Eine systemtheoretische Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts - Geldwirtschaft und Machtwirtschaft als stiltheoretische Idealtypen
Abstract
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Full text
Zweynert, Joachim Article Eine systemtheoretische Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts - Geldwirtschaft und Machtwirtschaft als stiltheoretische Idealtypen Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Zweynert, Joachim (2002) : Eine systemtheoretische Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts - Geldwirtschaft und Machtwirtschaft als stiltheoretische Idealtypen, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 122, Iss. 3, pp. 415-444, https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292022 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Schmollers Jahrbuch 122 (2002), 415-444 Duncker & Humblot, Berlin Eine systemtheoretische Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts - Geldwirtschaft und Machtwirtschaft als stiltheoretische Idealtypen Von Joachim Zweynert* Abstract A Systems Theoretical Reformulation of the Concept of Economic Styles - Money Economy and Power Economy as style-theoretical Ideal Types During the last years in Germany attempts have been made to revive the concept of economic styles. But the present approach to the legacy of neo-historicism pays too little attention to the interdisciplinary character of the concept. The thesis of the present paper is, that sociological systems theory offers a promising foundation to reformulate the theory of economic styles. With the help of our systems theoretical ideal types „money economy" and „power economy" we hope to gain new insights into the evolutionary change of economic systems. Zusammenfassung In Deutschland bemüht man sich seit einigen Jahren, das Konzept der Wirtschaftsstile neu zu beleben. Der heute übliche Zugang zum Erbe des Neohistorismus berücksichtigt aber den interdisziplinären Charakter des Stilkonzepts zu wenig. Die These des vorliegenden Beitrages lautet, die soziologische Systemtheorie biete eine vielversprechende Grundlage, um den Stilbegriff neu zu formulieren und fruchtbar anwenden zu können. Mit Hilfe unserer systemtheoretisch gebildeten Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" hoffen wir, neue Erkenntnisse über den evolutorischen Wandel von Wirtschaftssystemen zu gewinnen. JEL-Klassifikation: B 40, B 52, P 51 * Ich widme diesen Beitrag in großer Dankbarkeit meinem Doktorvater Heinz Rieter, der am 9. September 2002 sein 65. Lebensjahr vollendet hat. Ihm, sowie den vier anonymen Gutachtern, danke ich herzlich für Anregungen und Kritik, die mir geholfen haben, meine Fragestellung klarer zu formulieren und meinen Erklärungsanspruch einzugrenzen. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
416 Joachim Zweynert 1. Einleitung Das seit einiger Zeit wiedererwachte Interesse am Historismus scheint die These eindrucksvoll zu bestätigen, auch in der Wirtschaftswissenschaft lasse sich eine zyklische Abfolge des Aufstiegs, des Niedergangs und der Wiederkehr von Forschungsprogrammen beobachten (vgl. Neumark 1975). Ähnlich wie im Ealle des Ordoliberalismus (vgl. Heuß 1992, 36) scheint der Rückbesinnung breiterer Fachkreise in Deutschland auf das Erbe der Historischen Schulen eine Entwicklung innerhalb der angelsächsischen mainstream economics vorausgegangen zu sein (vgl. Borchardt 2001, 221):1 Mit der Zeit hat sich ein Zweig der New Institutional Economics (NIE), der nach den kulturellen Determinanten des Wirtschaftens fragt, Stück für Stück von den neoklassischen Wurzeln der NIE entfernt. Wenn etwa seit Mitte der neunzehnhundertneunziger Jahre in angesehenen Fachzeitschriften Artikel über „Cultural Beliefs and the Organization of Society" (Greif 1994) bzw. „Culture and its Relationship to Economic Change" (Jones 1995) erscheinen, und wenn ein so exponierter Ökonom wie der Nobelpreisträger Douglass C. North seine Fachkollegen nachdrücklich darauf hinweist, daß „ideas matter" (Denzau / North 1994, 3), so befaßt man sich - freilich zumeist, ohne sich dessen bewußt zu sein (vgl. Hermann-Pillath 1999, 41 f.), - heute mit genau jenen Fragestellungen, die dem Forschungsprogramm des Historismus zugrunde lagen. In Deutschland bemüht man sich seit einigen Jahren, an den ,letzten Stand' anzuknüpfen, den das historistische Forschungsprogramm in der Wirtschaftswissenschaft erreicht hatte, bevor in der zweiten Hälfte der neunzehnhundertvierziger Jahre sein Niedergang einsetzte: an die Theorie der Wirtschaftsstile (vgl. Ammon 1989; Schefold 1994; Klump (Hrsg.) 1996), die in den zehner bis vierziger Jahren von Ökonomen wie Werner Sombart, Max Weber, Arthur Spiethoff, Edgar Salin und Alfred Müller-Armack ent1 Auch nach dem Niedergang des Historismus in der deutschen Nationalökonomie in den neunzehnhundertvierziger Jahren hat es freilich innerhalb und außerhalb Deutschlands Strömungen gegeben, die die historistische Tradition fortgeführt haben. Zu nennen sind hier zunächst diejenigen Historisten, die ihre Lehrund Forschungstätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzten, wie etwa Carl Brinkmann, Hans Ritsehl und Edgar Salin. In den späten siebziger Jahren, also lange bevor die Annäherung der NIE an historistische Fragestellungen begann, wurde der Wirtschaftsstilbegriff im Rahmen der Auseinandersetzung um die Atomkraft von Bertram Schefold wieder aufgegriffen (vgl. seine Beiträge in Meyer-Abich/ Schefold 1981), und 1989 legte Günter Ammon eine Monographie zum französischen Wirtschaftsstil vor. Außerhalb Deutschlands vertritt die sogenannte Pariser Regulierungsschule um Robert Boyer einen dem Historismus verwandten Ansatz. Sie formierte sich in den frühen siebziger Jahren und hat eine historisch-institutionelle Makroökonomie entwickelt (vgl. für einen kompakten Überblick: Kapitel 1 in Labrousse / Weisz (eds.) 2001; zum Vergleich zwischen Historismus und Regulierungsschule vgl. Kapitel 1 u. 2 in Schefold (Hrsg.) 1995; zum Vergleich zwischen Ordoliberalismus und Regulierungsschule vgl. Kapitel 8 u. 9 in Labrousse/ Weisz (eds.) 2001). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 417 wickelt worden ist (für einen Überblick vgl. Kauf hold 1996). Die gerade in allerjüngster Zeit ansteigende Zahl der Publikationen - auf eine Bibliographie soll hier verzichtet werden - zeigt zwar, daß es gelungen ist, die ökonomische Stilforschung der Vergessenheit zu entreißen. Doch der heute übliche Zugang zu den Lehren der älteren Stilforscher ist unserer Einschätzung nach zu unkritisch2 und berücksichtigt deren interdisziplinären Charakter zu wenig. Da ein bedeutender Teil des Erbes der historistischen Nationalökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg in die Soziologie ,ausgelagert' und dort weiterentwickelt worden ist, halten wir es für aussichtsreich, das ökonomische Stilkonzept durch moderne soziologische Ansätze zu befruchten. Wir vertreten die Ansicht, daß insbesondere die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns eine vielversprechende Grundlage bietet, um den Stilbegriff theoretisch zu fundieren. Mit Hilfe der systemtheoretisch gebildeten Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" hoffen wir, neue Erkenntnisse über den evolutorischen Wandel von Wirtschaftssystemen zu gewinnen. 2. Elemente der soziologischen Systemtheorie Eine ausführliche Erörterung allein der zentralen Begriffe der soziologischen Systemtheorie kann im Rahmen dieses Beitrages nicht erfolgen.3 Wir beschränken uns daher im folgenden darauf, zwei ihrer Elemente vorzustellen, die für unsere Argumentation von besonderer Bedeutung sind: das Konzept der sozialen Differenzierung und die erkenntnistheoretische Position des radikalen Konstruktivismus. Auf den ersten Blick scheint es ein paradoxes Vorhaben zu sein, das Konzept des Wirtschaftsstils ausgerechnet mittels einer Theorie neu beleben zu wollen, die sich geradezu als einen Gegenentwurf zum historistischen Denken ausgibt. So war es ihr Stammvater Talcott Parsons, der in einer Art „gentlemen's agreement" mit Lionel Robbins eine undurchlässige Grenze zwischen Soziologie und Ökonomie zog (vgl. Hodgson 2001, 28) und - für uns entscheidend - dem Vorbild der ,reinen' Ökonomik nacheifernd, historistisches Denken aus der Soziologie verbannen wollte (vgl. Schmid 1995, 245). In krassem Gegensatz zum historistischen Relativis2 Knut Borchardt bemerkt über die jüngste Aufwertung der Tradition der deutschen Volkswirtschaftslehre treffend: „Es scheint tatsächlich eine Neuordnung von Lorbeerkränzen auf den Gräbern von Ökonomen im Gange zu sein. Freilich sollte das Pendel auch nicht bis zu einer Glorifizierung der wirtschaftswissenschaftlichen Leistungen der alten Deutschen ausschlagen" (Borchardt 2001, 221). Andererseits muß bei der Bewertung der (neo)historistischen Ansätze der tiefe Einschnitt berücksichtigt werden, den die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland auch für die Wirtschaftswissenschaft bedeutete (vgl. dazu Janssen 2000, Kap. 3). 3 Die Standardlehrbücher im deutschen Sprachraum sind Willke (1993) und Kneer /Nassehi (1994). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
418 Joachim Zweynert mus, dem zufolge keine Gesetzmäßigkeiten über das Funktionieren von Gesellschaften unabhängig von Ort und Zeit formuliert werden können, behauptete Parsons die Existenz von „Evolutionary Universals in Society" (1964). Diese definierte er als „any organizational development sufficiently important to further evolution that, rather than emerging only once, it is likely to be ,hit upon' by various systems operating under different conditions" (Parsons 1964, 339). Eine solche Universalie erblicken die Anhänger der soziologischen Systemtheorie vor allem in der Tendenz zur zunehmenden funktionalen Differenzierung sozialer Systeme.4 Das Konzept der sozialen Differenzierung versucht, Erkenntnisse über die Evolution lebender Systeme auf die Entwicklung von Gesellschaften zu übertragen.5 Es geht davon aus, daß allen sozialen Systemen eine Tendenz zur Steigerung ihrer Komplexität innewohnt. Dadurch, daß die Teile eines Systems spezifische Aufgaben wahrnehmen, könne die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems erhöht werden (vgl. Willke 1993, 19 f.). Die von Adam Smith beschriebene Arbeitsteilung bei der Herstellung von Stecknadeln ist ein Beispiel für die funktionale Differenzierung eines Produktionsprozesses (vgl. Smith [1776] 1976, vol. 1, 13 ff.). Bezogen auf die Evolution von Gesellschaften bedeutet funktionale Differenzierung einerseits, daß die Gesellschaft verschiedene Subsysteme ausbildet. Dies geschieht, indem gesellschaftliche Teilbereiche Systemgrenzen gegenüber dem Gesamtsystem „Gesellschaft" errichten, an denen sie - in Analogie zur Zellmembran in lebenden Organismen - nur diejenigen Informationen aufnehmen, die für die jeweilige subsystemspezifische Funktion relevant sind. Die moderne Gesellschaft segmentiert sich demnach in ein Wirtschaftssystem, das seine Umwelt nur im Hinblick auf monetär vermittelte Transaktionen wahrnimmt, ein politisches System, welches diejenigen Informationen auswählt, die Auskunft über Machterwerb beziehungsweise Machterhalt geben, und weitere Subsysteme wie Recht, Religion und Wissenschaft (vgl. Kneer/Nassehi 1994, 135). Andererseits aber unterstellt die soziologische Systemtheorie einen Zusammenhang zwischen zunehmender Differenzierung sozialer Systeme und ihrem Integrationsgrad. Denn durch funktionale Differenzierung werden die ausdifferenzierten Teile nicht 4 Der Gedanke der sozialen Differenzierung ist allerdings weit älter als die soziologische Systemtheorie. Als seine Pioniere gelten in erster Linie Herbert Spencer, Georg Simmel und Emile Dürkheim. Vgl. zur Geschichte des Differenzierungsgedankens in den Sozialwissenschaften Luhmann (Hrsg.) 1985. 5 Auch wenn die neuere soziologische Systemtheorie deutliche Anleihen bei der Biologie macht, sollte man nicht vergessen, daß das evolutorische Denken in den Sozialwissenschaften älter ist als seine Anwendung in der Biologie. Emanuel Rädl bemerkt dazu in seiner „Geschichte der biologischen Theorien" (1909, Bd. 2, zitiert nach Peters 1972, 335): „Es wäre kaum begreiflich, wie Darwin so sehr die soziologischen Theoretiker beeinflussen konnte, wenn man nicht wüßte, daß seine Lehre eine Soziologie der Natur darstellt (...)." Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 419 nur autonomer, sondern gleichzeitig auch abhängiger voneinander (vgl. Willke 1993, 23). Der Doppelprozeß von Differenzierung und Integration soll hier an späterer Stelle anhand der Autonomisierung des Wirtschaftens erörtert werden, wie sie typisch für den Kapitalismus ist. An dieser Stelle wollen wir zunächst bei der Frage verweilen, warum uns gerade die soziologische Systemtheorie geeignet erscheint, das Konzept der Wirtschaftsstile neu zu beleben. Wir meinen, daß der Graben zwischen Parsons und dem Historismus - ähnlich übrigens wie im Falle Schumpeters (vgl. Kesting 1997), der gleichzeitig mit Parsons in Harvard lehrte - auf den ersten Blick größer erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Parsons war nämlich selbst ein Schüler des deutschen (Neo-)Historismus (vgl. Hodgson 2001, 178-203). Er studierte unter anderem bei Edgar Salin in Heidelberg und stand in seinem Frühwerk (vgl. Parsons 1928/29) nicht nur unter dem Einfluß Max Webers, dem er auch später die Treue hielt, sondern auch und vor allem unter dem Werner Sombarts, von dem er sich aber 1937 distanzieren sollte (vgl. Hodgson 2001, 184 f.). Das Thema der sozialen Differenzierung stellte - ohne, daß es so bezeichnet wurde - insbesondere durch den Einfluß von Ferdinand Tönnies' Unterscheidung zwischen „Gemeinschaft und Gesellschaft" ([1887] 1922) ein zentrales Element der deutschen (neo)historistischen Sozialwissenschaft dar. Von hier fand es durch Talcott Parsons seinen Weg in eine soziologische Theorie,6 die ihre historistischen Wurzeln - möglicherweise ganz bewußt7 - verleugnete, und hier wurde es durch Parsons' Schüler weiterentwickelt. In der ökonomischen Theoriebildung nach 1945 hat die Idee der sozialen Differenzierung hingegen keine nennenswerte Rolle mehr gespielt. Will man heute an die Gedanken der Stiltheoretiker anknüpfen, scheint es daher sinnvoll zu sein, das Konzept der sozialen Differenzierung aus der Soziologie zu ,re-importieren'. Parsons' Verabsolutierung sowohl des Differenzierungsparadigmas als auch des Pfades der westlichen Modernisierung8 aber sind Elemente seines Denkens, die aus historistischer Sicht inakzeptabel sind. Da man bekanntermaßen Werturteile wissenschaftlich nicht begründen kann, wollen wir 6 Parsons äußerte sich in seiner „Theory of Social Action" (1937) zwar nur kurz und recht kritisch über Ferdinand Tönnies, gab aber explizit zu, daß sein dort vorgestelltes „pattern-variables-scheme" sich direkt auf die Tönniesschen Begriffe „Gemeinschaft" und „Gesellschaft" zurückführen lasse (vgl. Bellebaum 1976, 263). 7 So erhebt Hodgson gegen Parsons - und auch gegen Schumpeter - den Vorwurf des „career opportunism". Beide hätten es im Interesse einer Harvard-Laufbahn tunlichst vermieden, sich zu den historistischen Wurzeln ihres Denkens zu bekennen. Allerdings muß Hodgson zugeben, daß dieser Vorwurf kaum zu beweisen sein dürfte (Hodgson 2001, 189). 8 Parsons schreckte nicht davor zurück, die ,antiamerikanischen' gesellschaftlichen Strömungen in Westeuropa der neunzehnhundertsechziger Jahre mit der „Gegenreformation oder der konservativen Allianz gegen die Auswirkungen der Französischen Revolution" zu vergleichen (Parsons 1972, 164). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
420 Joachim Zweynert uns hier auf das Problem der Verabsolutierung des Differenzierungsparadigmas konzentrieren. Dabei knüpfen wir an die erkenntnistheoretische Position des Parson-Schülers Niklas Luhmann an. Sie beruht auf der Theorie des radikalen Konstruktivismus, die in entscheidendem Maße von den Arbeiten der Biologen und Neurophysiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela inspiriert worden ist.9 Der radikale Konstruktivismus bezweifelt grundsätzlich, daß es dem Menschen möglich ist, eine objektive Wahrheit zu erkennen. Vielmehr begreifen seine Vertreter Wahrnehmung als einen Prozeß, bei dem der Beobachter anhand ganz bestimmter Unterscheidungsmerkmale seine Umwelt verarbeitet. Je nachdem, anhand welcher Merkmale wir beobachten, werden wir im Prozeß der Erkenntnis unterschiedliche Wirklichkeiten konstruieren. Da wir aufgrund der Komplexität unserer Umwelt stets gezwungen sind, uns ein vereinfachtes Bild von ihr zu machen, weist, so argumentiert der radikale Konstruktivismus, jede Beschreibung von Wirklichkeit blinde Flecken auf (Foerster 1985 b, 41). Indem der radikale Konstruktivismus die Möglichkeit einer umfassenden Beschreibung von Wirklichkeit grundsätzlich bezweifelt, ermutigt er ausdrücklich zu radikaler und notwendigerweise ,einseitiger4 Theoriebildung. Gleichzeitig aber ermahnt die Überzeugung, daß jede Beschreibung von Wirklichkeit nur einen Ausschnitt derselben zu erhellen vermag, zur Toleranz gegenüber alternativen Beschreibungen, die auf anderen Unterscheidungsmerkmalen beruhen. Aus dieser Perspektive verwandelt sich soziale Differenzierung aus einer soziologischen Universalie in eine von vielen Möglichkeiten, unsere Wahrnehmungen sinnvoll zu ordnen. Zwar ist der erkenntnistheoretische Relativismus des radikalen Konstruktivismus etwas anderes als derjenige der Historischen Schulen der Nationalökonomie, wohl aber haben beide im Denken Giambattista Vicos (1688-1744) eine gemeinsame Wurzel (vgl. Rieter 2002, 132; Glasersfeld 1985, 16). Unabhängig von der Frage, ob wir uns der Position des radikalen Konstruktivismus vollständig verpflichtet fühlen, nehmen wir uns seine tolerante Haltung gegenüber anderen Beschreibungen von Wirklichkeit zum Vorbild: Der hier unterbreitete Vorschlag, bei der Analyse des evolutorischen Wandels von Wirtschaftssystemen primär auf das Merkmal „Einheit und Differenz" abzustellen, tritt nicht mit dem Anspruch auf, eine umfassende Erklärung zu bieten, die andere Beschreibungen überflüssig macht. Unser Ziel ist es, einen bestimmten blinden Fleck moderner ökonomischer Theoriebildung aufzuhellen - daß dadurch andere blinde Flecken entstehen, ist uns bewußt. 9 Vgl. zusammenfassend zu den wissenschaftstheoretischen Implikationen ihrer Forschungen: Maturana (1990). Ein weiterer wichtiger Vertreter des radikalen Konstruktivismus ist Heinz von Foerster (1985 a). Kurze Einführungen in ihr Denken bieten Glasersfeld (1985) und von Foerster (1985 b). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 421 3. Die Differenzierung der Sozialwissenschaften Die Systemtheorie geht, wie gesagt, davon aus, daß die Welt immer komplexer wird und daß durch zunehmende funktionale Differenzierung eine Leistungssteigerung von Systemen erzielt werden kann. Allerdings - und das wissen wir Ökonomen seit Friedrich List (vgl. List [1841] 1930, 187 ff.)10 - wird eine solche Leistungssteigerung nur dann eintreten, wenn es gelingt, die spezialisierten Teile des Gesamtsystems in sinnvoller Weise miteinander zu koordinieren. Scheitert eine solche Koordination, so führt funktionale Differenzierung zu einer reinen Zersplitterung' des betrachteten Systems (vgl. z. B. Eisenstadt 1964, 378). Genau dies kennzeichnet den gegenwärtigen Zustand des Systems Sozialwissenschaften. Für nicht wenige ihrer Historiographen beginnt die Geschichte der WirtschaftsWissenschaft - nicht zu verwechseln mit der Geschichte des ökonomischen Denkens! - mit den Merkantilisten. Eine häufig genannte Begründung lautet: Bei ihnen werde das Wirtschaften erstmals als ein gesellschaftlicher Teilbereich anerkannt, der spezifischen, nur für ihn gültigen Gesetzmäßigkeiten folge (vgl. z. B. Bürgin 1982). Zu voller Entfaltung kam der Gedanke, das Wirtschaftssystem könne als ein weitgehend autonomer Teilbereich der Gesellschaft verstanden werden, in der englischen Klassik. Während bei Adam Smith die Wirtschaft bei aller Eigengesetzlichkeit noch mit Politik, Kultur und Geschichte verwoben war, warf David Ricardo diesen ,Ballast' über Bord und begründete eine Ökonomik, die sich voll und ganz auf die Erforschung der Kausalzusammenhänge konzentriert, die innerhalb des Wirtschaftssystems ablaufen. Demgegenüber bestand die Crux des Historismus in der Wirtschaftswissenschaft gerade darin, daß er die Eigengesetzlichkeit des Wirtschaftens bestritt. So bedeutsam die Unterschiede zwischen den einzelnen Strömungen der Historischen Schulen auch gewesen sein mögen (für einen Überblick vgl. Rieter 2002), einig war man sich gemäß einer holistischen Weltsicht darin, daß ökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht unabhängig von den historischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit formuliert werden dürften. Der historistische Ansatz vernachlässigte die innerhalb des Wirtschaftssystems ablaufenden Wirkungszusammenhänge und befaßte sich statt dessen intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen dem Wirtschaftssystem und den anderen Teilbereichen der Gesellschaft. Insofern war historistische Ökonomik zugleich weniger und mehr als Wirtschaftswissenschaft, nämlich immer auch Sozialwissenschaft (vgl. Häuser 1994, 58 ff.).11 Als ökonomischer mainstream war 10 Was Smith stillschweigend voraussetzte, bezeichnete List als „Konföderation der Arbeit". Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
422 Joachim Zweynert der Historismus bereits zu seiner Zeit und an seinem Ort zum Niedergang verurteilt, weil zum Verständnis einer hochgradig komplexen Welt nun einmal eine entsprechende Ausdifferenzierung der Wissenschaft erforderlich ist. Die Unfähigkeit der historistischen Ökonomen, die Währungsprobleme nach dem Ersten Weltkrieg zu erklären (vgl. z.B. Salin 1967, 59), verdeutlicht, daß der Historismus der Hauptaufgabe der Wirtschaftswissenschaft nicht gewachsen war: die Vorgänge zu analysieren, die innerhalb des Wirtschaftssystems ablaufen. Insofern macht die Arbeitsteilung zwischen Ökonomie und Soziologie durchaus Sinn. Von einer sinnvollen Koordination der ausdifferenzierten Wissensgebiete scheint man gegenwärtig aber weit entfernt zu sein. Beide Disziplinen haben sich als Subsysteme des wissenschaftlichen Subsystems „Sozialwissenschaften" jeweils so weit ausdifferenziert, daß sie ihre Sprachen wechselseitig kaum noch verstehen. Das liegt übrigens nicht allein an der fortschreitenden Mathematisierung der Ökonomie, sondern auch an der verquasten Ausdrucksweise nicht weniger Soziologen heute. 4. Die Aktualität des historistischen Forschungsprogrammes Mit der,Auslagerung' des Erbes der Historischen Schulen in die Soziologie schien man in der Wirtschaftswissenschaft recht gut leben zu können, solange - wesentlich bedingt durch die Aufspaltung der Welt in einen kapitalistischen und einen kommunistischen Block - in der Realität keine tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse zu beobachten waren. Im kommunistischen Einflußbereich wurde die Wirtschaft in die Gesellschaft re-integriert, indem sie einem totalen Primat der Politik unterworfen wurde. Durch die Konkurrenz der politischen Systeme wirkte sich dies auch auf die westlichen Gesellschaften aus. Solange der Sozialismus real existierte, bestand im ,Westen' Konsens darüber, daß es vorrangige Aufgaben der Politik seien, die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen und eine aktive Sozialpolitik zu betreiben. Worum es hierbei letztlich ging, brachte Alfred MüllerArmack 1962 auf den Punkt: „Der freie Westen bedarf integrierender Ideen als Antwort auf die Herausforderung des Ostens, eine bessere Lösung der gesellschaftlichen Probleme zu bieten" (Müller-Armack [1962] 1974, 147, Hervorhebung durch uns). Was heute mit dem umstrittenen Schlagwort „Turbokapitalismus" bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine zunehmende Abkoppelung des Wirtschaftssystems von den anderen Teilbereichen der Gesellschaft. Im Zu11 An einer Stelle spricht Häuser - aus systemtheoretischer Perspektive besonders treffend - von der „'Entgrenzung' der Wirtschaftswissenschaft in Deutschland" (Häuser 1994, 69). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 429 Geldes besteht darin, daß es in entscheidendem Maße motivationsfördernd wirkt (vgl. Luhmann 1972, 195). Überall dort, wo das Geld keine oder eine nur untergeordnete Rolle im Wirtschaftsprozeß spielt - und dies war sowohl in den präkapitalistischen als auch in den sozialistischen Gesellschaften der Fall muß seine Motivationswirkung durch physischen Zwang ersetzt werden. So ist es weder ein Zufall, daß überall die Aufhebung der Leibeigenschaft mit der Etablierung der Geldwirtschaft einherging, noch, daß es eine der ersten Amtshandlungen der Bolschewiki war, eine allgemeine Arbeitspflicht einzuführen und die Bevölkerung damit de facto wieder zu versklaven (vgl. Pipes 1991, 680). Eine nicht oder nicht vollständig monetarisierte Wirtschaft ist ohne persönliche Macht von Menschen über Menschen ebenso wenig möglich18 wie eine Geldwirtschaft ohne monetär vermittelte Tauschkommunikation. Daher sollte das Begriff spaar „Marktund Planwirtschaft" durch die Termini „Geldund Machtwirtschaft" ersetzt werden.19 Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Mit der Gegenüberstellung von „Geld" und „Macht" soll nicht behauptet werden, das Individuum sei in dem einen Fall „frei", im anderen hingegen „unfrei". Wenn wir unter „Macht" mit Max Weber „jede Chance" verstehen, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht" (Weber [1922] 1956, 28), so steht außer Frage, daß der kapitalistische Arbeitgeber Macht über seine Arbeitnehmer ausübt, die auf der Chance der Geldzahlung beruht. Weber bemerkt hierzu: „[Im Kapitalismus, J.Z.] wird der Zwang zum erheblichen Teil durch den privaten Besitzer der Produktionsund Erwerbsmittel kraft dieses seines ihm vom Recht garantierten Besitzes und in der Form der Machtentfaltung im Marktkampf geübt. Diese Art von Zwang macht mit dem Satz ,coactus voluit' insofern besonders konsequent ernst, als er sich aller autoritärer Formen enthält. Es steht im »freien' Belieben der Arbeitsmarktinteressenten, sich den Bedingungen des, kraft der Rechtsgarantie seines Besitzes, ökonomisch Stärkeren zu fügen. In einer sozialistischen Gemeinschaft würden formell diejenigen Gebotsund Verbotsanordnungen einer (...) die wirtschaftliche Tätigkeit regelnden Instanz weit stärker hervortreten. Diesen Anordnungen würde im Fall des Widerstrebens Nachachtung durch ,Zwang' irgendwelcher Art, nur nicht durch Marktkampf, verschafft werden. Wo aber dabei im Ergebnis das Mehr an Zwang überhaupt und wo das Mehr an fak18 „Unmöglich" heißt natürlich nicht „undenkbar". Hiervon zeugen die zahlreichen sozialistischen und kommunistischen Gesellschaftsentwürfe, die eine Gleich Verteilung mit der weitgehenden Aufhebung der Macht von Menschen über Menschen miteinander in Einklang zu bringen hoffen. 19 An dieser Stelle zeigt sich, wie nahe Euckens Ansatz der hier vorgeschlagenen Unterscheidung kommt, denn sein Merkmal „ein Plan - viele Pläne" bedeutet, daß in der Planwirtschaft die nicht zur herrschenden Elite gehörenden Individuen „entmachtet und unfrei" sind (Eucken [1940] 1950, 198), während sich die Macht in der Verkehrswirtschaft im Idealfall der vollständigen Konkurrenz auf so viele Individuen verteilt, daß „das Problem der wirtschaftlichen Macht (...) in einem solchen Land nur wenig sichtbar" wäre (ebenda, 202). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
430 Joachim Zweynert tischer persönlicher Freiheitssphäre liegen würde, das ist jedenfalls nicht durch bloße Analyse des im einen und anderen Fall geltenden oder denkbaren formalen Rechts zu entscheiden" (ebenda, 455). Ein entscheidendes Charakteristikum des Kapitalismus besteht demnach darin, daß die auf der Chance von Geldzahlungen beruhende Macht entpersönlicht ist und ohne physischen Zwang auskommt. Insofern läßt sich zumindest feststellen, daß die Geldwirtschaft dazu tendiert, die persönliche und auf direkten physischen Zwangsmaßnahmen beruhende Macht von Menschen über Menschen zu reduzieren. Wenngleich also in der Geldwirtschaft neuartige Abhängigkeiten geschaffen werden, spricht die jüngere Geschichte - und im Unterschied zu Weber verfügen wir auch über Erfahrung mit sozialistischen Wirtschaftsformen - dafür, daß die individuelle Freiheitssphäre in der Geldwirtschaft größer ist als in der Machtwirtschaft.20 Dies beinhaltet freilich keine theoretische Aussage über alle Fälle „geltenden oder denkbaren formalen Rechts". Der grundlegende Unterschied zwischen den Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" besteht darin, welche Stellung Wirtschaft und Gesellschaft zueinander einnehmen: In der Machtwirtschaft hat sich das Wirtschaften nicht ausdifferenziert und ist deshalb weitgehend mit der Gesellschaft verflochten. Für die Geldwirtschaft gilt das Gegenteil. Nur hier kann man im strengen Sinne von der Existenz eines Wirtschaftssi/sieras sprechen, denn nur hier vollzieht sich das Wirtschaften innerhalb eines klar unterscheidbaren Subsystems, welches eine deutliche Systemgrenze gegenüber der Gesellschaft etabliert hat (vgl. Dietz 1993, 151). Anders als Walter Eucken wollen wir nicht behaupten, anhand unserer Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" alle organisatorischen Ausgestaltungen des Wirtschaftens „zu allen Zeiten und überall" (Eucken [1940] 1950, 124) sinnvoll beschreiben zu können. Die hier vorgeschlagene Unterscheidung scheint uns in erster Linie anwendbar zu sein auf Gesellschaften, die an der Schwelle vom vorkapitalistischen oder sozialistischen zum kapitalistischen Wirtschaften stehen. Aktuelle Beispiele hierfür sind die osteuropäischen Transformationsländer und die Schwellenund Entwicklungsländer, die im Zuge der Globalisierung mit dem Problem wirtschaftlicher Modernisierung konfrontiert werden (vgl. Abschnitt 3). Ob und inwieweit die Idealtypen „GeldWirtschaft" und „Machtwirtschaft" auch auf vormoderne Gesellschaften angewendet werden können, möchten wir dem Urteil von Wirtschaftshistorikern überlassen. Allerdings wurde das Problem der ,gesellschaftszersetzenden' Wirkung des Geldes nachweislich bereits in der griechischen Antike kritisch thematisiert (vgl. Schefold 1994 e, 160 f.). Deshalb 20 Insoweit der physische Zwang ein konstitutierendes Merkmal des Systems ist, das wir hier als „Machtwirtschaft" bezeichnet haben, könnte man alternativ auch von „Zwangswirtschaft" sprechen. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 431 neigen wir zu der Ansicht, daß das hier vorgestellte Konzept zumindest auf die griechische Polis anwendbar ist (vgl. Abschnitt 9). Eine zentrale These unseres systemtheoretischen Stilkonzeptes lautet, daß die Unterschiede, die sich im wirtschaftlichen Verhalten der Menschen beobachten lassen, primär auf das Stilgefüge zurückzuführen sind, innerhalb dessen sich ihr Handeln vollzieht. Diese These soll hier am Beispiel der osteuropäischen sozialistischen Machtwirtschaften verdeutlicht werden. Der reale Sozialismus stellte nichts anderes dar als den Versuch, die Autonomie des Wirtschaftssystems aufzuheben und es in ein politisch dominiertes, weitgehend homogenes Gesamtsystem zu re-integrieren. Dies wurde durch die wesentliche Beschränkung des Privateigentums erreicht, welches die Systemgrenze der Wirtschaft gegenüber dem Staat darstellt. Mit der Einschränkung des Privateigentums konnte auch das Geld seine Funktion als wirtschaftliches Kommunikationsmedium nicht länger in vollem Umfang wahrnehmen: Die Produktionssphäre der sozialistischen Volkswirtschaften - dies hat Jänos Kornai überzeugend nachgewiesen - war „only apparently monetized" (Kornai 1980, vol. 2, 544). In einer bemerkenswerten Studie hat der Soziologe Ilja Srubar gezeigt, daß die Eliminierung der zentralen geldwirtschaftlichen Institutionen zu einer durchgreifenden Demodernisierung der sozialistischen Gesellschaften geführt hat (Srubar 1991). Ganz wie die Ausdifferenzierung des Wirtschaftens gleichzeitig insofern zur Integration der Gesellschaft führt, als durch die monetär vermittelte Tauschkommunikation alle Individuen mit allen anderen Individuen in - allerdings entpersönlichte - Verbindung treten, führte die sozialistische Reintegration des Wirtschaftens gleichzeitig zur Desintegration der Gesellschaft. Unter den Bedingungen ständiger Güterknappheit waren die Individuen gezwungen, persönliche Umverteilungsnetzwerke zu bilden (vgl. ebenda, 421 f.). Innerhalb dieser Netzwerke kam es zu einer weitgehenden Verschmelzung von sozialen Kontakten und ökonomischen Beziehungen. Da dann gerade der persönliche Kontakt über den Erfolg oder Mißerfolg einer ökonomischen Transaktion entschied, kam alles darauf an, „eine erwiesene Dienstleistung als freundschaftliche Gefälligkeit erscheinen zu lassen, die zur Gegenleistung berechtigt und die ökonomische Seite der Beziehung verdeckt" (ebenda, 422). Den in überschaubare Umverteilungsnetzwerke eingebundenen Individuen erschien die Gesellschaft als ein unkontrollierbares „Feindesland". Sie zerfiel damit in ein „Inselmeer von Netzwerken" (ebenda, 424): Der Loyalität gegenüber den Mitgliedern des eigenen Netzwerks („wir", „die Unsrigen") stand die Illoyalität gegenüber allen anderen Mitgliedern der Gesellschaft („die anderen") entgegen. Genau in dieser Diskrepanz zwischen Binnenund Außenmoral sah bereits Max Weber ein charakteristisches Merkmal vormodernen Wirtschaftens (Weber 1958, 303 f., zitiert nach Srubar 1991, 428). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
432 Joachim Zweynert Das Beispiel des realen Sozialismus zeigt, in welchem Maße das ökonomische Verhalten der Menschen davon abhängig ist, wie weit sich das Wirtschaften funktional aus der Gesellschaft ausdifferenziert hat. Entscheidend ist dabei: Die Solidarität mit dem engsten Kreis und die Illoyalität gegenüber der Gesellschaft sowie die Vermischung von sozialen und ökonomischen Beziehungen, wie sie sich im ehemaligen Ostblock beobachten ließen und für viele heutige Entwicklungsländer typisch sind, stehen keineswegs in Konflikt mit dem Rationalitätspostulat der ökonomischen Theorie. Solange sich die Wirtschaft nicht funktional aus der Gesellschaft ausdifferenziert hat, sind solche Verhaltensmuster vielmehr durchaus rational. Diejenige Art von Rationalität aber, die wir im entwickelten Kapitalismus erleben, ist an die Existenz eines autonomen Wirtschaftssystems und damit an monetär vermittelte Tauschkommunikation gebunden. Damit aber ist auch die Gültigkeit einer Wirtschaftstheorie, die von einer weitreichenden institutionellen Trennung von Wirtschaft und Gesellschaft ausgeht, „gebunden an die Existenz bürgerlicher Wirtschaft und Gesellschaft, an kapitalistische Produktionsverhältnisse" (Bürgin 1993, 21). Dort, wo diese Trennung nicht gegeben ist - und dies ist in allen bisher bekannten nicht-kapitalistischen Gesellschaften der Fall (vgl. Polanyi [1944] 1978, 106) -, werden die grundlegenden Annahmen einer solchen Theorie der Wirklichkeit in keiner Weise gerecht.21 7. Differenzierung und Entwicklung Wie eingangs erwähnt, geht das Paradigma der funktionalen Differenzierung von der Beobachtung aus, daß die Welt langfristig immer komplexer wird. Tatsächlich erscheint uns die westeuropäische Wirtschaftsgeschichte als ein langsamer, von zahlreichen und zum Teil dauerhaften Rückschlägen begleiteter Weg von der Machtwirtschaft zur Geldwirtschaft.22 Für die allgemeine Tendenz einer zunehmenden funktionalen Differenzierung bot bereits 1890 Georg Simmel eine Erklärung an, die sich problemlos im Sinne der Neuen Institutionenökonomik interpretieren läßt: „Alle aufsteigende Entwicklung in der Reihe der Organismen kann betrachtet werden als beherrscht von der Tendenz zur Kraftersparnis. Das entwickeltere Wesen unterscheidet sich von dem niedrigeren so, daß es (...) die niederen Funktionen mit einem geringeren Aufwand von Kraft vollbringen und auf diese Weise für die darüber hinausgehenden Kraft gewinnen kann (...)" (Simmel 21 Inwieweit die Annahmen der neoklassischen Wirtschaftstheorie der Wirklichkeit der entwickelten kapitalistischen Länder gerecht werden, wird in letzter Zeit wieder intensiv diskutiert. Wir wollen auf diese Frage hier jedoch nicht eingehen. 22 Solche Rückschläge lassen sich derzeit in Teilen der islamischen Welt beobachten. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 433 1890, 117). Die Ausdifferenzierung des Wirtschaftens, hier verstanden als eine Spezialisierung der Kommunikation über ökonomische Sachverhalte, wirkt demnach transaktionskostensenkend und setzt sich daher in der langfristigen Evolution durch. Mit den Historischen Schulen teilen wir die Überzeugung, daß sich eine langfristige Entwicklungstendenz gesellschaftlichen Wandels ausmachen läßt.23 Während aber deren Vertreter gemäß eines ausgeprägten Fortschrittsglaubens überzeugt waren, die Entwicklung werde sich von niedrigen auf immer höhere Kulturstufen vollziehen, konstatieren wir lediglich eine Tendenz zur steigenden Komplexität von Gesellschaften. Doch trotz dieses wesentlichen Unterschiedes müssen auch wir uns mit Euckens zentralem Einwand gegen die Stufenlehren auseinandersetzen: Die Annahme einer linearen Entwicklung werde durch die historische Erfahrung in keiner Weise bestätigt. Vielmehr ließen sich in der Geschichte ausgedehnte Phasen von „Stagnation und Rückbildung" ausmachen (Eucken [1940] 1950, 43). Dieser Einwand traf die Stufenbildner deshalb schwer, weil sie unfähig waren, dieses Phänomen zu erklären. Wir aber glauben, eine solche Erklärung liefern zu können. Der Prozeß der Ausdifferenzierung der Wirtschaft aus der Gesellschaft vollzieht sich sehr langsam, und er stellt keine Einbahnstraße dar. Das, was Eucken als „Rückbildung und Stagnation" bezeichnete, erweist sich aus systemtheoretischer Sicht zumeist als das Resultat des politisch motivierten Versuchs, die Wirtschaft in die Gesellschaft zu re-integrieren. Da aber ,,[k]omplexe Systeme (...) weniger komplexen Systemen evolutionär überlegen (sind)" (Röpke 1977, 22), müssen zu stark integrierte Gesellschaften langfristig auf den Entwicklungspfad zunehmender Differenzierung zurückkehren. Genau dies zeigt sich heute in Mittelund Osteuropa. Daraus darf aber nicht der Schluß gezogen werden, die Soziologische Systemtheorie lege die Ansicht nahe, jede politische Aktivität, die auf eine partielle Re-integration des Wirtschaftens abzielt, sei abzulehnen, weil sie der Komplexitätssteigerung der Gesellschaft entgegenwirkt. Gerade im Gegenteil scheint aus Sicht des Differenzierungsgedankens partielle politische Re-integration eine notwendige Begleiterscheinung der Autonomisierung des Wirtschaftens zu sein.24 Ein sich ausdifferenzierendes Wirtschaftssystem bürdet der Gesellschaft nämlich zunächst erhebliche Kosten auf. 23 Genauer gesagt, teilen wir diese Überzeugung mit allen Vertretern der Geistesund Sozialwissenschaften, die an die Geschichtsphilosophie Hegels anknüpfen, wozu auch die Marxisten zu zählen sind. Da wir unsere Abhandlung jedoch als einen Beitrag zum neohistoristischen Forschungsprogramm verstehen, soll hier nur eine Abgrenzung von der jüngeren Historischen Schule erfolgen. 24 Vgl. allgemein zur gegenseitigen Bedingtheit von Differenzierung und Integration im Prozeß der Modernisierung: Eisenstadt (1966), 11; Parsons (1972), 101 f. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
434 Joachim Zweynert Drastisch formuliert, ,bedroht' die Ausdifferenzierung des Wirtschaftens sogar die Existenz der Gesellschaft (vgl. Polanyi [1944] 1978, 70), und diese wird sich ,wehren', indem sie die sozialen Folgen des Kapitalismus politisch re-integriert. Dies wiederum stellt die Voraussetzung dafür dar, daß sich die Wirtschaft weiter ausdifferenzieren kann: Nur die staatliche Sozialpolitik etwa erlaubt es der Wirtschaft, das Problem der Arbeitslosigkeit an das politische System zu delegieren. Diese Externalisierung einer sozialen Folge des Kapitalismus ermöglicht es dem Wirtschaftssystem, seine Kommunikation ganz auf wirtschaftliche Fragen zu spezialisieren. Möglicherweise - diese Hypothese wäre unserer Ansicht nach näherer Untersuchung wert - vollzieht sich die Evolution des Wirtschaftssystems sogar in einander abwechselnden Phasen von Autonomisierung und partieller politischer Re-integration, wobei langfristig der Prozeß der Autonomisierung überwiegt.25 8. ,Wirtschaftsgeist' und Wirtschaftsstil Wollen wir über eine ,anschauliche' Beschreibung des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Gesellschaft hinaus zu kausalen Aussagen über die Evolution des gesellschaftlichen Gesamtsystems gelangen - und das wollen wir ausdrücklich -, dann stehen wir vor der alten und wissenschaftlich wohl nicht endgültig zu beantwortenden Frage, ob die in einer Gesellschaft vorherrschende ,Wirtschaftsgesinnung' die wirtschaftliche Organisation dieser Gesellschaft bestimmt, oder ob umgekehrt die materielle Wirklichkeit die ineiner Gesellschaft vorherrschenden Denkmuster determiniert.26 Gerade bezüglich dieser Frage ist die Theorie der Wirtschaftsstile durch ein hohes Maß an Unbestimmtheit gekennzeichnet. Zwar konzentrierten alle Stilforscher ihre Untersuchungen auf die Frage nach dem Einfluß des Denkens und der Kultur auf das Wirtschaften. Gleichzeitig aber betonten sie immer wieder, daß der,Geist' nur eine von mehreren Determinanten darstelle und auch Rückwirkungen der wirtschaftlichen Organisation auf das Denken zu beobachten seien. Max Weber etwa warnte ausdrücklich davor, seine Protestantismusthese (Weber 1905) zu verabsolutieren (vgl. etwa We25 Unserer Auffassung nach wäre es interessant, einmal der Frage nachzugehen, ob in den einander abwechselnden Phasen von Autonomisierung (Entfesselung der wirtschaftlichen Dynamik) und Re-integration (Fesselung der wirtschaftlichen Wachstumskräfte) eine Ursache der mittelbis langfristigen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität zu sehen ist. 26 Diese Fragen wurden und werden auch in der neueren Wirtschaftssoziologie intensiv diskutiert. Sicherlich wäre es wünschenswert, hier die Arbeiten von Autoren wie Samuel N. Eisenstadt, Neil J. Smelser, Richard Münch und Mark S. Granovetter zu berücksichtigen. Allerdings verstehen wir unseren Beitrag nicht als einen wirtschaftssoziologischen, sondern als eine intersdisziplinäre Studie, deren Schwerpunkt zudem eher in der Wirtschaftswissenschaft als in der Soziologie liegt. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 435 ber 1910, 197). Und im fünften Kapitel des zweiten Halbbandes von „Wirtschaft und Gesellschaft", das die Religionssoziologie behandelt, finden sich einzelne Passagen, in denen Weber von einer umgekehrten Kausalität auszugehen scheint (Weber [1922] 1956, 292 u. 306).27 Auch Werner Sombart äußerte sich widersprüchlich zu diesem Problem. In der zweiten Auflage seines „Modernen Kapitalismus" bekannte er sich klipp und klar zum Primat des Geistes: „Die Epochenbildung, wie ich sie hier vornehme, folgt aus der Grundeinstellung dieses Werks: wonach es der Geist der Zeit ist, der der Zeit, auch der Wirtschaftsperiode, ihr Gepräge gibt" (Sombart [1916] 1969, Bd. III, 1, XII). In der zweiten Auflage des „Bourgeois" aber hob er umgekehrt die Rückwirkung der kapitalistischen Wirtschaftsweise auf die Methoden des Denkens hervor: „Je weiter die kapitalistische Entwicklung fortschreitet, von desto größerer Bedeutung wird sie für die Gestaltung des kapitalistischen Geistes, bis vielleicht zuletzt der Punkt erreicht wird, wo sie allein diesen bildet und formt" (Sombart 1920, 445). In der ersten Auflage seiner „Genealogie der Wirtschaftsstile" (1941) bezeichnete Alfred MüllerArmack den Gedanken, „daß den Weltanschauungssystemen entscheidende Bedeutung für die Gestaltung von Staat und Wirtschaft, von technischer und sozialer Kultur zukommt", als das „Leitmotiv" seines Werks (MüllerArmack 1941, III). Nachdem Otto von Zwiedineck-Südenhorst in einer kritischen Rezension davor gewarnt hatte, den „Zusammenhang zwischen Weltanschauung und Wirtschaft (...) ausschließlich in der einen Kausalität" zu sehen (Zwiedineck-Südenhorst 1942, 122), schwächte Müller-Armack die entsprechende Formulierung in den folgenden Auflagen der „Genealogie" ab und unterstrich, er wolle ,,[d]ie Wirkungsmöglichkeit anderer als der Weltanschauungskräfte" keineswegs ausschließen (Müller-Armack 1944, 6). Von allen Stiltheoretikern äußerte sich Edgar Salin am kompromißlosesten im Sinne eines Primats des Geistes: Er warf Max Weber vor, in seinen eben erwähnten Untersuchungen zur Religionssoziologie einer grundsätzlich „verfehlt(en) Fragestellung" nachgegangen zu sein (Salin 1967, 149), als er auch den Einfluß der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse auf die Religionssysteme berücksichtigen wollte. 27 Dabei muß man natürlich beachten, daß „Wirtschaft und Gesellschaft" unvollendet geblieben ist. Webers letztes Wort zu dieser Frage lautet: „Die bloße Existenz von ,Kapitalismus' irgendwelcher Art genügt offensichtlich ganz und gar nicht, um ihrerseits eine einheitliche Ethik, geschweige denn eine ethische Gemeindereligiosität aus sich zu erzeugen. Sie wirkt von sich aus offenbar nicht eindeutig. Die Art des Kausalzusammenhanges der religiösen rationalen Ethik mit der besonderen Art des kaufmännischen Rationalismus da, wo dieser Zusammenhang besteht, lassen wir vorläufig noch außer Betracht und stellen zunächst nur fest: daß eine, außerhalb der Stätte des ökonomischen Rationalismus, also außerhalb des Okzidents nur gelegentlich, innerhalb seiner aber deutlich, und zwar je mehr wir uns den klassischen Trägern des ökonomischen Rationalismus nähern, desto deutlicher zu beobachtende Wahlverwandtschaft zwischen ökonomischem Rationalismus einerseits und gewissen, später zu charakterisierenden Arten von ethisch-rigoristischer Religiosität andererseits zu beobachten ist" (Weber [1922] 1956, 292 f.). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
436 Joachim Zweynert Sicherlich kann man den älteren Stiltheoretikern kaum vorwerfen, sich nicht um eine differenzierte Betrachtungsweise der ,ewigen' sozialwissenschaftlichen Frage bemüht zu haben, ob das Denken das Sein oder aber das Sein das Denken bestimmt. Aber gerade die eben dokumentierte Unbestimmtheit, ja Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen war ein nicht unwesentlicher Grund für den Niedergang des neohistoristischen Forschungsprogrammes. Gerade deshalb vertreten wir die Ansicht, daß eine Theorie der Wirtschaftsstile mit der Annahme eines ,Primats des Geistes' steht und fällt. Aus Sicht unserer Fragestellung muß ein Kritikpunkt an Bertram Schefold lauten, daß er diesem Problem bisher aus dem Weg gegangen ist („Auf dieses Feld wage ich mich hier nicht", Schefold 1994 c, 105). Sicherlich liegt „die Brisanz des Stilbegriffs" (ebenda) in der Behauptung, die wirtschaftliche Prosperität von Ländern oder Kulturräumen werde letztlich durch die in ihnen vorherrschenden Denkformen oder Religionen bestimmt. Diese Brisanz wird aber ganz entscheidend gemildert, wenn wir das ,Primat des Geistigen' nicht als eine absolute Aussage über die Realität verstehen, sondern als eine Annahme, die wir treffen müssen, um der Komplexität der Wirklichkeit gedanklich Herr zu werden. Die Ergebnisse unserer Forschungen können uns nicht direkt Auskunft über die ,ganze' Realität geben, sondern nur über einen beschränkten Ausschnitt der Wirklichkeit, den wir durch unsere Fragestellung konstruiert haben. Der Glaube der älteren Stilforscher, „Realtypen" von Wirtschaftsstilen aus Bausteinen zusammensetzen zu können, die auf induktivem Wege der Wirklichkeit entnommen werden, war ein schwerwiegender methodologischer Irrtum, der den Fortschritt des stiltheoretischen Forschungsprogrammes entscheidend behindert hat (zu dieser Kritik vgl. Weber 1922, 181). Sinnvolle wissenschaftliche Abbildungen der Wirklichkeit können und konnten niemals anders entstehen als durch „einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von (...) Einzelerscheinungen (...) zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde" (ebenda, 191). Idealtypen sind solange ,gut' konstruiert, „als der Erfolg für sie spricht, d. h. als sie Erkenntnis von Zusammenhängen liefer(n), welche für die kausale Zurechnung konkreter historischer Vorgänge sich wertvoll erweisen" (ebenda, 170). 9. Grundriß und Anwendungsmöglichkeiten einer systemtheoretischen Theorie des Wirtschaftsstils Fügen wir unsere Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" mit der Annahme vom Primat des Geistes zusammen, so gelangen wir - in den Grenzen unseres Erklärungsanspruches (vgl. Abschnitt 5) - zu vier Hypothesen: Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
Eine Neuformulierung des Wirtschaftsstilkonzepts 437 (1) Die Art des ökonomischen Handelns an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten wird entscheidend dadurch bestimmt, in welchem Maße sich die Wirtschaft funktional aus der Gesellschaft ausdifferenziert hat. (2) Der Autonomiegrad des Wirtschaftens läßt sich allgemein mit Hilfe der Idealtypen „Geldwirtschaft" und „Machtwirtschaft" beschreiben. (3) Welchen Autonomiegrad die Wirtschaft in einer Gesellschaft erreicht, hängt davon ab, inwieweit ihre funktionale Ausdifferenzierung zugelassen wird. (4) Hierfür ist entscheidend, welche Denkmuster in der betreffenden Gesellschaft vorherrschen. Dort, wo die dominanten Denkmuster im Widerspruch zur Autonomisierung des Wirtschaftens stehen, kann es ceteris paribus keinen Kapitalismus geben, da einer beginnenden Entkoppelung der Wirtschaft ihre Re-integration in die Gesellschaft folgen wird. Diese Re-integration geschieht, indem die gesamte Gesellschaft einer Ideologie unterworfen wird, die totalitär in dem Sinne ist, daß sie Gültigkeit für jeden Akt des Handelns und der Kommunikation beansprucht. Wenn alle gesellschaftliche Kommunikation an eine übergeordnete Ideologie gebunden ist, wird die Spezialisierung der Kommunikation und damit auch die funktionale Differenzierung von Teilbereichen der Gesellschaft unterbunden. Der sowjetische Bolschewismus, der deutsche Nationalsozialismus wie auch der islamische Fundamentalismus sind Beispiele für solche Ideologien.28 Wir hatten oben festgestellt, daß die Machtwirtschaft durch die Einheit von Wirtschaft und Gesellschaft, die Geldwirtschaft hingegen durch die funktionale Ausdifferenzierung des Wirtschaftens charakterisiert ist. Ob und inwieweit die Geldwirtschaft in einer Gesellschaft zugelassen wird oder nicht, hängt dementsprechend vor allem davon ab, ob beziehungsweise inwieweit die Ganzheitlichkeit der Gesellschaft als ein Ideal empfunden wird. Die Neigung dazu wird um so ausgeprägter sein, je stärker in einer Gesellschaft Religionen, Ideologien oder - schwächer - Denkmuster holistischer Art vorherrschen. Ein guter Indikator dafür, wie eine Gesellschaft zur Autonomisierung der Wirtschaft steht, ist insbesondere die Einstellung ihrer Mitglieder zum Geld. Denn nur dort, wo die Rolle des Geldes als wirtschaftliches Kommunikationsmedium nicht behindert wird, kann sich die Wirtschaft funktional ausdifferenzieren. 28 Es spricht einiges dafür, daß man alle drei hier genannten Ideologien als „politische Religionen" interpretieren kann. Dieser Gedanke kann hier nicht weiter verfolgt werden. Vgl. zum Konzept der „politischen Religionen": Burrin 1997; Maier 1996. Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32
438 Joachim Zweynert Um zu erfahren, welche Einstellung in einer Gesellschaft gegenüber der Autonomisierung des Wirtschaftens und jenem Medium vorherrscht, das diese Autonomisierung erst ermöglicht, muß man erforschen, wie in dieser Gesellschaft über Wirtschaft kommuniziert wird. Alle Äußerungen sind dabei grundsätzlich von Interesse, ganz gleich, ob sie dem politischen, dem wissenschaftlichen oder dem künstlerischen Diskurs zuzurechnen sind. Unabhängig davon, wie breit wir unsere Untersuchungen anlegen, fragen wir in einem ersten Schritt danach, wie die Ausdifferenzierung des Wirtschaftens in einer bestimmten Gesellschaft bewertet wird. Da sich bisher nirgends eine vollständige Abkoppelung des Wirtschaftens von der Gesellschaft beobachten läßt,29 können wir in einem zweiten Schritt fragen, welches die spezifischen ,Fesseln' sind, die der Wirtschaft in einer bestimmten Gesellschaft angelegt werden. Die erste hier genannte Frage bietet einen Ansatzpunkt für quantitative empirische Analysen. In Zusammenarbeit mit Linguisten kann die Kommunikation über Wirtschaft in bestimmten Ländern oder Kulturräumen auf bestimmte Schlüsselwörter hin untersucht werden, die uns Auskunft über die hier vorherrschende Einstellung gegenüber dem Wirtschaften geben können.30 Eine solche empirische Unterfütterung der Stilforschung halten wir insbesondere im Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Wirtschaftsstile unterschiedlicher Länder oder Kulturräume für einen zentralen Bestandteil eines künftigen Forschungsprogrammes. Gleichwohl kann die zweite hier aufgeworfene Frage nach der kulturspezifischen Einbettung des Wirtschaftens nur qualitativ beantwortet werden.31 Wie eine Anwendung des hier umrissenen Forschungsprogrammes aussehen könnte, soll nun anhand dreier Beispiele zumindest angedeutet werden: (1) Für die antiken griechischen Denker war charakteristisch, daß sie „die Selbständigkeit der ökonomischen Sphäre ablehnte(n)" (Schefold 1994 d, 117). Wenn sie eine wirtschaftliche Eigengesetzlichkeit entdeckt zu haben glaubten, dann sahen sie ihre vorrangige Aufgabe darin, der Frage nachzugehen, „wie solche Eigengesetzlichkeit sittlichen und politischen Zielsetzungen unterworfen werden könnte" (ebenda, 111). Ob es einen ,antiken Kapitalismus' gegeben hat, ist und bleibt umstritten.32 Bertram Schefold, der ja die grundsätzliche Frage nach dem ,Primat des 29 Es stellt sich die Frage, ob dies überhaupt möglich ist. so Auch Günther Ammon hält die Suche nach kulturspezifischen Schlüsselwörtern für einen Kernbestandteil der Wirtschaftsstilforschung (vgl. Ammon 1989, 25), ohne dies jedoch mit einem empirischen Ansatz zu verbinden. 31 Indem wir auf diese Weise sowohl nach allgemeinen als auch nach spezifischen Mustern und Traditionen fragen, welche für das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft bedeutsam sind, hoffen wir Hodgsons Forderung gerecht zu werden, „to focus both on the particular and the general" (Hodgson 2001, 29). 32 Vgl. zusammenfassend Schefold (1994 d, 115). Schmollers Jahrbuch 122 (2002) 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.122.3.415 | Generated on 2023-04-04 12:30:32