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Just Transition: Konfliktmoderation in der digitalen sozial-ökologischen Transformation

Brandl, Sebastian,Matuschek, Ingo

Abstract

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Brandl, Sebastian; Matuschek, Ingo Article Just Transition: Konfliktmoderation in der digitalen sozialökologischen Transformation Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung (VAW) Provided in Cooperation with: Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW), Universität Bremen / Arbeitnehmerkammer Bremen Suggested Citation: Brandl, Sebastian; Matuschek, Ingo (2024) : Just Transition: Konfliktmoderation in der digitalen sozial-ökologischen Transformation, Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung (VAW), ISSN 2942-1470, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 1, Iss. 3, pp. 319-335, https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/317889 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Duncker & Humblot · Berlin Just Transition– Konfliktmoderation in der digitalen sozial-ökologischen Transformation Von Sebastian Brandl* und Ingo Matuschek** Zusammenfassung Zeitgleich sind wir mit mehreren Transformationen konfrontiert: Die ökologische K rise inklusive des Klimawandels scheint immer dramatischer. Die Digitalisierung/ Künst liche Intelligenz verspricht ökologische Vorteile und ist zugleich ein dynamischer Rationalisierungspfad in der globalen Standortkonkurrenz. Der damit verbundene Extraktivismus Seltener Erden und der ansteigende Energiebedarf tangieren unabdingbar die ökologische Frage. Klimawandel wie Digitalisierung erzeugen vulnerable, weil abgehängte Individuen, Betriebe, Branchen, Regionen und Staaten. Wer in diesen Prozessen gewinnt, ist offen. Die– ineinander verzahnten– Transformationen bedürfen einer umfassenden Rahmung jenseits eines technisch-ökonomischen Rationalisierungsparadigmas. Mit dem Konzept einer Just Transition steht im Hinblick auf die ökologische Transformation ein Ansatz zur Debatte, der die skizzierten Spannungen in den Blick zu nehmen verspricht. Vor dem Hintergrund der Analyse länderspezifischer Konstellationen europäischer Provenienz beleuchtet der Beitrag die Bedeutung einer integrativen Just Transition wie gleichermaßen den Stellenwert jeweiliger Einzelziele, um auf dieser Grundlage die Kohärenz partizipativer Entwicklungspfade bezüglich ihrer triangulativen Zielsetzung (sozial, ökologisch, digital) zu diskutieren. Summary Currently we are confronted with several transformations: The ecological crisis, including climate change, appears to be becoming increasingly dramatic. Digitalisation/artificial intelligence promises ecological advantages and is also a dynamic rationalisation path in the global competition between locations. The related extractivism of rare earths and the increasing demand for energy inevitably affect the ecological question. Climate change and digitalisation are creating vulnerable individuals, companies, industries, regions and countries because they are left behind. It remains to be seen who will win in these processes. * Sebastian Brandl, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, sebastian.brandl@ hdba.de ** Ingo Matuschek, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, ingo.matuschek@ hdba.de Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung 1 (2024) 3: 319 – 335 https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 320 Sebastian Brandl und Ingo Matuschek Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 The– interlinked– transformations require a comprehensive framework that goes beyond a technical-economic rationalisation paradigm. The concept of a just transition is an approach to ecological transformation that promises to address the tensions outlined above. Against the background of analysing country-specific constellations of European provenance, the article examines the significance of an integrative just transition as well as the significance of individual goals in order to discuss the coherence of participatory development paths with regard to their triangular objectives (social, ecological, digital) on this basis. JEL classification: I30, J52, Q56 Keywords: just transition, digitalization, ecological crisis 1. Einleitung Die Parallelität aktueller Transformationen scheint uns zu überrollen: Die ökologische Krise inklusive des Klimawandels mutet immer dramatischer an. Das Ringen um Pfade jenseits des Wachstums scheinen ins Leere zu laufen; eine Deglobalisierung erscheint wenig wahrscheinlich (vgl. Schmalz 2022). Die Digitalisierung/Künstliche Intelligenz verspricht ökologische Vorteile gegenüber der bereits informatisierten Produktionsweise. Sie ist jedoch auch ein Rationalisierungspfad globalisierter Produktion und Mittel der Standortkonkurrenz. Zugleich tangieren der damit verbundene Extraktivismus Seltener Erden und der ansteigende Energiebedarf etc. unmittelbar die ökologische Frage. Beide Entwicklungen verweisen auf soziale Dimensionen multipler Transformationskonstellationen. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft hat erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt und ist in Tempo wie Notwendigkeit umstritten. Eine digitalisierte Wertschöpfung inklusive verlagerter Arbeitsplätze erzeugt global vulnerable Individuen, Betriebe, Branchen, Regionen und Staaten und befördert den Raubbau an Ressourcen. Auch die Lebenslagen Betroffener inklusive ihrer Möglichkeiten zur Regeneration sind betroffen. Die verzahnten Transformationen bedürfen einer Rahmung jenseits eines zuvorderst technischökonomischen Rationalisierungsparadigmas, werden jedoch eher getrennt behandelt. Mit dem Konzept einer Just Transition (JT) steht ein Ansatz mit gleichsam glokalisierter Perspektive zur Debatte, der die skizzierten Spannungen zwischen Ökologie, Digitalisierung und sozialen Entwicklungen in den Blick zu nehmen verspricht. Die Diagnose des „Arbeitsplätze versus Umwelt-Dilemmas“ (Räthzel/Uzzell 2011) überzeichnend wurden in der Umweltschutzdebatte Gewerkschaften oftmals als Bremser verunglimpft (vgl. Ding/Hirvilammi 2024). Auch in Abwehr dessen wurde das Konzept der ‚JT‘ entwickelt, dem es im Kern darum geht, soziale Sicherheit als legitimes Interesse mit Klimaschutz zu vereinbaren. Den internationalen Gewerkschaftsorganisationen gelang es, JT auf die Tagesordnung der globalen Klimaverhandlungen zu setzen. Die ILO (2015) hat JT mit ihrem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 Just Transition 321 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 Konzept von „decent work“ verbunden. Zunächst als ‚climate justice‘ forderte die globale Klimabewegung eine globale Klimagerechtigkeit und griff dann JT auf. Es gilt, nicht nur betroffene Arbeitnehmer zu schützen, sondern einen ökologisch nachhaltigen, sozial gerechten und fairen Übergang zu gestalten (Ding/ Hirvilammi 2024; Azzellini 2021: 15): „The just transition is defined here as ‚a fair and equitable process of moving towards a post-carbon society‘. This process must seek fairness and equity with regards to the major global justice concerns such as (but not limited to) ethnicity, income, gender within both developed and developing contexts. By its very nature, this transition must take place at a global scale, whilst connecting effectively with multi-scalar realities. It involves the development of principles, tools and agreements that ensure both a fair and equitable transition for all individuals and communities.“ (McCauley und Heffron 2018: 2) Auf diesen umfassenden Anspruch beziehen sich die globale Klimabewegung, Gewerkschaften, lokale Aktivist:innen, die EU und teils auch nationale Regierungen mehr oder minder stark, oft nur auf einzelne Komponenten (Azzellini 2021: 159 f.). In der Debatte um den Einsatz digitaler Technologien spielt soziale Sicherheit und Beschäftigung ebenfalls eine bedeutende Rolle. Internationaler Auswirkungen der Digitalisierungsstrategien werden zunehmend thematisiert (Butollo 2023). Allerdings bleiben die beiden Debattenstränge trotz wechselseitiger und partiell reflektierter Überschneidungen in strategisch-konzeptioneller Hinsicht weitgehend unverbunden. Daran schließt die nachfolgend zu verhandelnde Frage an, ob JT auf Digitalisierung anwendbar ist und ob beide Diskurse zusammengedacht und verhandelt werden können. Hierzu werden im Folgenden mit der Digitalisierung und der ökologischen Transformation zwei (auch) in ihren sozialen Aspekten miteinander verwobene Prozesse skizziert (Abschnitt2), um sodann auf JT in europäischen Ländern einzugehen (Abschnitt3). Abschließend wird diskutiert, inwieweit JT eine Arena der Aushandlung von Zielkonstellationen der sozialökologischen und digitalen Transformation und damit im Hinblick auf die wechselseitigen Aspekte integrativ ausgerichtet sein kann (Abschnitt4). 2. Digitale und ökologische Transformationen– soziale Folgen zwischen Kontinuität und Brüchen 2.1 Digitalisierung als kontinuierliche Informatisierung mit innovativer Dynamik Das Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und Technik ist das Fundament der Arbeitsgesellschaft. Ab den 1960er-Jahren veränderten Informationstechnologien zunächst die Produktion und folgend den Dienstleistungsbereich. Mit den 1980er-Jahren fanden informatisierte Produktionskonzepte Verbreitung, die später zu einem Konzept systemischer Rationalisierung von Arbeit(sprozessen) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 322 Sebastian Brandl und Ingo Matuschek Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 gerannen. Die Informatisierung revolutionierte Bürotätigkeiten und Finanzund Versicherungssektor, bevor das Internet den Handel veränderte. Dienstleistungen und Produktionsprozesse sind per Plattformen und Clouds globalisiert möglich (Kleemann etal. 2019). Informatisierung steigert die Effizienz, verspricht Qualitätssprünge und Rationalisierungspotenzial im „Informational Capitalism“ (Schmiede 2015). Die integrierte Produktion in der Industrie 4.0 soll Effizienzlücken durch digitalisierte Prozessabläufe schließen, von monotoner, belastender resp. gefährlicher Arbeit befreien und einen Wettbewerbsvorteil realisieren (Apt/Priesack 2019). Die dystopischen Szenarien immenser Beschäftigungsverluste (Frey/Osborne 2013) ernteten Widerspruch (Grienberger etal. 2024), realiter blieben sie aus. Dass Arbeit sich im Zuge verstärkter Automatisierung verändert, kann im Gegensatz zu unklaren Substitutionspotentialen als robuste Annahme gelten: Einsatz und Wartung von KI und Machine Learning erzeugen neue Arbeitsinhalte und rekonfigurierte Tätigkeitsprofile (Pfeiffer 2020). Derzeit dreht sich die Debatte um eine faktisch schwache, ohne Bewusstsein agierende KI (Kreutzer/Sirrenberg 2019), die als generative KI via großer Datensammlungen ein jeweils trainierbarer Algorithmus (vgl. Lang 2022) zur Optimierung von Prozessen ist. Die (moderat) wachsende Verbreitung und die damit veränderte Mensch-Technik-Kollaboration erfordert ohne Zweifel Qualifikation; für drei Viertel der Unternehmen ist das aber noch Zukunftsmusik. Wie die Arbeitsverhältnisse zukünftig ausgestaltet werden, ist zudem weniger ein technologischer Automatismus (Butollo/Nuss 2019) als vielmehr arbeitspolitische Frage (Jürgens etal. 2017), auch weil ökonomische Erwägungen, Mitbestimmungsrechte und notwendige Qualifizierungen dem betrieblichen Einsatz neuer Technologien vorgängig sind. Technologisierung/Digitalisierung ist damit als Dekaden überdauernde Kontinuität im Wandel der Arbeit und Arbeitsgesellschaft zu verstehen. Diese erzeugt in ihren Innovationsschüben situative Herausforderungen, individuelle wie kollektive Verunsicherungen und arbeitswie sozialpolitische Re-Justierungen im Gefüge einer in Deutschland sozialpartnerschaftlich gerahmten kapitalistischen Ökonomie. Das ist regelmäßig durch gleichsam eruptive Phasen einer Beschleunigung gekennzeichnet, in denen Unsicherheiten und Zukunftsängste gerade bei vulnerablen Gruppen zunehmen. Daher erscheint eine arbeitswie sozialpolitisch gerahmte Abfederung ein gebotenes Mittel. Ungewissheiten kennzeichnen auch die Klima-Debatte. Beide Diskurse beinhalten den Ruf nach Leitplanken zur Eindämmung kritischer Verläufe für prospektiv betroffene soziale Gruppen. Der globalisierte Kapitalismus ersetzt mittlerweile Kolonisierung durch Freihandelsabkommen zwischen nunmehr freien, wenn gleich asymmetrisch verflochtenen Staaten (Jochum 2022), und etabliert heute globale Absatzmärkte ebenso wie Produktionsregionen und Gebiete, die vor allem durch RessourOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 Just Transition 323 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 cenabbau gekennzeichnet sind. Rückgrat dafür ist neben der Logistik vor allem die digitale Infrastruktur. Damit rückt die Ressourcenfrage mehrfach in das Zentrum globaler Ökonomie. Es werden bestimmte Mineralien und Metalle (Seltene Erden) für Infrastruktur und Endgeräte benötigt, die für ihren Betrieb Energie benötigen. Das auf Wachstum beruhende System ist darauf angewiesen, sich u. a. durch die Ausbeutung der Naturressourcen global auszudehnen; auch Technologien zur Bekämpfung des Klimawandels basieren darauf, seien es smarte Produktionsregime oder Windkraftanlagen. Neben damit einhergehenden neuen Abhängigkeiten (Keohane/Nye 2000) und geopolitisch bzw. -ökonomisch motivierten Zugriff auf regional verteilte Ressourcen (Black 2009) führt dies zum Problem des (Neo-)Extraktivismus als Raubbau an Bodenschätzen, der Züge modernisierter Kolonialisierung enthält (Rose/Al-Slaiman 2021). Mit der Reflexion solcher Entwicklungen erweitert sich der initiale Diskurs um Informationstechnologien über ihren systemischen Einsatz hinaus bis hin zu Fragen der internationalen Arbeitsteilung (Butollo 2023)– darin der Perspektivenerweiterung durch JT in der Debatte um den sozial-ökologischen Umbau vergleichbar. In den Blick geraten die Voraussetzungen einer systemrelevanten Technologie, die in globaler Hinsicht auf ökologisch bedenklichen und angesichts der (nahezu klassischen) Landnahme auch sozial fragwürdigen Verhältnissen basiert. Abseits einer enggeführten arbeitsplatzbezogenen Perspektive erwachsen damit neue Themen und neue Konstellationen von sozialen Akteuren: Gewerkschaften pochen– unterstützt von Umweltverbänden– z. B. auf Lieferkettenverträge, die Problematik der Digitalisierung wird zur globalen sozialen Fragestellung. Auch Mikroökonomien vor Ort belastender Raubbau, die problematische Entsorgung giftiger Stoffe in der südlichen Hemisphäre oder die energetische Frage etc. werden breiter debattiert. Mithin geht es nicht länger mehr nur um Erwerbsarbeitschancen in ressourcenstarken Regionen, sondern– wiederum vergleichbar mit der Debatte um Klimawandel und sozialökologische Transformation– auch den Fortbestand globaler Lebensgrundlagen. Verlangt wird nach einer Perspektive, die Akteure betroffener Regionen berücksichtigt und zur Sprache kommen lässt wie die Beschäftigten in den digitalisierten Ökonomien. Das Stichwort der Glokalisierung steht für eine solche Bedeutung gewinnende multiskalare Perspektive (Hürtgen 2022). Allerdings ist die Kritik in wissenschaftsnahen bzw. umweltpolitischen Initiativen deutlich ausgeprägter als etwa in gewerkschaftlichen Kreisen, die nachvollziehbar vor allem die beschäftigungspolitische Dimension des hiesigen Arbeitsmarkts fokussieren. Zwar gibt es Ansätze, breiter zu debattieren, beispielhaft etwa die Reihe ‚Jahrbuch Gute Arbeit‘; die Intensität der Debatte um JT erreicht dies jedoch (noch) nicht. Anscheinend bedarf es verschiedener Stadien (und interessierter Akteure), um umfassende Perspektiven bei allen Stakeholdern zu verankern. Festzuhalten ist, dass im Digitalisierungsdiskurs derzeit vor allem positive Umweltwirkungen angeführt werden, ohne dass etwa der Energiebedarf und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 324 Sebastian Brandl und Ingo Matuschek Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 Extraktionsfolgen umfassend berücksichtigt werden. Im Vordergrund stehen die Möglichkeiten der Technik und deren Wirkungen auf Arbeit. Häufig in Expertengremien (Industrie 4.0, Nationale KI-Strategie, etc.) unter Beteiligung von Stakeholdern, Lobbyisten und Wissenschaftlern organisiert, zu denen Gewerkschaften oder Umweltverbände einen vergleichsweise schwierigen Zugang haben, dreht sich der Diskurs eher um Marktchancen und Normierungsfragen als um eine ökologische JT. Im Grunde stellt die Digitalisierung einen Rationalisierungspfad dar, der im globalen Umfeld mittels technologischen Fortschritts ermöglicht, die Form der Produktion aufrecht zu erhalten. Das wirkt im Sinne eines digitalen Kapitalismus systemstabilisierend, ohne Voraussetzungen wie Wachstumseffekte zu hinterfragen – gewissermaßen ein ‚Weiter so‘ auf neuer Stufe. 2.2 Ökologie als ansteigende Dramatik und Lernkurve gesellschaftlicher Debatten Der Club of Rome veröffentlichte 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows etal. 1972). Wenig später wurde auf Einladung der IG Metall unter dem Kongresstitel „Aufgabe Zukunft: Qualität des Lebens“ über „die Verbindung von Produktionsbedingungen, industrieller Produktion an sich und den menschlichen Bedürfnissen und Bedingungen für ein erfülltes Leben“ diskutiert (OBS o. J.). Dort plädierte u. a. Eppler (1974) dafür, statt wirtschaftlichem Wachs tum inklusive einhergehender wachsender Gesundheitsund Umweltgefährdung ‚Lebensqualität‘ als Maßstab zu etablieren. Beide Impulse stehen für das frühe Hinterfragen des enormen wirtschaftlichen Wachstums nach dem 2. Weltkrieg inklusive gesteigertem Wohlstand breiter Schichten der Bevölkerung („Fahrstuhleffekt“; Beck 1986: 124 f.) ob dessen Folgen für Mensch und Natur. Unerwünschte oder nicht-intendierte Nebenfolgen des Wachstums erzeugten eine Politisierung der Ökonomie seitens Gewerkschaften, Umweltbewegung, Politik und Wissenschaft („reflexive Moderne“, Beck etal. 1996). In den 1980er Jahren setzten die Vereinten Nationen die „World Commission on Environment and Development“ (WCED; ‚Brundlandtkommission‘) ein. Diese legte 1987 ihren Bericht Our common future vor, verknüpfte darin Umwelt und Entwicklung und begründete das Leitbild Nachhaltiger Entwicklung, die die Möglichkeiten gegenwärtiger wie zukünftiger Generationen adressierte (Hauff 1987: 46). Erweitert und konkretisiert in der UN-Konferenz Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro (UNCED), verknüpft dieses Leitbild insbesondere mit der Agenda 21 mehrere Gerechtigkeitsnormen: • IntergenerativeGerechtigkeit zwischengegenwärtigenundzukünftigenGenerationen; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 Just Transition 325 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 • IntragenerativeGerechtigkeitinnerhalbderaktuellenMenschheit; • dasRechtaufeinmenschenwürdigesLebenfüralle; • ressourcenärmererWohlstandindenIndustrieländernalsBasisfürUmverteilungspotenziale zwischen Nord und Süd; • dieBeteiligungallergesellschaftlichenAkteureanDefinitionundUmsetzung nachhaltiger Entwicklung. Ab 1990 kam es zu einer Vielfalt (inter-)nationaler sozial-ökologischer Zukunftsentwürfe und der Konzeptualisierung Nachhaltiger Entwicklung, die anhält und zu konkreten Umsetzungsschritten voranschreitet. Bei anwachsender Umweltdramatik dominieren zwei Stränge die internationale Debatte: Ein Strang fokussiert global auf die Begrenzung des Klimawandels durch die Reduktion der CO2-Emissionen. Im „Übereinkommen von Paris“ von 2015 verpflichteten sich 195Staaten, die Erderwärmung auf 1,5Grad zu begrenzen. Der Ausstoß klimaschädlicher Gase ist drastisch bis 2050 auf Netto-Null zu senken, was energetische und stoffliche Anpassungen (‚Transformationen‘) und enorme Finanzmittel erfordert (UBA 2015). Im Rahmen der UN-Strategie zu Nachhaltiger Entwicklung haben sich die Unterzeichner auf ein prior ökologisches Ziel geeinigt, welches vor allem technologisch angegangen wird. In Deutschland wird dies in Schritte zu einer klimaneutralen Bundesverwaltung bis zum Jahr 2030 (§ 15 Abs. 1 Bundes-Klimaschutzgesetz) oder im Aufund Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft übersetzt (Bundesregierung 2024). Der zweite Strang greift die Themen Nachhaltige Entwicklung und UmweltArbeitsplatz-Dilemma im Anschluss an die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der UN (2015) breiter auf. Diese beinhaltet 17Sustainable Development Goals (SDGs) und beinhaltet über ökologische Ziele hinaus Armutsbekämpfung, Wohlergehen, Bildung, nachhaltige Konsumund-Produktionsmuster u. a. m. (UN 2015). Der erste Teildes für die globale Erwerbsarbeitsgesellschaft zentralen Ziels 8, „Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum“, setzt weiterhin auf (sozial-nachhaltig konnotiertes) Wachstum. Auch für die weiteren Aspekte wie „produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit“ wird Wachstum (zumindest in den am wenigsten entwickelten Ländern) als notwendig angesehen. Damit bleiben Arbeit und Wirtschaft der SDGProgrammatik weitgehend unberührt von der Kritik am Wachstumsansatz. Kontroversen um Ökologie, Ökonomie und Soziale schwelen daher weiter: Green jobs, green growth vs. Postwachstumsgesellschaft oder nachhaltige Arbeit sind Stichwörter dessen. Kontrovers ist vor allem, welche Arbeit, welche Wachstumssektoren auf einen Nachhaltigkeitspfad führen bzw. ob auf Wachstum gänzlich zu verzichten ist (Jochum etal. 2020). Allein der Umbau (‚Transformation‘) auf eine treibhausgasneutrale Wirtschaft stellt Beschäftigte, Regionen, Branchen und ganze Gesellschaften vor enorme OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 326 Sebastian Brandl und Ingo Matuschek Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 Herausforderungen. Ohne breite Beteiligung aller betroffenen Akteure dürfte eine JT kaum gelingen. Eine Verknüpfung mit digitalen Themen erfolgt eher nur instrumentell i. S. erhoffter Klimaschutzwirkung. Der im Folgenden eingenommene Blick auf Akteurskonstellationen1 skizziert daher länderspezifische Charakteristika der Thematisierung von JT. 3. Transformationsbezogene Entwicklungspfade: Begriffsverständnisse, Akteursund Diskurskonstellationen von JT Auf das Konzept JT beziehen sich in der Debatte um die sozial-ökologische Transformation mittlerweile die EU, viele europäische Staaten sowie soziale Bewegungen und Gewerkschaften gleichermaßen. Die Bandbreite des inhaltlichen Verständnisses wie auch die Vorstellungen zur Partizipation sind jedoch überaus unterschiedlich. Die folgenden Skizzen fragen zentral danach, welche Begriffsverständnisse bestehen, inwieweit sich darin wechselseitige Bezugsnahmen zeigen und welchen Stellenwert jeweilige Einzelziele haben (3.1); sowie, welche Themen in welchen Akteursbzw. Diskurskonstellationen verhandelt werden (3.2). Ausgehend von zwei akteuriellen Bezugnahmen (Gewerkschaften bzw. Umwelt-NGOs, s. o.) sind unterschiedliche inhaltliche Blickwinkel auf eine sozial und ökologisch nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu erkennen. Die Debattenstränge sind jedoch nicht trennscharf, sondern beinhalten jeweils bestimmte Kerne, die durch aus kritischen Impulsen gespeiste um1 Basis dafür ist eine komparative europäische Länderstudie zu Ansätzen nachhaltiger Arbeit (Azzellini 2021) und deren Fortführung (Azzellini 2023; Azzellini/Brandl/Matuschek 2023). Mittels Desktop-Forschung (vgl. Azzellini 2021, S. 11 f., 2023) wurden die zivilgesellschaftliche, gewerkschaftliche, Arbeitgeberund Regierungsperspektiven in zehn europäischen Ländern sowie später in Kolumbien, Mexiko und den Philippinen erhoben. Im Zentrum standen programmatische Bezugnahmen zunächst auf nachhaltige Arbeit, dann auf artverwandte Begriffe wie Green Jobs, Green Economy, CO2-Reduktion, Just Transition u. a.m. Diskursanalytisch wurde erfasst, welche kollektiven Akteure (Sozialpartner, NGOs, Staat) sich wie zu nachhaltiger Arbeit und die damit verbundene Transformation der Industriegesellschaft positionieren. Die Länder wurden zunächst gemäß der um südeuropäische Wohlfahrtsstaaten und um osteuropäische Transitionsländer erweiterten Wohlfahrtsstaatstypologie von Esping-Andersen (2006) ausgewählt. Dies erwies sich in der Clusterung der Länder als nicht weiterführend, weshalb induktive, nicht überschneidungsfreie Ländercluster gebildet wurden: (a) Nachhaltigkeit ohne Verweis auf Arbeit, (b) Green Jobs: Nachhaltigkeit als Chance für Wirtschaft, Betriebe und Beschäftigung, (c) „ ‚Climate jobs‘ are not the same as ‚green jobs‘ “ und Just Transition, (d) Wohlstandssicherung nach der ersten Transformation (Azzellini 2021, Azzellini/Brandl/ Matuschek 2023). Im Folgenden wird nicht entlang dieser Cluster, sondern inhaltlichen Bezugnahmen folgend argumentiert, Länderbeispiele werden illustrierend genutzt; Vertiefungen siehe genannte Quellen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 Just Transition 333 Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 lig. Aber das Zusammendenken beider Diskurse und gar deren gemeinsame Verhandlung stößt an strukturelle Barrieren. Die Einhegung der Digitalisierung als Rationalisierungsund Wachstumsdiskurs durch JT dürfte Akteursund Interessengrenzen sehr direkt berühren. Insbesondere zeigt sich, dass JT im engeren als ein technisch unterlegter Modernisierungsdiskurs für die Wirtschaft fungiert. Dessen kritische Infragestellung bedurfte entsprechender Akteure (NGOs) bzw. Lernprozessen bei Gewerkschaften und (ggf. interessierter Arbeitgeber). In diesem Sinne könnte JT eine prozessuale Blaupause für den Digitalisierungsdiskurs sein. JT hat sich als Modus der Konfliktmoderation in begrenzten Räumen etablieren können und adressiert die Verknüpfung von Klimawandel, decent work and Nachhaltiger Entwicklung (ILO 2015). Die Folgen der Digitalisierung, vor allem des Extraktivismus und der globalen Standortkonkurrenz spielen dabei eine nachgeordnete Rolle hinter CO2-Reduktion. JT erweist sich dennoch als Nebeneinander von eingeübten Prozessen und neuen Schritten, die eine Öffnung bisheriger Arenen mit sich bringen. So sind Gewerkschaften über ihren sektoralen Vertretungsanspruch hinaustretend in Bündnissen verankert, die neben erwerbsarbeitsbezogenen Themen auch weitergehende Aspekte auf die politische Agenda setzen. Umgekehrt haben NGOs verstärkt Gerechtigkeitsansprüche in ihre ökologische Perspektive integriert. Beide wie auch ihre Bündnisse stellen sich damit als gemeinsame gesellschaftspolitische Kraft auf, denen allerdings mächtige Interessengruppen gegenüberstehen. Zu bedenken ist, dass die JT-Debatte selbst Zeit benötigte, so dass es bei der beschriebenen Schneidung nicht bleiben muss. NGOs und Gewerkschaften müssten dafür den kritischen Rahmen von JT um das Thema der Digitalisierungsfolgen offensiv erweitern. Die Gewerkschaften müssten sich dafür stärker gegenüber einer Technikkritik öffnen bzw. Folgen u. a. im Zuge eines gewerkschaftlichen Internationalismus kritisch thematisieren. Auch bei ihren Branchenund Betriebsverhandlungen wären solche Nebenwirkungen wahrnehmbarer zu adressieren– allerdings könnte das Dilemma eines Konflikts mit den Interessen ihrer Mitglieder vor Ort entstehen, wenn konkrete Angebote durch JT nicht geliefert werden. Auch der Einbezug von zivilgesellschaftlichen Akteuren birgt Gefahren, weil es zu einer Zuspitzung des „Arbeitsplätze versus Umwelt-Dilemmas“ kommen kann, wie die Kritik am Kohlekompromiss zeigt. In Bezug auf JT als Arena der Konfliktmoderation ist daher einerseits eine einfache Übertragung eher skeptisch zu sehen. Andererseits erlauben es hier wie dort geteilte übergeordnete Ziele offensichtlich, gemeinsam getragene Rahmungen zu etablieren, die Lösungen auch jenseits einer lokalen, sozial eingehegten, ökonomistischtechnizistischen Perspektive denken können. Voraussetzung dafür ist die Öffnung der Akteur:innen für eine umfassendere Perspektive als zunächst naheliegend. JT zeigt, dass dies möglich ist, auch wenn die Spezifik der Länderdiskurse gelingende Konfliktmoderation in sehr breit ausfüllbaren Inhalten widerspieOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452502 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 334 Sebastian Brandl und Ingo Matuschek Vierteljahreshefte zur Arbeitsund Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 gelt. Der Gewinn bestünde in einer Debatte, die allen Beteiligten/ Betroffenen gerecht werden will. Literaturverzeichnis Apt, W. und Priesack, K. (2019): KI und Arbeit– Chance und Risiko zugleich, in: Künstliche Intelligenz. https://api.semanticscholar.org/CorpusID:165696845 [24.07.2024]. Azzellini, D. (2021): Nachhaltige Arbeit – Länderstudie über Diskurse, Politiken und Akteure.Working Paper1 der Fachgruppe Soziologie und Arbeitsmarktpolitik der HdBA. 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