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Neuverteilung von Verantwortung? Brandschutzerziehung als Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren

Brad, Alexandru,Hernández, Alistair Adam,Steinführer, Annett

Abstract

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Full text

Brad, Alexandru; Hernández, Alistair Adam; Steinführer, Annett Article Neuverteilung von Verantwortung? Brandschutzerziehung als Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Brad, Alexandru; Hernández, Alistair Adam; Steinführer, Annett (2024) : Neuverteilung von Verantwortung? Brandschutzerziehung als Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, oekom verlag, München, Vol. 82, Iss. 2, pp. 143-159, https://doi.org/10.14512/rur.1701 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/296263 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. 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Trotz dieser Allgegenwärtigkeit sehen sich viele Ortsfeuerwehren bei der Erfüllung ihrer Aufgaben mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert. Fragen wie die Durchführung notwendiger Investitionenund dieSicherstellungder Tageseinsatzbereitschaft sind vor dem Hintergrund steigender Einsatzzahlen besonders kritisch geworden. Viele Maßnahmen zur Zukunftssicherung der Freiwilligen Feuerwehr gehen mit der Übertragung von Verantwortung an unterschiedliche Akteure einher. Das gilt auch für die Brandschutzerziehung, deren Weiterentwicklung und Ausweitung neue Akteure mit in die Verantwortung nimmt und die auf die Stärkung der Präventionsund Selbstschutzkompetenz der Bevölkerung zielt. Ziel des Beitrags ist, den Prozess des institutionellen Wandels zu untersuchen, der durch innovative Initiativen zur Dr. Alexandru Brad, Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesallee 64, 38116 Braunschweig, Deutschland [email protected] Dr. Alistair Adam Hernández, Vechta Institute of Sustainability Transformation in Rural Areas (VISTRA), Universität Vechta, Driverstraße 22, 49377 Vechta, Deutschland [email protected] Dr. Annett Steinführer, Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesallee 64, 38116 Braunschweig, Deutschland [email protected] © 2023 by the author(s); licensee oekom. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY). Weiterentwicklung der Brandschutzerziehung ausgelöst wird. Für die Studie stützen wir uns auf empirische Untersuchungen zur Entwicklung und Verstetigung von zwei ModellprojekteninÖsterreichundDeutschland.Siezielendaraufab,bestehende Ansätze der Brandschutzerziehung zu systematisieren und sie werden auf mehreren Ebenen durch neue Formen der Zusammenarbeit unterstützt. Anhand einer induktiven Analyse werden fünf wesentliche Schritte identifiziert, die für eine erfolgreiche langfristige Etablierung von Projekten in diesem koproduzierten Daseinsvorsorgebereich von Bedeutung sind. Abschließend werden Überlegungen zur Neuverteilung der Verantwortung für die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr angestellt. Schlüsselwörter: Daseinsvorsorge nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr Innovation institutioneller Wandel  Verstetigung Redistribution of responsibility? Fire safety education as a strategy for futureproofing volunteer firefighters Abstract Volunteer firefighters are an established institution in many rural areas across Europe. In spite of this ubiquity, many volunteer brigades have been increasingly facing challenges in discharging their functions. Issues such as undertaking necessary investments, and ensuring daytime availability have become particularly critical against the backdrop of an increase in the number of interventions. Many of the measures intended to futureproof volunteer firefighting are based on transferring responsibility to different actors. To this end developing and expanding the reach of fire safety education functions to enhancethe public’s prevention and self-protecRaumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 143 A. Brad et al. tion skills. The aim of this paper is to explore the process of institutional change induced by innovative initiatives, which aimtoadvancefiresafetyeducation.Forthestudy,wedrawon empirical research,which followsthe development andmainstreamingoftwoprojectsinAustriaandGermany.Theseinitiatives aim to standardisedisparate approachesand are underpinnedbynewformsofmulti-levelcooperation.Ourinductive analysis identifies five key steps which define the successful long-term implementation of projects in coproduced services of general interest. We conclude with observations on the redistribution of responsibility for fire services and hazard prevention in contemporary societies. Keywords: Public services Emergency response  Innovation Institutional change Mainstreaming 1 Einleitung Die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr ist ein selten untersuchter Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge (vgl. aber Stielike 2018). In ländlichen Räumen wird die damit verbundene kommunale Pflichtaufgabe, den Brandschutz und die technische Hilfeleistung zu gewährleisten, seit Mitte des 19. und insbesondere seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich ehrenamtsbasiert durch Freiwillige Feuerwehren erfüllt – und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in weiteren europäischen Ländern wie Österreich, Slowenien oder Portugal. Aus dem Leben vieler Dörfer und Kleinstädte sind Freiwillige Feuerwehren nicht wegzudenken. Doch die zahlreichen Facetten sozialen Wandels lassen auch die Institution der Freiwilligen Feuerwehr nicht unbeeinflusst. Selektive Abund Zuwanderung, die Alterung der Bevölkerung, veränderte Arbeitswelten, (zumindest bis Anfang 2020) wachsende Pendelentfernungen, neue Muster bürgerschaftlichen Engagements, technologischer Wandel sowie die Zunahme wetterbedingter Extremereignisse führen dazu, dass sich auch die Zahl und Struktur der verfügbaren Mitglieder sowie die Quantität und Komplexität der Einsätze verändern. Die Tageseinsatzbereitschaft kann nicht mehr flächendeckend gewährleistet werden und die Finanzierung vor allem der kostenintensiven Technik fällt vielen Gemeinden schwer. Mit zahlreichen Maßnahmen, Strategien und Projekten sind Akteure auf unterschiedlichen Ebenen – von der einzelnen Ortsfeuerwehr bis hin zum Deutschen Feuerwehrverband (DFV) als nationaler Interessenvertretung – auf der beständigen Suche nach Lösungen für die künftige Gewährleistung von Brandschutz und technischer Hilfeleistung. Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist die Beobachtung, dass viele der erprobten Maßnahmen und Strategien als eine veränderte Verantwortungsübernahme und -übertragung interpretiert werden können. Dazu gehören beispielsweise die partielle Einstellung hauptamtlicher Kräfte, die Erweiterung der Altersgrenzen für eine Mitgliedschaft, die Etablierung interkommunaler bzw. intraregionaler Kooperationen oder eine verstärkte Aufmerksamkeit für Prävention und Selbstschutz. Im Kontext des letztgenannten Themenkomplexes spielt die Brandschutzerziehung von Kindern und Jugendlichen bis etwa zum 16. Lebensalter eine wesentliche Rolle (Hochbruck/Hülsken 2019). Diese wird innerhalb des Daseinsvorsorgebereichs als unabdingbare Voraussetzung von Notfallkompetenz bzw. -vorsorge, von Selbstschutzfähigkeit oder (zunehmend) von Resilienz diskutiert (z. B. Krings 2016), ohne dass die damit verbundenen Forderungen und Modellprojekte bislang einen Widerhall in der Daseinsvorsorgedebatte finden würden. Dabei lassen sich an diesem Beispiel ganz grundlegende Fragen der Verantwortungszuschreibung und einer zumindest diskursiven – also von relevanten Akteuren geforderten – Neuverteilung von Verantwortung für Notfallhilfe in modernen Gesellschaften diskutieren. Mit dem Ziel, die Debatten und Ansätze in der Praxis zu verstehen, konzentrieren wir den Beitrag auf Innovationen im Aufbau von Notfallkompetenzen durch Brandschutzerziehung. Im Mittelpunkt steht zum einen die Frage, inwiefern solche Innovationen die eingangs benannten Herausforderungen adressieren und zur Zukunftssicherung des auf Ehrenamt basierenden Modells Freiwillige Feuerwehr beitragen können. Zum anderen interessiert uns, ob und wie es zu institutionellem Wandel und zur Verstetigung innovativer Ansätze und Lösungen kommt. Diese Fragen werden anhand einer empirischen Untersuchung von zwei innovativen und modellhaften Projekten, die das Ziel verfolgen, die oft wenig strukturiert durchgeführte Brandschutzerziehung stärker zu systematisieren und deren Zielgruppen zu erweitern, beantwortet. Das folgende Kapitel führt in den Bevölkerungsschutz und die Rolle der Brandschutzerziehung ein. Zudem werden die Merkmale des institutionellen Wandels in der koproduzierten Daseinsvorsorge aus theoretischer Sicht erläutert. Das dritte Kapitel beschreibt das methodische Vorgehen, die Analyse der zwei Fallbeispiele erfolgt im vierten Kapitel. Im fünften Kapitel werden die fünf wesentlichen Schritte, die für die Entwicklung und Verstetigung der Projekte relevant sind, diskutiert. Abschließend fasst das sechste Kapitel die Ergebnisse zusammen. 144 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 Neuverteilungvon Verantwortung? Brandschutzerziehungals Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren 2 Verantwortung und Verantwortungszuschreibungen in der Daseinsvorsorge: konzeptionelle Überlegungen In der Daseinsvorsorgedebatte ließ sich insbesondere seit den 2010er-Jahren, im Zuge des neoliberalen Umbaus zur „Verantwortungsgesellschaft“ (Heidbrink 2006: 23–24, 30–32) bzw. zum „Gewährleistungsstaat“ (Einig 2008), eine diskursive Verantwortungsverlagerung beobachten: Nicht mehr nur die öffentliche Hand, private Unternehmen und Wohlfahrtsverbände, sondern in zunehmendem Maße die Bürgerinnen und Bürger selbst sollten für bestimmte Daseinsvorsorgeleistungen Verantwortung übernehmen, indem sie zum Beispiel Bürgerbusse fahren oder Dorfläden wiederbeleben (Neu 2011). Diese Diskurse und faktischen Tendenzen betteten sich in das veränderte gesellschaftliche Selbstverständnis einer Mehrebenen-Governance und die über Jahrzehnte erfolgte Privatisierung vormals öffentlicher Daseinsvorsorgeleistungen ein – und sie bildeten insbesondere in dünn besiedelten Räumen eine Reaktion auf erfahrene Daseinsvorsorgeverluste (Steinführer 2015). Anknüpfend an Garland (1996: 452) lässt sich in diesem Zusammenhang von einer Responsibilisierung sprechen, das heißt von einer weitreichenden Verlagerung der Verantwortung staatlicher Akteure auf untere hierarchische Ebenen (vor allem die Gemeinden) sowie nichtstaatliche Organisationen und die Bevölkerung. Ausgehend vom Befund ähnlicher Entwicklungen in Staaten mit ganz unterschiedlichen Wohlfahrtsmodellen und Sozialstaatstraditionen hat sich mittlerweile eine umfangreiche und überwiegend kritische internationale Debatte um Fragen der community coproduction entwickelt, die sowohl die Rolle des/der Einzelnen als auch der lokalen Ebene hinterfragt (z. B. Tõnurist/ Surva 2017). Der Umbau der Daseinsvorsorge führte in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen zu einer veränderten, stärker moderierenden Rolle des Staates und einer Vervielfachung der beteiligten Akteure, Handlungsebenen und Entscheidungsgremien (Brad/Adam Hernández/ Steinführer 2022) – wenngleich dem deutschen Begriff der Daseinsvorsorge (ebenso wie den auf EU-Ebene etablierten „services of general interest“) weiterhin ein enger Staatsbezug anhaftet. Zugleich ist dies nicht unberechtigt, denn in vielen Fällen bleibt der Staat arbeitsteilig an der Leistungserfüllung beteiligt – und selbst dann, wenn diese in den Händen von privaten oder freigemeinnützigen Organisationen liegen, setzt die öffentliche Hand die rechtlichen Rahmenbedingungen oder initiiert und finanziert Förderprogramme (Einig 2008). Nochmals anders gelagert – und im Kontext des in diesem Beitrag näher betrachteten Daseinsvorsorgebereichs besonders relevant – ist die Frage persönlicher Eigenverantwortung. Gerade im Bevölkerungsschutz hat es Tradition, ein gewisses Maß an individueller Selbsthilfe von den potenziell Betroffenen zu fordern, weiß man doch aus der Risikoforschung, dass dauerhaft erfolgreiche Gefahrenabwehr (ob sie nun auf effektiven Notfallorganisationen oder schützenden Deichen beruht) zu sinkendem Risikobewusstsein und abnehmender Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung sowie zu höheren Schäden führt. In der Risikoforschung ist vom „Safe Development Paradox“ die Rede (vgl. für einen Überblick Breen/Kebede/König 2022). Parallel zur Auflösung der Selbstverständlichkeit einer überall und stets funktionierenden Institution Freiwillige Feuerwehr (Steinführer/ Brad 2022) zeichnet sich seit einigen Jahren ein verstärkter Trend hin zu Forderungen nach einer Verbesserung der Selbstschutzfähigkeiten der Bevölkerung ab. Dies erfolgt manchmal unter Verweis auf eine vermeintlich bessere, zeitlich vage bleibende Vergangenheit – etwa wenn Meier und Barth (2007: 153) eine „Re-Aktivierung der Selbstschutzfähigkeit und Nachbarschaftshilfe“ anmahnen. Krings (2016: 5) bezeichnet Selbsthilfe und Selbstschutz unter Verweis auf das Zivilschutzund Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) als „Eigenbeitrag der Bevölkerung am Bevölkerungsschutz“ und diesen wiederum als Beitrag zu gesellschaftlicher Resilienz. Analog spricht Goersch (2010: 169) in Bezug auf die Gefahrenabwehr von „Partizipation der Bevölkerung und der Verantwortungsteilung bei der Daseinsvorsorge“ durch persönliche Notfallvorsorge. Diese unterschiedlichen Perspektiven auf Verantwortung und Verantwortlichkeiten verweisen auf die Vielschichtigkeit der Institutionen, die der Daseinsvorsorge zugrunde liegen. Theoretisch betrachtet sind es nicht nur Gesetze und Verordnungen (formale Institutionen), die bestimmen, wie Daseinsvorsorgeangebote organisiert und geleistet werden, sondern auch Aspekte wie historisch gewachsene Überzeugungen und gesellschaftliche Normen (informelle Institutionen). Diese Unterscheidung ist für Prozesse des institutionellen Wandels relevant, da sich beispielsweise Strategien, auf fest verwurzelte Überzeugungen einzugehen, von angestrebten Gesetzesnovellen unterscheiden. Diese Überlagerung von formalen und informellen Elementen spiegelt sich auch in den Prozessen wider, die institutionelle Veränderungen vorantreiben. Auf einer Metaebene wird in der Literatur zwischen Veränderungen durch externe und interne Impulse sowie zwischen allmählichen und abrupten Veränderungen unterschieden (Kingston/Caballero 2009; Mahoney/Thelen 2010). In der koproduzierten Daseinsvorsorge, wo sich Verantwortlichkeiten auf eine Vielzahl von Akteuren verteilen, sind institutionelle Veränderungsprozesse oft langwierig, selbst wenn sie als bahnbrechend eingestuft werden (Bode 2013;Schmidt2020). Um solche kontextabhängigen Veränderungsprozesse gewachsener Institutionen zu untersuchen, konzentrieren wir Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 145 A. Brad et al. uns in diesem Beitrag darauf, wie sich diese durch Akteure gestalten lassen. Ausgangspunkt unseres konzeptionellen Rahmens ist die Annahme, dass Akteure, die Veränderungsprozesse vorantreiben, neue Problemdefinitionen formulieren, vorherrschende Überzeugungen und Handlungsweisen infrage stellen, kleinschrittige (bzw. lokale) Ansätze entwerfen, umsetzen, über Zwischenergebnisse reflektieren und versuchen, Unterstützungsnetze für eine Verstetigung aufzubauen (vgl. Schön/Rein 1994). Der institutionelle Wandel wird somit durch kleinteilige informelle Anpassungen angestoßen und setzt sich durch, wenn die Neuerungen genügend Unterstützung finden. Die sich herausbildenden Veränderungen sind oft eher inkrementell als revolutionär, da sie meist in den bestehenden Möglichkeitsrahmen eingebettet sind. Die Verstetigung von Veränderungen in informellen Institutionen wird typischerweise mit der Aufwertung informeller Normen zu „anerkannten Bestimmungen“ (North 1990: 91) in Verbindung gebracht. Dies kann von breiter Akzeptanz bis hin zu einer Übernahme in die formalen Regeln reichen, ist in der Literatur allerdings nicht eindeutig geklärt (für eine theoretische Einbettung vgl. Kingston/Caballero 2009). 3 Freiwillige Feuerwehren als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge 3.1 Brandschutz undtechnische Hilfeleistung: Akteure und Herausforderungen Das System der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr der Bundesrepublik Deutschland ist arbeitsteilig organisiert (Geier 2017). Die Gemeinden sind Aufgabenträger für den örtlichen Brandschutz und die Allgemeine Hilfe. Ihnen obliegt die Pflicht zur Aufstellung einer leistungsfähigen Feuerwehr, zur Vorhaltung und Erneuerung der Technik, die Ausund Fortbildung der Feuerwehrangehörigen, die Löschwasserversorgung und die Erarbeitung der Bedarfsund Entwicklungsplanung sowie von Alarmund Einsatzplänen. Großschadenslagen (z. B. ein überörtliches Hochwasser oder ein Flächenbrand) liegen in der Verantwortung der Landkreise bzw. kreisfreien Städte. Diese beinhaltet die Bildung eines Katastrophenschutzstabs und dessen Ausbildung, die Ausarbeitung von Katastrophenschutzplänen, die Unterhaltung von Leitstellen für die Notfallkoordination sowie im Katastrophenfall selbst die umfassende Gefahrenabwehr (Geier 2017: 105, 108). Den Ländern fallen die Gesetzgebung (z. B. im unten diskutierten Beispiel Hessens das Hessische Brandund Katastrophenschutzgesetz; HBKG) und die Fachaufsicht zu und sie betreiben mit den Landesfeuerwehrschulen auch Fortbildungseinrichtungen. Der Bund unterstützt die Länder im Katastrophenfall auf Anforderung durch eigene Ressourcen. Oberste Zivilschutzbehörde ist das Bundesministerium des Innern, ihm nachgeordnet sind das Technische Hilfswerk (THW) sowie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), in dem auch das Gemeinsame Meldeund Lagezentrum von Bund und Ländern (GMLZ) angesiedelt ist. Grundlegendes Merkmal bei der Erfüllung der den Feuerwehren obliegenden Aufgaben („Retten, Löschen, Bergen, Schützen“)1– und weiterer Pflichten, wie die Brandschutzerziehung – ist in Deutschland das hohe Maß an Ehrenamtlichkeit. 95% aller Feuerwehrleute sind Freiwillige (eigene Berechnungen nach DFV 2021: 319). Großstädte ab 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern2sind zur Unterhaltung einer Berufsfeuerwehr verpflichtet. Diese wird durch Freiwillige Feuerwehren unterstützt. In Mittelstädten gibt es mancherorts hauptberufliche Wachbereitschaften. Im überwiegenden Teil ländlicher Räume erfolgt der operative Vollzug durch Freiwillige Feuerwehren auf Gemeindebzw. Ortsteilbasis. Für das Beispiel Hessen heißt das, dass mit Ausnahme von sechs Berufsfeuerwehren die knapp 2.500 Stadtteilbzw. Ortsfeuerwehren fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Mitwirkung basieren (HMdIS 2022). Insbesondere in Regionen mit langfristigem Bevölkerungsrückgang ist das Problem einer unzureichenden Tageseinsatzbereitschaft seit vielen Jahren virulent (Albrecht/ Gutsche 2010). Dies hat mit gesunkenen Mitgliederzahlen in den Wehren, aber auch mit veränderten Arbeitsrealitäten und der von vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern praktizierten Normalität des Pendelns zu tun. Anhand einer Befragung ermittelte Wolter (2011: 158–165) für Deutschland Verfügbarkeitsdefizite bei 86 % der von ihm befragten Freiwilligen Feuerwehren, bei einer Spannweite in den Flächenländern von 74% in Baden-Württemberg und 96% in Brandenburg. Gegenmaßnahmen hatten zum damaligen Zeitpunkt 33% der Wehren ergriffen. Aktuellere bundesweite Zahlen liegen nicht vor. Doch nicht nur die Tageseinsatzbereitschaft, auch die Zahl und Art der Einsätze veränderten sich. Seit Jahrzehnten nehmen die Einsätze bei gleichzeitig gesunkenen Mitgliederzahlen zu, und außer in Jahren mit extremer Trockenheit verschieben sich die Aufgaben von der Brandbekämpfung hin zu technischen Hilfeleistungen (Steinführer/ Brad 2022). In unserem Beispiel Hessen verringerte sich die Zahl der freiwilligen Feuerwehrkräfte von 2012 bis 2020 vom 72.200 auf knapp 68.700, während die Einsatzzahl im gleichen Zeitraum von rund 70.000 auf gut 85.000 pro Jahr 1https://www.feuerwehrverband.de/service/feuerwehr-signet/ (11.08.2023). 2In manchen Bundesländern, z. B. Sachsen, gilt eine niedrigere Grenze. 146 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 Neuverteilungvon Verantwortung? Brandschutzerziehungals Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren anstieg. 2020 war aufgrund der Corona-Pandemie ein Rückgang der Einsatzzahlen von 13% im Vergleich zu 2019 zu verzeichnen (HMdIS 2022: 11).3 Da in diesem Beitrag ein österreichisches Fallbeispiel von Bedeutung ist, sei kurz auf die Institution der Freiwilligen Feuerwehr dort eingegangen. Grundsätzlich gibt es in Österreich ein ähnliches Gewährleistungssystem wie in Deutschland – mit gerade einmal sechs Berufsfeuerwehren in den größten Städten und einem ausschließlichen Freiwilligensystem im Rest der Republik (Wolter 2011: 56). Im Unterschied zu Deutschland verfügt Österreich über keine dem Technischen Hilfswerk ähnliche Bundeseinrichtung und die Feuerwehr beteiligt sich nicht am Rettungsdienst. Auch in Österreich gilt die Frage der Tageseinsatzbereitschaft seit Längerem als Problem: Die oben bereits erwähnte Befragung von Wolter (2011: 151–157) ergab für 66 % der befragten Wehren werktägliche Verfügbarkeitsdefizite. Gegenmaßnahmen hatten zum damaligen Zeitpunkt 39% der Wehren getroffen. 3.2 Brandschutzerziehung: Bildung zur Stärkung der Selbsthilfefähigkeit Brandschutzerziehung wird definiert als Form „brandschutzpädagogischer Vermittlungsarbeit“ (Hochbruck/ Hülsken 2019: o. S.) für Kinder und Jugendliche bis zur Sekundarstufe 1, die am Ende der 9. bzw. 10. Klasse mit dem Hauptschulabschluss bzw. der Mittleren Reife endet. Abgegrenzt wird sie von der Brandschutzaufklärung für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 2 (Oberstufe) und für Erwachsene. Beide definiert der Gemeinsame Ausschuss Brandschutzerziehung und Brandschutzaufklärung des Deutschen Feuerwehrverbands (DFV) und der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) als „integrale Bestandteile einer als System angelegten Notfallkompetenz“ (Hochbruck/Hülsken 2019:o.S.). Zentrale Akteure in diesem System sind formal die Gemeinden, die – so beispielsweise die hessische Formulierung – „für den Selbstschutz der Bevölkerung sowie für die Brandschutzerziehung und Brandschutzaufklärung zu sorgen [haben]“ (§ 3 Abs. 1 HBKG4). Die Landkreise, die Länder und der Bund wiederum sollen die brandschutzpädagogische Arbeit fördern und unterstützen (Geier 2017: 3https://feuerwehr.hessen.de/feuerwehr/organisation-undausbildung (11.08.2023). 4Hessisches Gesetz über den Brandschutz, die Allgemeine Hilfe und den Katastrophenschutz (Hessisches Brandund Katastrophenschutzgesetz – HBKG) in der Fassung der Bekanntmachung vom14.Januar 2014(GVBl.S.26),zuletztgeändertdurchdasGesetz vom 30. September 2021 (GVBl. S. 602). 109). Wird Brandschutzerziehung in den Großstädten mit einer Berufsfeuerwehr analog zur Verkehrserziehung oft von Hauptamtlichen durchgeführt, so liegt diese Aufgabe in ländlichen Räumen auf den Schultern von Ehrenamtlichen – und hängt somit von deren Ressourcen und Engagement ab. Den Gemeinden als formal Verantwortlichen attestieren Albrecht und Gutsche (2010: 51) unzureichende Sensibilität, Motivation, Kenntnisse und Personalressourcen für das Thema. Hochbruck (2018: 113) spricht vom „meist vernachlässigte[n] Teil der Feuerwehrarbeit“, der „in der Regel nicht in die bestehenden Strukturen integriert und meistens nicht einmal in sich als System aufgebaut“ sei. Der Brandschutzerziehung vor Ort liegt häufig kein elaboriertes pädagogisches Konzept zugrunde. Dabei gibt es mittlerweile eine Fülle teils bundesweiter, teils länderspezifischer Materialien. Diese reichen von Mal-, Bastelund Vorleseheften über Videos und Apps bis hin zu Ordnern mit Arbeitsblättern und Kopiervorlagen (Gemeinsamer Ausschuss Brandschutzaufklärung der vfdb und des DFV 2022). Diese weisen eine eindeutige Orientierung auf jüngere Altersgruppen (Kindergarten und Grundschule) unter Vernachlässigung höherer Schulstufen auf. So finden sich unter den 260 Materialien für die Brandschutzerziehung 84 (32%) für Kindergärten und 135 (52%) für Grundschulen, 31 (12%) richten sich an die Sekundarstufe 1 und zwei (1%) an die Sekundarstufe 2 (eigene Auswertung nach Gemeinsamer Ausschuss Brandschutzaufklärung der vfdb und des DFV 2022). Brandschutzerziehung dürfte die am wenigsten bekannte Kernaufgabe der Feuerwehr sein. Ihr übergreifendes Ziel richtet sich auf eine verbesserte Gefahrenabwehr. Konkret geht es um die Vermittlung und den Erwerb von Fähigkeiten zur Prävention und zur adäquaten Reaktion in Gefahrensituationen sowie um Wissen über und Verständnis für die Arbeit der Feuerwehr. Indirekt sollen so die Zahl der Einsätze, der Brandtoten und der Brandverursachungen durch Kinder gesenkt werden. Auch als Multiplikatoren für ihre Eltern werden die Kinder adressiert (Hochbruck 2018: 122). Manchmal wird auch die Motivation für eine eigene Mitwirkung in Kinderund Jugendwehren explizit als Ziel bzw. als „nicht zu unterschätzender Nebenaspekt“ (HMdIS 2020: 5) genannt. Über den eigentlichen Brandschutz hinaus gibt es im Kontext der oben erwähnten – auch durch die Erfahrungen jüngerer Extremereignisse (insbesondere die Hochwasserkatastrophe 2021) – verstärkten Debatte um eine verbesserte Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung Bestrebungen, die Brandschutzerziehung um Komponenten einer umfassenden Gefahrenabwehr zu erweitern (DFV 2022). Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 147 A. Brad et al. 4 Methodik 4.1 Systematische Projektauswahl Auf der Grundlage einer umfassenden Online-Recherche in einschlägigen Förderdatenbanken und Fachnetzwerken sowie von grauer und Fachliteratur wurden 35 Projekte in Österreich und acht in Deutschland identifiziert, die modellhaft zentrale Herausforderungen der Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren adressieren. Als Projekt galten „im Ursprung zeitlich und sachlich begrenzte, regionale oder lokale Vorhaben zur Erprobung neuartiger Ideen, Entwicklungen und Verfahren für die Sicherung von Leistungen und Infrastrukturen der Daseinsvorsorge“ (Voß/ Adam Hernández/Bannert et al. 2023: 5). Mittels Nutzwertanalyse und Validierungsgesprächen mit Expertinnen und Experten wurden für eine vertiefte Untersuchung die nachfolgend dargestellten zwei Modellprojekte ausgewählt. Kriterien der Nutzwertanalyse waren die Relevanz des jeweiligen Projekts zur Überwindung zentraler Herausforderungen der Daseinsvorsorge, sein Innovationscharakter, sein Verstetigungsgrad und seine räumliche Verbreitung. In diesem Prozess kristallisierte sich auf induktive Weise die Brandschutzerziehung als wichtiger Themenkomplex für die Transformation und Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren heraus. Das untersuchte oberösterreichische Projekt befand sich bereits in einer fortgeschrittenen Umsetzung. Für das Projekt in Hessen wurde bei der Auswahl insbesondere auf eine inhaltliche Anschlussfähigkeit zu seinem österreichischen Pendant geachtet. Dabei besteht eine Besonderheit darin, dass bestimmte Bausteine des Modellprojektes in Oberösterreich durch die Bemühungen einzelner Projektbeteiligter nach Hessen übertragen wurden. 4.2 Datenerhebung, -auswertung und -interpretation Die vertiefte empirische Untersuchung wurde mittels Kontextund Dokumentenanalyse sowie leitfadengestützter Experteninterviews (Helfferich 2011: 43) durchgeführt. Der Interviewleitfaden mit seiner standardisierten Struktur und Abfolge kam in beiden Ländern und in allen projektbezogenen Interviews zur Gewährleistung möglichst vergleichbarer Ergebnisse zum Einsatz. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden nur fünf Interviews vor Ort durchgeführt, sechs von elf Interviews fanden digital statt. Die Interviews werden im folgenden Abschnitt mit einschlägigen regionalen Kürzeln und nummeriert zitiert (z. B. AT-OÖ-05 bzw. DE-HE-01). Das empirische Material wurde anhand einer strukturierten qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2015) aufbereitet und mit den auf der Basis der Theorieentwicklung entworfenen Oberkategorien kodiert. Projektbezogene Oberkategorien waren die Genese und zeitliche Entwicklung der Projekte, ihre inhaltlichen Strategien und Ziele, finanzielle Aspekte, organisationsstrukturelle Merkmale, Akteure und Zielgruppen sowie die Wechselwirkungen mit Politik und Verwaltung. Aus der mehrstufigen Kodierung, Analyse und Strukturierung der kodierten Stellen wurde das Codesystem als erster Schritt zur Erstellung einer Heuristik der Verstetigung innovativer Daseinsvorsorgeprojekte weiterentwickelt. Ein zweiter Schritt in der Analyse folgte den Prinzipien der axialen Kodierung (Strauss/Corbin 1990) und zielte darauf, eine konsistente Struktur für die Erstellung von Erklärungskategorien festzulegen. In diesem Schritt wurden Verbindungen zwischen den Kategorien identifiziert, indem fünf Aspekte in den Mittelpunkt gestellt wurden: das zu erklärende Phänomen, seine Ursachen, die Strategien zum Umgang mit dem Phänomen, die Folgen der Strategien und die Eingriffsbedingungen. Aus diesem Prozess resultieren fünf wichtige Bausteine im Verstetigungsprozess der analysierten Modellprojekte, die auch das Gerüst der nachfolgenden Analyse bilden: Der Baustein „Initialzündung“ fokussiert auf den Ausgangspunkt und das Veränderungsmotiv und klärt über Schlüsselakteure, deren Motivation und Zielsetzung auf. Beim Baustein „Erprobung“ wird die schrittweise Entwicklung und das Experimentelle der Projektansätze und Lösungen erläutert sowie auf Problemlösestrategien fokussiert. Anschließend wird die Art und der erreichte Grad der „Verankerung“ von Brandschutzerziehung im Bildungssystem anhand der Modellprojekte beschrieben. Mit dem Baustein „Verstetigung“ wird die langfristige Etablierung der innovativen Ansätze und der Übergang in einen möglichen Regelbetrieb zur Diskussion gestellt. Schließlich betrifft der Baustein „Finanzierung“ als Querschnittsbereich die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die Finanzierungsquellen der erprobten Modellprojekte. 5 Empirische Ergebnisse 5.1 Das oberösterreichische Projekt „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ Die Bildungsinitiative „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ wurde 2013 vom Oberösterreichischen Landes-Feuerwehrverband (OÖLFV) initiiert, seitdem auf fünf weitere Bundesländer Österreichs ausgeweitet und teilweise vom deutschen Bundesland Hessen übernommen. Ziel war es, die bestehenden Brandschutzerziehungsmaterialien zu aktualisieren und neu zu strukturieren, Kinder und Jugendliche für das Thema Feuerwehr zu sensibilisieren und die Feuerwehren durch die Integration der Brandschutzerziehung in das Bildungs148 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 Neuverteilungvon Verantwortung? Brandschutzerziehungals Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren Abbildung1 Steuerungsgruppe des Projektes „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Oberösterreichischer Landes-Feuerwehrverband (2023) system zu entlasten. Die neuen Brandschutzerziehungsmaterialien wurden nach den Vorgaben des bundesweiten Bildungsrahmenplanes und der Lehrpläne mit dem Ziel konzipiert, auf allen Ebenen des Bildungssystems eingesetzt zu werden. „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ ist in fünf Module gegliedert. Modul 1 ist für die Kindergärten konzipiert, Modul 2 für die Volksschulen und Modul 3 für die Sekundarstufe 1. Gegenstand dieser Module sind Mappen mit Unterrichtsmaterialien, in denen Themen der Feuerwehr und des Brandund Katastrophenschutzes didaktisch und für die jeweilige Bildungsstufe angemessen aufbereitet werden. Ergänzt werden diese durch Handreichungen für Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Feuerwehrleute zum Umgang mit den Unterlagen. In Modul 4, mit Fokus auf die Sekundarstufe 2, ändert sich das Konzept dahingehend, dass keine fertigen Unterrichtsmaterialien bereitgestellt werden, sondern Themenvorschläge für Referate, Projekte und Abschlussarbeiten sowie ein Supportpool, bestehend aus einer Expertenliste, auf die die Schülerinnen und Schüler zurückgreifen können. Zielgruppe von Modul 5, das geplant, jedoch noch nicht umgesetzt ist, bildet die erwachsene Bevölkerung. Die Steuerungsgruppe des Projekts (vgl. Abbildung 1) hat sich aus Funktionären des Verbandes gebildet. Die didaktische Aufbereitung und Aktualisierung der Inhalte, die seitens der Feuerwehr festgelegt wurden, übernimmt ein privates Forschungsund Beratungsinstitut aus Linz. Die praktische Umsetzung erfolgt durch die Bezirksund Ortsfeuerwehren einerseits und die Bildungseinrichtungen und ihre Pädagoginnen und Pädagogen andererseits. 5.1.1 Initialzündung Im Vorfeld der Projektentstehung existierten unterschiedliche lokale Initiativen zur Brandschutzerziehung, die von verschiedenen Feuerwehrkommandanten in informellen Kooperationen organisiert wurden und das Ziel verfolgten, Jugendliche für die Feuerwehr zu begeistern. In einem jahrzehntelangen Prozess wurde darüber hinaus die Funktion eines Jugendbeauftragten in jeder Bezirksfeuerwehr und eine enge Vernetzung zwischen den beteiligten Feuerwehrleuten etabliert. Allerdings waren Aktionen im Bereich Brandschutzerziehung „eher unstrukturiert und wirklich auch nicht planbar“ (AT-OÖ-02). In den späten 2000erJahren wurde im Netzwerk intensiv über Strategien diskutiert, anhand derer die Feuerwehren die Schulen proaktiv ansprechen könnten. Somit intensivierten sich die Kontakte zwischen Feuerwehr und Bildungssystem auf lokaler Ebene, was zu einer kritischen Masse an Feuerwehrleuten mit pädagogischen Kompetenzen beitrug. Die Führung des Oberösterreichischen Landes-Feuerwehrverbands konnte sich an dieses Netzwerk wenden, als sie 2010 beabsichtigte, einen neuen, vom Bundesinnenministerium zur Verfügung gestellten Brandschutzratgeber Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 149 A. Brad et al. an Oberösterreich anzupassen. Eine Besonderheit bildete die spontane Einbeziehung eines Beratungsunternehmens, dessen Leiter über vertiefte pädagogische Fachkenntnisse verfügt. In einem der ersten Treffen wurde festgestellt, dass das Thema Brandschutzerziehung von großer gesellschaftlicher Relevanz sei: „Dieses System Feuerwehr hat doch eine ganz andere Bedeutung noch einmal, das könnte ja doch unendlicher Träger für [...] politische Bildung, gesellschaftliche Bildung, soziale Bildung sein“ (AT-OÖ-04). Mit diesem Leitbild setzte sich die aus Pädagoginnen und Pädagogen und fünf Feuerwehrkommandanten bestehende Arbeitsgruppe zum Ziel, Brandschutzerziehungsmaterialien gemeinsam zu entwickeln. Die Wahl eines neuen Kommandos für den Oberösterreichischen Landes-Feuerwehrverband 2011 war zentral für die Etablierung der Initiative auf der Führungsebene. Die Mitglieder der neuen Führung waren aufgrund ihrer Vorerfahrungen im o.g. informellen Netzwerk mit dem Thema Brandschutzerziehung vertraut. Darüber hinaus befand sich der Verband zu dieser Zeit inmitten eines strategischen Neuausrichtungsprozesses, der vom Landesrechnungshof empfohlen worden war (Oberösterreichischer Landesrechnungshof 2012). Dies ermutigte die Leitung des Verbandes, eine stärkere Rolle in der Koordinierung eigener Projekte und Strategien zu übernehmen. 5.1.2 Erprobung Bei der Entwicklung des Lehrmaterials hatten die Pädagoginnen und Pädagogen die Aufgabe, die in Oberösterreich und international vorhandenen Materialien zu strukturieren und zu evaluieren (AT-OÖ-03). Die neuen Unterlagen wurden lernplankonform entwickelt und sind damit in allen österreichischen Bundesländern einsetzbar. Ein Ergebnis war auch, dass Aspekte Beachtung fanden, die über traditionelle Themen der Brandschutzerziehung hinausgehen, wie beispielsweise Katastrophenschutz oder die gesellschaftliche Bedeutung der Feuerwehr. Das Projekt hat den Abschnittsund Bezirksfeuerwehrverbänden neue Rollen zugewiesen. Die Orts-, Bezirksund Abschnittsfeuerwehrkommandanten, die an der Koordinierung des Projekts beteiligt waren, übernahmen eine beratende Funktion, indem sie ihre praktischen Erfahrungen bei der Vermittlung der Themen an die Schülerinnen und Schüler einbrachten. Darüber hinaus konnten sie ihre Netzwerke für Konsultationen bei der Entwicklung der Materialien aktivieren. In allen 15 oberösterreichischen Bezirken wurden Workshops durchgeführt, bei denen die gesamte Projektkoordination vor Ort anwesend war (AT-OÖ-05). Auch die Unterstützung der Bezirksfeuerwehrkommandanten war bei der Umsetzung gefragt. In jedem Bezirksfeuerwehrverband wurde eine Person als Ansprechpartner für „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ benannt, die für die Verteilung der Materialien und die proaktive Ansprache der Schulen zuständig ist. Die praktische Umsetzung glich allerdings eher einem Flickenteppich, weil es „Führungskräfte in den eigenen Reihen gibt, die nicht immer mit solchen Entwicklungen gleich sehr positiv umgehen“ (AT-OÖ-01). Als Grund dafür wurde beispielsweise der hohe Komplexitätsund Strukturierungsgrad der Materialien im Vergleich zu den zuvor verwendeten angegeben (AT-OÖ-03). 5.1.3 Verankerung Ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung der Materialien war, die zuständigen Bildungsbehörden mit einzubinden. In Oberösterreich verfügte das Projektteam über die nötige politische Unterstützung, sodass die Materialien eingehend von der oberösterreichischen Bildungsdirektion geprüft wurden. Vorgeschlagene Änderungen wurden vom Projektteam umgesetzt (AT-OÖ-01; AT-OÖ-05). Mit derselben Absicht ist das Projektteam auch proaktiv auf das Bundesbildungsministerium zugegangen, wo es auf positives Feedback bezüglich der Anschlussfähigkeit der Materialien stieß. Allerdings hat bislang eine Umsetzung und Verbreitung durch das Bildungssystem nicht stattgefunden, vor allem weil Schulen von den Zentralund Mittelorganisationen des Bildungssystems nicht vorgeschrieben werden kann, das Angebot anzunehmen (AT-OÖ-01). Ein Hindernis stellt einem beteiligten Akteur zufolge auch der Widerstand gegen Veränderungen etablierter Arbeitsweisen im Bildungssystem dar, „weil man dadurch das Derzeitige wunderbar noch rechtfertigen kann oder weil man einfachere Strukturen rechtfertigen kann“ (AT-OÖ-05). Angesichts der Situation trugen Feuerwehrleute die Verantwortung für die Verbreitung des Projektes an der Basis: „[Über die Feuerwehr] haben manche Lehrer erst erfahren, dass das gut ist, weil sie es von ihren Schulen nicht erfahren haben“ (AT-OÖ-05). Neben den persönlichen Kontakten der Feuerwehrleute zu den Lehrerinnen und Lehrern wurde versucht, die Schuldirektorinnen und -direktoren anzusprechen. Die Feuerwehrleute erlebten eine sehr unterschiedliche Akzeptanz, von umfassender Begeisterung bis hin zu „du bekommst eine halbe Stunde, stelle das allen meinen Lehrerinnen vor, denn sie müssen entscheiden, ob sie es wollen“ und „das interessiert uns alles nicht und verschwindet mit dem“ (AT-OÖ-05). 5.1.4 Verstetigung „Gemeinsam.Sicher.Feuerwehr“ ist ein Querschnittsprojekt, das über die traditionelle Verteilung von Verantwortlichkeiten in der Feuerwehr hinausgeht, denn es ist nicht üblich, dass das Thema auf der Ebene des Landesfeuerwehrverbandes angegangen wird, die Brandschutzerziehung gleichzeitig Pädagoginnen und Pädagogen einbezieht und auch 150 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2024) 82/2: 143–159 Neuverteilungvon Verantwortung? Brandschutzerziehungals Strategie zur Zukunftssicherung Freiwilliger Feuerwehren führer 2015) als Bausteine einer Verlagerungsdynamik aus den Feuerwehren heraus an weitere Akteure der Zivilgesellschaft und des Bildungssystems interpretieren. Gleichzeitig erwachsen für die Institution Freiwillige Feuerwehr im Bereich Brandschutzerziehung durch die Erprobung neuartiger Ansätze neue Anforderungen. Dies stellt sich aufgrund der mehrfach aufgezeigten Kapazitätsgrenzen und Überforderungsgefahren als problematisch dar. Obwohl das Versprechen einer in Zukunft selbstschutzfähigeren Bürgergesellschaft einen Beitrag zur Funktionsfähigkeit des Bevölkerungsschutzes leisten kann, werden für den nötigen Kapazitätsaufbau gegenwärtig keine nennenswerten zusätzlichen hauptamtlichen Ressourcen, sondern nur koordinierende und unterstützende Angebote seitens der zuständigen staatlichen Behörden zur Verfügung gestellt. Jedoch sollte eine relevante Komponente nicht außer Acht gelassen werden: Der größte Anreiz für Freiwillige Feuerwehren, Brandschutzerziehungsmaßnahmen zu gestalten, ist die Nachwuchsgewinnung. Mehr Nachwuchs durch eine strukturierte Brandschutzerziehung könnte ein Ausgleich zu strukturellen Defiziten in diesem Bereich der Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen bedeuten und einen Beitrag zu dessen Zukunftssicherung leisten. Brandschutzerziehung in der beschriebenen Form zu systematisieren, bewirkt zudem zweifellos eine Veränderung der bestehenden institutionalisierten Koproduktion von Daseinsvorsorge im Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Hier tragen die Akteure der untersuchten Modellprojekte zu einem inkrementellen institutionellen Wandel bei und etablieren neue informelle Beziehungen und Regeln zwischen relevanten Akteuren und über bestehende Systemgrenzen (etwa von Innenund Bildungsministerium) hinweg. Wie eingangs dargestellt, initiieren reflexive Schlüsselakteure (Schön/Rein 1994) aus dem System des Brandund Katastrophenschutzes einen Wandel, jedoch scheint ein neues systemund sektorübergreifendes Arrangement für eine dauerhafte Transformation des Status quo nötig zu sein, das das Bildungssystem verlässlich mit einbezieht. Erfolgsrelevant erscheint zudem die absichtsvolle, konstruktive und – bezogen auf die Veränderungsprozesse – inkrementelle Gestaltung des Daseinsvorsorgebereichs durch die Akteure als nennenswerter Beitrag zur Zukunftssicherung des Brandund Katastrophenschutzes. Eher disruptive Innovationen, also die Absicht, zu viel auf einmal verändern zu wollen, wären angesichts tradierter Werte und Organisationskulturen in dem hier untersuchten Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr mit großer Wahrscheinlichkeit unwirksam und würden großen Widerstand an der Basis hervorrufen. In diesem Beitrag wurde die erreichte Qualitätssteigerung, Intensivierung und Vereinheitlichung von innovativen Ansätzen der Brandschutzerziehung in den Fallbeispielen deutlich. Jedoch bleibt als offene Forschungsfrage, inwiefern konkrete Maßnahmen in unterschiedlichen Altersklassen und Schuljahrgängen eine nachweisbare Steigerung der Selbstschutzfähigkeit bewirken können und wie die Bevölkerung die an sie gestellten Erwartungen eines verbesserten Selbstschutzes und damit Eigenbeitrags für den Bevölkerungsschutz wahrnimmt und umsetzt. Competing Interests The authors declare no competing interests. Acknowledgement The authors would like to thank the two anonymous reviewers for their helpful comments. We also thank the eleven people who agreed to be interviewed. Without their input this study would have not been possible. Funding The research leading to these results was conducted as part of the project „Innovative approaches to services of general interest in rural areas – What Germany can learn from the experience of other European countries“ (InDaLE). The project was supported by funds of the Federal Ministry of Food and Agriculture (BMEL) based on a decision of the Parliament of the Federal Republic of Germany via the Federal Office for Agriculture and Food (BLE) under the Rural Development Programme (grant number 2819LE010 respectively 2819LE006). Literatur Albrecht, M.; Gutsche, J.-M. (2010): Kurzexpertise: Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Organisation der Gefahrenabwehr und Notfallrettung als Mindestleistung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Hamburg. Bode, I. (2013): Die Infrastruktur des postindustriellen Wohlfahrtsstaats. Organisation, Wandel, gesellschaftliche Hintergründe. Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/ 978-3-531-19428-8 Brad, A.; Adam Hernández, A.; Steinführer, A. 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