Eine Aufgabe, verschiedene Vorgehensweisen: Die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den deutschen Braunkohlerevieren im Vergleich
Abstract
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Full text
Ribbeck-Lampel, Juliane; Freiin von Nettelbladt, Gala Book Part Eine Aufgabe, verschiedene Vorgehensweisen: Die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den deutschen Braunkohlerevieren im Vergleich Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Ribbeck-Lampel, Juliane; Freiin von Nettelbladt, Gala (2024) : Eine Aufgabe, verschiedene Vorgehensweisen: Die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den deutschen Braunkohlerevieren im Vergleich, In: Finger, Anne Badelt, Ole Dahmen, Kathleen Heilen, Lydia Mai, Nora Seegers, Ronja Seewald, Eva Śnieg, Filip Wiemer, Leonie (Ed.): Transformationsprozesse in Stadt und Land: Erkenntnisse, Strategien und Zukunftsperspektiven, ISBN 978-3-88838-117-1, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 12-38, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-1171034 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/286119 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
Ribbeck-Lampel, Juliane; Nettelbladt, Gala: Eine Aufgabe, verschiedene Vorgehensweisen: Die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den deutschen Braunkohlerevieren im Vergleich https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-1171034 In: Finger, Anne; Badelt, Ole; Dahmen, Kathleen; Heilen, Lydia; Mai, Nora; Seegers, Ronja; Seewald, Eva; Śnieg, Filip; Wiemer, Leonie (Hrsg.) (2024): Transformationsprozesse in Stadt und Land – Erkenntnisse, Strategien und Zukunftsperspektiven. Hannover, 12-38. = Forschungsberichte der ARL 23. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-11713 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
12 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND Juliane Ribbeck-Lampel, Gala Nettelbladt EINE AUFGABE, VERSCHIEDENE VORGEHENSWEISEN: DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN IM VERGLEICH Gliederung 1 Einleitung 2 Landesstrukturentwicklungsgesellschaften aus Perspektive der MehrebenenGovernance 3 Landesstrukturentwicklungsgesellschaften im Vergleich 3.1 Rheinisches Revier 3.1.1 Zukunftsagentur Rheinisches Revier 3.2 Mitteldeutsches Revier 3.2.1 Innovationsregion Mitteldeutschland 3.3 Lausitzer Revier 3.3.1 Brandenburg: Wirtschaftsregion Lausitz 3.3.2 Sachsen: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung 4 Fazit und Synthese Literatur Kurzfassung Mit dem Inkrafttreten des Investitionsgesetzes Kohleregionen im August 2020 und dem (spätestens) damit beschlossenen Braunkohleausstieg wurde den Braunkohlerevieren in Deutschland eine herausgehobene Bedeutung innerhalb des Transformationsprozesses hin zu mehr Klimaschutz, modernen Wirtschaftsstrukturen und der Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse übertragen. Das Rheinische, das Mitteldeutsche und das Lausitzer Revier, als administrative Raumabgrenzungen des braunkohlebedingten Strukturwandels, stehen zwar vor ähnlichen Herausforderungen, die jeweiligen Ausgangssituationen unterscheiden sich jedoch stark. Dies bezieht sich nicht nur auf räumliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte, sondern auch auf die Akteursstrukturen, die den Transformationsprozess maßgeblich begleiten und gestalten. Der vorliegende Beitrag analysiert die Akteurskonstellationen in den drei deutschen Braunkohlerevieren und deren institutionelle Anbindung im politischen MehrebenenSystem. Dazu wird eine Governance-Perspektive eingenommen, die sich auf die Handlungskoordination und Entscheidungsfindungsprozesse, an denen staatliche, private und zivilgesellschaftliche Akteure beteiligt sind, fokussiert. Die vergleichende Analyse zielt darauf ab, die implementierten und zum Teil gewachsenen Governance-Strukturen in den Revieren systematisch darzustellen und damit zugleich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Ausgangspunkt bilden die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften und ihre Einordnung in die Governance-Strukturen in
13DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN den Braunkohlerevieren. Die Gegenüberstellung bringt hervor, dass die GovernanceStrukturen > in den Revieren stark auf historisch gewachsene Akteursund Entscheidungsstrukturen zurückgehen, > maßgeblich vom Einfluss der jeweils zuständigen Landespolitik geprägt sind, > flexibel an Entwicklungen angepasst werden und > zugleich auf die sehr individuellen Verständnisse gegenüber dem Strukturwandel im Revier abgestellt sind. Schlüsselwörter Governance-Struktur – Strukturwandel – Braunkohlerevier – Landesstrukturentwicklungsgesellschaft – Kohleausstieg Same task, different approaches: Comparing the governance of structural change in German regions affected by the coal phase-out Abstract With the Coal Regions Investment Act in August 2020, and the concomitant decision to phase out coal, the affected regions were given special attention in the transformation towards more climate protection, a modern economy and the creation of equal living conditions. These regions include the Rhenish and Central German mining areas as well as the one in Lusatia. As the administrative boundaries of structural change, they all face similar challenges, while shaped by great context-based differences. These differences not only encompass spatial and socio-economic aspects, but also the landscape of local actors involved in the transformation process, which significantly impact the transformation process. This article analyses these actor constellations and their institutional embeddedness in the multi-level governance of Germany’s coal-phase out. Thus, taking a governance lens, it focuses on the coordination and decision-making processes in which actors from the realms of the state, the private sector and civil society are involved. Presenting a comparative analysis, our aim is to present a systematic overview of new and historically grown governance structures with respect to similarities and differences in the three regions affected by the coal phase-out. Starting point for our inquiry are the state-owned structural development companies (Landesstrukturentwicklungsgesellschaften), in charge of coordinating the activities and cooperation between actors in the transformation process. Placing these companies within the broader governance structure of structural change in Germany, the comparative analysis reveals that: > The respective governance models are highly path-dependent, going back to historically grown actor and decision making processes.
14 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND > They are significantly shaped by the political influence of decision makers at the Länder (federal states) level. > They are flexibly adapted according to present developments. > They are based on individual understandings of structural change in the regions. Keywords Governance – structural change – lignite areas – federal states – Germany – coal phase out 1 Einleitung Der energiepolitisch initiierte Strukturwandel in Deutschland ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die sich in allen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Themenbereichen niederschlägt und trotz konkreter Ausstiegsdaten eine Jahrhundertaufgabe darstellt (WSB 2019: 104). Der Strukturwandel fokussiert sich in der Bundesrepublik maßgeblich auf drei Braunkohlereviere: das Rheinische, das Mitteldeutsche und das Lausitzer Revier, auch wenn der damit einhergehende Transformationsprozess weit über die räumlichen Reviergrenzen hinaus wirksam wird. Diese räumliche Aufgliederung ist in mehrfacher Hinsicht relevant und interessant zugleich, da die drei Reviere aus grundlegend unterschiedlichen Ausgangssituationen in den Strukturwandel eingetreten sind und auch entsprechend verschiedenartige Herangehensweisen und Akteursstrukturen gewählt haben (Gailing 2015: 7). Diesen „Interpretationsspielraum“ eröffnet das Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG)1, indem es zwar drei Akteursgruppen adressiert, die im politischen Sinne in die Verantwortung genommen werden (Bund, Länder und Gemeinden bzw. Gemeindeverbände), zugleich aber keine Vorgaben zur Ausgestaltung der Beziehungen und Verfahren trifft. Abb. 1: Abwicklungsstruktur des InvKG zwischen Bund, Ländern und Gemeinden / Quelle: Eigene Darstellung Der Bund gewährt den Ländern Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, dem Freistaat Sachsen sowie Sachsen-Anhalt Finanzhilfen zum Ausgleich unterschiedlicher Wirtschaftskraft und zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums Finanzhilfen im Rah1 Investitionsgesetz Kohleregionen vom 8. August 2020 (BGBl. I S. 1795).
15DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN men des Strukturwandels (Abb. 1). Zu welchem konkreten Zweck die Mittel eingesetzt werden sowie die Ausgestaltung der Entscheidungsund Auswahlprozesse obliegt den Ländern, die unter enger Einbeziehung der betroffenen Gemeinden und Gemeindeverbände die Auswahl der Investitionsvorhaben vornehmen. Die infrage kommenden Gemeinden und Gemeindeverbände sind all jene, die nach §2 InvKG als Fördergebiete (im Weiteren als Braunkohlereviere bezeichnet) abgegrenzt sind. Strukturwandel als Mehrebenen-Governance-Prozess So weit lässt sich die Idealstruktur entsprechend dem Gesetz skizzieren. Dem Transformationsprozess in den Braunkohlerevieren liegt damit ein Verständnis zugrunde, das den Strukturwandel als einen Mehrebenen-Governance-Prozess begreift (Reitzenstein/Popp/Oei et al. 2021; Kolde/Wagner 2021; Gailing 2018; Mayntz/Scharpf 1995). Zwei Jahre nach Inkrafttreten des InvKG werden jedoch die kritischen Stimmen in Bezug auf die Governance-Strukturen im Strukturwandel lauter. Der „Informationsund Initiativkreis Braunkohlenregionen“ der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft zieht eine nüchterne Bilanz hinsichtlich des Zusammenwirkens der Ebenen: innerhalb des „abstrakt tragfähigen Konstrukts“ zwischen Bund, Ländern und Kommunen sei das „Zusammenspiel der Ebenen teilweise noch stark ausbaufähig“ (ARL 2022: 22). Mit Blick auf die kommunale Ebene wird die Tendenz einer „Verbürokratisierung“ von Prozessen in Kopplung mit einem zu wenig ausgeprägten „Gegenstromprinzip“ zwischen den Ebenen angeführt, was zur fehlenden Verzahnung führe und sich insbesondere in der Projektentwicklung und Umsetzung zeige (ARL 2022: 11). Darüber hinaus mahnen Beiträge aus Politikwissenschaft und Nachhaltigkeitsforschung an, die Schnittstelle zwischen den Akteuren dringend zu stärken, um die Responsivität der Strukturwandelpolitik auch gegenüber der Zivilgesellschaft konsequent zu erhöhen und zugleich einen Austausch zu schaffen (Heer 2020; Herberg/Kamlage/Gabler et al. 2020). In diesem Sinne spricht auch der Beirat für Raumentwicklung die Empfehlung aus, „neue Koordinierungsmechanismen in vertikaler wie horizontaler Hinsicht im Sinne einer Fortentwicklung der Regionalen Governance im Mehrebenen-System […] zu entwickeln“ (BMI 2021: 11). Begründet wird dies mit der strukturellen Herausforderung, dass die Initiierung und Finanzierung des Braunkohleausstiegs auf Ebene des Bundes liegt, die Umsetzungsund Steuerungskompetenz jedoch auf Ebene der Länder respektive in den Bereich der Regionalentwicklungspolitik entfällt und somit Wirksamkeit vor Ort entfaltet (BMI 2021: 11). Landesstrukturentwicklungsgesellschaften als Schnittstellen im Strukturwandel In den Braunkohlerevieren wurden mit den sog. Landesstrukturentwicklungsgesellschaften jeweils eigene Institutionen etabliert, die zur Steuerung, Unterstützung und Kooperation der Akteure im Strukturwandel beitragen sollen (Abb. 2). Diese Institutionen bilden die Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Strukturwandelakteuren und sind somit ein essentieller Teil der Governance: zum einen auf horizontaler Ebene, indem sie Entscheidungsfindungsprozesse zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren koordinieren und in Ent-
16 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND scheidungsfindungsprozessen verwoben sind, zum anderen sind sie vertikal in die Governance-Struktur des Kohleausstiegs zwischen Bund, Ländern und Kommunen eingebunden. Entsprechend den individuellen Ausgangslagen in den Revieren sind auch die akteursbezogenen Herangehensweisen und damit die Strukturentwicklungsgesellschaften unterschiedlich aufgestellt. Abb. 2: Landesstrukturentwicklungsgesellschaften als Schnittstellenakteure in der vertikalen und horizontalen Governance / Quelle: Eigene Darstellung Betrachtungslücke und Ziel der Untersuchung Der herausgehobenen Bedeutung dieser Institutionen ungeachtet liegen bisher wenige Analysen vor, die diese empirisch und komparativ betrachten bzw. alle drei Reviere einbeziehen und umfassen (Herberg/Kamlage/Gabler et al. 2020; Vallentin/Wehnert/ Schüle et al. 2016). Letzteres erscheint allerdings aufgrund der heterogenen Ausgangslagen und Herangehensweisen in den Revieren als unabdingbar, um die politische Steuerung der räumlichen Transformation im Rahmen des Kohleausstiegs transparent nachvollziehen zu können. Der vorliegende Beitrag zielt darauf ab, die implementierten und zum Teil gewachsenen Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den Braunkohlerevieren systematisch darzustellen (strukturell-administrativer Aufbau sowie Einbindung) und zu vergleichen. Für den Vergleich sind folgende Fragestellungen untersuchungsleitend: > Wie sind die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften strukturell aufgebaut und eingebunden? Welche Funktionen und Aufgaben übernehmen sie? > Welche Schnittstellen und Mitwirkungsbeziehungen bieten sie für und gegenüber anderen Akteuren im Strukturwandel? > Welche revierspezifischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen zwischen den Landesstrukturentwicklungsgesellschaften? Vorgehensweise und Methodik Der Vergleich basiert auf einem mehrstufigen Vorgehen. Im ersten Schritt werden ausschließlich öffentlich zugängliche Printund Online-Medien zu den Landesstrukturentwicklungsgesellschaften genutzt. Ausgangspunkt der Recherche sind jeweils die
17DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN Websites der Länder im Braunkohlestrukturwandel sowie die Internetpräsenz der jeweiligen Braunkohlereviere. Darauf aufbauend werden mithilfe von Dokumentenund Desktopanalysen sowie Akteursmapping die Vergleichsebenen zu den einzelnen Revieren herausgearbeitet und gegenübergestellt. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine freie Nachvollziehbarkeit der Prozesse. 2 Landesstrukturentwicklungsgesellschaften aus Perspektive der Mehrebenen-Governance Die Umsetzung der Energiewende in Deutschland ist als Mehrebenen-Governance gestaltet, indem sie zum einen transnationale, nationale, regionale und lokale Akteure in politischen Prozessen vertikal verbindet und zum anderen das horizontale Zusammenwirken von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren bedingt (Gailing 2015). Des Weiteren liegt die Energiewende quer zu Ressortgrenzen, was die Notwendigkeit einer horizontalen Koordination verstärkt (Mayntz 2009; Reitzenstein/Popp/Oei et al. 2021; Kolde/Wagner 2021; Gailing 2018). Dem folgend liegt der Untersuchung ein breites Verständnis des Governance-Begriffs zugrunde, der die Handlungskoordination von privaten, staatlichen und zivilgesellschaftlichen kollektiven Akteuren mit dem Ziel des Managements von öffentlichen Angelegenheiten umfasst (Heinelt 2004; Raco 2020; Altrock 2012; Mayntz/Scharpf 1995). Es handelt sich demnach um „einen Prozess, der öffentliche und private Interessen koordiniert. Governance bezieht sich auf den Prozess, durch den lokale staatliche Akteure in Abstimmung mit privaten Interessen versuchen, kollektive Ziele voranzubringen“ (Pierre 2005: 452; Da Cruz/Rode/ McQuarrie 2019). Dementsprechend bestehen zahlreiche Möglichkeiten, wie Individuen und Institutionen (öffentliche und private) öffentliche Angelegenheiten planen und verwalten. Dabei sind sowohl formelle Institutionen als auch informelle Vereinbarungen inkludiert. Der Prozess kann sowohl auf Konsens als auch auf Konflikt beruhen. Mit dem klaren Untersuchungsschwerpunkt auf die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften wird zugleich eine spezifische Form des Governance-Ansatzes in den Fokus gerückt: der Akteurzentrierte Institutionalismus (AZI). Dieser Ansatz nach Mayntz und Scharpf dient als flexible Forschungsheuristik zur Analyse von Governance-Arrangements verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche (Mayntz/Scharpf 1995). AZI eignet sich daher in besonderer Form für die Analyse der Institutionen und Akteursarchitekturen in den Braunkohlerevieren und zum besseren Verständnis der im Zusammenhang mit dem Strukturwandel entstehenden Kooperationen (Kolde/Wagner 2021). Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal des AZI liegt zwischen korporativen und kollektiven Akteuren. Korporative Akteure zeichnen sich dadurch aus, dass sie über zentralisierte Handlungsressourcen verfügen, die jedoch den individuellen Mitgliedern nicht zustehen. Zu diesen gehören beispielsweise Parteien oder Ministerien, die Entscheidungen unabhängig von ihren Mitgliedern bzw. Wählerinnen und Wählern mittels hierarchischer bzw. majoritärer Weisungsbefugnis treffen. Kollektive Akteure zeichnet wiederum gemeinsames Handeln aus, das in der Regel ohne formale Organisation ausgeführt wird. Zumeist setzen sie sich aus Mitgliedern und deren ausgehandelten, kollektiven Interessen zusammen, wie das beispielsweise in Vereinen der Fall ist.
18 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND Unabhängig von dieser theoretischen Abgrenzungsmöglichkeit lassen sich häufig empirische Mischformen zwischen den einzelnen analytischen Typisierungen erkennen: So können z.B. mehrere korporative Akteure einen kollektiven Akteur bilden oder soziale Bewegungen unter bestimmten Bedingungen organisierte Strukturen ausbilden (Scharpf 2000: 106). Dieses Verständnis gegenüber korporativen und kollektiven Akteuren beziehungsweise daraus hervorgehenden Mischtypologien wird im Weiteren für die Analyse der Landesstrukturentwicklungsgesellschaften zugrunde gelegt. Braunkohlereviere als „neue“ administrative Raumeinheit Das Erfordernis, die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften als breite Mischform einer Akteurstypologie zu verstehen, ist auf die jeweilige Genese und Grundstruktur der drei Braunkohlereviere (das Rheinische, das Mitteldeutsche und das Lausitzer Revier) zurückzuführen (vgl. Abb. 3 sowie Tab. 1). Den Revieren ist gemein, dass ihre räumliche Abgrenzung politisch intendiert ist und sie als neue Raumund Struktureinheit in etablierte und gelebte Räume, respektive Regionen, additiv hinzugefügt wurden. Mit der Revierabgrenzung des InvKG sind neue Raumeinheiten entstanden, die z.T. auch bundeslandübergreifend wirken und historische Regionsbegriffe überlagern. Daraus resultiert für die Länder und Regionen die Herausforderung, neben den wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben des Strukturwandels die „neuen“ Reviere auch in administrativ gesteuerte Entwicklungsprozesse der Landesund Regionalplanung einzubetten und diese ggf. neu zu strukturieren. Während der Begriff des Braunkohlereviers eine gewisse Ähnlichkeit suggeriert, unterscheiden sich die drei Reviere in ihrer wirtschaftlichen, sozialen und raumstrukturellen Gestalt stark voneinander (Noack 2022; Herberg/Kamlage/Gabler et al. 2020; Schmidt 2018). Bereits anhand der gebietskörperschaftlichen Strukturen sind Unterschiede erkennbar, die direkte und indirekte Wirkungen auf die administrative Steuerung und Begleitung des Strukturwandels hervorrufen (Ribbeck-Lampel/Spohr/Otto 2023). Wesentliche räumliche Unterscheidungsmerkmale, welche die Govenance-Strukturen prägen, sind die Ausdehnung über Bundeslandgrenzen hinweg sowie die Größe der Reviere. Daraus ergeben sich Besonderheiten und unterschiedliche Ausgangsbedingungen, die sich u.a. in der Anzahl der im jeweiligen Revier befindlichen Landkreise, Planungsregionen sowie Gemeinden und Gemeindeverbände ausdrücken (vgl. dazu Übersicht Tab. 1). In institutionalisierter Form lassen sich diese Unterschiede auch in Form der Landesstrukturentwicklungsgesellschaften ablesen, wie im Weiteren ausgeführt wird.
25DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN 3.2.1 Innovationsregion Mitteldeutschland Genese: Kooperatives Vorgehen in der länderübergreifenden Zusammenarbeit auf Projektebene Bereits 2016 gründeten regionale Akteure in Mitteldeutschland die Projektgruppe „Innovation im Revier“, welche unter der Initiative der „Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland“ zusammenkam. Aus diesem Zusammenschluss fanden sich zwei Jahre später – jedoch noch vor der Einberufung der WSB-Kommission – die Landkreise Altenburger Land, Anhalt-Bitterfeld, Burgenlandkreis, Leipzig, Mansfeld-Südharz, Nordsachsen und Saalekreis sowie die Städte Halle (Saale) und Leipzig per interkommunaler Zweckvereinbarung zum Projekt „Innovationsregion Mitteldeutschland“ (IRMD) zusammen: ein länderübergreifender Zusammenschluss mit dem Ziel, gemeinsam abgestimmte Strukturentwicklung voranzutreiben (IRM 2022b: 7). Bereits 2017 stellten die Partner einen erfolgreichen Projektfinanzierungsantrag im Bundesmodellvorhaben „Unternehmen Revier“, über welches bis zunächst 2027 jährlich rd. 1,6 Millionen Euro für die „Innovationsregion Mitteldeutschland“ zur Verfügung stehen (IRM 2022b). Mit dem InvKG wurde die bereits eigeninitiativ entwickelte kooperative und räumliche Struktur des Akteurszusammenschlusses nicht berücksichtigt, da die Finanzhilfen auf Bundesländer als Teilräume verteilt werden und nicht den gesamtregionalen Ansatz befördern. Aufgrund dieser inhaltlichen und finanzadministrativen Unterscheidungen im Revier wurden die beschriebenen landesspezifischen Strukturen unabhängig vom ganzheitlichen Revieransatz ausgebildet. Die „Innovationsregion Mitteldeutschland“, als inhaltliche und strategische Projektinstitution hat dessen ungeachtet Bestand und dient der länderübergreifenden Abstimmung unter dem Schirm der Metropolregion Mitteldeutschland (EMMD 2022: 8 f.). Aufbau und Struktur: Kooperation als Projekt angehen Gefördert wird die „Innovationsregion Mitteldeutschland“ als interkommunaler Zusammenschluss für eine gemeinsame Strukturentwicklung unter anderem aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) durch den Bund, den Freistaat Sachsen, das Land Sachsen-Anhalt und den Freistaat Thüringen sowie als Modellvorhaben im Bundesprogramm „Unternehmen Revier“. Ziel ist es, Strategien und Projekte für Innovation und Wertschöpfung im Mitteldeutschen Revier zu entwickeln (Burgenlandkreis 2022; IRM 2019). Anders als die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften im Rheinischen und im Lausitzer Revier handelt es sich bei der IRMD nicht um ein Unternehmen, sondern um ein Projekt. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Instanzen bzw. Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, wenngleich es Ähnlichkeiten gibt. Die Arbeit der IRMD wird durch ein Regionales Empfehlungsgremium (REG) begleitet, welches sich aus den Wirtschaftsförderungen der neun Gebietskörperschaften zusammensetzt. Weiterhin sind Vertreter/innen aus Arbeitsgruppen der Metropolregion Mitteldeutschland, von Planungsverbänden, Kammern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Gewerkschaften und regionalen Netzwerken sowie Unternehmen von strukturbestimmender Bedeutung für den Strukturwandel eingebunden. Die Entscheidung über die Projektauswahl im Rahmen bestehender Förderprogram-
26 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND me, die Beteiligung an neuen Förderprogrammen sowie den stetigen Informationsaustausch verantwortet der Ständige Ausschuss der IRMD. Dieser wird aus den Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern sowie den Landrätinnen und Landräten der beteiligten Gebietskörperschaften gebildet (IRM 2022a). Anknüpfung an staatliche Akteursstrukturen sowie Schnittstellen in die horizontale Governance: Fehlende länderübergreifende Institutionalisierung der Kooperation Die administrative Arbeit der IRMD ist auf die verschiedenen Akteure aufgeteilt. Die Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH ist als Regionalpartner zuständig für das inhaltliche Projektmanagement, die Öffentlichkeitsarbeit und den Beteiligungsprozess im Revier. Das Aufbauwerk Region Leipzig GmbH berät zu Förderanträgen und verantwortet das Controlling. Der Burgenlandkreis übernimmt als Abwicklungspartner die fördermitteltechnische Abwicklung der Förderprogramme. Begleitend und steuernd wirken als Landesinstitutionen das Sächsisches Staatsministerium für Regionalentwicklung sowie die Stabsstelle Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier für das Land Sachsen-Anhalt in der IRMD mit (IRM 2022a). Im Vergleich zu den beschriebenen Einbindungsstrukturen aufseiten des Landes Sachsen-Anhalt, das sich gegen eine separate Landesstrukturentwicklungsgesellschaft entschieden hat, fällt die Komplexität auf, welche infolge der Doppelstruktur entsteht. Zwar ist der kooperative und landesübergreifende Ansatz der Zusammenarbeit im Strukturwandel als Projekt möglichst einfach strukturiert, durch diese Parallelstruktur entstehen jedoch auch besondere Abgrenzungserfordernisse. Diese beziehen sich insbesondere auf die Fördermittel, die jeweils aus anderen Fördertöpfen stammen und andere Zielgruppen sowie Themen adressieren. Die länderübergreifende Zusammenarbeit im Mitteldeutschen Revier findet nicht institutionalisiert durch die Länder statt, sondern über Einzelprojekte. 3.3 Lausitzer Revier Ähnlich wie im Mitteldeutschen Revier zeichnet sich auch das Lausitzer Revier durch seine bundeslandübergreifende räumlich-administrative Struktur aus, die sich über Südbrandenburg und Nordsachsen erstreckt. Damit einher geht eine doppelte Governance-Struktur, die sich in einer brandenburgischen (Wirtschaftsregion Lausitz GmbH – WRL) und einer sächsischen (Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH – SAS) Landesstrukturentwicklungsgesellschaft niederschlägt. Diese Doppelstruktur ist das Resultat eines dynamischen Entwicklungsprozesses zwischen den Bundesländern, wie im Folgenden beleuchtet wird. 3.3.1 Brandenburg: Wirtschaftsregion Lausitz (WRL) Genese: Zwei Länder gehen getrennte Wege Die WRL als verantwortliche Landesstrukturentwicklungsgesellschaft für den Strukturwandel in Brandenburg ging in ihrer heutigen Form aus der 2009 gegründeten Energieregion Lausitz-Spreewald GmbH hervor, einem Zusammenschluss aus den
27DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN brandenburgischen Landkreisen Dahme-Spreewald, Spree-Neiße, OberspreewaldLausitz und Elbe-Elster sowie der kreisfreien Stadt Cottbus. 2017 fand eine inhaltliche Kalibrierung und Umfirmierung in eine länderübergreifende Gesellschaft, die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH, statt: Von einem breiten Fokus auf das Handlungsfeld „Energie“ erfolgte die Neuorientierung auf das Thema „Strukturwandel“. Im gleichen Jahr trat der sächsische Landkreis Görlitz bei. 2019 folgte der sächsische Landkreis Bautzen und damit einhergehend die Einbindung der umfassenden, länderübergreifenden Gebietskulisse des Lausitzer Reviers in der Gesellschafterstruktur. Diese Entwicklung hin zu einer gemeinschaftlichen Strukturentwicklungspolitik wurde nach kurzer Zeit mit der Gründung der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH im Jahr 2019 revidiert. Seit 2020 ist die WRL qua Kabinettsbeschluss des Landes Brandenburg als Landesstrukturentwicklungsgesellschaft für den brandenburgischen Teil der Lausitz und somit für die Organisation und Steuerung der Prozesse beauftragt. Wenige Wochen später folgte der formale Austritt der sächsischen Landkreise. Brandenburg und Sachsen bestreiten seitdem mit ihren jeweils eigenen Landesstrukturentwicklungsgesellschaften die Strukturwandelprozesse. Aufbau und Struktur: Von kommunaler Ebene begründet Die Gesellschafter der WRL umfassen die Gründungsakteure sowie das Land Brandenburg. Im Aufsichtsrat hat Letzteres seit Anfang 2022 eine Mehrheitsbeteiligung: Dort sind jeweils eine Vertreterin / ein Vertreter der vier Landkreise sowie eine Vertreterin / ein Vertreter der kreisfreien Stadt Cottbus und sechs Vertreter/innen des Landes Brandenburg präsent. Diese Konstellation mit einer Landesmehrheit unterscheidet sich stark vom ursprünglich gebietskörperschaftlich getriebenen Zusammenschluss der Landkreise und der Stadt Cottbus. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Brandenburger Staatskanzlei, die, repräsentiert durch den Lausitz-Beauftragten des Ministerpräsidenten, die politische Verantwortung für die WRL innehat. Die WRL gibt Richtlinien vor und verwaltet landesseitig die Fördermittel im Rahmen des Strukturwandels. Darüber hinaus koordiniert sie sowohl fachund regionalpolitische Themen der Landesregierung als auch die Abstimmungsprozesse mit anderen Braunkohlerevieren und stellt die Verbindung zur Bundesregierung her. In Bezug auf das Revier „versteht sich [die WRL] als Dienstleister für alle regionalen Akteure, die ein strukturrelevantes Projekt planen“ (WRL 2022). Anknüpfung an staatliche Akteursstrukturen sowie Schnittstellen in die horizontale Governance: Breites Akteursnetzwerk ohne institutionelle Anbindung Die WRL ist in ein breites Netzwerk von staatlichen Akteuren eingebettet: Die Interministerielle Arbeitsgruppe (IMAG) Lausitz steuert den Strukturentwicklungsprozess auf Landesebenen. Ihre Aufgabe ist es, die Förderwürdigkeit von Projekten zu bestätigen. Sie ist auf Ebene der Landesregierung angesiedelt. Die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) ist beratend tätig (ILB 2022). Gemeinsam mit dem Lausitzbeauftragten des Ministerpräsidenten und der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH werden in Werkstätten die eingereichten Projektideen qualifiziert. Darüber hinaus beraten ILB und WRL Projektakteure im brandenburgischen Teil des Reviers und erörtern mit ihnen gemeinsam geeignete Finanzierungsmöglichkeiten. Die Funktion respektive die Einbindung des Lausitzbeauftragten in die staatlichen Akteursstrukturen stellt eine Besonderheit im Vergleich der drei Braunkohlereviere dar: Diese 2018 etabliert Stelle
28 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND ist direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt und der Beauftragte kann als Mitarbeiter der Staatskanzlei die Revierbelange direkt mit der Landesregierung verknüpfen. Im Rheinischen und im Mitteldeutschen Revier sind die Revierbeauftragten in Stabsstellen an Ministerien angebunden (Land Brandenburg 2020). In Bezug auf die horizontale Einbindung im Revier werden zwei Akteure in ihrer Beziehung zur WRL herausgegriffen, die zum einen in besonderer Form die Rolle der kommunalen Ebene abbilden und zum anderen die unternehmerischen Aktivitäten im Teilraum des Revieres bündeln: die Lausitzrunde und die Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V. Die Lausitzrunde vereint länderübergreifend in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz demokratisch gewählte Bürgervertreter/innen aller Parteien in verschiedenen Gebietskörperschaften. Als freiwilliges Bündnis organisiert sie die Arbeit über eine öffentlich-rechtliche Vereinbarung zwischen den Mitgliedern. Sie entstand in einem Prozess, in dem sich kommunale Vertreter/innen der sächsischen und brandenburgischen Lausitz mit unmittelbarer Nähe zum Braunkohle-Bergbau über die Herausforderungen des Strukturwandels der Region abstimmten. Die Lausitzrunde versteht sich als Bindeglied der Lausitzer Bürger/innen zu den Akteuren des Strukturwandels. Sie bringt einerseits die kommunalen Belange in den Prozess der Strukturentwicklung ein und steckt hierzu gemeinsam Prioritäten und Handlungsfelder ab, die den regionalen Akteuren als Basis für ihre Arbeit dienen. Die Lausitzrunde ist jedoch nicht in offizielle Entscheidungsprozesse eingebunden (Lausitzrunde 2022). Die Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V. (WiL) ist eine ebenfalls lose in die Strukturwandelaktivitäten eingebundene Initiative, die sich als regionale Aktionsund Netzwerkplattform in der Lausitz versteht. 2009 von Lausitzer Unternehmen gegründet, engagieren sich länderund branchenübergreifend Unternehmen, Institutionen, Kammern und Kommunen in der WiL. Ihr Hauptanliegen ist es, den Wirtschaftsstandort Lausitz nachhaltig zu stärken. Die WiL steht beispielhaft dafür, dass sich Lausitzer Unternehmen schon früh als Akteursgruppe zusammengefunden haben (die Gründung erfolgte zeitgleich mit der heutigen WRL). Hervorzuheben ist, dass die LEAG, das regionale Kohleunternehmen, nicht beteiligt ist. Im Vergleich zum Rheinischen Revier fällt auf, dass die Partikularinteressen der Kommunen, der Zivilgesellschaft oder der Wirtschaft zwar im Strukturwandel des Lausitzer Reviers vertreten sind, jedoch keine institutionelle Anbindung beim Land oder der WRL erfahren. Die Akteurslandschaft ist zwar in beiden Revieren vergleichbar breit, unterscheidet sich jedoch in der jeweiligen Einbindung und damit auch in der Einflussnahme. 3.3.2 Sachsen: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung (SAS) Genese: Strukturwandel als Landesaufgabe Die Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH (SAS) ist die Landesstrukturentwicklungsgesellschaft, die für den sächsischen Teil des Lausitzer Reviers sowie den sächsischen Teil des Mitteldeutschen Reviers zuständig ist. Sie wurde 2019 vom Freistaat Sachsen gegründet. Nach der ursprünglichen Zusammenführung von bran-
29DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN denburgischen und sächsischen Landkreisen in der WRL wird die Gründung der SAS als ein Signal des Freistaats interpretiert, im Strukturwandel administrativ-politisch getrennte Wege von Brandenburg gehen zu wollen (Menschner 2020). Ende April 2021 hat die sächsische Landesregierung die „Förderrichtlinie für Zuwendungen nach dem Investitionsgesetz Kohleregionen“ beschlossen. Die Richtlinie regelt das Verfahren, nach dem Projekte für den Strukturwandel in den sächsischen Braunkohlerevieren ausgewählt und unterstützt werden. Sie folgt damit dem grundlegenden Aufbau der Mittelverteilung im InvKG, die über die Länder administriert wird. Anträge können Kommunen bzw. deren Unternehmen in den Landkreisen Bautzen, Görlitz, Leipzig, Nordsachsen sowie die Stadt Leipzig, stellen. Aufbau und Struktur: Vom Freistaat begründet Gesellschafter der SAS sind mit 51% der Freistaat Sachsen und mit 49% die Sächsische Aufbaubank (SAB) (Schwab 2020). Um einen engen Kontakt mit den Braunkohleregionen in den beiden Revieren zu gewährleisten und in der Fläche wirken zu können, verfügt die SAS in Sachsen über vier Beratungsstellen. Ähnlich umfassend wie bei der ZRR und der WRL zählt zu den Aufgaben der SAS die Beratung und Begleitung von Initiatorinnen und Initiatoren von Strukturentwicklungsprojekten: „Die SAS berät die betroffenen Landkreise und Kommunen im Strukturwandel, um Wohnen, Leben und Arbeit für eine moderne Region zu verbinden. Als Berater und Förderlotse, Ideensammler und Impulsgeber unterstützt sie die regionalen Akteure von der Idee über die Planung und Umsetzung bis zur Fertigstellung der Projekte“ (SAS 2022). Dazu findet jährlich ein Auswahlverfahren zu kommunalen Vorhaben der Strukturentwicklung statt, welches von der interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) des Landes durchgeführt wird. Kernanliegen der SAS ist darüber hinaus die enge Zusammenarbeit mit anderen Akteuren des Strukturwandels, insbesondere mit der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) sowie länderübergreifend mit der WRL und der Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH. Anknüpfung an staatliche Akteursstrukturen sowie Schnittstellen in die horizontale Governance: Zwei Reviere in einem Land Die SAS arbeitet eng mit dem Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung (SMR) zusammen. Ähnlich wie in Brandenburg gibt es auch in Sachsen einen Beauftragten für Strukturwandel, der für die Lausitz und das Mitteldeutsche Revier zuständig ist. Dieser ist als Abteilungsleitung im SMR beschäftigt und für die Koordinierung der Strukturwandelprozesse verantwortlich. Ein wichtiges Element sowohl der vertikalen als auch der horizontalen Governance des Strukturwandels in Sachsen ist der Regionale Begleitausschuss (RBA), dessen Geschäftsstelle die SAS bildet. Anknüpfend an die Beratung in der interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) hat der RBA die Aufgabe, am Projektauswahlverfahren kommunaler Projekte mitzuwirken (die durch die SAS vorgeprüft und priorisiert wurden), indem er diese bewertet und qualifiziert. Anschließend entscheiden der Freistaat Sachsen und der Bund endgültig über die von den RBA positiv beschiedenen Vorhaben, die daran anknüpfend als Fördermittelantrag bei der Sächsischen Aufbaubank eingereicht werden können. Die stimmberechtigten Mitglieder des RBA sind Vertreter/innen der Landkreise Görlitz und Bautzen, je zwei Gemeinden oder Gemeindeverbände der Landkreise sowie das Sächsische Staatsministerium für Regionalentwicklung. Des Weiteren sind die Landes-
30 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND direktion Sachsen, die Bundesagentur für Arbeit Bautzen, die DOMOWINA – Bund Lausitzer Sorben e.V. sowie Interessensgruppen aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitnehmer, Soziales, Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie, Wissenschaft und Bildung, Kultur, Tourismus und Sport, Umwelt und Klimaschutz, Klima und Energie, Landund Forstwirtschaft, Kinder und Jugend sowie regionale Planungsverbände, LEADER-Gebiete und zivilgesellschaftliche Netzwerke ebenfalls Teil des Begleitausschusses (SAS 2022). Die Struktur und die Arbeitsweise des RBA in Sachsen wird identisch für den sächsischen Teil im Mitteldeutschen Revier eingesetzt. 4 Fazit und Synthese So vielfältig und komplex, wie sich der Strukturwandel in wirtschaftlicher, sozialer, räumlicher und ökologischer Hinsicht in den Braunkohlerevieren niederschlägt, so divers sind auch die Antworten, die in Form geeigneter Governance-Strukturen erprobt werden. Der Vergleich der Landesstrukturentwicklungsgesellschaften in den Ländern und Revieren verdeutlicht dies eindrücklich (Tab. 2). Den untersuchten Institutionen ist gemein, dass sie neben den administrativen Aufgaben der Bewirtschaftung der Bundesfinanzhilfen im Kern eine Rolle als Vermittler, Kommunikationsnetzwerk und Plattform für die verschiedenen Akteure im Strukturwandel darstellen. Der Aufbau und die Struktur sowie die Schnittstellen zu anderen Akteuren (horizontal wie vertikal) unterscheiden sich dabei je nach Land und Revier deutlich voneinander, wie im Folgenden schlussfolgernd dargestellt wird. Rheinisches Revier Mitteldeutsches Revier Lausitzer Revier Landesstruktur entwicklungsgesellschaft Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) Innovationsregion Mitteldeutschland (IRMD) sowie Wirtschaftsregion Lausitz (WRL) Sächsische Agentur für Strukturentwicklung (SAS) Genese – Impulsgeber wirtschaftliche und kommunale Akteure als Initiatoren im Revier (Form: GmbH) länderübergreifende Zusammenarbeit der Gemeinden und Landkreise (Form: Projekt) im Ursprung länderübergreifende Zusammenarbeit der Gemeinden und Landkreise (Form: GmbH) WRL: Gemeinde und Landkreise als treibende Akteure der Kooperation (Form: GmbH) SAS: Land als Gründungsakteur (Form: GmbH)
31DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN Rheinisches Revier Mitteldeutsches Revier Lausitzer Revier Aufbau und Struktur Strukturen einer GmbH mit Einflechtung in politische Entscheidungsgremien des Landes Beteiligte: breites Akteursspektrum aus kommunalen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteursgruppen Keine separate Landesstrukturentwicklungsgesellschaft; Einbeziehung vorhandener Landesverwaltungsstrukturen (für Strukturwandelvorhaben in Sachsen-Anhalt) Beteiligte: kommunale und Landeseinheiten zusätzlich Projektstruktur der IRMD zur länderübergreifenden Zusammenarbeit mit Sachsen Beteiligte: breites Akteursspektrum aus kommunalen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteursgruppen WRL: Strukturen einer GmbH mit Einflechtung in politische Entscheidungsgremien des Landes Beteiligte: kommunale und Landeseinheiten SAS: Strukturen einer GmbH mit Einflechtung in politische Entscheidungsgremien des Landes (u.a. IMAG, Beauftragte) Beteiligte: Landeseinheiten
32 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND Rheinisches Revier Mitteldeutsches Revier Lausitzer Revier Vertikale und horizontale Kooperationen Starke Anbindung ans Land (vertikal), enge Verbindungen zu wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren (horizontal) Starke Anbindung ans Land IRMD: enge Verbindungen zu wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren (horizontal) WRL: Gesellschafter bestehen rein aus staatlichen Akteuren (vertikal) (auf kommunaler, Landkreisund Länderebene); Werkstattprozesse (horizontal) SAS: Angliederung an Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung (vertikal) Regionale Begleitausschüsse (horizontal) Tab. 2: Die Landesstrukturentwicklungsgesellschaften im Vergleich / Quelle: Eigene Darstellung Eigeninitiative als Triebkraft im Strukturwandel wieder aufgreifen Die drei Reviere sind von Akteurslandschaften geprägt, die einem dynamischen Anpassungsprozess unterliegen. Dabei ist hervorzuheben, dass bereits vor der Einsetzung der WSB-Kommission 2018 partnerschaftliche Akteursstrukturen in den Revieren aufgebaut wurden, die sich mit der Energiewende und dem anstehenden Strukturwandel auseinandersetzten. Der Strukturwandel wurde in den betroffenen Teilräumen eigeninitiativ angegangen. Landesgrenzen wurden zugunsten der übergreifenden Thematik als nachrangig verstanden. Spätestens mit der Verabschiedung des InvKG gingen aus den Zusammenschlüssen und Initiativen einzelne Landesstrukturentwicklungsgesellschaften hervor, die sich wiederum in den zurückliegenden zwei Jahren z.T. grundlegend verändert haben. Dies zeigt sich zum einen darin, dass aus eher informellen Kooperationszusammenschlüssen und Entwicklungsdynamiken in der länderübergreifenden Zusammenarbeit wirtschaftlich agierende Unternehmen hervorgegangen sind. Während vor der Verabschiedung des InvKG im Mitteldeutschen und im Lausitzer Revier Strukturen gepflegt wurden, die das jeweilige Braunkohlerevier in Gänze (unabhängig von Landesgrenzen) betrachteten, hat mit den formalen Strukturen des Gesetzes auch eine weitreichende Formalisierung und landesfokussierte Form der Kooperationen eingesetzt. Dementsprechend stark orientieren sich die untersuchten Landesstrukturentwicklungsgesellschaften eng an der jeweiligen Landesregierung bzw. -politik, weniger an landesübergreifenden Strategien. Das Mitteldeutsche Revier geht in dieser Hinsicht einen Sonderweg. Während der sächsische Teil des Reviers über eine Landesstrukturentwicklungsgesellschaft begleitet wird, greift der sachsen-anhaltische Teilraum auf etablierte Landesverwaltungsstrukturen zurück. Ungeachtet dessen hat das Mitteldeutsche Revier mithilfe des Pro-
33DIE LANDESSTRUKTURENTWICKLUNGSGESELLSCHAFTEN IN DEN DEUTSCHEN BRAUNKOHLEREVIEREN jektes „Innovationsregion Mitteldeutschland“ einen Weg gefunden, um länderübergreifend an den Zielen und Strategien des Strukturwandels zu arbeiten. Eine solche Lösung fehlt im Lausitzer Revier. Zwar wurde in diesem anfangs sogar eine länderübergreifende Entwicklungsgesellschaft formiert, sie wurde jedoch nach wenigen Monaten wieder in singuläre Landesstrukturen überführt. Die vergleichende Analyse zeigt deutlich, dass kooperative und länderübergreifende Prozesse von den Akteuren in den Revieren gefordert werden. Das Projekt der „Innovationsregion Mitteldeutschland“ sowie die Lausitzrunde stehen für das Bekenntnis zur Kooperation. Die jeweils fehlende Institutionalisierung respektive Anbindung an die Landesbzw. Revierstrukturen verdeutlicht jedoch auch, dass eine offizielle Verbindung fehlt. In der Konsequenz ergeben sich daraus Intransparenz, erhöhter Abstimmungsaufwand und Parallelstrukturen. Der ursprünglich eigeninitiativ und themenfokussiert gestartete Strukturwandel in den Revieren ist den landesbezogenen Strukturen des InvKG zum Opfer gefallen. In Bezug auf die Governance-Strukturen ist eine Rückbesinnung zu den Ursprungsgedanken im Sinne eines gelingenden Strukturwandels, der mehr ist als nur die Abwicklung von Fördermitteln, wünschenswert. Die Genese der Governance-Strukturen in den Revieren ist in weiteren thematischen Auseinandersetzungen aufzugreifen, um in retrospektiven Betrachtungen aktueller und künftiger Entwicklungen den originären Ursprung reflektieren zu können. Die Vielfalt der Akteure im Strukturwandel berücksichtigen Aus der Perspektive des Akteurzentrierten Institutionalismus (AZI) wird deutlich, dass eine Gemeinsamkeit zwischen den existierenden Landestrukturentwicklungsgesellschaften darin besteht, dass sie eine Governance-Mischform aus korporativen (also Landesinstitutionen, Ministerien etc.) und kooperativen (Vertreter/innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft etc.) Akteuren sind. Allerdings unterscheiden sich die Akteure und deren Schnittstellen (horizontal wie vertikal) sowie die Tiefe der Kooperationen stark voneinander. So sind beispielsweise in der Zukunftsagentur im Rheinischen Revier auch Vertreter/innen aus der Zivilgesellschaft über eine gesonderte Spurgruppe eingebunden, wohingegen diese Akteursgruppe in der Wirtschaftsregion Lausitz nicht institutionell eingebettet ist. Ein weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Landestrukturentwicklungsgesellschaften liegt darin, dass die Gesellschafterversammlung der Zukunftsagentur auch Vertreter/innen von IHK, HWK und Wirtschaftsförderungsgesellschaften sowie Gewerkschaften umfasst, wohingegen die Gesellschafter der WRL rein aus staatlichen Akteuren (auf kommunaler, Landkreisund Länderebene) bestehen. Die vergleichende Analyse zeigt, dass der Strukturwandel in den Ländern auch in Bezug auf die Akteursstrukturen unterschiedlich interpretiert und aufgespannt wird. Ein gegenseitiges Lernen von den Prozessen und Strukturen sowie den Ergebnissen der Reviere, sollte daher stärker fokussiert werden. Während die grundlegenden Aufgaben und Herausforderungen im Strukturwandel in den Revieren ähnlich sind, werden die Formate für den gegenseitigen Austausch der Länder, um Erfahrungen miteinander zu teilen und entsprechende Lernprozesse anzustoßen, bislang nicht nach außen sichtbar. Zwar gibt es unterschiedlich institutionalisierte Formate des revierübergreifenden Austausches, strukturelle Betrachtungen im jeweiligen Landesvorgehen werden jedoch im Sinne einer hoheitlichen Aufgabe in diesen Formaten nicht offiziell the-
34 23 _ TRANSFORMATIONSPROZESSE IN STADT UND LAND matisiert. Auch in diesem Zusammenhang ist eine von den Förderlogiken losgelöste prozessuale und themenbezogene Ebene des Austausches zwischen den Revieren wünschenswert. Schnittstellen und Kooperationen befördern Während die vertikale Vernetzung in den Landesstrukturentwicklungsgesellschaften klar öffentlichkeitswirksam dargestellt wird und gewisse Aspekte der horizontalen Vernetzungen erkennbar sind, ist nicht transparent nachvollziehbar, welche Anteile und Gewichtungen nichtstaatliche Akteure in den revierinternen Aushandlungen des Strukturwandels respektive der geschaffenen Institutionen haben. Aus der Analyse geht hervor, dass in allen Revieren eine Vielzahl an Akteuren in Diskussionsprozessen eingebunden ist. Unkonkret bleibt allerdings, inwiefern diesen auch obliegt, Entscheidungsfindungsprozesse in den entsprechenden Gremien zu beeinflussen. Letztgenannte Erkenntnis kann u.a. auf die methodische Vorgehensweise der Untersuchung zurückgeführt werden, welche grundlegend bei öffentlich zugänglichen Dokumenten ansetzte. Es kann darüber keine abschließende Aussage hinsichtlich der Transparenz der Governance-Strukturen getroffen werden. Qualitative Erhebungsverfahren sind anzuschließen. Ungeachtet dessen bringt der Vergleich markante Unterschiede hinsichtlich der außenwirksamen Kommunikation der Akteursarbeit in den Revieren hervor. Insbesondere in den zwei länderübergreifend aufgespannten Revieren, dem Mitteldeutschen und dem Lausitzer Revier, gestaltete sich die Informationsbeschaffung durch zum Teil veraltete Inhalte und fehlende Tiefe der Informationen schwierig. Einfacher gestaltete sich die Recherche zum Rheinischen Revier, wo auf einer Website alle Informationen gebündelt aufzufinden sind. Die Herausforderung länderübergreifender Akteursstrukturen zeigt sich demnach auch deutlich in der Informationspolitik. Ausblick und Fortsetzung der vergleichenden Betrachtung Mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse rund um die Themen „Energiewende“ und „Klimaschutz“ wird die Bedeutung der Entwicklungen in den Revieren im Strukturwandel auch im größeren Kontext deutlich. Der Strukturwandel in den Braunkohlerevieren umfasst nicht nur die Energiewende, den Wirtschaftswandel oder die Landschaftsbildveränderung, wie die regelmäßig verwendeten stereotypen Darstellungen suggerieren (Abb. 5). Das wachsende zivilgesellschaftliche Interesse am Fortgang der Transformation macht nicht an Landesgrenzen halt. Die Proteste um die Abbaggerung des Ortes Lützerath im Rheinischen Revier im Januar 2023 zeigen sehr deutlich, dass der Strukturwandel zwar administrativ auf Reviere begrenzt ist, das gesamtgesellschaftliche Interesse daran aber nicht an diesen Grenzen aufhört. So demonstrierten bundesweit Personen für den Erhalt des Ortes in Nordrhein-Westfalen. Im Ergebnis der Betrachtung von Governance-Strukturen in den Braunkohlerevieren steht damit auch die Erkenntnis, dass die Themen Transparenz, Vermittlung und Austausch bislang zwar revierbezogen mitgedacht werden, eine revierübergreifende und damit gemeinsame Vorgehensweise aber im Gesamtzusammenhang derzeit nicht erkennbar ist.