Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden
Abstract
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Full text
Schröder, Wolfgang Article Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Schröder, Wolfgang (1989) : Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 22, Iss. 4, pp. 508-519, https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293154 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden Von Wolf gang Schröder, Berlin* Mit ihrer normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden stellen sich Issing und Masuch1 in einen bewußten Gegensatz zur gegenwärtig herrschenden Beurteilung der weltwirtschaftlichen Lage. Sie machen mit geringem analytischem Aufwand klar, unter welchen Bedingungen sich scheinbare außenwirtschaftliche Ungleichgewichte als Wohlfahrtsoptima darstellen lassen und damit als Gleichgewichte in einer Zwei-Perioden-Analyse. Auf der entscheidungslogischen Grundlage der intertemporalen Allokation wird gezeigt, daß Leistungsbilanzüberschüsse und die entsprechenden Kapitalexporte als eine Substitution von gegenwärtigem durch zukünftigen Konsum angesehen werden können. So verdienstvoll es auch ist, auf diesen Aspekt hinzuweisen, so führt diese normative Interpretation doch in die Irre, besonders, wenn mit ihrer Hilfe die konkrete Situation der Bundesrepublik in der Weltwirtschaft beurteilt wird. Gegen die folgende Kritik schützen auch die Hinweise der Verfasser auf die Beschränkungen ihres Modells nicht (S. 8). Jede Analyse muß die wesentlichen Charakteristika eines Sachverhalts abbilden, um relevante Schlüsse zu erlauben; dem stehen jedoch die folgenden gravierenden Einschränkungen der von ihnen präsentierten intertemporalen Theorie der Leistungsbilanz entgegen. I. Partialanalyse Diese intertemporale Theorie der Leistungsbilanz kann ihren mikroökonomischen, d. h. partialanalytischen Charakter nicht leugnen. Sie überträgt die Entscheidungslogik der intertemporalen Konsumwahl eines Haushalts auf die Bestimmung des Leistungsbilanzsaldos. Beim mikroökonomischen Einsatz der Theorie geht es um die Aufteilung eines gegebenen Haushaltseinkommens bei gegebenen Preis Verhältnissen auf Konsum und Ersparnis. * Der Verfasser vertritt hier seine persönlichen Ansichten. 1 Issing, Otmar und Klaus Masuch, Zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden, Kredit und Kapital, 22. Jg. 1989. H. 1, S. 1 - 18. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
Zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden 509 Mit dem Bild atomistisch strukturierter Märkte im Hintergrund ist der dabei entstehende Fehler zu vernachlässigen. Die allokative und aggregative Struktur der Volkswirtschaft ändert sich nicht durch die Handlungen eines „atomistischen" Wirtschaftssubjekts. Betrifft jedoch die Änderung des Sparverhaltens die gesamte Volkswirtschaft, dann treten nicht nur allokative, sondern auch aggregative und strukturelle Effekte auf: In der kurzen Frist ändern sich relative Preise2 und die Zusammensetzung des Absatzes, auf mittlere Sicht die Produktion und die Beschäftigung. Diese Effekte vernachlässigen Issing und Masuch mit der Begründung, lediglich die Analyse der mittleren und langen Frist zu beabsichtigen (S. 3). Dann könnten sie die Dauer sowie die Kosten von Anpassungsprozessen außer acht lassen. Selbst wenn man dieses Vorgehen als angemessen akzeptierte, kann man das Modell andererseits nicht als eine adäquate langfristige Analyse anerkennen, weil die Ausstattung mit Ressourcen konstant gehalten wird. Im Zuge des hier im Mittelpunkt stehenden Sparund Investitionsprozesses verändert sich das Produktionspotential, und die Transformationskurve ändert ihre Eigenschaften. II. Preiseffekte Im neoklassischen Paradigma führen Präferenzänderungen zu Preisänderungen auf den Märkten. Damit ein Leistungsbilanzsaldo - ausgehend von einem Gleichgewicht mit ausgeglichener Leistungsbilanz - entstehen kann, müssen sich relative Preise ändern. Dieser Anpassungsprozeß wird von Issing und Masuch nicht explizit behandelt. Wird er jedoch in die normative Interpretation von Leistungsbilanzsalden einbezogen, dann ändern sich auch die Schlußfolgerungen. Ausgangspunkt der Analyse ist eine Erhöhung der Sparneigung im Inland, die zu einem Leistungsbilanzüberschuß führen soll. Betrachten wir zunächst die Vorgänge im Finanzaktivamarkt. Es wird hier unterstellt, daß dieser Markt schneller reagiert als der Gütermarkt. Dann führt die erhöhte Ersparnisbildung im Inland zu einem Nachfrageüberschuß nach Finanzanlagen, dem ein Angebotsüberschuß auf dem Gütermarkt gegenübersteht. Issing und Masuch führen ihre Analyse für ein (sehr) kleines Land durch. Diese Annahme ist für die Bundesrepublik völlig unangemessen, weil sie unter anderem mit die höchsten Exporte in der Welt aufweist und faktisch die Leitwährung im Europäischen Währungssystem stellt. 2 So steht z.B. im intertemporalen Modell von Frenkel und Razin (1986) der reale Wechselkurs im Zentrum des Anpassungsprozesses. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
510 Wolfgang Schröder Der Kapitalmarktzins im Inland kann sich c.p. bei perfekter Kapitalmobilität nicht vom Weltzinsniveau entfernen; folglich führt der Nachfrageüberschuß nach Finanzanlagen zu einer Überschußnachfrage nach der ausländischen Währung am Devisenmarkt und bei flexiblen Wechselkursen zu einer Abwertung der heimischen Währung. Der Wunsch nach höherer gesamtwirtschaftlicher Ersparnisbildung führt nicht automatisch zu einer entsprechenden Erhöhung der Vermögensbestände, sondern zunächst nur zu einer erhöhten Nachfrage nach den vorhandenen Beständen. Wenn die heimische Ersparnis zuvor von den heimischen Investitionen absorbiert wurde, - von denen hier der Einfachheit halber angenommen wird, daß sie von den Unternehmen durch die Ausgabe von Anleihen finanziert werden - steht dem Wunsch nach mehr Finanzaktiva nicht notwendig die Bereitstellung von mehr Finanzaktiva gegenüber. Durch die Überschußnachfrage nach Finanzaktiva tritt eine marginale Senkung des Weltzinsniveaus ein und das Geldund Kreditvolumen erhöhen sich marginal im Inland wie im Ausland. Die „Angebotslücke" auf dem Finanzaktivamarkt wird durch das Ausland geschlossen: Will es sein Importvolumen aufrechterhalten oder gar ausdehnen, obwohl sein Absatz im Inland, d.h. seine Exporte zurückgehen, dann muß es sich im Inland verschulden. Dies läßt sich ohne Zinserhöhungen realisieren, weil das Inland mehr sparen, d. h. mehr Finanzaktiva erwerben will. In diesem Prozeß verschwindet die Überschußnachfrage des Inlands nach Finanzaktiva erst, nachdem die gewünschte Bestandserhöhung realisiert worden ist. So lange herrscht auch ein Nachfrageüberschuß nach der ausländischen Währung, also ein Aufwertungsdruck, der durch (reale) Aufwertungen abgebaut wird. Auf dem Gütermarkt erlaubt es nur diese reale Aufwertung der ausländischen Währung den heimischen Produzenten, ihr Überschußangebot an Gütern im Ausland abzusetzen. Wird der Güterpreis in heimischer Währung konstant gehalten, dann führt deren Abwertung zu sinkenden Angebotspreisen in ausländischer Währung und bei einer entsprechenden preiselastischen Nachfrage zu steigendem Absatz im Ausland. Das Exportvolumen und der Wert der Exporte in heimischer Währung nehmen zu. Die Importe auf der anderen Seite gehen zurück, weil die Inländer erstens mehr sparen wollen und sich die Importe zweitens bedingt durch die Abwertung der heimischen Währung verteuern; folglich nimmt die im Inland abgesetzte Menge importierter Güter ab. Eine „normale" Reaktion vorausgesetzt, aktiviert sich die Leistungsbilanz3, und es kommt simultan mit der 3 Ist die Importnachfrage hingegen unelastisch, dann kann die Aktivierung der Leistungsbilanz ausbleiben; bei ungünstigen Elastizitätsverhältnissen kann sich diese OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
Zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden 511 Entstehung des Leistungsbilanzüberschusses zu Nettokapitalexporten in gleicher Höhe. So lange der Gütermarkt nicht reagiert, können Nettokapitalexporte nicht entstehen. Die Überschußnachfrage nach der ausländischen Währung wird zwar durch den Rückgang des Werts der Importe vermindert, weil weniger Devisen zur Bezahlung der Importe nachgefragt werden. Eine Aufwertung der heimischen Währung aber wird sich dennoch nicht ergeben, weil nur ein Teil des zusätzlichen Konsumverzichts auf importierte Güter entfällt - also in gleichem Maße die Nachfrage nach der ausländischen Währung pro Periode zurückgeht - aber die gesamte zusätzliche Ersparnis unter der Annahme vollkommener Kapitalmobilität auf den Devisenmarkt drängt. Im Inland kann sich der Wunsch nach erhöhten Vermögensbeständen nicht durchsetzen, denn jeder Ansatz zu einer Zinssenkung im Inland wird mit einer Hinwendung zum ausländischen Finanzaktivamarkt beantwortet. Der Exporterfolg des Inlandes wiederum bedeutet aus der Sicht des Auslandes einen Absatzrückgang bei den Gütern aus eigener Produktion. Dieses Ungleichgewicht im ausländischen Gütermarkt könnte nur vermieden werden durch eine Koinzidenz der abnehmenden inländischen Absorption mit einer entsprechend steigenden Absorption im Ausland. Diese Koinzidenz wird jedoch von den endogenen Marktkräften bei der hier unterstellten Konstellation nicht hervorgebracht. Unter den gegebenen Annahmen werden die steigenden Exporte die ausländische Güterproduktion zurückdrängen mit der Konsequenz eines Einkommensund Beschäftigungsrückgangs im Ausland. III. Investitionsimpulse Ein Gleichgewicht zwischen höherer Ersparnis im Inland und entsprechend erhöhter Absorption im Ausland entsteht in dem Modell von Issing und Masuch, indem die erhöhte Inlandsersparnis durch eine Erhöhung der Investitionen im Ausland absorbiert wird. In saldenmechanischer Betrachtung ist diese Entwicklung zwar möglich4, aber nicht zwangsläufig, weil die Aufteilung des Leistungsbilanzdefizits auf Konsum und Investition des Auslands nicht a priori feststeht, sondern von der Marktkonstellation sogar passivieren, sofern der Wert der Importe in heimischer Währung abwertungsbedingt den der Exporte übersteigt. 4 Eine erkenntniskritische Sichtung des Zusammenhangs zwischen Leistungsbilanzund anderen Salden in der Gesamtwirtschaft bietet Reinhard Pohl, Staatsdefizite und Zahlungsbilanz, in: Herausforderungen der Wirtschaftspolitik, Hrsg. W. File et al., Berlin 1988, S. 295ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
512 Wolfgang Schröder abhängt und diese von den Signalen, die auf den Märkten als Folge der erhöhten Ersparnis im Inland wahrgenommen werden. Im Modell von Issing und Masuch tritt dieses Problem nicht auf, weil sie ein einziges Gut betrachten, das gleichermaßen verbraucht oder nicht verbraucht werden kann, wobei der NichtVerbrauch mit einer Investition identisch ist5. In einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft ist diese Identität nicht gegeben. Deshalb müssen die Marktreaktionen analysiert werden. Als Folge der erhöhten Sparneigung im Inland wurde bereits eine Überschußnachfrage nach Finanzaktiva und ein Überschußangebot auf dem Gütermarkt abgeleitet. Bei perfekter Kapitalmobilität wirkt sich die Überschußnachfrage nach Finanzaktiva im Inund Ausland gleichermaßen aus. Wenn es sich nicht um ein (sehr) kleines Inland handelt, sinkt das Weltzinsniveau marginal und die zinsreagible Nachfrage (einschließlich der Investitionsnachfrage) wird im Inland wie im Ausland angeregt. Aber daraus folgt nicht, daß die Investitionen im Ausland stärker zunähmen als im Inland. Die zweite Determinante der Investitionen neben dem Zins bildet die Entwicklung auf dem Gütermarkt, das heißt die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, die im wesentlichen von Absatzund Ertragserwartungen abhängt. Wie haben sich diese als Folge einer erhöhten Sparneigung im Inland geändert? Sofern es zu der von uns abgeleiteten Exportsteigerung des Inlands kommt, verschlechtern sich die Absatzerwartungen der ausländischen Produzenten und damit die Investitionschancen im Ausland relativ zu denen im Inland. Mit anderen Worten ist es alles andere als zwingend, aus einer Präferenzänderung zugunsten höherer Ersparnis im Inland Marktreaktionen abzuleiten, die zu höheren Investitionen im Ausland führen. Das Gegenteil ist eher der Fall: Exporterfolge des Inlands regen hier die Investitionstätigkeit an. Entsprechend konstruierte Modelle, die Wachstum zulassen, kommen nicht umhin, aus einer Exportsteigerung Wachstumsimpulse abzuleiten6. Endogen geschwächt werden diese durch die Erwartung einer 5 Exemplarisch dafür kann Korn angesehen werden, das sowohl in der laufenden Periode verbraucht als auch als Saatgut für die nächste Periode zurückgelegt werden kann. NichtVerbrauch, Ersparnis und Investition sind in diesem Fall identisch. Aber auch, wenn dieses Korn netto ins Ausland exportiert wird, ist nicht bestimmt, ob es dort zum laufenden Konsum oder als Saatgut für die kommende Periode verwendet wird. 6 Über das wirtschaftliche Wachstum in der Bundesrepublik schreibt z.B. der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage in seinem Jahresgutachten 1988/89, Ziffer 27ff.: „Mit hohem Tempo ist die gesamtwirtschaftliche Produktionstätigkeit im Verlauf des Jahres 1988 ausgeweitet worden, ... Die stärkste Antriebskraft war 1988 wie schon im Vorjahr das Exportgeschäft... Nichts spricht dagegen, daß ... der Export sowie die von ihm induzierten Investitionen eine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
Zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden 513 Wechselkursaufwertung als Folge der realisierten Leistungsbilanzüberschüsse und durch die rückläufige Nachfrage nach Konsumgütern. IV. Wachstumsimpulse Im Zusammenhang mit den Wachstumsimpulsen, die von einer Steigerung der Exporte ausgehen, muß die Vorstellung überprüft werden, ob das Ausland durch seine Nettoimporte einen Teil der inländischen Ersparnis an sich zieht, der dann nicht mehr im Inland verwendet werden kann. Dies gilt zweifellos bei voll ausgelasteten Ressourcen in einem Modell ohne Wachstum wie bei Issing und Masuch. Wenn jedoch diese Modellrestriktionen aufgehoben werden, bildet die Ersparnis im Inland keine wirksame Beschränkung für eine Nettokreditvergabe an das Ausland, weil die Ersparnis wesentlich vom Einkommen abhängt und das wiederum von den Nettoexporten. In Höhe der zusätzlich im Ausland abgesetzten (Netto-) Exporte ist bei den inländischen Unternehmen Einkommen entstanden, dem in der Bilanz der Unternehmen ein Forderungszuwachs entspricht. Diese Forderungen an das Ausland werden mit Hilfe des Geschäftsbankensystems in Aktiva transformiert, die den Portfoliopräferenzen gemäß sind. Zusammen mit Zinsund Wechselkursänderungen wird so die Aufnahme der zusätzlichen Auslandsaktiva in den Vermögensbestand bewirkt. Für die weitere gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist die Frage entscheidend, ob als Folge der Kreditvergabe an das Ausland die Zinsen steigen werden und damit „crowding out "-Effekte entstehen. Bei einer Geldpolitik, die das reale Wachstum monetär alimentiert und eine entsprechende Expansion des Geldund Kreditvolumens zuläßt, tritt keine Zinserhöhung ein. Das Bild von Issing und Masuch, die USA würden einen Teil der Weltersparnis an sich ziehen (S. 10), ist also nur in dem Maße zutreffend, in dem sie nicht brachliegende Ressourcen in anderen Ländern aktiviert haben, die andernfalls - zumindest für eine längere Zeit - ungenutzt geblieben wären. Die zusätzliche Exportnachfrage hat unbestreitbare Vorzüge als Wachstumsmotor! Bei elastischem Güterangebot, d.h. unausgelasteten Ressourcen im Inland, erscheint der Export als deus ex machina. Die Nachfrage wächst, ohne daß zuvor im Inland Einkommen entstanden sein müßten oder daß sich ein inländischer Sektor verschulden müßte. Diese „Kosten" entfallen bei einer Exporterhöhung. In wachstumspolitischer Sicht ist sie also zu begrüFortsetzung des Aufschwungs gewährleisten." Die darin zum Ausdruck kommende theoretische Vorstellung des Sachverständigenrats dürfte weitgehend unumstritten sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
514 Wolfgang Schröder ßen, und sie ist auch weltwirtschaftlich zu verantworten, sofern im Ausland die Binnennachfrage für ein hinreichendes Wachstum sorgt und die Schuldendienstfähigkeit des Auslands nicht überfordert wird. V. Wohlfahrtseffekte Neben den von Issing und Masuch abgeleiteten Wohlfahrtseffekten haben auch die für die Entstehung von Leistungsbilanzsalden notwendigen Änderungen der relativen Preise unmittelbare Wohlfahrtseffekte, die Issing und Masuch vernachlässigen. Die notwendige Verteuerung der Importe senkt das Realeinkommen im Inland; die terms of trade verschlechtern sich. Diese Senkung der Realeinkommensansprüche des Inlands ist sogar die Voraussetzung dafür, im Außenhandel einen Überschuß zu erzielen, wenn zuvor Gleichgewicht herrschte. Die Überschüsse signalisieren, daß die Exportgüter relativ zu den Importgütern zu billig sind. Um die gleiche Importmenge zu erhalten, wäre nur eine geringere Menge von Exporten nötig. In den terms of trade steckt bei Leistungsbilanzüberschüssen ein möglicher Realeinkommensgewinn . Dieser negative Wohlfahrtseffekt muß sich freilich umkehren, sobald das Inland sein Nettoauslandsvermögen aus der ersten Periode in der zweiten Periode zur Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten verwenden will. Diese Realisierung der Ansprüche gegen das Ausland ist mit besonderen Risiken behaftet (z.B. Wechselkurs-, Transfer-, Preisund Enteignungsrisiken7). Sie setzt unter anderem in der Zukunft eine Marktkonstellation voraus, die ein Leistungsbilanzdefizit des Inlands zuläßt. Dazu müssen die Produktionsstrukturen, die bislang auf Nettoexporte abgestellt waren - unter hohen Kosten - auf Nettoimporte des Inlands umgestellt werden. Gegen die Wohlfahrtsverluste aus der terms-of-trade-Verschlechterung sind Wohlfahrtsgewinne aus den außenwirtschaftlichen Wachstumsimpulsen aufzurechnen8. In der Theorie der Außenwirtschaft werden diese Reaktionen vor allem von postkeynesianischen Modellen in den Vordergrund gestellt. 7 Aus der Perspektive des Schuldnerlandes kommen Risiken hinzu, die die Schuldendienstfähigkeit betreffen. Vgl. H. Siebert, Foreign Debt and Capital Accumulation. Weltwirtschaftliches Archiv, 123, H. 4 1987, S. 627 ff. 8 Zur Analyse der Marktkonstellationen, die außenwirtschaftlichen Wachstumsund Wohlfahrtsimport erlauben, vgl. H. Riese, Wohlfahrtsimport versus Wachstumsimport. DIW Vierteljahresheft 3, 1987, S. 179f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30
Zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden 515 VI. Realkapital und Finanzkapital Eine spezifische Unsicherheit des Auslandsvermögens resultiert aus seinem geldwirtschaftlichen Charakter. Die Bildung privaten Geldvermögens innerhalb einer Volkswirtschaft kann zwar nie zu einer Erhöhung des Netto Vermögens führen; die Konvention über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung stellt jedoch mit Hilfe eines eleganten „Kurz"-Schlusses sicher, daß der ermittelte Zuwachs des Nettogeidvermögens mit dem Zuwachs des Sachvermögens der Volkswirtschaft identisch ist, der einen zusätzlichen Einkommensstrom in der Zukunft verspricht9. Geldvermögen, das zur Finanzierung von laufendem Konsum verwendet wurde, wird gegen die Verbindlichkeiten aufgerechnet, wenn über die Volkswirtschaft aggregiert wird. Bei der Bildung von Nettoauslandsvermögen hingegen steht dem Aktivaerwerb des Inlands lediglich die ungegliederte Differenz zwischen der Absorption und der (niedrigeren) Produktion des Auslands gegenüber. Mit anderen Worten entsteht Nettoauslandsvermögen auch dann, wenn damit lediglich der Konsum oder gar Kapitalexporte des Auslands finanziert werden. Die anhaltende Verschuldungskrise illustriert, daß es sich dabei durchaus nicht um eine empirisch zu vernachlässigende Erscheinung handelt. In einer geschlossenen Volkswirtschaft wird die Nettovermögensbildung durch die Bildung von Sachvermögen begrenzt. Dies gilt auch im Weltmaßstab bei der Aggregation über alle Volkswirtschaften. Für Vermögensbeziehungen zwischen Volkswirtschaften gilt diese Beschränkung jedoch nicht. Auslandsaktiva und Auslandspassiva können ohne zusätzliche Sachvermögensbildung angehäuft werden. Einen wirksamen Schutz gegen die Finanzierung von ausländischem Konsum bildet die Wahl der Anlageform des Auslands Vermögens. Versucht man den Zusammenhang zwischen der Entstehung eines Leistungsbilanzüberschusses und seiner Finanzierung in einzelne Abschnitte zu zerlegen, dann entsteht die Finanzierung zunächst automatisch mit dem Leistungsbilanzsaldo. Anders formuliert: Selbst wenn niemand ein Interesse daran hätte, auf Dauer sein Auslandsvermögen zu vergrößern, entstünden Nettoauslandsforderungen, sobald die Leistungsbilanz einen Überschuß aufweist. Dieser determiniert lediglich den Saldo der gesamten internationalen Kapitalbewegungen; seine Verteilung auf den langfristigen Kapitalexport (Kreditvergabe an das Ausland, Wertpapierkäufe, Direktinvestitionen), den 9 Von Fehlinvestitionen und „unfreiwilligem" Lageraufbau wird hier abgesehen. Beide Formen der Fehlallokation können gleichermaßen im Inland wie im Ausland auftreten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.4.508 | Generated on 2023-01-16 12:58:30