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Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher

Cohrssen, Hans

Abstract

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Cohrssen, Hans Article Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Cohrssen, Hans (1995) : Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 28, Iss. 2, pp. 298-313, https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293303 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Einleitung Alte Menschen haben traditionell ein Bedürfnis, jungen Leuten aus ihrem Leben zu erzählen, in der Hoffnung, daß diese aus den gemachten Erfahrungen etwas lernen oder zumindest etwas damit anfangen können. Ich will Ihnen aus einer Zeit, die mehr als 60 Jahre zurückliegt, erzählen, und zwar über das Problem der Stabilität der Kaufkraft des Geldes, und was ich damit zu tun hatte. Es begann mit dem Versuch, Silvio Gesells Schwundgeld in Amerika einzuführen, wodurch ich den Mann kennenlernte, der wahrscheinlich mehr zur Entwicklung einer stabilen Währung beigetragen hat als irgendein anderer: Professor Irving Fisher. Ich möchte besonders eingehen auf seine Forderung nach einer neuen Geld- und Kreditordnung, auf den sogenannten 100%-Reserveplan, der die Kreditschöpfung den Privatbanken entzieht und sie einer monetären Autorität unterstellt. Dies ist heute besonders wichtig, da eine Europäische Zentralbank in greifbare Nähe rückt. Mit einer 100%igen Reservevorschrift für die beteiligten europäischen Länder wäre ein Fundament geschaffen, um die durch die Maastrichter Verträge angestrebte Währungsstabilität zu erreichen. Schließlich möchte ich an sein letztes Buch „Constructive Income Taxation"2 erinnern, in dem er gegen die Besteuerung von Ersparnissen plädiert. Ein Vorschlag, der heute wieder heftig diskutiert wird. 1 Ohne die wertvolle Mitarbeit von Torsten Tarara hätte ich diesen Vortrag am 5. Juli 1994 an der Hochschule St. Gallen nicht halten können. Wolfgang Gebauer bin ich für die konstruktive Durchsicht des Manuskripts sehr dankbar. 2 Fisher, Irving (1942): Constructive Income Taxation: A Proposal for Reform (zusammen mit Herbert W. Fisher), New York. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher 299 II. Arbeit und Leben mit Irving Fisher Im Jahre 1926 wanderte ich als Einundzwanzigjähriger von Deutschland in die Vereinigten Staaten aus. Ich hatte eine Lehre im Eisen- und Metallgroßhandel gemacht und einige Zeit als Angestellter gearbeitet. Nebenbei war ich eifriger Leser der „Weltbühne", die für soziale Reformen, gegen nationalistische Ideen und vor allem gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg eintrat. Unter anderem unterstützte sie die Forderung nach der Enteignung der deutschen Fürsten, die für den ersten Weltkrieg mitverantwortlich waren und weiter auf ihren Besitztümern saßen, während das Volk für die Reparationsleistungen an die Siegermächte aufkommen mußte. Zusammen mit anderen Weltbühnenlesern aus Mannheim lud ich zu einer Massendemonstration im größten Saal der Stadt ein. Von den 2000 Plätzen waren nur etwa 200 belegt, und ich saß zusammen mit führenden Kommunisten auf dem Podium, die die Veranstaltung an sich rissen. Es war für mich eine herbe Enttäuschung, daß weder die Sozialdemokraten noch die bürgerlichen Parteien Interesse zeigten. Ich kam zur Überzeugung, daß ich in Deutschland nicht weiterleben konnte. In Philadelphia und New York hatte ich Kontakte mit anderen jungen deutschen Auswanderern, die wie ich Vegetarier und Lebensreformer waren und die sich große Mühe gaben, mich zur Lehre Silvio Gesells zu bekehren. Gesell forderte die Verstaatlichung des Bodens, und daß die Erträgnisse der Pacht als Mutterrente den Frauen zufließen sollten. Um Geld als Tauschmittel der Ware gleichzusetzen, forderte er einen jährlichen Schwund von 5%. Mich interessierte dies wenig. Dagegen war ich als Anhänger Mahatma Ghandis der Überzeugung, daß die Welt nur durch eine Reform unserer Lebensgewohnheiten besser werden könnte. So übernahm ich 1928 mit zwei Freunden ein Reformhaus in Washington, getragen von der Idee, den Menschen praktisch zu helfen, vegetarisch zu leben. Meine Partner teilten meinen Idealismus nicht, sie wollten nur Geld verdienen. Kein Wunder, daß ich bald wieder ausschied und nach New York zurückging, wo ich als Angestellter eines Reformhauses arbeitete. Im Oktober 1929 gab es bekanntlich den Börsenkrach, und die große Weltdepression begann. Durch das wachsende Elend wurde ich offen für die Argumente der Anhänger von Gesells Freiwirtschaftslehre. Demnach lag die Ursache für die Depression in der Verringerung des Kreditvolumens und dem damit verbundenen Verfall des Preisniveaus. So erhielten die Bauern um ein Drittel weniger für ihre Produkte, doch die Last der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 300 Hans Cohrssen Schulden für ihre Maschinen und Hypotheken blieb die gleiche. Millionen Menschen wurden arbeitslos, die auf Kredit gekauften Möbel und andere Gegenstände wurden oft vor der letzen Rate von den Lieferanten wieder abgeholt. In den Großstädten wurden die Menschen aus ihren Wohnungen geworfen, die enteigneten Bauern wurden von ihren Höfen vertrieben. In New York sah ich oft die verzweifelten Menschen mit ihren Habseligkeiten auf den Gehsteigen sitzen. Selbstmorde waren an der Tagesordnung. An den Straßenecken standen elegant gekleidete Männer, die polierte Äpfel zum Verkauf anboten. Mit der Zeit wurde auch ich zum überzeugten Freiwirtschaftler und gründete 1931 mit Freunden die „Free Economy League". Ich hielt Vorträge in Vereinen und Gesellschaften und schrieb Briefe an Presse und Mitglieder des US-Kongresses, um die Herausgabe von Schwundgeld zu propagieren, und argumentierte in öffentlichen Diskussionen gegen die Kommunisten. Die Freiwirtschaftler propagierten die Herausgabe von Schwundgeld3 als ein selbstliquidierendes Notgeld, das einem bestimmten wöchentlichen Schwund seines Nominalwertes unterlag, d.h., eine Ein-Dollar-Note sollte wöchentlich 2 Cent ihres Nominalwertes verlieren. Um den Nominalwert zu erhalten, mußte man wöchentlich auf der Rückseite in dem entsprechenden Feld eine Steuermarke aufkleben. Im Jahre 1932 gab der Bürgermeister von Wörgl/Tirol etwa 35 000 Schilling als „Wära" bezeichnetes Schwundgeld heraus, mit dem die Gemeinde eine Straße und andere öffentliche Arbeiten finanzierte. Nach einem Jahr hatte sich die Wära selbst liquidiert, die Gemeinde hatte netto keinen Pfennig zusätzlicher Schulden, und die öffentlichen Arbeiten waren bezahlt. Leider hat die Österreichische Nationalbank die weitere Herausgabe von Wära verboten. Bald merkte ich, daß meine einseitig auf Gesell basierenden volkswirtschaftlichen Kenntnisse für öffentliche Diskussionen nicht ausreichten. Neben dem Studium der einschlägigen Literatur in der New York Public Library suchte ich auch das Büro der Stable Money Association auf, welche von Irving Fisher Anfang der zwanziger Jahre gegründet wurde. Deren Bibliothek wurde von mir als einzigem täglich genutzt. Als der leitende Sekretär der Gesellschaft krank wurde, übergab er mir die 3 Fisher schrieb in seinem Buch „Inflation?" über Schwundgeld: „...is a selfliquidating currency, so constituted as to retire automatically... This form of currency has the additional advantage that it cannot well be hoarded, and is endowed, while it lasts, with more than normal velocity", Fisher, Irving (1933): Inflation?, London 1933, S. 92. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher 301 Schlüssel, um das Büro zu betreuen. Kurz darauf starb er. Ich rief daraufhin Professor Fisher wegen der Zukunft des Büros an. Er bat mich, die Schlüssel dem Hausmeister zu übergeben. Wenn mich die Bücher interessierten, meinte er, sollte ich diese mit nach Hause nehmen. So wurde ich stolzer Besitzer einer umfangreichen Fachliteratur über Geld- und Kreditpolitik. Im August 1932 hatte ich gerade einen Artikel über Wära für die Zeitschrift „The New Republic"4 geschrieben, als ich las, daß Professor Fisher in einem öffentlichen Vortrag erklärt hatte, daß zwar genug Geld vorhanden sei, doch daß es keine Möglichkeit gäbe, es in Umlauf zu bringen. Daraufhin rief ich ihn an, um ihn auf das Wörgl-Experiment aufmerksam zu machen. Fisher lud mich zum Abendessen ein. Meine Argumente für Schwundgeld überzeugten ihn offensichtlich. Einige Gemeinden hatten ihm Briefe geschrieben, in denen sie um Rat zur Herausgabe von Notgeld baten, und so fragte er mich, ob ich ihm bei der Beantwortung dieser Korrespondenz helfen möchte, um diesen Leuten Schwundgeld zu empfehlen. So begann eine Zusammenarbeit, die 10 Jahre dauerte. Da die wachsende Korrespondenz immer die gleichen Fragen enthielt, entschied sich Fisher, mit mir ein Handbuch unter dem Titel „Stamp Scrip"5 herauszugeben. Mittlerweile wurde im US-Kongreß ein Gesetzesvorschlag für die Herausgabe von 1 Mrd. Dollar Schwundgeld zur Finanzierung öffentlicher Arbeiten eingebracht6. Unter den etwa 450 Städten und Gemeinden, die Fisher wegen der Herausgabe von Schwundgeld angeschrieben hatten, war auch die Textilstadt Reading, Pennsylvania, die die Herausgabe von 100 000 Dollar Schwundgeld plante und Irving Fisher um seinen persönlichen Beistand bat. In Fishers Auftrag arbeitete ich eine Woche lang mit der dortigen Handelskammer: Das Notgeld wurde gedruckt, die Banken waren bereit, die Herausgabe zu übernehmen; Kaufleute, Gewerkschaften und Bauernorganisationen waren bereit, es zu akzeptieren. Das war just in den Tagen, als Roosevelt sein Amt als Präsident am 4. März 1933 antrat. In seiner Antrittsrede verfügte er die Schließung der Banken und verbot die Herausgabe von Notgeld. Inzwischen wollte der Staat Oregon für geplante öffentliche Arbeiten 80 Millionen Dollar an Schwundgeld her- 4 Vgl. Cohrssen, Hans R. L. (1932): Wära, The New Republic, August 1932. 5 Vgl. Fisher, Irving (1932): Stamp Scrip (Hans R. L. Cohrssen und Herbert W. Fisher), New York. 6 Fisher schrieb Roosevelt am 24. Oktober 1937: „We need a rise in the price level by the only means it can be raised or ever has been raised, an increase in the quantity or velocity, or both, of the circulating medium". Vgl. Allen, William R.: Irving Fisher, F.D.R. and the Great Depression, S. 12. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 302 Hans Cohrssen ausgeben und hatte Fisher um Rat gebeten. So schickte mich Fisher nach Washington, um bei der Regierung zu versuchen, eine Ausnahmegenehmigung für Oregon zu erhalten. Ich trug das Projekt einigen von Roosevelts Beratern und Mitgliedern seines Kabinetts vor, fand dafür jedoch kein Verständnis. Dies war darauf zurückzuführen, daß im Gegensatz zu Fisher, der die Ursachen der Depression in einer verfehlten deflationären Kreditpolitik und der allgemeinen Überschuldung sah, Roosevelt und seine Anhänger glaubten, daß die Ursachen in sozialen Mißständen, ungerechter Verteilung des Einkommens und in der Überproduktion von Waren lagen. Man schickte mich schließlich ins Finanzministerium, wo der konservative Berater des Finanzministers das Projekt als zu riskant für die Geldpolitik ablehnte. Damit waren unsere Bemühungen um die Einführung von Schwundgeld endgültig gescheitert. Die inzwischen ein Jahr andauernde Zusammenarbeit mit Fisher schien dadurch beendet zu sein. Jedoch bot mir Fisher eine feste und diesmal auch bezahlte Anstellung an, um ihm bei der Arbeit an einem geplanten Buch über die Geschichte der Geldwertstabilität zu helfen. Die nächsten 10 Monate saß ich also in der volkswirtschaftlichen Abteilung der New York Public Library und bereitete den Text von „Stable Money: The History of the Movement"7 vor, das Ende 1934 in New York erschien. Eine deutsche Ausgabe kam 1937 unter dem Titel „Feste Währung"8 heraus. Im Jahr 1935 besuchte ich neun europäische Länder, um deren unterschiedliche Geldpolitik zu studieren. Die Reisekosten finanzierte ich durch den Verkauf von Berichten an einige große Unternehmen. Fisher führte mich durch persönliche Briefe an die Gouverneure der Zentralbanken, Finanzminister und führende Volkswirtschaftler ein, die praktisch ausnahmslos Mitglieder der von ihm gegründeten „Econometric Society" waren. Es war die Zeit, als die skandinavischen Länder, dem Beispiel Englands folgend, den Goldstandard verlassen und sich wirtschaftlich erholt hatten. Schweden hatte damals als erstes Land eine stabile Währung zum offiziellen Ziel seiner Geldpolitik gemacht. Frankreich, Italien, Holland und die Schweiz verteidigten noch die Goldwährung, durch die sie weiterhin an die große Depression gekettet waren. Fisher war mit dem Ergebnis dieser Reise so zufrieden, daß er mir half, 1936 eine zweite Reise nach Europa in 18 verschiedene Länder zu unter- 7 Vgl. Fisher, Irving (1934): Stable Money: A History of The Movement (assisted by Hans R. L. Cohrssen), New York 1934. 8 Vgl. Fisher, Irving (1937): Feste Währung, Zur Entwicklungsgeschichte der Idee (unter Mitarbeit von Hans R. L. Cohrssen), Uchtdorf, Weimar, Leipzig, 1937. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher 303 nehmen. Diesmal finanzierte ich die Reise durch den Verkauf von Artikeln an eine Zeitungskette. In der Schweiz hatte die freiwirtschaftliche Bewegung 1935 einige Vorträge arrangiert, bei denen ich z.B. in Basel auf das schwedische Beispiel hinwies. Dort widersprach mir der Chefvolkswirt der Nationalbank und erklärte, daß die Situation in der Schweiz völlig anders sei und daß man deshalb weiterhin am Goldstandard festhalten werde. Als ich ihn ein Jahr darauf wiedersah, gab er zu, daß er mit mir einer Meinung gewesen war, denn er war in engem Kontakt mit seinen Kollegen von der schwedischen Riksbanken. Jedoch konnte er seine Meinung damals nicht öffentlich vertreten. Ähnlich erging es mir 1935 in Holland, als ich den Manager der Nationalbank fragte, warum sein Land dem Goldstandard treu blieb, obgleich es enge Handelsbeziehungen mit England und den skandinavischen Ländern hatte. Er rief seine engen Mitarbeiter hinzu und meinte auf mich deutend: „Dieser Herr will wissen, warum wir dem Gold treu bleiben; Gulden heißt Gold, und Gulden kann man nicht von Gold trennen!" Im Jahr darauf hatte auch Holland den Goldstandard aufgegeben, und der Manager wollte mich nicht mehr empfangen. Nach meiner Rückkehr wurde mir bewußt, daß Fisher 70 Jahre alt wurde. Zu seinen Ehren und mit Hilfe von Arthur D. Gay er stellte ich das Buch „The Lessons of Monetary Experience"9 mit Beiträgen internationaler Volkswirte und Zentralbankgouverneure zusammen. Hätte es damals den Nobelpreis für Volkswirtschaftslehre gegeben, Fisher hätte ihn bestimmt als erster bekommen. Fisher erzählte mir, daß er ursprünglich Soziologie und Mathematik studiert hatte. Als er seine Dissertation schreiben sollte, wußte er nicht, in welchem der beiden Fächer er arbeiten sollte. Sein Soziologieprofessor schlug ihm vor, die beiden Fächer zu verbinden, und so schrieb Fisher 1892 seine Dissertation „Mathematical Investigations in the Theory of Value and Price"10, die ihn praktisch über Nacht weltberühmt machte. Fisher war stets bemüht, seine Ideen einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Er erzählte mir, daß ihm, nachdem sein Buch „The Purchasing Power of Money"11 1911 herauskam, klar wurde, daß 9 Vgl. Gayer, Arthur D. (Hrsg.) (1937): The Lessons of Monetary Experience: Essays in Honor of Irving Fisher, New York 1937. 10 Fisher, Irving (1892): Mathematical Investigations in the Theory of Value and Prices, Dissertation, abgedruckt in: Transactions of the Connecticut Academy of Arts and Sciences, Band 9 (1892), S. 1 - 124 (Reprints 1925 und 1965). 11 Vgl. Fisher, Irving (1911): The Purchasing Power of Money: Its Determination and Relation to Credit, Interest, and Crises (mit Harry G. Brown), New York, 1911. 20 Kredit und Kapital 2/1995 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 304 Hans Cohrssen die Leute einfach nicht verstanden, was er mit einem Index meinte. Deshalb schrieb er ein 800 Seiten dickes Buch „The Making of Index Numbers"12, an dem er einige Jahre arbeitete und das im Jahre 1922 veröffentlicht wurde. Meine Tätigkeit für Fisher bestand darin, daß ich einen Teil seiner Korrespondenz beantwortete und die Unterlagen zu seinen öffentlichen Vorträgen auf dem Gebiet der monetären Politik vorbereitete. Ich verfaßte Memoranden zu aktuellen Fragen und half in seinem Index Number-Institut aus, das einen wöchentlichen Großhandelspreisindex errechnete, der zusammen mit Artikeln von Fisher in einer Reihe von Zeitungen erschien. Faszinierend an Fisher war seine Konzentrationsfähigkeit auf seine jeweiligen Arbeiten. Eines Tages fuhren wir zusammen im Zug, als ich ihn ansprach. Es dauerte eine ganze Weile, bis er mir antwortete. „Unterbreche mich so nie mehr", sagte er. „Mein Geist arbeitet mit der Geschwindigkeit eines Schnellzuges, den man nicht so schnell anhalten kann." Im Sommer 1936 tobte ein Orkan an der Ostküste, der mehr als 450 Menschenleben forderte. Um Fisher zu alarmieren, rannte ich in sein Büro, wo er mich wütend anknurrte, denn er hatte von dem Orkan nichts mitbekommen. Als junger Mann litt er an offener Tuberkulose, die er um die Jahrhundertwende in den Bergen von Colorado Springs auskurierte. Er erzählte mir, wie er damals, auf den Tod wartend, sich entschloß, noch eine bestimmte Arbeit fertigzustellen. Dieser Arbeit folgte eine zweite und eine dritte, und unter diesem Gefühl, den Tod im Nacken zu haben, hat er sein Leben lang weitergearbeitet; bis zu seinem achtzigsten Lebensjahr. Sein Kampf gegen die eigene Krankheit hat sein Interesse an einer gesunden Lebensführung geweckt. Mit dem Chef der New Yorker Gesundheitsbehörde schrieb er das Buch „How to live"13, das in den USA eine Auflage von mehr als einer halben Million Exemplaren erreichte und u.a. auch ins Deutsche übersetzt wurde. Mit dem früheren Präsidenten Taft und einem New Yorker Bauunternehmer gründete er das „Live Extension Institute", das von Lebensversicherungsgesellschaften finanziert wurde. Die Idee war, daß Menschen länger leben würden, 12 Vgl. Fisher, Irving (1922): The Making of Index Numbers: A Study of their Varieties, Tests, and Reliability, Cambridge/Mass. 1922. 13 Vgl. Fisher, Irving (1915): How to Live: Rules for Healthful Living Based on Modern Science (zusammen mit Eugene L. Fisk), New York 1915. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher 305 wenn sie sich einmal im Jahr ärztlich untersuchen lassen. Die Versicherungsgesellschaften zahlten für die Untersuchungen ihrer Versicherten, und es stellte sich heraus, daß sie tatsächlich länger lebten. Mit dem Erfinder der Cornflakes, Dr. John Harvey Kellogg, war er eng befreundet. Im Jahr 1937 lieh er mich an Kellogg aus, damit ich an seinem Gesundheitsmagazin mitarbeite. Fisher hatte die Gewohnheit, vor dem Mittagessen eine kurze Sportpause einzulegen, in der er mit seinem Chauffeur, und wenn ich da war, mit mir, Medizinball spielte. In New York und auf Reisen joggte er und trieb regelmäßig Gymnastik. Um den Einfluß der Ernährung auf die Ausdauer zu ergründen, machte er folgendes Experiment mit Athleten der Yale-Universität. Er ließ die Männer mit ausgestreckten Armen stehen, und es zeigte sich, daß die Gewichtheber und Ringkämpfer zu den ersten gehörten, die aufgeben mußten. Schließlich blieb nur ein schmächtiger Asiate übrig, der überhaupt nicht ermüdete. Es stellte sich heraus, daß der Verzehr von Fleisch einen Einfluß auf die Ausdauerleistung hat. Der Asiate war zu arm, um sich das teure Fleisch zu leisten. In den zehn Jahren, die ich mit Fisher arbeitete, bestand jedoch sein Hauptinteresse darin, die anhaltende Depression zu überwinden. Man darf nicht vergessen, daß noch 1939 Amerika mehr als 7 Millionen Arbeitslose zählte. Dies wurde erst durch die Aufrüstung und schließlich durch den Krieg mit Japan und Hitler überwunden. Wäre es nach Fisher gegangen, hätte die Expansion der Wirtschaft bereits nach Roosevelts Regierungsantritt beginnen können. Er plädierte für seine Reformen bei Anhörungen im Kongreß, hielt Vorträge nicht nur in Universitäten, sondern auch bei Vertretern aus Industrie und Wirtschaft, publizierte seine Bücher und Artikel. Fishers Eigenheit war es, seine Gegner zu verunsichern, wenn sie ihre Meinung öffentlich kundtaten, denn dadurch, so sagte er mir, würden sie künftig weniger überzeugend ihre Meinungen vertreten. Er ließ mich schriftlich Gegenargumente vorbereiten, und wenn seine Gegner eine persönliche Aussprache wünschten, schickte er mich zu ihnen. Im Gegensatz zu den meisten seiner akademischen Kollegen war er offen für unkonventionelle Ideen. Diese Einstellung half zwar seiner Popularität, aber sie schadete ihm bei seinen akademischen Kollegen. Er war wohl der einzige unter den führenden Volkswirten, der mit einem völlig Unbekannten, ohne akademische Vorbildung, so wie ich es war, arbeitete. Meine Mitarbeit endete 1942, nachdem seine geliebte Frau gestorben war und er sein Haus samt Büro aufgeben mußte. 20* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 312 Hans Cohrssen Literaturverzeichnis Allen, William R. (1977): Irving Fisher, F.D.R., and the Great Depression, Sonderdruck aus: The History of Political Economy, Vol. 9 No. 4, 1977. - Cohrssen, Hans R. L. (1932): Wära, The New Republic, August. - Cohrssen, Hans R. L. (1991): Arbeiten mit Irving Fisher, in: Geld-Währung-Kapitalmarkt Working Papers Nr. 20, Hrsg. Prof. Dr. Wolfgang Gebauer, Frankfurt. - Fisher, Irving (1892): Mathematical Investigations in the Theory of Value and Prices., Dissertation, abgedruckt in: Transactions of the Connecticut Academy of Arts and Sciences, Band 9 (1892), S. 1 - 124 (Reprints 1925 und 1965). - Fischer, Irving (1906): Nature of Capital and Income, New York. - Fisher, Irving (1911): The Purchasing Power of Money: Its Determination and Relation to Credit, Interest, and Crises (mit Harry G. Brown), New York. - Fisher, Irving (1915): How to Live: Rules for Healthful Living Based on Modern Science (zusammen mit Eugene L. Fisk), New York. - Fisher, Irving (1922): The Making of Index Numbers: A Study of their Varieties, Tests, and Reliability, Cambridge/Mass. - Fisher, Irving (1932): Stamp Scrip (Hans R. L. Cohrssen und Herbert W. Fisher), New York. - Fisher, Irving (1933): Inflation?, London. - Fisher, Irving (1934): Stable Money: A History of The Movement (assisted by Hans R. L. Cohrssen), New York. - Fisher, Irving (1935): 100% Money: Designed to Keep Checking Banks 100% Liquid; to Prevent Inflation and Deflation; Largely to Cure or Prevent Depressions; and to Wipe Out Much of the National Debt, New York. - Fisher, Irving (1937): Feste Währung, Zur Entwicklungsgeschichte der Idee (unter Mitarbeit von Hans R. L. Cohrssen), Uchtdorf, Weimar, Leipzig. - Fisher, Irving (1942): Constructive Income Taxation: A Proposal for Reform (zusammen mit Herbert W. Fisher), New York. - Gayer, Arthur D. (Hrsg.) (1937): The Lessons of Monetary Experience: Essays in Honor of Irving Fisher, New York. - Gocht, Rolf (1975): Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung, Hrsg. Veröffentlichungen des Instituts für Empirische Wirtschaftsordnung, Band 15, Berlin. - Samuelson, Paul. A./ Tobin, James/Schefold, Bertram (1991): Irving Fishers ,The Nature of Capital and Income', Vademecum zu einem Klasiker der Amerikanisghen Nationalökonomie, Düsseldorf. Zusammenfassung Während der Weltdepression trat Cohrssen (1905) in den USA als Anhänger Silvio Gesells für die Herausgabe eines Schwundgeld genannten, selbstliquidierenden Notgeldes ein. Er gewann den damals führenden Volkswirt Irving Fisher für diese Idee und war in den Jahren von 1932 bis 1942 sein engster Mitarbeiter. Cohrssen beschreibt Fishers Arbeitsweise und seine Produktivität als Verfechter eines stabilen Geldes und würdigt insbesondere Fishers Forderung nach der Abschaffung des Kreditschöpfungsmonopols des privaten Bankensystems; ein Vorschlag, der heute noch utopisch klingen mag. Nicht weniger utopisch schien 1942 sein Vorschlag zu sein, die Einkommensteuer abzuschaffen und durch eine Verbrauchssteuer zu ersetzen - ein Vorschlag, der heute in der aktuellen steuerpolitischen Diskussion Beachtung findet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07 Geld- und steuerpolitische Ideen von Irving Fisher 313 Summary Certain Monetary and Tax Policy Ideas of Irving Fisher - Reminiscences of a Member of His Team- During the Great Depression, Cohrssen (1905), as a proponent of the ideas of Silvio Gesell, advocated that self-liquidating substitute money called stamp scrip be issued in the USA. He was able to win Irving Fisher, the leading economist at the time, for his idea and became his closest collaborator in the period from 1932 to 1942. Cohrssen describes Fisher's style of work and his productivity as a proponent of stable money and underlines in particular Fisher's demand for eliminating the private banking system's credit creation monopoly - a proposal that may sound Utopian still today. Not less Utopian seemed his 1942 proposal for eliminating income taxation and for replacing it by consumption tax - a proposal that is attracting attention in the current tax policy discussion. Résumé Idées sur la politique monétaire et fiscale de Irving Fisher - Souvenirs d'un collaborateur - Lors de la dépression mondiale, Cohrssen (1905) s'engagea aux Etats-Unis pour les thèses de Silvio Gesell sur l'émission d'une monnaie provisoire qui s'autodétruirait, appelée „monnaie de fortune". Il gagna à son idée Irving Fisher, l'économiste de tout premier rang de l'époque et fut le collaborateur le plus proche de celui-ci de 1932 à 1942. Cohrssen décrit le travail de Fisher et son efficacité dans la défense d'une monnaie stable. Il appuie particulièrement la demande d'abolition du monopole de création de crédit du système bancaire privé; une proposition qui peut apparaître encore aujourd'hui utopique. Non moins utopique parut en 1942 sa proposition de supprimer l'impôt sur les revenus et de le remplacer par une taxe de consommation, un projet qui est toujours sujet de discussions en politique fiscale. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.28.2.298 | Generated on 2023-01-16 13:06:07