Full text
Studiengang Logopädie Bachelorarbeit «Pharnygeale Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie» Eine Literaturrecherche zur Funktion, Wirksamkeit und Akzeptanz der pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation Eingereicht von: Lara Christen Begleitperson: Susanne Bauer Zweite Fachperson: Ramona Rüegg Datum der Abgabe: 14.02.2025
Abstract Die Postextubationsdysphagie (PED) stellt eine häufige und belastende Komplikation bei Intensivpatientinnen und -patienten dar, die nach einer mechanischen Beatmung auftreten kann. Patientinnen und Patienten mit einer Postextubationsdysphagie bleiben länger auf der Intensivstation, das Risiko einer Aspirationspneumonie und die Gesundheitskosten erhöhen sich im Vergleich zu Personen ohne Dysphagie. Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) ist eine neuere Therapietechnik zur Behandlung von Dysphagien. Die pharyngeale Elektrostimulation fördert die Reorganisation im motorischen Kortex, erleichtert die Aktivierung der kotrikobulbären Bahnen und erhöht die Menge an Substanz P im Speichel. Diese Literaturarbeit setzt sich mit der Funktion, Wirksamkeit und Akzeptanz der pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation auseinander. In der vorliegenden Arbeit werden aktuelle Studien miteinander verglichen, um die Auswirkungen von PES auf die Schluckfunktion zu evaluieren. Die Wirksamkeit des Einsatzes der pharyngealen Elektrostimulation wurde belegt durch die Reduktion des Schweregrades der Dysphagie, einer geringeren Inzidenz von Pneumonien und einer kürzeren Spitalaufenthaltsdauer. Zudem konnte eine Verringerung der Notwendigkeit für Reintubationen festgestellt werden. Die Ergebnisse der Studien sprechen für die Sicherheit und Wirksamkeit von pharyngealer Elektrostimulation als Behandlungsoption zur Verbesserung der Postextubationsdysphagie. Abschliessend zeigt die Literaturanalyse, dass die pharyngeale Elektrostimulation eine vielversprechende Therapiemethode für diese Patientengruppe darstellt, sie jedoch im klinischen Kontext weiter untersucht und implementiert werden sollte.
Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung ....................................................................................................................... 1 1.1 Ausgangslage ........................................................................................................ 1 1.2 Zielsetzung und Fragestellungen ........................................................................... 2 1.3 Aufbau der Arbeit ................................................................................................... 2 2 Dysphagie ...................................................................................................................... 3 2.1 Neuroanatomieund physiologie des Schluckens .................................................. 3 2.2 Grundlagen der Dysphagie .................................................................................... 4 2.3 Diagnostik bei Dysphagie ....................................................................................... 6 2.4 Therapieansätze bei Dysphagie ............................................................................. 7 2.4.1 F.O.T.T. – Fazio-Orale-Trakt-Therapie ................................................................ 7 2.4.2 FDT – Funktionelle Dysphagie Therapie ............................................................ 7 2.4.3 Neurostimulation ................................................................................................ 8 3 Dysphagie auf der Intensivstation ................................................................................... 9 3.1 Postextubationsdysphagie ..................................................................................... 9 3.1.1 Ursachen...........................................................................................................10 3.1.2 Risikofaktoren ...................................................................................................12 3.1.3 Symptomatik .....................................................................................................13 3.2 Diagnostik auf der Intensivstation..........................................................................13 4 Pharyngeale Elektrostimulation .....................................................................................14 4.1 Anwendung ...........................................................................................................16 4.2 Einfluss auf die Schluckfunktion ............................................................................17 4.2.1 Substanz P Konzentration .................................................................................18 4.3 Indikationen und Kontraindikationen .....................................................................19 4.4 Nebenwirkungen ...................................................................................................19 5 Methodik .......................................................................................................................19 5.1 Literaturrecherche .................................................................................................20 5.2 Auswahl der Studien .............................................................................................20 6 Ergebnisse ....................................................................................................................21
6.1 Studienübersicht ...................................................................................................21 6.2 Wirksamkeit der pharyngealen Elektrostimulation .................................................24 6.3 Erkenntnisse zur Akzeptanz und Verträglichkeit ....................................................25 7 Diskussion .....................................................................................................................26 7.1 Limitationen ..........................................................................................................28 7.2 Implikationen für die Praxis ...................................................................................30 8 Zusammenfassung ........................................................................................................32 Literaturverzeichnis ..............................................................................................................34 Abbildungsverzeichnis ..........................................................................................................41 Tabellenverzeichnis ..............................................................................................................41 Anhang .................................................................................................................................42
1 1 Einleitung 1.1 Ausgangslage Schlucken ist ein automatisierter physiologischer Vorgang, ähnlich wie Gehen oder Sprechen. Im Durchschnitt schlucken wir mehr als 1000-mal am Tag, also etwa einmal pro Minute. Das Schlucken bzw. die Nahrungsund Flüssigkeitsaufnahme ist somit lebensnotwendig (Eibl et al., 2019, S. 364). Jeder fünfte Krankenhauspatient bzw. jede fünfte Krankenhauspatientin leidet an einer Dysphagie (Eibl et al., 2019, S. 364). Eine Dysphagie ist eine Schluckstörung, die alle Phasen des Schluckaktes betreffen kann, wobei sowohl die Nahrungsals auch die Flüssigkeitskonsistenzen beeinträchtigt sein können (Eibl et al., 2019, S. 364). Sie kann sowohl die orale Phase, einschliesslich Speichelmanagement, Kauen und Bolusvorschub, als auch die pharyngeale Phase mit der Boluspassage und Atemwegssicherung betreffen (Jones et al., 2018). Betroffene erfahren oft Angst, Unbehagen und Verlegenheit beim Essen, was zu sozialem Rückzug und einer verminderten Lebensqualität führt (Cheng et al., 2021). Generell wird zwischen einer primären und einer sekundär erworbenen Dysphagie unterschieden, wobei die primäre z.B. neurogener Natur sein kann und die sekundär erworbene Dysphagie meist unabhängig von der Aufnahmediagnose ist und somit z.B. als Folge eines Intensivaufenthaltes auftreten kann. Wenn Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation intubiert werden müssen, besteht ein erhöhtes Risiko für eine Schluckstärung (Albrecht & Nusser-Müller-Busch, 2024). Obwohl die maschinelle Beatmung vielen schwerkranken Patientinnen und Patienten das Leben gerettet hat, kann sie auch zu verschiedenen Komplikationen führen, die den Gesundheitszustand dieser Personen in unterschiedlichem Ausmass zusätzlich beeinträchtigen (Luo et al., 2024). Viel Aufmerksamkeit wurde bereits den Komplikationen gewidmet, die während und als Folge der mechanischen Beatmung auftreten können und mit einem erhöhten Risiko für Extubationsversagen, Tracheotomie und Tod verbunden werden. Langfristig erhöhen diese Komplikationen die Morbidität und können zu einer längeren Verweildauer auf der Intensivstation und im Krankenhaus sowie zu einer verlängerten Genesungszeit führen (Fernando & Seely, 2020). Eine häufig unterschätzte und noch wenig erforschte Komplikation der mechanischen Beatmung ist die Dysphagie nach Extubation, die sogenannte Postextubationsdysphagie (PED) (Fernando & Seely, 2020). PED bezeichnet eine Gruppe von Syndromen, die zu Schluckstörungen nach Extubation aufgrund struktureller und funktioneller Störungen im Mund, Pharynx oder Ösophagus führen (Luo et al., 2024). McIntyre et al. (2021) stellten in ihrer Studie fest, dass 41% der kritisch kranken Patientinnen und Patienten nach endotrachealer Intubation wahrscheinlich eine PED aufweisen. See et al. (2016) fanden heraus, dass Patientinnen und Patienten mit PED ein elf Mal höheres Aspirationsrisiko haben als solche ohne PED. Und McIntyre et al. (2022) weisen darauf hin, dass Patientinnen und Patienten mit PED doppelt so
2 lange auf der Intensivstation und insgesamt länger im Krankenhaus bleiben als solch ohne PED. Eibl (Eibl, 2020) schreibt, dass bei mehr als 10% der Patientinnen und Patienten die Dysphagie nach der Entlassung von der Intensivstation persistiert, bei mehr als 60% sogar nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Daher ist es wichtig, eine Postextubationsdysphagie frühzeitig zu erkennen und zu behandeln (Rheinwald et al., 2022). Neue interventionelle Ansätze zur Behandlung der PED sind sehr gefragt (Schefold et al., 2020), da die Behandlungsmöglichkeiten im klinischen Setting bisher begrenzt sind (Muhle et al., 2024). Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) ist eine neue Therapietechnik zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Dysphagie (Schefold et al., 2020). Es konnte gezeigt werden, dass die PES die Reorganisation des schluckbezogenen motorischen Kortex fördert, die Aktivierung der kortikobulbären Bahnen erleichtert und die Menge an Substanz P im Speichel erhöht. Auch bei tracheotomierten, schwer dysphagischen Schlaganfallpatientinnen und -patienten konnte die PES kürzlich die Dekanülierung beschleunigen (Suntrup-Krueger, 2023). Die PES-Therapie wurde zur sicheren und erfolgreichen Behandlung neurogener Schluckstörungen bei Patientinnen und Patienten mit verschiedenen Erkrankungen eingesetzt (Traugott et al., 2021). Trotz der grossen klinischen Bedeutung der Postextubationsdysphagie wird diese Komplikation in vielen Fällen immer noch zu wenig beachtet, was zu einer verzögerten Diagnose und damit auch zu einer verspäteten Therapieeinleitung führt (Likar et al., 2024; Traugott et al., 2021). 1.2 Zielsetzung und Fragestellungen Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Funktion, die Wirksamkeit und die Akzeptanz der pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation zu erarbeiten. Aus dieser Zielsetzung wurden folgende Fragestellungen formuliert: a) Wie beeinflusst die pharyngeale Elektrostimulation die Schluckfunktion? b) Welche Wirksamkeitsbelege gibt es zur pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation? c) Welche Erkenntnisse gibt es zur Patientenund Patientinnenakzeptanz und Verträglichkeit der pharyngealen Elektrostimulation? 1.3 Aufbau der Arbeit In Kapitel 2 werden die theoretischen Grundlagen der Dysphagie behandelt, wobei genauer auf die Neuroanatomie und -physiologie, die Diagnostik und verschiedene Therapieansätze eingegangen wird. Das anschliessende Kapitel 3 fokussiert sich auf das spezifische Auftreten der Dysphagie auf der Intensivstation, mit besonderem Augenmerk auf die Postextubationsdysphagie (PED). Unter anderem werden die Ursachen, Risikofaktoren und Symptome der
3 PED, sowie die diagnostischen Verfahren erläutert. Kapitel 4 widmet sich der pharyngealen Elektrostimulation in den Unterkapiteln werden die Anwendung, der Einfluss auf die Schluckfunktion, die Indikationen und die Kontraindikationen und mögliche Nebenwirkungen erläutert. In Kapitel 5 wird die Methodik der Arbeit beschrieben, gefolgt von Kapitel 6, in dem die Resultate präsentiert und die Ergebnisse zur Wirksamkeit und Akzeptanz der PES zusammengefasst werden. In Kapitel 7 folgt dann die Diskussion, wobei die Ergebnisse der Arbeit reflektiert und die Implikationen für die Praxis diskutiert werden. Abschliessend wird im Kapitel 8 eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse präsentiert und eine abschliessende Bewertung der pharyngealen Elektrostimulation als Therapiemöglichkeit für Patientinnen und Patienten mit Postextubationsdysphagie gegeben. 2 Dysphagie 2.1 Neuroanatomieund physiologie des Schluckens Der Schluckakt ist ein hochkomplexer Vorgang, an dem mehr als 25 Muskelpaare in Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf und Speiseröhre beteiligt sind. Der Schluckakt lässt sich in vier Phasen unterteilen, die orale Vorbereitungsphase, die orale, die pharyngeale und die ösophageale Phase, wobei die Übergänge fliessend sind (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 21–22). Die orale Vorbereitungsphase dient der Bolusvorbereitung, bei der die Nahrung im Mund zerkleinert, mit Speichel vermischt und für den Weitertransport gesammelt wird (Bartolome et al., 2022, S. 25). Die Dauer der oralen Vorbereitungsphase ist variabel und hängt von der Grösse und Konsistenz des Bolus ab (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 21). In der oralen Phase wird der Nahrungsbolus durch die Zunge in Richtung Oropharynx transportiert. Diese Phase dauert weniger als eine Sekunde (Bartolome et al., 2022, S. 25–30). Danach folgt die pharyngeale Phase, die mit der Auslösung des Schluckreflexes beginnt. Der Nahrungsbolus wird durch den Pharynx in den Ösophagus transportiert (Bartolome et al., 2022, S. 25), während die Stimmlippen und die Epiglottis die Atemwege schützen (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 22). Die pharyngeale Phase dauert maximal eine Sekunde und endet, sobald sich der obere Ösophagussphinkter wieder schliesst. Die letzte Phase ist die ösophageale Phase, in der der Bolus mittels Peristaltik durch die Speiseröhre in den Magen transportiert wird. Die ösophageale Phase ist beendet, sobald sich der untere Ösophagussphinkter wieder schliesst, was zwischen vier und 20 Sekunden dauert und sich mit zunehmendem Alter verlängert (Bartolome et al., 2022, S. 25–37). Die folgenden Strukturen sind am Schluckvorgang beteiligt: der primäre motorische und sensorische Kortex, das supplementäre-motorische Areal, der anteriore Teil der Insel, das frontoparietale Operculum, die kortiko-bulbären Bahnen, der Hirnstamm mit Mittelhirn, Pons und Medulla oblongata, die Kerne der beteiligten Hirnnerven V, VII, IX, X und XII, Nucleus ambiguus und der Nucleus tractus solitarius. Die kontinuierliche Anpassung des Schluckvorgangs an die Nahrung wird durch die kortikalen Schluckzentren im Frontalsowie Parietallappen
4 gewährleistet. Sie initiieren den willkürlichen Schluckakt, koordinieren die orale und pharyngeale Phase und kontrollieren die sensiblen Informationen der oralen Phase (Eibl et al., 2019, S. 25–26). Im Hirnstamm werden die unwillkürlichen pharyngealen und ösophagealen Phasen koordiniert und ausgeführt (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 33). Diese werden durch die «Central Pattern Generators» (CPGs) gesteuert. Das Schlucken kann unabhängig von den kortikalen Zentren funktionieren, sofern die CPGs intakt sind (Eibl et al., 2019, S. 26). An der Steuerung und Ausführung des Schluckaktes sind die fünf Hirnnerven V, VII, IX, X und XII beteiligt (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 27), die alle im Hirnstamm entspringen, wo sich auch ihre Kerne befinden, die wiederum die Bahnen zum Kortex bzw. zur Muskulatur ziehen (Eibl et al., 2019, S. 15). Der N. trigeminus, der V. Hirnnerv, koordiniert über den dritten Nervenast die Kaumuskulatur (Warnecke & Dziewas, 2018, S. 22). Der N. facialis, der VII. Hirnnerv, versorgt die gesamte mimischen Muskulatur, sowie die Geschmacksfasern in den vorderen zwei Drittel der Zunge. Der N. glossopharyngeus, der IX. Hirnnerv, innerviert die Uvula, das Gaumensegel und die oberen Pharynxkonstriktoren und -heber, sowie die Bitterempfindung im hinteren Zungendrittel (Eibl et al., 2019, S. 17). Der X. Hirnnerv, der N. Vagus, ist der längste Nerv unseres Körpers, versorgt die Uvula, das Gaumensegel, die unteren und oberen Pharynxkonstriktoren, die gesamten äusseren und inneren Kehlkopfmuskeln sowie die Schleimhäute des Zungengrundes, des unteren Pharynx und innerhalb des Kehlkopfs oberund unterhalb der Glottis (Eibl et al., 2019, S. 18). Die gesamte innere und äussere Zungenmuskulatur wird vom N. hypoglossus, dem XII. Hirnnerv, versorgt (Eibl et al., 2019, S. 20). 2.2 Grundlagen der Dysphagie Obwohl es in der Dysphagiologie keine Klassifikation im eigentlichen Sinne gibt, können die Dysphagien nach ihren Ursachen gruppiert werden (Eibl et al., 2019, S. 377). Die Einteilung nach Eibl et al. (2019, S. 379) kann als Orientierung für Diagnostik und Therapie dienen. Die Einteilungen werden hier kurz zusammengefasst. Neurogene Dysphagien sind Schluckstörungen, die auf eine Störung des zentralen oder peripheren Nervensystems zurückzuführen sind. Strukturelle Dysphagien entstehen durch Schädigungen der peripheren Strukturen und Organe. Im Alter treten altersbedingte Schluckstörungen aufgrund von Organveränderungen auf. Diese Schluckstörungen werden als Presbyphagien bezeichnet. Auf Intensivstationen kann es durch Langzeitintubation oder Tracheotomie zu einer verminderten Sensibilität im Rachenund Kehlkopfbereich sowie zu einer eingeschränkten Mobilität von Kehlkopf, Epiglottis und Zungengrund kommen. Diese durch Intubation oder Tracheotomie verursachten Schluckstörungen werden als Intensivdysphagien bezeichnet. Ösophageale Dysphagien sind Dysphagien, die der ösophagealen Phase zugeordnet werden, die durch Mobilitätsstörungen oder Erkrankungen der Speiseröhre verursacht werden. Psychogene Dysphagien weisen keine neurogenen Ursachen auf, weshalb unklare Schluckbeschwerden nicht selten als neurogen
5 diagnostiziert werden. Schluckstörungen, die aufgrund von Medikamenten entstehen oder verstärkt werden, nennt man Medikamenten-induzierte Dysphagien (Eibl et al., 2019, S. 378). Die Leitsymptome einer Dysphagie lassen Rückschlüsse auf die zugrundeliegenden Pathomechanismen zu und bestimmen somit die Therapieplanung (Weber et al., 2024, S. 67). Im Folgenden werden die wichtigsten Leitsymptome einer Dysphagie, Leaking, Residuen, Penetrationen und Aspirationen zusammengefasst. Unter Leaking versteht man das vorzeitige, unkontrollierte Abgleiten von Nahrungsbestandteilen in den Rachen, bevor der Schluckreflex ausgelöst wird (Eibl et al., 2019, S. 368). Ursachen für Leaking können sein: eine verminderte orofaziale Kontrolle, orofaziale Sensibilitätsstörungen, Beeinträchtigung der orolingualen Boluskontrolle, verzögerte Schluckreflextriggerung oder linguale Hyperkinesen (Weber et al., 2024, S. 67–69). Residuen sind definiert als Bolusreste, die nach dem Schlucken, postdeglutitiv, in der Mundhöhle, Rachen oder um den Kehlkopf verbleiben (Eibl et al., 2019, S. 369). Die Ursachen werden gemäss ihrer Lokalisation unterteilt und können Einschränkungen in der oralen Phase, wie verminderte Muskelspannung der Wangen oder eine beeinträchtigte orale Sensibilität vorweisen. Weitere Ursachen können eine beeinträchtigte hyolaryngeale Exkursion, eine Schwäche der Pharynxmuskulatur, eine mangelhafte Zungenextraktion oder eine Störung des oberen Ösophagussphinkter sein (Weber et al., 2024, S. 70–71). Bei der Penetration wird zwischen nasaler und laryngealer Penetration unterschieden. Bei einer laryngealen Penetration handelt es sich um Nahrungsbestandteile oder Flüssigkeiten, die prä-, intraoder postdeglutitiv in den Kehlkopfeingang oberhalb der Stimmlippen gelangen. Ursachen können eine reduzierte hyolaryngeale Elevation, ein unvollständiger Verschluss der Taschenfalten oder eine sekundär bedingte Öffnungsstörung des oberen Ösophagussphinkters (oÖS) sein (Eibl et al., 2019, S. 370). Ein weiteres wichtiges Symptom der Dysphagie ist die Aspiration, bei der Speichel, Sekret, Speisereste oder Flüssigkeiten in die Trachea gelangen. Ursachen für eine Aspiration sind häufig laryngeale Penetration, orale und pharyngeale Residuen, posteriores Leaking, sowie verminderte Schluckreflexe, verminderte pharynegolaryngeale Sensibilität oder eingeschränkte orale Kontrolle (Weber et al., 2024, S. 74–75). Das wohl gefährlichste Symptom ist die stille Aspiration, bei der die Person keine Schutzreflexe zeigt, sobald ein Fremdkörper in den Kehlkopfeingang gelangt (Eibl et al., 2019, S. 370). Aspirationssymptome werden in direkte und indirekte Symptome unterteilt. Direkte Symptome treten auf, während oder nach dem Schlucken und Umfassen Husten, gurgelnde Atemgeräusche, veränderte Stimmqualität, Zyanose oder Tachykardie. Indirekte Symptome hingegen stehen in keinem direkten Zusammenhang und können zu vermehrtem Schleim, erhöhter Temperatur, brodelnden Atemgeräuschen, Stimmveränderungen, Kurzatmigkeit und Pneumonien führen (Weber et al., 2024, S. 75–76). «Eine Dysphagie kann gravierende gesundheitliche und soziale Folgen haben», schreibt Eibl (2019, S. 371). Dysphagien können zu Aspirationspneumonien, Exsikkosen oder
12 3.1.2 Risikofaktoren Postextubationsdysphagie ist ein komplexes und multifaktorielles Krankheitsbild, das ein multidisziplinäres Team auf der Intensivstation erfordert, um eine frühzeitige Erkennung und Behandlung zu gewährleisten (McIntyre et al., 2022). McIntyre et al. (2022) weisen in ihrer Studie darauf hin, dass aufgrund der Variabilität der Studiendesigns die Evidenzbasis nur schwer zu durchschauen ist und somit eine eindeutige Identifizierung von Kernrisikofaktoren verhindert wird. Alter Oliveira et al. (2018) konnten in ihrer retrospektiven Querschnittsstudie keinen Konsens bezüglich einer Prädisposition für Dysphagie oder das Aspirationsrisiko aufgrund des Alters feststellen. Laut Oliveira et al. (2018) zeigen einige Studien ein erhöhtes Aspirationsrisiko nach der Extubation bei Patientinnen und Patienten im Alter von über 55 Jahren, während andere Studien bestätigen, dass ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren kein erhöhtes Risiko für eine Dysphagie nach der Extubation aufweisen. Auch in der prospektiven Beobachtungsstudie von Zuercher et al. (2020) erwies sich das Alter nicht als eindeutiger Risikofaktor. BMI Zuercher et al. (2020) stellten in ihrer Studie fest, dass jeder Anstieg des BMI das Risiko einer Dysphagie auf der Intensivstation um ca. 6 % reduzierte. Intubationsdauer In Bezug auf die Intubationsdauer stellten Oliveira et al. (2018) fest, dass Patientinnen und Patienten, die acht bis 14 Tage intubiert waren, ein 5,5-fach höheres Aspirationsrisiko aufwiesen. Sie schreiben, dass die Dauer der Intubation auch in anderen Studien als unabhängiger Prädiktor für Dysphagie angesehen wurde (Oliveira et al., 2018). Wiederum schreiben McIntyre et al. (2022) in ihrer Studie, dass die Dauer der Intubation das Risiko einer PED bei Patientinnen und Patienten mit längerer Intubation nicht erhöht. Sie schreiben jedoch auch, dass eine längere Intubationsdauer weiterhin als ein wahrscheinlicher Faktor für eine PED angesehen wird, da die Evidenzbasis für diesen Risikofaktor bei näherer Betrachtung jedoch uneinheitlich und teilweise widersprüchlich ist. Daher sollte in Betracht gezogen werden, dass gleichzeitig bestehende Faktoren, die mit einer längeren Intubationsdauer einhergehen, wie zum Beispiel eine kritische Myopathie oder eine Polyneuropathie, zum Dysphagierisiko beitragen können. Darüber hinaus empfehlen sie, Patientinnen und Patienten mit kurzer und langer Intubationsdauer in zukünftige PED-Studien einzubeziehen, um die Intubationsdauer als möglichen Risikofaktor für Dysphagie besser verstehen zu können (McIntyre et al., 2022). Geschlecht Gemäss McIntyre et al. (2022) hat das Geschlecht allein keinen Einfluss auf das Risiko einer PED. Auch Kehlkopfverletzungen während der Intubation waren zwischen den Geschlechtern gleicht verteilt. McIntyre et al. (2022) sagen, dass das Geschlecht und die Dauer der Intubation
13 das Risiko einer PED bei Patientinnen und Patienten, die mindestens 48 Stunden intubiert waren, nicht erhöhen. Glottische Dysfunktion Oliveira et al. (2018) beschreiben in ihrer Querschnittsstudie, dass Veränderungen der Stimmlippenfunktion ebenfalls mit einer Dysphagie assoziiert sind, da die Stimmlippen sowohl für die Phonation als auch für den Schutz der unteren Atemwege verantwortlich sind. Sie stellten einen signifikanten Zusammenhang zwischen veränderter Stimmqualität, Dysphagie und Aspirationsrisiko fest. Sie wiesen nach, dass Patientinnen und Patienten, die über einen längeren Zeitraum intubiert werden und eine glottale Dysfunktion aufweisen, ein deutlich erhöhtes Risiko für Dysphagie und Aspiration haben (Oliveira et al., 2018). 3.1.3 Symptomatik Atemwegskomplikationen infolge einer orotrachealen Intubation sind häufig und die Symptome in der Regel von kurzer Dauer. Aber in einigen Fällen können die Schädigungen schwerwiegend und dauerhaft sein und laryngeale und tracheale Strukturen betreffen (Oliveira et al., 2018). Laut Mota et al. (2012) sind die häufigsten Veränderungen: Ödeme, Geschwüre, Risswunden, Knorpeltraumata, Dysphonie, Stimmlippenparese oder -lähmung, Polypen, Granulome und Kehlkopfverengungen. Heiserkeit gilt als eines der häufigsten Symptome nach einer orotrachealen Intubation (Oliveira et al., 2018). Auch Wallace und McGrath (2021) beschreiben folgende Symptome, die nach einer Extubation auftreten können: Stridor, Stimmermüdung, Halsschmerzen, Heiserkeit, Schwierigkeiten beim Abhusten von Sekret, hörbarer Speichelrückstau in den oberen Atemwegen, schlechter Husten, Störungen des Schluckens und Aspiration. 3.2 Diagnostik auf der Intensivstation In den letzten Jahren wurde der Schluckfunktion von Patientinnen und Patienten aufgrund der hohen Inzidenz von Postextubationsdysphagie in der frühen Phase nach der Extubation mehr Aufmerksamkeit geschenkt (Luo et al., 2024). Leder et al. (2019) berichteten in ihrer Studie über eine abnehmende Tendenz der Inzidenz von PED mit Raten von 14 % nach einer Stunde, 8 % nach vier Stunden und 7 % nach 24 Stunden nach der Extubation. In einer prospektiven Kohortenstudie stellten Marvin et al. (2019) ausserdem fest, dass sich die Schluckfunktion zwischen vier und 24 Stunden nach der Extubation verbessert. Basierend auf dieser Hypothese schlussfolgerten sie, dass Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risiko frühzeitig untersucht werden sollten, während man bei Personen mit höherem Risiko die Untersuchung bis näher an die 24 Stunden nach der Extubation hinauszögern sollte (Marvin et al., 2019). Obwohl die Forschung auf einen Rückgang der Inzidenz von PED nach der Extubation hinweist, sind die Empfehlungen bezüglich des optimalen Zeitpunkts für die Durchführung von Schluckuntersuchungen nach wie vor uneinheitlich (Luo et al., 2024). Derzeit gibt es keine
14 etablierten Richtlinien, die den optimalen Zeitpunkt für die Erstbeurteilung von PED bei Intensivpatienten und -patientinnen nach orotrachealer Intubation empfehlen. Eine frühe und schnelle Identifizierung von PED, bevor komplexere und teurere Diagnostikinstrumente eingesetzt werden, minimiert das Auftreten von Komplikationen (Yu et al., 2024). Die Wahl an Beurteilungsinstrumente zur Beurteilung von PED spielt eine entscheidende Rolle (Yu et al., 2024). Es ist weder praktikabel noch notwendig, bei allen post-extubierten Intensivpatienten und - patientinnen teure und zeitaufwändige instrumentelle Dysphagietests durchzuführen. Eine Einschätzung des Aspirationsrisikos mittels eines kostengünstigen, schnell durchführbaren und einfach zu interpretierenden Schlucktests vor Beginn der oralen Ernährung ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Erst wenn der Schlucktest bei einem Patienten oder einer Patientin ein Aspirationsrisiko anzeigt, sollte eine umfassende Dysphagiediagnostik, z. B. eine instrumentelle Untersuchung, durchgeführt werden. Screeningtests mit hoher Sensitivität sollten in Erwägung gezogen werden, um Patientinnen und Patienten mit einem Aspirationsrisiko möglichst genau zu identifizieren (Leder et al., 2019). Leder et al. (2019) empfehlen in ihrer Studie das «Yale Swallow Protocol» (YSP). Wenn der Test eine Stunde nach der Extubation versagt, kann der Test je nach medizinischem und neurologischem Zustand des Patienten oder der Patientin zwischen einer und 24 Stunden wiederholt werden. Eine instrumentelle Diagnostik sollte erst nach mehrmaligem Versagen innerhalb von 24 Stunden, durchgeführt werden (Leder et al., 2019). Bereits Macht et al. (2014) empfahlen, dass das Pflegepersonal zunächst einen relativ sensitiven, einfach durchzuführenden Test, wie z. B. einen Wasserschlucktest, durchführen und erst bei Misserfolg eine Logopädin oder einen Logopäden hinzuziehen sollten (Macht et al., 2014). 4 Pharyngeale Elektrostimulation Das zunehmende Verständnis der neurologischen Veränderungen bei Patienten und Patientinnen mit neurogener Dysphagie hat zur Entwicklung neuer Behandlungsansätze geführt (Cheng et al., 2022). Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) ist eine neuromodulatorische Behandlung, die die kortikale Reorganisation fördert, um die Schluckfunktion nach einer Hirnverletzung wiederherzustellen. Sie erleichtert die Aktivierung der kortikobulbären Bahnen und verbessert die periphere sensorische Funktion im Pharynx (Muhle et al., 2024). Die PES stimuliert die afferente sensorische Rückkopplung, was zu einer verbesserten Reorganisation des schluckbezogenen motorischen Kortex und zu einem Anstieg der salviaren Substanz P, einem schluckbezogenen Neurotransmitter, führt, was wiederum zu einem quantitativ und qualitativ verbesserten Schlucken führt (Schefold et al., 2020). Suntrup et al. (2015) konnten in ihrer randomisierten klinischen Studie bei tracheotomierten Schlaganfallpatientinnen und -patienten nachweisen, dass die pharyngeale Elektrostimulation signifikant mit einer Verbesserung des Atemwegschutzes und der Schluckfunktion assoziiert war, wodurch bei der Mehrheit
15 der Patientinnen und Patienten eine Dekanülierung möglich wurde (Koestenberger et al., 2020). Die pharyngeale Elektrostimulation wurde in zahlreichen klinischen und neurophysiologischen Studien getestet, darunter die von Hamdy et al. (1998), die zeigten, dass die PES zu einer Verbesserung der kortikalen Reorganisation und einer erhöhten Erregbarkeit des motorischen Kortex führt, was wiederum die Wiederherstellung der Schluckfunktion nach Hirnverletzungen fördert (Suntrup-Krueger et al., 2016). Dies wurde durch Stimulation des Zungengrundes und der hinteren Pharynxwand mittels Elektroden erreicht, wobei die kortikale Repräsentation des Pharynx für mindestens 30 Minuten erhöht blieb (Suntrup-Krueger et al., 2016). Die PES erwies sich auch als eine wirksame Methode zur Behandlung von Dysphagie nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma und anderen Ursachen. Eine gross angelegte, prospektive, einarmige klinische Kohortenbeobachtungsstudie (PHADER) von Bath et al. (2020) mit über 230 Patientinnen und Patienten bestätigte die Sicherheit der PES und zeigte eine signifikante Reduktion von Dysphagie und Penetrationssowie Aspirationsereignissen (Blakemore et al., 2021). Weitere Studien von Dziewas et al. (2018) und Koestenberger et al. (2020) haben gezeigt, dass die PES auch bei der frühzeitigen Entwöhnung von tracheotomierten Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation von Nutzen sein kann (Blakemore et al., 2021). Neben Schlaganfallpatientinnen und -patienten zeigte die PES auch vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Dysphagien infolge neurologischer Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom und Multipler Sklerose (Blakemore et al., 2021). Eine österreichische Fallserie von Traugott et al. (2022) zeigt, dass 15 von 19 tracheotomierten schwerkranken Personen nach einer PES-Behandlung erfolgreich dekanüliert werden konnten. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass die PES auch bei nicht-neurologisch bedingten Dysphagien eine wertvolle Rolle spielt, insbesondere bei Personen, die aufgrund einer Tracheotomie intensivmedizinisch betreut werden (Williams et al., 2024). Für die pharyngeale Elektrostimulation wurde ein kommerzielles Phagenyx® -System (Phagnesis Ltd., Machester, UK) verwendet, das aus einem nasogastralen Ernährungskatheter mit Stimulationsringelektroden und einer computergestützten Basisstation besteht, die Stimulationen im Bereich von 1-50 mA bei 5 Hz abgibt (Dziewas et al., 2018). Das Phagenyx® -System, siehe Abbildung 3 auf Seite 16, wurde für die Behandlung der oropharyngealen Dysphagie entwickelt, die durch eine Störung oder Schädigung der für die Kontrolle der Schluckfunktion verantwortlichen kortikalen Zentren, oder der sensorischen neurologischen Architektur des peripheren Schluckreizes verursacht wird (Phagenesis, 2021).
16 4.1 Anwendung Bei der pharyngealen Elektrostimulation (PES) wird ein nasogastraler, schlauchförmiger Stimulationskatheter verwendet, in den zwei speziell entwickelte Elektroden integriert sind (Traugott et al., 2021). Das Phagenyx® -System besteht aus der Basisstation EPSB3 und dem Katheter PNX-1000 (Phagenesis, 2021). Führungsmarkierungen auf dem Katheter erleichtern die Positionierung der Elektrode. Die Kontaktqualität zwischen den Elektroden und dem Zielgewebe wird während der Behandlung kontinuierlich vom System überwacht, um sicherzustellen, dass das richtige Gewebe stimuliert wird und die Stimulationsdosis kontrolliert wird. Darüber hinaus ermöglicht der Katheter die komfortable und sichere Verabreichung einer enteralen Ernährung (Phagenesis, 2021). Die korrekte Platzierung der Elektroden wird endoskopisch kontrolliert (Muhle et al., 2024). Durch Kommunikation mit dem Patienten oder der Patientin findet das medizinische Personal eine individuell angepasste Stimulationsintensität für eine optimierte PES. In der Regel wird die Stimulation mit einer Stromstärke zwischen 1 und 50 mA, einer Stimulationsfrequenz von 5 Hz und einer Pulsbreite von 200 Mikrosekunden durchgeführt. Jede PESPeriode dauert in der Regel 10 Minuten (Traugott et al., 2021). Die Stromstärke wird individuell nach der Wahrnehmungsschwelle (PT) und der maximal tolerierten Schwelle (MTT) eingestellt, die vor jeder Behandlung bestimmt werden. Der tatsächliche Stimulationsstrom (SI) wird dann vom Phagenyx®-System automatisch nach folgender Formel bestimmt (PT + 0,75×(MTT-PT)). Die maximale Stimulationsintensität ist vom Gerät auf 50 mA begrenzt. Wenn der Patient oder die Patientin nicht über nonverbale basale Kommunikationsfähigkeiten verfügt, wird PT als erste auffällige Reaktion auf die Stimulation festgelegt, z. B. das Auslösen Abbildung 2. Phagenyx-System mit Basisstation EPSB3 und Katheter PNX-1000 (Phagenesis, 2021)
17 eines Schluckvorgangs. MTT wird als klinisches Anzeichen von Unwohlsein definiert (z.B. Veränderung der Mimik, Anstieg der Herzfrequenz oder des systolischen Blutdrucks ≥ 10%). Während der Behandlung werden die Patientinnen und Patienten kontinuierlich auf klinische Anzeichen und Schluckaktivität durch den Arzt, der die PES anwendet, überwacht (Muhle et al., 2024). Die Anzahl der Behandlungen, die erforderlich sind, um einen maximalen therapeutischen Nutzen zu erzielen, variiert von Person zu Person. Das Standardbehandlungsschema umfasst drei Behandlungen, eine pro Tag an drei aufeinander folgenden Tagen. Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten spricht auf diese Anzahl von Behandlungen an. Für die Minderheit, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Anzeichen einer Besserung zeigt, können zusätzliche Behandlungen durchgeführt werden. Insgesamt können maximal 6 Behandlungen durchgeführt werden. Danach wird der Katheter elektronisch gesperrt, um weitere Behandlungen zu verhindern (Phagenesis, 2021). 4.2 Einfluss auf die Schluckfunktion Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) wirkt über die Erregung sensibler Fasern in der Pharynxwand, deren Information an die sensomotorische Schluckareale des ZNS und von dort über kortikobulbäre Fasern an die Schluckmuskulatur weitergeleitet wird (Weber et al., 2024, S. 270). Die Elektroden geben einen schwachen elektrischen Strom an die Pharynxmuskulatur ab, der die periphere und kortikale neurale Kontrolle des Schluckens stimuliert (Williams et al., 2024). In einer Magnetenzephalographie (MEG)-Studie von Suntrup et al. (2015) wurde eine PES-Sitzung mit Veränderungen der schluckbezogenen Hirnaktivierung in bestimmten kortikalen Arealen wie dem rechten primären und sekundären sensomotorischen Kortex und dem rechten supplementären motorischen Areal in Verbindung gebracht (Muhle et al., 2017). Es wird angenommen, dass die Verbesserungen nach der Behandlung mit der zerebralen Plastizität des Gehirns zusammenhängen, die durch die Stimulation der afferenten sensorischen Schluckbahnen ausgelöst wird (Williams et al., 2024). Die Firma Phagenesis erklärt die Funktionsweise der PES mit dem Phagenyx®-System wie folgt: Seine Funktionsweise beruht auf der Abgabe elektrischer Stimuli an die in den Schleimhäuten des Oropharynx verlaufenden sensorischen Nerven. Die Lokalisierung und die Frequenz des Stimulus wurden dahingehend optimiert, die neuronale Plastizität in den im Zusammenhang mit der Kontrolle der Schluckfunktion stehenden Bereichen des Gehirns zu fördern. Der Stimulus induziert und beschleunigt einen kortikalen Reorganisationsprozess, bei dem die Zuständigkeit für die Kontrolle und Koordination der Schluckfunktion aus dem betroffenen Bereich in einen komplementären Bereich der kortikalen Zentren mit intakter Funktion verlagert wird. Die Behandlung steigert außerdem die lokal vorhandene Menge schluckrelevanter Neurotransmitter im Oropharynx. (Phagenesis, 2021, S. 8)
18 Neben den Studien, die darauf hindeuten, dass PES die Erregbarkeit und Reorganisation des motorischen Kortex verbessert, gibt es eine zweite Beweislinie, die sich auf die physiologische Wirkungsweise von PES konzentriert und auf die Substanz P (SP) abzielt (Muhle et al., 2017). 4.2.1 Substanz P Konzentration Substanz P (SP) ist ein Neuropeptid, das überall im peripheren und zentralen Nervensystem Nervensystem vorkommt (Suntrup-Krueger et al., 2016). Es ist bekannt, dass es den Schluckund Hustenreflex verstärkt und wahrscheinlich als Neurotransmitter in der Rachenschleimhaut als Reaktion auf lokale Reize wirkt (Muhle et al., 2017). Arai et al. (2003) legten in ihrer Studie ebenfalls nahe, dass Aspiration nach einem Schlaganfall mit einer niedrigen SP-Konzentration zusammenhängen könnte. Weitere Studien von Nakagawa et al. (1997) und (1995) berichteten über niedrige SP-Konzentrationen im Sputum älterer Patientinnen und Patienten mit Aspirationspneumonie und dass niedrige SP-Konzentrationen im Speichel mit einer Abschwächung des Schluckreflexes assoziiert sind, was zu Aspiration von im Pharynx zurückgehaltenem Speichel führen kann, ohne dass dieser durch Schlucken entfernt wird (Niimi et al., 2018). In einer weiteren Studie zeigte die Gruppe um Suntrup-Krueger et al. (2016), dass PES bei gesunden Personen zu einem vorübergehenden Anstieg der SP-Konzentration im Speichel, nicht aber im Serum führt. In der Studie von Muhle et al. (2017) wurde festgestellt, dass ein Anstieg der SP unmittelbar nach der Stimulation eng mit einer Verbesserung der Schluckfunktion verbunden war. Das zweite Hauptergebnis dieser Studie war, dass die Bedeutung des PES-assoziierten Anstiegs der SP auch in einer kleinen Kohorte von drei Patientinnen und Patienten beobachtet wurde, die mehrere Stimulationszyklen erhielten. Alle drei Personen zeigten einen Anstieg der mittleren SP-Werte beim Übergang vom ersten zum zweiten Zyklus. Bei einer Person bestätigte sich dieser Trend auch nach Anwendung eines dritten PES-Zyklus. Zwei der drei Personen konnten nach wiederholter PES dekanüliert werden. Es konnte gezeigt werden, dass die SP eng mit der Physiologie und Pathophysiologie des Schluckens verbunden ist. Muhle et al. (2017) vermuten daher, dass die durch PES ausgelöste Freisetzung von SP eine periphere Sensibilisierung sensorischer Neurone bewirkt, die die motorische Schluckreaktion im vorgeschalteten Schlucknetzwerk erleichtert. SP könnte somit als Biomarker dienen, der das potenzielle Ansprechen auf die PES anzeigt (Muhle et al., 2017). Arai et al. (2003) schlugen Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer (ACE-Hemmer) als mögliche Strategie zur Verringerung der Aspiration nach einem Schlaganfall vor, da diese pharmazeutischen Wirkstoffe die SP-Spiegel erhöhen sollen, indem sie deren Abbau verhindern. Muhle et al. (2017) widersprechen dem jedoch, da in ihrer Studie die gleichzeitige Behandlung mit ACE-Hemmern keinen Einfluss auf die SP-Spiegel oder den Stimulationserfolg hatte (Muhle et al., 2017).
19 4.3 Indikationen und Kontraindikationen Die PES-Therapie wurde zur sicheren und erfolgreichen Behandlung neurogener Dysphagie bei Patienten mit verschiedenen Erkrankungen eingesetzt: bei oral intubierten Patienten auf der Intensivstation, bei tracheotomierten Schlaganfallpatienten mit schwerer Dysphagie, bei Patienten mit Hirnverletzungen und bei Patienten mit Multipler Sklerose (Traugott et al., 2021). Zu den Kontraindikationen zählen: - Anatomische Anomalien im Mundund Rachenraum - Schwere Herzinsuffizienz oder COPD im Endstadium - Patientinnen und Patienten mit einem implantierten elektrischen Gerät oder einem invasiven Gerät mit aktiven elektrischen Komponenten - MRT-Scan: der Phagenyx®-Katheter muss für einen MRT-Scan entfernt werden - Schwangerschaft - Die Anwendung ist bei Kindern nicht zulässig - Infektionen, besonders im Halsbereich (Phagenesis, 2021) 4.4 Nebenwirkungen Einige seltenen Nebenwirkungen wurden von Phagenesis dokumentiert: - Zähneklappern oder Gesichts-/ Ohrenschmerzen: Wenn dies auftritt, sollte die Behandlung unterbrochen und der Katheter ein bis zwei cm zurückgezogen werden. Wenn der Patient bzw. die Patientin weiterhin die Nebenwirkung zeigt, muss die Behandlung gestoppt und der Katheter gezogen werden. Ansonsten kann die Behandlung weiter durchgeführt werden. - Hypersalivation: Eine übermässige Speichelproduktion kann während der Behandlung vorkommen und gilt nicht als schädlich. - Aryknorpelödem oder Rachenabszess: Im Laufe der Zeit kann es durch den Katheter zu Kontaktreizungen kommen. Wenn der Patient über vier Stunden nach Ende der Stimulation weiterhin Schmerzen oder Beschwerden verspürt, muss der Katheter nach Abschluss der Behandlung entfernt werden. (Phagenesis, 2021) 5 Methodik Bei dieser Bachelorarbeit handelt es sich um eine Literaturarbeit, deren Ziel es ist, den aktuellen Forschungsstand zur pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie zu ermitteln. Dabei werden die Funktion, die Wirksamkeit und die Akzeptanz der pharyngealen
20 Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation untersucht. Hierfür wurden relevante Studien und wissenschaftliche Arbeiten ausgewählt und miteinander verglichen. 5.1 Literaturrecherche Für die Literaturrecherche wurden die Datenbanken PubMed, Swisscovery und EBSCO genutzt. Die Suche erfolgte unter Verwendung einer Kombination spezifischen Suchbegriffe, die sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache eingegeben wurden, um eine umfassende Sammlung relevanter Studien und Artikel sicherzustellen. Dabei wurden die Operationen AND und OR verwendet, um die Suchergebnisse weiter einzugrenzen und präzise Treffer zu erzielen. Es wurden folgende Suchbegriffe verwendet: Dysphagie (engl. dysphagia), Postextubationsdysphagie (engl. postextubation dysphagia), Intensivstation (engl. intensive care unit), Pharyngeale Elektrostimulation (engl. pharyngeal electrical stimulation), Substanz P, Prädiktive Faktoren (engl. predictive factors), Risikofaktoren (engl. risk factors) und kritisch kranke Patienten (engl. critically-ill patients). 5.2 Auswahl der Studien Die Auswahl der Studien für die Beantwortung der zweiten und dritten Fragestellung erfolgte unter Berücksichtigung spezifischer Inklusionsund Exklusionskriterien. Inkludiert wurden Studien, die explizit die pharyngeale Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie auf der Intensivstation untersuchten. Zusätzlich wurden Studien berücksichtigt, die die Postextubationsdysphagie nicht ausdrücklich erwähnten. Es wurden nur Studien aus den Jahren 2020 bis 2025 einbezogen, um aktuelle Forschungsentwicklungen zu integrieren. Exkludiert wurden Studien an Patientinnen und Patienten ohne intensivmedizinische Behandlung, ohne bekannte mechanische Beatmung oder ohne diagnostizierte Postextubationsdysphagie. Studien, die rein an tracheotomierten Patientinnen und Patienten durchgeführt wurden, wurden aus dieser Arbeit ausgeschlossen. Die Studie von Bath et al. (2020) wurde für diese Arbeit ebenfalls ausgewählt, jedoch wurden für die Analyse lediglich die Gruppen B und C berücksichtigt, da nur diese den Inklusionsund Exklusionskriterien entsprachen. Nachdem acht Studien für die Beantwortung der Fragestellungen herausgesucht waren, erfolgte die Erfassung der wesentlichen Daten. Hierfür wurde ein Literatur-Ergebnisraster erstellt, das die folgenden Kategorien umfasste: Autor, Titel, Jahr, Stichprobe, Studiendesign, Zeitpunkt der Anwendung, Messinstrument zur Wirksamkeit, Ergebnisse und Limitationen. Zur systematischen Auswertung wurden die Studien hinsichtlich ihrer Methodik, Stichprobengrösse, der verwendeten Messinstrumente und der berichteten Ergebnisse verglichen. Dabei wurde auch die Qualität der Studien berücksichtigt, um die Verlässlichkeit der Ergebnisse zu bewerten und mögliche Limitationen der einzelnen Arbeiten zu identifizieren.
21 6 Ergebnisse 6.1 Studienübersicht Die PHADER-Studie von Bath et al. (2020) wurde durchgeführt, um die Wirksamkeit der pharyngealen Elektrostimulation (PES) bei Patientinnen und Patienten mit schwerer Dysphagie zu untersuchen. Insgesamt wurden 252 Patientinnen und Patienten rekrutiert, von denen sieben aufgrund verschiedener Probleme aus der Analyse ausgeschlossen wurden. Die Studie unterteilte die Personen in mehrere Gruppen, jedoch wurden in der vorliegenden Arbeit nur die Gruppen B und C berücksichtigt. Gruppe B umfasste Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall, die eine mechanische Beatmung und eine Tracheotomie benötigten, während Gruppe C Patientinnen und Patienten mit Dysphagie aufgrund anderer Ursachen als Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma beinhaltete, die ebenfalls eine mechanische Beatmung benötigten. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die pharyngeale Elektrostimulation (PES) eine signifikante Verbesserung der Schluckfunktion bei schwerer Dysphagie bewirken kann. Wie in Tabelle 1 auf den Seiten 37-40 dargestellt, verringerte sich der Ausgangswert der «Dysphagia Severity Rating Scale» (DSRS) in Gruppe B von 11,7 zu 5,2 an Tag 92. In Gruppe C ging der DSRS-Wert ebenfalls von 11,9 auf 5,3 zurück. Auch die «Penetration-Aspiration-Scale» (PAS) zeigte deutliche Verbesserungen: In Gruppe B sank der Wert von 7,2 auf 3,0 an Tag 92, während der Wert in Gruppe C im gleichen Zeitraum von 6,8 auf 2,2 fiel. Nach den Ergebnissen von Bath et al. (2020) waren die Verbesserungen bei den Patientinnen und Patienten, die die Behandlung früher erhielten und eine kürzere Beatmungsdauer aufwiesen, besonders ausgeprägt. Die Autoren betonen zudem, dass die PES-Behandlung in allen Patientengruppen gut vertragen wurden und bei den Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu einer erfolgreichen Dekanülierung führte. Die Studie von Koestenberger et al. (2020) untersuchte die Prävalenz von Pneumonien und die Häufigkeit von Reintubationen bei Patientinnen und Patienten, die mit pharyngealer Elektrostimulation (PES) behandelt wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Prävalenz von Pneumonien in der Kontrollgruppe höher war als in der PES-Gruppe (21 gegenüber 4) und dass auch die Anzahl der Reintubationen in der Kontrollgruppe (6) höher war als in der Behandlungsgruppe (0). Während der Studiendauer starben insgesamt fünf Personen: Eine Person in der PES-Behandlungsgruppe verstarb aufgrund von Nierenversagen, während in der Kontrollgruppe vier Personen starben - drei aufgrund von Aspirationspneumonien und eine aufgrund eines Myokardinfarkts. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse jedoch, dass die pharyngeale Elektrostimulation im Vergleich zur historischen Kontrollgruppe mit einer geringeren Häufigkeit von Pneumonien und Reintubationen und ohne schwerwiegende Nebenwirkungen assoziiert war (Koestenberger et al., 2020). Die PhINESt Studie von Schefold et al. (2020) ist eine laufende Studie mit der bisher grössten Stichprobengrösse von bis zu 400 Patientinnen und Patienten. Die Wirksamkeit der
28 Katheters anhielten. Solche Beschwerden sind jedoch bei nasogastralen Sonden üblich. Interessant ist, dass Angst einen möglichen Einfluss auf die Stimulationstoleranz haben kann, da der Patient bei der dritten Behandlung eine deutlich geringere Stimulationsintensität zeigte und nach Blakemore et al. (2021) der Patient bei der dritten Behandlung Unannehmlichkeiten zu erwarten schien. Ansonsten wurden in dieser Studie keine unerwünschten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Gerät oder der Behandlung beobachtet. Williams et al. (2024) berichten in ihrer Studie von drei Patientinnen und Patienten, die sich unwohl fühlten und um eine Reduzierung der Behandlungsdosis baten, die Behandlungen jedoch beendeten. Darüber hinaus berichteten sie über drei weitere Personen, die nicht alle vorgeschlagenen PES-Behandlungen durchführten. Eine Person wollte die letzte Behandlung nicht mehr durchführen, bei einer weiteren Person wurde ein laryngopharyngeales Ödem als mögliche Komplikation festgestellt und bei der dritten Person nahm der Stridor während der Behandlung zu, so dass die Behandlung nicht beendet werden konnte. Bei der abschliessenden FEES-Untersuchung konnten jedoch keine dauerhaften Folgen dieser möglichen Komplikationen festgestellt werden. Mehrere Studien, darunter Bath et al. (2020), Koestenberger et al. (2020), Traugott et al. (2021) und Muhle et al. (2024), beschreiben, dass keine behandlungsbedingten Nebenwirkungen auftraten und die PES-Behandlung von den Patientinnen und Patienten grundsätzlich gut vertragen wurde. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei der PES um eine gut verträgliche und sichere Therapieoption handelt, die in der klinischen Praxis mit minimalen Risiken eingesetzt werden kann. 7.1 Limitationen Obwohl die vorliegende Arbeit wertvolle Einblicke in die pharyngeale Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie liefert, müssen einige Einschränkungen der zugrunde liegenden Studien und der durchgeführten Untersuchungen berücksichtigt werden. Diese Limitationen betreffen sowohl die Vorgehensweise der Studien als auch die allgemeinen Bedingungen, unter denen die Ergebnisse erzielt wurden. In dieser Arbeit wurden 8 Studien genauer analysiert, wobei es sich nur bei 7 Studien um abgeschlossene Studien handelt, aus denen Erkenntnisse gezogen werden konnten. Aufgrund der reduzierten Anzahl an Studien, ist die Representativität und die Übertragbarkeit auf die breitere Bevölkerung nicht gegeben. Anhand der Ergebnisse kann lediglich eine Tendenz zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der PES bei PED gezogen werden. Um klare und repräsentative Erkenntnisse ziehen zu können, fehlen grossangelegte Studien, mit einer grossen Stichprobe, wie die von Schefold et al. (2020). Einige der Studien, wie die von Bath et al. (2020), Koestenberger et al. (2020), Suntrup-Krueger et al. (2023), Muhle et al. (2024) und Williams et al. (2024), basieren auf kleinen Stichproben, was die Repräsentativität der Ergebnisse und die Generalisierbarkeit auf grössere Populationen einschränkt. Auch die Studie von Blakemore et al. (2021) weist auf eine mangelnde
29 Vergleichbarkeit hin, da es sich um eine Einzelfallstudie handelt. Die PhINESt-Studie von Schefold et al. (2020) verwendet eine grössere Stichprobe von bis zu 400 Personen. Da es sich jedoch um eine laufende Studie handelt, wurden die Ergebnisse noch nicht veröffentlicht. Trotz der kleinen Stichproben liefern diese Studien jedoch wertvolle Hinweise auf die Wirksamkeit der pharyngealen Elektrostimulation bei Postextubationsdysphagie. Traugott et al. (2021), Muhle et al. (2024) und Williams et al. (2024) weisen in ihren Studien darauf hin, dass es keine standardisierte Durchführung der PES gibt und daher das Fehlen standardisierter Behandlungsprotokolle und Diagnostikmethoden die Vergleichbarkeit und Validität der Ergebnisse beeinträchtigen kann. Die Inkonsistenz der Methoden kann die Ergebnisse verzerren. Suntrup-Krueger et al. (2023) und Muhle et al. (2024) weisen in ihren Studien darauf hin, dass kein Follow-up bzw. keine Langzeitbeobachtung durchgeführt wurde, so dass keine Informationen über die Langzeiteffekte der PES vorliegen und die positiven Effekte möglicherweise nur kurzfristig und nicht dauerhaft sind. Daher ist weitere Forschung erforderlich, um die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von PES zu evaluieren. Sowohl die PhINEST-Studie von Schefold et al. (2020) als auch die Studie von Bath et al. (2020) wurden von der Firma Phagenesis gesponsert, wodurch mögliche Interessenkonflikte die Interpretation der Studienergebnisse beeinflussen können. Die Objektivität der Forschung kann dadurch beeinträchtigt werden, da die Sponsoren ein Interesse daran haben könnten, die Wirksamkeit ihrer Produkte zu fördern. Einige der zur Beurteilung der Schluckfunktion verwendeten Skalen (z.B. DSRS, PAS, FEEDS) können eine gewisse Subjektivität bei der Beurteilung der Verbesserung der Dysphagie mit sich bringen. Die Studien von Blakemore et al. (2021) und Williams et al. (2024) berichten von unterschiedlichen Erfahrungen der Patientinnen und Patienten mit der Behandlung, wobei ein Teil der Patientinnen und Patienten Unannehmlichkeiten hatte oder Komplikationen aufwies. Dies deutet darauf hin, dass nicht alle Patientinnen und Patienten die Behandlung gleich gut vertragen, und die Variabilität der Patientenakzeptanz die Zuverlässigkeit der Ergebnisse beeinträchtigen kann. In keine der Studien wurde die Wirkung der PES auf die Substanz P untersucht, obwohl dies die Interpretation der Wirksamkeit der PES vertiefen könnte. Muhle et al. (2017) zeigten in ihrer Studie, dass die PES zu einem Anstieg der Substanz P führen kann und dass ein vorübergehender Anstieg der SP nach der Behandlung mit einer Verbesserung der Schluckfunktion einhergeht. Es wäre daher interessant gewesen, wenn die untersuchten Studien auch die Substanz P als Wirksamkeitsnachweis für die PES herangezogen hätten. Dies hätte zum einen die Bedeutung der Substanz P untermauert und zum anderen einen weiteren Faktor zur Beurteilung der Wirksamkeit der PES bei PED geliefert. Trotz dieser Einschränkungen stellt die pharyngeale Elektrostimulation eine vielversprechende Therapiemethode für die Postextubationsdysphagie dar.
30 7.2 Implikationen für die Praxis Die Ergebnisse zeigen, dass die pharyngeale Elektrostimulation (PES) eine vielversprechende Therapieoption für die Behandlung der Postextubationsdysphagie (PED) darstellt. Durch die Förderung der neuronalen Plastizität und die Verbesserung der Schluckfunktion stellt die PES eine potenzielle Intervention zur Reduktion von Komplikationen wie Aspiration, Pneumonie und Reintubation dar. Trotz der insgesamt positiven Ergebnisse bleiben einige Fragen offen, die in zukünftigen Studien weiter untersucht werden sollten. Die pharyngeale Elektrostimulation kann in der klinischen Praxis unter anderem bei Intensivpatienten und -patientinnen mit Postextubationsdysphagie eingesetzt werden. Koestenberger et al. (2020) schreiben, dass eine frühe Anwendung der PES besonders vielversprechend ist und eine frühe Intervention die besten Ergebnisse erzielt. Bei Patientinnen und Patienten, die nach einer Langzeitbeatmung noch intubiert waren, erwies sich die PES als sicher und reduzierte die Prävalenz von Pneumonien und die Häufigkeit von Reintubationen im Vergleich zu den Kontrollpersonen. Sie weisen jedoch auch darauf hin, dass weitere statistisch abgesicherte, randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind, um ihre Ergebnisse weiter zu untersuchen und zu untermauern (Koestenberger et al., 2020). Auch Suntrup-Krueger et al. (2023) schreiben, dass weitere Studien, die die Wirkung einer frühzeitigen PES vor dem Extubationsversuch in einer grösseren Population auf der Intensivstation untersuchen, notwendig sind, um diese Ergebnisse zu bestätigen. Die PES kann sowohl auf Intensivstationen als auch in Rehabilitationskliniken durchgeführt werden, sollte aber als ergänzende Therapie zur klassischen Schlucktherapie eingesetzt werden. Diese Aussage wird auch von Traugott et al. (2021) unterstützt, die schreiben, dass der Einsatz von logopädischen Massnahmen und geräteunterstützten Therapien wie der PES zu einem effektiven und frühzeitigen Management der Dysphagie führt. Ebenso ist ein ganzheitlicher Ansatz innerhalb eines multidisziplinären Teams notwendig, um Patientinnen und Patienten mit Dysphagie optimal zu versorgen (Traugott et al., 2021). Eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen ist daher unerlässlich, um die besten Ergebnisse für die Patientinnen und Patienten zu erzielen. Die PES-Behandlung erfordert eine spezielle Ausbildung des Personals, einschliesslich der Überwachung von Nebenwirkungen und der Patientenakzeptanz. PES ist eine ressourcenintensive Behandlung, die Spezialistinnen und Spezialisten mit FEES-Kenntnissen und geschultes Personal für die Durchführung der Therapie erfordert. Williams et al. (2024) betonen daher die Bedeutung einer gründlichen multidisziplinären Dysphagiediagnostik bei Risikopatientinnen und -patienten. Auch Blakemore et al. (2021) plädieren für die konsequente Anwendung standardisierter Schluckbeurteilungsprotokolle, einschliesslich der routinemässigen Durchführung instrumenteller Untersuchungen zur Erkennung stiller Aspirationen, um Schluckstörungen während des Krankenhausaufenthaltes zu erkennen.
31 Angesichts des enormen Drucks auf die Intensivstationen und andere Krankenhausabteilungen könnte eine frühzeitige Erkennung und eine effektive Behandlung eine schnellere und sicherere Entlassung von Patientinnen und Patienten mit PED von der Intensivstation und aus dem Krankenhaus ermöglichen, was wiederum lebenswichtige Ressourcen freisetzen würde (Blakemore et al., 2021). Bei Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation sollten daher ein systematisches Screening am Bett auf PED sowie Rehabilitationsmassnahmen für Dysphagie in die klinischen Protokolle aufgenommen werden (Traugott et al., 2021). Klinische Leitlinien und standardisierte Behandlungsprotokolle, die auf aktuellen Forschungsergebnissen basieren, sind notwendig, um eine optimale und sichere Anwendung der PES in der Praxis zu gewährleisten. Diese Protokolle sollten Empfehlungen für den Zeitpunkt des Therapiebeginns vor und nach der Extubation sowie Empfehlungen für die weitere Diagnostik während und nach der Therapie enthalten. Eine Individualisierung der Therapie kann jedoch erforderlich sein, um die bestmöglichen Ergebnisse für die einzelnen Patientinnen und Patienten zu erzielen. Angesichts der Nebenwirkungen, die während der Behandlung auftreten können, ist es wichtig, die Patientinnen und Patienten über mögliche Nebenwirkungen zu informieren und die Behandlung so angenehm wie möglich zu gestalten. Um die PES als Therapieoption weiter zu etablieren, sind weitere klinische Studien mit standardisierter Diagnostik und Therapie notwendig. Ebenso sind Studien notwendig, die sich mit den Langzeiteffekten der PES beschäftigen, da bisherige Studien wie die von Blakemore et al. (2021) und Williams et al. (2024) nur kurzfristige Ergebnisse berücksichtigen. Solche Langzeitbeobachtungen könnten zeigen, ob die PES auch langfristig zu einer Verbesserung der Schluckfunktion führt und welche möglichen Nebenwirkungen damit verbunden sind. Ebenfalls wäre es sinnvoll, in weiteren Studien und in der Praxis die Substanz P mit einzubeziehen. Eine Messung der Substanz P vor und nach einer Behandlung Aufschluss darüber geben, ob die PES tatsächlich zu einem Anstieg der SPKonzentration und somit zur Verbesserung der Schluckfunktion führt, wie von Muhle et al. (2017) beschrieben. Interessant wäre auch eine Langzeitmessung der Substanz P im Zusammenhang mit der Schluckfunktion. Dies könnte weitere wichtige Erkenntnisse liefern, inwiefern die pharyngeale Elektrostimulation die Substanz P und damit die Schluckfunktion beeinflusst. Zusammenfassend zeigt die PES vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Postextubationsdysphagie, doch sind weiterführende Langzeitstudien und die Standardisierung der Anwendung nötig, um ihre klinische Integration weiter zu optimieren. Um die PES erfolgreich in die Praxis zu integrieren, ist eine umfassende Schulung des medizinischen Personals sowie die Entwicklung standardisierter Behandlungsprotokolle notwendig. Mit der Entwicklung klarer klinischer Leitlinien könnte die pharyngeale Elektrostimulation zu einer wertvollen Ergänzung in der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Postextubationsdysphagie werden.
32 8 Zusammenfassung Die endotracheale Intubation ist eine lebensrettende Massnahme, die jedoch nicht immer ohne Folgen bleibt. Eine der möglichen Komplikationen ist die Postextubationsdysphagie (PED), die mit verschiedenen negativen Auswirkungen wie Aspirationspneumonien, Reintubation, Mangelernährung, erhöhte Mortalität und verlängerten Krankenhausaufenthalten verbunden sein kann. Das zunehmende Verständnis der neurologischen Veränderungen bei Dysphagien hat zur Entwicklung neuer Behandlungsansätze geführt, darunter die pharyngealen Elektrostimulation (PES). Es wurde gezeigt, dass die PES die neuronale Reorganisation im motorischen Kortex fördert und zu einem Anstieg der Substanz P führt, was die periphere Sensibilisierung sensorischer Neurone unterstützt. Zusammenfassend lässt sich sagen, das PES vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Postextubationsdysphagie liefert. Es wurde eine Verbesserung der Schluckfunktion sowie eine Reduktion von Aspirationen, Pneumonien und Reintubationen, ein kürzerer Krankenhausaufenthalt und eine schnellere Wiederaufnahme der oralen Nahrungsaufnahme festgestellt. Besonders effektiv scheint die PES zu sein, wenn sie frühzeitig und bei kürzerer Beatmungsdauer angewendet wird. In den Studien wurden keine schwerwiegenden, langanhaltenden unerwünschten Ereignisse im Zusammenhang mit PES beobachtet, jedoch traten vereinzelt vorübergehende, leichte Beschwerden auf. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass PES eine sichere und gut verträgliche Therapieoption darstellt. Da in dieser Arbeit jedoch nur die Ergebnisse von sieben Studien analysiert wurden, kann lediglich eine Tendenz abgeleitet werden, da die Repräsentativität der Daten begrenzt ist. Viele der untersuchten Studien basieren auf kleinen Stichproben, was die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Zudem variierten die angewandte Diagnostik und die Behandlungsansätze zwischen den Studien, was die Vergleichbarkeit erschwert. Obwohl der Anstieg von Substanz P nach der Stimulation mit einer Verbesserung der Schluckfunktion assoziiert wurde, wird dies in keiner der Studien als Mass für die Wirksamkeit verwendet. Auf Basis dieser Ergebnisse lässt sich PES als ergänzende Therapie zur klassischen Schlucktherapie auf Intensivstationen und in Rehabilitationskliniken empfehlen, insbesondere bei einer frühzeitigen Anwendung. Weitere standardisierte Studien mit grösseren Stichproben sind jedoch erforderlich, um Langzeiteffekte und Patientenakzeptanz detaillierter zu untersuchen. Zudem fehlen noch klare, standardisierte Behandlungsprotokolle und klinische Leitlinien. Zukünftige Studien sollten sich auf die Langzeiteffekte der PES konzentrieren und untersuchen, wie diese Therapie langfristig die Schluckfunktion bei Patientinnen und Patienten mit PED verbessern kann. Die Berücksichtigung von Substanz P, grössere Stichproben und einer einheitlichen Anwendung der PES ist entscheidend für zuverlässige Ergebnisse. Weitere Forschung könnte sich auch mit möglichen Nebenwirkungen und deren Langzeiteffekten befassen. Insgesamt stellt die pharyngeale Elektrostimulation eine vielversprechende
33 therapeutische Option zur Behandlung von Postextubationsdysphagie dar, doch sind fundierte Studien notwendig, um die Langzeitwirkungen und die optimale Anwendung in der klinischen Praxis zu bestätigen.
34 Literaturverzeichnis Albrecht, S., & Nusser-Müller-Busch, R. (2024). Multiple Einflussfaktoren bei Dysphagie. Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin, 119(1), 56–62. https://doi.org/10.1007/s00063-023-01075-y Arai, T., Yoshimi, N., Fujiwara, H., & Sekizawa, K. (2003). Serum substance P concentrations and silent aspiration in elderly patients with stroke. Neurology, 61(11), 1625–1626. https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000096395.80826.23 Bartolome, G., Schröter-Morasch, H., & Feußner, H. (Hrsg.). (2022). Schluckstörungen: Interdisziplinäre Diagnostik und Rehabilitation (7. Auflage). Elsevier. https://doi.org/10.1016/C2020-0-02755-6 Bath, P. M., Woodhouse, L. J., Suntrup-Krueger, S., Likar, R., Koestenberger, M., Warusevitane, A., Herzog, J., Schuttler, M., Ragab, S., Everton, L., Ledl, C., Walther, E., Saltuari, L., Pucks-Faes, E., Bocksrucker, C., Vosko, M., Broux, J. de, Haase, C. G., Raginis-Zborowska, A., … Dziewas, R. (2020). Pharyngeal electrical stimulation for neurogenic dysphagia following stroke, traumatic brain injury or other causes: Main results from the PHADER cohort study. eClinicalMedicine, 28. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2020.100608 Blakemore, C., Hunter, J., & Basu, B. (2021). Rapid swallow improvement following Pharyngeal Electrical Stimulation in a COVID-19 patient with long-term severe neurogenic dysphagia: A case report. Journal of Rehabilitation Medicine, 4, jrmcc00075. https://doi.org/10.2340/20030711-1000073 Borders, J. C., & Brates, D. (2020). Use of the Penetration-Aspiration Scale in Dysphagia Research: A Systematic Review. Dysphagia, 35(4), 583–597. https://doi.org/10.1007/s00455-019-10064-3 Brodsky, M. B., Pandian, V., & Needham, D. M. (2020). Post-extubation dysphagia: A problem needing multidisciplinary efforts. Intensive Care Medicine, 46(1), 93–96. https://doi.org/10.1007/s00134-019-05865-x
35 Cheng, I., Sasegbon, A., & Hamdy, S. (2021). Effects of Neurostimulation on Poststroke Dysphagia: A Synthesis of Current Evidence From Randomized Controlled Trials. Neuromodulation: Technology at the Neural Interface, 24(8), 1388–1401. https://doi.org/10.1111/ner.13327 Cheng, I., Takahashi, K., Miller, A., & Hamdy, S. (2022). Cerebral control of swallowing: An update on neurobehavioral evidence. Journal of the Neurological Sciences, 442, 120434. https://doi.org/10.1016/j.jns.2022.120434 Crary, M. A., Mann, G. D. C., & Groher, M. E. (2005). Initial Psychometric Assessment of a Functional Oral Intake Scale for Dysphagia in Stroke Patients. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 86(8), 1516–1520. https://doi.org/10.1016/j.apmr.2004.11.049 Dziewas, R., Stellato, R., Tweel, I. van der, Walther, E., Werner, C. J., Braun, T., Citerio, G., Jandl, M., Friedrichs, M., Nötzel, K., Vosko, M. R., Mistry, S., Hamdy, S., McGowan, S., Warnecke, T., Zwittag, P., Bath, P. M., Braun, T., Dziewas, R., … Pfausler, B. (2018). Pharyngeal electrical stimulation for early decannulation in tracheotomised patients with neurogenic dysphagia after stroke (PHAST-TRAC): A prospective, single-blinded, randomised trial. The Lancet Neurology, 17(10), 849–859. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(18)30255-2 Eibl, K. (2020). Post-Extubations-Dysphagie (PED). Online, 1–11. Eibl, K., Kriegel, W., Simon, C., Tilz, C., & Pels, H.-J. (2019). Sprachtherapie in Neurologie, Geriatrie und Akutrehabilitation (1. Auflage). Elsevier. https://doi.org/10.1016/C20160-02071-5 Everton, L. F., Benfield, J. K., Hedstrom, A., Wilkinson, G., Michou, E., England, T. J., Dziewas, R., Bath, P. M., & Hamdy, S. (2020). Psychometric assessment and validation of the dysphagia severity rating scale in stroke patients. Scientific Reports, 10, 7268. https://doi.org/10.1038/s41598-020-64208-9 Fernando, S. M., & Seely, A. J. E. (2020). Post-Extubation Dysphagia: The Truth Is Hard to Swallow. CHEST, 158(5), 1806–1807. https://doi.org/10.1016/j.chest.2020.08.2049
36 Hamdy, S., Rothwell, J. C., Aziz, Q., Singh, K. D., & Thompson, D. G. (1998). Long-term reorganization of human motor cortex driven by short-term sensory stimulation. Nature Neuroscience, 1(1), 64–68. https://doi.org/10.1038/264 Jones, E., Speyer, R., Kertscher, B., Denman, D., Swan, K., & Cordier, R. (2018). Health-Related Quality of Life and Oropharyngeal Dysphagia: A Systematic Review. Dysphagia, 33(2), 141–172. https://doi.org/10.1007/s00455-017-9844-9 Koestenberger, M., Neuwersch, S., Hoefner, E., Breschan, C., Weissmann, H., Stettner, H., & Likar, R. (2020). A Pilot Study of Pharyngeal Electrical Stimulation for Orally Intubated ICU Patients with Dysphagia. Neurocritical Care, 32(2), 532–538. https://doi.org/10.1007/s12028-019-00780-x Leder, S. B., Warner, H. L., Suiter, D. M., Young, N. O., Bhattacharya, B., Siner, J. M., Davis, K. A., Maerz, L. L., Rosenbaum, S. H., Marshall, P. S., Pisani, M. A., Siegel, M. D., Brennan, J. J., & Schuster, K. M. (2019). Evaluation of Swallow Function Post-Extubation: Is It Necessary to Wait 24 Hours? Annals of Otology, Rhinology & Laryngology, 128(7), 619–624. https://doi.org/10.1177/0003489419836115 Likar, R., Aroyo, I., Bangert, K., Degen, B., Dziewas, R., Galvan, O., Grundschober, M. T., Köstenberger, M., Muhle, P., Schefold, J. C., & Zuercher, P. (2024). Management of swallowing disorders in ICU patients—A multinational expert opinion. Journal of Critical Care, 79, 154447. https://doi.org/10.1016/j.jcrc.2023.154447 Luo, X., Lin, Y., Mo, H., & Zhang, L. (2024). Incidence and factors associated with dysphagia in intensive care unit patients 24 h after extubation. Nursing in Critical Care, 29(6), 1479–1488. https://doi.org/10.1111/nicc.13026 Macht, M., White, S. D., & Moss, M. (2014). Swallowing Dysfunction After Critical Illness. CHEST, 146(6), 1681–1689. https://doi.org/10.1378/chest.14-1133 Marvin, S., Thibeault, S., & Ehlenbach, W. J. (2019). Post-extubation Dysphagia: Does Timing of Evaluation Matter? Dysphagia, 34(2), 210–219. https://doi.org/10.1007/s00455-018-9926-3
37 McIntyre, M., Chimunda, T., Koppa, M., Dalton, N., Reinders, H., & Doeltgen, S. (2022). Risk Factors for Postextubation Dysphagia: A Systematic Review and Meta-analysis. The Laryngoscope, 132(2), 364–374. https://doi.org/10.1002/lary.29311 McIntyre, M., Doeltgen, S., Dalton, N., Koppa, M., & Chimunda, T. (2021). Post-extubation dysphagia incidence in critically ill patients: A systematic review and meta-analysis. Australian Critical Care: Official Journal of the Confederation of Australian Critical Care Nurses, 34(1), 67–75. https://doi.org/10.1016/j.aucc.2020.05.008 McInytre, M., Doeltgen, S., Shao, C., & Chimunda, T. (2022). The incidence and clinical outcomes of postextubation dysphagia in a regional critical care setting. Australian Critical Care, 35(2), 107–112. https://doi.org/10.1016/j.aucc.2021.03.008 Mota, L. A. A., Cavalho, G. B. de, & Brito, V. A. (2012). Laryngeal complications by orotracheal intubation: Literature review. International Archives of Otorhinolaryngology, 16(2), 236–245. https://doi.org/10.7162/S1809-97772012000200014 Mpouzika, M., Iordanou, S., Kyranou, M., Iliopoulou, K., Parissopoulos, S., Kalafati, M., Karanikola, M., & Papathanassoglou, E. (2023). Strategies of Screening and Treating Post-Extubation Dysphagia: An Overview of the Situation in Greek-Cypriot ICUs. Healthcare, 11(16), Article 16. https://doi.org/10.3390/healthcare11162283 Muhle, P., Claus, I., Labeit, B., Roderigo, M., Warnecke, T., Dziewas, R., & Suntrup-Krueger, S. (2024). Pharyngeal Electrical Stimulation prior to extubation – Reduction of extubation failure rate in acute stroke patients? Journal of Critical Care, 82, 154808. https://doi.org/10.1016/j.jcrc.2024.154808 Muhle, P., Suntrup-Krueger, S., Bittner, S., Ruck, T., Claus, I., Marian, T., Schröder, J. B., Minnerup, J., Warnecke, T., Meuth, S. G., & Dziewas, R. (2017). Increase of Substance P Concentration in Saliva after Pharyngeal Electrical Stimulation in Severely Dysphagic Stroke Patients – an Indicator of Decannulation Success? Neurosignals, 25(1), 74–87. https://doi.org/10.1159/000482002
44 Neurogenic Dysphagia: A Case Report Traugott et al. Sucessful treatment of intubation-induced severe neurogenic post-extubation dysphagia using pharyngeal electrical stimulation in a COVID-19 survivor 2021 n= 1; weiblich Fallbericht An Tag 22 (6 Tage nach Extubation; 7 Therapieeinheiten (Tag 22, 23, 24, 25, 26, 33, 34) Klinisches Screening am Patientenbett durch Logopädin mit dem «Gugging Swallowing Screen» (GUSS), «Dysphagia Severity Rating Scale» (DSRS) und «Functional Oral intake Scale» (FOIS), vor PES an Tag 18, 20 und nach PES an Tag 38 und Tag 41 Tag 20: Erste Diagnostik nach Extubation: GUSS= 7/20 DSRS= 12/12 FOIS= 1/7 Tag 38: 4Tage post PES: GUSS= 15/20 DSRS= 9/12 FOIS= 2/7 Tag 56: Letze Diagnostik: GUSS= 19/20 DSRS= 3/12 FOIS= 6/7 Therapiebeginn und Verzögerungen, Beschränkte therapeutische Massnahmen zu Beginn der COVID-19 Pandemie, fehlende standardisierte Implementierung, spezifische Rehabilitationsbedürfnisse von COVID-19Überlebenden, eingeschränkte instrumentelle Untersuchungen, fehlende standardisierte Behandlung, Kapazitätsprobleme SuntrupKrueger et al. Pharyngeal electrical stimulation for postextubation dysphagia in acute stroke: a randomized controlled pilot trial 2023 n= 60 (PES= 30 vs. sham= 30) randomisierte, kontrollierte, einzentrige Pilotstudie 4h nach Extubation «6-point fiberoptic endoscopic dysphagia severity scale» (FEDSS) Primäre Endpunkt: Notwendigkeit einer Reintubation innerhalb von 120h nach Extubation Sekundäre Endpunkte: Pneumonie Inzidenz, Parameter der Schluckfunktion, des Ernährungsstatus und Aufenthaltsdauer Reintubation: PES= 4/30 vs. Sham= 10/30; PES nur innerhalb der ersten 30Stunden vs. Sham übergesamte Beobachtungsdauer Pneumonie: PES= 60% vs. Sham= 83% Schluckfunktion: FEDSS-Wert PES= 3,3 vs. Sham= 4,3; Zeitpunkt der Wiederaufnahme von Nahrung: 4,3 vs. 10,2 Tage Nahrungsabhängigkeit: PES= 8 vs. Sham= 16 Kleine Stichprobengrösse, nicht vollständige Behandlung vor Reintubation, fehlende Langzeitbeobachtung, Notwendigkeit zukünftiger Bestätigung
45 Krankenhausaufenthalt: PES= 17,0 +/- 7,9 vs. Sham= 24,3 +/- 12,4 Tage Muhle et al. Pharyngeal Electrical Stimulation prior to extubation – reduction of extubation failure rate in acute stroke patients? 2024 n= 32 Einzentrische Pilotstudie - eine prospektive Patientengruppe 1:1 verglichen mit einer retrospektiven, angepassten Patienten-Kontrollgruppe 3 Tage vor Extubation Primärer Endpunkt: Reintubation innerhalb 72h nach Extubation Sekundärer Endpunkte: Schluckfunktion mittels FEES innerhalb 24h, Pneumonie-Inzidenz, Aufenthaltsdauer im Spital Stimulationsgruppe vs. Kontroll-Gruppe Reintubation: 3/32 vs. 11/32 Pneumonie-Inzidnez: post Extubation 12/32 vs. 19/32 Spitalaufenthalt: 24,09 Tage vs. 31,50 Tage Zeit von Extubation bis Entlassung: 14,09 Tage vs. 26,59 Tage FEES: FEDSS 4,31 vs. 5,03; Laryngeale Sensibilität 21 (65,6%) vs. 8 (25,0%) Einzentrische Pilotstudie, Subjektive Beurteilung der Extubationsbereitschaft, historische Kontrollgruppe, Kleine Stichprobengrösse, unterschiedliche Zeitpunkte für FEES, längere Beatmung in der PES-Gruppe, Kein Follow-up Williams et al. Research report: Management of dysphagia using pharyngeal electrical stimulation in the general intensive care population 2024 289 Patientinnen und Patienten n= 19 mit PES-Behandlung Studienbericht Nach Extubation; keine weiteren Angaben FEES unmittelbar vor Behandlung und 2-4 Tage nach der letzten PES-Behandlung mittels PAS Pen-Asp-Score: vor vs. nach PES: 7,9 (+/- 0,23) vs. 5,9 (+/- 2,46) Verbesserung: PES: 11/18 (61,1%) Nicht PES: 45/112 (40,2%) Bei letzter FEES: PES: 7,2 Nicht PES: 7,1 Zeit zwischen 1. & letzter FEES: PES: 13,3 +/- 7,5 Tage Nicht PES: 21,8 +/- 21,1 Tage Nichts per oral: PES: 2/18 (11,1%) Nicht PES: 70/112 (62,5%) Kleine Stichprobe, keine protokollierte Auswahlkriterien, retrospektive, beobachtende Studie, fehlende unabhängige, blinde Bewertung, Unterschiede in den Patientengruppen, unklare optimale Behandlungszeit, nicht repräsentative Patientengruppe
46 Tabelle 2 Übersicht zu den verwendeten Skalen Skalen Anwendung Skalierung Quellen PenetrationAspiration Scale (PAS) Via Videofluoroskopie (VFS) 1 = Material gelangt nicht in die Atemwege 2 = Material tritt in die Atemwege ein, bleibt oberhalb der Stimmlippen und wird aus den Atemwegen geschleudert 3 = Material tritt in den Atemweg ein, bleibt oberhalb der Stimmlippen und wird nicht aus dem Atemweg geschleudert 4 = Material tritt in den Atemweg ein, berührt die Stimmlippen und wird aus dem Atemweg geschleudert 5 = Material tritt in den Atemweg ein, berührt die Stimmlippen und wird nicht aus dem Atemweg geschleudert 6 = Material tritt in den Atemweg ein, passiert die Stimmlippen und wird in den Kehlkopf oder aus dem Atemweg geschleudert 7 = Material tritt in den Luftweg ein, passiert die Stimmlippen und wird trotz Anstrengung nicht aus der Luftröhre geschleudert 8 = Material dringt in die Atemwege ein, passiert die Stimmlippen und wird nicht ausgestossen (Borders & Brates, 2020) Fiberoptic endoscopic dysphagia severity scale (FEEDS) Via Fiberendoskopischer Schluckuntersuchung (FEES) 1 = keine Penetration, geringe Residuen 2 = Penetration Residuen im Sinus Piriformis und/ oder in den Valleculae 3 = Leaking bis Sinus Piriformis, Penetration mit Hustenreflex 4 = Leaking bis Sinus Piriformis, stille Penetration, Penetration mit Hustenreflex 5 = stille Penetration 6 = Speichelaufstau, stille Penetration/ Aspiration (Warnecke et al., 2009) Dysphagia severity Rating Scale (DSRS) Auf Grundlage der oralen Nahrungsaufnahme Flüssigkeiten/ Nahrung/ Supervision: 0 = normal/ normal/ Selbstständige Nahrungsaufnahme 1 = Sirup Konsistenz/ ausgewählte Konsistenzen/ Essen unter Aufsicht 2 = Sahnekonsistenz/ weiche, feuchte Kost/ Fütterung durch Dritte (ungeschult) 3 = Puddingkonsistenz/ püriert/ therapeutische Ernährung (Logopädie, geschultes Personal) 4 = keine Flüssigkeiten/ keine Ernährung/ keine Ernährung (Everton et al., 2020) Functional Oral Intake Scale (FOIS) Auf Grundlage der oralen Nahrungsaufnahme 1 = Nichts über den Mund 2 = Sondenabhängig mit minimalen Versuchen von Nahrung oder Flüssigkeit (Crary et al., 2005)
47 3 = Sondenabhängig mit beständiger oraler Aufnahme von Nahrung oder Flüssigkeit 4 = vollständige orale Ernährung mit einer einzigen Konsistenz 5 = vollständige orale Ernährung mit mehreren Konsistenzen, die jedoch eine spezielle Zubereitung oder Kompensation erfordert 6 = vollständige orale Ernährung mit mehreren Konsistenzen ohne spezielle Zubereitung, aber mit spezifischen Nahrungseinschränkungen 7 = vollständige orale Ernährung ohne Einschränkungen Gugging Swallowing Scale (GUSS) Screening am Bett 0-9 = Schwere Dysphagie mit hohem Aspirationsrisiko 10-14 = Mässige Dysphagie mit Aspirationsgefahr 15-19 = Leichte Dysphagie mit geringem Aspirationsrisiko 20 = Leichte/ keine Dysphagie, minimales Aspirationsrisiko (Trapl et al., 2007)