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Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social Media-Öffentlichkeiten

Golova, Tatiana

Abstract

Das Projekt „Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Öffentlichkeiten auf Social Media“ geht der Frage nach, wie und inwiefern sich unter Beteiligung postsowjetischer Migrant*innen in Deutschland transnationale, russisch-deutsche Öffentlichkeiten mittels Social Media entwickeln. Für die Studie wurden Daten über eine Schnittstelle des größten russischen sozialen Netzwerks VKontakte erhoben. Analysiert wurde nicht das Nutzungsverhalten einzelner User, sondern Interaktionsdaten von Gruppen und öffentlichen Seiten (Public Pages): Immer wenn eine Gruppe den Inhalt einer weiteren Gruppe, öffentlichen Seite oder anderen Ressource teilt, wurde dies als Verbindung ausgewertet, aus der sich zum einen auf einen Informationsfluss und eine inhaltliche Nähe, zum anderen auf einen Einfluss schließen lässt. Anhand dieser sogenannten Reposts ergaben sich komplexe Netzwerke, die mithilfe einer Software analysiert und graphisch repräsentiert werden konnten.

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ZOiS REPORT POSTSOWJETISCHE MIGRANTEN IN DEUTSCHLAND UND TRANSNATIONALE SOCIALMEDIA-ÖFFENTLICHKEITEN Nr. 2 / 2018 · Juli 2018 Tatiana Golova ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 2 Zusammenfassung Das Projekt „Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Öffentlichkeiten auf Social Media“ geht der Frage nach, wie und inwiefern sich unter Beteiligung postsowjetischer Migrant*innen in Deutschland transnationale, russisch-deutsche Öffentlichkeiten mittels Social Media entwickeln. Für die Studie wurden Daten über eine Schnittstelle des größten russischen sozialen Netzwerks VKontakte erhoben. Analysiert wurde nicht das Nutzungsverhalten einzelner User, sondern Interaktionsdaten von Gruppen und öffentlichen Seiten (Public Pages): Immer wenn eine Gruppe den Inhalt einer weiteren Gruppe, öffentlichen Seite oder anderen Ressource teilt, wurde dies als Verbindung ausgewertet, aus der sich zum einen auf einen Informationsfluss und eine inhaltliche Nähe, zum anderen auf einen Einfluss schließen lässt. Anhand dieser sogenannten Reposts ergaben sich komplexe Netzwerke, die mithilfe einer Software analysiert und graphisch repräsentiert werden konnten. Die wichtigsten Ergebnisse: – Existierende Nutzungsdaten demonstrieren eine hohe Popularität der beiden größten russischen Social-Networking-Sites, VKontakte und Odnoklassniki, in Deutschland. Content 2 ____ Zusammenfassung 4 ____ Einleitung 5 ____ 1. Postsowjetische Migrant*innen in Deutschland und Social Media 5 _______ 1.1 Medienrepertoires 6 _______ 1.2 Soziale Netzwerke jenseits von Facebook: Odnoklassniki und VKontakte 9 ____ 2. Vorgehensweise 9 _______ 2.1 Anlage der Studie 9 _______ 2.2 Datenerhebung und -auswertung 12 ___ 3. Gruppentypen bei Odnoklassniki und VKontakte 13 ___ 4. Netzwerkanalyse 14 ______ 4.1 Repost-Verhalten einzelner Gruppen 15 ______ 4.2 Verbindungen zwischen den Gruppen und kommunikative Verdichtungen 20 ___ Schlussfolgerungen 21 ___ Imprint Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018 3 – Es gibt keine geschlossenen Ökosysteme „postsowjetisch-deutscher“ digitaler Communities. Stattdessen beziehen sich diese aktiv auf unterschiedliche Online-Ressourcen (individuelle wie kollektive Accounts) im russischsprachigen Raum, die auf Politik oder Unterhaltung ausgerichtet sind. – Die Subnetzwerke „postsowjetisch-deutscher“ digitaler Communities bilden sich über direkte und indirekte Verbindungen einzelner Gruppen. Sie lassen sich verschiedenen Typen zuordnen: deutschlandbezogene politische Gruppen der postsowjetischen Minderheit, darunter Rechtsradikale; deutsche Rechtsradikale; Gruppen postsowjetischer Migrant*innen, die sich auf lokale Vernetzung oder Entertainment fokussieren; pro-russische „Volksdiplomatie“; transnationale Beziehungen; Gruppen der Russlanddeutschen. – Sich im postsowjetischen Raum verortende politische Gruppen, darunter solche, die in der Ukraine-Krise die russische Staatsposition vertreten, üben inhaltlich Einfluss auf Gruppen im „deutschen“ Segment von VKontakte aus. Dies gilt nicht für das gesamte, fragmentierte Netzwerk, sondern für bestimmte politische und identitätsbezogene Subnetzwerke. Diese beziehen sich aktiv auf postsowjetische Ressourcen und stellen dadurch eine öffentliche und inhaltliche Nähe zu diesen her. – Gerade für solche Subnetzwerke lässt sich bei der jetzigen Erhebungstiefe ein hoher Vernetzungsgrad feststellen: In diesen Netzwerken beziehen sich Communities auf einander und teilen verstärkt Inhalt aus denselben Quellen. – Die deutschen, politischen Accounts auf VKontakte sind im rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Bereich oder alternativ in der Nähe bestimmter Akteur*innen der Partei Die Linke zu verorten. Die bisherige Netzwerkanalyse, besonders für den Zeitraum 2015 – 2018, hat ergeben, dass es Verbindungen zwischen „autochthon-rechten“ und „postsowjetischmigrantischen“ politischen Subnetzwerken auf VKontakte gibt. Sie werden besonders durch Ressourcen hergestellt, die mit der pro-russischen „Volksdiplomatie“, der Unterstützung für Separatistenbewegungen in der Ostukraine, sowie mit einer xenophoben und / oder antiamerikanischen Rhetorik zusammenhängen. ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 4 Einleitung1 Wie nutzen in Deutschland lebende Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund (d. h. alle Personen, die selbst oder von denen mindestens ein Elternteil auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion geboren wurden) Massenmedien, und wie verknüpfen sie persönliche und massenmedial geprägte transnationale Kommunikation und individuelle Netzwerke? Diese Fragen prägten die ZOiS-Pilotstudie von Gwendolyn Sasse und Tatiana Golova „Osteuropa bei uns: Transnationale Verflechtungen osteuropäischer MigrantInnen in Berlin“. Interviews und Gruppendiskussionen mit Menschen verschiedener Generationen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine zeigten, dass internet communication technologies (ICTs) in der persönlichen Kommunikation, als Informationsquelle und für die Identitätskonstruktion der postsowjetischen Migrant*innen eine wesentliche Rolle spielten, was sich mit den Ergebnissen von Studien der letzten Jahre zu verschiedenen migrantischen Gruppen deckt. Neu für uns war allerdings das Ausmaß der massenmedialen Hybridisierung – wenn beispielsweise russischsprachige Fernsehinhalte flexibel über YouTube konsumiert werden – und die durch Medienkonsum im transnationalen Setting entstehende Spannungen in familiären und freundschaftlichen Netzwerken. Im Jahr 2016 und vor allem 2017 wurde in deutschen und anderen westlichen Medien von russischen Versuchen von staatlicher Seite berichtet, die öffentliche Meinung über die Grenzen Russlands hinaus zu beeinflussen und politischen Einfluss insbesondere im Vorfeld der jeweiligen Wahlen in betroffenen Ländern auszuüben. Dies geschehe, so die Annahme, unter anderem über Social Media, etwa Twitter oder Facebook. Für Russischsprachige in Deutschland wurde insbesondere im Kontext des berüchtigten „Fall Lisa“, der vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise bzw. des Aufschwungs des Rechtspopulismus für Aufsehen sorgte, der Konsum der staatlichen russischen Medien problematisiert. Infolge der Auswertung der Daten aus der Pilotstudie und der Reflexion der allgemeinen Berichterstattung entwickelte ich im Sommer 2017 die Idee eines Aufbauprojekts, das sich gezielt mit transnationalen Kommunikationsnetzwerken befasst. Der Schwerpunkt sollte dabei nicht auf Desinformationskampagnen, Trollfabriken und weiteren Elementen von Russlands „hybrider Kriegsführung“ liegen, stattdessen sollte die heterogene postsowjetische Minderheit in Deutschland und ihre Kommunikation in Social Media im Zentrum stehen. Die Studie „Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Öffentlichkeiten auf Social Media“, deren erste Ergebnisse im vorliegenden Report zur Diskussion gestellt werden, geht der Frage nach, inwiefern sich unter Beteiligung postsowjetischer Migrant*innen russisch-deutsche, ICTvermittelte Öffentlichkeiten entwickeln. Empirisch werden aktuelle Netzwerke von offenen Gruppen und öffentlichen Seiten (Public Pages) auf der russischen Social-Networking-Site VKontakte (VK.com) rekonstruiert und ausgewertet. 1 Die Autorin bedankt sich herzlich bei Maryna Voitshekhovska, Ilja Kobrin und Dr. Gregor Lämmel, die bei der technischen Umsetzung des Projekts eine große Hilfe geleistet haben. Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018 5 1. Postsowjetische Migrant*innen in Deutschland und Social Media 1.1 Medienrepertoires Die Datenlage zu den Medienrepertoires der in Deutschland lebenden Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund ist spärlich. 2011 wurde die ARD / ZDF-Studie „Migranten und Medien“ veröffentlicht, für die neben weiteren Herkunftsgruppen auch postsowjetische Migrant*innen (russlanddeutsche Spätaussiedler*innen und andere) befragt wurden.2 Die überwiegende Mehrheit der postsowjetischen Migrant*innen, so das optimistische Fazit der Studie, lebt nicht in medialen Parallelwelten: Bei den für die Gruppe wichtigsten Medien, Fernsehen und Internet, überwog deutlich die Nutzung deutschsprachiger Angebote. Wenn wir nur diejenigen betrachten, die regelmäßig fernsehen (an vier Tagen der Woche oder öfter), so sind es nur 8 %, die ausschließlich russischsprachiges Fernsehen, aber 65 %, die ausschließlich deutschsprachiges Fernsehen konsumieren. GRAFIK1 Beim türkeistämmigen Fernseh-Stammpublikum schaut dagegen fast ein Drittel ausschließlich türkischsprachiges Fernsehen. Auch diejenigen postsowjetischen Migrant*innen, die regelmäßig das Internet nutzen, bevorzugen laut dieser Studie Angebote in deutscher oder in deutscher und russischer Sprache. GRAFIK2 Allerdings gab es seit dieser Erhebung einige politische und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, die das Verhältnis zwischen Deutschland, Russland und der Ukraine negativ geprägt haben, etwa die Annexion der 2 Simon,E. & U.Neuwöhner(2011).MedienundMigranten.Zielsetzung,Konzeptionund BasisdateneinerrepräsentativenUntersuchungderARD / ZDF-Medienkommission:Media Perspektiven10/2011,458 – 470. Gesamt Russland ehem.UdSSR Türkei Polen nurdeutschspr.Internet 84% 62% 51% 57% deutschspr.undheimatspr.Internet 4% 30% 33% 35% nurheimatspr.Internet 12% 8% 16% 8% Quelle:EigeneDarstellungnachSimon/Neuwöhner(2011),ARD/ZDF-Migrantenstudie 84% 62% 51% 57% 4% 30% 33% 35% 12% 8% 16% 8% Gesamt Russland ehem. UdSSR Türkei Polen Internetnutzung durch Stammnutzer nur heimatspr. Internet deutschspr. und heimatspr. Internet nur deutschspr. Internet Gesamt Russland ehem.UdSSR Türkei Polen nurdeutschspr.Fernsehen 49% 65% 14% 27% deutschspr.undheimatspr.Fernsehen 36% 27% 53% 66% nurheimatspr.Fernsehen 37% 8% 32% 7% Quelle:EigeneDarstellungnachSimon/Neuwöhner(2011),ARD/ZDF-Migrantenstudie  49% 65% 14% 27% 36% 27% 53% 66% 37% 8% 32% 7% Gesamt Russland ehem. UdSSR Türkei Polen Fernsehennutzung durch Stammnutzer nur heimatspr. Fernsehen deutschspr. und heimatspr. Fernsehen nur deutschspr. Fernsehen GRAFIK 1 Fernsehnutzung durch Stammnutzer GRAFIK 2 Internetnutzung durch Stammnutzer Quelle: Eigene Darstellung nach Simon / Neuwöhner (2011), ARD/ZDF-Migrantenstudie Quelle: Eigene Darstellung nach Simon / Neuwöhner (2011), ARD/ZDF-Migrantenstudie nurheimatspr.Internet deutschspr.undheimatspr.Internet nurdeutschspr.Internet nurheimatspr.Fernsehen deutschspr.undheimatspr.Fernsehen nurdeutschspr.Fernsehen ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 6 Krim durch Russland, der Krieg im Osten der Ukraine, die daraufhin verhängten Sanktionen und der ebenfalls internationalisierte Krieg in Syrien. Eine symbolische und emotionale Selbstverortung in beiden Welten, im deutschen und russischen Kulturraum, wird für migrantische Gruppen dadurch problematischer. Eine Aufwertung der russlandbezogenen Identität bei Teilen der russischsprachigen Minderheit in Deutschland dürfte die Nachfrage nach jenen russischen Medienangeboten steigern, die kompatible Interpretationen anbieten. Deswegen sind die Ergebnisse der ARD / ZDFStudie nicht ohne Weiteres auf die heutige Situation übertragbar. Darüber hinaus ist die Hybridisierung von Mediensystemen in Deutschland und Russland weiter vorangeschritten, indem die Grenze zwischen verschiedenen Plattformen wie Social Media und Fernsehen bei der Produktion und Nutzung medialer Angebote weiter verschwommen ist.3 Beispielsweise werden Video-Inhalte zunehmend über Social Media konsumiert. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass die Nutzer*innen zu unverzichtbaren Akteur*innen bei der Erstellung und Verbreitung medialer Inhalte werden. Social-Networking-Sites und Messenger-Dienste ermöglichen eine transnationale Verbreitung von Medienangeboten aus Russland in Deutschland unter aktiver Beteiligung der russischsprachigen Bevölkerung, die kaum regulierbar ist. Die politischen Machtverhältnisse sind dadurch im nationalen und transnationalen Kontext leichter zu destabilisieren, zudem werden populistische Mobilisierungen begünstigt. In den letzten Jahren gab es investigative journalistische Berichte zu Versuchen des russischen Staats, die öffentliche Meinung und dadurch die Machtverhältnisse in Deutschland und anderen europäischen Ländern über Social Media zu beeinflussen. Empirische Daten gibt es dazu kaum. Im Zuge der medialen Hybridisierung werden nicht nur diasporische Beziehungen intensiver gepflegt, sondern auch interpersonelle und massenmediale Ebenen der transnationalen Kommunikation im Alltag der Migrant*innen eng miteinander verflochten. Die Nutzung von Social Media spielt dabei eine ausschlaggebende Rolle. 1.2 Soziale Netzwerke jenseits von Facebook: Odnoklassniki und VKontakte Im Rahmen der schon zitierten ARD / ZDF-Studie wurde die Onlinenutzung von Migrant*innen untersucht. Es zeigte sich, dass schon 2011 knapp die Hälfte der postsowjetischen Migrant*innen in Deutschland Social-Networking-Sites nutzte.4 Auffällig war, dass das russlandzentrierte Netzwerk Odnoklassniki (OK.ru, ähnlich aufgebaut wie die Plattform Stayfriends) dabei eine größere Rolle als das deutschlandweit populärste Netzwerk Facebook spielte. Nach Plattformangaben für Anfang 2018 nutzen ca. 1,3 Millionen Menschen in Deutschland mindestens einmal im Monat Odnoklassniki.5 Plausibel erscheint, dass es sich bei den allermeisten von ihnen um postsowjetische Migrant*innen handelt. Das bedeutet, dass 40 % von ca. 3 Chadwick,A.(2013).HybridMediaSystem:PoliticsandPower.Oxford,OxfordUniv.Press. Iannelli,L.(2016).Hybridpolitics:mediaandparticipation.LosAngeles,SAGE. 4 Müller,T. & N.Beisch(2011).„OnlinenutzungvonMigranten.ErgebnissederARD / ZDFStudieMigrantenundMedien.”MediaPerspektiven(10):493 – 503. 5 MonthlyActiveUser,Präsentation„Odnoklassniki”beiderKonferenzRIF2018. Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018  7 3,1 Millionen Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund in Deutschland dieses Netzwerk mindestens gelegentlich nutzen. Für VKontakte (VK.com) liegen vergleichbare Nutzerzahlen nicht vor, da die Plattform keine nach Ländern aufgeschlüsselte Statistik veröffentlicht. Wenn wir für beide Netzwerke denselben Anteil von in Deutschland angemeldeten Accounts annehmen, kommen wir für VK.com auf 320.000 monatlich. Die Popularität von VK.com und OK.ru wird von externen Einschätzungen bestätigt. Während Odnoklassniki nach der Kombination monatlicher Besucherzahlen und Intensität der Nutzung den Platz 12 des Website-Rankings in Deutschland belegt, ist VK auf Platz 20; beim Anteil am eingehenden Traffic überholt Odnoklassniki ebenfalls und ist vergleichbar mit Twitter und Instagram.6 TABELLE1 Die Popularität von Odnoklassniki und VKontakte unter postsowjetischen Migrant*innen entspricht der großen Verbreitung beider Plattformen in Russland, wo Facebook bis heute jenseits von Moskau zahlenmäßig eine marginale Rolle spielt.7 VKontakte, das seit einigen Jahren wie Odnoklassniki der Mail.Ru Group gehört, ist in Russland jedoch mit Abstand das populärste soziale Netzwerk. Das insgesamt zweitpopulärste Social Media ist YouTube, Odnoklassniki ist unter den Social-Networking-Sites im engeren Sinne das zweitpopulärste.8 In Kasachstan, dem historisch wichtigen Auswanderungsland für russlanddeutsche Spätaussiedler, überholt VKontakte ebenfalls Odnoklassniki, sowohl beim eingehenden Traffic als auch bei der Anzahl aktiver User.9 Abgesehen von den postsowjetischen Staaten, 6 DatenfürApril2018aufwww.similarweb.com:TopSitesRankingforallcategoriesinGermanyApril2018(MonthlyActiveUsers + PageViewsontheSite),TopWebsitesRankingby IncomingtrafficshareGermanyApril2018. 7 SozialnyesetiwRossii,leto2017:zifryitrendy,http://blog.br-analytics.ru/sotsialnye-seti-vrossii-leto-2017-tsifry-i-trendy/ 8 DatenJanuar2018„WEB-Index:Resultatyissledowanija:Desktop,Janwar2018,Rossija0+, Mediascope.net.DatenApril2018:DatenfürRusslandaufwww.similarweb.com. 9 DatenfürApril2018aufwww.similarweb.com;„SozialnyesetiKasachstana2015 – 2016”, BrandAnalytics(https://blog.br-analytics.ru/socialnye-seti-kazaxstana-zima-2015-2016/). TABELLE 1 Meistbesuchte Webseiten in Deutschland Quelle: https://www.similarweb.com/ Youtube # 3 Facebook # 4 Odnoklassniki # 12 Instagram # 15 Twitter # 18 VKontakte # 20 Youtube # 3 Facebook # 4 Twitter # 16 Odnoklassniki # 17 Instagram # 19 VKontakte # 33 Rang nach Anteil am eingehenden Datenverkehr Rang nach monatlich aktiven Benutzern und Seitenaufrufen aufderWebseite ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 8 kommen besonders viele Nutzer*innen dieser Netzwerke aus Deutschland und Israel, zwei wichtigen Zielländern russischsprachiger Migrant*innen, was dem „russischsprachigen“ Verbreitungsmuster beider Plattformen entspricht. GRAFIK3 Mit beiden „russischsprachigen“ Social-Networking-Sites existieren hiermit auch in Deutschland günstige Voraussetzungen für die transnationale Kommunikation zwischen Russland und Deutschland und für konvergente politische Mobilisierungen d. h. solche, die gleichzeitig über den Konsum von konventionellen Massenmedien und über Social Media ablaufen. Das Angebot der russischen und russischsprachigen Medien auf verschiedenen Social-Media-Plattformen variiert. Die in Grafik 4 dargestellten Variationen der Follower-Zahlen erklären sich allerdings unter anderem aus der unterschiedlichen Popularität der jeweiligen Plattformen in Deutschland im Vergleich zu Russland. Die geografische Fokussierung und die Art des Inhalts bei einzelnen Medien spielen ebenfalls eine Rolle: Beispielsweise ist der große halbstaatliche Sender Pervyj Kanal am stärksten im russlandweit populärsten sozialen Netzwerk VKontakte vertreten, während der kleine russischsprachige private Fernsehsender OstWest in Deutschland auf Youtube und Facebook die meisten Follower hat. Die Nutzung von russischen Plattformen durch die russischsprachigen Migrant*innen als solche erlaubt also noch keine verlässlichen Aussagen über ihre politische Ausrichtung. GRAFIK4 Russland Ukraine Weißrussland Kasachstan Deutschland Vkontakte 69,35% 7,22% 4,75% 2,79% 2,06% Odnoklassniki 60,95% 6,33% 4,34% 3,39% 7,56% 69,4% 7,2% 4,8% 2,8% 2,1% 61,0% 6,3% 4,3% 3,4% 7,6% Quelle: https://www.similarweb.com/ website/vk.com; https:// www.similarweb.com/website/ok.ru GeografiederNutzungOK.ru/VK.comnacheingehendem Datenverkehr,April2018 Vkontakte Odnoklassniki GRAFIK 3 Geografie der Nutzung von OK.ru / VK.com nach eingehendem Datenverkehr GRAFIK 4 Abonnent*innen von Medienressourcen: Anteile verschiedener Plattformen Quelle: eigene Darstellung nach Daten von https://www.similarweb.com/website/vk.com; https://www.similarweb.com/website/ok.ru Quellen: eigene Darstellung nach Daten von vk.vom; ok.ru; facebook.com; youtube.com Quellen:eigeneDarstellungnachDatenvonvk.vom;ok.ru;facebook.com;youtube.com PervyjKanal RT(Russisch) RT(Deutsch) SputnikDE* Meduza TVRain EchoMoskvy DW(Deutsch) DW(Russisch) OstWest VK 1854977 1189000 5300 48774 527686 438776 128238 0 21293 0 OK 791751 208000 0 0 150035 233913 147659 21 7126 4402 FB 891707 1100100 366000 199150 284622 1182285 282580 422868 185376 6712 YouTube 1888058 822000 164000 6010 117688 480102 179115 203603 115762 8494 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Pervyj Kanal RT (Russisch) RT (Deutsch) Sputnik DE* Meduza TV Rain Echo Moskvy DW (Deutsch) DW (Russisch) Abonnenten von Medienressourcen: Anteile verschiedener Plattformen, April 2018 VK OK FB YouTube Vkontakte Odnoklassniki VK OK FB YouTube Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018  9 2. Vorgehensweise 2.1 Anlage der Studie Die heterogene postsowjetische Minderheit in Deutschland und ihre Kommunikation in Social Media wird hier durch die Erhebung und Auswertung der Interaktionen auf Social Media Plattformen analysiert. Das Projekt „Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Öffentlichkeiten auf Social Media“ wurde auf die Frage fokussiert, wie und inwiefern sich unter Beteiligung postsowjetischer Migrant*innen in Deutschland transnationale, russisch-deutsche Öffentlichkeiten mittels Social Media entwickeln. Öffentlichkeiten werden verstanden als Räume der Verdichtung von öffentlicher, medial vermittelter Kommunikation im transnationalen Kontext.10 Diese kommunikativen Verdichtungen, also Netzwerkstrukturen, und nicht individuelles Nutzerverhalten, bestimmen die Logik der Studie. Migrantische Communities, so wird vom Digital-Diasporas-Konzept betont, benutzen digitale Technologien, um sinnhafte Verbindungen zum Herkunftsland und zu Herkunftskulturen aufrechtzuerhalten. Dazu gehört auch die Vernetzung mit anderen Diasporaangehörigen im Aufenthaltsland und die Entwicklung hybrider Identitäten.11 Transnationalität wirkt sich auch in lokalisierten, nicht nur ICT-vermittelten Netzwerken im Aufenthaltsland aus.12 Auch wenn der Diaspora-Begriff für Russlanddeutsche in Deutschland nicht uneingeschränkt gültig ist, weisen sie und andere russischsprachige Migrant*innen Züge einer fragmentierten digitalen Diaspora auf – fragmentiert, weil die Verbindungen zu Russland bzw. zum russischsprachigen Kulturraum verschiedene konkrete Formen annehmen. Bezogen auf das politische Potenzial bedeutet dies, dass ICT-vermittelte Netzwerke sowohl die Mobilisierung der politischen Opposition in der Migration und aus der Migration heraus in Russland, als auch die Mobilisierung russischsprachiger Minderheiten in Deutschland und anderen europäischen Ländern durch den russischen Staat fördern. „Digitalisierte Diasporas“ werden auch innerhalb des politischen Systems des Aufnahmelandes mobilisiert, wenn auch in Deutschland das politische Engagement der postsowjetischen Migrant*innen im Vergleich zum Beispiel zur türkeistämmigen Bevölkerung begrenzter ist.13 2.2 Datenerhebung und -auswertung Welche Kommunikationsplattform oder -plattformen sollen und können untersucht werden, um die Frage nach den transnationalen Öffentlichkeiten zu beantworten? Bei der internationalen Plattform Facebook lassen 10 Brüggeman,M.,etal.(2009).„TransnationaleÖffentlichkeitinEuropa:Forschungsstand undPerspektiven.”Publizistik54:391 – 414 11 Brinkerhoff,J.M.(2009).DigitalDiasporas:IdentityandTransnationalEngagement.Cambridge, UK, Cambridge University Press. 12 Hepp,A.(2009).„Localitiesofdiasporiccommunicativespaces:Materialaspectsoftranslocalmediatednetworking.”TheCommunicationReview12(4):327 – 348. 13 Goerres,A.,D.Spies & S.J.May(2018).ErsteAuswertungderImmigrantGermanElection Study(IMGES).(http://udue.de/migrantenwahlstudie/). ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 16 Euromaidan und Krieg in der Ukraine GRAFIK6 Das Netzwerk dieser Periode ist stark fragmentiert. Während Public Pages wie „Deutsche Wahrheit – Gib Lügen keine Chance“ (DWa, 5.600 Abonnenten, 9.400 Posts) und „Germanija + Awstrija + Schweitsarija na russkom“ (Deutschland + Österreich + Schweiz auf Russisch, DÖS, 22.000 Abonnenten, 17.000 Posts) durch ca. 100 Gruppen miteinander verknüpft sind (lila Farbe), bestehen Verbindungen zu den anderen Segmenten nur punktuell. Thematisch fokussiert ist die Beziehung zur Gruppe „Antimaidan Germanija“ (hellblaue Farbe), die über auf „Antimaidan“ und „Novorossia“ spezialisierte Accounts läuft – Motive, die für „pro-russisches“ Framing der Konflikte und des Krieges in der Ukraine zentral sind. Die in diesem Zeitraum noch punktuelle Verbindung zwischen der Public Page „Sahra Wagenknecht – Budushij Kanzler Germanii“28 (Sahra Wagenknecht 28EshandeltsichnichtumeineoffiziellePublicPagederPolitikerinSahraWagenknecht. GRAFIK 5 Netzwerk Gesamtlaufzeit 2009 – 2018 Quelle: T. Golova, ZOiS Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018  17 – Zukünftige Kanzlerin Deutschlands, SAW, 6.300 Abonnenten, 6.200 Posts) und DÖS entsteht durch zwei identische Meme-Reposts aus zwei gleichen Accounts – eines Tolstoi-Zitats aus einer der größten russischen Public Pages und vermeintliche „Letzte Worte“ aus dem Haus der Gewerkschaften in Odessa, das am 2. Mai 2014 im Zuge der Auseinandersetzungen pro-ukrainischer und pro-russischer Demonstrierender abgebrannt war. Auch die Verbindung zum Subnetzwerk „lokaler“ Gruppen Russischsprachiger in Deutschland (hier in Orange) ist punktuell. Sie verläuft nicht nur über die „lokale“ Gruppe „Germania“ (VK-ID -27470, 27.000 Abonnenten, 3.700 Posts), sondern auch über „Welikaja Rus“ (Großrussland), eine großmachtnationalistische Public Page mit ca. 125.000 Abonnenten. Das deutet darauf hin, dass Brückenbeziehungen zwischen einzelnen Segmenten bzw. Gruppen im Sample sich nicht strikt in „politische“ und „unpolitische“ trennen lassen. GRAFIK 6 Euromaidan, Krise und Krieg in der Ostukraine 21.11.2013(AnfangderEuromaidan-Proteste)bis15.09.2014(kurznachdemMinskerAbkommen) Quelle: T. Golova, ZOiS ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 18 „Fall Lisa“ GRAFIK7 Die Geschichte um die angebliche Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin durch Flüchtlinge führte Anfang 2016 zu einer kurzfristigen, emotional aufgeladenen, bundesweiten Mobilisierung gegen Flüchtlinge und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese „moralische Panik“ hatte ihr asymmetrisches Gegenstück in dem Illoyalitätsverdacht gegenüber Russlanddeutschen. Es wurden weitere Mobilisierungen dieser Minderheit durch das russische Regime befürchtet, vermittelt durch den transnationalen Konsum russischer Staatsmedien wie dem Bericht des Pervyj Kanal im „Fall Lisa“. Social Media (speziell private Einladungen via Odnoklassniki) und der Messenger-Dienst WhatsApp spielten bei der Verbreitung des russischsprachigen „Achtung! Es ist Krieg!“-Aufrufs zu Kundgebungen im Fall Lisa eine entscheidende Rolle.29 Bemerkenswert ist hier der konvergente, plattformübergreifende Charakter der Mobilisierung zwischen Social Media und Massenmedien. Insgesamt vereinfachen soziale Netzwerke und Messenger-Dienste die transnationale Verbreitung von medialen Angeboten aus Russland unter aktiver Beteiligung der russischsprachigen Bevölkerung in Deutschland. Auf jeder Grafik wird nur das größte Subnetzwerk ohne kleine, mit ihm nicht verknüpfte Subnetzwerke oder lose Knoten, dargestellt. Im abgebildeten Zeitraum bildet sich ein Dreieck zwischen den Knoten „Sahra Wagenknecht...“, „Germanija + Awstrija + Schweitsarija“ und „Deutsche Wahrheit“ heraus. 29Mitrokhin,N.(2017).„SluchajdevochkiLisy”:RusskojasychnyestoronnikiPutinavGermanii inemeckijpravyjradikalism.”NeprikosnovennyiZapas113(3). GRAFIK7 „Fall Lisa“ 01.01.2016(abder„KölnerSilvesternacht“)bis31.03.2016 Quelle: T. Golova, ZOiS Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018  19 GRAFIK8 2015 – 2018 01.01.2015bis10.06.2018 2015 – 2018 GRAFIK8 Einige Gruppen aus dem Sample sind direkt miteinander verbunden, indem eine sich direkt auf die andere bezieht (oder sie sich gegenseitig auf einander beziehen). Bei anderen wird die Verbindung nicht direkt konstituiert, sondern darüber hergestellt, dass Gruppen Inhalte aus denselben Quellen reposten. So entstehen lokal einflussreiche strukturelle Positionen. Dabei geht es nicht um bestimmte Knoten, die besonders einflussreich sind, sondern um eine Position im Netzwerk: Eine solche Position wäre B, wenn die Ressourcen A und C beide Inhalte aus den Knoten B1, B2, B3… BN reposten. Der Vergleich der Perioden „Euromaidan“ und „2015 – 2018“ für Reposts der Public Page „Deutsche Wahrheit“ zeigte, dass möglicherweise nur wenige konkrete Quellen wirksam bleiben; die relationalen Muster bleiben allerdings erhalten. Quelle: T. Golova, ZOiS ZOiS Report 2/2018 Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten 20 Eine solche gut erkennbare dreieckige Struktur kommunikativer Verdichtungen zeigt sich für den Zeitraum um den „Fall Lisa“ GRAFIK7 und für den Zeitraum 2015 – 2018 insgesamt GRAFIK8 um die „Deutsche Wahrheit“, „Sahra Wagenknecht…“ und „Germanija + Awstrija + Schweitsarija“. Jeweils zwei der drei genannten Gruppen beziehen sich direkt auf einander. Darüber hinaus werden diese binären Verbindungen über Reposts aus denselben Quellen begründet. Auffällig sind auch über 50 Knoten, die diese drei Gruppen und nur sie miteinander verbinden, zusätzlich zu den weiteren Quellen, die von anderen Gruppen im Sample ebenfalls genutzt werden. In diesem Zeitraum entwickeln sich Kontakte zwischen den drei identitätszentrierten-politischen Gruppen postsowjetischer Migrant*innen zu den deutschen Rechtsradikalen auf VKontakte. Diese Beobachtung sollte vor dem Hintergrund der verstärkten Nutzung von VKontakte durch autochthone deutsche Rechtsradikale, u. a. von „alternativen Medien“ wie PI-News, interpretiert werden. Eine verbindende Rolle spielen OnlineCommunities und individuelle Accounts, die eine symbolische und praktische Unterstützung für die Separatistenbewegungen in der Ostukraine liefern, eine antimigrantische Rhetorik verbreiten und / oder antiamerikanische bis verschwörungstheoretische Positionen vertreten. Schlussfolgerungen Die am ZOiS seit 2017 laufende Studie „Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Öffentlichkeiten auf Social Media“ geht der Frage nach, inwiefern sich auf Social Media kommunikative Verdichtungen im transnationalen deutsch-russischen Kontext unter Beteiligung russlanddeutscher Spätaussiedler*innen und anderer postsowjetischer Migrant*innen in Deutschland entwickeln. Online-Communities und Netzwerke, und nicht individuelle Medienrepertoires von Menschen mit postsowjetischem Migrationshintergrund, stehen im Mittelpunkt. Existierende Nutzungsdaten demonstrieren eine hohe Popularität der beiden größten russischen Social-Networking-Sites, VKontakte und Odnoklassniki, in Deutschland. Von den migrantischen Online-Communities sind insbesondere bei Odnoklassniki solche populär, die herkunftsbasierte und diasporische Identitätsentwürfe unterstützen. Die Studie wurde im Hinblick auf die Erhebungsmöglichkeiten über Programmierschnittstellen auf die Plattform VKontakte fokussiert. Es wurden Daten zu unmittelbaren Verbindungen zu anderen Accounts von offenen Gruppen und Public Pages auf VKontakte erhoben, die sich an Zugewanderte aus dem postsowjetischen Raum richten, oder deutsche politische Akteur*innen darstellen, die solche Zugewanderten ansprechen oder sich explizit im deutsch-postsowjetischen politischen Setting verorten. Auf eine bestimmte politische Ausrichtung wurde die Studie nicht festgelegt, es ließen sich allerdings nur populistische bis radikale Akteur*innen der Rechten, und, im kleineren Ausmaß, der Linken finden. Sinnhafte Verbindungen zwischen Gruppen wurden als Reposts operationalisiert. Aus Reposts lernen wir etwas über die öffentliche inhaltliche Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale Social-Media-Öffentlichkeiten ZOiS Report 2/2018 21 Positionierung der aktiven Gruppe in der Nähe der Quellengruppe, über den faktischen (nicht per se intendierten) Einfluss der Quellengruppe und über die Beziehung zwischen beiden. Das Repost-Verhalten einzelner Communities variiert. Einige, gerade rechte politische Parteien, die ansonsten offline und online Russlanddeutsche zu mobilisieren versuchen, benutzen ihre VKontakte-Accounts nur zum „Senden“ eigener Inhalte, ohne auf andere Akteur*innen Bezug zu nehmen. Zwischen anderen Gruppen existieren direkte Verbindungen über Reposts, einseitige oder wechselseitige, und sie beziehen sich auf dieselben Accounts als Quellen, so dass sich auch indirekt kleine Netzwerke herausbilden. Untereinander sind solche Subnetzwerke in den meisten Fällen punktuell verknüpft, was der Heterogenität des Samples entspricht. Die Auswertung der Daten zeigt, dass keine geschlossene Ökosysteme „postsowjetisch-deutscher“ Online-Communities entstehen. Stattdessen läuft eine aktive transnationale Kommunikation zu individuellen und kollektiven Accounts im russischsprachigen Raum, die auf Entertainment oder auch Politik ausgerichtet sind. So üben beispielsweise postsowjetische politische Online-Gruppen, darunter solche, die in der Ukraine-Krise die Position des russischen Staats vertreten (stichwortartig: Anti-Maidan, „Novorossia“, Krim nasch), inhaltlich Einfluss auf Gruppen im „deutschen“ Segment von VKontakte aus. Dies gilt nicht für alle Gruppen im Sample, sondern für politische und identitätsbezogene Subnetzwerke, die sich aktiv auf postsowjetische Ressourcen beziehen und dadurch eine öffentliche Nähe zu diesen herstellen. Gerade für solche Subnetzwerke lässt sich bei der jetzigen Erhebungstiefe ein hoher Vernetzungsgrad feststellen. Die Vernetzung wird unter anderem durch die Übernahme der Inhalte aus denselben Ressourcen hergestellt. Wenn auch konkrete Vermittler-Gruppen sich mit der Zeit ändern können, haben solche strukturellen Positionen Bestand. Das deutet auf eine inhaltliche Ähnlichkeit der Gruppen hin, die sie verbinden. Wie tiefgehend diese Ähnlichkeit tatsächlich ist, kann aufgrund der thematischen Vielfalt der Quellen und der Sample-Gruppen erst durch die genaue Auswertung einzelner Reposts beurteilt werden. Die politischen deutschen Ressourcen auf VKontakte (mit oder ohne expliziten Bezug auf Russlanddeutsche oder postsowjetische Migrant*innen) sind im rechtspopulistischen / rechtsradikalen Bereich oder alternativ in der Nähe bestimmter Akteur*innen der Partei Die Linke zu verorten. Die bisherige Netzwerkanalyse insbesondere für den Zeitraum 2015 – 2018 zeigt, dass für die Verbindungen von „autochthon-rechten“ und „postsowjetisch-migrantischen politischen“ Subnetzwerken auf VK.com solche Ressourcen besonders wichtig sind, die thematisch mit der pro-russischen „Volksdiplomatie“, Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine und einer antiamerikanischen bzw. verschwörungstheoretischen Rhetorik zusammenhängen. Insgesamt lassen sich im transnationalen Kontext zwischen Deutschland und Russland bzw. dem postsowjetischen Raum mehrere Kommunikationsnetzwerke auf VKontakte identifizieren. Sie sind im Wesentlichen durch zentrale politische Ereignisse und Entwicklungen in Deutschland und im postsowjetischen Raum geprägt und hiermit auch in diesem Sinne transnational. In der nächsten Runde der Studie werden diese Ansätze transnationaler Öffentlichkeit inhaltlich und strukturell weiter präzisiert. Impressum Autorin Dr. Tatiana Golova Herausgeber © Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Adresse Zentrum für Osteuropaund internationale Studien (ZOiS) Mohrenstraße 60 10117 Berlin [email protected] www.zois-berlin.de Zitation Golova, Tatiana: Postsowjetische Migranten in Deutschland und transnationale SocialMedia-Öffentlichkeiten, ZOiS Report 2 / 2018, (https://www. zois-berlin.de/fileadmin/media/ Dateien/ZOiS_Reports/ZOiS_Report_2_2018.pdf) ISSN 2512-7233 Layout Yuko Stier