[Rezension] Erb- und Eigentumsordnungen im 19. und 20. Jahrhundert
Abstract
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Full text
Wiest, Franziska Book Review — Published Version [Rezension] Erbund Eigentumsordnungen im 19.und 20.Jahrhundert KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Wiest, Franziska (2025) : [Rezension] Erbund Eigentumsordnungen im 19.und 20.Jahrhundert, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 77, Iss. 1, pp. 137-140, https://doi.org/10.1007/s11577-025-00989-z This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/323574 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-025-00989-z Köln Z Soziol (2025) 77:137–140 Erbund Eigentumsordnungen im 19. und 20. Jahrhundert Franziska Wiest Angenommen: 28. Januar 2025 / Online publiziert: 11. März 2025 © The Author(s) 2025, corrected publication 2025 Dinkel, Jürgen: Alles bleibt in der Familie. Erbe und Eigentum in Deutschland, Russland und den USA seit dem 19. Jahrhundert. Wien, Köln: Böhlau Verlag 2023. 482 Seiten. ISBN: 978-3-412-52893-5. Preis: C65,–. Seit der Veröffentlichung von Thomas Pikettys (2014)WerkDas Kapital im 21. Jahrhundert hat die Erforschung von Erbschaften vor dem Hintergrund zunehmender Vermögensungleichheiten in spätkapitalistischen Gesellschaften an Bedeutung gewonnen. Während Pikettys Fokus auf den makroökonomischen Entwicklungen der Perpetuierung und Akkumulation von Vermögen lag, untersucht die Studie des Historikers Jürgen Dinkel Alles bleibt in der Familie. Erbe und Eigentum in Deutschland, Russland und den USA seit dem 19. Jahrhundert die diesen Entwicklungen zugrunde liegenden rechtlichen und politischen Rahmungen, konkreten Erbpraktiken sowie Normen, Wertvorstellungen und Institutionen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag, die Bedeutung von Familie und Erbschaften für die Gestaltung wirtschaftlicher Ordnungen aus soziologischer Perspektive zu überdenken. Dinkel legt dar, dass sich seit der Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie im 18. Jahrhundert das Erbrecht und die Erbpraxis auf die Stärkung und den Erhalt von Familien ausrichteten. Bis heute hat sich der Übertrag des Erbes an Familienmitglieder als selbstverständliche fast natürliche Handlung etabliert (S. 402). Anders als der Staat, der insbesondere in Europa als eine Bedrohung für privates Eigentum gesehen wurde, stellten Familien berechenbare Akteure dar. Familien ermöglichten es Individuen, politischen und ökonomischen Wandel zu bewältigen, und stabilisierten Gesellschaften somit in Transformationszeiten (S. 402). Er argumentiert daher treffend, dass entgegen den F. Wiest Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Paulstr. 3, 50676 Köln, Deutschland E-Mail: [email protected] K
138 F. Wiest Erzählungen von Individualisierung und Markt das 19. und 20. Jahrhundert zum Zeitalter der Familie wurden, da die behauptete Individualisierung und „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz 2017) für Erbordnungen nicht gelten (S. 402). Ganz im Gegenteil bleibe die Familie als Strukturprinzip von großer Beharrungskraft bestehen (S. 403). Für die Soziologie bietet Dinkel damit vielfältige Anknüpfungspunkte, die Relation aus Staat, Wirtschaft und Familie neu zu denken. Ausgehend von empirischen Forschungen zu Erbordnungen und Erbpraktiken in Deutschland, den USA und der Sowjetunion mit Tiefenbohrungen in Frankfurt, Baltimore und Odessa, zeigt Dinkel, dass sich das „Familienprinzip“ als zentraler Bezugspunkt von Eigentumstransfers im 19. und 20. Jahrhundert durchsetzte. In einem Mixed-Methods-Design erarbeitet er einen Datensatz aus Nachlassakten für Frankfurt und Baltimore von 1880–2001, um sämtliche hinterlegte Erbtransfers zu erfassen. Für die Jahre 1910/1911, 1940/1941, 1970/1971 und 2000/2001 führt er zudem qualitative Analysen einzelner Erbfälle durch. Da ein Großteil aller Erbschaften unter Nichteinbezug staatlicher Institutionen informell übertragen wird (S. 407), bezieht Dinkel zudem eine Vielzahl weiterer Datenquellen ein, wie juristische und politische Stellungnahmen oder Geschäftsunterlagen privater Dienstleister, um sowohl die weniger gut dokumentierten „normalen“ Erbfälle als auch die besonderen Erbfälle zu erfassen (S. 23). In drei empirischen Hauptkapiteln beleuchtet Dinkel chronologisch die Genese der bürgerlichen Erbordnungen im 19. und 20. Jahrhundert. Im ersten Teil stellt er heraus, wie das Erbrecht als Instrument der Gesellschaftsgestaltung entdeckt wurde, um den Ausbau des modernen Verwaltungsstaates voranzutreiben. Der zweite Teil widmet sich der Verstetigung des Familienprinzips Anfang des 20. Jahrhunderts, was am besten am widersprüchlichen Fall der frühen Sowjetunion zur Geltung kommt. Mit dem Ziel, die bürgerliche Erbordnung und mit ihr die Anziehungskräfte der bürgerlichen Kleinfamilie zu zerschlagen, wurden 1918 in der Sowjetunion sämtliche Erbtransfers verboten. Unmittelbar danach begann die Führung den Transfer von Nachlassgegenständen jedoch wieder zu legitimieren, da das Erbverbot im Widerspruch zu den begrenzten finanziellen, administrativen und personellen Ressourcen der Staatsapparate stand (S. 111). Obwohl die Politik der Sowjetunion massive Einschnitte in familiale Beziehungsverhältnisse vornahm, unter anderem durch die 1922 angeordnete Auflösung der Ehe, vermachte keine einzige Person in Odessa im untersuchten Zeitraum (1929, 1932 und 1940) ihr Vermögen dem Staat, der Partei oder anderen öffentlichen Organisationen (S. 129). Im dritten Teil diskutiert Dinkel die seit den 1960er-Jahren zunehmende Liberalisierung von Erbschaften und Legitimierung des Familienprinzips. Im Kontrast zu den Jahrzehnten davor zielten die Reformen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen drei Fällen darauf ab, die Besteuerung unwidersprochen zu reduzieren und die rechtliche Stärkung von Familienangehörigen weiter auszubauen (S. 341). Besonders spannend ist hier die zunehmende Bedeutung von Armut, Schulden und ausgeschlagenen Erbschaften. Während Erben ärmerer Erblasser ihr Vermögen dadurch schützten, dass sie das (verschuldete) Erbe ausschlugen und damit dem Zugriff meist privatwirtschaftlich agierender Gläubiger wie Banken oder Pflegeheimen verwehrten, beschränkten die Erben wohlhabender Erblasser den Zugriff des Staates auf ihr Vermögen. Zu zeigen, dass die Auseinandersetzungen mit Erbschaften und Erbordnungen daher auch aus K
Erbund Eigentumsordnungen im 19. und 20. Jahrhundert 139 einer Armutsperspektive höchst relevant sind, ist eine große Stärke des Buches. Dinkel macht damit deutlich, dass Erbordnungen und Erbpraktiken mindestens genauso sehr eine Geschichte der Armut wie des Reichtums sind. Obwohl Dinkel einen umfassenden Einblick in bisherige Studien zu Erbordnungen gibt, hätte das Buch von einer stärkeren Einordnung seiner Forschung in die bestehende Literatur und einer Diskussion profitiert. Gerade die Debatte um das Erbrecht für Deutschland und die USA ist nicht neu (siehe Beckert 2004). Er bleibt den Lesern und Leserinnen schuldig darzulegen, wo er bisherige Literatur ergänzt, erweitert, bestätigt oder ihr widerspricht. Darüber hinaus geht Dinkel außer in der Einleitung nicht auf sein empirisches Vorgehen ein. Eine ausführliche Einführung in das Quellenmaterial fehlt, insbesondere die Erschließung und Erstellung des Datensatzes der Nachlassakten. Immer wieder ist es daher schwer nachzuvollziehen, ob sich Dinkel auf bestehende Forschungsliteratur, auf Nachlassakten oder anderes Quellenmaterial bezieht, vor allem im Fall Odessa. Im Hinblick auf weiterführende Forschung wären diese empirischen Einblicke ungemein hilfreich; gerade weil in den letzten Jahren immer mehr Historiker und Historikerinnen auf Nachlassakten als Quellen zurückgreifen und diese Quellen aus soziologischer Perspektive bislang noch weitgehend unerforscht sind. Der soziologische Mehrwert des Werkes liegt eindeutig in der Rekonstruktion der Kontinuität und Durchsetzung des Familienprinzips im Kontext von Erbordnungen seit Ende des 18. Jahrhunderts. Eine historische Arbeit, die diese „long durée“ in den Blick nimmt, ist selten und zeichnet Dinkels Arbeit in besonderem Maße aus. Gleichzeitig macht Dinkel deutlich, dass die Bezugnahme auf die Familie und die Vereinheitlichung von Rechtsordnungen in Bezug auf Eigentumsfragen keine linearen, sondern widersprüchliche und arbeitsintensive Prozesse waren. Zur Durchsetzung neuer Eigentumsrechte und Erfassung von Erbtransfers bedurfte es eines enormen Verwaltungsapparats, über den kaum einer der drei Staaten in dieser Zeitspanne verfügte. Die eigensinnigen Erbpraktiken der Bürgerinnen und Bürger widersetzten sich immer wieder den Gesetzen und entzogen sich somit dem staatlichen Einfluss. Auch wenn Dinkel dies selbst nicht so benennt, legt er stets einen intersektionalen Blick auf diese Fragen, indem er in jeder untersuchten Periode die sich verändernden klassenund geschlechtsspezifischen Unterschiede herausarbeitet sowie insbesondere auf die Dimension schwarzer und jüdischer Bevölkerungsgruppen eingeht. Dies gelingt ihm insbesondere dadurch, den Blick in seinem Material immer wieder darauf zu legen, was nicht auftaucht und warum. Was er empirisch als Durchsetzung des „Familienprinzips“ zeigt, bedarf einer weiterführenden theoretischen Auseinandersetzung. Aufgabe zukünftiger soziologischer Forschung sollte es daher sein, genauer herauszuarbeiten, wie das Familienprinzip sozialtheoretisch zu fassen ist, da das seit der Moderne propagierte geschichtswissenschaftliche, soziologische und politökonomische Paradigma des Bedeutungsverlusts der Familie für die Gestaltung wirtschaftlicher Ordnungen zunehmend hinfällig ist. Funding Funding support for this article was provided by the Deutsche Forschungsgemeinschaft (BE 2053/11-1). Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. K
140 F. Wiest Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/ 4.0/deed.de. Literatur Beckert, Jens. 2004. Unverdientes Vermögen. Frankfurt a.M.: Campus. Piketty, Thomas. 2014. Das Kapital im 21. Jahrhundert. München: Beck. Reckwitz, Andreas. 2017. Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Franziska Wiest 1993, M.A., Doktorandin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Forschungsgebiete: Soziale Ungleichheiten, Familienund Geschlechtersoziologie, qualitative Sozialforschung. Promotionsprojekt: Familie und Vermögen – eine Liebesbeziehung? Konflikte, Macht und Zugehörigkeit in superreichen Familien. K
