Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten: Konzept, Struktur und Interpretation
Abstract
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Full text
Margarian, Anne Working Paper Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten: Konzept, Struktur und Interpretation Thünen Working Paper, No. 275 Provided in Cooperation with: Johann Heinrich von Thünen Institute, Federal Research Institute for Rural Areas, Forestry and Fisheries Suggested Citation: Margarian, Anne (2025) : Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten: Konzept, Struktur und Interpretation, Thünen Working Paper, No. 275, Johann Heinrich von Thünen-Institut, Braunschweig, https://doi.org/10.3220/253-2025-189 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/331875 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten: Konzept, Struktur und Interpretation Anne Margarian Thünen Working Paper 275
Dr. Anne Margarian Thünen Institut für Marktanalyse E-Mail: [email protected] Thünen Working Paper 275 ©2025 the author, Thünen Institute. This is an open access publication distributed under the terms and conditions of the Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) license Braunschweig/Germany, 10.11.2025
I Zusammenfassung Der vorliegende Bericht zum Thünen-Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten diskutiert die methodischen und konzeptionellen Hintergründe des Monitorings und bietet Interpretationshilfen. Er ermöglicht eine informierte Nutzung des umfangreichen und jährlich aktualisierten Materials des Monitorings. Das Monitoring soll helfen, das verbreitete allzu vereinfachte Bild von der Preisbildung in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten zu überwinden. Es zeigt unter anderem, dass die Preisentwicklungen in der Wertschöpfungskette heute nicht mehr die Preis-Kosten-Schere widerspiegeln, in der die Landwirtschaft lange gesehen wurde. Es zeigt auch, dass die Preisentwicklungen großenteils durch die Entwicklung der Vorleistungskosten zu erklären und die Margen in der Regel auf allen Stufen der Kette schmal sind. Ihre Veränderung hat daher nur begrenzten Einfluss auf die Preise. In der Landwirtschaft haben Schwankungen der Margen einen größeren Anteil an den Schwankungen der Erzeugungspreise. Angesichts der fehlenden Marktmacht landwirtschaftlicher Betriebe sind sie aber auf exogene Schwankungen in Angebot und Nachfrage zurückzuführen. Deutlich wird auch, dass größere Unternehmen in der gesamten Wertschöpfungskette nicht zwingend die höchsten Margen realisieren, aber oft die effizienteren Anbieter sind. Auf allen Stufen der Kette ist schließlich eine breite Streuung der Margen zu beobachten, die auf Effizienzunterschiede hindeutet. Von den kleinsten Unternehmen der Ernährungswirtschaft realisiert ein großer Teil negative Margen. Das steht im Einklang mit der starken Schrumpfung des Ernährungshandwerks. Schlüsselwörter: Landwirtschaftliche Wertschöpfungskette, Preisbildung, Preistreiber, Marktmacht, Erfolgskennzahlen, Inflation, Nettomargen, Kapitalrentabilität, Unternehmensgruppen, Ernährungswirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel Summary This report discusses the methodological and conceptual background of the Thünen monitoring of prices, costs, and margins in food value chains, and offers guidance on interpretation. It enables informed use of the extensive and continually updated monitoring material. The monitoring aims to help overcome the widespread oversimplified view of price formation in food value chains. It demonstrates that price developments within the value chain no longer reflect the price-cost squeeze that agriculture has long been perceived to experience. It also demonstrates that price developments can largely be explained by changes in input costs, and that margins tend to be narrow at all stages of the chain. Therefore, their change has only a limited impact on prices. In agriculture, fluctuations in margins account for a larger proportion of fluctuations in producer prices. However, given farms' lack of market power, these fluctuations are attributable to exogenous fluctuations in supply and demand. It is also evident that larger companies do not necessarily achieve the highest margins throughout the value chain; rather, they are often the more efficient suppliers. Finally, a wide dispersion of margins can be observed at all stages of the chain, indicating differences in efficiency. A large proportion of the smallest food processing firms achieve negative margins. This is consistent with the sharp decline in the craft food sector. Keywords: Food value chain, pricing, cost and price drivers, market power, performance indicators, inflation, net margins, return on capital, enterprise groups, food industry, food retail
II Vorbemerkung zum Monitoring und seinen Ressourcen Der vorliegende Bericht bietet konzeptionelle und technische Hintergrundinformationen sowie Interpretationshilfen für das Thünen Monitorings von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten. Den Kern dieses Monitorings bilden jährlich aktualisierte grafisch aufbereitete Indikatoren und ihre teilweise kommentierte Entwicklung. Auf der Webseite des Monitorings werden die wichtigsten allgemeinen Zusammenhänge und aktuellen Entwicklungen abgebildet.1 Ergänzend wird jährlich ein Steckbrief erstellt, der besondere aktuelle Entwicklungen herausgreift und kommentiert. Dieser Steckbrief ergänzt zusammen mit dem vorliegenden technischen Bericht das weitere umfangreiche Material des Monitorings. Dieses Material bietet allen, die sich tiefergehend informieren möchten, detailliertere aber unkommentierte Grafiken zu allen Indikatoren des Monitorings. Sie finden sich systematisch sortiert in 11 PdfDateien: Pdf-Datei 00_01 präsentiert Grafiken auf aggregierter Branchenebene zu Kennzahlentwicklungen ohne weitere Differenzierung sowie Preisentwicklungen nach Jahren. Die Zerlegung der Inflation in ihre Treiber mit Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ist nur auf dieser Ebene möglich. Die Grafiken dieses Dokuments bilden den Rahmen für die Interpretation der stärker differenzierten Analysen in den anderen Dokumenten. Pdf-Datei 00_02 bleibt auf der aggregierten Branchenebene, differenziert aber Ergebnisse aus Dokument 00_01 wo möglich weiter nach Rechtsformen, Größen und Erfolgsgruppen. Pdf-Datei 00_03 differenziert die Preisentwicklungen auch für spezifischere Produkte und Produktgruppen nach Monaten. Abgebildet werden Veränderungen zum Vormonat sowie zum selben Vorjahresmonat. Pdf-Dateien 00_04 bis 00_11 zeigen grafische Analysen entlang spezifischer Wertschöpfungsketten. Dabei wird so weit wie möglich nach Rechtsformen, Größen, Erfolgsgruppen, Branchen und Produktionsrichtungen differenziert. Mit Blick auf die ebenfalls ausgewiesenen Indikatoren zur Wertschöpfungskette Gemüse ist die Repräsentativität der Testbetriebsdaten für die entsprechenden gartenbaulichen Betriebe nicht gegeben. Im Wirtschaftsjahr 2023/2024 repräsentieren 15 Gemüsebaubetriebe 891 Gemüsebaubetriebe, was einer niedrigen Quote von 1,7 Prozent entspricht.2 Hinzu kommt, dass der Gemüsebau in sich angesichts der Vielzahl sehr unterschiedlicher Kulturen ausgesprochen heterogen ist. Auch wenn 15 Betriebe diese heterogene Betriebsgruppe nicht angemessen repräsentieren können, werden die Daten angesichts fehlender Alternativen mitausgewiesen. Das gilt auch für Indikatoren und Abbildungen, die mithilfe der Verhältniszahlen der Jahresabschlussstatistik der Deutschen Bundesbank erstellt wurden. Diese nicht repräsentativen Daten werden insbesondere für die differenziertere Betrachtung von nicht-landwirtschaftlichen Branchen in pdf-Datei 00_02 mitherangezogen. 1 https://www.thuenen.de/de/fachinstitute/marktanalyse/zahlen-fakten/preise-kosten-und-margen-in-landwirtschaftlichenwertschoepfungsketten 2 Unter den anderen Testbetriebsgruppen rangiert der Repräsentationsquotient zwischen 3,1 (Geflügelproduktion und Obstbau) und 6,0 (Milcherzeugung) Prozent.
III Inhaltsverzeichnis Inhalt Zusammenfassung 1 Summary 1 Vorbemerkung zum Monitoring und seinen Ressourcen 2 Inhaltsverzeichnis 3 Abbildungsverzeichnis 4 Tabellenverzeichnis 6 1 Einleitung 1 2 Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 3 3 Konzeptioneller Hintergrund 15 4 Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 21 4.1 Preisentwicklungen und Inflation 21 4.2 VGR: Deflatoren und implizite Inflation 22 4.3 Kosten und Erlösbestandteile von Deflator und Ertrag 24 4.4 Gewinne und Margen 25 4.5 Kapital und kapitalbasierte Kennzahlen 27 4.6 Datenquellen 29 5 Kommentierte Entwicklungen 41 5.1 Preisentwicklungen 41 5.1.1 Preisentwicklungen nach Jahren 41 5.1.2 Preisentwicklungen nach Monaten 45 5.2 Kostenund Ertragsbestandteile von Preisund Erlösentwicklungen 50 5.2.1 Landwirtschaft 51 5.2.2 Ernährungswirtschaft 59 5.2.3 Einzelhandel 70 5.3 Margen und andere ausgewählte Kennzahlen 78 5.3.1 Entwicklung der Margen in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette 78 5.3.2 Streuungen von Margen innerhalb von Branchen 91 5.3.3 Weitere Indikatoren 99 5.3.4 Kennzahlenprofile von Branchen der Wertschöpfungsketten 111 6 Ergebnisse und Schlussfolgerungen 118 7 Literaturverzeichnis 120
IV Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Jährliche Inflation in Prozent auf den Stufen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette 4 Abbildung 2: Entwicklung von Nettomargen der ldw. Wertschöpfungskette nach VGR Daten 6 Abbildung 3: Erzeugungspreise der Landwirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 8 Abbildung 4: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 10 Abbildung 5: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 11 Abbildung 6: Umsatzentwicklung und ihre Kostenbestandteile im großen und spezialisierten LEH 12 Abbildung 7: Marge der Landwirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten des Einzelhandels 13 Abbildung 8: Preisbildung im Wettbewerb bei ertragsgesetzlicher Kostenentwicklung 16 Abbildung 9: Schema der Skalierung der Margenanalyse als Grundidee hinter dem Monitoringkonzept 19 Abbildung 10: Konzepte zu Kosten-/Gewinnkomponenten und Preisbildung entlang der Wertschöpfungskette20 Abbildung 11: Anlagegüter und andere Vermögensgüter nach der VGR 28 Abbildung 12: Jährliche Inflation in Prozent auf den Stufen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette 42 Abbildung 13: Inflation auf den Stufen der Wertschöpfungskette im gleitenden Fünjahresdurchschnitt ab 1996 44 Abbildung 14: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für landwirtschaftliche Betriebsmittel 46 Abbildung 15: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für landwirtschaftliche Betriebsmittel 46 Abbildung 16: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für landwirtschaftliche Erzeugungspreise 47 Abbildung 17: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für landwirtschaftliche Erzeugungspreise 47 Abbildung 18: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für Erzeugungspreise Nahrungsmittel 48 Abbildung 19: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für Erzeugungspreise Nahrungsmittel 48 Abbildung 20: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für Verbrauchspreise Nahrungsmittel 49 Abbildung 21: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für Verbrauchspreise Nahrungsmittel 49 Abbildung 22: Erzeugungspreise Landwirtschaft - indizierte Preise (Deflatoren) und ihre Kostenbestandteile 52 Abbildung 23: Erzeugungspreise der Landwirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 54 Abbildung 24: Erzeugungspreise der Landwirtschaft - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile 55 Abbildung 25: Landwirtschaft (Juristische Betriebe) – Kostenanteile am Gesamterlös 57 Abbildung 26: Landwirtschaft (juristische Betriebe) – Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen 58 Abbildung 27: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - indizierte Preise (Deflatoren) und Kostenbestandteile 60 Abbildung 28: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 61 Abbildung 29: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile62 Abbildung 30: Ernährungswirtschaft - Kostenanteile am Gesamterlös 64
V Abbildung 31: Ernährungswirtschaft - Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen 65 Abbildung 32: Kapitalgesellschaften Ernährungswirtschaft - Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen nach Größenklassen 66 Abbildung 33: Nicht-Kapitalgesellschaften Ernährungswirtschaft - Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen nach Größenklassen 67 Abbildung 34: Milchverarbeitung (Molkereien) – Umsatz mit Kostenanteilen 69 Abbildung 35: Saftproduktion – Umsatz mit Kostenanteilen 69 Abbildung 36: Einzelhandelspreise - indizierte Preise (Deflatoren) und Kostenbestandteile 71 Abbildung 37: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber 72 Abbildung 38: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile 73 Abbildung 39: Einzelhandel - Kostenanteile am Gesamterlös 74 Abbildung 40: Einzelhandel - Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen 75 Abbildung 41: Gemischter Einzelhandel mit Schwerpunkt Lebensmittel – Umsatz mit Kostenanteilen 77 Abbildung 42: Einzelhandel spezialisiert auf Lebensmittel – Umsatz mit Kostenanteilen 77 Abbildung 43: Nettomargen (Nettoüberschuss/Produktionswert) von Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, 1991 bis heute 79 Abbildung 44: Nettomargen nach Steuern und Abgaben/Subventionen (Nettoüberschuss nach Steuern/realen Produktionswert) von Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette nach VGR 80 Abbildung 45: Entwicklung von Nettomargen der ldw. Wertschöpfungskette nach Jahresabschlusstatistik 82 Abbildung 46: Bruttomargen und Entwicklung für Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette 83 Abbildung 47: Marge der Landwirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten der Ernährungswirtschaft 85 Abbildung 48: Marge der Landwirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten des Einzelhandels 86 Abbildung 49: Marge der Ernährungswirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten des Einzelhandels 87 Abbildung 50: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen in der Landwirtschaft 88 Abbildung 51: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen der Ernährungswirtschaft 89 Abbildung 52: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen im Einzelhandel 90 Abbildung 53: Margen juristischer Betriebe der Landwirtschaft nach Größenklassen, ohne Direktzahlungen 92 Abbildung 54: Margen juristischer Betriebe der Landwirtschaft nach Größenklassen, mit Direktzahlungen 93 Abbildung 55: Margen der Landwirtschaft, nach Unternehmesgröße und Erfolgsquartilen ab 2016 94 Abbildung 56: Margen vor Zuschüssen und ihre Spannen in der Milcherzeugung ab 2006/07 95 Abbildung 57: Margen juristischer Untern. Ernährungswirtschaft, nach Unternehmesgröße/Erfolgsquartilen 96 Abbildung 58: Margen juristischer Untern. des Einzelhandels, nach Unternehmesgröße/Erfolgsquartilen 97 Abbildung 59: Margen des Gastgewerbes, nach Unternehmesgröße/Erfolgsquartilen 98
VI Abbildung 60: Anteil der Sachanlagen, Landwirtschaft mit und ohne Berücksichtigung des eigenen Bodens 100 Abbildung 61: Der Kapitalumschlag aufs Bruttoanlagevermögen nach VGR für ausgewählte Branchen 102 Abbildung 62: Kapitalumschlag nach Buchführungsdaten für die Branchen der Wertschöpfungskette 103 Abbildung 63: Die Rendite des Bruttoanlagevermögens nach VGR ausgewählter Branchen seit 1991 105 Abbildung 64: Kapitalrenditen der Branchen der Wertschöpfungskette nach Buchführungsdaten 106 Abbildung 65: Kapitalrenditen der Landwirtschaft mit und ohne Berücksichtigung des Faktors Boden 107 Abbildung 66: Der Nettogewinnanteil an der BWS für ausgewählte Branchen nach VGR 109 Abbildung 67: Der Nettogewinnanteil ausgewählter Branchen nach Buchführungsdaten 110 Abbildung 68: Margen, Kapitalverwertung, Wachstum und Gewinnanteile der Landwirtschaft ab 2006/07 112 Abbildung 69: Nicht Kapitalbezogene Kennzahlen und Entwicklungen der Landwirtschaft ab 2006/07 114 Abbildung 70: Margen, Wachstum und Gewinnanteil der Ernährungswirtschaft ab 2018 115 Abbildung 71: Margen, Wachstum und Gewinnanteil des diversifizierten LEH ab 2018 116 Abbildung 72: Margen, Wachstum und Gewinnanteil des spezialisierten LEH ab 2018 116 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Datenquellen und verwendete Inhalte 31 Tabelle 2: Indikatoren nach Datenquellen mit Ausgangsvariablen und Berechnung 34
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 7 Treiber der Preisentwicklung Die Differenzierung von Preisentwicklungen durch ihre Zerlegung in Kosten und Erlöskomponenten hilft, einen genaueren Einblick in potentielle Preistreiber zu erhalten. Die Kostenaufschläge bzw. Gewinnmargen der Unternehmen erweisen sich dabei als nur ein Faktor unter vielen. Abbildung 3, Abbildung 4 und Abbildung 5 demonstrieren das mithilfe der VGR Daten nacheinander für die Landwirtschaft, die Ernährungswirtschaft und den Einzelhandel. Die Inflation wird hier nicht wie in Abbildung 1 anhand der Preisindizes, sondern mithilfe des Verhältnisses der nominalen zu den realen Produktionswerten der Branchen berechnet. Dadurch erklären sich Abweichungen zwischen den Inflationsmaßen. Abbildung 3 zeigt, dass die relativ starken Schwankungen der Erzeugungspreise der Landwirtschaft deutlich auf die Margen bzw. auf die Gewinne des Sektors durchschlagen. In vielen Jahren steigen die Margen der Landwirtschaft zudem wie 2022 trotz steigender Kosten oder sinken wie 2009 trotz sinkender Kosten. Die Entwicklungen der Margen gehen stärker auf Veränderungen in Angebot und Nachfrage als auf Änderungen in den Erzeugungskosten zurück. Nach Veränderungen in den Margen bzw. in Angebot und Nachfrage sind in der Landwirtschaft die Vorleistungskosten der zweitwichtigste potentielle Faktor für die Erklärung der Preisschwankungen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele Vorleistungen der Landwirtschaft, wie etwa Futtermittel und Saatgut, ihrerseits von der Landwirtschaft erzeugt werden.
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 8 Abbildung 3: Erzeugungspreise der Landwirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis Datenbank, verschiedene Tabellen (81000-0100 VGR des Bundes - Produktionswert (nominal/preisbereinigt): Deutschland, Jahre, Wirtschaftsbereiche, 81000-0117 VGR des Bundes - Arbeitnehmerentgelt: Deutschland, Jahre, Wirtschaftsbereiche, 81000-0101 VGR des Bundes - Vorleistungen (nominal/preisbereinigt): Deutschland, Jahre, Wirtschaftsbereiche, 81000-0114 VGR des Bundes - Nettoproduktionsabgaben (nominal): Deutschland, Jahre, Wirtschaftsbereiche, 81000-0116 VGR des Bundes - Abschreibungen (nominal/preisbereinigt): Deutschland, Jahre, Wirtschaftsbereiche, Anlagearten); eigene Berechnungen, eigene Darstellung
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 9 In der Ernährungswirtschaft stehen die Vorleistungskosten im stärksten Zusammenhang mit den Preisentwicklungen (Abbildung 4). Die Margen verändern sich in den meisten Jahren nur wenig. Stärkere Ausschläge der Margen sind meist gegenläufig zur Kostenentwicklung wie bei begrenzter Preisflexibilität zu erwarten. Im Corona-Jahr 2020 steigen die Margen der Ernährungswirtschaft deutlich stärker als die Kosten sinken; hier bestimmen also Veränderungen in Angebot und Nachfrage die leicht positive Preisentwicklung. In den Inflationsjahren 2021 und 2022 hingegen sind nicht nur die Preise der Ernährungswirtschaft, sondern auch die Kosten ihrer Produktion deutlich gestiegen, so dass die Marge trotz steigender Preise sinkt. 2023 ist ein Ausnahmejahr: Während die Produktionskosten der Ernährungswirtschaft in Relation zum Preis weiter deutlich steigen, gilt das nun auch für ihre Marge. Nach den Berechnungen mit den Daten der VGR in der pdf-Datei 00_01 steigt die Nettomarge der Ernährungswirtschaft damit 2023 wieder auf das relativ hohe Niveau des Jahres 2020.
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 10 Abbildung 4: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber Quelle: s. Abbildung 3
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 11 Im Einzelhandel sind die Preisfluktuationen noch geringer als in der Ernährungswirtschaft (Abbildung 5). Wie in der Ernährungswirtschaft haben die Kosten für Vorleistungen (inklusive Handelswaren) unter allen betrachteten Faktoren den größten potentiellen Einfluss auf die Preisentwicklung. Die Bedeutung der Margen ist im Einzelhandel größer als in der Ernährungswirtschaft, aber kleiner als in der Landwirtschaft. In den extremen Jahren 2020 bis 2022 ähneln die Muster im Einzelhandel denen in der Ernährungswirtschaft: 2020 profitiert der Einzelhandel von einer für ihn positiven Entwicklung in Angebot und Nachfrage, 2021 wird die Marge dann wieder durch steigende Kosten gedrückt, wobei der Einzelhandel aber von staatlichen Zuschüssen profitiert. 2022 gelingt es dem Einzelhandel die Marge trotz sehr stark gestiegener Vorleistungsund Handelswarenkosten leicht zu erhöhen. Er muss diese Margenerhöhung aber bei weiter steigenden Vorleistungskosten 2023 teilweise wieder zurücknehmen. Die Margen im Einzelhandel sinken fast nur, wenn die Kosten steigen. Andersherum sind positive Entwicklungen der Margen relativ unabhängig von der Kostenentwicklung. Abbildung 5: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber Quelle: s. Abbildung 3 Marktmacht zulasten der Verbraucherinnen und Verbraucher? Insgesamt spielen demnach Veränderungen in Angebot und Nachfrage in der Landwirtschaft und im Einzelhandel eine größere Rolle für die Preisbildung als in der Ernährungswirtschaft. Die einzelnen Unternehmen der kleinstrukturierten Landwirtschaft können die Preise und somit Angebot und Nachfrage nicht beeinflussen. Mit Blick auf die großen Handelskonzerne des Einzelhandels wird ein solcher Missbrauch von Marktmacht hingegen oft unterstellt. Das kann hier nicht abschließend beurteilt werden. Es wäre zumindest denkbar, dass der
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 12 Einzelhandel etwa 2015 die Preise trotz sinkender Kosten relativ unverändert gelassen, oder für die Jahre 2013, 2017, 2020 und 2022 die Preise um etwas mehr als um die steigenden Kosten erhöht hat. Ein solches Verhalten würde Verbraucherinnen und Verbraucher belasten und ihre Nachfrage reduzieren. Abbildung 6 zeigt allerdings, dass der größer strukturierte Lebensmitteleinzelhandels (LEH) mit einem breiteren Sortiment für den Umsatz eines höheren Handelswarenwertes sowohl geringere Margen als auch einen geringeren Personalaufwand einsetzt als der kleiner strukturierte spezialisierte LEH. Selbst wenn der großstrukturierte LEH Marktmacht hat, bietet er also den Verbraucherinnen und Verbrauchern möglicherweise angesichts einer höheren Effizienz Vorteile. Abbildung 6: Umsatzentwicklung und ihre Kostenbestandteile im großen und spezialisierten LEH Quelle: GENESIS-Online, Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik, Tabellen 48112-0002, 48112-0004, © Statistisches Bundesamt (Destatis 2025)
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 13 Marktmacht zulasten der Landund Ernährungswirtschaft? Einen Missbrauch von Marktmacht zulasten der vorgelagerten Landoder Ernährungswirtschaft könnte eventuell vermutet werden, wo Einzelhandel oder Ernährungswirtschaft angesichts sinkender Vorleistungskosten höhere Margen erwirtschaftet, wie 2015 (s. Abbildung 4 und Abbildung 5). Abbildung 7 vergleicht die mit Daten der VGR berechnete Entwicklung von Erzeugungspreisen, Vorleistungen und Nettomargen in Landwirtschaft und Einzelhandel. Die Abbildung zeigt die antagonistische Bewegung von Vorleistungskosten (inklusive Handelswaren) und Nettomargen des Einzelhandels, wie sie bei nicht völlig flexiblen Einzelhandelspreisen zu erwarten ist. Die Vorleistungskosten des Einzelhandels entwickeln sich aber nur bedingt parallel zu den Erzeugungspreisen der Landwirtschaft. Trotzdem bewegen sich die Nettomargen von Einzelhandel und Landwirtschaft tendenziell antagonistisch. Eine positive Entwicklung der Margen des Einzelhandels bei negativer Entwicklung der Margen der Landwirtschaft zeigt das Thünen-Monitoring 2020 und 2015. In diesen Jahren sinken sowohl die Vorleistungskosten des Handels als auch die landwirtschaftlichen Erzeugungspreise. Es könnte also sein, dass der Handel hier, um seine Margen zu steigern, die Preise für landwirtschaftliche Zulieferer gedrückt hat. Allerdings bleibt die Wirkungsrichtung insgesamt völlig offen: Realisieren also der Einzelhandel oder die Ernährungswirtschaft passiv höhere Margen, weil die Erzeugungspreise auf den vorgelagerten Stufen und somit ihre Vorleistungskosten sinken? Oder drücken sie aktiv die Erzeugungspreise ihrer Zulieferer, um so höhere Margen zu realisieren? Abbildung 7: Marge der Landwirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten des Einzelhandels Quelle: GENESIS-Online, Jahresstatistik des Handels (bis 2020), Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik (Großund Einzelhandelsbranchen) und VGR des Bundes, Tabellen 45341-0001, 48112-0002, 48112-0004, 81000-0100, 81000-0101, 810000105, 81000-0114, 81000-0116, 81000-0117, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; eigene Berechnung, eigene Darstellung
Auf den Punkt gebracht: Ein erster Überblick 14 Vorläufiges Fazit Insgesamt kann das Monitoring zeigen, dass die Konzentration auf den Faktor Marktmacht ein allzu einfaches Bild zeichnet: (1) Die Preisentwicklungen in der Wertschöpfungskette spiegeln heute nicht mehr die Preis-Kosten-Schere wider, in der die Landwirtschaft lange gesehen wurde. (2) Die Preisentwicklungen lassen sich großenteils durch die Entwicklung der Vorleistungskosten erklären. (3) Die Margen sind in der Regel schmal. Ihre Veränderung hat daher nur begrenzten Einfluss auf die Preise. (4) Die größeren Unternehmen des LEH haben nicht zwingend die höchsten Margen, sind aber oft die effizienteren Anbieter.
Konzeptioneller Hintergrund 15 3 Konzeptioneller Hintergrund Die Interpretation der Beobachtungen zu Preisen, Kosten und Margen erfordert eine theoretische Grundlage. Das Thünen-Monitoring folgt hier weitgehend Marshalls Theorie zum Preisverhalten von Unternehmen unter Wettbewerbsbedingungen (Zamparelli, 2009). Demnach entsteht der Preis zwar im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage im Wettbewerb, reflektiert aber auch die Produktionskosten. Zentralen Annahmen und Implikationen dieser Perspektive sind: (1) Unternehmen produzieren, was ihre Kosten inklusive der Kapitalnutzungskosten kompensiert. Kurzund mittelfristig steigen die Produktionskosten tendenziell mit der Ausdehnung der Produktion, so dass auch die kalkulierten Preise steigen, während die erwartbare Nachfrage in Reaktion darauf sinkt. (2) Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen sorgt dafür, dass die Angebotspreise gegen die Stückkosten der effizienten Anbieter gravitieren. Können Unternehmen den Preis beeinflussen, so haben sie Marktmacht. Setzen sie allerdings den Preis oberhalb des Wettbewerbspreises, geht das immer zulasten der Absatzmengen. (3) Der Wettbewerbspreis sollte zwar den Stückkosten der Produktion entsprechen, doch angesichts von Mehrproduktunternehmen und verbundener Produktion lassen sich die Stückkosten nicht exakt bestimmen, weil sich die fixen Kosten nicht genau auf die Produkteinheiten verteilen lassen. Dass die Stückkosten gleich den variablen, zur Erzeugung der letzten Einheit aufgebrachten Kosten sind, kann nur unter Gleichgewichtsbedingungen, nicht aber im Strukturwandel der realen Wirtschaft, angenommen werden. (4) Unter diesen Bedingungen kann weder angenommen werden, dass jede Abweichung des Preises von den Grenzkosten einer Abweichung vom Wettbewerbspreis entspricht, noch dass jede Abweichung vom Wettbewerbspreis auf einen Missbrauch von Marktmacht zum Schaden der Gesamtwohlfahrt zurückgeht. Margen können aber auf Unternehmensund Branchenebene bestimmt und vor dem Hintergrund der spezifischen Brancheneigenschaften interpretiert werden. Im Folgenden werden diese vier Punkte jeweils genauer hergeleitet und erläutert. (1) Unternehmen produzieren, was ihre Kosten inklusive der Kapitalnutzungskosten kompensiert. Kurzund mittelfristig steigen die Produktionskosten tendenziell mit der Ausdehnung der Produktion, so dass auch die kalkulierten Preise steigen, während die erwartbare Nachfrage in Reaktion darauf sinkt: • Langfristig weiten Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Produktionskapazitäten durch Investitionen aus, bis der Gewinn ihre Kosten nicht mehr ausreichend kompensiert. • Den Absatzmengen sind dabei durch eine begrenzte Nachfrage und durch das Angebot von Konkurrenzunternehmen Grenzen gesetzt. • Außerdem steigen mit einer weiteren Produktionsausdehnung oft die Stückkosten (Durchschnittliche Totale Kosten) mit der Konsequenz sinkender Gewinne (Abbildung 8). Für Unternehmen und auch für ganze Branchen wird es nämlich mit zunehmender Produktion oft immer schwerer, die benötigten Produktionsfaktoren in gleicher Qualität zu erwerben und effizient zu nutzen. Kurzfristig, also ohne weitere Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten, steigen die Kosten mit einer Produktionsänderung oft wegen Unteroder Überauslastung der Produktionskapazitäten. • Wenn die Kosten der Produktion einer weiteren Einheit (die „Grenzkosten“) die durchschnittlichen Stückkosten überschreiten, ist es nicht sinnvoll, die Produktion weiter auszudehnen, weil das einen Anstieg der durchschnittlichen Kosten und somit ein Absinken der Stückgewinne oder Margen bedeuten würde. • Kurzfristig, also bei gegebenen Produktionskapazitäten, orientieren sich die Unternehmen nur an den variablen Kosten, wenn es um die Bestimmung der optimalen Produktionsmenge geht. Sie produzieren dann so viel, dass der Preis die zusätzlichen Kosten der letzten produzierten Einheit (die „Grenzkosten“) gerade noch deckt. Um ihre Verluste zu minimieren produzieren sie dabei kurzfristig auch weiter, wenn die Fixkosten nicht mehr gedeckt werden (s. der „instabile Grenzanbieter B“ in Abbildung 8).
Konzeptioneller Hintergrund 16 Abbildung 8: Preisbildung im Wettbewerb bei ertragsgesetzlicher Kostenentwicklung Quelle: Eigene Darstellung (2) Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen sorgt dafür, dass die Angebotspreise gegen die Stückkosten der effizienten Anbieter gravitieren. Können Unternehmen den Preis beeinflussen, so haben sie Marktmacht. Setzen sie allerdings den Preis oberhalb des Wettbewerbspreises, geht das immer zulasten der Absatzmengen: • Im Wettbewerb entspricht der Preis also den minimierten Stückkosten der effizienten Unternehmen, denn immer, wenn ein Unternehmen den Preis höher setzt, werden seine Konkurrenten das gleiche Angebot zu einem niedrigeren Preis in Höhe der Grenzkosten (und der minimalen Stückkosten) auf den Markt bringen. Dieser Mechanismus korrigiert die Preisentscheidungen von Unternehmen, die nicht den Wettbewerbspreis, sondern nur ihre Kosten und Renditeerwartungen kennen. Vieldiskutierte Diskrepanzen zwischen beobachtbaren Preissetzungsstrategien und der ökonomischen Theorie der Preisbildung (Lucas, 2003) lassen sich so teilweise auflösen. • Dem Wettbewerb sind allerdings Grenzen gesetzt, wenn nicht alle Unternehmen zu minimalen Stückkosten produzieren können, die Produktion aber durch einen fixen, in den Unternehmen gebundenen Produktionsfaktor begrenzt ist. Diese Situation existiert in der Landwirtschaft mit dem Produktionsfaktor Boden. Der Preis muss dann kurzfristig die Grenzkosten und mittelfristig auch die (unternehmensminimalen) Durchschnittskosten der Grenzanbieter decken („instabiler Grenzanbieter B“ in Abbildung 8, wenn nur die Grenzaber nicht die Durchschnittskosten gedeckt werden). Das sind die Unternehmen, die die letzten nachgefragten Einheiten unter den gegebenen Bedingungen gerade noch anbieten können. Die effizienteren bzw. günstigeren Anbieter realisieren dann positive Margen. Langfristig sollten allerdings die Produktionsfaktoren der produktivitätsbegrenzten Anbieter im Strukturwandel an die produktiveren Unternehmen gehen, soweit dem nicht Immobilität der Faktoren und negative Größeneffekte in der Produktion entgegenstehen. 4 4 In der Landwirtschaft hemmt teilweise der bedeutende immobile Produktionsfaktor Boden den Strukturwandel (Margarian, 2010) Von negativen Größeneffekten war unter der Theorie des Wettbewerbsvorteils von landwirtschaftlichen Familienbetrieben lange ausgegangen worden, doch die entsprechenden Annahmen sind inzwischen hoch umstritten (Eastwood et al., 2010). 0 1,6 Durchschnittliche Totale Kosten Durchschnittliche Variable Kosten Grenzkosten P P Markup Nettogewinn von C A B PC Angebotsmenge x Preise Kosten (DTK, DVK, GK) xA xBxC Wir beobachten einen Preis auf variabler Achse bei verschiedenen Kostenniveaus der Betriebe A, B, C A: effiziente Anbieter B: instabile Grenzanbieter C: bevorteilte Anbieter Wir beobachten einen Preis auf variabler Achse bei verschiedenen Kostenniveaus der Betriebe A, B, C Beobachtet wird ein Preis auf variabler Achse bei verschiedenen Kostenniveaus der Betriebe A, B, C Bruttogewinn von A
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 23 und Vorleistungen. Steigen die Vorleistungspreise stärker als die Outputpreise, so nimmt der relative Beitrag der BWS zum Produktionswert ab. Dadurch könnte der Quotient aus Gewinn und Produktionswert, also der Stückgewinn oder die Marge, konstant bleiben, auch wenn der Gewinnanteil (an der BWS) steigt. Praktisch gesehen wird das meist dann der Fall sein, wenn die Vorleistungspreise stärker steigen als die Löhne wie von Colonna et al. (2023) und Lavoie (2023) gezeigt wurde. Technisch gesehen liegt der Fehler in der „doppelten Deflationierung“ (Abberger und Nierhaus, 2023) der BWS: Dabei berechnet sich der BWS-Deflator aus dem Quotienten aus BWS in jeweiligen Preisen im Zähler und der Differenz aus dem gesondert deflationierten Produktionswert und den gesondert deflationierten Vorleistungen im Nenner. Praktisch nur, wenn der Deflator des Produktionswerts gleich dem Vorleistungsdeflator ist, ist die anhand der BWS und ihres Deflators berechnete Inflation gleich der anhand des Produktionswertes und seines Deflators berechneten Inflation. Ansonsten hängt das Verhältnis der beiden vom Verhältnis der Entwicklung der Outputpreise zur Entwicklung der Inputoder Vorleistungspreise ab, das auch als „internal terms of trade“ bezeichnet wird (Abberger und Nierhaus, 2023). Verteuern sich die Vorleistungspreise schneller als die Outputpreise, so ist die anhand der BWS bestimmte Inflation schwächer als die anhand des Produktionswertes bestimmte Inflation (und umgekehrt). Wie von Colonna et al. (2023) angeführt, bietet das deutsche statistische Bundesamt als eines der wenigen Statistikämter der EU die Produktionswerte nicht nur in jeweiligen, sondern auch in bereinigten Preisen an. Das Thünen-Monitoring berechnet also die implizite, gesamtwirtschaftliche Inflation anhand des Produktionswertes. Diese Begründung der Notwendigkeit mit dem Produktionswert statt mit der BWS zu rechnen, lässt sich analog auch heranziehen, wenn es um die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Handelswaren für die Kalkulation von Margen im Handel anhand der VGR-Daten geht. Colonna et al. (2023, Fußnote 11) haben angemerkt, dass die Tatsache, dass Handelswaren im Produktionswert nicht enthalten sind, dazu führt, dass der durch den Produktionswert approximierte Umsatz insbesondere im Einzelhandel unterschätzt wird. Aus diesem Grund sei die Margenschätzung für den Handel (in Deutschland) mit Vorsicht zu interpretieren. Die Ursache dafür ist aber nicht alleine ein zu niedriger Teiler im Quotienten. Vielmehr gilt hier wieder, dass, wenn ein Teil der Vorleistungen nicht berücksichtigt wird, auch deren Beitrag zur Inflation unberücksichtigt bleibt. Damit reduziert sich der Beitrag des ausgewiesenen, unvollständigen Produktionswertes zum gesamten Produktionswert, wenn die Handelswaren sich stärker verteuern als die Outputpreise und die berücksichtigten Vorleistungen – genau so, wie sich oben bei einer überproportionalen Inflation der Vorleistungspreise der relative Beitrag der BWS zum Produktionswert verringert hat. Dieser verringerte Beitrag der beobachteten Teilwerte bedeutet nun wieder, dass es möglich ist, dass die mithilfe des unvollständigen Produktionswertes berechnete Marge steigt, während die mit dem vollständigen Produktionswert inklusive Handelswaren berechnete Marge konstant bleibt. Eine fehlende Berücksichtigung von Handelswaren führt also zu einem Fehler in der Berechnung des Niveaus der Marge und, wie oben bereits anhand der Berechnung mit der BWS erläutert, auch zu Fehlern in der Berechnung des Gewinnbeitrags des Handels zur Inflation. Das Thünen-Monitoring berücksichtigt deshalb die Handelswaren bei Vorleistungen und Produktionswert bei der Berechnung der Deflatoren für den Großund Einzelhandel. Dabei müssen allerdings die preisbereinigten Warenwerte approximiert werden, weil sie vom Statistischen Bundesamt nicht bereitgestellt werden. Das Thünen-Monitoring nutzt für die Deflationierung der Werte der eingesetzten Handelswaren den Index der Einzelhandelspreise und den Index der Großhandelsverkaufspreise. Für die „Korrektur“ der Vorleistungsund Produktionswerte des Handels werden dann also die Summe aus auf Festjahresbasis bereinigten Werten für Handelswaren und auf Vorjahresbasis bereinigten VGR-Aggregaten gebildet. Aus dieser Inkonsistenz ergibt sich ein gewisser Fehler, weil durch die Nutzung der Vorjahresbasis eine Verzerrung, die sich beim Festpreisbasiskonzept ergeben kann, ausgeschaltet wird (Nierhaus, 2008: S. 16). Das bedeutet, dass die Deflationierung anhand eines mit einem fixen Basisjahr gebildeten Preisindexes andere Ergebnisse erzeugen kann als die Preisbereinigung auf Vorjahresbasis mit anschließender Verkettung. Die Ungenauigkeiten, die sich deshalb durch unsere approximierte Preisbereinigung ergeben, wiegen aber nach
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 24 unserer Einschätzung weniger schwer, als der Fehler, der entstehen würde, wenn die Handelswaren nicht berücksichtigt würden. Ein weiterer praktischer Nachteil der Berücksichtigung der Handelswaren besteht darin, dass die entsprechenden Werte erst für die Jahre ab 2005 verfügbar sind. Dementsprechend kann das ThünenMonitoring die korrigierte implizite Inflation für die Branchen des Handels erst für die Jahre ab 2006 berechnen. 4.3 Kosten und Erlösbestandteile von Deflator und Ertrag Bei der Berechnung des Deflators wird also der Produktionswert in jeweiligen Preisen durch den Produktionswert in konstanten oder bereinigten Preisen geteilt. Das ergibt einen indizierten Preis, der einen „Stückwert“ („unit value“) repräsentiert. Die Kostenbestandteile dieses Wertes lassen sich kalkulatorisch bestimmen, indem die relevanten Kostenpositionen Vorleistungen, Arbeitskosten (Entgelt), Nettoproduktionsabgaben und Abschreibungen ihrerseits durch den Produktionswert in bereinigten Preisen geteilt werden. Diese Elemente stehen grundsätzlich in folgendem Zusammenhang zueinander: Produktionswert - Vorleistungen =BWS - Arbeitnehmerentgelt - Nettoproduktionsabgaben = Bruttobetriebsüberschuss - Abschreibungen = Nettobetriebsüberschuss (einschließlich der von Einzelunternehmen und Selbständigen erwirtschafteten Selbständigeneinkommen) Zum Arbeitnehmerentgelt werden die im Inland entstandenen Bruttolöhne und -gehälter zuzüglich der Sozialbeiträge der Arbeitgeber gezählt. Abschreibungen erfassen die produktionsbedingte Wertminderung des Anlagevermögens zu Wiederbeschaffungspreisen (Abberger und Nierhaus, 2023: S. 48). „Der residual ermittelte Nettobetriebsüberschuss kann als operatives Ergebnis aus der unternehmerischen Tätigkeit vor geleisteten Zinsen auf Fremdkapital und anderen empfangenen und geleisteten Vermögenseinkommen interpretiert werden […]. Bestandteile des Nettobetriebsüberschuss sind die Entlohnung der unternehmerischen Leistung sowie das Entgelt für das eingesetzte eigene und fremde Sachund Geldkapital“ (Abberger und Nierhaus, 2023: S. 48–49). Die Nettoproduktionsabgaben entsprechen dem Saldo aus Abgaben und Subventionen, die für wirtschaftliche Tätigkeit gezahlt werden. Unterschieden wird zwischen Gütersteuern und -subventionen und den sonstigen Produktionsabgaben und -subventionen. Der Saldo aus Gütersteuern 6 und Gütersubventionen 7 sind die Nettogütersteuern und der Saldo aus den sonstigen Produktionsabgaben 8 und den sonstigen 6 Gütersteuern sind „Steuern, die pro Einheit einer produzierten oder gehandelten Ware oder Dienstleistung zu entrichten sind“ (Destatis, 2022). „Die Mehrwertsteuer (Umsatzsteuer) ist die mit Abstand wichtigste Gütersteuer (mit einem Anteil von fast zwei Dritteln an den Steuereinnahmen). […] Der Anteil der Verbrauchsteuern an den Gütersteuern liegt bei gut einem Fünftel des Steueraufkommens. Zu diesen Steuern zählen insbesondere die Mineralöl-, Tabak-, Stromund Branntweinsteuer. Bei diesen Steuern handelt es sich um Mengensteuern“ (Destatis, 2017: S. 53–55). 7 Gütersubventionen sind „Subventionen, die pro Einheit einer produzierten oder importierten Ware oder Dienstleistung geleistet werden oder berechnet sind als Differenz zwischen einem angestrebten Preis und dem tatsächlich gezahlten Marktpreis“ (Destatis, 2022). Sie sind in Deutschland nicht sehr weit verbreitet. Mit der Umsetzung der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik in der Europäischen Union ab 2005 ging ihr Anteil an den gesamten Subventionen in der VGR-Abgrenzung deutlich zurück, und sie beschränken sich seitdem zum größten Teil auf die Zuschüsse für den öffentlichen Personennahverkehr“ (Destatis, 2017: S. 53–55). 8 Sonstige Produktionsabgaben sind „sämtliche Steuern, die von Unternehmen aufgrund ihrer Produktionstätigkeit, unabhängig von der Menge oder dem Wert der produzierten oder gehandelten Güter, zu entrichten sind“ (Destatis, 2022). „Hierzu gehören z. B. die Grundsteuer, die Kfz-Steuer für Unternehmen sowie die Ausgaben aus dem Erwerb von Emissionszertifikaten. Von
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 25 Produktionssubventionen 9 sind die sonstigen Nettoproduktionsabgaben. Die Direktzahlungen für die Landwirtschaft schlagen sich in den sonstigen Nettoproduktionsabgaben nieder. Ausgewiesen werden in der VGR Statistik nur die Nettoproduktionsabgaben und die sonstigen Nettoproduktionsabgaben. Die Nettogütersteuern berechnet das Thünen-Monitoring aus ihrer Differenz. Abgaben und Subventionen sind im Produktionswert nicht berücksichtigt – das heißt, Abgaben sind noch und Subventionen noch nicht enthalten. Da die Steuern und Abgaben nur im Saldo mit den Subventionen ausgewiesen werden, und die Salden auf Branchenebene nicht preisbereinigt vorliegen, können weder die Steuern und Abgaben gesondert berücksichtigt, noch der bereinigte Produktionswert inklusive Subventionen verwendet werden. Der Deflator und seine Kostenelemente enthält also Steuern und Abgaben aber nicht die Subventionen, so dass das Thünen-Monitoring die sonstigen Produktionssubventionen zwar zusätzlich zum Betriebsüberschuss vor Steuern abbilden, aber nicht als Teil des Deflators ausweisen kann. Die Summe der Kostenpositionen geteilt durch den realen (preisbereinigten) Produktionswert ergeben die Stückkosten („unit costs“). Das Residuum aus dem Deflator oder „Stückwert“ und den gesamten Stückkosten entspricht dem Nettostückgewinn bzw. der Nettomarge. Er ist hier äquivalent zum Quotienten aus Nettobetriebsüberschuss und realem Produktionswert. Die Inflation entspricht kalkulatorisch der Summe der durch ihre jeweiligen Wertbestandteile gewichteten Entwicklungen der Stückkosten bzw. ihrer verschiedenen Elemente und der Nettomarge. Eine steigende Marge leistet also, ebenso wie sich verteuernde Vorleistungen, Arbeitskosten, Nettoproduktionsabgaben oder Abschreibungen, einen positiven Inflationsbeitrag. 4.4 Gewinne und Margen Die Interpretation beobachteter Preisentwicklungen hängt also von einer Vielzahl von Argumenten ab. Die durchschnittliche Gewinnmarge alleine gibt über Wettbewerbsfähigkeit und Marktmacht einer Branche im Vergleich zu anderen Branchen nur begrenzt Auskunft. Im Hinblick auf Inflationstreiber besteht deshalb oft Uneinigkeit. So haben zum Beispiel Weber und Wasner (2023) in einem vielbeachteten Artikel erklärt, die erhöhte Inflation des Jahres 2021 im Nachgang der Covid-Krise sei vor allem angebotsinduziert gewesen und durch die Fähigkeit von Unternehmen zu erklären, in bestimmten Ausnahmesituationen mithilfe von Marktmacht koordiniert die Preise zu erhöhen. Lavoie (2023) hingegen argumentiert unter Bezugnahme auf dieses Argument der Inflation der Gier („Greedflation“), dass sich ein Anstieg der Gewinne und des Gewinnanteils im Allgemeinen ohne das Argument erklären lässt, Unternehmen würden die Situation ausnutzen und die Gewinnspannen erhöhen. Die Analyse weiterer betriebswirtschaftlicher Kennzahlen hilft dabei, die Plausibilität verschiedener Erklärungen für Preisentwicklungen zu überprüfen. Der Gewinn bestimmt ganz allgemein den Erfolg eines Unternehmens. Er entspricht der Differenz aus allen Einnahmen und allen Kosten. Anhand des Gewinns als Absolutwert kann aber kein sinnvoller Vergleich zwischen unterschiedlich großen Unternehmen und Branchen angestellt werden. Die Marge oder Umsatzrentabilität als Verhältnis zwischen Gewinn und Umsatz ist deshalb eine zentrale Kennzahl vieler und auch unserer Analysen (s. Abbildung 9). Die Marge entspricht dem Stückgewinn bzw. dem Quotienten aus Gewinn und Umsatz oder Produktionswert. Ausgehend von den Daten der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik (s. Kapitel 4.6) wird zur Berechnung der Marge der Gewinn ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt. Mit den Buchführungsdaten der landwirtschaftlichen Testbetriebe und der Deutschen Bundesbank wird der Gewinn ins Verhältnis zu Summe aus quantitativ geringerer Bedeutung sind u.a. die Verwaltungsgebühren von Unternehmen oder die Bankenabgabe für den europäischen Bankenabwicklungsfonds“ (Abberger und Nierhaus, 2023: S. 48). Auch die Gewerbesteuer gehört dazu. 9 Sonstige Subventionen sind „alle an gebietsansässige Produktionseinheiten gezahlten Subventionen, die nicht zu den Gütersubventionen zählen“ Destatis (2022). „Zu den sonstigen Subventionen zählen etwa Lohnkostenzuschüsse im Rahmen von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, staatliche Zahlungen zur Vermeidung oder Reduzierung von Umweltschäden sowie Zinszuschüsse“ (Abberger und Nierhaus, 2023: S. 48).
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 26 Umsatz und übrigen Erträgen gesetzt. Mit den Daten der VGR wird der Gewinn ins Verhältnis zum ausgewiesenen Produktionswert gesetzt. Ergänzend berechnet das Thünen-Monitoring jeweils auch den Gewinnanteil. Der Gewinnanteil zeigt, wie sich die Wertschöpfung zwischen Arbeit und Kapital aufteilt. Entscheidend ist vor allem die Entwicklung: Eine Verschiebung zugunsten der Entlohnung des Kapitals spricht aus Sicht der Investorinnen und Investoren tendenziell für eine Branche. Als Quotient aus Gewinn und BWS ist der Gewinnanteil das Komplement zum Arbeitseinkommen an der BWS. Trotzdem wird der Gewinnanteil oft implizit mit der Marge gleichgesetzt, wenn Deflator und Stückkosten nicht anhand des Produktionswertes, sondern anhand der BWS ermittelt werden (Nikiforos et al., 2024). Dann nämlich wird sehr oft von einem steigenden Gewinnanteil auf einen positiven Inflationsbeitrag desselben geschlossen. Dabei bleibt nicht nur unberücksichtigt, dass der steigende Gewinnanteil an der BWS auch auf steigende Preise für die eingesetzten Vorleistungen zurückgehen kann (s. Kapitel 4.2). Veränderungen von Gewinnanteilen an der BWS können auch auf rigide Arbeitsmärkte und Veränderungen im Verhältnis von Arbeitskosten zur BWS zurückgehen. Wenn etwa die Flexibilität von Arbeitsmärkten eingeschränkt ist oder Lohngemeinkosten existieren, kann im konjunkturellen Aufschwung der Gewinnanteil an der Wertschöpfung bei gleichbleibenden Margen ansteigen. Andersherum würde dann im konjunkturellen Abschwung der Gewinnanteil an der Wertschöpfung sinken, ohne dass die Unternehmen ihre Margen gesenkt hätten (Lavoie, 2023). Das Thünen-Monitoring berechnet den Gewinnanteil als Anteil des Nettogewinns an der Netto-BWS und interpretieren ihn als Indikator für die Verteilung der Einkommen zwischen Kapital und Arbeit. Mit Blick auf die Berechnung des Gewinns selber würde es vor dem Hintergrund des in Abbildung 9 beschriebenen Konzepts zur Skalierung von der Produktauf die Branchenebene eigentlich theoretisch sinnvoll erscheinen, sich auf den Gewinn aus der eigentlichen Geschäftstätigkeit zu konzentrieren. Mit Blick auf die sonstigen betrieblichen Erträge ist das vielleicht auch noch möglich. Die sonstigen Aufwendungen aber beinhalten viele Overhead-Kosten, die durch die Organisation des Unternehmens entstehen und nicht klar der eigentlichen oder der sonstigen Geschäftstätigkeit zugeordnet werden können. In Abwägung von Datenrestriktionen und theoretischen Argumenten wendet das Thünen-Monitoring die folgende Gewinnberechnung an: • Berücksichtigt werden grundsätzlich alle Erträge und Kosten. • Dabei konzentriert sich das Monitoring auf tatsächliche Einnahmen. Bestandsveränderungen werden nicht als Kosten oder Erträge berücksichtigt. • Mit Blick auf Zinskosten und Zinserträge sowie Steuern und Abgaben bzw. Subventionen wird wo möglich zwischen dem Gewinn vor und dem Gewinn nach Zinsen sowie Steuern und Abgaben differenziert. • Außerdem unterscheidet das Thünen-Monitoring zwischen dem Bruttogewinn und dem Nettogewinn. Nur beim Nettogewinn wurden die ausgewiesenen aber kalkulatorischen Abschreibungskosten in Abzug gebracht. Den Nettogewinn vor Steuern und Zinsen wird mit den Buchführungsdaten der Deutschen Bundesbank und des landwirtschaftlichen Testbetriebsnetzes aus der Summe aus Umsatz und übrigen Erträgen abzüglich Materialaufwand, Personalaufwand, Abschreibungen und übrige Aufwendungen berechnet. Mit den Daten der VGR entspricht dieser Nettogewinn der Differenz aus Produktionswert einerseits und Entgelt, Vorleistungen und Abschreibungen andererseits. Etwas schwieriger ist die Ermittlung eines analogen Gewinns mit den Daten der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik. Der dort ausgewiesene Bruttobetriebsüberschuss entspricht der BWS zu Faktorkosten abzüglich der Arbeitskosten. Die BWS zu Faktorkosten wiederum wird ausgehend vom Nettoumsatz 10 berechnet. Um zur BWS zu Faktorkosten zu gelangen, werden zum Nettoumsatz die Einkünfte aus produktoder 10 Der Nettoumsatz enthält anders als der (Brutto-) Umsatz keine produktbedingten Steuern, Zölle und Abgaben.
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 27 umsatzbezogenen Subventionen, das kapitalisierte Ergebnis und die Vorratsveränderungen bei Waren hinzuaddiert und die Käufe von Waren und Dienstleistungen abgezogen. Das kapitalisierte Ergebnis ist die gesamte Zunahme aller von der statistischen Einheit selbst erzeugten langfristigen Vermögenswerte, die von dieser im Bezugszeitraum als solche verbucht wurden. Das bedeutet, der Bruttobetriebsüberschuss aus BWS abzüglich Arbeitskosten enthält ebenfalls produktoder umsatzbezogenen Subventionen, das kapitalisiertes Ergebnis und die Vorratsveränderungen bei Waren. Sie müssen wieder abgezogen werden, um zu unserem Gewinn vor Steuern, Abgaben und Zinsen aus laufenden Einnahmen zu gelangen. Die Vorratsveränderungen bei Waren werden in der Statistik ausgewiesen. Das kapitalisierte Ergebnis inklusive Subventionen berechnet das Thünen-Monitoring aus der Summe aus Produktionswert und Wert der eingekauften Waren für den Wiederverkauf abzüglich des Umsatzes und der Vorratsveränderungen. Leider wird der Wert der Waren für den Wiederverkauf nicht in allen Branchen verlässlich ausgewiesen. In diesen Fällen kann das kapitalisierte Ergebnis inklusive Subventionen nicht berechnet werden. Das Monitoring zieht dann nur die Vorratsveränderungen bei Waren vom Bruttobetriebsüberschuss ab und erhält den Gewinn inklusive produktund umsatzbezogener Subventionen sowie der Zunahme der selbst erzeugten langfristigen Vermögenswerte. Daraus ergibt sich ein Fehler, weil der Gewinn inklusive produktund umsatzbezogener Subventionen und der Zunahme der selbst erzeugten langfristigen Vermögenswerte auf den Nettoumsatz ohne diese Elemente bezogen wird. Das zeigt sich in der Darstellung der Kostenund Ertragsanteile, die aufgrund des überschätzten Gewinns im Ausmaß dieser Überschätzung über den Umsatz hinausragen. Es zeigt sich aber, dass die Summe aus produktund umsatzbezogenen Subventionen und der Zunahme der selbst erzeugten langfristigen Vermögenswerte in fast allen Jahren fast aller betrachteten Branchen vernachlässigbar klein ist. Eine der Ausnahmen scheint die Bauwirtschaft zu sein. Der Bruttobetriebsüberschuss abzüglich der Vorratsveränderungen und des kapitalisierten Ergebnisses inklusive Subventionen ergibt den Bruttogewinn vor Steuern und Abgaben. Da die Daten zu Abschreibungen in der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik noch sehr lückenhaft sind, approximiert das Thünen-Monitoring hier den Nettogewinn indem vom Bruttogewinn die jeweiligen Investitionskosten eines Jahres abgezogen werden. 4.5 Kapital und kapitalbasierte Kennzahlen Langfristig ist die Kapitalrentabilität für die Entwicklung einer Branche entscheidend. Die Verwertung des Kapitals entscheidet darüber, ob Investitionen in die Branche wirtschaftlich interessant sind und die Branche sich entsprechend weiterentwickeln kann. Im Monitoring können kapitalbezogene Kennzahlen außer für die Landwirtschaft mit den Buchführungsdaten der Testbetriebe nur in hoher Branchenaggregation berechnet werden, denn die bereichsübergreifende Unternehmensstatistik weist keine Kennzahl zur Kapitalnutzung aus (s.a. Kapitel 4.6). Die kapitalbasierten Kennzahlen stehen in einem klaren Zusammenhang zur Marge: • Die Marge ist der Quotient aus Gewinn und Produktionswert, • der Kapitalumschlag ist der Quotient aus Produktionswert und Gesamtkapital und • die Kapitalrendite ist der Quotient aus Gewinn und Gesamtkapital. Der Kapitalumschlag drückt aus, wie schnell die Produktionszyklen sind. Somit ist die Kapitalrendite, die über die Investitionswürdigkeit entscheidet, auch das Produkt aus Marge und Kapitalumschlag. Selbst bei hoher Marge kann die Kapitalrendite niedrig sein, wenn der Kapitalumschlag niedrig ist, denn dann werden viele Jahre benötigt, damit sich das Kapital amortisiert. Deshalb werden für kapitalintensive Branchen höhere Margen gefordert. Die Kapitalrendite wird allerdings ausgehend vom (Brutto-) Gewinn ohne Berücksichtigung der Abschreibung und vor Zinsen berechnet. Die Marge berechnet das Thünen-Monitoring aus dem Nettogewinn unter Berücksichtigung von Abschreibungen sowie Zinsen. Dabei werden die Kapitalkosten über die Abschreibungen berücksichtigt. Ist die Abschreibung sachgemäß kalkuliert worden, fließt bei der Berechnung der Nettomarge,
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 28 anders als bei der Berechnung des Kapitalumschlags, auch die Nutzungsdauer des Kapitals in die Betrachtung ein. Die Nettomarge kann also auch für sich alleine stehend interpretiert werden. Für das Thünen-Monitoring hat die Nettomarge wegen ihrer Analogie zum relativen Preisaufschlag (dem Mark-Up) und wegen ihrer Skalierbarkeit vom Preis über den Erlös des Unternehmens bis hin zum Produktionswert der Branche besondere Bedeutung (s. Abbildung 9 und Abbildung 10 in Kapitel 3). Wo das Thünen-Monitoring die Kapitalrendite mit dem Bruttogewinn, die Marge aber mit dem Nettogewinn kalkuliert, gilt die Identität des Produkts aus Marge und Kapitalumschlag mit der Kapitalrendite nicht. Würde auch die Kapitalrendite anhand der Nettomarge berechnet, entspräche das einer unsachgemäßen doppelten Belastung des Faktors Kapital. Die Höhe der kapitalbasierten Kennzahlen hängt natürlich auch davon ab, was alles als Kapital erfasst und wie das Kapital bewertet wird. Das in der VGR ausgewiesene Anlagevermögen (Abbildung 11) umfasst nur Bauten, Ausrüstungen, Nutztiere und Nutzpflanzungen sowie geistiges Eigentum (Destatis, 2023a). Grund und Boden zählt zu den nichtproduzierten Vermögensgütern und somit in der VGR auch nicht zu den Anlagegütern. In der Bilanzsumme von Unternehmensbuchführungen sind hingegen auch Umlaufvermögen und Boden berücksichtigt. Das Anlagevermögen der VGR enthält also nur einen Teil der durch die Buchführung der Unternehmen erfassten Bilanzsumme. Auf der anderen Seite steht in der VGR mit dem Bruttoanlagevermögen anders als in den Buchführungsdaten auch ein Wert ohne Berücksichtigung der Wertminderung durch Abschreibung zur Verfügung. Das ThünenMonitoring nutzt das Bruttoanlagevermögen der VGR als Bezugsgröße, denn es spiegelt den für die Berechnung von Kapitalumschlag und Kapitalrendite relevanten Anschaffungswert wider (Arbeitskreis VGRdL, 2021: S. 154– 155). In den Buchführungen der Unternehmen hingegen stehen in der Regel nur ausgewählte Vermögenswerte zum Anschaffungspreis in den Büchern. Angesichts dieser Unterschiede unterscheiden sich auch die kapitalbezogenen Kennzahlen deutlich in ihrem Niveau, wenn sie anhand dieser unterschiedlichen Datenquellen berechnet werden. Das Thünen-Monitoring interpretiert die VGR-basierten kapitalbezogenen Kennzahlen nur mit Blick auf Entwicklungen und Relationen zwischen verschiedenen Branchen und stellt ihnen die buchführungsbasierten Werte gegenüber. Abbildung 11: Anlagegüter und andere Vermögensgüter nach der VGR Quelle: Destatis, 2020 In der Buchführung der landwirtschaftlichen Testbetriebe und in den Jahresabschlussstatistiken der Deutschen Bundesbank zählt der Boden zum Anlagevermögen bzw. zu den Sachanlagen. Wie üblich berechnet auch das Thünen-Monitoring die entsprechenden Kennzahlen zur Kapitalverwertung hier mithilfe der gesamten Bilanzsumme. Ergänzend weist es den Anteil der Sachanlagen inklusive der Bodenwerte und für die Landwirtschaft auch den Anteil der Bilanzsumme ohne Boden an der gesamten Bilanzsumme aus.
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 29 Die Berücksichtigung der Bilanzsumme ohne Boden ist ökonomisch sinnvoll, weil der Faktor Boden auch aus ökonomischer Perspektive viele besondere Eigenschaften (Gaffney, 1994). Eine zentrale Besonderheit besteht darin, dass er anders als andere Anlagegüter nicht im Laufe der Zeit durch Abnutzung an Wert verliert. Dass der Boden oft sogar eine Wertsteigerung erfährt, liegt auch an seiner Unvermehrbarkeit angesichts wachsender Bevölkerungszahlen und zunehmender Nutzungskonkurrenzen. Der Boden wird deshalb buchhalterisch nicht abgeschrieben und kann auch als Kapitalanlage genutzt werden. In den Büchern steht er in der Regel mit seinem historischen Wert. Das (potentielle) Einkommen, das durch seine Wertsteigerung entsteht, wird dann nicht erfasst (Scheper, 1984). Die Wertsteigerung kann aber erheblich sein. Beck et al. (2023: S. 31, Tabelle 5) etwa berechnen anhand der ausgewiesenen Kaufpreise für landwirtschaftlichen Boden und ihrer Veränderung im Zeitablauf für den veredelungsintensiven Landkreis Vechta, dass „die kalkulatorische Wertsteigerung des eigenen Bodens eines durchschnittlichen Schweinemastbetriebes von 2010 auf 2019 bei Zugrundelegung der jeweils aktuellen Kaufpreise am lokalen Bodenmarkt 1,7 Millionen Euro“ betrug. Andererseits aber ist der Boden, solange er wirtschaftlich genutzt wird, gebunden und die Opportunitätskosten dieser Nutzung sollten gesamtwirtschaftlich berücksichtigt werden. Es ist also nicht eindeutig zu bestimmen ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß der Boden bei der Berechnung Kapitalbezogener Kennzahlen mitberücksichtigt werden sollte. Das Thünen-Monitoring berechnet ausgewählte Kennzahlen für die Landwirtschaft mit und ohne Berücksichtigung des Bodenkapitals, so dass die Schwankungsbreite, innerhalb derer sich der angemessene Wert bewegt, deutlich wird. 4.6 Datenquellen Tabelle 1 gibt einen Überblick über Datenquellen und ihre Herkünfte und Fundorte. Drei Institutionen stellen die Daten zur Verfügung, mit denen das Thünen-Monitoring arbeitet: Das statistische Bundesamt (Destatis), die Deutsche Bundesbank und das Landwirtschaftsministerium (BMEL bzw. BMLEH). Vom statistischen Bundesamt nutzt das Monitoring diverse Preisindizes auf unterschiedlichen Aggregationsniveaus (Destatis, 2010, 2012, 2021, 2023b, 2024b). Neben Jahresdaten verwendet es hier auch Monatsdaten. Außerdem nutzt das Thünen-Monitoring Kennzahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR; Eurostat, 2014; AK VGRdL, 2021). Während die Daten der VGR nur auf hochaggregierter Ebene vorliegen, besteht ihr großer Vorteil in ihrer hohen gesamtwirtschaftlichen Konsistenz. Informationen über die Struktur und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Branchen stellt für die Jahre ab 2018 die „Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik“ des statistischen Bundesamts bereit (Destatis, 2024a). Der große Vorteil dieser Daten liegt in ihrer tiefen Branchendifferenzierung. So kann das Thünen-Monitoring zum Beispiel über den gesamten Einzelhandel hinaus auch Einblick in die Verhältnisse im LEH und sogar in verschiedenen LEH-Typen geben. Dabei handelt es sich nicht um vollständige Buchführungsdaten, doch eine ganze Reihe von üblicherweise verwendeten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen lassen sich mit der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik zumindest näherungsweise berechnen. Wesentliche durch die Statistik bereitgestellte Merkmale sind: Anzahl der Unternehmen, Umsatz, Tätige Personen, Investitionen, Bruttowertschöpfung, Personalaufwendungen sowie Warenund Dienstleistungseinkäufe (Destatis, 2024a). Bei den weiteren Datenquellen handelt es sich um auf Branchenund manchmal auch Unternehmensgruppenebene aggregierte und teilweise hochgerechnete Buchführungsdaten. Die Deutsche Bundesbank stellt für das Thünen-Monitoring relevante hochgerechnete Buchführungsdaten auf Branchenebene für Einzelund Großhandel, die Branchen des verarbeitenden Gewerbes und die Bauwirtschaft zur Verfügung (Deutsche Bundesbank, 2023). Nicht hochgerechnet werden ausgewählte Indikatoren bereitgestellt, und zwar zusätzlich zu den genannten Branchen für das Thünen-Monitoring relevant auch für Landwirtschaft und Gastgewerbe (Deutsche Bundesbank, 2024). Diese nicht hochgerechneten Daten sind für das Monitoring von Interesse, weil sie eine Differenzierung nach Rechtsform, Unternehmensgröße und Erfolgsquartilen erlauben. Allerdings ist für sie Konsistenz über die Zeit nur eingeschränkt zu erwarten.
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 30 Buchführungsdaten der Landwirtschaft stellt das BMLEH in seinen Auswertungen der Daten der landwirtschaftlichen Testbetriebe bereit (BMEL, 2024b; BMEL, 2018). Diese Daten werden gesondert für Einzelbetriebe und Betriebe anderer Rechtsformen bereitgestellt. Die Daten für Einzelbetriebe bieten eine tiefere Differenzierung nach Produktionsrichtung, und ermöglichen außerdem eine Differenzierung nach Gewinnterzilen und Betriebsgrößenklassen.
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 31 Tabelle 1: Datenquellen und verwendete Inhalte Institution Statistik Inhalt Kennzahlen/Ergänzungen Tabelle/Fundort Destatis, GenesisOnline Preisindizes Betriebsmittel (Jahre, Quartale) 61221-0001, 61221-0003 Ldw. Erzeug. (Jahre, Monate) 61211-0001, 61211-0003 Gew. Erzeug. (Jahre, Monate) 61241-0001, 61241-0005, 61241-0002, 61241-0006 Verbr. Nahrungsm. (Jahr, Monat) Seit 2018 in tiefer Produktdifferenzierung 61111-0001, 61111-0003, 61111-0002, 61111-0004 Index der Einzelhandelspreise Für die Deflationierung des Handelswarenwertes von Großund Einzelhandel 61131-0001 Index der Großhandelspreise 61281-0001 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) Produktionswert (nominal/preisbereinigt) 81000-0100 Vorleistungen 81000-0101 Bruttobetriebsüberschuss 81000-0105 Nettoproduktionsabgaben 81000-0114 sonstige Nettoproduktionsabgaben 81000-0104 Abschreibungen 81000-0116 Arbeitnehmerentgelt 81000-0117 Nettoanlagevermögen 81000-0131 Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik Handel, Wareneinsatz Für die Berücksichtigung der Handelswaren beim Handel 48112-0004 Unternehmensergebnisse Umsatz, Produktionswert, Gewinnspanne Handelswaren, BWS, Personalaufwendungen 48112-0002
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 32 Institution Statistik Inhalt Kennzahlen/Ergänzungen Tabelle/Fundort FF Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik Unternehmensaufwand Investitionen, Handelswareneinsatz, Rohstoffkosten, Warenund Dienstleistungskäufe 48112-0004 Sonstiger Aufwand / Ertrag Noch viele Missings – perspektivisch vor allem ‚Steuerliche Abschreibungen‘ 48112-0006 Deutsche Bundesbank Jahresabschlussstatistik, hochgerechnet Alle, verarb. Gewerbe, Ernährungswirtschaft, Bauwirtschaft, Großhandel, Einzelhandel Erträge, Steuern, Zinsen, Material- & Personalaufwand, Abschreibungen Übrige Aufwendungen, Sachanlagen, Bilanzsumme https://www.bundesbank.de/de/statistiken/unternehmen-undprivate-haushalte/unternehmensabschluesse-829310 => Jahresabschlusstatistik hochgerechnet => „Gesamtdownload als Excel-Datei“ Jahresabschlussstatistik, Verhältniszahlen Alle, Landw., verarb. Gewerbe, Ernährungswirtschaft, Bauwirtschaft, Großhandel, Einzelhandel, Gastgewerbe, Unternehmensführung Begrenzte Kennzahltiefe aber differenziert nach Unternehmensform, -größe und Erfolgs-Quartilen => Jahresabschlusstatistik Verhältniszahlen (es gibt auch aktueller vorläufige, aber die im Normalfall nicht)=> „Gesamtdownload als Excel-Datei“ BMEL bzw. BMLEH Testbetriebsstatistik, Haupterwerbsbetriebe Gesamt, Ackerbau (Hackfrucht, Getreide), Gartenbau (Gemüse), Obstbau, Milch, Veredlung (Schw.aufzucht u. - mast, Geflügel); nach Gewinndritteln und Betriebsgrößen Umsatzerlöse, Sonstige Erträge, Zuschüsse, Material- & Personalaufwand, Abschreibungen, sonst. Aufwendungen, Investitionen Anlagevermögen, Bilanzvermögen https://www.bmelstatistik.de/landwirtschaft/testbetriebsnetz/testbetriebsnetzlandwirtschaft-buchfuehrungsergebnisse/archivbuchfuehrungsergebnisse-landwirtschaft => 1) Haupterwerbsbetriebe, 1 a ii) Auswertungen nach Betriebsformen Juristische Betriebe Gesamt, Ackerbau, Milch, Veredlung Wenig Differenzierung, nur Gesamt nach Größe => 4) Juristische Personen
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 39 Indikator Variablen Berechnung 6 Bruttowertschöpfung BWS = (Umsatz + UebrigErtr) - (AufwMaterial + AufwSonst) Strukturindikatoren 2 Marge VOR Steuern, Zinsen und Abgaben / Zuschüssen (Gewinn / (Umsatz + UebrigErtr)) *100 3 Marge NACH Steuern, Zinsen und Abgaben / Zuschüssen (GewinnNetZinsAbg / (Umsatz + SonstErtr)) *100 4 Bruttomarge mit Zuschüssen (aber ohne Steuern und Zinsen) BruttomargeMit = (((Umsatz + SonstErtr) - (AufwMaterial + AufwPersonal + AufwSonst)) / (Umsatz + SonstErtr)) *100 5 Kapitalumschlag ((Umsatz + SonstErtr) / Bilanzsumme) *100 6 Kapitalrendite (Bruttogewinn / Bilanzsumme) *100 7 Gewinnanteil Nettogewinn an Nettowertschöpfung nach Steuern, Zinsen und Abgaben ((GewinnNetZinsAbg) / (BWS + Subvention – (AufwAbschreib + ZinsenEtc + Steuern))) *100 8 Reinvestitionsquote Nur abzuschreibende Kapitalgüter im Nenner berücksichtigt Reinvestquote = (Investitionen / mSachanlagOB) *100 Entwicklungen 1 Umsatzentwicklung Umsatzentwicklung (Prozent) nach Jahren (j) Umsatz_dif= = ((Umsatzj – Umsatzj-1) / Umsatzj-1) *100 2 BWS-Entwicklung Beitrag der BWS zur Umsatzentwicklung (Prozent) nach Jahren (j) BWS_Wachstum = ((BWSj – BWSj-1) / Umsatzj-1) *100 3 (Gleitender) Fünfjahresdurchschnitt der Wertschöpfungs- (analog auch Umsatz -) Entwicklung mean5difBWS = (difBWSj + difBWSj-1 + difBWSj-2 + difBWSj-3 + difBWSj-4) / 5 4 (Brutto-) Gewinnentwicklung Beitrag des Gewinns zur Umsatzentwicklung (Prozent) nach Jahren (j) Gewinn_dif = ((BruttoGewinnj - BruttoGewinnj-1) / Umsatzj-1) *100 5 Kostenentwicklung Beitrag der variablen Kosten (Materialaufwand) zur Umsatzentwicklung difVarAufwand = ((VarAufwandj – VarAufwandj-1) / Umsatzj-1) *100 b Entwicklung der variablen Kosten gegenüber dem Vorjahr (j-1) in Prozent difVarAufwand1 = ((VarAufwandj – VarAufwandj-1) / VarAufwandj-1) *100 6 Arbeitskostenentwicklung Beitrag der Personalkosten zur Umsatzentwicklung (Prozent) nach Jahren (j) ArbKost_dif = ((AufwPersonalj – AufwPersonalj-1) / Umsatzj-1) *100
Datenquellen, Indikatoren und Berechnungen 40 Indikator Variablen Berechnung Indizes 2 Indizierte Gesamtleistung (Gesamtertragj / Gesamtertrag0) *100 3 Indizierte Werte (Unit values, ui) oder Anteile (ai) der Elemente (ei) des Gesamtertrages bzw. der Gesamtleistung Umsatz, übrige Erträge, Direktzahlungen und Zuschüsse (‚Subventionen‘), Betriebsergebnis, Materialaufwand, Personalaufwand, Abschreibungen, Sonstiger Aufwand, Steuer&Zins etc ai = ei / Gesamtertrag ui = ei / Gesamtertrag0 5 Entwicklung des Gesamtleistungsindexes und analog seiner Kosten- & Ertragsindizes ui Nach Jahren j DifIndexij = uij – uij-1 6 Entwicklung der Gesamtleistung und analog seiner Kosten- & Ertragsanteile ai Nach Jahren j DifWertij = aij – aij-1
Kommentierte Entwicklungen 41 5 Kommentierte Entwicklungen In diesem Kapitel wird beispielhaft am Beispiel ausgewählter Grafiken aus den verschiedenen ergänzend verfügbaren Pdf-Dateien (s. Vorbemerkung zum Monitoring und seinen Ressourcen, S. II) diskutiert, wie Entwicklungen und Beobachtungen interpretiert werden können. Das Kapitel kann auch als Wegweiser durch die große Materialfülle des Monitorings gelesen werden. 5.1 Preisentwicklungen Ausgangspunkt des Monitorings ist die Darstellung der prozentualen Entwicklung von Betriebsmittel-, Erzeugungsund Verbrauchspreisen entlang verschiedener landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten. Entsprechende Preisindizes sind für die Jahre ab 1991 verfügbar, so dass sich die prozentuale Preissteigerungsrate ab 1992 berechnen lässt. 5.1.1 Preisentwicklungen nach Jahren Abbildung 12 zeigt die jährlichen Preissteigerungsraten entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette für die aggregierte Ebene (pdf-Datei 00_01). Die jährlichen Preisentwicklungsraten der Erzeugnisse und Produkte der differenzierten landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten werden jeweils am Anfang der pdf-Dateien 00_04 bis 00_11 abgebildet. Der grafische Teil der Abbildung zeigt Fünfjahresdurchschnitte, um angesichts der oft ausgeprägten Fluktuationen die visuelle Erfassbarkeit von Relationen und Trends zu verbessern. Deshalb bleiben die ersten vier Jahre ganz unten in den Abbildungen frei. Die tabellarische Darstellung rechts davon präsentiert hingegen die jährlichen Veränderungen. Trotz der glättenden Fünfjahresdurchschnitte wird sofort ersichtlich, dass die Preisschwankungen für landwirtschaftliche Betriebsmittel und landwirtschaftliche Produkte deutlich größer sind als für Erzeugungspreise der Ernährungswirtschaft auf der Stufe der Verarbeitung oder für die Verbrauchspreise für Nahrungsmittel am Ende der Wertschöpfungskette. Auch sonst bietet die langfristige Perspektive auf die aggregierten Preisdaten interessante Einblicke. Für die bundesrepublikanische Entwicklung von Preisen entlang landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten galten in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts folgende „Stylised Facts“: (1) Agrarpreise sinken, (2) Betriebsmittelund Verbrauchspreise steigen und (3) Lebensmittelpreise steigen weniger als andere Verbrauchspreise. Die Ursachen dahinter sind die wachsende Produktivität der Landwirtschaft (1), die steigenden Einkommen und eine entsprechend wachsende Nachfrage insgesamt (2) und das unterdurchschnittliche Wachstum der Nachfrage nach (Grund-) Nahrungsmitteln (3). Das Ergebnis ist etwa durch die sogenannte „Tretmühlentheorie“ als sich selbst perpetuierende Preis-Kosten-Schere beschrieben worden (Cochrane, 1958; Levins und Cochrane, 1996). Nach 2005 gilt das so nicht mehr. Von 2006 bis einschließlich 2012 ist die Preisentwicklung in der Landwirtschaft mit Ausnahme der Krisenjahre 2008 und 2009 positiver als in den nachgelagerten Stufen. Nach 2013 bis 2016 drehen sich die Verhältnisse wieder um, danach ist das Bild gemischt. Ausgehend von der Preisentwicklung alleine kann also für die Jahre nach 2005 nicht von einer grundsätzlichen Benachteiligung der Landwirtschaft an den Märkten gesprochen werden.
Kommentierte Entwicklungen 42 Abbildung 12: Jährliche Inflation in Prozent auf den Stufen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis Datenbank, verschiedene Tabellen (61221-0001 Index der Einkaufspreise landwirtschaftlicher Betriebsmittel: Deutschland, Jahre, Landwirtschaftliche Betriebsmittel, 61211-0001 Erzeugerpreisindizes landwirtschaftlicher Produkte: Deutschland, Jahre, Landwirtschaftliche Produkte, 61241-0005 Erzeugerpreisindex gewerblicher Produkte: Deutschland, Jahre, Güterverzeichnis (GP2019 2-6-Steller Hierarchie), 61111-0003 Verbraucherpreisindex: Deutschland, Jahre, Klassifikation der Verwendungszwecke des Individualkonsums); eigene Berechnungen, eigene Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 43 Jahre mit besonders starken Preissteigerungen nach Abbildung 12 (pdf-Datei 00_01) waren für • landwirtschaftliche Erzeugungspreise (> 10% gegenüber dem Vorjahr) 2022, 2017, 2011, 2010 und 2007; • Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft (> 5% gegenüber dem Vorjahr) 2023, 2022, 2011, 2008 und 2001; • Verbrauchspreise Nahrungsmittel (> 4% gegenüber dem Vorjahr) 2023, 2022, 2013, 2008 und 2001. Besonders in der Diskussion steht oft die Preisentwicklung in der Wertschöpfungskette Milch (Abbildung 13, pdfDatei 00_04). Allgemein gilt, dass Preisschwankungen umso stärker sind, je kleiner die betrachteten Märkte, bzw. je stärker die Differenzierung der betrachteten Erzeugnisse und Produkte. Je größer Märkte und Aggregate sind, umso besser können sich Entwicklungen auf den Teilmärkten untereinander ausgleichen. Das bestätigt sich im Vergleich von Abbildung 13 zur Wertschöpfungskette Milch mit Abbildung 12 zur aggregierten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Die Spalten 10 bis 13 in Abbildung 13 zeigen zudem am Beispiel der Produkte und Produktgruppen Vollmilch, Käse und Quark, Joghurt sowie Butter, wie sich die Preisentwicklungen verschiedener Kuppelprodukte unterscheiden können, obwohl sie alle aus demselben Rohstoff erzeugt werden. Insbesondere die Verbrauchspreise von Butter als wichtigem Milchfettträger entwickeln sich deutlich anders als die Verbrauchspreise der anderen Milchprodukte, die eher Eiweißträger sind. Zum einen ist die Preisvolatilität der Butter im Beobachtungszeitraum höher. Zum anderen sind ihre Preisentwicklungen manchmal antagonistisch zu der der anderen Erzeugnisse: In den Jahren 2016 und 2024 steigen die Butterpreise, obwohl die Preise für Milchprodukte insgesamt sinken; das Umgekehrte ist in den Jahren 2020 und 2023 zu beobachten. Die starken Preissteigerungen für Butter zeigen, dass aktuell insbesondere Milchfett knapp ist. Im Jahr 2024 etwa sind nicht nur die erzeugten Rohmilchmengen in Deutschland gesunken, sondern auch der Fettgehalt der Milch, während der Eiweißgehalt etwa konstant geblieben ist. 11 Tatsächlich wird der sogenannte Rohstoffwert der Milch angesichts der unterschiedlichen Märkte für Fettund Eiweißkomponenten auch wirklich aus einem Fettund einem Nicht-Fettwert (Krell und Wietbrauk, 1993) bzw. aus den Preisen für Butter und Magermilchpulver (Hunecke et al., 2020) berechnet. Die Bedeutung der Kuppelproduktion für die Preisbildung lässt sich daran illustrieren, dass ein Milchfettdefizit am Markt Anreize für mehr Milchproduktion erzeugt, was auf der anderen Seite aber auch ein zusätzliches Angebot an Milcheiweiß mit sich bringt. Das erklärt die tendenziell antagonistische Preisbewegung von Butter und anderen Milchprodukten. Deutlich wird in Abbildung 12 und Abbildung 13 aber auch, dass sich die Preise auf den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungsketten oft zusammen bewegen. Das hat drei zentrale Ursachen: ‒ Zum ersten sind die Preise der einzelnen Produkte und Produktgruppen ja Bestandteile der Preisaggregate. Molkereiprodukte und Eier etwa haben einen Anteil von fast einem Fünftel am Verbrauchspreisindex für Nahrungsmittel (Margarian, 2023, Abbildung 10) und Futtermittel gehen ebenfalls mit einem Fünftel in den Index landwirtschaftlicher Betriebsmittel ein (Margarian, 2023, Tabelle 2). ‒ Zum zweiten beeinflusst die Preisentwicklung auf einer Stufe der Wertschöpfungskette die Kostenund damit wiederum die Preisentwicklung auf der folgenden Stufe. ‒ Zum dritten werden alle Branchen der Wertschöpfungskette ebenso wie der gesamten Volkswirtschaft gemeinsam vom konjunkturellen Aufund Ab beeinflusst. 11 https://www.wochenblatt-dlv.de/maerkte/milchmarkt-milchfett-knappes-gut-578851
Kommentierte Entwicklungen 44 Abbildung 13: Inflation auf den Stufen der Wertschöpfungskette im gleitenden Fünjahresdurchschnitt ab 1996 Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis Datenbank, verschiedene Tabellen (s. Abbildung 12); eigene Berechnungen, eigene Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 45 5.1.2 Preisentwicklungen nach Monaten In der Jahresbetrachtung wirken die Preisentwicklungen manchmal asynchron oder verzögert. Die monatliche Betrachtung gibt einen genaueren Einblick in Entwicklungsmuster. Die monatlichen Preisentwicklungsraten der Erzeugnisse und Produkte der aggregierten und der differenzierten landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten werden alle in der pdf-Datei 00_03 abgebildet. Dabei wird für jede Stufe jeder Wertschöpfungskette die Entwicklung der Preise über mehrere Jahre hinweg sowohl gegenüber dem Vormonat als auch gegenüber dem Vorjahresmonat abgebildet. Abgebildet werden, soweit verfügbar, die Jahre seit 2015, wobei die letzten drei Jahre in gelb, grün und blau hervorgehoben werden. Wo der Preisanstieg gegenüber dem Vormonat (oder -quartal) vier Prozent übersteigt, wird der Ausschlag abgeschnitten und stattdessen mit einer Zahl versehen, die den tatsächlichen Ausschlag quantifiziert (Abbildung 14, Abbildung 16, Abbildung 18 und Abbildung 20). Die Entwicklung gegenüber dem Vorjahr erfolgt in einer kumulativen Balkendarstellung (Abbildung 15, Abbildung 17, Abbildung 19 und Abbildung 21). Zusätzlich abgetragen wird die aggregierte Preissteigerung gegenüber dem Preis im ersten Beobachtungsjahr, meist 2015. Die Entwicklung der letzten Monate gegenüber dem Vorjahr wird zusätzliche in nicht-kumulativer Form als lineare Entwicklung und mit den jeweiligen Monatszahlen abgetragen. Die monatlichen Entwicklungen werden hier, am Anfang der Wertschöpfungskette mit der Entwicklung der Preise bzw. des Preisindexes landwirtschaftlicher Betriebsmittel beginnend, für die aggregierte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette illustriert. Die monatlichen Preisentwicklungen der verschiedenen Branchen werden in der pdf-Datei 00_03 nach spezifischen landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten gegliedert abgebildet. Dabei werden den verschiedenen Wertschöpfungsketten jeweils unterschiedliche Betriebsmittel zugeordnet, obwohl z.B. Futteroder Düngemittel mehrere Wertschöpfungsketten bedienen. Die Dokumentengliederung hilft bei der Navigation zum gesuchten Preis. Die Betriebsmittelpreise liegen nur quartalsweise vor. Abbildung 14 zeigt also, wie stark sich der Preisindex Betriebsmittelpreise jeweils gegenüber dem vorherigen Quartal verändert hat. Preisausschläge von über fünf Prozent gegenüber dem Vormonat werden grafisch nicht abgebildet, um die Lesbarkeit der Darstellung zu bewahren. Stattdessen werden die größeren Ausschläge durch eine Beschriftung mit der jeweiligen Preissteigerungsrate ausgewiesen. Den stärksten Anstieg zeigt das Thünen-Monitoring mit knapp 16 Prozent für das erste Quartal 2022. Ein wesentlicher Treiber dafür dürften die im selben Zeitraum, und damit zu Beginn des Ukraine-Krieges, um 66 Prozent gestiegenen Düngemittelpreise sein, die Abbildung 01-2a in pdf-Dokument 00_03 ausweist. Der Vergleich von Abbildung 14 mit der Balkendarstellung der Entwicklung gegenüber dem Vorjahr in Abbildung 15 verdeutlicht, wie sich Preisentwicklungen durch die Aggregation über die Monate hinweg glätten und über die Jahre akkumulieren. Im Januar 2025 lagen die Preise für landwirtschaftliche Betriebsmittel knapp 40 Prozent über den Preisen im Januar 2015 als erstem Beobachtungsjahr dieser Darstellung. Der Preisanstieg gegenüber dem Vorjahresmonat war nach Abbildung 15 in allen Quartalen des Jahres 2022 hoch. Das letzte Quartal 2022 schlägt sich dabei überwiegend im Wert des Januars 2023 nieder. Der hohe Wert für den Januar 2022 zeigt, dass der Preisanstieg auch schon im letzten Quartal 2021 hoch war. Im Verlauf des Jahres 2023 kommt es dann durch negative Preisentwicklungen zu einer gewissen Konsolidierung. Sie kann aber die vorausgegangen Preisanstiege bei Weitem nicht kompensieren.
Kommentierte Entwicklungen 46 Abbildung 14: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für landwirtschaftliche Betriebsmittel Quelle: GENESIS-Online, Erzeugungs-, Verbrauchsund Betriebsmittelpreisindizes (Monate bzw. Quartale), Tabellen 61111-0002, 61111-0004, 61211-0003, 61221-0003, 61241-0002, 61241-0006, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; eigene Berechnungen, eigene Darstellung Abbildung 15: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für landwirtschaftliche Betriebsmittel Quelle: s. Abbildung 14
Kommentierte Entwicklungen 47 Abbildung 16 und Abbildung 17, Abbildung 18 und Abbildung 19 bzw. Abbildung 20 und Abbildung 21 zeigen die entsprechenden Entwicklungen auf der Erzeugungs-, der Verarbeitungsund der Verbrauchsstufe. Auf allen diesen Stufen war der Preisanstieg gegenüber dem Vormonat im Beobachtungszeitraum im März oder April 2022 deutlich am stärksten. Die monatlichen Preisschwankungen der landwirtschaftlichen Erzeugungspreise (Abbildung 16) sind deutlich stärker als die für die gewerbliche Verarbeitung (Abbildung 18) oder für den Verbrauch bzw. den Lebensmitteleinzelhandel (LEH; Abbildung 20). Ein Blick in das pdf-Dokument 00_03 zeigt zudem, dass die Erzeugungspreise für einzelne landwirtschaftliche Erzeugnisse deutlich stärker schwanken als die für das Aggregat des Preisindex in Abbildung 16. Abbildung 16: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für landwirtschaftliche Erzeugungspreise Quelle: GENESIS-Online, Erzeugungs-, Verbrauchsund Betriebsmittelpreisindizes (Monate bzw. Quartale), Tabellen 61111-0002, 61111-0004, 61211-0003, 61221-0003, 61241-0002, 61241-0006, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; eigene Berechnungen, eigene Darstellung Abbildung 17: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für landwirtschaftliche Erzeugungspreise Quelle: s. Abbildung 14
Kommentierte Entwicklungen 48 Während die landwirtschaftlichen Betriebsmittelpreise im Januar 2025 gegenüber 2015 um 39 Prozent gestiegen sind (Abbildung 15), sind die landwirtschaftlichen Erzeugungspreise im selben Zeitraum insgesamt um 58,4 Prozent (Abbildung 17), die gewerblichen Erzeugungspreise für Nahrungsmittel um 48 Prozent (Abbildung 19) und die Verbrauchspreise für Nahrungsmittel um 49 Prozent (Abbildung 20) gestiegen. Abbildung 18: Monatliche Inflation gegenüber dem Vormonat für Erzeugungspreise Nahrungsmittel Quelle: GENESIS-Online, Erzeugungs-, Verbrauchsund Betriebsmittelpreisindizes (Monate bzw. Quartale), Tabellen 61111-0002, 61111-0004, 61211-0003, 61221-0003, 61241-0002, 61241-0006, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; eigene Berechnungen, eigene Darstellung Abbildung 19: Monatliche Inflation gegenüber dem Vorjahr für Erzeugungspreise Nahrungsmittel Quelle: s. Abbildung 14
Kommentierte Entwicklungen 55 Abbildung 24: Erzeugungspreise der Landwirtschaft - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 56 Die relative Simultanität der Entwicklungen von Preistreibern und Kostenanteilen am Produktionswert dürfte auch auf die insgesamt geringe Reaktionsfähigkeit der Landwirtschaft mit ihren langen Produktionszyklen auf kurzfristige Preissignale zurückzuführen sein. Die Simultanität hilft auch bei der Interpretation von Buchführungsergebnissen zu Erlösentwicklungen und Kostenanteilen, auf die das Monitoring in der Betrachtung disaggregierter Branchen zurückgreifen muss (Abbildung 25 und Abbildung 26). Die entsprechenden Indikatoren wurden hier mit den Daten der landwirtschaftlichen Testbetriebe für juristische landwirtschaftliche Betriebe gebildet. Hat Abbildung 22 auf Basis der VGR-Daten für die gesamte Landwirtschaft in allen Beobachtungsjahren auch ohne Berücksichtigung der Direktzahlungen („Nettozuschüsse“) positive Nettomargen ausgewiesen, so gilt das für die ausgewählte Gruppe juristischer Betriebe auf Basis ihrer Buchführungsdaten in Abbildung 25 nicht. Der Unterschied geht auch darauf zurück, dass die Gewinne für die hier nicht berücksichtigten Familienbetriebe besonders hoch sind, da sie die Kompensation für die Familienarbeitskräfte noch enthalten. Mit Blick auf die juristischen Betriebe in Abbildung 25 liegt der Umsatz in allen Jahren unter den Kosten und das Betriebsergebnis ist negativ. Der Gesamterlös berücksichtigt auch die Subventionen und die übrigen Erträge. Der Gesamterlös deckt regelmäßig die Kosten und übersteigt sie in manchen Jahren spürbar. Dass der Gesamterlös insgesamt den Produktionskosten so ähnlich ist, verweist auf einen funktionsfähigen Markt, aber auch darauf, dass die Subventionszahlungen wahrscheinlich zumindest teilweise bei der Bildung der Wettbewerbspreise eingepreist werden. Abbildung 26 zeigt die Differenzen der Werte in Abbildung 25 und ist analog zu Abbildung 24, die ja auf VGRDaten basiert. Zwar unterscheiden sich die auf Basis der VGRund der Testbetriebsdaten identifizierten Änderungen oft spürbar im Niveau, doch die Muster und Tendenzen der Veränderungen der Erlöse und ihrer Kostenbestandteile stimmen weitgehend überein. Auch die Veränderungen in den Gesamterlösen der juristischen Betriebe der Landwirtschaft gehen zu einem relativ großen Teil auf Veränderungen im Betriebsergebnis bzw. in den Margen zurück. Dass die Bedeutung der Margen für die Veränderungen geringer ist als nach den Daten der VGR (Abbildung 24) ist darauf zurückzuführen, dass die Margen der juristischen Betriebe deutlich niedriger sind als die der Familienbetriebe. Dementsprechend hat nach den Buchführungsdaten der juristischen Betriebe der Materialaufwand den höchsten Anteil an der Veränderung der Erlöse der Betriebe (Abbildung 26). Nach den VGR-Daten haben die dem Materialaufwand analogen Vorleistungskosten die zweithöchste Bedeutung für die Veränderung des Produktionswertes (Abbildung 24). Insgesamt ist also zu erwarten, dass anhand der in den pdf-Dokumenten 00-04 bis 00-11 auf Basis der Buchführungsergebnisse abgebildeten Veränderungen der Gesamterlöse und ihrer Kostenelemente zumindest für die Landwirtschaft auch für die verschiedenen Größenklassen und Produktionsrichtungen ein Eindruck davon gewonnen werden kann, welche Faktoren in den einzelnen Jahren die größte Verantwortung für Preisund Kostenänderungen tragen könnten.
Kommentierte Entwicklungen 57 Abbildung 25: Landwirtschaft (Juristische Betriebe) – Kostenanteile am Gesamterlös Daten landwirtschaftlicher Testbetriebe, Tabellen 1410000-2007 bis 1410000-2023, © Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, 2025
Kommentierte Entwicklungen 58 Abbildung 26: Landwirtschaft (juristische Betriebe) – Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen Quelle: s. Abbildung 25
Kommentierte Entwicklungen 59 5.2.2 Ernährungswirtschaft Abbildung 27 zeigt die indizierten Stückwerte und ihre Entwicklung sowie ihre Bestandteile oder Determinanten für die Ernährungswirtschaft. Im Vergleich zur Landwirtschaft als Branche der Primärproduktion (Abbildung 22) kommt den Vorleistungen in der Ernährungswirtschaft als Branche der Verarbeitungswirtschaft in Relation zum Produktionswert eine deutlich größere Bedeutung zu (Abbildung 27). Die Vorleistungen tragen in der Ernährungswirtschaft bis 2005 zwischen 72 und 74 Prozent und nach 2005 zwischen 74 und 79 Prozent zum jeweiligen Produktionswert bei. Das Jahr 2005 stellt in mehreren Statistiken eine Zäsur dar. Es ist das Jahr nach der bisher größten EU-Erweiterung, die den Binnenmarkt erheblich vergrößerte. Es ist möglich, dass die steigende Vorleistungsintensität auch auf diese Erleichterung des Handels zurückzuführen ist (vgl. Dalheimer und Bellemare, forthcoming). 13 Die Stückpreise für die Ernährungswirtschaft sind in der ersten Hälfte des Betrachtungszeitraums, also von 1991 bis 2006 so langsam gestiegen, dass man fast von einer Stagnation sprechen kann. Danach ist die Preissteigerung leicht angezogen, wobei der größte Sprung im Jahr 2022 erfolgte. Die Nettomarge der Ernährungswirtschaft hingegen war im Jahr 2022 nach VGR-Daten so niedrig wie nie zuvor. Die Nettomarge der Ernährungswirtschaft ist nach den Daten der VGR seit 1991 deutlich und mehr oder weniger kontinuierlich geschrumpft. Lag sie zu Beginn der 1990er Jahre noch bei etwa 13 Prozent, so liegt sie zu Beginn der 2020er Jahre nur noch bei knapp 5 Prozent. Hierbei können auch der Unternehmensstrukturwandel und insbesondere der starke Rückgang der Zahl kleinerer Handwerksbetriebe eine Rolle spielen. Wie in der Landwirtschaft muss nämlich auch in den Handwerksbetrieben aus dem Gewinn oft noch die eigene Arbeitskraft kompensiert werden. Abbildung 28 zeigt die Erzeugungspreisentwicklung und ihre potentiellen Treiber für die Ernährungswirtschaft nach Deflatoranalyse. Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Erzeugungspreise und der Vorleistungskosten ist, wie angesichts der hohen Bedeutung der Vorleistungskosten zu erwarten, sehr eng. Die Margen entwickeln sich nur in einigen wenigen Jahren positiv und tragen dementsprechend wenig zu steigenden Erzeugungspreisen bei. Üblicherweise entwickeln sich die Margen in Jahren positiv, in denen die Vorleistungspreise sinken oder nur geringfügig steigen. Sie sind also stärker kostengetrieben als in der Landwirtschaft. Wieder werden die Preisentwicklung und ihre Treiber nach Deflatoranalyse mit der Entwicklung des indizierten Produktionswertes und seiner Kostenbestandteile verglichen (Abbildung 29). In vielen Jahren sind die Entwicklungen ähnlich, wobei die Schwankungen des Produktionswerts und seiner Komponenten die der Preisänderung und ihrer Treiber in der Regel wieder erwartungsgemäß etwas übertreffen. Mehr Einblick in die Zusammenhänge versprechen Jahre mit extremeren Entwicklungen. Im Coronajahr 2020 steigen die Preise nur relativ schwach, doch die Preissteigerung wird vor allem von höheren Margen getrieben. In Reaktion darauf dehnt die Ernährungswirtschaft die Produktion überproportional aus. Das führt dazu, dass auch der Anteil der Vorleistungskosten am Produktionswert deutlich steigt. Das wiederum könnte daran liegen, dass die Produktionskapazitäten überausgelastet sind, was durch steigenden Vorleistungseinsatz kompensiert werden könnte. Dadurch würde die ökonomische Effizienz der Produktion vorübergehend sinken. Im darauffolgenden Jahr 2021 führen wieder steigende Kosten zu steigenden Preisen. Die Marge sinkt wieder (Abbildung 28), woraufhin auch der Produktionswert der Ernährungswirtschaft wieder sinkt (Abbildung 29). 13 Am 1.5.2004 sind zehn Länder der EU beigetreten: Zypern, Tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Malta, Polen, die Slowakei und Slowenien.
Kommentierte Entwicklungen 60 Abbildung 27: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - indizierte Preise (Deflatoren) und Kostenbestandteile Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 61 Abbildung 28: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 62 Abbildung 29: Erzeugungspreise Ernährungswirtschaft - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 63 Gerade mit Blick auf diese beiden Jahre 2020 und 2021 stellt sich die Entwicklung nach den Jahresabschlussstatistiken der Ernährungswirtschaft der Deutschen Bundesbank allerdings anders dar (Abbildung 30 und Abbildung 31). Umsatz und Betriebsergebnis der Ernährungswirtschaft sind demnach 2020 gesunken. 2021 ist hingegen zwar das Betriebsergebnis noch einmal gesunken, der Umsatz aber gestiegen. Darüber hinaus kann mit der Jahresabschlussstatistik zwischen Betriebsergebnis und übrigen Erträgen differenziert werden. Doch selbst wenn beide aufsummiert werden, ist die Marge der Ernährungswirtschaft nach den Jahresabschlussstatistiken nur von 2016 bis 2021 positiv. Das bedeutet, viele Unternehmen des Sektors machen Verluste. Dass die Erfolgsspannen der Unternehmen tatsächlich groß sind, kann in pdf-Dokument 00_02 nachverfolgt werden. Zu bedenken ist hier, dass die Daten der Bundesbank zwar nach Umsatzgrößenklassen, Wirtschaftszweigen und Rechtsformgruppen hochgerechnet werden (Deutsche Bundesbank, 2023) 14 : „Allerdings erfolgt dies – mangels anderweitiger Informationen – unter der Annahme, dass das Verhältnis zwischen dem Umsatz und den einzelnen Positionen der Bilanz und der Erfolgsrechnung bei den in dieser Auswertung erfassten Unternehmen im Durchschnitt das Gleiche ist wie bei den Firmen, die nicht einbezogen sind“ (Deutsche Bundesbank, 2023: S. 5– 6). Angesichts dieser weitreichenden und unüberprüfbaren Annahme kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Buchführungsabschlüsse der Bundesbank für die Gesamtheit der Unternehmen der jeweiligen Branchen repräsentativ sind. Abbildung 32 und Abbildung 33 (pdf-Dokument 00_02) verdeutlichen, wie unterschiedlich die Veränderungen in den Buchführungskennzahlen für verschiedene Unternehmensgruppen der Ernährungswirtschaft ausfallen. Dabei muss auch angesichts der fehlenden Hochrechnung dieser differenzierteren Datengrundlage zudem unklar bleiben, in wie fern die Unterschiede reale Unterschiede in den Gruppen oder doch eher Unterschiede aufgrund verschiedener Stichprobeneigenschaften abbilden. Es kann außerdem sein, dass Veränderungen durch Veränderungen in den Stichproben und nicht durch tatsächliche Veränderungen innerhalb der Unternehmen erzeugt werden. Einen anders schwer zu erklärenden Unterschied in den beobachteten Veränderungen zeigt das Monitoring etwa für große Unternehmen im Jahr 2018: Für Kapitalgesellschaften weisen die Daten hier einen Rückgang der Umsätze auf, der von einem entsprechenden Rückgang des Materialaufwands bzw. der Vorleistungen begleitet wird (Abbildung 32, unten). Für große Nicht-Kapitalgesellschaften hingegen findet das Monitoring für dasselbe Jahr 2018 ein Wachstum von Umsätzen und Materialkosten (Abbildung 33, unten). Nur das Betriebsergebnis entwickelt sich 2018 in beiden Unternehmensgruppen gleichermaßen positiv. In der Konsequenz muss festgehalten werden, dass insbesondere mit Blick auf die nicht hochgerechneten Verhältniszahlen dieser Buchführungsstatistik eine Verallgemeinerung der Beobachtung und eine Analyse der Entwicklungen im Zeitablauf nur unter großem Vorbehalt vorgenommen werden sollte. Die Zahlen können aber über die Jahre hinweg einen Einblick in die ungefähre Größenordnung von Indikatoren in verschiedenen Branchen und Unternehmensgruppen gewähren. 14 „Als Hochrechnungsfaktor dient das Verhältnis zwischen den Umsätzen der einbezogenen Unternehmen und den Umsätzen des Unternehmensregisters des Statistischen Bundesamtes. Mithilfe der Hochrechnung kann die Überrepräsentation größerer Unternehmen im Datenmaterial weitgehend ausgeglichen werden“ (Deutsche Bundesbank, 2023: S. 5).
Kommentierte Entwicklungen 64 Abbildung 30: Ernährungswirtschaft - Kostenanteile am Gesamterlös Quelle: Jahresabschlussstatistik (Hochgerechnete Angaben), Unternehmen nach Wirtschaftszweigen, © Deutsche Bundesbank, 2025; https://www.bundesbank.de/de/statistiken/unternehmen-und-private-haushalte/-/jahresabschlussstatistikhochgerechnete-angaben-1997-bis-2023-827826; eigene Berechnungen und Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 71 Abbildung 36: Einzelhandelspreise - indizierte Preise (Deflatoren) und Kostenbestandteile Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 72 Abbildung 37: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Inflation und ihrer Treiber Quelle: s. Abbildung 22
Kommentierte Entwicklungen 73 Abbildung 38: Einzelhandelspreise - Entwicklung der Produktionswerte und Kostenanteile Quelle: s. Abbildung 22 Abbildung 39 und Abbildung 40 zeigen die Entwicklungen der Gesamterlöse und ihrer Kostenbestandteile nach den Buchführungsdaten der Bundesbank für den Einzelhandel. Abbildung 41 und Abbildung 42 zeigen dann anhand der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik des Statistischen Bundesamtes die Kostenbestandteile der Umsätze für den gemischten Einzelhandel mit Schwerpunkt Lebensmittel und für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) im strengen Sinne. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass ersterer tendenziell über größere Vermarktungseinheiten, z.B. SB-Warenhäuser, verfügt als letzterer. Nach der Jahresabschlussstatistik ist die Marge des Einzelhandels auch unter Berücksichtigung sowohl des Betriebsergebnisses als auch der übrigen Erträge erst seit 2010 durchgängig positiv. Wieder gilt, dass die Spanne der Margen verschiedener Unternehmen (auch innerhalb einzelner Unternehmensgrößenklassen) erheblich ist, wie pdf-Dokument 00_02 zeigt. Während die VGR-Daten einen kräftigen Anstieg der Margen des Einzelhandels für das Jahr 2020 ausweisen (Abbildung 38), trifft das auf die Jahresabschlussstatistik nur in geringerem Umfang zu (Abbildung 40). Nach dieser Statistik liegen die stärksten Anstiege der Margen des Einzelhandels in den Jahren 2010 und 2016. Beide Statistiken verweisen aber auf einen seit ungefähr 2010 zunehmenden Anstieg der Vorleistungskosten und mit ihnen der Produktionswerte. Die Preise hingegen zeigen erst seit 2016 einen andauernden zunehmenden Anstieg (Abbildung 37).
Kommentierte Entwicklungen 74 Abbildung 39: Einzelhandel - Kostenanteile am Gesamterlös Quelle: Jahresabschlussstatistik (Hochgerechnete Angaben), Unternehmen nach Wirtschaftszweigen, © Deutsche Bundesbank, 2025, https://www.bundesbank.de/de/statistiken/unternehmen-und-private-haushalte/-/jahresabschlussstatistikhochgerechnete-angaben-1997-bis-2023-827826
Kommentierte Entwicklungen 75 Abbildung 40: Einzelhandel - Änderung von Gesamterlös und seinen Kostenanteilen Quelle: s. Abbildung 39
Kommentierte Entwicklungen 76 Der Vergleich der Kostenbestandteile der verschiedenen Typen des LEHs in Abbildung 41 und Abbildung 42 zeigt, dass der gemischte Einzelhandel mit Schwerpunkt Lebensmittel einen höheren Anteil der Kosten für Handelswaren am gesamten Umsatz hat als der spezialisiertere LEH. Der hat dafür einen höheren Personalaufwand und realisiert höhere (Brutto-) Margen. Die höheren Margen können auch darin begründet liegen, dass der spezialisiertere LEH noch öfter eigentümergeführt ist, doch eine Berücksichtigung dieses Umstandes würde kalkulatorisch den Personalaufwand nur noch weiter erhöhen. Demnach wäre also die ökonomische Effizienz des oft in größeren Einheiten operierenden gemischten Einzelhandels mit Schwerpunkt Lebensmittel insgesamt höher als die des LEH im engeren Sinne. Die Bruttomargen des LEH im Jahr 2022 sind nach diesen Daten deutlich höher als die Bruttomargen der Ernährungswirtschaft, bzw. der Milchverarbeitung und Saftproduktion (s. Abbildung 34 und Abbildung 35). Sie werden auch durch die Investitionen des Jahres 2022 nicht gänzlich aufgefressen. Insgesamt bietet das Thünen-Monitoring mithilfe der VGRund Buchführungsdaten einen relativ guten Eindruck von möglichen Preisund Kostentreibern und von ihrer Relation zu den Margen in den verschiedenen Branchen. Bei der Interpretation von Einzelbeobachtungen und bei der Verallgemeinerung auf gesamte Branchen ist allerdings Vorsicht geboten. Bei der Arbeit mit Buchführungsdaten muss immer berücksichtigt werden, dass die Veränderungen dort immer auch schon Anpassungsreaktionen an geänderte Preise enthalten können. Wenn sich daraus Änderungen in der Kostenstruktur oder Kosteneffizienz ergeben, können diese Änderungen nicht mehr (in vollem Umfang) als „Preistreiber“ interpretiert werden.
Kommentierte Entwicklungen 77 Abbildung 41: Gemischter Einzelhandel mit Schwerpunkt Lebensmittel – Umsatz mit Kostenanteilen Quelle: GENESIS-Online, Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik, Tabellen 48112-0002, 48112-0004, © Statistisches Bundesamt (Destatis 2025) Abbildung 42: Einzelhandel spezialisiert auf Lebensmittel – Umsatz mit Kostenanteilen Quelle: s. Abbildung 41
Kommentierte Entwicklungen 78 5.3 Margen und andere ausgewählte Kennzahlen Margen lassen sich auf der Ebene von Produkten, Betrieben und Unternehmen sowie Branchen berechnen und bezeichnen die Relation von Mark-Up, Gewinn oder Betriebsüberschuss zu Preis, Umsatz oder Produktionswert (s.a. Kapitel 3). Sie sind ein zentraler Indikator für die Art und die Intensität des Wettbewerbs in einer Branche. Hohe Margen sind Indikator eines begrenzten Wettbewerbs. Doch die Ursachen dieser Begrenzungen sind vielfältig. So schaffen zum Beispiel erfolgreiche Innovationen temporär geschützte Märkte, die es ermöglichen, die Innovationskosten wieder zu erwirtschaften. Im pdf-Dokument 00_01 und in den anderen Dokumenten werden neben den Margen soweit möglich außerdem der Kapitalumschlag und die Kapitalrendite, der Gewinnanteil, die Reinvestitionsquote, die Umsatzentwicklung und der Anteil der Sachanlagen an der Bilanzsumme mit ihrer jeweiligen Entwicklung ausgewiesen. Diese Kennzahlen liefern ergänzende Informationen, die die Interpretation der Margen erleichtern kann. Ihr Zusammenhang und Besonderheiten der Berechnung im Thünen-Monitoring werden in Kapitel 4.5 beschrieben. 5.3.1 Entwicklung der Margen in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette Abbildung 43 und Abbildung 44 (aus pdf-Dokument 00_01) zeigen die Entwicklungen der mithilfe von Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) berechneten Nettomargen für Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette und einiger weiterer Sektoren. Für die Landwirtschaft werden in den Abbildungen ergänzend die mit den Buchführungsdaten der landwirtschaftlichen Testbetriebe ermittelten Margen abgebildet. Üblicherweise werden bei der Berechnung der (Brutto-) Marge ausgehend vom Bruttoproduktionswert nur Arbeitskosten (Entgelt) und Vorleistungen berücksichtigt. Werden zusätzlich die Abschreibungen berücksichtigt, ergeben sich die Nettomargen. Mit den Abschreibungen werden die Kosten für Investitionen in Anlagegüter, die langfristig genutzt werden, buchhalterisch auf die Nutzungsjahre umgelegt. Abbildung 43 weist die Nettomargen vor Steuern und Abgaben bzw. Zuschüssen aus, Abbildung 44 hingegen danach. Die Landwirtschaft hat, wie bereits diskutiert, stark schwankende Margen. Im Mittel liegen ihre Margen auch vor Steuern und Abgaben aber zumindest in der zweiten Hälfte des Beobachtungszeitraums schon über den Margen des Großund Einzelhandels, der Ernährungswirtschaft und des verarbeitenden Gewerbes insgesamt. Durch die Mitarbeit nicht entlohnter Familienarbeitskräfte werden die Arbeitskosten der Landwirtschaft unterund ihre Gewinne bzw. Margen überschätzt. Die Bedeutung dieses Effekts zeigt der Vergleich der Margen der gesamten Landwirtschaft mit denen der Gruppe der juristischen Betriebe (Landwirt. (jur)), aus deren Gewinn keine Familienarbeitskraft mehr kompensiert werden muss. Die Nettomargen Letzterer sind ohne Berücksichtigung der Direktzahlungen negativ. Insgesamt ähneln sich die anhand der Buchführung der Testbetriebe ermittelten und die mit den Daten der VGR ermittelten Margen der Landwirtschaft. Vor Steuern und Abgaben sind die Margen von Großund Einzelhandel niedrig, und die Margen der Ernährungswirtschaft liegen zwischen ihnen und den überschätzten Margen der Landwirtschaft (Abbildung 43). Allerdings weisen die Margen der Ernährungswirtschaft einen klar negativen Trend auf. Bis 2006 lagen die Margen vor Steuern der Ernährungswirtschaft noch oberhalb der Margen des verarbeitenden Gewerbes insgesamt. Seitdem gilt in zunehmendem Maße das Gegenteil. Die Berücksichtigung von Steuern und Abgaben beeinflusst vor allem Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft (vgl. Abbildung 43 und Abbildung 44). Schwankt die Marge der Landwirtschaft vor Berücksichtigung der Zuschüsse und insbesondere der Direktzahlungen, die sie erhält, um die Zehnprozentmarke, so schwankt sie nach Berücksichtigung von Steuern und Abgaben bzw. Zuschüssen um die 18respektive 20-Prozentmarke. Die Ernährungswirtschaft ist im Gegensatz zur Landwirtschaft mit relativ hohen Gütersteuern und Produktionsabgaben belegt. Sie realisiert in der zweiten Hälfte der Beobachtungsperiode nach Steuern oft nur noch Margen von um die ein Prozent.
Kommentierte Entwicklungen 79 Abbildung 43: Nettomargen (Nettoüberschuss/Produktionswert) von Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, 1991 bis heute Quelle: GENESIS-Online, Jahresstatistik des Handels (bis 2020), Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik (Großund Einzelhandelsbranchen) und VGR des Bundes, Tabellen 45341-0001, 48112-0002, 48112-0004, 81000-0100, 81000-0101, 810000105, 81000-0114, 81000-0116, 81000-0117, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025 sowie Daten landwirtschaftlicher Testbetriebe, Tabellen 1110000-2007 bis 1110000-2023 und 1410000-2007 bis 1410000-2023, © Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, 2025; eigene Berechnungen und Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 80 Abbildung 44: Nettomargen nach Steuern und Abgaben/Subventionen (Nettoüberschuss nach Steuern/realen Produktionswert) von Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette nach VGR Quelle: s. Abbildung 43
Kommentierte Entwicklungen 87 Abbildung 49: Marge der Ernährungswirtschaft vs. Marge und Vorleistungskosten des Einzelhandels Quelle: s. Abbildung 47 Die Entwicklung des Produktionsvolumens ist aus zwei Gründen ein interessanter ergänzender Indikator, wenn es um die Interpretation der Entwicklung von Preisen und Margen geht: Zum einen ist es hilfreich zu sehen, wie die Margenentwicklung auf die Entwicklung des Produktionsvolumens reagiert, um den Mechanismus der Preisbildung einer Branche verstehen zu lernen. Zum anderen hängt auch die Wirkung einer veränderten Marge davon ab, wie sich das Produktionsvolumen verändert hat. Steigt die Marge, weil das Angebot gesunken ist, so bleibt der Gewinn der Unternehmen möglicherweise konstant oder sinkt sogar. In Abbildung 50 bis Abbildung 52 wird das Produktionsvolumen über den preisbereinigten Produktionswert der VGR bestimmt und sowohl der Entwicklung des Deflators, also der Preisentwicklung, als auch der Entwicklung der Nettomargen der Branchen der Wertschöpfungskette gegenübergestellt. In der Landwirtschaft beginnt etwa 2007 eine Zeit erhöhter Preisvolatilitäten (Abbildung 50; vgl. auch Abbildung 12). Dies verstärkten Preisschwankungen gehen vor allem auf die Ablösung der alten Marktordnungen und die drastische Reduzierung des Außenschutzes für die Agrarmärkte zurück (Artavia et al., 2010; Ledebur und Schmitz, 2011). Allerdings zeigt das Monitoring, dass fast gleichzeitig auch die Schwankungen in den Produktionsvolumina zunehmen. Sie scheinen sich etwa ab der Jahrtausendwende auch stärker prozyklisch mit den Preisen zu bewegen. Das könnte auf die seitdem wachsende Bedeutung des Handels von Future Kontrakten an Warenterminbörsen (Vollmer et al., 2021) zurückgehen. Diese Futures sind zumindest wo der Handel mit ihnen hinreichend relevant ist, recht gut darin, preisrelevante Informationen zu verarbeiten und frühzeitige Preissignale zu generieren (Adämmer et al., 2014). Landwirtinnen und Landwirte, die sich an ihnen orientieren, erhalten nun also zunehmend frühzeitig verlässliche Preissignale und können möglicherweise, anders als noch von Kalecki (1952) beschrieben, ihre Produktion früher anpassen: sie reduzieren sie also, wenn die relevanten Preise sinken, und steigern sie bei entsprechenden Preissteigerungen. Der Zusammenhang zwischen Preisund
Kommentierte Entwicklungen 88 Margenentwicklung bleibt dabei eng, denn die Landwirtschaft bleibt nicht nur Mengenanpasserin, sondern auch Preisnehmerin. Abbildung 50: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen in der Landwirtschaft Quelle: GENESIS-Online, Jahresstatistik des Handels (bis 2020), Bereichsübergreifende Unternehmensstatistik (Großund Einzelhandelsbranchen) und VGR des Bundes, Tabellen 45341-0001, 48112-0002, 48112-0004, 81000-0100, 81000-0101, 810000105, 81000-0114, 81000-0116, 81000-0117, © Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; eigene Berechnung und Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 89 In der Ernährungswirtschaft ist der Zusammenhang zwischen der Entwicklung von Preisen und Margen sehr viel weniger eng, wie auch schon Abbildung 28 zu den Inflationstreibern gezeigt hat (Abbildung 51). Abbildung 51: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen der Ernährungswirtschaft Quelle: s. Abbildung 50 Oft ist der Zusammenhang in der Ernährungswirtschaft eher antizyklisch: In Jahren starker Preissteigerungen wie 2022, 2017, 2011 oder 2008 (vgl. auch Abbildung 12) entwickeln sich ihre Margen angesichts gestiegener Vorleistungskosten schwach. Die Produktionsentwicklung hingegen ist in diesen Jahren meist eher positiv, das
Kommentierte Entwicklungen 90 Produktionsvolumen wird also nicht stark zurückgefahren. Aber auch die Beziehung zwischen Entwicklung von Preisen oder Margen und Produktionsvolumen ist in der Ernährungswirtschaft nicht sehr eng. Für den Einzelhandel könnten die Daten auf so etwas wie einen „Regimewechsel“ hinweisen – wobei die Zeitreihe zu kurz ist, um zu klaren Aussagen dazu zu kommen (Abbildung 52). Bis 2015 scheint eine antizyklische Reaktion der Margen auf die Preisentwicklung zu dominieren: 2008 und 2011 zumindest sinken die Margen angesichts deutlicher Preissteigerungen (nicht so aber 2013), während sie 2015 trotz sinkender Preise steigen. 2017 und 2020 hingegen steigen die Margen mit den Preisen. Im Jahr der starken Inflation 2022 allerdings sinken die Margen angesichts des extrem starken Anstiegs der Vorleistungskosten trotz des deutlichen Preisanstiegs wie schon im Vorjahr. Die Entwicklung des Produktionsbzw. Absatzvolumens im Einzelhandel steht ebenfalls in keiner eindeutigen Beziehung zur Preisoder Margenentwicklung. Das kann an einer Vermischung aus Einkommensund Preiseffekten liegen. Das Verbrauchspreisniveau sinkt tendenziell bei schwacher konjunktureller Entwicklung, auf die die Menschen mit Kaufzurückhaltung reagieren können. Das könnte erklären warum das Absatzwachstum sich in Jahren mit sinkenden Preisen wie 2007 und 2010 schwach, mit steigenden Priesen im Jahr 2011 aber positiv entwickelt. 2015 hingegen scheint der Effekt der sinkenden Preise einen möglichen negativen Konjunktureffekt zu überwiegen und das Absatzvolumen entwickelt sich sehr positiv. Auffällig ist die sehr positive Absatzentwicklung im Inflationsjahr 2022. Abbildung 52: Vergleich der Entwicklung von Marge, Preis und Produktionsvolumen im Einzelhandel Quelle: s. Abbildung 50
Kommentierte Entwicklungen 91 5.3.2 Streuungen von Margen innerhalb von Branchen Als Determinante steigender Preise oder hoher Margen wird in der Öffentlichkeit trotz dieser vielfältigen Einflüsse oft vor allem der Missbrauch von Marktmacht diskutiert (s. Kapitel 1). Die Erwartung, dass Marktmachtmissbrauch einen spürbaren Einfluss auf Preise und Margen hat, impliziert auch, dass vor allem große Unternehmen diese hohen Preise und Margen realisieren. In einem Markt mit vielen kleinen Anbietern lässt sich der Preis nicht erhöhen bzw. die Angebotsmenge nicht reduzieren, ohne dass andere Anbieterinnen nicht die entstehende Lücke zum niedrigeren Preis füllen. Die folgenden Abbildungen (aus pdf-Dokument 00_02) zeigen deshalb die Streuung der Margen innerhalb und vor allem zwischen Unternehmensgrößenklassen. In juristischen Betrieben gibt es keine Familienarbeitskräfte und somit auch keine über den Gewinn kompensierte Arbeit ohne Lohnzahlung. Abbildung 53 vergleicht Margen und Margenentwicklungen für die unterschiedlichen Größenklassen juristischer Betriebe (s. pdf-Dokument 00_02). Hier weisen die kleineren Betriebe vor der Berücksichtigung der Direktzahlungen die niedrigeren Margen auf. Nach Berücksichtigung der Direktzahlungen liegen die Margen in den unterschiedlichen Betriebsgrößenklassen näher beieinander, und die kleinsten Betriebe realisieren oft die höchsten Margen (Abbildung 54). Dass liegt daran, dass die Margen der kleineren landwirtschaftlichen Betriebe überproportional von den Direktzahlungen profitieren, weil die ersten Hektare höhere Zahlungen erhalten als die darüberhinausgehenden Flächen. Angesichts der kleinstrukturierten Landwirtschaft ist nicht davon auszugehen, dass die höheren Margen ohne Direktzahlungen größerer Betriebe auf eine erfolgreiche Preisdifferenzierung zurückzuführen sind. Vielmehr realisieren die größeren Betriebe wahrscheinlich positive Skaleneffekte und produzieren zu niedrigeren Durchschnittskosten. Dass hingegen auch fast alle größeren juristischen Betriebe ohne Direktzahlungen negative Margen realisieren, verdeutlicht, dass die Direktzahlungen in der Preisbildung wie ökonomisch unter Wettbewerbsbedingungen zu erwarten, „eingepreist“ werden. Sie erhöhen also nicht nur die Einkommen der Landwirtschaft, sondern senken tendenziell auch die Erzeugungsund die Verbrauchspreise.
Kommentierte Entwicklungen 92 Abbildung 53: Margen juristischer Betriebe der Landwirtschaft nach Größenklassen, ohne Direktzahlungen Quelle: Daten landwirtschaftlicher Testbetriebe, Tabellen 1410000-2007 bis 1410000-2023, © Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, 2025
Kommentierte Entwicklungen 93 Abbildung 54: Margen juristischer Betriebe der Landwirtschaft nach Größenklassen, mit Direktzahlungen Quelle: s. Abbildung 53
Kommentierte Entwicklungen 94 Um der Verzerrung der Unterschiede zwischen größeren und kleineren Betrieben durch unterschiedliche Subventionen zu umgehen, werden im Folgenden die Margen vor Steuern und Abgaben betrachtet. Unter Berücksichtigung der Familienbetriebe weisen in der Landwirtschaft die kleinsten Betriebe nicht nur die höchste Erfolgsstreuung auf, sondern realisieren im Mittel auch die höchsten Margen (Abbildung 55). Das liegt daran, dass die Mehrzahl der kleinsten Betriebe den größten Teil der Arbeit mit unbezahlter Familienarbeit erledigt. Vor diesem Hintergrund einer überschätzen Marge ist besonders auffällig, dass das unterste Erfolgsquartil dieser Betriebe in vielen Jahren negative Margen realisiert. Angesichts der großen Erfolgsunterschiede lassen sich diese negativen Ergebnisse kaum durch ein allgemein zu niedriges Preisniveau erklären. Abbildung 55: Margen der Landwirtschaft, nach Unternehmesgröße und Erfolgsquartilen ab 2016 Quelle: Jahresabschlussstatistik (Verhältniszahlen), Unternehmen nach Wirtschaftszweigen, verschiedene Jahrgänge, © Deutsche Bundesbank, 2024
Kommentierte Entwicklungen 95 Auch innerhalb von Produktionsrichtungen sind die Erfolgsspannen erheblich, wie etwa das Beispiel der Milchviehbetriebe (s. pdf-Dokument 00_04) zeigt (Abbildung 56). Zwar ist ein erheblicher Teil der Unterschiede auf die unterschiedliche Arbeitsverfassung der Familienbetriebe und der juristischen Betriebe zurückzuführen. Mindestens ein erheblicher Teil der juristischen Betriebe realisiert aber ohne Berücksichtigung der Direktzahlungen durch die Milcherzeugung in den meisten Jahren ein negatives Betriebsergebnis. Dabei muss noch einmal betont werden, dass die Direktzahlungen vom realisierten Gewinn nicht einfach abgezogen werden dürfen, um zu erfahren, was die Situation der Betriebe ohne die Subventionen wäre. Da die Direktzahlungen in den Wettbewerbspreisen „eingepreist“ sind, müssen vielmehr aufwändige Schätzungen und Modellrechnungen herangezogen werden, um die Gesamtwirkung der Subventionen unter Berücksichtigung aller Stakeholder und insbesondere der Landwirtschaft, der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie der Bodeneigentümerinnen und -eigentümer zu ermitteln. Abbildung 56: Margen vor Zuschüssen und ihre Spannen in der Milcherzeugung ab 2006/07 Quelle: Daten landwirtschaftlicher Testbetriebe, Tabellen 1110000-2007 bis 1110000-2023, © Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, 2025; eigene Berechnungen und Darstellung
Kommentierte Entwicklungen 96 Unter den Kapitalgesellschaften der Ernährungswirtschaft gibt es in unseren Daten keine Hinweise darauf, dass die großen Unternehmen den Preis positiv zu ihren Gunsten beeinflussen könnten. Sie realisieren tendenziell sogar niedrigere Margen als die kleinen und mittleren Unternehmen (Abbildung 57). Das könnte zum Beispiel für eine erfolgreiche Qualitätsdifferenzierung der KMU in diesem Bereich sprechen. Von der weniger erfolgreichen Hälfte der kleinsten Kapitalgesellschaften der Ernährungswirtschaft hingegen realisiert ein Großteil in vielen Jahren Verluste. Das steht im Einklang mit der Welle der Aufgabe kleinerer Betriebe etwa des Bäckerund Fleischerhandwerks der letzten Jahre. Abbildung 57: Margen juristischer Untern. Ernährungswirtschaft, nach Unternehmesgröße/Erfolgsquartilen Quelle: s. Abbildung 55
Kommentierte Entwicklungen 103 Abbildung 62: Kapitalumschlag nach Buchführungsdaten für die Branchen der Wertschöpfungskette Quelle: s. Abbildung 45
Kommentierte Entwicklungen 104 Der für die juristischen Betriebe der Landwirtschaft berechnete Kapitalumschlag ist in der Betrachtung mit Boden mit erst über und dann unter 60 Prozent höher als der Kapitalumschlag der gesamten Landwirtschaft von unter 40 Prozent (Abbildung 62). In der Betrachtung ohne Boden hingegen zeigt umgekehrt die gesamte Landwirtschaft mit über 80 Prozent einen höheren Kapitalumschlag als die juristischen Betriebe alleine mit unter 80 Prozent. Das lässt sich dadurch erklären, dass die juristischen Betriebe ein sehr viel geringeres Bodenvermögen besitzen als die Familienbetriebe. Der Kapitalumschlag der Landwirtschaft insgesamt ist selbst dann noch niedrig, wenn das Bodenkapital nicht berücksichtigt wird (Abbildung 61 und Abbildung 62). Die Nettomargen der juristischen Betriebe bzw. der Familienbetriebe sind moderat bzw. hoch aber überschätzt (s. Abbildung 44 und Abbildung 45). Ähnliches lässt sich auch über ihre jeweiligen Kapitalrenditen ohne Berücksichtigung des Bodens sagen, die dann bei über zehn bzw. über 20 Prozent liegen (Abbildung 63, Abbildung 64 und Abbildung 65). Mit Berücksichtigung des Bodens hingegen sind die Kapitalrenditen der juristischen Betriebe mit deutlich unter zehn Prozent niedrig und die der gesamten Landwirtschaft mit knapp über zehn Prozent nur noch moderat. Das verdeutlicht, dass die Beurteilung der Rentabilität insbesondere der landwirtschaftlichen Familienbetriebe in hohem Maße von der ökonomischen Behandlung des Bodenkapitals abhängt. Wird es als Anlagegut mit intrinsischer Wertsteigerung behandelt, das nicht extra entlohnt werden muss, ist die Kapitalintensität der Produktion der Familienbetriebe moderat und ihre Kapitalrentabilität relativ hoch. Wird der Boden wie anderes Produktionskapital behandelt, ist das Umgekehrte der Fall. Die Kapitalrenditen der juristischen Betriebe der Landwirtschaft alleine bewegen sich am unteren Ende des Spektrums der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Dabei liegen ihre Kapitalrenditen nach den VGR-Daten bis 2014 oberhalb, danach aber unterhalb der Renditen der Ernährungswirtschaft (Abbildung 63). Nach den Buchführungsdaten liegen sie im gesamten Beobachtungszeitraum darunter (Abbildung 64). Nach den Buchführungsdaten weisen insgesamt alle Branchen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette inklusive der juristischen Betriebe der Landwirtschaft vergleichbare Kapitalrenditen von knapp zehn Prozent auf. Heraus sticht nur der Einzelhandel mit Kapitalrenditen von um die knapp 14 Prozent. Die Ernährungswirtschaft weist nach den VGR-Daten sinkende Nettomargen (Abbildung 44) und nach VGRvor allem aber Buchführungsdaten sinkende Kapitalrenditen auf (Abbildung 63 und Abbildung 64). Der Kapitalumschlag sinkt nach Buchführungsdaten, steigt aber nach VGR-Daten (Abbildung 62 und Abbildung 61), was auf einen sinkenden Anteil des Anlagevermögens an der gesamten Bilanzsumme hindeutet. Die Kapitalrenditen der Ernährungswirtschaft liegen nach VGR-Daten am unteren, nach Buchführungsdaten aber eher am oberen Ende der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Nach VGR-Daten liegt die Kapitalrendite der Ernährungswirtschaft deutlich unter der des verarbeitenden Gewerbes insgesamt (Abbildung 63). Nach den Buchführungsdaten hingegen liegt die Kapitalrendite der Ernährungswirtschaft deutlich über der des gesamten verarbeitendes Gewerbes (Abbildung 64). Das ist gut durch die Kapitalstruktur erklärbar, denn der Anteil der Sachanlagen an der Bilanzsumme ist für die Ernährungswirtschaft deutlich höher als fürs verarbeitende Gewerbe insgesamt (Abbildung 60). Auch bei konsistenten Daten kann demnach die Rendite des Nettoanlagevermögens der Ernährungswirtschaft niedriger sein als die des verarbeitenden Gewerbes, während gleichzeitig die Rendite des Gesamtvermögens des verarbeitenden Gewerbes niedriger ist als die der Ernährungswirtschaft.
Kommentierte Entwicklungen 105 Abbildung 63: Die Rendite des Bruttoanlagevermögens nach VGR ausgewählter Branchen seit 1991 Quelle: s. Abbildung 43
Kommentierte Entwicklungen 106 Abbildung 64: Kapitalrenditen der Branchen der Wertschöpfungskette nach Buchführungsdaten Quelle: s. Abbildung 45
Kommentierte Entwicklungen 107 Abbildung 65: Kapitalrenditen der Landwirtschaft mit und ohne Berücksichtigung des Faktors Boden Quelle: s. Abbildung 43
Kommentierte Entwicklungen 108 Die Gewinnanteile berechnet das Thünen-Monitoring bewusst nicht als die übliche (Brutto-) Gewinnquote an der BWS, sondern als Anteil des Nettogewinns an der Nettowertschöpfung. Es geht also bei dieser Kennzahl darum, wie die reale Nettowertschöpfung unter Berücksichtigung der Kapitalabnutzung zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt wird (Abbildung 66 und Abbildung 67). Es scheint naheliegend, dass dieser Nettogewinnanteil höher ist, je höher die Kapitalintensität der Produktion ist. Tatsächlich wurden das Kapital und seine Abnutzung bei der Berechnung des Nettogewinns und der Nettowertschöpfung aber schon in Rechnung gestellt. Die Aufteilung der verbleibenden Nettowertschöpfung liegt also in der Hand der Eigentümerinnen und Eigentümer bzw. der Investorinnen und Investoren. Hängt etwa eine hohe Nettomarge an der Innovationsleistung einer Branche, könnte eine entsprechend höhere Entlohnung der innovativen Beschäftigten durchaus schlüssig sein. Nach den VGR-Daten spiegeln die Entwicklungen der Gewinnanteile (Abbildung 66) ziemlich genau die Entwicklungen der Nettomargen (Abbildung 44) wider. Sie entwickeln sich also in dem Umfang, in dem es den Unternehmen gelingt, einen Aufschlag auf die Produktionskosten inklusive der Arbeitskosten zu realisieren. Steigende Gewinnanteile gehen so gesehen nicht zu Lasten der Arbeitskosten, doch die höheren Margen kommen der Arbeit auch nicht unmittelbar zugute. Eine Auffälligkeit im Vergleich der Nettomargen und der Gewinnanteile nach VGR-Daten zeigt der Großhandel. In Relation zum Verhältnis der Nettomargen der Branchen ist seine Position mit Blick auf die Gewinnanteile deutlich nach oben verschoben. Er realisiert anders ausgedrückt bei niedrigen Nettomargen auffällig hohe und zwischen 2000 und 2008 stark steigende Gewinnanteile. In diesem Zeitraum sind auch die Kapitalrenditen des Großhandels nach VGR-Daten stark angestiegen (Abbildung 63). Oben wurde angesichts der in den Buchführungsdaten nicht ebenso erkennbaren Entwicklung versucht, das durch einen sinkenden Anteil des Anlagevermögens am Kapital zu erklären. Mit Blick auf den Gewinnanteil zeigt sich nun aber auch in den Buchführungsdaten ein Anstieg für den Großhandel. Vom Anstieg der Margen im Großhandel zwischen 2000 und 2008 profitiert also vor allem der Faktor Kapital. Es kann davon ausgegangen werden, dass all diese augenfälligen Entwicklungen mit einem Strukturwandel des Großhandels zu tun haben, in dessen Zuge es durch Lean Management und technologische Entwicklung gelungen ist, langfristig gebundenes Kapital und Arbeitskosten einzusparen und sehr geringe Margen nicht nur zu stabilisieren, sondern sogar zu erhöhen. Vermutlich ist der steigende Gewinnanteil dabei eher auf die Einsparung von Arbeit im Zuge von Rationalisierungsprozessen denn auf einen zunehmenden Druck auf die Löhne zurückzuführen. Im Einzelhandel bleiben die Gewinnanteile zumindest nach den Buchführungsdaten der Bundesbank bemerkenswert stabil (Abbildung 67), während die Margen nach denselben Daten zumindest langfristig leicht steigen (Abbildung 45). Der Faktor Arbeit wird also an einer tendenziell positiven Entwicklung der Gewinnlage beteiligt. In der Ernährungswirtschaft sinken zwischen 1991 und 2008 nach VGR-Daten nicht nur die Nettomargen, sondern auch die Gewinnanteile, so dass ein zunehmender Teil der BWS an den Faktor Arbeit fließt. Das Sinken der Margen wird also nicht (in vollem Umfang) an den Faktor Arbeit weitergegeben. Nach Buchführungsdaten sind Margen und Gewinnanteile der Ernährungswirtschaft langfristig beide relativ stabil. Die juristischen Betriebe der Landwirtschaft haben einen ähnlich niedrigen Gewinnanteil wie die Ernährungswirtschaft, was wiederum auch die Situation bei den Nettomargen widerspiegelt. Erstaunlicher ist der flache Trend der Gewinnanteile der gesamten Landwirtschaft, in der es doch einen langsamen Strukturwandel weg von der Familienarbeitsverfassung gibt. Der stabile Gewinnanteil könnte angesichts dessen darauf zurückzuführen sein, dass zwar zunehmend entlohnte Arbeitskräfte eingesetzt werden, die Arbeitsproduktivität der Familienbetriebe aber möglicherweise ungefähr im selben Umfang steigt. Derartige Effizienzgewinne unter Familienbetrieben könnten auch erklären, warum die gesamte Landwirtschaft 2015/16 einen weniger nachhaltigen Einbruch der Margen erlebt als der Teilbereich der juristischen Betriebe (Abbildung 44). Das würde gleichzeitig bedeuten, dass die Überschätzung der Margen im Zeitablauf abnimmt und die realen Nettomargen der früheren und gegenwärtigen Familienbetriebe angestiegen sind. Im Gewinnanteil der gesamten Landwirtschaft wird durchaus ein nachhaltiger Einbruch nach 2014 sichtbar. In dieser Zeit könnte also bei scheinbar relativ stabilen Margen eine zusätzliche Beschäftigung von Lohnarbeitskräften oder eine Verteuerung der Lohnarbeit eingetreten sein.
Kommentierte Entwicklungen 109 Abbildung 66: Der Nettogewinnanteil an der BWS für ausgewählte Branchen nach VGR Quelle: s. Abbildung 43
Kommentierte Entwicklungen 110 Abbildung 67: Der Nettogewinnanteil ausgewählter Branchen nach Buchführungsdaten Quelle: s. Abbildung 45
Kommentierte Entwicklungen 111 5.3.4 Kennzahlenprofile von Branchen der Wertschöpfungsketten In den pdf-Dokumenten 00_04 bis 00_11 werden die Branchen differenziert nach Wertschöpfungsketten weiter disaggregiert betrachtet. Die meisten der besprochenen Indikatoren können aber in dieser Tiefe anhand der verwendeten Daten nur für die landwirtschaftlichen Produktionsrichtungen berechnet werden (Abbildung 68). In der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik mit disaggregierten Branchen der anderen Sektoren fehlen Zahlen zum Kapitaleinsatz. Deshalb können die zuvor diskutierten Indikatoren Kapitalumschlag, Kapitalrendite und Kapitalstruktur für die disaggregierten Branchen jenseits des Agrarsektors nicht berechnet werden. Ausgewiesen werden stattdessen neben Gewinnanteil, Bruttomarge und Nettomarge Indikatoren zur Umsatzentwicklung und ihren Treibern. Diese Treiber sind die Entwicklung der variablen (Vorleistungs-) Kosten und der BWS. Die Entwicklung der BWS lässt sich weiter aufteilen in die Entwicklungen von (Brutto-) Gewinn und Arbeitskosten (Abbildung 69 bis Abbildung 72). Um diese Identitäten deutlich zu machen, wurden die beobachteten Veränderungen von Wertschöpfung, Gewinn und Kosten gegenüber dem Vorjahr dabei immer auf den Umsatz im Vorjahr bezogen. Die Summe der abgebildeten Veränderungen von Vorleistungskosten und BWS, bzw. Gewinn und Arbeitskosten, entspricht also weitestgehend der prozentualen Umsatzentwicklung gegenüber dem Vorjahr. Geringfügige Abweichungen ergeben sich durch Rundungsfehler und die fehlende Berücksichtigung der „sonstigen Kosten“ in den Buchführungsdaten, die aber nur geringen Veränderungen unterliegen, Zur Berechnung der Nettomarge wird in der bereichsübergreifenden Unternehmensstatistik statt der noch nicht flächendeckend vorhandenen Abschreibungen die Höhe der Bruttoinvestitionen in Sachanlagen abgezogen. Der Gewinnanteil wird wieder als Anteil des Nettogewinns an der Nettowertschöpfung, also unter Berücksichtigung der Abschreibung, berechnet. Für die Landwirtschaft kann zusätzlich zu den anderen kapitalbezogenen Indikatoren die Reinvestitionsquote ausgewiesen werden. Sie setzt in der hier verwendeten Form die Investitionen ins Verhältnis zur Höhe des Anlagevermögens ohne Boden. Eine geringe Reinvestitionsquote signalisiert eine geringe Investitionswürdigkeit und fehlende Stabilität einer Branche. In den nicht landwirtschaftlichen Buchführungsdaten fehlen aber entweder Angaben zum Anlagekapital oder zur Investitionstätigkeit, so dass der Indikator ausschließlich für die Landwirtschaft berechnet wird. Abbildung 68 zeigt, dass die Reinvestitionsquote der Landwirtschaft ab 2011/12 erst bei über 35 Prozent liegt, dann kontinuierlich auf nur noch 17 Prozent im Wirtschaftsjahr 2016/17 fällt, um sich danach bei um die 23 Prozent einzupendeln. Es werden also im Durchschnitt Investitionen in Höhe von 23 Prozent des (abzuschreibenden) Anlagevermögens getätigt, um das Kapital zu erhalten und auszubauen. Der durchschnittliche jährliche Wertverlust des landwirtschaftlichen Produktionsvermögen bei linearer Abschreibung wird bei ungefähr zehn Prozent gesehen. 15 Demnach würde zusätzliches Produktionskapital aufgebaut, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass auch in Tiervermögen und Boden investiert wird, die hier nicht berücksichtigt wurden. 15 https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Weitere_Steuerthemen/Betriebspr uefung/AfA-Tabellen/AfA-Tabelle_Landwirtschaft-und-Tierzucht.html
Kommentierte Entwicklungen 112 Abbildung 68: Margen, Kapitalverwertung, Wachstum und Gewinnanteile der Landwirtschaft ab 2006/07 Quelle: Daten landwirtschaftlicher Testbetriebe, Tabellen 1410000-2007 bis 1410000-2023, © Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, 2025; eigene Auswertungen, eigene Darstellung
Ergebnisse und Schlussfolgerungen 119 eigenen meist positiven Wertentwicklung unterliegt, sind auch die Kapitalrenditen der juristischen landwirtschaftlichen Betriebe mit ungefähr zehn Prozent als moderat zu bezeichnen (Kapitel 5.3.3 und hier besonders Abbildung 65). Die deskriptive Analyse von Kosten, Margen und ihrer Streuung sowie ihre Interpretation im Licht von Marktund Strukturentwicklungen kann also zwar die Marktmachtfrage nicht abschließend beantworten; sie zeigt aber, dass die potentielle Relevanz von Marktmacht für die Preisbildung in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette aktuell gering ist. Vielmehr sind Strukturwandel und Effizienzgewinne, eine stabile Versorgung mit Inputgütern und die marktbasierte Absicherung landwirtschaftlicher Betriebe gegen Preisfluktuationen wichtige Hebel, um Preise und Margen zu stabilisieren.
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Bibliografische Information: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationen in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar. Bibliographic information: The Deutsche Nationalbibliothek (German National Library) lists this publication in the German National Bibliographie; detailed bibliographic data is available on the Internet at www.dnb.de Bereits in dieser Reihe erschienene Bände finden Sie im Internet unter www.thuenen.de Volumes already published in this series are available on the Internet at www.thuenen.de Zitationsvorschlag – Suggested source citation: Margarian, A. (2025) Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten : Konzept, Struktur und Interpretation. Thünen Working Paper 275. Johann Heinrich von Thünen-Institut, Braunschweig. https://doi.org/10.3220/253-2025-189 Die Verantwortung für die Inhalte liegt bei den jeweiligen Verfassern bzw. Verfasserinnen. The respective authors are responsible for the content of their publications. Thünen Working Paper Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten: Konzept, Struktur und Interpretation Herausgeber/Redaktionsanschrift – Editor/address Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesallee 50 38116 Braunschweig Germany [email protected] www.thuenen.de DOI: 10.3220/253-2025-189 urn: urn:nbn:de:gbv:253-2025-000206-9
