Die Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergleich
Abstract
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Full text
Engels, Wolfram Article Die Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergleich Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Engels, Wolfram (1984) : Die Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergleich, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 17, Iss. 4, pp. 490-506, https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293005 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergieich* Von Wolfram Engels, Bad Homburg Es geht hier um die Frage, was als Maßgut für den intertemporalen Vermögensvergleich herangezogen werden soll, „eine Frage, auf die es bis heute noch keine allgemein anerkannte Antwort gibt"1. Mit verschiedenen Maßgütern werden auch verschiedene Meßziffern von Kapitaleinkünften, also Zinsen, Gewinne etc. erzeugt; man kann Kapitaleinkünfte ganz zum Verschwinden bringen oder positive durch Wechsel des Maßgutes in negative verwandeln. Damit werden zwei Fragen aufgeworfen, nämlich — ob und in welchen Sinne Kapitaleinkünfte existieren und — ob es eine Abbildungstechnik gibt, die zweckmäßiger als andere ist. Das Problem wird in der Betriebswirtschaftslehre unter den Bezeichnungen „Substanzerhaltung" und „Inflationsbereinigung von Bilanzen" behandelt; in der Volkswirtschaftslehre finden sich ähnliche Erörterungen unter dem Stichwort „neutrales Geld". Der erste Teil behandelt die Technik der Umrechnung von Einkünften, die in einer Maßeinheit gemessen wurden, in eine andere Maßeinheit sowie die Rolle der Bewertung; der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage der Zweckmäßigkeit bestimmter Maßeinheiten. I. Inflationsbereinigung von Bilanzen 1. Die Technik der Messung von Kapitaleinkünften mit verschiedenen Maßeinheiten Würde man in der umfangreichen betriebswirtschaftlichen Literatur zur Substanzerhaltung bzw. zum inflation accounting die Seiten zählen, die * Der Verfasser widmet diesen Aufsatz Wolf gang Stützel zu dessen 60. Geburtstag am 23. Januar 1985. 1 Stützel (1979 a), S. 622. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergleich 491 bestimmten Fragen gewidmet werden, so käme man zu dem Ergebnis, daß der ganz überwiegende Teil sich mit Bewertungsproblemen befaßt. Dabei hat die Inflationsbereinigung von Bilanzen nicht das mindeste mit Bewertung zu tun. Sie ist ein einfacher Umrechnungsvorgang. Ebenso wie man Bilanzen in verschiedenen Währungen ausdrücken kann, so kann man auch eine Bilanz, die in einer Währung veränderter Kaufkraft vorliegt, in eine Währung mit konstanter Kaufkraft übersetzen. Die „D-Mark konstanter Kaufkraft" ist nichts anderes als eine fiktive Währung2. Angenommen seien drei fiktive Währungen, Thal er (T), Heller (H) und Grossus (G), wobei z.B. 1 T = 1 G = 1 H am 1. 1.1979 1 T = 1,1* G = 0,9l H am 31.12.1979 Der Grossus entwertet sich also gegenüber dem Thaler um 10 % pro Jahr, während der Heller gegenüber dem Thaler um 10% pro Jahr an Wert gewinnt. Zwei Unternehmer X und U und ein Angestellter Z mögen ein Einkommen von je 20 000 Thalern haben. Der Gewinn der Unternehmer ergibt sich aus den folgenden Thaler-Bilanzen: für X: Eröffnungsbilanz 1.1. (T) Schlußbilanz 31.12. (T) Anlagevermögen 30 000 T 50 000 T Umlaufvermögen + 10 000 T + 20 000 T Aktiva 40 000 T 70 000 T Verbindlichkeiten - 20 000 T - 30 000 T Reinvermögen (= Eigenkapital) 20 000 T 40 000 T für U: Eröffnungsbilanz 1.1. (T) Schlußbilanz 31.12. (T) Anlagevermögen 130 000 T 150 000 T Umlaufvermögen + 110 000 T + 120 000 T Aktiva 240 000 T 270 000 T Verbindlichkeiten - 40 000 T - 50 000 T Reinvermögen (= Eigenkapital) 200 000 T 220 000 T 2 Das ist im Prinzip seit Eugen Schmalenbachs grundlegendem Aufsatz (1921) bekannt; um so mehr muß die Konzentration der jüngeren Literatur auf Bewertungsfragen verwundern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
492 Wolfram Engèls Übersetzen wir die Bilanzen in Heller und Grossus, so bleiben laut Annahme die Hellerund Grossus-Ziffern in den Eröffnungsbilanzen gegenüber den Thaler-Ziffern unverändert, während die Ziffern in den HellerSchlußbilanzen sich dadurch ergeben, daß man die Thaler-Ziffern mit dem Wechselkurs am Jahresende (1 T = 0,9 H) multipliziert. Entsprechend verfährt man mit der Grossus-Bilanz (1 T = 1,1 G). So ergeben sich als Schlußbilanzen: für X: Schlußbilanz 31.12. (H) Schlußbilanz 31.12. (G) Anlagevermögen Umlaufvermögen Aktiva Verbindlichkeiten Reinvermögen (= Eigenkapital) für U: 45 000 H + 18 000 H 63 000 H - 27 000 H 36 000 H Schlußbilanz 31.12. (H) 55 000 H + 22 000 H 77 000 G - 33 000 G 44 000 G Schlußbilanz 31.12. (G) Anlagevermögen Umlaufvermögen Aktiva Verbindlichkeiten Reinvermögen (= Eigenkapital) 135 000 H + 108 000 H 243 000 H - 45 000 H 198 000 H 165 000 G + 132 000 G 297 000 G - 55 000 G 242 000 G Wenn weder Entnahmen noch Einlagen stattgefunden haben, dann ist die Reinvermögensdifferenz am Anfang und am Ende des Jahres der Gewinn. Wir erhalten also als Einkommen: in Thalern für X: für U: fürZ: 20 000 T 20 000 T 20 000 T in Hellern 16 000 H 2 000 H 18 000 H in Grossus 24 000 G 42 000 G 22 000 G Es ist klar, daß man die ganze Bilanzumwandlung gar nicht braucht. Man erhält dasselbe Ergebnis, wenn man das Eigenkapital der Schlußbilanz mit dem Faktor der Wechselkursänderung (bzw. Inflationsoder Deflationsfaktor) indexiert und das Eigenkapital der Anfangsbilanz abzieht3. Also: 3 Stützel (1979b), S. 49 - 52. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögens vergleich 493 GT = transformierter Gewinn EKl = Eigenkapital der Schlußbilanz EK0 = Eigenkapital der Eröffnungsbilanz IF = Inflationsfaktor (= 1 + Satz der Preisänderung : 100) Will man also die Bilanzen des Jahres 1979 inflationsbereinigen, so kann man die Geldentwertung zwischen Anfang und Ende 1979, also 5,4% gemessen an den Lebenshaltungskosten, wählen. Das Eigenkapital der Schlußbilanz wird also mit dem Faktor 1,054 indexiert (d.h. durch diesen Faktor geteilt). Diese Indexierung des Eigenkapitals wird beim CPP-accounting explizit und ebenso wie hier mit einem allgemeinen Index vorgenommen. Beim replacement cost accounting erfolgt die Indexierung implizit, allerdings mit einem unternehmensindividuellen Index4. Das Umrechnungsverfahren gilt natürlich nicht nur für Unternehmensgewinne, sondern in genau derselben Weise auch für die Erträge aus Geldvermögen. Herrscht also eine Inflation von 6% und werfen Bundesanleihen 8% Zins ab, so erhält der Eigentümer von 100 000 DM Bundesanleihen ein nominales steuerpflichtiges Zinseinkommen von 8000 DM. Real gerechnet beträgt sein Einkommen nur: 108 000 GT = 100 000 = 1 887 DM 1,06 Der Realzins ist nicht 8%, sondern nur 1,887 %. (Normalerweise zieht man die Inflationsrate einfach vom Nominalzins ab. Das ergäbe hier 2%. Dieses Verfahren gibt aber nur ein annäherndes Ergebnis und nur bei kleinen Inflationsraten.) 2. Bewertung und Inflationsbereinigung Für die Bewertung nach dem Aktiengesetz gilt das Niederstwertprinzip. Gewinne werden also erst ausgewiesen, wenn sie „realisiert" sind, während Verluste schon auszuweisen sind, bevor sie realisiert sind (Imparitätsprinzip). Eine formelmäßige Umwandlung kann natürlich nicht mehr leisten, als die ausgewiesenen Jahresüberschüsse von den Einflüssen der Geldentwertung zu bereinigen. Die betriebswirtschaftliche Literatur zur Inflationsbereinigung beschäftigt sich überwiegend nicht mit dieser formalen Umwandlung, sondern mit 4 Überblicke über den neueren Stand der Diskussion finden sich allgemein bei Jordi (1980) und Sieben und Schildbach (1981); speziell zu den angelsächsischen Ländern bei Jung (1982) und Mansch (1981). EKX GT = EK0 IF OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
494 Wolfram Engels der Trennung von Wertänderungen am ruhenden Vermögen (holding gains) von den Leistungsgewinnen (operating profits). Hier muß deshalb zwischen „erzielten" und „realisierten" Gewinnen unterschieden werden. Als erzielt gelten Gewinne dann, wenn die Wertoder Preissteigerung eingetreten ist, als realisiert erst, wenn die betreffenden Vermögensgegenstände verkauft werden. Der Unterschied zwischen beiden Gewinnbegriffen ist also der Zuwachs an stillen Reserven (verstanden als Differenz zwischen Tageswert und Wertansatz nach dem Niederstwertprinzip). Die realisierten Gewinne einer Periode bestehen also aus den erzielten Gewinnen dieser Periode, vermindert um die unrealisierten, aber in dieser Periode erzielten Gewinne und vermehrt um die in dieser Periode realisierten, aber in früheren Perioden erzielten Gewinne. Die ausgewiesenen (realisierten) Gewinne können also größer oder kleiner sein als die erzielten. Über lange Perioden (Gesamtlebensdauer der Unternehmung) sind die realisierten gleich den erzielten Gewinnen. Anders ausgedrückt: Durch das Niederstwertprinzip werden die Gewinne nicht vermindert, sondern nur anders periodisiert. Mit der Inflationsbereinigung hängt das insoweit zusammen, als man annimmt, daß bei Geldentwertung die ausgewiesenen Gewinne regelmäßig kleiner sind als die erzielten. Wenn das so wäre, dann ergäbe sich ein zutreffendes (fair and true) Bild der Ertragskraft der Unternehmung nur dann, wenn nicht die „realisierten", sondern die „erzielten" Gewinne ausgewiesen und inflationsbereinigt würden. Daraus folgt die Forderung nach Bewertung zum Wiederbeschaffungspreis (replacement cost accounting) oder zu einem aufgewerteten Anschaffungspreis (CPP-accounting). Tatsächlich ist diese Argumentation unscharf. Ein systematisches Zurückbleiben der „erzielten" hinter den „realisierten" Gewinnen kann man bei andauernder, gleichmäßiger Inflation nicht vermuten: Die realisierten, aber in früheren Perioden erzielten Gewinne sollten dann den in dieser Periode erzielten, aber nicht realisierten die Waage halten. Nur bei beschleunigter Inflation führt das Niederstwertprinzip zu einer systematischen Unterschätzung der Ertragskraft. Entsprechend kommt es bei verzögerter Inflation zu einer Überschätzung der Ertragskraft. Man kann die erzielten Gewinne aus veröffentlichten Bilanzen nicht entnehmen. Man kann allerdings versuchen zu schätzen, wie sich der inflationsbereinigte Gewinn verändern würde, wenn in Bilanzen statt zum Niederstwert zum Tageswert bewertet worden wäre. Wie man der Formel IF entnehmen kann, bewirken stille Reserven zweierlei: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögens vergleich 495 — Die Neubildung stiller Reserven vergrößert die Differenz zwischen EKl und EK0, erhöht also den inflationsbereinigten Gewinn. — Der Bestand an stillen Reserven erhöht das Niveau von EKX und EK0. Die Wirkung der Indexierung auf EKX wird also größer, die Differenz zwischen EKX und EK0 kleiner. Der inflationsbereinigte Gewinn wird dadurch vermindert. Ob der inflationsbereinigte Gewinn in einer Bilanz zu Tageswerten höher oder niedriger ist als in einer Bilanz zum Niederstwertprinzip, hängt also ganz davon ab, welcher Faktor quantitativ stärker ins Gewicht fällt, also hauptsächlich von der Relation des Bestandes an stillen Reserven zur Neubildung stiller Reserven. Im Durchschnitt langer Perioden sind die inflationsbereinigten Gewinne von der Art der Bewertung unabhängig, da Bewertungsunterschiede nur zu anderer Periodisierung, nicht aber zur Vermehrung oder Verminderung der Gewinne führen. Für jede Teilperiode - z.B. das Jahr 1979 - können Unterschiede auftreten. Dazu hat man zunächst zu schätzen, in welchen Bilanzpositionen stille Reserven enthalten und/oder neu gebildet worden sind. Dabei brauchen nominal gebundene Bestände - Kasse, Forderungen und Verbindlichkeiten — nicht berücksichtigt zu werden. Schuldnergewinne und Gläubigerverluste werden bereits in der Umwandlungsformel berücksichtigt. Zerlegt man die Eigenkapitalien EK der Formel in die Differenz von Vermögen (V) und Schulden (S) und ordnet neu, so erhält man: Die Gläubigergewinne aus dem realen Wertverlust der Schulden kommen in der Division der Schulden am Jahresende (SJ durch den Inflationsfaktor IF zum Ausdruck. Im gesamten sonstigen Umlaufvermögen (Roh-, Hilfsund Betriebsstoffe, Halbund Fertigfabrikate, bezogene Waren) sind weder in großem Umfang stille Reserven enthalten noch neu gebildet worden. Die Umschlaghäufigkeit dieser Bestände ist so hoch, daß zwischen Gewinnerzielung und Gewinnrealisierung nur kurze Zeiträume liegen. Man könnte allenfalls vermuten, daß eine einmal in diesen Beständen gelegte stille Reserve revolviert wird. Das würde bedeuten, daß der Bestand im Verhältnis zur Neubildung an stillen Reserven sehr hoch ist - mit der Wirkung, daß der inflationsbereinigte Gewinn einer Tageswertbilanz kleiner als der des regulären Jahresabschlusses wäre. Ebensowenig kann man in Maschinen und Anlagen eine hohe Neubildung stiller Reserven vermuten. Auf mittlere Frist wich die Inflationsrate des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
496 Wolfram Engels Jahres 1979 von 5,4% nur wenig von der durchschnittlichen Inflationsrate der siebziger Jahre (5,1%) ab. Da außerdem nur ein sehr geringer Zuwachs (Nettoinvestition) in den siebziger Jahren stattfand, so müßten 1979 die Realisierungen früher erzielter Gewinne etwa die gleiche Größenordnung aufweisen wie die 1979 erzielten, aber nicht realisierten Gewinne. Die Vermutung wird gestützt bei einer Gegenüberstellung der Gewinne und Verluste aus Anlagevermögen. Wären in dieser Position hohe stille Reserven enthalten, so müßten die Gewinne die Verluste deutlich übersteigen, was nicht der Fall ist. Beweiskräftig ist diese Beobachtung allerdings nicht. Es könnte sein, daß Maschinen und Anlagen meist gegen Ende ihrer Lebensdauer veräußert werden (Verschrottung), also zu einer Zeit, da die Unterschiede zwischen Buchund Marktwerten sehr klein sind. Demgegenüber könnten im Gesamtbestand - beispielsweise wegen Anwendung der degressiven Abschreibung - hohe stille Reserven enthalten sein. In diesem Fall würde dasselbe gelten wie für das Umlaufvermögen: Der Bestand an stillen Reserven wäre bei geringen Nettoinvestitionen extrem groß im Verhältnis zur Neubildung stiller Reserven. Dagegen sind im Grundvermögen nicht nur erhebliche stille Reserven vorhanden; es kam 1979 auch zu beträchtlicher Vermehrung dieser Reserven. Setzt man die Erhöhung der Grundstücksund Gebäudewerte 1979 mit 10% an und nimmt man weiter an, daß dem nur 2 bis 4 % Realisierungen früher erzielter Gewinne gegenüberstehen, so kann man mit einer Neubildung stiller Reserven von 6 bis 8 % des Grundvermögens rechnen. Das Grundvermögen machte rund 14% der Bilanzsumme bei einer Eigenkapitalquote von rund 25% im Durchschnitt aus. In einer Bilanz zu Tageswerten müßten diesen Gewinnen entsprechende schwebende Steuerschulden gegenübergestellt werden, so daß die Neubildung netto (d. h. vermindert um die schwebende Steuerlast) bei 2,4 bis 3,6% liegen dürfte. Der Durchschnitt von 3 % bezieht sich nicht auf den Buchwert, sondern auf den Tages wert des Grundvermögens. Will man die Wirkung auf den inflationsbereinigten Gewinn ermitteln, so braucht man zusätzlich eine Annahme über das Verhältnis von Buchwert und Tageswert des Grundvermögens zu Jahresanfang. Diese Rechnung ergibt, daß sich der Niveaueffekt des Bestands an stillen Reserven und der Differenzeffekt der Neubildung stiller Reserven bei den hier gewählten Werten (im Durchschnitt 3 % steuerund inflationsbereinigte Wertsteigerung beim Grundvermögen; Grundvermögen zu Buchwerten 14%, Eigenkapital 25% der Bilanzsumme) gerade ausgleicht, wenn der Tages wert zu Jahresbeginn 225% des Buchwerts betrug. An einer Musterbilanz: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensvergleich 497 Veröffentlichte Bilanzen (Niederstwertprinzip) Eröffnungsbilanz 1.1. Schlußbilanz 31.12. Grundvermögen 140 000 140 000 Sonstiges Vermögen + 860 000 + 880 000 Aktiva 1 000 000 1 020 000 Verbindlichkeiten - 750 000 - 750 000 Eigenkapital 250 000 270 000 Nominalgewinn: 20 000 270 000 Inflationsbereinigter Gewinn: 250 000 = 6 200 1,054 Tageswertbilanzen (Grundvermögen 225 % des Buchwerts) Eröffnungsbilanz 1.1. Schlußbilanz 31.12. Grundvermögen 315 000 324 500 Sonstiges Vermögen + 860 000 + 880 000 Aktiva 1 175 000 1 204 500 Verbindlichkeiten - 750 000 - 750 000 Eigenkapital 425 000 454 500 Nominalgewinn: 29 500 454 500 Inflationsbereinigter Gewinn: 425 000 = 6 200 1,054 Die Tageswerte des Grundvermögens lagen vermutlich zu Anfang 1979 beträchtlich mehr als 125% über den Buchwerten. Trifft das zu, dann würden die inflationsbereinigten Gewinne aus Tageswertbilanzen entsprechend niedriger liegen als die inflationsbereinigten Gewinne der veröffentlichten Bilanzen. II. Die Eignung eines Maßgutes für den intertemporalen Vermögensvergleich Fassen wir das Maßgut als ein körperliches Gut (oder einen Güterkorb) auf und sehen wir von Lagerhaltungskosten etc. ab, dann müssen die Zinsen und die erwarteten Renditen aller Vermögensanlagen in jedem Maßgut gemessen gleich werden. Im Arbitragegleichgewicht an effizienten Märkten werden die Relationen von Kassaund Terminpreisen für alle Güter gleich. Andernfalls ergäben sich lohnende Arbitragemöglichkeiten bzw. lohnende OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
504 Wolfram Engels ihrerseits die Welt verändern können. Die Praktikabilitätserwägung ist offensichtlich: Zwar kann man sich Maßeinheit und Geldeinheit getrennt vorstellen, diese Trennung würde jedoch eine beträchtliche Komplikation des Wirtschaftslebens bedeuten. Die bisherigen Erwägungen führten zu dem Ergebnis, daß ein Maßgut, in dem gemessen der Preis des Marktportefeuilles als konstant erscheint, in diesem Sinne zweckmäßig sei. Die Einheit hat die Eigenschaft, daß die Summe aller Kapitaleinkünfte stets als Null gemessen wird. Die Untersuchung ist jedoch unvollständig. Geprüft wurde nur die Eignung einer Maßeinheit für Entscheidungsrechnungen, als „standard of deferred payments", die Konsistenz theoretischer Modelle mit gemessenen Ergebnissen und die Erfüllung der Bilanzzwecke. Wir haben an anderer Stelle ausführlicher dargelegt, daß die optimale Geldeinheit eine Einheit sei, in der der Preis des Marktportefeuilles als konstant erscheint. Diese Einheit bringt Vorteile in der Ressourcenallokation, der Stabilität und der Geldversorgung (Sättigung mit Liquidität)13. So bleibt als letztes die Wahrnehmung der Welt und die Wirkungen, die diese Wahrnehmung auf Religionen, Philosophien und Ideologien hat. Wenn Zinsen und Renditen nicht in dem Sinne existieren, daß man sie in irgendeiner Weise physisch erfassen könnte, wenn sie also reine Produkte einer bestimmten Abbildungstechnik der Welt sind, dann läge es nahe, Zinsen und Renditen auch als Null auszuweisen. Hätte man die Welt so abgebildet, dann wären eine Fülle von Konflikten zwischen religiösen und moralischen Forderungen einerseits und der wirtschaftlichen Realität andererseits nicht entstanden. Moses wie Christus wie Mohammed haben das Zinsnehmen verboten. Philosophien aller Zeiten haben Zinsen und Gewinne als unsittlich gebrandmarkt. Es ist schwer vorstellbar, daß der Marxismus hätte entstehen können, wenn nicht Gewinn ausgewiesen und als Ausbeutungsrate hätte interpretiert werden können. Die frühen Theorien des Zinses und des Gewinns waren Rechtfertigungslehren. Sie hätten sich erübrigt. Es ist schon ein merkwürdiger Gedanke, daß die Feindseligkeit von Religionen und Philosophien gegenüber dem Kapitalismus auf einer bestimmten Abbildungstechnik der Welt beruhen sollte. Literatur Brady, Dorothy S. und Rose Friedman: Savings and the Income Distribution, in: Studies in Income and Wealth, NBER Studies No.10, New York 1947, S. 247 ff. — Duesenberry, James S.: Income-Consumption Relations and their Implications, in: 13 Engels (1981). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögens vergleich 505 Income, Employment and Public Policy, Essays in Honor of Alvin D. Hansen, New York 1948. — Engels, Wolfram (1962): Betriebswirtschaftliche Bewertungslehre im Licht der Entscheidungstheorie, Köln und Opladen 1962. — Engels, Wolfram (1976): Bemerkungen zu den Bilanztheorien von Moxter und Stützel, in: Baetge, Jörg, Adolf Moxter und Dieter Schneider: Bilanzfragen, Düsseldorf 1976, S. 33ff. — Engels, Wolfram (1981): The Optimal Monetary Unit, Frankfurt und New York 1981. — Jordi, Hans R.: Inflation Accounting, Bern und Stuttgart 1980. — Jung, Willi: Inflation Accounting in den USA, in: Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis, 1982, S. 48ff. — Mansch, Helmut: Inflationsrechnungen in den USA und Großbritannien, in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 1981, S. 419ff. — Mitschke, Joachim: Über die Eignung von Einkommen, Konsum und Vermögen als Bemessungsgrundlagen der direkten Besteuerung, Berlin 1976. — Laux, Helmut und Hans Schneeweiss: On the Onassis Problem, in: Theory and Decision (2), 1972, S. 353 ff. — Schwalenbach, Eugen: Geldwertausgleich in der bilanzmäßigen Erfolgsrechnung, in: Zeitschrift für handelswissenschaftliche Forschung, Jg. 15, 1921, S. 401 ff. — Sieben, Günter und Thomas Schildbach: Substanzund Kapitalerhaltung, in: Handwörterbuch des Rechnungswesens, 2. Auflage, Stuttgart 1981, Sp. 1511 - 1528. — Stützel, Wolfgang (1967): Bemerkungen zur Bilanztheorie, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 1967, S. 314ff. — Stützel, Wolfgang (1970): Die Relativität der Risikobeurteilung von Vermögensbeständen, in: Herbert Hax (Hrsg.): Entscheidung bei unsicheren Erwartungen, Köln und Opladen 1970, S. 9ff. — Stützel, Wolfgang (1979a): Besprechung von Manfred Witte, Probleme der Substanzerhaltung der Unternehmen bei Geldentwertung aus volkswirtschaftlicher Sicht, Köln 1977, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Jg. 194 (1979), Heft 6, S. 622 f. — Stützel, Wolfgang (1979b): Das Mark-gleich-Mark-Prinzip und unsere Wirtschaftsordnung, BadenBaden 1979. Zusammenfassung Die Eignung von Maßgütern für den intertemporalen Vermögensausgleich Gewinne, Renditen und Zinsen existieren nicht. Sie sind lediglich Produkte bestimmter Abbildungstechniken der Welt. Über die Höhe der Meßziffern von Kapitaleinkünften und deren Reihenfolge entscheidet die Wahl des Maßguts für den intertemporalen Vermögensvergleich. Die Wahl dieses Maßgutes ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage. Es wird begründet, daß die zweckmäßigste Maßeinheit eine Einheit ist, in der der Preis des Marktportefeuilles als konstant erscheint. Gemessen in dieser Einheit treten keine expliziten Zinsen auf, der Durchschnitt der Renditen und die Summe der Kapitaleinkünfte sind Null. Summary The Suitability of Yardstick Goods for Intertemporal Wealth Comparisons Profits, yields and interest rates do not exist. They are merely products of certain representation techniques in our world. With regard to the magnitude of the index numbers for capital incomes and their sequence, the choice of the yardstick good is 34* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50
506 Wolfram Engels decisive. The choice of the yardstick good is purely a matter of expediency. It is argued that the most expedient measure is a unit in which the price of the market portfolio appears to be constant. Measured in terms of this unit, there are no explicit interest rates, while the average of the yields and the sum of the capital incomes are zero. Résumé L'adéquation de biens-étalons pour la balance intertemporelle des patrimoines Bénéfices, rendements et intérêts n'existent pas. Ce ne sont que les produits de certaines techniques d'illustration du monde. Le niveau des données de mesure des produits du capital et de leur hiérarchie est déterminé par le choix du bienétalon pour la balance intertemporelle des patrimoines. La sélection de ce bienétalon est une simple question d'opportunité. Il est démontré que l'unité de mesure la plus appropriée est une unité dans laquelle le prix du portefeuille du marché apparaît constant. Rapportés à cette unité, il n'y a pas d'émergence d'intérêts explicites, et la moyenne des rendements comme la somme des revenus du capital sont égales à zéro. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.17.4.490 | Generated on 2023-01-16 12:50:50