Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt seit der Covid-19-Pandemie: Mehr Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Kovalenko, Tim Research Report Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt seit der Covid-19-Pandemie: Mehr Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen IAB-Kurzbericht, No. 16/2025 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Kovalenko, Tim (2025) : Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt seit der Covid-19-Pandemie: Mehr Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen, IABKurzbericht, No. 16/2025, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2516 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/324917 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
IAB-KURZBERICHT Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung In aller Kürze ●Seit dem Ausbruch der Covid-19Pandemie hat die deutsche Wirtschaft vielfältige Schocks erlitten. Diese gingen mit einem niedrigeren Beschäftigungswachstum, einer niedrigeren Arbeitsplatzaufbaurate und einer höheren Arbeitsplatzabbaurate einher. ●Allerdings haben nicht alle Branchen gleichermaßen auf diese Schocks reagiert. Wurde beispielsweise in den Jahren 2020 bis 2023 im verarbeitenden Gewerbe Beschäftigung tendenziell abgebaut, haben die Branchen „Information und Kommunikation“, „Öffentliche Verwaltung“, „Erziehung und Unterricht“ sowie „Gesundheitsund Sozialwesen“ Beschäftigung aufgebaut. ●Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrzehnt haben diese Entwicklungen zu einer anteilsmäßig höheren Verschiebung von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen geführt. Dennoch waren solche Verschiebungen innerhalb einer Branche deutlich häufiger als zwischen den Branchen. ●Arbeitsplatzverschiebungen sowohl innerhalb von Branchen als auch über Branchen hinweg bergen potenziell negative Folgen für den Erwerbsverlauf der betroffenen Personen. Denn die neu geschaffenen Arbeitsplätze sind nicht zwingend für diejenigen Personen geeignet, die von dem Abbau von Arbeitsplätzen betroffen sind. Andererseits würde ohne solche Verschiebungen wirtschaftliche Stagnation drohen. 16 | 2025 In den Jahren 2020 bis 2023 gab es vergleichsweise große Schwankungen im Aufbau und Abbau von Arbeitsplätzen. Dieses Phänomen wird hier auf gesamtwirtschaftlicher und branchenspezifischer Ebene untersucht, um aufzuzeigen, wie sich die Dynamik am Arbeitsmarkt im Lichte der jüngsten Schocks entwickelt hat. Aus dieser Analyse wird abgeleitet, wie sich der Anteil der Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen an allen Arbeitsplatzverschiebungen entwickelt hat. Angefangen mit der Covid-19-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren eine Reihe einschneidender Schocks erlitten (vgl. Abbildung A1). Unmittelbar nach Beginn der Pandemie brach die Beschäftigung ein. Dennoch folgte ab 2021 eine Phase des Beschäftigungswachstums, die bis einschließlich 2023 anhielt. Die Wachstumsrate war zwar niedriger als im vorangegangenen Jahrzehnt, trotzdem war die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen 2023 höher als vor der Pandemie – allerdings auch die Arbeitslosigkeit (Bauer et al. 2024). Hinter einem gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungswachstum können sich Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt seit der Covid-19-Pandemie Mehr Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen von Tim Kovalenko Quelle: Eigene Darstellung. © IAB Die jüngsten Schocks und Veränderungen am deutschen Arbeitsmarkt A1 Beschäftigungswachstum Arbeitsplatzaufbau und -abbau Arbeitsplatzverschiebungen Pandemie Zinsen Lieferengpässe Inflation Energiepreisschock
größere Schwankungen im Aufbau und Abbau betrieblicher Arbeitsplätze verbergen. Denn das Beschäftigungswachstum ergibt sich als Differenz zwischen den aufund abgebauten Arbeitsplätzen der Betriebe, wobei stets gleichzeitig Arbeitsplätze aufgebaut und woanders abgebaut werden. Gerade wenn abgebaute Arbeitsplätze durch neu geschaffene ersetzt werden, ist eine genaue Betrachtung des Arbeitsplatzaufbaus und -abbaus notwendig, um die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt zu erfassen. So können der Aufbau und der Abbau von Arbeitsplätzen gleichzeitig auf einem erhöhten Niveau stattfinden, ohne dass die Beschäftigung gesamtwirtschaftlich wächst. Es findet dann eine größere Verschiebung von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben statt. Den Umfang dieser Verschiebung misst der sogenannte Überschuss-Turnover. Die neu aufgebauten Arbeitsplätze werden allerdings nicht zwingend mit denjenigen Personen besetzt, deren Arbeitsplätze abgebaut wurden. Die dadurch bedingten Arbeitsplatzverluste können für die Betroffenen mit Episoden der Arbeitslosigkeit und längerfristigen Einkommensverlusten einhergehen (Schmieder et al. 2023). Arbeitsplatzverschiebungen können dabei innerhalb derselben Branche oder zwischen verschiedenen Branchen stattfinden. Letztere bergen zusätzlich die Gefahr, dass zum einen das branchenspezifische Humankapital der Betroffenen abgewertet wird und ihnen zum anderen Wissen und Fähigkeiten fehlen, um in expandierenden Branchen Fuß zu fassen. Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen können daher zu noch ausgeprägteren Einschnitten bei den Beschäftigungsmöglichkeiten und womöglich auch beim Einkommen führen (Weber et al. 2022). Andererseits sind Arbeitsplatzverschiebungen gesamtwirtschaftlich unumgänglich, um begrenzte Ressourcen von weniger produktiven zu produktiveren Betrieben und Branchen umzuschichten. Ansonsten könnten zukunftsfähige Betriebe und Branchen ihr Potenzial nicht ausschöpfen, während technologisch überholte Betriebe sowie stagnierende Branchen wertvolle Ressourcen binden würden (Fratzscher 2024; Garnadt et al. 2021). Eine Folge könnte wirtschaftliche Stagnation sein. Arbeitsplatzaufbau und -abbau im Lichte der jüngsten Schocks Abbildung A2 zeigt die Beschäftigungswachstumsrate, die Arbeitsplatzaufbauund -abbaurate sowie die Überschuss-Turnover-Rate von 2011 bis 2023, basierend auf dem Betriebs-Historik-Panel (vgl. Infobox 1 auf Seite 3). Die Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten geben die Anteile der Arbeitsplätze, welche die Betriebe im jeweiligen Jahr aufund abgebaut haben, an den bestehenden Arbeitsplätzen an. Die Überschuss-Turnover-Rate ist der Anteil der aufund abgebauten Arbeitsplätze, der über das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung hinausgeht. Diese Kennzahl deutet auf das Ausmaß an Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen Betrieben hin. Wenn beispielsweise die Arbeitsplatzaufbaurate in einem Jahr bei 10 Prozent liegt, es jedoch keinen Arbeitsplatzabbau gibt, entspricht die Beschäftigungswachstumsrate der Arbeitsplatzaufbaurate von 10 Prozent. Die Überschuss-TurnoverRate läge in diesem Fall bei 0 Prozent. Dies würde bedeuten, dass es keine Verschiebungen von Arbeitsplätzen gibt, da die aufgebauten Arbeitsplätze nicht zulasten von abgebauten Arbeitsplätzen in anderen Betrieben gehen. Anmerkungen: Datenbasis ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Arbeitsplatzaufund abbauraten geben – als Anteil der bestehenden Arbeitsplätze – an, wie viele Arbeitsplätze die Betriebe im jeweiligen Jahr aufund abgebaut haben. Die Überschuss-Turnover-Rate ist der Anteil der aufund abgebauten Arbeitsplätze, der über das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung hinausgeht. Die Beschäftigungswachstumsrate ergibt sich aus der Differenz von Arbeitsplatzaufbauund abbaurate. Genaue Definitionen siehe auch Davis/ Haltiwanger (1992), Garnadt et al. (2021) und Gartner/Stüber (2019) sowie Infobox 1. Lesebeispiel: Im Jahr 2020 ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um –0,6 % zum Vorjahr geschrumpft, wobei 7,9 % der Arbeitsplätze neu geschaffen und 8,5 % der Arbeitsplätze im Vergleich zum Vorjahr abgebaut wurden. Laut Überschuss-Turnover-Rate sind 15,8 % der Arbeitsplätze entweder aufoder abgebaut worden, ohne dass die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung gewachsen ist. Quelle: Betriebs-Historik-Panel (BHP), eigene Berechnungen. © IAB Beschäftigungswachstumsrate, Arbeitsplatzaufbauund abbaurate sowie Überschuss-Turnover-Rate 2011 bis 2023 in Prozent A2 –2 12 0 2 4 6 8 10 14 18 16 2011 2013 2015 2017 2019 2021 2023 Überschuss-Turnover-Rate Beschäftigungswachstumsrate Arbeitsplatzaufbaurate Arbeitsplatzabbaurate 2IAB-Kurzbericht 16|2025
1 Zum verarbeitenden Gewerbe gehören die Branchen „Ernährung, Textil, Bekleidung, Möbel u.a.“, „Holz, Papier, Druck“, „Chemie, Kunststoff, Glas, Baustoffe“, „Metalle, Metallerzeugung“ und „Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge“. Wenn die Arbeitsplatzaufbaurate hingegen bei 10 Prozent und die Arbeitsplatzabbaurate bei 8 Prozent liegen, ergeben sich eine Beschäftigungswachstumsrate von 2 Prozent und eine Überschuss-Turnover-Rate von 16 Prozent (18 % minus 2 %). Somit wären 16 Prozent der Arbeitsplätze entweder aufoder abgebaut worden, ohne dass die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung entsprechend gewachsen wäre. Dies impliziert also eine größere Verschiebung von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben Das Jahr 2020 war durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie geprägt: Die Betriebe mussten infolge der Einschränkungen der Konsummöglichkeiten (z. B. in der Gastronomie und im Tourismus), des Rückgangs der Nachfrage nach deutschen Investitionsund Konsumgütern und des Zusammenbruchs von Lieferketten nachfrageund angebotsseitige Einschnitte bewältigen (Bofinger et al. 2020). Wie in Abbildung A2 zu sehen ist, ging das Wachstum der Beschäftigung von 1,5 Prozent im Jahr 2019 auf –0,6 Prozent im Jahr 2020 zurück. Als diese Einschränkungen eingeführt wurden, reduzierten die Betriebe zunächst die Zahl der offenen Stellen (Bossler et al. 2020). Dies resultierte in einer niedrigeren Arbeitsplatzaufbaurate, da weniger neue Stellen entstanden. Als Folge des wirtschaftlichen Einbruchs bauten die Betriebe aber – anteilig an der Zahl der Beschäftigten – auch deutlich mehr Arbeitsplätze ab. Die ÜberschussTurnover-Rate stieg ebenfalls deutlich an, was für eine stärkere Verschiebung von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben spricht. Im zweiten Jahr der Pandemie erholte sich die Güternachfrage, wodurch der Auftragsbestand insbesondere im verarbeitenden Gewerbe1 zunahm. Allerdings hatten vor allem diese Betriebe mit Lieferengpässen und Materialknappheiten zu kämpfen, sodass die Produktion weniger stark anstieg als das Auftragsvolumen (Linz et al. 2022). Die wirtschaftliche Erholung ging zwar mit einer positiven Beschäftigungswachstumsrate einher, erreichte jedoch nicht das Niveau vor der Pandemie. Daten Der vorliegende Kurzbericht basiert auf den Daten des Betriebs-Historik-Panels (BHP) (Ganzer et al. 2024). Das BHP beinhaltet für den Zeitraum 1975 bis 2024 alle Betriebe, die am 30. Juni des jeweiligen Jahres mindestens eine sozialversicherungspflichtige Person beschäftigt hatten. Ab 1999 beinhaltet das BHP außerdem auch Betriebe, die mindestens eine geringfügig beschäftigte Person am Stichtag 30. Juni beschäftigt hatten. Dieser Kurzbericht beschränkt sich jedoch ausschließlich auf sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Neben der Zahl der Beschäftigten im jeweiligen Betrieb am 30. Juni enthält das BHP weitere betriebliche Informationen wie Branche, Region, Durchschnittsund Medianlohn usw. Die Basis für das BHP ist die Beschäftigten-Historik (BeH). Jeder Arbeitgeber ist verpflichtet alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (seit 1999 auch geringfügig Beschäftigte) zu melden. Diese Meldungen münden in die BeH. Für das BHP werden die BeH-Einträge auf betrieblicher Ebene zum Stichtag 30. Juni aggregiert. Arbeitsplatzaufbau, und -abbau sowie Überschuss-Turnover Die folgenden Definitionen basieren auf Davis und Haltiwanger (1992), Garnadt et al. (2021) sowie Gartner und Stüber (2019). Arbeitsplatzaufbau in einem Betrieb bezeichnet den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zum 30. Juni eines Jahres gegenüber dem 30. Juni des Vorjahres. Dementsprechend bezeichnet Arbeitsplatzabbau das Sinken der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zum 30. Juni eines Jahres gegenüber dem 30. Juni eines Vorjahres in einem Betrieb. Ein Betrieb kann in einem Jahr entsprechend entweder Arbeitsplatzaufbau, -abbau oder keine Beschäftigungsänderung aufweisen. Die Aggregation der Beschäftigungsänderungen aller Betriebe mit Arbeitsplatzaufbau in einem Jahr ergibt den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsplatzaufbau und die Aggregation der Beschäftigungsänderungen aller Betriebe mit Arbeitsplatzabbau ergibt den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsplatzabbau. Daraus lassen sich die folgenden Kennzahlen herleiten: Arbeitsplatzaufbaurate = Arbeitsplatzabbaurate = Beschäftigungswachstumsrate = Turnover-Rate = Überschuss-Turnover-Rate = Zerlegung Die obenstehenden Kennzahlen können auch auf Branchenebene berechnet werden, wenn Branchen statt der Gesamtwirtschaft als Aggregationsebene gewählt werden. Anhand der branchenspezifischen Kennzahlen (nachfolgend werden Branchen mit s indexiert) kann der Überschuss-Turnover nach Davis und Haltiwanger (1992) wie folgt zerlegt werden: Überschuss-Turnover aufgrund von Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen = (∑ˢ (s=1)|Beschäftigungsänderung in Branche s|) –|gesamte Beschäftigungsänderung| Überschuss-Turnover aufgrund von Arbeitsplatzverschiebungen innerhalb der Branchen = (∑ˢ (s=1)|Turnover in Branche s|–|Beschäftigungsänderung in Branche s|) Anteil der Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen an allen Arbeitsplatzverschiebungen = mit Überschuss-Turnover = (∑ˢ (s=1)|Beschäftigungsänderung in Branche s|)–|gesamte Beschäftigungsänderung| + (∑ˢ (s=1)|Turnover in Branche s|–|Beschäftigungsänderung in Branche s|) Anteil der Veränderung des Überschuss-Turnovers aufgrund von Arbeitsplatzverschiebungen zwischen Branchen an der gesamten Veränderung des Überschuss-Turnovers = 1 Arbeitsplatzaufbau im Jahr t (Zahl der Beschäftigten im Jahr (t–1) + Zahl der Beschäftigten im Jahr t) / 2 Arbeitsplatzabbau im Jahr t (Zahl der Beschäftigten im Jahr (t–1) + Zahl der Beschäftigten im Jahr t) / 2 Beschäftigte im Jahr t – Beschäftigte im Jahr (t–1) (Zahl der Beschäftigten im Jahr (t–1) + Zahl der Beschäftigten im Jahr t) / 2 Arbeitsplatzaufbau im Jahr t + Arbeitsplatzabbau im Jahr t (Zahl der Beschäftigten im Jahr (t–1) + Zahl der Beschäftigten im Jahr t) / 2 Arbeitsplatzaufbau im Jahr t + Arbeitsplatzabbau im Jahr t – |(Beschäftigte im Jahr (t–1)–Beschäftigte im Jahr t)| (Zahl der Beschäftigten im Jahr (t–1) + Zahl der Beschäftigten im Jahr t) / 2 (∑ˢ (s=1)|Beschäftigungsänderung in Branche s|)–|gesamte Beschäftigungsänderung| Überschuss-Turnover Veränderung Überschuss-Turnover aufgrund von Arbeitsplatzverschiebung zwischen den Branchen Veränderung des Überschuss-Turnovers 3IAB-Kurzbericht 16|2025
Ursächlich war dafür, dass die Arbeitsplatzabbaurate zwar sank, aber weiterhin über dem Niveau des vergangenen Jahrzehnts lag. Es wurden also weiterhin mehr Arbeitsplätze abgebaut (anteilig an der Zahl der Beschäftigten) als vor der Pandemie. Das Ausmaß, in dem Betriebe Arbeitsplätze schufen, erholte sich hingegen: Die Arbeitsplatzaufbaurate stieg 2021 auf das Niveau vor der Pandemie. Auch die Überschuss-Turnover-Rate sank im Vergleich zum Vorjahr, lag aber ebenfalls noch über dem Niveau vor der Pandemie. Somit kam es auch im Jahr 2021 zu vermehrten Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben. Im Frühjahr 2022 erlitt die deutsche Wirtschaft zusätzlich einen Energiepreisschock als Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der darauffolgenden Sanktionen gegen Russland (Hutter/Weber 2023). Dennoch fiel das Beschäftigungswachstum positiv aus und war sogar etwas höher als im Vorjahr. Dies lag an der weiterhin sinkenden Arbeitsplatzabbaurate. Laut Gürtzgen et al. (2023) fiel der Zuwachs an offenen Stellen sowie das Beschäftigungswachstum in Betrieben, die negativ vom Krieg betroffen waren, geringer aus als in nicht negativ betroffenen Betrieben. Dementsprechend ging die Arbeitsplatzaufbaurate 2023 leicht zurück. Gleichzeitig sank die Überschuss-Turnover-Rate, sodass die Arbeitsplatzverschiebungen wieder das Niveau vor der Pandemie erreichten. Obwohl die Energiepreise im Jahr 2023 sanken, waren die Folgen des Energiepreisschocks weiterhin spürbar. So erhöhte die Europäische Zentralbank stetig die Leitzinsen, um die entstandene Inflation einzudämmen. Die Inflation und die gestiegenen Zinsen führten zu einer sinkenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Zugleich sank die Exportnachfrage, da auch ausländische Zen tral banken die Leitzinsen erhöhten (Wollmershäuser et al. 2023). Die volle Tragweite der Energiepreiskrise auf dem Arbeitsmarkt zeigte sich somit erst im Jahr 2023 mit einer deutlich rückläufigen Beschäftigungswachstumsrate. Auch die Arbeitsplatzaufbaurate sank merklich und die Arbeitsplatzabbaurate stieg wieder etwas: Die Betriebe bauten 2023 anteilig wieder weniger Arbeitsplätze auf und mehr ab als vor der Pandemie. Im Zuge dessen wurden wieder mehr Arbeitsplätze zwischen den Betrieben verschoben, wie der Anstieg der Überschuss-Turnover-Rate zeigt. Branchenspezifische Entwicklungen Wie dargestellt, waren die Jahre seit der Pandemie von Veränderungen im Aufund Abbau von Arbeitsplätzen sowie vermehrten Arbeitsplatzverschiebungen zwischen Betrieben geprägt. Nicht alle Branchen waren jedoch gleichermaßen von den Schocks betroffen. Um einen Eindruck davon zu gewinnen, in welchen Branchen die jüngsten Schocks mit vergleichsweise starken Veränderungen in der Arbeitsplatzdynamik einhergingen, werden im Folgenden die Beschäftigungswachstumsraten sowie die Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten auf Branchenebene betrachtet. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass manche Branchen stets vergleichsweise hohe oder niedrige Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten aufweisen. Dadurch ist die branchenspezifische Reaktion auf Schocks nur schwer erkennbar. Um ein aussagekräftiges Bild zu erhalten, werden die branchenspezifischen Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten standardisiert: Für jede Branche wird der branchenspezifische Mittelwert von der jeweiligen Kennzahl abgezogen und anschließend durch die branchenspezifische Standardabweichung geteilt. Eine standardisierte Rate von null bedeutet, dass die Branche ihrem branchenüblichen Durchschnitt entspricht, eine standardisierte Rate von eins drückt aus, dass sie um eine Standardabweichung über dem branchenüblichen Durchschnitt liegt. Abbildung A3 (Seite 5) zeigt die branchenspezifischen Wachstumsraten sowie die standardisierten Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten seit 2020. Im Pandemiejahr 2020 war die Beschäftigungsentwicklung größtenteils negativ. Entsprechend lag die Arbeitsplatzaufbaurate in den meisten Branchen unter dem Durchschnitt, während die Arbeitsplatzabbaurate in den meisten Fällen überdurchschnittlich hoch war. Besonders stark waren diese Entwicklungen in den Branchen „Gastgewerbe“, „Freiberufliche Dienste“, „Sonstige Dienstleistungen“ und „Kunst, Unterhaltung, Erholung“. Dies hängt sicherlich mit den umfangreichen Beschränkungen des sozialen Lebens in jenem Jahr zusammen. Aber auch die Branche „Metalle, 4IAB-Kurzbericht 16|2025
Metallerzeugung“ weist eine deutlich unterdurchschnittliche Arbeitsplatzaufbaurate und eine überdurchschnittliche Arbeitsplatzabbaurate auf. Die Lieferengpässe und Materialknappheiten im Jahr 2021 gingen mit überdurchschnittlich hohen Arbeitsplatzabbauraten im verarbeitenden Gewerbe einher. Die Arbeitsplatzaufbauraten in den Branchen „Metalle, Metallerzeugung“ und „Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge“ waren zudem unterdurchschnittlich. Im Ergebnis schrumpften im Jahr 2021 alle Branchen des verarbeitenden Gewerbes bis auf die Branche „Ernährung, Textil, Bekleidung, Möbel u. a.“, während die meisten anderen Branchen wuchsen. Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und dem Energiepreisschock blieben die Beschäftigungswachstumsraten 2022 in den Branchen des verarbeitenden Gewerbes niedrig oder sogar negativ. Dabei waren vor allem die Arbeitsplatzaufbauraten unterdurchschnittLandund Forstwirtschaft Bergbau, Steine und Erden Ernährung, Textil, Bekleidung, Möbel u. a. Holz, Papier, Druck Chemie, Kunststoff, Glas, Baustoffe Metalle, Metallerzeugung Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge Energieversorgung Wasserversorgung, Abfallentsorgung Baugewerbe Handel, Reparatur Verkehr, Lagerei Gastgewerbe Information und Kommunikation Finanzdienste, Versicherungen Grundstücksund Wohnungswesen Freiberufliche Dienste Sonstige wirtschaftliche Dienste Öffentliche Verwaltung Erziehung und Unterricht Gesundheitsund Sozialwesen Kunst, Unterhaltung, Erholung Sonstige Dienstleistungen Anmerkungen: Datenbasis ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Beschäftigungswachstumsrate ergibt sich aus der Differenz von Arbeitsplatzaufbauund abbaurate. Die Arbeitsplatzaufbauund -abbaurate sind als standardisierte Größen (d. h. der branchenspezifische Mittelwert wird von der jeweiligen Kennzahl abgezogen und anschließend durch die branchenspezifische Standardabweichung geteilt) mit einem Durchschnitt von null und einer Standardabweichung von eins dargestellt. Genaue Definitionen siehe auch Infobox 1. Lesebeispiel: Die Beschäftigung in der Landund Forstwirtschaft ist im Jahr 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 % gesunken. Dabei lag die standardisierte Arbeitsplatzaufbaurate 1,55 Standardabweichungen unter dem branchenspezifischen Durchschnittswert und die standardisierte Arbeitsplatzabbaurate 1,92 Standardabweichungen über dem branchenspezifischen Durchschnittswert. Quelle: Betriebs-Historik-Panel (BHP), eigene Berechnungen. © IAB Beschäftigungswachstumsrate sowie standardisierte Arbeitsplatzaufbauund -abbaurate nach Branchen, 2020 bis 2023 in Prozent sowie standardisierte Werte über den Zeitraum 2011 bis 2023 A3 Beschäftigungswachstumsrate (in Prozent) Arbeitsplatzaufbaurate (Standardabweichung) Arbeitsplatzabbaurate (Standardabweichung) 2020 2021 2022 2023 2–8 –6 –4 –2 0 4 86 2–2 0 2–2 0 4 5IAB-Kurzbericht 16|2025
Anmerkung: Datenbasis ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Überschuss-Turnover-Rate ist der Anteil der aufund abgebauten Arbeitsplätze, der über das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung hinausgeht. Genaue Definitionen siehe auch Infobox 1. Lesebeispiel: In der Periode 2020–2023 lag die Überschuss-Turnover-Rate in der Landund Forstwirtschaft durchschnittlich bei 23 %. Das bedeutet, dass im Durchschnitt jährlich 23 % der Arbeitsplätze aufoder abgebaut wurden, ohne dass diese Veränderungen in Beschäftigungswachstum gemündet sind. Es gab daher größere Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben in dieser Branche als im Zeitraum 2011–2019. Quelle: Betriebs-Historik-Panel (BHP), eigene Berechnungen. © IAB lich. Lediglich die Branche „Chemie, Kunststoff, Glas, Baustoffe“ erzielte in diesem Jahr ein nennenswert positives Beschäftigungswachstum von knapp 1 Prozent. Im Jahr 2023, das von hoher Inflation, steigenden Zinsen und einer schwachen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage geprägt war, verschlechterte sich die Lage im verarbeitenden Gewerbe weiter (Wollmershäuser et al. 2023). Wiederum nahm in den meisten Branchen des verarbeitenden Gewerbes die Beschäftigung ab. Eine Ausnahme bildete die Branche „Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge“. Viele andere Branchen wiesen zwar ein positives Beschäftigungswachstum auf, dennoch waren die Arbeitsplatzaufbauund -abbauraten ebenfalls meist unterbeziehungsweise überdurchschnittlich. Die Branchenanalyse zeigt, dass die erlittenen Schocks in den 2020er Jahren mit einer negativen Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe einhergingen. Die Beschäftigung in anderen Branchen wie „Handel, Reparatur“ und „Verkehr, Lagerei“ scheint robuster reagiert zu haben. Wieder andere Branchen wie „Energieversorgung“, „Wasserversorgung, Abfallentsorgung“, „Information und Kommunikation“, „Öffentliche Verwaltung“, „Erziehung und Unterricht“ sowie „Gesundheitsund Sozialwesen“ konnten durchweg deutlich Beschäftigung aufbauen. Arbeitsplatzverschiebungen innerhalb und zwischen Branchen Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene haben Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Betrieben seit 2020 zugenommen. Die Arbeitsplatzdynamik in den verschiedenen Branchen hat sich jedoch nicht gleichermaßen verändert. Deshalb werden nun zunächst die Arbeitsplatzverschiebungen innerhalb der Branchen mithilfe der branchenspezifischen Überschuss-Turnover-Raten betrachtet. Anschließend wird der gesamtwirtschaftliche ÜberschussTurnover in die Anteile zerlegt, die jeweils auf Arbeitsplatzverschiebungen zwischen oder innerhalb der Branchen zurückzuführen ist. Abbildung A4 zeigt die durchschnittlichen Überschuss-Turnover-Raten in den Zeiträumen 2011 bis 2019 und 2020 bis 2023 auf Branchenebene. In einigen Branchen wie „Ernährung, Textil, Bekleidung, Möbel u. a.“, „Chemie, Kunststoff, Glas, Baustoffe“, „Baugewerbe“ sowie „Kunst, Unterhaltung, Erholung“ lag die Rate in beiden Zeiträumen auf einem ähnlichen Niveau. Dies ist überraschend, da diese Branchen vergleichsweise stark von den Einschränkungen des sozialen Lebens, von Lieferengpässen und/oder von den hohen Energiepreisen betroffen waren. In diesen Branchen scheinen sich die jüngsten Schocks dennoch nicht in vermehrten Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Betrieben innerhalb der Branchen niedergeschlagen zu haben. Zu beachten ist, dass hier nur Veränderungen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung betrachtet werden und die Ergebnisse damit keinen Rückschluss auf die Dynamik bei Minijobs zulassen. Durchschnittliche Überschuss-Turnover-Raten nach Branchen für die Zeiträume 2011 bis 2019 und 2020 bis 2023 A4 2011–2019 2020–2023 Landund Forstwirtschaft Bergbau, Steine und Erden Ernährung, Textil, Bekleidung, Möbel u. a. Holz, Papier, Druck Chemie, Kunststoff, Glas, Baustoffe Metalle, Metallerzeugung Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge Energieversorgung Wasserversorgung, Abfallentsorgung Baugewerbe Handel, Reparatur Verkehr, Lagerei Gastgewerbe Information und Kommunikation Finanzdienste, Versicherungen Grundstücksund Wohnungswesen Freiberufliche Dienste Sonstige wirtschaftliche Dienste Öffentliche Verwaltung Erziehung und Unterricht Gesundheitsund Sozialwesen Kunst, Unterhaltung, Erholung Sonstige Dienstleistungen 0 5 10 15 20 25 6IAB-Kurzbericht 16|2025
re Umwälzungen im verarbeitenden Gewerbe sowie in den Branchen „Energieversorgung“, „Baugewerbe“, „Gastgewerbe“, „Handel, Reparatur“, „Information und Kommunikation“ sowie in den Bereichen „Freiberufliche Dienste“ und „Sonstige Dienstleistungen“, die diesen Anstieg herbeiführten. Die Zerlegung des Überschuss-Turnovers zeigt, dass die jüngsten Schocks mit deutlich mehr Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen als im vergangenen Jahrzehnt einhergingen. Der Anstieg aller Arbeitsplatzverschiebungen seit der Pandemie lässt sich zudem größtenteils auf den Anstieg dieser Verschiebungen zwischen den Branchen zurückführen: Der Anteil der Veränderung des Überschuss-Turnovers aufgrund von Arbeitsplatzverschiebungen zwischen Branchen an der gesamten Veränderung des ÜberschussTurnovers (vgl. Infobox 1) betrug im Jahr 2020 65,9 Prozent, im Jahr 2021 67,7 Prozent, im Jahr 2022 155,6 Prozent2 und im Jahr 2023 63,5 Prozent. Fazit Die vielfältigen Schocks seit 2020 gingen mit größeren Umwälzungen am Arbeitsmarkt einher. So sank die Beschäftigungswachstumsrate mit Ausbruch der Pandemie und blieb auch in den Jahren danach unter dem Niveau vor der Pandemie, wenngleich sie sich erholte. Diese Entwicklung ging mit niedrigeren Arbeitsplatzaufbauraten und In anderen Branchen gingen die Schocks mit höheren Überschuss-Turnover-Raten einher. Zu nennen sind hier vor allem die Branchen „Landund Forstwirtschaft“, „Maschinen, Elektrotechnik, Fahrzeuge“, „Verkehr, Lagerei“, „Finanzdienste, Versicherungen“ und „Gesundheitsund Sozialwesen“. Die Betriebe dieser Branchen haben somit in den vergangenen Jahren im Vergleich zum letzten Jahrzehnt mehr Arbeitsplätze innerhalb ihrer Branche verschoben. Wie einleitend erläutert, bergen Arbeitsplatzverschiebungen innerhalb von Branchen potenziell negative Folgen für die Betroffenen. Diese sind tendenziell noch gravierender, wenn sich Arbeitsplätze zwischen Branchen verschieben (Weber et al. 2022). Um den Anteil der Arbeitsplatzverschiebungen zwischen Branchen an allen Verschiebungen zu quantifizieren, wird der Überschuss-Turnover entsprechend zerlegt (vgl. Infobox 1 sowie Davis/ Haltiwanger 1992). Abbildung A5 zeigt den Anteil des ÜberschussTurnovers, der auf Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen Branchen zurückzuführen ist. Auffallend ist, dass dieser Anteil stets eher niedrig ist. Das bedeutet, dass der überwiegende Teil der Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen Betrieben innerhalb einer Branche stattfindet. Im Jahr 2019 nahm der Anteil der Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen moderat zu. Der Grund dafür dürfte in der sich bereits vor der Pandemie abkühlenden konjunkturellen Lage liegen, die vor allem das verarbeitende Gewerbe belastete (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2019). Mit dem Ausbruch der Pandemie stieg der Anteil der Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen deutlich stärker. Auch 2021 blieb der Anteil auf einem höheren Niveau, wenngleich er sank. Wie bereits beschrieben, gab es in diesen Jahren größere Umwälzungen in den Branchen des verarbeitenden Gewerbes sowie in den Bereichen „Gastgewerbe“, „Freiberufliche Dienste“, „Sonstige Dienstleistungen“ und „Kunst, Unterhaltung, Erholung“. Im Jahr 2022 sank der Anteil des Überschuss-Turnovers, der auf Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen zurückzuführen ist, auf das Vor-Pandemie-Niveau. Er stieg jedoch 2023 wieder deutlich an. Diesmal waren es vor allem größeAnmerkung: Datenbasis ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Der abgebildete Anteil des Überschuss-Turnovers, der auf Arbeitsplatzverschiebungen zwischen den Branchen zurückgeht, basiert auf einer Zerlegung nach Davis/Haltiwanger (1992). Genaue Definitionen siehe auch Infobox 1. Lesebeispiel: Im Jahr 2011 lag der Anteil des Überschuss-Turnovers, der auf Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen den Branchen zurückzuführen ist, bei 1,24 %. Quelle: Betriebs-Historik-Panel (BHP), eigene Berechnungen. © IAB Anteil des Überschuss-Turnovers zwischen den Branchen 2011 bis 2023 in Prozent A5 0 2 4 6 8 10 12 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2 Der Wert liegt über 100 %, da der Überschuss-Turnover gestiegen wäre, wenn die Verschiebungen zwischen den Branchen in diesem Jahr nicht gesunken wären. 7IAB-Kurzbericht 16|2025
Impressum | IAB-Kurzbericht Nr. 16, 19.8.2025 | Herausgeber: Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, 90327 Nürn berg | Redaktion: Martina Dorsch | Grafik & Gestaltung: Nicola Brendel | Foto: Wolfram Murr, Fotofabrik Nürnberg und privat | Druck: MKL Druck GmbH & Co. KG, Ostbevern | Rechte: Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) https://creativecommons.org/ licenses/by-sa/4.0/deed.de | IAB im Internet: www.iab.de. Dort finden Sie unter anderem diesen Kurzbericht zum kostenlosen Download | Kontakt: [email protected] | ISSN 0942-167X | DOI 10.48720/IAB.KB.2516 höheren Arbeitsplatzabbauraten im Vergleich zum vorangegangenen Jahrzehnt einher. Dennoch war die Beschäftigungswachstumsrate bis auf das erste Pandemiejahr positiv. Nicht alle Branchen haben gleichermaßen auf die jüngsten Schocks reagiert. In den ersten zwei Jahren der Pandemie kam es zu größeren Beschäftigungsverlusten in den Branchen „Metalle, Metallerzeugung“, „Gastgewerbe“, „Freiberufliche Dienste“, „Sonstige Dienstleistungen“ sowie „Kunst, Unterhaltung, Erholung“. Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der darauffolgenden Energiekrise samt entfachter Inflationsdynamik sowie steigenden Zinsen hat vor allem das verarbeitende Gewerbe Beschäftigung verloren. Auf der anderen Seite haben die Branchen „Energieversorgung“, „Wasserversorgung, Abfallentsorgung“, „Information und Kommunikation“, „Öffentliche Verwaltung“, „Erziehung und Unterricht“ sowie „Gesundheitsund Sozialwesen“ in den vier betrachteten Jahren seit Ausbruch der Pandemie durchweg Beschäftigung aufgebaut. Dementsprechend war der Anteil der Verschiebungen von Beschäftigung zwischen Branchen an allen Verschiebungen von Arbeitsplätzen in den Jahren 2020 bis 2023 deutlich höher als zuvor. Dennoch war der Anteil der Verschiebungen von Beschäftigung zwischen Betrieben derselben Branche weitaus größer. Es ist außerdem wichtig zu betonen, dass zu dieser Entwicklung nicht nur die jüngsten Schocks beigetragen haben, sondern sicherlich auch der strukturelle und der demografische Wandel. Literatur Bauer, Anja; Gartner, Hermann; Hellwagner, Timon; Hummel, Markus; Hutter, Christian; Wanger, Susanne; Weber, Enzo; Zika, Gerd (2024): IAB-Prognose 2024/2025: Zähe Wirtschaftsschwäche beeinträchtigt den Arbeitsmarkt. IAB-Kurzbericht Nr. 19. Bofinger, Peter; Dullien, Sebastian; Felbermayr, Gabriel; Fuest, Clemens; Hüther, Michael; Südekum, Jens; Weder di Mauro, Beatrice (2020): Wirtschaftliche Implikationen der Corona-Krise und wirtschaftspolitische Maßnahmen. Wirtschaftsdienst, 100 (4), 259. Bossler, Mario; Gürtzgen, Nicole; Kubis, Alexander; Küfner, Benjamin (2020): IAB-Stellenerhebung im ersten Quartal 2020: Mit dem Corona-Shutdown ging zuerst die Zahl der offenen Stellen zurück. IAB-Kurzbericht Nr. 12. Davis, Steven J.; Haltiwanger, John (1992): Gross job creation, gross job destruction, and employment reallocation. The Quarterly Journal of Economics, 107 (3), S. 819–863. Fratzscher, Marcel (2024): Nicht nur bei VW: Wieso Arbeitsplatzabbau manchmal nötig ist. DIW Wochenbericht, 91 (45), S. 704–704. Ganzer, Andreas; Schmucker, Alexandra; Wolter, Stefanie (2024): Establishment History Panel 1975–2023 (BHP 7523 v1). Research Data Centre of the Federal Employment Agency (BA) at the Institute for Employment Research (IAB). DOI: 10.5164/IAB.BHP7523.de.en.v1. Garnadt, Niklas; von Rueden, Christina; Thiel, Esther (2021): Labour reallocation dynamics in Germany during the COVID-19 pandemic and past recessions. German Council of Economic Experts Working Paper Nr. 8. Gartner, Hermann; Stüber, Heiko (2019): Strukturwandel am Arbeitsmarkt seit den 70er Jahren: Arbeitsplatzverluste werden durch neue Arbeitsplätze immer wieder ausgeglichen. IAB-Kurzbericht Nr. 13. Gürtzgen, Nicole; Kubis, Alexander; Stepanok, Ignat (2023): Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Personalnachfrage: Geringerer Stellenzuwachs in negativ betroffenen Betrieben. IAB-Kurzbericht Nr. 23. Hutter, Christian; Weber, Enzo (2023): Russia–Ukraine war: A note on short-run production and labour market effects of the energy crisis. Energy Policy, 183, 113802. Linz, Stefan; Neumann, Malte David; Abdalla, Salima; Gladis-Dörr, Gerda (2022): Auswirkungen der Corona-Pandemie: Lieferengpässe bremsen Industrie und treiben Preise. WISTA-Wirtschaft und Statistik, 74 (1), S. 71–82. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2019): Den Strukturwandel meistern. Jahresgutachten 2019/20, S. 368. Schmieder, Johannes F.; Von Wachter, Till; Heining, Jörg (2023): The costs of job displacement over the business cycle and its sources: evidence from Germany. American Economic Review, 113 (5), S. 1208–1254. Weber, Enzo; Zika, Gerd; Maier, Tobias (2022): Strukturwandel auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Wollmershäuser, Timo; Ederer, Stefan; Fourné, Friederike; Lay, Max; Lehmann, Robert; Link, Sebastian; Möhrle, Sascha; Rathje, Ann-Christin; Sauer, Stefan; Schasching, Moritz; Wolf, Gerome; Zarges, Lara (2023): ifo Konjunkturprognose Herbst 2023: Konjunktur in Deutschland kühlt weiter ab. ifo Schnelldienst digital, 4 (4), S. 3–13. Dr. Tim Kovalenko ist Mitarbeiter im Forschungsbereich „Arbeitsmarkt prozesse und Institutionen” am IAB. [email protected] 8IAB-Kurzbericht 16|2025
