[Rezension] Diehl, Paula, Brigitte Bargetz (Hrsg.) (2024): The Complexity of Populism. New Approaches and Methods
Abstract
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Möller, Kolja Book Review — Published Version [Rezension] Diehl, Paula, Brigitte Bargetz (Hrsg.) (2024): The Complexity of Populism. New Approaches and Methods Politische Vierteljahresschrift Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Möller, Kolja (2024) : [Rezension] Diehl, Paula, Brigitte Bargetz (Hrsg.) (2024): The Complexity of Populism. New Approaches and Methods, Politische Vierteljahresschrift, ISSN 1862-2860, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 66, Iss. 2, pp. 485-488, https://doi.org/10.1007/s11615-024-00586-3 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/323504 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
REZENSION https://doi.org/10.1007/s11615-024-00586-3 Politische Vierteljahresschrift (2025) 66:485–488 Diehl, Paula, Brigitte Bargetz (Hrsg.) (2024): The Complexity of Populism. New Approaches and Methods New York/Oxon: Routledge. 212 Seiten. £ 39,99 Kolja Möller Angenommen: 2. Dezember 2024 / Online publiziert: 21. Dezember 2024 © The Author(s) 2024 Populistische Politikformen vereinfachen gesellschaftliche Problemlagen. Sie teilen den politischen Raum, indem sie immerzu einen Widerspruch zwischen Volk und Elite herbeirufen, der als übergreifender Orientierungspunkt dient. Dabei grenzen sie ein „Wir, das Volk“ von einem „Sie, die Elite“ ab. Um den Jargon der zeitgenössischen Forschung zu bemühen, antagonisieren und polarisieren sie die politische Diskussion. Unterschiedliche Wellen der Populismusforschung haben seit den 1970er-Jahren daran gearbeitet, genauer zu bestimmen, worin diese Vereinfachungsleistung besteht und wie sie sich zu bestehenden liberaldemokratischen Verfahren verhält. Dabei hat sich in der internationalen Diskussionslandschaft – etwa im Oxford Handbook of Populism (2017) – eine recht schematische Aufteilung zwischen sogenannten „ideellen“ und „diskursiven“ Zugriffen ergeben. Für die ideellen Zugriffe stellt der Populismus vor allem eine eigene Art der politischen Programmatik dar. Sie beruht auf der Annahme eines reinen Volkswillens, der gegen potenzielle Gegner positioniert wird. Demgegenüber legen die Populismustheorie Ernesto Laclaus und die daran anschließenden diskursiven Zugriffe ein weites Verständnis des Populismus an. Folglich umfasst er eine Vielzahl an Anti-Establishment-Diskursen. Selbst wenn, so die Annahme, keine besonders ausgeprägte populistische Ideologie verfolgt wird, ist die Politik in Demokratien so strukturiert, dass Protest und Opposition sich wie vermittelt auch immer am Ende doch populistisch – im Namen des Volkes – gerieren. Beide Ansätze sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten ausführlich in der internationalen Forschungsdiskussion behandelt, erweitert, kritisiert und revidiert worden, wobei sich ein Grundproblem immer wieder stellt: Eine angemessene Populismuskonzeption muss einerseits die Vielgestaltigkeit populistischer Politikformen berücksichtigen, die sich vom zeitgenössischen Rechts- Kolja Möller TU Dresden, Dresden, Deutschland E-Mail: [email protected] K
486 K. Möller populismus über den Linkspopulismus bis zu Spielarten des religiösen Populismus erstreckt. Andererseits gilt es, einen „conceptual overstrech“ zu umgehen, in dem die Konturen des Populismus verschwimmen und am Ende des Tages alle möglichen Bezüge aufs Volk oder beliebige Polarisierungsphänomene als Populismus gelten. Der jüngst erschienene Band „The Complexity of Populism“ arbeitet sich an dieser Problemlage ab. Er will den Blick für alternative Analysezugänge öffnen, die aus dem zwischenzeitlich leicht esoterisch anmutenden Wechselspiel aus ideell und diskursiv herausführen. Schon der Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Buches verspricht eine Vielzahl an Perspektiven auf den Populismus, die von der Psychoanalyse über die Körperund Affekttheorie bis zur Linguistik reichen. Den roten Faden bildet jedoch das schon angeführte Problem, wie man der inneren Komplexität des Populismus gerecht wird, ohne die Einheit des Forschungsgegenstands aufzulösen. Ein naheliegender Vorschlag, den die Herausgeberinnen Paula Diehl und Brigitte Bargetz in ihren Beiträgen unterbreiten, besteht in einem „mehrdimensionalen“ Zugriff, der den Populismus in unterschiedliche Aspekte aufgliedert (S. 5). In ihrem Beitrag beschreibt Paula Diehl näher, wie sich diese mehrdimensionale Analyse fassen lässt (S. 19–36): Zunächst liegt eine „ideologische“ Dimension des Populismus vor. Sie ist durch die Unterscheidung zwischen Volk und Elite gekennzeichnet, die wiederum in unterschiedlicher Intensität von schwach bis stark auftritt. Eine weitere Dimension ist die „Kommunikationsdimension“ – demnach sind vulgäre Kommunikationsweisen, Simplifizierungen und Polarisierungen typisch für den Populismus und auch sie treten gradiert in jeweils starker oder schwacher Form auf. Die letzte Dimension besteht in der „Organisationsdimension“. Hier wird beobachtet, wie typisch populistische Organisationsvorstellungen – etwa die Skepsis gegenüber intermediären Institutionen oder die Orientierung an einer Führungsfigur – ausgeprägt sind. Auf dieser Grundlage, so Diehl, wird zweierlei möglich: Einerseits bietet das Schema eine Grundlage für Vergleiche zwischen unterschiedlichen Akteuren und Spielarten des Populismus. Andererseits sind so Varianten des Populismus berücksichtigt, die in einer oder zwei der jeweiligen Dimensionen nur schwach ausgeprägt sind. Das einschlägige Beispiel ist die Politik Silvio Berlusconis, der seit den 1980er-Jahren das italienische Parteiensystem umwälzte (S. 22). Er bemühte zwar einen populistischen Kommunikationsstil, in seinen Reden allerdings lassen sich keine ausgeprägten Bezüge auf die Volkssouveränität und das Volk feststellen. Trotzdem macht es vor dem Hintergrund des vorgeschlagenen Schemas Sinn, Berlusconi als einen Fall des Populismus zu betrachten, da er in wenigstens einer der Dimensionen – nämlich der Kommunikationsdimension – einen hohen Intensitätsgrad aufweist. Das vorgeschlagene Schema hat seine Stärke tatsächlich darin, den Populismus nicht nur in seinen besonders augenfälligen Formen – sei es bei Donald Trump oder Hugo Chavez – zu identifizieren, sondern ebenso mildere oder untypische Varianten aufzunehmen. Allerdings mag es sein, dass die erste Dimension, die hier mit populistischer Ideologie umschrieben ist, nicht auf Augenhöhe mit den beiden anderen Dimensionen der Kommunikation und der Organisation interagiert: Wenn es sich wirklich um eine Ideologie im Sinne einer politischen Ideenlehre handelt, leuchtet es ein, unterschiedliche Ausprägungen zu differenzieren. Allerdings könnte man argumentieren, dass selbst milde, wenig explizite Varianten doch unterschwellig mit der Volkssouveränität verknüpft bleiben. Denn die Politik ist unter demokratiK
Diehl, Paula, Brigitte Bargetz (Hrsg.) (2024): The Complexity of Populism. New Approaches... 487 schen Bedingungen selbst auf eine Weise konfiguriert, die eine Oppositionspolitik „im Namen des Volkes“ nahelegt – und dies auch in Fällen, wo dieses „im Namen des Volkes“ programmatisch schwächer ist und eher im Hintergrund steht. Die Volkssouveränität ist schließlich nicht nur politisches Programm, sondern ebenso Verfassungsnorm und die populismustypische Unterscheidung zwischen Volk und Elite deshalb nicht nur starke oder schwache Ideologie, sondern Teil des politischen Systems, wie es sich herausgebildet hat. Nachdem dieses mehrdimensionale Analyseschema entwickelt ist, wenden sich die Beiträge des Bandes sozialpsychologischen Erklärungsmodellen zu. Birgit Sauer zeigt beispielsweise auf, wie stark der zeitgenössische Rechtspopulismus auf der Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen beruht; Brigitte Bargetz leuchtet die Rolle von „Affekten“ in rechtspopulistischen Mobilisierungen aus, Stefan Bird-Pollan klärt ab, inwieweit psychoanalytische Zugriffe geeignet sind, um den Populismus zu analysieren. Der daran anschließende Beitrag des Historikers Federico Finchelstein mit dem Titel „A Global Historical Perspective on Populism“ verändert das Terrain der Analyse in einer entscheidenden Hinsicht: Der Beitrag diskutiert, inwieweit populistische Politikformen in geschichtliche Trajektorien einzuordnen sind. Demnach sei der Populismus ein spezifisch modernes Phänomen, das seinen Ausgangspunkt in Lateinamerika hatte (S. 112). Folgen wir Finchelsteins Betrachtung, dann zogen hier Akteure wie der brasilianische Präsident Getúlio Vargas und der argentinische Präsident Juan Péron Schlüsse aus dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit. Der Populismus erschien ihnen als politisches Regime, das eine Alternative zum Liberalismus westlicher Prägung als auch zum Faschismus bereithält. Die Orientierung bestand folglich in einem „demokratischen“ Anspruch, der gleichsam akklamatorisch und illiberal konfiguriert wurde – in den Worten Finchelsteins „eine autoritäre Form der Demokratie“, die auf „Wahlverfahren“ beruht, aber in der Folge andere „Formen demokratischer Partizipation“ zerstört (S. 109). Finchelstein macht darauf aufmerksam, dass Populismen an der Macht oft aus dem Zerfall diktatorischer Regime – zunächst 1945 und schließlich 1989 – hervorgingen. Im zeitgenössischen Rechtspopulismus sieht Finchelstein nun eine Faschisierung des Populismus am Werk – Ansätze, die dem klassischen Populismus der Nachkriegszeit eher fremd waren wie etwa Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die Anwendung politischer Gewalt und Post-truth-Politics als auch die rein diktatorische Ausübung politischer Herrschaft, spielten heutzutage in den Populismen Trumps und Bolsonaros eine tragende Rolle (S. 119). Insofern stellt sich die Frage, welche Trajektorien sich identifizieren lassen und ob in jüngerer Zeit von einer tiefgreifenden Veränderung des Populismus selbst i.S. einer Rechtsentwicklung auszugehen ist. Finchelsteins Beitrag ist hervorzuheben, da er Fragen aufwirft, die in der Populismusforschung bisher nur rudimentär untersucht sind: Aus welchen längeren Trajektorien gehen Populismen hervor, wie entwickeln sie sich in der Folge und wie verlängern sie sich in die Zukunft? Die Beobachtung einer möglichen Faschisierung des Rechtspopulismus könnte in weitere Richtungen weitergesponnen werden: Wie beispielsweise ist die Rigidisierung eines linken Populismus einzuordnen, die in den letzten Jahren in Venezuela zu beobachten war? Oder in entgegengesetzter Richtung: Auf welcher Grundlage entstehen postpopulistische Konstellationen, wie sie gegenwärtig etwa in Polen auftreten? Dies K
488 K. Möller führt natürlich gleichsam in methodische Grundprobleme, die bisher vor allem im Umfeld der historischen Soziologie und der vergleichenden Aufstandsund Revolutionsforschung behandelt wurden – man denke hier etwa an die klassischen Studien Charles Tillys oder Theda Skocpols, die allesamt der Frage nach den Bedingungsfaktoren, Entwicklungsrichtungen sowie Erfolgsoder Verfallstendenzen sozialen Wandels nachgegangen sind. Man kann Finchelsteins Beitrag jedenfalls als Ermutigung lesen, sich ein wenig aus dem Zählen und Identifizieren von Populismen in der Gegenwart zu lösen und sich in stärkerem Maße der historischen Dimension populistischer Politikformen zuzuwenden. In diesem Sinne ist positiv zu werten, dass der Band die etablierten, zwischenzeitlich ausgetretenen Wege der Populismusforschung verlässt und mit Bezügen auf Affekttheorie, Psychoanalyse, Linguistik und Feminismus alternative methodische Ansätze ins Spiel bringt. Für die Populismusforschung findet sich hier eine Fundgrube, um bestehende Erklärungsmodelle zu überprüfen oder neue Hypothesen zu entwickeln. Leider nimmt der rekapitulierende Bezug auf die bestehenden Populismusstudien einen immer noch sehr großen Raum in vielen Beiträgen ein. Vielleicht ist dies weniger dem Begehren der Autor:innen selbst als den üblichen Peer-reviewVerfahren des englischsprachigen Verlagswesens geschuldet, die den Schreibenden immer wieder einen möglichst kleinteiligen und verwaltenden Zugriff auf intellektuelle Problemlagen aufnötigen. Man mag das zwar als seriösen Anschluss an den Forschungsstand betrachten, doch drängt sich beim Lesen der Eindruck auf, dass die in der Gesamtschau instruktiven Beiträge durch das konsequentere Verfolgen der je eigenen Forschungsperspektive noch hätten an Überzeugungskraft und inhaltlicher Tiefe gewinnen können. Förderung Der Text wurde mit der Unterstützung der Forschungsförderung der German-Israeli Foundation für Scientific Research and Development (GIF), Grant Number 1557 erarbeitet. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/ 4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. K