Berufliche Ersteingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern
Abstract
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Full text
Keune, Saskia; Paul, Hannelore; Stockdreher, Petra; Kammerer, Guido Research Report Berufliche Ersteingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern Wissenschaftliche Diskussionspapiere, No. 25 Provided in Cooperation with: Federal Institute for Vocational Education and Training (BIBB), Bonn Suggested Citation: Keune, Saskia; Paul, Hannelore; Stockdreher, Petra; Kammerer, Guido (1996) : Berufliche Ersteingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern, Wissenschaftliche Diskussionspapiere, No. 25, ISBN 978-3-88555-612-1, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0035-0068-7 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/235997 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/
WISSENSCHAFTLICHE DISKUSSIONSPAPIERE Heft 25 Berufliche Ersteingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern Planung und Durchführung BIBB Saskia Keune Hannelore Paul Forschungsgruppe Kammerer Petra Stockdreher Guido Kammerer Herausgeber: Bundesinstitut für Berufsbildung • Der Generalsekretär
Die WISSENSCHAFTLICHEN DISKUSSIONSPAPIERE DES BIBB werden durch den Generalsekretär herausgegeben. Sie erscheinen als Namensbeiträge ihrer Verfasser und geben deren Meinung und nicht unbedingt die des Herausgebers wieder. Sie sind urheberrechtlich geschützt. Ihre Veröffentlichung dient der Diskussion mit der Fachöffentlichkeit. Vertriebsadresse: Bundesinstitut für Berufsbildung Abt. 3.2- Saskia Keune 10702 Berlin Copyright 1996 by Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin und Bonn Herstellung: Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin Umschlag: Hoch Drei, Berlin Druck: Bundesinstitut für Berufsbildung Printed in Germany ISBN 3-88555-612-X Gedruckt auf Recyclingpapier, hergestellt aus 100 % Altpapier Diese Netzpublikation wurde bei Der Deutschen Bibliothek angemeldet und archiviert. URN. urn:nbn:de:0035-0068-7 Der Inhalt dieses Werkes steht unter einer Creative Commons Lizenz (Lizenztyp: Namensnennung – Keine kommerzielle Nutzung – Keine Bearbeitung – 3.0 Deutschland). Das Werk wird durch das Urheberrecht und/oder einschlägige Gesetze geschützt. Jede Nutzung, die durch diese Lizenz oder Urheberrecht nicht ausdrücklich gestattet ist, ist untersagt. WWeitere Informationen finden Sie im Internet auf unserer Creative Commons-Infoseite http://www.bibb.de/cc-lizenz
Vorwort Der vorliegende Bericht ist ein Zwischenergebnis aus dem Teilprojekt „Berufliche Ersteingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern" {Gesamtprojekt: „Berufliche Ersteingliederung und Wiedereingliederung von Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern" - Proj.Nr.: 3/4.5002). In den neuen Bundesländern wurden das Rehabilitationssystem und das Berufsbildungsrecht aus den alten Bundesländern übernommen. Welche Probleme hieraus resultieren, darüber gab es keine systematischen Erkenntnisse. Statistische Daten der Bundesanstalt für Arbeit wiesen auf Anpassungsprobleme hin. So haben beispielsweise in den neuen Ländern mehr behinderte Jugendliche eine Ausbildung in Sonderform nach § 48 Berufsbildungsgesetz (BBiG)/§ 42b Handwerksordnung (HwO) begonnen als in anerkannten Ausbildungsberufen. In einer weiteren schriftlichen Erhebung wird 1996 eine repräsentative Befragung von behinderten Jugendlichen durchgeführt. Die Untersuchung soll Basisdaten zur Ausbildungs- und Lebenssituation, Informationen zur Berufswahlentscheidung, dem Rehabilitationsverlauf und den schulischen und persönlichen Voraussetzungen der Jugendlichen erbringen. Als Ergebnis wird angestrebt, gesicherte Erkenntnisse durch eine Analyse der Ausbildungssituation mit der Zielrichtung zu erlangen, konkrete Vorschläge für notwendige Entwicklungen und Veränderungen im Rehabilitationsbereich zu erarbeiten und deren Umsetzung anregen zu können. Der Gesamtbericht wird 1997 erstellt und veröffentlicht. Ausgangslage und Zielsetzung Für behinderte Menschen in den neuen Bundesländern haben sich mit der Anwendung der Rehabilitationsgesetzgebung und des Berufsbildungsrechts der alten Bundesländer veränderte Bedingungen ergeben. Behinderte Menschen genießen keine grundsätzliche Arbeitssicherheit mehr, sie befinden sich nun ebenso wie in den alten Bundesländern in einer Konkurrenzsituation mit nichtbehinderten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt. Die geltende Rehabilitationsgesetzgebung verfolgt das Prinzip „Rehabilitation vor Rente". Die Leistungsträger sind bestrebt, mit den behinderten Menschen nach Lösungen zu suchen, die ihnen langfristige Möglichkeiten für eine dauerhafte Berufstätigkeit bieten. Mit den neuen Regelungen wurden auch neue Einrichtungen aufgebaut und Maßnahmen eingeführt, die denen der alten Bundesländer entsprechen. So wurden Berufsbildungswerke in Betrieb genommen und Qualifizierungsmaßnahmen in anderen Einrichtungen initiiert, die als Ausbildungsstätten für Behinderte tätig sind. In Abstimmung mit den Leistungsträgern wird von der Einrichtung ein jeweils auf den einzelnen abgestimmter Gesamtplan mit dem Ziel einer beruflichen Ersteingliederung erarbeitet, der Ausbildungsmaßnahmen oder weitere Bildungsmaßnahmen umfaßt. Ausbildungsmaßnahmen werden durchgeführt in staatlich anerkannten Ausbildungsberufen nach § 25 Berufsbildungsgesetz (BBiG)/§ 25 Handwerksordnung (HwO) und in Ausbildungsgängen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO.
Unter weiteren Bildungsmaßnahmen kommen • Förderungslehrgänge • Maßnahmen der Berufsfindung und Arbeitserprobung und • blindentechnische oder vergleichbare spezielle Grundausbildungen in Betracht. Damit steht behinderten Jugendlichen ein Spektrum an Maßnahmen zur Verfügung, durch die sie eine fundierte berufliche Qualifizierung erhalten können. Die Qualität der Maßnahme entscheidet in hohem Maße über ihre späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Vor diesem Hintergrund verfolgte die Erhebung mehrere Zielsetzungen: 1. Sie sollte Grundlagenmaterial liefern für eine Analyse der Ausbildungssituation von jungen Menschen mit Behinderungen in den neuen Bundesländern. 2. Die Erhebung sollte Daten zur Berufssituation von Fachkräften, die in der Ausbildung von jungen Behinderten tätig sind (Beratungs-, Ausbildungs- und Betreuungspersonal) ermitteln und deren Sicht der Besonderheiten und Probleme, die mit der beruflichen Rehabilitation in den neuen Bundesländern im Zusammenhang stehen, herausarbeiten. 3. Sie sollte Erkenntnisse über Einstellungen, Einschätzungen, Befindlichkeiten sowie über spezifische Erwartungen und Bewältigungsstrategien, sowohl von Seiten der behinderten Auszubildenden als auch von Seiten des Fachpersonals erbringen. Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Fallstudien durchgeführt. Feldarbeit und Durchführung Die Erhebungsarbeiten erstreckten sich auf 12 Einrichtungen. Einbezogen waren alle neu eingerichteten Berufsbildungswerke in den neuen Bundesländern sowie vier sonstige Einrichtungen in Berlin-Brandenburg. Die Vielfalt der Fragestellungen und die Unterschiedlichkeit der einzelnen Einrichtungen machten es erforderlich, ein Instumentarium zu wählen, das offen und flexibel genug war, um die Heterogenität der Situation zu erfassen. Es wurden Frageleitfaden für die verschiedenen Personengruppen entwickelt, in zwei Einrichtungen einem Pretest unterzogen und danach erweitert und differenziert. Die Auswahl der Gesprächspartner erfolgte in Absprache mit der Leitung der jeweiligen Einrichtungen. Insgesamt wurden Gespräche mit 140 Personen aus folgenden Gruppen geführt: Leitung der Einrichtungen, Ausbildungsleitung, Internatsleitung, Schulleitung, Psychologischer Dienst, Ausbilder/-innen, Erzieher/-innen, Lehrer/-innen, Sozialarbeiter/-innen, Sozialpädagogen/ Sozialpädagoginnen, Psychologen/Psychologinnen, Auszubildende und Arbeitsamtmitarbeiter/-innen. Die Feldarbeiten fanden im Zeitraum zwischen September 1994 und Juli 1995 statt. Mit dem folgenden Bericht werden die Ergebnisse der Gespräche, gegliedert nach inhaltlichen Bereichen, dargestellt.
Inhaltsverzeichnis Seite 1 Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Behinderten in den neuen Bundesländern 6 1.1 Die Situation der Behinderten heute im Verhältnis zu früher 7 1.2 Ausbildung von Behinderten in der DDR 8 2 Entwicklung der Rehabilitationseinrichtungen 10 2.1 Bauliche Situation 13 2.2 Materielle Ausstattung 14 2.3 Lage der Einrichtungen 15 2.4 Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen 16 3 Personal 18 3.1 Personalrekrutierung 18 3.2 Personal aus den alten Bundesländern 19 3.3 Probleme der Personalrekrutierung 20 3.4 Qualifikation des Personals 20 3.5 Weiterbildung 25 3.5.1 Weiterbildungsbedarf 25 3.5.2 Weiterbildungsaktivitäten 27 3.5.3 Probleme und Defizite der Weiterbildung 27 3.6 Betriebsklima 28 3.7 Arbeitszufriedenheit 30 4 Berufsspektrum der Einrichtungen 31 4.1 Das Spektrum bestehender Berufe 35 4.2 Die Installierungspraxis von Berufen nach §§ 48 BBiG/42b HwO 36 4.3 Fortschreibung des Angebots an Berufen 37 4.4 Durchlässigkeit zwischen Berufen nach §§ 48 BBiG/42b HwO 39 5 Tägigkeitsbereiche der Einrichtungen 41 5.1 Ausbildung 41 5.1.1 Lehrmaterialien 41 5.1.2 Didaktik 42 5.1.3 Praxisbezug 43 5.1.4 Praktika 45 5.1.5 Prüfungswesen 47 5.2 Berufsschule 50 5.2.1 Integrierte Berufsschule 50 5.2.2 Nicht integrierte B erufsschule 51 5.2.3 Lehrmaterialien, Lehrinhalte und Didaktik 53 5.3 Stütz- und Förderunterricht 53 5.4 Psychologischer Dienst 55 5.4.1 Erwartungen an den Psychologischen Dienst 55 5.4.2 Aufgaben des Psychologischen Dienstes 56
Seite 5.5 Internat 59 5.6 Sozialdienst 66 5.7 Medizinischer Dienst 68 5.8 Förderlehrgang 69 6 Zugang zu der Einrichtung 70 6.1 Zuweisungsmodalitäten 70 6.2 Aufnahme in die Einrichtungen 71 6.3 Probleme bei der Aufnahme 73 6.4 Zuweisungspraxis in die Berufe nach § 25/§ 48 BBiG/§42b HwO 74 6.5 Voraussetzungen der Jugendlichen 75 6.6 Berufswahlprozeß der Jugendlichen 77 7 Die Situation der Jugendlichen 79 8 Kooperationsbezüge der Einrichtungen 82 8.1 Kooperation mit anderen Berufsbildungswerken 82 8.2 Kooperation mit der Arbeitsverwaltung 83 8.3 Kooperation innerhalb der Rehabilitationseinrichtungen 85 8.4 Kooperation zwischen Berufsschule und Ausbildung 87 8.5 Kooperation Ausbildung/Schule - Internat 91 9 Übergang in den Beruf 93 9.1 Arbeitsmarktchancen 94 9.2 Arbeitsmarktchancen nach Berufsfeldern, Region und Behinderung 95 9.3 Umgang der Jugendlichen mit der schlechten Berufsperspektive 97 9.4 Hilfen beim Übergang in den Beruf 99 9.5 Nachbetreuung 100 Anhang
1 Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Behinderten in den neuen Bundesländern Der gesellschaftliche Wandel in den neuen Bundesländern hat auch die Ausbildung von behinderten Menschen grundlegend verändert. Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen gelebt und gearbeitet wird, beeinflussen die Form, den Inhalt und die Wirkungsweise von Rehabilitationsprozessen in umfassender Weise. "Man unterschätzt in den neuen Bundesländern, unten welchen allgemeinen Bedinungen wir arbeiten. Es gibt in den verschiedensten Bereichen - und da sind wir natürlich wirklich ausgeliefert - eine Reihe wirklich existentieller Fragen zu klären. Private Fragen, soziale Fragen, die in der Luft hängen. Man darf ja nicht vergessen, was sich seit der Wende alles ereignet hat..." Der soziale Wandel in den neuen Bundesländern hat zahlreiche Probleme mit sich gebracht: - die Lebenshaltungskosten sind stärker gestiegen als die Einkommen; - die hohe Arbeitslosigkeit und strukturellen Umstellungen haben eine hohe Abhängigkeit von Ämtern und Behörden entstehen lassen; - die hohe Arbeitslosigkeit hat nicht nur materielle und ideelle Degradierungen bei einem Großteil der Bevölkerung zur Folge, sie hat auch zu Verunsicherungen, Entscheidungsunsicherheiten und Ängsten geführt; - die Jugendlichen haben nicht nur konkrete Veränderungen ihrer Lebensbedingungen erfahren, sie kommen weitenteils aus Umfeldern, die in hohem Maß von den negativen Auswirkungen der Wende betroffen sind. "Seit 1991 stellen wir fest, daß die Störungen der Jugendlichen immer massiver werden. Wir führen das darauf zurück, daß das Bildungssystem nach der Wende gestört war. Viele haben sich in der fest strukturierten FDJ sehr wohl gefühlt, sie hatten dort einen Anlaufpunkt; das zerfiel dann und die Jugendlichen wurden zerstreut; außerdem kamen Einflüsse, die sie nicht verstanden, die große Freiheit, die sehr falsch verstanden wurde, und dadurch sind verstärkt Alkoholprobleme aufgetreten. Das soziale Umfeld, aus dem die Jugendlichen kommen, hat sich sehr stark verschlechtert." Andererseits sind neue Möglichkeiten und Herausforderungen entstanden, die kaum einer der Befragten mehr missen möchte. Die Öffentlichkeit ist heute mehr als früher mit behinderten Menschen konfrontiert und muß sich auf eine andere Art mit deren Problemen auseinandersetzen: "Jetzt werden die Jugendlichen nicht mehr weggestopft, sondern sind Teil des Ganzen." Problematisiert wird allerdings, daß damit die Integration der Behinderten nicht gewährleistet sei, vielmehr wird betont: "Die Stigmatisierung ist jetzt eine andere, als sie früher war, einfach dadurch, daß es jetzt auch institutionell herausgehoben wird." Behinderte erhalten heute eine Entwicklungschance, wie es früher nicht der Fall war, mit der sie neue Möglichkeiten erhalten, ihr Selbstbewußtsein und ihr Selbstwertgefühl zu entwickeln. "Es wird mehr für die behinderten Menschen getan, daß sie speziell auf ihre Behinderung hin auch selbständig leben oder auch weiter betreut werden können in geschützten Werkstätten; sie bleiben abgesichert in der Förderung."
Zusammenfassend kann festgehalten werden: Die Situation der behinderten Menschen in den neuen Bundesländern hat sich verbessert, auch wenn die Rahmenbedingungen durch Unsicherheit und Konkurrenz geprägt sind, die man für die jungen Menschen gerne verringern würde. "Es müßte andere Gesetze geben, daß man die Behinderten nicht nur fördert, sondern sie auch einstellt. Sie brauchen mehr Schutz." Aus Sicht der Befragten ist der gesellschaftliche Veränderungsprozess noch nicht abgeschlossen. Der Abbau und Umbau des Bestehenden sowie der Aufbau von Neuem, das Überwinden einer langen Phase von vorübergehenden Regelungen und Provisorien gab und gibt Rahmenbedingungen für die Arbeit der Berufsbildungswerke sowie der "Sonstigen Rehabilitationseinrichtungen" vor, die einen Vergleich mit der Arbeit der Berufsbildungswerke in den alten Bundesländern schwer, wenn nicht unzulässig erscheinen lassen. Dies betrifft die Entstehungsgeschichte und den Aufbau der Einrichtungen, betrifft die Voraussetzungen, die die Jugendlichen und die Betreuer mitbringen, vor allem aber die alltäglichen Bedingungen, unter denen Ausbildung und Vermittlung einer persönlichkeitsbildenden Erziehung derzeit durchgeführt und gesichert werden müssen. 1.1 Die Situation der Behinderten heute im Verhältnis zu früher Die Situation für Behinderte in den neuen Bundesländern hat sich deutlich verändert. Wie auch bei der Beurteilung der veränderten Rahmenbedingungen werden hier Vorteile und Nachteile gesehen. Als Verschlechterung betrachtet man vor allem die Tatsache, daß die Behinderten Schutz und Sicherheit verloren haben. Insbesondere der ungesicherte Übergang in den Arbeitsmarkt wird als negativ wahrgenommen. "Vom Arbeitsmarkt her war die Situation vor der Wende besser, die Jugendlichen hatten alle ihren Arbeitsvertrag" "Dieses Arbeiten, dieses im Betrieb 'wer sein', das war für die Teilberufe zu DDR-Zeiten besser. Die haben ihren Arbeitsplatz bekommen, sie waren genauso ein Arbeiter wie alle anderen ... Sie wurden nicht in der Ecke gelassen ". Auf der anderen Seite erkennt man eine Reihe von Vorteilen für die behinderten Menschen: - Die Betreuung der Jugendlichen ist besser und intensiver geworden. "Früher wurden die Behinderten nicht ausgebildet, sondern in den Betrieben angelernt und bekamen dafür auch ein Zertifikat. Sie wurden nicht so intensiv betreut, und das ist für die Jugendlichen sicherlich von Vorteil. Das Hineinwachsen in die Berufe gefällt den Jugendlichen. Jetzt lernen sie was und können sich mit dem, was sie gelernt haben, weiter entwickeln." - Die Jugendlichen haben für die Zukunft, sofern sie eine Chance erhalten, eine bessere Perspektive. Sie haben einen Beruf erlernt und "können mehr als Handlangerarbeiten." Dies gilt vor allem auch für schwerer behinderte Auszubildende in der Ausbildung. Trotzdem stellt sich die Situation von schwerer behinderten Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt als sehr problematisch dar.
"Man mußte auf engstem Raum sowohl wohnen als auch die Ausbildung durchführen, und das während 1 1/2 Jahren. Nun hat man mehr Platz, aber es wird weiter saniert werden. Und die starken Beeinträchtigungen durch Lärm ( Bohren im Beton) sind sehr groß. Eine Zwischenunterbringung in externen Räumen ist diskutiert worden, wurde aber aus Kostengründen nicht gemacht." "Die baulichen Gegebenheiten sind sehr schwierig, die Einrichtung steht seit Anfang des Jahrhunderts - und es ist wenig saniert worden. Nun wird das zum ersten Mal getan, das schafft Umstände und Schwierigkeiten, aber mit denen muß man eben leben." Die Akzeptanz ist dann besonders schwierig, wenn bei der Konzeption des Umbaus von vornherein Kompromisse und Einschränkungen gemacht wurden, die aus pädagogischer Sicht nicht zu vertreten sind. "Das hier wird nie optimal sein. Man hat nicht neu gebaut und muß sich jetzt mit den Rahmenbedingungen der baulichen Gegebenheiten abfinden. Optimal wäre ein Neubau gewesen. Es gibt viel zu viele Treppen, zu lange Fluren, es gibt keinen Fahrstuhl. Aber man kann mit den baulichen Gegebenheiten leben. Bisher wurde dauernd gebaut, und man wird mit Baumaßnahmen auch noch die nächsten beide Jahre leben müssen." Sonstige Rehabilitationseinrichtungen Für dieses Gruppe von Einrichtungen gab es von Seiten der Arbeitsämter keine Hilfen für bauliche Investitionen. Man war hier von vornherein auf die Arbeit in den vorgegebenen Räumlichkeiten angewiesen. Da gespart werden muß, spielt die Eigenleistung eine erhebliche Rolle. Die eigene Baustelle bietet Ansätze, den Jugendlichen Praxisbezug in der Ausbildung sowie eine Möglichkeit zur Identifizierung mit ihrer Einrichtung zu bieten: "Es ist so, daß die Lehrlinge sehr viel für die Einrichtung selbst machen können, Metallkonstruktionen etc. da sehen sie ihre Arbeit, das ist etwas Bleibendes und das motiviert sie sehr." Auf der anderen Seite stellen die räumlichen Einschränkungen, die hier keinen provisorischen Charakter tragen, ein sehr große Belastung dar. "Es ist zu eng, nicht was die Arbeitsmöglichkeiten der Teilnehmer betrifft, sondern die sonstigen Räume fehlen. Wenn ein Sozialberater ein Gespräch führt, dann müssen immer 2 Leute aufstehen und rausgehen. Auch die Zimmer im Internat sind zu eng, sie sind belegt mit 2 oder 3 Personen. Für Anbauten sind im Moment nicht die finanziellen Mittel da." - "Wir sind seit 1990 nicht aus dem Dreck herausgekommen - durch das ständige Bauen leidet die Kontinuität der Ausbildung." 2.2 Materielle Ausstattung B erufsbildungswerke In allen Berufsbildungswerken ist eine hohe Qualität der materiellen Ausstattung im Ausbildungsbereich gewährleistet. Dies wird in allen Einrichtungen, insbesondere von den Ausbildern 14
und vor allem in den Einrichtungen hervorgehoben, die schon in der DDR im Rahmen des Gesundheitswesen in der Ausbildung von Behinderten tätig waren. "Da war früher ein ständiger Kampf um die Ausstattung. ... Und sehr positiv ist, daß wir nicht auf andere angewiesen sind. Auch bei dem zu verwendenden Material ist man nicht auf andere angewiesen. Das schafft große Freiheiten." Sonstige Rehabilitationseinrichtungen In Wittenberge und Guben konnte auf eine relativ gute Ausstattung aus den zuvor und parallel durchgeführten Ausbildungsmaßnahmen zugegriffen werden. In Neuenhagen und Nauen, wo mit viel Kreativität und Mischfinanzierungen eine geeignete Ausstattung erreicht werden konnte, gab es ähnlich günstige Bedinungen nicht. Die Einschätzungen zur Ausstattung sind deshalb sehr heterogen. "Alles andere was nicht da ist muß eben erarbeitet werden. Das ist ganz wichtig für die Teilnehmer, daß sie nicht nur aus dem Vollen schöpfen, sondern daß sie lernen, daß man auch für etwas arbeiten muß, daß nicht alles selbstverständlich ist." "Am Anfang mußten wir mit ganz wenigen Mitteln arbeiten. Jetzt bekommen wir noch ein Gewächshaus dazu und langsam wird es zu einer gutgehenden Schülergärtnerei. So bis zum nächsten Jahr sieht es dann so aus, daß die Ausstattung den Ausbildungsbetrieben draußen entspricht. " 2.3 Lage der Einrichtungen Gegenwärtig befinden sich alle Berufsbildungswerke und sonstigen Rehabilitationseinrichtungen (mit Ausnahme von Gera und Neuenhagen ) mitten in der Gemeinde. Mit der Beendigung der Ausbauten ist folgende Situation zu erwarten. Übersicht über die Lage der einzelnen Einrichtungen Gera Hettstedt Greifswald Potsdam Stendal Leipzig Chemnitz Dresden Neubau am Ortsrand mit integrierter Schule und Internat Neubau am Ortsrand mit integrierter Schule und Internat Neubau von Ausbildungsstätten und Internaten in einer Wohnsiedlung und dezentral gelegene Werkstätten Neubau in einem ehemaligen Militärgelände mit integrierter Schule außerhalb der Stadt Sanierung eines Lehrlingsheimes und Neubau von Werkstätten innerhalb einer Wohnsiedlung Neubau außerhalb der Stadt mit integrierter Schule und Internat Sanierung der Gebäude der früheren Rehaeinrichtung inclusive Internat und Schule - teilweise Neubauten Neubau und Sanierung von Gebäuden auf dem Gelände der ehemaligen Ausbildungseinrichtung für Körperbehinderte 15
Guben Wittenberge Nauen Neuenhagen Nutzung und Sanierung der vorhandenen Ausbildungsstätten innerhalb eines DDR Kombinates. Internate extern. Nutzung und Sanierung der vorhandenen Ausbildungsstätten innerhalb eines DDR Kombinates. Internate extern. Nutzung und Sanierung der vorhandenen Ausbildungsstätten innerhalb eines DDR Kombinates. Internate teilweise intern, teilweise extern. Ausbildung und Wohnen am Rande der Stadt in einer Bildungseinrichtung der DDR. Sanierung und Umgestaltung der vorhandenen Gebäude. Die zentrale Lage wird von allen sehr begrüßt, der Wechsel in eine dezentrale Lage teilweise kritisch gesehen, so in Gera, Leipzig und Potsdam. Meistens bedeutet "zentrale Lage" auch, daß man Voraussetzungen findet, die den späteren Lebensbedingungen der behinderten Jugendlichen adäquat sind. So liegen zum Beispiel bei diesen Einrichtungen Ausbildung und Wohnen häufig auseinander. Auch wenn dies von den Jugendlichen manchmal problematisiert wird, scheinen die Vorteile doch zu überwiegen: "Jetzt gehts noch, jetzt müssen sie mit der Straßenbahn in die Stadt fahren aber beim Neubau dann ist alles unter einer Käseglocke, das find ich nicht gut. " Aus Sicht vieler Jugendlicher stellt das Verlassen der Stadt oder der Gemeinde eine Einschränkung dar. „Sonst ist hier nichts, hätten sie erst nach dem Platz schauen müssen, bevor das hier hochgezogen wurde, also da haben sie schon mehr an sich gedacht, als an die Jugendlichen. Hier ist eben nichts, keine Kaufhalle oder so-... da zahlst du dich ja dumm und dämlich." - "Jugendliche fühlen sich in ... ein bißchen wie im Ghetto, haben die Frage gestellt, ob da noch ein Zaun rum kommt." - "Unsere Lehrlinge, die in einem Mietshaus wohnen, können sich das gar nicht vorstellen in Gemeinschaftseinrichtungen zu ziehen, die fühlen sich dort von vornherein ausgegrenzt. " 2.4 Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen Öffentlichkeitsarbeit für die Einrichtungen als Einzelmaßnahme oder in regelmäßiger Form wird von allen Einrichtungen für wichtig und notwendig erachtet. Dabei werden mehrere Zwecke verfolgt: - das Verständnis für die behinderten Jugendlichen in der Öffentlichkeit erhöhen; - eine stärkere Einbindung der Jugendlichen in das öffentliche Leben erreichen - die Isolation der Jugendlichen aufheben und sie nicht allein auf die Angebote der Einrichtung fixieren. "Wir gehen zu vielen Veranstaltungen in die Stadt und treffen dort schon auch andere Jugendliche, aber ins Gespräch mit anderen zu kommen, das ist schwierig. Da hoffen wir, daß sich das verbessert, wenn das Freizeithaus in 1-2 Jahren fertig ist. Unsere Jugendlichen gehen schon mal in den Jugendclub hier in der Nähe, aber es tun nicht allzu viele." 16
Es geht jedoch nicht nur um Maßnahmen, die sich auf die Verbesserung der sozialen Situation der Jugendlichen richten. Die Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen soll darüber hinaus - Informationen für spätere Arbeitgeber und Arbeitsvermittler liefern, - den Ruf der Einrichtung, vor allem, wenn es um Lernbehinderte geht, verbessern, - Informationen für Fachkräfte in Arbeitsämtern und in anderen Einrichtungen intensivieren, die Förderlehrgänge anbieten oder eine vorgelagerte Ausbildung durchführen, - Informationen an Schulen und behinderte Schüler liefern. Unter den durchgeführten Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit haben sich „Tage der offenen Tür" oder Feste, zu denen auch die Öffentlichkeit geladen war, bewährt. "Am Anfang wußte keiner aus dem Ort, was das hier ist. Die Jugendlichen gehen, wenn sie durch den Ort gehen auch mal hin, nehmen Zeitungen aus den Briefkästen mit etc. und so drückte man ihnen den Stempel auf: 'Das sind ja die Verrückten'. Dem mußten wir entgegenwirken. Das haben wir dann mit Ausstellungen hier in meinem Bereich gemacht und alle Leute eingeladen. Leute die unsere Einrichtung unterstützen, die kommen dann auch hierher und schauen sich das an. Auch gibt es ein paar Schüler von der Realschule und demGymnasium, die hier ein Praktikum machen. Dann haben wir die Kinder des Kindergartens eingeladen zu einem Spielfest, auch Leute aus dem Altenheim. Wir haben so eine große Resonanz erfahren. Jetzt machen wir jedes Jahr ein Kinderfest, da macht jedes Gewerk einen Stand, es war phantastisch, ..." Von besonderer Bedeutung sind gute Kontakte zu Industrie und Handwerk. Eine wichtige Beziehung zu diesem Bereich besteht über die Praktika, die die Jugendlichen absolvieren. Darüber hinaus sind weitere Maßnahmen zu verzeichnen, durch die der Kontakt zur Wirtschaft intensiviert werden kann. „ Wir haben einen Beirat hier, in dem die Kammern den Unternehmerverband miteinbezogen haben. So weiß man da auch besser Bescheid von Seiten der Unternehmen, was das denn für Jugendliche sind, die wir hier ausbilden. „In ... zur Zeit sind 40 kleinere Betriebe Mitglied diese Vereins, die so auch das BBZ mittragen. Diese Mitgliedschaften sind wichtig, denn wir brauchen die Bindung an die Wirtschaft für unsere Orientierung. " Die baulich noch in der Entwicklung begriffene Situation erschwert es teilweise, die grundsätzlich notwendigen Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren. "Wir machen Öffentlichkeitsarbeit, aber da muß man auch etwas zeigen können, und da darf das hier keine Baustelle sein. Im Vordergrund stand zunächst die Aufnahme des Bildungsbetriebes. Und z.B. Partnerbetriebe zu finden, ist erst im Anfang und außerordentlich schwierig. Man muß auch sehen, daß man sich das Vertrauen auch erst erwerben muß. Nach der Wende gab es eine unglaublich hohe Zahl von Bildungsträgern, gegenüber denen man sich den Ruf als BBW auch erst aufbauen muß." Zum Bereich der Öffentlichkeitsarbeit sind darüberhinaus die vielfältigen Tätigkeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtungen und Berufsbildungswerke in Gremien und Räten zu werten. „Ich sitze auch in dem Ausschuß, der sich befaßt mit den Trends, wo die Ausbildung hingeht. Die treffen sich einmal im Jahr in Bonn, das sind Politiker und Wirtschaftsleute genauso mit dabei. " 17
Nicht zuletzt müssen die zahlreichen informellen Kontakte erwähnt werden, die Ausbilderinnnen und Ausbilder aus ihren früheren Betrieben haben. Diese Kontakte helfen, die neuen Einrichtungen in der Fachöffentlichkeit bekannt zu machen. 3 Personal 3.1 Personalrekrutierung Bei der Personalrekrutierung mußten sich die Berufsbildungswerke und die sonstigen Rehabilitationseinrichtungen mit spezifischen, je nach Beruf, Einsatzgebiet und Behinderung unterschiedlichen Anforderungen an das neue Personal auseinandersetzen und zugleich die Voraussetzungen berücksichtigen, die neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen konnten. Das zentrale Kriterium für eine Einstellung im Ausbildungsbereich war die fachliche Qualifikation: Pädagogische und behinderungsspezifische Qualifikationen waren erwünscht, jedoch nur in Ausnahmefällen verfügbar. „Aufjeden Fall ist der Ausbüdungsgrad der Ausbilder entscheidend für die Qualität der Behindertenbetreuung. Aber sie muß auf jeden Fall mit einer Grundeinstellung kombiniert sein, den Behinderten in jeder Situation helfen zu wollen und mit ihm seinen Weg zu gehen. Das betonen wir auch bei der Einstellung von Fachleuten sehr deutlich. Denn dieser Aspekt stellt bei der Ausbildung der Behinderten eben eine weitere Säule dar. " Vor allem bei der Ausbildung von seh- und hörbehinderten Jugendlichen schlagen mangelnde Erfahrung und mangelnde Ausbildung im Umgang mit den Sinnesbehinderungen negativ zu Buche. So weit als möglich wurde auf Personal aus den früheren Einrichtungen der DDR zurückgegriffen. In einem Berufsbildungswerk wurde fast das gesamte Fachpersonal übernommen, in anderen Einrichtungen wurde das vorhandene Fachpersonal zum Teil übernommen. Während die Rekrutierungskriterien im Ausbildungsbereich relativ homogen waren und auf maximale Erfahrung und gute Qualifikation Wert legten, ergaben sich im pädagogischen Bereich Anforderungen, denen die Einrichtungen mit unterschiedlichen Rekrutierungsstrategien begegneten. In einigen Einrichtungen wurde pädagogisches Personal eingestellt, dessen Abschlüsse am ehesten den bestehenden tariflichen Bedingungen der Betreuung behinderter Jugendlicher entsprachen: Kindergärtnerinnen, Heimerzieherinnen, o.a. Andere Einrichtungen orientierten sich mehr auf hochqualifizierte pädagogische Fachkräfte wie Lehrer, Pädagogen, die teilweise über Erfahrungen an der Universität verfugten oder einschlägige berufliche Werdegänge hinter sich hatten. Neben fachlichen Qualifikationskriterien wurde vor allem Wert auf die persönliche Eignung und die Fähigkeit gelegt, sich auf die Problemlage der behinderten Jugendlichen einzulassen. „ Wir haben Leute, die eine persönliche Eignung hatten, in diesen Bereichen qualifiziert. Außerdem haben wir von außen Lehrer eingestellt, die auch eine Ausbildung für intellektuell geschädigte Kinder 18
hatten. Auch haben wir arbeitslose Erzieher eingestellt, die auch die bundesdeutsche Qualifizierung gemacht haben." Konnte man nicht auf vorhandenes Personal zurückgreifen, wurden öffentliche Ausschreibungen vorgenommen oder Anzeigen in der lokalen Presse veröffentlicht, Stellen in den Publikationen der Träger ausgeschrieben oder die Arbeitsvermittlung beim Arbeitsamt eingeschaltet. 3.2 Personal aus den alten Bundesländern Die Stellen in den Berufsbildungswerken und den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen sind nur mit wenigen Ausnahmen mit Personal aus den neuen Bundesländern besetzt. Der wesentliche Grund hierfür liegt in der Tatsache, daß vor Ort ein großes Arbeitskräftepotential verfügbar war. „Ich sagte damals, daß wir uns bemühen zu 100% Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern einzustellen und auf ihre vorhandenen Qualifikationen sofort ein Weiterbildungsprogramm zusammenzustellen auf der sozialpädagogischen Richtung. " Ein weiterer Grund wird darin gesehen, daß das Interesse einschlägig qualifizierter Fachkräfte aus den alten Bundesländern gering war, eine Tätigkeit in den neuen Bundesländern aufzunehmen. Hemmnisse waren dabei die geringere Bezahlung in den neuen Bundesländern wie auch die hohen Arbeitsanforderungen, die sich aus.der Notwendigkeit des Neuaufbaus ergaben. Selbst in grenznahen Gebieten gibt es keinen höheren Anteil von Personal aus den alten Bundesländern. "Das ganze Personal ist aus den neuen Bundesländern. Da wird man sich auch schwer tun, welche aus den alten Bundesländern zu finden - wegen der ganzen Bedingungen mit dem Neuaufbau - die kennen das Chaos nicht, die setzen sich auf einen Stuhl, der schön eingesessen ist und dann geht es weiter, aber wir kennen das, immer bloß improvisieren, immer von der Hand in den Mund gelebt - und das ist eine ganz andere Situation. Und dann verdienen die Ausbilder in den alten Bundesländern mehr - und deswegen kommen die nicht hierher. Außerdem gibt es ein sehr großes Ausbilderangebot auf dem hiesigen Arbeitsmarkt." „Es wäre auch gar niemand aus den alten Bundesländern bereit gewesen, hierher zukommen. Also unter den chaotischen Verhältnissen, wie wir hier angefangen haben, wäre aus den alten Bundesländern keiner so schnell-bereit gewesen - es sei denn, es hätte sich in finanziellen Dingen ausgewirkt - eventuell hätte es ja die Buschzulage gegeben, dann wäre es ja ausgeglichen gewesen." "Da es nur eine Bewerbung aus den alten Bundesländern gab und die finanziellen Forderungen so hoch waren, kamen wir nicht dazu, diesbezügliche Entscheidungen zu treffen. Die meisten Bewerbungen kamen hier aus dem Kreis. " "Also Lehrer aus den Altbundesländern gibt es im Grunde genommen nicht, vom Interesse her schon, aber sobald es dann ans Geld geht, da ziehen sie sich zurück." Andere Verhältnisse liegen auf der Leitungsebene vor. Hier wurde mit einer Ausnahme in allen Berufsbildungswerken Personal aus den alten Bundesländern eingestellt. 19
3.3 Probleme der Personalrekrutierung Im Ausbildungsbereich gab es zwar in einzelnen Fachrichtungen Probleme, geeignetes Personal zu finden, zum Beispiel im Bereich Hauswirtschaft, einer Fachrichtung, die in der DDR nicht existierte. Insgesamt waren diese Schwierigkeiten jedoch geringer als bei Qualifikationen, die in der ehemaligen DDR nicht in der Form ausgebildet worden waren, wie es den westlichen Vorstellungen entspricht. Dies war der Fall bei Sozialarbeitern und Erziehern, teilweise auch bei Psychologen. 3.4 Qualifikation des Personals Da die Rekrutierung des Personals weit überwiegend aus Fachkräften der neuen Bundesländer erfolgte, war die Anpassung an bundeseinheitliche Normen der Qualifikation über spezifische Weiterbildungsmaßnahmen vorgesehen. Für Ausbilder war die Ausbildereignungsprüfung erforderlich, für Erzieher der Abschluß zur staatlich anerkannten Erzieherin. Darüber hinaus ist die Entwicklung von umfangreichen und differenzierten Qualifizierungsaktivitäten gekennzeichnet, die sich auf alle Beschäftigten in den Einrichtungen beziehen. In allen Einrichtungen wird betont, daß zwar wichtige Erfolge bei der Qualifizierung des Personals erreicht werden konnten, daß dieser Prozeß aber nicht abgeschlossen ist und auch weiterhin die Notwendigkeit spezifischer Weiterbildung besteht (siehe Abschnitt 3.4). „ Was die Fachlichkeit der Ausbilder betrifft, das ist uns von den Kammern vorgeschrieben, wer nicht Handwerksmeister ist kann nicht Ausbilder sein. Ich habe hier einen Großteil an Ausbildern, die schon zu DDR-Zeiten Lehrmeister waren und so auch eine pädagogische Ausbildung haben. Ich habe aber auch Leute hier, die aus dem Handwerk kommen und sich entschlossen haben, in der Ausbildung zu arbeiten und so keine pädagogische Ausbildung haben. Dort wo diese Sonderpädagogik fehlt, übernehmen die Stützlehrer und Sozialberater vermehrt diesen Part. Können fehlt hier, was den sonderpädagogischen Bereich betrifft, wobei das Wollen bei allen vorhanden ist. Diesbezüglich wird aber auch keine Weiterbildung für uns angeboten. Man kann schon lernen wie man mit bestimmten Verhaltensauffälligkeiten umzugehen hat, aber was mache ich bei speziellen Lernbehinderungen, wie gehe ich mit so jemandem um, dieses methodische Handwerkszeug, das fehlt und dafür gibt es auch keine Angebote beim Träger. " Bei der Rekrutierung des Personals aus den neuen Bundesländern konnte auf eine Vielzahl von Fähigkeiten und Voraussetzungen zurückgegriffen werden, ohne die der Aufbau der Einrichtungen und die Gewährleistung der Ausbildung nicht erreichbar gewesen wäre. Zusammen mit einer hohen Einsatzbereitschaft waren dies im Ausbildungsbereich Qualifikationen, die in der DDR erworben worden waren. Es handelte sich (in einzelnen Einrichtungen) um eine rehabilitationspädagogische Ausbildung und um pädagogische Qualifikationen im Rahmen des Ingenieurpädagogen-Studiums. Das Ingenieurpädagogik-Studium in der DDR war ein 3jähriges Direktstudium, das zu 60 % aus dem gewählten Ingenieurfach bestand, und zu 40 % aus Psychologie, Erziehung, Pädagogik und Teillehrerausbildung. Die Abschlußarbeit (das Diplom) war eine Facharbeit im Bereich des gewählten Ingenieurfachbereiches mit pädagogischem Inhalt. Neben der fachlichen Qualifikation war eine hohe Bereitschaft vorhanden, sich den neuen Anforderungen zu stellen und Lernprozesse in Gang zu setzen, auch wenn in vielen Fällen und vor allem zu Beginn nur unzureichende Voraussetzungen vorlagen. 20
"Wir sind ja mit den Jugendlichen mitgewachsen. Und das war die Chance - und die habe ich genutzt, daß ich mit den Anfängen mitgewachsen bin. Das ist eine Erfahrung für mich oder für uns, und die kann mir keiner nehmen. Ich habe nichts vorgesetzt gekriegt, ich mußte mir das selber erarbeiten - ... die Praxis, das mußten wir uns mit den Lehrlingen zusammen selber erarbeiten - und das war die Chance für uns und die Qualität der Erfahrung, die kann uns keiner nehmen." Über diese allgemeinen Feststellungen hinaus ist es erforderlich, die Beschreibung der Qualifikationsstruktur und ihrer Entwicklung differenzierter zu betrachten. Unterschieden werden muß zwischen den verschiedenen Arbeitsbereichen, den Behinderungen der Jugendlichen und den Voraussetzungen und Erfahrungen, die die Beschäftigten in den einzelnen Arbeitsbereichen mitbrachten. Ausbildungsbereich - Ausbilder Bei einem großen Teil der eingestellten Ausbilder konnte auf eine gute Grundqualifizierung und auf eine langjährige Berufserfahrung zurückgegriffen werden. In jedem Fall auf eine Facharbeiterausbildung, auf berufliche Praxis und häufig auch auf eine Meisterausbildung an einer Fachschule oder einem Pädagogikstudium zum Ingenieurpädagogen. Einige Werdegänge können dies illustrieren. „Ich habe Chemie studiert und Laboranten ausgebildet. Abschluß als Ingenieurpädagoge. Ich habe in einem Lebensmittelbetrieb gearbeitet, und über die Strecke Lebensmittel und die Strecke Ausbildung kam ich dann 1991 in die Hauswirtschaft. " „Kauffrau für Bürokommunikation, Studium zum Ökonom und ein Anpassungsstudium zum staatlich geprüften Betriebswirt. Ich habe dann 3 Lehrgänge noch besucht zur Finanzbuchhaltung, Auftragsbearbeitung und Lohnrechnung, um meine Kenntnisse zu vertiefen. " „Ausbildung zum Schlosser gemacht, dazu die Schweißerausbildung, habe dann als Ausbilder in der Produktion gearbeitet; dann die Ausbildung zum Ingenieurpädagogen. Ich habe während meiner Berufstätigkeit Schlosser, Konstruktionsmechaniker und Polytechniker von der 7. bis zur 12. Klasse ausgebildet. " Ihr fachliches Können wird von den Ausbildern selbst als hoch und ausreichend eingeschätzt. Weiterqualifizierungen in Bezug auf neue Technologien in den einzelnen Berufsfeldern werden als Herausforderung angenommen und in entsprechenden Kursen angeeignet (z.B. CNC- Technik). Größere Umstellungsnotwendigkeiten ergaben sich bei den Ausbildern, die aus den Behinderteneinrichtungen in der DDR stammten, da diese Einrichtungen technologisch nicht auf dem neuesten Stand waren. "Sie waren einfach weg von aktuellen technischen Dingen, hatten miserable Handwerkszeuge, Geräte, waren auch in ihrer Kommunikation auf Betriebe angewiesen, die am unteren Niveau gearbeitet haben. Also diese exquisiten Betriebe, die waren nach außen verdeckt, dort hatte der Ausbilder keine Chancen an diesen Betrieb heranzukommen, und es war auch von ihm nicht gefordert. Aber dies haben sie schnell nachgeholt, da sie ja über eine sehr gute Grundausbildung verfügten, und weil es ja auch eine faszinierende Sache war, an den Stand der Technik heranzukommen." 21
Defizite der Qualifizierung ergeben sich im pädagogischen und behindertenspezifischen Bereich. Erfahrungen mit behinderten Jugendlichen liegen bei der Mehrzahl der Ausbilder nicht vor. Meist wurden sie erst im Berufsbildungswerk oder der Rehabilitationseinrichtung mit Behinderungen konfrontiert. Erfahrungen mit Lernbehinderungen liegen dann vor, wenn die Ausbilder früher bereits in der Berufsausbildung tätig waren. In diesem Fall hatten sie zum Teil Erfahrungen mit Abgängern der früheren Hilfsschulen, sogenannten "Lernschwachen" oder auch " intellektuell gestörten" Jugendlichen, die in den Betrieben zu den sogenannten Teilberufen ausgebildet wurden. Eine Ausbildung in Sonderpädagogik wurde hierfür nicht vorausgesetzt. "Wir hatten nicht mit so vielen auf einmal zu tun, das waren so 7 Stück die dann in extra Gruppen unterrichtet wurden, als Lehrlingskollektiv im Betrieh." Sehbehinderte und hörbehinderte Jugendliche werden in je einem Berufsbildungswerk ausgebildet. Im Berufsbildungswerk für Sehbehinderte wurden Mitarbeiter aus früheren Einrichtungen übernommen. Im Berufsbildungswerk für Hörbehinderte war dies seltener der Fall, da hier die Ausbildung überwiegend in betrieblichem Rahmen stattgefunden hatte. Zusätzlich wurde Personal aus den neuen Bundesländern eingestellt, das keine Erfahrungen mit Sinnesbehinderten hatte. „Ich habe, bevor ich meine Tätigkeit begann, 3-4 Tage in ... hospitiert - ansonsten habe ich mich mit meinem Ehemann ausgetauscht, aber mir fehlen auch heute noch viele Erfahrungen, wichtig ist auch jetzt noch die Korrektur durch die Sehbehinderten selbst. " "Die Ausbilder, die jetzt im Technischen bei uns im Haus ausbilden, haben vorher 20 Jahre Gehörgeschädigte in diesem Beruf ausgebildet, ... und hat dort immer nur mit einer Gruppe Gehörlosen oder Schwerhöriger gearbeitet. ... Die meisten Ausbilder die in den Betrieben ausgebildet haben, die es jetzt nicht mehr gibt, sind dann natürlich auch ins BBWgekommen, die Lehrer der Berufsschule waren eh da, und auch einige Internatserzieher. Aber es sind auch viele andere Internatserzieher hinzugekommen. " „Ich habe keinerlei Vorerfahrungen. Ich bin da auch mit wesentlich anderen Vorstellungen hierher gekommen, oder mit überhaupt keinen Vorstellungen. Man denkt eigentlich, wenn man nie mit jemand zu tun hatte bisher, daß sie wenigstens das verstehen müßten, was sie lesen können, das ist aber nicht so. Diese Erfahrung macht jeder dann mal, der mit dieser Gruppe umzugehen hat. Aber ich glaube, das ist nicht so problematisch, man kann sich da hineinarbeiten." Aus früheren Einrichtungen wurden zum Teil behinderte Mitarbeiter, vor allem im Ausbildungsbereich, übernommen. Ihre Beschäftigung wird zwar nicht als problemlos angesehen, da es „hohe Anforderungen im Umgang*' mit sich bringt, andererseits ergibt sich eine grundlegende Möglichkeit zur Identifizierung und zum Umgang mit der Behinderung für die Auszubildenden. „ 1990 etwa hieß es, daß Behinderte nicht Behinderte ausbilden sollten, mit der Begründung, daß die Behindertenausbilder zu viel Rücksicht auf die Behinderten nehmen würden. " Er sagt, daß er in vielen Fällen als Behinderter eine große Autorität für die Jugendlichen darstellt... "weil ich weiß, wovon ich rede ... so fließt der Umgang mit der Behinderung in den Alltag ein. " "Nun gibt es ja nicht allzuviele Gehörgeschädigte, die sich z.B. zum Meister qualifizieren, aber sobald so eine Bewerbung käme, oder wir Kenntnis erhalten würden, daß sich jemand dafür interessie- 22
ren würde, würden wir das unterstützen. Also davon sind wir auch immer ausgegangen, und ... der Außvand lohnt sieht." Der Aufwand lohnt sich deshalb, weil die nichtbehinderten Kollegen von dem behinderten Kollegen sehr viel lernen können im Hinblick auf den Umgang mit den Jugendlichen. „Da wo es machbar ist, stellen wir Behinderte ein, z.B. haben wir einen haustechnischen Handwerker, den haben wir ganz bewußt genommen. Gesamt haben wir ca. 6 behinderte Beschäftigte. " Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Internat In diesem Bereich liegen sehr vielfältige Grundqualifikationen vor. Einerseits wurden Erzieherinnen aus dem Heimbereich oder aus dem Kindergarten/Hortbereich eingestellt, andererseits hochqualifizierte pädagogische Fachkräfte (Lehrer, wissenschaftliche Kräfte) die ihre Arbeit unter den neuen Gegebenheiten trotz der niedrigen finanziellen Einstufung als persönliche Herausforderung erleben. „ Wir hatten früher auch schon zugewiesene Jugendliche, die nicht die gesamte Schulzeit absolviert hatten, die teilweise aus Jugendhilfewerken kamen; d.h. wir hatten schon unsere Erfahrungen. Wenn man ein Leben lang in dieser Richtung arbeitet, dann ist man ja auch fast wie ein Elternhaus, da ersetzt man dieses teilweise. Diese Arbeit, die wir für den Menschen machen, die haben wir früher zu DDR-Zeiten genauso gemacht, nur hat sich damals keiner dafür interessiert. Wichtig war nur was man macht, um sich und anderen nicht zu schaden. Man hat unsere Arbeit nicht für voll genommen und jetzt ist das anders, jetzt kann ich voll und ganz für die Jugendlichen dasein. " In wenigen Einrichtungen wurden oder werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Heimbereich in besonderen, teilweise umfangreichen Weiterbildungsmaßnahmen, die über die „Pflichtkurse" hinausgehen, geschult. „Alle hier eingestellten Erzieher haben einen 1000-Stunden-Kurs zum Heimerzieher gemacht. Alle haben eine pädagogische Grundqualifizierung. " „Ich bin als Erzieherin tätig. Vorher war ich Gruppenleiterin in einer Kindertagesstätte; staatlich anerkannte Erzieherin. Außerdem habe ich eine vierteljährige Weiterbildung in sozialpädagogischer Hinsicht gemacht, bezogen auf die Benachteiligten. " Psychologischer Dienst Hier sind in einigen Einrichtungen Stellen unbesetzt oder es werden mangels anderer Angebote Berufsanfänger eingestellt. Gerade in dieser Gruppe, der eine hohe Kompetenz zugeschrieben wird, und die eine wichtige Rolle in der betrieblichen Weiterbildung einnehmen, werden die eigenen Defizite beklagt. Häufig sind in diesem Bereich Stellen nicht besetzt. Gerne würde man auf das Know How westlicher Psychologen zugreifen, aber nur relativ selten gelang es, westliche Psyhologen zu rekrutieren. 23
3.7 Arbeitszufriedenheit Trotz vieler Belastungen ist die Arbeitszufriedenheit in den Einrichtungen sehr hoch, deutlich geringer allerdings im Internatsbereich als etwa im Ausbildungsbereich. Häufig wird das gute Verhältnis zu den Auszubildenden hervorgehoben. Es wird als wesentliches Qualitätsmerkmal der Ausbildung und Betreuung betrachtet und von den Jugendlichen auch in dieser Weise angenommen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betonen, sie seien stolz, nach der Wende eine neue Verantwortlichkeit gefunden und das Gefühl zu haben, die Arbeit „gut zu machen." Weitere, die Arbeitszufriedenheit fördernde Faktoren sind Teamarbeit, ein gutes Betriebsklima und die Akzeptanz eines Arbeitsbereichs, mit dem man sich identifizieren kann. „Ich habe mit dem Job meinen Beruf mit viel Hobby verbinden können. Hobby insofern, daß ich früher immer das Kinderferienlager für 6 Wochen geleitet habe, das waren die Betriebsferienlager in der früheren DDR. Und die Power und den Drang sich in solchen Bereichen zu bewegen, das kommt sicher von daher und das macht mir viel Spaß. Oftmals kann ich es nicht Arbeit bezeichnen, was ich hier mache, das ist wie ein Lebensprojekt. Ich mag die Jugendlichen und die Einrichtung. Als die Einrichtung noch kleiner war, war es allerdings harmonischer. " Die gute materielle Ausstattung wird vor allem von Ausbildern in den Berufsbildungswerken hervorgehoben. Viele Mitarbeiter in diesem Bereich begrüßen die Möglichkeit, an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen zu können. Zu den negativen Aspekten der Arbeitssituation zählen hohe Arbeitsbelastung, Überstunden und Überforderung. „Die Anforderungen sind sehr reizvoll, aber sie sind auch sehr schwer. Nach diesen acht oder neun Stunden, da muß ich dann auch sagen, dann reicht es einem. Ich glaube das geht allen so, wenn man so intensiv arbeitet." „Belastend war, daß im Rahmen der Aufbausituation sehr viele Aufgaben zu erfüllen waren, Ausstattung, Organisation, die Installierung neuer Berufe, die mit dem eigentlichen Ausbildungsgeschehen nichts zu tun haben - und deshalb wichtige Aufgaben vernachlässigt werden mußten, wie z.B. Weiterbildung und Organisation. Das mußte auch erledigt werden, aber ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, um eine bessere Qualität zu gewährleisten. " „Ich fühle mich teilweise überfordert. Vor allem , daß man mit sich selber hadert, hast du jetzt etwas falsch gemacht, warum schafft der Jugendliche die Anforderungen nicht, liegt es an mir selbst, liegt es am Jugendlichen ... und dann gibt es bestimmte Situationen, wo ich dann doch nicht abschalten kann, die ich dann doch mitnehme und lange darüber nachdenke und rede. " Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereits längjährig und vor der Wende im Rehabilitationsbereich tätig waren, befürchten, daß ihre pädagogischen Interessen und Ansätze zu stark von materiellen Interessen und Effizienzgesichtspunkten beeinträchtigt werden. Kritisch wird der Aspekt der Bezahlung vor allem von Ausbilderinnen und Ausbildern angesprochen. Sie liegt niedriger als im Westen bei gleichzeitig längerer Arbeitszeit. 30
„ Ungerecht ist, daß wir mit ebenso großen Gruppen arbeiten wie in anderen Betrieben des Trägers, wir arbeiten 40 Stunden und erhalten nur 80 % der Gehaltstabelle, und da wir nun im Osten sind, werden wir auch nicht nach dem Alter bezahlt. " Zugleich wird aber in dieser Frage die besondere Situation in den neuen Bundesländern berücksichtigt. "Da vergleiche ich ja auch nur tunlichst in den neuen Bundesländern und da muß ich sagen, da geht es uns doch sehr gut. Auch in anderen Berufszweigen, wenn man da Vergleiche anstellt. Ich kann jetzt natürlich auch Leute hier im Osten suchen, die mit sehr gutem Gehalt nach Hause gehen, aber das ist nicht die Masse. Da können wir schon zufrieden sein." Weitere Probleme der Arbeitssituation sind unbefriedigende Arbeitsbedingungen: Relativ große Ausbildungsgruppen, Erschwernisse bei der Kleingruppenarbeit, aber auch die Konkurrenz zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, oder auch Arbeitsbereichen, die mit der Größe und dem Ausbau der Einrichtungen zunimmt. 4 Berufsspektrum der Einrichtungen Die generelle Festlegung des Berufsspektrums zur Ausbildung von Behinderten in den Berufsbildungswerken erfolgte im Rahmen der BBW Netzplanung. Das Ausbildungsprogramm ist auf Basis des Netzplans abgestimmt. Da haben wir zur Zeit absolut keinen Einfluß darauf - das hängt ab von den Zuschußgebern, ( BMA Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bundesanstalt für Arbeit, Land Sachsen Anhalt, Ministerium für Soziales und Gesundheit -die drei Hauptgeldgeber). Die festgelegten Berufe sind fester Bestandteil des Bauantrages - der Mitte 1993 eingereicht wurde - kann hier sehr wenig geändert werden. Es gibt Verhandlungen mit dem LAA, den Bereich Textil zu verringern oder ganz aufzugeben. In der Geschäftsführung des BBW gibt es den Beschluß, daß in diesem Bereich so wenig wie möglich investiert wird, und es besteht die Möglichkeit, daß man im Neubau den Bereich rel. kostengünstig umbauen kann für eine andere Ausbildung - z.B. Raumausstatter. Der Hauswirtschaftsbereich wird bleiben, weil es sich bei Textil und Hauswirtschaft um die beiden Bereiche handelt, in denen Mädchen ausgebildet werden können. Wenn man also den Textilbereich reduziert, haben wir in Hauswirtschaft keine Chance. Wir haben aber in Absprache mit dem Berufsberater des Arbeitsamtes die Vollausbildung zum Bekleidungsschneider im Ausbildungsjahr 1994/95 verändert. Vorher konnte man nicht Bekleidungsschneider lernen, sondern nur die ersten beiden - und da sehe ich eine Chance für den Arbeitsmarkt. Man will jetzt auch Praktika im Verkaufsbereich einführen, um den Jugendlichen in diesem Bereich ein neues Feld zu erschließen. Aber auch dies war zustimmungspflichtig durch das LAA. Ansonsten ist eine Veränderung des Spektrums nicht möglich. " Struktur der Berufe in den Einrichtungen Die differenzierten Daten zu den Berufen und der Anzahl der Auszubildenden in den befragten Einrichtungen zeigen die Übersichten im Anhang. In 12 Einrichtungen befanden sich ingesamt rund 2.000 Jugendliche, die in 49 Berufen (33 Berufen nach § 25 BBiG/HwO und 16 Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO) ausgebildet wurden. Die Anzahl der Auszubildenden in den einzelnen Berufen und Berufsfeldern ist unterschiedlich hoch. Gut 60 % aller Jugendlichen werden 31
in den folgenden 7 Berufen ausgebildet, wobei es sich nur bei einem Beruf - dem Bürokaufmann/-kauffrau - um einen Beruf nach § 25 BBiG/HwO handelt (siehe auch weiter unten). Beruf Hauswirtschaftshelfer/in Bürokraft Metallbearbeiter Bau- und Metallmaler Holzbearbeiter/ -fachwerker Bürokaufmann Beikoch Gesamt Auszubildende gesamt Berufsfeld Metallbereich Elektrobereich Baubereich Gartenbau Textil Ernährungsbereich Holzbereich Gastgewerbe Bürobereich Hauswirtschaft Andere Bereiche Gesamt Anzahl Auszubildende 1994/95 281 207 187 167 155 144 136 1.277 61,3% 2.082 100 % Anzahl Auszubildende 1994/95 297 84 329 102 56 152 184 45 446 301 86 2082 In den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen wurden zunächst Förderlehrgänge durchgeführt, aus denen - in Anlehnung an bereits praktizierte Ausbildungen und in Absprache mit dem Landesarbeitsamt - die neuen Berufsausbildungsgänge geschaffen wurden. „Als ich hierher kam, in die Einrichtung, die noch nicht Reha-Einrichtung war, gab es eine Tischlerwerkstatt, eine Schlosserwerkstatt, es gab Bau und es gab den Garten- und Landschaftsbau. Somit war klar, daß dies auch die Berufsfelder für Reha sein werden. Dann kam das Arbeitsamt und sagte, daß es im Kammerbereich den Hauswirtschaftler, den Metallverarbeiter, den Holzbearbeiter und den Bau- und Metallmaler gibt. Jetzt hatten wir auf der einen Seite Berufsfelder und auf der anderen Seite Berufe aber die waren nicht deckungsgleich. So mußten wir für jeden Beruf den es gibt, das Berufsfeld schaffen und für die vorhandenen Berufsfelder den Beruf. Wir hatten für den Garten- und Landschaftsbau keinen Beruf, ebenso hatten wir für das Berufsfeld Bau technik keinen Beruf. Diesbezüglich haben wir dann mit dem Arbeitsamt verhandelt. " "Die Berufe, die wir hier ausbilden, sind entstanden auf der Grundlage der Anforderungen des Arbeitsamtes und des Arbeitsmarktes." 32
In allen befragen Einrichtungen werden Ausbildungsgänge nach § 25 BBiG/HwO und nach § 48 BBiG/§ 42b HwO angeboten und ausgebildet. Der Schwerpunkt liegt allerdings bei Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO. Insgesamt 652 Jugendliche werden in Berufen nach § 25 BBiG/HwO und 1.430 Jugendliche in Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO ausgebildet - letztere Zahl entspricht einem Anteil von 69 %. Dieser Anteil ist allerdings in den einzelnen Berufsfeldern und auch in den einzelnen Einrichtungen unterschiedlich hoch. Berufsfeld Anteil Auszubildende in Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO Metallbereich 79 % Elektrobereich 57 % Baubereich 74 % Gartenbau 75 % Textil 14 % Ernährungsbereich 89 % Holzbereich 84 % Gastgewerbe 47 % Bürobereich 51 % Hauswirtschaft 93 % Andere Bereiche 0 % Gesamt 69 % Einrichtung Anteil Auszubildende in Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO Einrichtung 1 45 % Einrichtung 2 53 % Einrichtung 3 68 % Einrichtung 4 49 % Einrichtung 5 28 % Einrichtung 6 72 % Einrichtung 7 90 % Einrichtung 8 85 % Einrichtung 9 85 % Einrichtung 10 83 % Einrichtung 11 97 % Einrichtung 12 99 % Gesamt 69 % Die Gründe für den hohen Anteil an Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO liegen auf mehreren Ebenen: Den beruflichen Anforderungen und der Leistungsfähigkeit der Jugendlichen; der Zuweisungspraxis der Arbeitsämter. "Wir bilden überwiegend § 48er Berufe aus, nur wenige können den 25er Beruf erlernen." "Es gibt eine Gruppe von Jugendlichen, wenn sie nicht in diesen Berufen lernen können - haben sie gar keine Chancen. Deshalb sollten die Berufe schon angeboten werden. Man wird/soll beide Berufe anbieten." 33
„Den 48er Bereich wird es weiter geben müssen, denn es wird immer Jugendliche geben, die den normalen Lernanforderungen nicht gewachsen sind. Ich weiß, daß es da so Integrationsmodelle gibt, die die 48iger Berufe weghaben wollen und nur noch die 25iger ausbilden wollen. Da bin ich aber sehr skeptisch. Das müßte dann so organisiert werden, daß Jugendliche, die starke Probleme haben, auch zusätzliche Hilfen bekommen müssen. " Zur Zeit besteht vor allem seitens der Arbeitsämter eine hohe Nachfrage bzw. Zuweisung nach Berufen gemäß § 48 BBiG/§ 42b HwO. „ Von der Belegung ist es so, daß wir stärkeres Interesse an der 48er Ausbildung haben, wegen der Intelligenzkapazität der Jugendlichen. In den Handwerksberufen bekommen wir mehr Angebote, die in Richtung auf die 48er Berufe gehen. " In den Einrichtungen wird das Angebot der beiden Berufsperspektiven für notwendig erachtet und zwar deshalb, um schwächeren Auszubildenden eine Perspektive zu geben, für die man einen Ausbildungserfolg in einem Beruf nach § 25 nicht für möglich hält. „Diese Berufe sind wichtig - weil nicht jeder Behinderte einen § 25 Beruf erlernen kann. Sie sind wichtig vor allem, weil sie ein wirklicher Beruf sind und sich von einer Anlernausbildung grundsätzlich unterscheiden. Insofern sollten sie auch national anerkannt sein, denn sonst ist es wieder der Jugendliche, der das Risiko hat und sich nur in der Region anbieten kann. Wenn diese Berufe zu eng sind, dann sind sie für den Markt unbekannt - denn die Arbeitgeber beziehen sich auf die Berufe und nicht auf die Zertifikate im einzelnen. " "Wir haben hier jetzt gerade die Überlegung beim Elektromechaniker, das ist eigentlich ein Beruf mit einem sehr hohen Anspruch, da brauchten wir eigentlich auch ein weiters Angebot nach einem Angebot nach § 48. Es gibt interessierte Mädchen und Jungen für dieses Fachgebiet, aber der Behinderungs- und Einschränkungsgrad ist dann doch so, daß man diese hochqualifizierte Berufsausbildung Elektromechaniker nach §25 für den einen oder anderen nicht verantworten kann. Nach § 48 aber ja. Das müßte also geregelt werden. " Die Einwände der Gewerkschaften gegen die Installierung oder Ausweitung der Berufe nach § 48 BBiG/§ 42b HwO werden zurückgewiesen. Vielmehr wird darauf verwiesen, daß diese Berufe gerade für die Zielgruppe der Behinderten eine Art „Netz" darstellen, überhaupt eine verwertbare Qualifikation zu erreichen. „ Für den Behinderten ist auch der Abschluß in einem Beruf nach § 48 ein Erfolg, ... und meiner Meinung nach müßte man in der Öffentlichkeit das deutlicher darstellen, daß §48 nicht eine Deformierung des Menschen ist, sondern eine Chance darstellt... Da passen wir auch auf, z.B. bei der Berufsbezeichnung, da darf Helfer etc. nicht auftauchen. - um entsprechende Assoziationen zu verhindern. " Zentrales Ziel der befragten Einrichtungen ist es, ein möglichst breites Berufsspektrum für die behinderten Jugendlichen anzubietenein der Netzplanung zugrundeliegendes Hauptmotiv. „Ein möglichst großes Spektrum ist wichtig für die behinderten Jugendlichen, da sie in ihrer Auswahl ja sowieso schon so eingeschränkt sind. Aber es können nicht alle Berufe in einer Einrichtung angeboten werden. Und es stellt sich heraus, daß die Heimatnähe und die Anbindung an das Elternhaus sehr wesentlich ist, und sie sich dann lieber im Berufsspektrum einschränken. " Für erstrebenswert wird die Möglichkeit zu einem Aufstieg von einem niedrigeren Niveau auf ein höheres angesehen. Das Vorhalten eines differenzierten Berufsangebotes ist aus Sicht der Befragten eine zentrale Voraussetzung hierfür. Die gegenwärtigen Regelungen sehen im allge- 34
meinen vor, daß Jugendliche spätestens nach dem 1. Ausbildungsjahr von einem 48er in einen 25er Beruf wechseln können. Unter den gegebenen Bedingungen gelingen solche Wechsel allerdings in einem Umfang wie im nachstehenden Beispiel nur selten. „In der Malerausbildung wurden 6 Jugendliche nach einem Jahr für den § 25 Beruf ausgewählt. Als sich erwies, daß diese Jugendlichen sehr stark sind, und daß Sie im § 48 unterfordert sein werden, wurden sie in den 25er Beruf'hinüber-geführt. " Zugleich sieht man Möglichkeiten, die Berufe nach § 48 BBiG/§ 42b HwO aufzuwerten, indem man sie inhaltlich erweitert. Immer nach Maßgabe der Möglichkeiten des einzelnen Jugendlichen könnte daran gedacht werden, Teile der Ausbildung nach § 25 zu übernehmen, die Einführung in Computertechnik (in den entsprechenden Berufen) anzulagern oder andere Ausbildungsteile zu vertiefen. Zugleich ist man der Ansicht, daß die Darstellung der Berufe nach §48 BBiG/§ 42b HwO am Markt verbessert werden sollte. Sie sollten bundesweit anerkannt sein und keine „Werker" oder „Helfer" im Titel haben. Zugleich müßten die Betriebe in Industrie und Handwerk besser über diese Berufe informiert werden. „Man müßte Industrie und Handwerk mehr Informationen über die § 48 Berufsbilder geben. Dort gibt es zu wenig Informationen ... auch über die Ausstattung in den Berufsbildungswerken und darüber, mit welch guten Voraussetzungen wir diese Berufe ausbilden. " 4.1 Das Spektrum bestehender Berufe Grundsätzlich sind die Einrichtungen stolz darauf, in relativ kurzer Zeit ein differenziertes Angebot verschiedener Berufe aufgebaut zu haben. Es wird jedoch zugleich betont, daß die Entwicklung damit keineswegs am Ende ist. In allen Einrichtungen bestehen Vorstellungen und Planungen über zukünftig notwendige Korrekturen und Innovationen. „ Das ist eine Frage, die mich bewegt. Ich bin mit dem Berufsangebot eigentlich nicht so zufrieden, das hier zur Verfugung steht. Das ist in einer Zeit angesetzt worden, wo man noch gar nicht so richtig wußte, was günstig ist. Das ist ja 1991 festgelegt worden ... Nun, die Berufe sind da und der Fall ist erledigt, aber man muß sich etwas einfallen lassen. " Bei der Installierung der Berufe sind regionale Gesichtspunkte nach Ansicht der befragten Experten nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt worden. Eine Anpassung nach fünf Jahren Praxis war nicht eingeplant und erscheint aus heutiger Perspektive kaum möglich. „Eine Veränderung ist sehr sehr schwierig vorzunehmen. Das kann drei bis fünf Jahre dauern, bis man einen neuen Ausbildungsplan erhält - und da hält man lieber am alten fest. ... Für eine Veränderung müssen zu viele Institutionen mit einbezogen werden, z.B. die Tarifpartner, die Gewerkschaften und das dauert dann so lange, und dann dauert die Umsetzung - in Kooperation mit den Ausschüssen der Kammer... das ist sehr schwierig. " In diesem Zusammenhang ist das relativ enge Berufsspektrum für behinderte Mädchen besonders problematisch. „Kaufmännische Berufe für Schwerhörige ist in Bezug auf die spätere Arbeitsmarktchance schwierig. Aber wir halten auch noch ein bißchen krampfhaft an dieser Sache fest, weil wir der Meinung sind, 35
daß eben Gehörlose und dann auch noch weiblich, sowieso eine ganz eingeschränkte Palette vorfinden - und wenn wir das dann aufgrund der Behinderung auch noch einmal einschränken ..." "Ich wollte immer was mit Blumen machen in meinem Leben. Da haben sie mir gesagt, alles zu schwer. ... Für Mädchen gab es nur Hauswirtschaft oder Nähen zur Auswahl Für die Jungen auch die Bereiche Holz und Metall. Ich habe mich dann für Hauswirtschaft entschieden, nachdem ich den Kurs durchlaufen hatte, fast alle Bereiche. " Auch für körper- und sinnesbinderte Jugendliche steht nur ein reduziertes Berufsangebot zur Verfügung. Da dieses Angebot aufgrund der Rahmenplanung relativ starr vorgegeben ist, wird zum Teil Kritik an geringer Flexibilität und Möglichkeit zur individuellen Gestaltung geübt. „Die Schaffung von Berufen für Blinde und Sehbehinderte (die Frage kommt auch von den Blindenverbänden) halte ich nicht für den Stein des Weisen. Dazu ist der Blinden- und Sehbehindertenbereich zu klein. Da wird dann zwar immer angeführt, da gibt 's meinetwegen einen blinden Landmaschinenbauer in Schleswig-Holstein. Den kenn ich auch, aber deswegen kann ich hier nicht den Beruf des Landmaschinenbauers einführen. ... Aber ich halte nichts davon, den jetzigen Vermittlungsproblematiken, generell mit neuen Berufen begegnen zu wollen ... Ein guter Blinder könnte mit Unterstützung, sagen wir, fast jeden Beruf erlernen, ob er ihn dann ausüben wird oder will, ist eine andere Sache... Das sind aber Einzelfälle oder es muß Unterstützung her. ... Jetzt aber Berufe extra für Blinde zu kreieren, davon halte ich relativ wenig, bis auf die klassischen Berufe ..." 4.2 Die Installierungspraxis von Berufen nach §§ 48 BBiG/42b HwO Bei der Installierung von Berufen nach § 48 BBiG/§ 42 HwO orientieren sich die Einrichtungen im allgemeinen an bundesweiten Ordnungen. Einzelne Berufe in spezifischen Berufsbildungswerken sind nur regional gültig. In der Regel jedoch sind die Berufe bundesweit anerkannt. „Das würden unsere Kammern gar nicht mitmachen, die sind da eher zurückhaltend. Solche Berufe im Alleingang zu installieren ... und die Ausbildungsordnungen dafür sind eigentlich auch alle aus den alten Bundesländern. Wir haben die dann mitgebracht aus anderen BBWs und präsentiert als Vorschlag und dann wurde das so übernommen. " Die Installierung von Berufen nach § 48 setzt die Abstimmung mit den Kammern voraus. Hiervon hängt die Frage ab, welche Berufe zugelassen werden und wie die Durchlässigkeit innerhalb der Berufsbilder geregelt wird. In den fachlichen Fragen können die Einrichtungen ihr Wissen und ihre Kompetenz einbringen. „Gegenwärtig hat jede Kammer nur einen Werkerberuf beschlossen - mehr Werkerberufe sind nicht beschlossen worden. ... Ich habe mir noch 1991 nicht gedacht, daß das einmal so wichtig sein wird, daß neue und mehr Berufsbilder nach § 48 beschlossen werden. Denn jetzt kann man bei der Handwerkskammer nur 2 Fachwerkerberufe lernen - Bau- und Metallmaler oder Holzmaler und bei der IHK nur den Metallbearbeiter. Das ist ein zu enges Spektrum vor allem , wenn man an die Ausweitung des BBWs denkt. Aber auch sonst ist die Zusammenarbeit mit den Kammern nicht einfach. Der Metallarbeiter hat immerhin den Vorteil, daß es eine Durchgangsregelung in andere Metallberufe gibt. Das haben die Kammern nicht akzeptiert... das mußten wir ihnen alles erst beweisen, daß das möglich ist, welche Anrechnungszeit es gibt - das ist jetzt alles geregelt. " 36
4.3 Fortschreibung des Angebots an Berufen In der Praxis ergibt sich die Notwendigkeit, das Angebot an Berufen in Absprache mit den Arbeitsämtern zu modifizieren. Solche Änderungen fanden in der Vergangenheit bereits statt und sind auch weiter geplant, wenn vorhandende Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können oder wenn für einen Beruf geringe Vermittlungschancen bestehen. Anlaß für Korrekturen des Berufsspektrums war bislang primär die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen. Häufig besteht allerdings ein enger Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten. Werden Veränderungen in Betracht gezogen, finden diese innerhalb bestehender Berufsfelder statt, abhängig von der entsprechenden Ausstattung. „ Veränderungen finden nur innerhalb der Palette statt, so ist der Stenotypist ausgetauscht worden gegen die Fachkraft für Datenverarbeitung. Würde ein Beruf dazugenommen, müßte entweder die Planzahl geändert oder ein anderer Beruf abgelegt werden. " In den vergangen Jahren haben praktisch in allen Einrichtungen Veränderungen des Berufsspektrum stattgefunden. In einer Einrichtung konnten die Ausbildungsplätze im Beruf Industriemechaniker nicht besetzt werden. Als Alternative wurde der Metallbearbeiter eingeführt. In einer anderen Einrichtung wurde statt Schlosser eine Ausbildung zum Metallbauer angeboten. Das Spektrum von Büroberufen hat sich angesichts eines steigenden Bedarfs erweitert. "Diese Bedarfsanforderungen wurden durch das Arbeitsamt an uns herangetragen. Im Bereich Textil und Bekleidung wird jetzt nicht mehr ausgebildet, aufgrund der Nichtanforderung auf dem Markt." In einer Einrichtung wurde die Fachkraft Textverarbeitung anstelle des Phonotypisten eingerichtet und der Gartenfachwerker neu ins Berufsspektrum aufgenommen. „Der Gartenfachwerker - das war zunächst ein Pilotprojekt. Dies gab es bisher in der Bundesrepublik nicht, und durch die Offenheit der Kammern konnte dann der Beruf installiert werden, und das hat sich bewährt. " Eine weitere Einrichtung hat zwei Berufe vom Industriein den Handwerksbereich umgestellt, da die Jugendlichen in der Industrie nicht vermittelbar waren. „Der Beruf Industriemechaniker wurde verändert auf Maschinenbaumechaniker, der auch mit Industriemechaniker vergleichbar ist, aber für das Handwerk praktisch ausgebildet wird. Das haben wir eigentlich deshalb gemacht, weil wir festgestellt haben, im Praktikum im Heimatort, haben Jugendliche fast alle in Handwerksbetrieben Möglichkeiten gefunden, und die Betriebe im Handwerk wollen natürlich niemanden einstellen, der für die Industrie ausgebildet wurde. Umgekehrt geht das eher. Also jemand in der Industrie, der als Maschinenbaumechaniker ausgebildet ist, wird dort auch eingesetzt, denke ich." „Ähnlich hat man auch die Holzmechanikerausbildung umgeändert. Nachdem es kaum gelungen war, auch wegen der nicht mehr vorhandenen Industriebetriebe in diesem Bereich, die Jugendlichen an Praktikumsplätze zu vermitteln, hat man auch hier in die Tischlerausbildung umgeändert. " 37
Neben diesen Veränderungen stehen für die Zukunft eine Vielzahl von Planungen an, neue Berufe zu installieren und andere aufzugeben. So gibt es in einer Einrichtung Verhandlungen mit dem Landesarbeitsamt, den Bereich Textil zu verringern oder ganz aufzugeben. In einer anderen Einrichtungen soll der Beruf Hochbaufacharbeiter angeboten werden. Hier sieht man auch gute Arbeitsplatzchancen. Durchgeführt werden soll die Ausbildung in Kooperation mit einer Baufirma, die das Fachliche übernimmt. Die Jugendlichen werden allerdings weiterhin von der Einrichtung betreut und wohnen auch dort. In weiteren Fällen wird das Spektrum der Büroberufe um Kaufleute für Bürokommunikation erweitert. Auch für den Bereich Hauswirtschaft und Gastgewerbe sind Innovationen geplant. „ Zur Zeit bilden wir Hauswirtschaftshelfer hier aus. Ab September wollen wir Hauswirtschafter und Fachgehilfen für das Gastgewerbe ebenfalls ausbilden, das sind dann zwei Ausbildungen nach § 25. Diese Berufe wurden dazugenommen weil es in den Ausbildungsbereich paßt und auch die Marktnachfrage danach ist groß. " In einer Einrichtung wird jedes Jahr ein neuer Beruf geschaffen oder aktualisiert. „Aufwertung des Korbmachers zum Korb und Flechtwerker (nach § 42b), was die Restaurierung von Möbeln beinhaltet. ... Schaffung des hauswirtschaftlichen Helfers - aber es ist nicht einfach, so einen Beruf zu etablieren und den Bedarf zu schaffen." Eine weitere Einrichtung sieht vor, eventuell nur noch die Ausbildung zum Bauzeichner anzubieten, da die Anforderungen beim technischen Zeichner zu hoch und die Vermittlungschancen zu schlecht sind. In einigen Fällen ist geplant, neue Berufe, die Chancen am Arbeitsmarkt versprechen, aufzunehmen. „Es gibt noch chancenreichere Berufsgänge, wie z.B. Packer etc., da sind wir dran dies einzuführen, um so dann auch die chancenlosen Textilbereichsberufe aus dem Programm zu nehmen, irgendwann, aber das ist schwierig, weil da so viele Institutionen mit verknüpft sind. " Einige Einrichtungen möchten das Berufsspektrum für Mädchen erweitern, mit Berufen wie Krankenpflegerin oder Fachgehilfin im Gastgewerbe, die in anderen Einrichtungen schon bestehen. Zusammenfassend ist festzuhalten, daß sich alle Einrichtungen sehr stark bemühen, ihr Angebot an die Marktlage, die Nachfrage durch die Jugendlichen und die Arbeitsmarkt- und Vermittlungschancen anzupassen. Die baulichen und materiellen Voraussetzungen machen Innovationen allerdings nur in einem bestimmten Rahmen möglich. Grundsätzlich bestehen Unsicherheiten darüber, welcher Handlungsspielraum zur Modifizierung des Berufsspektrums jeweils gegeben ist und aufweicher Basis die Arbeitsämter ihre Entscheidungen gründen. „ Wir haben den zuständigen Arbeitsämtern angeboten, doch einmal zu überlegen, ob man nicht anstelle des textilen Bereiches den Fahrradmechaniker, den Metallackierer ausbilden sollten. Aber da haben wir hier auf Granit gebissen. " „ Wir sind daran, das Arbeitsamt so weit zu bringen, daß es uns ein 3. Förderjahr genehmigt und das sollte nach meinen Wünschen den Förderjahren im Gewerk vorangestellt werden. Hier könnte man versuchen, mit künstlerischen Methoden die Lernblockaden aufzubrechen. ... Was mir vorschwebt ist eine Kunstschule für Behinderte, und zwar so, daß sich ein Berufsbild daraus ergibt. Das wäre etwas, 38
was wir hier im Osten gut gebrauchen könnten. Es sollte so aussehen, daß die Jugendlichen ein Jahr lang Grundkenntnisse erfahren und sich dann in den nächsten 2 Jahren auf 2 bis 3 Gebiete spezialisieren könnten. Ich betrachte im Moment aufmerksam die Rekonstruktion von Kunstwerken hier im Osten. Das wäre etwas, wofür dann diese Teilnehmer auch Interesse haben würden, das könnten sie tun, ohne Lesen und Rechnen zu können. " 4.4 Durchlässigkeit zwischen Berufen nach § 48/42b und § 25 BBiG/HwO Eine Durchlässigkeit zwischen diesen Berufen, d.h. die Durchlässigkeit von einem Beruf nach § 48 BBiG/§ 42b HwO zu einem Beruf nach § 25 BBiG/HwO, wird grundsätzlich in allen Einrichtungen angestrebt und ist auch praktikabel, sofern die entsprechenden Berufe vorliegen. Diese Durchlässigkeit ist erforderlich, weil die Entwicklungsmöglichkeiten vieler Jugendlicher bei Aufnahme der Ausbildung nicht endgültig beurteilt werden können. Die Bedingungen, sie in die Praxis umzusetzen, sind jedoch ungünstig. „Bei manchen ist es einfach möglich, mehr zu schaffen, sie könnten in einen 25er Beruf kommen, wenn man auch die gleiche Klassenfrequenz wie bei der 48er Ausbildung in der Schule hätte, und wenn die Prüfungen ähnlich abgenommen würden. ... Das Problem ist, daß die Schulen zu diesem Kompromiss nicht bereit sind. Meine 4 Hauswirtschaftlerinnen sind sofort in der Berufsschule in die normalen Klassen eingegliedert worden, und das ist bei vielen, die das vom Praktischen her schaffen würden, einfach nicht machbar. Wenn der Jugendliche in eine normale Berufsschulklasse eingegliedert ist, dann erlebt er wieder diesselbe Situation, die er bereits von früher kennt, er ist wieder der Doofe, der nichts versteht. So wird er früher oder später die Vollausbildung abbrechen. Deshalb ist es mir lieber, er macht die 48er Ausbildung und die dann auch bis zum Ende. " In der Berufsschule liegen besonders schwere Hemmnisse, eine Durchlässigkeit zu realisieren. Die Beschulung der (meist) lernbehinderten Jugendlichen stellt besondere Anforderungen an Klassenstärken und Unterrichtsintensität. Sofern keine integrierte Berufsschule besteht, ist eine Beschulung der Auszubildenden in den 25er Berufen in gesonderten Klassen nicht möglich. Selbst bei integrierten Berufsschulen in den Einrichtungen ist diese Flexibilität, z.B die Einrichtung der notwendigen kleineren Klassen, zum Teil nicht gegeben. Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, daß ein Übergang nach „oben" in einen 25er Beruf zwar möglich ist, nicht aber eine Rückstufung, wenn das Ziel nicht erreicht werden kann. "Denn wenn sie es dann nicht packen, dann ist es auch schwierig vom Gesetzgeber her, sie wieder zurück in die § 48 iger Ausbildung zu bekommen. " Da die Jugendlichen diese Probleme kennen, scheuen sie das Risiko, unter diesen Bedingungen in eine 25er Ausbildung zu wechseln. „ Das Arbeitssamt möchte das lieber so, daß wir die Vollausbildung machen und erst wenn das nicht funktioniert, dann die Helferausbildung, daß das aber für den Jugendlichen total frustrierend ist das bleibt außer acht. " „ Und da haben wir wieder ein Problem. Die Jugendlichen wissen, daß es sich um eine Erstausbildung handelt und sie nicht auf der Sicherheitsbasis einer abgeleisteten 48er Ausbildung eine 25er Ausbildung machen können. Wenn sie scheitern, haben sie nichts. " 39
„Im ersten Lehrjahr ordnen wir ihnen die Praktikumsplätze zu, in den beiden anderen Lehrjahren können sie sich den Betrieb selbst suchen, sodaß der Jugendliche gleich Kontakt herstellen kann zu den Betrieben in seinem Heimatort. " „ Wir haben unsere Mitgliedsbetriebe in verschiedenen Bereichen, die wir hauptsächlich für Praktika nutzen. Die ersten Praktika laufen ja immer vor Ort. Dann haben wir auch noch Kontakte aufgebaut zu den Heimatkreisen der Jugendlichen. " Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz wird die Initiative der Auszubildenden gezielt gefördert, sich auch selbst um einen Praktikumsplatz zu bemühen - unterstützt von den Lehrmeistern und unter Einschaltung ihrer privaten Kontakte. Die Suche nach einem Praktikumsplatz ist gewissermaßen eine Übung für die spätere Arbeitsplatzsuche. „ Die Jugendlichen müssen sich um den Praktikumsplatz bemühen, sie müssen eine Bewerbung schreiben, müssen sich vorstellen, müssen versuchen, sich zu artikulieren. " In einigen Fällen gibt es gravierende Problem, Praktikumsplätze zu finden. So in einem Berufsbildungswerk, in dem Sehbehinderte und Blinde ausgebildet werden. „Praktika werden teilweise auch in anderen Maßnahmeeinrichtungen durchgeführt. Die Bereitschaft von Betrieben, Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen, ist ziemlich gering. Auf ca. 5 Anfragen kommt höchstens eine Zusage, wenn man dann aber einmal begonnen hat, steigt die Motivation der Betriebe." In einer anderen Einrichtung ergeben sich Schwierigkeiten, für die Auszubildenden im Textilbereich Praktikumsplätze zu finden. Die Einrichtung versucht dies zu kompensieren, indem man Auftragsarbeiten in die Ausbildung integriert. Grundsätzlich verbinden alle Beteiligten mit den Praktika die Hoffnung, hierüber einen Arbeitsplatz mobilisieren zu können. „Ich hob vielleicht eine Arbeit in Aussicht über das Praktikum, ich weiß aber nicht, ob das klappt. ... Die Chance scheint mir nicht sehr hoch, es gibt viel zu viel Hauswirtschaftsauszubildende, und der Arbeitsmarkt ist schon gedeckt." Auswertungen darüber, in welchem Umfang über Praktika spätere Anstellungen erreicht werden konnten, liegen nicht vor. Eine Einrichtung ist der Meinung: "Durch die Praktikumseinsätze am Heimatort können wir absichern, daß 50% dort eine Anstellung bekommen." Eine Einrichtung versucht, das Problem einer späteren Anstellung durch einen Praktikumsbetrieb auf rigorose Weise zu lösen. „Bevor sie die Ausbildung abschließen schicken wir sie nach Hause zu einem Heimatpraktikum, aber nur dann, wenn der Unternehmer sich verpflichtet, den Jugendlichen bei Eignung auch einzustellen. ...er muß uns bekunden, daß er für den Jugendlichen einen Arbeitsplatz hat. " Die betroffenen Jugendlichen sehen dieses Vorgehen kritisch. "Man kriegt ein Schreiben mit, was man dem Arbeitgeber vorlegen soll: Da steht drin, daß es positiv wäre, uns später einzustellen. Mir persönlich gefällt das nicht, ist zu verbindlich, schreckt den Arbeitgeber eher ab. Ich will mir lieber sowohl den Praktikumsplatz als auch den Arbeitsplatz selber suchen. " 46
Kritisiert wird die Dauer des Praktikums. Praktika seien zu kurz, sie sollten eine Dauer von vier Wochen nicht unterschreiten. "Ich finde das ist zu kurz, wir haben ja bloß drei Wochen Praktikum, und in der ersten Woche ist man noch neu und muß das alles mal kennenlernen und ehe man dann so richtig weiß, wo's langläuft, muß man schon wieder gehen. Also einen Monat würde ich sagen, müßte das Praktikum mindestens sein. Drei Wochen ist blöd, das ist nicht so richtig." 5.1.5 Prüfungswesen Für die Rehabilitationseinrichtungen ist es von grundlegender Bedeutung, in den Prüfungsausschüssen der Kammern vertreten zu sein. „Als BBW im Prüfungsausschuß zu sitzen ist ganz wesentlich. Denn die BBW's sind ja noch im Aufbau, so daß wir erst einmal den Prüfungsämtern auch klar machen müssen, mit welcher Art von Jugendlichen sie es denn zu tun haben. Sie sind nicht mit dem normalen Maßstab zu messen, und das zu tun, dafür ist dann der Bereichsleiter zuständig. " Im allgemeinen ist das der Fall. Einfacher gestaltet sich die Mitwirkung bei den Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO, da für diese Berufe die Prüfungsausschüsse erst gebildet wurden. „ Von jedem Gewerk ist einer von uns im Prüfungsausschuß. Wir sind hier die zentrale Prüfstätte für die Benachteiligten - Ausbildung im Handwerkskammerbereich Gruppe Süd. Hier werden auch die gesamten Teilnehmer geprüft. Wir haben auch eine extra Prüfungskommission für die Benachteiligten. ... Die momentane Prüfungsordnung ist sehr schwammig, sie läßt viele Fragen offen, und jemand, der mit solchen Leuten noch nichts zu tun hatte, hat es schwer, bestimmte Dinge richtig einzuschätzen. Deshalb haben wir eine extra Prüfungskommission, denn ein Außenstehender kann ja gar nicht beurteilen, wie bestimmte Jugendliche zu prüfen sind, mündlich oder besser schriftlich etc.; daß wir da Einfluß nehmen können, das ist ganz gut. " "Wir sind mit unseren Ausbildern oder Lehrern, manchmal auch beides, in allen Prüfungsausschüssen vertreten ... Und wir haben jetzt mit der IHK eine Vereinbarung getroffen - dort hat es eine Vorlage seitens des BBW gegeben zur Durchführung von Prüfungen mit Behinderten auf der Grundlage dieser Empfehlung des BiBB ... und dort haben wir so eine Art Handlungsorientierung für die Prüfungsausschüsse erarbeitet. Wir hatten immer das Problem, daß jedesmal, wenn ein neuer Prüfungsausschuß installiert wurde, und wenn dort Leute gewechselt haben, wir immer wieder von vorne anfangen mußten und erklären mußten, wir brauchen für die Gehörgeschädigten und besonders für die Gehörlosen die und die Bedingungen, und es gab am Anfang sehr viel Unsicherheit auch, wie setzen wir das um, welchen Handlungsspielraum hat man durch diese §§ 48 oder 42 b, und um das eben mal vom Tisch zu haben, haben wir uns mit der IHK zusammengesetzt, und haben so eine Orientierung erarbeitet... und wir haben jetzt dadurch viel viel weniger Diskussionen um die Durchführung der Prüfungen." Schwieriger ist die Situation für die Berufe nach §§25 BBiG/HwO, da für diese Berufe die Prüfungsausschüsse schon bestanden haben. „Die Mitgliedschaft darin ist noch in Arbeit, weil wir erst jetzt zum ersten Mal die Prüfung machen. Da der Hochbautechniker eine Vollausbildung ist, besteht dafür auch schon ein Prüfungsausschuß und demzufolge komme ich da auch nicht dazu. Aber diese Erfahrungen müssen wir erst machen. Alle anderen Prüfungen der Gewerke unserer Einrichtung sind vor der Handwerkskammer, nur wir sind
vor der IHK. Kontakt zur IHK haben wir, aber eine direkte Kooperation gibt es noch nicht, das müssen wir abwarten." Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Kammern und den Prüfungsausschüssen konnten Modifikationen der Prüfungen im Interesse der Jugendlichen erreicht werden: In einem Berufsbildungswerk bei der Prüfung von körperbehinderten Jugendlichen; in einer anderen Einrichtung bei der Prüfung der Berufe nach §§ 48 BBiG/42b HwO. „ Wir versuchen, eine enge Verbindung zu den Kammern zu halten. Die Ausbilder fahren dann mit hin zur Prüfung. Die 48er Prüfungen fuhren wir hier im Hause durch, die 25er erhalten keine besonderen Erleichterungen, keine Hilfen. Bei den 48ern, da gibt es schon Sonderregelungen, da können Prüfungsteile auch mündlich gemacht werden, etc. " Insbesondere für Hörgeschädigte und Blinde oder Sehbehinderte sind umfangreiche Modifikationen und Änderungen durchgesetzt worden. "Es ist eine Zeitverlängerung für die Hörgeschädigten durchgesetzt worden. Das war ein großes Problem und schwierig, in den Kammern klarzumachen, daß für die Gehörlosen die Fragen z.T. umformuliert werden müssen. Vereinbart worden ist, daß der Lehrer 2 Wochen vor der Prüfung die Fragen bei der Kammer sprachlich, nicht inhaltlich, umformulieren kann. Das kann tagelange Arbeit bedeuten. ... Die Handwerkskammer macht z. T. noch Schwierigkeiten. Beispiel: 'Was woll'nse denn, der hört nicht, aber lesen kann er doch!' Der Zusammenhang Hörschädigung und Sprachschwierigkeiten ist für Außenstehende selbstverständlich schwer begreifbar! Da gibt es schon Gespräche, die können nerven. Im Prinzip aber haben 's wir durch. ... Alle Ausbilderinnen und Lehrerin sind im Prüfungsausschuß. Es besteht ein guter Kontakt zum Prüfungsausschuß. Wir haben in zähen Verhandlungen erreicht, daß wir einige Hilfestellungen geben können, bei sehr schwierigen Fragen, die ein Gehörloser also nicht versteht, daß wir die also umformulieren dürfen. " Trotz der beschriebenen Mitwirkungsmöglichkeiten ergeben sich Defizite. Die Anforderungen der Rehabilitationseinrichtungen sind nicht durchgängig erfüllt. "Eine Orientierungshilfe des BiBB ist schön und gut, aber wenn jetzt die IHK sagt, das geht nicht an, dann bin ich ein Einzelkämpfer. Wie weit bin ich in der Lage, solche Dinge, die da mal erarbeitet worden sind, umzusetzen? Die Frage ist doch, wie weit unterstützt man uns von zentraler Stelle bei der Umsetzung solcher zentralen Forschungsergebnisse. Wenn es nur zum Selbstzweck läuft, dann bringt es niemandem etwas. Es müßten bundesweit, vor allem bei der IHK Weiterbildungen und Informationsveranstaltungen laufen, in denen die Konsequenzen einer Behinderung erklärt werden. Damit wir nicht so dastehen als wollten wir für unsere Lehrlinge Vorteile haben. So kommt es raus. Wir wollen Vorteile rausholen. Da habe ich das Gefühl, ich laufe mit dem Kopf gegen eine Wand." Die Lehrpläne und die Prüfüngsinhalte müßten besser aufeinander abgestimmt sein. Die Einflußnahme auf den Prüfungsablauf und die Inhalte ist teilweise zu gering. Die Prüfungsinhalte sind nicht praxisbezogen und die zentralen Prüfungsfragen oft veraltet und realitätsfern. Prüfungsvorbereitung durch die Einrichtungen Die Rehabilitationseinrichtungen bereiten ihre Auszubildenden intensiv auf die Prüfungen vor. Dabei werden verschiedene Maßnahmen durchgeführt. Wissen und Arbeitsverrichtungen werden intensiv geübt. 48
„ Das Wissen was sie in den 2 Jahren zuvor erlernt haben, versuchen wir zu vertiefen, wir versuchen Routine hineinzubringen, Arbeitsabläufe immer wieder zu üben, damit sie eine Sicherheit bekommen. Ich benenne jetzt auch jeden Fehler, den sie machen, was ich in den früheren Ausbildungsabschnitten nicht gemacht habe, einfach um sie nicht zu sehr zu verunsichern. Aber jetzt sage ich ihnen alles was mir auffällt, denn das fällt der Prüfungskommission auch auf. Jetzt in dem Stadium können sie mit dieser Kritik auch umgehen. " Die Prüfüngsfragen der vergangenen Jahre werden durchgearbeitet. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Schule und Ausbildungsbereich schlägt dabei positiv zu Buch. Die Prüfung wird „geübt", in einem Fall gibt es ein Training des Psychologischen Dienstes, um Prüfungsängste abzubauen, in einem anderen Fall wird ein Entspannungstraining geübt. In einer Einrichtung wurde die Theorie in einer Vorprüfung abgelegt, damit „die Jugendlichen wissen, wo jeder steht." Prüfungswesen und Übergang in den Beruf Ein wichtiges Problem wird darin gesehen, daß der Praxisbezug zwar ein wesentliches Element der Ausbildung in den Einrichtungen darstellt, im Prüfungswesen jedoch nicht die entsprechend zentrale Rolle spielt. In einzelnen Einrichtungen für körperbehinderte Auszubildende wird deshalb auf die anderen Erfahrungen im Prüflingswesen der DDR Bezug genommen. Für jeden Lehrling bestand dort bei Ausbildungsbeginn bereits ein Arbeitsvertrag mit dem späteren Betrieb. In diesem Betrieb wurde zu Ende der Ausbildung dann ein halbjähriges Betriebspraktikum durchgeführt, in dessen Rahmen schließlich auch die Prüfung stattfand. "Der Jugendliche wurde also nahtlos in das Betriebsklima dort eingegliedert. Das hatte Riesenvorteile. Den großen Vorteil, daß dort eine Hausarbeit angefertigt wurde über acht Wochen, wo der zeichentechnische Teil meistens in den Betrieben gemacht wurde Und der theoretische Teil in Form eines Erläuterungsberichtes und von Berechnungen; das wurde zuhause gemacht. Und diese Hausarbeiten wurden verteidigt vor dem Auftraggeber. Das waren Aufträge aus dem laufenden Projekt, das war nicht irgendwie was konstruiertes. Da war natürlich die Persönlichkeit sehr gefragt. Die Gefahr, daß einer durchfällt, gab es jeoch nicht. Es gab Schwächere und Schlechtere, die wurden dann entsprechend natürlich lohnmäßig eingestuft, aber diese Sicherheit hat natürlich dazu beigetragen, daß man fachliche Dinge besser bearbeitet, weil man doch wußte, mir kann ja eigentlich nichts passieren, ich schaffe das schon. " Diese Rahmenbedingungen schufen für den Auszubildenden nicht nur eine Sicherheit im gesamten Lebenskontext, sondern auch eine entspanntere Prüfungssituation als es nun bei den Prüfungen der Fall ist. 49
5.2 Berufsschule Nur drei Berufsbildungswerke verfügen derzeit über eine integrierte Berufsschule, in drei weiteren ist die Einrichtung geplant. 5.2.1 Integrierte Berufsschulen Eine der Schulen wurde völlig neu gegründet. „Zunächst gab es nur Förderlehrgangsklassen. Unter Wahnsinnsbedingungen, was Schulräume, Lehrmittel anbetrifft, mit denen man eigentlich gar keinen Unterricht machen konnte. Die ersten Berufsfelder waren Metall, Hauswirtschaft, Büro. Nach einem Jahr kamen dann neue Berufe dazu und seit diesem Jahr sind die Berufsfelder komplett. " In den beiden anderen Einrichtungen konnte auf einer vorhandenen Schultradition aufgebaut werden. „Seit 1.1.95 private Ersatzschule. Seit 1953 eigenständige berufsbildende Schule für Hörgeschädigte. Bis zur Wende rein duale, rein betriebliche Ausbildung. Die Schule war der Nabel, die Zentrale. Das Heim war der Schule angeschlossen, unterstand der Schule. Einzugsgebiet war die gesamte ehemalige DDR. War mit 150-200 Schülern die größte berufsbildende Einrichtung fürHör-geschädigte. Heute ist sie die einzige in den neuen Bundesländern. " „Nach der Wende war die duale, berufliche Ausbildung nicht mehr aufrecht zu erhalten. In einigen Großbetrieben und in der Umgebung war die praktische Ausbildung eingebaut gewesen. Die praktische Ausbildung fand dort, die theoretische in der Schule statt. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen und den Unklarheiten der Umstrukturierung war keine Behindertenausbildung mehr in den Betrieben möglich; die Übergangszeit war ziemlich schwierig . Bis 1.1.95 war die Schule öffentlich, dann staatlich genehmigte Ersatzschule am BBW, also Privatschule. Das bedeutete, raus aus dem öffentlichen Dienst, leider ist das hier so. " Auch bei den integrierten Schulen erfolgt die Finanzierung über das Kultusministerium. Die Kriterien für Klassenzusammensetzung, Ausstattung, etc. müssen mit dem Ministerium verreinbart werden, wobei es oft schwierig ist, die für Behinderte erforderlichen Bedingungen auszuhandeln. „Es mußte dem Kumi klargemacht werden, daß Behinderte nicht gleich Behinderte sind. Zum Beispiel sind Lernbehinderte nicht gleich Hörbehinderte. Hörbehinderte machen zu 60-70% Vollberufsausbildung . Die Kammerprüfung wird nach dem gleichen Zeitraum abgelegt wie von den Hörenden. Es mußte Überzeugungsarbeit geleistet werden, daß die Klassenstärke statt auf 16 auf 8 festgesetzt wurde. ... Früher gab es 'A Jahr Lernzeitverlängerung - als Ausgleich sind jetzt die Klassen kleiner. Durch den Zuschuß des Landes an den Träger ist jetzt kostendeckendes Arbeiten bei einem Schlüssel von 7-8 Schüler pro Lehrer möglich. " Da man sich im Schulunterricht an den Klassenstrukturen der Ausbildung orientierte, entstanden in einem Fall Probleme bei der Unterrichtsorganisation als eine Differenzierung der Ausbildungsgänge vorgenommen wurde. „Im Textilbereich mit insgesamt nur 12 Teilnehmern und das in drei Lehrjahren und das in drei Berufen, da soll man dann Klassen bilden. Also da muß man dann sehen, was ist verantwortbar, z.B. all- 50
gemeinbildender Unterricht und dann wiederum der Fachunterricht und da dann wieder Teilungsunterricht anzubieten, um da dem Förderanspruch Genüge zu tun. " Für die integrierten Berufsschulen schlägt die räumliche Nähe positiv zu Buche und die Tatsache, daß man sich auch durch die gemeinsame Konzeption des Unterrichts intensiv auf spezifische Behinderungen konzentrieren kann. "Die integrierte Schule ist ein Riesenfortschritt, man kann hervorragend arbeiten. Günstig ist die enge räumliche Anbindung von Ausbildungsräumen und Schule. Gerade bei diesen Schülern, die so große Defizite haben. Daß man die Möglichkeit hat, sofort zum Förderstützlehrer runterzugehen, oder zum Meister, oder daß der Meister kommt, das ist meiner Meinung nach die Riesenchance. " 5.2.2 Nicht integrierte Berufsschule In den meisten Berufsbildungswerken und in allen sonstigen Rehabilitationseinrichtungen ist eine integrierte Berufsschule nicht vorhanden. Während diese Möglichkeit in den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen nie angedacht worden war, planen drei Berufsbildungswerke die Einbindung einer Berufsschule an ihre Einrichtung. Eine Integration von Schule und Ausbildung wird durchgängig für sinnvoll gehalten. Dabei ist nicht nur an die räumliche Nähe und die damit verbundenen erheblichen organisatorischen Erleichterungen gedacht - ebenso wichtig ist die inhaltliche und konzeptuelle Abstimmung des Berufsschulunterrichtes mit der praktischen Ausbildung. In einer Anzahl von Berufsschulen, in denen die Auszubildenden der Einrichtungen unterrichtet werden, bestehen gute Kooperations- und Abstimmungsmöglichkeiten, wie z.B. die Bildung spezieller Klassen für die lernbehinderten Jugendlichen in den Berufen nach § 48 BBiG/§ 42b HwO. Eine gemeinsame Beschulung hatte sich unter den gegebenen Klassenstrukturen als undurchführbar erwiesen. „In Sozialkunde waren die Klassen zusammen, und da haben die Schüler unserer Einrichtung gesagt, daß sie sich doof vorkommen, wenn sie mit den anderen zusammen sind, weil sie Dinge nicht so schnell begreifen können; das wurde dann geändert. " Auch konnten über das zum Teil sehr hohe Engagement von Lehrern und Mitarbeitern der Einrichtungen wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beschulung geschafft werden (siehe dazu auch Abschnitt 8). Die organisatorischen und strukturellen Probleme überwiegend jedoch insgesamt. Ein erhebliches Problem liegt in den zu großen Klassen, in denen die behinderten Jugendlichen unterrichtet werden. „Die Klassen sind auch für die hohen Anforderungen zu groß. Bei der Soll-Stärke von 19 Schülern kann man nicht mehr auf die einzelnen Schüler individuell eingehen, wie dies notwendig wäre. ... Kleinere Klassen werden von der Schulinspektion nicht genehmigt. ... Man macht dort für Lernbehinderte keine Ausnahmen. Sie werden behandelt wie ganz normale andere. " ... „In ... konnten selbst für die integrierte Schule keine kleineren Klassen ausgehandelt werden. " 51
Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, daß in den Berufen nach § 25 BBiB/HwO lernbehinderte Jugendliche mit nicht lernbehinderten Jugendlichen gemeinsam ausgebildet werden. Darüber hinaus sind die Entferungen von der Einrichtung zur Berufsschule oft sehr weit und die Verkehrsverbindungen schlecht. „Diese Schule liegt zu weit weg, ... denn die meisten Fehlzeiten unserer Jugendlichen liegen im Bereich der Schule. Nicht weil die Schule schlecht ist, sondern weil die Schule ihr größter Frust ist. Zur Arbeit kommen sie lieber. Ich habe festgestellt, daß die Jugendlichen ganz selten während der Arbeit krank machen. Wenn die Probleme der Fahrerei nicht wären, dann glaube ich, wäre das auch mit der Schule besser... Die Fahrzeiten betragen ca. eine gute Stunde. Aber die Zugefahren nicht regelmäßig, so daß beim Verpassen des Zuges die Jugendlichen fast keine Chance mehr haben ohne größeren Aufwand zur Schule zu kommen." Das Lehrpersonal der Schulen ist nicht oder unzureichend auf die Ausbildung von behinderten, insbesondere lernbehinderten Jugendlichen vorbereitet und qualifiziert. Der Spielraum für Fort- und Weiterbildung in diesem Bereich ist sehr eng. „Bei den Heimfahrern und gerade was meine Ausbildungsgruppe betrifft, gibt es große Probleme mit der Schule, weil diese Jugendlichen mit der Schule ganz schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht haben und jetzt in Berufsschulen eingegliedert sind, in denen sich die Berufsschullehrer sehr viel Mühe geben, wobei ich jedoch nicht weiß, ob sie auch methodisch auf dieses Klientel vorbereitet sind. Ein individuelles Eingehen auf unsere Jugendlichen ist da fast nicht möglich. Bei unseren Jugendlichen ist es so, daß wenn sie in den ersten 5 Minuten im Unterricht nichts verstehen, dann schalten sie ab. So kommen sie oft mit einer Menge Defizite, die sie auch gegenüber dem Stützlehrer oder gegenüber mir nicht benennen können, weil sie gar nichts erfaßt haben aus der Berufsschule. ... Bei den Stützlehrern geht es hauptsächlich darum, das, was sie nicht können, zu üben, weniger um die Hausaufgaben. Wir wollen so auch die Jugendlichen dazubringen, daß sie mit ihrer eigenen Logik versuchen, die Aufgaben zu machen, es soll nicht der Gedanke aufkommen, daß der Stützlehrer auch das noch übernimmt." Diese schwierigen strukturellen Bedingungen schaffen Hindernisse für die Kooperation und die intensive Förderung der Schüler, deren Bewältigung allein durch informelle Bemühungen deutliche Grenzen gesetzt sind. Wie weiter unten noch zu beschreiben sein wird, sind die Kooperationsmöglichkeiten strukturell eingeschränkt, da es zwischen den Lehrern der Berufsschulen und den Ausbildern in den Einrichtungen keinen „einheitlichen Erziehungsauftrag" gibt. „Hospitation ist nach Voranmeldung in jeder Schulstunde möglich. Da gibt es Absprachen. Und das wirkt sich auch sehr positiv aus. Schwierigkeiten kommen von den Lehrern. Die wollen ganz einfach nicht einsehen, daß sie da einen Erziehungsauftrag haben. Die denken, daß das nicht so ist. Und das ist jammerschade. So erreicht man die Lehrer im allgemeinen nur vor 13 Uhr. Und von unserer Seite auch ein bißchen unverständlich, weil früher mußten alle Lehrer nach der Schulzeit noch in Arbeitsgemeinschaften ... mit ein paar Schülern noch zusammenarbeiten. " In den aktuellen Strukturen stellt die Kooperation zwischen Schule und Ausbildung in erster Linie eine „Bringschuld" der Ausbilderinnen und Ausbilder dar - ein Sachverhalt, dessen restringierende Auswirkungen nur dadurch gemildert werden kann, daß sich in vielen Fällen funktionierende informelle Kooperations- und Abstimmungsbezüge, basierend auf dem Interesse und der Motivation der Beteiligten, herausgebildet haben. 52
5.2.3 Lehrmaterialien, Lehrinhalte und Didaktik Die Ausstattung der öffentlichen Schulen mit Lern- und Unterrichtsmitteln wird als sehr mangelhaft bezeichnet. Die Lehrer betonen, daß es außerordentlich wichtig sei, Lehrmaterialien, auch die teueren Arbeitshefte für die Schüler zu haben. Die Schule würde die Kosten dafür nicht übernehmen. Teilweise springt die Rehabilitationseinrichtung hier ein. „In der Schule gibt es Kopien und es wird mitgeschrieben. Eine Bibliothek ist im Hauptgebäude vorhanden, aber besser wäre es, man hätte die Bücher, könnte sie behalten und später noch einmal was nachlesen und sich besser veranschaulichen." "Es wirkt sich positiv aus, wenn den Jugendlichen das Lehrmaterial als Eigentum zur Verfügung steht. Gerade bei Lernbehinderten ist auch gut, daß sie Sätze unterstreichen können, und sich so die Inhalte aneignen können - wobei hier die Schulbücher zurückgegeben werden müssen. " Die Lehrer sind darauf angewiesen, ihren Lehrstoff selbständig so aufzubereiten, daß er den Schülern verständlich wird. Teilweise finden sie Unterstützung durch die Stützlehrer, aber häufig ist deren Kapazität schnell überschritten. „Es kann kaum mit normalen Büchern gearbeitet werden. Spezifische Materialien (für die Berufsausbildung Hörgeschädigter) gibt es nicht. Der einzelne Lehrer muß anschaulich arbeiten, sich Unterrichtsmaterialien selbst anfertigen, das was auf dem Markt ist an Folien, Modellen, miteinsetzen. Ein Bedarf an speziellen Materialien wäre da, aber wegen der geringen Zahl der Lehrlinge sind die Kosten zu hoch." 5.3 Stütz- und Förderunterricht Die Vermittlung von Erfolgserlebnissen, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl gehört neben der Aufarbeitung von Lerndefiziten zu den Aufgaben der Stütz- und Förderlehrer, die in den Rehabilitationseinrichtungen eingesetzt sind. „ Ganz wichtig ist, daß wir den Schülern, die hierher kommen, nicht aufzeigen, was sie nicht können, sondern vielmehr das bestärken und freilegen, was sie können, damit sie auch bereit sind, mitzumachen. Hierzu gehört auch der Spaß an der praktischen Arbeit, den sie alle haben. Unsere Aufgabe ist es, den Frust, den die Jugendlichen vor der Schule haben, abzubauen. " Die Aufarbeitung von Lerndefiziten konzentriert sich vor allem auf die Fächer Mathematik und Deutsch, da diese die wichtigen Grundlagen für die Berufsschule darstellen. Häufig wird davon ausgegangen, daß sich die Arbeit der Stützlehrer unmittelbar auf die Anforderungen der Schule und der Ausbildung beziehen sollte - so zumindest aus der Sicht der Lehrer und Ausbilder. Die reine Behebung von Wissenslücken allerdings verhindert eine weiterreichende pädagogische Arbeit, die sich darauf richtet, die individuellen Probleme der einzenen Schüler zu erkennnen und dort anzusetzen. „Man kann nun das, was in der Berufsschule unterrichtet wird, genau mit dem, was wir hier im Stützunterricht machen, abstimmen und nur darauf beziehen, Nur: Das ist nicht alles, und ich mag es nicht so. Ich möchte die Freiheiten haben, direkt auf die Schwierigkeiten des einzelnen Schülers eingehen zu können. Wenn wir das nicht machen, dann wird die Angst vor dem Versagen bei den Jugendlichen unüberwindlich." 53
Die Formen des Stützunterrichts hängen in starkem Maß von den Intentionen und der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrkaft, aber auch von den Vorgaben durch die Einrichtung ab. Zum Einsatz kommen sowohl gezielte Einzelförderungen wie auch Gruppenunterricht und Einzelförderung, wobei bessere und schlechtere Schüler im Stützunterricht geteilt werden. In einer Einrichtung wird versucht, im Förderlehrgang mit kreativen Techniken und musischen Mitteln auf die Jugendlichen einzugehen und ihre Leistungsfähigkeit zu wecken. „Ich versuche mit dem was ich mache, auf die Jugendlichen einzugehen, ich habe keine vorgefertigten Pläne, was im Detail stattzufinden hat. Viel geht über die Musik, nur klassische Musik, mit der versucht wird, den Jugendlichen einen Zugang zu Farben etc. zu vermitteln. Nebenbei lernen sie auch die verschiedenen Musiken kennen. ... Diese Einrichtung des Stützlehrers kannten wir früher nicht, es ist eine Vorgabe vom Arbeitsamt. Hier sollen die Jugendlichen Defizite aufarbeiten. Der Unterricht beträgt ca. 4 Stunden pro Woche und beinhaltet hauptsächlich Mathe und Deutsch. Das ist in der Umsetzung sehr schwierig, weil nicht nur Mathe und Deutsch gestützt werden müssen, sondern auch ganz andere Dinge. Was gestützt werden muß, ist ihr Selbstbewußtsein, ihr Selbstwertgefühl, denn das ist am Boden wenn sie hier her kommen. Wenn man jetzt mit Mathe und Deutsch anfängt, dann passiert genau das Gleiche, was 10 Jahre in ihrer Schule passiert ist. Sie erfahren immer wieder, was sie nicht können. Deshalb versuche ich diesen Weg über die Kunst zu gehen. Die Kunst ist ein Medium, in dem man keine Fehler machen kann, und so fing ich an, einen kreativen Bereich aufzubauen. Die schulischen Sachen dürfen natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden, da müssen Methoden gefunden werden, die es ermöglichen zu lernen, ohne es direkt mitzubekommen. " Gleiches gilt für Lernansätze, die die Jugendlichen in die Schulzeitung oder in Theatergruppen einbinden. In einzelnen Einrichtungen werden computergestützte Lernprogramme eingesetzt, in einer anderen Einrichtung hält man diesen Weg nicht für gangbar. „ Wir sind sehr gut ausgestattet. Die Computer sind etwas, was die Jugendlichen sehr gut annehmen, nachdem man ihnen die Angst vor der Technik genommen hat. Wir wenden speziell die von Sozialpädagogen entwickelten Lernprogramme für Behinderte an. " „ Computereinsatz lehne ich für unsere Jugendlichen ab, weil sie visuell total überfordert sind und so die anderen Sinne keine Rolle mehr spielen. Deshalb möchte ich das Hören, das Fühlen bei diesen Jugendlichen schulen. Ich weiß, wie schädlich auch das Fernsehen für die Jugendlichen sein kann. Ich möchte, daß sie etwas tun, was ihnen Spaß macht, damit sie dem Fernseher etwas entgegensetzen können." Die Organisation und Planung des Stützunterrichts erfolgt in den einzelnen Einrichtungen in unterschiedlicher Form. „ Wir haben eine pädagogische Gruppe, die dann entsprechende Förderrichtlinien entwickelt. Diese Gruppe wird bei Bedarf spontan gebildet - meistens aus Ausbilder, Erzieher, Lehrer. " „Alle, die in der Ausbildung sind, kommen in den Genuß eines Stützlehrers. Pro Woche sind das mindestens vier Stunden, neben den zwei Berufsschultagen. " „Förderpläne haben wir hier nur in Einzelfällen. Bei meinen Beiköchen habe ich jetzt keinen speziellen Fall und ich sehe da auch keinen Handlungsbedarf. Ausbilder füllen alle 3 Monate einen Bewertungsbogen über die einzelnen Jugendlichen aus, dann vergleichen wir das mit den Bögen von vorher, 54
die Auswertung wird dann mit den Jugendlichen besprochen, ich sitze da dann auch dabei und höre mir das an; auf bestimmte Problemlagen des Jugendlichen kann ich so dann auch im Stützunterricht eingehen." „ Wir machen Förderpläne. Wir versuchen die Dinge, die dem Jugendlichen besondere Probleme machen, herauszukristallisieren. Dabei arbeitet das Team, das mit der Gruppe beschäftigt ist, zusammen: Stützlehrer, Sozialpädagogen, Ausbilder. Im Förderlehrjahr wird so das Ziel für den einzelnen Jugendlichen festgelegt und danach wird auch die Ausbildung gestaltet. In der Ausbildung ist das Ziel dann klar und da wird die Ausbildung auch danach ausgerichtet. ... Der Stützunterricht findet in dem Raum nebenan statt und ich spreche mit dem Stützlehrer ab, was er macht. Da finden dann auch Gespräche mit der Gruppe statt, bezogen auf das, was die Jugendlichen gerne im Stützunterricht machen würden. Jetzt z.B. steht die Prüfung an, und da wollen alle gerne Stützunterricht machen. Der Unterricht wird teilweise in Gruppen abgehalten, je nachdem, um was es sich handelt. Handelt es sich um fachliche Probleme, so mache ich das, wobei hier auch der Stützlehrer anwesend ist. Es findet als eine Verknüpfung von Theorie und Praxis statt, damit die Jugendlichen verstehen, warum sie das entsprechende in der Schule lernen müssen. Bisweilen gibt es auch Einzelunterricht beim Stützlehrer, nach den jeweiligen Bedürfhissen des Einzelnen. " 5.4 Psychologischer Dienst Mit Ausnahme von zwei sonstigen Rehabilitationseinrichtungen und einem Berufsbildungswerk ist in allen Einrichtungen ein Psychologischer Dienst tätig. 5.4.1 Erwartungen an den Psychologischen Dienst Die Erwartungen an den Psychologischen Dienst sind allgemein sehr hoch, jedoch heterogen. Grundsätzlich wird eine hohe Einbindung des Psychologischen Dienstes in die Ausbildungs- und Entwicklungsprozesse vorausgesetzt. „Der PD soll Probleme lösen,... " - „ Wir sind irgendwo in der Rolle eines Dienstleitungsunternehmens, wo die anderen Stellen keinen Rat mehr wissen. " „Ich finde, der psychologische Dienst hat eine Rolle, die sehr unklar ist und damit Probleme aufwirft. " In diesem Zusammenhang wird erwartet, daß der Psychologische Dienst immer dann auftritt, wenn Jugendliche ihre Leistungsgrenzen erreicht haben. Er soll die Lern- und Arbeitsmotivation erhöhen. Er soll Jugendlichen helfen, die nicht genügend soziale Kompetenz entwickelt haben. Er soll auch über Weiterbildung Wissen an andere Mitarbeiter der Einrichtung liefern, wenn man auf strukturelle Probleme in der Kommunikation mit den Jugendlichen trifft. Mitarbeiter anderer Bereiche erwarten vom Psychologischen Dienst Hinweise und Hilfen zur Verbesserung ihrer Arbeit. Immer wieder hervorgehoben wird die Forderung, den Psychologischen Dienst in die Praxis einzubinden. „Der Psychologe darf nicht losgelöst von der Praxis arbeiten - sei dies nun in Ausbildung oder Schule. Auch in der Schule kann man sich vorstellen, daß sich der Psychologe in den Unterricht set- 55
„In beiden Wohnheimen wollen wir den jungen Menschen eine Atmosphäre schaffen in der sie sich wohl fühlen können. Sie kommen ja aus einem Elternhaus, wo das Soziale sehr gestört ist. " „Ich will erreichen, daß die Jugendlichen eine gute Ausgangsposition bekommen für ihr Leben später, daß sie pünktlich zur Arbeit erscheinen, daß sie mit ihrer Freizeit umzugehen lernen und und und... " Für die Organisation der Wohngruppen im Internat werden unterschiedliche Ansätze gewählt, die in hohem Maß durch die räumlichen und baulichen Bedingungen vorgegeben sind. In einem Fall werden berufs- und lehrjahrübergreifende Gruppen gebildet. „ Die Internatsgruppen sind nicht nach Berufen gebildet. Deshalb versucht man jetzt, daß man Fachbereichsbetreuer im Internat für die verschiedenen Berufe benennt, die dann diese Jugendlichen internatsgruppenübergreifend bei den Sitzungen vertreten und auch Ansprechpartner sind. Zunächst gab es Ablehnung gegen dieses Konzept. Es wurde bevorzugt, daß die Jugendlichen auch im Internat in derselben Gruppe wie in Ausbildung und Schule bleiben, wie es schon lange in der Tradition gehandhabt wurde. Jetzt läßt man dagegen, vor allem aufgrund der Konstellationen in den Förderlehrgängen, die Gruppen aus verschiedenen Berufen gemischt. Dieses Konzept funktioniert noch nicht befriedigend, ist aber noch in der Erprobungsphase. " „ Wir haben die verschiedenen Ausbildungszweige immer zusammen auf einem Stock untergebracht. Zur Zeit ist es so, daß ich meine pädagogischen Mitarbeiter auf die Zimmer zugeordnet habe. Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, dann lege ich fest, wo der Jugendliche untergebracht wird. Dann kommt die Schnupperphase für 4 Wochen, danach setzen wir uns zusammen und schauen, wie das so in den 3- oder 4-Bettzimmern klappt. Wenn es Probleme gibt, dann versuchen wir die Jugendlichen woanders unterzubringen. Wir gehen auf die Wünsche der Jugendlichen ein, um den Frieden auf dem Zimmer zu erhalten. Dies alles geschieht in Zusammenarbeit mit dem Sozialpädagogen. " In anderen Fällen wird, sofern die räumlichen Bedingungen vorliegen, von der Vollversorgung der Jugendlichen (alle Mahlzeiten in der Kantine) abgegangen und ein Konzept des „gestuften Wohnens" praktiziert, in das die Wünsche der Jugendlichen eingebracht werden können. Auch Außenwohnungen werden gezielt in diese Planungen mit einbezogen. „Die Jugendlichen bekommen einen Teil des Verpflegungsgeldes ausbezahlt und müssen sich so zum Teil auch selbst verpflegen. Wir nennen das Ganze 'pädagogisches Essen', richtige Ernährung und Haushalten mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht. ... Wir mischen auch die 25er- und die 48er-Berufe. ...In der Regel bleiben die Jugendlichen die ersten 2 Jahre in der selben Wohngruppe und im 3. Lehrjahr kommt dann eine Veränderung. " „ Wir haben eine Dreiteilung der Gruppen. Jugendliche, die eine intensivere Betreuung brauchen, das Mittelfeld und solche die nur noch eine geringe Betreuung brauchen. Der Jugendliche wird so auch aufgewertet, denn er wird selbst befragt, es wird nicht nur über ihn bestimmt. ...Im neuen Haus werden 1-Zimmer-Appartements sein. Es sind 3- und 4-Raum-Wohngruppen. Dort gibt es dann einen gemeinsamen Wohn- und Küchenbereich und jeder Jugendliche hat ein separates Zimmer. Sie müssen alles selbst in Ordnung halten, müssen sich allein versorgen, müssen so selbständig sem, daß sie mit dem Geld umgehen können, Preisvergleiche anstellen, Quittungen abrechnen mit den Betreuem, etc. " „Man muß davon ausgehen, daß viele Jugendliche, die kommen, sehr starke persönliche Defizite haben, z.B. Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnung etc., - und da besteht jetzt die Idee, diese Jugendlichen zu Beginn der Ausbildung in Außenwohngruppen stärker zu fördern, oder solche, die nicht 'gruppenfähig' sind, in Außenwohngruppen intensiver zu betreuen. " Wie schon an anderer Stelle ausgeführt, ist es das übergreifendes Ziel der Betreuung und Arbeit im Internat, die Selbstständigkeit der Jugendlichen im weitesten Sinn zu fördern und zu 62
entwickeln. Dies geschieht durch die entsprechende Organisation von Wohnen und Lebensvollzug, durch Vermittlung und Training sozialer und kultureller Kompetenz - und wie immer wieder betont wird, durch das richtige Maß zwischen Anleitung und Freizügigkeit. „Im Heim ist das Wichtigste die Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen. Wir haben solche, die überbehütet sind und solche, die im Elternhaus sehr vernachlässigt worden sind - sie wissen nicht, wie man ein Besteck hält, wie man Hygienevorschriften einhält, sich wäscht, etc. Das ist das, was wir den Jugendlichen in den Jahren, in denen sie hier sind, lehren. Darüber hinaus müssen wir den Jugendlichen Lernunterstützung geben, damit sie die Ausbildung schaffen. Zum Dritten muß der Jugendliche lernen, mit seiner Freizeit umzugehen. " „ Unsere Jugendlichen wohnen während der Ausbildung hier im Heim. Am Anfang ist es wichtig, daß man den Jugendlichen diese Geborgenheit auch gibt, aber das läßt dann nach. Wenn sie gemerkt haben, wie hier alles läuft, dann übertragen wir ihnen auch Verantwortung, wir wecken sie z.B. dann nicht mehr regelmäßig, oder wir machen sie verantwortlich, bestimmte Freizeitsachen selbst zu organisieren, etc. Wir versuchen immer, ein wenig wegzugehen, daß zwar immer jemand da ist,, sich immer jemand um sie kümmert, wenn sie jemanden brauchen, aber die Vorbereitung aufs Leben gelingt ganz gut. Wir helfen ihnen auch eine eigene Wohnung zu finden, etc. " „ Der Heimerzieher sorgt erst mal dafür, daß der Jugendliche in der Früh pünktlich zur Ausbildung erscheint. Daß er ausgeschlafen ist. Nach Feierabend bespricht er mit den Jugendlichen in einer kleinen Gesprächsrunde, was am Tag erfolgt ist und diese Erlebnisse, seien sie positiv oder negativ, werden dann besprochen." „ ... man aufregelmäßige Zahn und Körperpflege achte, auf Ämtergänge, gezieltes Sozialtraining (z.B. pünktliches Aufstehen, sich witterungsgerecht anziehen, usw.) Das Ziel bei all dem ist, daß man die Jugendlichen hier so fit macht, daß sie sich nach der Ausbildung draußen alleine zurechtfinden, daß sie wissen, wie sie eine Bewerbung schreiben, wie sie ein Vorstellungsgespräch absolvieren, zum Sozialamt gehen können, Anträge stellen können, wie man einen Scheck ausfüllt - das sind alles Sachen, die muß man teilweise mit den Jugendlichen üben - nicht mit allen. " Unter den auf die Ausbildungsziele bezogenen Aufgaben finden in den Internaten auch Maßnahmen zum Bewerbertraining und zur Hausaufgabenhilfe statt. Allerdings sehen die Erzieherinnen in diesen Funktionen nicht den Schwerpunkt ihrer Arbeit. „Mit den Jugendlichen im letzten Lehrjahr machen wir jetzt Bewerbungstraining, wir haben uns da selbst fit gemacht, indem wir Spezialisten hierher geholt haben, und das Personal hat sich so dieses Wissen angeeignet (ein paar Jugendliche waren da auch dabei), das es danach an die Jugendlichen weitergibt. " „ Wenn die Jugendlichen Probleme mit ihren Hausaufgaben haben, wenn sie sie überhaupt machen, das ist ja auch so ein Problem, dann helfen wir schon mal. Aber das machen wir nur, wenn die Jugendlichen von sich aus kommen. " Nicht zuletzt ist der Internatsbereich gefordert, wenn Probleme wie Alkohol oder Agressivität unter den Jugendlichen auftreten - Probleme, die im Gesamt allerdings keinen herausragenden Stellenwert haben. „ Wir haben Jugendliche hier, die versuchen generell ihre Probleme mit Alkohol zu lösen. Es herrscht zwar hier ein Alkoholverbot, aber die gehen dann raus in eine Kneipe und kommen besoffen wieder. Man kann ihnen, wenn sie 18 sind, nicht verbieten, in die Kneipe zu gehen. Auch haben wir schon Fälle gehabt, die hier im Internat heimlich trinken. Wenn wir so einen Verdacht auf 'Drogen' haben, dann fragen wir bei der Chefin, ob wir nicht jedes Zimmer kontrollieren können. Das war bis jetzt 63
einmal, seit ich da bin. Da haben wir einiges gefunden: Waffemusatzzeug, Alkohol, Apfelkorn und Schnaps. Mit Drogen war zu Anfang mal was, aber das hat sich wieder gelegt, das kommt auch oftmals dann, wenn sie keinen mehr haben, mit dem sie reden können. ... Wie wir mit solchen Sachen dann umgehen, das liegt bei uns. Wir reden dann mit den Jugendlichen, wenn es sein muß auch die ganze Nacht. Ob die Jugendlichen etwas nehmen, wenn sie am Wochenende zu Hause sind, das entzieht sich meiner Kenntnis." „In Internaten gibt es schon Probleme mit Alkohol, aber das hält sich in Grenzen. Wir machen da viele Gespräche, reden darüber, was Regeln denn für eine Bedeutung haben, vermitteln nicht Autorität sondern das Notwendige für das menschliche Zusammenleben. " „ Wenn solche Dinge auftreten, sind das eindeutig psychisch-soziale Probleme, für deren Bearbeitung man keine Kompetenz und keine Mittel hat. Die Erzieher leiden dann in ganz besonderem Maße darunter, da sie noch nicht einmal über restriktive Mittel wie im Ausbildungsbereich verfugen. Wenn es zu gravierend ist, was der Jugendliche anstellt, z.B. hatten wir ein Mädchen das die Toiletten in Brand setzte, die durfte dann für 4 Wochen weder zur Ausbildung noch ins Internat kommen. Oftmals hilft dann das Reden auch nicht mehr, dann muß man etwas tun, was den Jugendlichen schmerzt. Wenn wir hier oben Sanktionen aussprechen, ist das total uninteressant für die Jugendlichen. Interessant wird das erst, wenn es von der Chefin oder vom Sozialberater kommt. " Elternarbeit Elternarbeit ist, wenn sie durchgeführt wird, primär eine Aufgabe des Sozialdienstes und des Internats. Grundsätzlich werden die Eltern als zentraler Einfluß auf die Befindlichkeit des Jugendlichen gesehen. Viele Erzieherinnen und Erzieher wünschen sich zwar mehr Informationen über das Elternhaus, Kontakte beschränken sich allerdings nur auf die interessierten Eltern und sind sporadischer Art. „ Überwiegend wird der Kontakt gehalten von den Sozialpädagogen. Wir haben auch Kontakt, wenn die Eltern die Jugendlichen abholen oder wieder bringen. Dort, wo es Probleme mit den Kindern gibt, da reden wir mit dem Soz.-Päd. und der baut dann unsere Probleme mit ein in das Gespräch mit den Eltern." „Der Kontakt zum Elternhaus wird durch die Sozialberater aufrechterhalten. Auch versuchen wir, die Eltern zum Tag der 'Offenen Tür' heranzuholen, damit wir mal die Gelegenheit haben, mit ihnen zu sprechen. Wenn es Probleme gibt, dann fährt die Sozialberaterin auch zu den Eltern hin. " „Es findet jedes Jahr ein Elterntag statt und da waren von den 14 Hauswirtschaftlern 3 Eltern da, das spricht für einen schlechten Kontakt. Auch erzählen die Mädchen nicht viel von zu Hause und von daher glaube ich, daß da auch viele Probleme liegen. " „Den Kontakt mit den Eltern haben wir nicht, wobei es bei manchen schon sehr interessant wäre, um einordnen zu können, woher bestimmte Verhaltensweisen kommen. Was wir machen können ist, daß wir zum Sozialberater gehen, der weiß schon eher mal Bescheid, da er auch mit den Eltern spricht. Eigentlich sollten wir da mit dazu geholt werden, was dann aber oft nicht passiert. " Ansätze der Elternarbeit bestehen darin, daß Eltern zu den Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Hierbei möchte man sich ein Bild über die „Hintergrundsbelastungen" der Jugendlichen machen. Weiterhin werden jährlich Elterntage durchgeführt, wobei allerdings fast ausschließlich die motivierten Eltern erreicht werden können. Mit diesen Eltern ist ein Kontakt 64
relativ einfach zu halten, z.B. bei Heimfahrtwochenenden, mit Telefonaten, etc. Für Jugendliche, die besondere Probleme haben, wird versucht, die Elternarbeit zu intensivieren. "Bei den Lernbehinderten wird mindestens ein Hausbesuch angestrebt." - "Wir versuchen, Kontakt mit den Eltern zu halten - vor allem bei minderjährigen Jugendlichen." Die Stellungnahmen zur Notwendigkeit und Möglichkeit des Kontakts und des Einbezugs der Eltern in die Arbeit der Einrichtungen, wird ambivalent bewertet und ist zudem mit praktischen Schwierigkeiten verbunden. „Ich neige dazu, daß das Loslösen vom Elternhaus für die Jugendlichen in diesen Altersgruppen sehr positiv ist. Bei all dem, was im Internatsleben schön und weniger schön ist, die Jugendlichen kommen zu einer anderen Selbständigkeit. Gerade bei den Jugendlichen mit Behinderungen habe ich festgestellt, daß dort wo die Elternhäuser funktionieren, sie die Jugendlichen nicht loslassen, die Eltern meinen, das Beschützen wäre für die Jugendlichen gut. Aber mit diesem Schutz wird die Persönlichkeit der Jugendlichen zu sehr eingeengt, zu sehr behütet. Aus diesem Grunde wäre ein Wohnen außerhalb des Elternhauses sehr begrüßenswert, denn oft sind die Jugendlichen zu unselbständig, sodaß dann auch spätere Partnerschaften zum Scheitern verurteilt sind. " „Ab und zu melden sich die Eltern, aber dort wo es notwendig wäre, da besteht zu den Eltern kein Kontakt. Das liegt wohl an den weitverstreuten Wohnlagen der Eltern. Wenn die Eltern dann mal hier sind, dann haben sie Kontakt zum Ausbilder und zum Sozialpädagogen, nicht zum Internat, das ist hier so geregelt, leider. " Problematischer noch als die geringe Erreichbarkeit der Eltern ist die Tatsache, daß die Mehrzahl der Elternhäuser als „schwierig" eingeschätzt wird. Gerade mit den Eltern, deren Kinder die größten Probleme haben, ist ein Kontakt nicht herzustellen. Probleme im Internat Unter den Problemen, die die Erzieherinnen und Erzieher im Internatsbereich benennen, haben Probleme der Qualfikikation und Weiterbildung einen hohen Stellenwert - wie in Abschnitt 2 gezeigt,. Daneben sieht man Arbeitserschwernisse in: - schlechten Räumlichkeiten, - der unklaren Rolle des Internats im Bildungsprozeß, - der Ausgrenzung der Erzieherinnen aus dem Ausbildungsgeschehen, - den zeitlichen Arbeitsbedingungen. Durch die Einrichtung der „Sozialberater" in den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen und durch den Einsatz von Sozialpädagogen verlieren die Erzieherinnen und Erzieher einen Teil ihrer pädagogische Aufgaben. „ Der Sozialpädagoge hat den engeren Kontakt zu Jugendlichen, weil er ja auch den ganzen Tag da ist. Ich fühle mich etwas an den Rand gedrängt. Die Zusammenarbeit ist schon eng, aber die Tätigkeit des Erziehers wird nicht ganz so ernst genommen, wie ich mir das vorstelle. " Zu den Planungsperspektiven im Internatsbereich gehören die Einrichtung von mehr Außenwohngruppen, die Verringerung der Gruppenstärke in den Internaten und andere Maßnahmen, 65
die eine „Kasernierung" in den Internaten auflösen und den Jugendlichen mehr Selbständigkeit ermöglichen. "Ich plädiere mehr für Außenwohngruppen. Sinnvoll wären gestaffelte Wohnformen. Das wäre die Vorstellung. Zu Beginn gestaffelte Wohnformen-Zuteilung und im Laufe der Ausbildung hin zur Selbständigkeit. Das fehlt. Es ist Thema in den Gremien. " „Da soll ein Betreuer für die Gruppe zuständig sein, es sollen eben kleinere Gruppen entstehen. Die kleine Gruppe ist dann das Hauptaktionsfeld des Betreuers, aber er betreut auch die anderen in der Schicht noch mit." „ Es braucht andere Wohnformen. Die selbständige Wohnform für 6 Jugendliche läuft wunderbar. Deshalb wird überlegt, statt einem der geplanten Wohnhäuser (das 2-3 Millionen kostet) in der Stadt etwas anzumieten. ... Die Jugendlichen lernen dann selbständig zu wohnen und sich zu versorgen, leben m der hörenden Umwelt und das klappt. Das klappt, das wollen sie auch. " „ Wir haben keine Außenwohngruppen, aber es wird nun versucht, mit angemieteten Wohnungen differenziertes Wohnen zu ermöglichen, vor allem auch, um schwierige Jugendliche intensiver betreuen zu können, um hier die Abbruche der Ausbildung zu reduzieren. " Die Stellungnahmen der Jugendlichen zum Leben im Internat sind durchgängig positiv. „Nach den Baumaßnahmen (Renovierung) gefällt mir hier alles gut. Mit meinem 2-Bett-Zimmer bin ich sehr zufrieden, auch das gemeinsame Kochen in der 4ergruppe - es gibt Geld vom BBW - gefällt mir. " -" Im Intenat ist es gut, die kümmern sich. Auf der Selbständigen-Etage werden wir nicht kontrolliert. Wir machen auch alles selbst sauber. " - „Jetzt ist es geräumiger und bequemer. Sicher ist das BBW eines der modernsten, das haben die sich vom Westen sicher abgeguckt." „Die Räumlichkeiten im Internat finde ich ok. Die Freundin darf mit aufs Zimmer, nach einem Jahr kann man das Zimmer mit ihr teilen. " - „Hier ist es sehr gut. Ich hatte die Möglichkeit, hier mit meiner Freundin in ein Zimmer zusammenzuziehen. Wir haben ein Zimmer im Rahmen einer Wohngruppe. Eigentlich sind die nach Geschlechtern getrennt, unsere ist die erste gemischte, war vorher eine reine Mädchengruppe." 5.6 Sozialdienst Der Sozialdienst in den Berufsbildungswerken ist im wesentlichen für die folgenden Aufgabenbereiche zuständig: - das Aufnahmewesen; - als Bezugsperson der Jugendlichen für Behördenkontakte; - die interne Koordination; - für Jugendliche, um etwas zu koordinieren; - als Organisator der Pädagogischen Konferenzen; - für die Öffentlichkeitsarbeit (in einer Einrichtung). In den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen werden die Aufgaben, die sich auf den einzelnen Jugendlichen beziehen (vor allem Behördenunterstützung) von den Sozialberatern wahrgenommen. Die Sozialberater sind zugleich in hohem Maße mit der pädagogischen Betreuung der Jugendlichen beauftragt. 66
In diesen Einrichtungen sieht der Stellenschlussel des Arbeitsamtes einen Sozialberater für 24 Jugendliche vor Ein Sozialpadagoge betreut im allgemeinen 2 oder 3 Ausbildungsgruppen Die Sozialpadagogen nehmen einerseits Koordinierungsaufgaben wahr, andererseits sind sie mit der Inidvidualbetreuung der Jugendlichen befaßt Zu ihren Aufgaben zahlen im einzelnen - die enge Betreuung der Jugendlichen im Ausbildungsgeschehen, - die Freizeitgestaltung der Jugendlichen, - die Unterstützung der Heimerzieher, - die Mittlerrolle zwischen Jugendlichen, Ausbildern und Erziehern „Hat der Jugendliche private Probleme, die im Heim ersichtlich werden, dann erfahre ich davon über den Sozialpadagogen, da der einen engen Kontakt hat zum Heim Er ist so auch der Mittler zwischen uns und dem Heim " - „Ich kümmere mich um die Probleme jedes Einzelnen, Ausfüllen von Formularen, Schwangerschaften, Kontakt mit den Eltern, auch der Besuch, wenn diese zu den Elternbesprechungen nicht kommen und dann der Freizeitbereich, Veranstaltungen durchzufuhren, eben auch der persönliche Kontakt, wo sich der Jugendliche die Probleme von der Seele reden kann " Die Funktion des Sozialberaters wird in allen sonstigen Rehabihtationseinnchtungen als positiver Ansatz für eine ganzheitliche Betreuung der Jugendlichen gewertet „ Wenn persönliche Probleme auftreten, die nicht in die Gruppe gehören, dann kann das der Sozialberater mit dem Jugendlichen besprechen Seme Rolle ist ganz wichtig Von ihm werden Probleme, die in die Ausbildung mithmeinspielen, aber nicht direkt dazu gehören, angegangen In der Gruppe kann man das nicht so ohne weiteres angehen, denn es ist auch nicht so gut, wenn die Gruppenmitglieder alles voneinander wissen Der Sozialberater kann hier helfen, Ängste, die entstanden sind, abzubau- en " "Das ist ein sehr sinnvoller Ansatz Weil sie den ganzen Tag mit Ver- und Geboten gegängelt werden, also in der Schule müssen sie still sitzen, richtig schreiben, die Pausen müssen sie einhalten, und in der Ausbildung ist es nicht anders, da kriegen sie ihre Arbeitsaufgabe und da müssen sie dranbleiben und im Heimbereich ist es ähnlich, sie dürfen nach 22 Uhr nicht mehr das und jenes In unserem Bereich entscheidet jeder selbst, wie lange er bleibt, und wie lange er nicht bleibt, das ist so ein bißchen ein Ausgleich und Freizügigkeit " „Man spricht mit den Jugendlichen Hat aber die Möglichkeit auf Ruckgriff zum Psychologischen Dienst Maßnahmen sind u a Gruppendiskussionen Gruppenfahrten über mehrere Tage Positiv wirken sich auch die standigen Hospitationen am Arbeitsplatz aus, wo einzelne Jugendliche am Arbeitsplatz beobachtet und dann auch unterstutzt werden können " „ Ziel ist die langfristige Betreuung eines Jugendlichen durch einen Sozialberater Es reicht für die Jugendlichen, daß der Ausbilder von Gewerk zu Gewerk wechselt, da muß er wissen, daß eine Person ihn standig begleitet " Die Sozialpadagogen arbeiten sehr eng mit Stutzlehrern und Ausbildern zusammen Sie bilden eine organisatorische Einheit, in deren Rahmen sie sich in einem standigen, auf den Ausbildungs- und Lernkontext und die Entwicklung der einzelnen Jugendlichen bezogenen Austausch befinden „Der Kontakt ist super Das funktioniert hier bei uns ganz gut Wir drei Ausbilder und der Sozialberater haben die gleichen Vorstellungen von dem wie das hier laufen soll Bei organisatorischen Sachen, da treffen wir uns und besprechen das Oftmals sitzt der Sozialberater mit im Unterricht, macht die Sachen mit und hat so eben auch einen tollen Kontakt zu den Jugendlichen Alles was anliegt, wird mit allen besprochen " 67
„ Wir sitzen alle in einem Büro: Ausbilder, Stützlehrer und Sozialpädagogen und arbeiten sehr eng zusammen. Wir arbeiten räumlich und inhaltlich eng zusammen und das hat sich als sehr gut erwiesen. " Die Sozialberater sind Kontaktperson sowohl zu den Eltern, zu Ämtern als auch zu den Lehrern in der Berufsschule. Sie fungieren als Mittler zwischen Ausbildungsbereich und Internat. Dieses - wohl aus der Not geborene - Konzept hat vieles für sich. Es kann aber auch, wenn die Sozialberater in diesem Rahmen den Jugendlichen nicht genügend Raum zur Entwicklung von Selbständigkeit und Individualität lassen können oder sie selbst nicht genügend Unterstützung zur Entwicklung dieser Qualifikation erhalten, zu Unselbständigkeit und Abhängkeit bei den Jugendlichen fuhren. Die Sozialberater stellen also einerseits eine zentrale Integrationsperson dar, die den Jugendlichen im Ausbildungskontext zuverlässig zur Verfügung steht. Andererseits marginalisieren sie die weniger qualifizierten, auf den Freizeitbereich festgelegten Erzieherinnen im Rahmen der Institution noch mehr. Konflikte zwischen diesen beiden Bereichen sind strukturell angelegt 5.7 Medizinischer Dienst Gespräche mit dem medizinischen Dienst in den Einrichtungen wurden im Rahmen des vorliegenden Projekts nicht durchgeführt. Seine Rolle und Bedeutung kam in den Interviews mit den übrigen Partnern zur Sprache. „ Während des Ausbildungsbetriebs werden die Jugendlichen durch die Betriebsärztin betreut - darüber hinaus befindet sich fast noch jeder in fachärztlicher Betreuung. Eine direkte Betreuung am Arbeitsplatz gibt es nicht. " - „Hier sind zwei Schwestern, die können einen krankschreiben. Aber ansonsten sagen die auch bloß, geh eventuell zum Arzt. Ich gehe gleich zum richtigen Arzt." - „ Den medizinischen Dienst gibt es hier nicht, wir haben nur 2 Krankenschwestern. " - „ Der medizinische Dienst ist momentan dem Internat zugeordnet, da auch die Krankenstation im Internat gebaut wird. Wir kaufen die medizinische Leistung ein durch niedergelassene Ärzte und durch die Universität und zwei Krankenschwestern koordinieren das. " „Die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Dienst ist sehr gut. Ich bekomme da auch Hintergrundinfos, wenn ich bei einem Jugendlichen unsicher bin. Jedoch nehmen wir das nicht so sehr in Anspruch, weil wir es für unsere Arbeit nicht so direkt brauchen. Wir sprechen miteinander, wenn der Bedarf besteht. " „ Wenn sie keinen Bock haben, dann gehen sie zum Arzt und lassen sich krankschreiben, manchmal begreife ich das nicht ganz. Manchmal kommt auch die Schwester hierher und will einen sprechen. Zusammenarbeit in dem Sinn haben wir nicht, aber wenn wir Rat brauchen, bekommen wir das auf jeden Fall." „Mit dem medizinischen Dienst speziell, da ist zum einen der Eindruck vorhanden, daß der Mediziner sagt, das ist ein psychisches Problem, da kümmern sie sich mal drum, da wird dann so abrupt bestimmt, daß sie dafür nicht zuständig sind. Das gefällt mir nicht so sehr. Es hat sich jetzt aber schon etwas verbessert, weil wir eine Neurologin bekommen haben. " 68
„ Wir arbeiten mit einer Amtsärztin zusammen, die zum Teil die Jugendlichen auch aus der Förderschule kennt. Die kommt regelmäßig, und wir schicken auch jeden Jugendlichen zu ihr zur Untersuchung. Das hat sich ganz gut bewährt. Ihre Ergebnisse wertet sie dann mit den Sozialpädagogen aus. Somit ist diesbezüglich der Bedarf gedeckt. " 5.8 Förderlehrgang Mit Ausnahme von einer Einrichtung werden in allen Einrichtungen Förderlehrgänge angeboten. In den Berufsbildungswerken werden Fl Förderlehrgänge durchgeführt. In den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen werden auch Lehrgänge der Stufe F2 für die leistungsschwächeren Jugendlichen durchgeführt, die auf den Übergang in eine Werkstätte für Behinderte vorbereiten sollen; in Ausnahmefällen gelingt es dabei, die Jugendlichen über eine längere Förderungszeit auf eine berufliche Ausbildung vorzubereiten. Die Durchführung der Förderlehrgänge wird für die Jugendlichen und für die Integration der Jugendlichen in die Einrichtung sehr positiv beurteilt. Zuweilen gibt es Probleme, wenn man Jugendliche aus dem Förderlehrgang einer anderen Einrichtungen übernehmen muß. "Man beginnt dann nicht mit dem ersten Tag Ausbildung - sondern mit der Integration in die Einrichtung. Am besten wird empfunden, wenn die Jugendlichen schon hineingewachsen sind - und man dann mit ihnen arbeitet. " - „ Eigentlich müßten die meisten Jugendlichen den Förderlehrgang durchlaufen, besonders die von den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen, denn sie sind überhaupt nicht ausbildungsfähig." Die Ausbildungskapazitäten im Rahmen der Förderlehrgänge sind in den einzelnen Einrichtungen unterschiedlich hoch. Ihr Anteil an allen Ausbildungsplätzen (Auszubildende und Jungendliche in Förderlehrgängen) reicht von 10 bis 45 %. Dieser Anteil ist in den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen deutlich höher als in den Berufsbildungswerken, in denen häufig die geringe Ausstattung mit Plätzen für Förderlehrgänge beklagt wird. Einrichtung Anteil Jugendliche in Förderlehrgängen am Gesamt der Plätze in den Einrichtungen* Einrichtung 1 10 % Einrichtung 2 29 % Einrichtung 3 22 % Einrichtung 4 30 % Einrichtung 5 12 % Einrichtung 6 38 % Einrichtung 7 12 % Einrichtung 8 13 % Berufsbildungswerke gesamt 21 % Einrichtung 9 42 % Einrichtung 10 43 % Einrichtung 11 45 % Einrichtung 12 29 % Sonstige Rehabilitationseinrichtungen gesamt 38 % Insgesamt 28 % 69
6 Zugang zu der Einrichtung 6.1 Zuweisungsmodalitäten Der Zugang zu den Rehabilitationseinrichtungen erfolgt über das Arbeitsamt. Die Beratung durch das Arbeitsamt wurde von den Jugendlichen in vollem Maße in Anspruch genommen. Kaum einer der befragten Auszubildenden hatte sich selbst um einen Ausbildungsplatz bemüht, sondern sich angesichts des Abbaus von Arbeits- und Ausbildungsplätzen ganz auf die Leistungen des Arbeitsamtes verlassen. Im allgemeinen ging die Vermittlung schnell und zügig und auch zur Zufriedenheit der Jugendlichen. Aus den Aussagen der Jugendlichen wird deutlich, daß man sich stark bemüht hat, die Jugendlichen nicht ohne Perspektive zu lassen, und ihnen, wenn eine Vermittlung in eine Ausbildungsmaßnahme nicht möglich war, eine Teilnahme an einer Vorbereitungsmaßnahme zu ermöglichen. "Beim Arbeitsamt in ... haben sie einen Test gemacht, so Matheaufgaben und anderes, ob ich tauglich bin. Die Beratung war gut, die haben sich tierisch um mich gekümmert. Meine Eltern haben mich auch unterstützt. Erst wollte ich in Schwerin eine Ausbildung zur Floristin machen, aber das war zu schwer, man mußte schon alles aus der Botanik können. Das konnte ich nicht. " Die Zuweisungsmodalitäten in die Einrichtungen sind klar geregelt. Die Berufsberater der verschiedenen Heimatarbeitsämter entwickeln zusammen mit den Jugendlichen den Berufswunsch - hierbei wird auch der Rehabilitationsstatus festgestellt - und suchen nach Ausbildungsplätzen. Ziehen sie eine Ausbildung in einer der in Frage kommenden Einrichtungen in Betracht, schikken sie die Bewerbungen zum jeweiligen Maßnahmearbeitsamt, das die Jugendlichen nach Prüfung der Unterlagen in die Berufsbildungswerke und in die sonstigen Rehabilitationseinrichtungen weiterleitet. „ Es kommen die Jugendlichen, die aufgrund der Beurteilung von Arbeitsamt, Psychologischem Dienst und medizinischem Dienst dort in der Lage sind, nach einem Jahr Förderung eine Berufsausbildung zu beginnen. Es kommen aber auch solche für den Förderlehrgang 2, wo die begründete Aussicht besteht, daß sie für den Arbeitsmarkt vorbereitet werden können. Das ist nicht notwendigerweise an eine Ausbildung gebunden, aber es müssen so viele Fertigkeiten vorhanden sein, daß man sagen kann, mit der nötigen Übung wird das ein guter Arbeiter. " „ Die Zuweisung entscheidet das Arbeitsamt, wir bekommen eine Akte und können lediglich aufgrund der Aktenlage ein Veto einlegen. Demgemäß, daß wir sagen, dieser Jugendliche kann aus Gründen die mit unserer Einrichtung zusammenhängen, nicht aufgenommen werden. " „Das macht das Arbeitsamt, da haben wir keinen Einfluß. Der Berufsberater im Arbeitsamt sucht die Plätze aus. Wir geben dem Arbeitsamt eine Aufstellung über die uns zur Verfügung stehenden Plätze, das ist alles, aber wir haben nicht die Macht zu sagen, den nehmen wir nicht, oder den nehmen wir. " „Soviel ich weiß, ist die Betreuungssituation Jugendlicher dieser Art sehr begrenzt, so daß wir auch keinen Jugendlichen hier ablehnen, wir nehmen alle. Insoweit erübrigt sich im Moment die Eingangsdiagnostik. " „Die Voraussetzungen dafür, ob der Reha-Berater einen Jugendlichen hierher oder in ein BBW überweist, hängt ab von der Art der Behinderung. Ist ein Jugendlicher hörgestört, spastisch, sehbe- 70
hindert etc., dann fällt dem Rena-Berater immer ein BBW ein, das spezialisiert ist auf solche Behinderungen. Ist die Behinderung dagegen ein bißchen diffus, dann kommt der Jugendliche in eine sonstige Rehabilitationseinrichtung. Wen das Arbeitsamt nicht zu uns schickt, das weiß ich nicht, ich weiß nur wen sie schicken. Auch sind sie überzeugt, daß sie uns die leichteren Fälle schicken. Denn die BBWs sind von der personellen Ausstattung besser bestückt als wir hier, gerade was die psychologischen Dienste anbelangt." Das geschieht durch Zuweisung durch das Arbeitsamt. Wir haben Absprachen mit dem Arbeitsamt, so daß diese auch wissen, wieviele wir nehmen können und welche Bereiche wir ausbilden. Ansonsten nehmen wir die, die für uns vorgesehen sind, wir schauen da vorher nicht die Unterlagen an. " Unter welchen Kriterien in der Praxis in die Berufsbildungswerke oder in sonstige Rehabilitationseinrichtungen eingewiesen wird, konnte nur im Ansatz ermittelt werden. "Theoretisch ist dafür die Schwere der Behinderung maßgeblich. BBWs sollten die schwerer Behinderten nehmen, weil sie die bessere Ausstattung an medizinischem und psychologischem Personal haben. Auch baulich sind sie besser ausgestattet." „Im Prinzip sind uns die Jugendlichen, die wir haben, territorial zugewiesen worden. Das geht bis zu 80 km im Umkreis. Die meisten kommen aus der näheren Umgebung, 10-20 km entfernt. Diese wohnen dann auch nicht im Internat, sondern fahren nach Hause. " Da keine Befragungen in den Heimatarbeitsämtern durchgeführt wurden, bleiben Fragen über die Zuweisungspraxis und über die Feststellung des Rehabilitationsstatus offen. Dennoch lassen sich aus den Aussagen der Einrichtungen und der Jugendlichen einige Tendenzen erkennen. Die Arbeitsämter haben sich sehr bemüht, den Jugendlichen eine Beschäftigungs- oder Ausbildungsmöglichkeit zu suchen. Im allgemeinen werden die Jugendlichen aufgrund von schriftlichen Informationen an die Einrichtungen überwiesen (Informationen über das Vorhandensein einzelner Dienste, das Angebot der Berufe und die regionale Lage). Die Rehabilitationseinrichtungen bedauern es, daß die Beraterinnen und Berater der zuweisenden Arbeitsämter (der Arbeitsämter am Wohnort der Jugendlichen) wenig oder keinen direkten Kontakt mit ihnen haben. Man wäre gerne bereit, wie verschiedentlich ausgeführt wurde, den Beraterinnen und Beratern eine Besichtigung zu ermöglichen, damit sie sich ein Bild über die Einrichtung, ihrer Ausstattung und ihre Bildungsmöglichkeiten machen können. 6.2 Aufnahme in die Einrichtungen In den Rehabilitationseinrichtungen in den neuen Bundesländern werden nur in sehr seltenen Fällen Jugendliche aus den alten Bundesländern ausgebildet. In allen Berufsbildungswerken wird ein im Prinzip ähnliches Aufnahmeverfahren durchgeführt. Das Berufsbildungswerk erhält die Personalunterlagen vom zuständigen Maßnahmearbeitsamt zur Einsicht. Sie werden dann innerhalb des Berufsbildungswerks durch die verschiedenen Abteilungen geprüft. Daraufhin tagt das Aufnahmeteam des Berufsbildungswerks, wobei (meistens mit dem Fachberater des Arbeitsamts) entschieden wird, ob die Aktenlage für eine Entscheidung ausreicht oder ob noch weitere Unterlagen oder ein persönliches Gespräch notwendig sind. Bei Bedarf werden Tests durch den Psychologen durchgeführt. Manchmal wird auch eine Erprobung im geplanten Ausbildungsbereich angesetzt. Ein Teil der Jugendlichen wird in den Förderlehrgang aufgenommen. 71
ihren weiteren Lebensweg. Vor allem für körperbehinderte Auszubildende stellte der Berufswahlprozess eine Konfrontation mit ihrer Behinderung und der durch sie bedingten und erzwungenen Einschränkung des Berufsspektrums dar. Da die Nähe des Heimatortes für die Jugendlichen sehr wichtig ist, kann in der derzeitigen Phase die der Netzplanung zugrundeliegende Idee, das Entscheidungsspektrum durch ein national breitgefächertes Berufsangebot zu erweitern, nur in sehr eingeschränktem Maße genutzt werden. Einige der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Rehabilitationseinrichtungen halten zusätzliche und differenziertere Hilfen bei der Berufswahl für notwendig und sinnvoll: „ Was wir noch intensiver betreiben wollen, das ist eine Arbeitserprobimg, in der die Jugendlichen 14 Tage hier die Einrichtung durchlaufen, bevor sie zu uns kommen, um festzustellen, wo denn ihre Eignungen liegen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, um sie so auch beraten zu können. " „Die Jugendlichen wählen meistens Berufsfelder, in deren Rahmen man sie zu orientieren sucht. Es ist eigentlich selten, daß die Jugendlichen ganz konkrete Berufswünsche haben. Allerdings gab es einen starken Ansturm auf die Büroberufe, während im gewerblich-technischen Bereich die Nachfrage nicht so stark ist. Hier versucht man dann auch umzulenken. " „ Oftmals entscheiden sich die Jugendlichen nach den Sympathien zu den Ausbildern in welchen Berufsausbildungszweig sie gehen, da reden wir dann mit ihnen, machen ihnen klar, daß sie schon auch dem Berufswunsch entsprechend eine Entscheidung treffen sollen. " Aufnahme von schwereren Behinderungen /Pflegefällen Die Aufnahme von jungen Menschen mit Behinderungen, die pflegebedürftig sind, wird derzeit in den Rehabilitationseinrichtungen als problematisch betrachtet, auch wenn eingeräumt wird, daß insbesondere stärker körperbehinderte Jugendliche aufgenommen werden könnten, sofern die Bedingungen dafür gegeben sind. "Da tritt dann das Problem auf, daß uns dazu die Ausbildung fehlt." - „Stärker Körperbehinderte, das könnte ich mir vorstellen. Allerdings brauchten wir da andere Hilfsmittel, denn die gibt es hier nicht. " - „ Schwerer körperbehindert, das ginge, schwerer lernbehindert, wenn es um psychiatrische Fälle geht, dann würde ich sagen nein, denn dazu sind die BBWs nicht konzipiert, dazu sind sie zu groß" Junge Menschen mit psychischen Behinderungen stellen aus Sicht der Befragten eine weitere Problemgruppe dar, zu deren Ausbildung man sich gegenwärtig aber noch nicht in der Lage sieht. "Ja, das ist uns klar, daß der psychisch Behinderte die größten Anforderungen an alle Verantwortlichen stellt, das ist auch als Aufgabe angedacht, aber dazu muß natürlich auch das gesamte Personal vorbereitet und geschult werden." - „ Das wäre denkbar aber nur bei einer entsprechenden Stellenbesetzung. Auch im technischen Bereich müßten dann andere Sicherungen etc. vorhanden sein. " In einem Berufsbildungswerk sah man sich trotz Angeboten des Landesarbeitsamts aufgrund fehlender räumlicher Möglichkeiten und fehlender Fachkräfte nicht zur Aufnahme von pflegebedürftigen körperbehinderten Jugendlichen in der Lage. 78
7 Die Situation der Jugendlichen Die im Rahmen der Untersuchung befragten Jugendlichen äußerten sich durchweg positiv über ihre Situation in den Rehabilitationseinrichtungen, auch wenn sie Defizite und Mängel in einzelnen Bereichen anführten. In der Befragung der Betreuerinnen und Betreuer im Internatsbereich und der Sozialberater wurden Informationen zur Motivation und zu den Problemen der Jugendlichen allgemein zusammengefaßt. Die Probleme der Jugendlichen, mit denen sich die Fachkräfte auseinandersetzen, sind in erster Linie: - die Behinderung und der Umgang mit der Behinderung; - das Verhältnis zwischen Selbständigkeit und Überversorgung der Jugendlichen; - die Integration der Jugendlichen in die Einrichtung, in die Gruppe und in die Gemeinschaft der anderen Jugendlichen. Die finanzielle Situation bringt teilweise Schwierigkeiten mit sich. „ Die Auszahlung der Ausbildungsvergütung als Pauschalbetrag, der nicht mehr als Ausbildungsgehalt zu erkennen ist. Häufig wird den Auszubildenden nicht klar, daß von ihrem Ausbildungsgeld das Wohngeld/Internatsgeld abgezogen wird. Als knapp werden die 160 DM auch insofern angesehen, als es Auszubildende gibt, deren Eltern so wenig Einkommen haben, daß auch die 160 DM zum Familieneinkommen beigetragen werden müssen." Lange Anfahrtszeiten bedeuten für viele Jugendliche Erschwernisse im Tagesablauf. Sie resultieren bei Pendlern aus weiten Entfernungen zwischen Wohnung und Ausbildungsort, für viele Auszubildenden aus langen Wegen zwischen Berufsschule und Ausbildungsstätte bzw. Internat. Alkoholprobleme treten in allen Einrichtungen auf, jedoch werden sie nicht als das gravierendste Problem betrachtet. Der Umgang damit beschränkt sich in der Regel auf restriktive Maßnahmen und auf die Durchsetzung von Disziplin. So wird in einer Einrichtung bei vermutetem Alkoholkonsum mit einem Alkoholtester der Alkoholspiegel getestet. Bei 0,1 Promille gibt es Ausbildungsverbot an dem betreffenden Tag, bei 0,5 Promille werden disziplinarische Maßnahmen gegen den Jugendlichen eingeleitet. Ansonsten wird dieses "Problem" vorwiegend auf den Freizeitbereich und in die Verantwortung der Erzieherinnen 'verschoben', die sich damit ihrerseits überfordert fühlen. Aus Sicht der Betreuerinnen und Betreuer haben viele, vor allem lernbehinderte Jugendliche, große Probleme mit ihren Elternhäusern. „Dies sind nicht nur materielle Probleme, sondern häufig beeinflußt das Elternhaus z.B. durch Geringschätzung die sowieso schon labile Motivation der Jugendlichen negativ. " Daneben setzt man sich mit einer Vielzahl an individuellen Problemen der Jugendlichen im Schul- und Ausbildungsbereich sowie in der Freizeit auseinander. „ Das erstreckt sich auf Prüfungsängste, Streßerscheinungen, psychosomatische Beschwerden, die mit Streßerscheinungen zusammenhängen, Partnerschaftskonflikte, Sexualität, Probleme mit dem Elternhaus, Scheidungsprobleme im Elternhaus, die sich teilweise sehr negativ auswirken, bis hin zu Suizidgedanken, Depressionen." 79
Motivation der Jugendlichen Die Motivation der Jugendlichen wird durch verschiedene Einflußfaktoren positiv oder negativ beeinflußt. Negativ wirken sich die eingeschränkten Möglichkeiten bei der Berufswahl und die Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt aus, insbesondere in Berufsfeldern, in denen es nur sehr geringe Vermittlungsquoten gibt. Diese Motivationsprobleme schlagen in der Ausbildungsphase nach dem zweiten Ausbildungsjahr zu Buche. Häufig werden diese negativen Effekte durch die konkreten Erfahrungen der Jugendlichen oder die Arbeitslosigkeit von Eltern und Bekannten verstärkt. "Es ist ja meistens ein Sollen/Wollen bei der Berufswahl, weil die Auswahl nicht sehr groß ist, von dem sie genau wissen, da ist genau der Beruf, wo Bekannte schon arbeitslos sind. Da geht schwer was los, es gibt immer wieder Einbrüche, weil der Glaube an den Sinn des Zieles fehlt." Motivationsprobleme während der Ausbildung resultieren aus Auseinandersetzungen mit der Behinderung und aus anfänglich zu hohen Erwartungen an die Ausbildung. Eine positive Motivation entwickeln Jugendliche, für die die Aufnahme in die Einrichtung eine Möglichkeit zur Durchfuhrung einer Berufsausbildung darstellt und die dies als wirkliche Chance begreifen. „Die größten Probleme der Jugendlichen sind wohl milieubedingt. Die Lernschwierigkeiten der Jugendlichen wären meines Erachtens nicht so groß, wenn die sozialen Probleme nicht so groß wären. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die Jugendlichen, die im Förderjahr zu der eigenen Überzeugung kommen, ja ich will diesen Beruf machen', daß die ganz gut abschneiden. " Vor allem bei lernbehinderten Jugendlichen ist es notwendig, die fehlende Lernmotivation als behinderungsbedingt zu erkennen, sie als solche zu akzeptieren und auf sie einzugehen. Mangelnde Lernmotivation äußert sich insbesondere als "Schulfrust". "Hier ist der Förderlehrgang so wichtig, wo man weniger auf den Lehrplan und die Noten schaut, sondern ein positives Verhältnis zur Schule aufbaut." „Die Motivation ist eigentlich sehr gut. Sie lernen gerne und übernehmen auch gerne zusätzliche Aufgaben. Vor der Schule besteht eine gewisse Angst und so müssen wir nach anderen Formen suchen, um nicht unbedingt dieses Schulklima zu haben. " „Ja, da müßte ich irgendwas tun, lernen oder so, aber dazu fehlt mir vielleicht ein bißchen mehr Freizeit im Internat. Ich hob zwar genug Freizeit, aber da habe ich meistens keinen Bock, was zu machen. " „Lernmotivation besteht innerhalb der Arbeitszeit. Ansonsten ist damit nicht zu rechnen. Irgendwie ist das ja zu verstehen - auch wenn ihnen der Beruf selbst dann schon Spaß macht. " „In der Ausbildung werden die Ängstlichen ständig ermutigt und auch mehr gelobt als die Vorlauten. Diese Anerkennung vor der Gruppe brauchen sie. Manchmal geben wir ihnen auch Aufgaben für zu Hause, zum Beispiel: 'Koch mal ein Mittagessen', und diese Anerkennung, die sie dann von zu Hause bekommen, die ist so wichtig für sie, daß sie sich auch in der Ausbildung widerspiegelt. " Die Ansätze zur Förderung der Motivation, die in den Einrichtungen durchgeführt werden, sind vielfältiger Art, da auch die Probleme auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind. Eine 80
zentrale Maßnahme ist es, den Jugendlichen immer wieder Mut zu machen, ihnen zu zeigen, wie gut sie sich entwickelt haben „Die Motivation wird erhöht durch diesen Stutzunterricht, den wir ihnen geben, wo sie auch sehen, daß sie besser werden, daß sie Erfolgserlebnisse haben Den meisten ist klar, was sie aufs Spiel setzen, wenn sie diesen Ausbildungsplatz verlieren, daß sie dann namhch keine Chancen mehr haben " „Man widmet sich den Problemen des Einzelnen, ohne die anderen zu vernachlässigen, etwas intensiver, das wird auch mit dem Stutzlehrer abgesprochen Auch haben wir schon probiert, Lerngruppen mit anderen Jugendlichen zu machen, aber das gestaltet sich nicht so vorteilhaft, weil die anderen auch ihre ganze Kraft brauchen um selbst durchzukommen Man muß den Jugendlichen nicht unter Druck setzen, damit erreicht man nichts, vielmehr muß man ihm immer wieder Mut zusprechen, ihn loben, etc " „Man muß sehr geduldig sein, denn einige kommen schon und fragen ein und dasselbe 25 Mal, aber irgendwann begreifen auch sie es Mein Bestreben ist es, daß jeder soviel wie nur irgend möglich von dieser Ausbildung mitnimmt Somit lege ich auch Wert darauf daß die Jungs alle Teilgebiete gut beherrschen " „Man muß den Jugendlichen immer wieder aufbauen, appellieren an seine Bereitschaft etwas zu lernen, individuelle Gespräche, manchmal etwas Druck und viel Fingerspitzengefühl, zu wissen wie man den Einzelnen packen kann " Auch die Art des Umgangs zwischen Jugendlichen, Ausbildern, Betreuern und Lehrern sollte motivationsfbrdern gestaltet werden mit fachlich angemessenen Anforderungen einer praxisbezogenen Ausbildung und individueller Forderung Auch auf Disziplin komme es an, mehr aber noch darauf, jeden Einzelnen als Persönlichkeit zu sehen und zu achten Ansprechpartner für Probleme sind in der Regel die Ausbilderinnen und Ausbilder, bei den Madchen häufiger auch Erzieherinnen und Sozialberater Viele Jugendliche legen auch Wert darauf, ihre Probleme selbst zu losen „Ich wurde zu einer Lehrerin gehen, die gleichzeitig Sozialpadagogm ist Sie kommt auch mal von sich aus auf uns zu und gibt auch Hilfe bei schulischen Problemen Wir helfen uns aber zuerst einmal viel untereinander " „ Wenn ich Problem habe, ist es unterschiedlich Gehe mal zur Ausbüdenn, zu den Erziehern eher nicht Es gibt auch eine Gruppenstunde pro Woche mit den Sozialpadagogen „Ich wurde erst zu Freunden, dann zur Ausbüdenn und Erzieherin gehen " "Das ist unterschiedlich, ich rede immer mit vielen Leuten Probleme habe ich ja mehr als genug, oder sagen wir mal so, genug gehabt - die ersten zwei Ausbildungsjahre hatte ich ja nur Probleme mit meinem Freund, bald jeden Tag, da bin ich immer zu einem Haufen Leute gerannt, und das war auch mein Fehler damals, daß ich immer zu viel gesprochen habe Ansprechpartner waren Ausbüdenn, Psychologischer Dienst, Betreuer im Internat, andere Lehrlinge und meine Mutter Zu meinem Psychologen gehe ich wöchentlich oder alle vierzehn Tage, je nachdem wie sein Terminkalender voll ist Bloß meistens ist es immer so wichtig gewesen, daß ich nicht so lange warten konnte, bis der nächste Termin ist " Der Kontakt mit den Ausbildern ist sehr gut, aber beschrankt sich auf die fachliche Seite Bei privaten Problemen wende ich mich nicht an die Ausbilder oder Erzieher Die halten große Moralpredigten, was man hier im BBW machen kann, z B rauchen in den Pausen, was man draußen im Betrieb nicht darf" 81
8 Kooperationsbezüge der Einrichtungen 8.1 Kooperation mit anderen Berufsbildungswerken Alle Berufsbildungswerke und eine der vier sonstigen Rehabilitationseinrichtungen haben Träger, die in den alten Bundesländern neben anderen Bildungseinrichtungen auch die Trägerschaft über weitere Berufsbildungswerke innehaben. Im Rahmen dieser Trägerschaften geschah vor allem in der ersten Aufbauphase ein Wissenstransfer zu den neu aufzubauenden Einrichtungen in den neuen Bundesländern. Anwendung fanden verschiedene Formen des Austausches. Teilweise kamen Mitarbeiter aus Einrichtungen in den alten Bundesländern in die neu entstehenden Einrichtungen. In anderen Fällen hospitierten Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern in den Berufsbildungswerken der Träger in den alten Bundesländern; dies dauerte zwischen einem Tag und mehreren Wochen. Bei diesen Hospitationen und in der Zusammenarbeit hat man sich über die wichtigsten Punkte zur materiellen Ausstattung informiert, hat pädagogische Konzepte, teilweise auch Lehr- und Ausbildungsmaterialien ausgetauscht. In den Austausch mit westlichen Einrichtungen waren vor allem die Berufsbildungswerke einbezogen. In den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen hat ein Wissens- und Informationstransfer selten stattgefunden. Hier wird der Wunsch nach mehr Kooperation und der Möglichkeit zu intensiveren Hospitationen geäußert. „Das Problem ist, daß wir kein BBW sind, und so komme ich auch in andere BBWs nicht hinein. " - „ Wir haben überhaupt keinen Erfahrungsaustausch mit den BBW's. Gremien, in denen ein Austausch stattfinden könnte, sind mir nicht bekannt. " Obwohl das Interesse an einer Kooperation mit gleichartigen Einrichtungen im Westen und in den neuen Bundesländern hoch ist, möchten die Einrichtungen ihren eigenständigen Charakter entwickeln. "Daß eben nicht jede Einrichtung, und wenn sie auch die gleiche Küche haben, eben nicht in ein Muster hineinfällt, das ganze Umfeld ist eben anders, schon von Bundesland zu Bundesland sind die Verhaltnisse schon ganz anders." „Kooperation gibt es mit dem anderen Träger-BBW in den alten Bundesländern - da war fast jeder von uns Ausbildern schon da und da muß man sagen - so viel anders ist es dort auch nicht, und das ist für mich die Bestätigung, daß die Arbeit, die wir hier machen, daß wir hier auf dem richtigen Weg sind." In einzelnen Fällen wird über mangelnde Offenheit und Kooperationsbereitschaft im Kontakt mit gleichartigen Rehabilitationseinrichtungen geklagt. „Auch unser Heimleiter erzählte, daß sich die anderen nicht in die Karten schauen lassen, er hatte nicht die Möglichkeit, ein bewohntes Zimmer anzuschauen, und davon haben wir jetzt auch gelernt, jetzt lassen wir auch keinen mehr herein. Wir waren alle viel zu offen. Erfahrungsaustausch war früher total normal." 82
„ Die halten sich auch bedeckt. Am Anfang waren sie ein bißchen freizügiger, irgendwo muß mal was passiert sein, das wir nicht nachvollziehen können, daß es jetzt nicht mehr so ist. Also so richtig konkrete Hilfen, also wenn es mal Probleme gibt, da bekommt man nichts so schnell. Das sind da so nette Diskussionen, aber die gehen nicht in die Tiefe. Da kommt für unsere Fragen praktisch nichts bei raus." Für die Kooperation unter den Berufsbildungswerken in den neuen Bundesländern existieren regionale Austauschgremien der Arbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke. Analoge Einrichtungen für die sonstigen Rehabilitationseinrichtungen sind nicht bekannt. „Es gibt da den Nordverbund, da haben wir Kontakt mit den anderen, besonders über das Thema Nachbetreuung wurde sich bei der letzten Tagung unterhalten. " „ Wir haben gute Beziehungen zu ..., da machen wir auch mal einen Austausch von Jugendlichen. Zu allen sonstigen Rehabilitationseinrichtungen haben wir gute Beziehungen. Eine Delegation verschiedener Ausbilder war in ... und umgekehrt. Dann Kontakte mit... allerdings mehr sporadisch. " Von verschiedenen Einrichtungen werden dagegen auf Mitarbeiterebene Kooperationsdefizite mit anderen gleichartigen Einrichtungen in den neuen Bundesländern beklagt. „ Kontakt zu diesen Einrichtungen besteht fast nicht. Da kommt wohl der Konkurrenzgedanke zum Tragen. " „Nein, bis jetzt noch kein Kontakt, weil jeder mit sich selber beschäftigt ist, weil jeder im Aufbau begriffen ist, nicht nur rein geistig, sondern auch materiell... überall wird gebaut in den neuen Bundesländern. " „ Wir versuchen das immer, auch mit anderen Einrichtungen in den neuen Bundesländern, aber alle sind in den Anfängen. " Wünschenswert werden Informationen und Abstimmungen im Hinblick auf Weiterbildung und Übermittlung von erworbenem Wissen oder Erfahrungen betrachtet. Zum Teil bestehen Kontakte zwischen einzelnen Berufsbereichen oder Personen. Persönliche und fachliche Kontakte werden bei Fortbildungsveranstaltungen geknüpft. „Durch die Lehrgänge haben wir Beziehungen nach ... Wir waren schon dort und die schon hier. Wir haben da auch telefonischen Kontakt und tauschen auch Unterlagen aus. " 8.2 Kooperation mit der Arbeitsverwaltung Die Kooperation mit der Arbeitsverwaltung erfolgt auf mehreren Ebenen: Mit dem Landesarbeitsamt, den Maßnahmearbeitsämtern und den Arbeitsämtern am Wohnort der Auszubildenden. Auf der Ebene der Landesarbeitsämter finden die Verhandlungen zum Kostensatz statt. Auch der Umfang von Weiterbildungsmaßnahmen und deren Kosten werden auf dieser Ebene festgelegt. Darüber hinaus müssen Veränderungen der Berufspalette mit den Landesarbeitsämtern abgestimmt werden. In zwei Ländern finden regelmäßige Treffen statt, bei denen sich Mitarbeiter der Berufsbildungswerke mit dem Referatsleiter treffen und austauschen können. Diese Möglichkeiten zum Austausch werden als sehr positiv bewertet. 83
Die Kooperation mit den Maßnahmearbeitsamtern bezieht sich vor allem auf die Aufnahme der Auszubildenden und die Finanzierung der Maßnahmen In den Maßnahmearbeitsamtern ist ein Rehabilitationsberater eingesetzt, der für den Kontakt und die Betreuung der Berufsbildungswerke sowie der Jugendlichen zustandig ist Zur Aufnahme eines Jugendlichen ins Berufsbildungswerk meldet das Heimatarbeitsamt die Jugendlichen beim Maßnahmearbeitsamt an Dieses meldet die Jugendlichen dann in der Rehabilitationseinrichtung an und gibt die Anmeldungen sowie die Akten dorthin weiter In den Rehabilitationseinrichtungen ist man an einer engen Kooperation mit den Maßnahmearbeitsamtern interessiert Positiv bewertet wird eine Maßnahme wie die folgende „Ich mache selbst Fortbildungen für die Rehaberater des Arbeitsamtes Die Rehaberater und die Psychologen der Arbeitsamter werden hierher eingeladen " Wichtig sind informelle und weniger bürokratische Kontakte „Alles Schriftliche lauft jedoch über und da bin ich in der glücklichen Lage, daß ich mit der dort zustündigen Person sehr gut kann, so daß immer auch was herauskommt für die Teilnehmer Ich kann dort auch mal anrufen und etwas telephonisch abklaren, ohne den bürokratischen Weg einhalten zu müssen." Konflikte wie der nachfolgende sind eher selten „Das Arbeitsamt ist überhaupt nicht flexibel Zum Beispiel hatten wir hier einen Jungen, der wollte in einen Bauberuf, und der war dann hier in der Hauswirtschaft, da gab es dann Auseinandersetzungen und der mußte dann auch eine Arbeitserprobung in der Hauswirtschaft durchfuhren " Probleme treten zuweilen aufgrund der Überlastung der Rehabilitationsberater auf, die nicht in der Lage sind, alle Anmeldungen schnell genug zu bearbeiten Ein direkter Kontakt mit den Arbeitsamtern am Wohnort der Jugendlichen wäre nach Meinung der Fachkräfte in Problemfallen durchaus sinnvoll "Hatte ich das jetzt an unser Arbeitsamt gegeben und gewartet bis der das an das Heimatarbeitsamt gibt und wenn das dann unser Rehaberater nicht bearbeiten kann, weil da solche Stapel liegen, und dann bleibt das halt, und inzwischen kommen andere Anmeldungen weil eben der Tag der Anmeldung zählt Hier wäre ein direkter Kontakt zum Heimatarbeitsamt vorteilhaft Es ist zwar weniger Arbeit, aber trotzdem wurde ich den direkten Kontakt zu den Rehaberatern vor Ort bevorzugen Ich habe auch den Eindruck, daß das den Rehaberatern vor Ort fast lieber ist, auch mal direkt am Telefon Rucksprache zu nehmen, wie geht es, wie ist es denn gelaufen, was kann man denn da machen, daß man da viel freier agieren konnte, wenn das nicht alles erst über dieses Nadelohr Maßnahmearbeitsamts laufen wurde " „Das ist schwierig Mit den Heimatamtern gibt es kaum Kooperation Das haben wir am Anfang gemacht, aber das Arbeitsamt , speziell die Berufsberatung hat sich dafür stark gemacht, daß das alles über sie direkt geht, also wir die Arbeitsamter nicht mehr direkt anschreiben, das hat zur Folge, daß vieles auf der Strecke bleibt, daß vieles liegen bleibt, weil der Schreibtisch halt zu voll ist, im Arbeitsamt, weil die aus unserer Sicht zu viele betreuen, und das dann sehr sehr schleppend geht " Den Hauptkontaktpartner stellt das Maßnahmearbeitsamt dar Darüber hinaus wird - wie oben erwähnt - ein direkter Kontakt zu den Heimatarbeitsamtern als positiv bewertet Wenn die Rehabilitationseinrichtung bekannt ist, kann die Zuweisung besser erfolgen „ Wir vermitteln dem Arbeitsamt das teilweise fehlende Wissen über die Inhalte des Berufsbildes Oft wissen die beim Arbeitsamt gar nicht, was der Beruf des Beikoches überhaupt bedeutet " 84
Zudem ist die Kooperation mit den Heimatarbeitsamtern fiir die spatere Arbeitsvermittlung der Jugendlichen von grundlegender Bedeutung, da dann die Zuständigkeit des Maßnahmearbeitsamtes zu Ende ist Trotz dieser Einsicht ist die Kooperation mit den Heimatarbeitsamtern eher schwierig Dies liegt vor allem an der Vielzahl der Amter wie auch ihrer weiten regionalen Streuung 8.3 Kooperation innerhalb der Rehabilitationseinrichtungen Die enge fachliche und personliche Kooperation innerhalb der Rehabilitationseinrichtungen ist nach einhelliger Meinung eine zentrale Voraussetzung für die Forderung behinderter Auszubildender Deshalb sind in allen Einrichtungen institutionalisierte Formen und Wege der Kooperation eingerichtet "Im großen und ganzen bekommt man die notwendigen Information über Geschaftsleitung - Ausbüdungsleitung - Fachgruppenleiter - Ausbilder Die Reihe klappt eigentlich - die Rapporte sind regelmäßig Freitags Und von unten geht es über die Fachgruppensitzung an den Fachgruppenleiter und weiter an den Ausbildungsleiter Es gibt nichts, was nicht über den Ausbildungsleiter geht " In den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen sind hierarchische Strukturen und Wege weniger deutlich ausgeprägt als in den Berufsbildungswerken Allerdings muß ergänzt werden, daß auch in den Berufsbildungswerken zahlreiche horizontale Formen der Information und Kooperation existieren „Die einzelnen Gewerke arbeiten wie kleine Abteilungen, wie kleine Betriebe Wenn wir komplett sind, dh wenn wir drei Ausbildungsjahre haben, dann habe ich in jedem Gewerk 3 Meister, die jeweils eine Auszubüdendengruppe betreuen und 2 Meister die jeweils eine F-Gruppe betreuen Dazu gehören dann 2-3 Sozialberater, je nachdem wie die Gruppen für die Sozialberater zusammengestellt sind und mindestens 2 Stutzlehrer Diese bilden innerhalb des Gewerks ein Team Ich habe das so eingeführt, daß, wenn dort Probleme auftreten, diese dort verantwortlichen Personen sich untereinander beraten Gewerkeubergreifend werden so dann nur noch die Dinge besprochen, die die Einrichtung insgesamt betreffen Wenn es eine Notwendigkeit gibt, sich zu beraten, dann tut man das Gewerkeubergreifend werden so dann nur noch die Dinge besprochen, die die Einrichtung insgesamt betreffen Das erste was ich abgeschafft habe, war das Beratungszimmer Wenn beraten wird, dann vor Ort Es gibt hier keine Hierarchie Wir haben keinen Berewhsleiter für die Ausbildung, keinen Bereichsleiter für den Forderlehrgang Die gesamte Koordinierung lauft wochthch an einem Tisch zusammen Dort wird dann alles, was in der Woche besprochen werden muß, besprochen Wenn es die Situation erfordert, treffen wir uns auch zwischendurch Insgesamt ist es so, daß man ohne große Terminabsprache zu den Mitarbeiterinnen hingehen kann, um etwas zu besprechen " Insbesondere in den sonstigen Rehabilitationseinrichtungen, aber teilweise auch in den Berufsbildungswerken, die bereits zu DDR-Zeiten bestanden, kann auf oft jahrelange Kooperationsstrukturen zurückgegriffen werden, die in der DDR entstanden sind und sich nun im Rahmen eines „freien" Zusammenschlusses entfalten „Mit der Gruppe von Kollegen, die mit hierher gekommen ist, haben wir uns so ein Gefühl von miteinander arbeiten und nicht gegeneinander arbeiten bewahrt Dies ganze ist ein durchaus positiver Ausgangspunkt für die Kooperation " - „Die gesamte Kommunikation hier an der Einrichtung klappt wunderbar Das Wir-Gefuhl, das wir in der ehemaligen DDR ja auch eingetrichtert bekamen, ist immer noch stark vorhanden Wir vertrauen uns und machen auch sehr viel gemeinsam 85
Die Kritik an Information und Kooperation, die auf Einrichtungsbelange bezogen ist, richtet sich vor allem auf die Tendenz einzelner Abteilungen, sich abzuschotten und zu isolieren, statt zusammenzuarbeiten und Informationen auszutauschen „Es gibt stark institutionalisierte Abschottungen Das ist ein heißes Thema, das einer Veränderung bedürfen konnte Aber ich kenne mich da ja auch nicht aus " - „Die Kooperation zwischen den Bereichen sollte verbessert werden, und wenn das von alleine nicht klappt, sollte durch die Geschäftsführung eine Koordinierung erfolgen Die Geschäftsführung sollte anstreben, daß sich die Bereiche zusammensetzen, daß sie dafür Gelegenheiten bekommen, und sie sollte zur gegenseitigen Auseinandersetzung und zur Veränderung regelrecht verpflichtet werden Das mußte von oben, von der Organisation angelegt sein Es mußte einen Zwang zur Veränderung geben Das Problem ist, daß es ja so läuft, wie es lauft " Bei streng hierarchisch strukturierten Einrichtungen bleiben häufig Initiativen und Ideen von "unten" auf der Strecke Dazu ein Beispiel "Im Wohnbereich wurde die Idee entwickelt, daß (das Wohnheim ist ein eher kasernenartiges Internat), auf einer Etage eine Art 'beruhigtes Wohnen' eingeführt werden sollte, da es Jugendliche gab, die ein solches Bedürfnis hatten Man hatte mit dem neuen Lehrjahr die Jugendlichen entsprechend umlegen können Organisatorisch wäre das machbar gewesen Das ist aber durch die Leitung abgelehnt worden, das sei nicht notwendig, das sei nicht machbar " Die wichtigsten Formen der Kooperation innerhalb der Einrichtungen, sind diejenigen, die sich auf die Abstimmung über Ausbildungsbelange und die personliche Situation der Auszubildenden beziehen Solche Abstimmungen finden in allen Einrichtungen in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität statt Im folgenden zeigen wir dies an Beispielen Einrichtung 1 Im ersten Ausbildungsjahr werden alle Klassen im Teamgesprach durchgesprochen Beteiligt sind Ausbilder, Erzieherin, Ärztin, Psychologin, Lehrer Der Sozialdienst ist Koordinator Im weiteren Ausbildungsverlauf werden Einzelfallgesprache einberufen nur noch bei Problemen und Auffälligkeiten Die Auswirkungen werden unterschiedlich beurteilt "Normal ist die einzige regelmäßige Sitzung zu Beginn, dann noch einmal nach 4 Wochen und dann auf Antrag Mit Regelmäßigkeit ist das doch sehr schwer zu machen " - „Man hat das gemacht zunächst für alle Jugendlichen, spater dann für die Problemfalle Doch, das hat sich als gunstig erwiesen - das ist dann aber nicht mehr so erwünscht gewesen - und ist dann mit der Begründung durch den Ausbildungsleiter, das sei nicht mehr notwendig, im zweiten Ausbüdungsjahr eingeschlafen Wir fanden das aber gut " Einrichtung 2 Durchgeführt werden problemonentierte Teamgesprache Das Problem der Kooperation über Gremien ist, daß sie zu schwerfallig sind "Gremien werden nur dann aktiv, wenn es eben wieder ein Problem gibt Wenn ich ein Problem habe, leistungsmaßig, erzieherisch, wie auch immer, dann leite ich ein Teamgesprach ein Dann wird ein Termin gemacht, ein Psychologe, ein Mann aus der Praxis usw " Einrichtung 3 Es finden Entwicklungsgesprache statt Diese finden alle Vierteljahr statt Da treffen sich Sozialpadagoge, Erzieherin, Lehrer und Ausbilder - die dann die Lehrlinge beurteilen Pro Termin werden dann alle 8 Auszubildende seiner Gruppe durchgesprochen und dann miteinander geklart, wie der Jugendliche im nächsten Vierteljahr gefordert werden soll Die Jugendlichen werden über die jeweiligen Beurteilungen informiert " Einrichtung 4 Kooperation findet statt in Form der "Laufbahnkonferenzen ", in denen Lehrer, Internat, Ausbilder und Psychologen vertreten sind „Diese Kooperation halte ich für ausreichend, ich werde immer dann sehr vorsichtig, wenn sie mstutionahsiert wird Ich bin mehr für das informelle 86
Miteinander Dieses findet im Ausbildungsbereich statt Ansonsten gibt es innerhalb der Einrichtung keinen institutionalisierten Austausch " Einrichtung 5 Pädagogische Konferenz 14 tagig, für die gesamte pädagogische Arbeit des BBWzustandig. Vertreten sind Schule, Internat, Ausbildung, Sozialpadagogen Einrichtung 7 „ Wir fuhren monatlich eine klientenzentnerte Konferenz durch Da nimmt jeweils ein Ausbilder, einer vom Internat, einer von der Schule, einer vom Sozialpadagogischen Dienst teil, und wenn es Probleme gibt, auch jemand vom psychologischen Dienst Das gilt als Informationsaustausch, um auftretende Probleme zu beseitigen Die Zusammenarbeit klappt gut " Einrichtung 9 „ Wenn schwierige Fragen anstehen, dann arbeiten wir immer im Team Sozialberater, Stutzlehrer und Ausbilder Wir sprechen alles miteinander ab, wobei natürlich der Sozialberater mehr Zeit hat auf die entsprechenden Jugendlichen einzugehen Die Sozialpadagogm kommt jeden Morgen ins Gewerk (Bau) und dann werden alle anfallenden Probleme besprochen Es gibt das Fach- Team Sozialpadagogen und dann eingegliedert das Fach-Team Stutzlehrer Das Klein-Team Ausbilder, Stutzlehrer und Sozialpadagogen trifft sich täglich In meinem Fach-Team, in dem Stutzlehrer und Sozialpadagogen zusammen sind, bringt dann der Sozialpadagoge die Meinung des Ausbilders ruber, so daß dann bei meinen Treffen praktisch die gesamten, mit der Betreuung befaßten Partner da sind Dieses Fach-Team umfaßt dann ca 15 Leute " Zusammenfassend laßt sich feststellen In allen Einrichtungen sind differenzierte Formen der Kooperation eingerichtet, die regelmäßig und bei Bedarf tatig werden. Ergänzt werden die institutionalisierten Kooperationen durch informelle Formen der Zusammenarbeit Hierzu zahlen vor allem die Hospitationen, basierend auf einer DDR Tradition, die von den Mitarbeitern einiger Einrichtungen aufgenommen und weitergeführt wurde "Ich kenne es noch aus DDR Zeiten, da mußte man hospitieren Ob nun das Reglement immer gut ist , ich fand es gut, ich wurde nicht ein Protokoll schreiben, wie wir es immer machen mußten, aber es wäre sicher in manchen Fallen auch dort nochmals nachzuhaken Weißt du denn, wie es bei dem Lehrling in seinem Zimmer aussieht, aber die Erzieher müssen auch wissen, wie es hier im Klassenzimmer aussieht, das gibt auch ganz andere Beziehungen " 8.4 Kooperation zwischen Berufsschule und Ausbildung Die Kooperation zwischen diesen Bereichen wird vor allem für die Forderung lernbehinderter Jugendlicher für wesentlich gehalten Gunstige Voraussetzungen hierfür bieten die ins Berufsbildungswerk integrierten Berufsschulen Diese institutionelle wie auch raumliche Trennung von Berufsschule und Ausbildung wird von den Befragten als sehr problematisch empfunden - vor allem auf dem Erfahrungshintergrund des früheren Ausbildungssystem mit den Betriebsberufsschulen „ Das Verhältnis hat sich ganz geändert durch die institutionelle Trennung Wir versuchen zwar noch, durch die Bekanntschaft untereinander einiges warm zu halten, aber wenn man die Erneuerungen in der Schule sieht, und wenn die alten gehen und die neuen kommen, dann wird alles abbrechen Die Konsequenzen des neuen Systems ist die, daß, wenn Restriktionen gegen den Lehrling notwendig sind, ich früher mit dem Lehrer absprechen konnte, und heute ist es der Schule überlassen, ob sie das macht So eindeutig ist das Jetzt versucht man schon, da ja die Schule beim BBW ist, auf Leitungsebene auszugleichen, aber die Schule ist nicht verpflichtet dazu " 87
9.1 Arbeitsmarktchancen Die konkreten Arbeitsmarktchancen für die Abgängerinnen und Abgänger sind schwierig zu beurteilen. Grundsätzlich kann man sagen, daß die Ausbildung in einem Berufsbildungswerk oder einer sonstigen Rehabilitationseinrichtung sich nicht nachteilig auf die Arbeitsmarktchancen auswirkt. Die Arbeitsmarktchancen der Jugendlichen (Abschlüsse und Erfahrungen in den Einrichtungen liegen oft erst seit 1994 vor) hängen aus Sicht der Befragten von einer Vielzahl, sich gegenseitig beeinflussender Faktoren ab: Art und Schweregrad der Behinderung, dem Geschlecht und in erster Linie vom Berufsfeld und der Region, in denen nach Wirtschaftslage in den neuen Bundesländern günstige oder schlechte Aufnahmebedingungen vorliegen. Zu unterscheiden ist zwischen folgenden Berufsbereichen. 1. Berufe in Branchen mit guter wirtschaftlicher Entwicklung. Hierzu zählen vor allem Bau- und Baunebenberufe (Maler, Tischler, Maurer, etc.) und auch Berufe im Gartenhandwerk. Hier werden in der Regel die günstigsten Arbeitsmarktchancen für die Jugendlichen aus den Rehabilitationseinrichtungen gesehen. 2. Berufsfelder, in denen ganze Industriezweige abgebaut wurden und eine große Konkurrenz durch eine hohe Anzahl hochqualifizierter arbeitsloser Facharbeiter besteht. Es handelt sich vor allem um die Berufsfelder Elektronik/Elektrotechnik, Metall und insbesondere die Textilindustrie. Die Arbeitsmarktchancen in diesen Bereichen sind allgemein schlecht. 3. Berufsfelder, in denen über andere Maßnhamen eine große Zahl von Arbeitskräften durch Umschulung und Fortbildung qualifiziert wurde, mit den die Absolventinnen und Absolventen aus den Rehabilitationseinrichtungen konkurrieren. Hierbei handelt es sich vor allem um Büroberufe. Vereinzelt werden in einer Ausbildung für einen Beruf nach § 25 bessere Voraussetzungen am Arbeitsmarkt gesehen als in einer Ausbildung in einem Beruf nach § 48. „Der Bedarf an diesen minderqualifizierten Fachkräften besteht nicht, somit werden viele auf der Strecke bleiben, wobei diese Jugendlichen mit zunehmendem Alter wohl noch durch erhöhtes Selbstvertrauen doch noch eine Anstellung finden können. " Generell aber kann gelten, daß auch ein Beruf nach § 48 eine Chance für die Jugendlichen darstellt - insbesondere im Vergleich mit der Teilarbeiterausbildung in der DDR, deren Niveau deutlich niedriger lag als ein Berufsabschluß nach § 48 BBiG/§ 42b HwO. Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen. Die Auszubildenden erhalten eine umfassende Qualifikation, für die die Betriebe geringere Kosten aufzuwenden haben, als für voll ausgebildete Arbeitskräfte. „ Wenn ich eine Gaststätte eröffnen würde, dann täte ich das mit einem Küchenmeister, einem Koch und sonst nur mit Beiköchen, weil das die Personalkosten niedriger halten würde. Deshalb glaube ich, daß sie gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. " Wenn der Beruf bundesweit anerkannt ist, kann sich der Jugendliche bundesweit um einen Arbeitsplatz bemühen, wobei allerdings gesehen werden muß, daß die Bereitschaft und Fähigkeit 94
der behinderten Jugendlichen für einen überregionalen Wechsel des Wohnorts gering ist. Im Handwerk sieht man relativ bessere Aufnahmekapazitäten für diese Berufe als in der Industrie. Stärker behinderten Jugendlichen werden auf dem Arbeitsmarkt geringe Chancen eingeräumt. Allerdings handelt es sich hier um ein Defizit, dem nicht allein durch die Qualität der Ausbildung und den Ausbildungsabschluß begegnet werden kann. Vielmehr werden weiterführende, in den Beruf integrierende und begleitende Hilfen notwendig, um solche Problemen zu bewältigen. „Heute sind sie eigentlich erledigt. Früher in der DDR hat jeder Betrieb die Auflage gehabt, solche Leute zu nehmen, da waren sie in den Betrieb mit eingebunden. Bei den Jungs vom Bau, da sehe ich Chancen, daß sie unterkommen, als billige Hilfskräfte, aber das sind wohl auch die Einzigen. Heute denke ich, wird der genommen, der selbständig denken kann und unsere haben wenig bis gar keine Chancen." „Für sie im besonderen müssen die Arbeitsmarktchancen eigentlich nicht erhöht werden. Die Arbeitsmarktlage allgemein muß sich verbessern sowie die Akzeptanz, mit Behinderten arbeiten zu wollen muß sich erhöhen, es gibt auch zu wenig Aufklärung. " "Die Ausbildung im BBWist nicht unabhängig von der späteren Eingliederung in den Beruf zu sehen - und da braucht es für Schwerbehinderte auch eine Aufgeschlossenheit an anderen Stelle dazu." „ Die Maßnahmen, um die Benachteiligung Behinderter aufzuheben sind zu gering. Die Betriebsabgabe ist viel zu gering und dann wenn sie erhöht ist, soll sie den Behinderten wieder zunutze kommen. Es wird auch viel zu wenig Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Gerade in der aktuellen Situation wird auch die wirtschaftliche Situation dazu genutzt, um Behinderte abzubauen. " 9.2 Arbeitsmarktchancen nach Berufsfeldern, Region und Behinderung In den Gesprächen ergaben sich eine Reihe von Ausführungen zu den Berufschancen der Jugendlichen in einzelnen Bereichen, die hier beispielhaft wiedergegeben werden. Berufsfeld Metall, Thüringen, Lernbehinderung "Die Chancen für die Jugendlichen sind schlecht. Weil hier im Moment die Metallstrecke völlig abgebrochen ist, und es ist eine viel zu große Konkurrenz von wirklich guten Leuten. Und dann kommen eben hier unsere Leute, mit einer untersetzten Ausbildung - und da sind die Arbeitsmarktchancen sehr schlecht. ... Ich sag zu meinen Leuten, Ihr müßt Euch zusammentun, ein oder zweie, und dann müßt ihr in die alten Bundesländer rübergehen, und euch ne kleine Wohnung nehmen und da versuchen, auf die Beine zu kommen. Wer hier Glück hat, gut, der muß dann auf dem Bau arbeiten, oder als Kraftfahrer oder sonst irgendwie, aber im Bereich jetzt..." Berufsfeld Elektrotechnik, Sachsen, Körperbehinderung "Die Nachfrage ist nicht schlecht, das hängt aber auch davon ab, daß Rollstuhlfahrern, die sich technisch interessieren, eigentlich nur dieser Beruf bleibt. ... Der Arbeitsmarkt in diesem Sektor ist problematisch, weil einfach diese große Elektronikindustrie, die hier in Sachsen und Dresden war, wir haben ja einige 10.000 Beschäftigte gehabt in Großbetrieben, die existieren nicht mehr und natürlich ist der Markt hier voller Ingenieure, die gerade auf dem Gebiet der Elektrotechnik Arbeit suchen und bereit sind, niedere Facharbeitertätigkeiten zumachen, um überhaupt Arbeit zu bekommen, und in der Situation dürfte man überhaupt keine Facharbeiter mehr ausbilden. Das ist die Tragik der 95
Facharbeiter, daß sie auf einen Mann treffen, der erstmal die identische Ausbildung hat und dann noch das Studium dazu " Beruf Bauzeichner, Sachsen, Korperbehinderte „Es ist ja so, daß wir ein großes Baukombinat in Dresden hatten Da gab's ein Baukombinat und da gab's ein Wohnungsbaukombinat Und die sind dann zerfallen nach der Wende in einzelne Planungsburos Und da ist es wieder so gewesen, daß die Eigentumer dieser Büros jetzt bestrebt waren, auch aus den alten Bundeslandern Leute einzubauen Damit sie dort mit Leuten arbeiten, die auch die Problematik mit angehen können Mit etwas verhaltenem Optimismus haben sie auch die Ex-DDR- Zeichner mit eingesetzt Das war also nicht so verbreitet Und dann war es ja so, daß die Büros zwei, drei Mann waren, da gab's dann nicht mehr 50-Mann-Bngaden, da fiel einer nicht auf Wenn der da in der Ecke gesessen hat und nicht konnte, naja, mein Gott Der hat ein bißchen weniger Prämie gekriegt, aber das haben die anderen mitgemacht Aber wenn ich drei habe, dann müssen drei arbeiten Das sind so die Dinge, die dort mit reinspielen Wenn ich ein Büro hatte und vor mir stehen zwei Zeichner, der eine sitzt im Rollstuhl und der andere nicht und die haben beide das gleiche Wissen, nehm ich den, der nicht im Rollstuhl sitzt, muß ich sagen Selbst ich wurde das so machen, damit Sie sehen, wie hart das ist Weil ich dann die Existenz sehe, ich hab die Familie im Hintergrund Ich hob sicherlich hohe Kredite, damit ich das Büro überhaupt einrichten konnte, ich kann dort nicht kucken, ob der im Rollstuhl sitzt oder nicht Das kann ich machen, wenn ich sozial so - ich bin eigentlich sehr sensibel an der Stelle, aber ich seh auch die Probleme der anderen Leute an der Stelle Und das sind echte Probleme und die müssen existieren und da fragt keiner, na Du armer Kerl, hast einen Rollstuhlfahrer emgstellt, Dem Problem " Wittenberge "Die Arbeitsmarktchancen sind gerade in unserer Region nicht allzu rosig, es gibt sehr wenig Betriebe, die noch offene Stellen haben, so müssen wir abwarten wie das wird Der, der einen Abschluß von der Handwerkskammer hat, hat sicherlich größere Chancen, als der, der diesen Abschluß nicht hat " Neuenhagen, verschiedene Berufe Im Prinzip sind die Chancen gut Der Bauboom ist im Moment da Wer hier den Hochbaufacharbeiter macht und auch den Willen hat zu arbeiten, der hat berechtigte Chancen eine Arbeit zu bekommen " „Die Hauswirtschaftler und Beikoche werden ohne Schwierigkeiten unterkommen, nicht so sehr m Prof Brinkmann-Haushalten sondern in Gemeinschaftsverpflegungsbetrieben, Waschereien, Kindereinrichtungen, auch lernen sie hier, wie sie mit eigenen zu grundenden Familien umzugehen haben Auch die Beikoche lernen hier sehr viel, was die praktischen Fertigkeiten betrifft Bei den Tischlern kann man es schlecht einschätzen, die gehen alle ins Praktikum und wir hoffen, daß der ein oder andere übernommen wird Maler und Bau ist sicherlich auch nicht so schwierig Die Metaller versuchen wir auch so zu unterweisen, außerhalb des Lehrplans, daß sie auch andere Fertigkeiten erlangen und möglicherweise mit Hausmeistertatigkeiten betraut werden konnten Das Arbeitsamt wollte, daß wir auch Burohelfer ausbilden, das wollte ich nicht, denn wenn schon gelernte Sekretärinnen auf der Straße stehen und keine Stelle bekommen, warum sollen wir dann in einem Bereich ausbilden der überhaupt keine Chancen hat " Guben „ Um meine 'Holzwurmer', die ich jetzt im letzten Jahr betreue, da mache ich mir keine Gedanken, die kommen durch Aber was aus den Burofachkraften werden soll, das weiß ich nicht, wo sollen die unterkommen Die aus der Küche, die kommen wohl auch unter obwohl sie anfangs Vorstellungen hatten, die mit der Realität überhaupt nicht vereinbar waren, sie dachten daß w nach der Lehre nach 96
Österreich gehen würden, um dort Hotels zu übernehmen. Sie werden zwar gut ausgebildet, aber ob sie später mehr machen dürfen als Teller wegräumen, das wage ich zu bezweifeln. " Stendal „Die Unterbringungsquote der Absolventen tendiert zu Null hin. ... Das Problem ist, daß der textile Bereich in den neuen Bundesländern schlechthin keine Chancen hat. Es gibt so gut wie keine Bekleidungsindustrie, und die Bekleidungsindustrie in den alten Bundesländern liegt ja auch oft danieder. " Leipzig, verschiedene Berufe Hauswirtschaft: „Hier hatte man eigentlich gedacht, daß es gute Chancen gebe. Aber die Reinigungsfirmen etc. sind billiger, schneller, effektiver - aber die stellen eben nur Hilfskräfte ein. Auch in den Hotels wird zunehmend mit solchen Firmen gearbeitet. Das ist sehr schwer, hier Auszubildende unterzubringen. " - Gärtner: „ Viele wollen die Auszubildenden aber nur als Saisonkräfte von April bis Oktober - z.B. wenn sie keine oder nicht genug Gewächshausfläche haben. " - Büro: „Sehr gemischt - Hier hatte man gedacht, daß es Chancen in der öffentlichen Verwaltung geben könnte, aber da gibt es einen Einstellungsstop - Bei Einstellung eines Gehörbehinderten müßte dann ja jemand anders entlassen werden. " - Bauzeichner: „Ich glaube, daß die Chancen für Bauzeichner noch besser sind als für technische Zeichner. Allerdings ist zu beobachten, daß sich viele technische oder Maschinenbauzeichner umschulen lassen auf Bauzeichner, und wenn sich das dann alles auf den Arbeitsmarkt ergießt, dann sieht das auch nicht mehr so rosig aus, wie das ursprünglich ausgesehen hat." Arbeitsmarktanalysen Differenzierte Arbeitsmarktanalysen liegen bisher in den Einrichtungen nicht vor. Sie sind schwierig zu erstellen, weil der Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern nicht gefestigt ist und noch keinerlei gesicherte Inormationen vorliegen. Arbeitsmarktanalysen und ein intensiverer Austausch zwischen beteiligten Stellen in diesen Fragen werden langfristig für sehr wichtig erachtet. Bislang gibt es kaum Gremien dieser Art. Ausnahmen sind ein Informationsaustausch bei den Landesarbeitsämtern und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke. Auch einzelne lokale Gremien existieren oder werden geplant. Einzelne Träger führen regelmäßig Besprechungen zu Arbeitsmarktfragen durch. „Im Rahmen des Christlichen Jugenddorfwerkes gibt es eine Fachgruppe Berufliche Bildung und Arbeitsmarkt, in deren Rahmen 3-4x jährlich Vertreter aus allen Jugenddorfwerken zusammenkommen und Fragen wie: Was sind die richtigen Berufsfelder für die Zukunft, und wie können sie für die zu betreuenden Jugendlichen angeboten werden. " 9.3 Umgang der Jugendlichen mit der schlechten Berufsperspektive Die schlechten Arbeitsmarktchancen werden von den Jugendlichen als deprimierend und demotivierend erlebt. Viele konzentrieren sich - wie ihre Ausbilder - zunächst auf die Bewältigung der Prüfung. 97
"Ich weiß, daß die meisten vom letzten 3. Lehrjahr keine Arbeit haben. Ja, das ist eigentlich schon deprimierend. Aber wir schauen erst mal, die Prüfungen zu schaffen, und dann geht es weiter." Ein großer Teil der Jugendlichen reagiert mit Passivität und setzt auf die Hilfe des Arbeitsamtes. Ein anderer Teil bewirbt sich jedoch aktiv, teilweise mit Unterstützung des Personals aus der Einrichtung und versucht, Enttäuschungen und Ablehnungen noch im Rahmen der Einrichtung zu verarbeiten. "Ja, ich weiß es noch nicht so richtig. Ich kann mir's im Moment schlecht vorstellen, daß ich wieder zu Hause bin, aber ich weiß es noch nicht. Aber es ist so schwer in ... eine Wohnung zu finden. Aber die Chancen für mich eine Arbeit zu kriegen, wären hier wahrscheinlich größer als zu Hause, weil da ist nicht so viel los. Also viel Hoffnung auf eine Arbeit hab ich im Moment nicht. " „Ich habe mich bei der Polizei als Sachbearbeiter beworben und schon arbeitslos gemeldet, da man ja auf das Geld warten muß. Bei zwei weiteren Bewerbungen warten die Firmen noch auf grünes Licht für die Behindertenzuschüsse." „ Bis jetzt habe ich mich noch nicht beworben, ich wollt erst mal sehen, was aus der anderen Sache wird. Unsere Ausbilderin unterstützt uns generell bei der Arbeitssuche, sie hat ein Foto mit den Auszubildenden in ein Fenster geklebt, unsere Namen, Ansprechpartner und die Telefonnummer vom Arbeitsamt - hinten steht dann drauf, was wir alles schon gemacht haben und was wir können. Und das können wir jetzt willkürlich und überall, wo wir denken, vorlegen und fragen, können sie uns Arbeit geben." "Habe mir noch keinen Kopf gemacht, bewerbe mich so lange, bis ich einen Job finde, vielleicht werde ich mich erst arbeitslos melden. Die Qualität der Ausbildung hier wird bestimmt nicht angezweifelt. Es gibt zu wenig Jobs, Behinderte werden ungern genommen: Das ist der Hauptgrund für Schwierigkeiten, weil die zahlen lieber die komische Abfindung an den Staat oder so. Ich habe mich bisher in ... und im Umkreis von 15 km beworben und schon Absagen erhalten. " 98
9.4 Hilfen beim Übergang in den Beruf Alle Rehabilitationseinrichtungen führen zahlreiche Maßnahmen durch, um die Jugendlichen auf den Übergang in den Beruf vorzubereiten und dabei Hilfestellungen zu geben. Zu diesen Maßnahmen zählen insbesondere: - das Bewerber- oder Entlassungstraining; - Üben von Bewerbungsschreiben und Bewerbungssituationen; - Beteiligung an Vorstellungsgesprächen; - Vorbereitung auf die spätere Berufstätigkeit. „ Wir müssen ihnen ganz stark helfen in der Bewerbungssituation, was wir auch tun. Wenn sie dann mal in den Betrieben sind, dann sind sie sicherlich mit den anderen Jugendlichen vergleichbar. " „ Um die Chancen der Jugendlichen zu erhöhen, begleiten wir sie auch zu den Vorstellungsgesprächen und können so auch auf die besonderen Fähigkeiten der Einzelnen direkt hinweisen. " „Es gibt hier im Haus ein Entlassungstraining mit Vorstellungsgesprächen, Umgang mit dem Arbeitsamt, in der Form von Rollenspielen. Wir gehen auch mit ihnen zum Arbeitsamt, haben da gute Kontakte hin. Wir helfen auch auf Annoncen zu antworten, die Antwort zu formulieren, etc. " „ Wenn wir wissen, daß ein Jugendlicher einen konkreten Arbeitsplatz haben wird, dann bereiten wir ihn konkret schon darauf vor, sofern sich dies mit der Prüfungsvorbereitung vereinbaren läßt. Das ist ja günstig hier, weil wir ja ziemlich kleine Ausbildungsgruppen haben. " Daneben finden Beratungen durch den Arbeitsamtsberater zur Besprechung individueller Fragen statt. Die Ausbilder stellen ihre Kontakte zur Verfügung und Kooperationskontakte der Einrichtung mit der Wirtschaft werden nutzbar gemacht. „ Teilweise habe ich Kontakte zur Wirtschaft und da kann ich in Einzelfällen auch Jugendliche unterbringen. Aufgrund meiner Tätigkeit als Vorsitzender unseres Vereines habe ich Kontakte z.B. zum Krankenhausdirektor und dadurch kann man dann schon mal etwas machen. " In zwei Einrichtungen wird ein Erfahrungsaustausch mit ehemaligen Auszubildenden organisiert. „Ein solches Treffen soll mit allen, die die Ausbildung durchlaufen haben, zum ersten Mal im Frühsommer 1995, stattfinden - an einem Sonnabend, wo das Internat geöffnet ist, damit sich die jetzigen Auszubildenden auch mit den ehemaligen über die Schwierigkeiten, einen Beruf zu finden, austauschen können." Neben konkreten Maßnahmen, den Übergang in den Beruf zu erleichtern und zu ermöglichen, werden konzeptionelle Überlegungen angestellt, die es erlauben könnten, die Arbeitsmarktchancen der Ausgebildeten zu erweitern. Eine Möglichkeit sieht man darin, den Übergang in den Beruf differenziert zu steuern und mit einer Praxisphase beginnen zu lassen, in der es nicht unmittelbar auf den Berufseinsatz sondern auf den Erwerb von praktischen Erfahrungen ankommt. „Aber das ist eigentlich ein Problem, was eigentlich das große Plus des sozialistischen Bildungssystems für Behinderte, so wie wir es hatten, war. Da stand am Ende der Ausbildung das halbe Jahr Praktikum, quasi als Fortbildung , auftauend auf der Ausbildung, die auf die Erfordernisse des Be- 99
tnebes orientiert war, wo er auch einen Arbeitsvertrag hatte Das war für ihn eine wunderbare Einsttegsmöghchkeit Auch heute sollte es eine Möglichkeit geben, zentrale Betnebe geben , wo er sich aufbauend auf die Ausbildung Praxis erwerben kann, um dann sagen zu können, ich habe schon zwei Jahre Berufserfahrung Das ist, was ich für ganz wichtig finde Der Jugendliche hat in BBW I die CNC Ausbildung gemacht, fand eine Stelle in einem großen Maschinenbaubetrieb in den alten Bundeslandern, der bereit war, ihn einzustellen und ihm das Angebot machte, ihm die Weiterbildung zu der spezifischen Steuerung der Maschinen zu finanzieren Diese Weiterbildung wird nun durchgeführt, und dann kann er einsteigen Denn man muß davon ausgehen, daß man für jeden Bereich im Maschinenbau ein Vierteljahr Einarbeitungszeit braucht Das wäre aber generell für die Ausbildung sehr gunstig " Konzeptionelle Änderungen für Berufe nach § 48 BBiG/§ 42b HwO sollen diese flexibler machen und besser auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts hin orientieren „ Soweit es der Rahmenlehrplan hergibt, glaube ich, ist unser Tun optimal Die Jugendlichen bekommen eine ganz gute Ausbildung Die Probleme bestehen dann, daß der Lehrplan angelehnt ist an die Vollausbildung, die bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse erforderlich macht, die unsere Teilnehmer nicht haben So können also bestimmte Dinge, bezogen auf das berufliche Leben, von unseren Teilnehmern nachher nicht gemacht werden Ware dies im Bewußtsein der Betriebe vorhanden, dann konnten sie entsprechend der Fähigkeiten ihre Leute auswählen, dem ist aber nicht so So stellt sich die Frage, ist unsere Ausbildung auf den Arbeitsmarkt zugeschnitten oder nicht Wir glauben, daß die Rahmenlehr plane, die wir haben, nicht auf die Bedurfhisse zugeschnitten sind, die das Arbeitsieben später stellt Unsere Chance liegt dann, eine Schlusselqualifikation zu vermitteln, die anders ist als die Schlusselqualifikationen der Vollberufe Wir konnten hier aufgrund der Gegebenheiten (alle Berufssparten sind in der Einrichtung vorhanden) einen Teil Bau, Holz, Metallbearbeitung zusammenfassen und so einen breit qualifizierten "Helfer" ausbilden Und die konnten dann all das, was im Baubereich anfallt, machen Das wäre dann eine echte Chance für unsere Leute So stellen wir uns das vor Im Moment sind die Innungen noch dagegen, auch gibt es keine Vorbilder Die wollen einfach keine berufsubergreifenden Tätigkeitsfelder dulden Daß ein Bedarf an solchen Leuten besteht, das bestätigen uns auch die Betriebe Andererseits sieht die Kammer ein, daß die Berufsbilder nicht die Besten sind " 9.5 Nachbetreuung Eine Nachbetreuung der Jugendlichen, wenn sie die Rehabilitationseinrichtung verlassen haben, wird von allen Beteiligten als sinnvoll und notwendig erachtet Eine Nachbetreuung durch einen Eingliederungsberater ist erst in wenigen Einrichtungen realisiert, in den meisten Einrichtungen jedoch geplant „Nachbetreuung ist ganz notwendig Das wird auch angestrebt, ist aber im Moment nur vereinzelt möglich Wir haben das gerade kürzlich diskutiert und da horte es sich schon so an, als gehöre es zum Aufgabenbereich jedes einzelnen Mitarbeiters - inwieweit er sich dann darum kümmert, ist die Frage, von einer zusätzlichen Planstelle war da nicht die Rede " , „ Wir haben da so arme kleine Wurmchen dabei, die sicherlich nicht die Lehre schaffen, was soll aus denen werden, wenn sie nicht noch über Jahre Hilfe bekommen Ansonsten gehen sie kaputt " „Es ist wichtig, den Jugendlichen, wenn sie arbeitslos sind nach dieser Ausbildung, daß man Auffrischungskurse mit ihnen macht, weil sie so viel vergessen Das wollen wir dann auch mit in die Nachbetreuung mit hinein nehmen " 100
„ Die Zusammenarbeit bei der Nachbetreuung ist sehr gut Der Berater hat sich schon nach 'A Jahr nach seiner Einfuhrung sehr positiv bemerkbar gemacht Er halt Kontakt mit Lehrern, Ausbildern, Lehrlingen, besorgt Praktikumsplatze Durch informelle Hilfen versuchen Ausbilderinnen, Ausbilder und Internatskrafte, Defizite einer systematischen Nachbetreuung auszugleichen Vor allem durch die weiten Entfernungen und die zunehmende Zahl von Abgangern sind die Möglichkeiten dieser Art allerdings sehr begrenzt Die Erfahrungen eines Eingliederungsberaters in einem Berufsbildungswerk können den Aufgabenbereich der Nachbetreuung beschreiben „Ich bin noch beim Aufbau der Stelle, und es zeigt sich schon jetzt, wenn ich das alles machen mochte, was ich mir eigentlich vorgenommen habe, ist die Zeit nicht ausreichend Meine Aufgaben sind Berufspraktika Vermittlung, Hilfe bei der Suche, Vorbereitung der Jugendlichen darauf daß sie selbständig ihre Praktika in Heimatnahe suchen können - in der Hoffnung, so spatere Arbeitsplätze zu aquineren - Entlaßvorbereitung nach verschiedenen Themen gegliedert Die Situation am Arbeitsmarkt, der technische Teil - Lebenslauf und Bewerbung schreiben, Vorstellungsgesprach trainieren mittels Rollenspiel, Vorbereitung auf das Vorgehen in Bezug auf das Arbeitsamt, wie nimmt man Kontakt zum Rehaberater/Vermittler auf, welche Formulare müssen bei Arbeitslosigkeit ausgefüllt werden etc - Die eigentliche Eingliederung Kontakte zu den Rehaberatern und Rehavermittlern in den Heimatarbeitsamtern Das ist nicht einfach, weil unser Einzugsgebiet die ganzen neuen Bundeslander sind, außer vielleicht der hohe Norden Und da gibt es natürlich eine Unmenge von Heimatarbeitsamtern und es ist auch nicht möglich, jeden Jugendlichen individuell zu betreuen Die Selbständigkeit soll ja mit dem Entlaßtraining erreicht werden - Schließlich noch die Betreuung und Begleitung der eher unselbständigen Jugendlichen, die auch sonst kaum ein Stutzsystem haben " Überlegungen zur Gestaltungen werden in einem Koordinierungskreis für berufliche Rehabilitation der Landesversicherungsanstalt im Land Sachsen durchgeführt Hier findet im Frühjahr 1995 ein Workshop über neue Wege in der beruflichen Eingliederung statt Hier will man Gedanken einbringen zur Problematik der Jugendlichen, die keinen Arbeitsplatz gefunden haben Ansetzen muß man an den subjektiven Gründen (z B Leistungshemmnissen) Ich meine, es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, diese Jugendlichen weiter zu fordern, mit dem Ziel einer spateren Integration Denn gegenwartig gibt es nur die zwei Ebenen, Arbeitsmarkt und Werkstatt für Behinderte Für letztere sind unsere Jugendlichen eigentlich 'zu gut' - aber auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, hat ein Teil aus verschiedenen Gründen heraus Probleme Um diese Jugendlichen sollte man sich kummern - daß ihnen eine Arbeitsmoghchkeit angeboten wird - nicht nur als Therapie sondern schon als Leistung - um den Vergessensindex nicht wirksam werden zu lassen, und das Kenntnisniveau zu halten und immer wieder zu aktivieren und andererseits, um sich m den Fertigkeiten fortzubilden und zu vervollkommnen Es gibt Jugendliche, die unter den Bedingungen des BBW sehr gute Leistungen erbringen, aber in der Praxis Schwierigkeiten habe Da gibt es eine neue Umgebung, da gibt es neue Aufgaben, da steht der Leistungsdruck dahinter, und der Chef oder die Chefin erwarten einfach daß die Bekleidungsfertigerm, auch wenn sie gehörlos ist, die gleiche Leistung bringt wie eine Näherin, die hörend ist Die etwas längere Einarbeitungskurve wird jeder akzeptieren, der so jemanden einstellt, aber die Leistung muß sie dann bringen Um dieses Klientel weiterzufordern, mit Hinblick auf eine spätere Eingliederung, konnte man zum Beispiel in einer Betriebswerkstatt, die unter dem Dach des BBWs steht, vielleicht befristet auf ein halbes Jahr, ihn noch einmal unter Anleitung an einer Kleinserie mit Termin und Zeitvorgabe trainieren und sich über die Defizite des Jugendlichen auch auseinanderzusetzen " Darüber hinaus werden verschiedene Aspekte der Nachbetreuung, ihrer Notwendigkeit und Gestaltung in den Einrichtungen diskutiert 101
„Nachbetreuung heißt im Prinzip, daß sie mit allen Problemen, die sie haben, kommen können und daß man sich auch mal ins Auto setzt und zu ihnen hinführt und genau diese Zeit ist nicht vorhanden, um das leisten zu können. " „ Günstiger wäre es, wenn das 3. Lehrjahr im Juni beendet wäre und die Neuen im September kämen. Dann hätte man den Sommer über Zeit, nach den Jungs zu schauen, könnte sie in den Betrieben besuchen oder ihnen sonst bei der Jobsuche noch mehr unter die Arme greifen. " „ Wir streben an, diese Jugendlichen in eine Nachbetreuung zu nehmen. Dergestalt, daß wir für ein Jahr immer noch der direkte Ansprechpartner für unsere Jugendlichen sind. Auch gibt es die Möglichkeit, eine solche Nachbetreuung über das Arbeitsamt direkt zu finanzieren. Das ist jedoch noch nicht ganz geklärt, aber es ist unser moralischer Anspruch, daß wir die Nachbetreuung übernehmen wollen, und das versuchen wir auch hier im Haus als Modellversuch zu realisieren. " „ Gemeinsam mit dem Bildungsministerium haben wir hier im Haus ein Projekt laufen, das sind 3 Frauen, die dem Verein angehören als Servicebüro für Jugendliche und Frauen. Sie beraten die Jugendlichen, wo es eine Förderung gibt etc. Bereits 50 Jugendliche konnten allein durch deren Kontakte in Arbeitsverhältnisse vermittelt werden, hier in der Region. " „Eine Nachbetreuung wäre sinnvoll, aber nicht als "Nachbetreuer" sondern als guter Organisator. Das ist mehr eine Managementproblematik, weil wir ja ein Flächenstaat sind. Aber insofern würde es gerade im Flächenstaat einen Sinn machen, Kontakt mit den verschiedensten Stellen und Institutionen aufzunehmen. Jemand, der Wege bahnt, der Chancen eröffnet, der Tips weitergeben kann. " „ Wenn man herausfindet, z.B. über die Eltern, daß ein Betrieb einen Jugendlichen einstellen wollte, er aber nicht weiß, was damit auf ihn zukommt, daß man dann mit ihnen spricht - z.B. daß die Jugendlichen nicht in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind, daß sie jung, kräftig und sehr arbeitsmotiviert sind, und bei entsprechender Anleitung und Arbeitserläuterung voll leistungsfähig sind. Die meisten sind dann zwar skeptisch, aber bei vielen kann man dann über das Praktikum auch zu einer Meinungsveränderung kommen. Viele haben sich auch mit der Problematik noch gar nicht beschäftigt - und meistens stellt man sich unter einem Behinderten auch einen körperbehinderten Jugendlichen vor, für den der Arbeitsplatz erst gestaltet werden muß. Deshalb ist die Information über die Behinderung so wichtig. " 102
Anhang 103