swissfuture Magazin für Zukünfte 03 04 25 «Im Umgang mit Substanzen spiegelt sich, wie wir als Gesellschaft mit Risiko, Freiheit und Selbstbestimmung umgehen und welche Ästhetiken wir diesen Erfahrungen verleihen.» Studierende Master Trends & Identity, Zürcher Hochschule der Künste Substanzen
Impressum swissfuture Nr. 03-04/25 Offizielles Organ der swissfuture Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung Organe officiel de la Société suisse pour la recherche prospective 52. Jahrgang Herausgeber swissfuture, Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung Geschäftsstelle swissfuture Brigit Fischer Spinnereistrasse 5 6020 Emmenbrücke +41 (0 )41 440 88 88
[email protected], swissfuture.ch Co-Präsidium Andreas Krafft, Georges T. Roos, Markus Iofcea Magazin Chefredaktion: Larissa Holaschke Autor:innen: Helena Aicher, Stephanie Buschner, Florian Elliker, Niklaus Reichle, Kasia Sroka und die Studierenden des MA Trends & Identity unter der Leitung von Judith Mair: Anna Azzola, Katharina Brackemann, Nicolás Cruz Gómez, Selina Hirsch, Anja Hügli, Stéphanie Kiser, Lea Kressel, Brenda Marcia Offe, Melanie Sellmann, Nadja Schmidle, Miel Schneeberger, Oleksandra Tsapko, Stella Waldvogel Konzept, Gestaltung: Barbieri Bucher, Zürich Druck: Engelberger Druck AG, Stans Titelfont: Garamon(d/t), Lizenz WTFPL Umschlag: Curious Metallics Galvanised FSC® Inhalt: Nautilus Classic FSC® Recycled 100% Cradle to Cradle zertifiziert Erscheinungsweise: 4 x jährlich Einzelexemplar: CHF 30.– Mitgliedschaft swissfuture (inkl. Abonnement Magazin) Einzelpersonen CHF 150.– Studierende CHF 50.– Kollektivmitgliedschaft (Firmen) CHF 350.– für zwei Personen, jede weitere CHF 100.– Fördermitglied CHF 500.– ISSN 1661-308 DOI: 10.5281/zenodo.17750993 SAGW Unterstützt durch die Schweizerische Akademie der Geistesund Sozialwissenschaften (SAGW), Bern sagw.ch Zielsetzung der Zeitschrift Das Magazin behandelt die transdisziplinäre Zukunftsforschung, die Früherkennung und die prospektiven Sozialwissenschaften. Es macht deren neuen Erkenntnisse der Fachwelt, Entscheidungsträgern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft sowie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Themensetzungen Der Vorstand definiert die thematischen Schwerpunkte der vier jährlichen Ausgaben und ihm obliegt die inhaltliche und redaktionelle Qualität der Magazine. Die Themenschwerpunkte behandeln jeweils ein bestimmtes zukunftsrelevantes Thema, das aus interdisziplinären – also kulturund sozialwissenschaftlichen, aber auch aus ökonomischen, politologischen, philosophischen, mitunter auch naturwissenschaftlichen und künstlerischen – Perspektiven behandelt wird. Auswahlverfahren der Artikel Die Redaktion ist verantwortlich für die redaktionelle Umsetzung der gesetzten Themen und für die inhaltliche Qualität der Artikel, die in Deutsch, Englisch oder Französisch verfasst sein dürfen und auch in der jeweiligen Sprache publiziert werden. Sie sucht Autor:innen mit der entsprechenden Expertise und beurteilt, ob die eingereichten Artikel die erwünschten inhaltlichen Qualitätsstandards erfüllen. Dabei ist es wichtig, dass eine prospektive Sichtweise eingenommen wird, was szenarisch oder auch spekulativ erfolgen kann. Beiträge, die diesen Anforderungen nicht genügen, werden zurückgewiesen. Abgelehnt werden auch Artikel, die kulturund sozialwissenschaftliche Standards nicht berücksichtigen, die thematisch nicht zur Ausrichtung des Magazins passen, die eine kommerzielle Absicht verfolgen oder die in irgendeiner Weise diskriminierend sind. Alle Beiträge werden sorgfältig redigiert.
1swissfuture 03-04/25 Inhalt Editorial — 3 Substanzen — 5 Einblick und Einordnung — 7 Ways of Seeing — 9 Zwischen Mikroskop und Medien. Neue Perspektiven auf Substanzen Substanzkosmos — 20 An (un)guided Tour Porträts Frei Rauschen — 24 FINTA-Perspektiven auf Rausch und Freiheit Von Krawatte bis Kristallin — 26 Wo Vertrauen auf Verantwortung trifft Microdoses for Macrochanges — 28 Self-Medication – When Less Is More Die Schnecke mit der Zigarre — 30 Auf einem Psilocybin-Trip im Kreuzverhör Blüten, Vapes und Gummibärchen — 32 Cannabis im Praxistest Schweiz Ästhetiken des Illegalen: Online Shopping — 34 Das neue Gesicht des Rauschs im Mainstream Keta und Krawall — 36 Die Substanz als Symbol des Widerstands
2Inhalt Eine Nase für Substanzen — 38 Diensthunde zwischen Spürsinn und Drogentrends Per Überschall zur Erkenntnis — 40 Zwischen Tee und LSD Die Substanz zum Dessert — 42 Nach dem Fondue eine Line Interview mit dem Palliativmediziner Dr. Sivan Schipper — 44 Positionen Stephanie Buschner und Helena Aicher Psychedelika-assistierte Therapie — 49 Chancen, Regulierung und die Schweizer Vorreiterrolle Florian Elliker und Niklaus Reichle From Nature to Pills — 59 How Research and Capital Shape the New Psychedelic Order Kasia Sroka Ästhetiken des Psychedelika-Konsums im Wandel — 69 Glossar — 78
3swissfuture 03-04/25 Editorial Wie verändert sich unser Blick auf Substanzen? Liebe Leser:innen Psychedelische Substanzen erleben derzeit eine erstaunliche Sichtbarkeitswelle. Von einer «Renaissance» ist vielerorts die Rede und tatsächlich verschiebt sich, wie wir über Substanzen sprechen, forschen und gestalten. Diese Ausgabe nähert sich diesem Wandel: Wie werden Substanzen eingesetzt, dargestellt, beworben? Welche neuen Narrative entstehen, und welche alten wirken fort? Ein zentraler Teil dieses Magazins entstand in Zusammenarbeit mit den Masterstudierenden des Studiengangs Trends & Identity der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Über drei Wochen hinweg haben sie recherchiert, Menschen getroffen, Gespräche geführt, Material gesammelt und visuelle wie textliche Beiträge erarbeitet. Entstanden ist ein vielschichtiger Zugang: ein Mapping als Einstieg in den «Substanzkosmos», eine Bildstrecke, die mikroskopische Aufnahmen mit popkulturellen Referenzen verknüpft, sowie zehn Porträts, die unterschiedliche Perspektiven auf Konsumpraktiken, Ästhetiken, Selbstmedikation, Rituale, Prävention und sogar einen Diensthund sichtbar machen. Ergänzend dazu sprachen die Studierenden mit dem Palliativmediziner Sivan Schipper über Potenziale und Grenzen psychedelischer Substanzen im klinischen Alltag. Dazu treten drei Positionen, die das Thema analytisch vertiefen: Die Psychotherapeutinnen Stephanie Buschner und Helena Aicher geben Einblicke in die Psychedelika-assistierte Therapie, die in der Schweiz über BAG-Ausnahmebewilligungen bei therapieresistenten Depressionen, PTBS und Ansgstörungen bereits eingesetzt wird. Sie zeigen, wie therapeutisches Setting, Substanzwirkung und Integration zusammenwirken und wo klinischer Alltag und gesellschaftlicher Hype auseinandergehen. Die Soziologen Florian Elliker und Niklaus Reichle der Universität St. Gallen analysieren, wie Wissen, Regulierung und Kapital die entstehende psychedelische Ordnung prägen. Sie illustrieren dies anhand der zwei Schweizer Fallbeispiele rund um Fliegenpilz und Psilocybin. Und die Trendforscherin Kasia Sroka widmet sich den visuellen Codes des Psychedelika-Konsums. Sie zeigt, wie
4Editorial Bildwelten zwischen Wellness, Spiritualität und Kommerzialisierung neu entstehen und wie gesellschaftliche Trends diese Ästhetiken in den Mainstream verschieben. Am Ende des Magazins bietet ein Glossar Orientierung zu zentralen Begriffen, eine kleine Navigationshilfe durch ein Feld, das zugleich wissenschaftlich, kulturell und alltagsnah ist. Diese Sonderausgabe trägt auch visuell die Handschrift der Studierenden, deren frische Perspektive wir gemeinsam mit unserem Grafikstudio Barbieri Bucher umgesetzt haben. Die Ausgabe lädt dazu ein, sich in die Welt der Substanzen hineinziehen zu lassen – neugierig und offen. Mein Dank gilt allen beteiligten Studierenden für ihre Neugier, Ernsthaftigkeit und gestalterische Energie und der Dozentin und Trendforscherin Judith Mair, die das Modul geleitet hat. Zum Jahresende möchte ich mich zudem verabschieden: Nach vier Jahren gebe ich die Chefredaktion des swissfuture-Magazins ab, dem Verein bleibe ich weiterhin im Vorstand verbunden. Ich habe das Magazin mit grosser Freude redaktionell betreut, immer mit dem Anspruch, gesellschaftliche Zukunftsthemen mit Relevanz und Sorgfalt zu vermitteln. Jede Ausgabe war für mich eine Einladung, in neue Themen einzutauchen und sie prospektiv und aufmerksam zu beleuchten. Nun schenke ich mir etwas, das im Alltag selten genug vorkommt: etwas Zeit, nicht um sie sofort zu füllen, sondern um sie einfach mal zu haben. Es war mir eine grosse Freude, das Magazin inhaltlich und gestalterisch weiterzuentwickeln und gemeinsam mit Autor:innen, Lektor:innen, dem Grafikstudio und dem Vorstand zu einem lebendigen Zukunftsmedium zu formen. Ich wünsche Ihnen eine Lektüre, die Fragen stellt, nachhallt und Perspektiven öffnet – heute und für kommende Ausgaben. Larissa Holaschke
5 Substanzen swissfuture 03-04/255 Substanzen
Substanzen 6
7swissfuture 03-04/25 In der folgenden Exploration von Substanzen erlauben wir uns weder ein Urteil noch eine politische Einordnung. Uns interessieren Substanzen als soziale, kulturelle und ästhetische Phänomene – als Ausdruck von Werten, Sehnsüchten und Identitäten. Was erzählen sie über die Gesellschaft, in der wir leben? Welche Geschichten, Atmosphären und Bilder transportieren sie? Substanzen bewegen sich von Nischen, Szenen und Micro-Communities in die sogenannte Mitte der Gesellschaft. LSD, psychedelische Pilze oder andere bewusstseinserweiternde Mittel werden nicht länger nur in Subkulturen konsumiert, sondern sind Teil einer kommerzialisierten «Wellness-Economy». Psychedelische Substanzen erleben eine Renaissance, und die Legalisierung für den medizinischen Einsatz ermöglicht schon heute die Behandlung von Depressionen oder chronischen Schmerzen. Gleichzeitig bleibt das Thema stark politisiert: Diskurse über Sucht, soziale Ungleichheit und marginalisierte Lebensrealitäten prägen die Wahrnehmung. Nicht ohne Grund: Substanzen sind doppelt besetzt – zwischen Mainstream und Stigma, zwischen Konsumkultur und moralischem Urteil. Unsere Perspektive ist die einer kulturellen Beobachtung. Wir betrachten Substanzen als materielle Kultur: ihre Ausdrucksformen, visuellen Codes und symbolischen Bedeutungen. Wir fragen, wie sie heute und in Zukunft inszeniert werden – welche Werte und Motive werden vermittelt? Welche Sehnsüchte artikuliert? Die Antworten zeigen, wie tief Substanzen mit unserer Kultur, unserem Streben nach Erkenntnis, Erlebnis und Gemeinschaft verwoben sind. Wir verstehen Substanzen als semiotische Marker: Sie verweisen auf mehr als den Konsum selbst. Sie stehen für Rituale, Experimente mit der eigenen Wahrnehmung, für ein temporäres Aufbrechen sozialer Normen. Sie eröffnen Räume, in denen wir über Kontrolle, Gesundheit, Verbundenheit, Selbstoptimierung oder die Flucht von all dem nachdenken. Im Umgang mit Substanzen spiegelt sich, wie wir als Gesellschaft mit Risiko, Freiheit und Selbstbestimmung umgehen – und welche Ästhetiken wir diesen Erfahrungen verleihen. Ziel der hier versammelten Beiträge ist es, die Dynamiken sichtbar zu machen, die den Umgang mit Substanzen heute prägen und künftig verändern. Wir versuchen zu verstehen, wie sie als gesellschaftliches Phänomen Bedeutungen und Botschaften Einblick und Einordnung
KOKAIN, ZÜRICH OKTOBER 2025
TRAINSPOTTING. REGIE: DANNY BOYLE, 1996
PSYCHEDELISCHE PILZE, ZÜRICH OKTOBER 2025
BREAKING BAD. SCHÖPFER: VINCE GILLIGAN, 2008–2013
XANAX, ZÜRICH OKTOBER 2025
Bildstrecke Ways of Seeing Zwischen Mikroskop und Medien. Neue Perspektiven auf Substanzen In unserer Bildstrecke haben wir unseren Blick auf Substanzen herausgefordert, indem wir bekannten Darstellungen aus der Popkultur mikroskopische Aufnahmen gegenübergestellt haben. Unser kollektives Bild von «Drogen» ist stark von Filmen, Serien und medialen Erzählungen geprägt. Die mikroskopischen Aufnahmen entziehen sich diesen Klischees: Sie zeigen Strukturen, Farben und Formen, die mit den gängigen Vorstellungen von Rausch kaum übereinstimmen. Der Kontrast zwischen kultureller Darstellung und materieller Realität macht sichtbar, dass Substanzen sowohl physisch-chemische Materialien als auch symbolische Projektionsflächen sind. Die Bildstrecke lädt dazu ein, das Verhältnis von Konsum, Kultur und Materie neu zu betrachten. Seite 9 – 18 19 swissfuture 03-04/25
NARRATIV NARRATIV & IMAGE& IMAGE STIGMA R MANTISIERUNG doom glooming Guided Designed Ö entlich Privat Freiraum Natürlich rosarote Brille Kommerzialisierung Legalisierung RECHT AUF RAUSCHRECHT AUF RAUSCH I l l e g a l i t ä t D ä m o n i s i e r u n g K r i m i n a l i s i e r u n g HH GG II HHHH GG II HHHH GG II HH Wellness Hedonismus Set Set Set Setting Set Set Set Set Set Ästhetisierung Luxus Ekstase Sinnlichkeit ESKAPISMUSESKAPISMUS SEHNSUCHT P s y c h e d e l i k a P s y c h e d e l i k a P s y c h e d e l i k a P s y c h e d e l i k a P s y c h e d e l i k a P s y c h e d e l i k a U t o p i e U t o p i e U t o p i e U t o p i e U t o p i e U t o p i e U t o p i e U t o p i e Privileg Klischee Ritual vs. Routine KONSUMKONTEXTKONSUMKONTEXT KUKULLTURTUR Popkultur Konsumkultur Rauschkultur Genusskultur Boom Hype NATURNATUR Holistisch Bewusstsein Nachhaltigkeit Öko-Lifestyle Flower-Power Hippiekult SELF CARE Medikation Therapie Psycho Schmerz HH ee aa ll tt hh HH ee aa ll tt hh HH ee aa ll tt hh HH ee aa ll tt hh N W O D D O W N D O W N D O W N Gender & Rausch Entstigmatisierung ATMOSPHATMOSPHÄÄRERE SELBST-SELBSTKlarheit Geistigkeit MOTIMOTIVVATION & INTENTIONATION & INTENTION SS PP II RR II TT UU AA LL II TT ÄÄ TT Sinnsuche Erleuchtung Erkenntnis S e l b s t e r k e n n t n i s , - w i r k s a m k e i t , - v e r b e s s e r u n g , - v e r g e s s e n h e i t , - v e r s c h w e n d u n g , - z e r s t ö r u n g
21 swissfuture 03-04/25 Substanzkosmos - an (un)guided Tour Ob auf der Suche nach Selbsterkenntnis, auf einem Good Trip oder beim Ballern im Klub, Substanzen werden heiss diskutiert und konsumiert. Das folgende Mapping ist ein Versuch, den Substanzkosmos, wie wir ihn wahrnehmen, ausschnitthaft zu skizzieren und dessen unzählige, oft widersprüchliche Phänomene miteinander in Verbindung zu setzen. Tauchen wir ein in diese vielfältige Welt. Wir beginnen unsere Reise in den Substanzkosmos mit der Legalisierung von Cannabis und dem (Wieder-)Aufschwung von Psychedelika. Aufgrund seiner medizinischen Eigenschaften findet Weed zunehmend Einzug in die Breite der Gesellschaft, obwohl es in der Schweiz nach wie vor verboten ist. Auch das Heilungspotenzial von LSD wird aktuell wiederentdeckt, allen voran durch Schweizer Forschungsprojekte. Schliesslich wurde LSD von Albert Hofmann 1943 in Basel entdeckt. Nach Hofmanns Triperfahrung im Selbstversuch vermutete er therapeutische Effekte auf die Psyche. Folglich bringt Sandoz LSD unter dem Namen Lysid auf den Markt. «Highlmittel» Heute, 80 Jahre nach Hofmanns Entdeckung, wird diese kategorische Ablehnung wieder aufgeweicht. Therapeutisch einsetzbare Psychedelika gelten für chronische Schmerzpatient:innen und Antidepressiva-resistente Personen als Hoffnungsträger. Dieser Wandel macht sich in der Gesundheitsindustrie bemerkbar. Kostspielige Retreats für mehrere tausend Franken spriessen wie Pilze aus dem Boden. Luxuriöse, guided Psilocybin-Retreats versprechen einen Expressservice zur Erkenntnis: exklusive Selbsterfahrung, Wellness, Spiritualität oder Selbstoptimierung. Substanzen im Wellnessund Health-Kontext erleben eine neue Welle der Kommerzialisierung. Je mehr sie in die Mitte der Gesellschaft rücken, desto weniger werden sie stigmatisiert. Auch ohne Rezept bietet der Markt Lösungen, beispielsweise Microdosing: Mit kleinsten Dosen Psilocybin öffnet sich der Weg zur Selbstmedikalisierung. Das soll die Kreativität steigern und bei Verstimmungen helfen. Diverse Stores bieten neuartige Produkte an, die sich vom Hippieimage lösen und moderne Wellness vermitteln. Ähnliches geschieht im Weed-Universe: Bei Schlafstörungen, Angstzuständen oder Schmerzen lässt sich heute auf traditionelle Medikamente verzichten und stattdessen im CBD-Angebot stöbern. Sehn-Sucht Health und Wellness sind nicht die einzigen Treiber für Substanzkonsum. Auf der Suche nach Sinnhaftigkeit liefern Psychedelika eine naheliegende Antwort. Durchtanzte Clubnächte oder hedonistische Festivals stillen temporär die Sehnsucht, der reizüberflutenden und leistungsgetriebenen westlichen Gesellschaft zu entfliehen. Die Ekstase als Methode zur Immersion in eine hedonistische Utopie. Der Trip in der Natur, um sich wieder als Teil eines Ganzen zu fühlen. Trotz dieser halluzinogenen Renaissance bleiben viele Substanzen stigmatisiert und ihr Image stark mit Klassendenken und Privilegien verknüpft. Set, Setting, Konsumform und Nutzer:innen prägen das Narrativ, das sich um die jeweilige Substanz bildet.
22 Recht, Rausch, Revolution Unsere Tour führt weiter in den sich ständig wandelnden Diskurs rund um Substanzen. Das häufig mit Psychedelika verbundene ÖkoMovement verwebt sich nicht selten mit Spiritualität, Meditation und Ritualen. Doch psychedelischer Tourismus und die erhöhte Nachfrage nach psychoaktiven Pflanzenarten können auch zur Ausbeutung von Ressourcen und zur Aneignung indigener Rituale ohne Konsens führen. In der Popkultur fordert die Berliner Musikerin Ikkimel das Bild der «Drogenschlampe» heraus und zelebriert in ihren Songs den Konsum von Substanzen. Sie ballert sich, wie sie selbst sagt, neben Ketamin auch noch ein Bierchen rein. Ihre Lyrics sind eine Gratwanderung zwischen selbstbestimmtem Konsum und romantisierender Drogenverherrlichung. Damit fordert sie klassische Rollenverständnisse heraus. Die Forderung nach Eigenverantwortung ist nicht neu. Schon lange plädieren Pionier:innen für ein allgemeines Recht auf Rausch. Doch im polarisierenden gesellschaftlichen Narrativ zwischen idealisiertem Hype und doom-glooming bleibt das Thema komplex. Im Spannungsfeld zwischen Sucht und Spass werden Substanzen präventiv auf die illegale Seitenbank geschoben. Privilegien und Prävention Konnotiert mit sozialen Abgründen wie dem Platzspitz oder der Geschichte von Christiane F. zementiert sich ein negatives Bild. Konsument:innen, die auf sauberes Besteck und Substitution angewiesen sind, werden stigmatisiert. Der Konsum von Crack in öffentlichen Räumen, etwa in Zürichs Bäckeranlage, ist für viele besorgniserregend und setzt das soziale Auffangnetz unter Druck. Saferparty und das Drogeninformationszentrum (DIZ) sind zwei von vielen Anlaufstellen, die sich mit Konsum befassen. Ihre Angebote reichen von Drogenkonsumräumen über Drug-Checking bis hin zu Präventionsprogrammen. Was von wem in welchem Setting konsumiert wird, beeinflusst das Narrativ über Substanzen und Konsument:innen. Luxus und Status treffen auf Sucht und Stigma. Abhängigkeit, Abgründe, Kontrollverlust werden oft mit sozial schlechter gestellten Gruppen assoziiert. Sucht, Exzess und Hedonismus werden gesellschaftlich kritisch betrachtet. Medizinische, therapeutische und Wellness-Aspekte hingegen werden stärker positiv gewertet. Auf unserer Tour wird ersichtlich, dass das Bedürfnis nach Konsum und Ekstase in allen Gesellschaftsschichten vorhanden ist. Es stellt sich die Frage: Wer hat überhaupt ein Recht auf Rausch? Was wäre, wenn … … der Zugang zu Substanzen niederschwelliger werden würde? Welche Konsumpraktiken und Orte würden entstehen, welche Atmosphären und Settings würden entstehen? Was wäre, wenn Konsumgründe losgelöst von gesellschaftlichem Status existierten? Unsere Tour führt durch Spannungsfelder, Beobachtungen und Gedanken, die sich uns im Substanzkosmos eröffneten. Wir ermutigen, beim Betrachten des Mappings zu beobachten, welche Assoziationen aufkommen – und diese vielleicht auch zu hinterfragen. Es gibt keine richtige Leseart. Das Mapping bietet Einblicke in den facettenreichen, chaotisch-kontroversen Kosmos der Substanzen und soll dazu inspirieren, über mögliche Zukünfte nachzudenken. Porträts Substanzkosmos Anja Hügli, Nadja Schmidle, Miel Schneeberger
23 swissfuture 03-04/25 Porträts
30Porträts Anja Hügli, Melanie Sellmann Die Schnecke mit der Zigarre Zwischen Wald und Wiesen besucht Gloria einen Psilocybin-Retreat. Auf der Suche nach dem grossen Ganzen begegnet sie einer Schnecke. Gloria1 liegt da. Ausser, dass sie tiefer in ihre Matte sinkt und immer schwerer wird, passiert erst mal nichts. «Na toll, geht ja gut los, jetzt musst du auch noch pinkeln – klar, hast ja auch so viel Tee getrunken.» Es passiert weiterhin nichts. «Ist ja klar, dass nichts passiert, du bist ja auch ein ‹Kontrolletti›.» Gloria wird unruhig. Ein Guide fragt, wer noch Nachschlag möchte. «Ja klar, ich habe schliesslich viel Geld bezahlt. Jetzt muss was passieren!» Gloria lässt sich noch ein ‹Portiönchen› geben. «Muffig. Kulinarisch ziemlich unspektakulär», denkt sie. Während Glorias innere Kritikerin weiter ‹rumlabert›, schaut sie nach links. Auf einem Ledersofa sitzt eine Schnecke. Mad-Men-mässig in einem gediegenen 1960 Jahre-Büro. Zigarre in der Hand, Whiskyglas auf dem Tisch, schimpft die Schnecke auf Gloria ein. Ihr fiel auf, dass die Schnecke hinten zertreten ist. Es ist tatsächlich die Schnecke, auf die Gloria am Tag zuvor versehentlich ‹draufgelatscht› ist. Sie hatte sich nicht getraut hinzuschauen und nur gedacht: «Fängt ja super achtsam an!» Während die Schnecke nonchalant da sitzt und sie auf ihrem Pilz-Trip beschimpft, muss Gloria innerlich über ihren ‹Kontrolletti›-Geist lachen. Wie ironisch, dass ihr Unterbewusstsein genau diese Schnecke einblendet, um ihr Ego weich zu machen. Eineinhalb Jahre später sitzt Gloria uns beim Interview gegenüber. «Die Intention? Das fiel mir gar nicht so leicht zu formulieren. Naja, es ist immer das grosse Ganze.» Sie habe sich sorgfältig auf den Retreat vorbereitet, erzählte sie. Der Trip selbst sei aber nicht die Erfahrung gewesen, die alles schlagartig verändert habe. «Schlussendlich ist die Welt die Herausforderung. Sie ist so stark auf das gerichtet, was wir haben und uns anschaffen.» Gloria schmunzelt. «Die Fallen sind immer wieder die gleichen, und manchmal ist es ein halbbewusstes ‹Reinlatschen›.» Gloria lehnt sich vor der rot gestrichenen Wand zurück. «Unser Miteinander krankt unfassbar. Statt das anzugehen, was in uns ist, packen wir es irgendwo hin und wundern uns am Ende des Tages, warum wir so aufgeregt sind, nicht loslassen können und die fünfte Tasse Kaffee trinken.» Heute, sagt sie, habe sie gelernt, dass es immer Zeit für einen Atemzug gibt. Die Auseinandersetzung mit sich selbst sei nicht zwingend egoistisch, sondern schärfe das Bewusstsein dafür, was man in die Welt trägt. Der Psilocybin-Trip hatte keine Nebenwirkungen, aber einen Effekt. Gloria dachte danach nur noch: «F**k, was tun wir dieser Welt an? Wie unendlich schade ist das?» Seither isst sie keine Tiere mehr. In schwierigen Momenten sucht sie die Nähe zur Natur. «Einfach vor einem Baum stehen zu bleiben, ihn zu betrachten und den Wind zu spüren – das ist das Schönste. Dafür hat man doch diesen tollen Körper. Ich nehme mir jetzt die Zeit, diese kleinen Momente zu sammeln. Tag für Tag.» Was wäre, wenn … … wenn uns auf einmal die Schnecken, auf die wir versehentlich getreten sind – oder andere Lebewesen, die wir wissentlich oder unwissentlich verletzt haben –, gegenübersässen und uns zur Rede stellten? Würde uns das dazu ermutigen, nicht nur allen Lebensformen gegenüber gütiger zu sein, sondern vielleicht auch uns selbst? 1 Name von der Redaktion geändert
32Porträts Stéphanie Kiser, Miel Schneeberger Bl ü t e n , Va p e s und Gummibärchen Seit 2023 testet die Schweiz den kontrollierten CannabisKonsum in Pilotstudien – zu Besuch bei Pure Production, einem Pionier des Schweizer Pilotprojekts. Ein Elektroauto parkt neben dem Schild «Pure Holding» im aargauischen Zeiningen. Zwei unscheinbare Gewächshäuser lassen kaum erahnen, dass hier Cannabissorten für wissenschaftliche Pilotstudien gezüchtet werden. In den Hallen riecht es nach Erde, Forschung, Zukunft – und Gras. Wer hier arbeitet, muss sich auf die Pflanze einlassen können. So auch Marc Brüngger, Head of Innovation & Production, der als Führungskraft auch praktisches Know-how als Konsument und Anbauer einbringt. Pure Production produziert Cannabis für Studien wie WEEDCARE (Basel) oder ZüriCan (Zürich). Nach Vorgaben der Betäubungsmittelverordnung über Pilotversuche (BetmPV) untersuchen sie, wie sich regulierter Verkauf auf Konsumverhalten, Gesundheit und Schwarzmarktverdrängung auswirkt. Die Schweiz erprobt damit in einem regulierten Rahmen den Umgang mit einer Substanz, die gesellschaftlich längst präsent ist. Die Produktpalette reicht von Blüten über Öle und Vapes bis hin zu Gummibärchen und ist auf Konsumentenschutz ausgerichtet. Jede Verpackung erhält eine Seriennummer, die eine lückenlose Nachverfolgung ermöglicht. Für Brüngger ist das auch Ausdruck einer Haltung: Verantwortung endet nicht bei der Produktion, sondern begleitet die gesamte Studienlaufzeit bis zur Endkonsumierung. Die ethische Dimension zeigt sich auch im Umgang mit den Studienteilnehmenden. «Es wäre ethisch nicht vertretbar, Menschen nach der Studie wieder auf den Schwarzmarkt zu schicken», betont Brüngger. Regulierung, so seine Haltung, sei kein Experiment, sondern ein notwendiger Schritt. Erst kürzlich wurde die erste Vorlage für ein entsprechendes Gesetz veröffentlicht. Durch Rückmeldungen aus der Praxis können Produzent:innen die Umsetzung aktiv mitgestalten und sicherstellen, dass auch praktische Standards berücksichtigt werden. 2022 erhielt das Unternehmen als eines von wenigen die Lizenz für die Produktion von THChaltigem Cannabis. Grundlage ist die Erfahrung aus dem CBD-Geschäft sowie aus wissenschaftlich begleiteter Produktion. Neben medizinischem und rekreativem Cannabis wird auch an neuen Anwendungen geforscht, etwa an der Nutzung der Hanfpflanze als nachhaltigem Rohstoff für Textilien oder Baustoffe. In Zeiningen arbeitet das Team zudem mit einer sogenannten Molecular Breeding AI. Sie soll Sorten gezielt nach Eigenschaften wie Aroma, Stabilität oder Wirkstoffgehalt entwickeln. Gleichzeitig wird auf ökologische Standards geachtet – auch wenn die geltenden Bio-Richtlinien aus den 1990er Jahren stammen und für moderne Produktionsprozesse nur bedingt anwendbar sind. Was wäre, wenn … … Cannabis als Pilotsubstanz bereits 2031 nahtlos vom Studienbetrieb in regulierte Märkte überführt würde? Die Schweiz könnte zur Modellregion für einen verantwortungsvollen Umgang mit psychoaktiven Substanzen werden und zeigen, wie Forschung, Ethik und Konsum zu einer neuen Regulierungskultur verschmelzen. Marc Brüngger ist Head of Innovation & Production bei Pure Production. Früher selbst Anbauer, leitet er seit 2022 die Pilotprojekte zum wissenschaftlich begleiteten Cannabis-Anbau und verbindet dabei praktische Erfahrung, Konsument:innenwissen und Forschungskompetenz.
34Porträts Ästhetiken des Illegalen: Online-Shopping Ein Grossteil des Handels mit Substanzen erfolgt heute über illegale Onlineshops und Chat-Gruppen. Von floral bis funktional, kindlich bis klinisch – die Ästhetisierungsansätze psychedelischer Produkte zeigen einen gesellschaftlichen Prozess der Normalisierung. Was einst Grenzüberschreitung bedeutete, wird heute als Lifestyle inszeniert. Anhand von drei exemplarischen Angeboten gehen wir der Frage nach, welche visuellen und kommunikativen Codes wie Farben, Schriftarten und Bildwelten diese digitalen KonsumKanäle verwenden. Allen gemeinsam ist eine nostalgische Underground-Ästhetik, die Authentizität und Exklusivität verspricht, ergänzt durch Elemente des klassischen E-Commerce wie Produktinformationen, Bewertungen und Erfahrungsberichte, die Seriosität und Vertrauen erzeugen sollen. Im Vergleich zu dem hier explorierten Underground-Angebot mit seiner Tendenz zu Kitsch und oft amateurhaften Gestaltungen wirken legale Angebote mit ihrem Fokus auf Transparenz und der Erfüllung strikter gesetzlicher Vorgaben häufig nüchtern, standardisiert und generisch. Shroom ’n’ Bloom: Grün, organisch, leicht retro – auf den ersten Blick erinnern diese Webshops an Gartencenter oder Bioläden. Eckige Kästchen, schwarze Rahmen und markante Typografie zitieren die Ästhetik des frühen Internets. Erst Begriffe wie «Magic Mushroom», «Growkits» oder «Microdosing» verraten den eigentlichen Inhalt. Zwischen floralen Mustern und idyllischen Landschaften erscheinen Pilze als natürliche, nachhaltige Lebensbegleiter. Die Bildsprache, die an die Flower-Power-Bewegung der 1960er Jahre erinnert, vermittelt Optimismus und Unbedenklichkeit. Mit wachsender gesellschaftlicher Sichtbarkeit stellt sich die Frage: Wird diese visuelle Sprache zum Lifestyle-Code einer neuen Bewusstseinskultur oder verliert sie ihre subversive Kraft, sobald sie im Mainstream aufgeht? Friendly, Fun, Fungus: Zarte Farben, runde Formen, kindliche Verspieltheit – die visuelle Sprache dieser Plattformen wirkt harmlos und einladend. Doch diese Sanftheit ist kalkuliert: Risiko wird in Vertrauen, Tabu in Zugänglichkeit übersetzt. Comicartige Illustrationen und kurze Erklärvideos verwandeln den Konsum in eine spielerische Entdeckungstour. Der Shop wird zur Bühne, das Produkt zum Character. In einer posttherapeutischen, postrebellischen Landschaft dient das Spielerische als Zugang, Unschuld als neues Zeichen von Sicherheit. Die visuelle Leichtigkeit schafft emotionale Anschlussfähigkeit – vielleicht die glaubwürdigste Form von Vertrauen? Oder doch nur eine neue Verpackung alter Sehnsüchte? Clinical Cool: Klinisch, reduziert, professionell – mit der Legalisierung einzelner Substanzen wie Cannabis etabliert sich eine neue, cleane Ästhetik. Marken wie «HeimatKult» stehen exemplarisch für diesen Wandel: klare Linien, pastellige Farben, minimalistisches Packaging. Der Onlinehandel rückt damit näher an die Welt von Kosmetik, Wellness und gehobener Lebensmittelindustrie. Psychedelika werden zu Lifestyle-Produkten, verbunden mit Selbstfürsorge, Spiritualität und «Mindful Living». Ist Minimalismus die ästhetische Norm der Legalisierung? Oder nur die neue Uniform der Kommerzialisierung? Was wäre, wenn … … diese neue Ästhetik nicht nur Ausdruck, sondern auch Motor dieses Wandels wäre – ein visuelles Versprechen, dass sich Rausch und Alltag versöhnen lassen? Anna Azzola, Nicolás Cruz Gómez, Nadja Schmidle
36Porträts Stéphanie Kiser, Miel Schneeberger Keta und Krawall Derb, ironisch und empowernd – wie Ikkimel den Rausch in provokante Gesellschaftskritik verwandelt. «Ballern, Fotzenpower, überlange Lines, Krawall und Ketamin». Zwischen feministischem Empowerment und hedonistischem Exzess eröffnet die 28-jährige Berliner Sängerin Ikkimel den Diskurs über Substanzen. Die Sprache des Rauschs ist bei ihr mehr als Provokation, es ist ihr Stilmittel. Ihre Texte verhandeln Leistungsdruck, Rollenbilder, Ansprüche und Antihaltung. Das Narrativ erzeugt Reibung, schockiert – und ermutigt. Ketamin, ursprünglich als Pferdebetäubungsmittel eingesetzt, hat den veterinären Kontext längst verlassen. Vom Therapiesetting über die Clubtoiletten ist die Substanz vielerorts anzutreffen und hat inzwischen einen relevanten Stellenwert in der Popkultur. In Ikkemels Texten spielt Ketamin eine zentrale Rolle: Hier wird es vom Suchtmittel zum Symbol für Selbstbehauptung, Autonomie und Widerstand. Begriffe wie «Fotzenpower» oder «sich dumm machen» sind bewusst gesetzte Provokationen gegen Oppression, Optimierungszwang und Leistungsdruck. Dass dieses Narrativ irritiert und ambivalent wahrgenommen wird, spiegelt sich auch in den Aussagen der elf Personen, die wir online zu Ikkemel und ihrem Umgang mit Rausch und Substanzen befragten. «Was für Pferde nicht schlecht ist, kann für Menschen auch nicht schlecht sein.» Während einige ihre Lyrics als empowernde Botschaft lesen, die neue feministische Perspektiven eröffnet und zur Selbstbehauptung anregt, wirken sie auf andere cringey, überzogen oder sogar gefährlich. Sie sehen hier eine Verharmlosung des Konsums, eine Romantisierung der Substanz und eine Normalisierung des Umgangs mit Keta. Gerade in diesem Aufeinandertreffen konträrer Stimmen zeigt sich die Ambiguität ihres Werks. «Sich dumm machen» wird bei Ikkimel zum eskapistischen Wunsch, sich dem Leistungszwang und Optimierungsdruck entziehen zu können. Konsum wird zum Widerstand gegen soziale und kulturelle Ansprüche. Mit «überlangen Keta-Lines» zur Selbstbehauptung, Ekstase als Coping-Strategie und Exzess als EgoBoost. Ikkimel entwirft ein Lebensgefühl, in dem es legitim ist, Kontrolle abzugeben, Erwartungen nicht zu erfüllen und sich in die schummerige Welt der Ekstase zurückzuziehen. Sie erzeugt ein provokant ehrliches Narrativ, das FINTA-Personen eine Plattform gibt, die Lebensrealitäten der Gen Z abbildet und unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält. Was wäre, wenn … … wir Keta zukünftig weniger als Substanz, son - dern als Symbol des Widerstands begreifen? Und wie könnte dieses ermächtigende, ehrlich provokante Substanzsymbol gesellschaftsrelevante Diskurse und Narrative prägen? Ikkimel (28), die selbsternannte «beste Rapperin Deutschlands», macht derbe Sprache zum feministischen Werkzeug. Mit ihrem linguistischen Hintergrund schafft sie neue Narrative und verwandelt Worte in Symbole. Gesellschaftliche Spannungen spiegelt sie provokant an romantisierten Rauschbildern und feministischen Selbstbehauptungen. Foto: BIBIZA x Ikkimel, «Galopp!», Credit: Jonas Unden
38Porträts Eine Nase für Substanzen Diensthundeführer Tobias über Drogen, Trends und warum kein Gerät die Nase eines Hundes ersetzen kann. Der Umgang mit Substanzen und der Blick auf sie verändert sich kontinuierlich: Neue Stoffe, Mischungen und Konsummotive entstehen, die Grenzen zwischen Medizin und Missbrauch, Genuss und Sucht werden neu verhandelt. Doch eines bleibt gleich: der feine Geruchssinn der Hunde, die lernen, selbst kleinste Spuren aufzuspüren. Diensthundeführer Tobias beschreibt die Ausbildung so: Der Hund lernt ein Verhalten, zeigt es selbstständig und wird dafür belohnt – mit Futter oder Spielzeug. So verknüpft er das Erkennen einer Substanz mit einem positiven Erlebnis und wiederholt das Verhalten freiwillig. «Da sprechen wir von Betäubungsmitteln – also Heroin, Kokain, Amphetamin, Ecstasy, Haschisch und Marihuana.» Jeder SpürmittelHund lernt, diese sechs Gerüche zu unterscheiden – eine Aufgabe, die bis zu 60 Wiederholungen pro Stoff erfordert. Nicht alle Stoffe sind für Hunde gleich einfach zu erkennen. Heroin etwa «riecht häufig sehr stark nach Essig», erklärt Tobias. Manche Hunde mögen diesen Geruch nicht, hier ist es Aufgabe der Ausbilder:innen, ihn dennoch positiv zu besetzen. Gefährliche Stoffe wie Fentanyl könnten in Zukunft eine besondere Herausforderung darstellen. «Da muss man sich überlegen, wie die Ausbildung stattfindet, damit der Hund den Stoff kennenlernt, aber nicht gefährdet ist – und natürlich auch wir als Hundeführer.» Direkter Kontakt ist tabu: «Er soll nicht reinbeissen, nicht knautschen – nur riechen.» Psychedelika hingegen spielen aktuell kaum eine Rolle. «Da gibt es noch keine Ausbildung, weil kein Bedarf da ist», sagt Tobias. Entwicklungen beobachte man über längere Zeiträume. «Vor Jahren dachte man, dass viel mehr synthetische Substanzen in die Schweiz gelangen würden – das ist aber nie eingetreten.» Er sieht jedoch, dass sich die Drogenwelt verlagert – etwa durch den Onlinehandel. «Früher hattest du in Zürich Hotspots, wo du Marihuana und Haschisch relativ einfach beziehen konntest. Das hat sich stark verschoben. Wahrscheinlich findet vieles online statt, und da können die Hunde nichts ausrichten.» Sobald die Ware jedoch physisch auftaucht – in Lagern, bei Postsendungen oder an der Grenze –, «kommen die Hunde wieder zum Einsatz». Auf die Frage, ob Hunde eines Tages durch Technologie ersetzt werden könnten, antwortet er entschieden: «Nein. Aktuell gibt es keinen gleichwertigen Ersatz.» Elektronische Nasen seien auf bestimmte Stoffe programmiert, aber unflexibel: «Der Hund kann auch bei Verunreinigungen und Mischverhältnissen zuverlässig anzeigen – das kann kein Gerät.» Tobias’ Arbeit ist geprägt von Routine, Geduld und Anpassung an sich wandelnde Drogentrends. Er versteht den Hund als lebendigen Detektor, dessen Sensibilität und Intuition selbst modernste Technologie übertrifft. Solange Menschen Substanzen konsumieren, wird der Hund gebraucht – als präziser, wachsamer und loyaler Partner im Dienst. Was wäre, wenn … … Substanzen nicht länger kriminalisiert würden und die «arbeitslosen» Spürhunde künftig darauf trainiert würden, gesundheitsgefährdende Streckmittel zu erkennen und so zu einem risikoärmeren Rausch beizutragen? Selina Hirsch, Oleksandra Tsapko, Stella Waldvogel Tobias Knoepfli arbeitet im Kompetenzzentrum für Diensthunde der Stadtpolizei Zürich. In seinem Alltag dreht sich alles um Gerüche, Substanzen und die feine Nase seiner Hunde – und um die Frage, wie sich Drogenlandschaften und Ausbildungsmethoden verändern.
46Interview Anteile sichtbar machen, die mit dem Leiden verbunden sind. Dadurch lassen sich Schmerzen nicht nur betäuben, sondern erkennen, erforschen und letztendlich auch transformieren – man kann an ihnen wachsen. In einem Interview haben Sie gesagt: «Mit Psychedelika kann man das Sterben üben.» Was meinen Sie damit? Der Gedanke dahinter ist, dass wir Menschen dazu neigen, an Dingen festzuhalten – an dem, was wir als Glück empfinden, und auch am Leben. Aber alles verändert sich. Loslassen zu können ist eine wesentliche menschliche Aufgabe, die wir in der Schule und auch später kaum lernen. Im Alter, bei Krankheit oder wenn der Tod näher rückt, kann das besonders schwierig werden, wenn man festhält, weil das Leben trotzdem entschwindet. Psychedelika sind ein Werkzeug, das Menschen dabei helfen kann, loszulassen, weil sie Hirnareale beeinflussen, die mit dem eigenen Ich identifiziert sind – das sogenannte DefaultMode-Network. Psychedelika deaktivieren dieses Netzwerk vorübergehend. Das kann zu einer Auflösung der Ego-Strukturen führen und sichtbar machen, dass die Identifikation mit diesem Ich nur ein Konstrukt ist. Spannend daran ist, dass unter Psychedelika die Hirntätigkeit eher abnimmt, das Bewusstsein aber zunimmt. Das könnte unter Umständen bedeuten, dass das Bewusstsein gar nicht durch das Hirn erzeugt wird, sondern dass Bewusstsein durch das Hirn wahrgenommen wird. Dass Hirnaktivität also eher Empfängeraktivität als Erzeugeraktivität sein könnte.» Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten Jahren – und wie sähe eine verantwortungsvolle Zukunft für den Einsatz von Psychedelika aus? Ich wünsche mir, dass psychedelische Therapien als feste Behandlungsform anerkannt und von Krankenkassen vergütet werden. Momentan ist das noch schwierig, die Therapien sind teuer, weil die Sitzungen sehr zeitintensiv sind. Um die Wirksamkeit eindeutig zu belegen, braucht es weitere Forschung. Gerade bei Schmerzen oder Depressionen ist das anspruchsvoll, weil solche Zustände subjektiv erlebt werden und schwer objektiv messbar sind. Langfristig sollten Psychedelika nicht nur im medizinischen Kontext erlaubt sein, sondern auch ausserhalb – Voraussetzung ist die Sicherheit. Wenn Menschen Schulung, Wissen und Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen, könnte – ähnlich wie bei der Fahrprüfung – ein «Führerschein für Psychedelika» ausgestellt werden: Wer gelernt hat, bewusst und achtsam damit umzugehen, sollte sie auch eigenverantwortlich nutzen dürfen. Was wünschen Sie sich von Forschung, Gesellschaft und Politik, um dieses Feld weiterzuentwickeln? Vor allem Entstigmatisierung – und dass Psychedelika eine menschliche Erfahrung bleiben werden. Ich wünsche mir, dass sie nicht zu einem rein pharmazeutischen Produkt werden, das man in sterilen Räumen und ohne menschlichen Beistand konsumiert, sondern dass der eigentliche Kern der psychedelischen Erfahrung, nämlich die menschliche Erfahrung von Bewusstsein und Verbundenheit, erhalten bleibt.
47 swissfuture 03-04/25 Positionen swissfuture 03-04/2547
48Stephanie Buschner, Helena Aicher Psychedelika-assistierte Therapie Autorinnen Stephanie Buschner ist Mitbegründerin des interprofessionellen Zentrums für Psychedelika-assistierte Therapie (ZPAT) in Zürich. Darüber hinaus arbeitet sie als Oberpsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Sie verbindet langjährige klinische Erfahrung mit einem zeitgemässen psychotherapeutischen Verständnis und engagiert sich für eine verantwortungsvolle Integration psychedelischer Verfahren in die heutige Behandlungspraxis.
[email protected] www.zpat.ch Helena Aicher ist psychologische Psychotherapeutin und Wissenschaftlerin im Bereich Psychedelika. Sie engagiert sich zudem in der Ausund Weiterbildung von Fachpersonen.
[email protected] Abstract Keywords: psychedelic-assisted therapy, switzerland, exemption permits, MDMA, LSD, psilocybin, therapeutic setting and integration, regulation and evidence Psychedelic-Assisted Therapy – Opportunities, Regulation and Switzerland’s Pioneering Role This article examines Switzerland’s pioneering position in the regulated medical use of psychedelics such as LSD, psilocybin and MDMA. Since 2014, these substances have been administered in a controlled and evidence-based manner – primarily for treatment-resistant depression, PTSD and anxiety disorders – through the Swiss Federal Office of Public Health’s (FOPH) individualised exemption procedure. The article shows that the effectiveness of psychedelic-assisted therapy arises from the dynamic interplay between pharmacological effects, therapeutic setting and integrative follow-up. It also highlights the gap between public hype and clinical reality, underscoring the need for robust quality standards, ethical safeguards and further research.
49 swissfuture 03-04/25 Thema Keywords: Psychedelika-assistierte Therapie, Schweiz / Ausnahmebewilligungen, MDMA, LSD, Psilocybin, Therapeutisches Setting und Integration, Regulierung und Evidenz Psychedelika-assistierte Therapie Chancen, Regulierung und die Schweizer Vorreiterrolle Stephanie Buschner und Helena Aicher Der Artikel beschreibt die Schweiz als Vorreiterin in der regulierten medizinischen Anwendung von Psychedelika wie LSD, Psilocybin und MDMA. Seit 2014 werden diese Substanzen über BAG -Ausnahmebewilligungen kontrolliert und evidenzbasiert insbesondere bei therapieresistenten Depressionen, PTBS und Angststörungen eingesetzt. Der Beitrag zeigt, dass die Wirksamkeit der Psychedelika-assistierten Therapie aus dem Zusammenspiel von Substanzwirkung, therapeutischem Setting und integrativer Nachbearbeitung entsteht. Er betont zugleich die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichem Hype und klinischem Alltag sowie die Bedeutung von Qualitätsstandards, Ethik und weiterer Forschung. Psychedelische Substanzen wie Lysergsäurediethylamid (LSD), Psilocybin und das empathogene 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA) erleben seit rund zwei Jahrzehnten eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Renaissance. Im Rahmen der sogenannten Psychedelika-assistierten Therapie (PAT) werden sie als ergänzender Baustein innerhalb therapeutischer Behandlungen erforscht. Nach dem weitgehenden Abbruch der Forschung in den 1970er Jahren liegen heute wieder
50Stephanie Buschner, Helena AicherPsychedelika-assistierte Therapie mehrere kontrollierte Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit bei Depression, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und anderen Erkrankungen vor (Galvão-Coelho et al. 2021; Ko et al. 2023; Luoma et al. 2020). International stehen MDMA (bei PTBS), Psilocybin (bei Depression) und LSD (bei Angststörungen) derzeit in Phase-IIund Phase-III-Studien, die ihre zukünftige Zulassung als Arzneimittel prüfen. Noch ist jedoch keine dieser Substanzen offiziell zugelassen. Parallel entstehen weltweit erste Ausnahmeregelungen, die Patient:innen den Zugang zu Psychedelika bereits vor einer offiziellen Medikamentenzulassung ermög - lichen: Kanada erlaubt über das Special Access Programme den Einsatz von Psilocybin und MDMA bei therapieresistenten Erkrankungen; Australien ermöglicht seit 2023 spezialisierten Ärzt:innen deren Verschreibung bei PTBS bzw. therapieresistenter Depression (Haridy 2023). Auch in der Tschechischen Republik und in Deutschland wurden erste rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen (Gründer et al. 2025). Die Schweiz nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Bereits 1988–1993 durften ausgewählte Psychiater:innen mit Bewilligung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) LSD und MDMA therapeutisch einsetzen (Gasser 1996). Seit 2014 können Ärzt:innen erneut Einzelfallbewilligungen für die medizinische Anwendung verbotener Substanzen beantragen (Liechti 2019; Aicher et al. 2024). Damit verfügt die Schweiz über eines der weltweit wenigen legalen Modelle, Psychedelika ausserhalb klinischer Studien unter ärztlicher Aufsicht einzusetzen. Diese Praxis steht in einer langen Forschungstradition: Schon in den 1950er und 1960er Jahren wurden in Schweizer Kliniken LSD, Psilocybin und Mescalin therapeutisch erprobt, bis 1975 das Verbot folgte. Seit den 1990er Jahren wird wieder klinisch geforscht. Seither entwickelt sich eine wachsende klinisch-wissenschaftliche Bewegung, die Therapie, Ethik und Regulierung eng miteinander verbindet. Heute arbeiten niedergelassene Therapeut:innen, Universitäten und Kliniken gemeinsam daran, den verantwortungsvollen, evidenzbasierten und gesellschaftlich tragfähigen Einsatz von Psychedelika im Gesundheitssystem zu verankern. Regulatorischer Rahmen in der Schweiz Die gesetzliche Grundlage für die beschränkte medizinische Anwendung von Substanzen der höchsten Verbotsstufe bildet Artikel 8, Absatz 5 des Betäubungsmittelgesetzes (BetmG). Auf dieser Basis kann das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Einzelfall Ausnahmebewilligungen erteilen, wenn eine schwere Erkrankung vorliegt, konventionelle Therapien ausgeschöpft sind und eine begründete Aussicht auf Linderung durch die Substanz besteht. Diese Bewilligungen gelten jeweils für eine:n Patient:in. Sie sind ein Jahr gültig, können bei fortbestehender Indikation verlängert oder – falls angezeigt – auf eine
51 swissfuture 03-04/25 andere Substanz umgestellt werden. Ein rechtlicher Anspruch auf eine Bewilligung besteht nicht; jede Entscheidung erfolgt individuell nach Prüfung durch das BAG. Zwischen 2014 und Ende 2024 wurden rund 1800 Ausnahmebewilligungen erteilt (direkte Auskunft des BAG). Schätzungsweise etwa 100 Ärzt:innen führten damit rund 5400 Behandlungen mit MDMA, LSD oder Psilocybin durch. Die Zahl der Bewilligungen hat über die Jahre deutlich zugenommen – ein Hinweis auf wachsende klinische Erfahrung und steigendes Interesse. Behandlungspraxis: Indikationen und Phasen der Behandlung Die häufigsten Indikationen für PAT sind therapieresistente Depressionen, PTBS, Angsterkrankungen und Abhängigkeitserkrankungen – jene Bereiche also, in denen bislang auch die meiste Evidenz vorliegt (Borgogna et al. 2025; Krebs/Johansen 2012; Metaxa/Clarke 2024; Robison et al. 2025; Shahrour et al. 2024). Daneben werden in Einzelfällen auch Zwangsund Essstörungen sowie chronische Schmerzen und palliative Situationen behandelt. Eine sorgfältige Indikationsprüfung und das Ausschliessen somatischer und psychiatrischer Kontraindikationen sind dabei zentral. PAT wird in der Schweiz überwiegend ambulant durchgeführt, zunehmend aber auch in Kliniken und spezialisierten Zentren. 2024 boten rund 80 Privatpraxen und 15 Institutionen – darunter vier Universitätskliniken – diese Behandlungen an. Abb. 1: Anzahl Ausnahmebewilligungen (Erstund Fortsetzungsbewilligungen) des BAG für die beschränkte medizinische Anwendung von MDMA, LSD und Psilocybin seit 26. September 2014 bis und mit Ende 2024. Für die Jahre 2014 und 2015 liegen keine genauen Daten vor.
52Stephanie Buschner, Helena Aicher Der therapeutische Rahmen ist sorgfältig gestaltet: Atmosphäre, Musik, Licht und räumliche Sicherheit beeinflussen den Verlauf der Erfahrung massgeblich. Die PAT kann im Einzel-, aber auch im Gruppensetting durchgeführt werden. Gruppensettings in der PAT können soziale Verbundenheit, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Sinnstiftung fördern und so die Verarbeitung und Integration der Erfahrungen im Alltag unterstützen (Anderson et al. 2020; Gorman et al. 2021; Watts/ Luoma 2020). Gruppenformate sind aber nicht für alle Patient:innen geeignet. Es gilt auch hier eine sorgfältige Prüfung, welches Setting geeignet ist. Typischerweise umfasst eine Behandlung mehrere Phasen: Vorbereitung (Anamnese, Zielklärung, Vertrauensbildung), die Substanzsitzung selbst (meist 6–10 Stunden, durch mindestens eine Fachperson begleitet; bei Gruppen mindestens zwei) sowie Integration, in der das Erlebte reflektiert und in den Alltag eingebettet wird. Meistens finden mehrere solcher Zyklen im Verlauf eines Jahres statt. Die Umsetzung erfolgt fast immer interdisziplinär: Ärzt:innen, Psycholog:innen und je nach Setting auch spezialisierte Pflegefachpersonen arbeiten eng zusammen – von Indikationsstellung über Begleitung bis zur Integration. Dieser team - orientierte Ansatz fördert Sicherheit, Qualität und Kontinuität. Zugleich erfordert die Balance zwischen strukturierten Verfahren und personenzentrierter Flexibilität hohe klinische Kompetenz, kontinuierliche Reflexion und eine Haltung von Demut gegenüber der Vielfalt menschlicher Erfahrung. Transdiagnostische Perspektive und therapeutische Einbettung Ein zentrales Merkmal psychedelischer Substanzen ist ihr transdiagnostischer Wirkmechanismus: Sie wirken nicht nur symptomorientiert, sondern greifen auf tieferer Ebene in psychologische Prozesse ein – etwa in Erlebensweisen von Entfremdung, rigide Denkmuster oder Beziehungsdynamiken (Kočárová et al. 2021). Neurobiologisch scheinen dabei eine vorübergehende Auflösung gewohnter neuronaler Muster und eine veränderte funktionelle Vernetzung im Gehirn («Entropie») eine Rolle zu spielen, die mit emotionaler Offenheit und kognitiver Flexibilität einhergeht (Preller et al. 2019; Carhart-Harris et al. 2021; Hood et al. 2023). Diese Prozesse schaffen ein «Fenster erhöhter Plastizität», das therapeutisch genutzt werden kann, um eingefahrene Perspektiven zu verändern und emotionale Erfahrungen neu zu integrieren. In der aktuellen Forschung wird intensiv diskutiert, wie viel der therapeutischen Wirkung auf die Substanz selbst und wie viel auf die psychotherapeutische Rahmung zurückzuführen ist (Aicher et al. 2024; Garcia-Romeu/Griffiths 2024). Wahrscheinlich entsteht der nachhaltige Nutzen aus der Wechselwirkung beider Komponenten: Die Substanz öffnet einen veränderten Bewusstseinszustand, während die begleitende Psychotherapie hilft, herausfordernde Inhalte zu ordnen, sicher zu navigieren und nachhaltig zu integrieren. Über die genauen neurobiologischen Psychedelika-assistierte Therapie
53 swissfuture 03-04/25 und psychologischen Mechanismen weiss man bislang jedoch wenig; sie sind Gegenstand aktueller internationaler Studien (Yaden/Griffiths 2021; Nutt/CarhartHarris 2024). Die offenen Fragen machen die PAT zu einem der spannendsten Forschungsfelder an der Schnittstelle von Neurobiologie, Pharmakologie, Psychologie und Medizin – und zu einem Modell dafür, wie Heilung als integrativer Prozess verstanden werden kann. Zunehmend wird vorgeschlagen, Erkenntnisse aus der Psychotherapieforschung stärker in die Erforschung der PAT zu integrieren (Aday et al. 2024). Wie in der Psychotherapie allgemein dürften unspezifische Wirkfaktoren – die Qualität der therapeutischen Beziehung, Vertrauen, Empathie und Authentizität – entscheidend zum Erfolg beitragen (Grawe 2004; Wampold/Imel 2015; Murphy et al. 2022). Eine aktuelle Arbeit von Wolff (2025) weist darauf hin, dass diese allgemeinen Wirkfaktoren in psychedelischen Zuständen möglicherweise sogar eine noch zentralere Rolle spielen, da Suggestibilität, emotionale Offenheit und interpersonelle Resonanz verstärkt auftreten können. Zugleich zeigt sich, dass es weiterer empirischer Untersuchungen bedarf, um das Zusammenspiel zwischen substanzbezogenen, psychologischen und relationalen Wirkmechanismen besser zu verstehen. Die Vielfalt psychotherapeutischer Hintergründe der Therapeut:innen, die in der Schweiz mit Psychedelika arbeiten, bereichert die klinische Praxis und trägt zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Methode bei. Sie ermöglicht es, unterschiedliche therapeutische Schulen und Haltungen produktiv zu verbinden – von psychodynamischen über verhaltenstherapeutische bis hin zu achtsamkeitsoder schemaorientierten Ansätzen –, und schafft damit ein lebendiges, integratives Feld, das Professionalität mit Pioniergeist verbindet. Klinische Realität: Zwischen Hype und therapeutischem Alltag Trotz der wachsenden gesellschaftlichen Begeisterung ist die klinische Realität der PAT von anspruchsvoller, oft leiserer Natur. Viele Patient:innen kommen mit hohen Erwartungen – teils genährt durch mediale Berichterstattung oder persönliche Erfahrungsberichte –, die eine schnelle oder gar «transformative» Heilung erhoffen lassen. Diese Erwartungshaltungen erfordern ein sorgfältiges therapeutisches Erwartungsmanagement: PAT ist (oft) kein einmaliges Erleuchtungserlebnis, sondern ein intensiver psychotherapeutischer Prozess, der Geduld, Integration und kontinuierliche Arbeit erfordert. In der klinischen Praxis zeigt sich, dass die Begleitung psychedelischer Er - fahrungen eine besonders hohe Präsenz, emotionale Offenheit und Achtsamkeit verlangt. Während der oft stundenlangen Substanzsitzungen entsteht ein dichter Resonanzraum, in dem kleinste Veränderungen in Atmung, Mimik oder Stimme bedeutsam werden können. Diese Form der Begleitung verlangt – im Sinne von Janis
54Stephanie Buschner, Helena Aicher Phelps’ (2017) Konzept der «therapeutischen Kompetenzen» – ein Gleichgewicht aus Kompetenz, Ethik, Mitgefühl und der Fähigkeit, in Unsicherheit zu verweilen. Besonders in herausfordernden Momenten, etwa bei Angst, Kontrollverlust oder intensiver Trauer, ist eine Haltung von ruhiger Präsenz und Vertrauen entscheidend. Aus der Erfahrung zahlreicher Behandlungen wird deutlich, dass Integration oftmals der schwierigste Teil des Prozesses ist. Die Erfahrung eines veränderten Bewusstseins allein genügt oft nicht; erst durch die therapeutische Nacharbeit können neue Einsichten in den Alltag übertragen werden. Dies erfordert nicht selten wiederholte Sitzungen, Kontinuität und eine verlässliche therapeutische Beziehung. Zugleich wird deutlich, dass es in der klinischen Anwendung darum geht herauszufinden, bei welchen Patient:innen dieser Ansatz besonders gut greift – denn nicht jede therapeutische Methode passt für alle gleichermassen. Zwischen dem gesellschaftlichen Hype und dem klinischen Alltag liegt ein weiter Raum – ein Raum, in dem therapeutische Haltung, Beziehung und eine gewisse Demut vor der menschlichen Psyche, aber auch vor der Substanz selbst, entscheidend prägen, wie eine Behandlung gelingen kann. In diesem sensiblen Wechselspiel von psychologischen und biologischen Wirkmechanismen zeigt sich die eigentliche Komplexität des therapeutischen Prozesses. Fazit Die Schweiz verfügt seit 2014 mit dem BAG-Ausnahmebewilligungsverfahren über ein weltweit einzigartiges Modell zur medizinischen Anwendung von Psychedelika. Die wachsende Zahl von Behandlungen macht deutlich, dass PAT unter klaren Rahmenbedingungen sicher und verantwortungsvoll durchgeführt werden kann (Liechti et al. 2025). Die klinische Erfahrung lässt erkennen, dass sie nicht allein als pharmakologische Intervention wirkt, sondern im Zusammenspiel mit psychotherapeutischen Prozessen – mit sorgfältiger Vorbereitung, begleiteter Substanzsitzung und strukturierter Integration. Trotz vielversprechender Ergebnisse bleibt PAT kein Allheilmittel: Zwischen wissenschaftlicher Euphorie und praktischer Erfahrung wird sichtbar, dass Sicherheit, Ethik und Evidenz die tragenden Säulen dieser Therapieform sind. Ausblick Für eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung sind verbindliche Ausbildungsstandards, strukturierte Qualitätssicherung und eine systematische Dokumentation klinischer Erfahrungen zentral. Ebenso wichtig sind klare ethische Leitlinien, transparente Indikationskriterien und faire Zugangsstrukturen. Zukünftige Forschung sollte nicht nur die neurobiologischen Wirkmechanismen, sondern auch die therapeutischen Prozesse, extrapharmakologischen Faktoren und langfristigen Verläufe genauer in den Blick nehmen. Dabei ist «Evidenz» im Sinne Psychedelika-assistierte Therapie
55 swissfuture 03-04/25 Referenzen Aday, J. S., A. K. Davis und C. M. Mitzkovitz (2024): Integrating psychotherapy research into psychedelic-assisted therapy: Opportunities and challenges, in: Journal of Psychopharmacology, 38(2), 123–138. Aicher, H., M. E. Liechti und Y. Schmid (2024): Clinical practice and ethical considerations in psychedelic-assisted therapy in Switzerland, in: Swiss Medical Weekly, 154, w40321. Anderson, B. T., A. Danforth, P. R. Daroff, C. Stauffer, E. Ekman, G. Agin-Liebes und J. D. Woolley (2020): MDMA-assisted therapy for social anxiety in autistic adults: A randomized, double-blind, placebo-controlled pilot study, in: Psychopharmacology, 237(12), 3671–3685. Borgogna, N. C., J. L. Smith und R. L. Wilson (2025): Psychedelic-assisted therapy for depression and anxiety: A systematic review and meta-analysis, in: Frontiers in Psychiatry, 16, 1182932. Carhart-Harris, R. L., B. Giribaldi, R. Watts, M. Baker-Jones, A. Murphy-Beiner, R. Murphy, J. Martell, A. Blemings, D. Erritzoe und D. J. Nutt (2021): Trial of psilocybin versus escitalopram for depression, in: New England Journal of Medicine, 384(15), 1402–1411. Galvão-Coelho, N. L., W. Marx, M. Gonzalez, J. Sinclair und D. Perkins (2021): Classical psychedelics for the treatment of psychiatric disorders: A systematic review of systematic reviews, in: Therapeutic Advances in Psychopharmacology, 11, 1–28. Garcia-Romeu, A. und R. R. Griffiths (2024): Therapeutic mechanisms of psychedelics: Substance, setting, and integration, in: Nature Reviews Psychology, 3(1), 12–24. Gasser, P. (1996): Die psycholytische Therapie in der Schweiz von 1988 bis 1993, in: MAPS Bulletin, 6(3), 3–7. Gorman, I., E. Nielson, A. Molinar, K. Cassidy, J. Sabbagh und C. R. Nicholas (2021): Psychedelic group therapy: Pilot findings from a study of psilocybin-assisted group therapy for demoralized older long-term AIDS survivors, in: Frontiers in Pharmacology, 12, 710. der evidence-based medicine breiter zu verstehen: Sie umfasst nicht allein empirische Studiendaten, sondern ebenso die klinische Expertise der Behandelnden und die Perspektiven und Erfahrungen der Patient:innen. Nur im Zusammenspiel dieser Wissensquellen und einer kontinuierlichen klinischen Weiterentwicklung kann sich PAT als tragfähige therapeutische Option im Gesundheitssystem etablieren.
62Niklaus Reichle, Florian Elliker gaining insight (including spirituality, therapy and expanding consciousness), and hedonism and pleasure-seeking (focused on sensual-aesthetic enjoyment, entertainment / party-orientated use or adventure). Wermuth further shows that nature often plays a pivotal role: most interviewees carefully choose both the physical and social environment, often deciding explicitly between natural and urban settings. Many report that psychedelics deepen their sense of connection to nature – an experience they actively seek. Two Futures: Appenzell and the Laboratory Against this backdrop, this essay explores two possible futures, each anchored in present realities. As social scientists we are convinced: only through a thorough understanding of the social phenomena unfolding in the here and now can we obtain more or less helpful clues as to what lies ahead. The two futures we describe have their starting point in different places: on a farm in Appenzell and in a laboratory in a Swiss city. In Appenzell, a small underground market for fly agaric has thrived over the last few years, sustained by autumn foraging and experiential knowledge. Since May 2025, however, a change in regulation1 has banned the private use of muscimol, one of the mushroom’s psychoactive ingredients, effectively ending this grey-area trade. Shortly thereafter, products and advertisements for retreats disappeared from websites. According to an information request response from Swissmedic in September 2025, the change in regulation was primarily prompted by an observed increase in the availability of muscimol, as well as its use in retreat settings.2 The same regulation however, allows for industrial and scientific uses of muscimol. Meanwhile, psilocybin is being administered at public universities in Swiss cities in clinical trials, partially funded by for-profit companies. In one of these studies, the researchers note in an information leaflet that the funder’s goal – in this case, a US company – is «to conduct further studies on the effectiveness of psychoactive substances with a view to obtaining market approval.» Here, the future is being shaped not by a locally emerging culture of fly agaric use and a corresponding small market but by patents, with intellectual property protections stretching into the 2040s forming the backbone of a global business strategy. The two markets differ fundamentally. While in the first case the natural availability of a mushroom in the wild constitutes the basis for a market, in the second it is the securing of intellectual property rights via science for the purpose of largescale industrial production. Both markets – and their corresponding forms of use – 1 Betäubungsmittelverzeichnisverordnung (BetmVV-EDI), change of March 21, 2025, https://www.fedlex.admin.ch/eli/oc/2025/225/de (October 8, 2025). 2 It was also prompted in part by the study of Leas et al. (2024) on the emerging market for the fly agaric. From Nature to Pills: How Research and Capital Shape the New Psychedelic Order
63 swissfuture 03-04/25 are characterised by distinct types of actors and institutions, differing systems of relevance and diverse forms of knowledge, each tied to specific procedures of knowledge production and the measures that define what is accepted as «fact» or «truth». The two markets – and their corresponding institutional and cultural set-up – also relate in fundamentally different ways to nature. Processing Psychedelics: Natural Experience vs. Natural Science Any discussion of psychedelics must address the human–nature relationship. These substances are relatively abundant in the wild, appearing in different forms across the planet – found in certain plants and cacti, produced in animal glands or emerging from the soil as mushrooms. This relation is often framed as a tension between nature and society. «The juxtaposition of nature and society is a 19th-century construct that served the dual purpose of dominating and ignoring nature. At the end of the 20th century, nature has been subjugated and exploited, thus transforming from an external to an internal phenomenon, from a given to a manufactured one.» (Beck 1986: 9, translation by the authors) The two cases described above reveal fundamentally different relations to the natural environment. Contemporary natural and medical sciences detach substances Fig. 1: Wild-picked fly agaric – dried using simple methods. Fig. 2: A standardized psilocybin pill – industrially manufactured and used in clinical trials.
64Niklaus Reichle, Florian Elliker from nature. Guided by synthesis and standardisation, they seek increased control over phenomena that occur variably in the wild. Typically, the psychoactive component is isolated from the plant in which it occurs, examined, analysed and replicated artificially in the lab, detached from its ecological and cultural context. In nature, the concentration of active compounds fluctuates with climate, soil and season, complicating dosing and availability. Synthesis and standardisation serve to make the effect of an active compound controllable, reproducible and independent of natural fluctuations. Yet these processes do more than merely make substances more «reliable»: they fundamentally transform the phenomenon itself. In a chain of transformation from the field into the lab (Latour 2000), a wild specimen becomes a patented, marketable compound. The psychoactive substance is now detached from its ecological and cultural context and ready to enter a new one. The mushroom – reduced to one of its ingredients – reappears as a pill, stripped of its former look, taste and tactility. It has become something else, although its mode of action remains similar. The shift testifies to modernity’s growing alienation from nature. This resonates with how psychedelics experiences are investigated by these sciences. As one of us observed and experienced ethnographically, a typical setting for such an experience consists of a white-walled hospital room with a bed, technical equipment, a wall clock, the smell of disinfectant and convenience food. The drug is administered as a pill. Continuous monitoring through tests and instruments and the physician’s presence – repeatedly performing work tasks at the computer or with laboratory equipment – shape the participant’s experience. This controlled and controlling environment parallels the control over the chemical compound itself. In FDA-governed research, logging of «adverse effects» (for instance, nausea) is required, and what elsewhere might be part of the experience is framed as an unwanted side effect. Institutional context and regulation thus co-construct what counts as a legitimate psychedelic experience. By contrast, the fly agaric culture in Appenzell is rural, seasonal and subcultural, relying on autumn foraging and experiential knowledge accumulated over years. Meaning here emerges from everyday, private use embedded in place-based practice. Fly agaric is especially significant because, unlike many psilocybin-containing mushrooms, it is difficult to cultivate, therefore suppliers depend on wild harvests. Locally, fly agaric is consumed in various ways, most commonly as tea from dried mushrooms or as tinctures. The «artisanal», experience-based practices of collecting, drying and boiling rest on widely shared, everyday know-how – accessible to novices yet often viewed with suspicion by institutional medicine, which favours knowledge produced by the natural sciences. Still, extensive anthropological research on psychedelics elsewhere (e.g. Narby 1999) shows experiential knowledge can also enable meaningful, non-problematic use – albeit through different epistemologies and safeguards. From Nature to Pills: How Research and Capital Shape the New Psychedelic Order
65 swissfuture 03-04/25 The fly agaric is used in different settings. Some are meditative–spiritual: tea shared in a circle on cushions, with ritual objects and incense. The atmosphere is intimate, and social rituals like singing, guided meditation and sharing of thoughts shape the experience. Other sessions occur at a forest’s edge, near where the mushrooms were found weeks earlier. The earthy, soft taste, the «low-tech» processing and the outdoor practice (re-)anchor the experience in the natural environment from which the fungus came. Taken together, these scenes reflect two cultures of producing and using psychedelics. One extracts and standardises, converting a living organism into a regulated, IP-protected commodity designed for large-scale distribution. The other rests on shared low-tech practices and situates use within landscapes, seasons and communities of practice, where authority stems from accumulated experience rather than instruments and protocols. Neither mode is reducible to chemistry alone; both are built through institutions, norms and forms of knowledge that define what counts as safe, effective, legitimate and true. Conclusion The Appenzell and Lab cases illustrate how the future of psychoactive substances is shaped as much by social practices, knowledge systems and regulation as by chemistry or biology. In one, knowledge is generated through precise measurements of brain waves, heart rate and blood pressure. In the other, it emerges from direct, subjective experience, trial and error, and is shared through traditions. These ap - proaches could hardly be more different, contrasting controlled, institutional science with experiential, tradition-based knowledge. In the fly agaric culture, human control is limited. Processing and use follow locally generated – though globally informed (via the internet) – experiential knowhow: how the mushroom acts when consumed, whether and how to treat it, when to take it and what settings suit it. By contrast, the research and production of synthesised compounds is organised and controlled by specific regulatory bodies, formal institutions, disciplinary logics and capital-intensive firms. Synthesis and standardisation go along with the formation of power relations and the profit-orientated commodification of the natural. In Appenzell, the forest and experience-based knowledge are the basis of a niche market; in the city, university laboratories and intellectual-property law channel psychedelic experiences into global markets. Both worlds are real, both matter, and both are constructed through particular forms of knowledge and authority. As sociologists, our task is not to pass judgment but to analyse how knowledge is produced, communicated and used across contexts. Set side by side, the cases make clear that the «psychedelic future» is being actively negotiated in multiple – and sometimes conflicting – social arenas.
66Niklaus Reichle, Florian Elliker From Nature to Pills: How Research and Capital Shape the New Psychedelic Order References Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Latour, Bruno (2000): Circulating Reference: Sampling the Soil in the Amazon Forest, in: Pandora’s Hope. Essays on the Reality of Science Studies. Cambridge, MA / London: Harvard University Press. Leas, Eric, Nora Satybaldiyeva, Wayne Kepner, Kevin H. Yang, Raquel M. Harati, Jamie Corroon and Matthieu Rouffet (2024): Need for a Public Health Response to the Unregulated Sales of Amanita muscaria Mushrooms, in: American Journal of Preventive Medicine 67/3: 458–463, https:// www.ajpmonline.org/article/S07493797(24)00163-6/fulltext (October 8, 2025). Marks, Mason and I. Glenn Cohen (2022): Patents on Psychedelics: The Next Legal Battlefront of Drug Development, in: Harvard Law Review Forum 135:212: 212–235. Narby, Jeremy (1999): The Cosmic Serpent: DNA and the Origins of Knowledge. New York: Jeremy P. Tarcher / Putnam. Pratt, Amanda R. and Shahin Shams (February 14, 2024): Beyond the Psychedelic Competitive Moat: Chasing the Patent Dragon. Petriflom Center at Harvard Law School, https://petrieflom.law.harvard. edu/2024/02/14/beyond-the-psychedeliccompetitive-moat-chasing-the-patent-dragon (October 8, 2025). Prepeliczay, Susanna (2019): Freizeitgebrauch von LSD und Psilocybin-Pilzen (511–529), in: Robert Feustel, Henning Schmidt-Semisch and Ulrich Bröckling: Handbuch Drogen in sozialund kulturwissenschaftlicher Perspektive. Wiesbaden: VS Springer. Psymposia (n.d.): «Corporadelics», https://www.psymposia.com/corporadelic (October 8, 2025). Reichle, Niklaus and Florian Elliker (2025): Auf einem Auge blind. Wie Forschung den Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen medikalisiert (205–234), in: Ernst von Kardorff, Martin Harbusch and Dominik Robin: Zur Gesellschaft der verletzten Seelen: Neue soziologische Perspektiven auf Psychiatrie, Gesellschaft und Subjekt. Wiesbaden: Springer VS. Sinha, Saumya (2024): Regulating the Psychedelic Renaissance: FDA’s Critical Role in the Push for Scheduling Reform to Expand Research into Psychedelic Medicine, in: Administrative Law Review 76/3: 731–769. Wermuth, Sven (2023): Kontexte von psychedelischen Erfahrungen. Master’s thesis, University of St. Gallen.
67 swissfuture 03-04/25
68Kasia Sroka Ästhetiken des PsychedelikaKonsums im Wandel Autorin Kasia Sroka ist ausgebildete Gestalterin und Trendforscherin. In ihrer Masterarbeit HIGH Reframed an der Zürcher Hochschule der Künste untersuchte sie den Wandel der Ästhetiken des Psychedelika-Konsums. Ergebnis der Forschungsarbeit ist der digitale Trendreport auf www.high-reframed.com. Beruflich an der Schnittstelle von Design und Kommunikation tätig, gilt ihr besonderes Interesse den gegenwärtigen Prozessen kulturellen Wandels und deren Einfluss auf die Populärkultur.
[email protected] Abstract Keywords: psychedelics, aestheticisation, individualisation, medicalisation, wellness, health market The Shifting Aesthetics of Psychedelics Consumption The consumption of psychedelics is under going a profound transformation. What once took place in underground contexts is increasingly being destigmatised through medical research, partially legalised and simultaneously commercialised. The Master’s thesis HIGH Reframed examines this shift from a trend and design perspective. Taking as its point of departure the aesthetics of the contemporary culture of psychedelics consumption, the research explores the topic in a digital trend report. This article introduces examples of popular culture phenomena and situates them within broader socio-cultural developments and trends such as holistic health, secular spirituality, individualisation, neoecology and digitalisation.
69 swissfuture 03-04/25 Thema Keywords: Psychedelika, Singularisierung, Wellness, Medikalisierung, Ästhetisierung, Health Market Ästhetiken des Psychedelika-Konsums im Wandel Kasia Sroka Der Konsum von Psychedelika erlebt einen Imagewandel. Was lange im Underground stattfand, wird durch medizinische Forschung zunehmend enttabuisiert, teils legalisiert und zugleich kommerzialisiert. In der Masterarbeit HIGH Reframed wird dieser Wandel aus einer Trendund Designperspektive untersucht. Ausgangspunkt ist die Frage nach der Ästhetik der gegenwärtigen Psychedelika-Konsumkultur, die in einem digitalen Trendreport Ausdruck findet. Der Artikel stellt exemplarisch populäre Phänomene vor und setzt sie in Kontext zu soziokulturellen Entwicklungen und Trends wie ganzheitlicher Gesundheit, säkularer Spiritualität, Singularisierung, Neo-Ökologie und Digitalisierung. Ästhetik als Indikator Begleitet von Artikeln in der NZZ, dem Tagesanzeiger, der New York Times oder der Vogue, von Hörbüchern und Netflix-Serien, rückt der psychedelische Rausch zunehmend ins Rampenlicht in westlich-geprägten Gesellschaften. Greifbar wird das kontroverse Aufleben der Substanzen in zahlreichen medizinischen sowie kommerziellen Angeboten, wie z. B. in Psychedelika-assistierten Therapien (PAT), Wellness-Retreats mit Psilocybineinnahme, Ratgebern zu Microdosing oder im Ayahuasca-Tourismus.
70Kasia Sroka Ästhetiken des PsychedelikaKonsums im Wandel Die gesellschaftliche und individuelle Bewertung von Psychedelika hängt zwar wesentlich von deren legalem Status ab, wird aber ebenso von vorherrschenden (visuellen) Narrativen und Konsumästhetiken geprägt. Die impliziten Rituale und Symbole des Psychedelika-Konsums, verstanden als ein «System von Informationen» nach Mary Douglas (vgl. Moebius/Quadflieg 2011: 163), materialisieren sich in Objekten, in der visuellen Sprache und in räumlichen Settings. Konsumästhetiken bilden das Image psychedelischer Substanzen nicht nur ab, sondern prägen dieses zugleich und werden ihrerseits von diesem Image geprägt. Das macht sie zu einem Indikator gesellschaftlichen Wandels. Als ästhetische Ausdrucksformen und Codes liefern sie uns Hinweise darauf, welche Bedeutungsund Sinnzusammenhänge dem Psychedelika-Konsum heute zugrunde liegen. Vom Tabu zum Healthstyle Seitdem die Hippie-Bewegung Psychedelika zu ihrer «Droge» machte, haben diese viel von ihrem politisch-revolutionären und distinktiven Charakter eingebüsst. Ihr heutiger Freizeitkonsum geht nicht mehr mit der Abgrenzung einer bestimmten Szene einher, sondern deutlich häufiger mit der Optimierung des Selbst. Passend zum wachsenden Interesse an ganzheitlicher Gesundheit, wie vom Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) im Trendreport Next Health prognostiziert (Frick et al. 2020), werden Psychedelika als probates Mittel für Leistungssteigerung und beschleunigte Selbstentwicklung legitimiert. In der Sozialtheorie beschreibt der deutsche Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz ausführlich die Hinwendung zum Gesunden. Die Gesundheitsund Achtsamkeitsorientierung gegenüber dem eigenen Körper und Geist benennt Reckwitz in Die Gesellschaft der Singularitäten explizit als Erscheinung der Singularisierung (vgl. Reckwitz 2017: 275, 292). Man wolle nicht «haben», sondern «sein» und «peak experiences» erleben – ohne auf soziale Anerkennung zu verzichten (Reckwitz 2017: 290 ff.). Die Journalisten Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter fassen das Phänomen des Psychedelika-Konsums, geprägt von performativen, singulären und gesundheitsbewussten Aspekten, pointiert zusamAbb. 1 Abb. 2 Abb. 3
71 swissfuture 03-04/25 men: «Das mit Psychedelika berauschte Subjekt […] ist leistungswillig und gesundheitsbewusst, wellness-affin und hat eine interessante Geschichte vorzuweisen» (Hanske/Sarreiter 2023: 16). Beispielhaft dafür steht ihre Beschreibung der «NeoHippies, die bunt gekleidet auf den transformativen Festivals tanzen, um nach ein paar Tagen erfrischt in ihre neoliberalen Arbeitswelten zurückzukehren» (Hanske/ Sarreiter 2015: 310). Auf der Suche nach Antworten auf die grossen Fragen des Lebens wird dem Versprechen von Psychedelika als Schnellstrasse zur Selbstfindung gefolgt. Spiritualität und Psychohygiene erhalten damit einen performativen Charakter. Den Hype um Ayahuasca beschreiben Hanske und Sarreiter in diesem Zusammenhang als «Hardcore-Wellness mit dem halluzinogenen Amazonas-Tee» (Hanske/Sarreiter 2015: 137) – ein rasendes «mental healing», was dem knappen Zeitkorsett der Bewohner:innen des westlichen Kulturkreises entgegenkommt (ebd.). Mit den klischeebehafteten Bildern von Sucht, Wahnsinn und Verwahrlosung, die lange die öffentliche Wahrnehmung prägten, hat dieser neue Konsumstil nur noch wenig zu tun. LED und Edel-Trüffel In Amsterdam, der Stadt, deren liberale Drogenpolitik jährlich tausende Tourist:innen anzieht, zeigt sich die Gegensätzlichkeit der gegenwärtigen Ästhetiken des Psychedelika-Konsums besonders deutlich. Dubiose Geschäfte liegen nur wenige Schritte entfernt von Edelboutiquen – beiderorts werden psychotrope Trüffel verkauft. Die sogenannten Magic Truffles sind psilocybinhaltige, walnussähnliche Knollen, die als unterirdische Ausläufer bestimmter Pilze gedeihen. Trotz niedrigerem Psilocybingehalt ist die Wirkung von psychotropen Trüffeln ähnlich wie die der Pilzfruchtkörper. Da sie schwerer zu überdosieren sind, gelten sie in den Niederlanden als legal und sind dementsprechend weit verbreitet. In den gepflasterten Gassen der Grachtenstadt leuchten grelle LED-Schriftzeichen und -Pilze über den prall gefüllten Schaufenstern der Smartshops. Das Angebot dieser engen Läden reicht von sogenannten Trip-Stoppern, verpackt wie Werbeblocker für einen Computerbrowser, über Substanzen, die an Kopfschmerztabletten erinnern, bis hin zu libidosteigernden Kaugummis und Schneekugeln. Mit kontrastreichen Farben und fetten Schriften buhlen die Produkte um Aufmerksamkeit. Nur wenige Strassen weiter, in der kleinen Boutique mit dem lockenden Namen When Nature Calls, ästhetisiert sich der psychedelische Hype auf andere Weise. Der Laden mit Marmortresen gilt als Edelboutique unter den Smartshops und bietet «Truffel Journeys», luxuriös verpackt und betitelt mit den Nummern N° 1 bis N° 5.1 Eröffnet von Patrick de Jongh zu Beginn der House-Szene in den 1990ern, steht der Laden heute exemplarisch für eine neue Kundschaft, die sich für die psychedeli1 https://whennaturecalls.nl/collections/truffle-journeys (Zugriff: 28.09.25).
78Glossar E n t k o p p e l n d D i s s o c i a t i v e MDMA 2C-B C a n n a b i n o i d e S t i m u l a n z i e n O p i o i d e E m p a t h o g e n e P s y c h e d e l i k a D e p r e s s i v a LSD Psilocybin Mescalin DMT Alkohol Benzodiazepine GHB/GBL Heroin Methadon Buprenorphin Oxycodon Morphin Fentanyl Tramadol Codein Kratom THC CBD Amphetamine Methamphetamin Methylphenidat Kokain Nikotin R e l a x a n z i e n A u f p u t s c h m i t t e l A n a l g e t i k a E n t a k t o g e n e H a l l u z i n o g e n e S e d a t i v a Ketamin PCP Salvia divinorum Wheel of Substance Basiert auf dem «Drug Wheel» von Mark Adley (2022), das psychotrope Substanzen nach ihrer Wirkung ordnet – erweitert um umgangsLea Kressel, Stéphanie Kiser, Brenda Marcia Offe, Melanie Sellmann Glossar
79 swissfuture 03-04/25 Ob Eskapismus, Rauschen oder Tripsitter, das Glossar enthält eine Auswahl von Begriffen, die die Auseinandersetzung mit Substanzen gegenwärtig prägen, ganz gleich, ob in theoretischen Diskursen oder alltäglichen Konsumpraktiken. Ästhetik der Legalisierung Der visuelle Wandel, der Substanzen beim Übergang vom Illegalen in den Mainstream begleitet. Übersetzung von Rebellion, Verbot und Gegenkultur in eine neue, «saubere» und kommerzialisierbare Markenwelt. Awareness-Konzept Beginnen bei der Hinterfragung von den eigenen Denkmustern in Bezug auf FINTAPersonen im Rausch und erstrecken sich hin zu Achtsamkeit auf einen selbst und andere während eines Rauschs. Bullshit-Parameter Einnahme von Substanzen zur Bestimmung persönlicher Grenzen und Relevanzen im Leben. Check-in-Test Ein Drive-in-artiges, schnelles Analysesystem, bei dem Substanzen auf ihre Zusammensetzung und Reinheit geprüft werden. Solche Drug-Checking-Programme helfen, Verunreinigungen oder gefährliche Beimischungen zu erkennen und Risiken zu reduzieren. Ecodelia Verknüpfung von ecology und psychedelia: beschreibt die ökologische Sensibilisierung, die durch psychedelische Erfahrungen entsteht (z. B. ein neues Bewusstsein für planetare Verbundenheit). entheogen Wörtlich «das Göttliche in sich hervorbringend»; bezeichnet psychoaktive Substanzen, die spirituelle oder mystische Erfahrungen auslösen. Eskapismus Das bewusste Flüchten vor unangenehmen Lebensrealitäten in angenehmere Ersatzwelten. Gelingender Konsum Bewusster und reflektierter Umgang mit Konsum, bei dem die innere Haltung und die äusseren Rahmenbedingungen aufeinander abgestimmt sind. Geprägt wurde der Begriff von Florian Elliker und Niklaus Reichle (siehe Position «From Nature to Pills: How Research and Capital Shape the New Psychedelic Order»). Oneness Bezeichnet das Auflösen der Ich-Grenzen zugunsten eines Gefühls von Einheit mit der Welt. Im Zustand der Ego-Auflösung wird das Selbst als Teil eines grösseren Ganzen erfahren, oft in spirituellen, meditativen oder psychedelischen Erfahrungen (siehe Porträt «Per Überschall zur Erkenntnis»). Post-Trip-Integration Die bewusste Nachbereitung einer psychedelischen Erfahrung. Dabei werden Eindrücke, Emotionen und Erkenntnisse reflektiert und in den Alltag integriert, etwa durch Gespräche, Journaling, Therapie oder kreative Ausdrucksformen. Ziel ist es, das Erlebte zu verstehen, nachhaltig zu verankern und mögliche Herausforderungen zu verarbeiten. Psychedelic Renaissance Die klinische Forschung zu psychedelischen Substanzen erlebt nach Jahrzehnten der Zurückhaltung eine Wiederbelebung. Psychedelic Wellness Bewusstseinserweiterung und Wohlbefinden durch Psychedelika. Meist vermittelt durch luxuriöse und elitäre Wellness-Retreats. Psychedelischer Salon Eine monatliche Veranstaltungsreihe mit Ursprung in Zürich, organisiert von Susanne Seiler. Hier wird sich mittels Diskussionen, Vorträgen und Kunst mit psychedelischen Substanzen auseinandergesetzt, ohne diese zu konsumieren.
80Glossar Rauschen Eine soziale Praxis, die den Rausch von einer passiven Erfahrung in eine aktive Tätigkeit verwandelt. Ziel ist ein Zustand des puren Seins, des Sich-nicht-von-aussen-Betrachtens durch die Einnahme von Substanzen. Geprägt wurde der Begriff von den Autor:innen der Publikation «Gender und Rausch». Regulated Transition Übergang von illegalen zu legalen Strukturen im Umgang mit psychoaktiven Substanzen durch kontrollierte Pilotprojekte und institutionelle Tests. Ziel ist es, durch gesetzliche Rahmenbedingungen, Qualitätssicherung und Aufklärung Risiken zu minimieren, Konsument:innen besser zu schützen und gesellschaftliche Kontrolle über Produktion, Vertrieb und Konsum zu etablieren. Safer Spaces Orte, an denen FINTA-Personen sicher konsumieren können, ohne gesellschaftlichen, psychischen und physischen Gefahren oder Verurteilungen ausgesetzt zu sein (siehe Portrait «Frei Rauschen»). Selbstmedikation Selbstbehauptung und Konsum als Empowerment, besonders in einer feministischen Haltung, die mit Rollenbildern bricht. Neue Narrative wie Microdosing und Selbstoptimierung zeigen Selbstmedikation als Akt der Autonomie. Set und Setting Ein zentraler Begriff der psychedelischen Kultur, der den Einfluss innerer und äusserer Bedingungen auf das Erleben beschreibt. «Set» steht für die innere Verfassung: Stimmung, Erwartungen, mentale Vorbereitung. «Setting» bezeichnet das äussere Umfeld: Ort, Atmosphäre und Menschen, die anwesend sind. Sich dumm machen Umgangssprachlich für die Ablehnung des Optimierungsund Leistungsdrucks. Ausdruck von Loslassen, Eskapismus und Antihaltung, auch durch Substanzen. Stigmatisierung Der gesellschaftliche Prozess, durch den bestimmte Substanzen, Praktiken oder Gruppen moralisch abgewertet und an den Rand gedrängt werden. Im Drogenkontext betrifft dies häufig Konsumierende, die dadurch ausgegrenzt werden und seltener Unterstützung suchen. Straight Edge Lebensstil und Subkultur, geprägt durch den Verzicht auf Alkohol, Drogen und exzessiven Konsum. Entstanden aus der HardcorePunk-Szene der 1980er Jahre, steht Straight Edge für Selbstkontrolle und Widerstand gegen hedonistische Konsumkulturen. Parallelen finden sich im ästhetisierten Clean Girl-Trend, jedoch mit unterschiedlichen kulturellen Codierungen. Substanz(iell) Im Kontext von Psychedelika meint der Ausdruck von Substanz(iell) das Wesentliche, Transformative und Sinnhafte einer Erfahrung oder Auseinandersetzung, nicht nur den Konsum an sich. Synthetic Intimacy Künstlich erzeugte Nähe, etwa durch Substanzkonsum, digitale Medien oder performative Praktiken. Konsum ersetzt Rituale und erzeugt kollektive Momente von Intimität, die im Rausch erlebt werden. Tripsitter Eine nüchterne Begleitperson, die während eines psychedelischen Erlebnisses anwesend ist, um Sicherheit und emotionale Unterstützung zu bieten. Unfreiwilliger Konsum Das heimliche, strafbare Verabreichen von Substanzen ohne Einwilligung, etwa durch Injektion (Needle Spiking), über Getränke (K.O.-Tropfen) oder andere Wege. Lea Kressel, Stéphanie Kiser, Brenda Marcia Offe, Melanie Sellmann
Gendergerechte Sprache Das swissfuture-Magazin bemüht sich um eine gendersensible Sprache, die alle Menschen in ihrer Vielfalt anspricht und abbildet. Wo neutrale, Dudenkonforme Lösungen nicht möglich sind, wird der Gender-Doppelpunkt eingesetzt. Open Access Policy Das swissfuture-Magazin befolgt die Vereinbarungen für Gold Open Access und bietet damit einen sofortigen freien Zugang zu den Inhalten ab dem Erscheinen der Ausgabe. Autor:innen dürfen ihre Artikel unter einer CC-BY 4.0-Lizenz jederzeit publizieren und sie behalten umfänglich die Verwertungsrechte, wobei die Erstpublikation angegeben werden muss. Sie tragen keine Kosten. Zitierweise Zitate im Text Für eine Literaturangabe ist in Klammern der Nachname des:der Autor:in, das Publikationsjahr sowie (im Fall von direkten Zitaten in Anführungszeichen) die Seitenzahl anzugeben. Wird der Name des Autors bereits im Text genannt, wird nur das Publikationsjahr (und die Seitenzahl) in Klammern angegeben. Beispiele: …Goffman (1974: 274–275)… Literaturverzeichnis Im Literaturverzeichnis werden alle zitierten Werke aufgeführt. Es ist alphabetisch nach den Nachnamen der Autor:innen zu ordnen, deren volle Namen angegeben werden sollten. Zwei oder mehr Werke derselben Autor:in sollten chronologisch nach Publikationsjahr geordnet werden. Beispiele: Monographie – ein:e Autor:in Goffman, Erving (1974): Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrung. Frankfurt: Suhrkamp. Monographie – zwei oder mehr Autor:innen Berger, Peter L. und Thomas Luckmann (1966): The social construction of reality: A treatise in the Sociology of Knowledge. Garden City, NY: Anchor. Sammelband Maso, Ilja (2001): Phenomenology and Ethnography (136–174), in: Paul Atkinson, Amanda Coffey, Sara Delamont, John Lofland und Lyn Lofland: Handbook of Ethnography. London: Sage. Zeitschriftenartikel – ein:e Autor:in Albert, Ernest (2011): Über Backlash, Neukonstellationen und einige Schweizer Wertentwicklungen, in: swissfuture 01/11: 4–7. Zeitschriftenartikel – zwei oder mehr Autor:innen Jensen, Carl J. und Bernhard H. Lewin: The World of 2020: Demographic Shifts, Cultural Change and Social Challenge, in: swissfuture 01/09: 36–37. Zeitungsartikel Wehrli, Christoph (22. Juli 2011): Vielfalt und Gleichheit im Einwanderungsland (S. 11). Zürich: Neue Zürcher Zeitung. Artikel in elektr. Form – Zeitschrift Schnettler, Bernd (2002): Review Essay – Social Constructivism, Hermeneutics, and the Sociology of Knowledge, in: Forum Qualitative Sozialforschung 3(4), http://www.qualitativeresearch.net/index.php/fqs/article/view/785 (27. Juli 2011). Artikel in elektr. Form – Zeitung Dätwyler, Tommy (27. März 2008): Neues Leben auf alten Inkapfaden, in: Neue Zürcher Zeitung, http://www.nzz.ch/magazin/reisen/neues_ leben_auf_alten_inkapfaden_1.695490.html (27. Juli 2011). Informationen auf Website veröffentlicht Bundesamt für Statistik (2010): Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz 2010–2060. Neuenburg: BFS. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/ news/publikationen.html?publicationID=3989 (27. Juli 2011).
«Im Umgang mit Substanzen spiegelt sich, wie wir als Gesellschaft mit Risiko, Freiheit und Selbstbestimmung umgehen und welche Ästhetiken wir diesen Erfahrungen verleihen.» Studierende Master Trends & Identity, Zürcher Hochschule der Künste Abonnieren Sie das Magazin unter: swissfuture.ch Substanzen