Chatbots für den Arbeitsschutz: Nutzungsszenarien, Risiken und Empfehlungen
Abstract
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Full text
Robelski, Swantje; Dietz, Arn; Jelenko, Marie; Fischer-Schwarz, Robert Article — Published Version Chatbots für den Arbeitsschutz: Nutzungsszenarien, Risiken und Empfehlungen Zeitschrift für Arbeitswissenschaft Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Robelski, Swantje; Dietz, Arn; Jelenko, Marie; Fischer-Schwarz, Robert (2025) : Chatbots für den Arbeitsschutz: Nutzungsszenarien, Risiken und Empfehlungen, Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, ISSN 2366-4681, Springer, Berlin, Heidelberg, Vol. 79, Iss. 3, pp. 460-471, https://doi.org/10.1007/s41449-025-00483-4 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/330878 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
PRAXISBEITRAG https://doi.org/10.1007/s41449-025-00483-4 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 Chatbots für den Arbeitsschutz: Nutzungsszenarien, Risiken und Empfehlungen Swantje Robelski1·ArnDietz 1·MarieJelenko 2· Robert Fischer-Schwarz2 Angenommen: 4. September 2025 / Online publiziert: 30. September 2025 © The Author(s) 2025 Zusammenfassung Chatbots, die auf großen Sprachmodellen (large language model, LLM) basieren, wie z.B. ChatGPT, stellen eine besondere Form der Künstlichen Intelligenz (KI) dar. Diese Sprachmodelle wurden mit Hilfe großer Mengen an Textdaten darauf trainiert, natürliche Sprache zu generieren. Auch im Arbeitsschutz können solche Chatbots Anwendung finden, beispielsweise durch niedrigschwellige Informationsbereitstellung. Sie können dabei ein Werkzeug sein, das gleichermaßen von Beschäftigten und Verantwortlichen im Arbeitsschutz eingesetzt wird. In einem Kooperationsprojekt zwischen der österreichischen Allgemeinen Versicherungsanstalt (AUVA) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Deutschland werden daher Nutzungsszenarien, Risiken und Empfehlungen beim Einsatz frei zugänglicher Chatbots im Kontext von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit beleuchtet. Basierend auf der Literatur und einer nutzerzentrierten Analyse werden Anwendungsfälle im Bereich des Arbeitsund Gesundheitsschutzes entwickelt, in Fallbeispielen untersucht und von Expert:innen evaluiert. Darauf aufbauend werden Empfehlungen abgeleitet, die Nutzer:innen bei der Anwendung und Interpretation von Ergebnissen unterstützen. Es zeigt sich, dass die Nutzung von Chatbots im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Unterstützungspotential und Zugang zu Informationen bietet. Die Prüfung der Angaben und/oder der Rückgriff auf Fachexpertise bleiben aufgrund des Risikos fehlender oder fehlerhafter Informationen jedoch unerlässlich. Nutzen für die Praxis: Die Projektergebnisse bieten praxisnahe Empfehlungen für den Einsatz von generativen KI-Chatbots im Bereich der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes. Die entwickelten Hinweise und Leitplanken können betriebliche Praktiker:innen in der Entscheidung unterstützen, ob und inwieweit Chatbots für sie geeignet sind und eine erste Annäherung an das Thema erleichtern. Die praxisorientierten Fallbeispiele verdeutlichen das breite Anwendungsspektrum von Chatbots, wie etwa bei Frage-Antwort-Formaten oder der Erstellung von Informationsmaterial. Zudem hilft das entwickelte Modell zur Klassifikation von Anwendungsfällen, die geeigneten Einsatzgebiete von KI-Chatbots zu identifizieren und eine zielgerichtete Nutzung zu fördern. Die Empfehlungen zur sicheren Handhabung und Interpretation der Chatbot-Antworten tragen dazu bei, Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu vermeiden. Schlüsselwörter Künstliche Intelligenz · Große Sprachmodelle · Chatbots · Arbeitsschutz · Gesundheit Swantje Robelski Robelski.[email protected] 1Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Berlin/Dortmund, Nölderstraße 40–42, 10317 Berlin, Deutschland 2Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA), Wien, Österreich K
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 461 Chatbots for Occupational Health and Safety: Use Cases, Risks, and Recommendations Abstract Chatbots based on large language models (LLMs), such as ChatGPT, represent a specific form of artificial intelligence (AI). These language models are trained on large volumes of textual data to generate natural language. In the field of occupational safety and health, such chatbots can also find application—for example, by providing low-threshold access to information. They can serve as tools used both by employees and by those responsible for occupational safety. In a collaborative project between Austrian Workers’ Compensation Board (AUVA) and the German Federal Institute for Occupational Safety and Health (BAuA), usage scenarios, risks, and recommendations related to the use of publicly available chatbots in the context of occupational safety and health are being examined. Based on the literature and a user-centered analysis, exemplary use cases in the field of occupational health and safety are developed and evaluated by experts. The results serve as a basis for deriving recommendations that help users apply and interpret chatbot-generated answers appropriately. The findings suggest that chatbots have the potential to support access to information in the field of occupational safety and health. However, due to the risk of incomplete or inaccurate information, verification and/or consultation with subject matter experts remains essential. Practical Relevance: The results of the project provide practice-oriented recommendations for the use of generative AI chatbots in occupational safety and health. The developed guidelines and orientation frameworks aim to support workplace practitioners in deciding whether and to what extent chatbots may be suitable for their needs, and to facilitate an initial engagement with the topic. The user stories illustrate the wide range of possible applications for chatbots—for example, in question-and-answer formats or the creation of informational materials. In addition, the developed model for classifying use cases helps identify appropriate areas for deploying AI chatbots and promotes targeted use. The recommendations for safe handling and interpretation of chatbot responses contribute to preventing misunderstandings and misinterpretations. Keywords Artificial intelligence · Large language models · Chatbots · Occupational safety and health 1 Einleitung Im November 2022 bringt eine US-amerikanische Firma einen Chatbot auf den Markt, der basierend auf einem generativen Sprachmodell in der Lage ist, mit seinen Nutzer:innen in den Dialog zu treten. Rezepte anfragen, Ideen zur Freizeitgestaltung in einer unbekannten Stadt sammeln, ein kreativer Titel für einen Vortrag oder das Verfassen von Glückwünschen erscheinen im Austausch mit dem Chatbot leicht zugänglich und das vermeintliche Wissen, das in dem Modell steckt, ist groß. ChatGPT – so der Name des Chatbots – hat seitdem nicht nur eine enorme mediale Aufmerksamkeit erregt, sondern ist mit 800Mio. Nutzer:innen1 ein breit genutztes Werkzeug. Seitdem haben zahlreiche weitere Firmen Chatbots, die auf generativen Sprachmodellen basieren, veröffentlicht. Die Anwendungen sind auf eine lockere Konversation ausgelegt, aber können auch auf spezifische Themen und Arten von Dialogen zugeschnitten werden. Die große Dynamik in diesem Bereich macht es nahezu unmöglich, einen Überblick über das Geschehen zu behalten. Obwohl sich Chatbots nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, 1https://www.forbes.com/sites/martineparis/2025/04/12/chatgpt-hits1-billion-users-openai-ceo-says-doubled-in-weeks/. treten zunehmend Bedenken auf, die sich sowohl auf den enormen Energieverbrauch als auch auf gesellschaftlichsoziale Effekte, z.B. Diskriminierung oder Fehlinformation beziehen (Haque und Li 2024). Erst kürzlich war das Verhalten eines großen Chatbots in die Kritik geraten, das nach einem Update zu „unterwürfig“ war (OpenAI 2025). Ein mittelmäßiger Freizeittipp oder ein umständlich formulierter Glückwunsch sind zwar ärgerlich, doch was passiert, wenn Chatbots im Kontext der Arbeitstätigkeit eingesetzt werden? Aktuelle Daten einer großen Befragungsstudie lassen vermuten, dass Chatbots eine KI-Technologie darstellen, die mittlerweile von vielen Beschäftigten eingesetzt wird – häufig auch ohne betriebliche Absprache (Arntz et al. 2025). Überwiegen im Kontext von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit die Chancen, wie niedrigschwelliger Zugang zu Informationen? Oder sind die Risiken wie Falschinformationen und fehlende Informationen zu groß? Denn die Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmung wird insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen nach wie vor als herausfordernd erlebt (Salguero-Caparrós et al. 2020; EU-OSHA 2025). Die Informationsgewinnung und Reduktion von Komplexität mithilfe von Chatbots könnte Erleichterung bringen. Gleichzeitig stellen Falschinformationen oder fehlende Informationen bei Fragen des Arbeitsschutzes große Risiken dar. K
462 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 Aus diesem Grund möchte das Kooperationsprojekt der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und der österreichischen Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) dazu beitragen, Unternehmen und im Arbeitsschutz tätige Personen bei der reflektierten Nutzung von Chatbots zu unterstützen. Besonders im Fokus stehen dabei auch Zielgruppen ohne tiefgehende IToder Chatbot-Expertise, denen ein praxisnaher und verständlicher Zugang ermöglicht werden soll. Entsprechend wurde unter dem Kurztitel „Chatbotguide“ ein Leitfaden entwickelt, der die positiven Möglichkeiten der Nutzung von sprachbasierten Chatbots betrachtet, ohne problematische Aspekte aus den Augen zu verlieren. Das Projekt stellt eine praxisorientierte Erprobung dar und verfolgt in diesem Sinne keinen wissenschaftlichen Anspruch. Gleichwohl erfolgte die Leitfadenentwicklung unter Berücksichtigung von aktueller wissenschaftlicher Literatur zur Chatbot-Nutzung im Bereich von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Nach explorativen Erhebungen bei Fachkräften der Prävention wurden typische Anwendungsfälle entwickelt und mit experimentellen Fallbeispielen veranschaulicht. Diese werden im Leitfaden kritisch reflektiert und mit praxisorientierten Empfehlungen ergänzt. Zu Projektende wurden die Beispiele und Empfehlungen im Rahmen eines Workshops von Fachleuten bewertet und der Leitfaden dementsprechend angepasst.2 1.1 Was sind Chatbots? Ein Chatbot ist ein Computerprogramm, mit dem der/die Nutzer:in in Form eines Chatverlaufes wie mit einem menschlichen Gegenüber interagieren kann. Im Allgemeinen können Chatbots sowohl mit Methoden des maschinellen Lernens als auch als klassisches Computerprogramm gestaltet werden. Die leistungsfähigsten Chatbots, um die es im Weiteren gehen soll, basieren auf einem großen Sprachmodell (eng. Large Language Model, LLM). Ein LLM ist ein Computerprogramm, welches einen Text als Eingabe erhält und dann ein Wort an den Text anfügen soll, das den Text sinnvoll weiterführt (Wolfram 2023)3. Die Aufgabe, den Text weiterzuführen, ist komplex und erfordert nicht nur ein Verständnis für die Grammatik einer Sprache, sondern auch, dass der Inhalt des Vorhergegangenen berücksichtigt wird. Eine sinnvolle Weiterführung des Satzes „Das Huhn überquerte die ...“ ist das Wort „Straße“. 2Der Leitfaden wird unter dem Titel „Chatbotguide“ im Herbst 2025 veröffentlicht und ab dann über die Website auva.at/publikationen als kostenloser Download zur Verfügung stehen. 3Für die geneigte Leser:in sei diese Quelle zur weiteren Vertiefung empfohlen, da sie einen gut verständlichen Überblick über die Funktionsweise von LLM gibt, der auch für Leser:innen ohne Hintergrund in der Informatik verständlich sein sollte. Die Worte „Käfigtür“, „Legebatterie“ oder „Kuh“ haben im weiteren Sinne alle etwas mit Hühnern auf einem Bauernhof zu tun und sind syntaktisch gesehen eine korrekte Weiterführung des Satzes. Semantisch ergeben sie allerdings entweder keinen Sinn oder fühlen sich für menschliche Leser:innen weniger „wahrscheinlich“ an als „Straße“. Um den Satz weiterführen zu können, muss in dem LLM also eine präzise semantische Verknüpfung oder Abgrenzung verschiedener Begriffe hinterlegt sein (Dong et al. 2022). Technisch handelt es sich bei einem LLM (Naveed et al. 2023) um ein großes, künstliches neuronales Netz (KNN): einen Algorithmus also, der einem biologischen neuronalen Netz nachempfunden ist ((Kriesel 2006) bietet einen guten Überblick über KNN Grundlagen). Durch einen Trainingsprozess wird das LLM in die Lage versetzt, sinnvoll Texte zu vervollständigen. Dabei werden in einer ersten Trainingsphase Teile bekannter Texte als Eingabe verwendet. Wenn die Ausgabe nicht der korrekten, bekannten Weiterführung des Textes entspricht, werden die künstlichen Nervenbahnen des LLM (in diesem Kontext als Gewichte bezeichnet) verändert. In diesem Vorgang liegt ein großer Teil der Unsicherheit begründet, die im Umgang mit KI herrscht. Denn während die Funktionsweise der einzelnen Bestandteile von künstlichen neuronalen Netzen gut erforscht ist, ist das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile beim Lösen von Aufgaben so komplex, dass sich bisher im Detail nicht sagen lässt, wie LLMs ihren Output generieren. Ähnlich zum menschlichen Nervensystem, wo gut verstanden ist, wie einzelne Nervenzellen funktionieren, aber bisher unverstanden ist, wie z.B. das Bewusstsein zustande kommt. Derzeit finden sich verschiedene Bemühungen zu verstehen, was LLMs tatsächlich verstehen und lernen (Kanaka 2025; Gao et al. 2024). Eine Grundregel der Mathematik, die auch bei künstlichen neuronalen Netzen Anwendung findet, ist, dass zur Bestimmung jedes Freiheitsgerades eines Systems eine Information gebraucht wird, die von den anderen Informationen unabhängig ist. Da das Netzwerk sehr groß ist, wird eine Vielzahl von Texten zum Training gebraucht. ChatGPT 3 z.B. hat mehrere Milliarden dieser Freiheitsgrade4und es muss davon ausgegangen werden, dass der komplette, im Internet offen verfügbare Text zum Training verwendet wurde. Beim Einsatz von LLMs als Grundlage für Chatbots erfolgt die Textgenerierung durch mehrfaches Anwenden des LLMs auf der Nutzer:inneneingabe und dem Antworttext, den das LLM bereits generiert hat. Das LLM fügt die Antwort auf die Nutzereingabe also „Wort für Wort“ zusammen. Die Funktion, einen Text semantisch und grammatikalisch sinnvoll zu ergänzen, erzeugt aber noch kein für 4https://bbycroft.net/llm. K
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 463 den Menschen als angenehm wahrgenommenes Gespräch. Zur Erreichung eines als natürlich wahrgenommenen Gesprächsverlaufs ist deshalb eine weitere Trainingsphase notwendig. In diesem Schritt wird Nutzer:innenfeedback im Training des Netzes berücksichtigt. Aufgrund der Menge an benötigten Einund Ausgaben bewerten Nutzende nicht jede Ausgabe des Netzes. Stattdessen wird ein weiteres, kleineres künstliches neuronales Netz trainiert, welches dazu geschaffen wurde, die Nutzerbewertung zu imitieren (Naveed et al. 2023). 1.2 Daten, Datenschutz und Co Wie Abschn. 1.1. erläutert, sind moderne LLM-Chatbots aufgrund der Verarbeitung enormer Datenmengen funktionsfähig. Dies wirft insbesondere im Zusammenhang mit privatwirtschaftlichen Anbietern Fragen zum Datenschutz und zur Datensicherheit auf – etwa aufgrund teils unklarer Nutzungsbedingungen und offener Fragen zur Datenverarbeitung. Zusätzlich bestehen urheberrechtliche Unsicherheiten im Hinblick auf das verwendete Trainingsmaterial, das möglicherweise geschützte Werke umfasst, sowie in Bezug auf die rechtliche Einordnung der von Chatbots generierten Inhalte. Im Folgenden wird besonders der datenschutzrechliche Aspekt vor dem Hintergrund der betrieblichen Anwendung von Chatbots beleuchtet. Sowohl in der technischen Infrastruktur als auch in der Intransparenz der Funktionsweise der Modelle sind Risiken für die Nutzenden im Umgang mit Daten zu verorten. Privatwirtschaftliche Unternehmen, die Chatbots anbieten, führen diese in der Regel auf ihrer eigenen Serverinfrastruktur aus.5Nutzer:innen greifen lediglich über Websites auf das Programm zu. Dementsprechend rühren Bedenken bezüglich der Datennutzung daher, dass Anbieter:innen von Chatbots die Nutzer:inneneingaben und die Ausgaben des Chatbots auf ihren privaten Servern dauerhaft speichern können. Die so generierten Daten können dann zum Training der nächsten Version des Chatbots genutzt werden, ohne dass Nutzende wissen, welche ihrer Inputs in das Training einfließen und welche der möglicherweise persönlichen oder betriebseigenen Daten in den nächsten Chatbot-Versionen ausgegeben werden. Dies kann z.B. passieren, indem die Chatverläufe einfach als zusätzlicher Text benutzt werden. Es gibt Fälle, in denen LLMs ganze Texte aus dem Training „auswendig gelernt“ haben. Diese Texte ließen sich dann im Dialog mit dem spezifischen Chatbot wiederherstellen (Carlini et al. 2022). Darüber hinaus ist denkbar, dass die Chatverläufe im Hinblick auf die Zufriedenheit der Nutzenden bewertet werden, um sie in den zweiten Trainingsschritt einfließen zu lassen und das 5Chatbots können aber grundsätzlich, wie andere Computerprogramme auch, offline und lokal auf Computern ausgeführt werden. „Bewertungsnetz“ zu trainieren. Da nicht klar ist, wie im LLM Informationen verarbeitet und gespeichert werden, ist auch nicht klar, ob und welche der Trainingsdaten und damit auch Nutzereingaben sich später wieder herstellen lassen. Daraus wird ersichtlich, dass die Nutzung von Chatbots im betrieblichen Kontext eine komplexe Abwägungsfrage darstellt, wie auch im Folgenden erläutert wird. 1.3 Stand der Forschung Der Stand der Forschung zum Einsatz von Chatbots im Bereich von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ist derzeit noch begrenzt. Wie der nachfolgende Überblick zeigt, wurden in den vergangenen Jahren Chatbots in unterschiedlichen Anwendungsbereichen erprobt und die Ergebnisse veröffentlicht. Dabei reicht das Spektrum von eigenständig entwickelten oder angepassten Chatbot-Lösungen bis hin zur Nutzung bestehender, kommerziell verfügbarer LLMSysteme. Beispielsweise wurden komplexe arbeitsmedizinische Fragestellungen sowohl von einem Chatbot als auch Arbeitsmediziner:innen beantwortet und die Antworten von Expert:innen bewertet (Padovan et al. 2024,2025). Weitere Anwendungsfälle finden sich in Berufsfeldern wie dem Gesundheitswesen, dem Personalwesen und dem Bildungsbereich(Ooietal.2023). Chatbots zeigen zudem Potenzial in der Ausund Weiterbildung, da sie einen niederschwelligen und abwechslungsreichen Zugang zu Themen wie der Gefahrenerkennung im Bausektor ermöglichen (Uddin et al. 2023). Sie können darüber hinaus bei der Bearbeitung von Routinetätigkeiten unterstützen. Dies zeigt eine Studie, in der die LLM-gestützte Auswertung von Testfragen, die im Rahmen von Arbeitsschutzunterweisungen gestellt worden sind, zu einer Zeitersparnis gegenüber manuellen Verfahren führte (Arici et al. 2023). Auch im Bereich des Risikomanagements im Baugewerbe konnte ein Chatbot relevante Strategien zur Risikoreduktion identifizieren. Allerdings zeigten sich Schwächen hinsichtlich der Konsistenz der Antworten und der Priorisierung der Risiken (Al-Mhdawi et al. 2023). Das breite Anwendungsspektrum von Chatbots wurde weiterhin bei der Auswertung von Unfalldatenbanken und der Entwicklung darauf basierender Präventionskonzepte zur Identifikation von Unfallschwerpunkten deutlich (Smetana et al. 2024). Ebenfalls aus dem Bausektor finden sich Ansätze, bei denen mittels LLM das komplexe Regelwerk „sprechender“ gemacht werden soll. Die dialogbasierte Interaktion, bei der ein Chatbot sozusagen einen Teil des Regelwerks befragt, könnte die Informationssuche und auch die Zugänglichkeit von Fachtexten erhöhen (Tran et al. 2023). Dennoch zeigt sich, dass die Qualität der Ergebnisse maßgeblich von der Qualität des zugrundeliegenden Trainingswissens sowie den bereitgestellten KontextinformatioK
464 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 nen der Chatbots abhängt (Padovan et al. 2024). Diese Faktoren beeinflussen die Vollständigkeit und Genauigkeit der Antworten. In bestimmten Einsatzfeldern – etwa der Cybersicherheit – waren die Ergebnisse entsprechend unzureichend (Kereopa-Yorke 2024). Andere Autor:innen weisen zudem auf die „Übervereinfachung“ komplexer Sachverhalte hin, sowie darauf, dass bei sicherheitsrelevanten Fragen (nicht nur auf den Arbeitskontext bezogen) häufig eine Überbetonung individueller Verantwortung zu beobachten ist (Oviedo-Trespalacios et al. 2023). Zudem ist die Einführung und Nutzung von Chatbots stets im Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation zu betrachten. So weisen Santos und Victoria (2024) beispielsweise darauf hin, dass eine zunehmende Technologisierung im arbeitsmedizinischen Kontext potenziell die Beziehung zwischen Patient:innen und Fachpersonal beeinträchtigen kann. Insgesamt lässt sich festhalten, dass es erste Ansätze zur Nutzung von Chatbots im Bereich von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit gibt, die Arbeitsschutzakteure unterstützen können. Die inhaltlichen Schwerpunkte, aber auch die genutzten Sprachmodelle variieren dabei stark und spiegeln vor allem erste Erprobungen wider. Zudem wird deutlich, dass komplexe Funktionen und Anwendungsfälle meist mit speziellen Anwendungen umgesetzt werden, die weit über die Fähigkeiten leicht zugänglicher Basisversionen von Chatbots hinausgehen. Insgesamt besteht weiterhin erheblicher Forschungsbedarf, insbesondere in einem so sensiblen Feld wie dem Arbeitsund Gesundheitsschutz. 2 Chatbots für den Arbeitsschutz nutzen? Methodischer Ansatz und erste Erfahrungen Vor dem Hintergrund der skizzierten technischen Herausforderungen sowie der auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands identifizierten Potenziale und Risiken verfolgt das Projekt eine explorative, praxisorientierte Analyse von Chatbots mit zwei zentralen Zielsetzungen: 1) Es sollen Aussagen darüber getroffen werden, ob und in welchem Umfang Chatbots im Kontext von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit genutzt werden können. 2) Es sollen Empfehlungen abgeleitet werden, um betriebliche Anwender:innen für mögliche Grenzen und Risiken zu sensibilisieren. Das Vorgehen gestaltete sich dabei wie folgt: Zunächst wurde ausgehend von der dargestellten Studienlage und explorativen Erhebungen bei Fachkräften für Arbeitssicherheit ein Modell entwickelt, das die Anwendungsfälle von Chatbots im Arbeitsschutz nach drei Themenbereichen strukturiert. Im Anschluss daran wurden Fallbeispiele für typische Fragestellungen des Arbeitsschutzes in Form von Szenarien entwickelt, getestet und analysiert.6Es folgte eine Evaluation im Rahmen eines Expert:innen-Workshops. Ausgehend von den Erfahrungen wurden Empfehlungen abgeleitet. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass es aufgrund des dynamischen Entwicklungsgeschehens nicht möglich ist, alle Chatbot-Funktionen ausführlich und vollumfänglich darzustellen. Vielmehr geht es darum, auf einer hohen Abstraktionsebene Aussagen zu Möglichkeiten und Grenzen zu treffen und damit praktische Leitplanken zu beschreiben. Es handelt sich nicht um Produktempfehlungen. Wie die vorangegangenen Ausführungen zeigen, gibt es zudem verschiedene Arten, um Sprachmodelle zu trainieren, die wiederum mit verschiedenen Einschränkungen und Möglichkeiten im Hinblick auf den Funktionsumfang einhergehen. Aus Gründen der Zugänglichkeit und um das Potenzial frei zugänglicher Basismodelle auszuloten, wurden die im Folgenden beschriebenen Fallbeispiele anhand von kostenfreien Chatbots (ChatGPT, Copilot, Gemini und Perplexity) erstellt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ebendiese in der Regel lediglich eine Anmeldung mit einer gültigen E-Mail-Adresse sowie der Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen bedürfen. Letztere kann auch beinhalten, dass die Sprachmodelle an den Dialogen trainiert werden dürfen und diese somit als Trainingsdaten für Folgeversionen dienen. Darüber hinaus können die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die Menge zu verarbeitender Dokumente oder weitere Zusatzfunktionen eingeschränkt sein. Kostenpflichtige Zugänge enthalten häufig andere Regelungen und bieten weitere Möglichkeiten, z.B. in Bezug auf das Training der Modelle mit eigenen Daten. Ebenfalls nicht berücksichtigt wird das Generieren von Bildern mit Hilfe von Sprachmodellen. 2.1 Strukturierung der Anwendungsfälle Die vorliegende Klassifikation der Anwendungsfälle basiert auf einer Kombination aus Literaturrecherche, Analyse technischer Fertigkeiten generativer Sprachmodelle (v.a. Verarbeitung von Text) sowie praktischen Erfahrungen aus der Arbeitsschutzpraxis. Es handelt sich um einen explorativen Ansatz, der nicht auf einem formalisierten Studiendesign beruht. Darauf aufbauend konnten drei übergeordnete Anwendungsfälle für die Chatbot-Nutzung identifiziert werden (siehe auch Abb. 1), die im Folgenden kurz erläutert werden. 6Die Konstruktion bzw. Auswahl der Beispiele erfolgte auf Basis von Erfahrungen der Projektteammitglieder und in Rücksprache mit Fachleuten bzw. Berater:innen aus dem Bereich von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in der BAuA und AUVA. K
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 465 Abb. 1 Überblick über Nutzungsmöglichkeiten von Chatbots im Arbeitsschutz (eigene Darstellung) Fig. 1 Overview of potential uses of chatbots in occupational safety (own illustration) Brainstorming und Themen erkunden Hierbei handelt es sich um Fragestellungen, bei denen das intuitive Dialogformat Nutzer:innen den Zugang zu einem Thema erleichtert. Die Dialoge können dazu dienen, Themenfelder zu erkunden und Informationen zu sammeln – ohne Sorge vor Bewertung. Perspektivwechsel werden erleichtert und ein erster Überblick über ein Thema kann gewonnen werden. Darüber hinaus können im Dialog mit dem Chatbot auch Ideen weiterentwickelt werden oder Argumente in Form eines Brainstormings durchgespielt werden. Informationen und Inhalte bearbeiten Eine Vielzahl von Anwendungsfällen lässt sich unter die Bearbeitung von Informationen und Inhalten fassen. Einerseits können eigene Texte bearbeitet werden: die Ausformulierung von Stichpunkten, das Verändern des Stils oder weitere Umformungen sind mit gezielter Dialoggestaltung möglich. Doch auch andere Texte wie Artikel oder Regelwerke können mit Chatbots beund verarbeitet werden, beispielsweise beim Anfragen von Zusammenfassungen, der Generierung von Leitfragen oder der Überführung in leicht verständliche Sprache. Ein weiterer Aspekt, der Chatbots zu einem interessanten Werkzeug im Bereich des Arbeitsund Gesundheitsschutzes macht, ist zudem die Mehrsprachigkeit. Inhalte können in verschiedene Zielsprachen übersetzt werden, wobei Tonalität und Kontext berücksichtigt werden. Komplexe Analysen und Faktenchecks Die Bearbeitung komplexer Fragestellungen ist ebenfalls mit der Hilfe von Chatbots möglich. Die Identifikation und Analyse von Mustern in großen Datenmengen, Datenaggregationen und Konzeptbzw. Strategieentwicklung bieten großes Potenzial. Die Voraussetzung dafür ist in der Regel jedoch ein speziell trainiertes Modell. Auch die Datenqualität, zuvor angegebene Regeln und Kontextinformationen beeinflussen, inwieweit Chatbots für komplexe Analysen genutzt werden können. 2.2 Entwicklung von Fallbeispielen Aufbauend auf den drei Anwendungsfällen wurden ausgehend von der Literaturrecherche (Abschn. 1.3.) und dem Vorwissen der Autor:innen zu jedem Anwendungsfall verschiedene Fallbeispiele ausgearbeitet. Bei den Fallbeispielen wurde eine Situation geschildert, in der Arbeitsschutzfachleute (z.B. Sicherheitsfachkraft, Arbeitsmediziner:in, Aufsichtsperson) oder andere für den Arbeitsschutz im Betrieb verantwortliche Personen einen Chatbot in einem der drei o.g. Bereiche verwenden. Es wurde darauf geachtet, schlaglichtartig einen diversen Kanon an Situationen abzudecken, in denen Arbeitsschutzfragen relevant werden können. Demnach behandeln die Szenarien unterschiedliche Situationen und Aufgabestellungen, die im Arbeitsalltag anfallen, z.B. die Gefährdungsbeurteilung und die Erstellung von Schulungsmaterial. Es sei darauf hingewiesen, dass die Fallbeispiele nicht vollständig trennscharf sind und Bestandteile der einzelnen Dialoge verschiedenen Anwendungsfällen zuordenbar sind. Je nach Situation wurden Anfragen an den Chatbot auch ohne expliziten Arbeitsschutzkontext gestellt. Bei dem Szenario zur Beschaffung einer Standbohrmaschine wurde beispielsweise allgemein danach gefragt, was bei der Beschaffung einer Standbohrmaschine zu beachten sei. Tab. 1gibt einen Überblick über die Fallbeispiele. Zu allen Fallbeispielen wurde ein Dialog mit einem Chatbot erstellt. Beim Design der Eingaben wurde darauf geachtet, im Stil von potentiellen Nutzer:innen zu formulieren. Die Dialoge wurden „in der Rolle“ weitergeführt, bis das Anliegen in dem jeweiligen Szenario bearbeitet worden war oder hinreichend Informationen gesammelt wurden. Als Chabots wurden ChatGPT, Copilot, Gemini und Perplexity verwendet. Tab. 2zeigt einen exemplarischen Chatverlauf aus dem Szenario „Hautschutz auf der Baustelle“. Der Chatbot führt eine Reihe relevanter Argumente an, die aus Sicht von Arbeitgeber:innen bedeutsam sein können wie beispielsweise finanzielle Vorteile oder auch Unternehmensimage. Insbesondere unter „Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter“ fehlen aber zentrale Punkte wie beispielsweise Hautkrebsgefahr durch vermehrte Sonneneinstrahlung. Das Projektteam begutachtete die Verläufe und arbeitete erste Risiken und Chancen des Einsatzes von Chatbots im Arbeitsschutz heraus. Dazu gehört beispielsweise das Auftreten von Halluzinationen (in einem Fallbeispiel wurde eine Verordnung, die nicht existiert, herangezogen), aber auch das Auftreten von Fehlund Falschinformationen. Dies ist insbesondere möglich, wenn vielschichtige Abhängigkeiten K
466 Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 Tab. 1 Überblick über Anwendungsfälle und Fallbeispiele (Auswahl); die Inhaltsbeschreibung enthält die jeweils gewählte Personenbeschreibung Table 1 Overview of selected use cases and examples; content descriptions use gendered forms according to the chosen example (own illustration) Anwendungsfall Fallbeispiel Inhalt Themen erkunden und Brainstorming Anschaffung einer Standbohrmaschine Protagonist des Szenarios ist ein Mitarbeiter einer Werkstatt, der eine neue Standbohrmaschine kaufen möchte. Er informiert sich erst allgemein über die Aspekte, die beim Kauf der Maschine zu beachten sind, um dann später Nachfragen zu, vom Chatbot angebrachten, Arbeitsschutzthemen zu stellen Hautschutz auf der Baustelle Ein Arbeitsmediziner sucht Argumente, um den Vorsitzenden einer großen mittelständischen Baufirma davon zu überzeugen, Hautschutzprodukte für die Beschäftigten bereitzustellen Gewerbeaufsicht im Handel Eine Gewerbeaufsichtsbeamtin, die vorher primär für das Gastgewerbe verantwortlich war, soll einen Betrieb im Handel besichtigen und informiert sich über Arbeitsbedingungen, welche die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten im Handel beeinträchtigen können. Inhalte und Informationen bearbeiten Zusammenfassung von Gesetzestexten Beschäftigten sollen die Grenzwerte aus dem Arbeitsschutzgesetz nähergebracht werden. Eine Sicherheitsfachkraft bittet daher einen Chatbot den Gesetzestext in der Anfrage zusammenzufassen. Zusammenfassung von Normen zur Elektrotechnik In diesem Beispiel möchte ein ungelernter Mitarbeitender in Abwesenheit des Fachangestellten die Prüfung einer Elektroinstallation selbst durchführen. Deshalb möchte er sich die Elektrikernormen von einem Chatbot zusammenfassen lassen. Sifa im Ausflugslokal Eine Sicherheitsfachkraft arbeitet in einem großen Ausflugslokal, in dessen Küche es vermehrt zu Unfällen mit herunterfallenden Gegenständen kam. Die Sicherheitsfachkraft schlägt daher Arbeitsschuhe in der Küche vor und erstellt mit Hilfe des Chatbots eine Unterweisung sowie ein Quiz zu Schulungszwecken. (Auch wenn dieses Szenario auch zum 1. Themenbereich passen könnte, wird es hier geführt, da der Fokus im Dialog mit dem Chatbot stark auf der Erstellung des Quiz lag.) Komplexe Analysen und Faktenchecks Beschaffen einer Fräse Hier wird eine neue Fräse in einer Werkstatt aufgestellt. In dem Szenario fragt eine Sicherheitsfachkraft, worauf bei der Gefährdungsbeurteilung der Fräse geachtet werden muss, da die Werkstatt besonders eng ist. Winterreifen in Tirol Ein Mitarbeitender einer österreichischen Beratungsfirma nutzt einen Chatbot, um die vorgeschriebene Profiltiefe von Winterreifen zu erfragen. Tab. 2 Beispielhafter Chatverlauf im Fallbeispiel „Hautschutz auf der Baustelle“, Dialog geführt mit ChatGPT am 24.06.2024 Table 2 Example chat in case study “skin protection on construction sites” (with ChatGPT, 24 June 2024) Dialogteilnehmer:inPrompt/Antwort Nutzer:in Ich bin Arbeitsmediziner in einer Baufirma. Mit welchen Argumenten kann ich meinen Arbeitgeber von Maßnahmen zum Hautschutz der Bauarbeiter überzeugen? Chatbot Als Arbeitsmediziner können Sie den Arbeitgeber von Maßnahmen zum Hautschutz der Bauarbeiter mit den folgenden Argumenten überzeugen: 1. Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter Hautschutzmaßnahmen verhindern Hautkrankheiten wie Dermatitis, die durch den Kontakt mit Zement, Chemikalien und anderen Reizstoffen auf Baustellen entstehen können. Gesunde Haut trägt zur allgemeinen Gesundheit und zum Wohlbefinden der Arbeiter bei, was ihre Zufriedenheit und Moral steigert. 2. Produktivität und Effizienz [...] 3. Rechtliche Anforderungen und Haftung [...] 4. Finanzielle Vorteile [...] 5. Betriebsklima und Mitarbeiterbindung [...] 6. Verbesserung des Unternehmensimages [...] Konkret können Sie dem Arbeitgeber vorschlagen: Bereitstellung von Schutzcremes und Handreinigungsmitteln Schulungen zur richtigen Anwendung von Hautschutzmitteln Regelmäßige Hautuntersuchungen durch medizinisches Fachpersonal Verbesserung der Arbeitskleidung und Schutzausrüstung Einrichtung von Hygienestationen auf Baustellen Diese Maßnahmen tragen dazu bei, die Hautgesundheit der Bauarbeiter zu schützen und gleichzeitig die Effizienz und das Image des Unternehmens zur stärken. [...] K
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (2025) 79:460–471 467 Tab. 3 Die Ergebnisse des Workshops: aufbereitet in aller Kürze Table 3 Workshop results: summarized briefly Halluzinationen/ Falschaussagen Einige Behauptungen des Chatbots sind irreführend und falsch (z.B. der Rat Handschuhe bei der Bedienung eine Fräse zu verwenden). Diese Falschinformationen sind besonders tückisch, da sie sich nahtlos in eine Reihe von Informationen einreihen, die ansonsten korrekt scheinen. (Ungewollte) Suggestivfragen Wenn Nutzende eine Suggestion in ihrer Anfrage haben (wie z.B. im Beispiel der Arbeitsschuhe in der Küche) nehmen Chatbots diese umgehend auf und produzieren vermehrt Antworten, die mit der Suggestion zu tun haben. Wenn diese Suggestion unbewusst passiert, kann ein falsches Bild von Sachverhalten vermittelt werden. Basis Prompt Dem Chatbot fehlen Informationen, um die Anfragen einzuordnen. Über die Entwicklung eines Basispromts, der Informationen über den Arbeitsschutz enthält, ließe sich die Antwortqualität des Chatbots wahrscheinlich verbessern. und Ausnahmen, wie sie beispielsweise im Rechtsund Regelwerk zu finden sind, thematisiert werden. Der hohe Abstraktionsgrad oder Übergeneralisierungen erschweren den Dialog zusätzlich. In Abhängigkeit von der Dialogführung kann es zudem zu einer Verengung der Ergebnisräume kommen, wenn beispielsweise unbeabsichtigt suggestive Fragen oder erste Lösungsansätze der Nutzer:innen selbst eingegeben werden. Einzelne Aspekte nehmen sodann einen starken Hinweischarakter ein und werden durch den Chatbot überbetont. Die geordnete Darstellung von Ergebnissen durch Chatbots (bspw. durch Aufzählungen und Hervorhebungen) verbessert den Überblick und die Lesbarkeit, während sie gleichzeitig einen Anschein von Vollständigkeit erweckt. Im Anschluss wurde ein Expertenworkshop durchgeführt, um die Szenarien und die Ausgaben des Chatbots weiter zu bewerten. 2.3 Post-hoc Validierung durch Expertenworkshop Zum Zweck der Beurteilung der im vorherigen Abschnitt eingeführten Beispiele sowie der Bewertung der Antworten der Chatbots wurde an der BAuA im Frühjahr 2025 ein dreistündiger Workshop veranstaltet. Bei dem Workshop wurden mit einer Gruppe von verschiedenen Experten7(zwei Experten zur Entwicklung von KI, davon einer spezialisiert auf LLM, vier Arbeitsschutzexperten (1x Brandschutz, 2x Sifa, 1x Sifa und Brandschutz)) die Fallbeispiele sowie die Antworten der Chatbots diskutiert. Die Experten wurden aus der Institution (BAuA) basierend auf vorangegangenen Projekterfahrungen rekrutiert. Der Workshop wurde nach einem kurzen Kennenlernen in zwei Arbeitsphasen abgehalten. In einem ersten Schritt wurde die Zielsetzung des Workshops durch einen Impulsvortrag über die Funktionsweise von Chatbots und die Motivation hinter dem Kooperationsprojekt verdeutlicht. Nach der Vorstellung der Fallbeispiele setzten sich die Teilnehmer jeweils mit einem dieser in Eigenarbeit detailliert auseinander. Das zur Verfügung gestellte Material für diese Arbeitsphase umfasste einen einführenden Text sowie die 7An dem Workshop waren ausschließlich männliche Teilnehmende beteiligt, weshalb an dieser Stelle das Maskulinum verwendet wird. zuvor generierten Chatverläufe. Im zweiten Arbeitsschritt wurden die verschiedenen Fallbeispiele8der Gruppe vorgestellt und anschließend diskutiert. Hierbei lag der Fokus auf der Realitätsnähe der Fallbeispiele an sich. Darüber hinaus wurden die Antworten des Chatbots auf ihre Tauglichkeit für den Kontext der Arbeitssicherheit evaluiert. Bei dem Workshop handelte es sich nicht um eine systematische qualitative Erhebung im engeren Sinne. Vielmehr wurden zentrale Argumentationslinien und Einschätzungen dokumentiert und im Nachgang thematisch strukturiert aufbereitet, wobei ein besonderer Fokus auf die Anwendbarkeit und Übertragbarkeit der Fallbeispiele im realen Arbeitsalltag gelegt wurde. Dementsprechend stellt die nachfolgende Darstellung eine explorative, qualitativ-deskriptive Zusammenfassung der Diskussionsinhalte dar und bietet erste Einblicke in die Wahrnehmung und Bewertung von ChatbotAnwendungen im Kontext des Arbeitsschutzes. Die Aufbereitung der Ergebnisse orientiert sich am Protokoll der Diskussionen während des Workshops. Die Analyse ergab verschiedene induktiv abgeleitete Punkte, die nachfolgend zusammengefasst werden. Darüber hinaus sind die Ergebnisse in aller Kürze in Tab. 3aufbereitet. Basisprompt Empirische Forschung zu Chatbots ist aufgrund der Dynamik technischer Entwicklungen sowie des Marktes herausfordernd. Mit Blick auf die Praxis wurde es als wichtig erachtet, Akteur:innen des Arbeitsschutzes den Umgang mit Chatbots zu erleichtern. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, einen Basisprompt zu entwickeln. Das ist ein Zusatz zu der Eingabe an den Chatbot. Sie enthält Informationen darüber, dass es sich bei der Eingabe um etwas handelt, was im Arbeitsschutzkontext bearbeitet werden soll. Dem Chatbot werden durch den Basisprompt außerdem zusätzliche Verhaltensweisen auferlegt. Z.B. „Bitte begründe deine Schlussfolgerungen.“ Oder „Wenn du dir unsicher bei einer Antwort bist, antworte bitte nicht, sondern kommuniziere die Unsicherheit“. 8Folgende Szenarien wurden im Workshop bearbeitet: Sifa im Ausflugslokal, Anschaffung einer Standbohrmaschine, Einrichtung eines Schweißarbeitsplatzes, Elektrikernormen zusammenfassen, Hautschutz auf der Baustelle, Startup Räumlichkeiten, Gewerbeaufsicht im Handel. K
