/Rosenkranz/Schütz 2023, S. 102) hervorrufen, auch weil bezogen auf den Alltag in den Einrichtungen ein „Höchstmaß an Flexibilität“ bzw. „stetig aktualisierte Anpassungsleistungen“ eingefordert werden (Klusemann/Rosenkranz/Schütz 2023, S. 92). Grundsätzlicher kursieren seit Längerem in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft multiple Vorstellungen zu dem, was organisierte Kinderbetreuung bewerkstelligen und bei der Bewältigung verschiedenartiger Herausforderungen leisten soll (Bode/Betzelt/Parschick 2025, i. E.), u. a. solche, die bedingt sind „durch Zuwanderung, Sprachbarrieren, Inklusionsanstrengungen, eine weitaus größere Heterogenität der einzelnen Kinder und die Erwartungen vonseiten der Schule an ein unterrichtsvorbereitendes Vorgehen“ (Beher et al. 2023, S. 43). Wie dieses Working Paper aus einem sozialwissenschaftlichen Blickwinkel aufzeigen soll, verweist diese Gemengelage auf eine folgenreiche Neuprogrammierung des Kita-Sektors, deren Ausprägungen und Implikationen eine sorgfältige Betrachtung verdienen: Die Einrichtungen sollen seit den 2000er Jahren neben der klassischen Betreuungsfunktion viele andere Aufgaben übernehmen, wodurch sich ihr „Programm“ deutlich verändert und erweitert hat (Klinkhammer 2010, S. 206), was in der einschlägigen Fachdiskussion auch durchaus einen Widerhall findet. Allerdings ist bislang kaum systematischer untersucht worden, wie das veränderte „Programm“ in der Praxis ankommt und welche Auswirkungen sich aus ihm für die Beschäftigten des Sektors ergeben, insbesondere wenn sich bestimmte Anforderungen als im Arbeitsalltag schwer miteinander vereinbar erweisen. Im Berufsfeld besteht seit seiner Professionalisierung der Anspruch, individuelle kindliche Entwicklungsprozesse zu begleiten und zu fördern (siehe etwa Brunner 2018). Betont wird mithin eine Subjektorientierung der Fachpraxis, welche zahlreiche Facetten hat (s. u.)
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 15 3. Die Erfassung der Erwartungskultur in Kitas: Methodischer Zugang Die Analyse in diesem Working Paper dient der Ermittlung dessen, was bezüglich der Erwartungskultur in Kitas bisher auf welche Weise erforscht wurde und was daraus folgt. Ihr liegt eine sogenannte Scoping Review in Anlehnung an Arksey und O’Malley (2005) zugrunde, die wir problemerschließend organisiert haben, konkret mit Blick auf beobachtbare Inkonsistenzen in dieser Kultur. Scoping Reviews dienen gemeinhin der Erlangung eines systematischen Studienüberblicks – und zwar mit dem Ziel, unabhängig vom methodischen Vorgehen der einbezogenen empirischen Untersuchungen darzustellen, welche Fragestellungen, theoretischen Bezüge und Konzepte in der Forschung verwendet werden, um ein gegebenes Thema zu bearbeiten (Arksey und O’Malley 2005; Munn et al. 2018). Sie umreißen zuweilen auch auffällige „Querbefunde“ und eignen sich insbesondere für Felder, die heterogen sind und deren Umfang bzw. Vielgestaltigkeit unzulänglich erschlossen sind (Pham et al. 2014). Unsere Review sollte Forschungsarbeiten zu Erwartungen, die KitaAngestellte als an sie adressiert wahrnehmen oder faktisch verarbeiten, umfassend abbilden. Erstellt wurde dazu eine Suchmatrix bestehend erstens aus Feldund Populationsbegriffen und zweitens aus Termini, die mit dem Begriff „Erwartung“ assoziierbar sind – angepasst auf die jeweiligen Sucherfordernisse in einem Bibliothekskatalog und zwei weiteren Literaturdatenbanken. Die Ergebnisliste wurde um Zufallsfunde ergänzt und der so erstellte Korpus nach Dubletten durchsucht sowie anhand eines vorher definierten Kriterienkatalogs gescreent. 3.1 Suchstrategie In die Review eingeschlossen wurden empirische deutschsprachige Primärstudien der Sozialwissenschaften und ihrer Nachbardisziplinen, die etwas darüber aussagen, mit welchen Erwartungen sich Kita-Angestellte konfrontiert sehen; Beobachtungen zu Leitungsfunktionen wurden ausgeklammert. Hieraus ergaben sich spezifische Einschlusskriterien für das untersuchte Feld (Kitas in der Bundesrepublik) und die Untersuchungspopulation, also (derzeitige oder ehemalige) pädagogische Angestellte dort. Ein-
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 16 bezogen wurden wissenschaftliche Ergebnisse, die in Monografien, Sammelbänden oder Fachjournalen erschienen sind, aber auch Berichte in Eigenveröffentlichungen von Forschungsinstituten sowie veröffentlichte Dissertationen. Berücksichtigung fanden nur Publikationen, bei denen Beobachtungen zu Erwartungen und Anforderungen für die jeweils vorgenommene Analyse bzw. Theoriebildung relevant sind, wobei sie nicht primäres Objekt der Untersuchung sein mussten. Da das Feld der frühkindlichen Bildung und Erziehung sich schnell verändert und gegenwärtige Diskurse für uns im Zentrum des Interesses standen, wurden nur Studien einbezogen, welche seit 2014 (und bis Ende 2023) veröffentlicht wurden. Abbildung 1 präsentiert das Verfahren mit Angaben zu Quellen und Volumina.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 17 Abbildung 1: Gesamtdarstellung des Verfahrens zur Erstellung des Textkorpus Quelle: eigene Darstellung Die Suchmatrix (Tabelle 1) adressierte Studien aus dem Kita-Sektor mit Blick auf verschiedene Konzeptionen von Erwartungen und Anforderungen (Levac/Colquhoun/O’Brien 2010). Grundlegend war eine Kombination aus einer Sammlung spezifischer Suchterme, die das Merkmal des Felds bzw. der Population fassen (Terme A), mit generischen Begriffen, die auf das Merkmal Erwartungskultur zielen (Terme B). Explizit einbezogen haben wir den Suchterm der Professionalisierung, da dieser Begriff in der Literatur über Kita-Angestellte zentral ist und meist Ausschluss (N = 153) Grund A (n = 53) Grund B (n = 25) Grund C (n = 62) Grund D (n = 13) Studien (N = 2787) Primo (n = 1195) WiSo (n = 238) FIS Bildung (n = 1098) Google Scholar (n = 256) Fehlimporte (N = 16) Entfernt (N = 1892) Dubletten Rayyan (n = 1108) Buchkapitel R (n = 208) Dubletten R (n = 50) Jahreszahl vor 2014 (n = 526) Abstract-Screening (n = 879) Eingeschlossen (n = 234) Ausschluss (N = 645) Grund A (n = 287) Grund B (n = 280) Grund C (n = 70) Grund D (n = 8) Literaturbeschaffung (n = 234) Zufallsfunde (n = 11) Ausschluss (A+D) (n = 12) Nicht beschaffbar (n = 11) Volltextscreening (n = 222) Zufallsfunde (n = 29) Studien näher untersucht (n = 98) Identifizierung Screeningprozess
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 18 mit Soll-Erwartungen durchsetzt ist (s. o.). Das Merkmal „empirische Primärstudie“ dagegen ist nicht in den Suchbefehl eingegangen und galt lediglich im Screening-Prozess als Ausschlusskriterium. Tabelle 1: Suchtermsystematik für die Scoping Review Terme A: Feld/Population (OR) Operator Terme B: Erwartung/Anforderung Kita Kindertages* Kinderg?rt* *krippe Erzieher Sozialassistent Pädagogische Fachkraft AND *Anforderung* *erwartung* Professionali* Quelle: eigene Darstellung Die Literatursuche erfolgte im Dezember 2023 im Bibliothekskatalog Primo der Freien Universität Berlin sowie ergänzend in den Datenbanken WISO sowie FIS Bildung. Abgedeckt wurden u. a. Ebsco EBooks, EBook Central, (Proquest), Base (Bielefeld Academic Search Engine), ZDB, jstor, OAPEN, SSOAR, SOFI/SOLI und Sociological Abstracts Online (Proquest). WISO und FIS Bildung enthalten auch Forschungsreports in Eigenveröffentlichung von Instituten. Die Ergebnistabellen haben wir mit Ergebnissen einer entsprechenden Suche in Google Scholar abgeglichen und ggf. ergänzt. Die ideale Suchanfrage wurde jeweils an die Datenbanken angepasst, wobei wir jeden Suchterm zwei in Kombination mit allen Suchtermen eins in den Abstracts angewendet haben. Die Dublettenreduktion vollzog sich in zwei Schritten: Zunächst kam die Dublettenerkennungsfunktion in Rayyan (Ouzzani et al. 2016) zwecks händischer Bereinigung zum Einsatz; es folgte eine Zusammenführung aller Ergebnistabellen in Rayyan, um Dubletten zu löschen. Danach wurden die Ergebnisse (auch einzelne Pakete) in das Statistikprogramm R übertragen, weil einige Datenbanken, auf die Primo zurückgreift (Ebook Central, Verlagsdatenbanken), keine Unterscheidung zwischen Buchkapiteln einer Monografie und Beiträgen eines Sammelbands vornehmen, die Ergebnismenge also, sofern ISSN-Code und Autor*in identisch waren, künstlich aufgebläht wurde (um 14 Prozent).
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 19 3.2 Studienauswahl Die bereinigte Ergebnistabelle wurde in eine Excel-Tabelle übertragen (siehe Online-Anhang 1) und zunächst nach Abstract und Titel gescreent. Enthaltene Beiträge wurden ausgeschlossen, wenn sie keine empirische Primärstudie enthielten, der Untersuchungsraum außerhalb Deutschlands lag oder sie vor dem 1.1.2014 erschienen waren (Ausschlussgrund A). Weitere Ausschlusskriterien (B) bezogen sich auf die Untersuchungspopulation (Kita-Angestellte, nicht speziell Leitungsfunktionen), das Untersuchungsfeld (andere als klassische Kitas, z. B. Tagespflege) und Studienart (andere als Feldoder Fallstudie). Gleiches galt für Quellen, bei denen es keinen Hinweis auf Ergebnisse zu wahrgenommenen Anforderungen bzw. Erwartungen gab (Ausschlussgrund C). Dubletten wurden mit Ausschlussgrund D markiert. An diesem Vorgang waren zwei Personen beteiligt. Die Inter-Coder-Reliabilität wurde sichergestellt, indem 15 Prozent der Tabelle doppelt gescreent und eine Übereinstimmung von 85 Prozent erreicht wurde. 645 Studien wurden nach diesem Verfahren letztlich nicht weiter berücksichtigt. Für die im Abstract-Screening nicht ausgeschlossenen Einträge wurden sodann die Volltexte beschafft (n = 222). Die Ergebnismenge erhöhte sich zudem durch die Aufnahme einzelner Artikel aus gefundenen Sammelwerken (siehe Abbildung 1). Beim Volltextscreening haben wir dann als relevant erkannte Texte priorisiert. Die erste Prioritätsstufe betraf Studien, die eine oder mehrere wahrgenommene Anforderungen/Erwartungen untersuchen. Die zweite Priorität hatten Studien, in denen mindestens eine Anforderung thematisiert, aber nicht gezielt als solche untersucht wurde, da die Studie andere Erkenntnisziele verfolgte. Bei der weiteren Auswahl wurde die Liste der Ausschlusskriterien um Qualitätskriterien ergänzt: So mussten Studien, um aufgenommen zu werden, ihre Methoden (Reliabilität und Validität) offenlegen und Erwartungen bzw. Anforderungen im Forschungsbefund ausgewiesen haben. Im Weiteren lag der Fokus der Analyse auf 1. einer allgemeinen (knappen) Beschreibung der Struktur des Textkorpus sowie der Dokumentation von im Korpus prominenten Kerndimensionen der im deutschen Kita-Sektor bestehenden Erwartungskultur (Tabelle 2), 2. einer synoptischen Darstellung und exemplarischen Illustration von Ergebnissen priorisierter Untersuchungen (Tabelle 3), mit dem Ziel, den Charakter für drei der eingangs genannten speziellen Anforderungsprofile kontextsensibel abzubilden, sowie
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 20 3. einer Diskussion der in diesen Profilen angelegten Problemkonstellationen bzw. strukturellen Inkonsistenzen innerhalb der bestehenden Erwartungskultur. 3.3 Studienauswertung Der Auswertungsprozess erfolgte mittels der oben genannten Vorgehensweise. Erstens wurden die bei der Bereinigung der oben genannten Excel-Tabelle (Online-Anhang 1) verbliebenen Beiträge, die nach einer Volltextanalyse Substanzielles und empirisch Fundiertes zum Untersuchungsgegenstand aussagten, durchgesehen und exzerpiert, um eine allgemeine Charakterisierung der Struktur des Textkorpus zu ermöglichen. Aus Platzgründen beschränken wir uns diesbezüglich auf einen deskriptiven Überblick der in den Studien adressierten Anforderungen, wobei wir eine Reihe von Kerndimensionen der Erwartungskultur im Kita-Sektor identifizierten (s. u. und Online-Anhang 2). Bezogen auf diese Grundgesamtheit haben wir einen zweiten Filter angewendet, um eine Auswahl der Studien zum Gegenstand einer tiefenschärferen Analyse unter Einbezug von „Erwartungskontexten“ zu machen – also jenen Begleitumständen, die laut beobachteter Wahrnehmungen bei der Verarbeitung von Anforderungen Geltung erlangen. Dieser Filter beinhaltet einen Fokus auf einzelne Kerndimensionen, die eingangs bereits genannt wurden und uns als besonders aufschlussreich erschienen, wenn es um das Passungsverhältnis von verschiedenen, im Kita-Sektor kursierenden Erwartungen (im oben genannten Sinne) geht: (1) die Grundausrichtung frühpädagogischer Praxis nach Maßgabe der im Feld hoch bewerteten Subjektorientierung frühpädagogischer Praxis, (2) die Zusammenarbeit mit Familien bezogen auf gängige Partizipationsnormen sowie (3) die Entwicklung von Multiprofessionalität in intraund interorganisationalen Kooperationszusammenhängen (s. o.). Die Relevanz dieser drei Kerndimensionen für das Anforderungsprofil im heutigen Kita-Sektor bestätigte sich auch in halbstrukturierten Gesprächen mit Expert*innen aus Gewerkschaften und Verbänden, administrativen Instanzen und Beratungsorganisationen aus dem Arbeitsfeld, wie wir sie im weiteren Verlauf des oben genannten Forschungsprojekts durchgeführt haben. Aus Platzgründen können Details hier nicht dargelegt werden, vielmehr sind die Ergebnisse dieser Interviews einer späteren Veröffentlichung vorbehalten. Studien, die die im Kita-Sektor vorherrschende Erwartungskultur bezogen auf diese drei Bereiche konkreter ausleuchteten, wurden in einem
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 21 weiteren Auswertungsschritt listenförmig zusammengestellt und thematisch genauer charakterisiert (Tabelle 3), hier auch mithilfe einer exemplarischen Rekonstruktion einzelner Untersuchungen. Im letzten Analyseschritt konzentrierten wir uns dann auf in den Studien thematisierte Problemkonstellationen (Dilemmata bzw. Spannungen), bezogen auf beobachtete oder/und artikulierte Anforderungen. Diese werden am Ende allgemeiner diskutiert, bevor wir aus unserer Sicht bestehende Forschungslücken identifizieren.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 22 4. Die Erwartungskultur im deutschen Kita-Sektor: Ergebnisse In diesem Abschnitt präsentieren wir Ergebnisse der Scoping Review zur Studienlage mit dem Fokus Erwartungen an das Arbeitsfeld Kita. Sie basieren zunächst auf dem Screening der oben beschriebenen Funde (n = 222) aus der automatisierten Literatursuche (siehe Online-Anhang 1). Die genauere Analyse dieser Publikationen führte zu einem Textkorpus von knapp 100 Beiträgen, die Erwartungen bzw. Anforderungen direkt thematisieren und aus denen sich Kerndimensionen der Erwartungskultur im deutschen Kita-Sektor ableiten lassen (siehe Online-Anhang 2). 38 Untersuchungen haben wir genauer betrachtet, da sie die Konfrontation von Beschäftigten (ohne Leitungsfunktion) mit bestehenden Erwartungen bzw. Anforderungen gezielt in den Blick nehmen, und zwar großteils mit einem qualitativen Design, welches auch Erwartungskontexte umreißt. Die Gesamtschau dieser Studien führt problemerschließend zur Inkonsistenz der verschiedenen diese Kultur prägenden Anforderungen bzw. hier beobachtbaren Spannungskonstellationen. Im Ergebnis ließen sich so Konturen der Erwartungskultur in deutschen Kitas herausarbeiten und für zentrale Kerndimensionen konkreter ausleuchten. Vor die Klammer ziehen wir Beobachtungen, die mit dieser Kultur zusammenhängende Entwicklungen allgemein umreißen und damit Bezugspunkte markieren, die unsere Analyse rahmen. Entsprechende Überblicksstudien basieren auf quantitativen Erhebungsinstrumenten, z. B. zu bestehenden Qualifikationsstrukturen, standardisiert erfassbaren Arbeitsbedingungen oder aus per Fragebogen ermittelten, skaliert dokumentierten Berufsorientierungen. Indirekt sagen solche Daten durchaus einiges aus zu im Kita-Sektor bestehenden Erwartungen: Die von Beher et al. (2023, S. 43) konstatierte „Verfachlichung“ des Kita-Personals beispielsweise signalisiert, dass sich die an das Kita-Personal gestellten Qualifikationsanforderungen sehr dynamisch entwickelt haben, auch im Kontext akademisch oder heilpädagogisch erweiterter sozialpädagogischer Teams, wobei die „Kinderpflege und Sozialassistenz […] weiterhin fester Bestandteil im Ausbildungsspektrum für die Frühe Bildung“ sind (Beher et al. 2023, S. 113). Beobachtungen zur seit Längerem im Sektor bestehenden „Fachkräftemisere“ (Beher et al. 2023, S. 154 ff.) wiederum umreißen Elemente des Kontextes, in dem sich aktuelle „Professionalisierungsansprüche“ bewegen (Klusemann/Rosenkranz/Schütz 2023). Allgemeine Eindrücke zur Erwartungskultur im Kita-Sektor ergeben sich auch aus einer älteren, am Deutschen Jugendinstitut durchgeführten
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 23 repräsentativen Studie bei über 1600 Einrichtungen (Peucker/Pluto/Santen 2017): z. B. bezüglich gängiger Qualifikationsanforderungen (Peucker/Pluto/Santen 2017, S. 87 ff.), der Expansion von Fortbildungen und Fachberatungen (Peucker/Pluto/Santen 2017, S. 102 ff.) und einer stärkeren Orientierung auf Inklusion (von Kindern mit Behinderungen, Peucker/Pluto/Santen 2017, S. 120 ff.) oder der Bearbeitung materieller Benachteiligung, welche die „Kita als Hoffnungsträger“ der Sozialpolitik erscheinen lässt (Peucker/Pluto/Santen 2017, S. 152). Betrachtet man den Textkorpus insgesamt, so zeigt sich ein diverses Spektrum von Arbeiten und Methoden: Neben fragebogenbasierten Erhebungen zur Strukturentwicklung des Sektors findet man einige auf Spezialaspekte (z. B. Inklusion) fokussierende Umfragen sowie ebenfalls quantitativ ausgerichtete Studien zur Entwicklung von Berufskompetenzen. Ein größerer Teil der unser Thema (wenigstens implizit) aufgreifenden Forschung ist qualitativ angelegt (ethnografisch; interviewbasiert; mit Gruppendiskussionen unterlegt), dabei liegt der Schwerpunkt nicht selten auf im Feld verbreiteten Deutungsmustern (im weitesten Sinne). Recht häufig ist ein (erziehungswissenschaftlich orientiertes) Studiendesign, bei dem Fachkräfte mit der Intention befragt werden, Diskrepanzen zwischen als angemessen begriffenen pädagogischen bzw. „arbeitstechnischen“ Standards und den faktischen Orientierungen oder Handlungen im Kita-Alltag herauszuarbeiten. Im Weiteren konzentrieren wir uns zunächst auf die Vielfalt der im Textkorpus (siehe Online-Anhang 2) reflektierten Anforderungen an das KitaPersonal sowie deren Charakter und dann – ausführlicher, im Rekurs auf informative Feldstudien – auf einzelne Kerndimensionen der Erwartungskultur auch mit Blick auf Kontexte, in denen Anforderungen wahrgenommen und praktisch verarbeitet werden. 4.1 Prominente Anforderungsprofile in deutschen Kitas heute Aus der Zusammenschau all jener Studien, die wir im ersten Analyseschritt in den Erwartungen an den Kita-Sektor prominent behandelnden Textkorpus aufgenommen haben, lässt sich eine Liste von dort kursierenden und auf die ein oder andere Weise beforschten Anforderungen erstellen (Online-Anhang 2 enthält eine detaillierte Aufstellung). Letztere lassen sich nach Kerndimensionen differenzieren, die jeweils zahlreiche Facetten umfassen und auf jeweils spezifische Anforderungsprofile verweisen.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 24 Unsere Durchsicht der Studienlage legt die Beschaffenheit der vorherrschenden Erwartungskultur frei, samt der vielen Aspekte, welche im Arbeitsfeld verhandelt bzw. verarbeitet werden (müssen). Zu den Anforderungen gehören demnach (siehe auch die detaillierte Darstellung einzelner Facetten im Kapitel 4.2): • allgemein: die Einübung einer professionellen Haltung im Hinblick auf frühkindliche Bildung und Entwicklung, mit einem Fokus auf Subjektorientierung (im oben genannten Sinne) • die Elternarbeit bzw. Zusammenarbeit mit Familien auf Augenhöhe • Ausrichtung des Alltags auf Multiprofessionalität (interbzw. intraorganisational) • die Bearbeitung von Bildungsungleichheit – hier u. a. die Beschäftigung mit Frühförderung • die proaktive Gleichstellung von Geschlechtern – hier u. a.: Reflexion eigener Geschlechterrollen(stereotype) • die systematische Inklusion von Kindern mit Behinderungen – mit folgenden Facetten: Bemühungen, Inklusion zur selbstverständlichen (Selbst-)Erwartung zu machen und widerstreitende Anforderungen auszubalancieren • eine bewusste interkulturelle Sensibilität in Kita-Teams – u. a. die Beachtung von kultureller Diversität oder die Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit • die Beteiligung an Maßnahmen der Weiterbildung (auch bezogen auf Spezialthemen) – u. a. zu Themen wie Selbstfürsorge, Traumabewältigung oder Gesundheitsprävention • das Lernen/Anwenden spezieller pädagogischer Ansätze, hier v. a. frühpädagogischer Ansätze, auch spezieller Aspekte wie Waldoder Religionspädagogik • Fähigkeiten zur Medienerziehung – bezogen auf Medienkompetenz bei Kindern und die reflektierte Mediennutzung seitens der pädagogischen Fachkräfte • professionelle Teamentwicklung – konkret: der Umgang mit Quereinsteigenden, die Kompetenz gegenseitiger Vertretung, die Beteiligung am Personalmanagement • Sprachförderung von benachteiligten Kindern bzw. solchen mit Migrationshintergrund – wichtige Facetten hier sind u. a.: alltagsintegrierte Förderpraktiken; die Verzahnung der sprachpädagogischen Angebote zwischen Kita und Schule; Aktivitäten zur Unterstützung bei der Entwicklung von Zweisprachigkeit • die Entwicklung von Managementkompetenz auf der Leitungsebene, die einen prominenten Topos in vielen Studien darstellt, im Weiteren
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 31 Zugleich wird in der Studie ein unauflösbares Dilemma zwischen Subjektorientierung und der Vermeidung reproduzierter Bildungsungleichheit deutlich: Während erstere zwar individuelles „Wachsenlassen“ erlaubt, haben die „möglicherweise ungleichen Voraussetzungen der Kinder […] auch weniger Chancen, als solche erkannt und bearbeitet zu werden“ (Bischoff 2018, S. 227), was durch einen instruktiveren, lehrerzentrierten Stil potenziell vermieden werden kann. Intraund interorganisationale Multiprofessionalität Die zweite hier genauer ausgeleuchtete Kerndimension betrifft Erwartungen, die sich unter dem Dachbegriff der Multiprofessionalität subsumieren lassen. Sie manifestieren sich in Situationen, in denen Kita-Beschäftige sich mit der Verschränkung unterschiedlicher Qualifikationsprofile befassen (müssen), sowohl einrichtungsintern als auch in Beziehungen zu externen Instanzen. Weil gleichzeitig angestammte Berufsrollen ausgefüllt werden müssen, erfordert dies, wie Cloos (2017, S. 150) formuliert, „eine permanente Grenzarbeit“, bezogen auf artverschiedene Qualifikationen in der (Früh-) Pädagogik (Quereinsteigende; Akademiker*innen; Arbeitskräfte mit Fachschulbildung oder Assistenzpersonal) sowie in Statushierarchien unterschiedlich positionierten Fachlichkeiten (etwa bei Sprachassistent*innen in Kitas; Leitungskräften in Jugendämtern; oder in der Schulpädagogik). Vorliegende Studien (Tabelle 2) illustrieren komplexe und spannungsträchtige Anforderungen in diesem Bereich. Erstens geht es innerhalb von Kita-Teams um die Kooperation von Fachkräften mit unterschiedlichem Ausbildungsprofil, z. B. solche mit oder ohne Fachschulbildung bzw. mit/ ohne akademischem/n Abschluss; ferner Quereinsteigende und Kolleg* innen, die (zertifizierte) Weiterbildungen absolviert haben. Generell wachsen die Qualifikationserwartungen im elementarpädagogischen Bereich (Gausmann et al. 2020, S. 6); von Hinzuziehung akademischer Kompetenz wird viel erwartet. Gleichzeitig gilt eine solche Kompetenz nicht selten als praxisfern, bestimmte Kita-Beschäftigte „fremdeln“ mit abstrakten Fachdiskursen (siehe etwa Altermann et al. 2015; Blatter/Schelle 2023); eigenes Erfahrungswissen wird hoch bewertet (Kaul 2019). Ferner besteht die Erwartung einer ständigen Weiterentwicklung von Wissensbeständen, was indes mit der Erfahrung von Zeitund Ressourcenmangel kontrastiert – und weil nur manche sich weiterbilden können, droht intern ein Wissensgefälle, was mitunter Bedenken bezüglich einer möglichen Entwertung biografisch „gesetzter“ Berufserfahrungen provoziert (Petry 2016, S. 67).
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 32 Spannungen zeigen sich hier auch bei der Auseinandersetzung mit Quereinsteigenden, die ähnliche Gefühle hervorruft und denen zuweilen eine unpassende Qualifikation unterstellt wird (Grgic et al. 2018, S. 129). Rekalibriert wird Teamarbeit durch die Einbeziehung von Personal mit speziellen Qualifikationen (Heilpädagogik, Sprachförderung, Soziale Arbeit). Hier scheinen „Teams als konjunktive Erfahrungsräume“ (Müller 2021, S. 26), in denen man sich mit unterschiedlichen Fachlichkeiten auseinandersetzt, z. B. bezüglich der Förderung von Kindern mit Förderbedarf. Bei der Bearbeitung von „anspruchsvollen Fällen“ im Kita-Alltag wird indes beobachtet (siehe Cloos/Göbel/Lemke 2015), wie Beteiligte immer auch an Grenzziehungen zwischen Berufssphären arbeiten (z. B. Erzieher*in vs. Inklusionsfachkraft) – wobei gleichzeitig ins Bewusstsein rückt, dass die Herausforderungen des Alltags nur berufsgruppenübergreifend zu bewältigen sind (Lochner 2017). Bezogen auf die Inklusion von Kindern mit Behinderungen vertreten Inklusionsfachkräfte den Anspruch, dass Kitas eine Sensibilität für Ungleichheit sowie eine darauf bezogene (auch situationale) Reflexivität entwickeln und die „Verschiedenheit auf der Basis gleicher Rechte“ anerkennen (Hamacher/Seitz 2020, S. 6; vgl. auch Beck/Lohmann 2015; Gerstenberg/Cloos 2022). In der Praxis entwickeln Erzieher*innen mitunter Differenzkonstruktionen (Hamacher/Seitz 2020, S. 11), z. B. indem man Kindern mit Behinderung geringere Chancen auf Bildungserfolg einräumt. Zudem bestehen hier Zweifel an der Möglichkeit einer strikten Einzelbedarfsorientierung (Beck/Lohmann 2015). Die Erwartung eines gemeinsamen „Wissensmanagements“, bei dem sich Berufsgruppen gegenseitig über Bedarfe und Maßnahmen regelmäßig informieren, ist in Kitas mit integrativer Ausrichtung prominent, stößt ansonsten aber auf Skepsis (Lohmann/Wiedebusch/Hensen 2016). Inklusion wird auch zu einem wichtigen Thema bei der Kooperation mit einrichtungsexternen Instanzen. Multiprofessionalität impliziert hier die Zusammenarbeit mit in anderen Organisationen (Jugendamt; Frühförderstellen; Grundschulen; Altenheime) tonangebenden Fachmilieus. Eine oft bemühte, allgemeinere Formel für solche Vernetzungen ist die der Sozialraumorientierung (Jung/Gels 2019); dazu gehört auch die Integration von Kindertagesbetreuung in die Familienbildung (Kreitz/Wyßuwa 2015). Bezogen auf die Inklusionsagenda beinhaltet dies für Kitas die Übernahme fachfremd erscheinender Aufgaben (z. B. präventive Diagnostik). Geht es um Übergänge in den primärschulischen Bereich, besteht die Erwartung, diese im Kita-Alltag vorzubereiten (Kämpfe et al. 2019); Fachkräfte oszillieren hier zwischen kitaund schulzentrierten Maßnahmen.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 33 Was das Verhältnis von Sozialarbeit und Frühpädagogik angeht, plausibilisiert die Untersuchung von Drößler und Sehm-Schurig (2016), dass die den beiden jeweils zugeschriebene Kernfunktion den Horizont der Berufsgruppen je spezifisch prägt – wobei sich entsprechende Aufgaben oftmals konträr zueinander verhalten, konkret bspw.: Bedarfsversus Aktivitätsbeobachtung; Prüfung von Bedürftigkeit vs. Orientierung an normaler Kindesentwicklung; Perspektive auf soziale Lagen vs. Fokussierung pädagogischer Arbeitsziele. Wo sich die „Berufskulturen bei der Begegnung in der Kita-Praxis“ gegenüberstehen (Drößler/Sehm-Schurig 2016, S. 200), macht man also nur teilweise die Erfahrung der „Komplementierung“, etwa wenn Soziale Arbeit als Entlastung oder Stärkung des Kita-Alltagsbetriebs verstanden wird. Besonders aussagekräftig bezüglich der Verarbeitung von Erwartungen interorganisational „gelebter“ Multiprofessionalität ist die Untersuchung von Fischer (2021), die sich dem Verhältnis zwischen Kitas und Jugendämtern im Bereich des Kinderschutzes widmet. Diesbezüglich haben Kitas den Auftrag, Gefährdungen zu erkennen, zum Gegenstand von Elternarbeit zu machen und, falls erforderlich, an Ämter zu melden. Fischers Feldstudie verweist auf spezifische (Selbst-)Zuschreibungen, was Rollen und Zuständigkeiten der beteiligten Organisationen betrifft. Sie legt dar, wie seitens der Kita-Fachkräfte eine gemeinsame Verantwortlichkeit betont wird, aber zugleich Statushierarchien wirken. Den Jugendämtern wird mitunter Informationszurückhaltung oder auch „Facharroganz“ attestiert – was dann Misstrauen generiert (Fischer 2021, S. 214). Kooperation kann hier „zum Schauplatz spannungsgeladener Auseinandersetzungen werden, wo über die Gültigkeit und Richtigkeit der differenten Perspektiven und Wirklichkeitskonstruktionen strittig diskutiert wird“ – mit der Folge „enttäuschter Erwartungen, welche grenzstabilisierende Folgen nach sich ziehen und sich negativ auf die Zusammenarbeit auswirken“ (Fischer 2021, S. 225; ähnlich Thurn 2017, S. 307). Zusammenarbeit mit Familien Bezogen auf die Umwelterwartungen an Kitas und ihre Beschäftigten sind Untersuchungen von Interesse, in denen wahlweise von „Elternarbeit“ (Stitzinger 2018) oder auch „Bildungsund Erziehungspartnerschaft“ bzw. „Zusammenarbeit mit Eltern oder Familien“ (Betz et al., 2019) die Rede ist. Die diesbezügliche Studienlage deckt ein breiteres Spektrum ab: Es geht bspw. um die „Integration von Kindertagesbetreuung und Familien-
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 34 bildung“ (Kreitz/Wyßuwa 2015) oder auch um die gesundheitliche Situation von Fachkräften, da Elternarbeit mitunter als Belastungsfaktor wahrgenommen wird (Lattner 2016). Des Weiteren differenziert Kallfaß (2022a) zwei Grundtypen von Organisationsmilieus in Kitas: in manchen Einrichtungen ließe sich die Elternarbeit der Fachkräfte als eher intervenierend, in anderen als eher responsiv charakterisieren. Letzteren wird ein höherer Grad an Professionalisierung zugeschrieben, weil die Möglichkeit zur autonomen Selbstentfaltung aller Beteiligten größer sei. Betrachtet werden außerdem die Eltern-Fachkraft-Beziehungen als fortwährende Aushandlungsprozesse, in denen das professionelle Selbstverständnis mit den Standpunkten der Eltern immer wieder neu ausbalanciert werden muss (Frindte 2016; Krähnert/Zehbe/Cloos 2022), und Aushandlungsprozesse zwischen Kitas und Familien zu ihren Optimierungsansprüchen (Bollig/Sichma 2023), ebenso wie vergeschlechtlichte Erwartungen, wonach männliche Erzieher die Abwesenheit von Vätern in manchen Familien kompensieren sollten (Fegter et al. 2019). Grundsätzlich verweisen Feldstudien auf die Bedeutung der Erwartung, die Zusammenarbeit mit Sorgeberechtigten „auf Augenhöhe“ zu gestalten (Betz et al. 2019), und zwar in einem Kontext harmonischer Kommunikation und unter Anerkennung der Erziehungshoheit der Eltern für ihr Kind. Vonseiten der Fachkräfte scheint die Beziehung teilweise durch eine Asymmetrie gekennzeichnet, jedenfalls besteht bei ihnen eine gewisse Skepsis, ob mit Eltern eine Partnerschaft „unter Gleichen“ möglich ist. Bleiben pädagogisch-professionelle Erwartungen unerfüllt, geraten Eltern mitunter in einen „negativen Gegenhorizont“ (Kallfaß 2022a, S. 188). Beobachtungen von Betz zu Folge (Betz et al. 2019, S. 196) sehen sich Fachkräfte – gerade auch mit Blick auf migrantisch gelesene Familien „als Wissende“ und „in der Verantwortung, Eltern – als Laien – zu erklären, was für Kinder ‚gut‘ ist.“ Es gibt zudem dilemmatische Konstellationen, wenn „Norm(alitäts)- und Moralvorstellungen“ der Beschäftigten mit denen der Eltern konfligieren, da erstere sich gemäß ihres Ideals gezwungen sehen, gegen ihr persönliches wie berufliches Selbstverständnis (das mit dem „Wohl des Kindes“ assoziiert ist) handeln zu müssen (Kallfaß 2022b, S. 320). Insgesamt scheint der partnerschaftliche Ansatz, der ja die Erziehungshoheit bei den Eltern belassen soll, immer wieder mit Beziehungsasymmetrien und dem Professionsverständnis von Pädagog*innen zu kollidieren. Betz et al. (2019) illustrieren besonders anschaulich, inwiefern die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften in den Kitas und den Familien für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellt. Ihre Untersuchung in vier
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 35 Kitas aus sozial unterschiedlich gut situierten Stadtteilen, basierend unter anderem auf offenen Interviews mit Eltern und Fachkräften sowie teilnehmender Beobachtung, widmet sich der Analyse von Wünschen und Vorstellungen hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie sowie den Rahmenbedingungen des Kitasowie Familienalltags. Die Ergebnisse zeigen, dass Fachkräfte häufig unter Personalmangel und hoher Arbeitsbelastung leiden, was den Aufbau einer vertrauensvollen und effektiven Zusammenarbeit mit den Eltern hemmt. Zusätzlich erschweren Sprachbarrieren und stereotype Vorstellungen über „sozial schwache“ oder „bildungsferne“ Eltern die Kooperation (Betz et al. 2019, S. 9). Eltern wiederum hegen eine Vielzahl von Erwartungen, die von allgemeinen, Erziehungspräferenzen betreffenden Beratungswünschen bis hin zum Ansinnen reichen, bei bestimmten Entscheidungen Elternmeinungen einzuholen. Die Schnittstelle zwischen Familie und Kita ist also fortwährenden Aushandlungsprozessen ausgesetzt, wobei nicht von allen Eltern und Fachkräften eine Zusammenarbeit gewünscht wird und nicht „allen Fachkräften und nur wenigen Eltern das Konzept Bildungsund Erziehungspartnerschaft geläufig“ (Betz et al. 2019, S. 49) scheint. Das hier betrachtete Anforderungsprofil bewegt sich, wie Betz et al. (2019, S. 101 ff.) zeigen, im Kontext komplexer Spannungsverhältnisse: So erweist sich die Wahrnehmung der Fachkräfte hinsichtlich der Elternschaft als ambivalent. Einerseits werden Eltern als passiv und verschlossen, manche sogar als sich separierend oder uninteressiert wahrgenommen, andererseits aber auch als (zu) aktiv und fordernd, was teilweise mit Beschwerden und dem Ausüben von Druck oder der Forderung nach mehr Aufmerksamkeit für das eigene Kind einhergeht. Des Weiteren wird von Fachkräften berichtet, dass die Ansprüche von Eltern teilweise als zu hoch bzw. schwer erfüllbar wahrgenommen werden. Andererseits berichten Eltern von Fachkräften, die teils unmotiviert und/oder übergriffig seien und eine mangelhafte Kommunikation im Eltern-Fachkraft-Kontakt aufweisen würden. Vielfach divergieren Vorstellungen zwischen Fachkräften und Eltern im Hinblick auf Erziehungsnormen – auch Einrichtungsregeln und Bildungserwartungen stellen Konfliktpotenzial dar. Oft beobachten Fachkräfte eine „falsche“ Erziehung und Bildung von Kindern ebenso wie Eltern, was in der wechselseitigen Kritik am erzieherischen Handeln des jeweils anderen mündet. All dies erfordert dialogische Interaktionen, bei denen jedoch Fragen von Macht, Expertise, Differenz und Ungleichheit eine zentrale Rolle spielen (Betz et al. 2019).
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 36 4.3 Quintessenzen Die Zusammenschau prominenter Befunde zur Erwartungskultur im deutschen Kita-Sektor ermöglicht es, das Passungsverhältnis bestehender Anforderungen bzw. die Konsistenz des Gefüges von Ansprüchen an frühpädagogische Berufspraxis näher zu ergründen. Betrachtet man die im Vorhergehenden resümierten bzw. illustrativ dokumentierten Befunde problemerschließend, führt die Pluralität von Erwartungen vielfach zu Unstimmigkeiten, welche von der Literatur teils explizit aufgegriffen, teils implizit thematisiert werden. Mehr noch: Die in den durchgesehenen Studien thematisierten Komponenten dessen, was wir als Erwartungskultur im heutigen Kita-Sektor begreifen, deuten darauf hin, dass diese Kultur „Dilemmapotenziale“ generiert und dies auch – teils latent, teils bewusst – von Beschäftigten des Sektors so erlebt wird. Während Dilemmata an und für sich in der von uns durchgesehenen Literatur häufiger angesprochen werden, gelangen wir diesbezüglich zu übergeordneten allgemeinen Beobachtungen. Die in Tabelle 3 aufgeführten Befunde verweisen dabei auf verschiedene Ebenen erlebter Spannungen, die wir hier kurz bilanzieren: • Erstens zeigen sich Diskrepanzen zwischen komplexen Erwartungen und strukturellen Grenzen der Erwartungsbearbeitung, z. B. Aufmerksamkeit für alles und jedes versus Konzentration auf die Bewältigung des Kita-Alltags unter Knappheitsbedingungen und gemäß des Postulats der Gleichbehandlung. • Zweitens sind nicht nur artverschiedene, sondern mitunter auch inkompatible Erwartungen gleichzeitig zu bedienen (z. B. kindorientierte Einzelfallpädagogik versus Beitrag zu standardisierter Bildungsförderung). • Drittens wird erwartet, dass bestimmte Aufgaben (Unterstützung von Benachteiligten; Schulvorbereitung; Kinderschutz) arbeitsteilig und spezialisiert erbracht werden, während der Alltagsbetrieb gleichzeitig qualifikationsübergreifend zu gewährleisten ist und sich einzelne Verantwortliche gegenseitig substituieren sollen. Kita-Arbeit erweist sich unter diesen Bedingungen als äußerst komplexe Angelegenheit, quasi eine Quadratur des Kreises. Die dargestellten diskrepanten bzw. inkompatiblen oder zumindest parallel zu bearbeitenden Anforderungen deuten jedenfalls, so lässt sich resümieren, auf eine systematisch inkonsistente Erwartungskultur im deutschen Kita-Sektor hin.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 37 Tabelle 3: Dilemmapotenziale bei der Verarbeitung von Erwartungen an Kita-Arbeit Art der dilemmatischen Anforderung Exemplarisch dafür Balancen zwischen „Institution“ und Individuum Kreitz/Wyßuwa 2015 Vermittlung zwischen komplexen Professionalisierungsansprüchen und pragmatischen (habituellen) Praxisorientierungen Nentwig-Gesemann 2017 Verarbeitung der Diskrepanz zwischen beruflichen Anforderungen und Handlungsmöglichkeiten in der Praxis (verfügbare Ressourcen) Lattner 2016 parallele Erfüllung persönlicher Ansprüche an frühpädagogische Praxis und von Erwartungen anderer „Stakeholder“ (z. B. Eltern, Kindern) Lattner 2016 Gewährleistung individuumsbezogener frühpädagogischer Praxis im Kontext von Erwartungen der gegenseitigen Substitution im Team Lochner 2017 Beachtung von Gleichheit und Differenz in der Inklusionsarbeit Müller 2021 Elternarbeit auf Augenhöhe und unter Beachtung fachlicher Standards Kallfaß 2022a Bewältigung des Alltagsbetriebs unter Knappheitsbedingungen und Offenheit für komplexe Erwartungen von Sorgeberechtigten Fegter et al. 2019 Sensibilität gegenüber einzelnen Elternwünschen versus Verantwortung für die Gesamtheit der Kinder Betz et al. 2019 Öffnung gegenüber anderen Wissensbeständen versus Betonung eigenen (berufsbiografischen) Erfahrungswissens Petry 2016 Wissensmanagement im gemischten Team versus qualifikationsprofilübergreifende Bewältigung des Kita-Alltags Lochner 2017 interorganisationale, Fachlichkeiten kombinierende Kooperation versus Profilierung bzw. „Verteidigung“ eigener Beruflichkeit Fischer 2021 Quelle: eigene Darstellung
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 38 5. Fazit: Inkonsistenter Erwartungsdruck und was daraus folgt Dieses Working Paper hat in einer problemerschließenden Scoping Review die Studienlage zu an den Kita-Sektor gerichteten und dort wahrgenommenen bzw. verarbeiteten Leistungserwartungen systematisch erfasst – wobei es nicht allein um eine Sortierung und Charakterisierung vorliegender Befunde und Beobachtungen ging, sondern auch um erste Überlegungen zu den Implikationen dessen, was wir eingangs als Neuprogrammierung des Arbeitsfelds bezeichnet haben. Die im Vorhergehenden resümierte Studienlage verweist, was Komposition und Passungsverhältnis der im Kita-Sektor erlebten Anforderungen betrifft, auf eine komplexe Konstellation, aus der für die Einrichtungen und ihr Personal durchaus brisante Probleme erwachsen. Angesichts der Fülle von Studien und der Verfügbarkeit zahlreicher Untersuchungen aus dem deutschsprachigen Raum, die sich mehr oder weniger fokussiert mit diesbezüglichen Dynamiken befassen, lässt unsere Analyse für die jüngere Vergangenheit den vorläufigen Schluss zu, dass mit den an den Sektor – mitunter vehement – herangetragenen Leistungsanforderungen eine Erwartungskultur entstanden ist, welche auf teilweise schwer miteinander zu vereinbarenden Handlungsmaximen beruht und insofern einen inkonsistenten Erwartungsdruck auf die Praxis ausübt. Dieser Druck wird unter den eingangs erwähnten Mangelzuständen besonders eklatant, aber vieles spricht dafür, dass er auch bei einer entspannteren Ressourcenlage wirkungsmächtig bleibt. Mit anderen Worten: All jene Instanzen, die für die Ausgestaltung des Sektors zuständig bzw. an entsprechenden Debatten beteiligt sind, sollten sich mit der Beschaffenheit der Erwartungskultur im Kita-Sektor eingehender auseinandersetzen. Dabei kann die Erkenntnis eines jenseits der „Ressourcenfrage“ bestehenden „Überdrucks“ Implikationen auf unterschiedlichen Ebenen haben. Für Kita-Beschäftige und -Leitungen bieten Einsichten in diese Konstellation die Chance, ein kritisches Bewusstsein gegenüber „systemisch“ bedingten Arbeitsbelastungen zu entwickeln bzw. dieses weiter zu schärfen, um daraus eine (noch) selbstbewusste(re) Haltung gegenüber externen „Stakeholdern“ in Politik und Gesellschaft zu gewinnen – auch dann, wenn diese die Probleme in Kitas mit der Unzulänglichkeit von Managementstrukturen oder mit fehlender Professionalität erklären. Gelänge dies, wäre das für die Praxis mental entlastend.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 39 Für entsprechende, von defizit-orientierten Problemdiagnosen Abstand nehmende Reflexionsprozesse sowie – damit verknüpft – den Aufbau einer entsprechenden „Resilienz“ braucht man allerdings kontinuierlich Zeit, Raum und fachliche Unterstützung im Arbeitsalltag. Solchermaßen gestärkte Arbeitskräfte und ihre betriebliche und überbetriebliche Interessenvertretung könnten die mit inkonsistenten Erwartungen verbundenen Drucksituationen in Kitas hörbar in politische Diskurse einspeisen bzw. die politische Öffentlichkeit entsprechend sensibilisieren. Wenn es gelänge, die „systemimmanenten“ – nicht (allein) durch Ressourcenzuwachs zu heilenden – Widersprüche im Erwartungshorizont relevanter „Stakeholder“ offenzulegen, entstünden gute Voraussetzungen für eine (in verschiedenen Arenen stattfindende) neue Aushandlung darüber, welche Funktionen der Kita-Sektor tatsächlich realistischerweise unter welchen Rahmenbedingungen erfüllen soll und kann. Es geht dabei auch um eine Debatte darüber, welche Erwartungen grundsätzlich „zu hoch gegriffen“ sind und primär andere gesellschaftliche Instanzen bzw. Teilsysteme auf den Plan rufen müssten – z. B. bei der Armutsbekämpfung, der Behebung sozialer (Bildungs-)Benachteiligungen im Schulsystem und rund um den Arbeitsmarkt oder der diskriminierungsfreien und bildungsförderlichen Integration Zugewanderter. Damit sei nicht gesagt, dass Kitas sich dem Auftrag sozialer Inklusion völlig entziehen sollten (oder könnten); doch es bedarf anderer, dieses Mandat „erstinstanzlich“ verfolgende Institutionen (z. B. Familienzentren, Jugendund Sozialarbeit in Kiezen und Schulen, Sozialund Schulpolitik), die Kitas dabei wirksam und dauerhaft entlasten. Allgemein liegt es in der Verantwortung der Politik (konkret z. B. bei der Entwicklung von Landesbildungsplänen für Kitas) sowie nicht zuletzt auch der pädagogischen Wissenschaftsdisziplinen, die gegebenen Verhältnisse kritisch zu reflektieren und an der Auflösung bestehender Spannungen zu arbeiten. Gleichzeitig verweist unsere Analyse auf ein Forschungsdesiderat für die sozialwissenschaftliche Analyse zur Entwicklung des Sektors und seiner Organisationen. Ungeachtet der zahlreichen Studien zu diesem Feld (die zu einem großen Teil erziehungswissenschaftlich ausgerichtet sind), sollte gezielt(er) durchleuchtet werden, wie der Kita-Sektor auf den oben genannten Erwartungsdruck reagiert und was dies zur Folge hat. Ein hier nicht unwesentliches Momentum ist die Entwicklung des Rollenverständnisses von Kita-Beschäftigten im „Kreuzfeuer“ von diversen und dispersen Anforderungen, die an sie gestellt werden. Rollenkonflikte zwischen verschiedenen Teilgruppen, Generationen oder Funktionen im Arbeitskollektiv, welche Einrichtungen belasten und die Enttäuschung wesentlicher Stakeholder nach sich ziehen, könnten
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 40 dann auf einer fundierten empirischen Basis Gegenstand umfassenderer „Clearing“-Prozesse werden – im Team, in den Einrichtungen und in den oben genannten Arenen von Politik und Wissenschaft. Eine diskursive Befassung mit diffusen Rollenzuschreibungen könnte dem Kita-Personal helfen, über die diversen Fachlichkeiten und Qualifikationsprofile hinweg ein Kollektivbewusstsein auszubilden, welches dann auch „fordernden“ Umwelten selbstbewusst entgegengehalten werden kann. Unterbleibt all dies, droht eine (weitere) Fragmentierung von Belegschaften und Beschäftigtengruppen, z. B. in Richtung individualisierter Formen der „Krisenverarbeitung“, was wiederum zu konstruierten Konfliktlinien entlang bestimmter Merkmale führen kann (z. B. Jüngere vs. Ältere). Dies wiederum liefe Bemühungen entgegen, das zuletzt etwas gewachsene Selbstbewusstsein des Kita-Sektors als Ganzem zu konsolidieren. Kurzum: Die Zukunft des Sektors und seine Fähigkeit, ihm zugewiesene Aufgaben auf nachhaltige Weise zu erfüllen, dürfte nicht unwesentlich davon abhängen, wie die „Strukturkrise“ im Sektor gedeutet und bearbeitet wird. Die Beleuchtung ihrer Hintergründe in diesem Working Paper trägt hoffentlich dazu bei, diese „gesellschaftsbewusste“ Perspektive auf das Arbeitsfeld stärker zu machen.
BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 47 Krähnert, Isabell / Zehbe, Katja / Cloos, Peter (2022): Polyvalenz und Vulneranz. Empirische Perspektiven auf inklusionsorientierte Übergangsgestaltung in Elterngesprächen, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-291397. Kreitz, Robert / Wyßuwa, Franziska (2015): Die Integration von Kindertagesbetreuung und Familienbildung in Chemnitz. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, Chemnitz: TU Chemnitz, www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=11434. Lamy, Christian (2015): Die Bewältigung beruflicher Anforderungen durch Lehrpersonen im Berufseinstieg, Wiesbaden: Springer VS, https://doi.org/10.1007/978-3-658-09842-1. Lattner, Katrin (2016): Arbeitsbezogene Belastungen, Stressbewältigungsstrategien, Ressourcen und Beanspruchungsfolgen im Erzieherinnenberuf, Berlin: FU Berlin, https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/10849. Levac, Danielle / Colquhoun, Heather / O’Brien, Kelly K. (2010): Scoping Studies: advancing the methodology. In: Implementation Science 5 (69), S. 1–9, https://implementationscience.biomedcentral.com/articles/10.1186/ 1748-5908-5-69. Lochner, Barbara (2017): Teamarbeit in Kindertageseinrichtungen. Eine ethnografisch-gesprächsanalytische Studie, Wiesbaden: Springer VS, https://doi.org/10.1007/978-3-658-16708-0. Lohmann, Anne / Wiedebusch, Silvia / Hensen, Gregor (2016): Interprofessionelle Zusammenarbeit in Kindertageseinrichtungen – in der Wahrnehmung von frühund heilpädagogischen Fachkräften. In: Maykus, Stephan / Beck, Anneka / Hensen, Gregor / Lohmann, Anne / Schinnenburg, Heike / Walk, Marlene / Werding, Eva / Wiedebusch, Silvia (Hrsg.): Inklusive Bildung in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen. Empirische Befunde und Implikationen für die Praxis, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 55–86. Luthardt, Jasmin / Bormann, Inka / Hildebrandt, Frauke (2021): Einstellungen pädagogischer Fachkräfte zu anregenden Interaktionen in Kindertagesstätten: Fortbildungsbedarfe entdecken mit Cognitive-Affective Maps (CAMs). In: Frühe Bildung 10 (3), S. 151–160, https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1026/2191-9186/a000531.
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BETZELT/BODE/ECKSTEIN: INKONSISTENTER ERWARTUNGSDRUCK IN KITAS | 51 Autorinnen und Autoren Prof. Dr. Sigrid Betzelt ist Professorin für Gesellschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Arbeitsund Organisationssoziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie teilt sich mit Prof. Dr. Ingo Bode die Projektleitung des Forschungsprojekts „Plurale Rollenkonflikte und Kollektivbewusstsein in Kitas“. Prof. Dr. Ingo Bode ist Professor für Sozialpolitik mit Schwerpunkt gesellschaftliche und organisationale Grundlagen an der Universität Kassel. Er teilt sich mit Prof. Dr. Sigrid Betzelt die Projektleitung des Forschungsprojekts „Plurale Rollenkonflikte und Kollektivbewusstsein in Kitas“. Johannes Eckstein ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin im Forschungsprojekt „Plurale Rollenkonflikte und Kollektivbewusstsein in Kitas“. Charlotte Herbertz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt von Oktober 2023 bis März 2024, hat maßgeblich beigetragen zur Erarbeitung des Analyseansatzes im Hinblick auf das Design der Scoping Review und die Durchführung der ersten Analyseschritte (siehe Kapitel 2).
ISSN 2509-2359
