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Humanzentrierte Gestaltung von digitalen Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderung: Erprobung und Evaluation des Workshopprogramms „friendlyAI@work“

Gerlmaier, Anja,Bendel, Alexander,Ossenberg, Martin

Abstract

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Gerlmaier, Anja; Bendel, Alexander; Ossenberg, Martin Article — Published Version Humanzentrierte Gestaltung von digitalen Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderung: Erprobung und Evaluation des Workshopprogramms „friendlyAI@work“ Zeitschrift für Arbeitswissenschaft Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Gerlmaier, Anja; Bendel, Alexander; Ossenberg, Martin (2024) : Humanzentrierte Gestaltung von digitalen Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderung: Erprobung und Evaluation des Workshopprogramms „friendlyAI@work“, Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, ISSN 2366-4681, Springer, Berlin, Heidelberg, Vol. 78, Iss. 2, pp. 132-145, https://doi.org/10.1007/s41449-024-00423-8 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/316702 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Eine solche potenzialerschließende Wirkung dieser Assistenztechnologien setzt in betrieblichen Anwendungskontexten fundiertes arbeitswissenschaftliches Gestaltungswissen für eine menschzentrierte Arbeitssystemgestaltung voraus. Das im Rahmen des Projektes „HUMAINE“ entwickelte Workshopkonzept „friendlyAI@work“ zielt darauf ab, betrieblichen Akteuren digitale Gestaltungskompetenz für eine humangerechte KI-Implementierung zu vermitteln. Es basiert auf Prinzipien des Aktionslernens, bei dem ein kollektiver, an Umsetzungsbeispielen ausgerichteter Kompetenzerwerb im Fokus steht. Im Beitrag berichten wir über erste Befunde zur Wirksamkeit des Workshopprogramms, die wir im Kontext der Einführung digitaler Assistenzsysteme in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) ermittelten. Die Evaluation des 18-monatigen Programms im Rahmen einer interventionsbasierten Fallstudie mit zwischen fünf und elf Teilnehmenden deutet auf positive Effekte sowohl im Hinblick auf einen Zuwachs individueller digitaler Gestaltungskompetenz wie auch der Fähigkeit zur humanzentrierten Arbeitssystemgestaltung hin. Darüber hinaus konnten im Rahmen des Programms Maßnahmen zur nachhaltigen Sicherung der erworbenen digitalen Gestaltungskompetenz umgesetzt werden (z.B. Einführung einer ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung bei der Planung technischer Systeme). Als wichtige Erfolgsfaktoren für den Lernerfolg erwies sich die cross-funktionale Zusammensetzung der Teilnehmenden, das an Praxisbeispielen ausgerichtete Lernkonzept und das agile Moderationsverfahren. Im Rahmen des auf Mixed-Method basierenden Evaluationsdesigns stellte sich darüber hinaus die Berücksichtigung individueller Lernvoraussetzungen in diversen Lerngruppen als kritischer Erfolgsfaktor heraus. Praktische Relevanz: Damit intelligente Technologien Menschen mit Behinderung bei der Arbeit sinnvoll unterstützen können, sind Kenntnisse über eine humanzentrierte Arbeitsgestaltung von hoher Bedeutung. Die digitalen Assistenten müssen so gestaltet sein, dass sie die persönlichen Ressourcen der Arbeitenden stärken und negative Beanspruchungsfolgen verhindert werden. Das Workshopprogramm „friendlyAI@work“ will Gestaltungsverantwortliche befähigen, digitale Assistenzsysteme in ihren Organisationen humanzentriert und nutzerfreundlich zu implementieren. Im Workshop werden Kenntnisse über die Funktionalitäten von Künstlicher Intelligenz und ihre Anwendung in Assistenzsystemen vermittelt. Darüber hinaus werden die Teilnehmenden an die Prinzipien humangerechter Technikund Arbeitsgestaltung herangeführt und ihre Handlungskompetenz im Rahmen konkreter betrieblicher Umsetzungsbeispiele gefördert. Eine 18-monatige Erprobung des Workshopprogramms bei der Iserlohner Werkstätten gGmbH ergab eine gute Teilnehmendenakzeptanz und Erfolge bei der humangerechten Gestaltung ihrer Assistenz-Arbeitsplätze. Hinweis Das Projekt „HUMAINE“ wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm „Zukunft der Wertschöpfung – Forschung zu Produktion, Dienstleistung und Arbeit“ (evtl. Förderkennzeichen Förderkennzeichen 02L19C201, Laufzeit von April 2021 bis März 2025) gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt den Autoren. Dr. Anja Gerlmaier [email protected] 1Institut Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen, Forsthausweg 2, 47057 Duisburg, Deutschland 2Iserlohner Werkstätten gGmbH, Iserlohn, Deutschland K Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 133 Schlüsselwörter Künstliche Intelligenz · Assistenzsysteme · Inklusion · Aktionslernen · Workshopprogramm · Digitale Gestaltungskompetenz Human centered design of digital assistance systems for disabled people: trial and evaluation of the workshop program “friendlyAI@work” Abstract Digital assistance systems provide disabled people enormous opportunities to work in a more self-determined way. Knowledge about human-centered work design is important to realize these benefits of digital assistance technologies. In the research project “HUMAINE” we developed the workshop concept “friendlyAI@ work” to improve digital design competencies for AI designers and professionals. It is based on action learning and focusses on group learning processes using practical examples. In this article we report our first findings on the program effectiveness collected during a deployment process of assistance systems in a sheltered workshop for people with disabilities. The evaluation of the 18-month programme as part of an intervention-based case study with between 5 and 11 participants indicates positive effects with regard to both an increase in individual digital design skills and the ability to design human-centred work systems. In addition, the workshop had positive effects in rising sustainable organizational digital design competencies (e.g., deployment of a sociotechnical risk assessment during the planning process of technical systems). The cross-functional composition of the participants, the learning concept based on practical examples and the agile moderation process were identified as crucial factors for learning success. In addition to this, the mixed-method based evaluation design showed, that individual learning capabilities in diverse learning groups are a crucial success factor. Practical Relevance: Knowledge about human-centered work design is of great importance to support disabled people with intelligent technologies at work in a sensible way. The design of digital assistance systems should promote the individual resources of the humans and prevent negative consequences, for example strain. The workshop program “friendlyAI@work” enables technical designers and professionals to implement digital assistance systems in a human and user-friendly way in their organizations. The workshop improves knowledge about the functionalities of artificial intelligence and its application in assistance systems. The participants get an introduction to the principles of human-centered work and technology design. An 18-month trial of the workshop at Iserlohner Werkstätten gGmbH indicates high acceptance of participants and successes in designing human-centered assistance workplaces. Keywords Artificial intelligence · Assistance systems · Inclusion · Action learning · Workshop program · Digital design competencies 1 Einleitung Mit der Entwicklung auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierender Assistenzsysteme werden weitreichende Potenziale für die Gestaltung einer menschengerechten, inklusiven und befähigenden Arbeit verbunden (Lippa 2022). Insbesondere die Fortschritte auf den Gebieten der Sprachund Bilderkennung bzw. -analyse sowie in der Robotik machen es zunehmend besser möglich, sprachliche, kognitive oder körperliche Einschränkungen bei Menschen auszugleichen oder einen Kompetenzaufbau bei ihnen zu fördern (Schmidtler et al. 2015). Das Funktionsspektrum digitaler Assistenten, die gezielt als „Fähigkeitsverstärker“ (Apt et al. 2018, S. 8) bei der Qualifizierung und Arbeitsausführung Anwendung finden können, ist vielfältig (KI.ASSIST-Projekt 2022; Apt et al. 2018; Teubner et al. 2020). Assistenten zur Unterstützung der Wahrnehmung wie etwa Pick-tolight-Systeme sollen Arbeitenden helfen, Informationen zu entdecken und zu erkennen, um die Handlungszuverlässigkeit zu verbessern. Sie finden sich zunehmend in Werkerführungssystemen (Bläsing und Bornewasser 2021). Physische Assistenzsysteme wie adaptive, kollaborative Robotersysteme wiederum zielen darauf ab, Menschen bei Tätigkeiten mit hohen Grad an Krafteinsatz oder Präzisionsanforderungen und Wiederholung zu entlasten. Inzwischen existieren auch eine Reihe von Assistenten, die kontextsensitiv sind und Personen bei der eigenständigen Einarbeitung in neue Tätigkeiten oder Sachverhalte unterstützen. Ein Beispiel hierfür stellen Datenbrillen dar, die auf ein Contentmanagementsystem zurückgreifen können, in dem kontextspezifische Informationen benutzerorientiert abrufbar sind (Dokumente, Filme, u.a.) (ein Überblick findet sich bei Lippa (2022)). Insbesondere im Bereich der Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung zielt der Einsatz digitaler Assistenten auf die Kompensation, Prävention und Befähigung sensorischer, körperlicher und geistiger Funktionen ab (Apt et al. 2018). K 134 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 Bisher gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse darüber, ob sich beim Einsatz digital gestützter Assistenz für Menschen mit Behinderung tatsächlich die beschriebenen positiven physischen, kognitiven bzw. emotionalen Beanspruchungsfolgen einstellen. Dies gilt auch für die Frage, welche Erfolgsfaktoren in diesem Kontext für eine gelingende motivationsund lernförderliche sowie beanspruchungsoptimale Arbeitsplatzgestaltung wichtig sind (Hacker 2016; Lippa 2022). Eine Auseinandersetzung mit dem Nutzen und den Risiken des Technikeinsatzes ist umso bedeutungsvoller, da die Zielgruppe ein erhöhtes Vulnerabilitätsrisiko besitzt und eine unzureichende Arbeitsbzw. Technikgestaltung schwerwiegende Folgen für deren psychische und physische Gesundheit und Arbeitsfähigkeit haben kann (Mulders et al. 2022;Kremeretal.2019). Der vorliegende Beitrag setzt hieran an: Im Rahmen einer interventionsorientierten Fallstudie (Pflüger et al. 2010) haben wir in der Iserlohner Werkstätten gGmbH, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM), das von uns konzipierte Workshopkonzept „friendlyAI@work“ gemeinsam mit Beschäftigten und Verantwortlichen angewendet und evaluiert. Das Workshopkonzept hat das vorrangige Ziel, digitale Gestaltungskompetenz in Organisationen aufzubauen, um betriebliche Akteure in die Lage zu versetzen, technische Systeme humanzentriert zu konzipieren, einzuführen und anzuwenden. Damit sollen mögliche Risiken, die von solchen Systemen für die Anwendenden ausgehen, minimiert sowie etwaige Potenziale maximiert werden. Bisher existieren hierzu für den Bereich der Rehabilitation Workshopkonzepte für Nutzende („partizipative Experimentierräume“, Lippa und Feichtenbeiner 2020). Zum Aufbau einer nachhaltigen digitalen Gestaltungskompetenz als kollektive Ressource verschiedener Stakeholder in Organisationen fehlen jedoch bisher geeignete Konzepte. Im Weiteren sollen zunächst potenzielle Auswirkungen von digitalen Assistenzsystemen auf Beschäftigte skizziert werden. Daran anschließend wird der methodische und konzeptionelle Ansatz von „friendlyAI@work“ vorgestellt. Den Kern des Beitrages bildet die Beschreibung der Anwendung von „friendlyAI@work“ bei den Iserlohner Werkstätten sowie die Darlegung der dazugehörigen Evaluationsergebnisse. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse. Das Workshopkonzept „friendlyAI@work“ wurde im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt „Kompetenzzentrum der Metropole Ruhr für die humanzentrierte Entwicklung von KILösungen für die Arbeitswelt der Zukunft (HUMAINE)“ entwickelt, das sich zum Ziel gesetzt hat, nachhaltige Methoden für eine humanzentrierte Entwicklung und Anwendung KI-basierter Technologien für die Arbeitswelt zu entwickeln und zu erproben. 2 Auswirkungen von digitalen Assistenzsystemen auf Beschäftigte Einer guten Studienlage zur Gebrauchstauglichkeitsbewertung verschiedener Assistenzsysteme stehen bisher deutlich weniger Studien zu Motivationsund Beanspruchungsfolgen gegenüber (Carissoli et al. 2023; Bornewasser und Bläsing 2019). Hier zeigt sich, dass im Bereich der robotischen Assistenten Testpersonen bei der Interaktion zum Beispiel mit Cobots oft ein erhöhtes Stressniveau, Angstzustände oder Produktivitätseinbußen aufweisen. Diese Effekte treten insbesondere dann auf, wenn hohe Taktungen, geringes Kontrollerleben und eine hohe physische Nähe zum System vorliegen (Bettoni et al. 2020). Andere Studien zeigen, dass kollaborative Roboter Stressreaktionen vermindern können, wenn die robotischen Assistenten soziale Fähigkeiten (Dialog, Affekterfassung und Feedback) beherrschen (Rahman und Wang 2015) oder der Roboter auf die spezifischen Bedürfnisse der Arbeitenden ausgerichtet worden war (Brun und Wioland 2021). Ähnlich ambivalente Ergebnisse zeigen sich auch bei der Erprobung informatorischer Assistenzsysteme (zum Beispiel KI-basierte Werkerführungssysteme), die Menschen bei der Informationsverarbeitung (Reduzierung von Komplexität) unterstützen sollen. Bläsing und Bornewasser (2021) untersuchten die physiologischen Reaktionen von Testpersonen auf unterschiedliche Informationsdarbietungen bei komplexen Arbeitsaufgaben. Sie stellten keine Beanspruchungsdifferenzen bei Testpersonen fest, die die Aufgabe mithilfe von Dokumenten, Tablets oder Datenbrillen absolvierten. Untersuchungen zur Beanspruchungswirkung von Informationsdarbietungen über ein Dokument oder ein Pick-to-light-System ergaben keine klaren beanspruchungsspezifischen Vorbzw. Nachteile beim Einsatz des digitalen Assistenzsystems (Stockinger et al. 2020). Die Befunde deuten darauf hin, dass der Einsatz digitaler Assistenten nicht per se zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der Arbeitsbzw. Beanspruchungssituation führt (Bläsing und Bornewasser 2021). Für eine menschzentrierte, d.h. beanspruchungsoptimale, befähigende und motivationsförderliche Implementierung digitaler Assistenten in betrieblichen Kontexten ist eine ganzheitliche soziotechnische Arbeitssystemgestaltung, die prospektiv ausgerichtet ist und technische, organisatorische und personenbezogene Voraussetzungen in einem Arbeitssystem berücksichtigt, von zentraler Bedeutung (Guest et al. 2022; Schmauder et al. 2023; Parker und Grote 2022;Charalambous et al. 2015; Gerlmaier und Bendel 2022). Hierzu gehören neben Bewertungen der Vertrauenswürdigkeit und Gebrauchstauglichkeit der technischen Systeme (Wulff und Finnestrand 2023) oft auch flankierende Maßnahmen im Bereich der Führung und Arbeitsorganisation und nicht zuletzt der Qualifizierung von Beschäftigten und GestaltungsK Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 135 akteuren. An die Kompetenzen letzterer werden in diesem Zusammenhang besondere Herausforderungen gestellt: Gerade in technikfernen Tätigkeitsbereichen wie der Wohlfahrtspflege erfordert die Einführung digitaler Arbeitsassistenz einen Aufbau entsprechenden technischen Knowhows (z.B. zur Assistenzprogrammierung) und eine entsprechende Berücksichtigung entstehender Arbeitsaufwände (Erstellen von Content, Einspielen und Aktualisieren von Labelingmaterial). Da digitale Assistenzsysteme wie Cobots, Pick-to-lightoder Bildverarbeitungssysteme personenbezogene Daten sammeln und verarbeiten können, muss vertiefendes Wissen zum Datenschutz und zur Datensicherheit aufgebaut werden (Backhaus 2019). Ähnliches gilt für arbeitswissenschaftliches Wissen, wie KI-immanenten Unfällen oder psychischen Gefährdungen vorgebeugt werden kann. In der Regel besteht für KI-gestützte Arbeitsassistenzsysteme auch ein Qualifizierungsbedarf bei den Nutzenden, um eine gute Technikbeherrschung und Technikakzeptanz zu erzielen. Hierzu sind zielgruppenadäquate betriebliche Qualifizierungskonzepte und verantwortliche Personen erforderlich (Lippa 2022). 3 Konzeptioneller und methodischer Ansatz des Workshoprogramms „friendlyAI@work“ Das Workshopprogramm „friendlyAI@work“ verfolgt das Ziel, betriebliche Gestaltungsakteure bei der Entwicklung von digitaler Gestaltungskompetenz im Umgang mit KI zu unterstützen. Wir gehen davon aus, dass ein zielgerichteter Aufbau von kollektiver digitaler Gestaltungskompetenz ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, um die befähigende Wirkung von digitalen Assistenten und ihre Akzeptanz zu erhöhen (Gerlmaier und Bendel 2022; Bendel 2021;Gerlmaier 2020). In diesem Zusammenhang verstehen wir unter digitaler Gestaltungskompetenz die kollektive Fähigkeit einer Organisation, digitalisierte Arbeitssysteme so zu gestalten, dass die Potenziale der Arbeitenden gestärkt (sog. friendly AI) und schädigende Wirkungen auf das Arbeitsvermögen (sog. unfriendly AI) vermieden werden (Gerlmaier und Bendel 2022). In Anlehnung an den Begriff der beruflichen Handlungskompetenz (Sonntag und SchmidtRathjens 2005, S. 55) umfasst digitale Gestaltungskompetenz fachliche und methodische, soziale, motivationale und emotionale Faktoren des Arbeitshandelns. Organisationen mit digitaler Gestaltungskompetenz zeichnen sich in diesem Sinne dadurch aus, dass ihre Gestaltungsakteure über grundlegendes Faktenwissen zu Einsatzgebieten von Digitaltechnik im Betrieb (z.B. KI) verfügen, arbeitswissenschaftliches Gestaltungswissen über Potenziale und Nebenwirkungen von Digitalisierung auf arbeitende Menschen besitzen, eine grundlegende Gestaltungsmotivation aufweisen, Technik menschengerecht zu gestalten und sich bei divergierenden Interessenlagen aktiv dafür einzusetzen, sowie technisch-methodisches Know-how zu entwickeln, um Digitaltechnik menschengerecht gestalten zu können (Gerlmaier und Bendel 2022). Mit dem Begriff der digitalen Gestaltungskompetenz werden theoretisch-konzeptionell Bezüge zum HumanCentered-Design aufgenommen (Auernhammer 2020). Hierunter subsumierte Ansätze wie der „Digital Socio Technical System Design“-Ansatz (Winby und Mohrman 2018) oder der „Sociotechnical Walkthrough“-Ansatz (Herrmann 2012) betonen den systematischen Einbezug verschiedener Stakeholder bei KI-Einführungsprozessen als zentralen Gelingensfaktor. Das dem Workshopkonzept zugrunde liegende Lernmodell basiert darüber hinaus auf Prinzipien des „Action Learning“ (Revans 1980; Cho und Egan 2022). Beim „Action Learning“ lernt ein Team an einem für eine Organisation konkreten und relevanten Projekt und reflektiert gleichzeitig den Lernprozess. Durch die Anwendung von „Action Learning“ soll ein Nutzen auf verschiedenen Ebenen erreicht werden: die Aktionen sollen einerseits beitragen, Herausforderungen einer Organisation zu bewältigen, individuelle Lernprozesse in Gang zu setzen und in Richtung der Wissenschaft neue gesellschaftliche Herausforderungen zu identifizieren (Coughlan et al. 2021). Das Workshopprogramm „friendlyAI@work“ lehnt sich an diese Prinzipien an und richtet sich dabei an betriebliche Akteure, die digitale Gestaltungskompetenzen für eine humanzentrierte Arbeitsgestaltung, etwa im Rahmen von KIEinführungsprozessen, erwerben wollen. Zielgruppen stellen beispielsweise Steuerungsgruppen dar, die technologische Change-Prozesse mit KI begleiten. Das Rahmenprogramm des Workshops sieht vor, in einem Sensibilisierungsworkshop Input über Einsatzgebiete und Funktionsweisen sowie Risiken und Potenziale von KI zu vermitteln. Letzteres wird unter anderem durch die Vorstellung und praktische Anwendung des ebenfalls im Rahmen des Projektes entwickelten Bewertungsinstruments „friendlyTechCheck“ (FTC) (Gerlmaier und Bendel 2024) zur Beurteilung von digitalen Assistenzsystemen zu erreichen versucht (Tab. 1). Der erste Workshop des Programmes (Sensibilisierung) stellt die Basis für einen Reflexionsprozess organisationaler Herausforderungen dar, die den Ausgangspunkt des Gruppenlernens bilden. Innerhalb der Workshops können neue oder veränderte Lernziele formuliert und LernumK 136 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 Tab. 1 Dimensionen und Beispiel-Items des „Friendly Tech-Checks“ zur Bewertung von Humanpotenzialen und -risiken technischer Systeme Table 1 Dimensions and sample items of the “Friendly-Tech-Check” for assessing the human related potentials and risks of technical systems Dimension Beispielitem Potenzial Beispielitem Risiko Gesundheitliches Wohlbefinden/ Gesundheitsschädigung Das System kann vor Unfällen schützen Das System kann die Unfallgefahr erhöhen Fairness/Verletzung sozialer Schutzrechte Durch den Systemeinsatz kann Beschäftigung gesichert oder neu geschaffen werden Durch das System werden weniger Menschen für die Tätigkeit gebraucht Gebrauchstauglichkeit/ Handlungsbehinderung Man kann das System gut auf individuelle Bedarfe einstellen (z.B. Spracheingabe plus manuelle Eingabeoptionen) Das System lässt sich nicht gut auf persönliche Bedarfe einstellen (z.B. schlechte Darstellung von Informationen) Autonomie/Kontrollverlust Man bekommt von dem System Vorschläge, die Entscheidungen trifft der Benutzer Man hat kaum Möglichkeiten, in das System einzugreifen, wenn etwas schiefläuft Kompetenzaufbau/ Kompetenzabbau Das System kann helfen, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten Wenn man mit dem System arbeitet, kann man sein Wissen und Können verlernen Soziales Miteinander/ soziale Spaltung Durch das System können Informationen zwischen Kolleginnen und Kollegen oder Kunden besser ausgetauscht werden Durch das System hat man weniger Kontakt zu anderen Kolleg*innen und/oder Kund*innen setzungen geplant werden. Deren Umsetzungen durch die Teilnehmenden werden in Folgeworkshops vorgestellt und reflektiert. Ziel des Workshopkonzepts ist es letztendlich, über den Erwerb von Wissen hinausgehend kollektive Handlungskompetenz als Befähigungsressourcen im Betrieb nachhaltig aufzubauen (Gerlmaier 2021). Dabei ist eine gemischte Zusammensetzung der Workshopgruppe von hoher Bedeutung, da durch Perspektivenvielfalt erweiterte Denkund Lösungsansätze geschaffen werden (Winby und Mohrman 2018). 4 Anwendung von „friendlyAI@work“ bei den Iserlohner Werkstätten Die Erprobung und Evaluation des Workshopkonzepts fand bei den Iserlohner Werkstätten gGmbH statt. Die Einrichtung beschäftigt an verschiedenen Standorten über 1000 Menschen mit Behinderungen sowie 300 tarifliche Mitarbeitende. Die Einrichtung bietet Menschen mit einer Behinderung Tätigkeiten im Bereich Elektromontage (Prüfung und Dokumentation der Montage, Kommissionierung und Auslieferung) bis hin zu Entsorgungslösungen oder Büroservices an. Im Rahmen von Förderprojekten hatte die Einrichtung mehrere digitale Assistenzsysteme mit der Zielsetzung erhalten, diese im Hinblick auf ihre Inklusionspotenziale zu überprüfen. Vor Beginn des Workshopprogramms hatte eine erste technische Erprobung insbesondere von Pick-to-light-Systemen und Cobots für Qualifizierungsaufgaben und zur Assistenz bei Arbeitstätigkeiten stattgefunden. Die Geschäftsführung erhofft sich von dem Workshopprogramm vertiefende Erkenntnisse darüber, wie ihre digitalen Assistenzsysteme in der Produktion benutzerfreundlich und humanzentriert eingeführt werden können. Die Erprobung des Workshopkonzepts fand zwischen Mai 2022 und Dezember 2023 statt und umfasste insgesamt vier aufeinander aufbauende Workshopeinheiten. Bei den Teilnehmenden handelte es sich um Führungskräfte verschiedener Ebenen (Geschäftsführung, Werkstattleitung und Gruppenleitungen), Verantwortliche für den Bereich Personal und Qualitätsmanagement, der Technikleitung sowie der Vertretung des Werkstattrates. Alle waren im Rahmen ihrer Funktionen in verschiedene Digitalisierungsprojekte der Einrichtung involviert. Die Teilnehmenden hatten sich nach einer Vorstellung des Projektvorhabens und des Workshopkonzepts freiwillig für das Workshopprogramm angemeldet. An den insgesamt vier Workshops nahmen zwischen fünf und elf Personen kontinuierlich teil. In die Auswertung der Evaluation gingen die Daten von zehn Teilnehmenden ein, da ein Mitarbeitender zwischenzeitlich die Einrichtung verlassen hatte. Der Altersquerschnitt der Workshopgruppe betrug zwischen 20 und 60 Jahre, die Hälfte der Teilnehmenden war weiblich. Bei den Teilnehmenden lag ein sehr heterogenes Qualifikationsniveau vor (keine Berufsausbildung bis zu akademischer Ausbildung). Im Folgenden werden die vier bei den Iserlohner Werkstätten durchgeführten Einzelworkshops im Hinblick auf ihren Ablauf und Inhalt vorgestellt (siehe auch Abb. 1). Workshop 1: Sensibilisierung Im Mittelpunkt des ersten Workshops stand eine Sensibilisierung der Workshopteilnehmenden für die Potenziale und Risiken digitaler Assistenzsysteme sowie die Vermittlung von Gestaltungsanforderungen für eine humanzentrierte Arbeitssystemgestaltung von KI-basierten Systemen. Dazu erfolgte zunächst eine Klärung der Interessen der verschiedenen Teilnehmenden und eine gemeinsame Formulierung von Workshopzielen. Die Teilnehmenden erhielten in einer Inputphase durch das Moderationsteam Basiswissen über die Funktionalität von K Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 137 Abb. 1 Ablauf des Workshopprogrammes Fig. 1 Workshop program schedule KI und mögliche Einsatzfelder im Bereich der digitalen Assistenz. In einem dritten Schritt vermittelten die Moderierenden einen Überblick über den Stand der Forschung zu Chancen und Risiken von KI-Anwendungen für die Gesundheit und Kompetenzentwicklung von Beschäftigten. Dem folgte die Darstellung und Erörterung arbeitswissenschaftlicher Humankriterien für KI-basierte Digitaltechnik. In der sich anschließenden Reflexionseinheit stellten die Teilnehmenden fest, dass sie die vermittelten Kriterien bisher beim Layout bereits genutzter digitaler Assistenzsysteme kaum systematisch berücksichtigt hatten. Sie formulierten als Lernziel für die nächste Workshopeinheit, eine Auswahl von Assistenzsystemen der Einrichtung mit Hilfe der dargestellten Kriterien bewerten zu wollen. Der Technikverantwortliche erklärte sich bereit, Videofilme von zwei im Betrieb realisierten Assistenzanwendungen zu erstellen. Hierbei handelte es sich um ein Pick-to-light-System zur Unterstützung der Qualitätsprüfung und einen Cobot zur Unterstützung bei der manuellen Verpackung von Schrauben. Workshop 2: Wissensaufbau am Modell Im Zentrum des zweiten Workshops stand die Vertiefung des arbeitswissenschaftlichen Gestaltungswissens zu humanzentrierter Technikgestaltung. In einem ersten Schritt stellten die Moderierenden das im Rahmen des Forschungsprojektes entwickelte Instrument „FriendlyTechCheck“ (FTC, Gerlmaier und Bendel 2024;sieheTab.2)vor.DasInstrument kann betriebliche Praktiker dabei unterstützen, an konkreten Arbeitsplätzen psycho-soziale Risiken und Potenziale für Nutzende zu erkennen. Als Lernmaterial dienten die vom Technikverantwortlichen erstellten Videoaufnahmen der Assistenzsysteme zur Qualitätsprüfung und Schraubenverpackung, die auch Kommentierungen von Arbeitsplatzinhabenden beinhalteten. Die Teilnehmenden bewerteten die Arbeitsplätze im Rahmen einer Gruppendiskussion entlang der einzelnen Prüffragen des FTC. In der sich anschließenden Reflexionsphase stellten die Teilnehmenden fest, dass sich das Bewertungssystem gut eignet, um Gestaltungsdefizite und Potenziale an konkreten Arbeitsplätzen zu erkennen. Zum anderen wurde aber auch konstatiert, dass sowohl der Pick-tolight basierte Prüfarbeitsplatz als auch der Cobot-gestützte Schraubenverpackungsarbeitsplatz Gestaltungsdefizite aufweisen und deshalb einer Überarbeitung bedürften. Als gestaltungswürdig identifizierten die Teilnehmenden beim Qualitätsprüfungsarbeitsplatz ein erhöhtes Monotonierisiko sowie Gefahren eines Kompetenzverlustes durch Verlernen und soziale Isolation (Layout als Einzelarbeitsplatz). Beim Einsatz des Cobot bei der Verpackung wurde ein erhöhtes Substitutionsrisiko, Verletzungsgefahren, Risiken eines Kontrollverlusts und soziale Isolation als kritisch bei dem gewählten Layout bemängelt. Aus der Diskussion heraus bildeten sich zwei Interessengruppen, die sich zu temporären Taskforces zusammenschlossen: eine Gruppe um den Technikverantwortlichen erklärte sich bereit, bis zur nächsten Workshopsitzung das Layout der Arbeitsplätze auf Basis der gewonnenen Gestaltungsanforderungen optimieren zu wollen. Innerhalb der zweiten Taskforce wurde das Interesse artikuliert, die dann überarbeiteten beiden Assistenzarbeitsplätze mit dem Bewertungsinstrument FTC erneut auf ihre Humanzentrierung hin zu bewerten, um das neu gewonnene Gestaltungswissen zu vertiefen. Workshop 3: Umsetzungslernen und Verstetigung Der dritte Workshop umfasste die Diskussion der Umsetzungsergebnisse der zwei Taskforces, die im Zeitraum einer achtmonatigen Umsetzungsphase zwischen dem zweiten und dritten Workshop stattgefunden hatte. Für die Taskforce 1 stellte der technische Leiter vor, dass er unter Beteiligung von Werkstattmitarbeitenden und ihrer Gruppenleitung den Prüfarbeitsplatz umfassend überarbeitet hatte. Darüber hinaus war das Cobot-Layout bei der Schraubenverpackung aufgrund der geringen Humanzentrierung zugunsten einer Cobot-Anwendung zur Unterstützung bei der Verklebung von Kartons umgewidmet worden. Die Mitglieder der Taskforce 2 berichteten über Bewertungsergebnisse K 138 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 mit dem FTC, den sie an den beiden überarbeiteten Arbeitsplätzen vorgenommen hatten. Beide Lerngruppen konstatierten, dass sie sehr positive Rückmeldungen von den Werkstattbeschäftigten erhalten haben. Dann diskutierten die Teilnehmenden, wie sie das im Workshop neu gewonnene Prozessund Gestaltungswissen sichern können. Hierzu wurden verschiedene Ideen entwickelt und Umsetzungsteams benannt (Darstellung im Abschnitt „Ergebnisse“). Die Teilnehmenden und Moderierenden vereinbarten, in einem abschließenden Evaluationsworkshop überprüfen zu wollen, inwieweit die Umsetzungsund Verstetigungsmaßnahmen erfolgreich überführt werden konnten. Workshop 4: Evaluation Den Kern des Evaluationsworkshops bildete die Reflexion und Bewertung der Zufriedenheit mit dem Workshopkonzept und den Workshopergebnissen. Die verschiedenen Umsetzungsverantwortlichen berichteten über den Stand der von ihnen eingeleiteten VersTab. 2 Nennungen zum Aufbau digitaler Gestaltungskompetenz, unterteilt nach regelmäßiger (Frequenz >50%) und unregelmäßiger Teilnahme (Frequenz ≤50%) Table 2 Mentions of acquiring digital design competencies, divided into constant (frequency >50%) and partial attendance (frequency ≤50%) Dimension Item Regelm. Teilnehmende (n=4) Unregelm. Teilnehmende (n=6) Gesamt (n= 10) Technische und arbeitswissenschaftliche Kenntnisse Mein Wissen zu Wirkweisen von Künstlicher Intelligenz (KI) auf Beschäftigte hat sich vergrößert 3von4 4von6 7von10 Mein Wissen über digitale Assistenzsysteme hat sich verbessert 4 von 4 4 von 6 8 von 10 Mein Wissen über Chancen und Risiken von KI für die Beschäftigten hat sich vergrößert 4von4 6von6 10von10 Mein Bewusstsein über Nebenfolgen von technischen Veränderungen wurde gestärkt 4von4 5von6 9von10 Beim Neuerwerb von Digitaltechnik kann ich mögliche Risiken und Potenziale für die Nutzerinnen besser erkennen 4von4 6von6 10von10 Bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen mit Digitaltechnik kann ich mögliche Risiken und Potenziale für die Beschäftigten besser abschätzen 4von4 5von6 9von10 Gestaltungsmotivation Ich setze mich mehr als bisher mit der Frage auseinander, wie man neue Digitaltechnik bei uns noch menschenfreundlicher und benutzerorientierter gestalten kann 4von4 3von6 7von10 Ich möchte noch mehr andere Organisationsmitglieder von den Potenzialen neuer Digitaltechnik für unsere Beschäftigten überzeugen 4von4 3von6 7von10 Sozialkommunikative Kompetenzen Ich setze mich in Diskussionen noch mehr als vorher dafür ein, dass die Digitaltechnik bei uns auf die Bedürfnisse der Arbeitenden ausgerichtet ist 4von4 4von6 8von10 Ich möchte noch mehr andere Organisationsmitglieder von den Potenzialen neuer Digitaltechnik für unsere Beschäftigten überzeugen 4von4 3von6 7von10 Handlungskompetenz Meine Fähigkeit, digitale Arbeitssysteme nutzerfreundlich und menschengerecht einzurichten, hat sich verbessert 4von4 3von6 7von10 Ich achte bei der Neugestaltung von digitalen Arbeitsplätzen in meinem Aktionsbereich verstärkt darauf, dass diese die Potenziale unserer Werkstatt Beschäftigten stärken (Lernanregung, Förderung von Selbstwirksamkeit, Zusammenarbeit) 4von4 4von6 8von10 Ich setze mich noch mehr dafür ein, dass digitale Arbeitsplätze in meinem Aktionsbereich beanspruchungsoptimal gestaltet sind (z.B. Ausführbarkeit ohne Stress und Zeitdruck, Vertrauenswürdigkeit des Systems, angemessener Anregungsgrad für die Nutzer*innen) 4von4 3von6 7von10 tetigungsaktivitäten. Die Teilnehmenden führten kollektiv eine Bewertung des Standes der Umsetzungsmaßnahmen durch und dokumentierten noch notwendige Umsetzungsschritte. Abschließend erfragte das Moderatorenteam im Rahmen einer Blitzlichtabfrage jedes einzelnen Teilnehmenden, was aus seiner Sicht wichtige Erfolgsfaktoren bei der Workshopumsetzung waren und was am Workshopkonzept optimiert werden könnte. 5 Evaluationsdesign und -methoden Mit dem Workshopkonzept „friendlyAI@work“ wird das Ziel verfolgt, betriebliche Akteure beim Aufbau digitaler Gestaltungskompetenz im Kontext von KI-Einführungsprozessen zu unterstützen. Teilziele des Programms bestehen darin, erstens Wissen über die Wirkungen von KI in Arbeitsmitteln (zum Beispiel bei ArbeitsassistenzsysteK Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2024) 78:132–145 139 men) und Gestaltungsregeln zur humanzentrierten Arbeitssystemgestaltung zu vermitteln, zweitens Empowerment und Handlungsfähigkeit zur Beurteilung bzw. Gestaltung menschzentrierter digitaler Assistenzsysteme zu stärken sowie drittens Gestaltungsakteure zu motivieren, neu gewonnene Kompetenzen in der Organisation durch Prozesse und Regeln dauerhaft zu verankern. Entsprechend der verschiedenen Zielsetzungen des Workshopkonzepts zielte die Workshopevaluation auf eine Betrachtung unterschiedlicher Evaluationskriterien und Dimensionen ab: zum einen wollten wir erfahren, ob die im Workshopkonzept genutzte Lernform des „Action Learning“ bei den Teilnehmenden auf Akzeptanz stößt (Abschn. 6.4) und bei ihnen zu einer Verbesserung der digitalen Gestaltungskompetenz beiträgt (Abschn. 6.1). Zum anderen interessierte uns, ob die Teilnahme am Workshop sich günstig auf die Beurteilungsund Handlungsfähigkeit der Teilnehmenden auswirkt, digitale Assistenzsysteme menschengerecht zu gestalten (Abschn. 6.2). Ein weiterer Fokus der Programmbewertung bestand darin zu erfahren, inwiefern das Workshopkonzept die Teilnehmenden anregt, Maßnahmen zur Institutionalisierung von digitaler Gestaltungskompetenz in ihrer Organisation zu initiieren und zu fördern (Abschn. 6.3). Da das Workshopkonzept im Rahmen des Forschungsprojektes neu entwickelt und bisher im betrieblichen Kontext noch nicht angewendet worden war, entschieden wir uns bei der Planung der Erprobung und Evaluation des Programms für eine Fallstudienuntersuchung. Ziel dieser Untersuchungsstrategie ist es, den Fall (einen sozialen Prozess als Untersuchungsgegenstand) in seinem Zusammenhang mit relevanten Kontextfaktoren zu untersuchen. Da soziale Prozesse aus dem Zusammenwirken mehrerer Akteure (oder Akteursgruppen) resultieren, schließt dieser Anspruch die konsequente Einbeziehung unterschiedlicher Handlungsperspektiven und Akteure ein (Multiperspektivität) (Pflüger et al. 2010, S. 30ff.). Hierdurch können für die Forschenden nicht erwartbare, aber für den Erfolg relevante Interaktionen zwischen betrieblichen Kontextfaktoren und dem Interventionsprogramm frühzeitig erkannt und zur Optimierung des Programms genutzt werden (von Thiele Schwarz et al. 2021; Hochmuth et al. 2020). Um dem agilen und beteiligungsorientierten Charakter des Workshopkonzeptes Rechnung zu tragen, wendeten wir ein auf Prinzipien der Aktionsforschung basierendes Untersuchungsvorgehen an (Coughlan und Coghlan 2016). Aktionsforschung zielt darauf ab, dass die Forschenden im Idealfall gemeinsam mit den Praktikern Ziele und Vorgehensweisen bei der Analyse mit den einzubeziehenden Akteuren erarbeiten (Coughlan und Coghlan 2016; Hochmuth et al. 2020;Stockmann2004). Zur Erfüllung dieser Kriterien wurden gemeinsam mit den Teilnehmenden die Workshopziele, Lernaufgaben und Bewertungskriterien für den Lernund Programmerfolg iterativ festgelegt. Dies beinhaltete auch die Entscheidung der Gruppe nach jeder Lerneinheit, ob sie die Workshopreihe fortsetzen oder abbrechen möchte. Durch das agile Vorgehen konnten während der laufenden Workshopreihe Bewertungen zur Akzeptanz und Erfüllung von Programmzielen vorgenommen werden (formative Evaluation, Kuckartz et al. 2008). Daneben ermittelten wir im Rahmen eines Evaluationsworkshops (siehe vorheriger Abschnitt) auf Basis von Gruppendiskussionen, wie zufrieden die Teilnehmenden mit den verschiedenen erreichten Umsetzungsmaßnahmen und dem Ablauf der Workshopreihe waren. Zur ex-ante-Evaluation gehörte auch eine anonyme schriftliche Befragung der Teilnehmenden nach Abschluss der Workshopreihe, mit der Erkenntnisse über eine subjektiv erlebte Verbesserung von digitaler Gestaltungskompetenz gesammelt werden sollten. Zur Überprüfung der Wirksamkeit des Workshopkonzepts nutzten wir somit einen Mixed-Method-Ansatz, bei dem wir vier Wirksamkeitsdimensionen betrachteten: zur Bewertung des Zuwachses an individueller digitaler Gestaltungskompetenz wurden die Teilnehmenden nach Abschluss des Workshopprogramms in einer anonymen schriftlichen Befragung gebeten, Auskunft über ihren persönlichen Lernerfolg durch das Programm zu geben. Da hierzu bisher kein standardisiertes Verfahren zur Erfassung digitaler Gestaltungskompetenz vorlag, erfolgte die Neukonstruktion eines Erhebungsinstruments auf Basis der theoretischen Komponenten der digitalen Gestaltungskompetenz (Gerlmaier und Bendel 2022). Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, anzukreuzen, ob sich bei ihnen durch das Workshopprogramm Aspekte ihrer digitalen Gestaltungskompetenz wie Gestaltungswissen und -motivation, bzw. Handlungskompetenz verbessert hatten. Ein Beispielitem der insgesamt 13 Aussagen lautete: „Bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen mit Digitaltechnik kann ich mögliche Risiken und Potenziale für die Beschäftigten besser abschätzen“. Zu dieser Befragung wurden alle Teilnehmenden des Basisworkshops eingeladen, die zum Zeitpunkt der Evaluation noch in der Einrichtung beschäftigt waren (N= 10). Für die Beantwortung der Frage, ob durch das Workshopprogramm arbeitsgestalterische Handlungsund Umsetzungskompetenzen verbessert werden konnten, wurde eine Analyse der im Rahmen des Workshops erhobenen Daten zur Risikound Potenzialbewertung digitaler Assistenzsysteme mit dem „FriendlyTechCheck“ (FTC) vorgenommen. Betrachtet wurde exemplarisch für den im Rahmen des Workshopprogramms neugestalteten CobotArbeitsplatz im Bereich der Logistik, ob dieser aus Sicht der Beurteilenden humanzentriert gestaltet ist, d.h. hohe Humanisierungspotenziale und geringe Beanspruchungsrisiken aufweist. Ein Beispielitem des FTC für das Potenzial „Autonomie“ lautet: „Man bekommt von dem System VorK