Mobilität von Auszubildenden im Erwerbsverlauf
Abstract
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Full text
Kindt, Anna-Maria; Miller, Viktoria; Sujata, Uwe; Weyh, Antje Research Report Mobilität von Auszubildenden im Erwerbsverlauf IAB-Regional. IAB Sachsen, No. 1/2024 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Kindt, Anna-Maria; Miller, Viktoria; Sujata, Uwe; Weyh, Antje (2024) : Mobilität von Auszubildenden im Erwerbsverlauf, IAB-Regional. IAB Sachsen, No. 1/2024, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.RES.2401 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/302909 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
IAB-Regional, IAB Bayern Nr|JJJJ 0 IAB-REGIONAL Berichte und Analysen aus dem Regionalen Forschungsnetz 1|2024 IAB Sachsen Mobilität von Auszubildenden im Erwerbsverlauf Anna-Maria Kindt, Viktoria Miller, Uwe Sujata, Antje Weyh ISSN 1861-1354
Mobilität von Auszubildenden im Erwerbsverlauf Anna-Maria Kindt (IAB Sachsen) Viktoria Miller (IAB), Uwe Sujata (IAB Sachsen), Antje Weyh (IAB Sachsen) IAB-Regional berichtet über die Forschungsergebnisse des Regionalen Forschungsnetzes des IAB. Schwerpunktmäßig werden die regionalen Unterschiede in Wirtschaft und Arbeitsmarkt – unter Beachtung lokaler Besonderheiten – untersucht. IAB-Regional erscheint in loser Folge in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und wendet sich an Wissenschaft und Praxis.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 3 Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis .................................................................................................................... 3 Zusammenfassung ................................................................................................................... 4 Keywords ................................................................................................................................. 4 Danksagung .............................................................................................................................. 4 1 Einleitung ........................................................................................................................... 5 2 Hintergrund ........................................................................................................................ 7 3 Daten und Methodik ........................................................................................................... 9 4 Räumliche Mobilität ......................................................................................................... 11 4.1 Räumliche Mobilität innerhalb Sachsens .......................................................................... 13 4.2 Räumliche Mobilität aus Sachsen heraus ......................................................................... 15 4.3 Welche Auszubildenden sind räumlich mobil? ................................................................. 18 5 Berufliche Mobilität .......................................................................................................... 25 5.1 Berufliche Wechsel innerhalb und außerhalb von Berufssegmenten ............................. 25 5.2 Welche Auszubildenden sind beruflich mobil? ................................................................. 28 6 Fazit ................................................................................................................................. 36 Literatur ................................................................................................................................. 38 Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................ 40 Tabellenverzeichnis ................................................................................................................ 40 In der Reihe IAB-Regional Sachsen zuletzt erschienen ............................................................ 41 Impressum ............................................................................................................................. 42
IAB-Regional Sachsen 1|2024 4 Zusammenfassung Die vorliegende Studie analysiert die räumliche und berufliche Mobilität von Auszubildenden in Sachsen. Dazu werden zwei Kohorten betrachtet: diejenigen, die im Jahr 2000 bzw. 2010 erstmalig eine betriebliche Berufsausbildung in Sachsen begonnen haben. Für diese Kohorten wird der Erwerbsverlauf über zehn Jahre nachverfolgt. Die genutzte Datenbasis der Integrierten Erwerbsbiographien des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung umfasst dabei auch persönliche und betriebliche Merkmale, sodass sowohl eine räumliche, als auch eine berufliche Mobilität differenziert betrachtet werden kann. Mit Hilfe von Survival Analysis und Regressionen werden Mobilitätsmuster bestimmt und Einflussfaktoren auf das Mobilitätsverhalten identifiziert. Für beide Kohorten werden typische Verlaufsmuster innerhalb der ersten zehn Jahre des Erwerbsverlaufes deutlich. So ist insgesamt die Mobilität in den ersten drei Jahren, der meist üblichen Ausbildungsdauer, eher gering. Danach nimmt diese stark zu und steigt danach mit geringerer Dynamik weiter. Dies unterstreicht, dass viele Personen nach der regulären Dauer der Ausbildung einen neuen Beruf ergreifen und/oder räumlich mobil werden. Für die räumliche Mobilität innerhalb Sachsens und aus Sachsen heraus zeigen die Kohorten gegenteilige Tendenzen. Für die Kohorte 2000 ist die Mobilität aus Sachsen heraus sehr viel größer, während die Personen der Kohorte 2010 häufiger innerhalb Sachsens mobil sind. Bei der Unterscheidung der beruflichen Mobilität nach inhaltlich verwandten Berufen (Wechsel innerhalb von Berufssegmenten) oder berufssegmentübergreifender Mobilität, zeigt die Kohorte 2010 häufigere Wechsel. Damit spiegeln die Ergebnisse die stark unterschiedlichen Arbeitsmarktlagen für beide Kohorten wider, sei es zu Ausbildungsbeginn oder im Laufe der ersten Jahre nach Ausbildung. Keywords Betriebliche Ausbildung, Erwerbsverlauf, Mobilität, Sachsen, Survival Analysis Danksagung Wir bedanken uns herzlich bei Lutz Eigenhüller und Christian Faißt für die wertvollen Kommentare sowie bei Annette Röhrig für die redaktionelle Überarbeitung.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 5 1 Einleitung Eine tragende Säule für die aktuelle und zukünftige Deckung des Fachkräftebedarfes der Wirtschaft stellt die betriebliche Berufsausbildung dar (vgl. z. B. Hennig et al. 2023). Nach der 8 Regionalisierten Bevölkerungsprognose für den Freistaat Sachsen steigt die Anzahl und auch der Anteil der 15unter 25-Jährigen in den kommenden Jahren wieder leicht an. Damit nimmt rein rechnerisch auch das Potenzial für eine betriebliche Ausbildung wieder etwas zu. In welchem Ausmaß die betriebliche Ausbildung tatsächlich von steigenden Bevölkerungszahlen in der Altersgruppe der 15bis unter 25-Jährigen profitiert, hängt von vielen Faktoren ab und nicht zuletzt auch davon, ob der Trend zur Höherqualifizierung in Form eines Studiums (Bundesinstitut für Berufsbildung 2023) weiter anhält. Im Hinblick auf die zukünftige Fachkräftesituation zeigt sich jedoch weiterhin, dass dem Anteil junger Menschen im Alter von 15 bis unter 25 Jahren auch in den kommenden Jahren ein größerer Anteil älterer Personen (55 bis unter 65 Jahre) im erwerbsfähigen Alter gegenübersteht. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen gilt es, Jugendliche nicht nur für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen, sondern den Fokus der Betriebe und der wirtschaftspolitischen Akteur*innen stärker noch als bisher auf das Halten der jungen Menschen nach einer betrieblichen Ausbildung im jeweiligen Unternehmen zu legen. Die Übernahmequoten an dieser sogenannten zweiten Stelle nahmen in Sachsen zwar in den vergangenen Jahren nahezu stetig zu (Wittbrodt/Frei/Prick 2023), allerdings gibt es bislang nur sehr wenige Informationen, wie genau sich der Erwerbsverlauf für Jugendliche, die ihre betriebliche Erstausbildung im Freistaat begonnen haben, gestaltet. In Ergänzung zu Hennig et al. (2023), die sich mittels Sequenzmusteranalysen Zeiten von Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Maßnahmeteilnahmen in diesem Zusammenhang ansehen, beschäftigt sich die vorliegende Studie mit den Mobilitätsentscheidungen in den ersten zehn Jahren nach dem Beginn einer betrieblichen Ausbildung. Wie auch bei Hennig et al. (2023) werden die Ausbildungskohorten 2000 und 2010 betrachtet. Mit Hilfe der sog. Survival Analysis ermittelt die Untersuchung zu welchen Zeitpunkten die Personen räumlich oder beruflich mobil sind, also ihre Ausbildungsregion oder ihren Ausbildungsberuf verlassen. Zusätzlich werden mittels Regressionsanalysen individuelle und betriebliche Faktoren diskutiert, die in Zusammenhang mit räumlicher oder beruflicher Mobilität stehen. Für die beiden Kohorten zeigen sich Im Hinblick auf die beiden Mobilitätsarten gegenteilige Effekte. Für die 2000er Kohorte ergeben sich größere Anteile für die räumliche Mobilität als für die 2010er Kohorte, wohingegen die berufliche Mobilität für die 2010er Kohorte höher war als für die Kohorte 2000. Die Ergebnisse spiegeln damit die stark unterschiedlichen Arbeitsmarktlagen für beide Kohorten wider, sei es zu Ausbildungsbeginn oder im Laufe der ersten Jahre nach Ausbildung. Während Personen, die im Jahr 2000 ihre Erstausbildung in Sachsen begonnen haben, zum Teil gezwungen waren aus Sachsen abzuwandern, konnten Erstauszubildende der Kohorte 2010 aufgrund der sehr viel besseren Arbeitsmarktlage und des zunehmenden Fachkräftebedarfes vergleichsweise leichter eine Beschäftigung in Sachsen finden und auch berufliche Wechsel vollziehen.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 6 Die vorliegende Studie ist wie folgt gegliedert: Nach einer kurzen Einordnung in die bestehende empirische Literatur für Deutschland bzw. Sachsen zur räumlichen und beruflichen Mobilität (vgl. Kapitel 2), werden in Kapitel 3 die Datenbasis sowie die verwendete Methodik der Survival Analysis erläutert. Kapitel 4 präsentiert die Ergebnisse zur räumlichen Mobilität für die beiden Ausbildungskohorten 2000 und 2010. Dabei wird nach Mobilität innerhalb Sachsens und Mobilität über die Bundeslandgrenze hinweg unterschieden. Kapitel 5 betrachtet die berufliche Mobilität. Für beide Mobilitätsarten stellen wir zudem Zusammenhänge mit individuellen und betrieblichen Faktoren her. Ein Fazit schließt die Studie.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 7 2 Hintergrund Für die nachfolgende Betrachtung der Erwerbsverläufe von Auszubildenden greifen wir auf zwei Ausbildungsjahrgänge zurück, um unterschiedliche Situationen am Ausbildungsund Arbeitsmarkt berücksichtigen zu können. Die erste Kohorte begann ihre Ausbildung im Jahr 2000. In diesem Jahr gab es noch eine Vielzahl an Schulabsolvent*innen und damit auch Bewerber*innen für eine Ausbildungsstelle. Die zweite Kohorte fing 2010 mit der Ausbildung an, und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem die Zahl der Schulabsolvent*innen und Bewerber*innen aufgrund der demografischen Entwicklung in Sachsen fast ihren jeweiligen Tiefstwert erreicht hatten (vgl. auch Hennig et al. 2023). Für Ausbildungssuchende der Kohorte 2000 herrschte eine eher schwierige Lage auf dem Ausbildungsmarkt, da die Zahl der Bewerber*innen die der Ausbildungsplätze deutlich überschritt. Im Gegensatz zu dieser Kohorte bot der Ausbildungsmarkt für den zweiten betrachteten Jahrgang 2010 bessere Chancen. Nach 2010 blieb das Verhältnis zwischen gemeldeten Bewerber*innen und gemeldeten Ausbildungsstellen nahezu ausgeglichen. Konnten Betriebe lange Jahre aus einer großen Zahl an Ausbildungsbewerbenden auswählen, haben sie in jüngerer Vergangenheit immer häufiger Probleme ihre Ausbildungsstellen zu besetzen. So stieg die Quote der unbesetzten Ausbildungsplätze in Sachsen von rund 6 Prozent im Jahr 2004 (Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit 2005) auf 50 Prozent im Jahr 2022 (Wittbrodt et al. 2023). Ist ein Ausbildungsplatz besetzt, heißt dies jedoch für den ausbildenden Betrieb nicht, dass die Fachkraft zukünftig auch im Betrieb verbleibt. Durch Mobilität können sich Auszubildende während und nach der Ausbildung eine passende andere Arbeitsstelle suchen. Dies geht mit einem Wechsel des Ausbildungsbetriebs einher und kann mit einer Tätigkeit in einem anderen Beruf als dem Ausbildungsberuf verbunden sein. Zusätzlich können Auszubildende neben der betrieblichen oder beruflichen Mobilität auch räumlich mobil sein. Solche Mobilitätsprozesse auf räumlicher Ebene sind dabei meist mit persönlichen Präferenzen und zusätzlichen Chancen verbunden (Windzio 2013). Durch berufliche Mobilität kann unter anderem eine Einkommenssteigerung erzielt (Le Grand/Tahlin 2002) oder auf eine veränderte Situation am Arbeitsmarkt reagiert werden. Hohe lokale Arbeitslosenquoten hemmen besonders die Aufstiegschancen von jungen oder gering qualifizierten Personen (Windzio 2013; Hillmert 2006), welche regional oder beruflich mobil werden können, um instabile oder befristete Beschäftigungsverhältnisse zu vermeiden (Reichelt/Abraham 2017). Hingegen steigt die Wahrscheinlichkeit, den Arbeitgeber zu wechseln, in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs (Ganesch et al. 2019). Ob und wann Auszubildende beruflich oder regional mobil sind, hängt mit verschiedenen persönlichen, betrieblichen und umfeldbezogenen Merkmalen zusammen und nicht alle profitieren in gleichem Maße von solchen Wechseln (Reichelt/Abraham 2017). Zum Beispiel ist der zuvor erworbene Schulabschluss relevant, der entsprechend zusätzliche Karrierewege von vornherein öffnet oder verschließt. So stieg die Anzahl der Jugendlichen, die mit Hochschulreife einen Ausbildungsvertrag abschlossen von 18,8 Prozent in 2007 auf 29,7 Prozent in 2021 kontinuierlich an (Bundesinstitut für Berufsbildung 2023). Für diese Personengruppen bleibt
IAB-Regional Sachsen 1|2024 8 immer der Weg an eine Hochschule. In Folge geht diese Personengruppe dann auch dem Arbeitsmarkt im Bereich der fachlich ausgerichteten Tätigkeiten verloren. Zudem dürften Mobilitätsmuster auf räumlicher und beruflicher Ebene zwischen den Geschlechtern variieren. Frauen sind im Vergleich zu Männern nicht nur durch ihre höhere Familienund Sorgearbeit weniger mobil. Sie zeigen generell eine stärkere Bindung zu ihrem Arbeitgeber (Ganesch/Dütsch/Struck 2019). Gleichzeitig sind Frauen häufiger in Branchen wie dem Gesundheitswesen und in sozialen Berufen wie Erziehung und Lehre oder im öffentlichen Dienst tätig (Statistisches Bundesamt 2017, Bächmann et al. 2024), welche sich durch Stabilität und Sicherheit auszeichnen. Dies kann zu einer geringeren beruflichen und räumlichen Mobilität führen (Ganesch/Dütsch/Struck 2019). Außerdem besteht durch anspruchsvolle Eintrittsbarrieren in Gesundheitsberufen und das höhere Anforderungsniveau eine stärkere Bindung an diese Berufe (Gillmann/Maas/Weyh 2023). Demgegenüber sind Personen in anderen Dienstleistungsberufen wie beispielsweise dem Handel oder unternehmensbezogenen Dienstleistungsberufen stärker regional mobil (Ganesch/Dütsch/Struck 2019). Auch ist die berufliche Mobilität in Bauund Ausbauberufen bereits während der Ausbildung vergleichsweise hoch (Haverkamp/Gelzer 2016). Da nicht jeder Betrieb auch ausbildet oder ausbilden kann, ist die Mobilität zwischen Betrieben für die Fachkräftesicherung von enormer Bedeutung. So verfügen über 90 Prozent der Großbetriebe über eine Ausbildungsberechtigung, während nur knapp die Hälfte der Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten über diese Erlaubnis verfügt (Dummert 2018). Doch nicht nur die Ausbildungsberechtigung, auch die Übernahmequoten variieren zwischen Betrieben je nach Größe. Generell ist eine kontinuierliche Steigung dieser Quote seit 2006 zu beobachten. Übernahmen Kleinbetriebe 2006 nur 56 Prozent ihrer Auszubildenden, waren es zehn Jahre später, im Jahr 2016, bereits 65 Prozent. Großbetriebe übernahmen 2016 mit 76 Prozent den größten Anteil an Auszubildenden (Dummert 2018). Wie bereits erwähnt, sind auch die (wirtschaftliche) Lage und Entwicklung einer Region entscheidend für die Mobilität von Auszubildenden. Städte wie z. B. Dresden und Leipzig verzeichnen seit 2009 zum Teil deutliche Bevölkerungszuwächse (Albrech/Fink/Tiemann 2015) und bieten jungen Menschen attraktive Arbeitsund Lebensbedingungen. Solche Städte könnten daher oft Ziel vom beruflich und räumlich Mobilen sein. In ländlichen Regionen wiederum könnte z. B. auch eine schlechtere Verkehrsinfrastruktur zu weniger Mobilität führen. Neben der allgemeinen Wirtschaftsund Arbeitsmarktlage kann daher somit auch die Siedlungsstruktur an sich mit Mobilität zusammenhängen.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 15 4.2 Räumliche Mobilität aus Sachsen heraus Neben der Mobilität innerhalb Sachsens, nahmen rund 40 Prozent von allen räumlich Mobilen der Ausbildungskohorte 2000 und rund 31 Prozent der Kohorte 2010 einen Arbeitsort außerhalb Sachsens an. In der Kohorte 2000 waren dabei unter den Top-10 Zielkreisen die Städte München, Berlin, Nürnberg, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt am Main, die eine vergleichsweise gute Arbeitsmarktlage und vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Daneben zählten die nah an Sachsen liegende Stadt Halle (Saale) sowie die Landkreise Greiz, der Saalekreis und das Altenburger Land zu den Top-10 Zielen. Anhand der Deutschlandkarte in Abbildung 5 wird dies nochmals deutlich. Außerdem zeigt die Abbildung, dass insgesamt die direkt an Sachsen grenzenden Landkreise in Bayern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen häufige Ziele der mobilen Auszubildenden sind. Das ergänzt das Bild der nur in einem begrenzten Radius räumlich mobilen Auszubildenden. Insgesamt waren, wie bereits beschrieben, etwa 40 Prozent der 2000er Kohorte außerhalb Sachsens mobil. Davon wiederum fand über ein Viertel einen neuen Arbeitsplatz in Bayern (27,5 Prozent) und 14,0 Prozent einen in Baden-Württemberg. Die an Sachsen angrenzenden ostdeutschen Bundesländer vereinten insgesamt mehr als ein Viertel aller außerhalb Sachsens mobilen Auszubildenden. In der Kohorte 2010 sieht das Bild ähnlich aus (vgl. Abbildung 6). Große Städte wie Berlin, München und Hamburg sind auch in dieser Kohorte häufige Zielkreise. Allerdings finden sich unter den Top-10 nun zunehmend ostdeutsche Städte wie Halle (Saale), Erfurt, Gera und Cottbus. Außerdem sind weitere ostdeutsche Landkreise unter den Top-10 Zielen: wie in der Kohorte 2000 der Saalekreis und das Altenburger Land sowie zusätzlich der Landkreis AnhaltBitterfeld. Auch wird wieder deutlich, dass vor allem die Kreise, die direkt an Sachsen angrenzen, oft Ziele von Auszubildenden der Kohorte 2010 waren. Da die Kohorte 2010 nur noch etwa halb so groß ist wie die Kohorte 2000 und sich nur noch, wie bereits erwähnt, 30,5 Prozent der mobilen Auszubildenden für einen Kreis außerhalb Sachsens entscheiden, finden sich 2010 viele Kreise, die in 2000 noch Ziel der außerhalb Sachsens Mobilen waren, in der 2010er Kohorte nicht mehr in der Liste der Ziele der räumlich Mobilen. Die meisten Mobilen der 2010er Kohorte fanden einen neuen Arbeitsplatz in Sachsen-Anhalt (16,8 Prozent) gefolgt von Bayern (14,8 Prozent). Zusammengenommen arbeiten gut 47 Prozent der außerhalb Sachsens mobilen Auszubildenden in den benachbarten ostdeutschen Bundesländern. Da für die Untersuchung nur die erste Mobilität gezählt wird, sind hier Mobilitätsentscheidungen im weiteren Erwerbsverlauf, unter anderem auch eine Rückwanderung, nicht abgebildet. Für viele Auszubildende ist eine erste Mobilitätsentscheidung meist nach dem Ende der Ausbildungszeit jedoch wegweisend für die weitere Beschäftigung und langfristige Standortentscheidungen.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 16 Abbildung 5: Zielkreise der sächsischen Auszubildenden Ausbildungskohorte 2000, Anteile aller außerhalb Sachsens Mobilen Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien, GeoBasis-DE/BKG 2024; eigene Berechnung. © IAB
IAB-Regional Sachsen 1|2024 17 Abbildung 6: Zielkreise der sächsischen Auszubildenden Ausbildungskohorte 2010, Anteile aller außerhalb Sachsens Mobilen Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien, GeoBasis-DE/BKG 2024; eigene Berechnung. © IAB
IAB-Regional Sachsen 1|2024 18 4.3 Welche Auszubildenden sind räumlich mobil? Neben der Betrachtung der Ziele der sächsischen Auszubildenden innerhalb und außerhalb Sachsen, zeigen sich auch Unterschiede zwischen den Kohorten im Hinblick auf den Zusammenhang der räumlichen Mobilität mit individuellen und betrieblichen Merkmalen. Um dies genauer zu analysieren, wird neben der deskriptiven Darstellung eine Regression durchgeführt, um unter Berücksichtigung aller beobachteten Merkmale den Zusammenhang eines Merkmals mit der Mobilitätswahrscheinlichkeit zu untersuchen. Für jedes Merkmal gibt es eine Referenzgruppe, zu der die Ergebnisse in Bezug gesetzt werden. Tabelle 1: Regressionsergebnisse räumliche Mobilität Kohorte 2000 und 2010 Merkmal Mobilität insgesamt Mobilität innerhalb Sachsens Mobilität aus Sachsen heraus Geschlecht (Referenz: männlich) weiblich 0,018 0,029 -0,040 Alter (Referenz: unter 18 Jahre) 18 bis unter 21 Jahre 0,091*** 0,008 0,110*** 21 Jahre bis unter 24 Jahre 0,131* -0,088 0,248** Schulabschluss (Referenz: ohne Schulabschluss) Haupt-/Realschulabschluss -0,014 -0,193** 0,366** (Fach-)Abitur -0,024 -0,336*** 0,558*** Betriebsgröße (Referenz: weniger als 10 Beschäftigte) 10 bis 49 Beschäftigte 0,037* -0,021 0,110*** 50 bis 249 Beschäftigte 0,030 -0,034 0,125*** 250und mehr Beschäftigte 0,151*** 0,102*** 0,113*** Region (Referenz: Land) Stadt 0,073*** -0,031* 0,181*** Berufssegment (Referenz: S11 Land-, Forst und Gartenbauberufe) S12 Fertigungsberufe -0,129*** -0,127*** -0,041 S13 Fertigungstechnische Berufe -0,041 -0,128*** 0,140** S14 Bauund Ausbauberufe 0,108*** 0,037 0,167*** S21 Lebensmittelund Gastgewerbeberufe 0,178*** -0,044 0,389*** S22 Medizinische und nicht-medizinische Gesundheitsberufe -0,044 -0,143*** 0,154** S23 Soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe -0,163** -0,170* 0,018 S31 Handelsberufe 0,191*** 0,006 0,338*** S32 Berufe in der Unternehmensführung und -organisation -0,014 -0,092* 0,127* S33 Unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe 0,025 -0,189*** 0,319*** S41 ITund naturwissenschaftliche Dienstleistungsberufe -0,281*** -0,356*** 0,049 S51 Sicherheitsberufe 0,238 0,192 0,100 S52 Verkehrsund Logistikberufe 0,267*** 0,085 0,314*** S53 Reinigungsberufe 0,364*** 0,305*** 0,209 Kohorte (Referenz: 2000) 2010 -0,028* 0,161*** -0,350*** Konstante -6,162*** -5,676*** -7,183*** Anzahl der Beobachtungen 40.594 40.594 40.594 Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB
IAB-Regional Sachsen 1|2024 19 Geschlecht Die deskriptive Darstellung des räumlichen Mobilitätsverhaltens nach Geschlecht in Abbildung 7 zeigt, dass Frauen vor allem während der Ausbildungszeit und direkt danach deutlich mobiler sind als Männer. Im späteren Erwerbsverlauf steigt vor allem die Mobilität der Männer der Kohorte 2000. Am Ende des Beobachtungszeitraumes waren sie am häufigsten mindestens einmal räumlich mobil. Frauen und Männer zeigen jedoch unter Berücksichtigung aller Merkmale keine signifikanten Unterschiede im Mobilitätsverhalten was aus Tabelle 1 ersichtlich wird. Allgemein sind Frauen der beiden Ausbildungskohorten nicht mehr oder weniger räumlich mobil als Männer. Abbildung 7: Räumliche Mobilität nach Geschlecht Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Alter Für die Unterscheidung nach Alter der Auszubildenden wurden drei Gruppen gebildet: die Personen, die zu Beginn der Ausbildung unter 18 Jahre, Personen, die zu Beginn der Ausbildung 18 bis unter 21 Jahre und Personen, die zu Beginn der Ausbildung 21 bis unter 24 Jahre alt waren. Aus der deskriptiven Darstellung in Abbildung 8 geht hervor, dass die Gruppe der unter 18-Jährigen in der Kohorte 2000 vor allem während der Ausbildungszeit und auch darüber hinaus lange Zeit die niedrigste Mobilität aufweist. Die 21bis 23-Jährigen beider Kohorten hingegen waren zu Beginn der Ausbildung räumlich eher mobil, gegen Ende des Beobachtungszeitraums weisen sie hingegen die niedrigste räumliche Mobilität auf. Wie aus den Regressionsergebnissen deutlich wird, ist im Vergleich zu den unter 18-Jährigen vor allem die mittlere Altersgruppe 0 10 20 30 40 50 60 70 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn Männer 2000 Männer 2010 Frauen 2000 Frauen 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 20 insgesamt mobiler. Bei der regionalen Unterscheidung zeigt sich, dass dies nicht auf die Mobilität innerhalb Sachsens zutrifft, sondern vor allem auf die Mobilität aus Sachsen heraus. Gründe hierfür könnten sein, dass sehr junge Auszubildende auch länger an das Elternhaus gebunden sind und demnach weder während noch nach der Ausbildung in einem größeren Radius mobil sind. Abbildung 8: Räumliche Mobilität nach Alter Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Schulabschluss Auch der Schulabschluss ist für die Mobilität im Erwerbsleben von Bedeutung. Auch hier werden drei Kategorien unterschieden: Personen ohne Schulabschluss, Personen mit Hauptoder Realschulabschluss und Personen mit (Fach-)Abitur. Auszubildende ohne Schulabschluss haben unter Umständen Schwierigkeiten einen Ausbildungsplatz zu finden. Dies trifft vor allem auf die Kohorte 2000 zu, als die Bewerber-Stellen-Relation weniger zu Gunsten der Bewerber ausfiel. Ist dann ein Ausbildungsplatz gefunden, bleiben diese Auszubildenden wohlmöglich dem ausbildenden Betrieb und der Region treu, da sich durch den fehlenden Schulabschluss gegebenenfalls auch weniger Chancen bieten (vgl. Abbildung 9). Das gegenteilige Bild zeigt sich für Personen ohne Schulabschluss der Ausbildungskohorte 2010. Diese waren sowohl während der Ausbildungszeit als auch danach besonders mobil, was ggf. mit der verbesserten Arbeitsmarktlage auch für Geringqualifizierte zusammenhängen dürfte. Für Personen mit (Fach-)Abitur zeigt sich für die Kohorten das umgekehrte Bild. Sie waren zwar insgesamt nicht die am stärksten und am wenigsten mobilen, weisen aber die zweitstärkste Mobilität der 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn unter 18 Jahre 2000 unter 18 Jahre 2010 18 bis unter 21 Jahre 2000 18 bis unter 21 Jahre 2010 21 Jahre bis unter 24 Jahre 2000 21 Jahre bis unter 24 Jahre 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 21 Kohorte 2000 und die zweitgeringste der Kohorte 2010 auf. Unter Berücksichtigung sämtlicher anderer Merkmale zeigen die beiden Vergleichsgruppen keine statistisch signifikanten Unterschiede im Vergleich zu Personen ohne Schulabschluss. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass sich die statistisch signifikant geringere räumliche Mobilität innerhalb Sachsens der beiden Gruppen gegenüber den Personen ohne Abschluss mit der statistisch signifikant höheren Mobilität außerhalb Sachsens aufhebt. Abbildung 9: Räumliche Mobilität nach Schulabschluss Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Betriebsgröße Für die Untersuchung werden die Betriebe in vier Gruppen eingeteilt: Kleinstbetriebe (weniger als zehn Beschäftigte), kleine Betriebe (10 bis 49 Beschäftigte), mittlere Betriebe (50 bis 249 Beschäftigte) und Großbetriebe (250 und mehr Beschäftigte). Aufschlussreich sind auch hier wieder die Kohortenunterschiede im Verlauf der jeweiligen zehn Jahre (vgl. Abbildung 10). Während in den meist üblichen 36 Monaten der Ausbildungszeit die größte räumliche Mobilität bei den Auszubildenden der Kleinstbetriebe der 2010er Kohorte zu verzeichnen war, verzeichnen nach Ausbildungsende die Personen der Großbetriebe der 2000er Kohorte die höchste räumliche Mobilität. An diesen deskriptiven Ergebnissen zeigt sich der Wandel hin zu einem Halten der Fachkräfte. Unter Berücksichtigung aller Merkmale, sind im Vergleich zu Auszubildenden in den Kleinstbetrieben vor allem Auszubildende in Großbetrieben signifikant häufiger räumlich mobil. Dies trifft sowohl auf die Mobilität innerhalb als auch aus Sachsen heraus zu. Bei der Mobilität aus Sachsen heraus weisen Auszubildende aller anderen Kategorien innerhalb der ersten zehn Jahre ihres Erwerbslebens eine signifikant höhere räumliche Mobilität als in Kleinstbetrieben auf. 0 10 20 30 40 50 60 70 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn ohne Schulabschluss 2000 ohne Schulabschluss 2010 Haupt-/Realschulabschluss 2000 Haupt-/Realschulabschluss 2010 (Fach-)Abitur 2000 (Fach-)Abitur 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 22 Große Betriebe verfügen in aller Regel häufiger über eine Ausbildungsgenehmigung als kleine Betriebe. In der Konsequenz versorgen sie oftmals kleinere Betriebe ebenfalls mit ausgebildeten Fachkräften. Eine Bestenauswahl könnte in diesem Zusammenhang eine insgesamt höhere Mobilität in größeren Betrieben erwarten lassen. Andererseits können größere Betriebe nach der Ausbildung meist bessere Beschäftigungsmöglichkeiten bieten, was die Mobilität zu ihren Gunsten einschränkt. Gleichsam sind ausbildende Kleinstund Kleinbetriebe bestrebt, die Investition der Ausbildung zu amortisieren, indem die Auszubildenden als Fachkräfte im Unternehmen verbleiben. Abbildung 10: Räumliche Mobilität nach Betriebsgröße Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Siedlungsstruktur Ob die Auszubildenden ihre Ausbildung in einem ländlichen Kreis oder einer Stadt beginnen, kann ebenfalls in Zusammenhang mit der räumlichen Mobilität stehen. Durch die deskriptive Analyse wird deutlich, dass es Unterschiede diesbezüglich und zwischen den beiden Kohorten im Zeitverlauf der zehn Jahre gibt (vgl. Abbildung 11). So sind Personen, die 2000 in einem städtischen Kreis ihre Ausbildung begannen, zunächst etwas seltener mobil, während diese Gruppe am Ende der zehn Jahre am häufigsten räumlich mobil war. Umgekehrt verhält es sich für Auszubildende der 2010er Kohorte: Diese waren während der typischen Ausbildungszeit von 36 Monaten häufiger mobil und wiesen dann zum Ende der zehn Beobachtungsjahre die insgesamt geringste räumliche Mobilität auf. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn weniger als 10 Beschäftigte 2000 weniger als 10 Beschäftigte 2010 10 bis 49 Beschäftigte 2000 10 bis 49 Beschäftigte 2010 50 bis 249 Beschäftigte 2000 50 bis 249 Beschäftigte 2010 mehr als 250 Beschäftigte 2000 mehr als 250 Beschäftigte 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 23 Die Regressionsergebnisse zeigen, dass im Vergleich zu Auszubildenden auf dem Land, die Auszubildenden in der Stadt insgesamt statistisch signifikant häufiger im Laufe der ersten zehn Jahre nach Ausbildungsbeginn räumlich mobil sind. Dies ist jedoch auf die Mobilität aus Sachsen heraus zurückzuführen. Räumliche Mobilität innerhalb Sachsens ist für diese Gruppe signifikant geringer. Diese Beobachtung dürfte vor allem mit der „Versorgungsfunktion“ mit Arbeitsplätzen der Städte zusammenhängen, was dazu führt, dass Auszubildende in der Stadt seltener in ländliche Umlandkreise wechseln dürften. Abbildung 11: Räumliche Mobilität nach Siedlungsstruktur Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Berufssegmente In Abhängigkeit der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen in einer Region und der Höhe von Marktzutrittsbarrieren zu einem bestimmten Beruf, ist zu erwarten, dass es auch deutliche Unterschiede im Hinblick auf räumliche Mobilität bezüglich der Berufssegmente gibt, in denen die Ausbildung begonnen wurde. Im Vergleich zur Referenzgruppe der Land-, Forstund Gartenbauberufe besitzen Auszubildende der Reinigungsberufe die signifikant höchste räumliche Mobilität. Auch Auszubildende in Verkehrsund Logistikberufen, in Handelsberufen, Lebensmittelund Gastgewerbeberufen sowie in Bauund Ausbauberufen sind signifikant häufiger räumlich mobil als die Referenzgruppe. Eine signifikant geringere räumliche Mobilität als die Land-. Forstund Gartenbauberufe weisen Auszubildende in den ITund naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen, in sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen oder in Fertigungsberufen auf. Diese ist in allen drei 0 10 20 30 40 50 60 70 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn Land 2000 Land 2010 Stadt 2000 Stadt 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 24 Berufssegmenten einer signifikant geringen Mobilität innerhalb Sachsens geschuldet. Die insgesamt signifikant höhere räumliche Mobilität ist nur im Fall der Reinigungsberufe auf eine signifikant höhere Mobilität innerhalb Sachsens zurückzuführen. Bei den anderen Berufssegmenten mit einer insgesamt signifikant höheren Mobilität geht dies auf eine signifikant höhere Mobilität aus Sachsen heraus zurück. In den fünf Fällen, wo sich insgesamt keine signifikant höhere oder niedrigere räumliche Mobilität als bei den Land-, Forstund Gartenbauberufen beobachten lässt, zeigt sich ein recht eindeutiger Trend bei der Mobilität innerhalb Sachsens und aus Sachsen heraus. Bei den Fertigungstechnischen Berufen, den Medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufen, den Berufen in der Unternehmensführung und -organisation sowie den Unternehmensbezogenen Dienstleistungsberufen ist immer eine signifikant geringere räumliche Mobilität innerhalb Sachsens, aber eine signifikant höhere Mobilität aus Sachsen heraus als in der Referenzgruppe festzustellen. Nur bei den Sicherheitsberufen zeigen sich generell keine signifikanten Ergebnisse. Kohortenunterschiede Wie in Kapitel 2 beschrieben, war die Arbeitsmarktlage für die Kohorte 2000 deutlich schlechter als für die Kohorte 2010. Daher ist zu erwarten, dass auch die Ausbildungskohorte, also der Zeitpunkt zu dem eine Ausbildung begonnen wird, bedeutsam für das räumliche Mobilitätsverhalten ist. Die Regressionsergebnisse zeigen, dass die Kohorte 2010 statistisch signifikant weniger räumlich mobil ist. Dies trifft allerdings vor allem auf die Mobilität aus Sachsen heraus zu. Die Mobilität innerhalb Sachsens war hingegen in der Kohorte 2010 wahrscheinlicher als in der Kohorte 2000. Die Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb Sachsens waren für die Kohorte 2000 deutlich schlechter. Die Mobilität aus Sachsen heraus bot somit die Chance einer Beschäftigung und die Vermeidung von Perioden der Arbeitslosigkeit.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 31 Abbildung 15: Berufliche Mobilität nach Alter Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Abbildung 15 zeigt deskriptiv die berufliche Mobilität nach Altersgruppen für die beiden Ausbildungskohorten. Es zeigen sich insgesamt betrachtet nur wenig Unterschiede. Allerdings scheinen Jüngere, die zu Ausbildungsbeginn unter 18 Jahre alt waren, im Vergleich zu Älteren in beiden Kohorten zumindest während der üblichen Ausbildungszeit von 36 Monaten seltener ihren Beruf zu wechseln. Vor allem im späteren Erwerbsverlauf wird deutlich, dass berufliche Wechsel in allen Altersgruppen in der 2010er Kohorte häufiger vorkommen. Nach zehn Jahren haben Personen, die mit 21 Jahren und älter im Jahr 2000 ihre erste Berufsausbildung begonnen haben, am seltensten und Personen, die zu Ausbildungsbeginn in 2010 zwischen 18 und 20 Jahre alt waren, am häufigsten mindestens einen beruflichen Wechsel vollzogen. Letzteres führt auch zu signifikant mehr Wechseln der Berufsgruppe im Alter von 18 bis unter 21 Jahren. Für Auszubildende, die zu Beginn der Ausbildung 21 Jahre und älter waren, zeigt sich hingegen keine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit eines Berufswechsels im Vergleich zur Gruppe der unter 18-Jährigen. Interessant ist hierbei die Unterscheidung nach Wechseln der Berufsgruppe innerhalb eines Berufssegmentes oder über Segmentgrenzen hinweg. Während sich bei Berufswechseln zwischen Segmenten ebenfalls eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für die 18bis unter 21-Jährigen im Vergleich zu den unter 18-Jährigen zeigt, ist die Wechselwahrscheinlichkeit der 18bis unter 21-Jährigen innerhalb von Segmenten signifikant geringer als die der Vergleichsgruppe. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn unter 18 Jahre 2000 unter 18 Jahre 2010 18 bis unter 21 Jahre 2000 18 bis unter 21 Jahre 2010 21 Jahre bis unter 24 Jahre 2000 21 Jahre bis unter 24 Jahre 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 32 Schulabschluss Der Zusammenhang zwischen Schulabschluss und beruflicher Mobilität ist sehr wahrscheinlich nicht linear. So könnte es einerseits bei Personen, die eine Ausbildung ohne vorherigen Schulabschluss beginnen, vorkommen, dass sie seltener ihren Wunschberuf erlernen können oder nur schwer Ausbildungsziele erreichen und somit häufiger beruflich wechseln (müssen). Personen mit (Fach-)Abitur steht während oder nach der Ausbildung immer der Weg eines Studiums offen und damit auch einer beruflichen Neuorientierung. Für beide Gruppen wäre daher eine höhere berufliche Mobilität im Vergleich zu Personen mit einem Hauptoder Realschulabschluss zu erwarten. Eine besonders hohe berufliche Mobilität zeigt sich für diejenigen, die eine Ausbildung in 2010 ohne vorhandenen Schulabschluss begonnen haben. Vergleichsweise niedrig ist die berufliche Mobilität für Auszubildende der 2000er Kohorte mit einem (Fach-)Abitur. Zehn Jahre nach Ausbildungsende haben bei erstgenannter Personengruppe knapp 84 Prozent mindestens einmal ihre Berufsgruppe gewechselt, während dies bei letztgenannter nur 60 Prozent betraf (vgl. Abbildung 16). Abbildung 16: Berufliche Mobilität nach Schulabschluss Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Die Schätzergebnisse unterstreichen eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit eines Wechsels der Berufsgruppe für Personen mit Hauptoder Realschulabschluss und (Fach-)Abitur gegenüber Personen, die ohne Schulabschluss eine Ausbildung beginnen. Personen mit (Fach-)Abitur haben auch eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit als die Vergleichsgruppe 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn ohne Schulabschluss 2000 ohne Schulabschluss 2010 Haupt-/Realschulabschluss 2000 Haupt-/Realschulabschluss 2010 (Fach-)Abitur 2000 (Fach-)Abitur 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 33 zwischen Berufssegmenten zu wechseln. Der Koeffizient für Haupt-/Realschulabschluss ist auch negativ, aber nicht signifikant. Ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen Schulabschlüssen zeigen sich, wenn Wechsel innerhalb von Berufssegmenten betrachtet werden. Entgegen den Erwartungen haben damit Personen mit (Fach-)Abitur die geringste Wahrscheinlichkeit für berufliche Mobilität. Dies unterstreicht wiederum, dass die Entscheidung für oder gegen ein Studium meistens bereits direkt nach dem Schulabschluss erfolgt. Betriebsgröße Großbetriebe übernehmen nach der Ausbildung zwar mehr Auszubildende als Kleinbetriebe (vgl. z. B. Dummert 2018), allerdings bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Personen, die in einem Großbetrieb ihre Ausbildung angefangen haben, weniger berufliche Wechsel aufweisen. Ihre Wechselwahrscheinlichkeit kann insgesamt sogar größer sein, da sie z. B. auch innerhalb ihres Betriebes den Beruf wechseln können. Kleinstund Kleinbetriebe dürften wirtschaftlich betrachtet ein sehr viel größeres Interesse an einem Halten ihrer Auszubildenden und Beschäftigten haben, da ein Ersatz zu finden für sie meist schwieriger ist als für größere Unternehmen. Andererseits sprechen z. B. die geringeren Übernahmequoten für eine höhere Mobilität. Abbildung 17: Berufliche Mobilität nach Betriebsgröße Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Mit Blick auf die Betriebsgröße zeigt sich deskriptiv ein recht großer Unterschied hinsichtlich der Zeit der Ausbildung und danach. Während der Ausbildung haben Personen, die in einem Betrieb mit mehr als 250 Beschäftigten im Jahr 2000 ihre Ausbildung begonnen haben, die wenigsten 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn weniger als 10 Beschäftigte 2000 weniger als 10 Beschäftigte 2010 10 bis 49 Beschäftigte 2000 10 bis 49 Beschäftigte 2010 50 bis 249 Beschäftigte 2000 50 bis 249 Beschäftigte 2010 mehr als 250 Beschäftigte 2000 mehr als 250 Beschäftigte 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 34 beruflichen Wechsel. Am stärksten waren zu Anfang des Erwerbslebens Personen beruflich mobil, die 2010 in einem Kleinstbetrieb bis zehn Beschäftige ihre Ausbildung begonnen hatten. Nach zehn Jahren wiesen Personen, die 2010 in Kleinund mittelgroßen Betrieben ihre Ausbildung begonnen hatten, die größte berufliche Mobilität auf, während sich die wenigsten Wechsel der Berufsgruppe bei Kleinstbetrieben der 2000er Kohorte und Großbetrieben der 2010er Kohorte zeigten (vgl. Abbildung 17). Dementsprechend gibt es auch in der Schätzung bezüglich der Betriebsgröße kaum signifikante Ergebnisse. Personen, die in einem Kleinbetrieb mit 10 bis 49 Beschäftigten ihre Ausbildung begonnen haben, haben eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit innerhalb des Berufssegments zu wechseln als Auszubildende der Kleinstbetriebe. Umgekehrt verhält es sich bei Wechseln zwischen Berufssegmenten. Hier ist die Wahrscheinlichkeit eines beruflichen Wechsels bei der Personengruppe eines Kleinbetriebes signifikant niedriger als bei Personen eines Kleinstbetriebes. Siedlungsstruktur Städte nehmen im Hinblick auf Arbeitsund Ausbildungsplätze eine „Versorgungsfunktion“ wahr. Daher beginnt einerseits ein Großteil der Auszubildenden eine Ausbildung im städtischen Raum. Andererseits besteht die „Versorgungsfunktion“ darin, vor allem Dienstleistungen für die Einwohner*innen der Stadt und des Umlandes anzubieten. Berufe des Dienstleistungssektors haben oft geringere Markteintrittsbarrieren, während dies bei Berufen im Produktionsbereich, die oft im Umland der Städte zu finden sind, sehr viel seltener der Fall ist. Daher ist zu erwarten, dass berufliche Wechsel bei Personen, die in der Stadt eine Ausbildung begonnen haben, häufiger vorkommen als bei Auszubildenden in ländlichen Regionen, wo auch die Arbeitsplatzdichte meist sehr viel geringer ist. Die empirischen Befunde unterstreichen die höhere berufliche Mobilität in Städten gegenüber dem ländlichen Raum. Sowohl die deskriptive Analyse (vgl. Abbildung 18), als auch die Schätzergebnisse zeigen dies. Eine signifikant höhere berufliche Mobilität der Personen, die in Städten ihre Ausbildungen begonnen haben, zeigt sich zudem unabhängig davon, ob bei einem Wechsel der Berufsgruppe gleichzeitig das Berufssegment gewechselt wird oder nicht.
IAB-Regional Sachsen 1|2024 35 Abbildung 18: Berufliche Mobilität nach Siedlungsstruktur Kohorte 2000 und Kohorte 2010, kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Quelle: Integrierte Erwerbsbiographien; eigene Berechnung. © IAB Berufssegmente In Kapitel 5.1 zeigte sich bereits deskriptiv eine geringere berufliche Mobilität bei den Medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufen sowie den ITund naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen. Die Schätzergebnisse zeigen ebenfalls die geringere Mobilität für diese beiden Berufssegmente in Bezug zur Vergleichskategorie der Land-, Forstund Gartenbauberufe. Die berufliche Mobilität ist demgegenüber in den Handelsberufen, den Lebensmittelund Gastgewerbeberufen sowie den Bauund Ausbauberufen signifikant höher. Für letzteres Berufssegment konnten Haverkamp und Gelzer (2016) eine hohe berufliche Mobilität schon während der Ausbildung nachweisen. Eine signifikant geringere berufliche Mobilität im Vergleich zu den Land-, Forstund Gartenbauberufen bleibt für die Medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufe sowie die ITund naturwissenschaftlichen unabhängig davon bestehen, ob Wechsel innerhalb oder außerhalb des jeweiligen Berufssegmentes betrachtet werden. Unterschiede ergeben sich diesbezüglich bei den Fertigungstechnischen Berufen, den Sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen, den Handelsberufen sowie den Berufen in der Unternehmensführung und -organisation. Auszubildende, die in einem Fertigungstechnischen Beruf oder in einem Handelsberuf ihre Ausbildung begonnen haben, wechseln signifikant häufiger als Auszubildende eines Land-, Forstund Gartenbauberufes innerhalb ihres Berufssegmentes. Signifikant geringere Wahrscheinlichkeiten gegenüber dieser Vergleichsgruppe ergeben sich für die beiden Berufssegmente, wenn das Berufssegment gewechselt wird. Umkehrt verhält es sich bei Sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen sowie bei Berufen der Unternehmensführung 0 10 20 30 40 50 60 70 80 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 kumulierter Anteil der Mobilen (in %) Monate nach Ausbildungsbeginn Land 2000 Land 2010 Stadt 2000 Stadt 2010
IAB-Regional Sachsen 1|2024 36 und -organisation. Hier wird im Vergleich zu den Land-, Forstund Gartenbauberufen signifikant seltener innerhalb und signifikant häufiger nach außerhalb des Berufssegmentes gewechselt. Kohortenunterschiede Abschließend zeigt sich in den Schätzungen die insgesamt höhere berufliche Mobilität der Auszubildenden, die im Jahr 2010 ihre Erstausbildung in Sachsen begonnen haben, was mit der insgesamt besseren Arbeitsmarktlage, mit hoher Arbeitskräftenachfrage und somit mehr Wahlmöglichkeiten für die Beschäftigten in den Jahren nach 2010 zusammenhängen dürfte. Diese ergab sich nicht nur durch eine gute wirtschaftliche Lage, sondern hängt vor allem auch mit der demografischen Entwicklung zusammen, wonach mehr Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als nachkommen. 6 Fazit Die vorliegende Studie analysierte die räumliche und berufliche Mobilität von Erstauszubildenden in Sachsen. Dazu wurden zwei Kohorten betrachtet: diejenigen, die im Jahr 2000 bzw. 2010 erstmalig eine duale Berufsausbildung in Sachsen begonnen haben. Für diese Kohorten wurde der Erwerbsverlauf über zehn Jahre bzw. 120 Monate nachverfolgt. Die genutzte Datenbasis der Integrierten Erwerbsbiographien des IAB umfasst zudem persönliche und betriebliche Merkmale, sodass räumliche und berufliche Mobilität differenziert betrachtet werden konnten. Im Hinblick auf die beiden Mobilitätsarten zeigten sich gegenteilige Kohorteneffekte. Während die räumliche Mobilität für die 2000er Kohorte größer war als für die 2010er Kohorte, war die berufliche Mobilität für die 2010er Kohorte höher. Damit spiegeln die Ergebnisse die stark unterschiedlichen Arbeitsmarktlagen für beide Kohorten wider, sei es zu Ausbildungsbeginn oder im Laufe der ersten Jahre nach Ausbildung. Waren Personen, die im Jahr 2000 ihre Erstausbildung in Sachsen begonnen haben, zum Teil gezwungen aus Sachsen abzuwandern, konnten Erstauszubildende der Kohorte 2010 aufgrund der dann sehr viel besseren Arbeitsmarktlage mit geringerer Arbeitslosigkeit und des teils stark zunehmenden Fachkräftebedarfes vergleichsweise einfach einen Job in Sachsen finden und auch berufliche Wechsel vollziehen. Tiefergehende Analysen der räumlichen und beruflichen Mobilität unterstreichen diese Ergebnisse nochmals. Dabei wurde zwischen der Mobilität innerhalb des Bundeslandes und aus dem Bundesland heraus unterschieden. Obgleich die Mobilität aus Sachsen heraus insgesamt geringer ist als die Mobilität innerhalb Sachsens, fiel vor allem die Mobilität aus Sachsen heraus für die 2010er Kohorte deutlich geringer aus als für die 2000er Kohorte. Weiterhin zeigte sich, dass Personen, die zu Ausbildungsbeginn 18 Jahre und älter waren, in einem Dienstleistungsberuf, in einem Großbetrieb und/oder in einem städtischen Raum ihre Ausbildung begannen, räumlich am stärksten mobil waren. Unabhängig davon, ob in inhaltlich verwandten Berufen oder berufssegmentübergreifend berufliche Wechsel betrachtet wurden, ist die berufliche Mobilität in der 2010er Kohorte
IAB-Regional Sachsen 1|2024 37 signifikant größer als in der 2000er Kohorte. Dabei sind Personen, die im Alter von 18 bis unter 21 Jahre ihre Ausbildung begonnen haben, Personen, die keinen Schulabschluss hatten und ihre Ausbildung in einer der drei Großstädte antraten, am häufigsten beruflich mobil gewesen. Für beide Arten der Mobilität und in beiden Kohorten zeigte sich zudem ein typisches Verlaufsmuster innerhalb der ersten zehn Jahre des Erwerbsverlaufes. So ist insgesamt die Dynamik der Mobilität in den ersten drei Jahren eher gering, nimmt am Ende der typischen Ausbildungsdauer von drei Jahren stark zu und steigt danach mit geringerer Dynamik weiter. Dies unterstreicht, dass viele Personen nach der regulären Dauer der Ausbildung einen neuen Beruf ergreifen und/oder räumlich mobil werden. In Ergänzung zu Hennig et al. (2023) gab die vorliegende Analyse weiter Aufschluss über die ersten zehn Jahre des Erwerbsverlaufes nach Beginn einer beruflichen Erstausbildung in Sachsen. Auch hier wurde deutlich, dass es in Abhängigkeit von der Situation am Arbeitsmarkt, individuellen Merkmalen, dem Ausbildungsberuf, der Größe des Ausbildungsbetriebes und der Ausbildungsregion recht große Unterschiede im weiteren Erwerbsverlauf gibt. Vor allem sollten Auszubildende, Beschäftigte und Arbeitgebende unfreiwillige räumliche und Mobilität möglichst vermeiden. Dafür gilt es Hürden während und nach der Ausbildung abzubauen, damit neben notwendiger Zuwanderung Sachsen auch über diesen Weg den Fachkräftebedarf sichert.
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IAB-Regional Sachsen 1|2024 40 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Schematische Darstellung der Analysedimensionen ................................................... 10 Abbildung 2: Räumliche Mobilität der Auszubildenden innerhalb und außerhalb Sachsens .......... 11 Abbildung 3: Ausgangskreise der räumlich mobilen Auszubildenden in Sachsen ........................... 12 Abbildung 4: Zielkreise der räumlich mobilen Auszubildenden in Sachsen ..................................... 14 Abbildung 5: Zielkreise der sächsischen Auszubildenden ................................................................. 16 Abbildung 6: Zielkreise der sächsischen Auszubildenden ................................................................. 17 Abbildung 7: Räumliche Mobilität nach Geschlecht .......................................................................... 19 Abbildung 8: Räumliche Mobilität nach Alter ..................................................................................... 20 Abbildung 9: Räumliche Mobilität nach Schulabschluss ................................................................... 21 Abbildung 10: Räumliche Mobilität nach Betriebsgröße ..................................................................... 22 Abbildung 11: Räumliche Mobilität nach Siedlungsstruktur ............................................................... 23 Abbildung 12: Berufliche Mobilität ....................................................................................................... 25 Abbildung 13: Berufliche Mobilität nach Berufssegmenten ................................................................ 26 Abbildung 14: Berufliche Mobilität nach Geschlecht ........................................................................... 30 Abbildung 15: Berufliche Mobilität nach Alter ..................................................................................... 31 Abbildung 16: Berufliche Mobilität nach Schulabschluss .................................................................... 32 Abbildung 17: Berufliche Mobilität nach Betriebsgröße ...................................................................... 33 Abbildung 18: Berufliche Mobilität nach Siedlungsstruktur ................................................................ 35 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Regressionsergebnisse räumliche Mobilität ................................................................. 18 Tabelle 2: Wechselmatrix berufliche Mobilität 2000 ..................................................................... 27 Tabelle 3: Wechselmatrix berufliche Mobilität 2010 ..................................................................... 28 Tabelle 4: Regressionsergebnisse berufliche Mobilität ................................................................. 29