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Lebenssituation und Teilhabe ukrainischer Geflüchteter in Deutschland: Ergebnisse der IAB-BAMF-SOEP-Befragung

Kosyakova, Yuliya; Rother, Nina; Zinn, Sabine

Abstract

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Full text

Kosyakova, Yuliya (Ed.); Rother, Nina (Ed.); Zinn, Sabine (Ed.) Research Report Lebenssituation und Teilhabe ukrainischer Geflüchteter in Deutschland: Ergebnisse der IAB-BAMF-SOEP-Befragung IAB-Forschungsbericht, No. 5/2025 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Kosyakova, Yuliya (Ed.); Rother, Nina (Ed.); Zinn, Sabine (Ed.) (2025) : Lebenssituation und Teilhabe ukrainischer Geflüchteter in Deutschland: Ergebnisse der IABBAMF-SOEP-Befragung, IAB-Forschungsbericht, No. 5/2025, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.FB.2505 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/313034 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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The IAB Research Reports (IAB-Forschungsberichte) series publishes larger-scale empirical analyses and project reports, often with heavily dataand method-related content. IAB -Forschungsbericht 5|2025 3 In aller Kürze • Die russische Invasion der Ukraine hat seit dem 24. Februar 2022 eine massive Fluchtbewegung ausgelöst, bei der überwiegend Frauen und Kinder in europäische Länder, einschließlich Deutschland, geflüchtet sind. Rund eine Million Menschen aus der Ukraine leben inzwischen hierzulande. • Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten ist ein gemeinsames Projekt des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am DIW Berlin. Als jährliche Panel-Haushaltsbefragung umfasst sie seit 2023 auch ukrainische Geflüchtete und schafft damit die Grundlage für eine empirisch fundierte Analyse ihrer Lebensrealitäten. Die Betrachtung zweier Zuzugskohorten (Zuzug von Februar bis Ende Mai 2022 und Zuzug ab Juni 2022) erlaubt zudem die Analyse von Veränderungen in der Zusammensetzung der Gruppe ukrainischer Geflüchteter. Insgesamt wurden zwischen Juli 2023 und Anfang Januar 2024 3.403 Personen aus 2.219 Haushalten befragt. Zentrale Ergebnisse • In der zweiten Jahreshälfte 2023 wird die Gruppe der ukrainischen Geflüchteten weiterhin stark von Frauen dominiert, die drei Viertel der erwachsenen Geflüchteten ausmachen. Die Anzahl alleinerziehender 20bis 49-jähriger Frauen sank in der ersten Zuzugskohorte von 46 Prozent (2022) auf 30 Prozent (2023) und liegt in der zweiten Zuzugskohorte bei rund 20 Prozent, unter anderem deswegen, weil in diesem Zeitraum mehr Männer und Familien nachgezogen sind. Zwei Drittel der erwachsenen Geflüchteten leben in festen Partnerschaften. • Die institutionelle Kinderbetreuungsquote steigt mit zunehmender Aufenthaltsdauer der ukrainischen Kinder in Deutschland, jedoch gibt es weiterhin Bedarf, insbesondere bei Kindern im Alter von unter drei Jahren. • In der zweiten Jahreshälfte 2023 sind 60 Prozent der 11bis 17-Jährigen vollständig in Regelklassen integriert, während 24 Prozent eine Regelklasse mit unterstützendem Zusatzunterricht besuchten und 16 Prozent ausschließlich an speziellen Willkommensoder Vorbereitungsklassen teilnahmen. Ukrainische Kinder besuchen im Vergleich zur gesamten Schülerschaft häufiger Hauptoder Mittelschulen, was auf Probleme bei der richtigen Schulwahl hinweist. • 97 Prozent der erwachsenen Geflüchteten haben einen Schulabschluss, 75 Prozent verfügen über berufliche Abschlüsse oder Hochschulabschlüsse, und 90 Prozent haben Berufserfahrung. Nur 20 Prozent haben bisher ihre Abschlüsse anerkennen lassen. Die Mehrheit der Anträge auf Ankerkennung der Berufsabschlüsse betrifft reglementierte Berufe. • Trotz hoher Bildungsaspirationen befinden sich erst 16 Prozent in formaler Bildung oder Weiterbildung, bedingt durch sprachliche Hürden und Betreuungsprobleme. IAB -Forschungsbericht 5|2025 4 • Über die Hälfte plant, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, besonders später Zugezogene (69 Prozent). Rückkehrpläne hängen stark vom Ende des Krieges (90 Prozent) und der wirtschaftlichen Lage in der Ukraine (60 Prozent) ab. • Die große Mehrheit (83 Prozent) der Geflüchteten wohnt in der zweiten Jahreshälfte 2023 in privaten Immobilien und ist mit der eigenen Wohnsituation zufrieden. Weniger zufrieden sind demgegenüber insbesondere Geflüchtete, die noch in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnen. • Der Zugang zum Gesundheitssystem ist prinzipiell gut, jedoch gibt es Hürden wie lange Wartezeiten. Psychische Belastungen, besonders Depressionen und Angststörungen, sind häufiger als in der Gesamtbevölkerung, oft ohne dass die Betroffenen selbst Behandlungsbedarf sehen. • Die Teilnahmerate an Integrationskursen lag im zweiten Halbjahr 2023 bei 70 Prozent. Bei Frauen mit kleinen Kindern, Geflüchteten mit gesundheitlichen Einschränkungen und älteren Geflüchteten gibt es jedoch Hürden bezüglich der Kursteilnahme. • Mit zunehmender Teilnahme an Sprachkursen, insbesondere an Integrationskursen, und einer zunehmenden Aufenthaltsdauer verbessern sich die Deutschkenntnisse: 52 Prozent bewerten diese als mindestens „ausreichend“. 40 Prozent verfügen zudem über mittlere bis gute Englischkenntnisse. • In der zweiten Jahreshälfte 2023 gehen im Durchschnitt 22 Prozent der ukrainischen Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter (18 bis 64 Jahre) in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nach. Mit der Aufenthaltsdauer steigen die Erwerbstätigenquoten der ukrainischen Geflüchteten: Bei Menschen mit kürzerer Aufenthaltsdauer in Deutschland (maximal 13 Monate) belaufen sie sich auf 17 Prozent, 22 bis 23 Monate nach dem Zuzug auf 31 Prozent. • Es zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Während etwa 26 Prozent der geflüchteten Ukrainer in der zweiten Jahreshälfte 2023 erwerbstätig sind, liegt die Erwerbstätigenquote der Ukrainerinnen bei 21 Prozent. Diese Geschlechterunterschiede hängen sehr stark von der Familienkonstellation ab, die sich zwischen den Geschlechtern stark unterscheidet. • Persönliche soziale Netzwerke spielen eine zentrale Rolle bei der Stellenvermittlung: 51 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten haben von Freunden und Bekannten – häufig deutscher Herkunft – von ihrer Stelle erfahren. Die staatlichen oder privaten Stellenvermittlungen führten dagegen nur für 7 Prozent der Geflüchteten zur Jobaufnahme. • Geflüchtete bringen häufig hohe Qualifikationen und Berufserfahrung mit, sind jedoch oft in Berufen unterhalb ihres ursprünglichen Qualifikationsniveaus tätig (Dequalifizierung). Die mittleren Bruttomonatsverdienste von vollzeitbeschäftigten ukrainischen Geflüchteten liegen mit 2.600 Euro unter dem Durchschnittsverdienst aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland (4.479 Euro). • Der Abschluss von Deutschkursen, gute Deutschund Englischkenntnisse, soziale Kontakte zu Deutschen sowie Anerkennung der im Ausland erworbenen Qualifikationen wirken sich positiv auf die Beschäftigungschancen ukrainischer Geflüchteter aus. IAB -Forschungsbericht 5|2025 5 • Die Lebenssituation der Geflüchteten ist insbesondere aufgrund der prekären Lage in der Ukraine weiterhin von erheblicher Unsicherheit geprägt, was sich auch in der polarisierten Verteilung der Bleibeabsichten widerspiegelt. • Trotz deutlicher Fortschritte bei der Lebenssituation und Teilhabe der ukrainischen Geflüchteten in der zweiten Jahreshälfte 2023 besteht somit weiterhin die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Unterstützung in verschiedenen Bereichen. IAB -Forschungsbericht 5|2025 6 Inhalt In aller Kürze ............................................................................................................................ 3 Inhalt ........................................................................................................................................ 6 Zusammenfassung ................................................................................................................... 9 Summary ................................................................................................................................ 13 Danksagung ............................................................................................................................ 18 1 Einleitung ......................................................................................................................... 19 2 Studiendesign und Datengrundlage.................................................................................. 21 2.1 Einleitung ........................................................................................................................... 21 2.2 Befragungsdesign .............................................................................................................. 21 2.3 Stichprobenbasis ............................................................................................................... 22 2.4 Inhalte der Befragung ........................................................................................................ 24 2.5 Gewichtung ........................................................................................................................ 25 2.6 Datengrundlage für den Bericht und der Zugang zu den Daten ...................................... 26 3 Familienstrukturen, Kinderbetreuung und Schulbesuch ................................................... 27 3.1 Einleitung ........................................................................................................................... 27 3.2 Geflüchtete Familien .......................................................................................................... 27 3.2.1 Geschlechterunterschiede ...................................................................................... 28 3.2.2 Familienstand und Partnernachzug ....................................................................... 28 3.2.3 Familienstrukturen ................................................................................................. 31 3.3 Kinderbetreuung und Schulbesuch .................................................................................. 33 3.3.1 Kinderbetreuung ..................................................................................................... 33 3.3.2 Schulbesuch ............................................................................................................ 34 3.4 Fazit .................................................................................................................................... 40 4 Mitgebrachte Bildungsabschlüsse, Anerkennung, Ausbildungsaspirationen und Bildungserwerb ................................................................................................................ 41 4.1 Einleitung ........................................................................................................................... 41 4.2 Bildung im Herkunftsland .................................................................................................. 42 4.2.1 Formale schulische und berufliche Ausbildung ..................................................... 42 4.2.2 Erwerbserfahrung ................................................................................................... 44 4.3 Anerkennung der schulischen und beruflichen Ausbildung ............................................ 45 IAB -Forschungsbericht 5|2025 7 4.3.1 Antrag auf Anerkennung: allgemeine Quoten ........................................................ 45 4.3.2 Reglementierte und nicht-reglementierte Berufe ................................................. 47 4.3.3 Gründe für Nichtbeantragung ................................................................................ 48 4.3.4 Dauer und Ausgang der Anerkennungsverfahren .................................................. 49 4.4 Bildungsaspirationen und Bildungsbeteiligung bei Erwachsenen in Deutschland ........ 49 4.4.1 Bildungsaspirationen .............................................................................................. 49 4.4.2 Bildungserwerb in Deutschland ............................................................................. 51 4.5 Fazit .................................................................................................................................... 53 5 Zwischen Integration und Rückkehr: Die Bleibewünsche ukrainischer Geflüchteter in Deutschland ..................................................................................................................... 55 5.1 Einleitung ........................................................................................................................... 55 5.2 Planungen der ukrainischen Geflüchteten zur Aufenthaltsdauer .................................... 56 5.3 Zusammenhänge mit dem Bleibewunsch ........................................................................ 57 5.4 Bedingungen für eine Rückkehr ........................................................................................ 59 5.5 Fazit .................................................................................................................................... 60 6 Wohnsituation ukrainischer Geflüchteter ......................................................................... 60 6.1 Einleitung ........................................................................................................................... 60 6.2 Zusammenhänge zwischen Ankunftszeitraum und bewohnter Erstunterkunft ............. 60 6.3 Determinanten der Dauer bis zum Einzug in private Unterkünfte ................................... 61 6.4 Zum Befragungszeitpunkt bewohnte Unterkunftsart, Wohnqualität und Wohnortpräferenzen .......................................................................................................... 63 6.5 Fazit .................................................................................................................................... 67 7 Gesundheit und Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung in Deutschland ............... 68 7.1 Einleitung ........................................................................................................................... 68 Infobox: Gesundheitsindikatoren ...................................................................................... 69 7.2 Subjektive Gesundheit ....................................................................................................... 69 7.3 Psychische Gesundheit ...................................................................................................... 71 7.4 Inanspruchnahme medizinischer Versorgung .................................................................. 73 7.5 Hürden in der Inanspruchnahme ...................................................................................... 75 7.6 Fazit .................................................................................................................................... 76 8 Teilnahme an Deutschkursen und Sprachkenntnisse ........................................................ 77 8.1 Teilnahme an Integrationsund anderen Sprachkursen ................................................. 77 IAB -Forschungsbericht 5|2025 8 8.2 Zusammenhänge zwischen Kursteilnahme und personenbezogenen Merkmalen ........ 81 8.3 Entwicklung der Deutschkenntnisse ................................................................................. 83 8.4 Zusammenhänge zwischen Deutschkenntnissen und personenbezogenen Merkmalen.......................................................................................................................... 84 8.5 Englischkenntnisse ............................................................................................................ 86 8.6 Zusammenfassung ............................................................................................................. 87 9 Herausforderungen und Fortschritte bei der Arbeitsmarktintegration: Stellensuche, Umfang und Qualität der Erwerbstätigkeit ....................................................................... 88 9.1 Einleitung ........................................................................................................................... 88 9.2 Erwerbstätigenquote der Geflüchteten im Zeitverlauf .................................................... 89 9.3 Arbeitssuche: Die erste Erwerbstätigkeit in Deutschland ................................................ 92 9.4 Tätigkeiten vor und nach dem Zuzug ................................................................................ 94 9.4.1 Mitgebrachte Qualifikationen und Berufserfahrung .............................................. 94 9.4.2 Tätigkeiten der Geflüchteten nach dem Zuzug ...................................................... 98 9.5 Verdienste und Leistungsbezug ...................................................................................... 103 9.6 Multivariate Analysen der Arbeitsmarktintegration ....................................................... 105 9.7 Nicht erwerbstätige Geflüchtete ..................................................................................... 107 9.8 Fazit .................................................................................................................................. 109 10 Gesamtfazit .................................................................................................................... 111 Literatur ............................................................................................................................... 116 Abbildungsverzeichnis .......................................................................................................... 125 Tabellenverzeichnis .............................................................................................................. 127 Impressum ............................................................................................................................ 128 IAB -Forschungsbericht 5|2025 15 Educational qualifications, recognition of vocational and educational qualifications, training aspirations and educational attainment • 97 percent of refugees have a school-leaving certificate in Ukraine, almost two-thirds of which are from a secondary school (comparable to a German Gymnasium or a German Fachoberschule) and one-third of which are from a middle school (comparable to a German Hauptschule or Realschule). • Three quarters of the Ukrainian refugees have a vocational or university degree and almost 90 percent have extensive professional experience from Ukraine. • So far, about one fifth of the refugees have applied for recognition of a degree. The majority of applications for recognition of professional qualifications relate to regulated professions. In particular, university graduates and refugees who intend to stay permanently are keen to have their degrees recognized. • Educational aspirations are particularly high in the area of vocational training and studies, especially among younger refugees and those who have not completed vocational training. However, only a small proportion are currently in formal or continuing education. • The high educational aspirations are still offset by low educational participation in Germany: around 16 percent of refugees from Ukraine were in education, training or continuing education at the time of the survey. This disparity is presumably due in particular to the language barriers and the challenges with childcare. Between integration and return: Ukrainian refugees' desire to stay in Germany • More than half of the Ukrainian refugees plan to stay in Germany permanently. This is even more the case for those who entered the country later (69 percent) than for those who entered earlier (59 percent). • In addition to the situation in Ukraine, the intention to stay permanently is also linked to the living conditions in Germany. Good German language skills, gainful employment or a strong desire to work, living with one's nuclear family and feeling welcome correlate positively with the intention to stay in Germany. • The willingness of Ukrainian refugees to return home depends heavily on developments in Ukraine: 90 percent of respondents see an end to the war as a prerequisite for returning, while 60 percent cite an improvement in the economic situation. Conditions such as a change of government (23 percent) or free elections (15 percent) were mentioned significantly less often. Housing situation of Ukrainian refugees • The vast majority (83 percent) of refugees reside in private apartments or houses in the second half of 2023 and are satisfied with their own living situation. By contrast, refugees who still live in shared accommodation are less satisfied. • Certain groups, such as those who moved to Germany later, single people, people with nontertiary educational qualifications or people with little contact with Germans, seem to have to overcome greater challenges before they can move into private accommodation than the respective reference groups. IAB -Forschungsbericht 5|2025 16 • The majority of Ukrainian refugees found their private accommodation through friends or acquaintances. This is even more the case for those who moved here earlier (41 percent) than for those who moved here later (35 percent). This clearly shows the importance of social networks when looking for accommodation. • Regarding their place of residence, 88 percent of Ukrainian refugees prefer medium-sized towns, followed by large cities (70 percent). By contrast, around one in three people (34 percent) can imagine living in the countryside. Health situation • The general need for medical care among Ukrainian refugees is similar to that of the general population in Germany. • Contact with the German healthcare system is generally good. However, there are hurdles to accessing healthcare services, such as difficulties in finding one's way around the healthcare system. • Compared to the general population, Ukrainian refugees show differences in mental health in the form of an increased prevalence of depressive symptoms and anxiety disorders. Particularly affected are individuals without regular social contacts and with self-reported experiences of discrimination. At the same time, however, more than a third of refugees with mental health issues do not see a need for treatment themselves and thus do not receive any support. Participation in German courses and language skills • The proportion of Ukrainian refugees who have taken part in an integration course since their arrival stands at 70 percent in the second half of 2023. However, there is a slight delay in the first course participation of refugees who arrived later. In addition, women with young children, refugees with health restrictions and older refugees face obstacles regarding their participation in the courses. • 11 percent of Ukrainian refugees have taken part in another German course in addition to or as an alternative to the integration course. 6 percent of Ukrainian refugees have taken part in vocational language courses. • An increase in participation in language courses and an increase in the length of stay is also accompanied by a positive development in German language skills. 52 percent of refugees describe their German language skills in the second half of 2023 as “very good”, “good” or “okay”. • In addition, 40 percent of Ukrainian refugees have intermediate to good English skills, which can serve as a bridge to labour market integration. Job search, scope and quality of employment • In the second half of 2023, an average of 22 percent of Ukrainian refugees of working age (18 to 64 years) were in gainful employment in Germany. • The employment rates of Ukrainian refugees increase with the length of stay: For people with a shorter period of residence in Germany (a maximum of 13 months after immigration), they amount to 17 percent; 22 to 23 months after immigration, they amount to 31 percent. IAB -Forschungsbericht 5|2025 17 • There are clear differences between men and women: While around 26 percent of Ukrainian refugees were employed in the second half of 2023, the employment rate for Ukrainian women was 21 percent. • This is consistent with the finding that the transition to the first job in Germany is significantly faster for male refugees than for women: after around 22 months since arrival, 25 percent of women and 33 percent of men have entered their first job. • The gender differences depend very much on the family constellation, which differs greatly between the sexes. Women with pre-school children are less likely to be in employment than men in comparable family constellations or women without children or with older children. Single women are also less likely to be in employment than women living in a partnership. • Personal social networks play a central role in job placement: 51 percent of employed refugees found out about their job from friends and acquaintances, often of German origin. In contrast, official job placement, for example through the employment agency, and private job agencies only led to 7 percent of refugees taking up jobs. • Refugees often have high qualifications and professional experience – in areas such as business organization, accounting, law and administration as well as in the health and education sector – but often work in jobs below their original level of qualification (dequalification). Fifty percent of men and 57 percent of women are affected. Most of those who take up work do so in occupations such as cleaning, food preparation, education and social work, including curative education. • The median gross monthly earnings of full-time Ukrainian refugees are Euro 2,600, which is below the average earnings of all full-time employees in Germany (Euro 4,479). Completing German language courses, good German and English language skills, social contacts with Germans, and having qualifications acquired abroad recognized have a positive effect on the employment opportunities of Ukrainian refugees. • Over a third of Ukrainian refugees who are not yet in employment are taking part in further training measures. Many Ukrainian refugees see a need for support in finding a job and learning German. Conclusion • The results of the IAB-BAMF-SOEP survey illustrate both the numerous advances and the challenges that Ukrainian refugees in Germany face in terms of their living situation and social participation. • The living situation of the refugees continues to be characterized by considerable uncertainty, particularly due to the precarious situation in Ukraine, which is also reflected in the polarized distribution of intentions regarding where to stay. • Despite significant progress in the living situation and participation of Ukrainian refugees in the second half of 2023, there is still a need for continuous support in various areas. IAB -Forschungsbericht 5|2025 18 Danksagung Wir danken allen, die an der Befragung teilgenommen haben. Unser Dank gilt zudem dem infas (Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH) für die Durchführung der Feldarbeit und den Koordinatoren der Befragung am IAB, BAMF-FZ und DIW. Die Autorinnen und Autoren danken dem Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI), dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), der Bundesagentur für Arbeit (BA), dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für ihre Unterstützung. Kosyakova, Gatskova und Schwanhäuser danken für die Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Projekts „Longitudinal Study of Ukrainian Refugees (SUARE). Refugee migration and Labor Market Integration“ (Projektnummer 519020285). Zinn, Sommer, Biddle, Marchitto, Cumming und Büsche danken für die Unterstützung der DFG im Rahmen des Projekts „Longitudinal Study of Ukrainian Refugees (SUARE). Data Infrastructure, Health and Discrimination“ (Projektnummer – 518967487). Großer Dank gilt auch Cornelia Kristen für ihre wertvollen Kommentare und Änderungsvorschläge sowie Olha Danylchuk (IAB), Jennifer Marksteder (IAB), Daniela Centemero (DIW), Hanne Oldenhof (BAMF-FZ) und Jana Burmeister (BAMF-FZ) für Layout sowie Claudia Brose (BAMF-FZ) für Lektorat. IAB -Forschungsbericht 5|2025 19 1 Einleitung Yuliya Kosyakova, Nina Rother, Sabine Zinn Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 hat eine der größten Fluchtbewegungen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst und weitreichende Konsequenzen für aufnehmende Länder wie Deutschland gehabt. Die Zahl der ukrainischen Staatsangehörigen in Deutschland stieg bis September 2024 von 156.000 auf 1.245.000 Personen (DESTATIS 2025). Angesichts des ungewissen Ausgangs und der Dauer des Krieges sind die Bleibeabsichten bzw. -perspektiven dieser Menschen unsicher. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer planen jedoch immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer einen längeren oder dauerhaften Aufenthalt in Deutschland (Brücker et al. 2023b; Kosyakova et al. 2023a). Neben der humanitären Schutzverpflichtung rückt damit auch die Frage nach ihrer Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft zunehmend in den Fokus. Ukrainische Geflüchtete stehen – ähnlich wie andere Geflüchtetengruppen – vor großen Herausforderungen. Der Krieg und die Umstände ihrer Flucht führen oft zu psychischen Belastungen und erschweren den Aufbau sozialer Netzwerke (Brücker et al. 2019, 2023c; Ambrosetti et al. 2021). Viele verfügen bei ihrer Ankunft weder über ausreichende Deutschkenntnisse noch über ein soziales oder berufliches Umfeld, das ihnen Orientierung bieten könnte (Kosyakova und Kogan 2022; Kosyakova und Brücker 2024). Gleichzeitig profitieren sie von der Aktivierung der EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz am 4. März 2022, die ukrainische Geflüchtete einen Anspruch auf ein Aufenthaltserlaubnis nach § 24 AufenthG einräumt, und dem Inkrafttreten der UkraineAufenthÜV am 7. März 2022, die ihnen einen schnellen Zugang zu Sozialleistungen, Bildung und medizinischer Versorgung ermöglicht – ohne die üblichen Hürden eines Asylverfahrens (Fendel et al. 2023; Kosyakova und Brücker 2024). Allerdings erschweren die unklare Kriegsdauer und der temporäre Schutzstatus langfristige Planungen und Perspektiven. Besonders Frauen, die allein mit ihren Kindern nach Deutschland geflüchtet sind, sehen sich durch die Trennung von Partnern und fehlende familiäre Unterstützungsnetze zusätzlichen Belastungen ausgesetzt (Brücker et al. 2023a; Kosyakova und Schwanhäuser 2024). Die Dynamik und Vielschichtigkeit der Fluchtmigration aus der Ukraine machen eine fundierte wissenschaftliche Begleitung unverzichtbar, um Herausforderungen und Potenziale besser zu verstehen und integrationspolitische Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln. Die IAB-BAMFSOEP-Befragung von Geflüchteten (Brücker et al. 2017), ein gemeinsames Projekt des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), bietet hierfür eine zentrale Datengrundlage. Für diese Studie wurden insgesamt 3.662 Geflüchtete aus der Ukraine in der Zeit zwischen Juli 2023 und Januar 2024 befragt. Mit der jüngsten Auffrischung im Jahr 2023 wurde erstmals eine spezielle Stichprobe ukrainischer Geflüchteter erhoben, die Haushalte umfasst, die zwischen dem 24. Februar und dem 31. August 2022 nach Deutschland einreisten. Die Mehrheit der ukrainischen Geflüchteten kam in den ersten Monaten des Krieges nach Deutschland. Zwischen Februar und Juni 2022 erreichte die Zuwanderung ihren Höhepunkt, IAB -Forschungsbericht 5|2025 20 bevor sie ab Sommer deutlich abnahm und sich auf einem stabilen Niveau von etwa 15.000 Personen Nettozuwanderung pro Monat einpendelte (DESTATIS 2025). Rund 80 Prozent der in der IAB-BAMF-SOEP-Befragung erfassten ukrainischen Geflüchteten gehören zur ersten Zuzugskohorte, die bis Ende Mai 2022 einreiste, während 20 Prozent die zweite Zuzugskohorte mit Einreise ab Juni 2022 bilden. Zum Befragungszeitpunkt in der zweiten Jahreshälfte 2023 lebten viele ukrainische Geflüchtete bereits seit 17 bis 20 Monaten in Deutschland. Diese Aufenthaltsdauer bietet die Möglichkeit, erste Anpassungsprozesse sowie längerfristige Entwicklungen in den Bereichen Integration, Lebenssituation und soziale Teilhabe detailliert zu untersuchen. Der vorliegende Bericht gliedert sich in zehn Kapitel, die verschiedene Aspekte des Lebens ukrainischer Geflüchteter beleuchten – von Familienstrukturen über Bildung, Deutschkenntnisse und gesellschaftliche Integration bis hin zu gesundheitlichen und wohnungsbezogenen Fragestellungen. Kapitel 2 erläutert die methodischen Grundlagen der der IAB-BAMF-SOEPBefragung, beziehungsweise der jüngsten Auffrischungsstichprobe von ukrainischen Geflüchteten, die insgesamt 2.381 Haushalte und 3.662 Personen umfasst. Es beschreibt die Konzeption und Umsetzung der Stichprobe sowie die Datenerhebungsmethoden, Gewichtungsverfahren und Befragungsinhalte. Kapitel 3 analysiert die Familienund Haushaltsstrukturen ukrainischer Geflüchteter in Deutschland und zeichnet ein differenziertes Bild der Veränderungen, die sich zwischen den ersten Monaten nach Kriegsbeginn und der zweiten Jahreshälfte 2023 ergeben haben. Es wird gezeigt, wie sich die Zusammensetzung von Haushalten verändert hat – unter anderem durch Familiennachzüge und eine Reduzierung der räumlichen Trennung von Familienmitgliedern. Besondere Aufmerksamkeit wird der Situation von Kindern und Jugendlichen gewidmet, insbesondere ihrem Zugang zu Bildung und Betreuung. Kapitel 4 widmet sich den schulischen und beruflichen Qualifikationen erwachsener ukrainischer Geflüchteter sowie der Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Deutschland. Es wird untersucht, welche Qualifikationen vor der Flucht erworben wurden und inwiefern diese in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können. Außerdem wird betrachtet, wie stark ukrainische Geflüchtete in Bildungsmaßnahmen investieren, um ihre beruflichen Perspektiven zu verbessern. Die Frage nach den Bleibeabsichten ukrainischer Geflüchteter steht im Zentrum des Kapitels 5. Es wird aufgezeigt, wie sich diese Absichten im Zeitverlauf wandeln und welche Faktoren – von der Sicherheitslage in der Ukraine bis zu den Lebensbedingungen in Deutschland – dabei eine Rolle spielen. Kapitel 6 befasst sich mit der Wohnsituation der ukrainischen Geflüchteten. Es wird dargestellt, wie viele der Geflüchteten bereits in privaten Wohnungen leben, welche Faktoren den Zugang zum Wohnungsmarkt erleichtert oder erschwert haben. Kapitel 7 konzentriert sich auf die gesundheitliche Situation der ukrainischen Geflüchteten, wobei sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit im Fokus stehen. Besonderes Augenmerk wird auf mögliche Barrieren bei der Nutzung von Gesundheitsleistungen gelegt. Kapitel 8 widmet sich dem Spracherwerb als Schlüssel zur Integration. Es wird untersucht, wie ukrainische Geflüchtete am deutschen Sprachund Integrationskursangebot teilnehmen, welche Fortschritte sie erzielen und welche Faktoren ihren Lernerfolg beeinflussen. Neben den Deutschsprachkenntnissen werden auch ihre Kenntnisse der englischen Sprache betrachtet. In Kapitel 9 wird die Arbeitsmarktintegration der ukrainischen Geflüchteten analysiert. Es wird dargestellt, wie schnell und durch welche Kanäle sie eine Beschäftigung finden, welche beruflichen Qualifikationen sie mitbringen und wie diese in Deutschland genutzt werden IAB -Forschungsbericht 5|2025 21 könnten. Die Kapitelinhalte beleuchten auch geschlechtsspezifische Unterschiede, die Herausforderungen durch fehlende Anerkennung von Abschlüssen und die Auswirkungen der Wahrnehmung von Betreuungsaufgaben auf die Erwerbsbeteiligung. Abschließend fasst Kapitel 10 die zentralen Erkenntnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf bestehende und künftige Herausforderungen und Handlungsfelder. Der Bericht bietet somit eine umfassende Grundlage, um die Lebensrealitäten ukrainischer Geflüchteter in Deutschland zu verstehen. Gleichzeitig liefert er wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung integrationspolitischer Maßnahmen und zur Bewältigung der langfristigen gesellschaftlichen Herausforderungen, die durch die Fluchtmigration entstehen. Ziel ist es, politische Entscheidungsträgerinnen und -trägern, Forschende und die Öffentlichkeit mit fundierten Daten und Analysen zu unterstützen, um die Integration dieser Bevölkerungsgruppe erfolgreich zu gestalten. 2 Studiendesign und Datengrundlage Felix Süttmann und Elena Sommer 2.1 Einleitung Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten wird jährlich seit 2016 durchgeführt, wobei regelmäßig Auffrischungsstichproben gezogen werden, um Veränderungen bei der Fluchtzuwanderung gerecht zu werden. Die letzte Auffrischung im Jahr 2023 (M9) umfasste daher auch Geflüchtete aus der Ukraine. Die Stichprobe ukrainischer Geflüchteter in der IAB-BAMFSOEP-Befragung von Geflüchteten bildet die Grundgesamtheit von Haushalten ukrainischer Geflüchteten in Deutschland ab, die in der Zeit vom 24. Februar 2022 bis zum 31. August 2022 nach Deutschland eingereist sind. Die Daten wurden zwischen Juli 2023 und Anfang Januar 2024 erhoben. Dieses Kapitel stellt eine Übersicht des Befragungsdesigns und der wesentlichen methodischen Grundlagen dar. Es beschreibt die Stichprobenbasis, die Methoden der Datenerhebung, die Befragungsinhalte, die Gewichtung der Daten und die Datengrundlage für diesen Bericht. 2.2 Befragungsdesign Das Befragungsdesign und die Befragungsinhalte der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten sind für Geflüchtete mit unterschiedlichem Herkunftskontext konzipiert (siehe Brücker et al. 2017; Kroh et al. 2016). Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten hat mehrere Überschneidungen mit der SOEP-Hauptbefragung (SOEP-CORE) allgemeiner Bevölkerung in Deutschland, die auch eine Migrationsstichprobe enthält (IAB-SOEP-MIG). Damit sind Vergleiche zwischen Geflüchteten aus verschiedenen Ländern sowie zwischen Geflüchteten und Personen ohne oder mit einem anderen Migrationshintergrund möglich. Bei der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten handelt es sich um eine jährliche PanelHaushaltsbefragung, die für die Befragten unter dem Namen „Leben in Deutschland“ geführt wird. Die ausgewählten Haushalte der Geflüchteten werden vom Befragungsinstitut postalisch IAB -Forschungsbericht 5|2025 22 eingeladen und anschließend für eine persönliche Befragung von Interviewenden kontaktiert. Das mehrsprachige Anschreiben enthält studienrelevante Information sowie Informationen zum Datenschutz und die Ankündigung, dass die erwachsenen Befragten nach der Teilnahme ein Incentive in Höhe von 20 Euro erhalten werden. Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten ist primär als eine CAPI-Befragung konzipiert, d. h. vorrangig werden die Daten im face-to-face Modus unter Einsatz von mehrsprachigen geschulten Interviewenden erhoben. Wie auch die Anschreiben, werden die Befragungsmaterialien in mehreren Sprachen angeboten. Auf der Personenebene wurden bei den ukrainischen Haushalten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten aus dem Jahr 2023 68,2 Prozent der Interviews auf Russisch, 19,5 Prozent auf Ukrainisch, 11,5 Prozent auf Deutsch, und ca. 0,7 Prozent auf Englisch erhoben. Um die Interviewzeit in einem Haushalt zu reduzieren und eine Überforderung der Befragten zu vermeiden, bestehen für die Befragten zwei Optionen, die Personenfragebögen auch selbstadministriert auszufüllen. So gibt es zum einen die Möglichkeit, dass, parallel zu einer Befragung im Haushalt durch eine Interviewerin oder einen Interviewer, weitere Haushaltsmitglieder in der gleichen Zeit den Fragebogen auf einem Tablet selbst ausfüllen (CASI). Zum anderen können Personen, die zum gleichen Haushalt gehören, den Fragebogen zu einem späteren Zeitpunkt online ausfüllen (CAWI-Switch). Bei den ukrainischen Haushalten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten aus dem Jahr 2023 sind 77,2 Prozent der Interviews auf der Personenebene von den Interviewenden durchgeführt (CAPI), 15,4 Prozent sind auf einem Tablet von den Befragten selbstadministriert (CASI) und 7,4 Prozent sind online ausgefüllt (CAWI). Die durchschnittliche Befragungszeit auf der Personenebene beträgt ca. 88 Minuten. 2.3 Stichprobenbasis Die Stichprobe ukrainischer Haushalte der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten besteht aus zwei Teilstichproben (siehe Abbildung 2-1). Die Teilstichprobe 1 umfasst einen Teil der Haushalte, in denen bereits mindestens eine Person im Rahmen der Studie „IAB-BiB/FReDABAMF-SOEP – Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ im Spätsommer/Herbst 2022 oder Anfang 2023 online bzw. postalisch befragt wurde. Die Stichprobe der selbst-administrierten Personenbefragung „IAB-BiB/FReDA-BAMF-SOEP – Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ besteht aus den 18bis 70-jährigen Personen, die zwischen dem 24. Februar 2022 und dem 8. Juni 2022 aus der Ukraine nach Deutschland zugezogen sind (siehe Brücker et al. 2023b; Steinhauer et al. 2024). Die Teilstichprobe 2 ist hingegen eine Auffrischungsstichprobe von Personen, die zwischen dem 9. Juni und dem 31. August 2022 eingereist sind, und die nun zum ersten Mal befragt werden. Das zweistufige Verfahren der Stichprobenziehung für die Befragung „IAB-BiB/FReDA-BAMFSOEP – Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ (Brücker et al. 2023b), die die Grundlage für die Teilstichprobe 1 bildet, wird in Steinhauer et al. (2024) ausführlich beschrieben. Nach Abschluss der Studie „IAB-BiB/FReDA-BAMF-SOEP – Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ wurde die Panelstichprobe geteilt. Eine Hälfte wurde in das familiendemografische Panel (FReDA) des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) überführt. Die andere Hälfte wird hier im Rahmen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten ab Sommer 2023 weiterbefragt. Der Ausgangspunkt für die Aufteilung sind alle Personen aus der ersten Befragungswelle, die ihr IAB -Forschungsbericht 5|2025 23 Paneleinverständnis erteilt haben (Abbildung 2-1), wobei alle Befragten, die Deutschland verlassen haben, FReDa zugeordnet wurden. Nach Abzug von Befragten, die das Panel verlassen haben, ergab sich ein Brutto von 4.715 Personen in Teilstichprobe 1. Anschließend wurden die Haushalte dieser Personen vom Befragungsinstitut infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH vorabkontaktiert, mit der Bitte einen kurzen Onlineoder PapierKontaktfragebogen auszufüllen. Die Vorabkontaktierung wird eingesetzt, um die Erreichbarkeitsrate und den selektiven Fehler aufgrund von Nicht-Erreichbarkeit bei den face-toface Befragungen mit begrenzten Interviewenden-Kapazitäten zu reduzieren (Müller et al. 2024). Der Anteil nicht zugestellter Anschreiben (Postrückläufe) beträgt 14 Prozent. Von den 2.593 Haushalten, die an der Vorabkontaktierung teilgenommen (Weitz et al. 2024) und eine Einladung zu persönlicher Befragung erhalten haben, sind 1.607 Haushalte mit 2.422 Personeninterviews realisiert (Abbildung 2-1). Abbildung 2-1: Zusammensetzung der Stichprobe ukrainischer Haushalte der IAB-BAMF-SOEPBefragung von Geflüchteten Quelle: Eigene Darstellung. Die Teilstichprobe 2 umfasst Personen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft, die zwischen dem 9. Juni und dem 31. August 2022 nach Deutschland eingereist sind, sowie ihre Haushaltsmitglieder. Für diese Teilstichprobe wurden aus dem Ausländerzentralregister (AZR) regional gruppiert Personen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft zufällig ausgewählt, deren Adressen anschließend bei den zuständigen Ausländerbehörden ermittelt wurden. Die Bruttostichprobe umfasst 6.720 Haushalte, die vom Befragungsinstitut vorab postalisch kontaktiert wurden. Bei circa einem Viertel (26 Prozent) der Anschreiben handelt es sich um Postrückläufe. Insgesamt gibt es 1.321 Haushalte, die an der Vorabkontaktierung teilgenommen haben (Weitz et al. 2024). Diese IAB -Forschungsbericht 5|2025 24 Haushalte bilden die Einsatzbruttostichprobe für die weitere Befragung. Davon sind 774 Haushalte mit 1.240 Personeninterviews realisiert (Abbildung 2-1). Eine detaillierte Übersicht der eingesetzten Kontaktierungs-Methoden sowie der Rücklaufquoten auf der Haushaltsund Personenebene nach Teilstichproben können dem SOEPMethodenbericht 2023 (Weitz et al. 2024) entnommen werden. 2.4 Inhalte der Befragung Jedes Interview beginnt mit der Ergebung einer Haushaltsmatrix, die auf Angaben des Haushaltsvorstandes basiert. Die Interviewenden erfassen hierzu die Basisinformation (Geschlecht, Geburtsjahr, Staatsangehörigkeit, Einzugsdatum) für jedes Haushaltsmitglied und die Beziehungen der Haushaltsmitglieder zueinander. Danach wird der Haushaltsfragebogen ausgefüllt, der ebenfalls auf Angaben des Haushaltsvorstandes basiert und Auskunft zu folgenden Themen liefert: • Fragen zu Privatund Gemeinschaftsunterkunft • Wohnsituation im Allgemeinen • Staatliche Leistungen • Pflegebedarf im Haushalt • Fragen zu jedem Kind ab Geburtsjahr 2006 Anschießend werden alle erwachsenen Personen im Haushalt gebeten, einen Personenfragebogen zu beantworten. Hierbei wurden im Jahr 2023 folgende Inhalte im Rahmen des Personenfragebogens abgefragt: • Lebenszufriedenheit und persönliche Eigenschaften • Alltagstätigkeiten • Sprachkenntnisse und Sprachgebrauch • Bleibeabsichten • Diskriminierung • Erwerbssituation, Einkommen und Transfereinkünfte • Gesundheitszustand und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen • Meinungen und Einstellungen • Sorgen • Wohnortpräferenzen Zusätzlich erhalten Erstbefragte (dies betrifft alle im Jahr 2023 für diese Studie befragten ukrainischen Geflüchteten, da es sich um deren erste Erhebungswelle im Rahmen der IAB-BAMFSOEP-Befragung handelt) einen Lebenslauffragebogen. Der Lebenslauffragebogen deckt folgende zeitkonstante Inhalte ab: • Herkunft (Staatsangehörigkeit, Geburtsort, Kindheit) • Weg und Zuzug nach Deutschland • Wohnorthistorie IAB -Forschungsbericht 5|2025 31 Abbildung 3-2: Pläne für Partnernachzug bei geflüchteten Ukrainerinnen mit einem Partner im Ausland nach Bleibeabsicht Angaben in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße: Frauen mit einem Partner im Ausland N = 430), gewichtete Werte. 3.2.3 Familienstrukturen Drei Viertel (76 Prozent) der Geflüchteten aus der Ukraine haben Kinder. Diese Angabe bezieht sich auf die Kinder jeden Alters unabhängig von ihrem Wohnort. Bei Frauen sind 22 Prozent und bei Männern sind 28 Prozent kinderlos. Die durchschnittliche Zahl der Kinder jeden Alters beträgt 1,8 Kinder. Bei Männern liegt die durchschnittliche Zahl der Kinder mit 2,0 Kindern etwas höher als bei Frauen (1,7 Kinder). In der früheren Zuzugskohorte (vor Juni 2022) ist der Anteil von Männern mit drei oder mehr Kindern doppelt so hoch wie bei Frauen: Männer 26 Prozent vs. Frauen 13 Prozent. Dies dürfte unter anderem mit den Ausreisekriterien zusammenhängen, da das Ausreiseverbot für die ukrainischen Männer im wehrpflichtigen Alter nicht für die Väter von drei oder mehr Kindern gilt. In der späteren Zuzugskohorte gibt es diesen deutlichen Unterschied nicht mehr: 14 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen aus der Ukraine, die nach Juni 2022 nach Deutschland geflohen sind, haben drei oder mehr Kinder. Unabhängig von ihrem Partnerschaftsstatus und Alter haben in der zweiten Jahreshälfte 2023 43 Prozent der erwachsenen Frauen und 41 Prozent der erwachsenen Männer mindestens ein minderjähriges Kind (unter 18 Jahren) in Deutschland. Tabelle 3-1 gibt die Partnerschaftsstruktur der 20bis 49-jährigen ukrainischen Geflüchteten in Deutschland im Hinblick auf das Vorhandensein und den Wohnort von minderjährigen Kindern wieder. Zum einen zeichnet sich diese Altersgruppe durch einen hohen Anteil an minderjährigen Kindern aus. Zum anderen handelt es sich um eine militärisch relevante Altersgruppe, bei der es häufig zur einer räumlichen Familientrennung kommt. Es werden zwei Zeitpunkte (Spätsommer 2022 und zweite Jahreshälfte 2023) sowie die beiden Zuzugskohorten miteinander verglichen. Zur zweiten Jahreshälfte 2023 ist bei der früheren Zuzugskohorte (Spalte 2: Frauen 62 Prozent, Männer 57 Prozent) der Anteil von Personen mit minderjährigen Kindern ähnlich hoch wie im Vorjahr (Spalte IAB -Forschungsbericht 5|2025 32 3: Frauen 62 Prozent, Männer 58 Prozent). Unterschiede gegenüber dem Spätsommer 2022 lassen sich bei der früheren Zuzugskohorte jedoch in Bezug auf den Wohnort des Partners feststellen. So zeigt sich ein Rückgang von 30 Prozent auf 15 Prozent bei den 20– bis 49-jährigen Müttern von minderjährigen Kindern, deren Partner im Ausland lebt, sowie ein gleichzeitiger Anstieg von 16 Prozent auf 33 Prozent bei den 20– bis 49-jährigen Müttern mit minderjährigen Kindern und einem Partner in Deutschland. Für die spätere Zuzugskohorte zeigen sich in der zweiten Jahreshälfte 2023 ähnliche Werte wie für die frühere Zuzugskohorte. Auch hier leben 54 Prozent der Männer und sogar 38 Prozent der Frauen zwischen 20 und 49 mit minderjährigen Kindern und einem Partner in Deutschland. Diese Veränderungen in der Partnerschaftsstruktur von Geflüchteten aus der Ukraine hängen mit dem Familiennachzug ukrainischer Männer, der Rückkehr ukrainischer Frauen mit Partner im Ausland, der häufigeren Einreise von Paaren bei der späteren Zuzugskohorte, sowie der Entstehung neuer Partnerschaften in Deutschland zusammen. Tabelle 3-1: Partnerschaftsund Familienstruktur der 20bis 49-jährigen Geflüchteten aus der Ukraine Anteile in Prozent Leere Zelle Zuzugskohorte 2 (nach Juni 2022) 2023 Zuzugskohorte 1 (vor Juni 2022) 2023 Zuzugskohorte 1 (vor Juni 2022) 2022 1) Frauen Männer Frauen Männer Frauen Männer Eheoder Lebenspartner in Deutschland 55 81 45 80 22 74 …davon mit minderjährigen Kindern in Deutschland 38 54 33 54 16 54 …davon ohne minderjährige Kinder in Deutschland 5 6 2 6 1 4 …davon kinderlos 13 21 10 21 5 17 Eheoder Lebenspartner im Ausland 16 <1 20 <1 39 5 …davon mit minderjährigen Kindern in Deutschland (= temporär alleinerziehend) 11 - 15 - 30 3 …davon ohne minderjährige Kinder in Deutschland 2 - 3 - 2 1 …davon kinderlos 3 - 2 - 6 1 Ohne Partnerschaft 29 19 36 19 38 19 …davon mit minderjährigen Kindern in Deutschland (=alleinerziehend) 10 2 15 2 16 1 …davon ohne minderjährige Kinder in Deutschland 7 1 4 2 3 1 …davon kinderlos 12 17 17 14 19 17 Insgesamt mit minderjährigen Kindern in Deutschland 58 56 62 57 62 58 Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße N = 3.403), gewichtete Werte. 1) Werte für 2022 übernommen aus Brücker et al. 2023a: 82. Der Anteil (in Deutschland lebender) alleinerziehender Väter zwischen 20 und 49 Jahren mit minderjährigen Kindern in Deutschland ist gering und liegt über beide Zuzugskohorten bei 2 Prozent. Der Anteil (in Deutschland lebender) alleinerziehender 20bis 49-jähriger Frauen ist wiederum in der früheren Zuzugskohorte aufgrund des Nachzugs ukrainischer Männer gegenüber dem Vorjahr von 46 Prozent auf circa 30 Prozent zum Jahresende 2023 IAB -Forschungsbericht 5|2025 33 zurückgegangen. Bei circa der Hälfte dieser alleinerziehenden Frauen lebt der Ehe-/Lebenspartner im Ausland. Die andere Hälfte ist partnerlos. Bei Frauen, die nach Juni 2022 nach Deutschland geflohen sind, ist der Anteil alleinerziehender Mütter in der Altersgruppe der 20bis 49-Jährigen kleiner und beträgt 21 Prozent (Tabelle 3-1). Weiterführende Analysen zeigen (ohne Tabelle), dass der Anteil von geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern mit minderjährigen Kindern im Ausland sehr gering ist und bei 1 Prozent liegt. Insgesamt haben aber 21 Prozent der nach Deutschland geflüchteten Ukrainerinnen und 23 Prozent der geflüchteten Männer zur zweiten Jahreshälfte 2023 mindestens ein Kind im Ausland. In der Altersgruppe über 50 Jahre hat sogar circa die Hälfte der Befragten (Männer 52 Prozent; Frauen 50 Prozent) Kinder im Ausland. Es dürfte sich hierbei hauptsächlich um erwachsene Kinder handeln. Die gewichtete Verteilung nach Haushaltsgröße zeigt, dass rund jeder fünfte Haushalt (21 Prozent) aus einer Person und etwa jeder dritte Haushalt (31 Prozent) aus zwei Personen besteht. Der Anteil der Haushalte mit drei Personen beträgt etwa ein Viertel (24 Prozent). Circa jeder siebte Haushalt (14 Prozent) hat vier Personen; und jeder zehnte Haushalt (10 Prozent) hat mehr als vier Personen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei 2,7 Personen. Etwa ein Viertel (23 Prozent) der minderjährigen Kinder in den Haushalten ukrainischer Geflüchteter in Deutschland ist noch nicht schulpflichtig, d. h. jünger als 6 Jahre. 30 Prozent der Kinder sind zwischen 6 und 10 Jahre alt und fast die Hälfte (47 Prozent) ist zwischen 11 und 17 Jahre alt. 3.3 Kinderbetreuung und Schulbesuch 3.3.1 Kinderbetreuung Die Mehrheit der ukrainischen Geflüchteten zum Befragungszeitpunkt in der zweiten Jahreshälfte 2023 sind Frauen (75 Prozent), viele von ihnen mit minderjährigen Kindern (43 Prozent). Für diese Familien ist der Zugang der Kinder zu institutioneller Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen von großer Bedeutung – er unterstützt die Integration in den Arbeitsmarkt, in kulturelle Aktivitäten und in das gesellschaftliche Leben. In der Ukraine ist die Quote institutioneller Kinderbetreuung traditionell hoch, wie in vielen post-sozialistischen Ländern (84 Prozent der 1-6-Jährigen in 2013, Putcha et al. 2018). Von einer hohen Nachfrage ukrainischer Mütter nach Betreuungsplätzen ist somit auszugehen. Die Ergebnisse der IABBiB/FReDA-BAMF-SOEP-Studie vom Spätsommer 2022 zeigen jedoch, dass der Zugang zu Krippen und Kindergärten für geflüchtete Kinder keine Selbstverständlichkeit ist (Brücker et al. 2023a). Lediglich 22 Prozent der Kinder unter drei Jahren und 60 Prozent der 3bis 6-jährigen Kinder besuchte damals eine Kita. Seitdem wurden verschiedene Förderprogramme auf kommunaler und Landesebene eingeführt, um den Zugang zu verbessern (u. a. Boll et al. 2023; Köller et al. 2022). Tatsächlich zeigt sich in der zweiten Jahreshälfte 2023 bei Kindern im Kindergartenalter (3 bis 6 Jahre) eine signifikante Zunahme der Betreuungsquote: 76 Prozent der Kinder werden inzwischen in institutionellen Einrichtungen betreut, was einem Anstieg um 16 Prozentpunkte entspricht. Dennoch liegt diese Quote weiterhin 15 Prozentpunkte unter dem deutschen Durchschnitt, der im ersten Quartal 2024 bei 91 Prozent lag (Statistisches Bundesamt 2024a). Bei den jüngeren Kindern im Alter von 0 bis 2 Jahren erhöhte sich die Betreuungsquote lediglich IAB -Forschungsbericht 5|2025 34 geringfügig auf 23 Prozent, was einem Zuwachs von nur 1 Prozentpunkt entspricht. Damit bleibt diese Altersgruppe 14 Prozentpunkte hinter dem deutschen Durchschnitt, der im Jahr 2023 bei 37 Prozent lag (Statistisches Bundesamt 2024c). Auch regionale Unterschiede zwischen Ostund Westdeutschland spiegeln sich bei den Geflüchteten wider: In Ostdeutschland besuchen in der zweiten Jahreshälfte 2023 40 Prozent der Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren eine Betreuungseinrichtung, im Westen sind es 19 Prozent. Bei den Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren sind es in Ostdeutschland 87 Prozent und in Westdeutschland 73 Prozent. Hinsichtlich der Familienkonstellation gibt es kaum Unterschiede in der Betreuungsquote zwischen Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren, die mit beiden Eltern zusammenleben, und jenen, die mit ihren Eltern und weiteren Verwandten leben; sie beträgt in der zweiten Jahreshälfte 2023 durchschnittlich 60 Prozent. Signifikant geringer ist die Quote jedoch bei Kindern, die nur mit einem Elternteil zusammenleben, mit rund 38 Prozent. Auch das Bildungsniveau der Eltern beeinflusst den Zugang zur Kinderbetreuung: Bei Eltern mit tertiärem Bildungsabschluss, d.h. wenn Eltern ein Hochschulstudium absolviert haben, beträgt die Betreuungsquote der 0bis 6-jährigen Kinder etwa 64 Prozent, während sie bei Eltern mit mittlerer Bildung 55 Prozent und bei niedrigerem Bildungsabschluss bei 45 Prozent liegt. Zudem zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit der vor Ort lebenden Eltern und der Betreuungsquote: Kinder berufstätiger Eltern besuchen mit 70 Prozent weit häufiger eine Betreuungseinrichtung als Kinder erwerbsloser Eltern. Hier beträgt die Betreuungsquote 59 Prozent. Insgesamt zeigt sich, dass Kinder, die vor Juni 2022 nach Deutschland kamen, häufiger in Kinderbetreuung sind als solche die später kamen (62 Prozent versus 55 Prozent unter den 0bis 6-Jährigen). 3.3.2 Schulbesuch In Deutschland beginnt die Schulpflicht für Kinder in dem Schuljahr, in dem sie 7 Jahre alt werden und dauert bis zum 18. Lebensjahr. Der verpflichtende Vollzeit-Schulbesuch endet je nach Bundesland nach 9 oder 10 Schuljahren, danach folgt eine 3-jährige Pflicht zur Berufsausbildung, sofern keine weiterführende Schule, etwa ein Gymnasium, besucht wird. Diese Regelung gilt mit ein paar Ausnahmen auch für geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, die mit ihrer Ankunft schulpflichtig werden (entsprechend der auf Länderebene bestehenden Regelungen, Heiermann und Atanisev 2024). Ende 2023 besuchten über 210.000 ukrainische schulpflichtige Kinder deutsche Schulen (KMK 2023). Seit 2022 gibt es bundesweite Programme, darunter Sprachförderungen und Mentoringprojekte, um ukrainische Kinder zu unterstützen, zum Beispiel schulartunabhängige Deutschklassen und schulartspezifische Sprachförderangebote in Bayern oder Begleitung von Lehrkräften in kommunalen Integrationszentren und Mitarbeit von ukrainischen Lehrkräften an Schulen in Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus wurden auch – wie schon zu Zeiten der Flüchtlingskrise 2015/16 - Spezialklassen oder begleitender Unterricht für ukrainische Flüchtlingskinder an Schulen eingerichtet. Die Einrichtung und Ausgestaltung solcher klassenoder schulbegleitenden Unterstützungsangebote erfolgte bundeslandspezifisch (z. B. in Form von Vorbereitungsklassen, IAB -Forschungsbericht 5|2025 35 wie die Berliner Willkommensklassen, oder Brückenklassen in Bayern) und auch auf Einzelschulebene. Bundesweit gültige Vorgaben, wie geflüchtete Kinder und Jugendliche in Deutschland unterrichtet werden sollen, gibt es nicht, da Bildungsfragen in der Zuständigkeit der Bundesländer liegen. Ziel der Vorbereitungsund Willkommensklassen ist in erster Linie, den Kindern einen schnellen Erwerb der deutschen Sprache zu ermöglichen, wobei ihnen hier zugutekommen könnte, dass Deutsch in der Ukraine neben Englisch als Fremdsprache unterrichtet wird. Sobald die Kinder ausreichend Deutsch gelernt haben, sollen sie eigentlich in den regulären Unterricht wechseln. In einigen Bundesländern bleiben die Kinder jedoch bis zu einem Schuljahr in den Vorbereitungsklassen, bevor sie in Regelklassen integriert werden. Inwieweit die jeweiligen Modelle ihr Ziel erreichen, bleibt jedoch offen. Erste empirische Studien zu den Vorbereitungsklassen der Jahre 2015/2016 zeigen essenzielle Probleme auf. So ergab sich für Flüchtlingskinder im Grundschulalter in Hamburg, dass sie signifikant geringere Chancen hatten, ein Gymnasium zu besuchen, im Vergleich zu Flüchtlingskindern, die direkt in Regelklassen integriert wurden (Höckel und Schilling 2022). Ein Blick auf die Daten aus der zweiten Jahreshälfte 2023 zur Schulbildung ukrainischer Kinder zeigt (Abbildung 3-3), dass nur 7 Prozent der 7bis 10-Jährigen eine reine Willkommens-, Vorbereitungs-, oder Brückenklasse ohne weiteren Unterricht in einer Regelklasse besuchen, während der Anteil bei den 11bis 17-Jährigen 21 Prozent beträgt. In eine Regelklasse mit zusätzlichem Besuch von unterstützenden Zusatzunterricht für ukrainische Kinder gehen in der zweiten Jahreshälfte 2023 18 Prozent der jüngeren und 27 Prozent der älteren Kinder, während 60 Prozent aller schulpflichtigen ukrainischen Kinder ausschließlich am Regelunterricht teilnehmen. Damit sind nur insgesamt 16 Prozent der ukrainischen Kinder und Jugendlichen in speziellen Klassen beschult, ein deutlich niedrigerer Anteil als 2015/16, als noch etwa 40 Prozent der geflüchteten Kinder in solchen Klassen unterrichtet wurden (KMK 2016). Zwischen Kindern, die vor oder ab Juni 2022 nach Deutschland kamen, gibt es kaum Unterschiede im Anteil derjenigen, die ausschließlich Vorbereitungs-, Willkommensoder Brückenklassen besuchen (16 Prozent gegenüber 17 Prozent). Allerdings besuchen später zugezogene Kinder häufiger Regelklassen mit zusätzlichem Förderunterricht (29 Prozent gegenüber 23 Prozent). Mit dem politischen Ziel ukrainische Flüchtlingskinder und Jugendliche so rasch wie möglich nach ihrer Ankunft in das deutsche Schulsystem zu integrieren (KMK 2022), bleibt unklar, inwieweit eine Zuordnung zu den Schularten entsprechend der in den jeweiligen Bundesländern geltenden Kriterien durchgeführt werden konnte. Wichtigste Grundlage der Zuordnung zu Schularten in Deutschland ist eine Bewertung des Kompetenzund Kenntnisstands, sei es anhand von Noten oder anderer Formen der Leistungserfassung. Beides scheint angesichts der Umstände, unter denen die ukrainischen Kinder nach Deutschland kamen, eher unwahrscheinlich in seiner Umsetzbarkeit. Auf der einen Seite dürfte durch Krieg und Flucht nicht für jedes Kind ein aktuelles Zeugnis aus der Ukraine vorliegen und gleichzeitig Einstufungstests angesichts beschränkter Zeitund Personalkapazitäten nur selten durchgeführt worden sein. Auf der anderen Seite gibt es wesentliche Unterschiede zwischen dem ukrainischen und deutschen Bildungssystem – sowohl in der Struktur der Schulformen als auch im Benotungssystem (Anders 2022): In der Ukraine lernen alle Kinder in einem einheitlichen Schulsystem von der 1. bis mindestens zur 9. Klasse. Die Primarstufe umfasst die Klassen 1 bis 4, die Sekundarstufe I die Klassen 5 bis 9. Wer das Abitur anstrebt, besucht die Sekundarstufe II bis IAB -Forschungsbericht 5|2025 36 zur 11. Klasse. Eine Trennung in unterschiedliche Schulformen nach der Grundschule, wie es in Deutschland üblich ist, existiert nicht. Das ukrainische Notensystem reicht von 12 bis 1, wobei 12 bis 10 als sehr gut, 9 bis 7 als gut, 6 bis 4 als befriedigend und 3 bis 1 als ungenügend bewertet werden. Einen validierten, geprüften Schlüssel zur Umrechnung dieser Noten in das deutsche System mit Noten von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) gibt es nicht. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass die Zuweisung zu Schularten häufiger durch Faktoren wie Wohnortnähe, soziale Kontakte oder die Bildungsziele der Familien beeinflusst wurde, anstatt allein auf den Fähigkeiten und Kenntnissen der Kinder zu beruhen. Auch die verschiedenen Bildungssysteme der Bundesländer könnten den Zugang zu Schularten beeinflusst haben: Die Schulsysteme lassen sich in liberalere und traditionellere Typen einteilen. In den liberaleren Bundesländern haben Eltern größeren Einfluss auf die Wahl der weiterführenden Schule, unabhängig von schulischen Leistungen oder Lehrerempfehlungen. Auch wird in liberalen Bundesländern der Zugang zum Abitur über alternative Schulformen (z. B. Gesamtschule) ermöglicht nicht nur über das Gymnasium. Durch eine sechsjährige Grundschule oder Grundschule mit anschließender Orientierungsstufe soll in diesen Bundesländern die soziale Durchmischung gefördert werden. In traditionelleren Systemen haben Noten und Lehrerempfehlungen ein größeres Gewicht, das Abitur wird maßgeblich im Gymnasium erworben und die Grundschule endet nach der 4. Klasse. Abbildung 3-3: Prozentale Verteilung ukrainischer SchülerInnen (Altersgruppen 7–10, 11–17, 7–17 Jahre) im Schuljahr 2022/23 nach Besuch reiner Vorbereitungs-, Willkommensoder Brückenklassen, unterstützendem Zusatzunterricht und ausschließlich Regelunterricht Anteile in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße N=1.122), gewichtete Werte. Dieser Bericht untersucht, welche Schularten des Sekundarbereichs I und II ukrainische Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren besuchen und vergleicht diese Verteilung mit der aller gleichaltrigen Kinder, die im Schuljahr 2022/2023 öffentliche Schulen in Deutschland besucht haben. Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren werden hier nicht in den Blick genommen, weil diese Altersgruppe maßgeblich die Grundschule besucht. Kinder, die eine reine Willkommens-, Brückenoder Vorbereitungsklasse besuchen, sind hier inkludiert, d. h. die Eltern aller dieser Kinder haben in IAB -Forschungsbericht 5|2025 37 der Befragung auch eine Regelschulart angegeben, die ihr Kind besucht. Zudem wird analysiert, wie sich die Verteilung ukrainischer Kinder auf verschiedene Schularten im föderalen Schulsystem in Relation zur Bildung ihrer Eltern unterscheidet. Da die Altersstruktur der geflüchteten ukrainischen Kinder und Jugendlichen der Altersstruktur aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland ähnelt und zwischen den Altersgruppen 11 bis 17 Jahren annähernd gleich verteilt ist, und keine Hinweise auf eine selektive Migration in Bezug auf Kompetenz oder Wissensstand der Kinder vorliegen, bietet der Vergleich die Möglichkeit, abzuschätzen, ob die gewählte Schulart ihrem Leistungsniveau angemessen ist. Abweichungen in der Schulartenverteilung könnten darauf hindeuten, dass dies nicht immer gewährleistet ist. Für die Analyse wurden die föderalen Schulsysteme in zwei Typen eingeteilt (Helbig und Nikolai 2015): modernisierte und traditionell-modernisierte Mischtypen. Die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein haben modernisierte, liberale Strukturen. In Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen findet sich ein Mischtyp mit teils traditionellen, teils modernisierten Strukturen. Insgesamt besuchen 39 Prozent der ukrainischen Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren ein Gymnasium, 13 Prozent eine Gesamtschule, 15 Prozent eine Realschule, 16 Prozent eine Hauptoder Mittelschule und 4 Prozent eine Grundschule. Weitere 5 Prozent besuchen entweder eine andere Schule (z. B. eine Waldorfoder Montessorischule) oder sind nicht (mehr) beschult (3 Prozent). In Bundesländern mit modernisierten Schulsystemen liegt der Anteil der Gymnasiasten bei 37 Prozent, während er in traditionelleren Systemen 42 Prozent beträgt (Abbildung 3-4). Bei Gesamtschulen, Realschulen, Hauptund Mittelschulen sowie Grundschulen zeigen sich zwischen den beiden Schulsystemen nur geringe Unterschiede. Allerdings besuchen in modernisierten Systemen mehr ukrainische Kinder eine Berufsschule als in traditionellen (6 Prozent gegenüber 1 Prozent). Im Vergleich zu allen Schülerinnen und Schülern in Deutschland im Schuljahr 2022/2023 ergeben sich deutliche Abweichungen bei den Anteilen in bestimmten Schulformen. Ukrainische Kinder oder Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren besuchen seltener eine Gesamtschule (13 Prozent im Vergleich zu 20 Prozent) oder eine Berufsschule (4 Prozent im Vergleich zu 11 Prozent). Gleichzeitig ist der Anteil der Hauptschülerinnen und -schülern unter ukrainischen Kindern oder Jugendlichen höher (16 Prozent im Vergleich zu 7 Prozent). Der Anteil der Realschülerinnen und - schüler ist mit 15 Prozent hingegen identisch. Ein genauer Blick auf die Schulsysteme zeigt, dass in traditionelleren Systemen nur 1 Prozent der ukrainischen Kinder eine Berufsschule besucht, verglichen mit 13 Prozent aller Kinder. In modernisierten Systemen ist der Anteil der ukrainischen Kinder in Gesamtschulen (13 Prozent) deutlich niedriger als bei allen Kindern (30 Prozent). Auffällig sind zudem die Unterschiede beim Besuch von Realund Hauptschulen in modernisierten Systemen. Hier sind 16 Prozent der ukrainischen Kinder Realschülerinnen und - schüler, verglichen mit 10 Prozent aller Kinder, während der Anteil an Hauptoder Mittelschülerinnen und -schüler bei 15 Prozent liegt, deutlich höher als bei allen Schülerinnen und Schülern (3 Prozent). IAB -Forschungsbericht 5|2025 38 Abbildung 3-4: Prozentuale Verteilung ukrainischer Flüchtlingskinder auf die verschiedenen deutschen Schultypen im Vergleich mit allen Kindern für die Altersgruppe 11-17 Jahre und für das Schuljahr 2022/23. In Prozent Anmerkungen: a) Berechnungen beziehen sich auf weniger als 10 Beobachtungen und werden daher nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße N=754), gewichtete Werte, und Datenportal des Statistischen Bundesamts (eigene Auszählung). Ein Vergleich zwischen dem elterlichen Bildungsniveau und der Schulartenverteilung der Kinder im Alter von 11-17 Jahren (Abbildung 3-5) zeigt Unterschiede beim Anteil der Gymnasiasten hinsichtlich des Bildungshintergrunds ihrer Eltern. So besuchen 42 Prozent aller Kinder von Eltern niedriger Bildung ein Gymnasium und 39 Prozent von Eltern hoher Bildung. Bei Kindern von Eltern mittlerer Bildung sind es hingegen nur 36 Prozent. Auffällige Unterschiede finden sich auch bei Kindern, die nicht mehr im Schulsystem sind. Dieser Anteil liegt bei Kindern mit niedrigem elterlichem Bildungsniveau bei 11 Prozent, verglichen mit 4 Prozent bzw. 2 Prozent bei Kindern mit mittlerem und mit hohem elterlichem Bildungsniveau. Deutliche Unterschiede zeigen sich überdies bei Kindern, die eine Gesamtschule besuchen. Während Kinder von Eltern mit mittlerer und hoher Bildung diese Schulform zu 11 Prozent bzw. 13 Prozent besuchen, liegt der Anteil bei Kindern mit niedrigem elterlichem Bildungsniveau bei unter 1 Prozent. Auch bei anderen Schularten, die keine der oben benannten Regelschularten sind, wie z. B. Waldorfoder Montessorischulen, zeigen sich Diskrepanzen: 8 Prozent der Kinder mit Eltern niedriger Bildung besuchen eine solche Schulart, bei Kindern mit Eltern mittlerer und hoher Bildung sind es 5 Prozent bzw. 6 Prozent. Auffällige Unterschiede finden sich auch bei Kindern, die nicht (mehr) im Schulsystem sind. Dieser Anteil ist mit 11 Prozent besonders hoch bei Kindern und Jugendlichen von Eltern niedriger Bildung und bei den 16und 17-Jährigen, scheint also hauptsächlich Schulabgänger zu betreffen. Der Anteil an Grundschülerinnen und -schülern ist mit 3 Prozent bzw. 4 Prozent in allen Gruppen gering. Mit Blick auf den Zuzugszeitpunkt vor oder ab Juni 2022 IAB -Forschungsbericht 5|2025 39 ergeben sich keine aussagekräftigen Unterschiede in der Verteilung ukrainischer Kinder auf die verschiedenen Schularten. Abbildung 3-5: Prozentuale Verteilung ukrainischer geflüchteter Kinder im Alter von 1117 Jahren auf Schularten nach höchstem Bildungsniveau der Eltern. In Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße N=696), gewichtete Werte. Viele ukrainische Kinder und Jugendliche nehmen zusätzlich zum regulären Schulbesuch am Online-Unterricht ukrainischer Schulen teil. Insgesamt betrifft dies 50 Prozent der 7bis 17Jährigen, der Anteil variiert jedoch je nach Altersgruppe und Schulart (Abbildung 3-6). Von den 7bis 10-Jährigen sind es 46 Prozent, bei den 11bis 17-Jährigen 52 Prozent. Fast alle OnlineSchülerinnen und Schüler (86 Prozent) im Alter von 7 bis 10 Jahren besuchen in Deutschland die Grundschule, während bei den Kindern im Alter von 11 bis 17 Jahren 46 Prozent Gymnasien, 18 Prozent Realschulen, 15 Prozent Gesamtschulen, 14 Prozent Hauptoder Mittelschulen, 4 Prozent Grundschulen und 3 Prozent eine Berufsschule besuchen. Die Teilnahme am OnlineUnterricht spiegelt mehr oder weniger die Schulverteilung der ukrainischen Kinder in Deutschland wieder, mit einer leicht höheren Quote bei Gymnasiasten. Bezogen auf den Zuzugszeitpunkt ergeben sich bei den 11bis 17-Jährigen keine nennenswerten Unterschiede in der Teilnahme am zusätzlichen Online-Unterricht. Bei den 7bis 10-Jährigen nehmen jedoch Kinder, die ab Juni 2022 nach Deutschland kamen, mit 55 Prozent deutlich häufiger teil als diejenigen, die schon länger in Deutschland sind (44 Prozent). Der Anteil an Kindern, die IAB -Forschungsbericht 5|2025 40 ausschließlich an ukrainischem Online-Unterricht teilnehmen, ohne eine deutsche Schule zu besuchen, ist verschwindend gering. Abbildung 3-6: Prozentuale Verteilung ukrainischer Geflüchteter im Alter von 11 bis 17 Jahren, die neben der Schule in Deutschland an Online-Unterricht einer ukrainischen Schule teilnehmen. In Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (Stichprobengröße N=360), gewichtete Werte. 3.4 Fazit Die Fluchtmigration aus der Ukraine nach Deutschland ist stark von den kriegsbedingten Rahmenbedingungen geprägt. In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn kamen überwiegend Frauen im erwerbsfähigen Alter mit Kindern nach Deutschland, während in späteren Phasen zunehmend Männer einreisten, häufig im Rahmen des Familiennachzugs. Der Anteil männlicher Geflüchteter stieg von 2022 von 22 Prozent bis auf 25 Prozent in der zweiten Jahreshälfte 2023, wobei der Männeranteil in späteren Zuzugskohorten mit 37 Prozent deutlich höher liegt. Gleichzeitig verringerten sich räumliche Trennungen von Familien, was zu einem Rückgang alleinstehender Frauen mit minderjährigen Kindern führte. Zwei Drittel der erwachsenen Geflüchteten befinden sich in festen Partnerschaften, wobei Männer häufiger mit ihren Partnerinnen in Deutschland zusammenleben als Frauen. Diese Veränderungen verdeutlichen die Dynamik der Familienzusammenführung sowie die unterschiedlichen Fluchtverläufe zwischen den Zuzugskohorten. Die Integration ukrainischer Kinder und Jugendlicher in das deutsche Bildungsund Betreuungssystem zeigt Fortschritte, bleibt jedoch weiterhin herausfordernd. Während der Zugang zu Kindertagesstätten für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren signifikant von 60 Prozent im Jahr 2022 auf 76 Prozent in der zweiten Jahreshälfte 2023 gestiegen ist, bleibt die Betreuungsquote bei den unter 3-Jährigen mit 23 Prozent niedrig. Dies weist auf einen anhaltenden Handlungsbedarf hin, besonders im Vergleich zu deutschen Kindern. Regionale Unterschiede sind deutlich sichtbar: In Ostdeutschland sind die Betreuungsquoten höher als im Westen. Zudem beeinflussen Faktoren wie Bildungsniveau und Erwerbstätigkeit der Eltern den IAB -Forschungsbericht 5|2025 47 Abbildung 4-1: Anträge auf Anerkennung der Ausbildung, nach Bleibeabsichten In Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 2.283. 4.3.2 Reglementierte und nicht-reglementierte Berufe Vor dem Hintergrund eines möglichen Fachkräftemangels in einigen Berufen in Deutschland ist es wichtig zu wissen, für welche Berufe Geflüchtete die Anerkennung ihrer Qualifikationen beantragen. Wie erwartet, betreffen die Mehrheit der Anträge reglementierte Berufe (60 Prozent). Allerdings wissen 22 Prozent der Befragten nicht genau, ob die Tätigkeit, für die sie die Anerkennung ihres Abschlusses beantragen, einem reglementierten Beruf entspricht. Dies deutet auf einen Mangel an Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt hin, der durch verbesserte Informationsangebote beispielsweise durch die Jobcenter oder digitale Formate behoben werden könnte. In Abbildung 4-2 werden die Berufe nach der Klassifikation der Berufe 2010 (KldB 2010) gruppiert. Es zeigt sich, dass die meisten Anerkennungsanträge für Berufe im Bereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung (37 Prozent) gestellt werden, gefolgt von Berufen in der Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (19 Prozent) sowie Berufen in der Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung (17 Prozent). Dabei ergeben sich ausgeprägte Geschlechterunterschiede: Zwei Drittel der Anerkennungsanträge von geflüchteten Frauen werden für Berufe in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung (42 Prozent) sowie Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (21 Prozent) gestellt. Bei den männlichen Geflüchteten wurden die meisten Anerkennungsanträge für Berufe in der Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung (38 Prozent) sowie in Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung (21 Prozent) gestellt. Vergleicht man diese Berufe mit der Liste der Engpassberufe aus der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (2024a), stellt sich heraus, dass neun Prozent der Anerkennungsanträge Engpassberufe betreffen. Hier ist der Geschlechterunterschied stark ausgeprägt: Bei Männern betreffen 18 Prozent der Anerkennungsanträge Engpassberufe, bei Frauen sind es lediglich 7 Prozent. IAB -Forschungsbericht 5|2025 48 Abbildung 4-2: Für welche Berufsgruppe wurde Anerkennung beantragt? In Prozent Anmerkungen: a) Berechnungen beziehen sich auf weniger als 10 Beobachtungen und werden daher nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 368. 4.3.3 Gründe für Nichtbeantragung Personen, die einen Bildungsabschluss im Ausland erworben haben, aber bisher keine Anerkennung beantragt haben, wurden nach den Gründen für die Nichtbeantragung gefragt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4-3 dargestellt. Unter den vorgeschlagenen Antwortmöglichkeiten haben die meisten Befragten angegeben, dass sie keine Aussicht auf Anerkennung des Abschlusses haben (14 Prozent) oder ihnen Informationen über das administrative Verfahren fehlen (13 Prozent). Weitere bedeutende Faktoren sind fehlende Dokumente (10 Prozent) und die Einschätzung, dass die Anerkennung ihres Bildungsabschlusses nicht relevant für ihren beruflichen Erfolg sei (8 Prozent). Weitere 8 Prozent haben zu hohen Aufwand, Bürokratie und Finanzierungsprobleme als Gründe für nicht gestellte Anerkennungsanträge genannt. Bemerkenswert ist auch, dass mehr als 40 Prozent der Befragten „sonstige Gründe“ angaben. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass es noch Potenzial gibt, die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse durch verbesserte Kommunikation gegenüber den Geflüchteten zu steigern. Es ist wichtig, mehr Informationen über das Verfahren selbst sowie die Vorteile von anerkannten Abschlüssen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bereitzustellen. Die Tatsache, dass viele Geflüchtete mehr Informationen und Unterstützung beim Anerkennungsverfahren benötigen, wird auch durch die Befragungsdaten gestützt: 73 Prozent der Personen, die zu Fragen der Anerkennung ihrer Abschlüsse geantwortet haben, sehen einen Unterstützungsbedarf in diesem Bereich. Personen, die keine Anerkennung beantragt haben, geben ebenso an, hier Unterstützungsbedarf zu haben: Besonders auffällig ist, dass ein solcher Bedarf insbesondere von den Geflüchteten berichtet wird, die Finanzierungsprobleme (93 Prozent), Unklarheiten über das Antragsverfahren (89 Prozent), hohen Verfahrensaufwand (86 IAB -Forschungsbericht 5|2025 49 Prozent) sowie fehlende Dokumente (76 Prozent) als Gründe für die Nicht-Antragstellung angeben. Abbildung 4-3: Warum wurde keine Anerkennung beantragt? In Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 1.766. 4.3.4 Dauer und Ausgang der Anerkennungsverfahren Zum Zeitpunkt der Befragung sind 24 Prozent der Anträge abschließend bearbeitet. Die Mehrheit der Anträge (76 Prozent der Anträge) ist zum Befragungszeitpunkt jedoch noch nicht abgeschlossen. Die Dauer der Anerkennungsverfahren variiert dabei stark. Im Durchschnitt dauerten die Verfahren, die zum Zeitpunkt der Befragung bereits abgeschlossen waren, vier Monate. Allerdings mussten zehn Prozent der Befragten über zehn Monate auf den Bescheid über das Ergebnis warten. Insgesamt wurden 18 Prozent der Abschlüsse vollständig und 5 Prozent der Abschlüsse teilweise anerkannt, unter einem Prozent der Anträge wurden nicht anerkannt. 4.4 Bildungsaspirationen und Bildungsbeteiligung bei Erwachsenen in Deutschland Die Zuwanderung nach Deutschland bedeutet nicht zwangsläufig das Ende der Bildungsbiografie. Im Gegenteil: Es ist anzunehmen, dass insbesondere jüngere Geflüchtete ihre Bildungsbiografien in Deutschland fortsetzen. Dabei sind sowohl ein allgemeinbildender Schulabschluss als auch ein beruflicher Abschluss oder ein Hochschulstudium denkbar. Für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration sind insbesondere berufliche Abschlüsse sowie Studienabschlüsse von zentraler Bedeutung, da Bildungszertifikate den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt in hohem Maße steuern und eine langfristige und erfolgreiche Arbeitsmarktintegration begünstigen (Damelang et al. 2019; Damelang und Kosyakova 2021). 4.4.1 Bildungsaspirationen Im Durchschnitt haben nur wenige Geflüchtete aus der Ukraine schulische Bildungsaspirationen, wobei 3 Prozent sicher und weitere 6 Prozent vielleicht einen Schulabschluss in Deutschland in Erwägung ziehen. Im Gegensatz dazu streben 61 Prozent noch eine Berufsausbildung oder ein IAB -Forschungsbericht 5|2025 50 Studium in Deutschland an (31 Prozent sicher; 30 Prozent vielleicht). Es bestehen allerdings starke Gruppenunterschiede (vgl. Tabelle 4-5). Tabelle 4-5: Bildungsaspiration nach ausgewählten Merkmalen In Prozent Leere Zelle Schulabschluss Berufsund Hochschulabschluss Ja Nein Ja Nein Geschlecht Männer 12,9 87,1 64,0 36,0 Frauen 8,1 91,9 60,7 39,3 Alter zum Befragungszeitpunkt 18-25 Jahre 27,5 72,5 87,5 12,5 26-35 Jahre 11,0 89,0 71,8 28,2 36+ Jahre 5,0 95,0 52,5 47,5 Schulabschluss im Ausland Mittel-, Haupt-, Realschule 10,9 89,1 57,6 42,4 Weiterführende Schule (Gymnasium, Fachoberschule u. Ä.) 7,9 92,1 63,0 37,0 Sonst. weiterführende Schule 9,6 90,4 67,6 32,4 Keinen Schulabschluss erworben 28,1 71,9 63,5 36,5 Berufsbildung im Ausland Berufliche Bildungseinrichtung/duale Ausbildung 7,3 92,7 56,8 43,2 Fach-/Hochschule, Promotion 5,3 94,7 61,3 38,7 Keinen Berufsoder Hochschulabschluss erworben 17,8 82,2 75,4 24,6 Keine Berufsoder Hochschule besucht 17,3 82,7 59,4 40,6 Zuzugskohorte Zwischen Februar und Mai 2022 8,1 91,9 61,3 38,7 Seit Juni 2022 14,0 86,0 62,7 37,3 Bleibeabsichten Für immer in Deutschland 12,1 87,9 68,1 31,9 Noch einige Jahre 6,8 93,2 59,3 40,7 Höchstens noch ein Jahr a) 94,7 35,4 64,6 Unsicher 2,1 97,9 48,8 51,2 Anmerkungen: a) Berechnungen beziehen sich auf weniger als 10 Beobachtungen und werden daher nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 2.947. Rund 13 Prozent der Männer streben zumindest vielleicht einen Schulabschluss in Deutschland an; bei Frauen liegt dieser Wert mit rund 8 Prozent niedriger (vgl. Tabelle 4-5). Die Anteile der Frauen, die noch eine Berufsausbildung oder ein Studium in Deutschland anstreben, liegen ebenfalls etwas unter denen der Männer (Männer: 64 Prozent; Frauen: 61 Prozent). Die allgemein geringeren durchschnittlichen Werte der schulischen Bildungsaspirationen können verschiedene Ursachen haben. Einerseits haben bereits deutlich mehr Geflüchtete einen IAB -Forschungsbericht 5|2025 51 Schulabschluss in ihrem Herkunftsland erworben, sodass der Bedarf geringer ist. Andererseits werden hier nur Personen berücksichtigt, die 18 Jahre und älter sind und somit nicht zur klassischen Zielgruppe für schulische Abschlüsse gehören. Eine Differenzierung nach Altersgruppen bestätigt dieses Bild: Mit zunehmendem Alter sinkt bei beiden Geschlechtern die Neigung, noch Schulabschlüsse oder berufliche Abschlüsse und Studienabschlüsse zu erwerben. Insbesondere jüngere Menschen aus der Ukraine haben den Plan, in einen Abschluss in Deutschland zu investieren. Während lediglich 5 Prozent der über 36-Jährigen einen Schulabschluss in Deutschland anstreben, liegt der Wert unter den 18bis 25-Jährigen mit rund 28 Prozent wesentlich höher (Tabelle 4-5). Noch stärker ausgeprägt sind die Unterschiede bei Berufsausbildungen oder einem Studium in Deutschland. Während immerhin rund 53 Prozent der über 36-Jährigen überlegen, eine Berufsausbildung oder ein Studium zu absolvieren, planen dies rund 88 Prozent der 18bis 25-Jährigen. Ähnliches gilt für das bereits erreichte Bildungsniveau beim Zuzug: Über ein Viertel der Geflüchteten ohne Schulabschluss strebt einen weiteren Schulabschluss in Deutschland an, während nur 5 Prozent der Personen mit einem Bachelor-, Masteroder Promotionsabschluss dies vorhaben. Das Interesse, einen weiteren Berufsund/oder Hochschulabschluss in Deutschland zu erwerben, ist am stärksten unter denjenigen ohne abgeschlossene Ausbildung oder Studium ausgeprägt (75 Prozent). Deutliche Unterschiede lassen sich bezüglich der Zuzugskohorte und Bleibeabsichten beobachten. So verdoppelt sich der Wunsch nach einem deutschen Bildungsabschluss bei Personen, die seit Juni 2022 nach Deutschland zugezogen sind, im Vergleich zu denjenigen, die zwischen Februar und Mai gekommen sind (Zuzug vor Juni 2022: 8 Prozent; Zuzug seit Juni 2022: 14 Prozent). Die Unterschiede bezüglich der beruflichen Bildungsaspirationen sind allerdings weniger ausgeprägt. Hingegen weisen insbesondere Personen mit einem längerfristigen Bleibewunsch in Deutschland überdurchschnittliche Bildungsaspirationen auf. 4.4.2 Bildungserwerb in Deutschland Rund 16 Prozent der Geflüchteten aus der Ukraine befanden sich zum Befragungszeitpunkt in Bildung, Ausbildung oder Weiterbildung2 (vgl. Abbildung 4-4). Dabei liegt der Anteil der Frauen zwar etwas unter dem der Männer, der Unterschied ist jedoch nicht statistisch signifikant. Untergliedert man die verschiedenen Arten des formalen Bildungserwerbs, so besuchen rund ein Prozent eine allgemeinbildende Schule, vier Prozent eine Hochschule oder Universität, ein Prozent eine berufliche Ausbildung und rund neun Prozent nehmen an einer Weiterbildung bzw. Umschulung teil. Männer nehmen häufiger an einer beruflichen Ausbildung oder einem Hochschulstudium teil, während Frauen häufiger an einer Weiterbildung bzw. Umschulung teilnehmen. Insgesamt ist der Anteil der Geflüchteten, die bislang in Deutschland formelle Bildungsund Ausbildungseinrichtungen besucht haben, noch gering. Dies kann unter anderem an den sprachlichen Voraussetzungen liegen, die für eine Ausbildung oder ein Studium erforderlich sind. 2 Hierrunter zählen: Allgemeinbildende Schule (inkl. Willkommensklasse, Vorbereitungsklasse oder Übergangsklasse), Hochschule/Universität, berufliche Ausbildung (inkl. Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungsjahr) sowie Weiterbildung und Umschulung. IAB -Forschungsbericht 5|2025 52 Abbildung 4-4: Formaler Bildungserwerb in Deutschland In Prozent Anmerkungen: a) Berechnungen beziehen sich auf weniger als 10 Beobachtungen und werden daher nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 2.922. Ähnlich wie bei den Bildungsaspirationen können Investitionen in Bildung von verschiedenen Faktoren abhängen. Es ist anzunehmen, dass jüngere, weniger gebildete Personen, diejenigen, die schon länger in Deutschland sind, Personen mit längerfristigen Bleibeabsichten und Personen mit fortgeschrittenen Deutschkenntnissen eine höhere Bildungsbeteiligung aufweisen als andere Gruppen. Tabelle 4-6 stellt den formalen Bildungserwerb nach diesen Merkmalen dar. Wie erwartet geht der formale Bildungserwerb mit steigendem Alter zurück, was durch den geringeren Zeithorizont erklärt werden kann, in dem die älteren Geflüchteten einen Nutzen aus ihren neu erworbenen Bildungsabschlüssen ziehen könnten. Hingegen sind die Bleibeabsichten der Geflüchteten für die Entscheidung eines (weiteren) Bildungserwerbs weniger relevant, mit Ausnahme der geringeren Bildungsbeteiligung unter Personen, die von Ungewissheit bezüglich ihrer Zukunft betroffen sind. Die seit Juni 2022 zugezogenen Geflüchteten weisen eine höhere Bildungsbeteiligung auf als die vorherige Zuzugskohorte. Dieser Unterschied besteht auch, wenn man für weitere Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung, Deutschkenntnisse und Aufenthaltsdauer kontrolliert. Die Investitionen in formale Bildungsabschlüsse nehmen mit höherem Schulabschluss ab und sind am stärksten bei Personen ohne Schulabschluss, aber auch bei denjenigen mit nicht auf Deutschland übertragbaren Abschlüssen, ausgeprägt. Im Gegensatz dazu ist der Bildungserwerb unter Personen ohne abgeschlossene Berufsund/oder Hochschulabschlüsse am stärksten ausgeprägt. Dies deutet darauf hin, dass insbesondere Personen mit abgebrochenen Bildungsbiografien verstärkt formale Abschlüsse in Deutschland anstreben. Wie erwartet steigen die Investitionen in formale Bildung mit besseren Deutschkenntnissen. IAB -Forschungsbericht 5|2025 53 Tabelle 4-6: Bildungserwerb nach ausgewählten Merkmalen In Prozent Leere Zelle Bildungserwerb zum Befragungszeitpunkt Ja Nein Alter zum Befragungszeitpunkt 18-25 Jahre 34,3 65,7 26-35 Jahre 12,9 87,1 36+ Jahre 13,6 86,4 Schulabschluss im Ausland Mittel-, Haupt-, Realschule 19,0 81,0 Weiterführende Schule (Gymnasium, Fachoberschule u.Ä.) 14,1 85,9 Sonst. weiterführende Schule 26,7 73,3 Keinen Schulabschluss erworben 21,0 79,0 Berufsbildung im Ausland Berufliche Bildungseinrichtung/duale Ausbildung 14,8 85,2 Fach-/Hochschule, Promotion 12,4 87,6 Keinen Berufsoder Hochschulabschluss erworben 38,4 61,6 Keine Berufsoder Hochschule besucht 17,0 83,0 Deutschkenntnisse Schlecht 13,7 86,3 Mittel 16,5 83,5 Gut 21,6 78,4 Zuzugskohorte Zwischen Februar und Mai 2022 15,1 84,9 Seit Juni 2022 20,5 79,5 Bleibeabsichten Für immer in Deutschland 16,7 83,3 Noch einige Jahre 16,3 83,7 Höchstens noch ein Jahr 17,2 82,8 Unsicher 12,6 87,4 Anmerkungen: a) Berechnungen beziehen sich auf weniger als 10 Beobachtungen und werden daher nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40, gewichtet. Beobachtungen: 2.922. 4.5 Fazit Die vorliegenden Analysen verdeutlichen, dass ukrainische Geflüchtete ein hohes Bildungsniveau und umfangreiche Berufserfahrung mit nach Deutschland bringen. Knapp 97 Prozent verfügen über einen schulischen Abschluss, wobei zwei Drittel der Geflüchteten eine weiterführende Schule abgeschlossen haben. Mehr als die Hälfte besitzt einen Fachhochschuloder Universitätsabschluss, und ein weiteres knappes Fünftel verfügt über einen beruflichen Abschluss. Die Geschlechterunterschiede sind gering; Frauen weisen geringfügig höhere Anteile an höheren Schulund Hochschulabschlüssen auf als Männer. Über 90 Prozent der Geflüchteten verfügen über Berufserfahrung aus der Ukraine, überwiegend in Vollzeit, was ihr Potenzial für den deutschen Arbeitsmarkt weiter erhöht. IAB -Forschungsbericht 5|2025 54 Trotz dieses hohen Bildungsniveaus hat bislang nur etwa ein Fünftel der Geflüchteten einen Antrag auf Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Abschlüsse gestellt. Besonders Geflüchtete mit Hochschulabschlüssen zeigen eine höhere Wahrscheinlichkeit zur Antragstellung als diejenigen mit beruflichen Abschlüssen. Die Bereitschaft, einen Anerkennungsantrag zu stellen, ist eng mit der Bleibeperspektive verbunden: Geflüchtete, die langfristig in Deutschland bleiben möchten, stellen deutlich häufiger Anträge als jene mit kurzfristigen Bleibeabsichten oder unsicheren Zukunftsplänen. Dies unterstreicht die Bedeutung von Planungssicherheit für Investitionen in die eigene berufliche Integration. Ein Großteil der Anerkennungsanträge bezieht sich auf reglementierte Berufe, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung. Allerdings herrscht bei vielen Geflüchteten Unsicherheit darüber, ob ihr Beruf in Deutschland reglementiert ist. Hauptsächlich genannte Gründe für den Verzicht auf einen Anerkennungsantrag sind fehlende Informationen über das Verfahren, mangelnde Aussicht auf Anerkennung und fehlende Dokumente. Es besteht weiterhin ein erheblicher Bedarf an Unterstützung und Beratung: 73 Prozent der Geflüchteten wünschen sich hier Unterstützung, insbesondere hinsichtlich finanzieller Belange, Klarheit über das Antragsverfahren und Hilfe bei der Beschaffung notwendiger Unterlagen. Die Dauer der Anerkennungsverfahren variiert stark. Während einige Verfahren innerhalb von vier Monaten abgeschlossen werden, warten andere Geflüchtete über zehn Monate auf eine Entscheidung. Zum Zeitpunkt der Befragung war der Großteil der Anträge noch nicht abgeschlossen. Zusammen deuten diese Ergebnisse auf einen erheblichen Informationsund Unterstützungsbedarf sowie die Dringlichkeit effizienterer Prozesse hin, um die Potenziale der Geflüchteten besser zu nutzen. Die Bildungsaspirationen der Geflüchteten sind insbesondere im Bereich der beruflichen Ausbildung und des Studiums hoch, vor allem bei jüngeren Personen und solchen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Dennoch ist die tatsächliche Bildungsbeteiligung vergleichsweise gering, was unter anderem auf sprachliche Hürden zurückzuführen sein kann. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ukrainische Geflüchtete ein hohes Potenzial für eine erfolgreiche Integration in den deutschen Arbeitsmarkt mitbringen. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, sind gezielte Maßnahmen erforderlich, die den Informationsfluss verbessern, Anerkennungsverfahren erleichtern und Bildungsangebote zugänglicher machen. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei Personen mit unvollständigen Bildungsbiografien gelten. Zudem ist die Unterstützung von Frauen beim potentiellen Bildungserwerb wichtig, um Geschlechterungleichheiten abzubauen und eine umfassende Integration zu fördern. Durch die Beseitigung der identifizierten Barrieren kann die Beschäftigungsfähigkeit der Geflüchteten erhöht und ein wichtiger Beitrag zur Deckung des Fachkräftebedarfs in Deutschland geleistet werden. IAB -Forschungsbericht 5|2025 55 5 Zwischen Integration und Rückkehr: Die Bleibewünsche ukrainischer Geflüchteter in Deutschland Manuel Siegert und Yuliya Kosyakova 5.1 Einleitung Seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine haben zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer Schutz in Deutschland gefunden. Die Frage, wie lange die ukrainischen Geflüchteten bleiben möchten, ist für Politik und Gesellschaft von großer Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur die Bereitstellung von Wohnraum und Bildungsangeboten, sondern auch die Gestaltung von Integrationsmaßnahmen. Zudem wirken sich die Bleibeabsichten auf integrationsrelevante Entscheidungen der Geflüchteten aus. So zeigt beispielsweise Eckhard, Kapitel 8 (vgl. Abbildung 8-4), dass Geflüchtete, die dauerhaft in Deutschland bleiben möchten, schneller einen Integrationskurs besuchen als jene, die wieder in die Ukraine zurückkehren wollen. Allerdings sind die Bleibeabsichten nicht unveränderlich, sondern können sich im Laufe der Zeit wandeln, weshalb es sich anbietet, die Absichten regelmäßig zu erheben und zu analysieren. Hierbei ist davon auszugehen, dass die Planungen zur Aufenthaltsdauer insbesondere von der Situation in der Ukraine und den individuellen Lebensumständen in Deutschland beeinflusst werden: Die allgemeine Lage in der Ukraine hat sich im Befragungsjahr 2023 nicht grundlegend verbessert, die Kampfhandlungen und die damit verbundenen Gefahren für die Zivilbevölkerung bestehen fort. Zudem wird die ukrainische Wirtschaft zunehmend beeinträchtigt (Liadze et al. 2023). Gleichzeitig fassen die ukrainischen Geflüchteten hier in Deutschland immer mehr Fuß: Ihre Deutschkenntnisse verbessern sich stetig (vgl. Eckhard, Kapitel 8), ebenso die Wohnverhältnisse (vgl. Tanis, Kapitel 6) und die Erwerbssituation (vgl. Gatskova et al., Kapitel 9). Darüber hinaus besuchen die ukrainischen Kinder und Jugendlichen in Deutschland einen Kindergarten oder eine Schule und wachsen dadurch in die deutsche Gesellschaft hinein (vgl. Zinn et al., Kapitel 3). Zusammen dürften diese Entwicklungen dazu beitragen, dass der Anteil derjenigen ukrainischen Geflüchteten zunimmt, die erwägen, langfristig in Deutschland zu leben. Tatsächlich deuten bisherige Ergebnisse genau darauf hin: Während im Spätsommer 2022 noch rund 39 Prozent der ukrainischen Geflüchteten planen, einige Jahre oder dauerhaft in Deutschland zu bleiben (Brücker et al. 2023a), lag dieser Anteil Anfang 2023 bereits bei rund 44 Prozent (Brücker et al. 2023c) und im Sommer 2023 geben etwa 52 Prozent an, längerfristig bleiben zu wollen (Ette et al. 2023). Vor diesem Hintergrund wird in diesem Kapitel beleuchtet, welche Bleibewünsche die ukrainischen Geflüchteten in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 haben, welche Faktoren mit diesem Wunsch im Zusammenhang stehen und welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Betroffenen eine Rückkehr in die Ukraine in Betracht ziehen können. IAB -Forschungsbericht 5|2025 56 5.2 Planungen der ukrainischen Geflüchteten zur Aufenthaltsdauer In der zweiten Jahreshälfte 2023 planen rund 59 Prozent der ukrainischen Geflüchteten, die zwischen Ende Februar und Ende Mai 2022 nach Deutschland zugezogen sind (Zuzugskohorte 1), dauerhaft zu bleiben (siehe Tabelle 5-1). Die rund 41 Prozent dieser Zuzugskohorte, die nicht dauerhaft bleiben möchten, setzen sich aus etwa 25 Prozent, die noch einige Jahre bleiben möchten, rund 9 Prozent, die dies noch höchstens ein Jahr wollen, und rund 7 Prozent, die keine konkreten Angaben zur geplanten Aufenthaltsdauer gemacht haben, zusammen. Tabelle 5-1: Dauer, die ukrainische Geflüchtete noch in Deutschland bleiben wollen In Prozent Leere Zelle Zuzugskohorte 1: Zuzug zwischen Ende Februar und Ende Mai 2022 Zuzugskohorte 2: Zuzug ab Anfang Juni 2022 Für immer Ja 60 69 Nein 41 31 Davon Noch einige Jahre 25 17 Höchstens noch 1 Jahr 9 8 Keine Angabe zur Dauer 7 6 Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten (Stichprobe, N=3.145), gewichtete Werte Von jenen, die ab Juni 2022 (Zuzugskohorte 2) nach Deutschland gekommen sind, möchten sogar rund 69 Prozent dauerhaft bleiben, also 10 Prozentpunkte mehr als bei Zuzugskohorte 1 (Tabelle 5-1). Dafür ist bei den später Eingereisten der Anteil derjenigen geringer, die noch für einige Jahre bleiben möchten (rund 17 Prozent gegenüber rund 25 Prozent). Der Anteil derjenigen, die nur noch vergleichsweise kurz, d. h. höchstens noch ein Jahr, in Deutschland bleiben wollen, unterscheidet sich zwischen den beiden Gruppen kaum. Es stellt sich die Frage, warum die später eingereisten Geflüchteten aus der Ukraine häufiger den Wunsch äußern, dauerhaft in Deutschland bleiben zu wollen. Ein Teil des Unterschieds dürfte auf die etwas unterschiedliche soziodemografische Zusammensetzung der beiden Zuzugskohorten zurückgehen. So ist in der später eingereisten Zuzugskohorte sowohl der Männeranteil als auch der Anteil derjenigen höher, die zusammen mit einem Partner oder einer Partnerin in Deutschland leben (vgl. Tabelle 3-1 in Kapitel 3). Ursächlich hierfür ist, dass ein großer Teil der zweiten Zuzugskohorte aus Männern besteht, die zu ihren bereits in Deutschland lebenden Familien nachgezogen sind. Bisherige Studien zeigen aber, dass geflüchtete ukrainische Männer häufiger langfristig oder dauerhaft in Deutschland bleiben wollen als geflüchtete ukrainische Frauen, und Geflüchtete, deren Partner oder Partnerinnen außerhalb Deutschlands leben, wollen seltener langfristig bleiben (Brücker et al. 2023c). Weitere Aspekte, die oft auch mit den Bleibeabsichten von Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten allgemein in Verbindung stehen (z. B. Carling und Pettersen 2014; Hannafi und Marouani 2023; Chabé-Ferret et al. 2018; Jensen und Pedersen 2007; de Vroome und van IAB -Forschungsbericht 5|2025 63 Abbildung 6-2: Determinanten der Dauer bis zum Einzug in eine private Unterkunft Durchschnittlichen marginale Effekte, in Prozent Anmerkung: * signifikant auf dem 5-Prozentniveau. Verweildaueranalyse (Cox-Regression); Die Werte in dieser Abbildung geben an, in welchem Verhältnis ein Merkmal die Dauer bis zum Einzug in eine private Wohnung/Haus gegenüber einer Vergleichsgruppe erhöht oder verringert. Ein positiver Wert bedeutet größere Chancen im x-ten Monat, in eine private Unterkunft zu ziehen, ein negativer Wert bedeutet niedrigere Chancen. Abhängige Variable: Dauer bis Einzug in erste private Unterkunft (ohne Zuzug in bestehenden Haushalt). Weitere Kontrollvariablen, die nicht ausgewiesen werden: Bundesländer. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.057 Haushalte. 6.4 Zum Befragungszeitpunkt bewohnte Unterkunftsart, Wohnqualität und Wohnortpräferenzen Neben der Wohnhistorie wurden im zweiten Halbjahr 2023 auch ausführliche Informationen zur aktuellen Unterkunft erhoben. Demnach gaben insgesamt rund 83 Prozent der ukrainischen Geflüchteten an, zum Befragungszeitpunkt in privaten Unterkünften zu leben (Abbildung 6-3). Unter den vor Juni 2022 Zugezogenen beträgt der Anteil ungefähr 85 Prozent, unter den ab Juni Zugezogenen sind es circa 74 Prozent. Jede zehnte Person bewohnt eine Gemeinschaftsunterkunft. Differenziert nach Zuzugskohorte zeigt sich ein deutlich höherer Anteil unter den später Zugezogenen (18 Prozent; früher Eingereiste: 8 Prozent). Mit rund 7 Prozent sind IAB -Forschungsbericht 5|2025 64 andere Unterkünfte sowohl bei den früher als auch den später Zugezogenen der zum Befragungszeitpunkt am seltensten bewohnte Unterkunftstyp. Abbildung 6-3: Zum Befragungszeitpunkt bewohnte Unterkunftsart, differenziert nach Zuzugskohorte Anteile in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.159 Haushalte. Bewohnen ukrainische Geflüchtete private Unterkünfte, stehen ihnen im Durchschnitt 25 m² pro Person zur Verfügung (Median: 23 m²; Min: 4 m²; Max: 150 m²). Während sich zwischen den Zuzugskohorten keine Unterschiede beobachten lassen, haben Haushalte, in denen Kinder wohnen, weniger Quadratmeter pro Kopf zur Verfügung (Haushalte mit Kindern, Mittelwert: 21 m²; Haushalte ohne Kinder, Mittelwert: 31 m²). Die durchschnittliche Miethöhe pro Quadratmeter liegt bei rund 12,10 Euro (Median: 11,30 Euro). Einen weiteren wichtigen Indikator für die Wohnqualität in privaten Unterkünften stellt in diesem Zusammenhang die Anzahl an zur Verfügung stehenden Räumen dar. So wird eine Wohnung vereinfacht als überbelegt definiert, wenn die Anzahl an Haushaltsmitgliedern die Anzahl an zur Verfügung stehenden Räumen übersteigt (OECD 2024). Insgesamt betrachtet liegt der Mittelwert bewohnter Räume pro Person bei 1 (Min: 0,2; Max: 8). Wird weiter berücksichtigt, ob Kinder mit im Haushalt leben, reduziert sich die Zahl zur Verfügung stehender Räume pro Person im Mittel auf unter ein Zimmer (Mittelwert: 0,8; Haushalte ohne Kinder: 1,2). Auf die Frage, wie die zum Befragungszeitpunkt bewohnte private Unterkunft gefunden wurde, nennen ukrainische Geflüchtete am häufigsten „über Freunde und Bekannte“ (40 Prozent). Danach folgen Anzeigen in Zeitungen oder im Internet (21 Prozent), Verwandte (12 Prozent) und staatliche Vermittlungen (11 Prozent). Hilfsorganisationen und soziale Netzwerke im Internet werden hingegen selten genannt (im unteren einstelligen Bereich). Eine getrennte Betrachtung nach Zuzugskohorten zeigt für die vor Juni 2022 Zugezogenen, dass die Vermittlung über Freunde deutlich häufiger genannt wurde (41 Prozent, Abbildung 6-4) als dies bei später Eingereisten (35 Prozent) der Fall war. Später Zugezogene haben dafür vergleichsweise häufiger die staatliche Vermittlung genannt (18 Prozent vs. 9 Prozent). Dies lässt vermuten, dass formelle IAB -Forschungsbericht 5|2025 65 bzw. staatliche Unterstützungsangebote zunächst seltener zur Verfügung standen oder weniger bekannt waren und daher häufiger auf informelle Unterstützung durch Freunde zurückgegriffen wurde. Die starke Nutzung informeller Wege nach Kriegsbeginn kann wiederum mit der Aktivierung von Wohnraum zusammenhängen, der dem Wohnungsmarkt sonst nicht zur Verfügung steht. Abbildung 6-4: Quellen, über die die private Unterkunft gefunden wurde, differenziert nach Zuzugskohorte Anteile in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten, Vorabdaten v40 (2023). Beobachtungen: 1.779 Haushalte. Daten gewichtet. Die durchschnittliche Zufriedenheit mit der Wohnsituation liegt auf einer Skala von 0 „ganz und gar unzufrieden“ bis 10 „ganz und gar zufrieden“ bei 7,3 Punkten – unabhängig von der bewohnten Unterkunftsart (Median: 8; Min:0; Max.10; Abbildung 6-5). Während sich keine Kohortenunterschiede nach Zuzugszeitpunkt beobachten lassen, sind insbesondere Personen in Gemeinschaftsunterkünften (Mittelwert: 4,9 Punkte), gefolgt von Personen in anderen Unterkünften (Mittelwert: 6,1 Punkte) vergleichsweise unzufrieden mit ihrer Wohnsituation. Insgesamt befinden sich zum Befragungszeitpunkt circa 23 Prozent der ukrainischen Geflüchteten auf Wohnungssuche. Die niedrigere Zufriedenheit bei Personen, die keine privaten Unterkünfte bewohnen, schlägt sich in einem höheren Anteil an Personen nieder, die sich derzeit auf Wohnungssuche befinden: Während die Mehrheit an Personen, die zum Befragungszeitpunkt Gemeinschafts- (67 Prozent) oder andere Unterkünfte (52 Prozent) bewohnten, angaben, sich auf Wohnungssuche zu befinden, waren es unter jenen in privaten Unterkünften lediglich rund 15 Prozent. IAB -Forschungsbericht 5|2025 66 Abbildung 6-5: Zufriedenheit mit der Wohnsituation, differenziert nach Unterkunftsart Mittelwerte Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.157 Haushalte. Werden ukrainische Geflüchtete danach gefragt, welchen Wohnort (Großstadt, mittlere Stadt, Kleinstadt, Land) sie präferieren, zeigt sich, dass mittlere Städte bevorzugt werden (Abbildung 6-6). So können sich 88 Prozent aller ukrainischen Geflüchteten vorstellen dort zu leben, während dies ungefähr jede zehnte Person ablehnt (12 Prozent). 70 Prozent der Geflüchteten können sich vorstellen in Großstädten zu leben, 59 Prozent in einer Kleinstadt. Rund jede dritte Person kann sich vorstellen, auf dem Land zu leben (34 Prozent). Abbildung 6-6: Wohnortpräferenzen Anteile in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.148, 2.147, 2.143 bzw. 2.135 Haushalte. Werden die Informationen hinzugezogen, in welchem Regionentyp (Stadt / Land) Geflüchtete vor ihrem Zuzug wohnten, so zeigt sich auch bei Geflüchteten, die in der Ukraine auf dem Land lebten, ein klarer Trend zur mittleren Stadt in Deutschland (85 Prozent), gefolgt von der Kleinstadt (73 Prozent), dem Land (59 Prozent) und der Großstadt (44 Prozent). Unter Geflüchteten, die in der Ukraine in einer Stadt lebten, ergibt sich für die Wohnortpräferenz in Deutschland diese Reihenfolge: mittlere Stadt (88 Prozent), Großstadt (71 Prozent), Kleinstadt IAB -Forschungsbericht 5|2025 67 (59 Prozent) und Land (33 Prozent). Demnach scheinen ukrainische Geflüchtete - unabhängig von dem in der Ukraine bewohnten Regionentyp - in Deutschland generell mittlere Städte zu präferieren. Allergings zeigt sich auch, dass Personen, die vorher auf dem Land lebten, sich dieses auch eher in Deutschland vorstellen können als Personen, die vor ihrem Zuzug in Städten lebten. Wird der im zweiten Halbjahr 2023 in Deutschland bewohnte Regionentyp betrachtet, so gab die große Mehrheit der ukrainischen Geflüchteten an, in Großstädten zu leben (68 Prozent), gefolgt von städtischen Kreisen (19 Prozent), ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen (9 Prozent) und dünn besiedelten ländlichen Kreisen (5 Prozent). Vor dem Hintergrund angespannter Wohnungsmärkte (mit hoher Mietbelastung und Wohnungsknappheit), die zumeist mittlere und Groß-/Städte betreffen (BBSR 2020), muss dieses Ergebnis bei der Interpretation der Ergebnisse zur aktuellen Wohnsituation und deren künftiger Entwicklung berücksichtigt werden. 6.5 Fazit Zusammenfassend setzt sich der positive Trend in der Wohnsituation ukrainischer Geflüchteter weiter fort. Die große Mehrheit ist in privaten Wohnungen und Häusern untergekommen, ist mit der Wohnsituation zufrieden und derzeit nicht auf Wohnungssuche. Es scheint jedoch, dass einzelne Personengruppen, etwa später Zugezogene, Alleinstehende, Personen mit nichttertiärem Bildungsabschluss oder Personen ohne Kontakt zu Deutschen höhere Hürden überwinden müssen, privaten Wohnraum zu finden als die jeweiligen Referenzgruppen. Daher sollte die Entwicklung der Wohnsituation dieser Personengruppen nicht aus den Augen verloren werden. Bei weiterer Zuwanderung von Schutzsuchenden, die sich ebenfalls auf die Verfügbarkeit von Wohnraum auswirkt, und der Wohnortpräferenz für den städtischen Raum, sollte die Entwicklung insbesondere in den Städten genau im Blick behalten werden. Nur so können gegebenenfalls frühzeitig Maßnahmen ergriffen werden, damit sich der positive Trend in der Wohnsituation ukrainischer Geflüchteter auch weiterhin fortsetzt. IAB -Forschungsbericht 5|2025 68 7 Gesundheit und Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung in Deutschland Susanne Bartig, Adriana Cardozo Silva, Louise Biddle 7.1 Einleitung Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe in verschiedenen Lebensbereichen und steht in enger Wechselwirkung mit den Lebensphasen und -lagen, wie dem Alter, sozioökonomischen Status oder den Wohnsowie Arbeitsbedingungen. Die gesundheitliche Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte wird zudem durch verschiedene Faktoren vor, während und nach der Migration beeinflusst (z. B. WHO 2022). Insbesondere Menschen mit Fluchterfahrung sind aufgrund der traumatischen Erfahrungen und körperlichen Belastungen sowohl vor als auch während der erzwungenen Migration gesundheitlichen Risiken ausgesetzt (z. B. Walther et al. 2020). Neben den Umständen der Migration und Erfahrungen, die im Zusammenhang mit dem Migrationsprozess selbst stehen, verweisen verschiedene Studien auf die hohe Bedeutung postmigratorischer Faktoren. So können unter anderem Erwerbslosigkeit, die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, Unsicherheiten bezüglich der aufenthaltsrechtlichen Situation, die Trennung von Familienangehörigen sowie Diskriminierungsund Ausgrenzungserfahrungen die Gesundheit und das Wohlbefinden von geflüchteten Menschen in Deutschland beeinflussen (z. B. Jaschke und Kosyakova 2021; Nutsch und Bozorgmehr 2020). Ein weiterer Faktor der Postmigrationsphase stellt der Zugang zum Gesundheitssystem dar, einschließlich der adäquaten medizinischen Behandlung. Geflüchtete aus der Ukraine haben, im Gegensatz zu Geflüchteten aus anderen Herkunftsländern, im Rahmen der Aktivierung der EURichtlinie zum vorübergehenden Schutz („Massenzustromrichtlinie“) und dem Rechtskreiswechsel zum 1. Juni 2022 direkt nach ihrer Ankunft vollen Anspruch auf gesundheitliche Versorgung. Für ukrainische Geflüchtete gilt demnach nicht das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG, insbesondere §§ 4 und 6), welches den Zugang zur Gesundheitsversorgung und den Umfang der Leistungen für Geflüchtete aus anderen Ländern einschränkt (Biddle 2024). Dennoch können sie mit Hürden in der Inanspruchnahme konfrontiert sein. So sind die Angebote des deutschen Gesundheitssystems häufig nicht auf die Diversität und sprachliche Vielfalt der in Deutschland lebenden Bevölkerung ausgerichtet (z. B. Bartig et al. 2021). Bisherige Studien zur Gesundheit ukrainischer Geflüchteter in anderen europäischen Aufnahmeländern verweisen auf hohe Prävalenzen psychischer Erkrankungen (Boiko et al. 2024; Guerrero et al. 2023; Kordel et al. 2024). Zudem besteht bei Ukrainerinnen und Ukrainern eine hohe Belastung durch chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf Störungen (Murphy et al. 2023). Für Deutschland liegen bislang jedoch keine verlässlichen Aussagen zur Gesundheit von ukrainischen Geflüchteten vor. Diese sind unerlässlich, um potenzielle Lücken in der Behandlung Geflüchteter aufzudecken und eine bedarfsgerechte Versorgung zu sichern. IAB -Forschungsbericht 5|2025 69 In diesem Kapitel werden daher sowohl die gesundheitliche Situation ukrainischer Geflüchteter, insbesondere die psychische Gesundheit, als auch die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung anhand verschiedener soziodemografischer und migrationsbezogener Merkmale beschrieben. Darüber hinaus erfolgt eine differenzierte Darstellung der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen sowie mögliche Barrieren bei der ärztlichen Versorgung. Infobox: Gesundheitsindikatoren Die subjektive Gesundheit gilt als wichtiger Prädikator für chronische Erkrankungen, für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und für das Mortalitätsrisiko (z. B. Lorem et al. 2020). In der IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten wird die subjektive Gesundheit mit der Frage erfasst: „Wie würden Sie Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben?“ Für die Auswertungen werden die Antwortmöglichkeiten „sehr gut“ sowie „gut“ zusammengefasst und dem Anteil der Teilnehmenden gegenübergestellt, die ihre Gesundheit als „zufriedenstellend“, „weniger gut“ oder „schlecht“ einschätzen. Zur Beschreibung der psychischen Gesundheit wird das Vorliegen einer depressiven Symptomatik und einer generalisierten Angststörung in den letzten zwei Wochen ausgewählt, gemessen anhand des Patient Health Questionnare-4 (PHQ-4). Durch dieses Kurzinstrument werden Symptome einer schweren Depression in Anlehnung an das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders mittels Fragebogen erfasst (American Psychiatric Association 1994). Anhand von jeweils zwei Items werden die Kernsymptome einer Depression (PHQ-2: „wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten“, „Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit“) und generalisierten Angststörung (GAD-2: „Nervosität, Ängstlichkeit oder Anspannung“, „nicht in der Lage zu sein, Sorgen zu stoppen oder zu kontrollieren“) durch Selbstangabe der Teilnehmenden hinsichtlich ihres Vorkommens auf einer 4-stufigen LikertSkala mit „überhaupt nicht“ (0), „an einzelnen Tagen“ (1), „an mehr als der Hälfte der Tage“ (2) und „fast jeden Tag“ (3) bewertet. Das Vorliegen einer depressiven Symptomatik bzw. einer generalisierten Angststörung wird ab einem Skalensummenwert von je drei angenommen (Staples et al. 2019). 7.2 Subjektive Gesundheit Insgesamt 44 Prozent der ukrainischen Geflüchteten schätzen zum Zeitpunkt der Befragung (Ende 2023) ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein (vgl. Tabelle 7-1). Dabei zeigen sich vergleichbare Geschlechts-, Altersund Bildungsunterschiede hinsichtlich der subjektiven Gesundheit, die auch in Studien zur erwachsenen Allgemeinbevölkerung sowie unter Menschen mit Migrationsgeschichte deutlich werden (z. B. Bartig et al. 2023; Heidemann et al. 2021). So bewerten Männer ihre Gesundheit häufiger als gut oder sehr gut im Vergleich zu Frauen (52 Prozent versus 41 Prozent). Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil derer, die ihre Gesundheit als (sehr) gut einschätzen: Während 59 Prozent der jüngeren Altersgruppe (18 bis 29 Jahre) ihre Gesundheit (sehr) gut bewerten, liegt der Anteil unter den ab 50-jährigen ukrainischen Geflüchteten mit 21 Prozent mehr als die Hälfte niedriger. Dieser Alterseffekt ist auf die naturgemäße Zunahme chronischer Erkrankungen bzw. funktionaler Einschränkungen mit dem IAB -Forschungsbericht 5|2025 70 Alter zurückzuführen. Neben den geschlechtsund altersspezifischen Unterschieden steigt mit zunehmender Bildung der Anteil des als (sehr) gut eingeschätzten Gesundheitszustands. Tabelle 7-1: Anteil der ukrainischen Geflüchteten mit einem als (sehr) gut eingeschätzten gegenwärtigen Gesundheitszustand nach verschiedenen soziodemografischen Merkmalen Anteile in Prozent Leere Zelle Selbsteingeschätzter gegenwärtiger Gesundheitszustand Gut bis sehr gut Gesamt 44,1 Geschlecht Männer 51,8 Frauen 41,4 Alters-Gruppen 18-29 Jahre 59,4 30-49 Jahre 53,7 Ab 50 Jahre 20,8 Bildung Niedrig 37,5 Mittel 39,0 Hoch 49,0 Erwerbstätigkeit Erwerbstätig 51,6 Nicht erwerbstätig 42,6 Unterkunft Privatunterkunft 45,0 Andere Unterkunftsarten 38,0 Partner In Deutschland 46,7 In der Ukraine 45,8 Alleinstehend 39,2 Kinder im Haushalt Ja 50,0 Nein 24,0 Keine Kinder 54,4 Zuzugskohorte Vor Juni 2022 43,6 Nach Juni 2022 45,8 Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten, gewichtete Werte. Darüber hinaus variiert die subjektive Gesundheit mit dem Erwerbsstatus und der Art der Unterbringung: Ukrainische Geflüchtete, die erwerbstätig sind bzw. die in einer privaten Unterkunft leben, bewerten ihre Gesundheit häufiger als (sehr) gut im Vergleich zu jenen, die nicht erwerbstätig sind bzw. die in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnen (vgl. Tabelle 7-1). Im IAB -Forschungsbericht 5|2025 71 Hinblick auf die familiäre Situation verweisen die bivariaten Analysen darauf, dass sowohl eine Partnerschaft – unabhängig davon, ob die Person in Deutschland oder in der Ukraine lebt – als auch Kinder (unter 18 Jahre) im Haushalt mit einer besseren allgemeinen Gesundheit assoziiert sind. Bezüglich der Zuzugskohorte (Ankunft vor Juni 2022 versus Ankunft ab Juni 2022) zeigen sich keine Unterschiede in der subjektiven Gesundheit. 7.3 Psychische Gesundheit Eine depressive Symptomatik (PHQ-2) in den letzten zwei Wochen berichten 19 Prozent der befragten ukrainischen Geflüchteten; für Angststörungen gemäß GAD-2 beträgt die Prävalenz 14 Prozent. Demnach sind ukrainische Geflüchtete häufiger von einer depressiven Symptomatik und Angststörung betroffen als Menschen in deutschen Privathaushalten, deren Prävalenzen nach Daten des SOEP bei 10 Prozent (2017/2019) und 12 Prozent (2021) für depressive Symptome bzw. bei 7 Prozent (2017/2019) und 8 Prozent (2021) für Angststörungen liegen (Hettich et al. 2022). Bei der Interpretation gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass sich die Altersund Geschlechterstruktur der in Deutschland lebenden ukrainischen Geflüchteten von jenen der Allgemeinbevölkerung unterscheidet: Ukrainische Geflüchtete sind zu einem höheren Anteil weiblich und im Durchschnitt deutlich jünger als die Bevölkerung ohne Migrationsund Fluchtgeschichte. Um zu untersuchen, welche Faktoren mit der psychischen Gesundheit assoziiert sind, wurden average marginal effects (AME) mittels logistischer Regressionen geschätzt. Die multivariaten Analysen verweisen auf die hohe Bedeutung einer sozialen Einbindung ukrainischer Geflüchteter (Abbildung 7-1). So sind Befragte, die von gegenseitigen Besuchen (mindestens einmal pro Woche) mit Nachbarinnen und Nachbarn, Freundinnen und Freunden oder Bekannten berichten, seltener von dem Vorliegen einer depressiven Symptomatik und Angststörung betroffen als Teilnehmende ohne soziale Einbindung. Die familiäre Situation kann ebenfalls eine Form der sozialen Integration bzw. Isolation darstellen. Hier zeigen die Ergebnisse, dass alleinstehende Befragte eine um knapp 4 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit für eine Angststörung aufweisen als jene, die mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner in einem Haushalt leben. Ferner weisen Befragte ohne Kinder eine höhere Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer depressiven Symptomatik auf als jene, die Kinder haben und mit ihnen zusammen im Haushalt leben. Dass Indikatoren der sozialen Integration – wie Einsamkeit oder soziale Unterstützung – die psychische Gesundheit von ukrainischen Geflüchteten wesentlich beeinflussen, zeigen auch internationale Studien (Boiko et al. 2024; Kordel et al. 2024). Darüber hinaus sind – im Einklang mit Studien zur mentalen Gesundheit von Menschen mit Migrationsgeschichte (z. B. Blume et al. 2024, Schouler-Ocak und Moran 2023) – selbstberichtete Diskriminierungserfahrungen im Alltag mit den psychischen Erkrankungen assoziiert: Befragte, die Diskriminierungserfahrungen berichten, weisen eine um knapp 10 bzw. 12 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer depressiven Symptomatik und Angststörung auf als jene ohne Diskriminierungserfahrungen. Darüber hinaus sind Befragte, die mit ihrem persönlichen Einkommen hoch zufrieden sind, seltener von Symptomen einer Depression und Angststörung betroffen als jene, die nicht zufrieden sind. Neben der sozialen Einbindung und den subjektiven Ausgrenzungserfahrungen stellt demnach auch die finanzielle Situation eine wesentliche Determinante der psychischen Gesundheit dar. IAB -Forschungsbericht 5|2025 72 Abbildung 7-1: Faktoren, die das Vorliegen einer depressiven Symptomatik (PHQ-2) und Angststörung (GAD-2) bei ukrainischen Geflüchteten beeinflussen Durchschnittlichen marginale Effekte Anmerkungen: *, + signifikant auf dem 5und 10-Prozentniveau. Multivariate Regressionsergebnisse mit Delta-Schätzer der Standardfehler. Die durchschnittlichen marginalen Effekte der Variablen wurden im Anschluss an eine binäre logistische Regression berechnet. In den Regressionen wurde für weitere Variablen kontrolliert, die in der Abbildung nicht dargestellt sind: Gemeindegröße, Erwerbstätigkeit, und Art der Unterkunft. Lesebeispiel: Negative durchschnittliche marginale Effekte (links der Referenzlinie) weisen auf eine niedrigere Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer depressiven Symptomatik oder generalisierten Angststörung gegenüber einer Vergleichsgruppe hin. Ein positiver Effekt bedeutet eine höhere Wahrscheinlichkeit. Statistisch signifikant sind Werte (p<0,05), welche die Referenzlinie (0) nicht kreuzen. Demnach weisen geflüchtete Frauen aus der Ukraine eine um rund 7 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit einer generalisierten Angststörung auf als geflüchtete Männer. Quelle: IAB-BAMF-SOEP Befragung von Geflüchteten (2023), n= 2.841 (PHQ-2), n= 2.832 (GAD-2), gewichtete Werte IAB -Forschungsbericht 5|2025 79 erreichen zu 49 Prozent ein noch höheres Sprachniveau. Wurde sowohl ein Integrationskurs als auch ein anderer Deutschkurs besucht, betragen die Anteilswerte 26 Prozent für das A2-, 56 Prozent für das B1 und 11 Prozent für höhere Sprachniveaus. Bei denjenigen, die ausschließlich einen anderen Deutschkursen absolviert haben, liegen die Anteile deutlich niedriger mit 10 Prozent für das A2-, 12 Prozent für das B1 und 10 Prozent für höhere Sprachniveaus. In Abbildung 8 2 ist die kumulierte Rate des Übergangs in den (ersten) Integrationskurs dargestellt. Die Rate spiegelt wider, in welchem Ausmaß (d. h. mit welcher statistischen Chance) die ukrainischen Geflüchteten bis zum x-ten Monat nach der Ankunft in Deutschland bereits an Integrationskursen teilgenommen haben. Differenziert wird hierbei zwischen den bis Ende Mai und den ab einschließlich Juni 2022 eingereisten Geflüchteten aus der Ukraine. Von den bis Ende Mai 2022 eingereisten ukrainischen Geflüchteten haben innerhalb der ersten 12 Monate nach dem Zuzug 62 Prozent einen Integrationskurs begonnen. Nach 18 Monaten sind es 70 Prozent. Nach 20 Monaten haben 73 Prozent einen Integrationskurs begonnen, was im Umkehrschluss heißt, dass die restlichen 27 Prozent auch nach über eineinhalb Jahren in Deutschland keinen Integrationskurs angefangen haben. Abbildung 8-2: Teilnahme an Integrationskursen ukrainischer Geflüchteter nach Aufenthaltsdauer - kumulierte Übergangsraten Anteile in Prozent Anmerkung: Invertierte Kaplan-Meier-Schätzung. Lesebeispiel: Bis Ende des zweiten Monats nach der Einreise haben 3 Prozent der bis einschließlich Mai 2022 eingereisten Geflüchteten aus der Ukraine einen Integrationskurs begonnen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 3.314. Anstiege der Teilnahmerate von zwischen 5 und 10 Prozentpunkten pro Aufenthaltsmonat sind bei den ab Juni 2022 eingereisten Geflüchteten insbesondere zwischen dem dritten und achten IAB -Forschungsbericht 5|2025 80 Monat zu beobachten. Anschließend verläuft die Kurve flacher, dennoch steigt die Teilnahmerate auch noch bis zum zwanzigsten Aufenthaltsmonat weiterhin an. Im Vergleich zwischen den bis Ende Mai 2022 und den danach eingereisten Geflüchteten zeigt sich für die später zugereisten Geflüchteten eine leichte Verzögerung des Einstiegs in die Integrationsund Sprachkurse, die allerdings nur sehr geringfügig ausfällt und nur wenige Wochen umfasst. Die Rate der später eingereisten Geflüchteten steigt innerhalb der ersten drei Monate etwas weniger stark an und flacht außerdem etwas früher ab. Im Resultat haben nach zwölf Monaten seit dem Zuzug knapp über die Hälfte der ab einschließlich Juni 2022 zugezogenen Geflüchteten einen Integrationskurs angefangen. Nach 17 Monaten sind es ca. 62 Prozent. Als zentraler Grund für die Unterschiede zwischen den Zuzugskohorten ist zu vermuten, dass die Geflüchteten mit einer früheren Einreise auf günstigere Rahmenbedingungen in Bezug auf Terminwartezeiten bei Behörden und Ämtern sowie auch hinsichtlich des Angebots an freien Kursplätzen stießen. Berechtigungen und Verpflichtungen zur Integrationskursteilnahme konnten relativ schnell bescheinigt und freie Kursplätze konnten zeitnah angeboten werden. Bei einer späteren Einreise hingegen waren die Kapazitäten der Ämter und Behörden sowie auch das Angebot an freien Kursplätzen bereits stark ausgeschöpft und entsprechend kam es zu längeren Wartezeiten.8 Abbildung 8-3 zeigt die Rate der absolvierten Abschlusstests im Integrationskurs mit einem Ergebnis auf mindestens A2-Niveau. Demnach werden Abschlusstests überwiegend zwischen dem siebten und zehnten Monat nach Beginn des Integrationskurses absolviert. Hinsichtlich der Rate bestandener Abschlusstests sind nur geringfügige Unterschiede zwischen den Einreisekohorten festzustellen. 8 Für diese Begründung spricht, dass (wie aus ergänzenden, nicht dargestellten Analysen hervorgeht), auch jeweils innerhalb der beiden in Abbildung 8-2 dargestellten Zuzugskohorten die durchschnittliche Dauer bis zur ersten Kursteilnahme umso länger gewesen ist, je später die Einreise erfolgte. Gegen einen Effekt der seit Juni 2022 geltenden rechtlichen Veränderungen spricht, dass bereits bei den ab April 2022 eingereisten Geflüchteten eine Verzögerung im Vergleich zu den im Februar oder März 2022 eingereisten Geflüchteten zu beobachten ist. Zudem fallen die Unterschiede zwischen denjenigen mit einer Einreise im April oder Mai 2022 und denjenigen mit einer Einreise von Juni bis Augst 2022 vergleichsweise gering aus. Dagegen, dass der Unterschied zwischen den Einreisekohorten auf unterschiedliche Verteilungen von Individualmerkmalen in den beiden Gruppen zurückzuführen ist, spricht, dass sich (wie Abbildung 8-4 zeigt, siehe unten) ein signifikanter Unterschied zwischen den Einreisekohorten auch bei Kontrolle diverser Individualmerkmale (Geschlecht, Alter, Bildung, Erwerbs-, Wohn-, und Familiensituation sowie Gesundheit, Bleibeabsicht, Deutschkenntnisse) zeigt. IAB -Forschungsbericht 5|2025 81 Abbildung 8-3: Absolvierte Abschlusstests mit Ergebnis A2 oder B1 (GER-Level) ukrainischer Geflüchteter in Integrationskursen nach Dauer seit Kursbeginn – kumulierte Übergangsraten Anteile in Prozent Anmerkung: Invertierte Kaplan-Meier-Schätzung. Lesebeispiel: Von denjenigen, die einen Kurs begonnen haben, haben bis zum zehnten Monat nach dem Kursbeginn 45,0 Prozent (frühere Einreisekohorte) bzw. 36,9 Prozent (spätere Einreisekohorte) den Kurs mit mindestens dem GER-Sprachniveau A2 abgeschlossen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 3.314. 8.2 Zusammenhänge zwischen Kursteilnahme und personenbezogenen Merkmalen Die Teilnahme an Deutschkursen hängt neben dem Einreisezeitraum mit weiteren Rahmenbedingungen und mitunter auch mit personenbezogenen Merkmalen zusammen. Abbildung 8-4 zeigt hierzu die Ergebnisse logistischer Regressionsanalysen. Feststellen lässt sich unter anderem eine geringere Teilnahmerate bei Geflüchteten im Alter von über 60 Jahren sowie bei Geflüchteten mit jüngeren Kindern. Der Zusammenhang zwischen dem Zusammenleben mit jüngeren Kindern und der Kursteilnahme lässt sich allerdings ausschließlich für die Gruppe der weiblichen Geflüchteten, nicht jedoch bei männlichen Geflüchteten beobachten. Hierin spiegelt sich wider, dass Frauen mit jüngeren Kindern oft vor der Schwierigkeit stehen, Kinderbetreuungsaufgaben und Integrationskursteilnahme miteinander zu vereinbaren (z. B. Tissot 2021). Zudem ist zu beachten, dass Personen, die Sozialleistungen beziehen, gemäß dem zweiten Buch des Sozialgesetzbuches (SGB II) während der ersten drei Lebensjahre ihrer Kinder von verpflichtenden Maßnahmen der Arbeitsmarkteingliederung befreit werden können, wenn keine Möglichkeit zur Betreuung der Kinder in einer Kinderbetreuungseinrichtung besteht IAB -Forschungsbericht 5|2025 82 (§ 10 Abs. 1 Nr. 3 SGB II). Ukrainische Frauen, die in Deutschland nicht mit Kindern zusammenleben, unterscheiden sich hinsichtlich der Integrationskursteilnahme hingegen nicht von den Männern. Abbildung 8-4: Zusammenhänge zwischen der Integrationskursteilnahme von ukrainischen Geflüchteten und personenbezogenen Merkmalen, insgesamt und nach Geschlecht Durchschnittlichen marginalen Effekte Anmerkungen: *, +: Signifikant auf mindestens dem 5beziehungsweise 10-Prozentniveau. Multivariate Regressionsergebnisse mit Huber/White-Sandwich-Schätzer der Standardfehler. Die durchschnittlichen marginalen Effekte der Variablen wurden im Anschluss an eine binäre logistische Regression berechnet. In den Regressionen wurde neben der Konstante für weitere Variablen kontrolliert, deren Koeffizienten in der Abbildung nicht gesondert ausgewiesen wurden: Herkunftsregion in der Ukraine, Befragungsmodus und Anzahl der seit der Einreise nach Deutschland vergangenen Monate. Gesundheitliche Probleme sind auf einer 5-stufigen Skala abgetragen. Lesebeispiel: Über 60-jährige Geflüchtete weisen im Vergleich zu den Geflüchteten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – alle anderen Faktoren gleichbleibend – eine um rund 30 Prozentpunkte niedrigere Wahrscheinlichkeit auf, an einem Integrationskurs teilgenommen zu haben. Bezogen auf weibliche Geflüchtete beträgt der Unterschied etwa 39 Prozentpunkte und bezogen auf männliche Geflüchtete etwa 24 Prozentpunkte. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.864. Ein tertiärer Bildungsabschluss sowie die Absicht, für immer in Deutschland zu bleiben, gehen mit einer erhöhten Teilnahmewahrscheinlichkeit einher. Zudem lässt sich feststellen, dass die Teilnahmewahrscheinlichkeit höher ist, wenn noch kein Einstieg in die Erwerbstätigkeit in Deutschland erfolgt ist. Dies gilt sowohl für arbeitssuchende Geflüchtete und für Geflüchtete in einer Ausbildungsphase als auch für nicht-erwerbstätige Geflüchtete. Ein Grund hierfür ist darin zu sehen, dass der Bezug von Sozialleistungen in der Regel mit einer Verpflichtung zur Integrationskursteilnahme verbunden ist. Zudem bestehen für Personen mit einer noch sehr unsicheren beruflichen Perspektive höhere Anreize dafür, ihre Berufschancen durch den Spracherwerb zu verbessern. IAB -Forschungsbericht 5|2025 83 Gesundheitliche Probleme sind mit einer reduzierten Teilnahmerate verbunden. Die Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft korreliert hingegen nicht mit der Kursteilnahme. Gute oder sehr gute Deutschkenntnisse vor der Einreise korrelieren ebenfalls negativ mit der Teilnahmerate, denn eine Pflicht zur Teilnahme an Integrationskursen entfällt bei ausreichenden Deutschkenntnissen. Geflüchtete können – entweder als Alternative zum Integrationskurs oder als eine Ergänzung – auch an anderen Deutschkursen teilnehmen. Geht die Teilnahme an einem anderen Deutschkurs der Integrationskursteilnahme zeitlich voraus, dann kann dies zu einem verzögerten Beginn der ersten Integrationskursteilnahme führen. Bei ausreichendem Abschlussergebnis des anderen Deutschkurses entfällt zudem die Notwendigkeit einer Integrationskursteilnahme. Entsprechend zeigt sich in Abbildung 8-4 auch ein negativer Effekt der Teilnahme an anderen Deutschkursen auf die Integrationskursteilnahme. 8.3 Entwicklung der Deutschkenntnisse Zum Zeitpunkt der Einreise sind Deutschkenntnisse unter den ukrainischen Geflüchteten allerdings noch kaum verbreitet. Nur ein sehr geringer Anteil kann nach eigenen Angaben bereits bei der Einreise sehr gut (1 Prozent), gut (2 Prozent) oder mittelmäßig („es geht“; 5 Prozent) Deutsch sprechen, während sich die überwiegende Mehrheit gar nicht (78 Prozent) oder nur schlecht (14 Prozent) auf Deutsch verständigen kann (Abbildung 8-5). Mit zunehmender Dauer des Aufenthaltes in Deutschland geht jedoch eine deutliche Verbesserung der Deutschkenntnisse einher. Dies zeigt sich an den Selbsteinschätzungen der Deutschkenntnisse von ukrainischen Geflüchteten mit unterschiedlichen Aufenthaltsdauern. Rückläufig ist vor allem der Anteil ohne jegliche Deutschkenntnisse. Dieser liegt bei ukrainischen Geflüchteten, die vor weniger als einem Jahr nach Deutschland gekommen sind, noch bei über 20 Prozent. Bei Geflüchteten mit einer Aufenthaltsdauer von 17 bis 19 Monaten sind es hingegen nur noch 12 Prozent und bei einer Aufenthaltsdauer von 20 bis 23 Monaten nur noch etwa 8 Prozent. Rückläufig ist auch der Anteil der Geflüchteten, die ihre Deutschkenntnisse als „eher schlecht“ beurteilen. Bei einer Aufenthaltsdauer von unter einem Jahr betrifft dies noch 46 Prozent, bei einer Aufenthaltsdauer von 20 bis 23 Monaten nur noch etwa 36 Prozent. Hingegen steigt mit zunehmender Aufenthaltsdauer der Anteil derer, die ihre Deutschkenntnisse mit „sehr gut“, „gut“ oder „es geht“ beschreiben, von 32 Prozent (Aufenthaltsdauer unter einem Jahr) auf 56 Prozent (Aufenthaltsdauer 20 bis 23 Monate). 9 Mit Bezugnahme auf die Gesamtheit der ukrainischen Geflüchteten liegt der Anteil mit guten oder sehr guten Deutschkenntnissen in der zweiten Jahreshälfte 2023 bei 14 Prozent. Weitere 38 Prozent sprechen sich mittelmäßige und weitere 36 Prozent nur eher schlechte Deutschkenntnisse zu. 12 Prozent geben an, über keine Deutschkenntnisse zu verfügen. 9 Eine deutliche Verbesserung der Deutschkenntnisse ukrainischer Geflüchteter zeigt sich auch in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Ette et al. 2023, S. 11). IAB -Forschungsbericht 5|2025 84 Abbildung 8-5: Selbsteingeschätzte Deutschkenntnisse ukrainischer Geflüchteter, nach Aufenthaltsdauer Anteile in Prozent Anmerkung: Die Anteilswerte beruhen auf den gerundeten Mittelwerten für die Bereiche Sprechen, Lesen und Schreiben. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 3.400. 8.4 Zusammenhänge zwischen Deutschkenntnissen und personenbezogenen Merkmalen Nicht allen Geflüchteten gelingt der Erwerb von Deutschkenntnissen gleich schnell. So stehen auch die Deutschkenntnisse der Geflüchteten mit unterschiedlichen personenbezogenen Merkmalen in einem Zusammenhang. In Abbildung 8-6 sind hierzu die Ergebnisse einer linearen Regression der selbsteingeschätzten Deutschkenntnissen auf verschiedene personenbezogene Merkmale wiedergegeben. Die selbsteingeschätzten Deutschkenntnisse sind auf einer 12stufigen Skala abgetragen und ergeben sich aus separaten Einschätzungen hinsichtlich der drei Sprachbereiche Sprechen, Lesen und Schreiben. Abbildung 8-6 verdeutlicht u. a. die Bedeutung der Integrationsund Sprachkurse. Bereits die laufende Teilnahme an einem Integrationskurs korreliert bei beiden Geschlechtern positiv mit den Deutschkenntnissen. Ein noch stärkerer Zusammenhang lässt sich für das Bestehen des Abschlusstests eines Integrationskurses und dem damit einhergehenden Erwerb eines Sprachzertifikats auf mindestens A2-Niveau feststellen. Gleiches zeigt sich auch für andere Deutschkurse oder Berufssprachkurse, allerdings fallen die diesbezüglichen Effekte im Vergleich zu den Effekten der Integrationskursteilnahme etwas schwächer aus und sind teilweise nicht statistisch signifikant. Ein Grund für den schwächeren Effekt der anderen Deutschkurse könnte sein, dass nicht alle von den Geflüchteten wahrgenommenen Deutschkursangebote den gleichen Qualitätsstandards unterliegen wie die Integrationskurse und von den Befragten mitunter auch die Teilnahme an Kursen mit niedrigeren Lernzielen, z. B. kürzere Online-Kurse, berichtet wird. Mit Blick auf die Berufssprachkurse ist in Rechnung zu stellen, dass diese in der Regel erst nach dem Integrationskurs begonnen werden und ein fortgeschrittenes Niveau der Deutschkenntnisse IAB -Forschungsbericht 5|2025 85 hierbei Teilnahmevoraussetzung ist. Im Vergleich zu den Integrationsund den anderen Deutschkursen, die sich an Personen ohne Vorkenntnisse richten, besteht für Hinzugewinne von Deutschkenntnissen in den Berufssprachkursen daher ein geringerer Spielraum. Abbildung 8-6: Zusammenhänge zwischen Deutschkenntnissen von ukrainischen Geflüchteten und personenbezogenen Merkmalen, insgesamt und nach Geschlecht Durchschnittlichen marginalen Effekte Anmerkungen: *, +: Signifikant auf mindestens dem 5beziehungsweise 10-Prozentniveau. Multivariate Regressionsergebnisse mit Huber/White-Sandwich-Schätzer der Standardfehler. Die selbsteingeschätzten Deutschkenntnisse sind auf einer 12stufigen Skala abgetragen. In den Regressionen wurde neben der Konstante für weitere Variablen kontrolliert, deren Koeffizienten in der Abbildung nicht gesondert ausgewiesen wurden: Herkunftsregion in der Ukraine, Befragungsmodus, Dauer seit der Einreise in Deutschland und Deutschkenntnisse vor der Einreise. Gesundheitliche Probleme sind auf einer 5-stufigen Skala abgetragen. Lesebeispiel: Geflüchtete im Alter ab 60 Jahren weisen im Vergleich zu den Geflüchteten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren – alle anderen Faktoren gleichbleibend – eine im Durchschnitt um 2,3 Punkte geringere Selbsteinschätzung der Deutschkenntnisse auf. Bezogen auf weibliche Geflüchtete beträgt der Unterschied etwa 2,1 Punkte und bezogen auf männliche Geflüchtete etwa 2,9 Punkte. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.808. Neben den Sprachkurseffekten verdeutlicht Abbildung 8-6 eine starke Altersabhängigkeit der Deutschkenntnisse: Je höher das Lebensalter der Geflüchteten, desto geringer sind die durchschnittlichen Deutschkenntnisse. Auch dieser Zusammenhang zeigt sich für beide Geschlechter, bei den geflüchteten Frauen allerdings etwas deutlicher als bei den geflüchteten Männern. Bei weiblichen Geflüchteten ist zudem ein negativer Zusammenhang zwischen den Deutschkenntnissen und dem Zusammenleben mit Kindern im Alter unter 3 Jahren festzustellen. Hierin kommt zum Ausdruck, dass die für das Sprachen-Lernen verfügbare Zeit auch durch familienbezogene Aufgaben begrenzt wird. Insbesondere für die Gruppe der ukrainischen IAB -Forschungsbericht 5|2025 86 Frauen, die alleine mit kleinen Kindern nach Deutschland gekommen sind, sind schwierigere Bedingungen für den Spracherwerb zu bedenken. Ein weiterer Hinderungsgrund für das schnelle Erlernen der deutschen Sprache sind gesundheitliche Probleme der Geflüchteten. So zeigt sich für beide Geschlechter ein deutlicher Zusammenhang der Deutschkenntnisse mit dem Gesundheitszustand, wobei schlechtere Bewertungen der eigenen Gesundheit mit niedrigeren Deutschkenntnissen einhergehen.10 Unter Kontrolle der Integrationsund Deutschkursteilnahme, des Lebensalters, des Zusammenlebens mit Kindern und der gesundheitlichen Situation zeigen sich für weitere personenbezogene Merkmale nur schwache Zusammenhänge mit den Deutschkenntnissen. Positive Zusammenhänge der Deutschkenntnisse lassen sich mit dem Vorliegen eines tertiären Bildungsabschlusses, mit einer Erwerbstätigkeit in Deutschland oder einer aktiven Arbeitssuche sowie mit der Absicht aufzeigen, langfristig in Deutschland bleiben zu wollen. Die betreffenden Effektstärken sind jedoch nur schwach ausgeprägt und jeweils nur in Bezug auf weibliche Geflüchtete festzustellen. 8.5 Englischkenntnisse Für die Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe und zur Integration in den Arbeitsmarkt in Deutschland spielen Deutschkenntnisse eine besonders wichtige Rolle. Aber auch gute Englischkenntnisse können von Bedeutung sein, indem sie für eine Anfangszeit, in der die Deutschkenntnisse noch wenig fortgeschritten sind, eine Brücke darstellen, um den Zugang zu verschiedenen sozialen und auch beruflichen Gelegenheiten zu erleichtern. 19 Prozent der ukrainischen Geflüchteten beherrschen die englische Sprache nach eigenen Angaben gut oder sehr gut, weitere 22 Prozent attestieren sich Englischkenntnisse auf mittlerem Niveau (Abbildung 8-7). Besonders häufig verfügen diejenigen über gute Englischkenntnisse, die in der Befragung aus der zweiten Jahreshälfte 2023 auch über sehr gute, gute oder zumindest mittlere Deutschkenntnisse berichten. In dieser Gruppe liegt der Anteil mit guten oder sehr guten Englischkenntnissen bei etwa 26 Prozent und der Anteil mit mittleren Englischkenntnissen bei etwa 29 Prozent. Aber auch unter denjenigen, die über nur wenig oder gar keine Deutschkenntnisse verfügen, kann sich ein nennenswerter Anteil in englischer Sprache verständigen. In dieser Gruppe schreiben sich immerhin 11 Prozent gute oder sehr gute und weitere 14 Prozent mittlere Englischkompetenzen zu. Überdurchschnittlich häufig sind Englischkenntnisse bei Geflüchteten mit höheren Bildungsabschlüssen. Von den Geflüchteten mit tertiärer Bildung kann sich etwa jede zweite Person auf Englisch verständigen, während sich von den Geflüchteten mit anderen Bildungsabschlüssen nur etwa jede vierte Person Englischkenntnisse auf mindestens auf mittlerem Niveau attestiert. Zudem gibt es eine starke Altersabhängigkeit der Englischkompetenzen. So verfügen die 18bis 25-Jährigen zu etwa 70 Prozent, die 26bis 35Jährigen zu etwa 60 Prozent und die 35bis 45-Jährigen zu etwa 45 Prozent über sehr gute, gute 10 Der Gesundheitszustand wurde hierbei auf einer 5-stufigen Skala abgefragt. Pro Stufe auf der Gesundheitsskala werden die Deutschkenntnisse demnach um etwa 0,3 Punkte niedriger bewertet. IAB -Forschungsbericht 5|2025 87 oder mittlere Kenntnisse der englischen Sprache. Bei den 45bis 59-Jährigen trifft dies nur auf etwa 20 Prozent und bei den Geflüchteten im Alter über 60 Jahren auf weniger als 15 Prozent zu. Zwischen den Geschlechtern bestehen in Bezug auf die Englischkenntnisse keine nennenswerten Unterschiede. Abbildung 8-7: Selbsteingeschätzte Englischkenntnisse ukrainischer Geflüchteter In Prozent Anmerkung: Die Anteilswerte beruhen auf den gerundeten Mittelwerten für die Bereiche Sprechen, Lesen und Schreiben. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 3.400 8.6 Zusammenfassung Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine hohe Beteiligung der ukrainischen Geflüchteten an den Integrationskursen zu verzeichnen ist, begleitet von einer schrittweisen Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse. Insgesamt haben bereits über 70 Prozent der ukrainischen Geflüchteten bis zur zweiten Jahreshälfte 2023 einen Integrationskurs begonnen IAB -Forschungsbericht 5|2025 88 und mit zunehmender Aufenthaltsdauer in Deutschland bewerten immer mehr ukrainische Geflüchtete ihre eigenen Deutschkenntnisse als gut, sehr gut oder zumindest ausreichend. Die Teilnahme an einem Integrationskurs erweist sich in diesem Zusammenhang als einer der einflussreichsten positiven Faktoren des Erwerbs von Deutschkenntnissen, welche wiederum sowohl von großer Bedeutung für die Arbeitsmarktintegration sind (vgl. Kapitel 9) und auch mit einer erhöhten Bildungspartizipation der Geflüchteten einhergehen (vgl. Kapitel 4). Die gezielte Förderung des Spracherwerbs im Rahmen des Integrationskursprogramms zeigt demnach positive Ergebnisse, wenngleich auch Verbesserungspotenzial erkennbar ist. Zu den Gruppen, die sowohl eine vergleichsweise niedrige Quote der Integrationskursteilnahme als auch geringere Fortschritte des Spracherwerbs aufweisen, zählen ältere Geflüchtete, Frauen mit kleinen Kindern sowie Geflüchtete mit gesundheitlichen Problemen. Mit Bezug auf diese Gruppen sind somit Maßnahmen erstrebenswert, die auf eine Verbesserung der Teilnahmemöglichkeiten und Lernbedingungen abzielen. Beachtenswert ist, dass viele ukrainische Geflüchtete auch Kenntnisse der englischen Sprache besitzen. Mitunter betrifft dies auch Geflüchtete, die bis dato nur über geringfügige Deutschkenntnisse verfügen. Englischkenntnisse könnten für diese Geflüchteten eine wertvolle Brücke bilden, indem sie den Zugang zu sozialen Kontakten erleichtern und die beruflichen Möglichkeiten erweitern. 9 Herausforderungen und Fortschritte bei der Arbeitsmarktintegration: Stellensuche, Umfang und Qualität der Erwerbstätigkeit Kseniia Gatskova, Yuliya Kosyakova, Silvia Schwanhäuser 9.1 Einleitung Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland ist mit vielen Herausforderungen verbunden (Brücker et al. 2024). Insbesondere Frauen stoßen bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit auf verschiedene Hindernisse (Kosyakova et al. 2023b; Kosyakova et al. 2021). Zum einen hat ein großer Anteil von ihnen vor der Flucht in reglementierten Berufen wie medizinischen Gesundheitsberufen oder Lehrund Erziehungsberufen gearbeitet. Möchten diese Frauen ihre Berufe in Deutschland weiterhin ausüben, so müssen sie oft langwierige Anerkennungsverfahren durchlaufen, um ein bestimmtes Qualifikationsniveau nachzuweisen, in manchen Fällen ist die Übertragung des in den Herkunftsländern erworbenen Humankapitals erschwert oder ganz ausgeschlossen (van Riemsdijk und Axelsson 2021). Zum anderen leben Frauen häufiger als geflüchtete Männer gemeinsam mit (Klein-)Kindern im Haushalt, was, in Verbindung mit der ungleichen Verteilung von Betreuungsarbeit und dem unzureichendem Betreuungsangebot, die Teilnahme an Sprachund anderen Integrationsprogrammen, Bildung IAB -Forschungsbericht 5|2025 95 Abbildung 9-5: Wirtschaftssektoren in denen die Geflüchteten vor dem Zuzug beschäftigt waren, nach Zuzugskohorten Anteile an den vor dem Zuzug erwerbstätigen Personen, in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.922. Die geschlechtsspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt in der Ukraine ist ausgeprägt (Gatskova 2021), weshalb geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer in unterschiedlichen Berufen vertreten sind. Männer waren vor Zuzug insbesondere in der Industrie beschäftigt (27 Prozent), während Frauen häufiger in Berufen des Gesundheitswesens (13 Prozent) oder im Bildungssektor (12 Prozent) tätig waren (ohne Abbildung). Werden die zehn häufigsten vor dem Zuzug nach Deutschland ausgeübten Berufsgruppen näher betrachtet, so haben Frauen vor dem Zuzug am häufigsten als Buchhalterinnen, Verkäuferinnen, Lehrkräfte in der Sekundarstufe, Geschäftsführerinnen, Beschäftigte in der Versicherungsund Finanzdienstleistungsbranche sowie als Gesundheitsund Krankenpflegerinnen gearbeitet (vgl. Tabelle 9-1). Männer waren häufig in Berufsgruppen wie Geschäftsführung, technische Produktionsplanung und -steuerung, Bauplanung und -überwachung, Architektur und Hochbau, Fahrzeugführung, Bauelektrik sowie in Maschinenbauund Betriebstechnik tätig. Laut der Fachkräfteengpassanalyse 2023 der Bundesagentur für Arbeit zählten zu den beschäftigungsstärksten Engpassberufen vor allem Pflegeund Gesundheitsberufe, Berufe im Handwerk sowie im Berufskraftverkehr (Bundesagentur für Arbeit 2024b). Außerdem bestanden Engpässe in Gastronomieberufen. Viele ukrainische Geflüchtete bringen dementsprechend Qualifikationen mit, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders gefragt sind. IAB -Forschungsbericht 5|2025 96 Tabelle 9-1: Die zehn häufigsten Berufsgruppen ukrainischer Geflüchteten in 2023 nach Geschlecht Anteile an den vor dem Zuzug erwerbstätigen Personen, in Prozent Code Berufsbezeichnung nach KldB10, 3-Steller prozentuale Häufigkeit kumulierte Prozente Frauen 621 Verkauf (ohne Produktspezialisierung) 8 8 722 Rechnungswesen, Controlling und Revision 7 15 841 Lehrtätigkeit an allgemeinbildenden Schulen 6 21 711 Geschäftsführung und Vorstand 5 26 721 Versicherungsund Finanzdienstleistungen 4 30 813 Gesundheitsund Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe 4 34 831 Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege 3 37 921 Werbung und Marketing 3 40 714 Büro und Sekretariat 3 43 814 Humanund Zahnmedizin 3 46 Männer 711 Geschäftsführung und Vorstand 9 9 273 Technische Produktionsplanung und -steuerung 6 15 311 Bauplanung und -überwachung, Architektur 4 19 321 Hochbau 4 23 521 Fahrzeugführung im Straßenverkehr 4 27 251 Maschinenbauund Betriebstechnik 4 31 531 Objekt-, Personen-, Brandschutz, Arbeitssicherheit 3 34 814 Humanund Zahnmedizin 3 38 621 Verkauf (ohne Produktspezialisierung) 3 41 611 Einkauf und Vertrieb 3 44 Anmerkung: Berechnet auf Grundlage der Klassifikation der Berufe (KldB) 2010 der Bundesagentur für Arbeit. Nur vor Zuzug erwerbstätige Personen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 1.779 Frauen und 698 Männer. Vor ihrer Flucht aus der Ukraine waren die meisten Geflüchteten in einem Angestelltenverhältnis beschäftigt (65 Prozent in der Zuzugskohorte der zwischen Februar und Mai 2022 und 56 Prozent in der Zuzugskohorte der ab Juni 2022 zugezogenen Geflüchteten; ohne Abbildung). Der Anteil der Selbstständigen lag in beiden Zuzugskohorten bei etwa 14 Prozent. Die ab Juni Zugezogenen weisen zudem einen höheren Anteil an Arbeiterinnen und Arbeitern (15 Prozent) im Vergleich zur Zuzugskohorte der zwischen Februar und Mai zugezogenen Geflüchteten (8 Prozent) auf. Weitere 8 Prozent in der ersten bzw. 9 Prozent in der zweiten Zuzugskohorte der Geflüchteten waren als Beamte beschäftigt. Über die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten übte vor dem Zuzug komplexe oder hochkomplexe Spezialistenund Expertentätigkeiten aus (Abbildung 9-6). Weitere knappe 40 Prozent übten Fachkrafttätigkeiten aus. Die Daten weisen darauf hin, dass ukrainische Geflüchtete, insbesondere diejenigen, die unmittelbar nach dem Kriegsausbruch nach Deutschland kamen, über Fachund Expertenwissen verfügen und einen überdurchschnittlich hohen beruflichen IAB -Forschungsbericht 5|2025 97 Status in ihrer Heimat innehatten: 60 Prozent der Geflüchteten, die zwischen Februar und Mai 2022 zugezogenen sind, haben als Spezialisten oder Experten gearbeitet, während es in der Zuzugskohorte der ab Juni zugezogenen Geflüchteten nur 50 Prozent waren. Lediglich ein sehr kleiner Anteil der Geflüchteten war vor dem Zuzug in niedrigqualifizierten Tätigkeiten beschäftigt (3 Prozent). Hier gibt es kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Abbildung 9-6: Tätigkeitsniveau der ukrainischen Geflüchteten vor Zuzug nach Zuzugskohorte Anteile an den vor dem Zuzug erwerbstätigen Personen, in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.477. Wird die Aufgabenstruktur in analytische bzw. kognitive, interaktive und manuelle sowie Routineund Nicht-Routine-Tätigkeiten eingeteilt, verrichteten vor dem Zuzug 40 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen analytische Nicht-Routine-Tätigkeiten wie beispielsweise Planungsaufgaben, Forschung oder Programmierung (Abbildung 9-7). Weitere 23 Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer übten kognitive Routine-Tätigkeiten aus, also zum Beispiel Büround Verwaltungstätigkeiten, oder Tätigkeiten im Rechnungswesen und der Buchhaltung. Interaktive Nicht-Routine-Tätigkeiten wie beispielsweise Personalmanagement, Ausbilden, Lehren oder Verkaufen waren unter Frauen etwas häufiger vertreten (19 Prozent) als unter Männern (10 Prozent). Demgegenüber gingen geflüchtete Männer (20 Prozent vs. 14 Prozent unter Frauen) häufiger manuellen Nicht-Routine-Tätigkeiten, wie Schreinerarbeiten oder Reparaturen, nach. Der kleinste Anteil, ca. 5 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer übte manuelle Routine-Tätigkeiten aus, zum Beispiel als Bedienung und in der Kontrolle von Maschinen oder als Lagerarbeiter. IAB -Forschungsbericht 5|2025 98 Abbildung 9-7: Art der Tätigkeiten von Geflüchteten vor Zuzug nach Geschlecht Anteile an den vor dem Zuzug erwerbstätigen Personen, in Prozent Anmerkung: Die Klassifizierung der Tätigkeiten wurden auf Grundlage des Inhalts der Tätigkeiten durch Dengler et al. (2014) auf Basis der KldB 2020 vorgenommen. Vgl. zum Ansatz der Klassifizierung von Berufen nach dem Inhalt der ausgeübten Tätigkeit Autor (2013). Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 2.472. 9.4.2 Tätigkeiten der Geflüchteten nach dem Zuzug Zu den drei wichtigsten Wirtschaftssektoren, in denen Geflüchtete in Deutschland nach dem Zuzug erwerbstätig sind, gehören (1) Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung, (2) Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung, sowie (3) Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit. Diese Sektoren beschäftigen 63 Prozent der erwerbstätigen ukrainischen Geflüchteten (Abbildung 9-8). Der Sektor der Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung stand an vierter Stelle in der Rangliste der Beschäftigungssektoren vor dem Zuzug. Der Sektor Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung liegt hingegen sowohl vor als auch nach dem Zuzug auf dem zweiten Platz. Somit arbeiten viele Geflüchtete weiterhin im gleichen Sektor wie vor dem Zuzug. IAB -Forschungsbericht 5|2025 99 Abbildung 9-8: Wirtschaftssektoren in denen die Geflüchteten nach dem Zuzug beschäftigt sind Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 560. Nach dem Zuzug sind ukrainische Geflüchtete insbesondere in den Berufsgruppen Reinigung, Speisenzubereitung sowie Erziehung und Sozialarbeit, einschließlich der Heilerziehungspflege, tätig (vgl. Tabelle 9-2). Zudem finden sich Geflüchtete häufig in den Berufsfeldern Maschinenbauund Betriebstechnik sowie in der Lagerwirtschaft, Postund Zustellbranche und im Güterumschlag. Obwohl die Tätigkeiten oft in ähnlichen Sektoren wie vor dem Zuzug zu verorten sind, üben ukrainische Geflüchtete nicht selten andere Tätigkeiten aus, als vor ihrer Flucht. Ein signifikanter Anteil der Geflüchteten ist in Sektoren mit ausgeprägtem Fachkräftemangel beschäftigt, insbesondere in Pflegeund Gesundheitsberufen sowie im Gastronomiebereich. IAB -Forschungsbericht 5|2025 100 Tabelle 9-2: Die zehn häufigsten Berufsgruppen ukrainischen Geflüchteten in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2023 Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Code Berufsbezeichnung nach KldB10, 3-Steller prozentuale Häufigkeit kumulierte Prozente 541 Reinigung 11 11 293 Speisenzubereitung 7 17 831 Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege 6 23 251 Maschinenbauund Betriebstechnik 5 28 513 Lagerwirtschaft, Post und Zustellung, Güterumschlag 5 33 633 Gastronomie 4 37 813 Gesundheitsund Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe 3 40 632 Hotellerie 3 43 714 Büro und Sekretariat 3 46 621 Verkauf (ohne Produktspezialisierung) 3 49 Anmerkung: Berechnet auf Grundlage der Klassifikation der Berufe (KldB) 2010 der Bundesagentur für Arbeit. Nur erwerbstätige Personen. Angaben in Zellen mit unter 10 Personen sind nur bedingt aussagefähig und wurden kursiv gesetzt. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 372 Frauen und 180 Männer. Obwohl über die Hälfte der Geflüchteten vor dem Zuzug in Tätigkeiten auf Expertenund Spezialistenniveau gearbeitet hat (Abbildung 9-6), sind die Anteile der ukrainischen Geflüchteten, die in Deutschland auf diesem Niveau beschäftigt sind, deutlich niedriger: 29 Prozent der erwerbstätigen Frauen und 27 Prozent der Männer sind auf Spezialistenoder Expertenniveau tätig (Abbildung 9 9). Weitere 47 Prozent der erwerbstätigen Männer und 33 Prozent der Frauen arbeiten als Fachkräfte. Der Anteil der in Helfertätigkeiten Beschäftigten beträgt bei Frauen 37 Prozent und bei Männern 26 Prozent. Dementsprechend erfolgt der Übergang zu einer Erwerbstätigkeit am Anfang des Integrationsprozesses bei Frauen sehr oft in einfache Tätigkeiten, während Männer am häufigsten als Fachkräfte arbeiten. IAB -Forschungsbericht 5|2025 101 Abbildung 9-9: Tätigkeitsniveau der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland nach Geschlecht Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Anmerkung: Berechnet auf Grundlage der Klassifikation der Berufe (KldB) 2010 der Bundesagentur für Arbeit. Nur erwerbstätige Personen, Alter 18-64. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 552. Ein weiterer zentraler Faktor, welcher sich auf die Erwerbsaufnahme von Geflüchteten auswirken kann, sind deren Bleibeabsichten. Internationale Studien weisen auf erhebliche Unterschiede zwischen den Integrationsabläufen von Personen mit langfristigen und kurzfristigen Aufenthaltsplänen hin. Personen, die längerfristig in dem Aufnahmeland bleiben möchten, investieren stärker in Sprachkenntnisse (Kosyakova et al. 2022) sowie in Ausbildung (Damelang und Kosyakova 2021) und andere für den lokalen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationen, was ihre Beschäftigungsaussichten (Auer 2018) sowie ihr Einkommen langfristig verbessert (Adda et al. 2022). Im Gegensatz dazu haben Personen, die weniger in diese Bereiche investieren, eine höhere Wahrscheinlichkeit, in niedrigqualifizierten Jobs zu arbeiten. Die Befragungsergebnisse bestätigen diese Unterschiede im Tätigkeitsniveau je nach Bleibeabsicht (Abbildung 9-10): Unter denjenigen, die dauerhaft in Deutschland bleiben möchten, arbeiten 30 Prozent in Helfertätigkeiten, während es bei den vorübergehend Bleibenden 42 Prozent sind. Fachund Expertentätigkeiten sind hingegen häufiger bei Personen mit langfristigen Bleibeabsichten zu finden.11 11 Offen bleibt jedoch die Richtungswirkung: Selektieren sich Personen mit geringeren Bleibeabsichten in Jobs mit niedrigerer Qualität, oder sind ihre Bleibeabsichten niedriger, weil sie in solchen Jobs arbeiten. Eine zusätzliche Analyse widerlegt jedoch die Selektionshypothese: Es besteht kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Tätigkeitsniveau vor dem Zuzug und den Bleibeabsichten. Mitgebrachte Qualifikationen beeinflussen demnach die Bleibeabsichten nicht, was die Annahme untermauert, dass Personen mit geringerer Bleibeabsicht sich selbst in niedrigqualifizierte Arbeitsplätze selektieren. IAB -Forschungsbericht 5|2025 102 Abbildung 9-10: Tätigkeitniveau der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland nach Bleibeabsichten Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 552. Die Aufgabenstruktur, die erwerbstätige Geflüchtete zum Zeitpunkt der Befragung in Deutschland ausüben (vgl. Abbildung 9-11), unterscheidet sich stark von der Aufgabenstrukturen, die sie vor dem Zuzug in der Ukraine ausgeübt haben (vgl. Abbildung 9-7). So üben in Deutschland 38 Prozent der geflüchteten Frauen manuelle Nicht-Routine-Tätigkeiten aus, zu denen auch die Beschäftigung im Reinigungssektor zählt. Gleichzeitig ist die Gruppe der beschäftigten Frauen heterogen, und die zweitgrößte Gruppe der erwerbstätigen geflüchteten Frauen beschäftigt sich mit analytischen Nicht-Routine-Tätigkeiten (26 Prozent). Die Tätigkeiten der geflüchteten Männer verteilen sich auf die verschiedenen Gruppen: Die erwerbstätigen Männer gehen zu nahezu gleichen Teilen kognitiven Routine-Tätigkeiten (24 Prozent), analytischen Nicht-Routine-Tätigkeiten (24 Prozent) und manuellen Routine-Tätigkeiten (23 Prozent) nach, was erneut auf Dequalifizierungstendenzen hinweist. Abbildung 9-11: Art der Tätigkeiten von Geflüchteten, nach Geschlecht Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 552. IAB -Forschungsbericht 5|2025 103 Eine vorübergehende Entwertung des im Ausland erworbenen Humankapitals ist in der Phase unmittelbar nach der Migration durchaus üblich. Dementsprechend sind viele erwerbstätige Geflüchtete in Deutschland von Dequalifizierung betroffen. Konkret sind 50 Prozent der erwerbstätigen ukrainischen Männer in Berufen unterhalb des Niveaus ihrer vorherigen Tätigkeit beschäftigt (Abbildung 9-12). Weibliche ukrainische Geflüchtete sind noch stärker von Dequalifizierung betroffen: 57 Prozent der Frauen sind in einem Beruf tätig, der unter dem Niveau ihres vorherigen Berufs liegt. Abbildung 9-12: Übereinstimmung zwischen Anforderungsniveau der beruflichen Tätigkeit und dem Niveau der vor dem Zuzug ausgeübten Tätigkeit Anteile an den erwerbstätigen Personen, in Prozent Anmerkung: Die Qualifikationsangaben wurden anhand der Klassifikation der Berufe (KldB) des IAB und der Bundesagentur für Arbeit des Jahres 2010 ermittelt. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Beobachtungen: 329 Frauen und 156 Männer. Ein weiterer Indikator für die Qualität der Beschäftigung ist neben dem Tätigkeitsniveau die Art des Arbeitsvertrages. Da zu Beginn des Berufslebens befristete Verträge üblich sind, wird für die Analyse der Arbeitsverhältnisse nur die Gruppe der Arbeitnehmer ab 25 Jahren betrachtet. Unter den berufstätigen ukrainischen Geflüchteten in der Altersgruppe ab 25 Jahren hatten 38 Prozent einen befristeten Arbeitsvertrag, wohingegen im Jahr 2023 nur 7,5 Prozent der Beschäftigten ab 25 Jahren in Deutschland einen befristeten Arbeitsvertrag hatten (Statistisches Bundesamt 2024d). Demnach sind Geflüchtete wie auch andere prekär Beschäftigte deutlich stärker von der Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt betroffen und gehören zu den schutzbedürftigen Gruppen, die ein höheres Risiko der Arbeitslosigkeit, insbesondere in Krisenzeiten, tragen. Der Anteil der Arbeitnehmerüberlassung (Leiharbeit) an den Beschäftigten belief sich auf 41 Prozent. 9.5 Verdienste und Leistungsbezug Die durchschnittlichen (Median) Bruttomonatsverdienste von erwerbstätigen ukrainischen Geflüchteten sind im Laufe der Zeit fast unverändert geblieben: Während Männer in Vollzeitbeschäftigung im Frühjahr 2023 durchschnittlich 2.650 EUR brutto verdienten (Kosyakova et al. 2023a) lag deren durchschnittlicher (Median) Bruttomonatslohn in der zweiten Jahreshälfte 2023 bei 2.600 EUR (vgl. Tabelle 9-3). Die Durchschnittslöhne für vollzeiterwerbstätige geflüchtete Frauen sind auf dem Niveau von 2.500 EUR in der zweiten Jahreshälfte IAB -Forschungsbericht 5|2025 104 gleichgeblieben. Die Verdienste der ukrainischen Geflüchteten sind jedoch deutlich niedriger als die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im Jahr 2023 (4.479 EUR, vgl. Statistisches Bundesamt 2024b). Tabelle 9-3: Verdienste und Leistungsbezug der ukrainischen geflüchteten Frauen und Männer in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2023 Personen im erwerbsfähigen Alter (18-64 Jahre) Leere Zelle Insgesamt Frauen Männer Verdienste: Median der Bruttoverdienste in Euro Insgesamt 1.318 1.066 1.886 Beobachtungen 418 273 145 Vollzeit Erwerbstätige 2.500 2.500 2.600 Beobachtungen 187 99 88 Bruttostundenlohn1 13 13 13 Beobachtungen 324 210 114 Bruttostundenlohn der Vollzeit Erwerbstätigen 17 16 17 Beobachtungen 163 89 74 Leistungsbezug 2 Anteile an der Bevölkerung in Prozent Anteil der Leistungsbeziehenden 61 62 60 Beobachtungen 2.866 2.028 838 Leere Zelle Anteile an den Erwerbstätigen in Prozent Anteil der Leistungsbeziehenden 43 46 37 Beobachtungen 626 422 204 Anmerkungen: 1) Berechnet auf Grundlage der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit ohne Berücksichtigung von Personen in bezahlter Ausbildung, bezahltem Praktikum und Selbständigen. 2) Personen, die Bürgergeld (inkl. zur Deckung der Unterkunftskosten) oder Sozialgeld beziehen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v40 (2023), gewichtet. Mit zunehmender Erwerbsbeteiligung sinkt entsprechend der Anteil der auf Bürgergeld angewiesenen Geflüchteten. In der zweiten Jahreshälfte 2023 bezogen 61 Prozent der ukrainischen Geflüchteten Sozialleistungen (in Form von Bürgergeld, Sozialgeld oder Unterkunftskosten). Bei der Interpretation dieser Zahlen ist zu berücksichtigen, dass beim Bürgergeld nicht das Individualprinzip zu Grunde gelegt wird, sondern das Haushaltsprinzip. Mit anderen Worten, der Anteil besagt, dass 61 Prozent der Geflüchteten in einem Haushalt leben, der Leistungen bezieht, nicht unbedingt, dass diese Personen nicht ihren eigenen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit bestreiten könnten, wenn sie alleinstehend wären. In der zweiten Jahreshälfte 2023 bezogen 43 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten ergänzende Sozialleistungen. Auch beim Leistungsbezug ist ein Gefälle zwischen den Geschlechtern zu beobachten: In der zweiten Jahreshälfte 2023 erhielten 46 Prozent der erwerbstätigen Frauen und 37 Prozent der erwerbstätigen Männer Leistungen (vgl. Tabelle 9-3). Dies ist nicht nur auf die geringeren Verdienste und häufigere Teilzeittätigkeit der Frauen zurückzuführen, sondern auch auf die unterschiedlichen Haushaltsstrukturen: Während Männer häufiger in Single-Haushalten leben, IAB -Forschungsbericht 5|2025 111 10 Gesamtfazit Yuliya Kosyakova, Nina Rother, Sabine Zinn Die russische Invasion der Ukraine im Februar 2022 hat eine der größten Fluchtbewegungen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Millionen von Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, suchten Schutz in europäischen Ländern, darunter auch Deutschland. Die IAB-BAMFSOEP-Befragung von Geflüchteten bietet umfassende Einblicke in die Lebenssituation ukrainischer Geflüchteter und untersucht zentrale Aspekte ihrer Lebenssituation in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2023. Die Analysen beziehen sich dabei auf zwei Zuzugskohorten: zum einen auf ukrainische Geflüchtete, die zwischen dem 24. Februar und dem 31. Mai 2022 eingereist sind, zum anderen auf diejenigen, die ab dem 01. Juni 2022 nach Deutschland gekommen sind. Die Unterscheidung nach Zuzugskohorten erlaubt die Analyse von Veränderungen in der Zusammensetzung der Gruppe ukrainischer Geflüchteter. Die Datenbasis ermöglicht somit differenzierte Erkenntnisse über die Entwicklung der Integration und Lebenssituation dieser Gruppe in einer Vielzahl relevanter Bereiche. Die Analyse der Familienstrukturen zeigt, dass die Gruppe der ukrainischen Geflüchteten auch im zweiten Halbjahr 2023 überwiegend von Frauen geprägt ist, die nun drei Viertel der erwachsenen Geflüchteten ausmachen (Zinn et al., Kapitel 3). Im Vergleich zu den ersten Monaten nach Kriegsbeginn haben sich im Verlauf des zweiten Kriegsjahres die familiären Strukturen verändert: Der Anteil von Frauen mit einem Partner in Deutschland hat sich nahezu verdoppelt, während die Zahl alleinerziehender Mütter in der ersten Zuzugskohorte von 36 auf 30 Prozent zurückgegangen ist und in der zweiten Kohorte bei 21 Prozent liegt. Ursächlich für diese Entwicklung, die wiederum positive Auswirkungen auf die Integrationsanstrengungen und - erfolge haben dürfte, könnten folgende Faktoren sein: Familiennachzug von Männern zu Frauen, Rückkehr von Frauen mit Partnern im Ausland und vermehrte gemeinsame Einreise von Paaren in der späteren Zuzugskohorte. Von den geflüchteten Ukrainerinnen hat etwa jede Fünfte ihren Partner im Ausland, wobei zwei Fünftel dieser Frauen Nachzugspläne für ihren Partner haben. Die Nachzugspläne korrelieren mit den längerfristigen Bleibeabsichten, was auf eine – in Abhängigkeit der weiteren Entwicklungen in der Ukraine – weiterhin dynamische Entwicklung des Migrationsgeschehens und der Familienkonstellationen hindeutet. Im Bereich der Kinderbetreuung zeigt sich eine Erhöhung bei der Kinderbetreuungsquote mit steigender Aufenthaltsdauer der ukrainischen Kinder in Deutschland (Zinn et al., Kapitel 3). Dennoch besteht weiterhin Bedarf, was insbesondere vor dem Hintergrund von insgesamt sehr knappen Betreuungsressourcen zu Verteilungskonflikten führen könnte. Zur Nutzung des vorhandenen Potenzials und zur Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten könnten alternative Betreuungsmodelle gefördert und transparentere Kriterien für die Platzvergabe entwickelt werden. Öffentlich-private Partnerschaften sowie gemeinnützige und ehrenamtliche Initiativen könnten ebenfalls zur optimalen Nutzung bestehender Ressourcen beitragen. Dialogplattformen zwischen geflüchteten und einheimischen Familien könnten das gegenseitige Verständnis stärken und soziale Spannungen abbauen. Die Analysen zur schulischen Integration ukrainischer Kinder deuten darauf hin, dass in einigen Fällen Barrieren bestehen, die verhindern, dass Kinder entsprechend ihrem Leistungsund IAB -Forschungsbericht 5|2025 112 Wissensstand eine geeignete Schulart besuchen (Zinn et al. Kapitel 3). Mögliche Ursachen sind die Komplexität des deutschen Schulsystems sowie situativ und kontextuell erfolgte Schulzuweisungen, etwa aufgrund der räumlichen Nähe oder dem Wunsch, Kinder mit bekannten Gleichaltrigen gemeinsam unterzubringen. Im Vergleich zur gesamten Schülerschaft finden sich deutlich mehr ukrainische Kinder in Hauptoder Mittelschulen. Der Unterschied ist größer in modernisierten Schulsystemen als in traditionellen Systemen. Dafür gehen in den modernisierten Systemen im Vergleich weit weniger ukrainische Kinder auf eine Gesamtschule als alle Kinder in Deutschland. Eine nicht passgenaue Zuordnung kann zu schulischer Überoder Unterforderung führen, dadurch den Lernerfolg beeinträchtigen und zu Schulartwechseln führen. Diese Art von Brüchen in der Bildungslaufbahn kann sich negativ auf den langfristigen Bildungserfolg auswirken (Gasper et al. 2012). Bemerkenswert ist, dass die Hälfte der ukrainischen Schülerinnen und Schüler parallel am ukrainischen Online-Unterricht teilnimmt. Dies bedeutet einerseits eine hohe zeitliche Belastung für die Kinder, spiegelt aber auch die Komplexität der antizipierten Zukunftsoptionen der Familien und ihrer Rückkehrpläne wider. In Bezug auf die mitgebrachten Qualifikationen der erwachsenen ukrainischen Geflüchteten zeigt sich ein hohes (Aus-)Bildungsniveau, das bislang nicht ausreichend für den deutschen Arbeitsmarkt nutzbar gemacht wird (Kosyakova et al., Kapitel 4). Obwohl rund 75 Prozent einen beruflichen oder einen Hochschulabschluss und fast 90 Prozent umfangreiche Berufserfahrungen mitbringen, hat nur etwa ein Fünftel einen Antrag auf Anerkennung der Abschlüsse gestellt. Die Bereitschaft dazu ist bei Hochschulabsolventen höher als bei Personen mit beruflichen Abschlüssen und korreliert stark mit den Bleibeabsichten. Dies unterstreicht die Bedeutung von Planungssicherheit für Investitionen in die eigene berufliche Integration. Der hohe vorhandene Bedarf an Unterstützung und Beratung (73 Prozent der Geflüchteten wünschen sich dies) sollte durch ein verbessertes Informationsangebot gedeckt werden, etwa durch verstärkte Beratung in den Jobcentern oder gezieltere Informationskampagnen. Angesichts der angegebenen stark variierenden Verfahrensdauer von vier bis über zehn Monaten erscheint zudem eine Optimierung der Anerkennungsprozesse geboten. Die Bildungsaspirationen der Geflüchteten sind insbesondere im Bereich der beruflichen Ausbildung und des Studiums hoch, vor allem bei jüngeren Personen und solchen ohne abgeschlossene Berufsausbildung (Kosyakova et al. Kapitel 4). Dennoch ist die tatsächliche Bildungsbeteiligung vergleichsweise gering, was unter anderem auf sprachliche Hürden zurückzuführen sein könnte. Eine weitere Förderung von Sprachkenntnissen durch gezielte Investitionen in (qualitativ hochwertige) Sprachkurse sowie die Bereitstellung umfassender und zielgerichteter Informationsangebote können dazu beitragen, das Potenzial der gut ausgebildeten ukrainischen Geflüchteten besser zu erschließen und ihre Integration in den deutschen Arbeitsmarkt nachhaltig zu fördern. Im Hinblick auf die Bleibeabsichten der ukrainischen Geflüchteten lässt sich feststellen, dass etwas mehr als die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten einen dauerhaften Verbleib in Deutschland plant (Siegert und Kosyakova, Kapitel 5). Bei Geflüchteten, die später eingereist sind, sind diese Absichten noch stärker ausgeprägt als bei der früheren Zuzugskohorte, wohl auch aufgrund ihrer etwas anderen Familienstruktur. Darüber hinaus dürfte sowohl die anhaltende Situation in der Ukraine als auch die zunehmende Integration in Deutschland einen Einfluss auf die Bleibeabsichten haben. So erschweren die fortdauernden Kämpfe und die IAB -Forschungsbericht 5|2025 113 angespannte wirtschaftliche Lage in der Ukraine eine baldige Rückkehr. Gleichzeitig zeigt sich, dass Faktoren wie verbesserte Deutschkenntnisse, Erwerbstätigkeit oder entsprechende Aspirationen, das Zusammenleben mit der Kernfamilie sowie das psychische Wohlbefinden und ein Willkommensgefühl den Wunsch nach einem dauerhaften Aufenthalt fördern. Die Wohnsituation der ukrainischen Geflüchteten stellt sich in der zweiten Jahreshälfte 2023 prinzipiell positiv dar (Tanis, Kapitel 6). Die große Mehrheit ist in privaten Wohnungen und Häusern untergekommen und mit ihrer Wohnsituation zufrieden. Allerdings zeichnet sich ab, dass bestimmte Gruppen wie später Zugezogene, Alleinstehende oder Personen ohne Kontakte zu Deutschen vor größeren Herausforderungen stehen, geeigneten Wohnraum zu finden. Diese Entwicklungen sollten weiter beobachtet und ggf. von behördlicher Seite noch stärker unterstützend begleitet werden. Im Bereich der Gesundheit zeigen sich vor allem bei der psychischen Gesundheit deutliche Unterschiede zur Bevölkerung in Deutschland (Bartig et al., Kapitel 7). Besonders betroffen von einer depressiven Symptomatik und Angststörungen sind Personen ohne regelmäßige soziale Kontakte und Personen, die von Diskriminierungserfahrungen berichten. Ein bemerkenswerter Befund dabei ist, dass mehr als ein Drittel der Geflüchteten mit psychischen Symptomen keinen Behandlungsbedarf sieht, was auf mangelndes Problembewusstsein oder Angst vor Stigmatisierung hinweisen könnte. Zur Verbesserung der Versorgungssituation sollte verstärkt auf migrationssensible und mehrsprachige psychotherapeutische Angebote gesetzt werden, etwa durch die Einbindung der Expertise psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Die psychotherapeutische Versorgung sollte zudem um niedrigschwellige Angebote erweitert werden, die einen allgemeinen sozialen Austausch samt Problembewältigung ermöglichen, ohne sich explizit auf möglicherweise stigmatisierte Diagnosen zu fokussieren. Gruppenbasierte Ansätze und Peer-Konzepte haben sich in diesem Kontext als wirksam erwiesen (BAfF 2019). Jenseits der psychischen Gesundheit können Kontakt und Zugang ukrainischer Geflüchteter zum deutschen Gesundheitssystem als grundsätzlich gut eingeschätzt werden. Allerdings bestehen Hürden bei der Inanspruchnahme und Navigation des Systems, unter anderem vermutlich insbesondere aufgrund seiner Komplexität. Um eine bedarfsgerechte Versorgung zu gewährleisten, sollten Initiativen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz ausgebaut werden. Dies könnte die Geflüchteten zu selbstbestimmteren Entscheidungen in ihrer Gesundheitsversorgung befähigen. Systemische Barrieren, etwa komplexe Kommunikationswege zwischen Versorgern, könnten durch die Implementierung von Gesundheitslotsen-Konzepten reduziert werden (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2018). Hinsichtlich des Erwerbs von Deutschkenntnissen zeigen die Daten eine grundsätzlich hohe Teilnahmerate an Integrationskursen (Eckhard, Kapitel 8). Bei später zugezogenen Geflüchteten deuten die etwas verzögerten Einstiegszeiten aber auf Engpässe im Kurssystem hin. Die Teilnahme an den Integrationskursen erweist sich als einer der wichtigsten Einflussfaktoren der Deutschkenntnisse und weist somit auf die Relevanz des Kurses bzw. des Kursbesuchs hin. Die starke Beteiligung der ukrainischen Geflüchteten an den Integrationskursen schlägt sich dementsprechend auch in einer positiven Entwicklung der Deutschkenntnisse nieder. Viele ukrainische Geflüchtete verfügen zudem über gute Englischkenntnisse. Diese Kenntnisse könnten bei der Arbeitsmarktintegration eine Brückenfunktion einnehmen, sofern im IAB -Forschungsbericht 5|2025 114 Arbeitsumfeld Englisch gesprochen wird. Allerdings zeigt sich, dass sowohl der Arbeitsmarkt als auch der Alltag in Deutschland stärker als in anderen Ländern durch die Landessprache geprägt sind (Kosyakova et al. 2024a), was die Bedeutung des Deutscherwerbs unterstreicht. Dies gilt umso mehr, als bestimmte Gruppen bisher vom Kurssystem nicht ausreichend erreicht werden: Der Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten könnte die Vereinbarkeitsprobleme für Frauen mit kleinen Kindern reduzieren. Für Geflüchtete mit gesundheitlichen Einschränkungen sollten die Zugangsschwellen gesenkt und spezifische Angebote, z. B. Kurse mit langsamerer Progression, ausgebaut werden. Bei erwerbstätigen Geflüchteten gilt es, einer Vernachlässigung des Deutscherwerbs zugunsten einer eventuellen Beschäftigung im Helferbereich vorzubeugen. Hier könnten flexible Kursangebote wie die JobBerufssprachkurse, die berufsbegleitend und noch stärker auf den Arbeitsplatz und Arbeitgeber ausgerichtet sind, als Vorbild dienen. Im Bereich der Arbeitsmarktintegration zeigen sich trotz einer steigenden Erwerbstätigenquote noch deutliche Entwicklungspotenziale (Gatskova et al., Kapitel 9). Die häufige Beschäftigung unter Qualifikationsniveau weist auf Dequalifizierungstendenzen und strukturelle Integrationshemmnisse hin. Eine größere Bereitschaft und Flexibilität seitens der Arbeitgeber, z. B. durch flexiblere Verträge, Teilzeitbeschäftigungsmöglichkeiten oder Einstiegspraktika, sowie verstärkte Anstrengungen bei der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen könnten die vorhandenen Potenziale besser nutzbar machen. Auch eine Entbürokratisierung und verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Behörden sowie vereinfachte Zugänge zu behördlichen Dienstleistungen – unterstützt durch die Digitalisierung – würde den Integrationsprozess unterstützen. Da die Mehrheit der Geflüchteten Frauen sind – viele davon mit Kindern – kommt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf besondere Bedeutung zu. Ein erweitertes Angebot an Kinderbetreuung mit an Vollzeittätigkeiten angepassten Betreuungszeiten sowie flexiblere oder betreuungsintegrierte Integrationskurse könnten die Arbeitsmarktintegration, bei denen die Kurszeiten an die Kinderbetreuung angepasst sind, dieser Gruppe maßgeblich fördern. Darüber hinaus ist der Spracherwerb ein wesentlicher Faktor für die Arbeitsaufnahme, weshalb eine Intensivierung und Beschleunigung der Sprachförderung durch frühzeitigen Zugang zu den Sprachkursen die Integration von Geflüchteten erheblich erleichtern könnte. Zudem sollten die vorhandenen Englischkenntnisse vieler Geflüchteter stärker als Brücke zur Arbeitsmarktintegration genutzt werden. Die Förderung intensiverer Kontakte zur einheimischen Bevölkerung (z. B. durch Praktika, Mentoring-Programme, Vereinsaktivitäten oder regionale Initiativen) könnte nicht nur den Spracherwerb unterstützen, sondern auch informelle Wege der Arbeitsvermittlung eröffnen. Die weitere Förderung der Erwerbstätigkeit von Schutzsuchenden aus der Ukraine bleibt somit weiterhin ein wichtiges Ziel, auch wenn sich eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland abzeichnet. Eine erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt kann einen wichtigen Beitrag zur Linderung des Fachkräftemangels in verschiedenen Branchen leisten und bietet den Betroffenen mehr Sicherheit und planbarere Zukunftsaussichten. Insgesamt zeigen die Analysen zur Lebenssituation ukrainischer Geflüchteter in Deutschland im zweiten Halbjahr 2023 in vielen Bereichen seit ihrer Einreise Fortschritte bei der Integration, machen aber auch weiteren Handlungsbedarf deutlich. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten plant mittlerweile einen dauerhaften Verbleib in Deutschland – eine Tendenz, die nicht nur durch die fortdauernden Kämpfe in der Ukraine verstärkt wird, sondern auch durch ihre zunehmende IAB -Forschungsbericht 5|2025 115 Integration und Verwurzelung in Deutschland gefördert wird. Das hohe mitgebrachte Bildungsniveau und die ausgeprägte Integrationsbereitschaft der ukrainischen Geflüchteten stellen angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftebedarfs in Deutschland eine Chance für beide Seiten dar. Prinzipiell bleibt die Lebenssituation der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland trotz deutlicher Integrationsfortschritte aber von erheblicher Unsicherheit geprägt, was sich auch in der polarisierten Verteilung der Bleibeabsichten widerspiegelt. Die Unsicherheit betrifft einerseits die weitere Entwicklung der aufenthaltsrechtlichen Situation in Deutschland, während gleichzeitig mit Andauern des Krieges immer mehr ukrainische Geflüchtete in Deutschland eine Heimat finden und ihre Integration und soziale Teilhabe in Deutschland voranschreitet. Andererseits ergibt sich eine große Ungewissheit bezüglich der Bleibeabsichten und der Realisierbarkeit von etwaigen Rückkehrplänen aufgrund der aktuellen Situation in der Ukraine und ihrer weiteren Entwicklung. Diese Unsicherheit könnte sich angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen, insbesondere mit Blick auf den Regierungswechsel im Januar 2025 in den USA und dessen mögliche Auswirkungen auf die internationale Unterstützung der Ukraine, noch verstärken. Parallel dazu zeigt sich in anderen Fluchtkonstellationen, dass sich die politische Diskussion über Bleibeund Rückkehrperspektiven mit der Zeit verändern kann und Bleibewünsche ggf. nicht realisiert werden können. Die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger sind somit, solange der Krieg andauert, gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Geflüchteten eine sichere Lebensperspektive bieten und die Verwirklichung ihrer individuellen Lebensentwürfe ermöglichen. Die Verlängerung der Laufzeit des temporären Schutzes bis März 2026 bietet den Geflüchteten eine gewisse aufenthaltsrechtliche Sicherheit. Diese sollte genutzt werden, um die identifizierten Herausforderungen weiter gezielt anzugehen. Zu den prioritären Handlungsfeldern gehören der verbesserte Zugang zu Kinderbetreuung und Bildung, die Vereinfachung von Anerkennungsverfahren für ausländische Qualifikationen, Erwerb von weiteren Qualifikationen sowie die Förderung einer qualifikationsadäquaten Arbeitsmarktintegration, insbesondere durch zielgruppenspezifische Sprachund Integrationsangebote. Wie sich die aufenthaltsrechtliche Situation nach einem möglichen Kriegsende entwickeln wird und inwieweit sich dadurch individuelle Bleibeund Rückkehrabsichten verändern und realisieren lassen, bleibt derzeit ungewiss. Dies hängt maßgeblich von der Dauer und dem Ausgang des Krieges, der politischen und wirtschaftlichen Lage in der Ukraine sowie davon ab, inwieweit in Deutschland erworbene Fähigkeiten und Erfahrungen zur Stabilisierung und zum Wiederaufbau der Ukraine gewinnbringend eingesetzt werden können. Lebensumstände und individuelle Entscheidungen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Letztlich ist eine Bleibeund Rückkehrentscheidung neben den rechtlichen Rahmenbedingungen stets auch eine individuelle Angelegenheit und sollte entsprechend respektiert und – soweit möglich – unterstützt werden, um den Geflüchteten sowohl in Deutschland als auch perspektivisch in der Ukraine eine zukunftsorientierte Lebensgestaltung zu ermöglichen. IAB -Forschungsbericht 5|2025 116 Literatur Achstetter, K.; Köppen, J.; Hengel, P.; Blümel, M.; Busse, R. (2022): Drivers of patient perceptions of health system responsiveness in Germany. In: The International Journal of Health Planning and Management, Jg. 37, H. S1, S. 166–186. Adda, J.; Dustmann, C.; Görlach, J-S. (2022): The Dynamics of Return Migration, Human Capital Accumulation, and Wage Assimilation. In: The Review of Economic Studies, S. 1–31. Ambrosetti, E.; Dietrich, H.; Kosyakova, Y.; Patzina, A. (2021): The Impact of Preand Postarrival Mechanisms on Self-rated Health and Life Satisfaction Among Refugees in Germany. 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IAB -Forschungsbericht 5|2025 127 Tabellenverzeichnis Tabelle 2-1: Verteilungsvergleich der Nettostichprobe mit dem Ausländerzentralregister (AZR) . 26 Tabelle 2-2: Zuzugskohorten nach Geschlecht und Alter................................................................. 27 Tabelle 3-1: Partnerschaftsund Familienstruktur der 20bis 49-jährigen Geflüchteten aus der Ukraine ........................................................................................................................... 32 Tabelle 4-1: Schulische und berufliche Ausbildung vor dem Zuzug nach Geschlecht .................... 43 Tabelle 4-2: Schulische und berufliche Ausbildung vor dem Zuzug nach Zuzugskohorte ............. 44 Tabelle 4-3: Berufserfahrung vor der Einreise nach Deutschland nach Geschlecht ....................... 45 Tabelle 4-4: Anträge auf Anerkennung der Ausbildung, nach Art der Ausbildung und nach Geschlecht ..................................................................................................................... 46 Tabelle 4-5: Bildungsaspiration nach ausgewählten Merkmalen .................................................... 50 Tabelle 4-6: Bildungserwerb nach ausgewählten Merkmalen ......................................................... 53 Tabelle 5-1: Dauer, die ukrainische Geflüchtete noch in Deutschland bleiben wollen ................... 56 Tabelle 7-1: Anteil der ukrainischen Geflüchteten mit einem als (sehr) gut eingeschätzten gegenwärtigen Gesundheitszustand nach verschiedenen soziodemografischen Merkmalen ..................................................................................................................... 70 Tabelle 9-1: Die zehn häufigsten Berufsgruppen ukrainischer Geflüchteten in 2023 nach Geschlecht ..................................................................................................................... 96 Tabelle 9-2: Die zehn häufigsten Berufsgruppen ukrainischen Geflüchteten in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2023 .................................................................................... 100 Tabelle 9-3: Verdienste und Leistungsbezug der ukrainischen geflüchteten Frauen und Männer in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2023 ......................................... 104 Impressum IAB-Forschungsbericht 5|2025 Veröffentlichungsdatum 3. März 2025 Herausgeber Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit Regensburger Straße 104 90478 Nürnberg Nutzungsrechte Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de Bezugsmöglichkeit dieses Dokuments https://doku.iab.de/forschungsbericht/2025/fb0525.pdf Bezugsmöglichkeit aller Veröffentlichungen der Reihe „IAB-Forschungsbericht“ https://iab.de/publikationen/iab-publikationsreihen/iab-forschungsbericht/ Website https://iab.de ISSN 2195-2655 DOI 10.48720/IAB.FB.2505 Rückfragen zum Inhalt Yuliya Kosyakova Telefon: 0911 1793643 E-Mail: [email protected]