ZOiS REPORT No. 1 / 2019 · Juli 2019 „KASACHSTANISCHE MÄRCHEN“ EIN LITERARISCHES IDENTITÄTSANGEBOT FÜR ALLE KASACHSTANER*INNEN Nina Frieß
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 2 Inhalt 2 ____ Zusammenfassung 3 ____ Zur Einführung 6 ____ Versuch eines Identitätsangebots 8 ____ Kunstmärchen mit sozialkritischem Charakter 12 ___ Multiethnizität, Migration und Mehrsprachigkeit 17 ___ Offizielle Reaktionen 18 ___ Schlussfolgerungen 20 ___ Anhang 20 ______ Yuriy Serebryansky: Der Erfinderkönig 21 ______ Yuriy Serebryansky: Wohin verschwand der Aral? 21 ___ Impressum Zusammenfassung Kasachstan ist der ethnisch diverseste Staat im postsowjetischen Raum. Die letzte offizielle Volkszählung von 2009 listet Angehörige von 125 verschiedenen Ethnien auf, die in dem zentralasiatischen Land leben. Zwar kam es auch in Kasachstan nach der Unabhängigkeit 1991 zu einer Renationalisierung und zu einer Aufwertung all dessen, was als kasachisch identifiziert werden konnte. Anders als in anderen sowjetischen Nachfolgestaaten betonte die politische Elite des Landes bislang aber stets, dass Kasachstan die Heimat aller kasachstanischen Bürger*innen sei, unabhängig von ihrer Herkunft. Dennoch konnte sich die Idee einer staatsbürgerlichen, ethnisch inklusiven Identität, wie sie sich im Begriff „Kasachstaner*in“ spiegelt, bislang nicht durchsetzen. Im Jahr 2017 erschien in Kasachstan ein Buch, das sich als Versuch verstehen lässt, allen Bürger*innen Kasachstans unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft ein Identitätsangebot zu machen: die Kasachstanischen Märchen Yuriy Serebryanskys. Die als Kinderbuch vermarktete Sammlung von Kunstmärchen erschien in russischer Sprache mit einer im selben Buch enthaltenen kasachischen Übersetzung – ein Novum auf dem kasachstanischen Buchmarkt, das den integrativen Anspruch des Buchs unterstreicht. Im Mittelpunkt der Texte stehen reale Phänomene (beispielsweise die Verlandung des Aralsees), kulturelle Artefakte (z. B. die Flagge Kasachstans) oder konkrete Orte (häufig Almaty), die kasachstanischen Leser*innen aus ihrem Alltag bekannt sind. Diese setzt der Autor in eine fiktive Welt, die er teilweise mit phantastischen Elementen anreichert. Die so entstehenden Märchen haben nicht nur unterhaltenden, sondern mitunter auch sozialkritischen Charakter. Die Dechiffrierung dieser kritischen Ebene macht den besonderen Reiz und gleichzeitig das verbindende Moment der Texte aus:
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 3 Wer in der Lage ist, den kulturellen Code der Märchen zu knacken, gehört zur Gemeinschaft dazu. Dafür reicht es aus, mit den kasachstanischen Gegebenheiten vertraut zu sein. Darin liegt das Identitätsangebot, das Serebryansky seinen Leser*innen unabhängig von ihrer Altersstufe und ihrer Herkunft macht. Der vorliegende ZOiS Report stellt nicht nur Yuriy Serebryanskys Kasachstanische Märchen vor, er lässt in längeren Interviewpassagen auch den Autor selbst zu Wort kommen. Am Ende des Reports finden sich zudem zwei mit freundlicher Genehmigung des Verlags Aruna abgedruckte Texte aus der Märchensammlung erstmals in ihrer deutschen Übersetzung. Zur Einführung Die Republik Kasachstan ist der ethnisch diverseste Staat im postsowjetischen Raum. Die letzte offizielle Volkszählung von 2009 listet Angehörige von 125 verschiedenen Ethnien auf, die in dem zentralasiatischen Land leben. Diese Multiethnizität ist in erster Linie ein Erbe sowjetischer Siedlungspolitik: Neben dem – bereits im 19. Jahrhundert einsetzenden – Zuzug von Bauern, Arbeiter*innen und Fachkräften, die vor allem aus russischen Gebieten kamen, waren es Deportationen und Zwangsumsiedelungen ganzer Volksgruppen unter der Herrschaft Josef Stalins, die die Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik zu einem Vielvölkerstaat werden ließen. Über Jahrzehnte hinweg lebten in Kasachstan mehr ethnische Russ*innen als ethnische Kasach*innen. Nach seiner Unabhängigkeit war Kasachstan die einzige ehemalige Sowjetrepublik, in der die Titularnation nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellte. Die Emigration von Nicht-Kasach*innen – vor allem in ihre jeweiligen „historischen Heimaten“, die staatliche geförderte Remigration von außerhalb Kasachstans lebenden Kasach*innen sowie eine hohe Geburtenrate haben dazu geführt, dass ethnische Kasach*innen heute die Mehrheit der 18 Millionen Einwohner*innen Kasachstans stellen. Nach Angaben des am Ministerium für Nationale Ökonomie angesiedelten Statistikkomitees lebten 2018 etwa 12 Millionen ethnische Kasach*innen in Kasachstan, was einem Bevölkerungsanteil von rund 67 Prozent entspricht. Das bedeutet aber auch, dass nach wie vor ein Drittel der Bevölkerung Kasachstans nicht-kasachischer Herkunft ist. Ethnische Russ*innen bilden mit 3,5 Millionen Angehörigen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Daneben gibt es acht weitere ethnische Minderheiten, die 2018 über 100.000 Angehörige hatten, darunter Usbeken, Ukrainer, Tataren und Deutsche.1 TABELLE 1 1 Vgl. Statistikkomitee am Ministerium für nationale Ökonomie der Republik Kasachstan; stat.gov.kz (letzter Zugriff am 15.05.2019; im Original russisch). Nach seiner Unabhängigkeit war Kasachstan die einzige ehemalige Sowjetrepublik, in der die Titularnation nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellte.
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 4 Ethnie Total Anteil in % 2009 2018 2009 2018 gesamt 16.009.597 18.157.337 100,0 100,0 Kasachen 10.096.763 12.250.305 63,1 67,4 Russen 3.793.764 3.588.686 23,7 19,8 Usbeken 456.997 576.817 2,9 3,2 Ukrainer 333.031 277.514 2,1 1,5 Uiguren 224.713 265.497 1,4 1,5 Tataren 204.229 202.121 1,3 1,1 Deutsche 178.409 179.476 1,1 1,0 Koreaner 100.385 108.177 0,6 0,6 Türken 97.015 110.713 0,6 0,6 Aserbaidschaner 85.292 108.030 0,5 0,6 Belarussen 66.476 55.943 0,4 0,3 Andere 372.523 434.058 2,3 2,4 TABELLE 1 Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung der Republik Kasachstan Quelle: eigene Darstellung nach Angaben des Statistikkomitees am Ministerium für nationale Ökonomie der Republik Kasachstan; abrufbar über stat.gov.kz. Die Sowjetunion hatte ihren Bürger*innen ein ebenso verbindendes wie verbindliches Identitäts(an)gebot gemacht. Die ethnische Herkunft der einzelnen Person trat dabei zumindest theoretisch in den Hintergrund, der sowjetische Patriotismus und das Prinzip der Völkerfreundschaft waren wesentliche Säulen der staatlichen Ideologie. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion standen die politischen Eliten der unabhängig gewordenen Staaten vor der Herausforderung, nicht nur neue staatliche Strukturen aufzubauen, sondern auch neue Identitätsangebote für die nun nicht mehr sowjetischen, sondern armenischen, estnischen oder usbekischen Bürger*innen zu schaffen. Die meisten postsowjetischen Eliten setzten dabei auf eine Renationalisierung, die sich etwa in der Umbenennung von Städten, Straßen und Plätzen, der Aufwertung der Nationalsprache und der Rückbesinnung auf autochthone Traditionen zeigte. In vielen Fällen ging mit dieser Aufwertung des Eigenen eine massive Abwertung und nicht selten gewaltsam vollzogene Ausgrenzung dessen einher, was auf einmal als anders und fremd wahrgenommen wurde. Auch in der Republik Kasachstan kam es zu einer Aufwertung von allem, was als kasachisch galt. Anders als in anderen sowjetischen Nachfolgestaaten betonte die politische Führung aber bislang, dass Kasachstan die Heimat aller Kasachstaner*innen sei, nicht nur die der ethnischen Kasach*innen. Davon zeugt, dass der Staat allen Bürger*innen, die auf dem Gebiet der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik gelebt hatten, die kasachstanische
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 5 Staatbürgerschaft verlieh.2 Auch der Begriff „Kasachstaner*in“ ist nicht ethnisch exklusiv definiert, sondern staatsbürgerlich. Allerdings wird dieser Terminus nach wie vor eher von Angehörigen ethnischer Minderheiten als von Kasach*innen verwendet.3 Ähnlich verhält es sich mit dem aus den 1990er Jahren stammende Slogan „Kasachstan – unser gemeinsames Haus“, der das friedliche Zusammenleben der Bürger*innen unterschiedlicher Herkunft in Kasachstan hervorheben soll. Während er von den offiziellen Minderheitenvertretungen des Landes regelmäßig verwendet wird, wird er von der mehrheitlich kasachischstämmigen politischen Elite kaum noch genutzt. In der Außendarstellung des Landes spielt seine – stark folklorisierte – Multiethnizität indes eine wichtige Rolle, impliziert sie doch (Welt-) Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen. ABBILDUNG1 + 2 Insgesamt ist es der kasachstanischen Elite aber bislang nicht gelungen, ein Angebot für eine kasachstanische Identität zu entwickeln, das für alle Bürger*innen Kasachstans unabhängig von ihrer Herkunft gleich attraktiv wäre. 2 Siehe ausführlich: Graham Smith et al.: Nation-building in the Post-Soviet Borderlands. The Politics of National Identities, Cambridge 1998, insb. Kap. 7. 3 Vgl.z. B.RuslanMinulin:KasachenoderKasachstaner?In:InformBjuro,30.05.2015,https://informburo.kz/stati/kazahi-ili-kazahstancy-5560.html (letzter Zugriff am 15.05.2019; im Original russisch). ABBILDUNG 1 Vertreter*innen der Versammlung des Volkes Kasachstans (ANK) von Almaty nach einem Umzug durch die Stadt zu Nauryz 2019 ABBILDUNG 2 Vertreter der ANK am 1. Mai (Tag der nationalen Einheit) 2018 in Astana Foto: Beate Eschment Foto: Beate Eschment
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 6 Versuch eines Identitätsangebots Im Jahr 2017 erschien in Kasachstan ein Buch, das sich als literarischer Versuch verstehen lässt, allen Kasachstaner*innen ein solches Identitätsangebot zu machen: die Kasachstanischen Märchen von Yuriy Serebryansky. ABBILDUNG3Der mehrfach ausgezeichnete Autor stammt selbst aus einer multiethnischen Familie und hat unter anderem polnische Wurzeln. Der inklusive Charakter der Kasachstanischen Märchen zeigt sich bereits durch die Verwendung des Begriffs „kasachstanisch“ im Titel des Buchs. Zudem enthält das vom Künstler Wjatscheslaw Ljuy-ko illustrierte Buch neben den russischen Originaltexten auch deren Übersetzungen ins Kasachische und ist damit nahezu allen Kasachstaner*innen verständlich. Das Buch ist bei Aruna, einem auf Kinderund Jugendliteratur spezialisierten Verlag in Almaty erschienen. Im Interview erzählt Serebryansky, welche Idee seinem Buch zugrunde liegt: YS: Die Kasachstanischen Märchen sind ein Buch, das über einen langen Zeitraum hinweg entstand. Die Geschichten kamen im Verlaufe von fünf bis sieben Jahren zusammen, und ein besonderes Konzept gab es anfangs nicht. Erst danach entstand die Idee einer Sammlung von Kunstmärchen, deren Handlung in Kasachstan spielt. Als meine Tochter zur Welt kam, überlegte ich, welche Märchen ich ihr vorlesen werde. Da das Blut meiner Familie gemischt ist, und bei meiner Tochter noch stärker, hätte man ihr prinzipiell jedes Märchen vorlesen können, aber ich dachte, es wäre keine schlechte Idee, für sie eine eigene Folklore zu erfinden, eine „kasachstanische“. Sie gehört schon zur vierten Generation nach der Linie meines Vaters, die in Kasachstan geboren ist und aufwächst, und sie hat das Recht auf eine eigene kasachstanische Folklore. Denn das Wirken der Versammlung des Volkes Kasachstans (1995 auf Anregung von Nursultan Nasarbajew, 1991–2019 Präsident Kasachstans, gegründete offizielle Vertretung aller in Kasachstan lebenden Volksgruppen; NF) ist nur der offizielle Teil der Arbeit. Aber die Entwicklung des Volkes von Kasachstan erfolgt auch auf natürlichem Wege und vielleicht nicht immer nach den Regeln, die sich die Versammlung vorstellt. Das Volk entwickelt sich von selbst weiter und dieses Buch ist wohl ein bescheidener Versuch zur Gestaltung dieser kasachstanischen Nation. Ich habe diese Geschichten zusammengestellt und dem Verlag Aruna vorgeschlagen sie herauszugeben. Wir sind verschiedene Titel durchgegangen, aber ursprünglich hatte ich eben jenen, „Kasachstanische Märchen“, vor Augen. Dabei haben wir es belassen. Hätten wir das Buch „Neue kasachische Märchen“ genannt, hätte das Fragen aufgeworfen. Denn die kasachische Folklore gehört zum reichen Erbe des kasachischen Volkes und meine Märchen haben dazu keinen Bezug. Weder ich noch der Verlag wollten mit diesem Buch etwas Negatives oder gar einen Skandal hervorrufen. Letztlich gab es nach dem Erscheinen des Buchs keinerlei Schwierigkeiten. Ich bekam die Frage gestellt: „Warum ‚kasachstanische‘ Märchen?“. In dem Fall habe ich darum gebeten, einen anderen Titel vorzuschlagen, und keiner derjenigen, die mir die Frage gestellt hatten, hatte eine bessere Idee. Deswegen finde ich den Titel des Buchs richtig und natürlich, und ebenso die Terminologie „kasachstanisch“, die in letzter Zeit einige Polemik hervorgerufen hat, wobei das nichts mit dem Buch zu tun hat, sondern mit dem Terminus an sich und mit der Nationalitätenpolitik im Land. ABBILDUNG 3 Cover des Buchs Kasachstanische Märchen Foto: ZOiS
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 7 NF: Was bedeutet es für Sie, Kasachstaner zu sein? YS: Es bedeutet, das Recht auf seinen Anteil an der Kultur dieses Landes zu haben, auf seine Sprache und auf Möglichkeiten für sein Kind, bei gleichzeitigem Respekt für die Traditionen des kasachischen Volkes, das ursprünglich auf dem Territorium dieses Landes lebte.4 Mit seinen Kasachstanischen Märchen unternimmt Serebryansky den, wie er sagt, „intuitiven Versuch“, zum Aufbau einer kasachstanischen Kultur beizutragen. Er sieht sich dabei als Initiator und hofft darauf, dass weitere Kulturschaffende es ihm gleichtun: YS: Ich wage zu hoffen, dass das (die Kasachstanischen Märchen; NF) ein Katalysator für die Entwicklung einer Idee ist, ein kleiner Anstoß dafür, dass noch jemand anderes beginnt, Geschichten zu schreiben, seine eigene kasachstanische Folklore zu erschaffen. Ich habe absolut nichts dagegen, dass jemand die Idee der Kasachstanischen Märchen fortsetzt. Das Thema ist offen. NF: Inwiefern hat das Land Bedarf an dieser Art Folklore – keine kasachische, deutsche oder russische, sondern eben eine speziell kasachstanische? YS: Ich beobachte derzeit, dass der Staat den nationalistischen Bewegungen im Lande Zugeständnisse macht. Die letzte Nachricht war beispielsweise, dass die russischsprachigen Aufschriften von Geldscheinen und Münzen entfernt und nur die kasachischen übrigbleiben werden (eine entsprechende Verordnung wurde von Präsident Nasarbajew am 22.2.2019 unterzeichnet; NF). Ich tue das nicht als Ausdruck des Protestes gegen das, was geschieht. Es ist eine Art natürlicher Prozess, den vor Kasachstan schon viele Länder durchlaufen haben. Wahrscheinlich ist es leichter, einen monoethnischen Staat auf dem Territorium Kasachstans zu errichten, als jenes Volk zu bewahren, das sich dort in der Zeit der Sowjetunion herausbildete. Es gibt momentan auch einige Migrationsbewegungen. Klar, die Leute wandern nach Russland ab, auch nach Deutschland, aber das sind nicht alle. Man kann nicht sagen, dass alle auswandern. Ich weiß – ich hoffe –, dass es auch solche gibt, die ihre Zukunft mit Kasachstan verbinden und ihre Kinder in kasachische Schulen schicken werden. Das ist schon eine andere Generation von Leuten, die ohne die Sowjetunion aufgewachsen ist, die keine eigenen Erinnerungen an die sowjetische Vergangenheit hat. Für diese Leute, die vielleicht in fünfzehn Jahren das Erwachsenenalter erreichen werden, ist es wichtig zu verstehen, dass sie ein echter Teil dieses Landes sind, keine Fremden. Darüber mache ich mir schon Sorgen. Und zu einem gewissen Teil ist das eine gänzlich egoistische Sorge, weil ich eine Tochter habe. Ich weiß natürlich, dass sie das Recht hat selbst zu wählen, in welchem Land sie leben will und in jedem beliebigen Land leben kann. Aber wenn sie sich dazu entscheidet, in Kasachstan zu leben, will ich, dass sie hier ein angenehmes Leben führen kann. 4 Alle Interviewpassagen entstammen einem Interview, das die Autorin am 1. April 2019 in Berlin mit Yuriy Serebryansky führte.
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 8 Kunstmärchen mit sozialkritischem Charakter Den Kern des Buchs bilden neun kurze Texte, die der Textsorte des Kunstmärchens zugeordnet werden können. Das Kunstmärchen hat – anders als das Volksmärchen – einen konkreten Urheber; handelnde Charaktere sind in der Regel psychologisch vielschichtiger gestaltet, Ereignisse und Orte detaillierter ausgearbeitet, moralische Positionierungen weniger definitiv angelegt als im Volksmärchen. Gemeinsam ist beiden Textsorten, dass sie soziale Realitäten aufnehmen und diese durch Anreicherung mit phantastischen Elementen in einen neuen Kontext setzen. Die so entstehenden Märchen haben nicht nur unterhaltenden, sondern mitunter auch sozialkritischen Charakter. Diese zweite Ebene der Texte eröffnet sich allerdings nur Leser*innen, die über entsprechendes kulturelles Hintergrundwissen verfügen. Nach diesem Prinzip geht auch Serebryansky vor. Im Mittelpunkt seiner Texte stehen meist reale Phänomene (beispielsweise die Verlandung des Aralsees), kulturelle Artefakte (z. B. die Flagge Kasachstans) oder konkrete Orte (häufig Almaty), die kasachstanischen Leser*innen aus ihrem Alltag bekannt sind. Diese setzt der Autor in eine fiktive Welt, die er teilweise mit phantastischen Elementen anreichert, beispielsweise mit Gottheiten, Zauberei oder vermenschlichten Tieren. Der daraus resultierende neue Kontext, der mit Erwartungen bricht, ermöglicht einen anderen Blick auf das Altbekannte, der zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen kann. Thematisch lassen sich die Märchen in drei Kategorien einteilen: 1. Märchen, die die Erfindung eines Gegenstands beschreiben; 2. Märchen, die ökologische Phänomene bzw. Probleme behandeln; 3. legendenhafte Märchen über (fiktive oder fiktionalisierte) Persönlichkeiten oder Ereignisse. Zu den Märchen, in denen die Erfindung eines Gegenstands erzählt wird, gehört Der goldene Adler. Für das Märchen greift Serebryansky auf die griechische Mythologie zurück, zudem nimmt er Anleihen bei der europäischen Fabeldichtung. In dem Text drangsaliert ein riesiger Adler die Bewohner*innen der Steppe. Eines Tages fordert er, auf ihrer Flagge abgebildet zu werden, die bis dato eine Sonne auf himmelblauem Grund zeigt. Der für diese Aufgabe auserwählte Künstler überredet das Tier, so hoch zu fliegen, dass es die Sonne verdecke, denn solange die Sonne noch zu sehen sei, könne er auf der Flagge nicht allein den Adler abbilden. Der Adler steigt immer höher, bis er sich Ikarus gleich die Flügel an der Sonne versengt und in die Steppe stürzt. „Als Zeichen dafür, dass es niemand wagen soll, sich mit der Sonne am Himmel zu messen“5, malt der Künstler eine neue Flagge, auf der er den Adler unter die Sonne setzt. Das reale Artefakt, das diesem Märchen zu Grunde liegt, ist die 1992 eingeführte Flagge Kasachstans.6 Deren Erfindung im Märchen bricht allerdings mit vorhersehbaren Erwartungen der Leserschaft, zeigt sie den gemeinhin als stolz attribuierten Wappenvogel doch als eitles und dummes Tier, das letztlich für seine bösen Taten und seinen Hochmut bestraft wird. Held des Märchens ist der 5 Yuriy Serebryansky: „Der goldene Adler“, in: Ders.: Kasachstanische Märchen, Aruna: Almaty2017,S. 52(imOriginalrussisch). 6 ZuroffiziellenDeutungderFlaggevgl.http://www.akorda.kz/en/state_symbols/kazakhstan_flag (letzter Zugriff am 15.05.2019).
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 9 schlaue Künstler, der seine Mitbürger*innen nicht nur von dem Tyrannen befreit, sondern auch die Moral der Geschichte für die Nachwelt festhält. Ein Text der zweiten Kategorie, in dem ökologische Themen verhandelt werden, ist das am Ende dieses Reports abgedruckte Märchen Wohin verschwand der Aral? In dem Text werden dem Ozean und den Meeren menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Der Ozean wird zum Vater der Meerbrüder, die in enger Verbindung miteinander stehen. Zwei Brüder sind jedoch als Binnenmeere von ihren Angehörigen abgeschnitten. Deshalb beschließen das Kaspische Meer und der Aralsee, der im Russischen als Meer bezeichnet wird, dass sich der jüngere Bruder, der Aral, auf die Suche nach den anderen Brüdern und dem Vater begeben soll. Die im Titel des Märchens aufgeworfene Frage wird damit beantwortet: Der Aral verschwand, um seine Brüder und seinen Vater zu suchen. Was ein klassischer Auftakt für ein Volksmärchen wäre (der jüngste Bruder zieht in die Welt hinaus, um jemanden / etwas zu suchen), ist hier das Ende der Geschichte. Eine der größten ökologischen Katastrophen der Region, die anthropogen bedingte Verlandung des Aralsees, bekommt in diesem Märchen eine unerwartete, phantastische Erklärung. Dabei geht es nicht darum, den Menschen aus seiner Verantwortung für das Verschwinden des Aralsees zu entlassen, sondern vielmehr darum, dem Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Pointe des Texts soll vor allem das primäre Zielpublikum des Märchenbuchs – Kinder – zum Nachfragen und Nachdenken animieren. Eine Aufforderung zum Handeln enthält der Text nicht. Zu den Texten der dritten Kategorie, den legendenhaften Märchen, zählt Der Erfinderkönig, der ebenfalls am Ende des Reports abgedruckt ist. Das Märchen schildert die Gründung einer Stadt an einem Berghang durch den sogenannten Erfinderkönig. Dieser König lässt in der unterhalb seines Schlosses erbauten Stadt ein System offener Wasserkanäle errichten. Über dieses Kanalsystem lässt er seinen Untertan*innen regelmäßig Nachrichten per Flaschenpost zukommen, erhält aber selbst niemals Post. Er schließt daraus, dass es den Bewohner*innen der Stadt gut gehe, andernfalls würden sie sich wohl bei ihm melden. Der König bedenkt nicht, dass sein Kommunikationssystem ein einseitiges ist, sich Sender und Empfänger durch die Hanglage der Stadt und dem daraus resultierenden Strömungsverlauf nicht umkehren lassen. Das Märchen zeigt einen Herrscher, der keinen Kontakt zu seinem Volk und folglich keine Vorstellung davon hat, wie es lebt. Diese Herrschaftskritik lässt sich auf das reale Kasachstan übertragen, in dem die Kommunikation zwischen der politischen Elite und den Bürger*innen ebenfalls einseitig ist. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit zeigt, dass die aus dem Märchen herauszulesende Herrschaftskritik auch zwei Jahre nach Erscheinen der Kasachstanischen Märchen nicht an Gültigkeit verloren hat: So wurde die Umbenennung der kasachstanischen Hauptstadt Astana in Nur-Sultan von Nasarbajews Nachfolger im Präsidentenamt, Kassym-Schomart Tokajew, als erste Amtshandlung angekündigt und von den beiden Kammern des kasachstanischen Parlaments beschlossen, ohne dass die Bevölkerung in die Entscheidung einbezogen worden wäre.7 Auch der Vorwurf, die politische Elite des Landes habe keine Vorstellung von den 7 Vgl.KrisBramwell / KarineMirumyan / AzimRakhimov:Kazakhsreacttotheircapital city’s name change, in: BBC News, 21.03.2019; https://www.bbc.com/news/blogs-trending-47652680 (letzter Zugriff am 15.05.2019). Das Märchen zeigt einen Herrscher, der keinen Kontakt zu seinem Volk und folglich keine Vorstellung davon hat, wie es lebt.
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 16 innerhalb eines Buchs in den zwei wichtigsten Sprachen des Landes zu publizieren, ist neu. Wenn Belletristik in Kasachstan überhaupt übersetzt wird, erscheint die Übersetzung in einer gesonderten Ausgabe. Die Zweisprachigkeit der Kasachstanischen Märchen unterstreicht den integrativen Anspruch des Buchs. Gleichzeitig ist sie für den Autor eine Möglichkeit, auf dem schwierigen kasachstanischen Buchmarkt zu bestehen, der von Auslandsimporten dominiert wird: 85 Prozent der in Kasachstan verkauften Bücher werden nach Angaben der zuständigen Handelskammer aus dem Ausland eingeführt, in erster Linie aus Russland.19 YS: Der Verlag Aruna versteht sehr gut, dass kasachischsprachige Leser ein großes Potential bergen. Und für mich ist das eine echte Möglichkeit meine Existenz als Schriftsteller in Kasachstan zu sichern, wenn ich auf Russisch und Kasachisch veröffentliche. Wenn ich mit einem Verlag spreche, will ich sofort wissen, wann es eine kasachische Übersetzung meines russischen Texts geben wird. Was das zweisprachige Projekt angeht, war es ein Vorteil, dass die Geschichten (in den Kasachstanischen Märchen; NF) relativ kurz sind, sodass man sie in einem Buch leicht in zwei Sprachen unterbringen konnte. Und natürlich achtete der Verlag darauf, eine qualitativ hochwertige Übersetzung zu bekommen. Ich will den Übersetzern ein großes Dankeschön aussprechen, weil ich keinerlei Fragen zur Qualität der Übersetzung hatte. Den Verlag und mich haben keine Beschwerden erreicht. Das ist sehr wichtig. Neue Wege gingen Autor und Verlag auch bei der Finanzierung des Buchdrucks: Laut Serebryansky sind die Kasachstanischen Märchen das erste Buch in Kasachstan, dessen Drucklegung über eine Crowdfunding-Kampagne im Internet finanziert wurde: YS: Erstens ist das eine Möglichkeit ein Buch qualitativ hochwertiger herauszugeben. Zweitens wird so bereits bei der Planung des Buchs ein größeres Publikum angesprochen. Es war eine PR-Kampagne, unter anderem in den Medien, und sie hat funktioniert. Zwei Monate vor der Herausgabe haben wir sogar einige Varianten des Covers veröffentlicht und gemeinsam mit potentiellen Lesern diskutiert, welches es dann wird. Wir haben eine Abstimmung organisiert. Ich denke, das hat gewirkt und das Interesse an dem Buch gesteigert. Das war die erste CrowdfundingKampagne dieser Art im Zusammenhang mit einer Buchveröffentlichung in Kasachstan. Da bieten sich neue Möglichkeiten. Ich hoffe, dass auch andere kasachstanische Autoren nach diesem Schema publizieren werden. Es ist eine Möglichkeit, die Anzahl der künftigen Leser einzuschätzen, denn es ist auch eine Art Vorbestellung des Buchs. Da die potenzielle Leserschaft durch dieses Verfahren die Entstehung des Buchs gewissermaßen mitverfolgen kann und über bestimmte Aspekte mitentscheiden darf, entsteht eine besondere Beziehung zwischen Autor, Buch und Lesenden. Bestimmte Meilensteine – etwa das Erreichen der für die 19 Vgl.JuliaMajskaja:„WiemandenBuchmarktinKasachstanreanimiert“,in:Total, 28.09.2016, https://total.kz/ru/news/kultura/chto_mojet_reanimirovat_knijnyiy_ryinok_kazahstana (letzter Zugriff am 15.05.2019, im Original russisch).
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 17 Finanzierung des Buchdrucks benötigten Summe; der Erhalt des gedruckten Buchs – werden zum Event stilisiert, das – dokumentiert in den sozialen Medien – wieder als Werbemaßnahme verwendet werden kann. Die Kasachstanischen Märchen haben auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit erfahren, als das sonst bei literarischen Neuerscheinungen in Kasachstan der Fall ist. Offizielle Reaktionen Serebryansky betont, er habe kein politisches Buch schreiben wollen. In der Tat enthält das Buch kein politisches Programm, keinen Entwurf für ein anderes Kasachstan oder gar einen Aufruf zu politischen Aktivitäten. Das wäre bei allem Desinteresse der Herrschenden an der Literatur in Kasachstan nicht druckbar gewesen. Mit seiner Idee, eine Folklore für alle Kasachstaner*innen unabhängig von ihrer Herkunft zu schaffen, ist es in Zeiten des zunehmenden Nationalismus aber ein Bekenntnis zu einer offenen, toleranten und multikulturellen Gesellschaft – und damit durchaus ein politisches Statement. Die Frage, ob es dazu eine – wie auch immer geartete – offizielle Reaktion gab, beantwortet Serebryansky wie folgt: YS: Das Buch ist 2018 zum besten Buch der „Seidenstraßen“-Buchmesse in Almaty gekürt worden. Aber das kann man natürlich nicht als offizielle Reaktion bezeichnen. Aber im November bin ich in den PEN-Club Kasachstans aufgenommen worden. Und vielleicht hat mir unter anderem dieses Buch dazu verholfen. Für mich ist das sehr wichtig. Es bedeutet, dass ich die Möglichkeit habe, meine professionelle Arbeit als Schriftsteller fortzusetzen, und macht mich in Kasachstan zu einem offiziellen Schriftsteller. Und mir fällt noch eine offizielle Reaktion ein – die Eingliederung eines meiner Märchen, Der Ritt auf der Schildkröte, in das nationale Programm zur Verbreitung kasachstanischer Literatur in der Welt. Das nationale Übersetzungsbüro hat mir einen wunderbaren Brief geschrieben, dass man vorhat, dieses Märchen in fünf Sprachen zu übersetzen, und dass es Teil einer offiziellen zeitgenössischen kasachstanischen Literaturanthologie wird, die man im Ausland verkaufen wird. Das kann man als offizielle Reaktion verstehen. Darüber freue ich mich sehr. Bei der erwähnten Anthologie handelt es sich um ein kulturpolitisches Großprojekt, für das 60 Texte zeitgenössischer kasachstanischer Autor*innen in die sechs UN-Sprachen übersetzt und weltweit vermarktet werden sollen. Serebryanskys Aufnahme in diese Anthologie zeigt, dass seine Märchensammlung zumindest von der kulturpolitischen Elite Kasachstans wahrgenommen wurde. Der ausgewählte Text ist die Auftakterzählung der Kasachstanischen Märchen, er unterscheidet sich nicht nur durch seine relative Länge (fünf Seiten gegenüber ansonsten maximal ein bis zwei Seiten), sondern auch stilistisch und inhaltlich von den Folgetexten des Märchenbuchs. Insgesamt ist der Text eher eine Erzählung als ein Märchen, auch wenn er phantastische Elemente enthält. Geschildert wird die Begegnung eines Jungen, der gleichzeitig der IchErzähler des Texts ist, mit einem Mann, der auf einer Schildkröte durch Almaty reitet und sich als Künstler erweist. Für Serebryansky ist der Text wichtig, weil er in der Figur des unkonventionellen Künstlers den Maler Sergej Kalmykow (1891–1967) portraitiert, der von 1935 bis zu seinem Tod im damals sowjetischen Alma-Ata lebte und es in Serebryanskys Worten „verdient, als Kafka von Almaty bezeichnet zu werden.“ Mit dem Text möchte er ihm ein Denkmal setzen. Im Gegensatz zu den anderen Texten erscheint Der Ritt auf der Schildkröte
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 18 völlig unpolitisch, auch wenn Kalmykow zu seinen Lebzeiten als exzentrischer Künstler, dessen Vorstellung von Kunst sich nicht mit dem vom sowjetischen Regime verordneten sozialistischen Realismus deckte, als potenzieller Regimegegner gelten muss. Heute stellt das kein Problem mehr dar: NF: Haben Sie eine Idee, weshalb man ausgerechnet dieses Märchen für die Anthologie ausgewählt hat? YS: Ich denke, dass man dieses Märchen ausgewählt hat, weil es nicht nur von kasachstanischen Lesern verstanden werden kann. Es gibt dort praktisch keine geografischen Namen, selbst der Name Sergej Kalmykows, des Künstlers, der in dem Text portraitiert wird, wird nicht erwähnt. Es geht um die Initiation eines Künstlers. Naja, Sie verstehen schon. Eine ziemlich unkomplizierte Geschichte, und ich denke, dass das der Grund war. Es ist verständlich. Ich habe Rückmeldungen von spanischen und englischen Übersetzern dieser Geschichte erhalten, und sie haben die Geschichten allgemein gut verstanden. Das war wohl der Grund. Schlussfolgerungen Mit seinen Kasachstanischen Märchen schafft Yuriy Serebryansky ein Buch, das sich an alle Kasachstaner*innen ungeachtet ihrer Herkunft richtet. In kindgerechter Sprache geschrieben, auf Russisch und Kasachisch veröffentlicht, ist es nahezu allen Bürger*innen des Landes verständlich. Seine Themen, Figuren und Objekte spiegeln die kulturelle Vielfalt des kasachstanischen Alltags. Die Märchen zeigen, dass diese Vielfalt nebeneinander bestehen kann, verhehlen aber auch nicht, dass sich daraus mitunter Schwierigkeiten ergeben. Potenziell identitätsstiftend wirkt insbesondere das Wiedererkennen bestimmter aus dem kasachstanischen Alltag bekannter Elemente und die Dekodierung der zweiten Ebene der Texte. Als Vorlesetexte angelegt, können Eltern auch ihre Kinder in das Lesen zwischen den Zeilen einführen. Die in den Märchen enthaltene Sozialkritik ist für die mit dem kasachstanischen Alltag vertraute Leserschaft offensichtlich. Sie geht aber niemals über das bloße Konstatieren von Missständen hinaus, und selbst das nur in versteckter Form. Vorschläge, wie diese überwunden werden könnten, enthalten die Texte nicht. Bestimmte Themen, etwa die in Kasachstan allgegenwärtige Korruption, werden gar nicht erst angesprochen. Die Aufnahme eines Textes der Kasachstanischen Märchen in eine Anthologie zeitgenössischer kasachstanischer Literatur lässt vermuten, dass die politische Elite bereit ist, Kritik auf diesem Niveau zuzulassen. Die Kasachstanischen Märchen zeigen, welchen Spielraum Literatur in der späten Ära Nasarbajew in Kasachstan hat(te). Ob sich diese Tendenzen nach dem Wechsel im Präsidialamt fortsetzen werden, bleibt allerdings abzuwarten. Seit dem Machtwechsel im März 2019 und der Ankündigung vorgezogener Präsidentschaftswahlen reagiert die Exekutive nervös auf auch nur angenommene Kritik. In Uralsk wurde Anfang Mai ein junger Mann für das Hochhalten eines leeren Plakats kurzzeitig festgenommen.20 20 Vgl. John Mastrini: Meta Protest: Kazakh Man Detained Holding Blank Poster, in: Radio Free Europe / RadioLiberty,07.05.2019,https://www.rferl.org/a/meta-protest-kazakh-mandetained-holding-blank-poster/29926716.html (letzter Zugriff am 15.05.2019).
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 19 Zuletzt nutzten russisch schreibende kasachstanische Autor*innen vor allem die Ressourcen des russischen Buchmarkts, seine Verlage, Zeitschriften und Publikationsplattformen, seine Förderungen und Fortbildungsmöglichkeiten. Serebryansky, der in wichtigen russischen Literaturzeitschriften publiziert hat und zwei Mal mit der Russischen Prämie, dem wichtigsten Literaturpreis für im Ausland erschienene russischsprachige Literatur, ausgezeichnet wurde, zeigt mit seinem Buch neue Wege auf. Die gleichzeitige Publikation in den zwei für Kasachstan zentralen Sprachen sowie die Teilfinanzierung des Buchs über eine Crowdfunding-Kampagne, könnten ein Modell für weitere kasachstanische Literat*innen sein. Das würde der Entwicklung des kasachstanischen Buchmarkts zugutekommen und die Abhängigkeit vom russischen Markt verringern, die Expert*innen zufolge deutlichen Einfluss auf das literarische Schaffen kasachstanischer Autor*innen nimmt und wahlweise zur literarischen Selbst-Exotisierung oder der Ausblendung kasachstanischer kultureller Besonderheiten führt. Unter Umständen könnten solche neuen Publikationsformen sogar zu einer Renaissance gesellschaftsrelevanter Literatur in Kasachstan führen, in der Themen wie das Zusammenleben im kasachstanischen Vielvölkerstaat verhandelt werden können.
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 20 Anhang Yuriy Serebryansky: Der Erfinderkönig Es fuhr einmal ein König mit seinem Gefolge entlang der Berge. Es war Frühling und plötzlich begann es furchtbar zu regnen. Die Reisenden suchten Schutz unter den Bäumen, doch es war so viel Wasser, dass es sich in Bächen sammelte und von den Bergen hinab strömte. In diesem Moment kam dem König eine Idee und er befahl, alsbald die Stadt an diesen Ort zu verlegen, an den Berghang. Die Hauptstraßen verliefen strikt von oben nach unten und entlang der Straßen wurden spezielle Gräben angelegt – kleine Kanäle, in denen das Wasser nicht nur bei Regen floss. Der König befahl, das Flussbett eines kleinen von einem Gebirgsgletscher herabfließenden Flüsschens in die Kanäle zu leiten. Sein Schloss wurde unmittelbar im Gebirgsvorland errichtet, sodass der König die Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel genießen konnte. Und mit einem Blick nach unten konnte er seine gesamte Stadt überschauen und sehen, wie die Menschen dort lebten. Das Flüsschen floss an den Schlossmauern entlang, und direkt an seinem Ufer befand sich die königliche Post. Wenn der König seinen Untertanen eine Botschaft zukommen lassen wollte, versiegelte sie der Postdienst in einer Flasche und warf diese Flaschenpost in das Flüsschen. Alle Botschaften flossen so über die Kanäle zu den Häusern der Menschen. Darin bestand die Idee des Erfinderkönigs! Sie war ihm in den Sinn gekommen, als er während des Regens unter dem Baum gestanden hatte. Der König verschickte oft Botschaften und wenn er auf seinen Balkon trat, sah er häufiger auf die Stadt hinab als auf die Berge. Er wollte wissen, womit sich die Leute in der Stadt beschäftigten. Doch die Leute beschäftigten sich immer auf die gleiche Weise – sie lebten. Der König erhielt von den Menschen keinerlei Briefe, obwohl er in seinen Botschaften wiederholt darum bat. Er dachte, dass die Leute keine Zeit hätten, waren sie doch mit ihrem Leben beschäftigt. Falls etwas Schlimmes passierte, würden sie ihm schon schreiben. Er dachte nicht daran, dass die Stadt am Berghang lag und die Briefe nur von oben nach unten flossen, mit der Strömung.
ZOiS Report 1 / 2019 Kasachstanische Märchen 21 Yuriy Serebryansky: Wohin verschwand der Aral? Alle Meere auf der Erde sind Brüder. Sie halten einander an den Händen, oder besser gesagt an den Flüssen, und umarmen ihren Vater, den Ozean. Feste drücken sie die Erde zu einem runden Kügelchen zusammen, damit sie nicht auseinanderfällt wie eine ausgetrocknete Sandburg am Strand. Sie sprechen viel miteinander, teilen ihre Fische und Geheimnisse und lachen Wellen, wenn die Schiffe, während sie ihren Geschäften nachgehen, ihre Rücken kitzeln. Als ihr Großvater, der alte Ozean Tethys, sie auf der Erde anordnete, hatte er alles bedacht. Fast alles. Zwei der Meeresbrüder gerieten soweit ins Festland hinein, dass sie sich verliefen. Sie verloren nicht nur den Kontakt zum Ozean, sondern auch zu ihren Meeresbrüdern. So begannen sie inmitten dieser gigantischen Landmassen zu leben. Die Flüsse fütterten sie und sie tranken vom Grundwasser. Aber sie waren traurig, weil sie nur noch zu zweit waren. Sie erinnerten sich daran, wie schön es gewesen war, die anderen Brüder an den Händen zu halten, Neuigkeiten vom anderen Ende der Welt zu erfahren, wo es jetzt Nacht ist, und seine Geheimnisse mit dem Ozean zu teilen. Die beiden Brüder waren ganz von Land umschlossen. Sie grübelten und grübelten über ihr Schicksal nach, und auf einmal sagte der ältere Bruder, den man Kaspi nannte, zu dem jüngeren, der Aral hieß: „Mach dich auf den Weg, Bruder, und suche unseren Vater, den Ozean, und ich werde hierbleiben und darauf warten, dass du zurückkommst oder mir deine Hand reichst.“ Impressum Autorin Dr. Nina Frieß Herausgeber © Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Adresse Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Mohrenstraße 60 10117 Berlin
[email protected] www.zois-berlin.de Zitation Frieß, Nina: Kasachstanische Märchen – ein literarisches Identitätsangebot für alle Kasachstaner*innen, ZOiS Report 1 / 2019, (https://www.zois-berlin.de/fileadmin/media/ Dateien/ZOiS_Reports/ZOiS_Report_1_2019.pdf) ISSN 2512-7233 Layout Yuko Stier Umschlagsfoto Denis Karpenkov / Alamy Stock Foto Die beiden Märchen entstammen dem Buch Kazachstanskie Skazki von Yuriy Serebryansky (Aruna: Almaty 2017) und wurden mit freundlicher Genehmigung des Verlags Aruna (http://aruna.kz) abgedruckt. Übersetzung aus dem Russischen: Viktoria Bruhl und Nina Frieß. Das Interview mit Yuriy Serebryansky führte Nina Frieß am 1. April 2019 in Berlin. Das Transkript des Interviews wurde von Serebryansky für den Druck autorisiert. Übersetzung aus dem Russischen: Dario Planert und Nina Frieß.
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