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Krisen, Bedrohte Ordnungen, Zeitenwenden, Resilienz: Regierbarkeitsprobleme in gestressten Gesellschaften

Schuppert, Gunnar Folke

Abstract

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Full text

Schuppert, Gunnar Folke Book — Published Version Krisen, Bedrohte Ordnungen, Zeitenwenden, Resilienz: Regierbarkeitsprobleme in gestressten Gesellschaften Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Schuppert, Gunnar Folke (2024) : Krisen, Bedrohte Ordnungen, Zeitenwenden, Resilienz: Regierbarkeitsprobleme in gestressten Gesellschaften, ISBN 978-3-7489-4536-9, Nomos, Baden-Baden, https://doi.org/10.5771/9783748945369 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/310948 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Gunnar Folke Schuppert Krisen, Bedrohte Ordnungen, Zeitenwenden, Resilienz Regierbarkeitsprobleme in gestressten Gesellschaften Regierbarkeitsprobleme in gestressten Gesellschaften Krisen, Bedrohte Ordnungen, Zeitenwenden, Resilienz Gunnar Folke Schuppert Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2024 © Gunnar Folke Schuppert Publiziert von Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3 – 5 | 76530 Baden-Baden www.nomos.de Gesamtherstellung: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Waldseestraße 3 – 5 | 76530 Baden-Baden ISBN (Print): 978-3-7560-1618-1 ISBN (ePDF): 978-3-7489-4536-9 DOI: https://doi.org/10.5771/9783748945369 Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Gefördert durch den Publikationsfonds für Monografien der Leibniz-Gemeinschaft Onlineversion Nomos eLibrary https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Inhaltsverzeichnis Einleitung: Vom reinen Krisenmanagement zu einer ganzheitlichen krisenwissenschaftlichen Perspektive A. 9 KrisenB. 13 Zehn Minuten BegriffsgeschichteI. 13 Was Krisen mit den Beteiligten „machen“II. 19 Entscheiden in Krisensituationen heißt Entscheiden unter Stress: drei sich aufdrängende Beispiele 1. 19 Parallele Vulnerabilitätsund Ohnmachtserfahrungen von Regierten und Regierenden: das Beispiel der Corona-Krise 2. 22 Krisenerfahrungen der Regierten: das Beispiel des Weimarer Krisenjahres 1923 3. 25 Einige krisentypische SozialfigurenIII. 29 Sozialfiguren im Kontext von Krisennarrativen: Raffkes, Schieber, Hamsterer 1. 29 Verschwörungstheoretiker und Querdenker als in der Corona-Pandemie prominente Sozialfiguren 2. 30 Inflationsheilige und völkische Agitatoren3. 33 Sozialpsychologische Erklärungsversuche für die Verhaltensdispositionen Krisenbetroffener IV. 34 Angst und Unsicherheit als eine Art Grundmelodie1. 34 Veränderungserschöpfung2. 35 Die These von der „posttraumatischen Belastungsstörung“ 3. 37 Bedrohte OrdnungenC. 41 Von der Krise zur BedrohungI. 41 Zum Verhältnis gefühlter und realer BedrohungenII. 43 Zum Verhältnis von Krisenund Bedrohungskommunikation III. 46 5 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Krisendiskurse und Bedrohungsnarrative at work: drei ausgewählte Beispiele IV. 48 Das Partikularinteressen ausgelieferte Gemeinwohl1. 48 Die Reformation als auch kommunikativ abzuwehrende Bedrohung 2. 49 Die krisengeschüttelte bzw. – je nach Lesart – existenzbedrohte Demokratie 3. 51 „You never walk alone“: zur Rolle von Reziprozität und Solidarität V. 53 ZeitenwendenD. 55 Begriffe mit hohem Inflationsrisiko: „Krise“ und „Zeitenwende“ als gegenwärtig besonders aussichtsreiche Kandidaten I. 55 Ein kurzer Blick auf die gängigsten Semantiken des sozialen Wandels II. 57 Was eine Zeitenwende wirklich ausmachtIII. 63 Nicht der Schlachtenlärm ist entscheidend, sondern die Wahrnehmung neuer Horizonte und neuer Deutungsschemata 1. 64 Eine hilfreiche Differenzierung des ZeitenwendeBegriffs 2. 65 Zeitenwende – Wahrnehmungen wollen kommuniziert werden: zur zentralen Rolle von Krisen-, Bedrohungsund Wendezeitnarrativen 3. 67 Bereichsspezifische Zeitenwenden: vier BeispieleIV. 68 Die sicherheitspolitische Zeitenwende1. 69 Die sog. Energiewende2. 72 Die Wende in der Asylpolitik3. 73 Der „erinnerungspolitische Gezeitenwechsel“4. 75 Was das Gefühl bewirkt, es müsse sich etwas grundlegend ändern: zum hilfreichen Konzept der „Triggerpunkte“ V. 77 Zur Beschaffenheit von Triggerpunkten1. 78 Zwei Triggerpunkte etwas genauer betrachtet2. 79 Vom Demokratieund Populismusbarometer zum Gefühlsthermometer 3. 82 Inhaltsverzeichnis 6 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb ResilienzE. 85 Um wessen Resilienz geht es eigentlich?I. 85 Resilienz durch „Story Telling“II. 86 Nach der Katastrophe: aus Trümmern eine neue Welt flicken – Zum hilfreichen Konzept des „re-ordering“ – III. 90 Ein versöhnlicher Ausblick: zum Phänomen der posttraumatischen Reifung IV. 92 Inhaltsverzeichnis 7 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb A. Einleitung: Vom reinen Krisenmanagement zu einer ganzheitlichen krisenwissenschaftlichen Perspektive Wir leben – wie man ohne Übertreibung sagen kann – in einer krisenge‐ schüttelten Zeit; ich erspare es mir, sie alle aufzulisten. Dieser Befund einer krisengeprägten Gegenwart ist offenbar so unstreitig, dass – anders als in dem Bestseller von Florian Illies über die konsumorientierte Jugend der 1980er Jahre – nicht mehr von der „Generation Golf“1 die Rede ist, sondern – wie in der Einladung der Zeitschrift „Neue Gesellschaft/Frankfurter Hef‐ te“ zu einer Veranstaltung am 20. September 2023 – ganz selbstverständlich von der „Generation Krise“. Wenn sich dies so verhält, muss man sich notgedrungen mit dem Phänomen sich häufender Krisen, die unglückli‐ cherweise im Moment auch noch gleichzeitig über uns hereingebrochen sind, näher beschäftigen. Man kann – so der Titel des Kursbuchs von 2012 – „Krisen lieben“2, man kann sie – wegen des „Prickels“ des Ausnahmezu‐ standes – spannend finden3, man kann sie – wie wir es an anderer Stelle formuliert haben – als „Augenöffner“ verstehen4, vor allem aber wird man sinnvollerweise bestrebt sein, „Krisen zu verstehen“5; denn nur dann wird man Aussagen darüber machen können, wie man mit Krisen angemessen umgehen könnte und sollte, sei es als krisenbetroffene Individuen, sei es als zur Krisenbekämpfung aufgerufener Staat mit seinen ihm zu Gebote stehenden Ressourcen. Um aber Krisen verstehen zu können und um würdigen zu können, welche Rolle sie bei der Beförderung eines Phänomens spielen, das wir als „gestresste Gesellschaften“ bezeichnen wollen, reicht eine auf ein effekti‐ ves Krisenmanagement fokussierte Betrachtungsweise nicht aus. Wie eng 1 Florian Illies, Generation Golf. Eine Inspektion, Frankfurt/M. 2001. 2Siehe die Beiträge in: Armin Nassehi (Hrsg.), Krisen lieben, Kursbuch 170, Februar 2012. 3 Vgl. dazu die beeindruckende Schrift von Tristan Barczak, Der nervöse Staat, Tübingen 2020. 4G.F. Schuppert, Die Corona-Krise als Augenöffner. Ein rechtsund damit zugleich kultursoziologischer Essay, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, Neue Folge, Band 69, 2021, S. 439–447. 5Siehe dazu die Beiträge in: Thomas Mergel (Hrsg.), Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Annäherungen, 2012. 9 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb wachstum und zur Höhe der Inflation – einerseits gut messbar, haben es aber andererseits – wie jedermann seit den Reaktionen auf die CoronaPandemie täglich vor Augen geführt wurde – immer auch mit Gefühlsund Stimmungslagen zu tun. Ihr integraler Bestandteil ist stets ein viele Gesichter aufweisendes Krisengefühl, das von Misstrauen bis zum Gefühl eines irgendwie Ausgeliefertseins reichen kann. Krisen sind also – und drauf wird noch mehrfach zurückzukommen sein – Wahrnehmungsphänomene31; Habermas verdient daher volle Zustimmung, wenn er 1973 dezidiert die Ansicht vertrat, dass von Krisen erst dann gesprochen werden könne, „wenn die Gesellschaftsmitglieder Strukturwandlungen als bestandskritisch erfahren und ihre soziale Identität bedroht fühlen“32, sie also eine Entwick‐ lung auch als krisenhaft wahrnehmen. Krisengeschichten sind immer auch Gefühlsgeschichten33, die wiederum kulturell eingebettet sind; bei Thomas Mergel heißt es dazu in zitierenswer‐ ter Weise wie folgt: „[…] sind Krisen nicht zu denken ohne die Kulturen, in denen sie sich ereignen; es sind ganz wesentlich Wahrnehmungsphänomene. Sie sind Formen der Selbstbeschreibung einer Gesellschaft, die sich so ebenso ihrer Reformbedürftigkeit wie ihrer Wandlungsfähigkeit vergewissert. Strukturelle Momente, deren Bedeutung bei der Generierung von Krisen nicht abgestritten werden soll, werden erst in dem Moment sichtbar, da sie diskursiv in ein Modell von Vertrauensverlust, Dringlichkeit, Unsi‐ cherheit und Notwendigkeit von Entscheidungen eingebunden werden. Es herrscht also Zeitdruck. Insofern sind Krisen essentiell Momente, in denen plötzlich die Zukunft als ungewiss empfunden wird, man aber 31 Vgl. näher dazu Jürgen Friedrichs, Gesellschaftliche Krisen. Eine soziologische Analy‐ se, in: Die Wahrnehmung von Krisenphänomenen. Fallbeispiele von der Antike bis in die Neuzeit, hg. Von Helga Scholten, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 13–26; Michael Grunewald/Uwe Puschner (Hrsg.), Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich, Bern u.a. 2010 (Convergences 55). 32 Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1973, S. 12. 33 Anschaulich dazu Bettina Hitzer, Angst, Panik?! Eine vergleichende Gefühlsgeschich‐ te von Grippe und Krebs in der Bundesrepublik, in: Malte Thießen (Hrsg.), Infizier‐ tes Europa. Seuchen im langen 20. Jahrhundert, München 2014, S. 139–156. B. Krisen 16 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb nicht viel Zeit hat, um sich ein genaues Urteil zu bilden und in Ruhe entscheiden zu können.“34 Nachdem diese drei uns wichtigen Punkte geklärt sind, scheint es uns an der Zeit zu sein, eine komprimierte Zusammenfassung zum Krisenbegriff anzubieten; eine solche haben wir in dem lesenswerten Buch von Peter Longerich über das Krisenjahr 1923 gefunden35, in dem er die wichtigsten Krisenkriterien gekonnt und mit unseren Überlegungen kompatibel wie folgt zusammengefasst hat: „▪ Krisen sind eher Erschütterungen denn Dauerzustände, sie umfassen den kritischen Zeitraum, in dem die Störungen eines Systems so gravie‐ rend werden, dass Entscheidungen über die Fortexistenz des Systems selbst zu treffen sind. ▪Krisen sind somit – abgegrenzt von Funktionsstörungen in Subsystemen – als substanzielle, existenzbedrohende Phänomene zu sehen. Krisen sind Zeiträume, in denen es darum geht, schwerwiegende Gefahren, ja die drohende Katastrophe abzuwehren. ▪Von einer Krise kann nur dann gesprochen werden, wenn die jeweiligen Zustände auch in der Wahrnehmung der Zeitgenossen als krisenhaft empfunden werden und gleichzeitig in der Rückschau objektiv abbildbar sind. ▪Krisen sind beschleunigte, häufig dramatische Entscheidungen in einer sich dynamisch verändernden Situation; sie stellen eine Entscheidungssi‐ tuation dar, in der sich die Möglichkeit, zu handeln und zu entscheiden, in naher Zukunft zu verschließen droht. [...] ▪Wenn Krisen besondere, abgrenzbare Zeiträume darstellen, so ist es zu‐ gleich auch notwendig, sie in einem zeitlichen Kontinuum zu sehen. Es geht immer auch um das Davor und das Danach: Denn Krisen sind relativ kurze Zeitspannen zwischen einer (meist längeren) Pause, in der Problemlagen sich auftürmen, sowie, nachdem die Krise ihren Höhepunkt erreicht hat, der Entladung, die entweder zu einer katastro‐ 34 Thomas Mergel, Krisen als Wahrnehmungsphänomene, in: ders. (Hrsg.), Krisen verstehen, Frankfurt/New York 2012, S. 13. 35 Peter Longerich, Außer Kontrolle. Deutschland 1923, Wien/Graz 2022; aus der Flut der jüngsten Darstellungen der Weimarer Krisenjahre ist ferner hervorzuheben das Buch von Volker Ullrich, Deutschland 1923. Das Jahr am Abgrund, München 2023. I. Zehn Minuten Begriffsgeschichte 17 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb phalen Entwicklung oder auch zur Auflösung der Krisensituation führen kann.“36 In Ergänzung zu diesem Kriterienkatalog ist uns aber schon an dieser Stelle der später zu vertiefende Hinweis wichtig, dass es sich bei Krisen nicht nur um Wahrnehmungs-, sondern immer auch um Beobachtungsund Diskursphänomene handelt; zu diesem zentralen Aspekt haben wir in dem lesenswerten Aufsatz von Ansgar Nünning über „Grundzüge einer Narratologie der Krise“37 die nachstehenden zutreffenden Ausführungen gefunden: „Vor dem Hintergrund dieser Definitionen des Ereignisbegriffs und der Kriterien für die Bestimmung von Ereignishaftigkeit38 wird somit deut‐ lich, dass Krisen nicht etwa objektiv Gegebenes sind. Vielmehr sind sie einerseits als das Ergebnis von Selektion, Abstraktion und Auszeichnung, mithin als diskursiv erzeugte Konstrukte, zu begreifen. Andererseits han‐ delt es sich offensichtlich nicht um völlig willkürliche Zuschreibungen, da eine Situation, die als Krise diagnostiziert wird, offenbar bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss. Man braucht also kein Konstruktivist oder Diskurstheoretiker zu sein, um die bislang formulierten Bedingungen und Kriterien durch zwei wei‐ tere Merkmale ergänzen zu wollen: die Diskursivität und die Konstrukti‐ vität von Krisen bzw. Krisendiagnosen. Ein Geschehen wird erst dadurch zum Ereignis und eventuell zur Krise, dass es sich in Diskursen und Ge‐ schichten niederschlägt39. Die Konstruktivität von Krisen gründet darin, dass sie nicht einfach vorgegeben oder ‚da‘ sind, sondern von den Men‐ schen und Medien, die darüber berichten, gemacht werden. Eine Krise 36 Ebenda, S. 7/8. 37 Ansgar Nünning, Grundzüge einer Narratologie der Krise: Wie aus einer Situation ein Plot und eine Krise (konstruiert) werden, in: Henning Grunwald/Manfred Pfister (Hrsg.), Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen und Diskursstrategien, München 2007, S. 48–71. 38 Nünning bezieht sich auf den Beitrag von Andreas Suter/Manfred Hettling, Struktur und Ereignis. Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses, in: dies. (Hrsg.), Struk‐ tur und Ereignis [Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 19], Göttingen 2001, S. 7– 32, in dem die Autoren drei Kriterien benennen: erstens das Überraschungsmoment bzw. das Außergewöhnliche, zweitens die kollektive Natur der Maßstäbe für die erschütternden Erfahrungen und drittens die strukturverändernden Folgen, die von den Akteuren wahrgenommen werden. 39 Vgl. Siegfried J. Schmidt, Geschichten & Diskurse. Abschied vom Konstruktivismus, Reinbek 2003. B. Krisen 18 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb ist aufgrund dieser Konstruktivität stets abhängig von dem Begriffssys‐ tem, den Konventionen und den Diskursen der jeweiligen Epoche und der Medien, in denen die Krisendiagnosen formuliert werden.“40 Nachdem wir nunmehr eine ziemlich gute Vorstellung davon haben, was eine Krise ist, wollen wir uns der spannenden Frage zuwenden, was Krisen mit den Beteiligten – den Regierten wie den Regierenden – eigentlich „ma‐ chen“; dies mag eine etwas ungewohnte Perspektive sein, die uns aber m.E. am ehesten ermöglicht, unserem Ziel, Krisen zu verstehen, einen großen Schritt näher zu kommen. II. Was Krisen mit den Beteiligten „machen“ Beginnen wollen wir bei dieser Erkundung mit den Regierenden, wird doch zuerst von ihnen erwartet, auf eine akut werdende Krise zu reagieren und in den Krisenbekämpfungsmodus umzuschalten. 1. Entscheiden in Krisensituationen heißt Entscheiden unter Stress: drei sich aufdrängende Beispiele Die Entscheidungssituation zu Beginn der Flüchtlingskrise: die Regierenden als Getriebene Mit dieser Überschrift nehme ich Bezug auf das Buch „Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik“ des Journalisten Robin Alexander41, in dem er die Entscheidungssituation zu Beginn der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 akribisch nachgezeichnet hat. Es ging um die Frage, ob den Tausenden von Flüchtlingen, die auf dem Budapester Bahnhof unter un‐ würdigsten Bedingungen campierten, die Einreise in die Bundesrepublik ermöglicht werden sollte. In der entscheidenden Nacht vom 12. auf den 13. Dezember verhielt sich einer der Beteiligten – der an sich zuständige Innenminister de Maiziere – zögerlich, während eine andere Schlüsselfigur, der Parteivorsitzende der CSU Horst Seehofer, der der Politik der offenen Grenzen kritisch gegenüberstand, schlicht nicht erreichbar war. So war es allein Angela Merkel überlassen, sich – getrieben von den Ereignissen – ad 40 Ebenda, S. 58/59. 41 Report aus dem Innern der Macht, München 2017. II. Was Krisen mit den Beteiligten „machen“ 19 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb hoc zu entscheiden, da sich – so Robin Alexander – in der entscheidenden Stunde schlicht niemand anders fand, die Verantwortung zu übernehmen. Wie sicherlich allen erinnerlich ist, war es dann die Kanzlerin, die durch‐ setzte, dass die afrikanischen und osteuropäischen Flüchtlinge in Sonderzü‐ gen aus Budapest nach Deutschland einreisen konnten. Die Entscheidungssituation zu Beginn der Corona-Krise: die Regierenden als Laienspielschar Die Situation zu Beginn der Corona-Pandemie war – wie man wohl ohne Übertreibung sagen kann – gekennzeichnet durch eine kognitive Überfor‐ derung der politischen Entscheidungsträger: es gab – wie Bundespräsident Steinmeier immer wieder betonte – keine Blaupause, kein Drehbuch, an dem man sich orientieren konnte42, so dass in der Anfangsphase kaum was anderes übrig blieb, als sich auf die Analysen und Ratschläge von Ex‐ perten zu verlassen43. Die Soziologin Evelyn Moser sah hierin einen höchst bedenklichen Politikverzicht und eine „(Selbst-)Stilllegung demokratischer Politik“44: Was die Experten öffentlich äußerten, „hatte in seiner Rezeption und Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht formal, wohl aber faktisch beina‐ he Gesetzeskraft“. Auch wenn man so weit nicht gehen will, war die Entscheidungssituation für die Regierenden in der Anfangsphase enorm schwierig, da die erforder‐ liche Wissenssouveränität in den ersten Monaten schlicht nicht vorhanden war; mich erinnert diese Situation an die Beschreibung ähnlicher Krisen‐ stresssituationen durch Armin Nassehi, der dazu 2012, also lange vor der Corona-Krise Folgendes ausgeführt hat: „Was die Entscheidungssituation bei Ausnahmesituationen so dramatisch macht, ist, dass die von den unter‐ schiedlichen Beteiligten zu spielenden »Rollen« weder von einem zentralen Regisseur aufeinander abgestimmt werden noch ein Skript haben, an dem sie sich abarbeiten können. Wenn man dieses Bild weiter bemühen will, 42 Siehe stellvertretend die Rede Steinmeiers am 11. April 2020, abrufbar im Internet unter: www.Bundespräsident.de. 43 Siehe dazu meinen Beitrag „Zur Normativität von Expertenwissen in der Wissensge‐ sellschaft und insbesondere im Kontext von Prozessen der Krisenkommunikation – zugleich ein Beitrag zur Epistemisierung des Politischen“, in: G.F. Schuppert/Roland Römhildt/Peter Weingart (Hrsg.), Herrschaft und Wissen, Baden-Baden 2022, S. 195– 218. 44 Evelyn Moser, Rückzug des Politischen, in: APuZ Nr. 35–37/2020, S. 23 ff. B. Krisen 20 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb spielt auf der Bühne Gesellschaft eher eine Laienspielschar, die, zur Echtzeit gezwungen, weder Probenoch Korrekturmöglichkeiten hat, sondern ihre Struktur gewissermaßen improvisieren muss und dennoch zu Selbststabili‐ sierungen auch im Hinblick auf die Wechselseitigkeit der operativ vonein‐ ander unabhängigen Funktionssysteme kommt.“45 Die Entscheidungssituation am Beginn des Ukrainekrieges: Regieren am Limit Mit dieser Überschrift wird Bezug genommen auf eine Fernseh-Dokumen‐ tation von Stephan Lamby, die in der ARD am 11. September 2023 unter dem Titel „Regieren am Limit“ ausgestrahlt wurde. In dieser Dokumenta‐ tion wurden der Bundeskanzler, die Außenministerin, der Wirtschaftsmi‐ nister als auch Christian Lindner in seiner Rolle als Finanzminister und „Chef“ der FDP jeweils ausführlich interviewt und vorbildlich gezeigt, wie schwierig es ist, Entscheidungen in der von Olaf Scholz so bezeichneten Zeitenwende (dazu später mehr) und dem Ende der bisherigen Entspan‐ nungsund Kooperationspolitik zu treffen; in dem diese Dokumentation rezensierenden Beitrag von Nils Minkmar wird Lamby bescheinigt, ihm sei „ein Stück Geschichtsschreibung gelungen“ und um Verständnis für die komplexe Entscheidungssituation nach dem russischen Überfall auf die Ukraine mit den folgenden Worten geworben: „Wie wird es weitergehen? In diesem Film wird viel aus dem Fenster ge‐ sehen. Niemand maßt sich an, nach den Erfahrungen der letzten Monate noch Prognosen abzugeben oder große Töne zu spucken. Und das ist, wenn man den Film auf sich wirken lässt, das Bemerkenswerte an dieser Bundesregierung: Ihre Lage ist so komplex und erfordert eine derartige Konzentration, dass sie sich nur zu den dringendsten Sachen äußert. Hört man ein Interview mit dem Gouverneur von Florida, mit dem briti‐ schen Premier oder anderen Menschen, die sich in der internationalen Politik einen Namen machen wollen, geht es immerzu um Migration, die Gefahr der Zivilisation durch die woke Bewegung, eine angeblich drohende Ökodiktatur und etliche andere Scheinthemen. Dabei hat die Ampel genug reale Probleme zu lösen. Heute fällt reflexhaft das Adjektiv von der zerstrittenen Ampel, von der Richtungslosigkeit und den Miss‐ tönen, aber ist ein solcher, sachbezogener Streit um den besseren Weg 45 Armin Nassehi, Der Ausnahmezustand als Normalfall, Fußnote 2, S. 47. II. Was Krisen mit den Beteiligten „machen“ 21 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb einer erwachsenen Demokratie nicht zumutbar? Dass alle Beteiligten beseelt lächelnd und stets zufrieden einer Leitlinie folgen, das gibt es nur in Sekten.“46 So weit zu den verschiedenen Entscheidungsbedingungen in akuten Kri‐ sensituationen. Bevor wir nun einen Blick auf die spezifische Situation der Regierten werfen, soll danach gefragt werden, ob und wenn ja welche Gemeinsamkeiten zwischen Erfahrungen von Regierten und Regierenden beobachtet werden können. 2. Parallele Vulnerabilitätsund Ohnmachtserfahrungen von Regierten und Regierenden: das Beispiel der Corona-Krise Erfahrungen von Vulnerabilität und Ausgeliefertsein auf Seiten der Betroffenen Schon in der von Ulrich Beck mit großem Erfolg vor 25 Jahren analysier‐ ten und ausgemalten Risikogesellschaft47 haben ihre Mitglieder erfahren müssen, dass sie die Gefährlichkeit der Risiken, mit denen sie leben müs‐ sen, aus eigener Erfahrung nicht abschätzen können: „Im Ja oder Nein, Grad, Ausmaß und Erscheinungsformen seiner Gefährdung ist er prinzi‐ piell fremdwissensabhängig. Gefährdungslagen schaffen auf diese Weise Abhängigkeiten, die Klassenlagen nicht kennen: Die Betroffenen werden in Sachen ihrer eigenen Betroffenheit unzuständig. Sie verlieren ein wesent‐ liches Stück Wissenssouveränität.“48 Dies alles potenzierte sich aber in der Anfangsphase49 der Corona-Pande‐ mie. Was die Menschen hier erleben mussten – so der renommierte Sozio‐ loge Hartmut Rosa – war die Erfahrung eines weitgehenden Kontrollverlus‐ tes, die Erfahrung nämlich, dass die Corona-Pandemie sich als schlicht nicht beherrschbar erwies – und dies in einer entzauberten Welt, in der alles als durch den Menschen kontrollierbar und beherrschbar erscheint, 46 Nils Minkmar, Hier sieht man klarer, SZ Nr. 209 vom 11. September 2023, S. 16. 47 Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986. 48 Ebenda, S. 70. 49 Da – wie wir von Reinhard Koselleck wissen – der Begriff der Krise ein „Verlaufsbe‐ griff“ ist, gilt es bei der Analyse und Beurteilung von Krisen stets sorgfältig zwischen den einzelnen Phasen der Krisenentwicklung zu unterscheiden. B. Krisen 22 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb einschließlich des sogenannten Klimawandels. Wie ich finde, lohnt es sich, kurz in ein Gespräch hineinzuhören, das Der Spiegel mit Hartmut Rosa geführt hat.50 „Das Virus hat alle Qualitäten eines Monsters. Man hört es nicht, man sieht es nicht, aber es kann an jeder Ecke lauern. Ist der Türgriff versaut? Bringt der hustende Fremde den Tod? Das Atmen selbst, dass unsere Grundbeziehung darstellt zur Welt, weil es uns mit Sauerstoff versorgt, ist zur tödlichen Gefahr geworden.“ Das Virus – so Rosa weiter – sei vor allem deshalb ein Monster, weil es das Gefühl, dieses soeben angesprochenen Kontrollverlustes mit sich bringt. „Wissenschaftlich haben wir es noch nicht erforscht und medizinisch nicht unter Kontrolle, wir kriegen es auch poli‐ tisch nicht reguliert…“ Der Versuch aber „To get back control“ legt unser ganzes, auf Beschleunigung und Wachstum fokussiertes System lahm: „statt dynamischer Stabilisierung der statische Kollaps. Das Fahrrad fällt um. Das System hat sich gegen sich selbst gewandt“. Ohnmachtserfahrung der Regierenden: The Powerlessness of Powerful Governments51 Diese schöne Überschrift verdanke ich dem norwegischen, in England lehrenden Politikwissenschaftler Stein Ringen, der mit dieser Formel aus‐ drücken wollte und will, dass erfolgreiches Regieren immer einen Legitimi‐ tätsglauben und eine Akzeptanzbereitschaft der Regierten voraussetzt. Und dies gilt auch und gerade für den starken, das heißt über Regulierungsund Finanzmacht verfügenden Staat, weil an ihm das paradoxe Phänomen studiert werden kann, dass der der Corona-Pandemie entgegentretende Staat zugleich äußerst stark und äußerst schwach ist; Ursula Weidenfeld hat dieses Paradox in ihrem Zwischenruf zu „Staat und Bürgersinn“ wie folgt liebevoll ausgemalt: „Auf den ersten Blick scheint der Staat zurzeit in Bestform zu sein. An den Finanzmärkten bekommt er unbeschränkten Kredit: Scheinbar allmächtig rettet er Unternehmen und Branchen, bewahrt er malade Mit‐ 50 Helene Endres u.a., Das Krisengefühl, in: SPIEGEL online, Zugriff am 16.9.2020 unter: https://www.spiegel.de/kultur/corona-krise-wie-die-angst-deutschland-veraen dert-a-00000000-0002-0001-0000-000170435631. 51 Wir übernehmen hier eine Passage aus meinem Beitrag „Die Corona-Krise als Augen‐ öffner“, Fußnote 4, S. 445. II. Was Krisen mit den Beteiligten „machen“ 23 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb telständler vor der Insolvenz. Er zahlt Unternehmerlöhne an Kosmetike‐ rinnen, Weihnachtsfeier-Unterhaltungskünstler und Restaurantbesitzer, die er vorher zur Untätigkeit verurteilt hat. Auf der anderen Seite ist er wehrlos wie ein Neugeborenes: wenn er seine Bürger anflehen muss, sich an Kontaktbeschränkungen, Feierverund Lüftungsgebote zu halten.“52 In gleichsinniger Weise hat sich der Soziologe Armin Nassehi geäußert, der in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel vom 27. März 2020 folgendes gesagt hat: „Wie in einem Brennglas lässt sich gerade beobachten, wie manche Grundlagen der Gesellschaft funktionieren. Macht erkennt man norma‐ lerweise daran, dass diejenigen, über die man Macht hat, tun, was sie tun sollen. Machen die Leute das im Augenblick? Wann müssen sich Machtmittel extremer durchsetzen, wenn Politik nicht genug Macht über die Einsichtsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger hat? Wenn man sich im Augenblick die Pressekonferenzen der Politiker anschaut, sieht man, wie sie darum ringen.“53 Wohl wahr, kann man auch hier nur hinzufügen. In der Fernsehansprache des Bundespräsidenten vom 11. April 2020 sind alle wichtigen Elemente der von den Regierenden benutzten „Mitmach-Inpflichtnahme-Rhetorik“ – Vertrauen, Verantwortung, wir alle, Geduld und Disziplin – in nuce vorhanden, wenn er formuliert: „Es ist gut, wenn der Staat jetzt kraftvoll handelt – in einer Krise, für die es kein Drehbuch gab. Ich bitte Sie auch alle weiterhin um Vertrauen, denn die Regierenden wissen um ihre riesige Verantwortung. Doch wie es jetzt weitergeht, darüber entscheiden nicht allein Politiker und Experten. Sondern wir alle haben das in der Hand, durch unsere Geduld und unsere Disziplin – gerade jetzt, wenn es uns am schwersten fällt.“54 52 Weidenfeld, Der Tagesspiegel vom Sonntag, 8. November 2020, S. 6. 53 Nassehi, Der Spiegel, 28.3.2020. 54 Abrufbar unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/bulletin/rede-von -bundespraesident-dr-frank-walter-steinmeier-1743002. B. Krisen 24 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 3. Krisenerfahrungen der Regierten: das Beispiel des Weimarer Krisenjahres 1923 Die Zeit der Weimarer Republik galt den Zeitgenossen als eine durch Krisen gekennzeichnete Zeit55. Um diesen Befund zu belegen, mag hier eine etwas ungewöhnliche Methode gewählt werden; in dem hervorragenden Aufsatz von Moritz Föllmer, Rüdiger Graf und Per Leo über „Die Kultur der Krise in der Weimarer Republik“56 findet sich die folgende Einleitung, aus der in besonders anschaulicher Weise hervorgeht, wie ausgeprägt das Krisenbewusstsein in der Weimarer Republik war: „Im Frühjahr 1932 berichtete die Berliner Boulevardzeitung B.Z. am Mittag von einer originellen Geschäftsidee: Ein Fremdenführer zeigte den Touristen nicht mehr die bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern die »Weltstadt der Krise« in Form von Wohlfahrtsämtern, leerstehen‐ den Neubauten, stillgelegten Betrieben und politischen Versammlungen. Er engagierte sogar junge Männer, die lautstark aufmüpfige Arbeitslo‐ se spielten und damit »den notwendigen ›Krisen‹-Eindruck« hervorrie‐ fen.57 Diese Geschichte zeugt davon, wie verbreitet in der Weimarer Republik das Gefühl war, eine »Krise« zu durchleben. Es verdichtete sich zu einem Komplex von Assoziationen, Stereotypen und Erwartungen, der die Wahrnehmung der Realität bestimmte und dadurch immer wie‐ der bekräftigt wurde.“58 Das dramatischste Krisenereignis und Krisenerlebnis war die sog. Hyperin‐ flation des Jahres 1923, über deren Ursachen und Ausmaß hier nicht zu berichten ist.59 Ausreichen mag hier die folgende im Tagebuch von Viktor Klemperer notierte Episode sein: „Auf der Rückfahrt von ihrem Urlaub in Ostpreußen bestellt seine Frau Eva in einem Wartesaal einen Kaffee: Die Preistafel zeigte 6.000 M. Das verschwand, während sie trank. Beim Kassieren verlangte der Kellner 12.000. Sie sagte, es hätte doch vorhin 6.000 55 Instruktiv dazu Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassi‐ schen Moderne, Frankfurt/M. 1987. 56 In: Moritz Föllmer/Rüdiger Graf (Hrsg.), Die ›Krise‹ in der Weimarer Republik, Frankfurt/M./New York 2005, S. 9–41. 57 »Krisen gefällig?«, B.Z. am Mittag vom 7.5.1932. 58 Ebenda, S. 9. 59 Ausführlich und materialreich dazu die Bücher von Peter Longerich und Volker Ullrich, Fußnote 35. II. Was Krisen mit den Beteiligten „machen“ 25 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb eigenwillige und mit etablierten Positionen meist nicht vereinbare Ideen oder Ansichten vertritt, äußert und deshalb oft auf Unverständnis oder Widerstand trifft. Der Querdenker ist häufig unbequem, das rückt ihn auch in die Nähe des »Querulanten« oder des »Querkopfs«.“83 Sie sind der Versuch, die von großen Teilen der Bevölkerung und der Politik als gefährlich eingeschätzten Pandemie anders zu deuten, d.h. vor allem zu verharmlosen, die zu ihrer Bekämpfung ergriffenen Maßnahmen deshalb als unverhältnismäßig zu qualifizieren und verdächtigen die Regierung und organisierten Interessen einer gezielten Politik der Desinformation. Was die Zusammensetzung derjenigen betrifft, die sich den Querden‐ kern zurechnen oder an den von ihnen organisierten Protestdemonstra‐ tionen teilnehmen, so ist sie – wie die bisherigen Forschungen ergeben haben84 – nicht leicht zu bestimmen. Insgesamt sei von einer großen He‐ terogenität innerhalb der Bewegung der Corona-Kritiker auszugehen. Es handele sich nicht um eine, sondern um mehrere, häufig disparate soziale Gruppen, die über geteilte Mentalitäten verbunden sind. Während Beob‐ achter einer frühen Anti-Corona-Demonstration in Konstanz sich eher an die Atmosphäre eines Kirchentages erinnert fühlten, hatten Demonstratio‐ nen in Berlin inklusive Vertretern der „Reichsbürger“ einen gänzlich ande‐ ren Charakter. Man ist sich auch weitgehend darüber einig, dass man die Querdenker-Proteste nicht als Veranstaltungen bildungsferner Randgrup‐ pen abtun kann; im Gegenteil: der Anteil derer, die Abitur oder einen Hochschulabschluss oder selbständige Mittelständler sind, ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich erhöht.“85 Aber es gab und gibt nicht nur die Raffkes, Verschwörungstheoretiker und Querdenker; in den Krisenjahren der Weimarer Republik betraten noch zwei weitere Sozialfiguren die Bühne, auf die zum Abschluss dieses Gliederungspunktes noch ein kurzer Blick geworfen werden soll. 83 DWDS, Querdenker, 16.2.2021. 84 Oliver Nachtwey/Robert Schäfer/Nadine Frei, Politische Soziologie der Corona-Pro‐ teste. Grundauswertung vom 17.12.2020, Universität Basel. 85 Ebenda, Fußnote 83. B. Krisen 32 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 3. Inflationsheilige und völkische Agitatoren In der für Krisenzeiten typischen „Flucht in »verkappte Religionen«86 tra‐ ten und treten immer wieder Figuren auf, die für die Auswege aus dem „Jammertal“ von Geldentwertung und Normenerosion Erklärungen und Lösungen anboten/anbieten, die der „Sphäre des Irrationalen“87 zuzurech‐ nen sind. Eine dieser Figuren waren die sog. „Inflationsheiligen“88, die – häufig in Sandalen und Büßergewand – Botschaften verkündeten, deren Bestandteile von Peter Longerich wie folgt zusammengefasst worden sind: „Inhaltlich bestand das von ihnen gepredigte Gedankengut aus einer kruden Mischung: Ideen und Entwürfe aus der Lebensreformsowie aus der Jugendbewegung, Versprechen auf Religionserneuerung, der Wille zur revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, und zwar in einer eigenartigen Verbindung von völkischen, syndikalistischen und sozialistischen Ansätzen; Vorstellungen, die zum Teil in Landkommunen verwirklicht werden sollten. Hinzu kam eine für die Zeitgenossen provo‐ zierende sexuelle Freizügigkeit, die im Namen der eigenen »Sache« alle Tabus über den Haufen warfen.“89 Während diese Inflationsheiligen ebenso schnell wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren, waren die völkischen Agitatoren ein ernster zu neh‐ mendes Phänomen; es gilt geradezu als ein Signum von durch Angst und Unsicherheit geprägten Zeiten – dazu sogleich mehr –, dass nicht nur – wie Ulrich Bröckling es formuliert – der „Heldenhunger“ Konjunktur hat90, sondern auch der Ruf nach der starken Führerpersönlichkeit, eine Sehnsucht, die wiederum von der politischen Rechten effektiv „bedient“ wurde.91 Dies noch in Erinnerung habend, blicken viele – wie auch der 86 Longerich, Fußnote 35, S. 147ff.; näher dazu Carl Christian Bry, Verkappte Religio‐ nen. Kritik des kollektiven Wahns, Neuausgabe hg. von Martin Gregor-Dellin, Mün‐ chen 1979. 87 Longerich, ebenda, S. 147. 88 Näher dazu Ulrich Linse, Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre, Berlin 1983. 89 Ebenda, S. 149. 90 Siehe dazu Ulrich Bröckling, Postheroische Helden. Ein Zeitbild, Berlin 2020. 91 Klaus Schreiner, Wann kommt der Retter Deutschlands, 1938; Ian Kershaw, Höllen‐ sturz. Europa 1914–1940, Pantheon Ausgabe, München 2017, S. 297 ff. III. Einige krisentypische Sozialfiguren 33 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Autor dieses Beitrags – mit Sorge nicht nur auf den Höhenflug der AfD92, sondern auch das Erstarken der Rechten in anderen europäischen Ländern. Dies veranlasst uns, zum Abschluss dieses Krisenkapitels einen Blick darauf zu werfen, wie sich die Flucht in verkappte Religionen, Verschwö‐ rungstheorien und der Erfolg rechtspopulistischer Parteien eigentlich erklä‐ ren lassen. IV. Sozialpsychologische Erklärungsversuche für die Verhaltensdispositionen Krisenbetroffener 1. Angst und Unsicherheit als eine Art Grundmelodie In der großen Darstellung der Geschichte Deutschlands zwischen 1517 und 1648, der Heinz Schilling den Titel „Aufbruch und Krise“ gegeben hat93 tauchen gleich zu Beginn des Krisenabschnitts die Begriffe „Angst“ und „Unsicherheit“ in geschwisterlicher Eintracht auf: „Wie war es zu dieser tiefen Verunsicherung der Menschen gekommen? Hatten die Befürchtungen und Ängste einen wirklichen Grund oder entsprangen sie allein den Hirnen fanatischer Ideologen? Wie richteten sich einzelne und die Gesellschaft in der wieder unbehausten Welt ein? Wie reagierten sie auf die neuen Seelennöte?“94 Und Joachim Käppner hat seiner hymnischen Rezension des soeben erschienenen Buches von Christopher Clark über den „Frühling der Revolution“95 auf das wir noch ausführlicher zu sprechen kommen wer‐ den, die folgende Überschrift gegeben: „Angst ist der Schlüssel. Christopher Clarks meisterhaftes Buch über Europa in den Jahren 1848/49 als Epoche des Umbruchs und der Unsicherheit“96. Schließlich sei noch ein Blick auf das monumentale Werk von Ian Kershaw mit dem Titel „Achterbahn“ geworfen97, in dem das Phänomen der Unsicherheit eine zentrale Rolle spielt. In seinem Einführungskapitel behandelt er „Europas zwei Epochen 92 Momentaufnahme vom 7. Oktober 2023, einen Tag vor der Landtagswahl in Hessen und Bayern. 93 Heinz Schilling, Aufbruch und Krise, Deutschland 1517–1648, Vollständige Taschen‐ buchausgabe Berlin 1998. 94 Ebenda, S. 373. 95 Christopher Clark, Frühling der Revolution – Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt, München 2023. 96 Süddeutsche Zeitung Nr. 226 vom 30.9./1.10.2023, S. 19. 97 Ian Kershaw, Achterbahn. Europa 1950 bis heute, München 2019. B. Krisen 34 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb der Unsicherheit“, nämlich einerseits als atomares Schreckensgleichgewicht nach dem Zweiten Weltkrieg und eine »Matrix neuer Unsicherheit«, „de‐ ren Elemente eine liberalisierte, deregulierte Wirtschaft, die unaufhaltsame Globalisierung, eine dramatische Revolution der Informationstechnologie und nach 1990 die Entstehung einer multipolaren internationalen Macht‐ verteilung waren“98; und in dem Schlusskapitel wird „Eine neue Ära der Unsicherheit“ besichtigt, von der man nicht weiß, welchen Ausgang sie nehmen wird. Zu guter Letzt soll Peter R. Neumann zu Wort kommen, der soeben mit dem Buch „Logik der Angst. Die rechtsextreme Gefahr und ihre Wur‐ zeln“99 hervorgetreten ist; in einem Interview mit dem SPIEGEL100 hat er die Frage „Warum erleben wir ein Erstarken des Rechtsextremismus?“ wie folgt beantwortet: „Weil sich vieles rasant verändert. Die Krisen der vergangenen Jahre – Migration, Corona, Ukrainekrieg, Inflation – bereiten den Menschen Sorgen. Und Angst ist der beste Nährboden für Rechtsextre‐ mismus. Angst muss nicht zwangsläufig zu Wut und Hass führen, sie macht die Menschen aber empfänglich für rechtsextreme Thesen. In Teilen der Gesellschaft macht sich das Gefühl breit, dass »die da oben« sich nicht um das kümmern, was die Leute umtreibt. Das ist gefährlich.“ 2. Veränderungserschöpfung Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat im gerade zurücklie‐ genden Wahlkampf laut einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 30.9./1.10.2023101 folgende Überzeugung formuliert: „Die Deutschen wollen jemand, der ihnen abends, wenn sie ins Bett gehen, das Gefühl gibt, dass die Welt am nächsten Morgen noch die gleiche ist.“ Wem dies zu wenig wissenschaftlich ist, der sei auf das gerade erschie‐ nene Buch „Triggerpunkte“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser102 verwiesen, in dem sie sich unter anderem mit der Rolle von Affekten in Konfliktarenen beschäftigen und auch mit dem beobachtbaren Phänomen der affektiven Polarisierung in konfliktbeladenen gesellschafts‐ 98 Ebenda, S. 21. 99 Berlin 2023. 100 Der Spiegel Nr. 37 vom 9.9.2023, S. 38/39. 101 Nr. 226, S. 11. 102 Steffen Mau/Thomas Lux/Linus Westheuser, Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin 2023. IV.Sozialpsychol. Erklärungsversuche für die Verhaltensdispositionen Krisenbetroffener 35 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb politischen Diskursen; sie diagnostizieren eine zunehmende Veränderungs‐ erschöpfung der Menschen und führen dazu erläuternd Folgendes aus: „[...] schauen wir auf die emotionale Betriebstemperatur der Konfliktlagen, die wir an zwei sozialen Gefühlen festmachen, die in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt sind: Wut und Erschöpfung. Wir fragen, ob es die vielbeschworenen »Wutbürger« wirklich gibt; wer die Menschen sind, die politische Diskussionen oft wütend verfolgen, und wie Wut und Wahrnehmungen des Meinungsklimas zusammenhängen. An diese Befunde schließen wir dann eine Analyse sozialer Veränderungserschöp‐ fung an. Hier geht es um Gefühle der Überforderung, die sich aus der Wahrnehmung speisen, die Gesellschaft wandele sich so schnell, dass man fürchtet, den Anschluss zu verlieren. Unsere Grundintuition ist dabei, dass Wut und Erschöpfung in vielen Fällen Hand in Hand gehen: etwa, wenn schneller gesellschaftlicher Wandel bei Anhängern altherge‐ brachter Haltungen zu gereizter Überforderung führt, aber auch dann, wenn Angehörige benachteiligter Klassen der eigenen Machtlosigkeit und sozial verordneten Passivität mit Ärger begegnen.“103 Es scheint mir eine gute Idee zu sein, an dieser Stelle einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen; unsere Wahl fiel dabei auf Wolfgang Thierse – von 1998 bis 2005 der erste ostdeutsche Bundestagspräsident – der sich gerne als den „letzten Indigenen vom Prenzlauer Berg“ bezeichnet und der Georg Ismar von der Süddeutschen Zeitung für einen Gesprächs-Spaziergang104 zur Verfügung stand; in dem Bericht über diesen Spaziergang heißt es auszugsweise wie folgt: „Es sei Kern des Populismus, dass einfache Antworten verfangen. Deren Erfolg hänge mit kulturellen Ängsten vor Veränderung zusammen. »Der Krieg und seine Folgen, die Verhinderung der Klimakatastrophe, die Migration, die Änderung in unserer Produktion durch Digitalisierung und KI. Diese Veränderungen treffen auf Menschen, die in den vergange‐ nen 30 Jahren schon dramatische, teilweise schmerzliche Veränderungen zu bestehen hatten, nicht immer mit Erfolg.« Es sei auch heute nicht angenehm, das Vertraute zu verlieren – phänoty‐ pisch zu sehen am Streit um das Heizungsgesetz, als Veränderung bis in den eigenen Heizungskeller und Geldbeutel plötzlich spürbar wurde. [...] 103 Ebenda, S. 321/322. 104 Georg Ismar, „Die Konflikte werden noch schärfer werden“, SZ Nr. 240 vom 18. Ok‐ tober 2023, S. 7. B. Krisen 36 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Vieles finde derzeit gleichzeitig statt. »Das ist die Stunde der Populisten, und zwar europaweit oder vielleicht sogar weltweit.« Die Veränderungs‐ dramatik, wie er es nennt, erzeuge Ängste, Unsicherheiten und verführe Menschen zur Sehnsucht nach einfachen Antworten. »Demokratie ist immer zu langsam gegenüber diesen Wünschen«, sagt Thierse. Das sei das Dilemma und treffe auf eine völlig veränderte Medienwelt, die im‐ mer oberflächlicher und zugespitzter werde.“105 Im Ergebnis führe dies – wie Steffen Mau zutreffend hervorhebt – zu Wahlerfolgen für solche Parteien, die sich – wie die AfD – als „Polarisie‐ rungsunternehmer“ betätigten: „Polarisierungsunternehmen wie die AfD bestimmen immer stärker den Diskurs, diktieren die Themen, über die öffentlich verhandelt wird. Mittlerweile gibt es große Teile der Bevölkerung, die sich angesichts des rapiden Wandels überrollt oder abgehängt fühlen. Die Unsicherheit bei vielen ist groß. Wenn dann Liberale oder Progressive kommen und ihnen sagen, sie müssen sich permanent verändern, um sich an die Welt anzupassen, fällt das Angebot der AfD auf fruchtbaren Boden. Sie verspricht Entlastung und gaukelt Sicherheit vor, indem sie sagt: Du kannst bleiben, wie du bist, die Welt muss sich an dich anpassen. Das trifft natürlich de facto nicht zu, aber Teile der Gesellschaft sind verände‐ rungserschöpft, da kommt es an. In Ostdeutschland noch stärker.“106 3. Die These von der „posttraumatischen Belastungsstörung“ Der Sozialforscher Klaus Hurrelmann – Senior Professor of Public Health and Education an der Berliner „Hertie School of Governance“ – beschäftigt sich – was wir für viel wichtiger halten als die Konzentration auf das Thema Krisenmanagement – mit der „mentalen Verfasstheit unserer Gesell‐ schaft nach Jahren der nicht nur gefühlten, sondern real existierenden 105 Ebenda, S. 7. 106 Interview mit Steffen Mau (Interviewer Tim Frehler) – unter der Überschrift „Teile der Gesellschaft sind veränderungserschöpft“, SZ Nr. 202 vom 2./3. September 2023, S. 6. IV.Sozialpsychol. Erklärungsversuche für die Verhaltensdispositionen Krisenbetroffener 37 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Dauerkrise.“107 Er will – genau wie wir – wissen, was die Krisenerlebnisse mit den Menschen „gemacht haben“ und machen. Bei seinen empiriegesättigten Überlegungen spielt – was uns nicht über‐ raschen kann – das Thema Verunsicherung eine zentrale Rolle: „In der letzten Studie „Jugend in Deutschland“ konnten Simon Schnet‐ zer und ich nachweisen, wie stark in allen Gruppen der Bevölkerung gegenwärtig die psychische Belastung und die Zukunftsunsicherheit ist. Alle leiden unter den Spätfolgen der Corona-Pandemie, der Klimaangst, der Belastung durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Folgen einschließlich der Inflation und den gesellschaftlichen Spannungen durch große Flüchtlingsströme. Im Blick auf die Zukunft sind alle Altersgruppen tief verunsichert, was ihre Lebensplanung angeht. Es herrscht eine pessimistische Stimmung wie schon lange nicht mehr.“108 Ein solches langanhaltendes Gefühl der Verunsicherung bis hin zur Ohn‐ macht führte und führt – wie vielfach belegt sei – zu nachwirkenden physischen und psychischen Beeinträchtigungen wie etwa Angstgefühlen, Essstörungen und Suizidneigungen: „Das sind Reaktionen, die immer dann eintreten, wenn Menschen die Lebensorientierung fehlt. Wenn ihnen, wie es die Gesundheitstheorie ausdrückt, das »Kohärenzgefühl« abhanden ge‐ kommen ist.“ Dieser Verlust an Kohärenzgefühl habe selbst dann Folgen, wenn die jeweilige, soeben erlebte Krise wie etwa die Corona-Krise schon überwunden sei. „Die Pandemie liegt inzwischen zwar hinter ihnen, aber die psychischen Folgen sind noch nicht abgeklungen. Im Gegenteil – die Reaktion auf die inzwischen überwundene Bedrohung durch die Katastrophe tritt verzögert ein, weil man erst jetzt, einige Monate nach dem endgültigen Abklingen der Notsituation, so richtig realisiert, wie ungeheuer kräfte‐ zehrend die drei Corona-Jahre waren. Und welche verheerenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen sie haben. Das Phänomen der verzögerten Wahrnehmung von Existenzangst ist aus der psychiatrischen Forschung und Praxis bekannt. Es wird als ‚posttraumatische Belastungsstörung‘ bezeichnet. Sie wird im ICD-10, dem international abgestimmten Dia‐ 107 Siehe dazu seinen Beitrag „Partei der Profiteure. Corona, Krieg, Klima: Die Gesell‐ schaft zeigt Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das nutzt vor allem: der AfD“, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 167 vom 22./23. Juli 2023, S. 15. 108 Ebenda, S. 15. B. Krisen 38 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb gnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, als »eine verzögerte Re‐ aktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenar‐ tigem Ausmaß« bezeichnet.“109 Zum Abschluss dieses Gliederungspunktes und unseres Krisenkapitels soll noch einmal Hurrelmann die folgende, uns einleuchtende Bilanz ziehen dürfen: „Die Liste der Symptome liest sich wie eine Beschreibung des Zustands unserer Gesellschaft: Viele Menschen aller Altersgruppen sind erschöpft, am Ende ihrer psychischen Kräfte. Sie bräuchten dringend Ruhe und Schonung, um sich zu regenerieren und ihre ‚Freudlosigkeit‘ zu überwin‐ den. Genau das aber ist ihnen nicht möglich. Sie haben sich noch nicht vom Corona-Schock erholt, und schon bauen sich neue Katastrophen auf: Der nicht enden wollende Krieg Russlands gegen die Ukraine, die sich daraus ergebende Inflation, die anscheinend nicht kontrollierbaren Fluchtbewegungen, die drohende Klimakatastrophe. Damit wird das Ohnmachtsgefühl der Corona-Jahre immer wieder reaktiviert, es entsteht der Eindruck, da rolle die nächste Entwicklung über die Menschen hinweg, die sie nicht selbst beeinflussen können. Das macht Angst, das schürt Panik.“110 Dass die AfD davon profitieren dürfte, liegt nicht nur für Klaus Hurrel‐ mann auf der Hand. 109 Ebenda, S. 15. 110 Ebenda, S. 15. IV.Sozialpsychol. Erklärungsversuche für die Verhaltensdispositionen Krisenbetroffener 39 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb C. Bedrohte Ordnungen Mit dieser Überschrift wird hier angeknüpft an den gleichnamigen Tü‐ binger Sonderforschungsbereich 923, der im Sommer 2011 seine Arbeit begonnen hat und dessen Erkenntnisfrüchte inzwischen in drei umfangund inhaltsreichen Bänden präsentiert worden sind.111 Es liegt daher nahe, mit einem ganz kurzen Blick auf das Forschungsdesign des SFB 923 zu beginnen, wobei uns weniger der Ordnungsbegriff als solcher interessiert112 als der Aspekt der Bedrohung. I. Von der Krise zur Bedrohung Was unter der „Bedrohung“ einer existierenden politischen Ordnung zu verstehen ist, erläutern uns Ewald Frie und Mischa Meier in ihrem, den Band I eröffnenden Beitrag: „Bedrohte Ordnungen. Gesellschaften unter Stress im Vergleich“ wie folgt: „Eine Ordnung ist dann bedroht, wenn Akteure zu der Überzeugung gelangen, dass Handlungsoptionen unsicher werden, Verhaltenserwar‐ tungen und Routinen in Frage stehen und sie sich jetzt oder in na‐ her Zukunft wahrscheinlich nicht mehr aufeinander verlassen können. Ihnen gelingt es, eine Kommunikation zu etablieren, in der sie eine konkrete Bedrohungsquelle benennen. Diese Kommunikation ist durch starke Emotionen gekennzeichnet (affektiver Zustand), überlagert min‐ 111 Ewald Frie/Mischa Meier (Hrsg.), Aufruhr – Katastrophe – Konkurrenz – Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften, Tübingen 2014; Ewald Frie/Mischa Meier/Dennis Schmidt (Hrsg.), Bedroht sein. Gesellschaften unter Stress im Vergleich, dieser an sich 2019 als Erscheinungsjahr geplant Band ist nunmehr im Oktober 2023 erschienen; Ewald Frie/Mischa Meier (Hrsg.), Krisen anders denken. Wie Menschen mit Bedrohungen umgegangen sind und was wir daraus lernen können, Berlin 2023. 112 Näher zum Ordnungsbegriff Andreas Anter, Die Macht der Ordnung. Aspekte einer Grundkategorie des Politischen, Tübingen 2004. 41 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb IV. Krisendiskurse und Bedrohungsnarrative at work: drei ausgewählte Beispiele 1. Das Partikularinteressen ausgelieferte Gemeinwohl In einem am 13. Juni 1999 gehaltenen Vortrag in der Berlin-Brandenbur‐ gischen Akademie der Wissenschaften (Arbeitsgruppe Gemeinwohl und Gemeinsinn) zum Thema „Gemeinwohldefinition im kooperativen Staat“ hatte ich verschiedene „Gemeinwohlszenarien“ präsentiert, darunter auch das von mir so genannte „Auslieferungs-Szenario“, womit die Preisgabe des Gemeinwohls an die organisierten Interessen gemeint war.129 Bei der zufälligen nochmaligen Lektüre wurde mir klar, dass es sich hierbei um ein klassisches Bedrohungsnarrativ handelte, bei dessen Ausmalung ich verschiedene Szenarienmaler identifiziert hatte: „Wir können“ – so hatte ich ausgeführt – „mit Fritz W. Scharpfs besorgter Frage nach der »Handlungs‐ fähigkeit des Staates am Ende des 20. Jahrhunderts« beginnen,130 da der moderne Staat als fragmentierter, polyarchischer und vielfach vernetzter Staat in seiner Beschaffenheit an den »Staat des hohen Mittelalters« gemah‐ ne; wir könnten fortsetzen mit der von March und Olsen vorgestellten Staatsund Verwaltungstypologie,131 in der eines der vier Staatsmodelle, nämlich der Corporate Bargaining State dadurch gekennzeichnet ist, daß in ihm gewonnene Wahlen nicht mehr ein umfassendes Mandat zur Ge‐ sellschaftsgestaltung vermitteln, sondern ‚nur‘ noch einen – wenn auch besonderen – Platz am Verhandlungstisch. Die staatliche Bürokratie ist in diesem Modell nicht mehr unparteiliches Instrument, das Rollenverständnis der öffentlichen Bediensteten ist das von Schlichtern, Verhandlungsführern und Konfliktmittlern.“132 Als wichtigsten Szenarienmaler aber hatte ich Dieter Grimm in den Zeugenstand gebeten, der mit großer Eindringlichkeit darauf hingewiesen hatte, dass der exorbitante Einfluss präkonstitutioneller Verbände die Statik der Verfassung ernsthaft bedrohe: 129 G.F. Schuppert, Gemeinwohldefinition im kooperativen Staat, in: Herfried Münk‐ ler/Karsten Fischer (Hrsg.), Gemeinwohl und Gemeinsinn im Recht. Konkretisie‐ rung und Realisierung öffentlicher Interessen, Berlin 2002, S. 67–98. 130 In: Beate Kohler-Koch (Hrsg.), Staat und Demokratie in Europa, Opladen 1992, S. 93–115. 131 J. G. March/J. P. Olsen, Rediscovering Institutions. The Organizational Basis of Politics, New York 1989. 132 A.a.O., S. 70/71. C. Bedrohte Ordnungen 48 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb „Die Verfassung erfaßt also ihrem Anspruch zum Trotz politische Herr‐ schaft nur noch fragmentarisch. Neben den von ihr eingerichteten und regulierten Organen existieren parakonstitutionelle Entscheidungsträger. Zum anderen werden die bestehenden Entscheidungsorgane und -verfah‐ ren wenn schon nicht bedeutungslos, so doch zumindest entwertet. Das gilt insbesondere für das Parlament und die parlamentarische Gesetzgebung, von deren Funktionieren das System in demokratischer und rechtsstaat‐ licher Hinsicht abhängt. Im selben Maß, wie kooperative Entscheidungs‐ formen vordringen, fällt ihr Entscheidungsbeitrag aus oder verliert an Gewicht. [...] Die Verbände werden auf diese Weise neben weiteren, zum Teil aus derselben Quelle gespeisten Erscheinungen zu einem Testfall für die Überlebenskraft des Verfassungsstaats.“133 2. Die Reformation als auch kommunikativ abzuwehrende Bedrohung Ein hervorragendes Beispiel für eine bedrohte Ordnung war die Ordnung des christlichen Glaubens in Gestalt der einen, die gesamte europäische Christenheit umfassende (katholischen) Kirche durch die Reformation. Die Reformation war ein zentraler Angriff auf die bestehende „Kirche als Herrschaftsinstitution“134 und wurde von ihr auch als existenzgefährdende Bedrohung wahrgenommen. Da die Reformation wie insbesondere Heinz Schilling135 und Thomas Kaufmann136 herausgearbeitet haben, auch und vor allem ein Kommunikationsund Medienereignis war137, musste der Abwehrkampf auch mit kommunikativen Mitteln ausgetragen werden, wie z.B. durch das Instrument der Predigt. In ihrem Beitrag „Macht und Mobi‐ lisierung in Bedrohten Ordnungen“ haben Ernst Henning Hahn u.a. zu 133 Dieter Grimm, Verbände, in: E. Benda/W. Maihofer/H. J. Vogel (Hrsg.), Handbuch des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, Berlin/New York 1995, S. 665. 134 Näher dazu G.F. Schuppert, Über Herrschaft. Praktiken, Verständnisse und Recht‐ fertigungen von Herrschaft – ein soziologischer und historischer Streifzug, Tübin‐ gen 2023, S. 273f. 135 Heinz Schilling, Martin Luther. Ein Rebell in einer Zeit des Aufbruchs, München 2012. 136 Thomas Kaufmann, Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016. 137 Siehe dazu auch G.F. Schuppert, „Von Streitschriften und Flugblättern oder: Zur Reformation als Kommunikationsereignis“, in: derselbe, Wege in die moderne Welt. Globalisierung von Staatlichkeit als Kommunikationsgeschichte, Frankfurt/New York 2015, S. 97ff. IV. Krisendiskurse und Bedrohungsnarrative at work: drei ausgewählte Beispiele 49 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb den von ihnen so bezeichneten konfessionellen Ordnungsprozessen des 16. Jahrhunderts Folgendes ausgeführt: „Sie wollten den Alltag der Gesellschaft, aber auch die eigenen kirchli‐ chen Gegebenheiten ordnen, durchdringen, strukturieren und vor der Bedrohung durch die konfessionelle Alterität schützen. Hierfür wurde besonders die Predigt sowohl von den Jesuiten als auch von den tridenti‐ nischen Klerikern als ein Machtmittel zur Konsensund Handlungsmo‐ bilisierung gegen die als Ordnungsbedrohung gesehene reformatorische Bewegung genutzt. Die Bedrohung war vielfältig: Nicht nur institutio‐ nalisierte Formen von kirchlicher Macht sondern auch religiöse und theologische Überzeugungen erschienen durch Luther und die reforma‐ torische Bewegung als höchst bedroht. Für altgläubige Akteure wurde die Predigt eine zentrale weiche Macht, deren Wirkungsund Bedeutungsge‐ schichte bis dato in der historischen Forschung kaum berücksichtigt wurde. Die Auswertung der Predigten zeigt, dass durch diese die altgläu‐ bige Ordnung als eine Bedrohte Ordnung kommuniziert wurde respekti‐ ve, dass durch Konsensmobilisierung und Bedrohungskommunikation durch und in der Predigt eine Bedrohte Ordnung etabliert wurde.“138 Da die Predigt in der Reformation als einer „öffentlich verhandelten Sa‐ che“139 eine zentrale Rolle spielte, sah sich die angegriffene Kirche ihrerseits veranlasst, kommunikativ „aufzurüsten“, und zwar in Gestalt der Stärkung des Instruments der Predigt: „Grundvoraussetzung für den Predigtdienst auf der Kanzel war, dass der jeweilige Prediger dazu das Recht von der Kirche, die im Namen Got‐ tes handelte, zugesprochen bekam. Besonders mit den Beschlüssen des Trienter Konzils wurde die Predigt in ihrer Stellung und Bedeutung zu einem zentralen Medium der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts erklärt. Anlass dazu gaben die als Konkurrenz angesehenen evangelischen Prediger, die gut ausgebildet und wortgewandt waren und daher als Be‐ drohung wahrgenommen wurden. Zur Stärkung und Legitimierung der eigenen Predigt wurden während des Trienter Konzils auf den Grund‐ 138 Ernst-Henning Hahn/Jan Sändig/Felix Schäfer/Annette Schramm/Marie Schrei‐ er/Joachim Werz, Macht und Mobilisierung in Bedrohten Ordnungen, in: Ewald Frie/Mischa Meier/Dennis Schmidt (Hrsg.), Bedroht sein. Gesellschaften unter Stress im Vergleich, Tübingen 2023, S. 122. 139 Schilling, Fußnote 135, S. 238. C. Bedrohte Ordnungen 50 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb lagen vorheriger Konzilien Fragen der kirchlichen Predigtvollmacht the‐ matisiert.“140 Es ging also vor allem darum, das Instrument der Predigt als das Hauptme‐ dium altgläubiger Glaubenserneuerung dadurch zu stärken, dass ihm eine doppelte Legitimationsbasis zugesprochen wurde: „Wer also im 16. und 17. Jahrhundert von der Kanzel einer altgläubigen Kirche predigen durfte, hatte sozusagen in doppelter Weise Recht: Einer‐ seits verdankte er die Erlaubnis zu seiner Tätigkeit einer transzendent verstandenen Bestimmung und einem heiligen Willen Gottes, aber ande‐ rerseits auch der kirchenrechtlichen Beauftragung in Amt und Würde auf Grundlage der kanonischen Normativen des Konzils von Trient. [...] Andererseits verlieh diese rechtliche Legitimation den Worten der Prediger eine sakrosankte Autorität, da sich diese auf das ius divinum und die kirchlichen Normen berufen konnten und dadurch ihrem Urteil sowohl über Orthodoxie und Heterodoxie, über rechten und falschen Lebenswandel als auch über Wahrheit und Lüge eine göttliche Legitimi‐ tät zugrunde lag. Mit dem Konzil von Trient wurden unter Androhung kirchlicher Strafen alle Bischöfe ermahnt, ihrer Pflicht zur Verkündigung des Evangeliums nachzukommen. Dies galt auch für die Prediger in den Stadtund Dorfkirchen. Ziel dieser disziplinierenden Maßnahme war es, die Predigt als das Hauptmedium altgläubiger Glaubenserneuerungen in einem Zeitalter der Konkurrenz der Konfessionen zu postulieren. Die rechtliche Grundlage war die Voraussetzung für eine unter starker Konkurrenz stattfindende Mobilisierung.“141 3. Die krisengeschüttelte bzw. – je nach Lesart – existenzbedrohte Demokratie Krisendiagnosen waren – wie jüngst Philip Manow noch einmal unter Be‐ nennung zahlreicher literarischer Zeugen eindrücklich belegt hat – „schon immer ein Begleiter der Demokratie“142. Hinsichtlich der Vorhersagekraft der jeweiligen Krisendiagnosen sei allerdings Vorsicht geboten: 140 Hahn et al., Macht und Mobilisierung, S. 123. 141 Ebenda, S. 123/124. 142 Philip Manow, Die Beobachtung der Beobachtung der Demokratie. Zur Diagnose demokratischer Regression, in: Abschlussband der Interdisziplinären Arbeitsgruppe IV. Krisendiskurse und Bedrohungsnarrative at work: drei ausgewählte Beispiele 51 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb „[...] wenn permanent irgendjemand Krise schreit, wird das noch nicht dadurch zu einer präzisen Prognose, dass sie dann mitunter auch tat‐ sächlich eintritt. Wenn Marxisten, wie es in einem bekannten Witz heißt, zwölf der letzten drei Weltwirtschaftskrisen völlig korrekt vorhergesagt haben, macht das den Marxismus noch nicht zu einer präzisen Wissen‐ schaft. Zudem hatte Laski143 seinen düsteren Ausblick in den frühen 1930er Jahren genau auf die Analyse jener zwei Länder gestützt, die dann für das Überleben der Demokratie im 20. Jahrhundert von zentraler Bedeutung werden sollten: die USA und das Vereinigte Königreich. In‐ sofern erscheint die Frage durchaus berechtigt, inwieweit sich auch die gegenwärtige Debatte zumindest in Teilen einem Hang der Gegenwart zur Selbstdramatisierung verdankt. Daraus ergibt sich der Bedarf nach einer methodisch kontrollierteren Betrachtung von Demokratie, eine, die nicht nur auf die besonders sichtbaren negativen Fälle blickt.“144 Der Befund, dass Demokratie und Krisenrhetorik seit je zusammengehö‐ ren, wird auch von Herfried Münkler in seinem 2022 erschienenen Buch über „Die Zukunft der Demokratie“145 geteilt. Interessanterweise aber wählt Münkler andere Begriffe zur Beschreibung dieses Sachverhalts: er spricht weniger von Krisen denn von Gefährdungen und Bedrohungen und vor allem von „Bedrohungswahrnehmungen der Demokratie“146, von einem „ausgeprägten Gefährdungsempfinden in Demokratien“147. Demokratie sei für die Deutschen nach einem etwas schwierigen Start nach 1945 immer selbstverständlicher, man habe sich an sie gewöhnt: „Das läuft auf eine schleichende Gefährdung der demokratischen Ordnung hinaus. Die Über‐ nahme einer Demokratie durch Oligarchen und Autokraten hat inzwischen jedoch nicht mehr die disruptive Dynamik, die mit den selten gewordenen Militärputschen verbunden war. Sie verbirgt sich zumeist hinter einer Fas‐ sade, die den Fortbestand der Demokratie vortäuscht. Neben diesen im weiteren Sinne sozialpsychologischen Ursachen kann als Erklärung für das notorische Gefühl der Bedrohtheit in Demokratien auch die Auflösung von „Normative Konstituenzien der Demokratie“, Berlin 2023, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. 143 Harald J. Laski, Democracy in Crisis, London 1935 [1931], The University of North Carolina Press. 144 S. 3 der Manuskriptfassung. 145 Herfried Münkler, Die Zukunft der Demokratie, Wien 2022. 146 Ebenda, S. 56. 147 Ebenda, S. 57. C. Bedrohte Ordnungen 52 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb sozio-ökonomischen Konstellationen herausgestellt werden, die zeitweilig demokratieförderlich gewirkt haben.“148 Wenn sich dies aber so verhält, dass moderne Demokratien vom Typus der Bundesrepublik durch ein notorisches Gefühl des Bedrohtseins gekenn‐ zeichnet sind, dann erscheint es uns um so wichtiger, dass den Bürgern das Gefühl genommen wird, mit dieser gefühlten Bedrohungslage allein gelassen zu sein. Eine zentrale Funktion der Krisenund Bedrohungskom‐ munikation seitens der Regierenden bestünde darin, den Regierten das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Empfindungen, Gefühlen, Sorgen und Befürchtungen ernst genommen werden und – soweit es in ihrer Macht steht – Abhilfe versprochen wird. Damit sind wir bei einem uns wichtigen Punkt angelangt, mit dem der Abschnitt über Bedrohte Ordnungen denn auch abgeschlossen sein soll. V. „You never walk alone“: zur Rolle von Reziprozität und Solidarität Es mag manchen verwundern, hier ausschnitthaft den Text eines Songs zitiert zu finden, der von den Fans des FC Liverpool bei den Spielen ihrer Mannschaft in der Anfield Road mit Inbrunst gesungen wird. Er ist offenbar Ausdruck einer komplexen Beziehung zwischen den sog. Fans, dem Verein und den Spielern, die auch darin zum Ausdruck kommt, dass die Spieler nach Spielschluss zu den vorzugsweise in der Südkurve platzier‐ ten Fans gehen und sich applaudierend für die akustische Unterstützung bedanken. Man wird nicht fehl gehen, hierin eine soziale Beziehung zu sehen, die in gewisser Weise dem „code of reciprocity“149 verpflichtet ist, einem Prinzip der Reziprozität, das herrschaftssoziologischer Natur ist und in Reinkultur von Friedrich dem Großen wie folgt formuliert wurde: „Von meinen Unterthanen fordere ich weiter nichts als bürgerlichen Gehorsam und Treue. So lange sie hierunter ihre Pflicht beobachten, erachte ich mich wiederum verbunden, ihnen gleiche Gunst, Schutz und Gerechtigkeit ange‐ deihen zu lassen, von was für speculativen Meinungen in Religions-Sachen sie auch ansonsten eingenommen sein möchten.“150 Und im vom Geist der Aufklärung geprägten Josephinischen Bürgerlichen Gesetzbuch von 1786 148 Ebenda, S. 59/60. 149 Begriff bei Max Gluckman, Politics, Law and Ritual in Tribal Society, Oxford 1965, S. 71. 150 Hier zitiert nach Tim Blanning, Friedrich der Große. König von Preußen, München 2018, S. 459. V. „You never walk alone“: zur Rolle von Reziprozität und Solidarität 53 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb heißt es in gleichsinnniger Weise: „Jeder Unterthan erwartet von dem Lan‐ desfürsten Sicherheit und Schutz. Es ist also die Pflicht des Landesfürsten, die Rechte der Unterthanen deutlich zu bestimmen, und ihre Handlungen so zu leiten, wie es der allgemeine und besondere Wohlstand erfordert.“ Wenn wir diesen Gedanken der Reziprozität nunmehr auf den Schutz in Krisenund Katastrophensituationen wie der Corona-Pandemie anwenden, so kann man – an dem Aufsatztitel „Schutz, Macht und Verantwortung“ von Jürgen Osterhammel151 anknüpfend – mit Stephan Rixen von einer „Risikobewältigungspflicht“ des Staates bzw. von der „Staatsaufgabe Resilien‐ zgarantie“ sprechen.152 Wir finden aber eine andere Semantik vorzugswür‐ dig und schlagen vor, von einer Reziprozität von Schutzerwartungen der Pandemiebetroffenen und einem Resilienzversprechen der Regierenden zu sprechen; danach – so Benno Zabel – „markiert Resilienz ein Versprechen, dessen eine verunsicherte, um nicht zu sagen dystopische Gegenwart offen‐ bar bedarf: Beherrschbarkeit der Gewissheitsverluste, diverser Ängste und eines zunehmend disruptiven Wandels“153. Und genau ein solches Resilien‐ zversprechen ist der Sinn, wenn der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in den Gesang der Fans des FC Liverpool einstimmt. Allerdings ist – wie häufig oder gar in der Regel – mit dem Versprechen unausgesprochen eine wiederum reziproke Erwartung verbunden, nämlich dass die Versprechensempfänger mit dem Versprechenden an einem Strang ziehen, um den gemeinsam erwünschten Resilienzerfolg zu erreichen, sei es durch die Befolgung der Maskenpflicht, sei es durch das Einsparen von Energie. Aber noch eine weitere Erwartung scheint mir den Resilienzversprechen der Regierenden zugrunde zu liegen, nämlich die Erwartung oder besser die Hoffnung, dass die Erfahrung der Pandemie so etwas wie eine gefühlte Solidargemeinschaft entstehen lassen könnte; so verstehen wir jedenfalls Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner schon zitierten Rede vom 11. April 2022.154 151 In: Transit 2015, S. 7–23. 152 Stephan Rixen, Verwaltungsrecht der vulnerablen Gesellschaft, in: VVDStRL 80 (2021), S. 38–67. 153 Benno Zabel, Recht und Resilienz. Eine Kritik, in: G.F. Schuppert/Martin Repohl (Hrsg.), Resilienz. Beiträge zu einem Schlüsselbegriff spätmoderner Gesellschaften, Baden-Baden 2023, S. 27–54. 154 Zitiert bei G.F. Schuppert, Zur Normativität von Expertenwissen in der Wissens‐ gesellschaft, in: Schuppert/Römhildt/Weingart (Hrsg.), Herrschaft und Wissen, Ba‐ den-Baden 2022, S. 202. C. Bedrohte Ordnungen 54 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb D. Zeitenwenden I. Begriffe mit hohem Inflationsrisiko: „Krise“ und „Zeitenwende“ als gegenwärtig besonders aussichtsreiche Kandidaten Für die Karriere von Begriffen, ihren zum Teil kometenhaften Aufstieg wie auch ihr häufig zu beobachtendes sternschnuppenartiges Verglühen habe ich mich seit jeher interessiert; ich bekenne mich auch schuldig, in zwei Fällen versucht zu haben, die Karriere eines Begriffs zu befördern. Der erste Versuch betrifft den Governancebegriff, den ich für zukunftsträchtig hielt und dem ich gerne auch in meiner Heimatdisziplin – der Rechtswis‐ senschaft – mehr Aufmerksamkeit wünschte.155 Das mir selbst die unent‐ rinnbare Popularität des Governancebegriffs bewusst wurde, zeigt meine kleine Schrift mit dem Titel „Alles Governance oder was?“ aus dem Jahre 2011.156 Der zweite Begriff ist der der Resilienz, dem inzwischen ebenfalls kaum zu entgehen ist. Mich interessierte dabei nicht nur die Frage, wie resilient sich das Konzept des Verfassungsstaates in „hard times“ erweist, sondern – die Fragestellung generalisierend – wie resilient unsere politische Kultur in Zeiten affektiver Polarisierung ist.157 Außerdem wollte ich mehr darüber herausfinden, wie, das heißt mit welchen Resilienzstrategien die von einer Pandemie oder einer Katastrophe Betroffenen mit ihren dort gemachten Erfahrungen umzugehen suchen.158 155 Meine „Governance-Karriere“ begann mit meiner Berufung an das Berliner Wissen‐ schaftszentrum für Sozialforschung (WZB), wovon der von mir herausgegebene Band „Governance-Forschung“. Vergewisserung über Stand und Entwicklungslini‐ en, Baden-Baden 2005, Zeugnis ablegt. 156 Baden-Baden 2011. 157 Wie resilient ist unsere Politische Kultur?, in: DER STAAT 2021, S. 473–493. 158 G.F. Schuppert, Vielfalt und Funktion von Resilienzstrategien. Ein Beitrag zur psychologischen Dimension von Vulnerabilitätserfahrungen, in: G.F. Schup‐ pert/Martin Repohl (Hrsg.), Resilienz. Beiträge zu einem Schlüsselbegriff spätmo‐ derner Gesellschaft, Baden-Baden 2023, S. 55–74. 55 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Aber nun zu den beiden Kandidaten selbst: Was zunächst den Krisenbegriff angeht, so ist sein inflationärer Ge‐ brauch unübersehbar159. So heißt es bei Ansgar Nünning, dass man „mit Fug und Recht von einer Kriseninflation und einer Krisengesellschaft spre‐ chen könne“.160 Deutschland schicke sich offenbar seit geraumer Zeit an, „zum inoffiziellen Tabellenführer der weltweiten Krisenliga zu avancieren. Nicht nur die deutschen Staatsfinanzen stecken in einer tiefen [...] Krise, sondern die Krisen machen auch vor dem einstigen Stolz der Nation nicht mehr Halt, denn selbst der deutsche Fußball steckt seit einigen Jahren in der Krise“161. Weiteren Belege für diesen Inflationsbefund bedarf es an dieser Stelle nicht. Aber auch der Begriff der Zeitenwende schickt sich seit ihrer Ausrufung durch Bundeskanzler Olaf Scholz (dazu sogleich mehr) an, im Ranking populärer Begriffe einen Spitzenplatz einzunehmen. Alle politischen Stif‐ tungen haben den Begriff sofort auf ihre Tagesordnung gesetzt und die Diagnosen einer Zeitenwende sowie die Rufe nach einer notwendigen Politikwende nehmen ständig zu. Dabei ist der Begriff der Zeitenwende keineswegs neu; ich verweise hier auf das reichhaltige Material, das in der „Augsburger Historischen Ringvorlesung“ mit dem Titel „Zeitenwenden in der Geschichte“ im Wintersemester 2022/23 ausgebreitet wurde. An dieser Stelle solle nur drei der sieben Vortragstitel genannt werden, auf die wir später noch zurückkommen wollen: •Ein neues Zeitalter: Prüde, gewalttätig und fromm. Europa wird christ‐ lich (11. Jh.). •„Terremoti di Stato“: Die Revolutionen des 17. Jahrhunderts als Zeiten‐ wenden? •24. Februar 2022: Über Gegenwart und Geschichte der „Zeitenwende“. 159 In einem soeben erschienenen Aufsatz werden z.B. gleich drei Krisen identifiziert: „Die Krise der Repräsentation – Eine Krise der Gewaltenteilung“; „Die Krise der Gleichheit“ und „Die Krise allgemeiner Ordnungsbegriffe“, so Lino Munaretto, Das Recht der Singularitäten. Das Allgemeine und das Besondere im Rechtsdenken der Moderne, in: Archiv des öffentlichen Rechts (AöR), 148. Band, September 2023, S. 351–412. 160 Ansgar Nünning, Grundzüge einer Narratologie der Krise: Wie aus einer Situation ein Plot und eine Krise (konstruiert) werden, in: Henning Grunwald/Manfred Pfister (Hrsg.), Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen und Diskursstrategien, München 2007, S. 48–71. 161 Ebenda, S. 53. D. Zeitenwenden 56 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Angesichts der Vielzahl der herrschenden Begriffe – Krisen, Revolutionen, Wandel und Bedrohung politischer Ordnungen, Erdbeben von Staatlich‐ keit, Epochenwandel und Epochenschwellen – drängt es sich unseres Er‐ achtens geradezu auf, eine gewisse Ordnung in die Semantiken des Wandels zu bringen, um vor diesem Hintergrund etwas informierter über den Be‐ griff der Zeitenwende sprechen zu können. II. Ein kurzer Blick auf die gängigsten Semantiken des sozialen Wandels Dass alles sich wandelt und offenbar schneller denn je, dieser Befund ist das, was man eine klassische Binsenweisheit nennen darf. Auf der Su‐ che nach einer nicht als Plattitüde daherkommenden Formulierung dieses Sachverhalts sind wir auf die folgenden, uns gut zu passen erscheinenden Sätze Wolfgang Hoffmann-Riems gestoßen: „Die Gegenwart ist durch erhebliche technologische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, ökologische und andere Veränderungen geprägt, die al‐ lem Anschein nach in fast allen Bereichen erheblich schneller erfolgen als der Wandel in früheren Zeiten. Diese Veränderungen eröffnen neue, früher ungeahnte Chancen der Lebensgestaltung, sind aber auch mit Risiken verbunden. Auf die Wandlungsprozesse und -ergebnisse reagie‐ ren staatliche und gesellschaftliche Akteure nicht zuletzt mit Hilfe des Rechts.“162 Nun könnte man in der Tat – mit einem Seitenblick auf das von Hart‐ mut Rosa analysierte Phänomen der Beschleunigung163 – versuchen, die Erscheinungsformen des sozialen Wandels nach ihrem Veränderungstempo zu ordnen – wofür sicherlich die rasante Entwicklung der Kommunikati‐ onstechnologien ein geeigneter Kandidat wäre. Hier soll hingegen nach der unterschiedlichen Radikalität, Intensität und Nachhaltigkeit sozialen Wandels gefragt und versucht werden, so eine Skalierung präsentieren zu können, die durch die Eckpunkte der Pfadabhängigkeit einerseits164 und des 162 Wolfgang Hoffmann-Riem, Innovation und Recht. Recht und Innovation. Recht im Ensemble seiner Kontexte, Tübingen 2016, S. 14. 163 Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moder‐ ne, 9. Aufl. Frankfurt/M. 2012. 164 Siehe dazu Helmut Leipold, Zur Pfadabhängigkeit der institutionellen Entwicklung. Erklärungsansätze des Wandels von Ordnungen, in: Dieter Cassal (Hrsg.), Entste‐ II. Ein kurzer Blick auf die gängigsten Semantiken des sozialen Wandels 57 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 1. Nicht der Schlachtenlärm ist entscheidend, sondern die Wahrnehmung neuer Horizonte184 und neuer Deutungsschemata185 Was wir damit meinen, kommt in hervorragender Weise in der nachstehen‐ den Passage aus der Feder von Christopher A. Bayly zum Ausdruck, in der er unter der Überschrift „Zeitgenossen denken über die Weltkrise nach“ Folgendes notiert hat: „Für die Zeitgenossen zeigten sich die Auswirkungen der Revolutionen am deutlichsten im Bereich der Ideen. Sie verstanden schnell, dass die Dramen von 1776 und 1789 ideologische Konsequenzen von weltweiter Bedeutung hatten und nicht bloß lokale Aufstände waren. Hellsichtige Denker verkündeten, dass die Amerikanische Revolution der Vorbote »einer Neuen Ordnung der Zeitalter« für die gesamte Menschheit sei [...]. Französische jakobinische Radikale proklamierten später die epo‐ chale Bedeutung der Französischen Revolution, als sie versuchten, sie auf ganz Europa und darüber hinaus auszubreiten. Schwarze Sklaven in der Karibik übernahmen die Idee der Revolution, um für ihre Emanzipation zu kämpfen. Die Verkündung des Grundsatzes »keine Besteuerung ohne Repräsentation« und der »Menschenrechte« hatten eine außerordentli‐ che Wirkung. Nach mindestens hundert Jahren philosophischer Diskus‐ sion wirkt der Inhalt dieser »Rechte« sicher nicht mehr schockierend. Bemerkenswert war jedoch, dass diese Recht für »selbstverständlich« und unabhängig gehalten wurden: Kein König, keine göttliche Autori‐ tät und keine Reichsinteressen, keine rassische oder religiöse Obrigkeit konnten sie aufheben.“186 Es ist auch keineswegs so, dass es für die Zuerkennung des Prädikats „Zeitenwende“ erforderlich war und ist, dass siegreiche Schlachten geschla‐ gen oder zumindest so etwas wie die „Bastille“ erstürmt worden sind. So hat Christopher Clark in seinem neuesten Buch über die „bürgerlichen“ 184 Vgl. dazu Albrecht Koschorke, Die Geschichte des Horizonts, Frankfurt/M. 1990. 185 Zu Begriff und Funktion von Deutungsschemata siehe Otto Gerhard Oexle, Deu‐ tungsschemata der sozialen Wirklichkeit im frühen und hohen Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte des Wissens, in: František Graus (Hrsg.), Mentalitäten im Mittelalter, Sigmaringen 1987, S. 65–117. 186 Christopher A. Bayly, Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780– 1914, Frankfurt/New York 2008 (Studienausgabe), S. 110/111. D. Zeitenwenden 64 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Revolutionen von 1848187, die vielen Historikern als gescheitert gelten, voll‐ kommen zu Recht Folgendes zu bedenken gegeben: „[...] sind die Revolutionen von 1848 in Wirklichkeit nicht gescheitert: In vielen Ländern bewirkten sie einen zügigen und dauerhaften kon‐ stitutionellen Wandel; und das Europa nach 1848 war und wurde ein völlig anderer Ort. Man sollte sich diesen kontinentalen Aufstand eher als Teilchenbeschleuniger im Zentrum des europäischen 19. Jahrhunderts vorstellen. Menschen, Gruppierungen und Ideen flogen hinein, prallten aufeinander, verschmolzen oder zersplitterten und traten in Formen neuer Einheiten hervor, deren Spuren sich durch die kommenden Jahr‐ zehnte ziehen. Politische Bewegungen und Ideen, vom Sozialismus und demokratischen Radikalismus bis hin zum Liberalismus, Nationalismus, Korporatismus und Konservatismus, wurden in dieser Kammer getestet; und sie wurden allesamt verändert, mit tiefgreifenden Konsequenzen für die neuere Geschichte Europas.“188 Bevor wir Christopher Clark weiterhin das Wort geben, nehmen wir diese erste Beobachtung zum Anlass, eine hilfreiche Differenzierung des Zeiten‐ wende-Begriffs einzuführen. 2. Eine hilfreiche Differenzierung des Zeitenwende-Begriffs In seinem lesenswerten Vortrag mit dem Titel „Ein neues Zeitalter: Prüde, gewalttätig und fromm. Europa wird christlich (11. Jh.)“189 hat Martin Kauf‐ hold vorgeschlagen, zwischen den Begriffen „Zeitenwende“, „Zeitgeist“ und „neue historische Erscheinung“ wie folgt zu differenzieren: „Unter Zeitenwende wollen wir eine historische Phase verstehen, in der die bewährten Handlungsmuster bei zentralen Fragen der Gesellschaft zunehmend an Wirksamkeit verlieren. Sie werden weiter praktiziert, sie verlieren aber an Gestaltungskraft. Verschiedene Alternativen werden er‐ kennbar, ohne dass schon klar wäre, welche neue Praxis sich durchsetzen wird. 187 Christopher Clark, Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt, München 2023. 188 Ebenda, S. 13. 189 Vortrag im Rahmen der „Augsburger Historischen Ringvorlesung“ zum Thema „Zeitenwenden in der Geschichte“ am 9. November 2022, Manuskriptfassung. III. Was eine Zeitenwende wirklich ausmacht 65 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Unter Zeitgeist wollen wir ein Weltverständnis und eine Haltung verste‐ hen, die in Konkurrenz und im Zusammenwirken mit anderen Strömun‐ gen in der Lage ist, die soziale Realität einer Gesellschaft erkennbar zu prägen, ohne dass diese Prägung andere Realitäten ausschließen muss. Konkurrierende Weltverständnisse sind vielmehr zu erwarten. Unter einer historisch neuen Erscheinung wollen wir in diesem Fall ein Phänomen verstehen, das als geistige Strömung und soziale Praxis eine neue Trägerschicht erreicht. Eine Haltung, die zuvor im aristokratischen Milieu zuhause war und die nun niederen Adel, freie Bauern, Handwer‐ ker und Stadtbewohner erfasst, wäre damit ein Anzeichen einer neuen Zeit, und sie wäre damit Ausdruck einer Zeitenwende.“190 Wir finden diese Differenzierung insofern hilfreich, als sie – zusätzlich zum Zäsurcharakter der Zeitenwende – zwei bedenkenswerte Gesichtspunkte hinzufügt, nämlich die „Begleitmusik“ des Zeitgeists und den zentralen Aspekt der Trägerschaft einer sozialen Kraft, welche dem Zeitgeist, den neuen Ideen und den neuen Deutungsschemata zum Durchbruch verhilft. Die Frage nach der Wirkmächtigkeit des jeweiligen Zeitgeists zwingt uns zu der Überlegung, wer diesen Zeitgeist entstehen lässt und artikuliert, wo also – um einen Begriff von Udo Di Fabio zu verwenden – die maßgebli‐ chen „kommunikativen Prägeräume“191 zu verorten sind, im Bereich der Amtsmacht oder im Bereich der innovativen intellektuellen Stichwortgeber. Damit sind wir schon unversehens bei der Trägerschaft einer neuen sozia‐ len Bewegung, einer Revolution oder eben einer Zeitenwende angelangt. Mit einer etwas ungewohnten Trägerschaft wartet Kaufhold selbst auf, nämlich mit den sich artikulierenden „Frommen“, die sich mit ihrer rigiden Moral gegen das sittenlose Establishment der Kirche auflehnen. Andere historische Beispiele sind die Aufklärung als eines Projekts intellektueller Eliten oder die „bürgerlichen“ Revolutionen von 1848/49, wie sie gerade von Christopher Clark analysiert worden sind. 190 Ebenda, S. 3/4. 191 Udo Di Fabio, Herrschaft und Gesellschaft, Tübingen 2018, S. 113ff. D. Zeitenwenden 66 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 3. Zeitenwende – Wahrnehmungen wollen kommuniziert werden: zur zentralen Rolle von Krisen-, Bedrohungsund Wendezeitnarrativen Als Startschuss können uns auch hier wieder einige Bemerkungen von Christopher Clark dienen: „Europäer haben, wie alle Menschen, das Be‐ dürfnis sich mitzuteilen, und dieses Bedürfnis hat sich in keiner Revolution so stark wie 1848 geäußert [...]. Informationen kursierten – ganz ähnlich wie heute – in einem Nebel aus Gerüchten und Falschmeldungen, und die Angst ließ die Bevölkerung auf bestimmte Stimmen und Ideen hören, während sie ihre Ohren für andere verschloss.“192 Daran möchten wir gerne anknüpfen, weil nicht zuletzt die Beschäfti‐ gung mit den Krisen-, Bedrohungsund Zeitenwende-Erfahrungen bei mir die Überzeugung verstärkt hat, dass es sich beim Menschen um eine kom‐ munikationsbedürftige Spezies handelt. Wie wir an anderer Stelle näher dar‐ gelegt haben193, handelt es sich beim orientierungsbedürftigen Menschen à la Arnold Gehlen, dem anerkennungsbedürftigen Menschen à la Axel Honneth, dem resonanzbedürftigen Menschen à la Hartmut Rosa und – schließlich – dem gemeinschaftsbedürftigen Menschen à la Charles Taylor allesamt um kommunikationsbedürftige Menschen, denn Anerkennungsver‐ hältnisse, Resonanzverhältnisse und Gemeinschaftsverhältnisse funktionie‐ ren nur durch kommunikativen Austausch. Kommunikativer Austausch aber wiederum funktioniert am besten, wenn die Zeitgenossen – seien es einer Krise, einer bedrohten Ordnung oder einer Zeitenwende – einander Geschichten erzählen, um die komplexe Wirklichkeit sinnstiftend zu ordnen und für sich verarbeitbar zu machen. Dies wird dem Menschen dadurch wesentlich erleichtert, dass sein Ge‐ hirn – wie Fritz Breithaupt in einem kürzlich erschienenen, Neuround Literaturwissenschaft verbindenden Buch dargelegt hat194 – eine narrative Struktur aufweist. Deswegen macht es auch Sinn, vom Menschen als „Story‐ telling Animals“ zu sprechen und den uns allen vertrauten „homo oeconomi‐ cus“ durch den „homo narrans“ zu ersetzen, wie dies Samira El Quassil und Friedemann Karig in ihrem Buch über das Thema „Wie Geschichten un‐ 192 Clark, ebenda, S. 25. 193 Über Menschenbilder. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmen, Baden-Ba‐ den, Dezember 2023. 194 Frith Breithaupt, Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen, Berlin 2022. III. Was eine Zeitenwende wirklich ausmacht 67 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb ser Leben bestimmen“195 vorgeschlagen haben; ihren Vorschlag erläuternd heißt es bei ihnen wie folgt: „Jedes Wachstum ist ein Versuch, Ordnung in ein chaotisches Universum zu bringen. Geschichten sind eine Manifestation dieses Prozesses. Wenn wir Informationen erhalten, baut unser Gehirn automatisch Geschich‐ ten, um den empfangenen Inhalten einen Sinn zu geben. Dass und wie wir sie erzählen, ist selten einer individuell bewussten Wahl und auch nicht einer kollektiven kreativen Erfindungsgabe geschuldet. Wir repro‐ duzieren in ihnen nur eine grundsätzlich durch neuronale Strukturen er‐ möglichte Weltsicht. Wir entdecken überall Geschichten, weil wir überall welche finden wollen beziehungsweise finden müssen, selbst wenn es sich um abstrakte Formen handelt. Unser Gehirn sucht nicht nur nach Geschichten – es ist regelrecht süchtig nach ihnen“.196 Wir werden darauf in dem abschließenden Abschnitt über „Resilienz“ noch einmal zurückkommen. IV. Bereichsspezifische Zeitenwenden: vier Beispiele Schon ein flüchtiger Blick auf die bundesrepublikanische Diskurslandschaft zeigt, dass wir es nicht mit einer, sondern mit mehreren Zeitenwenden zu tun haben. Die verschiedenen „Fälle“ werden in unterschiedlichen Kommunikationsarenen197 verhandelt, mit unterschiedlichen Akteuren und unterschiedlichen Experten; was die Experten angeht, so ist die zugleich als Eingangsfall zu präsentierende sicherheitspolitische Zeitenwende dafür ein instruktives Beispiel: in der medialen Präsenz haben im Ruhestand befindliche Generäle den Virologen längst den Rang abgelaufen198. Sicher‐ heitspolitische Expertise ist gefragt wie nie, wovon die bei der Stiftung Wissenschaft und Politik tätige Politikwissenschaftlerin Claudia Major so‐ wie Carlo Marsala von der Universität der Bundeswehr München Zeugnis 195 Samira El Quassil/Friedemann Karig, Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen, Berlin 2021. 196 Ebenda, S. 90. 197 Zu Begriff und Funktion von Kommunikationsarenen siehe G.F. Schuppert, Herr‐ schaft durch und als Kommunikation, in: derselbe, Über Herrschaft, Tübingen 2023, S. 199ff. 198 So zutreffend Ewald Frie/Mischa Meier, Einleitung, in: dieselben/Dennis Schmidt (Hrsg.), Bedroht sein, Tübingen 2023, S. 6. D. Zeitenwenden 68 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb ablegen, wobei der Letztere soeben das Buch „Bedingt abwehrbereit – Deutschland Schwäche in der Zeitenwende“199 vorgelegt hat. Aber nun zu unserem ersten Fall. 1. Die sicherheitspolitische Zeitenwende Als Ausrufer der sicherheitspolitischen Zeitenwende fungierte Bundeskanz‐ ler Olaf Scholz in seiner Regierungserklärung in der Sondersitzung zum Krieg gegen die Ukraine vor dem Deutschen Bundestag am 27. Februar 2022 in Berlin, also drei Tage nach dem militärischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022; in der folgenden nachstehenden Passage geht es uns darum, die diesbezügliche Zeitenwende-Rhetorik des Bundes‐ kanzlers im Originalton auf uns wirken zu lassen:200 „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents. Mit dem Überfall auf die Ukraine hat der russische Präsident Putin kaltblütig einen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen – aus einem einzigen Grund: Die Freiheit der Ukrainerinnen und Ukrai‐ ner stellt sein eigenes Unterdrückungsregime infrage. Das ist menschen‐ verachtend. Das ist völkerrechtswidrig. Das ist durch nichts und nie‐ manden zu rechtfertigen. Die schrecklichen Bilder aus Kiew, Charkiw, Odessa und Mariupol zeigen die ganze Skrupellosigkeit Putins. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, der Schmerz der Ukrainerinnen und Ukrainer, sie gehen uns allen sehr nahe. Ich weiß genau, welche Fragen sich die Bürgerinnen und Bürger in die‐ sen Tagen abends am Küchentisch stellen, welche Sorgen sie umtreiben angesichts der furchtbaren Nachrichten aus dem Krieg. Viele von uns haben noch die Erzählungen unserer Eltern oder Großeltern im Ohr vom Krieg, und für die Jüngeren ist es kaum fassbar: Krieg in Europa. Viele von ihnen verleihen ihrem Entsetzen Ausdruck – überall im Land, auch hier in Berlin. Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor. Im Kern geht es um die Frage, ob Macht das Recht brechen darf, ob wir es Putin gestatten, die Uhren zurückzudrehen in die Zeit der Großmächte des 19. Jahrhunderts, oder ob wir die Kraft aufbringen, Kriegstreibern wie Putin Grenzen zu setzen. 199 München 2023. 200 Die kursiven Hervorhebungen sind von mir (G.F.S.). IV. Bereichsspezifische Zeitenwenden: vier Beispiele 69 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Das setzt eigene Stärke voraus. [...] Mit dem Überfall auf die Ukraine will Putin nicht nur ein unabhängiges Land von der Weltkarte tilgen. Er zertrümmert die europäische Sicher‐ heitsordnung, wie sie seit der Schlussakte von Helsinki fast ein halbes Jahrhundert Bestand hatte. Er stellt sich auch ins Abseits der gesamten internationalen Staatengemeinschaft. [...] Am Donnerstag hat Präsident Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine eine neue Realität geschaffen. Diese neue Realität erfordert eine klare Antwort. Wir haben sie gegeben: Wie Sie wissen, haben wir gestern entschieden, dass Deutschland der Ukraine Waffen zur Verteidigung des Landes liefern wird.Auf Putins Aggression konnte es keine andere Antwort geben. [...] Die Zeitenwende trifft nicht nur unser Land; sie trifft ganz Europa. Und auch darin stecken Herausforderung und Chance zugleich. Die He‐ rausforderung besteht darin, die Souveränität der Europäischen Union nachhaltig und dauerhaft zu stärken. Die Chance liegt darin, dass wir die Geschlossenheit wahren, die wir in den letzten Tagen unter Beweis gestellt haben, Stichwort „Sanktionspaket“. Für Deutschland und für alle anderen Mitgliedsländer der EU heißt das, nicht bloß zu fragen, was man für das eigene Land in Brüssel herausholen kann, sondern zu fragen: Was ist die beste Entscheidung für die Union?“ Zwei Dinge erscheinen mir zu dieser vom Bundeskanzler Scholz beschrie‐ benen sicherheitspolitischen Zeitenwende201 ergänzend von Bedeutung zu sein: Denn das Gefühl der mit der russischen Aggression verbundenen Zei‐ tenwende – „Wir sind“ – so die Außenministerin Annalena Baerbock – „heute in einer anderen Welt aufgewacht“ – erforderte nicht nur ein Umdenken im sicherheitspolitischen Bereich, sondern bedeutete zugleich den Zusammenbruch der bisher von der Bundesrepublik praktizierten, bis auf Willi Brandt und Egon Bahr zurückgehenden Entspannungspolitik in Gestalt eines „Wandels durch Annäherung“. Diese vielleicht auch etwas we‐ 201 Um Sicherheitspolitik als Bestandteil Internationaler Beziehungen ging es auch in dem schon zitierten Buch von Werner Schirmer, Bedrohungskommunikation. Eine gesellschaftstheoretische Studie zu Sicherheit und Unsicherheit, Wiesbaden 2008. D. Zeitenwenden 70 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb niger großformatige außenpolitische Wende war das Thema des Historikers Dietmar Süß, der in seiner Vorlesung „24. Februar 2022. Über Gegenwart und Geschichte der Zeitenwende“202, dazu resümierend Folgendes anmerk‐ te: „Der Versuch des Dialogs mit Russland gehörte zur außenpolitischen DNA auch der neuen Berliner Republik, die diesen Kurs mit erheblicher Energie und finanziellen Mitteln forcierte und immer wieder bei den westeuropäischen und amerikanischen Partnern für Verständnis gegen‐ über russischen Sicherheitsinteressen warb, insbesondere bei den Plänen für die NATO-Osterweiterung. Ökonomische Motive spielten dabei kei‐ ne Rolle, angesichts der veränderten Lage Deutschlands in Europa aber sicher auch strategische; dazu ein gewandeltes historisches Bewusstsein, in dem die alten antikommunistischen Reflexe mit einem geschärften ver‐ gangenheitspolitischen Blick auf die deutschen Massenverbrechen kon‐ kurrierten. Die Ukraine als eigenständige Nation erschien da insgesamt eher eine drittrangige Frage zu sein, die die ohnehin fragile Situation Ostmitteleuropas noch zusätzlich belastete.“203 Aber noch ein zweiter Gesichtspunkt scheint mir wichtig zu sein. Zu Recht bezeichnete Scholz in seiner Regierungserklärung die von ihm beschriebe‐ ne Zeitenwende nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance, vor allem im Hinblick auf eine in ihrer Reaktion geeinte Europäische Union. Denn es geht – wie gleich noch näher auszuführen sein wird – bei einer Zeitenwende als Zäsur immer auch um die Frage, wie es nach dieser Zäsur weitergehen soll: soll der Zukunft in resignativer Ergebenheit begegnet werden, soll die Wende mit der Rückkehr zur administrativen Normalität als beendet gelten oder geht es um das, was wir zum Abschluss unseres Beitrages unter dem Stichwort des „re-ordering“ behandeln wollen. Im Folgenden sollen noch drei weitere Wenden angesprochen werden, aber aus Platzgründen nur in stichwortartiger Form. 202 Vortrag vom 8. Februar 2023 im Rahmen der Augsburger Ringvorlesung „Zeiten‐ wenden in der Geschichte“. 203 Ebenda, Manuskript S. 11. IV. Bereichsspezifische Zeitenwenden: vier Beispiele 71 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 2. Die sog. Energiewende Wer sich über den gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext informie‐ ren will, der kann auf den beeindruckend umfang-, materialund kenntnis‐ reichen diesbezüglichen WIKIPEDIA-Artikel verwiesen werden204, in dem es zu dieser „zentralen Herausforderung des 21. Jahrhunderts“205 erläuternd wie folgt heißt: „Energiewende ist der deutschsprachige Begriff für den Übergang von einer nicht-nachhaltigen Nutzung fossiler Energieträger und der Kern‐ energie zu einer nachhaltigen Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien. Der Begriff wurde nach dem 1980 erschienenen Buch Ener‐ giewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran des ÖkoInstituts kulturell rezipiert und teilweise als Lehnwort in andere Spra‐ chen übernommen (beispielsweise „The German Energiewende“ oder „A Energiewende alemã“). Ziel der Energiewende ist, die von der konventionellen Energiewirtschaft verursachten ökologischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Pro‐ bleme zu minimieren und die dabei anfallenden, bisher im Energiemarkt kaum eingepreisten, externen Kosten vollständig zu internalisieren. An‐ gesichts der maßgeblich vom Menschen verursachten Globalen Erwär‐ mung ist heutzutage besonders die Dekarbonisierung der Energiewirt‐ schaft durch Beendigung der Nutzung von fossilen Energieträgern wie Erdöl, Kohle und Erdgas von Bedeutung. Ebenso stellen die Endlich‐ keit fossiler Energieträger sowie die Gefahren der Kernenergie wichtige Gründe für die Energiewende dar. Die Lösung des globalen Energiepro‐ blems gilt als zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts.“206 Da es zur Entstehung eines Bewusstseins für die Notwendigkeit eines Wan‐ dels von der Qualität einer Zeitenwende immer bestimmter „triggering forces“ bedarf (dazu sogleich mehr), sei hier zunächst auf das Schockerleb‐ nis der sog. ersten Ölkrise von 1973 erinnert, auf den – wenn der Verfasser 204 Abgerufen am 10. Oktober 2023. 205 Philippe Poizot/Franck Dolhem, Clean energy new deal for a sustainable word: from non-CO2 generating energy sources to greener electrochemical storage devices, in: Energy and Environmental Science, Bd. 4, 2011, 2003–2019, S. 2003, doi: 10.1039/c0ee00731e sowie Nicola Armaroli/Vincenzo Balzani, The Future of Energy Supply: Challenges and Opportunities, in: Angewandte Chemie International Edi‐ tion, Bd. 46, 2007, S. 52–66, S. 52, doi: 10.1002/anie.200602373. 206 Ebenda, S. 1. D. Zeitenwenden 72 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb dieses Beitrages sich recht erinnert – mit der Einführung von autofreien Sonntagen reagiert wurde; zu den Motiven für diesen seit daher einsetzen‐ den Transformationsprozess soll noch einmal hier die Zusammenfassung von WIKIPEDIA zitiert werden: „Hintergrund und Motivation der Energiewende sind die immer stärker zu Tage tretenden ökologischen und sozialen Probleme, die mit der Nutzung fossiler und nuklearer Energieträger einhergehen. Mit dem Energiekonsum durch Industrie und Endverbraucher sind eine Reihe von negativen Begleiteffekten verbunden, deren Folgen seit den 1970er Jahren immer stärker ins gesellschaftliche und politische Bewusstsein rückten. Hierzu zählen u. a. der Ausstoß des Treibhausgases Kohlen‐ stoffdioxid, die Verschmutzung von Luft, Land und Wasser, die Produk‐ tion radioaktiven Abfalls, geopolitische Konflikte um Ressourcen, die Verknappung von Energieträgern und steigende Nahrungsmittelpreise. Weitere wichtige Gründe für den Umstieg auf einer regenerative Energie‐ versorgung sind die Sicherstellung der (langfristigen) Energiesicherheit, die Gesundheitsgefahren durch die Verbrennung fossiler Energieträger sowie sozioökonomische Aspekte wie z. B. die Demokratisierung der Energieversorgung, der Ausbau der Bürgerbeteiligung sowie die Schaf‐ fung von Arbeitsplätzen.“ 3. Die Wende in der Asylpolitik Die Diskussion darüber, ob es eine Wende in der Asylpolitik geben und vor allem darüber, wie radikal sie ausfallen müsste, war zum Zeitpunkt dieser Zeilen (27.10.2023) in vollem Gange. Der Zeitung konnte ich entnehmen, dass gestern, also am 26.10.2023 im Kabinett ein Gesetzespaket beschlossen wurde, das die Abschiebung von Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung erheblich erleichtern sollte. Angekündigt wurde ein weiteres Gesetz, das die Integration von in Deutschland lebenden Personen mit Aufenthaltsberech‐ tigung und von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt befördern soll. Unklar war zu diesem Zeitpunkt, welche Maßnahme ergriffen werden sollten, um bereits die illegale Zuwanderung als solche effektiv zu begrenzen. Es spricht – so meine jetzige Prognose – alles dafür, dass eine grundsätz‐ liche Wende in der Asylpolitik zu erwarten ist. Allzu eindeutig waren die Stimmenverluste der Parteien der sog. Ampelkoalition bei den Landtags‐ wahlen in Bayern und Hessen am 8. Oktober 2023 und allzu eindeutig war IV. Bereichsspezifische Zeitenwenden: vier Beispiele 73 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Aber nun zu den Triggerpunkten drei und vier, die uns besonders interessieren, weil sie die Gesellschaft der Empörten besonders intensiv zu tangieren scheinen. Beginnen wollen wir mit dem Triggerpunkt der Entgrenzungsbefürchtungen. Ein instruktives Beispiel dafür, was mit Entgrenzungsbefürchtungen ge‐ meint ist, ist nach den Erfahrungen von Mau et al. mit den Argumenta‐ tionsmustern in den von ihnen gebildeten Diskursgruppen „die vermeint‐ lich unscheinbare Forderung [...] nach separaten Schwimmzeiten für Trans‐ menschen“225 in kommunalen Badeanstalten. „Gegenstand der Entgren‐ zungsbefürchtung ist hier eine wahrgenommene Inflation der Ansprüche. Auf eine erfüllte Forderung der Außenseitergruppen folgt sofort die nächs‐ te, man gibt den kleinen Finger und verliert die ganze Hand.“226 Die Funktionslogik dieser Argumentation liegt auf der Hand: „Was kommt dann als Nächstes?, wo kommen wir da hin?“ Mau et al. bezeichnen dieses Argument zutreffend als Dammbruchargument mit dem die Befürch‐ tung auf den Punkt gebracht wird, die Kontrolle über die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung zu verlieren. Uns erinnert diese Argumentation an die Struktur bestimmter Vorurteile. Juliane Degener hat in ihrem faszinierenden Buch mit dem treffenden Titel „Vorurteile haben nur die anderen“227 verschiedene Sorten von Vorurteilen ausgemacht; die wohl am meisten verbreitete Art von Vorurteilen, die sie als „moderne Vorurteile“ bezeichnet, weisen genau dieselbe Struktur auf wie die Entgrenzungsbefürchtungen, die Mau, Lux und Westheuser im Auge haben: „Ich habe nichts gegen die, aber ...“228. Ein typischer Satz würde etwa lauten: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber dass sie ihre Homosexualität auf offener Straße ausleben, das geht zu weit“. Jeder von uns mag sich zahlreiche Passanten in einer beliebigen Ein‐ kaufsstraße in einer beliebigen Stadt vorstellen, die genau nach diesem Muster argumentieren würden. Der vierte Typ der Triggerpunkte bezieht sich auf Verhaltenszumutun‐ gen: „Der Skandal, den Triggerdynamiken der vierten Art ausflaggen, ist, dass andere einem vorschreiben, wie man zu leben hat. »Auf einmal muss man ...« und »Man darf nicht mehr ...« sind die Refrains der der‐ 225 Ebenda, S. 261. 226 Ebenda, S. 260. 227 Berlin 2022. 228 Näher dazu ebenda, S. 20ff. D. Zeitenwenden 80 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb art getriggerten.“229 Diese Art der Argumentation mit einer „gefühlten Be‐ vormundung“ kommt einem wohlvertraut vor; so betitelte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder im gerade erst zurückliegenden Landtags‐ wahlkampf die Grünen lustvoll als Verbotspartei, die nichts anderes im Sinne habe, als die Bürger zu bevormunden oder sie gar umerziehen zu wollen, nämlich von Freunden des Leberkäses zu Vegetariern. Mag man dies noch als wahlkampftypischen Populismus abtun, so ist ein weiteres Argumentationsmuster ungleich ernster zu nehmen, nämlich dass »man heutzutage nichts mehr sagen darf«. Mau et al. haben zu diesem Punkt die folgenden interessanten Daten erhoben: „»Heutzutage darf man nichts Kritisches mehr über Migranten oder Ho‐ mosexuelle sagen, ohne gleich als intolerant beschimpft zu werden«, lau‐ tete dort ein Frage-item. Rund 70 Prozent der Einkommensschwächsten, der Produktionsarbeiter und der Befragten mit maximal Hauptschulab‐ schluss stimmen dem zu, aber nur rund 50 Prozent der Einkommens‐ stärksten und der soziokulturellen Expertinnen und nur 45 Prozent der Akademikerinnen. Es gibt beim Grad der gefühlten Zumutung durch neue Sprachkonventionen ein nicht zu ignorierendes Gefälle zwischen Oben und Unten.“230 Und noch ein weiterer Befund scheint uns mitteilenswert zu sein, weil mit ihm eine Brücke zu den oben angesprochenen Vorurteilen geschlagen wird: „Trigger beziehen ihre politisierte Energie häufig aus dieser latenten Gleichzeitigkeit von Inhalt und Chiffre, gesundem Menschenverstand und politischer Positionierung, im Zuge derer auch eher kleinflächige Phänomene wie Duschkabinenordnungen, die Platzierung von Wind‐ kraftanlagen und Sozialbetrug als Pars pro Toto allgemeiner Wertkon‐ flikte aufgegriffen werden. Hintergrund ist dabei oft eine Art doppelter Boden des sozial Sagbaren in Gesellschaften mit liberalen Codes. Der private Common Sense (mitsamt all seinen Vorurteilen) »weiß« mehr, als der auf Höflichkeit und polierte Kommunikation bedachte öffentliche Diskurs auszusprechen erlaubt.“231 229 Mau et al., S. 265. 230 A.a.O., S. 271/272. 231 Ebenda, S. 274/275. V.Was das Gefühl bewirkt, es müsse sich etwas grundlegend ändern 81 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb 3. Vom Demokratieund Populismusbarometer zum Gefühlsthermometer Eine bei Politikwissenschaftlern beliebte Tätigkeit besteht darin, die Qua‐ lität von Demokratie zu messen.232 Eines dieser Messinstrumente ist das von Daniel Bochsler und Wolfgang Merkel entwickelte Demokratiebarome‐ ter233 in das Kriterien wie Rechtsstaatlichkeit, Transparenz, Partizipation, politischer Wettbewerb, Gewaltenkontrolle und die Fähigkeit, demokrati‐ sche Entscheidungen umzusetzen, einfließen. Offenbar aus Freude am Ba‐ rometer als Messmethode haben Robert Vehrkamp und Wolfgang Merkel auch ein Populismusbarometer entwickelt, mit dem populistische Einstel‐ lungen bei Wählern und Nichtwählern in Deutschland gemessen werden können.234 Da es jedoch bei Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser um Kontexte und Formen affektiver Polarisierung geht, um Gefühlslagen also, bedurfte es eines anderen Messinstruments, das unsere Referenzautoren in dem von ihnen so genannten Gefühlsthermometer gefunden haben, mit dem sie gewissermaßen den Hitzegrad des jeweiligen Diskussionsfeldes messen können. Um eine gewisse Betriebstemperatur zu erzeugen, wurden den Umfrageteilnehmern ausgewählte Sozialfiguren präsentiert, die nicht als Realfiguren gemeint sind, sondern als „Chiffren gesellschaftspolitischer Positionierungen“. Angesichts dieser Sozialfiguren sollten die Teilnehmer der Umfrage auf einem Gefühlsthermometer mit einer Skala von 0 bis 10 angeben, ob sie diese (eher) unsympathisch oder (eher) sympathisch fin‐ den. Zu den präsentierten Figuren gehörten z.B.: • Langzeitarbeitslose und Konzernlobbyisten • Migranten aus dem arabischen Raum und Migrationsgegner •Person, die ihr biologisches Geschlecht geändert hat und überzeugte Feministin • SUV-Fahrer und Fridays-for-Future Aktivisten sowie • AfDund Grünen-Anhänger. 232 Siehe dazu den Überblicksartikel „Demokratiemessung“ bei WIKIPEDIA, abgeru‐ fen am 27.10.2023. 233 Marc Bühlmann/Wolfgang Merkel/Bernhard Weßels/Lisa Müller, The Quality of Democracy. Democracy Barometer for Established Democracies, Working Paper 10a, Zürich, 2008, National Centre of Competence in Research Democracy of the Swiss National Science Foundation. 234 Populismusbarometer 2018, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung/Ber‐ telsmann-Stiftung, Executive Summary, 2019. D. Zeitenwenden 82 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Mit dem nachstehenden Resümmee unserer Referenzautoren soll unser Abschnitt über Zeitenwenden denn auch seinen Abschluss finden: „Auffällig an dieser Aufschlüsselung der gruppenbezogenen Emotionen ist, dass insbesondere solche Sozialfiguren polarisieren, die für progres‐ sive Positionen stehen: sei es, dass sie sich aktiv für eine Politik des Wandels einsetzen (so der »Fridays-for-Future-Aktivist« und der »Grü‐ nen-Anhänger«), sei es, weil sie den zentralen Bezugspunkt einer solchen Politik bilden (der »arabische Einwanderer« und die Transperson). Zu‐ dem schnellt das Gefühlsbarometer vor allem in jenen Arenen hoch, die durch dynamischen Wandel und das Fehlen etablierter Befriedungs‐ formeln gekennzeichnet sind. In Phasen der Veränderung scheint das Neue besonders zu provozieren und zu polarisieren. Diejenigen, die den Wandel begrüßen, unterscheiden sich jedenfalls nicht nur hinsichtlich ihrer Einstellungen von den Bremsern, auch ihre Affekte gegenüber wichtigen Gruppen der Transformation sind deutlich. Umgekehrt geht es beim Ressentiment gegenüber Personifikationen des Wandels auch immer um die Ablehnung der durch sie repräsentierten Werte. Es sind nicht die Anderen ganz allgemein, die negative Gefühle mobilisieren, es sind die »moralisch Anderen«. Die erkennbar starken Reaktionen auf diese Sozialfiguren werden auch in der medialen Berichterstattung und von politischen Akteuren genutzt, um den Diskurs zu emotionalisieren und zu entsachlichen. Wenn etwa die Fridays-for-Future-Bewegung als »Sekte der Anti-Demokraten« bezeichnet wird, wenn Klimaaktivisten als »Terroristen« verschrien werden oder in Bezug auf Transpersonen von einer »Transsexuellen-Lobby« die Rede ist, werden laute Töne auf der affektiven Klaviatur angeschlagen, für die bestimmte ideologisch vor‐ sozialisierte Bevölkerungsteile besonders empfänglich sind. Menschen und Diskurse werden auf diese Weise getriggert; die arenenspezifische Polarisierung und die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Aufschaukelung des Konflikts wächst.“235 235 Ebenda, S. 329/330. V.Was das Gefühl bewirkt, es müsse sich etwas grundlegend ändern 83 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb E. Resilienz Wir haben nicht die Absicht, das große Thema der Resilienz hier grund‐ sätzlich aufzurollen und möglichst alle Aspekte dieses Schlüsselbegriffs spätmoderner Gesellschaften auszuleuchten, zumal wir uns zu diesem The‐ ma wiederholt geäußert haben.236 Vielmehr wollen wir uns auf drei Berei‐ che dieses weiten Feldes beschränken, und zwar auf solche, die in unseren hier präsentierten Überlegungen teilweise schon beschritten worden sind. Die erste Frage, die wir ansprechen wollen, ist die folgende: I. Um wessen Resilienz geht es eigentlich? Wenn ich recht sehe, kommen insoweit drei mögliche Antworten in Be‐ tracht: •Einmal geht es um die Resilienz von Betroffenen, sei es von individuellen Gesellschaftsmitgliedern, sei es von Gruppen von Betroffenen wie z.B. – exemplarisch sei hier die Corona-Krise in Erinnerung gerufen – von Kindern, die nicht in die Schule gehen können oder von gestressten Müttern, die mit ihrer Rolle als Krisenmanagerin mehr als ausgelastet waren. Dies ist hier aber nicht unser Thema. •Zweitens geht es um die Resilienz von gestressten, erschöpften oder ge‐ reizten Gesellschaften, die infolge der medialen Konfrontation mit den soeben ausführlich behandelten Triggerpunkten in eine gewisse kollekti‐ ve Gefühlslage geraten, die sie anfällig macht für populistische Sirenen‐ gesänge und Verschwörungstheorien, die eine wichtige sozialpsychologi‐ sche Funktion erfüllen.237 Aber auch dies soll hier nicht vertieft werden. 236 Siehe meine Beiträge „Wie resilient ist unsere »Politische Kultur«, in: DER STAAT 60 (2021), S. 473–493 sowie „Vielfalt und Funktion von Resilienzstrategien. Ein Beitrag zur psychologischen Dimension von Vulnerabilitätserfahrungen“, in: G.F. Schuppert/Martin Repohl (Hrsg.), Resilienz. Beiträge zu einem Schlüsselbegriff spätmoderner Gesellschaften, Baden-Baden 2023, S. 55–73. 237 Siehe dazu Laura Luise Hammel, Verschwörungsglaube, Populismus und Protest, in: Politikum Heft 3/2017, S. 36ff; Michael Butter, „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, 4. Aufl. Berlin 2020, S. 104 f. 85 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb •Drittens gibt es – und hier können wir anknüpfen an den Themenkom‐ plex „Bedrohte Ordnungen“ – um die bisher allzu sehr vernachlässigte Systemresilienz.238 Wie wir alle in der letzten Zeit erfahren mussten, beruht die Funktionsfähigkeit unserer politischen Ordnung ganz zen‐ tral auf der Resilienz von Teilsystemen, deren Funktionieren wir bisher für selbstverständlich gehalten haben: gemeint sind hier das Gesund‐ heitssystem, das Sozialleistungssystem, die Gewährleistung funktionsfä‐ higer Finanzmärkte (àFinanzmarktstabilisierungsgesetze), die Funkti‐ onsfähigkeit der Energieversorgung und letztlich – so der Bundeskanzler in dem oben zitierten Interview – die Funktionsfähigkeit unseres Ge‐ meinwesens. Man spricht deshalb auch von „kritischen Infrastrukturen“, die daher auch von Russland im Krieg gegen die Ukraine gezielt ange‐ griffen wurden. Wie wichtig funktionierende Teilsysteme und kritische Infrastrukturen sind, kann man auch daraus ersehen, dass als eines der aktuell dringendsten Probleme angesehen wird, wie leicht verwundbare Netze wie Gasund Ölpipelines und Datenübertragungskabel besser geschützt werden können. Aber jetzt soll ein gänzlich anderes Thema aufgerufen werden. II. Resilienz durch „Story Telling“ Es darf inzwischen als ausgemacht gelten, dass Verschwörungstheorien, die ja im Grunde nichts anders sind als Verschwörungsgeschichten239, dabei behilflich sein können, mit Krisenund Katastrophenerfahrungen besser umgehen zu können; dazu heißt es bei Laura Luise Hammelunter der Überschrift „Sozialpsychologische Funktionen von Verschwörungstheori‐ en“ wie folgt: „Aus Sicht der Wissenschaft erfüllen Verschwörungstheorien in erster Linie die Funktion einer kognitiven Dissonanzreduktion240, mit deren 238 Siehe dazu Stefanie Graefe, Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit, Bielefeld 2019; dieselbe, Systemrelevanzen? Zur Biopolitik der Resilienz in Coronazeiten, in: dieselbe/Karina Becker (Hrsg.), Mit Resilienz durch die Krise? Anmerkungen zu einem gefragten Konzept, München 2021, S. 111–139. 239 Siehe dazu Umberto Eco, Der Friedhof in Prag, 2. Aufl. München 2013. 240 Ute Caumanns/Mathias Niendorf, Raum und Zeit, Mensch und Methode: Über‐ legungen zum Phänomen der Verschwörungstheorie, in: Ute Caumanns (Hrsg.), Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten und historische Varianten, Osnabrück 2001, S. 197–210. E. Resilienz 86 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Hilfe die Komplexität eines Sachverhaltes, beispielsweise einer persön‐ lich erfahrenen oder auch gesellschaftlichen Krise, drastisch reduziert werden kann, um diesen so besser verstehen und psychisch verarbei‐ ten zu können. […] Viele Wissenschaftler sind zudem der Meinung, Verschwörungstheorien dienten der Kontingenzbewältigung241, indem sie Menschen dabei helfen würden, zufällige schicksalhafte Ereignisse wie Naturkatastrophen, Terroranschläge oder auch Unglücke wie Flugzeug‐ abstürze zu verarbeiten, da sie eine Antwort darauf geben, warum die‐ se stattgefunden haben und wer sie verursacht hat. Die Identifikation von Verursachern für Krisensituationen entlastet vom Gefühl der eige‐ nen Ohnmacht angesichts dieser zufälligen, schicksalhaften Ereignisse. Indem solchen Katastrophen eine Ursache unterstellt wird, die auf plan‐ vollem menschlichem Handeln basiert, erhalten sie einen nachträglichen Sinn.“242 So weit, so bekannt. Die uns schon bekannte Autoren Samira El Quassil und Friedemann Ka‐ rig vertreten darüber hinaus die interessante These, dass auch Geschichten über in der Vergangenheit überstandene Krisen und Katastrophen helfen können, mit gegenwärtigen Ereignissen dieser Art besser fertig zu werden, weil die Betroffenen gewissermaßen auf ein erzähltes Archiv von Überle‐ bensstrategien zurückgreifen können: „Mit unseren Geschichten entstand ein Archiv des Überlebens, das durch Anekdoten veranschaulichte, wie das Überleben in einer gefährlichen Welt möglich war. Zivilisation ist dementsprechend über viele Gene‐ rationen hinweg die Reproduktion von jenen Erzählungen und ihren Überlebensstrategien, die Erfolg hatten. Denn je besser die Geschichte, desto eher wurde sie weitererzählt. Je wichtiger die Geschichte, desto aufmerksamer wurde ihr zugehört. Geschichten waren prähistorischer Social Content – und je emotional aufreibender, desto mehr wurden sie geshared und repostet. Unser Überleben hing also auch davon ab, wie gut die Form war, in der wir diese lebensnotwendigen Informationen vermit‐ 241 Dieter Groh, Verschwörungstheorien revisited. in: Ute Caumanss (Hrsg.), Ver‐ schwörungstheorien, Osnabrück 2001, S. 187–196. 242 Laura Luise Hammel, Verschwörungsglaube, Populismus und Protest, in: Politikum Heft 3/2017, S. 36. II. Resilienz durch „Story Telling“ 87 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb telten. Anders ausgedrückt: Der Stamm mit den besseren Geschichten hatte höhere Überlebenschancen.“243 Und ergänzend fügen sie folgende, ebenso interessante Überlegungen hin‐ zu: „Diese Kommunikation und die Weitergabe von Informationen ermögli‐ chen das, was der polnisch-amerikanische Philosoph Alfred Korzybski vor hundert Jahren ›Zeitbindung‹ genannt hat.244 Damit meinte er eine Art anthropologisches Upgrade, das der Menschheit erlaubte, Erkenntnis‐ se zu einem Menschheitswissen anzuhäufen, indem jede Generation die‐ ses Wissen an die nächste weitergab und dabei ihren Wissensstand be‐ ständig neu auswertete, um – über das Leben eines einzelnen Menschen hinaus – Fortschritte im Begreifen unserer Welt zu erzielen. Dabei erwie‐ sen sich die spannenden Erzählungen als eine besonders eingängige, niedrigschwellige und damit effektive Art der Informationsvermittlung und – noch wichtiger – der Informationsverbreitung. Dabei sind Geschichten nicht nur praktische Anleitungen zum besseren Leben. Jede Geschichte erzählt grundsätzlich auch davon, dass man Probleme überhaupt lösen kann – und wie man das genau macht. Jede Geschichte lehrt uns das Dazulernen [...]. Jede Geschichte ist de‐ monstrative, manifestierte Adaptation. Erst dank dieser habitualisierten Problemlösungskompetenz entwickelte sich der Homo sapiens zu einem emanzipierten Gestalter seiner Wirklichkeit und eines Daseins, das sich durch beständige Anpassungen verbesserte. All das erklärt, warum das Erzählen von Geschichten noch vor dem Feuer, dem Rad und der Waffe unser wichtigstes Werkzeug war [...].“245 Eine gänzlich andere Resilienzstrategie hat die Großmutter von Maike Schult praktiziert246, indem sie die Erinnerungen an die von ihr erlebten Katastrophen gänzlich mit sich allein abmachte, weil sie für sie schlicht nicht besprechbar und nicht erzählbar waren; um diese Strategie besser nachvollziehen zu können, möchten wir den Leser zu einem gemeinsamen 243 Fußnote 195, S. 78. 244 In: Manhood of Humanity. The Science and Art of Human Engineering, 1921. 245 Ebenda, S. 78/79. 246 Maike Schult, „Unkraut vergeht nicht.“ Resilienz und posttraumatische Reifung, in: Cornelia Richter (Hrsg.), Ohnmacht und Angst aushalten. Kritik der Resilienz in Theologie und Philosophie, Stuttgart 2021, S. 183–196. E. Resilienz 88 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb Besuch bei eben dieser Großmutter einladen, indem wir absichtsvoll die nachfolgende, etwas längere Passage ungekürzt präsentieren: „»Unkraut vergeht nicht!« So lautete die Antwort meiner Großmutter, wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundigte. Dabei saß sie mir mit verschmitztem Gesicht in ihrem Sessel gegenüber, den schmalen Körper an die Kissen gelehnt und wie zum Beweis hoheitsvoll eine Zigarette zwischen den Fingern. Der Geruch der Zigaretten hing nach bald fünfzig Jahren in dieser Wohnung in jeder Ritze. Er war in die Möbel eingezogen und mit den Tapeten zu einer eigenartigen Schicht verschmolzen, und wohl weil sonst kein Winkel mehr frei war, in den er noch hätte kriechen können, säuselte er bei unseren Treffen zunächst etwas in die Höhe, sam‐ melte sich einen Augenblick in der Luft und entschied sich schließlich für die Fensterbank, wo er sich nebelartig zwischen den Blumentöpfen verbreitete. So jedenfalls sehe ich es heut vor mir: die Reihe farbenpräch‐ tiger Azaleen, Begonien und Usambaraveilchen und mitten drin meine fröhlich schmökende Großmutter: Unkraut vergeht nicht. Ich habe in den 35 Jahren, die ich meine Großmutter erlebt habe, nie ein Wort der Klage von ihr gehört, kein Jammern und kein Selbstmitleid. Nie war sie krank, nie unpässlich. Ab und an rieb sie die steifen Finger aneinander. Zwischen den Kissen tat eine Wärmeflasche ihren Dienst, und wenn der gebeugte Rücken zu sehr ziept, wie sie sagte, dann drehe ich eben meine Runden um den Tisch und fluche vornehm französisch. Doch solche Runden drehte sie offenbar allein. Wie sie auch anderes mit sich allein abmachte, was ihr Leben geprägt hat: Krieg, Flucht und Vertreibung, Verlust der Heimat, des Bruders, der Tochter, Krankheit, Gewalt und Alkohol. Erfahrungen, die überlebbar, aber nicht besprech‐ bar waren […]“247 Jetzt aber wollen wir die rauchende Großmutter wieder verlassen und uns einem Punkt zuwenden, der uns besonders am Herzen liegt. 247 Ebenda, S. 183/184. II. Resilienz durch „Story Telling“ 89 https://doi.org/10.5771/9783748945369, am 17.12.2024, 18:25:43 Open Access – - https://www.nomos-elibrary.de/agb