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Die Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung

Schäfer, Hans-Bernd

Abstract

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Full text

Schäfer, Hans-Bernd (Ed.) Book Die Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 245 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Schäfer, Hans-Bernd (Ed.) (1996) : Die Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 245, ISBN 978-3-428-48815-5, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285698 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Langhammer, Rainer Marggraf, Lukas Menkhoff, Peter Nunnenkamp, Bernd Schnatz, Renate Schubert, Udo Ernst Simonis, Wolfgang Veit Herausgegeben von Hans-Bernd Schäfer Duncker & Humblot · Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Die Deutsche Bibliothek -CIP-Einheitsaufnahme Die Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung I von Peter Behrens ... Hrsg. von Hans-Bemd Schäfer. -Berlin : Duncker und Humblot, 1996 (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; N. F., Bd. 245) ISBN 3-428-08815-8 NE: Behrens, Peter; Schäfer, Hans-Bemd [Hrsg.]; Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; Schriften des Vereins ... Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 1996 Duncker & Humblot GmbH, Berlin Fremddatenübemahme und Druck: Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin Printed in Germany ISSN 0505-2777 ISBN 3-428-08815-8 Gedruckt auf aIterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706 @ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Inhaltsverzeichnis Einleitung ............................................................................. 7 Stabilitätspolitische Probleme bei der Integration in die internationalen Finanzmärkte: Mexikos Weg in die Peso-Krise Von Bemhard Fischer und Bemd Schnatz, Hamburg ............................... 13 Mexiko 1994 -Ansätze zur Stabilisierung des Krisenverlaufs. Korreferat zum Vortrag von Bernhard Fischer und Bernd Schnatz Von Wolfgang Veit, Alfter .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Diskussion zu den Referaten von Bernhard Fischer, Bernd Schnatz und Wolfgang Veit Zusammengefaßt von Dirk Gehl ................................................... 49 Die Einbindung von Entwicklungsländern in internationale Finanzmärkte, das Beispiel Thailand Von Lukas Menkhoff, Aachen ...................................................... 53 Diskussion zu dem Referat von Lukas Menkhoff Zusammengefaßt von Dirk Gehl ................................................... 83 Aufholprozesse oder Abkopplungstendenzen? Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung Von Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp, Kiel ................................. 87 Direktinvestitionen und exportorientierte Industrialisierung in Entwicklungsländern. Korreferat zu Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp Von Heiko Körner, Darmstadt ...................................................... 113 Diskussion zu den Referaten von Erich Gundlach, Peter Nunnenkamp und Heiko Körner Zusammengefaßt von Arndt Rölike ................................................ 129 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 6 Inhaltsverzeichnis Umweltschutz und Entwicklung durch Schaffung eines Marktes für handelbare Emissions-Zertifikate Von Udo Ernst Simonis, Berlin .................................................... 133 International handelbare Emissionszertifikate: Ihre Bedeutung für Entwicklungsländer Von Renate Schubert, Zürich .... . ................................................. 149 Diskussion zu den Referaten von Udo Ernst Simonis und Renate Schubert Zusammengefaßt von Georg von Wangenheim ..................................... 165 Konfliktgeladene Bildung von Märkten für pflanzengenetische Ressourcen: institutionelle und ökonomische Implikationen für Entwicklungsländer Von Joachim von Braun, Kiel...................................................... 167 Kann der ökonomische Wert der natürlichen Umwelt aus Marktinformationen abgeleitet werden? Korreferat zum Vortrag von Joachim von Braun Von Rainer Marggraj. Göttingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 205 Diskussion zu den Referaten von Joachim von Braun und Rainer Marggraf Zusammengefaßt von Georg von Wangenheim ..................................... 223 GA TI-Regeln und Entwicklungsländer Von Peter Behrens, Hamburg ...................................................... 225 Entwicklungsländer und GATI. Korreferat zum Vortrag von Peter Behrens Von Rolf J. Langhammer, Kiel ..................................................... 245 Diskussion zu den Referaten von Peter Behrens und Rolf J. Langhammer Zusammengefaßt von Georg von Wangenheim ..................................... 251 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Einleitung Dieses Buch enthält die schriftlichen Fassungen der Referate und Korreferate auf der Jahrestagung 1995 des Ausschusses Entwicklungsländer des Vereins für Socialpolitik sowie kurze Zusammenfassungen der Diskussion unter den Teilnehmern. Die Tagung fand im Juni 1995 im HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg statt, dessen Direktor Prof. Dr. Erhard Kantzenbach wir für die gastliche Aufnahme zu besonderem Dank verpflichtet sind. Der Dank gilt auch Herrn Dr. Karl W. Menck vom HWW A für seine Mitwirkung bei der Vorbereitung und Durchführung der Tagung. Herrn Nils Draehmpaehl sei ebenfalls an dieser Stelle für Korrekturarbeiten und die Vereinheitlichung des Manuskripts gedankt. Thematischer Ausgangspunkt der Tagung war die fortschreitende Globalisierung von Produktion und Finanzdienstleistungen. Außerdem befaßte sich die Tagung mit internationalen Märkten für völlig neu geschaffene Eigentumsrechte im Bereich des gewerblichen Rechtsschutzes und des Umweltschutzes, deren Wirkungen auf Entwicklungsländer je nach konkreter Ausgestaltung höchst verschiedenartige Effizienz- und Verteilungs wirkungen aufweisen können. Der Prozeß der Globalisierung wird in unzulänglicher Vereinfachung manchmal als Vorgang zwischen den "alten" Industriestaaten auf der einen und den Entwicklungs- und Transformationsländern auf der anderen Seite beschrieben. Tatsächlich bedeutet Globalisierung für Entwicklungsländer jedoch entweder ein Aufholen oder ein weiteres Zurückfallen (vgl. die Beiträge von Gundlach und Nunnenkamp in diesem Band). Sie bringt erhebliche Risiken auch für diese Länder mit sich. Für einen Erfolg sind mehrere Faktoren entscheidend. Die heimische Wirtschaftspolitik muß durch Herstellung stabiler binnenwirtschaftlicher Rahmendaten, finanz- und währungspolitische Stabilität günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Teilnahme am Globalisierungsprozeß schaffen. Aber auch die Rahmendaten der internationalen Handels- und Finanzordnung müssen den Kriterien der Stabilität und insbesondere der Fairness gegenüber den oft (etwa im Rahmen der GATT-Verhandlungen) machtlosen Entwicklungsländern genügen. Die Instabilität des äußeren Ordnungsrahmens kann sich in unbeeinflußbaren externen Schocks auf die heimische Volkswirtschaft niederschlagen, die Instabilität der heimischen Rahmenbedingungen in Vertrauenskrisen bei Kapitalaniegern. piese wiederum resultieren in Zahlungsbilanzkrisen, die in kurzer Zeit den realwirtschaftlichen Sektor erfassen können. Dies wird im Eröffnungsreferat von Bernhard Fischer und Bernd Schnatz anhand der Mexiko-Krise von 1994 beispielhaft vorgeführt. Mexiko hatte nach der Schuldenkrise im Jahre 1982 einen betont marktwirtschaftlichen und weltmarktorientierten wirtschaftspolitischen Kurs eingeschlagen und nach dem Urteil des in- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 14 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz sehen Kapitalzuflüsse im Zeitablauf erfaßt und die Bestimmungsgründe für deren Entwicklung herausgearbeitet (Kapitel B). In Kapitel C werden die stabilitätspolitischen Herausforderungen beträchtlicher ausländischer Kapitalzuflüsse abgeleitet und Mexikos geld- und fiskalpolitische Entgegnung dargestellt. Kapitel D zeigt die Ergebnisse und Defizite der mexikanischen Stabilisierungspolitik auf. Eine abschließende Bewertung der Peso-Krise enthält Kapitel E. B. Entwicklung und Determinanten der Kapitalströme nach Mexiko I. Volumen und Struktur der Kapitalströme zwischen 1988 und 1993 Seit dem Ausbruch der Schuldenkrise waren bis 1988 die internationalen Kapital ströme nach Mexiko erheblich zurückgegangen und sogar Nettokapitalabflüsse zu verzeichnen. Danach konnte bis zur Peso-Krise eine deutliche Trendumkehr mit beträchtlichen Kapitalzuflüssen beobachtet werden, die sogar das Niveau der externen Finanzierung vor der Schuldenkrise übertrafen. Außerdem hat sich in diesem Zeitraum die Struktur der internationalen Kapitalströme nach Mexiko auffallend verändert. Während die mexikanische Regierung bis Anfang der 80er Jahre mit den Krediten ausländischer Geschäftsbanken vor allem die staatlichen Haushaltsdefizite finanzierte, spielten die internationalen Kredite an den öffentlichen Sektor in den 90er Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle. Hingegen gewannen Anfang der 90er Jahre Eigenkapitalinstrumente und Kapitalströme an private Kapitalnehmer zunehmend an Bedeutung (Schaubild 1). Die Zuflüsse ausländischer Portfolio- und Direktinvestitionen hatten sich zwischen 1989, als sie weniger als 4 Mrd US $ betrugen, bis Ende 1993 mit mehr als 33 Mrd US $ fast verzehnfacht. Die Zuströme ausländischer Direktinvestitionen verdoppelten sich u. a. infolge der umfassenden Liberalisierung der Investitionsgesetze sowie der Privatisierungen seit Mitte der 80er Jahre auf 4,9 Mrd US $. Sowohl die Öffnung der mexikanischen Wertpapiermärkte für ausländische Investoren als auch die Deregulierung der US-amerikanischen Börsen ließen die Zuströme ausländischer Portfolioinvestitionen Anfang der 90er Jahre zum wichtigsten Finanzierungsinstrument Mexikos werden. Die Portfolioinvestitionen stiegen im Jahre 1993 auf über 28 Mrd US $ an und waren damit fast sechsmal höher als die Zuflüsse ausländischer Direktinvestitionen. Ausländische Portfolioinvestitionen umfaßten: • den Kauf von Pe so-denominierten Fremdfinanzierungsinstrumenten (z. B. Staatsanleihen) auf den mexikanischen Wertpapiermärkten, • eigenkapitalbezogene Investitionen, vor allem internationale Aktienemissionen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise Schaubild 1 Portfolio- und Direktinvestitionen nach Mexiko, 1988-1993 Mrd US$ 35 r 30 25 20 ;- • Portfolioinvestitionen in Anleihen (in ausländischer Wllhrung) l Portfolioinvestitioncn in Anleihen (in Pe50s) Portfolioinvestitionen an der Börse 15 j I • Direktinvestitionen 10 o 1988 1989 Quelle: Banco de Mixico (1994). 1990 1991 1992 15 1993 • die Emission von Schuldtiteln auf den internationalen Wertpapiermärkten, die in der Regel nicht in Pesos denominiert sind, • den direkten Kauf von Aktien an den mexikanischen Börsen von Ausländern sowie das Engagement von Länder- bzw. Regionalfonds (Mutual Funds). Rund drei Viertel der Portfoliozuflüsse des Jahres 1993 wurden zu etwa gleichen Teilen in mexikanische Aktien investiert bzw. in ausländischer Währung auf den internationalen Kapitalmärkten emittiert. Die restlichen 25 vH wurden in peso-de- nominierten festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Dabei standen bis Ende 1993 sogenannte Certificados de la Tesoreria (Cetes) mit einer Laufzeit zwischen 28 Tagen und 3 Monaten im Vordergrund. Um die Laufzeiten der Schuldeninstrumente zu verlängern und die Kreditkosten zu vermindern, wurde Ende der 80er Jahre eine Palette weiterer Staatspapiere ausgegeben, von denen einige in den 90er Jahren zunehmend an Relevanz gewonnen hatten. Neben den längerfristigen Bonos de Desarrollo (Bondes) mit einer Laufzeit von bis zu zehn Jahren, deren Stellenwert sich seit Anfang der 90er Jahre allerdings wieder verminderte, spielten Bonos de Rendimiento Ajustable (Ajustabonos) mit einer Laufzeit zwischen drei und fünf Jahren sowie Bonos de la Tesoreria (Tesobonos) mit einer Laufzeit zwischen einem und drei Monaten eine größere Rolle. Während Ajustabonos an die Konsumentenpreise indexiert sind, sehen die Tesobonos eine Bindung der Erträge an die Entwicklung des nominalen Wechselkurses vor. Diese beiden Finanzierungstitel hatten Ende 1993 nach den Cetes in Mexiko die größte Bedeutung. Rund 28 vH aller ausstehenden Anleihen mit einem Marktwert von 68 Mrd Neue Pesos (ca. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 16 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz 21,8 Mrd US $) wurden zu diesem Zeitpunkt von ausländischen Investoren gehalten. Die ausländischen Investitionen im mexikanischen Aktienmarkt wurden zu fast 40 vH über amerikanische Hinterlegungszertifikate (ADR) getätigt.) Weitere 37,6 vH wurden in Form von Vorzugsaktien (sogenannte "free subscription shares") investiert, die direkt von ausländischen Anlegern gekauft werden dürfen. 20,8 vH flossen über den National Financiera (NAFIN), einen speziellen Treuhandfonds der staatlichen Entwicklungsbank, in diejenigen Aktienwerte, die von Ausländern nicht direkt gekauft werden dürfen, und die verbleibenden 1,7 vH wurden durch geschlossene Mexikofonds gehalten (Baneo de Mixico 1994). 11. Ursachen und Determinanten der Ressourcenzuflüsse 1. Stabilisierungspolitik und Wechselkursregime Im Dezember 1987 verständigten sich die mexikanische Regierung, die Gewerkschaften und die Arbeitgeber im Rahmen eines Solidaritätspaktes ("Pacto de Solidaridad") auf eine verstärkte Zusammenarbeit zur Stabilisierung der Volkswirtschaft.2 Das mexikanische Budgetdefizit war 1987 nicht zuletzt aufgrund der erheblichen Zinsbelastung wieder fast so hoch wie vor dem Ausbruch der Schuldenkrise, und die mexikanische Inflationsrate hatte in diesem Jahr mit 159 vH ein neues Rekordniveau erreicht (Tabelle 1). Im Rahmen des Solidaritätspaktes wurde zunächst eine Anpassung des Wechselkurses beschlossen, um die Verzerrungen der relativen Preise, die sich angesichts der akzelerierenden Inflationsraten ergeben hatten, zu eliminieren. Darüber hinaus folgte der umfassenden Liberalisierung des Außenhandels nun die Liberalisierung der Finanzmärkte, die bis zu diesem Zeitpunkt durch ein komplexes System von Zinskontrollen, quantitativen Kreditvergaberichtlinien sowie Mindestreserve- und Liquiditätsverpflichtungen reglementiert waren. Die Liberalisierung der Finanzmärkte ging Hand in Hand mit einer Umstrukturierung der inländischen öffentlichen Verschuldung. Die bislang übliche Revolvierung inländischer Staatsschulden durch das mexikanische Geschäftsbankensystem zu Vorzugsbedingungen wurde beträchtlich eingeschränkt und stattdessen die Verwendung marktüblich verzinster Staatsanleihen vorangetrieben. ) ADRs sind Wertpapiere, die in der Regel an der Börse in New York gehandelt werden. Im April 1990 wurden in den USA von der Wertpapier- und Börsenkommission die Regulation Sund Rule 144A in Kraft gesetzt. Diese Maßnahmen erleichterten die Plazierung von Wertpapieren durch private Emittenten aus dem Ausland. Rule 144A erlaubt bestimmten Institutionen den Handel mit privaten Wertpapieren, ohne daß die obligatorische zwei- oder dreijährige Wartezeit eingehalten werden muß. Regulation S ermöglicht den amerikanischen Investoren, die Wertpapiere außerhalb der USA weiterzuverkaufen. 2 Einen umfassenden Überblick über die Stabilisierungspolitik Mexikos nach 1987 gibt OECD (1992). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 17 Ein zentraler Aspekt des Solidaritätspaktes war außerdem die feste Bindung des mexikanischen Pesos an den US $ (ab März 1988). Der Wechselkurs war zuvor stärker abgewertet worden als es die fundamentalen ökonomischen Daten erfordert hätten. Der Abwertung und Bindung des Pesos an den US $ lagen vor allem zwei Motive zugrunde: Erstens sollte die mexikanische Inflationsrate durch einen glaubwürdigen nominalen Anker an das internationale Niveau angeglichen werden; zweitens verzichtete die mexikanische Regierung durch die Fixierung des Wechselkurses bewußt auf eine diskretionäre Politikvariable zur überraschenden Erhöhung der inländischen Inflationsrate bzw. zur Verminderung der Reallöhne, so daß die Gewerkschaften als Partner im Stabilisierungsprozeß gewonnen werden konnten (Larrain 1994). Angesichts der bestehenden erheblichen Inflationsdifferenzen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten wurde für einen Übergangszeitraum, bis sich die mexikanische Inflationsrate an das internationale Niveau anpassen würde, eine reale Aufwertung des Pesos antizipiert. Deshalb war die starke Abwertung des nominalen Wechselkurses unter Glaubwürdigkeitsgesichtspunkten vernünftig, da diese Maßnahme dem realen Wechselkurs einen gewissen Aufwertungsspielraum ließ, ohne daß dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit des produzierenden Gewerbes in Mexiko untergraben worden wäre (Edwards 1992). Die Fixierung des Wechselkurses, eine restriktive geldpolitische Ausrichtung und die beschleunigte Konsolidierung des Staatshaushalts erzielten bereits in den nächsten beiden Jahren beachtliche wirtschaftspolitische Erfolge (Tabelle 1). Die Inflationsrate sank bis Dezember 1988 auf etwa 52 vH auf Jahresbasis und erreichte mit weniger als 20 vH Ende 1989 den niedrigsten Wert in dieser Dekade. Gleichzeitig schlug sich das steigende Vertrauen der Investoren in die mexikanische Wirtschaft in einer höheren Investitionsquote und einem beschleunigten wirtschaftlichen Wachstum nieder. Im Dezember 1988 wurde im Rahmen eines Folgevertrages der wirtschaftliche Solidaritätspakt modifiziert. Eines der vordringlichen Ziele dieses Vertrages war die Reduzierung der Ressourcenabflüsse aus Mexiko infolge der beträchtlichen Schuldendienstleistungen. Die im Rahmen des sogenannten "Brady-Plans" vereinbarten Schuldenerleichterungen gaben Mexiko den nötigen Spielraum zur Fortsetzung der Stabilisierungsmaßnahmen. Außerdem ging Mexiko im Januar 1989 zu einem Wechselkurssystem mit angekündigten Abwertungsraten ("crawling peg") über, da infolge der weiterhin bestehenden Inflationsdifferenz zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten eine Fortsetzung der realen Aufwertung des mexikanischen Pesos drohte. Dieses Wechselkursregime wurde, von einigen Modifikationen abgesehen, bis zum Ausbruch der jüngsten Peso-Krise beibehalten. Die ursprüngliche Abwertung von einem Peso pro Tag entsprach einer durchschnittlichen jährlichen Abwertung von etwa 16 vH, die nur geringfügig unterhalb der 1989 realisierten Preissteigerungsrate lag. Obwohl sich die Inflationsrate im Jahre 1990 erhöhte, wurde die täg- 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 18 Bernhard Fischer und Bernd Schnatz Tabelle 1 Ausgewählte Wirtschaftsindikatoren für Mexiko: 1987-1994 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 Realer Sektor Reales Wachstum des BIP (vH) 1,7 1,2 3,5 4,5 3,6 2,8 0,6 3,5 in vH des BIP Ersparnisse 21,6 18,2 18,5 18,7 17,6 16,0 14,1 13,7 -privat 14,3 18,8 16,1 12,1 10,0 8,7 8,9 9,1 -staatlich 7,3 -0,7 2,4 6,6 7,6 7,3 5,2 4,6 Inländische Bruttoinvestitionen 19,3 20,4 21,4 21,9 22,4 22,8 20,6 21,6 Saldo der Leistungsbilanz 2,2 -2,3 -2,9 -3,2 -4,8 -6,8 -6,4 -8,0 ~[~iS~ ~hSClkll[S' lIod Zioss~ Inflation (Konsumentenpreise) (vH) 159,2 51,7 19,7 29,9 18,8 11,9 8,3 7,1 Nominaler Wechselkurs (PesosIUS$) 2199 2257 2637 2939 3075 3118 3106 4990 Realer effektiver Wechselkursindex a) 56,3 73,1 73,3 77,4 85,9 93,3 99,3 90,6 Zinssätze rur 28-Tage CETES (vH) 122,0 52,3 40,6 26,0 16,7 16,9 11,8 30,0 ÖtIeolli~h~ Y~[S~hllldllDl: -ausländische Schulden (ohne IMF) 61,S 49,7 40,5 31,7 26,1 22,2 23,0 24,2 -inländische Schulden 16,5 18,7 23,9 23,5 19,7 12,9 12,0 13,2 Exlerne[ Sektor in MrdUS$ Saldo der Leistungsbilanz 2,9 -3,8 -6,1 -7,5 -14,9 -24,8 -23,4 -29,5 Saldo der Kapitalverkehrsbilanz 3,8 -2,9 5,1 10,9 22,5 26,7 30,5 11,6 Währungsreserven 8,0 6,0 6,5 10,1 17,9 19,4 25,4 6,3 a) 1980 = 100; Anstieg = Aufwertung Quelle: IMF (1995) liche Abwertungsrate im Mai auf 0,8 Peso pro Tag bzw. etwa 10 vH auf Jahresbasis gesenkt und im November nochmals auf 0,4 Peso pro Tag (5 vH auf Jahresbasis) halbiert. Der Wechselkurs wurde also weiterhin aktiv zur Inflationsbekämpfung eingesetzt. Dies spiegelte sich auch in der automatischen Anpassung des "Crawls" wider: Aufgrund der festgelegten Abwertungsbeträge und der täglich veränderten Basis nahm in diesem System die prozentuale Abwertung des Pesos kontinuierlich ab. Abgesehen vom Zeitraum November 1991 bis September 1992, in dem die mexikanische Währung täglich nur noch um 0,2 Peso gegenüber dem US $ abwertete, wurde die Abwertungsrate von 0,4 Peso pro Tag bis zur Freigabe des Pesos Ende 1994 beibehalten. 3 3 Die Abwertungsraten sind zur besseren Vergleichbarkeit stets in "alten" Pesos angegeben. Mexiko führte im Januar 1993 den Neuen Peso ein, der 1.000 alten Pesos entsprach. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 19 2. Zinsdijferenzen und attraktive Aktienmärkte Die neue Struktur ausländischer Kapitalzuflüsse nach Mexiko resultierte nicht nur aus der konsequenten Umsetzung von Stabilisierungsprogrammen, sondern auch aus der anhaltenden Differenz zwischen den internationalen und den mexikanischen Zinsen sowie dem Diversifizierungspotential, das Anlagen an der mexikanischen Börse boten. Ende der 80er Jahre waren die internationalen Anleger noch sehr zurückhaltend, mexikanische Wertpapiere in ihre Portfolios aufzunehmen, auch wenn diese erhebliche Renditen versprachen. Hohe nominale Zinsen und das Regime fixer Wechselkurse ergaben anfänglich Renditen von über 100 vH auf Jahresbasis. Dennoch verzeichnete die Kapitalbilanz in den Jahren 1987 und 1988 noch einen Kapitalabfluß (Schaubild ). Schaubild 2 Bereinigte Zinsdifferenzena zwischen Mexiko und den USA sowie Nettokapitalzuflüsse, 1987-1993 vH MrdUSS 140 1=---1 35 120 • 30 . -------~ ......... • • 25 100 20 10 15 60 10 40 • 20 0 0 -5 10 :8 iIl &: ;: s: ~ ! ! 8 ! 8 ! 8 a) Die Zinsdifferenz (auf Jahresbasis) zwischen mexikanischen und amerikanischen Staatsanleihen mit dreimonatiger Laufzeit wurde um die angekündigte Abwertungsrate korrigiert. Quelle: Schnatz (1995b) Erst im Jahre 1989 schafften die erfolgreichen Stabilisierungsansätze neues Vertrauen bei den internationalen Investoren und führten in den folgenden Jahren zu beträchtlichen Kapitalzuflüssen. Die Kapitalbilanz verzeichnete seither steigende Überschüsse, obwohl sich die Zinsdifferenz zwischen mexikanischen und amerikanischen Staatsanleihen erheblich reduziert hatte. Rezessionsbedingt sinkende Zinsen in den Vereinigten Staaten, die 1993 nominal auf etwa 3 vH gefallen waren, motivierten zusätzliche Anlagen in mexikanische Wertpapiere, ,obwohl die abwer- 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 20 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz tungsbereinigte Zinsdifferenz inzwischen mit nur noch ca. 5 vH Ende 1993 einen neuen Tiefstand erreichte. Wenn keine exogenen Ursachen die Entwicklung der Kapitalbilanz erklären, dann muß sich das kontinuierlich steigende Vertrauen internationaler Investoren in die mexikanische Volkswirtschaft in Form sinkender Risikoprämien niedergeschlagen haben. Nur so kann erklärt werden, daß die Verminderung der bereinigten Zinsdifferenz mit steigenden Portfoliozuflüssen ausländischer Investoren einhergeht. Neben den Anleihemärkten boten auch die mexikanischen Aktienmärkte, die im November 1989 für ausländische Investoren geöffnet wurden, ein attraktives Investitionsumfeld für international orientierte Anleger. Ausländische Anleger waren nach der Liberalisierung der mexikanischen Börse maßgeblich an deren Aufschwung beteiligt. Ende 1993 wurden 54,6 Mrd US $, das entspricht 27,2 vH der Marktkapitalisierung, von ausländischen Investoren gehalten. Attraktiv war der mexikanische Aktienmarkt für die internationalen Investoren nicht zuletzt aufgrund seines Diversifizierungspotentials. Während die Ertragsentwicklungen an den traditionellen Börsen in den Industrieländern untereinander inzwischen stark korreliert sind, betrug der Korrelationskoeffizient der Preisindizes im Zeitraum 1988-93 für Mexiko und die USA 0,34 (lFC 1994). Die Analyse der Ursachen und Determinanten der Ressourcenzuflüsse verdeutlicht, daß die Entwicklung des Volumens und die neue Struktur der ausländischen Kapitalzuflüsse nach Mexiko sowohl durch langfristige als auch durch kurzfristige Faktoren bestimmt wurde. Einerseits konnten die Stabilisierungserfolge, die sich seit Anfang der 90er Jahre in sinkenden Inflationsraten und einem moderaten Wirtschaftswachstum widerspiegelten, das Vertrauen internationaler Investoren wieder herstellen. Dies drückt sich in einem nachhaltigen Kapitalzustrom aus, der sich in erster Linie in zusätzlichen ausländischen Direktinvestitionen niederschlug. Andererseits wurde ein beträchtlicher Teil ausländischer Kapitalzuflüsse jedoch auch durch ein sehr niedriges Zinsniveau auf den internationalen Kapitalmärkten und der dadurch bedingten Zinsdifferenz zwischen den amerikanischen und den mexikanischen Anleihemärkten verursacht ("Push-Effekt,,).4 Dies spiegelt sich vor allem in der beträchtlichen Zunahme ausländischer Portfolioinvestitionen in Mexiko wider. Folglich mußte vermutet werden, daß zumindest ein Teil der Investitionsanreize in den mexikanischen Märkten außerhalb der Einflußmöglichkeiten der mexikanischen Behörden lag. Insbesondere ausländische Portfolioinvestitionen reagieren eher elastisch gegenüber aktuellen Informationen ("News") und kurzfristigen Entwicklungen -in anderen Worten, sie sind eher ,,hot" als "cool".5 In dieser Hinsicht unterscheiden sich Portfoliozuflüsse von anderen Arten ausländischer Kapitalzuflüsse. So sind zum 4 Vgl. Calvo u. a. (1993). 5 Vgl. Claessens u. a. (1995) für eine skeptische Beurteilung dieser eher traditionellen Beurteilung zur Instabilität bestimmter Kapitalströme. Für tendenziell instabil halten hingegen Reisen (1994,1995) und Tumer(1991) ausländische Portfoliozuflüsse. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 21 Beispiel bi- und multilaterale Finanzhilfen gegenüber Ertragserwartungen weitgehend unelastisch, da sie einer anderen Motivation als der Ertragsmaximierung entspringen. Ausländische Direktinvestitionen bleiben zwar auch nach ihrer Realisierung sensibel bezüglich der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen; sie unterliegen jedoch eher einem langfristigen Planungshorizont. Die Liquidation einer Direktinvestition ist zudem zeitaufwendig und kann kurzfristig kaum realisiert werden. Wahrend der Bestand ausländischer Direktinvestitionen somit eher illiquide und irreversibel ist, kann der Zufluß von ausländischen Direktinvestitionen beachtlichen Schwankungen unterliegen, die von internen und externen Einflüssen abhängen (Reisen 1995). Ausländische Portfolioinvestitionen werden in der Regel in leicht handelbaren Wertpapieren angelegt, so daß sie sehr schnell aus dem Empfängerland wieder abgezogen werden können. Infolgedessen war Mexiko angesichts der dargestellten Struktur der Kapitalzuflüsse der Gefahr einer Zahlungsbilanzkrise in besonderem Maße ausgesetzt, da nicht der gesamte ausländische Kapitalbestand von der Zentralbank in Form von Währungsreserven abgedeckt werden konnte.6 3. Entwicklungen im Jahre 1994 Die umfangreichen Kapitalzuflüsse, die dem Abschluß der NAFrA-Verträge folgten, nahmen nach der Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Colosio am 23. März rapide ab. Die internationalen Wahrungsreserven fielen von 28 Mrd US $ vor dem Attentat auf 11 Mrd US $ im April (IMF 1995). Der Wechselkurs erreichte die obere Interventionsgrenze und die Zinssätze für kurzfristige, in Peso denominierte Staatsanleihen (Cetes) verdoppelten sich auf 18 vH. Der unmittelbare Druck auf die Finanzmärkte wurde zunächst durch die Bereitstellung einer kurzfristigen Kreditlinie (6,75 Mrd US $) durch die NAFrA-Partner aufgefangen. Zwischen Ende April und Anfang November blieb der Bestand an internationalen Wahrungsreserven relativ stabil (16 bis 17 Mrd US $) während sich der Wechselkurs meisten am Rande des Interventionsbandes bewegte und die Zinssätze wieder zu sinken begannen. Im gleichen Zeitraum kam es zu einem umfangreichen Umtausch von Cetes in Tesobonos (13 Mrd US $). Die mexikanische Zentralbank alimentierte zudem eine kräftige Nettokreditausweitung des Finanzsystems (4,5 vH des BIP 1994 gegenüber 2 vH im Vorjahr). Die Übergangszeit nach den Wahlen sowie Gerüchte über mögliche Änderungen in Hinblick auf die Wechselkurspolitik begünstigten im letzten Quartal des Jahres 1994 die Flucht aus dem mexikanischen Peso und führten zu einem Reserveverlust von etwa 3,5 Mrd US $. Als kurz nach der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Zedillo wieder Spannungen in Chiapas aufkamen und die internationalen Devisen- 6 Dornbusch (1992) bezeichnete noch 1992 die Kapitalflüsse nach Mexiko als "lukewann to cool", revidierte jedoch später seine Ansicht (Dornbusch und Werner 1994, S. 259) und nannte die Portfolioinvestitionen in Mexiko Anfang 1994 hochgradig liquide. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 22 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz reserven auf 10,5 Mrd US $ gefallen waren, entschloß sich die mexikanische Regierung zur Heraufsetzung des oberen Interventionslimits gegenüber dem US $ um 15 vH. Nach einem weiteren Verlust an Währungsreserven in Höhe von 4 Mrd US $ wurde der Wechselkurs des Pesos nur wenige Stunden später freigegeben. Starke Zweifel an der Fähigkeit Mexikos, seine kurzfristigen Schulden zu bedienen, ließen Anfang 1995 den Peso-Kurs einbrechen. Am 31. Januar 1995 betrug die Abwertung des Pesos gegenüber Mitte Dezember des Vorjahres 40 vH. Gleichzeitig kam es zu einem kräftigen Einbruch auf den Finanzmärkten, und Mexiko geriet zunehmend in eine Liquiditätskrise.7 Ende Januar 1995 reichten die Währungsreserven gerade noch aus, um den Importbedarf von drei Wochen zu decken. Die Gefahr einer zweiten Schuldenkrise konnte in letzter Minute durch die Anfang Februar 1995 auf internationaler Ebene beschlossenen Unterstützungsaktion abgewendet werden. Für die finanziellen Turbulenzen, die schließlich in der Peso-Krise Ende 1994 endeten, lassen sich sowohl externe wirtschaftliche als auch interne politische Schocks zur Verantwortung ziehen. Verstärkte Wachstumsimpulse in den USA und die Konjunkturerholung in anderen Industrie1ändern führten weltweit zu einem Anstieg der Nachfrage nach Investitionsfonds und zu einer Verteuerung der Finanzierung. Gleichzeitig begannen die internationalen Investoren den Anteil ihrer Portfolioinvestitionen in den aufstrebenden Märkten, Mexiko eingeschlossen, neu einzuschätzen. Hinzu kam, daß das Vertrauen der Investoren durch Mexikos innere politische Spannungen und die ungelösten sozialen Probleme geschwächt wurde.8 Trotz der finanziellen Turbulenzen wiesen auch im Jahre 1994 wichtige makroökonomische Indikatoren in Mexiko auf einen positiven Trend der Wirtschaft hin (IMF 1995): Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs um 4 vH in der ersten und um 3,5 vH in der zweiten Jahreshälfte; die Inflationsrate verringerte sich weiter und wies mit 7 vH die niedrigste Rate seit Jahrzehnten auf, und die Exporte verarbeiteter Produkte mit einem Anteil von 80 vH an den Gesamtexporten stiegen mit einer jahresdurchschnittlichen Rate von 17 vH. Allerdings führten die verbesserten Wirtschaftsaussichten, die dem erfolgreichen Abschluß des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) folgten, zusammen mit einer kräftigen Kreditexpansion zu einem hohen Wachstum der privaten Ausgaben und Importe, in dessen Folge das Leistungsbilanzdefizit auf 8 vH des BIP anstieg. Die bisherigen Ausführungen könnten nahelegen, daß die mexikanische Krise durch eine äußerst ungünstige Konstellation monetärer und politischer Faktoren ausgelöst wurde, die angesichts der positiven wirtschaftlichen Fundamentaldaten 7 Alleine im Dezember 1994 wurden Aktienpositionen in Höhe von 2,5 Mrd US $ (netto) aufgelöst (Bembemou u. a. 1995). 8 Beispiele dafür sind der Aufstand in Chiapas im Januar, die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Colosio im März, die Entführung des Präsidenten der größten mexikanischen Finanzgruppe Banacci sowie das Attentat auf den Generalsekretär der Regierungspartei PRI Ruiz Massieu Ende September. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 23 kaum vorhersehbar war. Es gibt jedoch auch Hinweise auf wirtschaftliche Fehlentwicklungen, die mit den Ursachen und Risiken hoher Leistungsbilanzdefizite in Verbindung gebracht werden können. Hierzu zählen neben der Volatilität von Portfolioinvestitionen vor allem Aufwertungsdruck bei hohen Kapitalzuflüssen und die hieraus resultierenden Wettbewerbsnachteile bei unzureichenden Erfolgen einer Sterilisierungspolitik sowie ein potentieller Konsum-Bias bei der Verwendung des zugeflossenen Kapitals. Inwieweit diese Faktoren einen Beitrag zur Erklärung der Peso-Krise liefern können, wird im folgenden überprüft. c. Mexikos Reaktion auf die stabilitätspolitische Herausforderung I. Die stabilitätspolitische Aufgabe Ausländische Kapitalzuflüsse können mit erheblichen unerwünschten Nebenwirkungen im Empfängerland einhergehen. Nettokapitalzuflüsse ermöglichen nämlich den Kapitalempfängern in diesem Zeitraum mehr auszugeben als im Land selbst produziert wird.9 Diese zusätzlichen finanziellen Mittel werden die Nachfrage sowohl nach international gehandelten als auch nach international nicht-gehan- delten Gütern erhöhen. Der Teil der Ausgaben, der die Nachfrage nach gehandelten Gütern erhöht, führt bei gegebenem Produktionspotential zu zusätzlichen Importen und verschlechtert infolgedessen die Leistungsbilanz des Empfängerlandes. Der verbleibende Teil der zusätzlichen Ausgaben, der die Nachfrage nach nichtgehandelten Gütern im Inland ansteigen läßt, erhöht tendenziell deren Preise. Bei gegebenen Weltmarktpreisen muß sich somit das relative Preisverhältnis zwischen gehandelten und nicht-gehandelten Gütern anpassen. 1O Diese Anpassung kann durch eine Aufwertung des nominalen Wechselkurses und / oder durch Preissteigerungen im Sektor mit den nicht-gehandelten Gütern erfolgen. Unter einem Regime (quasi-)fixierter Wechselkurse läuft der Transmissionsprozeß wie folgt ab: Um die angekündigte nominale Wechselkursparität aufrecht zu erhalten, muß die Zentralbank des Empfangerlandes bei umfangreichen Kapitalzuflüssen ausländische Devisen kaufen. Dadurch erhöht sich das Auslandsvermögen auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz und, sofern diese Erhöhung der Währungsreserven nicht unmittelbar und vollständig durch geldpolitische Gegenmaßnahmen neutralisiert wird, auch die monetäre Basis. Besteht ein hinreichend enger Zusarnrnenhang zwischen der monetären Basis und dem Preisniveau, dann wird die Anpassung der relativen 9 Vgl. zu den makroökonomischen Wirkungen von Kapitalzuflüssen z. B. Corbo und Herndndez (1994), Fischer und Reisen (1994), Jaspersen und Ginarte (1994), Reisen (1994) sowie Schnatz (1995a). 10 Dadurch werden erneut Substitutionseffekte ausgelöst, die wiederum die Leistungsbilanz verschlechtern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 30 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz lichen stabil. Dann begann mit zunehmenden Kapitalzuflüssen eine stetige Aufwertung des realen Wertes des Pesos, dessen Index von 100 im Dezember 1987 auf 211 Ende des Jahres 1993 anstieg. Auch 1994 wertete der Peso weiter real auf und wurde zum Zeitpunkt seiner Neubewertung im Dezember 1994 höher als vor dem Ausbruch der Schuldenkrise 1982 bewertet (Dornbusch und Werner 1994). lode. 220 200 180 160 140 /' 120 'I 100 80 :;0 ~ Schaubild 4 Realer Wechselkurs" und Bestand an Währungsreserven b Mexiko: 1987-1993 1-==1 f--/-----~ .-/ .I ,I ... il ... .. ~ ! ~ ;: ~ ~ Mrd USS 30 ~2S ----~ •• 1 20 IS 10 a) Der reale Wechselkurs wurde auf Grundlage des mexikanischen Konsumentenpreisindex, des amerikanischen Großhandelspreisindex und des nominalen Wechselkurses des Pesos gegenüber dem US $ mit monatlichen Daten als Mengennotierung berechnet. Ein Steigen des Index (4.Q.1987 = 100) beschreibt eine reale Aufwertung der mexikanischen Währung. b) Bestand der Währungsreserven bei der mexikanischen Zentralbank. die zum jeweiligen Wechselkurs in US $ umgerechnet wurden. vierteljährliche Daten. Quelle: Schnatz (1995b) Angesichts des fehlenden nominalen Aufwertungsspielraums mußte die Anpassungslast ausschließlich vom Preisniveau des Sektors mit den nicht-gehandelten Gütern getragen werden, so daß sich die mexikanische Inflationsrate trotz eines glaubwürdigen Ankers nicht auf internationales Niveau anpassen konnte. Schaubild 5 zeigt die Preisentwicklung in ausgewählten Branchen sowie die Leistungsbilanzsaiden in Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Leistungsbilanzdefizite approximieren dabei die Kapitalzuflüsse. Der Preisindex für den Wohnungsbau soll für die Preisentwicklung nicht-gehandelter Güter stehen. Dieser Preisindex wird mit der Preisentwicklung der Bekleidungsbranche verglichen. Die Produktion von Textilien und Schuhen unterliegt einem starken internationalen Wettbewerb, so daß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 31 die Preisentwicklung gehandelter Güter durch diesen Index repräsentiert werden soll. Schaubild 5 Preisentwicklunga in ausgewählten Branchen und Leistungsbilanzsaldenb Mexiko: 1983-1993 140 120 100 10 60 40 20 1983 1984 1915 1916 1917 19 .. 1919 a) Prozentuale jährliche Veränderung der Konsumentenpreise. 1990 1991 vII .... BIP 4.0 2,0 0,0 -2,0 -4,0 -6,0 --'+----4- -1,0 1992 1993 b) In vH des Bruttoinlandsprodukts. Positive Werte bezeichnen Leistungsbilanzüberschüsse, negative Werte bezeichnen Leistungsbilanzdefizite. Quelle: Banco de Mexico (1994) Das Schaubild gibt Hinweise darauf, daß bei erheblichen Kapitalabflüssen (und Leistungsbilanzüberschüssen) die Preise nicht-gehandelter Güter tendenziell weniger stark steigen als die der gehandelten Güter. Umgekehrt steigen die Preise nicht-gehandelter Güter besonders stark an, wenn ein hoher Netto-Ressourcenzu- fluß aus dem Ausland beobachtet werden kann. So konnte in den Jahren 1983 und 1987, in denen die Zahlungsbilanz Mexikos durch beträchtliche Leistungsbilanzüberschüsse und aufgrund des Schuldendienstes durch erhebliche Kapitalabflüsse gekennzeichnet war, bei den international gehandelten Gütern (Bekleidung) eine deutlich höhere Preissteigerung beobachtet werden als bei nicht-gehandelten Gütern (Wohnungsbau). Seit 1988 überstiegen die Preissteigerungen im Wohnungsbau sowohl die allgemeinen Preiserhöhungen als auch die Preissteigerungen der gehandelten Güter. Infolge der zusätzlichen Nachfrage durch privates Auslandskapital im Sektor mit den nicht-gehandelten Gütern konvergierte trotz beachtenswerter Erfolge bei der Inflationsbekämpfung die Preisentwicklung in Mexiko bis Ende 1993 nicht zu der internationalen Inflationsrate, so daß infolge des aktiven "crawling pegs" der reale Wechselkurs seit 1989 kontinuierlich aufwertete. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 32 Bemhard Fischer und Bemd Schnatz 11. Aufwertungsdruck und abnehmende Wettbewerbsfähigkeit Wenn erhebliche reale Wechselkursaufwertungen keine Produktivitätserhöhungen in jenen Industriesektoren widerspiegeln, die Exportgüter oder Importsubstitute produzieren, dann verschlechtert sich ceteris pari bus deren internationale Wettbewerbsfähigkeit. Da ausländische Erzeugnisse für die inländischen Verbraucher relativ billiger werden, lösen reale Wechselkursaufwertungen Substitutionsprozesse aus, die zu einer Erhöhung der Produktion nicht-gehandelter Güter und zu einer Verminderung der Produktion gehandelter Güter führen. Schaubild 6 illustriert, daß sich auch in Mexiko die Wettbewerbsfähigkeit der verarbeitenden Industrie vermindert hatte. Auf der linken Skala werden die jährlichen realen Wachstumsraten des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts und ausgewählter Branchen wiedergegeben. Die beiden Branchen sollen wiederum die Entwicklung der Produktion gehandelter und nicht-gehandelter Güter reflektieren. Das reale Wachstum der verarbeitenden Industrie soll die Entwicklung im Sektor mit gehandelten Gütern widerspiegeln; die realen Wachstumsraten im Baugewerbe sollen die Entwicklung nicht-gehandelter Güter repräsentieren. Auf der rechten Ordinate wird ein Index des realen Wechselkurses abgetragen. Die reale Aufwertung des mexikanischen Pesos zwischen 1987 und 1989 hatte auf die verarbeitende Industrie in Mexiko offensichtlich keine negativen Auswirkungen. Diese Entwicklung ist zum einen auf die Produktivitätsfortschritte dieses Sektors infolge der Liberalisierung des Außenhandels und zum anderen auf die vorangegangene starke reale Abwertung im Jahre 1987 zurückzuführen. Wahrend sich für die Jahre 1990 und 1991, als der Peso erheblich an Wert gewann, im Rückblick noch kein eindeutiges Bild ergibt, offenbart sich der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit der verarbeitenden Industrie in den beiden folgenden Jahren. Bereits 1992 verzeichnete die Produktion nicht-gehandelter Güter (Baugewerbe) ein überdurchschnittliches Wachstum, das mehr als dreimal höher lag als das Wachstum im repräsentativen Sektor gehandelter Güter. 1993 verbuchte die verarbeitende Industrie sogar einen Produktionsrückgang von 1,5 vH, während das bescheidene Wachstum der gesamten Volkswirtschaft wesentlich von jenen Sektoren getragen wurde, die in erster Linie Güter anbieten, die international nicht gehandelt werden. 18 Diese Entwicklungen deuten darauf hin, daß das Ausmaß der Aufwertung des realen Wechselkurses nicht durch fundamentale ökonomische Daten gerechtfertigt war. Bereits Anfang 1994 wurde die Überbewertung des mexikanischen Pesos von den internationalen Investoren auf 20 bis 35 vH geschätzt. Dies führte eine Vielzahl von Unternehmen z. B. in der Bekleidungsindustrie und in der Papierverarbeitung in den Konkurs. Wenn die mexikanische Regierung den Offenheitsgrad ihrer 18 Die Banco de Mexico (1994, S. 58) weist darauf hin, daß die hohen Wachstumsraten im Baugewerbe in erster Linie durch die privaten Aktivitäten im Wohnungs- und Bürobau geprägt waren. Das staatliche Engagement in diesem Sektor fiel 1993 um 5,8 vH. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 33 Volkswirtschaft bewahren und diese auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückführen wollte, war eine Neubewertung des Pesos unumgänglich geworden. vH I 7 6 4 3 2 o -1 -2 1987 Schaubild 6 Produktion in ausgewählten Branchen und realer Wechselkurs" Mexiko: 1987-1993 1988 1989 1990 1991 1992 1993 Index 220 200 110 C==:JI--- -_ ... - 160 __ .-w_ 140 120 100 a) Der reale Wechselkurs wurde wie in Schaubild 4 berechnet; Jahresendwerte. Quelle: Schnatz (1995b) III. Konsum-Bias bei der Verwendung des Auslandskapitals Eine wichtige Ursache für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit liegt in der Verwendungsstruktur der ausländischen Kapitalzuflüsse in Mexiko. Die Eigenschaften der Zahlungsbilanz erfordern, daß ausländische Kapitalzuflüsse zu einer Akkumulation von Wahrungsreserven und / oder zu einer Erhöhung des Leistungsbilanzdefizits führen. Schaubild 7 zeigt die Entwicklung der Leistungsbilanz und der Devisenreserven zwischen 1987 und 1993. Im Jahre 1987 hatte Mexiko aufgrund positiver Leistungsbilanzsaiden in den vorangegangenen Jahren, die sogar die Schuldenrückzahlungen an ausländische Gläubiger übertrafen, Währungsreserven in Höhe von 8 Mrd US $ akkumuliert. Vor allem die erhebliche Zunahme der Importe 1988 verminderte den Bestand internationaler Reserven innerhalb dieses Jahres. Eine weitere Verminderung der Währungsreserven Mexikos wurde ab 1989 durch die starken Zuflüsse ausländischer Portfolioinvestitionen verhindert, die fortan zur Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite zur Verfügung standen. Seit 1988 wies die Leistungsbilanz stets De- 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 34 Bernhard Fischer und Bernd Schnatz fizite aus; 1994 war das Leistungsbilanzdefizit mit 8 vH des BIP höher als unmittelbar vor Ausbruch der Schuldenkrise 1982. MrdUSS 30 20 10 o -10 -20 -30 1917 Schaubild 7 Entwicklung der Leistungsbilanz und der Devisenreserven Mexiko: 1987-1994 1911 19.9 1990 1991 1992 1993 Quelle: IMF (1995); Banco de Mexico (1994) 1994 Die hohen mexikanischen Leistungsbilanzdefizite sind allerdings nicht per se negativ zu bewerten. Schließlich hatten sich die Standort- und Investitionsbedingungen in Mexiko durch die makroökonomischen Stabilisierungserfolge und die Ratifizierung des NAFfA-Abkommens erheblich verbessert. Temporäre Leistungsbilanzdefizite sind solange akzeptabel, wie sie dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum binnen kürzester Zeit neue Impulse verleihen; aggregiert also in erster Linie mehr Investitionen ermöglichen als durch die inländische Sparleistung finanziert werden können und nicht zu zusätzlichen Konsumausgaben im Empfängerland führen. 19 Sofern die zusätzlichen Investitionen zu einer produktiveren Fertigung gehandelter Güter führen, kann die Aufwertung des realen Wechselkurses gerechtfertigt sein. Deshalb muß die inländische Verwendung der internationalen Kapitalzuflüsse analysiert werden. Die ausländischen Kapitalzuflüsse nach Mexiko führten kaum zu einer Ausweitung der privaten Investitionstätigkeit; die Investitionsquote in Mexiko hat sich seit Ende der 80er Jahre kaum erhöht (Tabelle 1). Vielmehr deuten die kontinuierlich sinkenden inländischen Sparquoten darauf hin, daß die ausländischen Kapitalzuflüsse die inländischen Ersparnisse in Mexiko substituierten und somit höhere 19 Vgl. Dornbusch und Werner(1994) und den Kommentar von Fischer (1994). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 35 Konsumausgaben in Mexiko ennöglichten. Empirisch drückt sich dies in einer erheblich abnehmenden Sparquote aus, die von 21,6 vH des BIP im Jahre 1987 auf 13,7 vH des BIP 1994 gesunken war. Die erhöhte konsumtive Verwendung spiegelt sich ferner in der Veränderung des Anteils der Konsumgüterimporte an den Gesamtimporten wider. Seit 1987 hatte sich deren Anteil von 4,1 vH auf 12 vH (1993) erhöht. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der Kapitalgüterimporte an den Gesamtimporten lediglich von 14 vH auf 16,9 vH gestiegen und der Anteil der Importe von Zwischenprodukten an den Gesamtimporten ist um 10 vH gesunken.20 Die Bestandsaufnahme der tatsächlichen Ausgabenentscheidungen verdeutlicht, daß von den ausländischen Kapitalströmen keine nachhaltigen Wachstumsimpulse auf die mexikanische Volkswirtschaft erwartet werden konnten. Die beachtliche Konsumkomponente in der Verwendungsstruktur der ausländischen Kapitalzuflüsse legt nahe, daß die beträchtlichen Leistungsbilanzdefizite und die erhebliche Aufwertung des realen Wechselkurses in Mexiko einer nachhaltigen Entwicklung der mexikanischen Volkswirtschaft entgegenstanden. E. Abschließende Bewertung Die umfangreichen Kapitalzuflüsse nach Mexiko seit Anfang der 90er Jahre führten zu erheblichen Leistungsbilanzdefiziten, einer Akkumulation ausländischer Devisen bei der Zentralbank, einer starken realen Aufwertung des Pesos und resultierten schließlich in einer Wettbewerbsverschlechterung der mexikanischen Volkswirtschaft. Angesichts der geringen Effektivität der geldpolitischen Sterilisierungsmaßnahmen reichte die Konsolidierung des Staatshaushalts alleine nicht aus, um die unerwünschten Nebenwirkungen privater Kapitalzuflüsse zu venneiden. Welche zusätzlichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen hätten die mexikanisehen Behörden ergreifen können? Sowohl Maßnahmen zum Schutz des exportorientierten Sektors als auch eine drastische Beschränkung des Kapitalverkehrs wären mit beträchtlichen allokativen Verzerrungen verbunden gewesen. Um eine Überbewertung des mexikanischen Pesos zu venneiden, hätte die am Wechselkurs orientierte Stabilisierungsstrategie mehr Flexibilität erfordert. Zwar kann ein Wechselkursanker bei der Verminderung der Inflationsrate sehr hilfreich sein; wenn sich jedoch die angekündigten Abwertungsraten längerfristig nicht an den tatsächlichen Inflationserwartungen orientieren, besteht die Gefahr, daß das Stabilisierungsprogramm durch eine Überbewertung der Währung untergraben wird. Neben einer möglichst niedrigen Inflationsrate sollte somit ein wettbewerbsfähiger realer Wechselkurs ein vorrangiges Ziel der Wirtschaftspolitik sein. Die grundSätzliche Fehleinschätzung der Bedeutung des realen Wechselkurses war wahrscheinlich eine der maßgeblichen Ursachen der Peso-Krise. Für eine gra- 20 Vgl. Banco de Mexico (1994). 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 36 Bernhard Fischer und Bernd Schnatz duelle Anpassung des Wechselkurses im Rahmen des bestehenden Wechselkursregimes (Beschleunigung des "Crawls") war es Anfang 1994 bereits zu spät. Die mexikanischen Behörden konnten nur noch zwischen einer starken diskretionären Abwertung und einer Freigabe des Wechselkurses wählen; es war somit nur noch eine Frage, wie und wann die Abwertung stattfinden würde (Dornbusch und Werner 1994). Ein "Realignment" des Wechselkurses vor den Neuwahlen hätte der gegenwärtigen Regierung mehr wirtschaftspolitischen Spielraum eingeräumt. Calva (1994) schlug ein geregeltes "Realignment" durch eine frühzeitige enge wechselkurspolitische Kooperation von internationalen Organisationen sowie den Geld- und Finanzbehörden in den Industrieländern auf der einen Seite und der mexikanischen Regierung auf der anderen Seite vor. Im Vorfeld einer Neufestsetzung der Peso-Parität sollten sich -in zunächst geheimen Abkommen -die internationalen Verhandlungspartner dazu verpflichten, im Falle kurzfristiger Kapitalabflüsse alle von privaten Investoren in Mexiko angebotenen Anleihen zu kaufen. Bei einer (überraschenden) Neufestsetzung des Wechselkurses bei gleichzeitiger glaubwürdiger Ankündigung dieser "bail out"-Klausel seitens der internationalen Partner gewinnt die neue Parität erheblich an Glaubwürdigkeit, da eine solche Verpflichtung spekulativen Attacken per se die Grundlage entzieht. Darüber hinaus muß die glaubwürdige Zusicherung nicht unbedingt mit Kosten für die internationale Gemeinschaft verbunden sein, da sich bei einer überraschenden Abwertung für die internationalen Investoren keine Vorteile durch die Kapitalflucht aus Mexiko mehr ergeben. Ob ein geregeltes "Realignment" angesichts der starken Überbewertung der mexikanischen Währung ausgereicht hätte, um die Turbulenzen auf den Devisenmärkten zu vermeiden, bleibt dennoch fraglich. Wie die Neubewertung des Pesos nach Freigabe des Wechselkursregimes zeigte, war der Abwertungsbedarf erheblich, auch wenn man einbezieht, daß das Ausmaß der Abwertung durch den Glaubwürdigkeitsverlust der neugewählten mexikanischen Regierung mitbestimmt wurde. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexikos Weg in die Peso-Krise 37 Anhang-Tabelle Vierteljährige Wirtschaftsindikatoren für Mexiko, 1993 und 1994 1993 1994 I. Q. 2.Q. 3.Q. 4.Q. I. Q. 2.Q. 3.Q. 4.Q. invH QU 1l!1Il UO!! loflillillo Reales BIP-Wachstum 2,4 0,3 -0,8 -0,1 0,5 3,8 4,5 4,0 Inflationsrate (Konsumentenpreise ) 10,4 9,9 9,5 8,0 7,1 6,9 6,7 7,1 in vH des BIP QfIcotli~bm: S~ktllr Primär-Budget 5,0 5,0 3,9 0,7 3,6 3,9 2,7 0,4 Gesamt-Budget 2,2 2,4 0,1 -1,7 0,5 1,4 -0,1 -1,9 zwölfmonatige Wachstumsraten, Ende des Monats Monetärer Sektllr Nettokredite des Bankensystems 21,0 25,1 22,7 15,5 19,8 29,1 29,7 32,0 - an den öffentlichen Sektor -31,0 -32,3 -26,8 -46,2 -30,8 -0,8 11,8 25,3 - an den privaten Sektor 45,9 38,5 33,2 26,4 27,7 28,2 27,3 31,9 inMrd US$ Externer Sektllr Leistungsbilanzdefizit -5,7 -5,7 -6,7 -5,3 -6,9 -7,4 -7,8 -7,4 Saldo der Kapitalverkehrsbilanz 8,1 7,6 7,0 7,9 7,9 -1,8 7,9 -2,5 Internationale Bruttoreserven 21,8 23,5 23,6 25,6 26,3 16,9 16,8 6,7 Quelle: IMF (1995) Summary In December 1994, speculative attacks forced the Mexican authorities to switch to a flexible exchange rate system. The paper reviews econornic policies in Mexico prior to the crisis and identifies policy failures. Partly as a consequence of a comprehensive econornic reform process, Mexico has attracted substantial amounts of foreign capital at the beginning of the nineties. However, in combination with a heterodox stabilisation pro gram the capital inflows resulted in high current account deficits, a remarkable accumulation of foreign reserves and a strong appreciation of the real exchange rate. These developments jeopardized Mexico's competitive edge in its tradable sector. Due to the failure of monetary policy to sterilize the capital inflows, fiscal consolidation was not suffcient to avoid undesired side-ef- fects of capital inflows. Furthermore, the empirical analysis reveals that significant shares of private capital inflows rather financed a higher consumption level than OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 38 Bernhard Fischer und Bernd Schnatz additional investment. As the public lost confidence inthe stability of the announced exchange rate regime, substantial amounts of money were transferred abroad, thus provoking a balance of payments crisis. Literaturverzeichnis Balassa, Bela (1964): The Purchasing Power Parity Doctrine: A Reappraisal, in: Journal of Political Economy, Vol. 72, S. 584-596. Banco de Mixico (verschiedene Jahrgänge): The Mexican Economy, Mexiko. 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Auf internationaler Ebene zählen zu den Informationsdefiziten auch die Handlungen der Politik, soweit sie für die grenzüberschreitenden Kapital- und Güterströme relevant sind. Es ist völlig einsichtig, daß eine Mischfinanzierung im Falle der staatlichen Kreditaufnahme nicht möglich ist. Selbst die internationale Mischfinanzierung von Unternehmen würde das wirtschaftspolitische Informationsdefizit nicht mindern. Kreditrationierung bei Informationsdefiziten scheint also auf internationaler Ebene unvermeidlich 7• Unter dem Aspekt von Informationsdefiziten und damit verbundenem erhöhtem Risiko könnten die jüngst beobachteten Krisenverlaufsmuster wie folgt begründet werden8: bei Auftreten erster Krisenzeichen (z. B. Kurseinbruch an der Börse; Veröffentlichung neuer, ungünstiger Wirtschaftsdaten) werden sich Kapitalgeber plötzlich ihrer Informationsdefizite bewußt und rationieren ihr Mittelangebot, was die Zinsen tendenziell erhöht. Andererseits ist die Krise u.U. gerade wegen eines Liquiditätsengpasses aufgetreten, steigende Zinsen sind also eine natürliche Marktreaktion. Der Zinsanstieg verstärkt sich daher von zwei Seiten. Gepaart mit der erhöhten Risikoaversion der Anleger findet sich aber erst ein Gleichgewicht bei einem wesentlich höheren Zins9, als dies vor der Krise der Fall gewesen wäre: der Zins steigt auf ein Niveau, bei dem risikofreudige und auf kurzfristige Erträge zielende Investoren ("Spekulanten") wieder inländische Aktiva erwerben. Skepsis wird "freigekauft", was eine erste Wende in der Kursentwicklung bedeutet. Dies sind aber nicht jene Kapitalgeber, die eine langfristige Finanzierungsbasis für ein Land darstellen. Als Spekulanten werden sie ihre Forderungen auflösen und Kursgewinne realisieren, sowie sich die Situation stabilisiert hat, d. h. sowie auch die Kapitalgeber mit geringerer Risikobereitschaft die Lage wieder als ihren Risikoprofilen entsprechend einschätzen, Kapital bereitstellen und daraufhin die Zinsen sinken. Mit dem Rückzug spekulativ motivierter Investoren setzt mitten in der Stabilisierungsphase eine Umstrukturierung der Finanzierung ein, die häufig als erneutes Mißtrauen in ein Land interpretiert wird, und zu sogenannten "Nachbeben" 7 Das Politikrisiko hat innerhalb der Länderrisikoanalyse einen hohen Stellenwert. V gl. zu den Ansätzen der Länderrisikobewertung: Junga, Siegfried:Verschuldungskrise und Besteuerung der Banken, Konstanz 1991, Kapital 2, insbes. S. 79-111. 8 Die hier beschriebene Motivation der Marktteilnehmer ist bislang nicht systematisch untersucht worden. Die exemplarische Darstellung stützt sich vielmehr auf persönliche Beobachtungen des Krisenverlaufs in der Türkei und in Mexiko und Gespräche mit global operierenden Investoren und wirtschaftspolitischen Handlungsträgern der betroffenen Länder. 9 In der Türkei verdoppelte sich der Zinssatz für kurzfristige Interbankenmitte1 im Februar und März 1994 jeweils gegenüber dem Vorrnonat und erreichte im Durchschnitt des März 350%, wobei Tageshöchstwerte von bis zu 600% beobachtet wurden. Internationaler Währungsfonds: International Financial Statistics, versch. Monatshefte; Bloomberg Financial Services: Tagesmeldungen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Mexiko 1994 47 in Form erneuter Kursverluste an den Wertpapier- und Devisenmärkten führen kann. Tatsächlich ist diese Umstrukturierung in Richtung langfristigerer Engagements dagegen ein Zeichen für eine Verbesserung der Lage. Die Informationsdefizite der Gläubiger führen also mehrfach im Krisenverlauf zu erneuten Störungen des Anpassungsprozesses. Wenn auf internationaler Ebene die Lösung einer Internalisierung der Informationsdefizite durch Mischfinanzierung ausfällt, so muß das Informationsdefizit vom Schuldner selber vennindert werden. Im Falle souveräner Verschuldung bedeutet dies, daß die Informationspolitik der Regierung so gestaltet sein muß, daß Befürchtungen vor Adverse Selection nicht auftreten und damit auch extreme Zinsansteigerungen vennieden werden. Gelingt dies, so bricht erstens die Krise nicht plötzlich aus -die Investoren haben zutreffendere Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung und "Euphorie" wird vennieden, und zweitens sind im Falle einer Krise, die ja auch durch nicht-vorher- sehbare Umstände (z. B. Indianeraufstand in Chiapas/Mexiko) hervorgerufen werden kann, die realen Anpassungskosten geringer. F. Auf der Seite der Kapitalgeber haben Inhalt und Methoden der Länderrisikoanalyse in jüngster Zeit einen deutlichen Wandel erfahren. Auch die zunehmende Bereitschaft von Regierungen aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die von ihnen angebotenen Schuldtitel mit einer Risikobewertung durch entsprechend Agenturen ausstatten zu lassen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Diese "Ratings" haben allerdings den Nachteil, daß sie fallweise erstellt oder mit erheblicher Verzögerung erneuert werden; häufig bestätigen sie lediglich den status quo. Es bleibt also nur die Forderung, daß die kapitalsuchenden Länder mit der Öffnung ihres Kapitalmarktes auch eine Öffnung ihres spezifischen Informationsmarktes verbinden. Dies ist eine Forderung, die in der Diskussion um das Sequencing von Liberalisierungsmaßnahmen nicht oder nur selten enthalten war. Nichtberücksichtigung des Informationsbedarfs der Investoren durch die betroffenen Länder ist jedoch gleichbedeutend mit Spekulation auf Unwissenheit der Kapitalgeber und das kann, wie man gesehen hat, drastische Folgen für die kapitalimportierenden Wirtschaften haben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussion zu den Referaten von Bernhard Fischer, Bernd Schnatz und Wolfgang Veit Zusammengefaßt von Dirk Gehl Die Diskussion zum Vortrag von Fischer und Schnatz konzentrierte sich im wesentlichen auf -die stabilitätspoltischen Probleme von Mexiko in der Krise von 1994 -die Analyse der Veränderung der Staatsausgaben in dieser Zeit -Vorschläge zur Mikroanalyse des Finanzsektors -die möglichen Beiträge der Institutionen-Ökonomie zum Verständnis der Krisenentwicklung und -die denkbaren Auswege aus der Krise nach der Deregulierung der Finanzmärkte. Mexiko und andere Länder, die in vergleichbare Krise geraten, müssen sich um die Wiederherstellung ihrer binnen- und außenwirtschaftlichen Stabilität bemühen. Mexiko hat versucht, den außenwirtschaflichen Ausgleich über die Einführung eines festen Wechselkurssystems durch die Anbindung des Peso an den US-Dollar zu erreichen. Die durch diese Maßnahme hervorgerufenen hohen Kapitalzuflüsse mußten anschließend im Land absorbiert werden, um die negativen Auswirkungen auf die Kapitalmärkte und die Inflation zu vermeiden. Dieser Versuch ist im Falle Mexikos aber gescheitert, da die Absorbtionsfähigkeit des Landes als zu gering zu beurteilen ist. Viele dieser Gelder wurden demnach wieder im Ausland geparkt. Hier bietet sich auch ein Vergleich von Mexiko mit Chile an. In Chile wurde auf Kapitalzuflüsse eine Tobin-Steuer erhoben, um einen unkontrollierbaren Abfluß zu vermeiden. Zusätzlich erhöhte Chile seine Sparquote durch die Verwendung der Pensionsfonds zur Absorbtion des Kapitals. Als ein historisches Beispiel kann auch die Situation von Deutschland nach dem 1. Weltkrieg herangezogen werden: Die hohen Kapitalzuflüsse aus dem Ausland konnten für die Zahlung von Reparationen benutzt werden und diese Zwangszahlungen erhöhten die Absorbtionsfahigkeit des Landes beträchtlich. Als wichtige weitere Maßnahme zur Stabilisierung ist die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, die nur langsam wieder abgebaut werden, zu nennen. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 50 Diskussionszusammenfassung Sie ennöglichen es, in diesen Krisensituationen eine geringere Substitutionalität von inländischen und ausländischen Geldmarktpapieren zu erreichen. Die Kontrollen sind jedoch nach ihrem Trade-Off zwischen Effizienz und Stabilität zu beurteilen. Die Kapitalverkehrskontrollen sind auch durch die Anforderungen des IMF an vergleichbare Länder gedeckt: Die Zahlungsbilanz wird liberalisiert, während die Kapitalverkehrsbilanz, insbesondere die kurzfristigen Kapitalströme, einer Kontrolle unterworfen wird. Hier ist man mit dem Problem konfrontiert, ob die Risiken der Deregulierung nicht eine neue partielle Regulierung erfordern. Die allgemein geringe Effektivität der Geldpolitik in dieser Krise wirft die Frage nach ihrer Verbesserung und den Einsatz unorthodoxer Maßnahmen auf: Ist z. B. eine frühere Zurückzahlung von Schulden eine Möglichkeit die Kapitalzuflüsse zu verwenden? Im Kontext der Geldpolitik muß auch die Analyse der verwendeten Offenmarktpolitik und ihre Störungen auf die Zinsentwicklung weiter vertieft werden. Zusätzlich muß in diesem Zusammenhang beachtet werden, daß die von Mexiko verwendete Stabilitätspolitik über eine Anpassung der Wechselkurse nur ohne externe oder interne Schocks erfolgreich sein kann. Dem standen jedoch die innenpolitischen Krisen Mexikos entgegen. Die Veränderungen der Staatsausgaben muß ebenfalls detailliert betrachtet werden: Welche Ausgaben wurden reduziert? Sind davon die Sektoren Militär- und "Luxus"-aufwendungen betroffen, oder werden diese Einsparungen z. B. im Gesundheitswesen und in der Bildung erreicht. Wird dadurch die Ungleichheit der Einkommensverteilung weiter verstärkt? Es ist davon auszugehen, daß eine Vielzahl der fiskalpolitischen Maßnahmen die zukünftige Entwicklung des Landes gefahrden und nur aufgrund ihrer politischen Durchsetzbarkeit getroffen werden. Die Mikroanalyse des Finanzsektors ist gegenüber der öffentlichen Darstellung der Makro-Struktur aus Marketinggründen zu beachten. Wird hier nicht bewußt eine Verschleierungen vorgenommen, um Investoren für ein Engagement in Mexiko zu gewinnen? Ist nicht auch der unzulängliche Entwicklungstand der Finanzinstitutionen ein Faktor in der Stärke der Krisensymptome? Die Analyse des Finanzsektors sollte noch um die Strukturveränderungen der Kredite in den Jahren 1982 bis 1994 und die Rolle der Devisenkonten und anderer besonders flüchtiger Investitionen in Mexiko ergänzt werden. Weiterhin wurde vorgeschlagen, die Konzepte der Institutionen-Ökonomie zur Analyse der Krisenversursachung und -entwicklung heranzuziehen: Kann nicht ein Ansatz gefunden werden, der die Transaktionskosten hier genau definiert und Aussagen darüber macht, welche Auswirkungen die verschiedenen Deregulierungsmaßnahmen des Kapitalmarktes auf diese Kosten haben? Es ist zu vennuten, daß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussionszusammenfassung 51 diese Kosten von den Investoren anfanglieh falsch eingeschätzt werden. Vielleicht kann so der hohe Zufluß von Kapital und der folgende schnelle Abfluß bei der Korrektur dieser Einschätzungen erklärt werden. Als letzter Punkt wurden mögliche Auswege aus der Krise nach der Deregulierung angesprochen. Als Reaktionen der verantwortlichen Politiker und Institutionen wurden die rechtzeitige Abkehr von einem Wechselkursanker, alternative Organisationsformen, z. Beine Currency-Board Lösung mit einer 100% Unterlegung durch eine Fremdwährung, und die bereits erwähnte Zweispaltung des Wechselkurses durch eine Tobin-Steuer genannt. Die Currency-Boards haben wiederum Nachteile in ihren Auswirkungen auf das Preisniveau und sollten daher sehr kritisch beurteilt werden. Bei der Verwendung der Tobin-Steuer muß wiederum beachtet werden, daß sie nur kurzfristige negative Entwicklungen abschwächen kann. Ebenfalls ist eine parallele Realisierung solcher Maßnahmen zu überlegen. Bemerkenswert erscheint die Tatsache, daß die "idealen" Bedingungen zur Vermeidung dieser Krisen allgemein bekannt sind. Warum werden diese Bedingungen dann nicht umgesetzt? Die Gründe dafür liegen wahrscheinlich im Interesse der Geschäftsbanken an der umfassenden Deregulierung der Finanzmärkte und den folgenden gewinnversprechenden Transaktionen. Das Bestreben der Politiker, die Situationen des Landes möglichst optimistisch darzustellen, verringert die Informationskosten von potentiellen Anlegern ebenfalls nicht. Die "Rette-sich-wer-kann"-Reaktion auf die dann hervorgerufenen Krisen beschleunigt die negativen Entwicklungen zusätzlich. Die hohen Informationskosten für die ausländischen Anleger und das Eigeninteresse von Institutionen, die wahren Informationen zu verschleiern, lassen den Schluß zu, daß Reformen der politischen Organisation für die Krisenvermeidung ausschlaggebend sein können. Die Rolle der internationalen Institutionen muß ebenfalls kritisch gesehen werden: Wie kann ihr Eigeninteresse definiert werden und welchen Kontrollen sind sie unterworfen? Welche Rolle könnten "Think Tanks" bei der Wahrnehmung solcher Krisen spielen? Der IMF kann z. B. nicht auf umfangreiche eigene Statistiken zurückgreifen und verfügt damit nicht über besseres Datenmaterial als die betreffenden Länder selbst. Seine Kontrollfunktion ist daher als eingeschränkt zu beurteilen. Damit ist auch die Gestaltung von geeigneten Frühwarnsystemen von Finanzmärkten als ein Heilmittel für solche Krisen thematisiert. 4* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Die Einbindung von Entwicklungsländern in internationale Finanzmärkte, das Beispiel Thailand Von Lukas Menkhoff, Aachen I A. Einleitung Die Diskussion um eine Einbindung von Entwicklungsländern in die Weltwirtschaft bezog sich in der Vergangenheit überwiegend auf die Handelsbeziehungen. Die primäre Aufgabe heimischer Finanzmärkte wurde lange Zeit in der Kapitalbereitstellung gesehen, und erst spät in effizienter Kapitalallokation (vgl. Hemmer 1990). Internationale Finanzmärkte dagegen erfuhren eher eklektische Aufmerksamkeit, wie nach der Verschuldungskrise 1982 oder beim jüngsten Run auf Aktien von Emerging Markets. Dabei sind internationale Finanzmärkte für Entwicklungsländer von Bedeutung, seitdem es diese Märkte gibt, dem Mittelalter. Die Innovationen der kommerziellen Revolution des Mittelalters ermöglichen komplexere, intertemporale und bargeldlose Transaktionen (Le Goff 1989), was die Finanzgeschäfte ansatzweise von den realwirtschaftlichen Geschäften entkoppelt und damit eigenständig handelbar macht. In dieser Zeit finanzierten die damaligen "Industriellen" aus dem norditalienischen oder dem flämischen Raum ihre Handelstransaktionen bspw. mit dem weniger entwickelten Resteuropa. Aufgrund ihrer internationalen Beziehungen und auch Teilhaberschaften sorgten die Handelsgesellschaften zudem, wenngleich in geringem Maße, für eine internationale Allokation von Kapital. Die Herausbildung internationaler Finanzmärkte in dem Sinne, daß die Nationalität der Marktteilnehmer praktisch bedeutungslos geworden ist, stellt eine Erscheinung der neuesten Zeit dar.2 So werden einige Wahrungen rund um die Welt und die Uhr gehandelt. Als Konsequenz gibt es in jedem Moment nur noch einen Welt- Preis, unabhängig vom Ort des Marktteilnehmers. Entwicklungsländer sind in diese Märkte in unterschiedlichem Maße eingebunden,3 wobei -analog zur schritt- I Den Diskussionsteilnehmern auf der Tagung, insbesondere E. Svindland, und Mare Piazolo danke ich für ihre Kritik. 2 Insoweit als auch private Marktteilnehmer vom jeweiligen Länderrisiko ihres Standorts beeinflußt werden, spielt die Herkunft noch eine Rolle. 3 Die Abgrenzung von Entwicklungsländern folgt hier der Weltbank-Abgrenzung für ,,Low-income" und "Middle-income economies". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 54 Lukas Menkhoff weisen Reform von Finanzmärkten -drei Phasen der Einbindung unterschieden werden können (Menkhoff 1992, S. 73): (1) Die meisten von ihnen operieren bestenfalls in der Einjührungsphase einer Einbindung in internationale Finanzmärkte: Sie wickeln ihren Außenhandel in den wenigen existierenden internationalen Handelswährungen ab, d. h. überwiegend in US-Dollar. Daß ihre Auslandsverschuldung in Fremdwährung besteht, stellt dagegen -was die Einbindung in Finanzmärkte angeht -kaum ein effektives Erfordernis dar, da es sich überwiegend um öffentliche Schulden, also nicht-marktmäßige Finanzbeziehungen, handelt. (2) Nur relativ wenige Entwicklungsländer erfüllen überhaupt die notwendige Voraussetzung einer Vertiefung ihrer Einbindung, indem sie Kapitalmarkt-fä- hig sind. Dieses Kriterium ist zwar nicht eindeutig definiert, doch ist es klar, daß nur solche Akteure Marktteilnehmer sein können, die über hinreichende technische Fähigkeiten und Sicherheiten verfügen. Ein Anzeichen dafür liegt vor, wenn Anleihen eines Landes an den internationalen Finanzmärkten plaziert werden. Eine Art Untergrenze stellt es wohl dar, daß ein Land in relevantem Umfang privaten Kapitalzufluß erhält. (3) Nur entwickeltere Schwellenländer sind soweit in internationale Finanzmärkte eingebunden, daß sie ihren Kapitalverkehr liberalisiert und ihre heimischen Finanzmärkte in erheblichem Umfang international geöffnet haben (Vollendungsphase). Es scheint also hilfreich, zwei Tendenzen auseinander zu halten: Zum einen steigt mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung die Bedeutung von Finanzmärkten überdurchschnittlich, damit im allgemeinen auch die Einbindung in internationale Finanzmärkte. Zum anderen hat offensichtlich mit der dramatischen Senkung von Informations- und Transaktionskosten die durchschnittliche Internationalisierung sowohl der Güterals auch der Finanzmärkte zugenommen. Für Thailand treffen beide Tendenzen gleichzeitig mit besonderer Wucht zu: Das Land zählt zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, wie die Weltbank-Studie über acht ostasiatische Wirtschaftswunderländer detailliert belegt (World Bank 1993), und kann auf ein ungewöhnlich hohes Maß an außenwirtschaftlicher Öffnung verweisen, wie bspw. die 1994er Exportquote von etwa 40% zeigt, ein Wert, der von keinem bevölkerungsreicheren Land übertroffen wird (World Bank 1994, Table 9).4 Man kann folglich erwarten, daß sich die Vorzüge und Probleme einer Einbindung in internationale Finanzmärkte aufgrund des ra- 4 Die Exportquote hängt systematisch mit der Größe eines Landes zusammen, indem sie mit der Bevölkerung sinkt. Die Weltbankangaben beziehen sich auf den Export von Gütern und Dienstleistungen bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 1992, wobei bspw. der thailändische Wert 36%, der westdeutsche 33% (der gesamtdeutsche liegt erheblich niedriger) oder der koreanische 29% (in 1991) beträgt. 'Die Angabe für 1994 ist aktuellen Presseberichten der Bank of Thailand entnommen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 55 schen thailändischen Tempos in besonderer Schärfe zeigen, wobei das Schwergewicht hier auf Probleme gelegt wird. Dabei gibt es bereits mehrere Untersuchungen zu Direktinvestitionen (bspw. Lucas 1993, Nunnenkamp 1993), die deshalb nicht näher analysiert werden. Aktuell wäre eine Auseinandersetzung mit den Folgewirkungen der Uruguay-Runde auf die Liberalisierung von Finanzdienstleistungen (vgl. Broadman 1994) in Thailand. Dies setzt aber weitgehende institutionelle Kenntnisse voraus und scheint deshalb an dieser Stelle zu umfassend (vgl. ansatzweise bei MenkhofflTeufel 1995). Schließlich sei erwähnt, daß Kapitalflucht für Thailand kein Problem darstellt. Um den Fall Thailand in einen Rahmen zu stellen, gehen die beiden ersten Abschnitte des Beitrags allgemeiner auf die Einbindung von Entwicklungsländern in internationale Finanzmärkte ein: Zuerst soll -eher deskriptiv -die Beteiligung von Entwicklungsländern an diesen Märkten aufgezeigt werden, während anschließend die funktionalen Konsequenzen einer Einbindung angesprochen werden. Daran schließen sich -als Kompromiß zwischen wünschenswerter Tiefe und thematischer Breite -zwei kleine Fallstudien zu Thailand an: Im dritten Abschnitt wird der ausländische Einfluß auf den Aktienmarkt, im vierten Abschnitt die Bedeutung von Kapitalimporten für die monetäre Steuerung analysiert. B. Entwicklungsländer auf internationalen Finanzmärkten Der Begriff "internationale Finanzmärkte" kann unterschiedlich aufgefaßt werden. Am weitesten wäre eine Definition, die marktmäßige Finanztransaktionen, an denen wenigstens eine ausländische Partei beteiligt ist, als international ansieht. Im Unterschied dazu soll im folgenden nur dann von internationalen Finanzmärkten gesprochen werden, wenn neben der marktmäßigen Organisation und dem Vorliegen finanzieller Transaktionen zwei weitere Kriterien erfüllt sind: Die Finanzgeschäfte sollten grundsätzlich eigenständigen Charakter haben und damit nicht nur das getreue Spiegelbild einer realwirtschaftlichen Transaktion darstellen.5 Weiterhin sollten die Substitutions- und Arbitragebeziehungen mehrere Länder umfassen und damit über bilaterale Beziehungen hinausgehen. Im nächsten Schritt lassen sich nun solchermaßen abgegrenzte internationale Finanzmärkte wiederum in verschiedener Hinsicht ordnen, nämlich nach der Art der Gläubiger-Schuldner-Beziehung (Eigenvs. Fremdkapital), der Fristigkeit (Geld vs. Kapital), dem Grad der Ableitung von unterliegenden Basisgeschäften (Basisgeschäfte vs. Derivate) und der Währung. Von diesen Differenzierungen ist für das hiesige Thema vermutlich die erste die im allgemeinen interessanteste, die deshalb weiter verfolgt wird, während die anderen Aspekte fallweise hinzutreten.6 5 Es widerspricht diesem Verständnis also keineswegs, wenn es zwischen finanz- und realwirtschaftlichen Transaktionen enge Beziehungen gibt, doch sollten erstere in ihrer Gesamtheit mehr als nur ein Abbild der letzteren sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 62 Lukas Menkhoff Tabelle 3 Phasen der Finanzmarkt-Internationalisierung Phasen Vorbereitung Einführung Vertiefung Vollendung Ziel Voraussetzungen Rahmenbedin- Effiziente Fi- Internationale für Finanzgungen schaffen nanzmärkte her- Wettbewerbsfä. märkte schaffen stellen erreichen Hauptaufgabe makroökonomi. Stabilität der Fi- Effektiver Wett- Weitere Effizi- Stabilisierung nanzmärkte bewerb enzsteigerung Teilaufgaben Haushaltsstab., Bankenaufsicht, weitgehende Märkte für Deri- Preisniveausta- Sanierung maro- Zinsfreigabe, vate einrichten bilität der Institute, heimische Kapi- Formalisierung talmärkte aufder Finanzbez. bauen internat. Teilaufteilweise Kapifreier Kapitalgaben talverk.lib., severkehr, weit ge- Iekti v Auslandshende Freiheit banken zulassen für aus!. Wettbewerber Beitrag zur int. Länderrisiko be- Kapitalmarktfä- Einbindung grenzen higkeit erreicht Status Quo int. öffentliche Kre- Direktinvestitio- pri vate Kapitalaus!. Wettbewer- Einbindung dite, Handelsfinen zuflüsse verber sind selbstnanzierung schiedener Art verständlich Ländertyp Meiste Entwick- Schwellenländer Industrieländer lungsländer Eine vollständige Einbindung in internationale Finanzmärkte kann es nur bei voll liberalisiertem Kapitalverkehr und freiem Zugang für ausländische Wettbewerber geben. Dies erfordert eine Leistungsfähigkeit der Institutionen, wie sie im Grunde nur in Industrieländern gegeben ist. Obwohl es also wirksame Interdependenzen zwischen finanzieller und sonstiger wirtschaftlicher Entwicklung gibt, haben theoretische und empirische Untersuchungen gezeigt, daß es sich lohnt, den verbleibenden Spielraum für eine vorauseilende Entwicklung des Finanzsektors zu nutzen (bspw. Pagano 1993, King/Levine 1993). Thailand ist für solch eine Strategie, anders als die meisten anderen ostasiatischen Staaten, vermutlich ein gutes Beispiel (vgl. ansatzweise bei Cristensen et al. 1993). Die Aufgaben makroökonomischer Stabilisierung hat es praktisch immer gelöst und sehr schnell auf Krisen, wie nach den Ölpreisschocks reagiert (vgl. Warr 1993). Auch die Stabilität des Finanzsystems stand nicht ernsthaft zur Debatte, da die Zentralbank zum einen in der Phase der Zinsbindung nicht voll- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 63 kommen verzerrte Preise festlegte und zum anderen in ihrer aufsichtsrechtlichen Qualitätspolitik entweder solide Standards durchsetzt oder rechtzeitig Insolvenzen vorbeugt. Heute ist Thailand hinsichtlich seiner makroökonomischen Daten knapp ein Schwellenland. Die Wirtschaft ist im allgemeinen keinesfalls mit einem NIC- Land wie Korea zu vergleichen, der Finanzsektor aber schon eher. Zusammenfassend gibt es also in der Finanzmarktentwicklung und damit auch in der Einbindung nationaler Märkte in internationale Finanzmärkte einen groben Rahmen der Musterentwicklung. Es lassen sich Bedingungen angeben, die erfüllt sein müssen, damit man die erwünschten positiven Wirkungen einer Einbindung in internationale Finanzmärkte, wie erleichterter Kapitalzufluß, verbesserte Kapitalallokation und erhöhter Wettbewerb im Inland, realisieren kann. Ferner gibt es offensichtlich einen Spielraum, wie die Öffnung im einzelnen gestaltet wird. Thailand hat sich dabei für eine schnelle Entwicklung der Finanzmärkte entschieden. Wo liegen nun mögliche Probleme in diesem Prozeß? Dabei sind zwei Arten von Problemen zu unterscheiden: zum einen solche, die für alle Länder, unabhängig vom Stand ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gelten, zum anderen solche Probleme, die spezifisch für Entwicklungsländer sind. Zur ersten Gruppe zählen der Verlust an wirtschaftspolitischer Autonomie sowie Ängste vor einer zu starken Kontrolle des inländischen Vermögens durch Ausländer. Diese Aspekte treffen offensichtlich auch auf Industrieländer zu, wenn sie sich stärker internationalen Finanzmärkten öffnen. Mit der Öffnung wandeln sich die begrenzten verfügbaren Substitutionsbeziehungen auf einem national abgeschotteten Markt zu nahezu unbegrenzten auf international offenen Märkten. Länderspezifisches Angebot und Nachfrage dominieren die Finanz-Preise nicht mehr, da die Mengen -ide- altypisch -vollkommen elastisch reagieren: Es gibt keine wirklich unabhängige nationale Preisbildung und damit auch keinen darauf aufbauenden wirtschaftspolitischen Gestaltungsspielraum. In der Praxis kleiner offener Volkswirtschaften hat dies hinsichtlich der monetären Seite meist zur Verfolgung eines (fixen) Wechselkursziels geführt. Insbesondere wird dann diesem Ziel eine eigenständige Beeinflussung der konjunkturellen Lage untergeordnet. Spezifisch für Entwicklungsländer sind demgegenüber zwei weitere Probleme: So haben TayloriArida (1988, S. 186) darauf hingewiesen, daß mit der finanziellen Öffnung die Zinsen nicht mehr als zu niedrig oder verzerrt, sondern häufig als "zu hoch" erachtet werden mögen. Stiglitz (1989) hat für eine begrenzte Öffnung der Bankmärkte mit dem Argument plädiert, daß einheimische Institutionen, als vergleichsweise junge Industrien, gegenüber ausländischen Wettbewerbern -sozusa- gen ohne eigenes Verschulden -benachteiligt seien. Der gemeinsame Nenner dieser bei den Probleme einer finanziellen Öffnung liegt im hohen Risiko begründet. Hinsichtlich der Zinshöhe ist es hilfreich, sich auf die im allgemeinen als besonders risikolos erachtete Art von Verschuldung zu konzentrieren, die des (Zentral-) Staates. Bei ansonsten gleicher Ausstattung von Wertpapieren reduziert sich der Unterschied in den Zinsen zwischen verschiedenen Ländern auf das ihnen jeweils OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 64 Lukas Menkhoff eigene Länderrisiko. Die Bewertung dieses Risikos haben darauf spezialisierte Rating-Agenturen übernommen, deren Ergebnisse weitgehend preisbestimmend sind. Nur 11 Staaten in der Welt erreichen derzeit die höchste Bonitätsstufe "Triple-A" von Standard & Poor's: sämtliche Industrieländer, darunter Deutschland und als jüngstes Mitglied seit März 1995 Singapur. Entwicklungsländer rangieren dagegen unter ferner liefen. Was als vollkommen neutrale Bewertung erscheint, hat aus Sicht von aufstrebenden Ländern einen unangenehmen Aspekt. Es ist für die Einschätzung von Kreditrisiken rational, nicht nur auf die gegenwärtige Datenlage zu achten, sondern auch deren längerfristige Glaubwürdigkeit zu beurteilen. Gemäß der Erwartung: wer immer solide war, wird dies auch in Zukunft eher sein, als ein gegenwärtig -vielleicht nur zufällig -solider Newcomer. Von daher gibt es so etwas wie einen Bonus für "alte" Marktteilnehmer. Um dies zu illustrieren, sei wieder auf Thailand zurückgegriffen. Dessen Makrodaten sind wohl besser als die der meisten westeuropäischen Industrieländer, wie einige Schlaglichter zeigen: Überschüsse im Staatsbudget, Inflation bei 5%, hohes Wachstum von grob 8%, eine Bruttoinvestitionsquote von fast 40%. Fast noch wichtiger könnte sein, daß das Land in der Vergangenheit unabhängig vom politischen Regime gezeigt hat, wirtschaftliche Krisen schnell meistem zu können. Dennoch ist Thailand Ende 1994 (von Standard & Poor's) gerade einmal von"A -" auf die Ratingstufe "A" aufgewertet worden und liegt damit hinter fast allen Staaten Westeuropas, die mit ihrer Arbeitslosigkeit und hohen Verschuldung zu kämpfen haben. 10 Ein weiterer Aspekt kommt bei der Risikoeinschätzung hinzu, nämlich ein tendenzieller Bonus für größere Volkswirtschaften, der drei Ursachen hat: Erstens verfügen größere Volkswirtschaften -unter der Annahme rentabler Mindestgrößen für Industrieproduktionen -über bessere interne Möglichkeiten der Risikodiversifikation. Zweitens wird das Ausfallrisiko größerer Einheiten insofern oft als geringer im Vergleich zu kleineren Einheiten eingeschätzt als die Chance auf Rettung von außen im ersten Fall höher ist. Der Grund liegt in deren Ausstrahlungskraft auf die Systemstabilität, während kleine Einheiten in dieser Hinsicht marginal sind. Drittens haben die größten Volkswirtschaften den Vorzug, daß sie aufgrund ihres Gewichts weniger von ausländischen Risiken beeinflußt werden als umgekehrt. Es ist offenkundig, daß -im Weltrnaßstab -nur wenige Entwicklungsländer von den beiden erstgenannten Effekten, aber keine von letzterem Effekt profitieren. Hinsichtlich der Öffnung einheimischer Finanzmärkte für ausländische Wettbewerber gelten parallele Einflüsse: die Marktzutritte verfügen im Zweifelsfall über eine längere Geschäftstätigkeit und damit höhere Reputation und sind größere Ein- 10 Die entsprechenden Vergleichswerte für die Triple-A-Länder Vereinigtes Königreich und Frankreich lauteten (Warld Bank 1994): Haushaltsdefizit/BSP 1992 0%/3,8% - Thailand 3% Überschuß (Table 10); BIP-Deflator 1980-92: 5,7%/5,4% - Thailand 4,2% (Table 12); BSP-Wachstum je Einwohner 1980-92: 2,4%11,7% - Thailand 6% (Table 1); Bruttoinvestitionsquote 1992: 15%/20% (Tab1e 9). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 65 heiten. Sie können sich damit günstiger refinanzieren. Dazu kommen zwei zusätzliche Effekte, auf die Stiglitz hingewiesen hat: Erstens verfügen international operierende Wettbewerber im Vergleich zu nationalen Konkurrenten über einen klaren Vorsprung in der Risikodiversifikation. Zweitens können die höheren Refinanzierungskosten zu unerwünschten Alternativen führen: Entweder werden sie nicht in den Kreditkosten weitergegeben, was die Rentabilität und damit die Wachstumschancen limitiert, oder im Fall höherer Kreditzinsen kommt es zur Akkumulation überhöhter Ausfallrisiken. Zusammenfassend lassen diese Überlegungen für Entwicklungsländer eine gewisse Vorsicht bei der Einbindung in internationale Finanzmärkte geraten erscheinen. Es gibt klare Voraussetzungen makroökonomischer Stabilität und der Funktionsfahigkeit von Finanzmärkten, wie hinreichende Stabilität und Effizienz des Finanzsektors, bevor an eine finanzielle Öffnung sinnvollerweise zu denken ist. Auch dann noch sind die Vorzüge mit einigen, meist weniger erwünschten Wirkungen abzuwägen, wie reduzierter wirtschaftspolitischer Autonomie und Ausländereinfluß in der heimischen Wirtschaft. Für Entwicklungsländer als Volkswirtschaften sowie deren Institutionen kommt hinzu, daß sie als jüngere und kleinere Marktteilnehmer auf den internationalen Märkten spezifische Risikoprämien bezahlen müssen. Die Konsequenzen einer Einbindung in internationale Finanzmärkte sollen in zwei kleinen Fallstudien für Thailand diskutiert werden, um das Abwägungskalkül etwas präziser fassen zu können. Als erstes wird auf den Einfluß des Auslands auf die Kursbildung am thailändischen Aktienmarkt eingegangen. D. Der ausländische Einfluß auf Thailands Aktienmarkt Die Stock Exchange of Thailand hat seit ihrer Gründung im Jahr 1975 einen enormen Aufschwung erfahren, insbesondere mit dem wirtschaftlichen Boom Ende der 80er Jahre. Drei Daten mögen dies verdeutlichen: Von Ende 1985 bis Ende 1994 stieg die Anzahl der notierten Gesellschaften von 95 auf etwa 350, die Marktkapitalisierung nahm von 49 Mrd.Bt. auf über 3.000 Mrd.Bt. zu und das Kursniveau verzehnfachte sich von einem Index-Stand (des SET) von 135 auf ca. 1.400. Auch in Relation zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung stellt dies immer noch einen erheblichen Bedeutungszuwachs dar, wenn man bedenkt, daß der Quotient aus Marktkapitalisierung grob von 5% auf 100% zunahm. 11 Die Tatsache, daß sich Aktienmärkte typischerweise nicht in den ärmsten Entwicklungsländern finden, sondern erst im Entwicklungsprozeß an Bedeutung gewinnen, ist einleuchtend, wenn man bedenkt, daß es für deren Funktionieren etli- II Die Daten sind verschiedenen Veröffentlichungen der Stock Exchange of Thailand sowie für die aktuelleren Angaben Presseberichten entnommen. 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 66 Lukas Menkhoff cher institutioneller Voraussetzungen bedarf. Das betrifft die Organisation der Börse selbst, ein Minimum an effektiver Börsenaufsicht, eine Anzahl an konkurrierenden Marktteilnehmern, den Zahlungsverkehr und nicht zuletzt Investoren, die in der Lage sind, Geld in Aktien anzulegen sowie einen Sekundärmarkt zu speisen, sowie Emittenten, die willens sind, Kapital über die Börse aufzunehmen. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Aktienbörse ist heute in Thailand größer als bspw. in der Bundesrepublik, wenn man dafür Indikatoren wie den erwähnten Quotienten aus Marktkapitalisierung zu Sozialprodukt oder den Anteil der Kapitalbeschaffung von Unternehmen über die Börse heranzieht (vgl. Mullin 1993). Man kann vermuten, daß grundsätzlich eine Eigenkapita1finanzierung wegen der hohen Risiken in Entwicklungsländern besonders wichtig ist und Aktienmärkte insofern funktional sind. Dies paßt zu drei stilisierten Fakten: Erstens ist die Aktienfinanzierung heute in vielen Entwicklungsländern wichtiger als in Industrieländern. Zweitens spielte sie für die USA, als das Land noch ein jüngeres Industrieland war, eine größere Rolle bei der Kapitalbeschaffung als heute. Drittens hat die Aktienfinanzierung ein größeres Gewicht bei besonders schnell wachsenden Unternehmen in Entwicklungsländern, im Vergleich zu durchschnittlich schnell wachsenden (vgl. ausführlich Atkin 1994). In Parallele zur generellen Funktion einer Einbindung der nationalen in internationale Finanzmärkte, lassen sich die erhofften positiven und befürchteten negativen Wirkungen aufgrund ausländischer Einwirkung für Thailand diskutieren. Die positive Rolle des Auslands besteht darin, Kapital zu mobilisieren und die Allokation zu verbessern. Hinsichtlich der ersten Funktion, bestanden in Thailand Restriktionen durch Kapitalverkehrsbeschränkungen und steuerliche Benachteiligung von Ausländern -diese Probleme sind in den letzten Jahren weitgehend beseitigt worden. Immer noch jedoch ist die gesamte ausländische Kapitalbeteiligung an einem einzelnen Unternehmen limitiert, auf 49% im allgemeinen und auf 25% bei Finanzinstitutionen. Bei etwa 25 Gesellschaften sind diese Kontingente ausgeschöpft, so daß die Aktiennotierung gespalten erfolgt: auf einem Inlandsmarkt und mit einem Knappheitszuschlag auf dem sogenannten "Alien Board". Statistiken zeigen, daß der Ausländeranteil in den letzten Jahren unter Schwankungen grob bei etwa 20% liegt (Mullin 1993). Darüber hinaus gibt es eine Dunkelziffer, indem Ausländer ihr Eigentum an den üblichen Namensaktien nicht eintragen lassen. Daß diese Dunkelziffer bedeutsam sein könnte, belegt ein Blick auf die Aus1änderquote an den gesamten Transaktionen. Diese Quote ist seit Mitte der 80er Jahre recht kontinuierlich und in erheblichem Ausmaß gestiegen: von ehemals unter 5% über grob 10%-15% Anfang der 90er Jahre bis auf 30% im ersten Quartal 1995. Der Auslandsanteil am Kapital läßt sich so interpretieren, daß offensichtlich Kapital in erheblichem Umfang auf diesem Weg nach Thailand fließt. Neben dem Mengeneffekt kann dies noch einen erwünschten Preiseffekt haben, wenn Ausländer wegen besserer internationaler Diversifikationsmöglichkeiten höhere Kurse für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 67 Aktien bezahlen und damit den Preis von Eigenkapital senken. Einen Anhaltspunkt dafür geben die Prämien am Alien Board, die zugleich einen Eindruck über entgangene Vermögensgewinne aus der begrenzten Kapitalbeteiligung von Ausländern liefern. Der Auslandsanteil am Umsatz zeigt eine ausländische Beteiligung an der Preisfindung und damit am Allokationsprozeß an. Dies sollte idealtypisch zur Effizienz des Marktes beitragen, weil mehr (qualifizierte) Marktteilnehmer ihr Wissen in den Preisfindungsprozeß einbringen. Das Wissen von Ausländern mag deshalb von zusätzlichem Wert sein, da man bei ihnen einen relativen Vorteil in bezug auf ausländische Märkte erwarten kann. Diese aber sind für die extrem im Export engagierte thailändische Wirtschaft von besonderer Wichtigkeit. Dies kommt auch in einer Auswertung der täglichen Schlagzeilen zur Aktienmarktentwicklung zum Ausdruck. Die Basis bilden 62 Berichte zum thailändischen Aktienmarkt der größten englischsprachigen Tageszeitung in Bangkok für das erste Quartal 1995. Dabei taucht das Ausland in der einen oder anderen Form in ca. 40% der Schlagzeilen auf. Bei der Hälfte aller Schlagzeilen allerdings werden keine inhaltlichen Gründe für Kursänderungen angegeben (vgl. Tabelle 4). Meist waren letztere dann unbedeutend, so daß die Schlagzeilen etwa auf die Volumina Bezug nehmen oder auf "technische" Faktoren eingehen. Ein typisches Beispiel für die erste Kategorie ist der 11.1.: "Index drops for fourth consecutive day", ein Beispiel für die zweite Kategorie der 16.1: "SET index ends slightly higher on bargain-hunting". Tabelle 4 Schlagzeilen zur Aktienmarktentwicklung im I. Quartal 1995 Genannte Gründe für absolute Kursänderung am Vortag Häufigkeit Keine Gründe 16 "Technische" Gründe 16 Thailändische Gründe 11 Ausländische Gründe 19 Gesamt 62 in % von gesamt 26% 26% 18% 30% 100% in % der ökon. Gründe 37% 63% 100% Quelle: Bangkok Post, Daten für den Zeitraum 4.1. -31. 3. 1995 (Feiertag am 14.2.). Es scheint also sinnvoll, nur diejenigen Schlagzeilen zu betrachten, in denen wirklich inhaltliche Gründe für Kursänderungen gegeben werden. Unter diesen 30 Fällen geht es 19 mal um das Ausland. Ein typisches Beispiel ist der 6.1.: "SET drops in reaction to falls in regional marts", während für einen thailändischen Grund der 23.1. stehen mag: "SET dives 60.46 pts on interest rate fears". Bedenkt man noch, daß hinter den Zinsängsten häufig die US-Zinsen stehen, so wird klar, 5* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 68 Lukas Menkhoff daß es kaum eine ausschließlich thailändische Nachricht für die Aktienmärkte gibt. Vielmehr ist die Bewertung von Thailands Aktienmarkt nur in Relation zu den internationalen Finanzmärkten zu verstehen. Für das untersuchte Quartal wäre folglich ein "Auslandsgewicht" von 40% und selbst eines von 62% (s. Abbildung) eher eine Unterschätzung der tatsächlichen Einbindung in ausländische Märkte. Relativierend ist dabei allerdings zu beachten, daß im Beobachtungszeitraum drei ungewöhnliche Ereignisse zusammentrafen: im Januar die Mexiko-Krise, im Februar der Zusammenbruch der englischen Investmentbank Barings und im März die Schwäche des US-Dollars. Ausländische Ereignisse bestimmen also vermutlich entscheidend die Kurse an der Bangkoker Börse, und ausländische Marktteilnehmer sind an der Kursfindung erheblich beteiligt. Neben möglichen Informationsvorteilen, die angesprochen wurden, dürfte das spezifische Charakteristikum der Ausländer an der thailändisehen Börse sein, daß sie im wesentlichen große, institutionelle Investoren sind. Für professionelle ausländische Großanieger ist Thailand ein relativ kleiner Markt, der in Substitutionsbeziehungen zu anderen Märkten auf der Welt steht (vgl. Abschnitt 1). Was immer irgendwo geschieht, beeinflußt die relative Vorteilhaftigkeit der weltweiten Kapitalanlage und führt zu schnellen Transaktionen dieser Anlegergruppe. Insofern agieren sie wie eine Art Transmissionsriemen zwischen Thailand und den internationalen Finanzmärkten. Wenn also die Verbindung zwischen Thailand und den übrigen Märkten besonders von dieser Gruppe getragen wird, dann könnte man erwarten, daß deren Aktionen nicht allein von thailändischen Informationen, sondern stärker als bei Inländern auch von ausländischen Informationen geprägt werden. Gerade im schon erwähnten ersten Quartal 1995 würde dies in drei Charakteristika zum Ausdruck kommen, die sich empirisch überprüfen lassen: (1) Der Marktanteil der Ausländer ist bei Transaktionen größer als beim Bestand. (2) Transaktionen der Ausländer sind überdurchschnittlich volatil. (3) Die Transaktionen von Ausländern sind positiv mit der Marktentwicklung korreliert. Diese Hypothesen können mit Hilfe von täglichen Transaktionsangaben, die zwischen vier Gruppen an Marktteilnehmern, darunter Ausländern, differenzieren, überprüft werden, wenngleich die Datenbasis für nur ein Quartal sicher klein ist. Im ersten Schritt wurden dazu die Daten aus der Tageszeitung sorgfältig geprüft und gegebenenfalls sinngemäß korrigiert -ein Tag mußte wegen schlechter Datenqualität unberücksichtigt bleiben, was die Grundgesamtheit auf 61 Fälle reduziert. Ergebnisse sind in Tabelle 5 zusammengefaßt. Schon erwähnt wurde der mit 30% ungewöhnlich hohe Anteil von Ausländern am Transaktionsvolumen, wobei die Ausländer im ersten Quartal 1995 per saldo OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 69 Tabelle 5 Charakteristika von Marktteilnehmergruppen Charakteristika Broker Investment Sonstige Ausländische Fonds lokale Investoren Investoren Anteil Käufe 3,75% 9,19% 59,04% 28,02% Anteil Verkäufe 4,30% 8,25% 55,83% 31,63% o tägl. Volumen 448 972 6.403 3.325 (in Mill. Baht) o tägl. Überhang -30 + 52 + 179 -200 (in Mill. Baht) Standardabweichung 169 325 965 1.233 Rangkorrelation (Spearman) des Überhangs mit der tägl. SET-Veränderung Korrelationskoeff. -0,39 -0,34 -0,43 0,53 Signifikanzniveau 0,003 0,008 0,001 0,000 Anzahl Fälle: 61. auf der Verkäuferseite standen. Weiterhin ist der durchschnittliche tägliche Saldo sowie die dazu gehörige Standardabweichung für die Gruppe der Ausländer am größtenY Schließlich weist der Saldo der Ausländertransaktionen die höchste Korrelation mit der relativen täglichen Marktentwicklung, der prozentualen Veränderung des SET-Index, auf, wenngleich die sonstigen lokalen Investoren ähnlich wichtig sind. Dies stellt sich jedoch für die Richtung des Zusammenhangs vollkommen anders dar: Allein die Ausländer weisen ein positives Vorzeichen beim Korrelationskoeffizienten auf. Dies sagt nichts über die Kausalität oder die Profitabilität der Transaktionen, doch die Vermutung, daß Ausländer -über ihr Gewicht hinaus -den "Markt gemacht" haben könnten, wird nicht widerlegt. Die Korrelation wird durch einen Vorzeichenvergleich untermauert: Zwar stimmen die Vorzeichen von Marktveränderung und Ausländerverhalten nur in 36 der 61 Fälle überein (59%), doch bei Kursveränderungen über das willkürlich festgelegte Niveau von 1 % hinaus, das sind 28 Fälle, stimmt das Vorzeichen 24 mal überein (86%). Zusammenfassend muß Thailand also, neben den Vorzügen ausländischer Beteiligung an den heimischen Aktienmärkten, damit leben, daß das Auslandsgewicht spürbar ist und im Trend zunimmt: Dies zeigt sich klar bei der Beteiligung an den Umsätzen sowie ansatzweise an der häufiger ausgeschöpften Beteiligungsgrenze für Ausländer, dafür sprechen die als relevant erachteten Themen am Markt, und schließlich deutet auch die disaggregierte Transaktionsanalyse darauf hin, daß 12 Für die Broker ist der Variationskoeffizient minimal größer, doch ist dies die kleinste unterschiedene Gruppe mit entsprechend geringer Bedeutung für den Gesamtmarkt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 70 Lukas Menkhoff -jedenfalls im dreimonatigen Beobachtungszeitraum -Ausländer die kürzerfristige Marktentwicklung prägen. E. Die Bedeutung von Kapitalimporten für die monetäre Steuerung Thailand verfügt im internationalen Vergleich nicht nur über eine ungewöhnlich hohe volkswirtschaftliche Sparquote, sondern darüber hinaus über eine noch höhere Investitionsquote. Es muß also im Normalfall ein Leistungsbilanzdefizit finanzieren. Dessen Anteil am Sozialprodukt schwankte in den Jahren von 1987-94 stark zwischen 0,7% und 8,5%, der Durchschnittswert betrug 4,9% (vgl. im folgenden Nijathawom/Dejthamrong 1994).13 Bei einem Blick auf die Import- und Exportstruktur wird deutlich, daß Thailand ein klassischer Fall des traditionellen "growth-cum-debt"-Ansatzes ist: Es importiert in hohem Maße Investitionsgüter, die nicht zuletzt notwendige Inputs für die Exportproduktion sind (vgl. auch Menkhoff/Sell1986). Bei Volkswirtschaften mit noch relativ geringem Kapitalstock kann man erwarten, daß die Kapitalproduktivität höher ist als in Industrieländern, und Thailand folglich ein höheres Realzinsniveau aufweist. Auf der anderen Seite war schon auf das höhere Länder-spezifische Risiko in Entwicklungsländern hingewiesen worden. Es gibt also auf der Angebots- und Nachfrageseite Gründe für ein dauerhaft höheres Zinsniveau. Ein Blick auf kurzfristige Anlagen in thailändischen Baht bzw. in der wichtigsten Substitutions währung -US-Dollar -bestätigt die plausible Vermutung: In fast allen Jahren seit 1977, als die IWF-Statistik erstmals die thailändischen Werte enthält, liegen Nominal- und Realzinsen in Thailand beträchtlich höher (Tabelle 6) (vgl. gleichfalls Nidhiprabha 1993, S. 187 für andere Nominalzinsreihen 1970-1989). Zudem ist der Zusammenhang zwischen den thailändisehen und US-amerikanischen Zinsniveaus sowie Zinsänderungen recht eng, und insbesondere enger als der Zusammenhang der thailändischen Zinsentwicklung mit der inländischen Inflationsrate, wie die Werte der linearen Regression belegen (s. Tabelle 6). D.h. der autonome thailändische Spielraum ist deutlich begrenzt. Thailand, als ein in dieser Hinsicht nicht untypisches Schwellenland, ist aber nicht nur auf ein praktisch jederzeit erhöhtes Zinsniveau gegenüber den Industrieländern angewiesen. Es ist ein weiteres Charakteristikum, daß der Wechselkurs für Thailand faktisch kein variables Politikinstrument darstellt. Das hat neben dem Bemühen um stabile Rahmenbedingungen für den Außenhandel zwei weitere Gründe: Erstens dient der gegenüber einem Währungskorb, d. h. hier praktisch gegen- 13 Diese Beobachtungen treffen auch bei längerfristiger Betrachtung zu, da seit 1971 mit Ausnahme von 1986 immer ein Leistungsbilanzdefizit vorlag (vgl. Nidhiprabha 1993, Tab1e 5.1). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Entwicklungsländer in internationalen Finanzmärkten 71 Tabelle 6 Geldmarktzinsen in Thailand und den USA Jahr Nominalzinsen in % Zinsdifferenzen in %-P Thailand USA Nominalzinsen Realzinsen 1977 8,27 5,54 2,73 1,58 1978 10,40 7,93 2,47 2,07 1979 13,28 11,20 2,08 3,64 1980 14,66 13,36 1,30 -5,00 1981 17,25 16,38 0,87 - 1,41 1982 14,95 12,26 2,69 3,56 1983 12,15 9,09 3,06 2,42 1984 13,58 10,23 3,35 6,85 1985 13,48 8,10 5,38 6,57 1986 8,ü7 6,81 1,26 1,28 1987 5,91 6,66 -0,75 0,39 1988 8,66 7,61 1,05 1,24 1989 9,82 9,22 0,60 0,11 1990 12,73 8,10 4,63 4,05 1991 10,58 5,70 4,88 3,38 1992 7,06 3,52 3,54 2,55 1993 7,20e 3,02 4,18e 2,73e 1994 7,20e 4,20 3,OOe O,13e 0(1977-94) 10,85 8,27 2,57 2,01 Standardabw. 3,195 3,397 o Realzins 4,80 2,79 Standardabw. 3,971 2,408 Regressionen und jeweiliges R 2: thailändische und US-Nominalzinsen: 0,78 thailändische und US-Realzinsen: 0,57 thailändische und US-Zinsänderungen: 0,52 thailändische Nominalzinsen und Inflation: 0,23 Quellen: IMF International Financial Statistics Yearbook und monthly issues; ergänzend Bank of Thailand, Quarterly Bulletin, verschiedene Ausgaben. Geldmarktzinsen: "Money Market Rate" (Zeile 60b). Inflation: Veränderungsrate der "Consumer Prices" (Zeile 64). Realzins: Nominalzins abzüglich der periodengleichen Inflation. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 78 Lukas Menkhoff lichen Anspannungen im Entwicklungsland führen. Dies spricht m.E. dringend für eine vorsichtige, graduelle Öffnung. Wer dabei relativ schnell vorgehen will, wie Thailand, sollte über eine ausgesprochen kompetente und handlungsfähige Wirtschaftspolitik verfügen. -Man wird kaum erwarten können, daß die Rationalität der internationalen Finanzmärkte immer den fundamentalen Daten und erst recht nicht den jeweiligen binnenwirtschaftlichen Problemen des Entwicklungslandes gerecht wird. Letztendlich gilt es die Chancen und Risiken im Einzelfall abzuwägen. Dabei sollten die Anforderungen einer Einbindung in internationale Finanzmärkte nicht unterschätzt werden: Thailand als Rollenmodell überfordert wahrscheinlich selbst manche Schwellenländer. Summary The aim of this research was to find out how developing countries could participate in international financial markets, based on a case study of Thailand. Developing countries were typically found to be involved with international financial markets through direct investments. Furthermore, a liberalisation of financial markets should be accompanied by other measures, such as trade reforms. Finally, the development of financial markets can be usefully used in the development of a country. Thailand represents a good example of a successful use of this strategy. For most poorer, developing countries, the internalisation of financial markets does not playamajor role in their development. Only countries which make progress towards an industrialised economy are able to fit into international financial markets. Case studies about the foreign influence on the Thai Stock Exchange and the importance of capital imports demonstrate advantages and disadvantages of an integration. Literaturverzeichnis Atkin, Michael (1994): Stock Markets in Developing Countries: Finance for Firms or Gambling for Speculators, in: Bernhard Fischer (1994), S. 75-99. Broadman, Harry G. (1994): GATS: The Uruguay Round Accord on International Trade and Investment in Services, in: World Economy, Vol. 17, No. 3, S. 281-292. Calvo, Guillermo A.lLeiderman, LeonardolReinhart, Carmen M. (1994): The Capital Inflows Problem: Concepts and Issues, in: Contemporary Economic Policy, Vol. 12, July, S.54-66. Corsepius, Uwe (1989): Möglichkeiten einer verbesserten internen Entwicklungsfinanzierung in den Ländern der dritten Welt, in: Weltwirtschaft, H.2, S. 135-151. 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Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussion zu dem Referat von Lukas Menkhoff Zusammengefaßt von Dirk Gehl Die Diskussion zum Vortrag von Menkhoff befaßte sich mit -den Problemen der Liberalisierung von Finanzmärkten in Entwicklungsländern bei unzulänglich entwickelten nationalen Finanzinstitutionen -der Rolle der multinationalen Unternehmen durch ihren hohen Anteil an Kapitalbewegungen -die Verkoppelung von internationalen Krisen in den Jahren 1993 und 1994 und -der Ausgestaltung des Bankensystems für Thailand und vergleichbare Länder. Die Allgemeinheit des Themas wirft die Frage auf, wie mit der Entwicklung von Finanzinstitutionen in Entwicklungsländern (EL) grundsätzlich umgegangen wird. Die Beurteilung von Menkhoff bezüglich der Liberalisierung von Finanzmärkten in EL ist überwiegend positiv. Zweifel daran sind angebracht, da weder die staatlichen noch die privaten Finanzinstitutionen vernünftig reguliert werden. Die Effizienz von Finanzmärkten ist unter diesen Bedingungen fragwürdig. Hier sei auf die unterschiedliche Verteilung von Informationen bei Inländern (Insidern) und Ausländern (Outsidern) hingewiesen. Kritik wurde auch an der Darstellung der 5 Entwicklungsstadien des Banken- und Finanzwesens im Koreferat von Herrn Svindland geäußert. Das sog. "Banking 2000" ist weitgehend realisiert und auch in den EL von Bedeutung. Die Meinung, daß die Wirtschaftswissenschaften die Auswirkungen dieser hochtechnischen Organisation mit der immer weiter erhöhten Kapitalmobilität, nicht ausreichend in ihren Auswirkungen erfaßt haben, wird als übertrieben bewertet. Ebenfalls berücksichtigt werden muß die Rolle der multinationalen Unternehmen und ihrer Transaktionen auf den Finanzmärkten. Der Anteil dieser Geldströme beträgt ca. 70% am Gesamtvolumen und in Thailand werden 75% der Exporte von diesen Unternehmen realisiert. Eine Verschlechterung der Terms of Trade hat über diese Exporte einen erheblichen Einfluß auf die Kapitalströme. Dieser Aspekt muß in eine vollständige Analyse integriert werden. Die Verkoppelung von negativen Ereignissen 1994 in der Türkei, Mexico und Hong Kong hat auch Auswirkungen auf gesunde Märkte gehabt. Aufgrund von Li- 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 84 Diskussionszusammenfassung quiditätsrestriktionen der institutionellen Anleger werden auch Papiere in guten Märkten verkauft, die in Folge in eine Krise abrutschen. Dabei ist zu beachten, daß gute Portfoliomodelle die Einbindung von EL in einem Umfang von 22-30% vorsehen. Dieser Anteil erhöht die Rendite und verbessert die Risikostreuung einer Anlage. Dem wurde entgegengehalten, daß gemessen an diesen Zahlen, Thailändische Papiere unterinvestiert seien. Ebenfalls wurde bemerkt, daß die wirkliche Bedeutung von EL auf den Finanzmärkten bedeutungslos ist, da die Investitionen eher in Realkapital erfolgen. Die Rolle des Sekundärmarktes für Unternehmen ist daher zu unterstreichen, da so die Kreditwürdigkeit gesteigert wird und zu einer besseren Versorgung mit Kapital führt. Als weiterer Punkt wurde die Ausgestaltung eines adequaten Bankensystems für diese Länder thematisiert. Die Wahl kann zwischen dem Trennbanken- und Universalbanken-System erfolgen. Die Universalbanken sind dabei für EL wahrscheinlich besser geeignet, da man davon ausgehen kann, daß sie geringere Informationskosten bei der Erfassung der Gesamtheit der Transaktionen ihrer Kunden haben. Dies wäre für die Risikoabschätzung der Investitionen von Bedeutung. Zusätzlich ist ein Universalbankensystem bei einem schwachen Unternehmertum vorteilhaft, da die Banken erhebliche Beratungsleistungen erbringen können. Ein Universalbankensystem ist dabei noch nicht ausreichend: Die Kontrolle der Banken, der Börse und die Entwicklung des Bankenrechts sind ebenfalls relevant und ein wichtiger Aspekt einer funktionierenden Finanzmarktstruktur. Die oligopolistische Struktur des Bankenwesens in EL ist ebenfalls problematisch. Dadurch wird eine nicht profit-motivierte Klientelpolitik begünstigt. Am Beispiel Indiens kann deutlich gemacht werden, daß die Kapitalbeschaffung von den Zielen der Staatsfinanzierung, Subventionierung unprofitabler Industrien und bestimmter Ziele des Rural Developpement verdrängt wird. Der Vortragende hat die Fragen und die Kritik folgendermaßen beantwortet: Er stimmte der Beurteilung zu, daß die Eingliederung von EL in internationale Finanzmärkte bei schlecht entwickelten nationalen Finanzinstitutionen nicht empfehlenswert nicht. Die internationale Integration ist ein nachgelagertes Problem und ohne ein funktionierendes Bankensystem nicht durchführbar. Der Entwicklungsstand Thailands ist in dieser Hinsicht jedoch hinreichend weit fortgeschritten. Die Problematik der Inländer-Insider vs. Ausländer-Outsider ist im Falle Thailands nicht sehr gravierend, da die Ausländer überwiegend institutionelle Investoren mit hohen Informationsstand sind. Die Markteffizienz ist als positiv zu beurteilen, da die Ausgestaltung der Institutionen als besser als erwartet gelten kann und das Auftreten der Ausländer die Transparenz und Effizienz der Märkte zusätzlich erhöht. Die Rolle der multinationalen Unternehmen ist nicht Gegenstand des Referates gewesen. Die Einschätzung der Bedeutung dieser Unternehmen wird jedoch geteilt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussionszusammenfassung 85 Die Liquiditätsprobleme von Anlegerfonds und die dadurch verursachte Verkoppelung der Krisen sind ebenfalls nicht so gravierend wie behauptet. Eher ist eine vernünftige Risikoabschätzung der Investitionen schwierig zu realisieren und in Folge werden die Zinsen für die Papiere von EL als zu hoch angesetzt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Autbolprozesse oder Abkopplungstendenzen? Entwicklungsländer im Zeitalter der Globalisierung Von Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp, Kiel A. Einleitung Das Stichwort Globalisierung wird in den Industrieländern häufig mit Schrekkensvisionen verbunden. Danach drohe die Billigkonkurrenz aus Entwicklungsländern ganze Wirtschaftszweige zu überrollen, und umgekehrt flüchte zunehmend privates Risikokapital in sogenannte Niedriglohn-Standorte. Den Industrieländern bliebe als Konsequenz der Globalisierung somit vor allem ein Anstieg der Arbeitslosigkeit. In der Tat ist kaum zu leugnen, daß die Arbeitsmarktprobleme in vielen Industrieländern mit dem Auftreten neuer wettbewerbsfähiger Konkurrenten zu tun haben. 1 Demnach scheinen die Entwicklungsländer heute zu den Gewinnern der Globalisierung zu gehören, während früher eher befürchtet wurde, daß sie bei einer zunehmenden Integration der Weltwirtschaft auf der Verliererseite stehen würden. Ob die Entwicklungsländer tatsächlich zu den Gewinnern der Globalisierung und die Industrieländer zu den Verlierern gehören, ist jedoch umstritten. Vereinzelt wird bezweifelt, daß es sich bei der zunehmenden internationalen Arbeitsteilung wirklich um eine weltweite Vernetzung von Produktion und Märkten handelt. Zu beobachten sei vielmehr, daß sich regionale Netzwerke herausbilden (Oman 1994). Daß es zu einer Regionalisierung von Lieferanten-Abnehmer Beziehungen käme, sei hauptsächlich produktionstechnisch bedingt ("lean production", ,just-in- time", etc.). Diese Auffassung steht im krassen Gegensatz zur Globalisierungsthese, nach der Kundennähe wegen abnehmender Informations- und Transaktionskosten weniger bedeutsam wird und es vermehrt zu einer Aufsplitterung von Produktionsprozessen kommt. Wenn die Regionalisierung das dominierende Phänomen wäre, würde den Entwicklungsländern eine Abkopplung von der internationalen Arbeitsteilung drohen, solange sie nicht Teil wichtiger regionaler Integrationsgemeinschaften werden. Begünstigt würden allenfalls wenige, in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung bereits relativ weit fortgeschrittene Länder. Dagegen besagt die Globalisierungsthese, daß 1 Vgl. die ausführliche Diskussion in Nunnenkamp et al. (1994). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Schaubild 2: Regionale Verteilung der DI-Ströme in Entwicklungsländer", 1980-1994 SA AF SO 1.1% 3.0% 5.4% OE AF SO SA AI' SA OE so 5.9% 11.5% 22% 0.4% lQ~ <.F.. 0.1% ~~ ' . OA 15.Y:, 71.Wo 41.2% 39.4% OA 56.4% 1980 1988 1994 . Ostasien und Pazifik Im Lateinamerika (LA) fill Südasien (SA) (OA) D Sub-Sahara Afrika (AF) D Sonstige (SO) 1I 0steuropa und Zentralasien (0 E) a Anteil an den DI-Zuflüssen aller Entwicklungsländer außerhalb des mittleren Ostens und Nordafrikas; diese Region wird wegen signifikanter (Netto-)Abflüsse von ausländischen DI im Jahr 1980 vernachlässigt. Die Quelle bietet keine Daten für Hongkong, Singapur und Taiwan. Die Angaben für 1994 sind vorläufig. Quelle: Warld Bank (1994 b). \0 .j:o. tri ::l. (l 0- Cl '" " P- ;;; (l 0- '" " P- '1:1 ~ ... Z '" " " n> " i'I" '" 3 -0 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Autbolprozesse oder Abkopplungstendenzen? 95 -Der Anstieg der ausländischen DI in Ostasien ist maßgeblich von Chinas internationaler Kapitalnachfrage beeinflußt worden (World Bank 1994b). Dieses Land, das 1980 keine nennenswerten DI-Zuflüsse verzeichnete, erhielt 1993 Zuflüsse von fast 26 Mrd. US$. Die Attraktivität Chinas für Auslandsinvestoren ist jedoch nicht auf Kosten anderer ostasiatischer Empfängerstaaten gegangen. Vielmehr haben sich die DI-Zuflüsse der Region im Zeitraum 1980-1993 verachtfacht, wenn man China herausrechnet. Zudem haben asiatische Schwellenländer von der Öffnung Chinas profitiert und sind dort selbst zu wichtigen Auslandsinvestoren geworden (UNCTAD 1995a, Table 4). -Die post-sozialistischen Transformationsländer (insbesondere jene in Mitteleuropa) bilden die zweite Gruppe, die einen steigenden Anteil an den gesamten DI-Zuflüssen verzeichnen konnte. Diese Entwicklung steht offensichtlich in Zusammenhang mit Fortschritten bei der Systemtransformation, die eine Einbindung der Reformländer in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung begünstigen. -Der einstmals bevorzugte Investitionsstandort Lateinamerika erscheint als der Hauptverlierer, wenn man die regionalen Anteile an den DI-Zuflüssen betrachtet. Zwei im Zusammenhang mit der Globalisierungsdebatte wichtige Entwicklungen sind jedoch aus Schaubild 2 nicht ersichtlich. Zum einen sind die DI-Zu- flüsse Lateinamerikas seit Ende der 1980er Jahre wieder kräftig gewachsen.8 Zum anderen gehören einzelne lateinamerikanische Staaten (Argentinien, Chile und Mexiko) zu jenen Entwicklungsländern, die im Zeitraum 1984-1993 den höchsten Anstieg der DI-Zuflüsse aufwiesen (World Bank 1994b). Vor allem die Erfahrungen Argentiniens und Mexikos belegen, daß die Attraktivität für Auslandskapital selbst nach schweren Wirtschaftskrisen zurückgewonnen werden kann, wenn umfassende Stabilisierungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen ergriffen werden.9 Brasilien repräsentiert das krasse Gegenstück: angesichts nur partieller Reformen ging die frühere Spitzenposition als Investitionsstandort in der Dritten Welt verloren, und die DI-Zuflüsse waren 1993 auf die Hälfte des Wertes von 1984 geschrumpft. Insgesamt gesehen ist die Evidenz zu den ausländischen DI in Entwicklungsländern kaum mit der These in Einklang zu bringen, daß allenfalls einige wenige Länder von Globalisierungstendenzen profitieren können. Zur Stützung dieser These wird häufig darauf verwiesen, daß zwei Drittel bis drei Viertel der gesamten DI- Zuflüsse aller Entwicklungsländer dauerhaft auf nur zehn Empf!inger konzentriert waren (z. B. UNCTAD 1995b). Dabei wird vernachlässigt, daß die Zusammensetzung dieser Gruppe variiert. So ist der Anteil der zehn wichtigsten Empfängerstaaten im Jahr 1984 in den folgenden neun Jahren deutlich gesunken (von 77 auf 63 v.H.), obwohl China seinen Anteil drastisch ausweiten konnte. 10 Das typischerwei- 8 Der vorläufige Wert von 19 Mrd. US$ für 1994 überschritt den Vergleichswert von 1987 um mehr als das Dreifache (World Bank 1994b). 9 Die sogenannte Peso-Krise in Mexiko im Dezember 1994 deutet allerdings darauf hin, daß verbliebene wirtschaftliche und politische Risiken unterschätzt worden sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 96 Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp se verwendete Konzentrationsmaß bringt also nicht zum Ausdruck, daß neue Wettbewerber ihre Standortattraktivität für ausländische DI steigern können, um auf diese Weise an der Globalisierung teilzuhaben. Die Aussichten für Nachzügler, Anschluß an Globalisierungstendenzen zu finden, haben sich weiter verbessert, seitdem einige fortgeschrittene Entwicklungsländer selbst Investitionen im Ausland tätigen. Gemessen an den weltweiten DI- Strömen spielen Herkunftsländer außerhalb der OECD zwar noch eine untergeordnete Rolle (IMF a), ihr Anteil ist aber seit 1980 von 2 v.H. auf etwa 5 v.H. (1992/ 93) gestiegen. Überdies sind in Schwellen- und Entwicklungsländern beheimatete Auslandsinvestoren für eine Reihe von Empfangerstaaten von erheblicher Bedeutung. Dies gilt vor allem im asiatischen Raum. So sind asiatische Schwellenländer sowohl in ASEAN-Staaten als auch in China zu führenden Investoren geworden (UNCTAD 1995a; Riedell991). Die Investitionsverflechtungen zwischen asiatischen Entwicklungsländern spiegeln eine Industrialisierung gemäß des sogenannten "flying geese" Musters wider. Mit steigendem Einkommensniveau werden arbeitsintensive und hoch standardisierte Produktionszweige aus den Schwellenländern in benachbarte Staaten mit geringerem Pro-Kopf Einkommen verlagert. Während also die Schwellenländer in anspruchsvollere Produktionsbereiche vorstoßen, spielen nachfolgende Entwicklungsländer eine zunehmend bedeutsame Rolle in der Globalisierung von Industrien, in denen traditionelle Hersteller nicht mehr wettbewerbsfahig sind. Hierzu bieten die folgenden Sektoranalysen genauere Aufschlüsse. D. Die Rolle von Entwicklungsländern in der Globalisierung ausgewählter Sektoren Auf sektoraler Ebene kann untersucht werden, ob es -wie die Globalisierungsthese vermuten läßt - zu Produktionsverlagerungen zugunsten von Entwicklungsländern gekommen ist, ob diese Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den OECD- Märkten verbessert haben und auf welchen Wegen Entwicklungsländer in Globalisierungsstrategien eingebunden worden sind. Wir beschränken uns im folgenden auf zwei Sektoren: die arbeitsintensive Herstellung von Textilien und Bekleidung sowie den relativ humankapitalintensiven Fahrzeugbau. Angesichts der in Entwicklungsländern typischerweise vorherrschenden Faktorausstattung steht zu erwarten, daß ihre Integration in die weltwirtschaftliehe Arbeitsteilung bei Textilien und Bekleidung weit fortgeschritten ist. Am Beispiel des Fahrzeugbaus kann man überprüfen, ob die Globalisierung die Entwicklungsländer in standardisierten Fertigungen gefangen hält. 10 Im gleichen Zeitraum sank der Anteil der 25 wichtigsten Empfängerstaaten im Jahr 1984 von 94 auf 70 v.H. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Aufholprozesse oder Abkopplungstendenzen? 97 I. Textilien und Bekleidung Es spricht einiges dafür, daß die Produktion von Textilien und Bekleidung für Globalisierungsstrategien besonders geeignet ist und Entwicklungsländer in diesem Sektor gute Chancen haben. Angesichts arbeitsintensiver Fertigungsverfahren haben viele Entwicklungsländer ihre Industrialisierung in diesem Sektor begonnen. Einzelne Stufen des Produktionsprozesses lassen sich überdies vergleichsweise einfach ausgliedern und können dort angesiedelt werden, wo die jeweils schwerpunktmäßig eingesetzten Produktionsfaktoren reichlich vorhanden sind (Dicken 1992; Oman 1989). So ist es trotz jahrzehntelanger wirtschaftspolitischer Interventionen im Rahmen des Multifaserabkommens zu einer verstärkten internationalen Arbeitsteilung bei der Herstellung von Textilien und Bekleidung gekommen. Alle Entwicklungsländer zusammengenommen stellen inzwischen mehr als ein Drittel der Welttextilproduktion und gut 26 v.H. der Weltbekleidungsproduktion (Schaubild 3). Beide Anteile sind im Zeitraum 1984-1993 um etwa acht Prozentpunkte gestiegen. Von diesem Trend profitierten sehr viele, wenn auch nicht alle Entwicklungsländer. Hohe und rasch wachsende Produktionsanteile waren insbesondere für die asiatischen Entwicklungsländer zu beobachten. Innerhalb dieser Region waren ost- und südostasiatische Länder führend, aber auch für alle anderen asiatischen Untergruppen ergaben sich steigende Produktionsanteile. Das Wachstum der Bekleidungsproduktion war in Sub-Sahara Afrika stärker ausgeprägt als im Durchschnitt aller Entwicklungsländer (1984-1993: 6,3 v.H. gegenüber 4,4 v.H.) (unveröff. UNIDO-Daten). Dennoch blieb diese Region sowohl bei Textilien als auch bei Bekleidung ein vergleichsweise unbedeutender Produktionsstandort. Der Verlust von Produktionsanteilen in Lateinamerika trat größtenteils in den 1980er Jahren ein. Auch nach der Einleitung von Wirtschaftsreformen konnte der Trend sinkender Produktionsanteile nicht sofort umgekehrt werden. Dies deutet darauf hin, daß die Glaubwürdigkeit vieler lateinamerikanischer Regierungen so stark gelitten hatte, daß Produzenten und Investoren zunächst eine abwartende Haltung einnahmen. Die drastische Reduktion der Produktionsanteile in Osteuropa ist dagegen auf die jüngere Vergangenheit beschränkt und dem allgemeinen Produktionseinbruch nach dem Regimewechsel zuzuschreiben. Internationale Handelsmuster bestätigen, daß Entwicklungsländer eine maßgebliche Rolle bei der Globalisierung der Textil- und Bekleidungsproduktion gespielt haben. Indizes zur Exportspezialisierung deuten an, daß diese Länder international wettbewerbsfähig sind. l1 Die regionale Struktur der OECD-Importe von Textilien 11 Ein häufig benutzter Indikator setzt den Anteil der Textil- und Bekleidungsexporte an den Gesamtexporten der Entwicklungsländer zum Anteil der weltweiten Textil- und Bekleidungsexporte an den weltweiten Gesamtexporten ins Verhältnis (OECD 1994a). Ein Indexwert von mehr als 1 zeigt eine - am weltweiten Maßstab gemessen -günstige Weltmarktposition der Entwicklungsländer bei Textilien und Bekleidung an. Für Textilien (SITC 65) stieg der Indexwert von 0,94 (1980) auf 1,76 (1992); die entsprechenden Werte für Bekleidung (SITC 84) beliefen sich auf 1,37 und 2,36. Diese Werte dürften die Wettbewerbsfähigkeit von 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Schaubild 3: Entwicklungsländeranteile an der weltweiten Produktion von Textilien und Bekleidung", 1984 und 1993 (vH) 35 34,9 30 "iJ 26,4 11 20 ~ia P\<I 15 ~'iil _:{{:I 10 ~ii] .'fJ Tex. Sekl. Alle EL Tex. Bck!. Lateinamerika Tcx. Bekt. Sub-Sahara Afrika Tcx. Sekl. Nord.frika 25,9 mJl It:\] .':'\\1 [>/1 _::I~?fl Tcx. Bekl. Alle asiaL EL Tex. Bckl. WestasiCD Tcx. Bck!. Südasien lif] [:i:1 Tex. Bekl. Osl- und Südastasien ·Deflationierte Wertschöpfung in US$ von 1990, Regionale Eingruppierung wie in der Quelle, -b Einschließlich frühere UdSSR. Quelle: Unveröffentlichte UNIDO Daten, .1984 01993 Tex. BeH AsiaL Planwirtschaften • - Tex. Bekl. Osteuropa b \0 00 tr1 ::I, (') 0- Q e :> e: ~ (') 0- e :> c:>. ." '" ~ .., Z e :> :> '" :> :0;- S "0 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Aufholprozesse oder Abkopplungstendenzen? 99 und Bekleidung bietet hierzu genauere Erkenntnisse (Tabelle 3). Im Fall von Textilien ist der Anstieg des Marktanteils aller Herkunftsländer außerhalb der OECD nahezu ausschließlich auf eine stärkere Marktdurchdringung durch Anbieter aus dem Femen Osten (vor allem aus China, Südasien und der ASEAN-Gruppe) zurückzuführen. Im Fall von Bekleidung, deren Herstellung durch eine besonders hohe Arbeitsintensität gekennzeichnet ist, war der Marktanteil der Entwicklungsländer schon in den frühen 1980er Jahren deutlich größer als bei Textilien. Trotz des höheren Ausgangsniveaus ergab sich für Bekleidung ein stärkerer Anstieg des Marktanteils (um nahezu fünf Prozentpunkte). Von diesem Anstieg profitierten zudem nicht nur Länder wie China, sondern auch afrikanische und lateinamerikanische Anbieter. Tabelle 3 Entwicklungsländeranteile an den OECD-Importen von Textilien und Bekleidung", 1983 und 1992 (v.H.) Textilien (SITC 65) Bekleidung (SITC 84) 1983 I 1992 1983 I 1992 Alle nicht-OECD Länder 23,5 26,5 56,4 61,1 darunter: Europa 2,0 2,2 5,0 5,2 Afrika 1,3 1,1 2,0 3,9 Ägypten 0,4 0,4 0,0 0,2 Marokko 0,3 0,2 0,5 1,4 Tunesien 0,2 0,1 1,1 1,4 Lateinarnerika 2,6 2,1 2,5 4,8 Brasilien 1,5 0,9 0,2 0,3 Kolumbien 0,2 0,1 0,1 0,3 Mexiko 0,4 0,6 0,6 1,0 Mittlerer Osten 1,0 1,4 0,6 1,1 Ferner Osten 16,6 19,7 46,2 46,2 Asiat. Schwellenländerb 6,6 5,9 33,9 18,0 China 4,0 5,0 4,8 13,6 Indien 2,1 2,8 1,9 2,6 Pakistan 1,6 2,5 0,3 1,0 Indonesien 0,2 1,3 0,4 2,1 Thailand 0,7 1,0 0,9 2,0 a Auswahl einzelner Länder gemäß ihrer Bedeutung als Exporteure innerhalb der jeweiligen Re~ion; es werden auch Länder aufgeführt, für die signifikante Marktanteilsänderungen aufgetreten sind. -Hong- kong, Singapur, Südkorea und Taiwan. Quelle: OECD (a). Entwicklungsländern noch unterschätzen, da Exporte aus diesen Ländern durch restriktive Regelungen im Rahmen des Multifaserabkommens beeinträchtigt wurden (Spinanger 1993). 7* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 100 Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp Besonders bemerkenswert sind die Verschiebungen der OECD-Importstruktur für Bekleidungsimporte aus dem Fernen Osten. Der Marktanteil der asiatischen Schwellenländer hat sich im Zeitraum 1983-1992 nahezu halbiert. Dies mag teilweise auf ihre Diskriminierung im Rahmen des Multifaserabkommens zurückzuführen sein. Wichtiger dürfte jedoch sein, daß die Schwellenländer angesichts nachrückender asiatischer Wettbewerber gezwungen waren, arbeitsintensive Produktionen aufzugeben und in Nachbarländer mit geringerem Pro-Kopf Einkommen auszulagern (v gl. auch OECD 1994a). So gelang es vor allem China, aber auch südasiatischen Ländern und ASEAN-Staaten, deutlich steigende Anteile an den OECD-Bekleidungsimporten zu erobern. Die Bekleidungsindustrie bietet ein Beispiel für das "flying geese" Muster von Produktions- und Handelsverlagerungen zwischen asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländern. In diesem Zusammenhang bildeten sich auch zunehmende DI- Verflechtungen heraus. 12 So wurde Hongkong, das 1983 noch der wichtigste Anbieter auf den OECD-Bekleidungsmärkten war, zum Vorläufer bei der Produktionsverlagerung mittels DI in benachbarte Länder. In Taiwan entfielen 1992 etwa 22 v.H. aller DI-Abflüsse im Bereich der verarbeitenden Industrie auf die Textil- und Bekleidungsindustrie. Gleichzeitig verschoben sich die DI-Zuflüsse der ASEAN-Staaten von der Rohstoffverarbeitung zu arbeitsintensiven Industrien; DI aus asiatischen Schwellenländern in der Textil- und Bekleidungsindustrie waren hierbei von erheblicher Bedeutung. Insgesamt gesehen waren ausländische DI bei der Globalisierung der Textil- und Bekleidungsproduktion allerdings von geringerer Bedeutung als etwa im Fahrzeugbau. Auf die Textil- und Bekleidungsindustrie entfielen knapp 5 v.R. der von Japan im Ausland gehaltenen DI-Bestände aller verarbeitenden Industrien (OECD 1994b). Für andere wichtige Herkunftsländer von DI war dieser Anteil eher noch geringer.13 Daraus folgt, daß das Ausmaß, in dem Entwicklungsländer in die Globalisierungsstrategien von in OECD-Ländern beheimateten Unternehmen einbezogen worden sind, deutlich unterschätzt würde, wenn andere Instrumente als ausländische DI vernachlässigt werden. Tatsächlich haben Lohnveredelungsaktivitäten, langfristige vertragliche Bindungen zwischen ausländischen Lieferanten und heimischen Abnehmern und ähnliche Globalisierungsinstrumente traditionell eine große Bedeutung in der Textil- und Bekleidungsindustrie.14 Asiatische Entwicklungsländer profitierten schon frühzeitig vom sogenannten "subcontracting" mit japanischen Produzenten und Handelshäusern (sogo shosha). Europäische Unternehmen sind dauerhafte Lieferbindungen 12 Zu den folgenden Aussagen vgl. im einzelnen die Beiträge in ADB (1993) sowie OECD (1994c). 13 Erwähnenswert sind US-amerikanische DI in der Bekleidungsindustrie im karibischen Raum sowie in Kolumbien und Mexiko (OECD 1994a). Mittelmeerländer wie Marokko und Tunesien waren das Ziel von DI aus EU-Staaten. 14 Vgl. ausführlicher Nunnenkamp et al. (1994), Dicken (1992) und Oman (1989). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Aufholprozesse oder Abkopplungstendenzen? 101 mit unabhängigen Anbietern von Fertigprodukten eingegangen, insbesondere mit Anbietern aus China, Hongkong und der Türkei. Lohnveredelungsaktivitäten haben dazu geführt, daß einzelne Stufen der Bekleidungsproduktion aus EU-Ländern in den Mittelmeerraum und zunehmend auch in ost- und mitteleuropäische Transformationsländer ausgelagert wurden. 15 Wegen ihres präferentiellen Zutritts zu den EU-Märkten hatten auch die AKP- Staaten günstige Chancen, Lohnveredelungsaktivitäten auf sich zu ziehen. Der Erfolg blieb diesen Ländern weitestgehend versagt, weil die internen Investitionsbedingungen vergleichsweise ungünstig waren. Dies stützt die These, daß die heimische Wirtschaftspolitik der Entwicklungsländer maßgeblich darüber mitbestimmt, ob sich Globalisierungstendenzen positiv auswirken können. Die Kosten fehlgeleiteter Wirtschaftspolitiken dürften in Zukunft noch steigen, da sich mit dem Auslaufen des Multifaserabkommens die Chancen weiter verbessern, an der Globalisierung der Textil- und Bekleidungsproduktion teilzunehmen. 11. Automobilbau Im Vergleich zur Herstellung von Textilien und Bekleidung ist es für die Entwicklungsländer wesentlich schwieriger, an der globalen Produktion von Automobilen teilzunehmen. In dieser Industrie werden relativ fortgeschrittene Technologien benutzt, die überdurchschnittliche Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitskräfte stellen. Neue Technologien und hochqualifizierte Arbeitskräfte sind in Entwicklungsländern weniger reichlich vorhanden als in Industrieländern. In der Tat gibt es bislang, gemessen an den weltweiten Produktionszahlen, nur wenige nennenswerte Automobilproduzenten außerhalb der Triade. Eine Reihe von Entwicklungsländern hat aber auch in diesem relativ humankapitalintensiven Bereich bemerkenswerte Fortschritte gemacht (Tabelle 4). Südkorea hat zum Beispiel seinen Anteil an der Weltproduktion von Motorfahrzeugen zwischen 1984 und 1993 nahezu verachtfacht, China hat ihn in etwa vervierfacht und Mexiko verdreifacht. Insgesamt betrachtet hatten Nicht-OECD Anbieter von Motorfahrzeugen mit knapp 20 v.H. bereits im Jahr 1993 einen wesentlich höheren Produktionsanteil, als er jüngst noch in einer OECD Studie für das Jahr 2000 prognostiziert wurde (OECD 1992). Der Unterschied zwischen den erwarteten und den tatsächlichen Marktanteilen neuer Automobilproduzenten wird sich in Zukunft vermutlich noch erhöhen, wenn auch die Transformationsländer in Mittel- und Osteuropa mit Hilfe westlicher Technologien ihre Wettbewerbsfähigkeit in diesem Bereich verbessern. 15 Die lohnveredelten Bekleidungsexporte Ost- und Mitteleuropas in die EU haben sich innerhalb von drei Jahren auf 1,3 Mrd. ECU (1992) verdoppelt (Nunnenkamp et al. 1994, S.76). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 102 Erich Gundlach und Peter Nunnenkarnp Tabelle 4 Die Produktion von Motorfahrzeugen in ausgewählten Entwicklungs- und Transformationsländern, 1984 und 1993 (v.H.)" 1984 I Afrika Rep. Südafrikab 0,6 Asien China 0,7 Indien 0,4 Südkorea 0,6 Lateinarnerika Argentinienb 0,4 Brasilien 2,0 Mexiko 0,8 Mittel- und Osteuropa Früheres Jugoslawienb 0,6 Frühere Sowjetunion 5,2 Frühere Tschechoslowakei 0,5 Polen 0,8 Rumänien 0,3 Ungarn 0,0 Insgesamt 13,3 a Anteile an der Weltproduktion. -b Enthält Montage von Fahrzeugteilen. Quelle: VDA (verseh. Jgg.). 1993 0,6 2,5 0,8 4,4 0,7 3,0 2,3 0,0 3,4 0,5 0,6 0,2 0,1 19,1 Die jüngsten Entwicklungen bei der weltweiten Produktion von Autoteilen sind schwieriger zu beurteilen, da international vergleichbare Statistiken weitgehend fehlen. Aus dem vorhandenen Material läßt sich herauslesen, daß die Produktion von Autoteilen bis in die späten 1980er Jahre hinein mindestens ebenso stark in den Industrieländern konzentriert war wie die Produktion von kompletten Automobilen. Vereinzelte Evidenz deutet allerdings darauf hin, daß sich dies in jüngster Zeit geändert hat: Die wichtigsten Automobilproduzenten in den Entwicklungsländern beziehen inzwischen einen sehr hohen Anteil ihrer Zulieferungen von einheimischen Produzenten von Autoteilen. Dieser Anteil betrug etwa 90 v.H. in Südkorea und über 80 v.H. in Argentinien und Brasilien (OECD 1992). -Mexiko und Südkorea waren im Jahr 1987 zusammen für etwa 11 v.H. der weltweiten Produktion von Automotoren verantwortlich; 1992 war ihr Anteil auf mehr als 17 v.H. gestiegen (UN 1994). Die relativ eigenständige südkoreanische Autoindustrie hat damit begonnen, Autoteile zu exportieren. Dabei ist Japan der Hauptabnehmer. Der Anteil von OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Autbolprozesse oder Abkopplungstendenzen? 103 Autoteilen an den gesamten südkoreanischen Automobilexporten betrug im Jahr 199013 v.H. (VDA 1994). Die Produktion von Automobilen und Autoteilen in Entwicklungsländern kann allerdings noch nicht als Ausweis einer erfolgreichen Teilnahme an den Globalisierungstendenzen dieses Sektors betrachtet werden. Worauf es letztlich ankommt, ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produktion, die allein Wachstum und Beschäftigung auf Dauer sichern kann. Ein Blick auf die OECD Importe von Automobilen und Autoteilen verdeutlicht, daß auch im Handel die Industrieländer dominieren. Einige Entwicklungsländer haben jedoch kräftig an internationaler Wettbewerbsfahigkeit gewonnen: Thr Anteil an den OECD Importen von Straßenfahrzeugen und Teilen (SITC 78) hat sich zwischen 1983 und 1992 mehr als verdoppelt (Tabelle 5). Dabei haben sich insbesondere Mexiko, Südkorea und Taiwan hervorgetan. Diese Länder avancierten somit sogar auf angestammten OECD Märkten zu wichtigen Wettbewerbern. Brasilien bietet ein Gegenbeispiel: Der Anstieg der brasilianischen Produktionsanteile ging offenkundig nicht mit einem Anstieg der internationalen Wettbewerbsfähigkeit einher. Tabelle 5 OECD Importe von Straßenfahrzeugen nach Regionen, 1983 und 1992 (V.H.)b 1983 I Nicht-OECD Länder insgesamt 2,1 Europa (Nicht-OECD) 0,8 Afrika 0,1 Naher Osten 0,0 Ostasien 0,5 China 0,0 Südkorea 0,1 Taiwan 0,4 Lateinarnerika 0,8 Brasilien 0,3 Mexiko 0,4 a SITC 78. -b Anteile an den gesamten OECD Importen von Straßenfahrzeugen. Quelle: OECD (a). 1992 5,5 1,0 0,1 0,0 1,9 0,2 0,7 0,8 2,5 0,3 2,2 Das Vordringen einiger Schwellenländer auf dem Weltmarkt für Automobile ist im wesentlichen mit Hilfe eines Technologietransfers aus den Industrieländern in Gang gesetzt worden. Direktinvestitionen spielten dabei im Fall von Lateinamerika die dominierende Rolle. In Mexiko entfielen im Zeitraum 1988-1992 27 v.H. aller ausländischen Direktinvestitionen im Verarbeitenden Gewerbe auf den Straßen- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 110 Erich Gundlach und Peter Nunnenkamp nen Grund, daß sich nicht auch in anderen Teilen der Welt Wirtschaftswunder wie in Ostasien wiederholen könnten. Die Chancen der Entwicklungsländer, erfolgreiche Aufholprozesse zu starten, sind im Zeitalter der Globalisierung eher besser geworden. Es liegt an den Entwicklungsländern selbst, sie auch zu nutzen. Summary The ongoing globalization of production and markets may encourage a catching up or a falling behind of developing countries (DCs). To assess the likely outcome, the paper explains how globalization proceeds and how it affects the competitive position of DCs. This is highlighted by some sector-specific empirical evidence. The existence of regional networks cannot explain why some DCs initiated a catching up process while others failed to participate in globalization. Successful catching up is explained by domestic economic policies of DCs aiming at macroeconomic stability, a high rate of investment, the provision of public goods, and, most importantly, the integration into the international division of labor. Literaturverzeichnis Asian Development Bank (ADB) (1993): Asian Development Review. 11, No. 1, Manila. Barro, Robert J. (1991): "Economic Growth in a Cross Section of Countries". Quarterly Journal of Economics, 106, S. 407 -443. Barro, Robert J. 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Die bisher in der theoretischen Entwicklungspolitik diskutierten Industrialisierungsstrategien -Importsubstitution und Exportdiversifizierung 1 - sind weitgehend als Veranstaltungen staatlicher Wirtschaftspolitik konzipiert gewesen: Im stilisierten Idealfall entwerfen die zuständigen Träger der Entwicklungspolitik, unterstützt durch bilaterale oder multilaterale Institutionen, Industrialisierungsvorhaben, sorgen für die angemessene Finanzierung aus internen oder externen Quellen (d. h. durch bilaterale finanzielle Zusammenarbeit der Staaten oder Weltbankdarlehen) und vertrauen darauf, daß, wo der Staat nicht selbst aktiv wird, potentielle Produzenten die Investitionsgelegenheiten aufgreifen und entsprechende wirtschaftliche Aktivitäten entfalten. Albert O. Hirschman spricht in seiner klassischen "Strategie,,2 von der Notwendigkeit, "Induktionsmechanismen" zu schaffen, mittels derer die Regierungen Investitionsentscheidungen seitens privater Unternehmer provozieren können. Unternehmer selbst sind also nach dieser (auch von anderen Autoren3 vertretenen) Sichtweise unter den in Entwicklungsländern herrschenden Bedingungen hierzu nicht in der Lage. Heute hat sich die Sachlage geändert: Unternehmen und Unternehmer, die früher zwar international agierten, aber an nationalen Märkten orientiert und an staatliche Unterstützung gebunden waren, überspringen solche Grenzen mittels netzwerkartiger Produktions- und Kommunikationssysteme4: An den verschiedensten Stand- 1 Vgl. den Überblick bei Wagner, NorbertlKaiser, Martin: Ökonomie der Entwicklungsländer. 3. Aufl. Stuttgart/Jena 1995, S. 76 ff., S. 86 ff. 2 Hirschman, Albert, 0.: Die Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung. Stuttgart 1967, S. 23 ff. 3 Vgl. z. B. Griffin, Keith: Alternative Strategies for Economic Development. Houndsmills/Basingstoke/London 1989, S. 100 f. 4 Zu den Gründen und Ursachen dieses Prozesses vgl. Welfens, Paul, J. J.: Internationalisierung von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik. Berlin/Heidelberg/New York 1990, S. 216 ff.; 8 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 114 Heiko Körner orten werden Komponenten produziert, an anderen zu Fertigprodukten kombiniert, die schließlich an wieder anderen Plätzen vermarktet werden. Technisches, organisatorisches und unternehmerisches Wissen sind global genauso fungibel geworden wie Geldkapital auf deregulierten Finanzmärkten, und alle Ressourcen sind am jeweils günstigsten Platz kombinierbar. Unternehmen und Unternehmer müssen also nicht mehr durch Regierungen induziert werden, bestimmte Standorte und Märkte aufzusuchen: Sie suchen sich wirtschaftlich sinnvolle Investitionsgelegenheiten auch in den ärmeren Ländern der Dritten Welt selbst und sind damit zu zunehmend autonomen Entwicklungsfaktoren geworden, mit denen die Regierungen rechnen müssen.5 Partnerschaftliche Beziehungen zwischen den staatlichen und den privaten Trägem der Entwicklung haben insoweit den überkommenen entwicklungspolitischen Etatismus abgelöst6; sie werden immer mehr zur Erfolgsbedingung jeglicher Entwicklungsstrategie. Nicht alle Entwicklungsländer können aus dem laufenden Globalisierungsprozeß als Gewinner hervorgehen: So sehr ausländische Direktinvestitionen, mit ihnen verbundene Wissenstransfers und unternehmerische Initiativen unter günstigen Umständen wesentliche Beiträge zur exportorientierten Industrialisierung leisten können, so sehr können sie Entwicklungsprozesse blockieren, wenn ein falsches Anreizsystem herrscht. 7 Zudem ist nicht sicher, ob die bewirkten Industrialisierungsprozesse nachhaltig in dem Sinne sind, daß sie vor Ort ein wachsendes Wissens- und Innovationspotential generieren, das wiederum eine vertiefte Integration in den Welthandel mit Industriegütern erlaubt. Industrialisierungsfallen der Art, daß manche Länder auf einer ineffektiven Industrie- und Arbeitsteilungsstruktur verharren, sind beim Fehlen solcher Potentiale nicht ausgeschlossen. Diese allgemeinen Thesen sollen im Folgenden anhand ausgewählter Länderbeispiele konkretisiert werden. B. Die Länderbeispiele wurden so gewählt, daß sie jeweils als repräsentativ für bestimmte industrie- und handelspolitische Konstellationen gelten können. Zusätzlich wurde die unterschiedlich ausgeprägte Attraktivität für Direktinvestitionen berücksichtigt. vgl. auch zusammenfassend UNCTAD: World Investment Report 1994. New York/Geneva 1994, S. 117ff. 5 Auf die veränderte Rolle des Staates im globalisierten Entwicklungsprozeß der Drittweitländer weist hin: Mittelman, James, H.: The globalisation challenge: surviving at the margins, in: Third World Quarterly, Vol. 15 (1994), S. 427 ff. 6 Serageldin, Ismail: Nurturing Development. Aid and Cooperation in Today's changing World. Washington, D.C. 1995, S. 69 ff. 7 Agosin, Manuel, R.lTussie, Diana: Trade and Growth: New Dilemmas in Trade Policy - An Overview, in: Agosin, Manuel, R.lTussie, Diana (eds.): Trade and Growth. New Dilemmas in Trade Policy. Houndsrnills (Basingstoke) London 1993, S. 1 ff., insbes. S. 25 ff., 32 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 0:1 Übersicht: Länderklassifikation nach Einkommen, Exportentwicklung und Außenhandelsregime, 1992 (I) (2) (3) Landl Einkommenskategorie Exportkonzentration Anteil verarbeiteter Stand: 1992 3 Produkte bestreiten Güte,-J am Exportwert Wachstum der Ypc. 1980-92 ... v. H. des Exportwertes v.H. Afrika Kenia niedrig, 0,2 v.H. 52 A2 29 Simbabwe niedrig, -0,9 v.H. 46 A,E 32 Marokko mittel, untere Kat., 1,4 v.H. 22 M 55 Tunesien mittel, untere Kat., 1,3 v.H. 19 P 73 Asien Indien niedrig, 3,1 v.H. 8 - 71 Pakistan niedrig, 3, I v.H. 15 -79 Thailand mittel, untere Kat., 6,0 v.H. 14 -66 Malaysia mittel, obere Kat., 3,2 v.H. 24 P,N 61 Südamerika Peru mittel, untere Kat., -2,8 v.H. 47 E 20 Guatemala mittel, untere Kat., - 1,5 v.H. 40 A 30 Kolumbien mittel, untere Kat., 1,4 v.H. 44 A,P 32 Mexiko mittel, untere Kat., -0,2 v.H. 33 P 53 I: Die Länder sind nach Weltbankklassifikation in der Reihenfolge des Pro-Kopf-Einkommens geordnet 2: A = Agrarprodukte; E = Erze. M = Mineraldünger; N = Naturrohstoffe; P = Erdöl 3: genauer: Gesamtexportwert (= 100 v.H.) abzüglich Brennstoffe, Mineralien. Metalle und sonstige Rohstoffe 4: nicht-tarifäre Handelsbarrieren Quellen zu den Spalten: (4) Veränderung des Exportwertes v. H. jd. 1980-92 4,1 6,5 5,5 6,4 5,9 11,1 14,7 11,3 2,5 0 12,9 1,6 (5) Außenhandelsregime 1980-89 Zölle INTB 4 hoch I hoch mitteil niedrig mitteil hoch ... 1 ... hoch I hoch hoch I hoch mitteil niedrig mitteil niedrig hoch I hoch ... 1 ... hoch I hoch niedrig I niedrig (I) Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1994, Washington, D.C. 1994, S. 200f. -(2) The World Bank: Global Economic Prospects and the Developing Countries 1994, Washington, D.C., S. 82f. -(3) Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1994, op. cit., S. 228f. -(4) Ebendort, S. 224f. - (5) UNCTAD: Trade and Development Report 1992, New York 1992, S. 105. & ~ :::t. ::; < n> e. :::t. o ::; g c: 6- ~ ~ :I. g ~. 8: c: a. ~ ~. Jg - VI OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 116 Heiko Körner Die Übersicht zeigt die handelspolitischen Charakteristika der ausgewählten Länder; Tab. 1 enthält Daten zur Entwicklung und zum Bestand ausländischer Direktinvestitionen in diesen Ländern. Bei der Betrachtung der Übersicht fallt auf, daß sich in jedem Entwicklungskontinent im Hinblick auf die Einkommensentwicklung ärmere und reichere Länder gegenüberstellen lassen, wiewohl erhebliche Niveauunterschiede zwischen den einzelnen Kontinenten herrschen: Stehen in Afrika mit Kenia und Simbabwe (nach Weltbankeinteilung) zwei Niedrigeinkommensländer den zwei Mitteleinkommensländern Marokko und Tunesien gegenüber, so bietet Asien ein schon differenzierteres Bild: Indien und Pakistan gehören (nach Weltbankmaßstab) zu den Niedrigeinkommensländern, Thailand zu den Mitteleinkommensländern (untere Kategorie), Malaysia aber schon zu den Mitteleinkommensländern der oberen Kategorie. In Südamerika finden sich mit Guatemala, Kolumbien, Peru drei Länder des Mitteleinkommens der unteren Kategorie, während Mexiko ein Land mittleren Einkommens oberer Kategorie darstellt. Wie die Übersicht (Spalte (1)) zeigt, treten entsprechende Unterschiede auch bei den Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts auf: Die Länder niedriger Einkommenskategorie weisen in der Regel auch niedrigere Wachstumsraten auf, allerdings wiederum mit deutlichen Niveauunterschieden nach Kontinenten: In Afrika und Südamerika zeigen sich (als Ergebnis endemischer Schuldenkrisen und Anpassungsprobleme) eher Stagnation oder Schrumpfung, wo in Asien schon vergleichsweise ansehnliche Zuwächse zu verzeichnen sind. Solche Unterschiede fallen auch bei den in Tab. 1 (Spalte (4)) ausgewiesenen Investitionsquoten auf. Die ärmeren Länder niedriger oder mittlerer (unterer) Kategorie wenden relativ wenig (etwa 20 v.H. des Bruttoinlandsprodukts) für Sachkapitalbildung auf. Wiederum sind die Aufwendungen der ärmeren Länder in Asien mit den Leistungen der Länder mit besserem Wachstumsergebnis in den beiden anderen Kontinenten vergleichbar. An der Spitze der Investitionsleistung liegen, wie zu erwarten, die beiden asiatischen Wachstumsländer Thailand und Malaysia mit jeweils 40 bzw. 34 v.H. im Jahre 1992.8 Die Gründe für solche nicht zu übersehenden Unterschiede in der allgemeinen Wirtschaftsleistung können möglicherweise in der Intensität des Strukturwandels, gemessen an der Veränderung des Anteils der Wirtschaftsbereiche an der Entstehung des Bruttoinlandsprodukts9, gesehen werden. Tatsächlich weisen die ärmeren Länder für den Agrarsektor Anteilswerte von rund 20 bis 30 v.H. (Indien sogar mit 32 v.H. noch mehr) auf, während dieser Sektor in den Ländern mit besserer Wachstums- und Investitionsleistung in der Regel unter 20 v.H. zum Bruttoinlandspro- 8 Lt. Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1994, Washington, D.C. 1994, S. 217, liegen diese Investitionsquoten auch weit über der mit 24 v.H. ausgewiesenen durchschnittlichen Investitionsquote aller Länder der oberen Einkommenskategorie. Im übrigen ist darauf hinzuweisen, daß aus dem reinen Korrelat zwischen Wachstumsraten und Investitionsquote noch keine Kausalbeziehung unmittelbar hergestellt werden darf. 9 Vgl. Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1994, a. a. 0., S. 204 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Tabelle 1: Entwicklung ausländischer Direktinvestitionen (ADI) in ausgewählten Drittwelt-Ländern 1980-1992 (I) (2) Land! ADl-ZuJluß (Mio. US $) ADI-Inlandsbestand 1982-87 1988-92 (Mio. US $) Gd.) Gd.) 1980 1992 Afrika Kenia 24 29 666 6682 Simbabwe -4 -3 70232 25762 Marokko 42 232 3052 17792 Tunesien 150 144 548 32122 Asien Indien 89 173 II 77 1951 2 Pakistan 86 249 690 23142 Thailand 287 1891 981 121102 Malaysia 844 2635 6078 225842 Südamerika Peru 9 49 898 13742 Guatemala; 74 128 442 9282 Kolumbien 597 505 1061 47472 Mexiko 1294 3678 89922 379842 1: Die Länder sind nach Weltbankklassifikation in der Reihenfolge des Pro-Kopf-Einkommens geordnet 2: Schätzungen bzw Hochrechnungen 3: 1991 Quellen zu den Spalten: (3) (4) ADI-Quote 1992 Investitionsquote 1992 (ADI I Bruttoinvest.) (Bruttoinvest. I BIP) (v. H.) (v. H.) 0,5 17 .. . 20 20,0 23 10,0 26 0,23 23 4,3 21 5,63 40 24,03 34 1,9 16 6,9 18 12,5 18 8,63 24 (I), (2), (3) UNCTAD: World Investment Report 1994, New York I Geneva 1994, Annex Tables, S 407ff., (4) Weltbank: Weltentwicklungsbericht 1994, Washington, D.C. 1994, S. 216f. ~ ~ r::. ~ Vl r:: . r::. ~ '" :s 0- ("0 1 g' r::. ~ - g. s. ~ l' - ::::; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 118 Heiko Körner dukt beisteuert. Ausnahmen bilden allerdings Malaysia mit 29 v.H. einerseits und Mexiko mit 8 v.H. andererseits. Insgesamt gesehen ist die Ausprägung der Werte für den Agrarsektor aber nicht so deutlich, daß hieraus eindeutige Schlüsse abzuleiten sind: Ein verhältnismäßig hoher Anteil wie in Malaysia heißt nicht, daß dort Wachstum unmöglich sei; und -im anderen Extrem -ein mit 19 v.H. deutlich geringerer Anteil des Agrarsektors in Peru verbürgt noch lange nicht eine hohe Wachstumsleistung. Offensichtlich sind es eher außenwirtschaftliche Faktoren, die die unterschiedliche Leistungsfähigkeit erklären. Die Betrachtung der Veränderung des Exportwertes allein gibt auch keine stichhaltigen Hinweise. Wenn man von den Ländern Südamerikas absieht (allerdings mit Ausnahme Kolumbiens), lassen sich ausweislieh der in der Übersicht (Spalte (4)) enthaltenen Daten für die Entwicklung der Exportwerte keine ins Gewicht fallenden Diskrepanzen zwischen den Wachstumsraten feststellen: Die Exporte der ärmeren Länder Afrikas sind nicht langsamer gewachsen als die der Länder mit besserer Wirtschaftsleistung. Auch Indien hat mit fast 6 v.H. eine ansehnliche Leistung aufzuweisen. Spitzenreiter wiederum sind (in diesem Falle auch) Pakistan, Thailand, Malaysia und Kolumbien. Mexiko hingegen zeigt mit 1,6 v.H. das vergleichsweise schlechteste Exportwachstum. Die schlechte Position der ärmeren Länder wird eher durch den Vergleich der jeweiligen Exportstrukturen und der Entwicklung der Weltmarktpreise für die exportierten Güter erklärbar: Nach der Übersicht (Spalte (2)) weisen alle Länder mit geringer Wirtschaftsleistung in Afrika und Südamerika eine verhältnismäßig hohe Konzentration der Exporte auf Waren mit kritischer Preisentwicklung auf. 10 In Kenia entfallen 52 v.H. des Exportwertes auf Kaffee, Tee und Trockenfrüchte; Güter, für die im betrachteten Zeitraum (1980-92) ein gravierender Preisverfall zu beobachten war. Bei Simbabwe konzentrieren sich 46 v.H. des Exportwertes auf Tabak, Nickel und Baumwolle, wobei nur Nickel eine steigende Preistendenz aufweist. Peru verzeichnet eine Exportkonzentration von 47 v.H. auf Metallerze und Tierfutter, also auf Güter mit ebenfalls mäßiger Preisentwicklung. Und die Exporte Guatemalas schließlich konzentrieren sich zu fast 40 v.H. auf Kaffee, Bananen und Rohrzucker, wobei nur die Preise für Bananen in etwa konstant blieben, während die Preise der anderen Güter merkliche Einbußen hinnehmen mußten. So ergibt sich das gewohnte Bild: Auch in den achtziger Jahren ist es den ärmeren Anbietern von agrarischen und mineralischen Rohstoffen nicht gelungen, sich aus dem circulus vitiosus zwischen sinkenden (und zudem stark schwankenden) Exportwerten und geringer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit bzw. (gemessen an den gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten) negativer Produktivitätsentwicklung zu lösen. Hieran ist natürlich zum guten Teil der Protektionismus der Industrieländer besonders im Rohstoffhandel schuld. Doch tragen auch die ärmeren Länder in Afrika und Südamerika zu dieser Lage bei. Denn deren Außenhandelspolitik ist 10 Vgl. The World Bank: Global Econornic Prospects and the Developing Countries 1994. Washington, D.C. 1994, S. 78 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Direktinvestitionen und exportorientierte Industrialisierung 119 nicht nur -wie die Übersicht (Spalte (5» ausweist -insgesamt durch erhebliche Protektion mittels Zöllen und nichttarifären Barrieren (NTB) gekennzeichnet, sondern auch durch eine z.T. starke Protektion der Produktion einzelner Agrarexportgüter, um vorhandene Diskriminierungen und Preisverzerrungen auszugleichen. 11 Die wirtschaftlich erfolgreicheren Länder hingegen weisen (bis auf Indien und Pakistan) nicht nur wesentlich liberalere Außenhandelsregime auf, sie haben es auch vermocht, den Anteil von Primärprodukten (bis auf Erdöl) am gesamten Exportwert zwischen 1965 und 1990 zum Teil ganz erheblich zu senken 12: In dieser Zeit ging der Anteil der agrarischen und mineralischen Rohstoffe am Exportwert Thailands um 62 v.H., Malaysias um 61 v.H., Marokkos um 50 v.H. und Pakistans um 43 v.H. zurück. Die Exportkonzentrationsquote sank dementsprechend auf Werte zwischen 14 und 24 v.H., und der Anteil der Exporte verarbeiteter Waren stieg - wie die Übersicht (S. (3» ausweist -auf Werte zwischen 55 und 79 v.H. Die Angaben in Tab. 1 zur Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen in den ausgewählten Ländern belegen, daß es letztlich die im Hinblick auf die Exportstrukturreform erfolgreichen, und gemessen am wirtschaftlichen Wachstum produktivitätsstarken Länder mit geringer oder mäßiger außenwirtschaftlicher Regulierungsdichte sind, die auch einen z.T. erheblichen Zustrom von ausländischen Direktinvestitionen zu verzeichnen haben: Wahrend der Zustrom nach Kenia stagnierte, und Simbabwe sogar einen ständigen Abfluß hinnehmen mußte, hat sich in Afrika der Direktinvestitionsbestand in Marokko und Tunesien zwischen 1980 und 1992 etwa jeweils versechsfacht. Besonders in Marokko ist zudem der Beitrag ausländischer Direktinvestitionen zur gesamten Bruttoinvestition mit 20 v.H. erheblich. In Asien ist der Bestand Indiens während der achtziger Jahre nur leicht gestiegen. Derjenige Pakistans wie auch Malaysias hat sich dagegen mehr als verdreifacht, wobei allerdings deutliche Unterschiede im Niveau zu berücksichtigen sind: Der Direktinvestitionsbestand in Malaysia ist mit 22,6 Mrd. US $ etwa zehn mal so hoch wie der Pakistans. Außerdem ist in diesem Land der Beitrag der ausländischen Direktinvestitionen an den gesamten Bruttoinvestitionen mit 24 v.H. besonders hoch. Den "größten Sprung" im Bestand ausländischer Direktinvestitionen in den Ländern Asiens hat allerdings Thailand gemacht: Hier hat sich der Bestand innerhalb von 12 Jahren (bis 1992) verzwölffacht. Der Auslandsanteil an der Bruttoinlandsinvestition ist hingegen nur durchschnittlich geblieben -vielleicht, weil hier die Finanzierung der an sich beträchtlichen Investitionsquote aus anderen Quellen dominiert. In Südamerika haben Peru und Guatemala wachsende, aber in ihrem absoluten Wert unbedeutende Direktinvestitionsbestände zu verzeichnen. In Kolumbien wie auch in Mexiko hat sich der Bestand ausländischer Direktinvestitionen zwischen 1980 und 1992 mehr als vervierfacht, wobei der Bestand Mexikos mit knapp 11 Ebenda, S. 42 f. 12 Ebenda, S. 35 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 126 Heiko Körner Die wenigen verfügbaren und in Tab. 3 (Sp. (5), (6) und (7» wiedergegebenen Daten über die Bestände an Wissenschaftlern und Technikern, über Personal in Forschung und Entwicklung und Abschlüsse im tertiären Bildungssystem in den einzelnen Ländern vermitteln keinen eindeutigen Eindruck: Die nordafrikanischen und die südamerikanischen Erfolgsländer sind in dieser Hinsicht eher schwach entwickelt; besonders Thailand und -etwas schwächer -Malaysia erscheinen hingegen auch hier als Spitzenreiter. Nicht unproblematisch ist aber auch im Falle dieser beiden Länder die verhältnismäßig geringe Forschungs- und Entwicklungsaktivität der ansässigen privaten Unternehmungen: Während etwa in Südkorea und Taiwan gegen Ende der achtziger Jahre von den dort ansässigen Unternehmungen etwa 1,3 v.H. bzw. 0,6 v.H. des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben wurden, wurden in Malaysia und Thailand gerade 0,1 v.H. und 0,03 v.H. für solche Zwecke aufgewandt.27 Dieser Sachverhalt mag durchaus zur Skepsis Anlaß geben. Er kann aber auch als Reflex der Tatsache interpretiert werden, daß Malaysia und Thailand die erste Phase des exportorientierten Industrialisierungsprozesses, nämlich die nur schwach integrierte Montagefertigung, erst kürzlich verlassen haben. Im Sinne von learning-by-doing-Prozessen kann die Aufnahme z. B. einer eigenen lokal integrierten Kraftfahrzeugfertigung als beste Voraussetzung zur Herausbildung einer eigenständigen technologischen Basis gesehen werden, weil hier -anders als bei der Montagefertigung einfacher Konsumgüter -Unternehmerfunktionen wie auch Forschung und Entwicklung von der Produktion nicht abtrennbar sind.28 Das Verhältnis von Infrastrukturbereitstellung, Ausbildungspolitik und nachhaltiger Exportindustrialisierung kann unter nochmaliger Anlehnung an Hirschman29 allgemein so beschrieben werden, daß erstere zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für ein dauerhaftes industrielles Wachstum darstellen: Solche Ausgaben werden für die Industrialisierung unproduktiv bleiben, wenn sie nicht durch die Aktivität von forschungs- und entwicklungsintensiven Industrien vor Ort genutzt und zugleich in eigenständige Wissens- und Technologieentwicklung umgesetzt werden. Hinreichende Bedingung dürfte es also sein, daß die Ansiedlung von Industrien durch spezifische Anreize gefördert wird, bei denen, anders als bei der Auslagerung von Produktionssegmenten und der Veredelungsmontage, Unternehmerfunktionen und Technologieentwicklung an denselben Standort gebunden sind wie die Produktion. Die Kraftfahrzeugherstellung ist prototypisch hierfür, aber es lassen sich solche Konstellationen auch bei der Fertigung mikroelektronischer Geräte finden, wie Beispiele aus Taiwan und Südkorea belegen. Bleibt die durch Auslandsinvestitionen vorangetriebene Industrialisierung jedoch bei der Bekleidungs- und Textilindustrie, bei der Montage von Einzelteilen und bei der Fertigung einfacher Gebrauchsgüter stehen, so wird eine technologi- 27 UNCTAD: World Investment Report 1994, a. a. 0., S. 73. 28 Vgl. Nunnenkamp, Peter/Gundlach, ErichlAgarwal, Jamuna P., a. a. 0., S. 44 ff. 29 Hirschman, Albert, 0., a. a. 0., S. 78 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Direktinvestitionen und exportorientierte Industrialisierung 127 sche Basis nicht provoziert werden, auch wenn die Regierungen große Aufwendungen z. B. für allgemeine Alphabetisierung machen. Das kann zwar wichtige Voraussetzungen für den Erfolg der Armutsbekämpfung und den Abbau von Diskriminierungen schaffen.30 Regierungen werden aber nicht verhindern können, daß im Hinblick auf die Attraktion von ausländischen Direktinvestitionen zunächst relativ erfolgreiche Länder wie Marokko, Tunesien und Kolumbien sich in der "Heckscher-Ohlin-Güterfalle" verfangen, wenn sie nicht spezifische Anreize für die Humankapitalbildung und den Technologietransfer gewähren. Denn nur durch die Produktion von sog. "Schumpeter-Gütern" werden sie die Früchte der Globalisierung in dem Maße genießen können wie die asiatischen Länder, weil sie nur so über den Status einer "verlängerten Werkbank" der regionalen Integrationsräume hinausgelangen können. 30 So mit Recht UNDP: Human Development Report 1992. New York/Oxford 1992, S. 68 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussion zu den Referaten von Erich Gundiaeh, Peter Nunnenkamp und Heike Körner Zusammengefaßt von Arndt Rölike Die Diskussion, die weitgehend von einer Übereinstimmung mit den von Gundlach und Nunnenkamp vorgetragenen Thesen bestimmt war, konzentrierte sich im wesentlichen auf die folgenden vier Themenkomplexe: -die regionale Auswirkung der Globalisierung innerhalb der Staaten -die Verteilung der Gewinne, die aus der Globalisierung resultierten -die Möglichkeit, mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erklären, sowie -die Beurteilung der Entwicklung Indiens. Hinsichtlich des ersten Themenkomplexes wurde betont, daß Staaten häufig nicht als einheitliche Wirtschaftsräume angesehen werden könnten. Von daher sei es auch nicht verwunderlich, daß die Globalisierung unterschiedliche Konsequenzen für die einzelnen Regionen nach sich zögen. So wären beispielsweise in Mexiko die nördlichen, weitestgehend entwickelten Regionen nachhaltig am Globalisierungsprozess des Landes beteiligt gewesen. Dies könne aber nicht auch von den südlichen, armen Regionen des Landes behauptet werden. Auch Thailand wurde als Beispiel für starke regionale Entwicklungsunterschiede angeführt. An diese Beobachtung anknüpfend wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit das Flying Geese Prinzip, dh das Prinzip, daß reichere Länder in der Entwicklungshierarchie aufsteigen und damit ärmeren Ländern Platz zum Nachrücken schaffen, auch auf die regionalen Gebiete innerhalb eines Landes anzuwenden sei. Weiterhin wurde das Problem der Verteilung der aus einer Globalisierung resultierenden Gewinne angesprochen. So sei zwar in den vergangenen Jahren eine zunehmende Globalisierung festzustellen gewesen. Jedoch sei ebenfalls ein Anstieg der Armut beobachtbar gewesen. Dies lege die These nahe, daß die Gewinne der Globalisierung weitgehend auf kleine Bevölkerungsgruppen konzentriert blieben. Hieraus wiederum könnte sich ein verstärkter Widerstand gegen einen globaleren Wettbewerb ergeben. Armut, so wurde jedoch ebenfalls angeführt, sei letztlich ein Verteilungsproblem. Somit stelle sich im Hinblick auf die Armut die Frage, inwieweit die einzelnen Länder es schafften, die Profite aus der wachsenden Einbindung in den Welthandel umzuverteilen. Allerdings stelle sich auch hierbei das grund- 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 130 Diskussionszusammenfassung sätzliche Problem, ob man zuerst ein Wachstum anstreben solle und dann die Umverteilungsproblematik angehen solle oder man stattdessen gleichzeitig ein Wachstum und eine gerechte Verteilung erstreben solle mit der Folge, dann sich aus der Umverteilung ergebende negative Auswirkungen auf das Wachstum in Kauf nehmen zu müssen. Mit der Feststellung, daß Armut ein Verteilungsproblem sei, müsse auch eine weitgehende Abkopplung der Armutfrage von dem Problem der Globalisierung erfolgen, da die Weltwirtschaft eine gezielte Umverteilung nicht leisten könne. Allerdings, so wurde ebenfalls konstatiert, sei das Problem der Armut auch eine Frage der inneren Offenheit und diese wiederum sei nicht abkoppelbar von den Weltmarktstrategien, die ein Staat verfolge. Eine weitere in der Diskussion aufgeworfene Frage war, inwieweit es möglich sei, eine mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder zu erklären. Hierbei wurde zunächst ein methodisches Problem angesprochen. In letzter Zeit sei in den Wirtschaftswissenschaften eine verstärkte Abwendung von Einzelerklärungen hin zu Bündelerklärungen zu beobachten. Hierbei werde jedoch vernächlässigt, daß mit zunehmendem Umfang der Erklärungsfaktoren, wie beispielsweise Kostenfaktoren, Umweltbedingungen, Standortbedingungen und staatlicher Regulierung, der Erklärungsgehalt der Bündelerklärungen immer weiter abnehme. Dem wurde entgegengehalten, daß es auch Beispiel gebe, in denen gerade Bündelerklärungen weitergeführt hätten. Dies gelte etwa für die Theorie der Contestable Markets. Hier habe gezeigt werden können, daß es tatsächlich nicht auf einzelne Faktoren, wie etwa Anbieteranzahl oder Marktanteilsverteilungen zwischen einzelnen Unternehmen, ankomme, sondern stattdessen lediglich auf die generelle Bestreitbarkeit von Märkten, die sich aber nicht an einzelnen Faktoren ablesen ließe. Ebenso wurde angeführt, daß es generell in Sozialwissenschaften schwierig sei, einzelne Ursache-Wirkungs-Beziehungen herauszukristalisieren. Mittel hierfür sei die Theorie und hierbei insbesondere die Modellbildung. Hieran ändere auch nicht das Faktum etwas, daß die empirische Überprüfung der Modelle ein weiteres Problem aufwerfe. Einschränkend im Hinblick auf die Modellerklärung wurde allerdings angeführt, daß Modelle zwar grundsätzlich in der Lage seien, Einflußfaktoren oder eine Reihe von Einflußfaktoren anzugeben. Jedoch bei der Frage, welche spezifischen Faktoren ausschlaggebend seien, käme es doch wieder auf den konkreten Kontext, dh das konkrete Land und seine individuelle Situation, an. Ebenso wurde das Problem der Pfadabhängigkeit angeführt. So ginge der Aspekt der Pfadabhängigkeit verloren, wenn man sich im Rahmen einer kurzfristigen Betrachtung ausschließlich darauf konzentriere, welches Land im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit aufsteige und welches absteige. Dem Einwand der Pfadabhängigkeit wurde jedoch entgegengehalten, daß dieser Gedanke letztlich auf der Annahme von Skalenerträgen beruhe. Für derartige Skalenerträge gebe es aber keine empirische Evidenz. Als letzter Themenkomplex wurde das Beispiel Indien diskutiert. So zeige Indien gleich von zwei Seiten eine Sättigungsgrenze auf. Zum einen sei für Indien, das 3 Milliarden US$ FDI auf sich gezogen habe, eine Grenze des Wachstums sol- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Diskussionszusammenfassung 131 cher ausländischen Direktinvestitionen erreicht. Zum anderen scheine aber auch die Grenze der Absorptionsfähigkeit von FDI erreicht zu sein. Weiterhin wurde für Indien die These vertreten, es befände sich in einer Heckscher-Ohlin-Falle. In Indien sei eine immer weitergehende Spezialisierung auf Textilien zu verzeichnen. Aufgrund einer manglenden Diversifizierung habe es dadurch auch keine Aufstiegsmöglichkeiten in höhere Technologien. Möglicher Grund für dieses Phänomen könne die starke Binnenmarktorientierung des Landes sein. Dem wurde allerdings der statische Charakter des Heckscher-Ohlin-Modells entgegengehalten. So gebe es auch Gegenbeispiele von Ländern insbesondere im ostasiatischen Raum, bei denen eine solche weitergehende Spezialisierung nicht zu verzeichnen sei. Insofern sei das Problem einer Heckscher-Ohlin-Falle, wie sie für Indien zutreffen möge, im Hinblick auf die Gesamtbeurteilung der Globalisierung als nicht allzu schwerwiegend einzuschätzen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Umweltschutz und Entwicklung durch Schaffung eines Marktes für handelbare Emissions-Zertifikate Von Udo Ernst Simonis, Berlin In some cases creativity requires the use of conventional policy instruments in unconventional ways, but in others it requires the use of unconventional instruments in unconventional ways. Thomas H. 1ietenberg A. Die Idee und ihr politischer Hintergrund Im .. Berliner Mandat", dem wichtigsten Ergebnisdokument der 1. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention, das am 7. April 1995 beschlossen wurde, heißt es in Bezug auf die Formulierung und Umsetzung einer globalen Klimapolitik unter anderem: .. Die Vertragsparteien sollen auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen." Und weiter: .. Angesichts des globalen Charakters der Klimaänderungen (sind) alle Länder aufgerufen ... , so umfassend wie möglich zusammenzuarbeiten; für entwickelte Länder (sollen) sowohl Politiken und Maßnahmen als auch quantifizierte Begrenzungs- und Reduzierungsziele für bestimmte Zeithorizonte wie 2005, 2010 und 2020 ... festgelegt (werden)." Und dann: .. Der Prozeß sollte unverzüglich beginnen ... I Bezüglich einer solchen Maßnahme, die Industriewie Entwicklungsländer betrifft, ,joint implementation", beschloß die Vertragsstaatenkonferenz, ..... eine Pilotphase für die zwischen Annex-I-Parteien sowie auf freiwilliger Basis auf deren Wunsch auch mit Nicht-Annex-I-Parteien gemeinsam umgesetzten Aktivitäten einzurichten"; während dieser Pilotphase soll ein ..... Rahmen für eine transparente, genau bestimmte und glaubwürdige Berichterstattung über mögliche weltweite 1 Abschlußdokument ,,Berliner Mandat" im Original und in Übersetzung abgedruckt in: Umwelt und Entwicklung. Nachrichten, Berichte, Interviews, Sonderausgabe Klimakonferenz, Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mai 1995. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 134 Udo Ernst Simonis Vorteile und über die ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen sowie über praktische Erfahrungen oder technische Schwierigkeiten festgelegt (werdenl Die Idee zu dem vorliegenden Beitrag entstand vor diesem Hintergrund. Die Frage, die ansteht, lautet: Wie müßte ein zu etablierendes Instrumentarium zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen aussehen, das tendenziell zugunsten der Entwicklungsländer wirkt, das heißt globalen Umweltschutz und globale Entwicklung ermöglicht und zugleich Effizienzwie Gerechtigkeitskriterien genügt. Die Antwort, die im folgenden begründet wird, lautet: durch Schaffung eines Marktes, wo bisher kein Markt existiert, durch Einführung international handelbarer Emissions-Zertifikate3. B. Theoretische Zusammenhänge Drei zentrale Themen dominieren die Formulierung eines internationalen Treibhausgas-Regimes, in Form eines "Klima-Protokolls" zur in Kraft getretenen Klimarahmenkonvention: Effizienz (efficiency), Gerechtigkeit (equity) und Entscheidung unter Unsicherheit (uncertainty). Drei Instrumentarien beherrschen die Frage der praktischen Umsetzung eines solchen Protokolls: die Einführung internationaler Abgaben (carbon taxJCOrcharge), gemeinsame Umsetzung von Maßnahmen (joint implementation) und international handelbare Emissions-Zertifikate (tradeable emission entitlementslemissions trading). Dem zweiten Thema und dem dritten Instrumentarium gilt das besondere Augenmerk in der folgenden Diskussion. I. Internationale Emissions-Abgaben Pearce (1991) hat die Argumente zusammengefaßt, die für den Einsatz einer Kohlendioxid-Abgabe bzw. Kohlenstoff-Steuer (carbon tax) als Instrument einer globalen Klimapolitik sprechen.4 Als zentrales Argument nennt er jenes von 2 Abschlußdokument "Gemeinsame Umsetzung" im Original und in Übersetzung abgedruckt in: Umwelt und Entwicklung, Nachrichten, Berichte, Interviews, Sonderausgabe Klimakonferenz, Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Mai 1995. 3 Ökonomen haben nicht wenig zur Begriffsverwirrung -und damit wohl auch nicht gerade zur benutzerfreundlichen Umsetzung dieses Ansatzes beigetragen. In der englischsprachigen Literatur fand ich zwölf äquivalente Begriffe zu "tradeable emission certificates", in der deutschsprachigen Literatur sechs zu dem der "handelbaren Emissions-Zertifikate". 4 Bei den im folgenden genannten konkreten Beispielen von Treibhausgasemissionen handelt es sich um Kohlendioxid-(COr )Emissionen bzw. den diesen entsprechenden Kohlenstoff (C) -Verrechnungsfaktor 3,67: 1. Werden weitere Treibhausgase (wie z. B. Methan, C~ und Distickoxid, N2 0) in das Klimaregime bzw. die klimapolitische Diskussion einbezogen, empfiehlt es sich, diese in COrÄquivalenzen auszudrücken, um möglichst eine gemeinsame "Währungseinheit" auf dem Markt der Emissions-Zertifikate einzuführen und zu behalten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Umweltschutz durch Schaffung eines Marktes für Emissions-Zertifikate 135 Baumol/Oates (1975), nämlich, daß eine Steuer die Reduzierung der Emissionen insgesamt zu minimalen Kosten ermöglicht. Eine gegebene Steuer wird Emittenten mit niedrigen Grenzvermeidungskosten zur Emissionsreduzierung veranlassen, während solche mit hohen Grenzvermeidungskosten es passender finden werden, die Steuer zu zahlen. Generell gesagt: Steuern nutzen den Marktmechanismus zur optimalen Anpassung an das Treibhausproblem, während direkte staatliche Regulierung im Einzelfall extrem teuer sein kann; TIetenberg (1990) hat in einer vergleichenden Studie über die USA feststellen können, daß das Verhältnis von "command-and-control costs" zu "least-cost measures" im Schnitt bei 4:1 liegt. Pearce fügt vier weitere Vorteile einer Kohlenstoff-Steuer hinzu: Erstens können mit ihren Erlösen andere Steuern substituiert werden (Aufkommensneutralität). Zweitens eröffnet das Erlöspotential die Möglichkeit zu größeren Ressourcentransfers von Nord nach Süd. Drittens impliziert sie einen anhaltenden Anreiz zum umweltentlastenden strukturellen Wandel der Wirtschaft und viertens kann sie bei neuer (wissenschaftlicher) Informationslage über das Klimaproblem relativ leicht modifiziert werden. Es gibt indes auch mehrere Nachteile einer internationalen Kohlenstoff-Steuer, die es zu beachten gilt. Weil die Preiselastizitäten des Angebots an und der Nachfrage nach Brennstoffen nur annäherungsweise bekannt sind, insbesondere bei den Größenordnungen, um die es im konkreten Fall ginge, besteht erhebliche Ungewißheit über das erreichbare quantitative Volumen der Emissionsreduzierung (hierzu zwei einfache Annahmen in Abbildung 1). Zum anderen wird die Inzidenz einer Kohlenstoff-Steuer generell als regressiv eingeschätzt. Der reale Verteilungseffekt einer Steuerlösung ist zudem meist verdeckt, der einer Mengenlösung dagegen - wie noch zu zeigen sein wird -zumindest in der ersten Runde transparent. A P, t I ---t Q, B P, t Abb. I: Reduktionswirkung einer Kohlenstoff-Steuer auf fossile Brennstoffe, zwei Fälle OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 142 Udo Ernst Simonis nehmen teilnehmen. Regierungen behielten die internationale Verpflichtung, daß die Zertifikate den tatsächlichen Emissionen entsprechen. Handel auf der Ebene von Unternehmen vergrößert dagegen die technischen Optionen der Emissionsminderung. Doch könnte so das Volumen des Handels unüberschaubar groß werden. Die größere Sorge aber ist die um eine mögliche Kartellbildung. Die Antwort auf diese Frage wird zunächst von der Zahl der Marktteilnehmer abhängen, was für eine größere Zahl spricht. Setzte man z. B. bei den Produzenten und Importeuren von kohlenstoffhaltigen Rohstoffen an, so schätzt Maier-Rigaud den Zertifikate- Markt in der Europäischen Union auf 500 Akteure. Wie bei anderen Märkten, gibt es also auch hier ein starkes Argument für ,je mehr Marktteilnehmer umso besser" -und dies schließt die Entwicklungsländer, aber auch den privaten Zertifikate- Handel mit ein. Es gibt allerdings auch andere Möglichkeiten, eine Vermachtung des entstehenden Zertifikate-Marktes zu verhindern. Regelmäßige Runden zur Neu-Zuteilung bzw. zum Replacement der Zertifikate könnten für einen liquiden und flexiblen Markt sorgen. Regeln gegen das Horten und gegen Preisabsprachen könnten vereinbart werden. Und die letzte, durchgreifende Sanktion gegen Fehlverhalten hieße "exit", was allerdings alle Marktteilnehmer schlechter stellen würde. 11. Flexibilität Emissions-Zertifikate sollten nicht unendlich lang Geltung behalten. Obwohl etwaige "Ewigkeits-Zertifikate" nicht notwendigerweise eine Revision (insbesondere eine Verschärfung) des globalen Emissionsziels verhindern würden -man könnte sie ja teilweise dem Markt entziehen oder sie regelmäßig abwerten - spricht vieles für zeitlich nur begrenzt gültige Zertifikate. Einmal, weil nicht von Anfang an alle Vertragsstaaten am System teilnehmen werden, zum anderen, weil so die (mehr oder weniger berechtigte) Furcht vor dem "buy up", dem Aufkauf der Zertifikate durch Industrieländer oder multinationale Konzerne vorgebeugt würde. Auch die andere extreme Version, daß Zertifikate nur geleast, doch nie verkauft werden ("leased but never sold"), würde nur zu mehr Flexibilität führen, wenn eine häufige(re) Neuausgabe vereinbart wird. Die Frage ist aber offen, was eine optimale Laufzeit von Emissions-Zertifikaten ist. Die Vorstellungen in der Literatur schwanken zwischen 2 bis 20 Jahren. Bertram (1992) hat in diesem Zusammenhang ein overlapping-Verfahren vorgeschlagen, nach dem Zehnjahres-Zertifikate ausgestellt und jährlich 10% davon zurückgezogen werden sollen. Dieser Vorschlag ließe sich zu der Formel verallgemeinern: "Wenn Zertifikate L Jahre gültig sind und ein Teil PIL in jedem Jahr P dem Markt entzogen wird, kann eine neue Tranche von Zertifikaten mit der Laufzeit L ausgegeben werden". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Umweltschutz durch Schaffung eines Marktes für Emissions-Zertifikate 143 Zu jedem gegebenen Zeitpunkt bestünde der Markt aus einem Mix von Zertifikaten, von denen einige längere, andere kürzere Laufzeiten hätten; die Staaten (Unternehmen) hielten entsprechend ein gemischtes Portfolio und ein Zukunftsmarkt (mit Vergleich zu bestehenden Zukunftsmärkten) könnte entstehen. Der Vorteil einer zeitlichen Flexibilisierung des Systems liegt auf der Hand: Nachverhandlungen über zulässige Emissionsgrenzen auf Basis neue ster naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Belastung und Anpassungsfähigkeit des ökologischen Systems und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Flexibilität und zu den Anpassungsgrenzen des ökonomischen Systems wären möglich, die Fragen neuer Quellen und neuer Senken von Treibhausgasemissionen könnten eingebracht, neue Länder aufgenommen werden. Dieser Vorteil darf jedenfalls nicht durch übermäßige Komplizierung und Bürokratisierung in einen Nachteil umschlagen. Grubb/Sebenius (1992) haben überzeugend dargetan, daß in einem overlapping-System Revisionszeiten von 2 bis 4 Jahren optimal sein dürften, in Voreinschätzung der Funktionsweise des sich etablierenden Klimaregimes (wie jährliche Vertragsstaatenkonferenzen; Zwei-Drittel-Mehrheiten; phasenweise Verschärfung des Klima-Protokolls) eine wohl realistische Annahme. III. Zuteilung der Zertifikate Die wahrgenommene Fairneß in der Erstzuteilung der handelbaren Emissions- Zertifikate dürfte zentral sein für die Frage der politischen Akzeptanz; für viele Autoren ist der "Gerechtigkeits-Faktor" der eigentliche Knackpunkt des Systems. Mit der Erstzuteilung der Zertifikate ist zwar nicht der endgültige Verteilungseffekt vorbestimmt, der sich ja auch aus den Marktergebnissen (Zertifikatspreis und - menge) ergibt, sehr wohl aber Richtung und mögliches Volumen des mit dem System verbundenen transnationalen Ressourcentransfers. Ein Verteilungseffekt tritt grundsätzlich bei allen möglichen Instrumentarien der Klimapolitik auf, besonders in Fällen global signifikanter Größenordnungen -und natürlich auch bei nationalen Lösungen, seien es nun Preis- oder Mengenlösungen. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten der Erstzuteilung von Emissions-Zertifi- katen. Eine allgemeine Unterscheidung ist die zwischen Belastungs- und Verantwortungs-Gesichtspunkten (burden-based vs. responsibility-based criteria), wobei erstere besonders auf die Anpassungslasten abheben, die mit der angestrebten Emissionsminderung verbunden sind, während die letzteren das Verursacherprinzip in gegenwärtig-ablaufender oder historisch-akkumulierter Form betonen. Die Suche nach einer akzeptablen Allokationsformel in der Klimapolitik spiegelt in gewisser Weise den alten Gegensatz zwischen entwicklungspolitischen "Realisten" und "Idealisten" (Sterner, 1994). ,,Realisten" würden argumentieren, daß die Zuteilung von Zertifikaten (und den darin begründeten Verschmutzungsrechten) auf Basis entweder der laufenden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 144 Udo Ernst Simonis Emissionen (grandJathering) oder des Bruttoinlandsprodukts erfolgen müsse, weil jede andere Formel nicht akzeptabel sei (so z. B. Pearce, 1991). Diese Position ist jedoch ethisch äußerst schwach und entspricht in keiner Weise (irgend)einem Gerechtigkeitskriterium. (Man kann jedenfalls weder die laufenden noch die historischen Emissionsprofile als "gerecht" definieren.) Diese Position übersieht aber auch einen (den) entscheidenden Vorteil eines internationalen Zertifikate-Systems, nämlich das der Mobilisierung zusätzlicher Ressourcentransfers. Die ,,realistische" Position ist auch aus dem Grunde nicht realistisch, als sie die Entwicklungsländer vollständig oder weitgehend außen vorläßt, die sich ja gerade deshalb für Klimapolitik zu interessieren beginnen, weil das ökologisch Notwendige für sie zu einem ökonomischen Vorteil werden kann. Dem stehen die "Idealisten" gegenüber, die explizit oder implizit auf der Einbeziehung der historischen Emission (als Zeichen einer "ökologischen Schuld") bestehen (z. B. Hayes/Smith, 1993) -die teilweise aber auch dafür plädieren, die Entwicklungsländer gar nicht erst in das globale Klimaregime einzubinden. Verschiedene Bemessungsgrundlagen sind in der Diskussion, von denen eine global gleiche Pro-KopJ-Zuteilung den wohl stärksten ethischen Anspruch symbolisiert; hier ist die Erstzuteilung der Zertifikate direkt proportional zur Bevölkerung eines Landes. Die praktischen Konsequenzen dieses Vorschlages wären erheblich, ja revolutionär zu nennen. Alle Industrieländer mit einer höheren als der durchschnittlichen Pro- Kopf-Emission müßten Zertifikate bei den Entwicklungsländern erstehen, nicht nur bezüglich der Verwendung fossiler Brennstoffe, sondern auch aller anderen Quellen und Senken von Treibhausgasen, mit Ausnahme wohl der Entwaldung (Brandrodung, Kahlschlag). Selbst unter moderaten Annahmen über die dann resultierenden Zertifikatspreise käme es zu einer vollständigen Umkehr des derzeitigen Süd-Nord-Nettotransfers. Grubb/Sebenius (1992) gehen von einer Mindestgrößenordnung in Höhe der derzeitigen offiziellen Entwicklungshilfe (ODA) in Höhe von 55 Milliarden Dollar aus. Die Alternative zu einer jeden Extremposition liegt natürlich in der Suche nach einer Misch-Formel, einer Formel, die zumindest die Richtung des Nettotransfers von Industrieländern in Entwicklungsländer garantiert. Ich bin in dieser Frage nicht endgültig entschieden, zumal sie in ihrer Realisierbarkeit ja stark vom weiteren Fortgang der Verhandlungen im Rahmen der Klimakonvention selbst abhängt. Großen Anklang findet bei mir jedoch die Misch-For- mel, die Cline (1992) entwickelt hat: wobei Qg das globale Emissionsziel; Qi das Emissionsziel des Landes i; w das Gewicht des jeweiligen Kriteriums (Summe von w = 1); h die historische Emission, y das Bruttoinlandsprodukt zu Kaufkraftparität und p die Bevölkerung; cf> den Anteil des Landes i am jeweiligen globalen Gesamt; 0 das Basisjahr darstellt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Umweltschutz durch Schaffung eines Marktes für Emissions-Zertifikate 145 Diese Fonnel bezieht die wichtigsten diskutierten alternativen Kriterien ein und gewichtet sie, eine Praxis, die auch beim Internationalen Währungsfonds (Länderquoten), beim Committee for Development Planning (Bestimmung der Least Less Developed Countries) und anderswo angewendet worden ist (Levi, 1991). Man könnte diese Fonnel auch als die notwendige Mischung von Effizienz, Gerechtigkeit und Realismus bezeichnen. Cline gibt auch ein entsprechendes erhellendes Rechenbeispiel: Auf die USA entfallen zur Zeit (1992) 25,7% des Welt-Bruttoinlandsprodukts, 17,5% der Welt- Treibhausgas-Emissionen (inc1usive Entwaldung) und 4,8% der Welt-Bevölke- rung. Der einfache Durchschnitt dieser drei Anteile beträgt 16%. Würde nun ein globales Emissionsziel von 4 Mrd. Tonnen Kohlenstoff vereinbart, so würde der initiale Anteil der USA 640 Mill. Tonnen betragen. Die gegenwärtigen Emissionen belaufen sich aber auf 1,2 Mrd. Tonnen. Entsprechend wäre eine Emissionsminderung von knapp 50% bzw. ein Zukauf von fast 100% an Emissions-Zertifikaten erforderlich. Demgegenüber würde Indiens Anteil 8% der Welt-Emission oder 320 Mill. Tonnen Kohlenstoff betragen, was einem Überschuß von knapp 50 Mill. Tonnen (oder 17% über den laufenden Emissionen) entspräche, die Indien auf dem internationalen Markt für Emissions-Zertifikate verkaufen oder leasen könnte. Der Logik einer Misch-Fonnel entsprechend, könnten die Gewichte der drei Komponenten im Zeitablauf verändert werden. Von einem Gewicht von jetzt jeweils einem Drittel könnte das Gewicht des ersten Kriteriums zum Beispiel in einem Zeitraum von 20 Jahren auf Null gesenkt werden (phasing out), das des zweiten in einem Zeitraum von 40 Jahren, sodaß danach globale Gleichverteilung an Emissionsrechten (Bevölkerungskriterium) entstünde ... Eine weniger fonnalisierte, politischere Lösung des Zuteilungsproblems könnte in einem Kompromiß liegen, der sich wie folgt beschreiben ließe: "Die Zuteilung der Emissions-Zertifikate verändert sich in der Zeit, von einer Position, die sich (mehr oder weniger stark) an die derzeitig laufenden Emissionen anlehnt, zu einer Position der (mehr oder weniger) gleichen Pro-Kopf-Zuteilung." Ein solcher strategischer Kompromiß könnte sowohl für die Industrieländer als auch für die Entwicklungsländer akzeptabel werden, weil er einen starken Anreiz zu einer zukünftig gerechten (gerechteren) Emissionssituation für die Welt im allgemeinen und damit für die Verknüpfung von Umweltschutz und Entwicklung im besonderen bietet -eine allerdings weder auf der Rio-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 noch auf der Berliner Klimakonferenz 1995 anvisierte oder gar eingelöste Perspektive. 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 245 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 146 Udo Ernst Simonis D. Eine persönliche Schluß bemerkung Was die nationale Klima- (und Umwelt-)politik angeht, bin ich, angesichts des erreichten hohen Institutionalisierungsgrades und des besonderen geschichtlichkulturellen Hintergrundes von Politikformulierung und -implementierung, Befürworter eines austarierten umweltpolitischen Instrumentenmixes, was marktbasierte und ordnungsrechtliche, preisliche und mengenmäßige Instrumente einschließt. Angesichts der Verfaßtheit des internationalen Systems und der sich abzeichnenden Struktur und Funktionsweise des globalen Klimaregimes tendiere ich dagegen, was diese Ebene angeht, stärker für markt-basierte Mengenlösungen, insbesondere für ,Joint implementation" (externe offsets) in der Initialphase und handelbare Emissions-Zertifikate in der Kulminationsphase des Regimes. Wird deren Ausgestaltung entsprechend sorgfältig vorbereitet, ist ein Urteil möglich, das Bohm auf den Punkt gebracht hats: "Making emission quotas tradeable among countries implies not only that a globally efficient limit to total emissions is attained with certainty, ... but also that the initial emission quota distribution of the treaty is shifted in favour of the poorer countries. " Dies schließt indes ordnungsrechtliche und steuerliche Lösungen nicht völlig aus. Insbesondere wenn man die Institutionalisierung der Global Environment Facility (GEF) weiter vorantreiben will, dürfte eine (gewisse) Steuerfinanzierung erforderlich werden, weil sonst die Autonomie der konventionellen multilateralen Entwicklungshilfe negativ tangiert wird. Hierbei kommen dann aber auch andere Steuerarten und Bemessungsgrundlagen (erneut) in den Blick, beispielsweise eine Steuer auf Waffenexporte (Brandt-Bericht, 1983), auf Ferntourismus (Mishan, 1970) oder auf internationale Finanztransaktionen (Brundtland-Bericht, 1987, und Qureshi/von Weizsäcker-Bericht, 1995). Summary Three major themes dominate the formulation of aglobai c1imate policy: effeciency, equity, and uncertainty. And three major instruments are discussed as regards the implementation of the Climate Convention: A carbon tax/COz-charge, joint implementation, and tradeable emission entitlements. This paper tries to answer a question that has not been rigidly before: How could tradeable emission entitlements be tailored to support the developing countries, to allow global environmental protection and economic development, and to meet both the efficiency and the equity criterion in international relations. Depending on market organisation and flexibility, the allocation of entitlements is crucial. The author suggests adynamie formulae, by which initial allocation starts on the basis of current emissions but 5 Bohm (1992), S. 112; meine Hervorhebung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 Umweltschutz durch Schaffung eines Marktes für Emissions-Zertifikate 147 over time turns towards equity on the basis of equal per capita emissions. In this way, making emission entitlements tradeable among countries implies not only that a globally efficient limit to total emissions is attained with certainty, but also that the initial entitlement allocation is shifted in favor of the developing countries. Literaturverzeichnis Baumol, W. / Dates, W. E.: The Theory of Environmental Policy, Englewood Cliffs: Prentice- Hall Inc., 1975. 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Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change. The IPCC Scientific Assessment, Cambridge: Cambridge University Press, 1990. 10* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 148 Udo Ernst Sirnonis Jepma, C. P. (Ed.): The Feasibility of Joint Implementation. DordrechtIBostonILondon: Kluwer Academic Publishers, 1995. Levi, M. D.: Bretton Woods: Blueprint for a Greenhouse Gas Agreement. In: Ecological Economics,4, 1991, S. 253 -267. Maier-Rigaud, G.: Umweltpolitik mit Mengen und Märkten. Lizenzen als konstituierendes Element einer ökologischen Marktwirtschaft. Marburg: Metropolis Verlag, 1994. Michaelowa, A.: Internationale Kompensationsmöglichkeiten zur COz-Reduktion unter Berücksichtigung steuerlicher Anreize und ordnungsrechtlicher Maßnahmen. Hamburg: HWWA-Report Nr. 152, 1995. Mishan, E. J.: Technology and Growth. 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OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 International handelbare Emissionszertifikate: Ihre Bedeutung für Entwicklungsländer Von Renate Schubert, Zürich A. Einleitung Handelbare Emissionszertifikate spielen in der umweltpolitischen Diskussion eine wichtige Rolle. Dies hängt wohl vorrangig damit zusammen, daß Zertifikate im Idealfall viele positive Eigenschaften aufweisen, die sie im Vergleich zu anderen umweltpolitischen Instrumenten wie etwa Steuern oder Auflagen überlegen erscheinen lassen. Zu diesen positiven Eigenschaften gehören beispielsweise hohe ökologische Treffsicherheit, hohe ökonomische Effizienz sowie dynamische Anreizwirkungen im technologischen Bereich. Diejenigen Voraussetzungen herbeizuführen, unter denen mit dem Eintreten des eben erwähnten "Idealfalls" gerechnet werden kann, ist allerdings eine nicht-triviale Aufgabe. Zusätzliche Probleme treten auf, wenn man Zertifikate nicht nur für den nationalen, sondern für den internationalen Kontext diskutiert. Je größer der Kreis der in ein Zertifikatssystem einbezogenen (potentiellen) Emittenten ist, desto schwieriger wird es, für ein gutes Funktionieren von Märkten für handelbare Emissionszertifikate zu sorgen. Darüber hinaus ist im internationalen Zusammenhang die Verteilungsfrage, d. h. die Frage nach ökologischen und ökonomischen Konsequenzen von Zertifikaten für unterschiedliche Länder bzw. Ländergruppen von besonderer Brisanz. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verteilungswirkungen zwischen Industrieländern einerseits und Entwicklungsländern andererseits (vgl. dazu Simonis 1996). Im vorliegenden Beitrag soll die Bedeutung international handelbarer Emissionszertifikate für Entwicklungsländer untersucht werden. Dabei wird es unter anderem um die Frage gehen, wie sich die vorrangig umweltpolitisch motivierten Zertifikate in die Strategie eines ,,Nord-Süd-Transfers" von Industrieländern an Entwicklungsländer einfügen können. Im einzelnen soll die folgende Analyse in drei Schritten erfolgen. Zunächst werden einige theoretische Grundüberlegungen zur Verwendung von Zertifikaten für eine Internalisierung externer Effekte skizziert. Danach werden einige Probleme der Anwendung geschildert und es wird kurz über einige praktische Erfahrungen mit Emissionszertifikaten berichtet. Schließlich werden die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung interna- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 150 Renate Schubert tional handelbarer Zertifikate diskutiert. Dabei wird auch aufgezeigt, unter welchen Bedingungen eine Beteiligung an einem solchen Zertifikatssystem für Entwicklungsländer attraktiv ist. B. Theoretische Grundüberlegungen Im folgenden wird die Grundidee der Verwendung von Emissionszertifikaten zur Internalisierung externer Effekte skizziert (vgl. hierzu etwa Cansier 1991, S. 63 ff.; Weimann 1991, S. 157 ff.; EI-Shagi 1993; Endres 1994; Jaeger 1994, S. 290 ff.). Angenommen, die Produktion bestimmter Güter in einem Land sei beim gegebenen Stand der Technik mit der Emission eines bestimmten lokal wirksamen Schadstoffes verbunden. Angenommen weiter, man könnte eine volkswirtschaftlich optimale Emissionsmenge E* bestimmen, d. h. eine Emissionsmenge, bei der gerade die aggregierten Grenzkosten der Vermeidung von Emissionen mit den aggregierten Grenzkosten der mit Emissionen verbundenen Umweltbelastungen übereinstimmen. Solange Emissionen ein freies Gut sind, ist damit zu rechnen, daß die tatsächliche Emissionsmenge größer als die optimale Menge E* ist. Um nun die Produzenten zu einer Emissionsreduktion zu veranlassen, die auf aggregierter Ebene die Realisierung von E* ermöglicht, sind gezielte Maßnahmen von staatlicher Seite notwendig. Emissionszertifikate sind eines von mehreren möglichen Instrumenten in diesem Zusammenhang. Unter Emissionszertifikaten versteht man dabei "Berechtigungsscheine", die einzelnen Produzenten während einer bestimmten Zeitperiode den Ausstoß einer auf dem Zertifikat genau spezifizierten Menge des betrachteten Schadstoffes erlauben. Eine Emission des Schadstoffes ohne den Besitz von Zertifikaten in entsprechender Höhe, ist nicht erlaubt. Ist die optimale Emissionsmenge E* eines Schadstoffes bestimmt, so sind von staatlichen Instanzen Zertifikate in Höhe der Gesamtmenge E* durch Aufsplitterung von E* in technisch sinnvolle Teilmengen tt (N: Anzahl der Zertifikate) zu "produzieren" und an Unternehmen zu transferieren. Anschließend sollen Unternehmen Handel mit diesen Zertifikaten betreiben. Es ist davon auszugehen, daß Unternehmen, die besonders viel des Schadstoffes emittieren, Zertifikate kaufen, Unternehmen, die eher wenig emittieren, Zertifikate verkaufen werden. Übergeordnetes Ziel der Käufe und Verkäufe ist es, die vorgegebene optimale Emissionsmenge E* mit minimalen gesamtwirtschaftlichen Kosten zu erreichen. Der Gleichgewichtspreis, zu dem die zu E* gehörige Zertifikatsmenge gehandelt wird, ist dabei als gesellschaftlicher Knappheitspreis der Zertifikate zu interpretieren (vgl. Arayama 1994). Aus theoretischer Sicht liegt Kosteneffizienz vor, bzw. ist der Zertifikatspreis als Knappheitsindikator dann anzusehen, wenn erstens jedes einzelne Unternehmen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05 International handelbare Emissionszertifikate 151 seine Entscheidung über die Emissionsmenge des betrachteten Schadstoffs in dem Sinn rational trifft, daß es diejenige Emissionsmenge wählt, bei der die Grenzkosten der Vermeidung gerade den Grenzkosten des Zertifikatskaufs entsprechen. Unternehmen, für die die Emissionsvermeidung teuer ist, d. h. die entsprechenden Grenzkosten der Vermeidung hoch sind, werden dann am Kauf von Zertifikaten interessiert sein. Für Unternehmen mit niedrigen Grenzkosten der Emissionsvermeidung ist die Vermeidung attraktiv. Sie werden versuchen, wenig Schadstoffe zu emittieren und Zertifikate zu verkaufen. Als zweite Voraussetzung für die erwünschte Kosteneffizienz von Emissionszertifikaten ist die Funktionsfähigkeit von Zertifikatsmärkten zu fordern. Nur wenn die erwähnten Kaufs- und Verkaufsabsichten grundsätzlich Aussicht auf Erfolg haben, sind Anreize für eine Emissionsreduktion bei Firmen mit niedrigen Vermeidungsgrenzkosten tatsächlich wirksam. Nur dann kann damit gerechnet werden, daß das angestrebte Emissionsniveau E* mit den geringst möglichen gesamtwirtschaftlichen Kosten erreicht wird. Eine Internalisierung externer Emissionskosten kann unter den genannten Bedingungen mit Hilfe von Zertifikaten in ähnlich günstiger Weise erreicht werden wie durch eine Emissionsbesteuerung. Im Unterschied zur Besteuerung f.Hlt bei Zertifikaten allerdings die Treffsicherheit der Maßnahme in ökologischer Hinsicht relativ hoch aus, da Zertifikate direkt an Mengen, Steuern hingegen "nur" an Preisen ansetzen. Im Hinblick auf weitere Beurteilungskriterien für staatliche Internalisierungsmaßnahmen, wie etwa administrative Kosten und Kontrollkosten oder dynamische Anreizeffekte für technologische Neuerungen, sind keine signifikanten Unterschiede zwischen Steuern und Zertifikaten zu erkennen. Insgesamt scheinen Zertifikate damit ein besonders attraktives Instrument zur Internalisierung nationaler externer Emissionseffekte zu sein. Wie sich dies aus internationaler Sicht darstellt, wird im folgenden zu prüfen sein. Vorerst soll jedoch noch kurz auf einige Ausgestaltungsfragen im Zusammenhang mit Zertifikaten eingegangen werden. Im Hinblick auf die Ausgestaltung ist vor allem die Erstvergabe von Zertifikaten ein Thema. Hierfür werden vor allem zwei Ausgestaltungsvarianten diskutiert, nämlich eine kostenlose Erstvergabe (das sogenannte "grand-fathering"; vgl. Dates 1968), die sich am Status quo der bisherigen Emissionen orientiert, und eine staatliche Versteigerung der Zertifikate. Typischerweise wird der kostenlosen Erstvergabe aus theoretischer Sicht der Vorzug gegeben, unter anderem deshalb, weil dieses Verfahren aus rechtlicher Hinsicht unproblematisch ist (Stichwort: Besitzstandswahrung) und weil keine Staatseinnahmen entstehen, für deren Verwendung ein Konsens zu finden wäre. Nachteile einer kostenlosen Erstvergabe entstehen für potentielle Emittenten, die nach dem Erstvergabezeitpunkt in den Markt eintreten und -im Unterschied zu den bereits in diesem Zeitpunkt etablierten Emittenten -Zertifikate vollumfanglieh kaufen müssen. Als Möglichkeit zur Abmilderung dieser Nachteile bei Beibehaltung der genannten Vorteile des grandfathering wird der Rückbehalt eines OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-48815-5 | Generated on 2023-01-16 12:40:05