Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer
Abstract
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Full text
Guth, Wilfried (Ed.) Book Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 43 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Guth, Wilfried (Ed.) (1965) : Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 43, ISBN 978-3-428-41466-6, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285436 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts' und Sozialwissenschaften Neue Folge Band 43 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
SCHRIFTEN DES VEREINS FUR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 43 Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozefi der Entwicklungsländer VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1965 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer Von Otto Schiller, Christi an Hofmann Wilhelm Hankel, Albrecht Kruse·Rodenacker Herausgegeben von Dr. Wilfried Guth VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1965 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Alle Rechte vorbehalten © 1965 Duncker & Humblot, Berlin 41 Gedruckt 1965 bei Berliner Buchdruckerei Union GmbH., Berlin 61 Printed in Germany OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Vorwort Die im vorliegenden Band zusammengefaßten Arbeiten zum Thema: "Die Stellung von Landwirtschaft und Industrie im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer" stellen eine Wiedergabe von Vorträgen dar, die in den Jahren 1962 und 1963 im Ausschuß "Entwicklungsländer" des Vereins für Socialpolitik gehalten worden sind. Auf zwei Vorträge, die ursprünglich ebenfalls für die Veröffentlichung vorgesehen waren, mußte verzichtet werden: auf den von Professor Wilbrandt (Berlin), weil er vom Verfasser nicht mehr rechtzeitig druckfertig gemacht werden konnte, und auf den von Dr. K. Billerbeck (Berlin), der inzwischen in erweiterter Fassung an anderer Stelle erschienen ist. Obwohl die z. T. sehr eingehenden Diskussionen zu den verschiedenen Themen hier nicht wiedergegeben sind, läßt sich doch sagen, daß der Band einen einigermaßen repräsentativen Querschnitt der Arbeit des Ausschusses in den beiden letzten Jahren abgibt. Die enge Verbindung der theoretischen Forschung mit der Praxis gehört zur Tradition des Vereins für Socialpolitik und seiner Ausschüsse; sie ist zuletzt auf der Tagung in Travemünde wieder eindrücklich demonstriert worden. Mir will scheinen, daß es heute auf wenig anderen Gebieten so sehr dieser Verbindung bedarf wie auf dem der Entwicklungshilfe. Die Forschung kann hier noch nicht von einem breiten, gesicherten Erfahrungsschatz ausgehen, so daß die Basis für fundierte Theorien noch viel zu schmal ist. So entstehen leicht kühne Modelle, die für die Praktiker nicht zu gebrauchen sind und damit einen fatalen l'art pour l'art-Charakter bekommen. Umgekehrt sind die Praktiker der Entwicklungshilfe im Drange der täglichen Arbeit und bei der ständigen Begegnung mit neuen Problemen in der Gefahr, entweder den in dieser Situation zweifellos notwendigen Pragmatismus zu weit zu treiben oder aber sich vorschnell auf einige scheinbar erfahrungsbestätigte Grundprinzipien festzulegen. Die enge Zusammenarbeit des Ausschusses "Entwicklungsländer" mit der seit drei Jahren mit der praktischen Durchführung der deutschen Kapitalhilfe beauftragten Kreditanstalt für Wiederaufbau, wie sie sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat, ist unter diesen UmOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
6 Vorwort ständen für beide Seiten sehr fruchtbar. Es erwies sich dabei als glückliche Arbeitsteilung, die Fragestellung jeweils von der Praxis der Kreditanstalt ausgehen zu lassen, ihre Behandlung jedoch den Wissenschaftlern zu überlassen, um dann die Erarbeitung allgemeiner Erkenntnisse in der Diskussion zu versuchen. Zustatten kam diesem Verfahren, daß die meisten der im Ausschuß vertretenen Wissenschaftler keineswegs nur vom Schreibtisch her mit den Problemen der Entwicklungsländer vertraut sind; viele von ihnen haben, wie auch frühere Veröffentlichungen des Ausschusses zeigen, eigene "field studies" und Forschungsaufträge in Entwicklungsländern durchgeführt. Es kann geradezu als eines der Ziele unserer Ausschußarbeit angesehen werden, insbesondere die jüngeren Wissenschaftler, die sich den Problemen der Entwicklungsländer zuwenden, zu eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet anzuregen. Umgekehrt handelt es sich bei den für die Mitarbeit im Ausschuß gewonnenen Praktikern der Kreditanstalt für Wiederaufbau - von denen einer auch in diesem Band zu Worte kommt - durchweg um geschulte Nationalökonomen, denen dadurch Gelegenheit gegeben wird, ihre Erfahrungen zu systematisieren und theoretisch zu überprüfen. Das zentrale Arbeitsthema des Ausschusses im Jahr 1962 war die Frage nach der Stellung der Landwirtschaft im Wachstumsprozeß der Entwicklungsländer. Dabei behandeln die hier wiedergegebenen Referate von Professor O. Schiller (Bonn) und Dr. ehr. Hofmann (Bonn), auch dies in sinnvoller übereinstimmung mit der Tradition des Vereins, vor allem die Probleme der Agrarstruktur und Agrarverfassung, wie sie meist in dem Postulat nach Landreformen zum Ausdruck kommen. Im Jahre 1963 war die Ausschußarbeit den Fragen der Industrialisierung der Entwicklungsländer gewidmet. Zum Abdruck gelangen hier ein Referat von Dr. W. Hankel von der Kreditanstalt für Wiederaufbau, das sich im eingangs geschilderten Sinne als theoretisches Destillat aus der Werkstatt der Kreditanstalt bezeichen ließe, sowie eine Arbeit von Privatdozent Dr. A. KruseRodenacker (Berlin) über die Kriterien für die Auswahl industrieller Projekte. Es kann nicht Sinn dieses Vorwortes sein, in Vorwegnahme künftiger Rezensionen auf den Inhalt der einzelnen Beiträge einzugehen. Ich möchte hier lediglich versuchen, einige mehr allgemeine Erkenntnisse kurz zusammenzufassen. Zunächst scheint es mir wichtig, die Zusammengehörigkeit beider Themenkreise zu betonen, wie sie aus allen Referaten ersichtlich ist. Hofmann demonstriert diese Wechselbeziehung, wenn er vom Agrarsektor als dem Hauptabsatzmarkt für Industrieerzeugnisse einerseits, und einem noch zu wenig genutzten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Vorwort 7 Kapitalbildungsreservoir für industrielle Investitionen andererseits spricht. Hankel sieht gerade die vielfach noch rückständige landwirtschaftliche Produktion als geeigneten Ausgangsund Ansatzpunkt für "Industrialisierungen" an, worunter er in erster Linie eine Rationalisierung durch kostengünstigere Produktionstechniken versteht. Das mag alles ziemlich selbstverständlich klingen. Leider zeigen aber viele, z. T. von Experten aus den Industrieländern erstellte Entwicklungspläne, daß diese Interdependenz von Agrarund Industriesektor übersehen und die Landwirtschaft zugunsten des prestigebedingten Idols einer raschen Industrialisierung sträflich vernachlässigt wird. Als zweite generelle Erkenntnäs der Ausschußarbeit ist hier vorauszuschicken, daß die Probleme der Entwicklungsländer und der Entwicklungshilfe komplexer sind als die "Schulweisheit sich träumen läßt". Die Ursachen hierfür sind dreifacher Natur. Einmal fällt es schwer, die eindeutigen und bewährten Maßstäbe der ökonomischen Theorie an die neuen Phänomene in den Entwicklungsländern anzulegen, weil das Marktprinzip, auf dem diese Theorie basiert, vielfach noch nicht funktioniert und für die Investitionsentscheidung unabdingbare Rechengrößen wie Zins, Lohn und Preis willkürlich und unabhängig voneinander festgelegt werden. Kruse-Rodenackers Referat über die Investitionskriterien legt von diesen Schwierigkeä.ten Zeugnis ab. Zum andern scheitert die Erarbeitung von allgemeinen Grundsätzen an der außerordentlichen Mannigfaltigkeit der Struktur der Entwicklungsländer. So läßt z. B. Schillers Vortrag erkennen, daß es keineswegs ein überall anwendbares Rezept der umfassenden Landreform gibt, daß Genossenschaften sich nicht ohne weiteres als "Plantagenersatz" einrichten lassen u. a. m. Schließlich ist auf den starken Einfluß politischer Faktoren auf die Probleme der Entwicklungsländer hinzuweisen. Nicht daß es sich hier um ein spezifisches Phänomen dieser Länder handelte, auch bei uns gibt es kaum "reän wirtschaftliche" Entscheidungen und Entwicklungen und die Notwendigkeit einer "politischen Ökonomie" ist längst erkannt, doch spielen die politischen Aspekte lin den Entwicklungsländern mit ihrer vielfach noch ungefestigten politischen Struktur eine noch größere Rolle als bei uns. Der Nationalökonom findet sich hier oft in einem schwierigen Dilemma. Auf der einen Seite würde er seine Aufgabe verfehlen, wollte er nicht versuchen, vernünftigen ökonomischen Prizipien in diesen Ländern zum Durchbruch zu verhelfen; auf der anderen Seite läuft er Gefahr, sich jeder Entwicklungsmöglichkeit zu begeben, wenn er in seinen Empfehlungen gewisse empfindliche Grenzen überschreitet. Das heißt nichts anderes, als daß bestimmte politisch gesetzte Daten - vor allem die des WirtschaftsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
14 Otto Schiller befriedigende Lösung der Agrarfrage dem Kommunismus, sowohl für seine Propaganda als auch für die Planung einer künftigen Machtergreifung, einer der wichtigsten Ansatzpunkte genommen wird. Durch die Bodenreform ist in Japan eine Agrarstruktur geschaffen worden, die man vom sozialen Standpunkt aus als optimal bezeichnen kann, nämlich eine zwar nicht völlig nivellierende, aber doch ziemlich gleichmäßige Verteilung des Grundbesitzes, die Schaffung einer breiten Schicht bäuerlicher Grundeigentümer, die Zurückdrängung des Pachtwesens auf ein angemessenes und in diesem Umfang auch sinnvolles Maß und die völlige Beseitigung des Großgrundbesitzerstandes. Daß in Japan die Bodenreform in so kurzer Zeit und so gründlich durchgeführt werden konnte, ist der besonderen Situation der Nachkriegszeit zuzuschreiben. Außerdem hat eine Rolle gespielt, daß die Frage der Entschädigung der enteigneten Grundeigentümer, die gewöhnlich große Schwierigkeiten verursacht, durch eine zur rechten Zeit einsetzende Inflation verhältnismäßig leicht gelöst werden konnte. Man ist jedoch bezeichnenderweise in Japan zu der Erkenntnis gelangt, daß eine Bodenreform dieser Art zwar den sozialen und politischen Anforderungen in jeder Weise entspricht, aber in ökonomischer Hinsicht auf die Dauer keine befriedigende Lösung darstellt. Man steht heute in Japan vor neuen agrarpolitischen Entscheidungen, die sich insbesondere dadurch aufdrängen, daß die Bodenreform zu einer sehr niedrigen durchschnittlichen Betriebsgröße - weniger als 1 ha - geführt hat. Daher müssen neue überbetriebliche Formen der Zusammenarbeit entwickelt werden, wenn man den in der modernen Industriegesellschaft gestellten Anforderungen - paritätische Steigerung von Industrieund Agrareinkommen - entsprechen will. Ein anderes asiatisches Land, in dem auf dem Gebiet der Landreform Vorbildliches geleistet worden ist, ist Taiwan (Formosa). Auch hier haben politische Gesichtspunkte bei der energischen Durchführung der Bodenreform eine entscheidende Rolle gespielt. Es ist eine geschichtliche Erfahrung, die zu denken gibt, daß in den beiden Ländern, in denen der Kommunismus von innen heraus zur Macht gelangte, nämlich in Rußland und in China, die unzulängliche und verspätete Durchführung von Bodenreformmaßnahmen entscheidend dazu beigetragen hat, daß die Kommunisten die Macht ergreifen konnten. Das Tschiang-kai-schek-Regime hat nun gewissermaßen nachträglich auf der Insel Taiwan das nachgeholt, was es auf dem Festlande versäumt hatte. Die Landreform hat sich in Taiwan in drei Etappen vollzogen. Als die Tschiang-kai-schek-Regierung im Jahre 1949 dorthin übersiedelte, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Probleme der Landreform in Entwicklungsländern 15 wurde sofort eine Reform des Pachtwesens in Angriff genommen. Im Jahre 1951 begann man mit der Zuteilung von Staatsländereien an Pächterfamilien und zwei Jahre später mit der Zuteilung von enteignetem Privatland an Pächter. Dadurch ist die Zahl der Eigenlandbauern auf das Doppelte gestiegen, während die Zahl der Pächter auf die Hälfte zurückgegangen ist. Statt etwa 50 % werden nunmehr 76 Ofo des gesamten kultivierten Landes von bäuerlichen Grundeigentümern selbst bewirtschaftet, während der Anteil des Pachtlandes von 41 % auf 15 iO/ o zurückgegangen ist. Damit hat man sich demjenigen Zustand angenähert, der mit Mitteln der Bodenreform bei der Verbesserung der Agrarstruktur optimal erreicht werden kann. Aber auch hier zeigt sich, daß selbst bei optimaler Ausnutzung aller durch die Bodenreform gegebenen Möglichkeiten solche Maßnahmen allein keine auf die Dauer befriedigende Agrarzustände herbeiführen können. Neuerdings hat man ein großes Siedlungsprogramm entwickelt, um durch Gewinnung von Neuland einer Verschlechterung der Agrarstruktur vorzubeugen, die sonst bei der rapiden Bevölkerungszunahme unvermeidlich wäre. Auch in den beiden Ländern, die durch Teilung entstanden sind, in Südkorea und Südvietnam, wo man sich im bewußten Gegensatz zum kommunistischen Teil des Landes befindet, stehen die Maßnahmen der Landreform sehr stark unter einem politischen Vorzeichen. Es ist ein bewährter Schachzug der Kommunisten, daß sie unmittelbar nach Machtergreifung die Großgrundbesitzer enteignen und das Land an besitzlose Landfamilien verteilen, wodurch im kritischen Anfangsstadium große Teile der Agrarbevölkerung politisch neutralisiert werden. Dieser Schachzug kann nicht mehr getan werden, wenn in einem Lande durch Maßnahmen der Agrarreform die beabsichtigte Landverteilung bereits vorgenommen wurde und ein Großgrundbesitzerstand gar nicht mehr existiert. Eine kommunistische Machtergreifung wird dadurch zwar nicht verhindert, aber doch wesentlich erschwert. Außerdem hat auch die Erfahrung Japans wieder bestätigt, daß eine grundbesitzende kleinbäuerliche Schicht der kommunistischen Agitation kaum irgend welche Ansatzpunkte bietet. Wenn man jedoch von genannten Ländern des Fernen Ostens absieht, so kann man feststellen, daß in den asiatischen Ländern bei der Einleitung von Landreformmaßnahmen nicht die Rücksicht auf die kommunistische Gefahr die Hauptrolle gespielt hat. Es war vielmehr die Erkenntnis, daß eine fortschrittliche WeiterentwiCklung eines Landes nur möglich ist, wenn zunächst einmal nicht nur die technische, sondern auch die soziale Rückständigkeit des Dorfes behoben wird. In vielen asiatischen Ländern sind die ländlichen Sozialzustände noch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
16 Otto Schiller heute teilweise durch persönliche Abhängigkeiten der LandbewIrtschafter gekennzeichnet, die es berechtigt erscheinen lassen, von einer Art von Agrarfeudalismus zu sprechen. In manchen Fällen handelt es sich zwar um ein im guten Sinne patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis, das nicht mit einer so rücksichtslosen Ausbeutung verbunden ist, wie sie sonst die Regel bildet. Trotzdem ist aber eine Beseitigung auch solcher Abhängigkeitsformen schon deswegen geboten, weil sie dem sozialen Empfinden moderner Menschen - und als solche kann man die führenden Männer jener Länder im allgemeinen ansehen - durchaus widersprechen. Wo derartige soziale Motive die Zielsetzung einer Bodenreformgesetzgebung bestimmen, geht man gewöhnlich von der Auffassung aus, daß das Land dem gehören soll, der es bewirtschaftet. Das würde bedeuten, daß die natürliche Größe der Bewirtschaftungseinheit durch die Arbeitskapizität einer Bauernfamilie bestimmt wird. Bei dem gegenwärtigen primitiven Zustand der landwirtschaftlichen Produktionstechnik ergeben sich auf diese Weise verhältnismäßig kleine Bewirtschaftungseinheiten. In übervölkerten Gebieten läßt sich aber leicht berechnen, daß selbst bei einer völlig gleichmäßigen Aufteilung der vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzfläche auf die in der Landwirtschaft tätigen Landfamilien das Land nicht einmal für die Zuteilung solch kleiner Bewirtschaftungseinheiten ausreichen würde. Eine völlig gleichmäßige Auf teilung des Landes auf dem Wege der Bodenreform hätte außerdem den Nachteil einer Nivellierung, die keine rechten Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Wie erwähnt, laufen die Bodenreformgesetze, die in den meisten asiatischen Ländern in der Nachkriegszeit, zum großen Teil erst in den letzten 5-10 Jahren beschlossen wurden, entweder auf eine vollständige Beseitigung oder auf eine Einschränkung des Großgrundbesitzes hinaus. Als Beispiel für den ersteren Fall und die dabei auftretenden Probleme mag Indien dienen. Die Bodenreform-Gesetzgebung gehört in Indien zur Zuständigkeit der Teilstaaten, so daß die gesetzlichen Bestimmungen nicht einheitlich sind. In den Grundsätzen läßt sich jedoch eine gewisse Einheitlichkeit erkennen. Man steht auch hier grundsätzlich auf dem Standpunkt, daß das Land dem gehören soll, der es bewirtschaftet. Dem Großgrundbesitzer wird daher nur so viel Land belassen, wie er selbst bewirtschaften kann. Wenn ein Großgrundbesitzer vorher sein ganzes Land verpachtet hatte, so hat er sogar das Recht, die ihm zustehende Restfläche unter Kündigung der Pachtverhältnisse in Selbstbewirtschaftung zu nehmen. Nach den in Indien herrschenden Vorstellungen braucht jedoch die Selbstbewirtschaftung nicht unbedingt auch eine körperliche Mitarbeit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Probleme der Landreform in Entwicklungsländern 17 im Betrieb zu bedeuten, sondern kann z. B. auch durch Beaufsichtigung von Lohnarbeitskräften ausgeübt werden. Was unbedingt abgeschafft werden soll, ist der sogenannte Absentismus, d. h. das Beziehen einer Grundrente durch Grundeigentümer, die nicht ortsansässig sind und zu dem Grund und Boden keine persönlichen Beziehungen mehr haben. Außerdem kam es aber darauf an, die zahlenmäßig sehr bedeutende Schicht der Zwischenpächter zu beseitigen, die sich im Verlaufe der letzten Jahrzehnte der britischen Herrschaft in ständig wachsender Zahl zwischen die Grundeigentümer und die Pächter, die eigentlichen Bewirtschafter des Landes, geschoben hatten. Die Ausschaltung dieser parasitären Zwischenschicht müßte automatisch eine Besserung der materiellen Lage der Landbewirtschafter zur Folge haben. Man hat gleichzeitig auch Bestimmungen erlassen, die eine wesentliche Herabsetzung der überhöhten Pachtsätze bedeuten, nach denen gewöhnlich die Hälfte der geernteten Produkte in natura an den Grundeigeptümer abzuliefern waren. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß es besonders in abgelegenen Dörfern sehr schwierig ist, die Einhaltung solcher Bestimmungen zu kontrollieren. Sie haben sich daher nicht in dem Maße ausgewi,rkt, wie das beabsichtigt war. Bei der Beschränkung des Großgrundbesitzes ist man von einer Norm ausgegangen, die der Größe eines Vollbauernbetriebes oder dem dreifachen Ausmaß eines solchen entspricht. Man konnte jedoch nicht verhindern, daß hier und da Großgrundbesitzer diesen Bestimmungen auswichen, indem sie rechtzeitig ihr Grundeigentum an Familienangehörige oder andere nahestehende Personen aufteilten und dieses Land dadurch der Bodenreform entzogen. Jedenfalls sind die Auswirkungen der Bodenreformgesetze der verschiedenen indischen Teilstaaten bisher nicht so weitreichend, wie man das nach dem Text der Bestimmungen eigentlich vermuten sollte. Eine erhebliche Schwierigkeit, die sich der Durchführung der Bodenreform in allen nichtkommunistischen Ländern entgegenstellt, ist die Entschädigungsfrage. Da z. B. in Indien das Privateigentum durch die Verfassung anerkannt und geschützt ist, haben die Grundeigentümer, die unter die Bodenreform fallen, den Anspruch, für das abzugebende Land entsprechend entschädigt zu werden. Auch wenn die Entschädigung nicht dem Verkehrswert des Grund und Bodens entspricht, kann dadurch die Durchführung der Bodenreform in erheblichem Maße behindert oder zumindest in die Länge gezogen werden. Es wird im allgemeinen so vorgegangen, daß die Bauern für das Land, das ihnen zugeteilt wird, in bestimmten Raten einen Kaufpreis zu zahlen haben. Da sie aber gewöhnlich über keine Eigenmittel 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 43 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
18 Otto Schiller verfügen, kann es unter Umständen viele Jahre dauern, bis sie volle Eigentumsrechte erworben haben und über ihren Grund und Boden frei verfügen können. In der Zwischenzeit bestehen Schwierigkeiten, Investitionen vorzunehmen, da für die notwendigen Kredite eine Sicherheit auf dem üblichen Wege der hypothekarischen Belastung nicht geboten werden kann. Unter Umständen entspricht dies aber auch der Absicht des Gesetzgebers, der verhindern will, daß die neu geschaffenen Bauernbetriebe sich in kurzer Zeit wieder verschulden und ihre Inhaber dadurch das ihnen zugeteilte Land sehr bald wieder verlieren. Die für den Kaufpreis zu zahlenden Raten stellen unter Umständen eine ebenso hohe Belastung dar, wie die früher zu zahlenden Pachtsätze, so daß sich in den Einkommensverhältnissen der kleinen Landwirte, die aus ehemaligen Pächtern zu Bauern geworden sind, zunächst nicht sehr viel ändert. In denjenigen Ländern, in denen die Bodenreform nicht eine Beseitigung, sondern nur eine Einschränkung des Großgrundbesitzes herbeiführen soll, liegen die Verhältnisse noch schwieriger. Ein typisches Beispiel hierfür ist Westpakistan. Hier hat General Ayub Khan nach der Machtergreifung Anfang 1959 ein Bodenreformgesetz erlassen, durch das der Großgrundbesitz auf 200 ha bewässertes bzw. 400 ha unbewässertes Land beschränkt wird. Das abzugebende Land soll in erster Linie denjenigen Pächtern zufallen, die es bisher bewirtschaftet haben. Da der Großgrundbesitzer die Option hat, welches Land er abgibt und welches er für sich behält, ist es dem Zufall überlassen, welche Pächter den Vorzug haben, in die Klasse der grundbesitz enden Bauern aufzusteigen. Da gewöhnlich das schlechtere Land abgegeben wird, das vielfach von weniger tüchtigen Pächtern bewirtschaftet wurde, kann dieses Vorgehen unter Umständen zu einer negativen Auslese führen. Diejenigen Pächter, die sich auf diese Weise von der Landzuteilung ausgeschlossen sehen, sind berechtigterweise unzufrieden, und es werden dadurch soziale Spannungen in das Dorf hineingetragen, die vorher nicht bestanden. Das ist um so mehr der Fall in einem Lande, in dem die Menschen bisher in der Vorstellung lebten, daß die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stande durch Geburt und Schicksal bestimmt ist. Wenn man bisher das Los, ein Pächter zu sein, als gottgewollt hingenommen hat, wird nunmehr durch die Bodenreform den Menschen vor Augen geführt, daß aus einem Pächter auch ein grundbesitzender Bauer werden kann. Dadurch können sich ungünstige soziale Auswirkungen einer Bodenreform ergeben. Dadurch, daß man die zulässige Besitzgrenze mit Rücksicht auf die Großgrundbesitzer, die auch heute noch einen großen Einfluß besitzen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Probleme der Landreform in Entwicklungsländern 19 sehr hoch angesetzt hat und außerdem die verschiedensten Ausnahmebestimmungen gelten, ist es nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Pächter, der durch die Bodenreform Land zugeteilt erhält. Es erscheint daher fraglich, ob durch diese Art der Bodenreform tatsächlich eine neue Epoche für die westpakistanische Landwirtschaft eingeleitet wird, wie man das bei Erlaß des Gesetzes verkündete. Ein typisches Beispiel für die Schwierigkeiten, die sich bel einer Bodenreform ergeben, bei denen innenpolitische Gesichtspunkte eine maßgebende Rolle spielen und dadurch die ökonomischen Aspekte vernachlässigt werden, ist der Irak. Als das dortige Regime des Generals Kassem vor vier Jahren an die Macht gelangte, war es in seinen Handlungen sehr stark von sozialrevolutionären Ideen und Sympathien für die Sowjetunion bestimmt. Trotzdem mußte man darauf Rücksicht nehmen, daß der Großgrundbesitzerstand nach wie vor einen sehr gewichtigen innenpolitischen Faktor darstellt, und man konnte schon aus diesem Grund seine radikale Beseitigung nicht vorsehen. Man mußte außerdem bedenken, daß eine radikale und plötzliche Beseitigung des Großgrundbesitzes für die Landwirtschaft katastrophale Folgen haben konnte. Unter dem sozialrevolutionären Aspekt wird der Großgrundbesitzerstand mit einigem Recht als eine parasitäre Ausbeuterklasse angesehen. Es darf jedoch nicht verkannt werden, daß der Großgrundbesitzer, um seinen Pächter ausbeuten zu können, auch etwas für ihn tun muß. Er muß ihm unter Umständen schon allein das Saatgut liefern, er muß das Bewässerungssystem in Ordnung halten und für andere Ausgaben, die mit der Bewirtschaftung verbunden sind, die notwendigen Kredite zur Verfügung stellen. Der Großgrundbesitzer hat bestimmte Funktionen in der Landbewirtschaftung, die man nicht einfach aufheben kann, ohne die landwirtschaftliche Produktion aufs äußerste zu gefährden. Für den Pächter bedeutet die Abhängigkeit vom Großgrundbesitzer nicht nur eine Ausbeutung, sondern auch eine Art Versicherungsschutz, den er benötigt, um die Landbewirtschaftung ungestört fortsetzen zu können. Als man im Jahre 1958 im Irak das Bodenreformgesetz erließ, bei dem im übrigen die gleiche, übermäßig hohe zulässige Besitzgrenze gilt wie in Westpakistan, war man sich wohl über diese Zusammenhänge einigermaßen im klaren. Man hat daher auch in das Gesetz die Bestimmung aufgenommen, daß die Funktionen, die der Großgrundbesitzer bisher in der Landbewirtschaftung ausgeübt hat, in Zukunft von einer Genossenschaft wahrgenommen werden sollen. Genossenschaften, die dazu in der Lage wären, gab es aber im Irak nicht. Die wenigen Genossenschaften, die existierten, waren Genossenschaften der 2· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
20 Otto Schiller üblichen Art, die wohl Funktionen im Kredit oder im Bezug und Absatz ausüben können, nicht aber Funktionen in der Landbewirtschaftung. Erst jetzt wird der Versuch unternommen, einen Genossenschaftstyp dieser Art im Irak zu entwickeln. Inzwischen hat man aber feststellen müssen, daß in den Gebieten, in denen die Bodenreform bereits durchgeführt wurde, ein erheblicher Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion zu verzeichnen ist. Hinzu kommt, daß die Bodenreform sich nicht nur auf denjenigen Flächen auswirkt, auf denen eine Änderung der Besitzverhältnisse eintritt, sondern auch auf dem übrigen Land. Wird die zulässige Besitzgrenze so hoch angesetzt, wie das im Irak der Fall ist, so bedeutet dies, daß für mehr als die Hälfte des Landes eine Änderung der Besitzverhältnisse nicht vorgesehen ist. Aus innenpolitischen Gründen wird aber die Bodenreform bei allen möglichen Anlässen so stark als revolutionäre Tat herausgestellt, daß damit eine ganz allgemeine Diffamierung des Großgrundbesitzerstandes verbunden ist. Wenn man aber die Abhängigkeit vom Großgrundbesitz derartig in Mißkredit bringt, wie es bei der propagandistischen Auswertung der Bodenreform zwangsläufig gegeben ist, so wird auch bei denjenigen Pächtern, die nach den Bestimmungen weiter in dieser Abhängigkeit verbleiben sollen, künstlich eine Unzufriedenheit genährt, die sich für die landwirtschaftliche Produktion ungünstig auswirken muß. Dazu kommt, daß auch die Grundbesitzer selbst durch diese Diffamierung gehemmt werden, ihre Funktionen in der Landwirtschaft wenigstens im bisherigen Umfang aufrechtzuerhalten. Die für die Bodenreform betriebene Propaganda läßt es dem Großgrundbesitzer zweifelhaft erscheinen, ob ihm der vorläufig zugebilligte Restbesitz auf die Dauer tatsächlich erhalten bleibt. Er wird es daher nach Möglichkeit vermeiden, auf dem ihm verbleibenden Land Investitionen vorzunehmen. Nach den Erfahrungen, die man im Irak, in Pakistan und neuerdings auch ,im Iran gemacht hat, muß es zweifelhaft erscheinen, ob eine Bodenreform sinnvoll ist, die nur einen Teil des Großgrundbesitzes erfaßt, wenn nicht gleichzeitig unter Verzicht auf propagandistische Effekte der Restbesitz auf die Dauer gesetzlich hinreichend gesichert wird. Im Iran, wo die Bodenreform erst vor einem Jahr in Angriff genommen wurde, ist man bei der Festlegung der zulässigen Besitzgrenze nicht von der Fläche, sondern von der Dorfeinheit ausgegangen. Der dem Großgrundbesitzer zugebilligte Restbesitz soll sich auf eine Dorfeinheit beschränken. Bei dieser Regelung ergeben sich ähnliche Schwierigkeiten wie im Irak. Hinzu kommt, daß man es im Iran mit einem einzigartigen, seit Jahrhunderten bewährten, unterirdischen BeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Probleme der Landreform in Entwicklungsländern 21 wässerungssystem, der sogenannten Kanate, zu tun hat. Dessen Funktionieren setzt voraus, daß eine überbetriebliche Instanz vorhanden ist, die für seine laufende Reparatur und Instandhaltung sorgt. Diese Instanz war bisher der Großgrundbesitzer. Wird er durch eine Bodenreform ausgeschaltet, so besteht die Gefahr, daß das Bewässerungssystem verfällt und die landwirtschaftliche Produktion damit an ihrem Lebensnerv getroffen wird. Diese Gefahr ist gegenwärtig im Iran im starken 1[aße gegeben. Für die Durchführung der Bodenreform macht sich im Iran und im übrigen auch in anderen Ländern noch ein anderer Umstand sehr ungünstig bemerkbar, nämlich das Fehlen eines brauchbaren Katasterwesens. Eine Änderung der Grundbesitzverhältnisse herbeizuführen, ist außerordentlich schwierig, wenn gar nicht nachweisbar ist, wie die bisher bestehenden Eigentumsrechte tatsächlich abgegrenzt sind. Eine Bodenreform müßte aber auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden, wenn man abwarten wollte, bis durch die Feststellung und Registrierung vorhandener Eigentumsrechte die notwendigen Voraussetzungen dafür geschaffen sind. 1[an versucht daher im Iran, ohne genaue Fixierung der Grundstücksgrenzen eine Änderung der Besitzverhältnisse herbeizuführen. Daß dadurch sehr große Schwierigkeiten hervorgerufen werden und kollektivwirtschaftlichen Tendenzen Vorschub geleistet wird, liegt auf der Hand. Dieser kurze überblick über den Stand der Bodenreformmaßnahmen in den asiatischen Ländern und der Probleme, die im Zusammenhang damit aufgeworfen werden, macht deutlich, daß eine Bodenreform im landläufigen Sinne nicht als eine Patentlösung für die Agrarpolitik der Entwicklungsländer angesehen werden kann. Auch wenn durch 1[aßnahmen der Bodenreform eine im politischen und sozialen Sinne optimale Regelung der Grundbesitzverhältnisse erreicht werden könnte, ist damit allein eine befriedigende Lösung der Agrarfrage nicht gewährleistet. Um einen stetigen landwirtschaftlichen Fortschritt zu bewirken, der aus den eingangs erwähnten Gründen in den meisten Entwicklungsländern eine zwingende Notwendigkeit geworden ist, müssen neben einer Neuordnung der Grundbesitzverhältnisse auch andere Reformmaßnahmen wirksam werden. Einen wesentlichen Teil dieser 1[aßnahmen würden wir nach unserem Sprachgebrauch als 1[aßnahmen zur Verbesserung der Agrarstruktur bezeichnen. Dazu gehören die 1[aßnahmen der Neulandgewinnung und Siedlung, die in manchen asiatischen Ländern sich bereits angebahnt haben und in Zukunft eine größere Bedeutung gewinnen werden. Hinzu kommen die 1[aßnahmen der Flurbereinigung, die auch bereits hier und da eine Rolle spielen, und gesetzliche 1[aßnahmen zur OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
22 Otto Schiller Verhinderung einer fortschreitenden Bodenzersplitterung, die bei der raschen Bevölkerungsvermehrung eine bedrohliche Gefährdung der landwirtschaftlichen Produktion bedeuten kann. Durch die Bodenreform und durch die Bevölkerungsvermehrung wird ein Trend zur allmählichen Verkleinerung der Betriebseinheit ausgelöst. Daher ist in manchen Entwicklungsländern auch die Frage aufgeworfen, ob man diesem Trend nicht durch eine genossenschaftliche Zusammenfassung der Kleinbetriebe entgegenwirken sollte. Die genossenschaftliche Landbewirtschaftung steht insbesondere in Indien, aber auch in einigen anderen Ländern als agrarpolitische Zielsetzung zur Diskussion. Sie hat im übrigen durch die notwendige Auseinandersetzung mit der kommunistischen Agrarkonzeption auch einen sehr bedeutsamen politischen Hintergrund. Auf die Problematik, die dadurch gegeben ist, kann hier nicht näher eingegangen werden. Es genügt die Feststellung, daß in denjenigen Entwicklungsländern, in denen - mit oder ohne Bodenreform - der landwirtschaftliche Kleinbetrieb das typische Merkmal der Agrarstruktur darstellt, ein Fortschritt der Landwirtschaft nur erreicht werden kann, wenn neben einer systematischen Förderung des Einzelbetriebes auch konsequente überbetriebliche Maßnahmen zur Anwendung kommen. Das können Maßnahmen sein, die im genossenschaftlichen Bereich liegen, aber auch solche Maßnahmen, die eine Ergänzung der genossenschaftlichen Selbsthilfe durch eine zweckentsprechende Staatshilfe bedeuten. Der Ausbau eines Agrarkreditsystems, bei dem der Genossenschaftskredit in eine enge Verbindung zu dem für die Förderung der Landwirtschaft bereitgestellten Staatskredit gebracht wird, gehören ebenso dazu wie Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur, zur Förderung des ländlichen Heimgewerbes, zur Entwicklung von Kleinindustrie in ländlichen Räumen usw. Die Tatsache, daß in allen Entwicklungsländern, in denen wir es mit einem raschen Bevölkerungswachstum zu tun haben, die Agrarprobleme unlösbar mit dem Bevölkerungsproblem verbunden sind, zeigt mit besonderer Deutlichkeit, daß wir es hier mit einer sehr komplexen Aufgabe zu tun haben. Die Fragestellung, ob bei der Entwicklungshilfe der Landwirtschaft oder der Industrie der Vorrang einzuräumen sei, erscheint nicht sinnvoll. Notwendig erscheint vielmehr, daß beide Sektoren der Wirtschaft nebeneinander entwickelt werden. Wenn man sich in den Entwicklungsländern aufhält, ist man sehr beeindruckt von der Dynamik des Geschehens, das dort vor sich geht. Die Dinge sind in Fluß geraten, und wir haben es in fast allen Entwicklungsländern mit einem raschen Wandel der Agrarzustände zu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Probleme der Landreform in Entwicklungsländern 23 tun. In den meisten asiatischen Entwicklungsländern sind in den letzten 10 Jahren Maßnahmen der Landreform in Gang gekommen oder stehen jedenfalls auf der Tagesordnung. Das gilt auch für Lateinamerika, wo man in bezug auf die Notwendigkeit der Bodenreform in manchen Ländern geradezu von einem kritischen Zustand sprechen kann. Wenn man sich jedoch eingehender mit dem Studium der Agrarprobleme in den Entwicklungsländern befaßt, so kommt man zu der einigermaßen deprimierenden Feststellung, daß vieles von dem versäumt wird, was auf diesem Gebiet auch von seiten des Westens getan werden könnte bzw. müßte. Man sieht wohl die Notwendigkeit, daß bei der sog. Entwicklungshilfe der landwirtschaftliche Sektor nicht vernachlässigt werden darf, wie das heute noch in weitgehendem Maße geschieht. Aber man sieht die Hilfestellung auf dem landwirtschaftlichen Gebiet in erster Linie als eine Aufgabe an, die sich auf den produktionstechnischen Bereich beschränkt und verkennt, daß die agrarökonomischen und agrarpolitischen Maßnahmen vielleicht ebenso wichtig sind. Zum Beispiel bezieht sich die landwirtschaftliche Entwicklungshilfe, die in großem Maßstab von der F AO geleistet ,wird, zum weitaus überwiegenden Teil auf den agrartechnischen Bereich. Das ist insofern verständlich, als die F AO nicht von sich aus in Aktion treten kann, sondern nur auf Antrag der betreffenden Entwicklungsländer durch Entsendung von Experten und andere Maßnahmen ihre Hilfe leistet. Häufig bedarf es aber nur eines Anstoßes von außen, um auch auf dem anderen Gebiet ein sinnvolles Entwicklungsprojekt in Gang zu bringen. Man muß also in den Entwicklungsländern selbst die Erkenntnis fördern, daß auch auf dem agrarökonomischen und dem agrarpolitischen Gebiet eine verstärkte internationale Zusammenarbeit notwendig und nützlich ist. Für die Steigerung der Hektarerträge kann eine Verbesserung der Agrarstruktur unter Umständen mehr bewirken als die Einführung eines neuen Düngemittels. Bei dem größten Teil der Experten, die -sei es von seiten der FAO, sei es von seiten des großen Apparates, den die Amerikaner für diesen Zweck aufgebaut haben - in der landwirtschaftlichen Entwicklungshilfe tätig sind, handelt es sich um Fachleute der Agrartechnik. Soweit auch Agrarökonomen zum E:insatz kommen, sind es fast ausschließlich Marktökonomen, während die Sozialökonomen bisher nur in vereinzelten Fällen in Aktion getreten sind. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß wir bei der Entwicklungshilfe in Konkurrenz zu den Ostblockländern stehen. Dabei handelt es sich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
30 Christian Hofmann Bei den Feudalsystemen liegen die Dinge in der Regel ungünstiger. Hier handelt es sich um Latifundien und um Großeigentum, das kleinbetrieblich verpachtet wird, mit den dazugehörigen Pachtformen (Arbeitsund Teilpacht). Im Hinblick auf die Möglichkeiten gesamtwirtschaftlicher Entwicklung weisen die Feudalsysteme folgende Merkmale auf: Sie sind kein Aggregat der Gesamtwirtschaft. Zwar beträgt die Marktleistung rund 50 Prozent der Produktion (Pachtschillinge, Steuern und Exporterlöse), aber die Erlöse werden allenfalls für Ersatzinvestitionen verwendet. Sie führen nicht zu Neuinvestitionen in irgendeinem Wirtschaftsbereich. Die Grundherren betrachten ihre Ländereien nur als Rentenquelle und nicht als Objekt für gewinnbringende Investitionen. Die Teilpächter der nicht zentral verwalteten Großbetriebe wie die Arbeitspächter der Latifundien sind geistig und materiell so sehr von den Grundherren abhängig, daß sie zu einer eigenen Initiative nicht fähig sind. Mit zunehmender Bevölkerung verarmen sie zusehends und sind daher nicht in der Lage, die wachsende Bevölkerung im bisherigen Umfange zu ernähren, geschweige denn der aufzubaruenden heimischen Industrie einen Markt zu sichern. Der soziologische Verband der Großfamilie, für die Bevölkerung der meisten i\grarsysteme der Entwicklungsländer typisch, ist ein Hindernis für die Herausbildung einer rationellen Arbeitsteilung. Er verhindert andererseits die Bildung offener Arbeitslosigkeit. Die st€'Uerliche Ertragskraft der Feudalsysteme wird dem steigenden Finanzbedarf der Entwicklungsländer nicht mehr gerecht. III. Landreform als Instrument der Entwicklungspolitik Einfach gesagt: die starke Bevölkerungszunahme führt bei einer im ganzen stagnierenden Agrarproduktion zu verminderten Einkommen. Die Sparquote wird kleiner. Die Ertragserw'artung Lür Investitionen in Bereichen, die der Breitenentfaltung der Volkswirtschaft dienen, ist auch aus Gründen, die im Zustand der Agrarwirtschaft liegen, gleich Null. Ohnehin sind Orientalen eher geneigt, Handel 'zu treiben, als zu prod'llzieren. Daher ist auch die Investitionsneigung gleich Null. Bei dieser Sachlage sind die Regierungen der Entwicklungsländer geneigt, den Hebel nicht beim Sparen, sondern bei autonomen Investierungen ,anzusetzen. Werden nun durch die Regierungen in den nichtlandwirtschaftlichen Wirtschafts:sektoren autonome Investitionen durchgeführt, so entstehen Einkommen, denen nur ein langsam anwachsendes Güterangebot gegenübersteht. Außerdem wird durch diese Einkommen hauptsächlich die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Agrarreform als Voraussetzung für den Wirtschaftsaufbau 31 Nachfrage nach Nahrungsmitteln erhöht. Ihre Preise steigen. Unter sonst gleichbleib enden Umständen hätte dies den Effekt, daß die heimische Indrustrie ihr,e inländischen Absatzmöglichkeiten einbüßt, weil ein noch größerer Teil des Einkommens der Privaten für Nahrungsmittel aufgewendet werden muß. Der Regiel'ung bleiben drei Möglichkeiten, nämlich a) geldpolitischer Art. Sie kann die Notenpresse in Bewegung setzen, um die nominelle Kaufkraft zu schaffen, die zur Erhaltung der inländischen Absatzmöglichkeiten der heimischen Industrie notwendig ist; b) handelspolitischer Art. Sie kann Nahrungsmittel einführen. Das belastet die Zahlungsbilanz; c) produktionspolitischer Art. Sie kann die sozialökonomischen Organisationsformen der Landwirtschaft ändern und im Hinblick auf die öffentlichen Bedürfnisse modernisieren. Agrarreform oder Landreform, wie man häufig sagt, besteht nicht nur in einer Veränderung der Rechte an Boden. Sie wird heutzutage als ein Komplex von Maßnahmen produktions-, kredit-, finanzund handelspolitischer Art betrachtet. Dazu gehören Umverteilung des Ei,gentums am Boden, Ver:besserung der Stellung des Pächters unter Beibehaltung des Rechtsinstitutes der Pacht, Flurbereinigung, Verbesserung des Status der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter, gerechte und vernünftige Verteilung des neugewonnenen Landes, Bereitstellung ausreichender Kredite zu tragbaren Bedingungen, ökonomisch sinnvolle Besteuerung. Hinzru kommen noch Maßnahmen zur Förderung von Ausbildung und Beratung und des Genossenschaftswesens. Im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wird von einer Landreform erwartet, daß sie erlaubt, Produktion, Produktivität und Einkommen und gleichzeitig die Beschäftigung in der Landwirtschaft zu heben. Einige Länder, zum Beispiel Ägypten, benutzen die Maßnahmen der Landreform darüber hinaus dazu, die Verwendung der neugeschaffenen Einkommen zu steuern und Kapital aus der Landwirtschaft in nichtlandwirtschaftliche Bereiche umzulenken. IV. Wirkung auf Agrarproduktion und Beschäftigung Bezüglich der Wirkungen der Landreform gilt folgendes: Die Entwicklung der Produktion hän,gt von einer Fülle subjektiver und objektiver Faktoren ab. Im Hinblick auf die objektiven Möglichkeiten ist durch die Ablösung der starren Agrarsysteme die Möglichkeit gegeben, intensivere Methoden der Flächennutzung einzuführen. Damit verändert sich die Produktivität der Flächen. Das Produkt je vorhandeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
32 Christi an Hofmann ner Flächeneinheit wird größer, und als Folge davon steigt das Gesamtrealeinkommen, mit anderen Worten das Güterangebot, das den Einkommen der Nichtlandwirtschaft gegenüberstehen soll. Soweit Plantagen oder Getreidefabriken zerschlagen werden, ist damit zu rechnen, daß die Exportleistung sinkt. Es besteht jedoch die Chance, daß sich auch um kleinere VeI1brauchszentren Zonen intensiver Agrikultur bilden. Der Produktionseffekt ist nicht beliebig gestaltbar. Auch von der Natur reich gesegnete Flußtäler sind unterentwickelt, sobald der Boden die zunehmende Zahl an Menschen nicht mehr zu ernähren vermag. Bei dem Versuch, diesen toten Punkt 7JU überwinden, 'begegnet aber gerade die intensive Landwirtschaft besonderen Schwierigkeiten. Der Effekt des universell verfügbaren technischen Fortschrittes ist in den intensiven Kleinbetrieben geringer als in extensiven Großbetrieben. Auch der organisatorische Produktionsfaktor Landreform unterliegt offenbar dem Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs. Im Rahmen dieses Gesetzes beruht der Produktionseffekt der Landreform vollkommen auf den Maßnahmen, die getroffen werden können, um den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft voranzutreiben. Die Landreform bereitet den Boden für agrartechnische Maßnahmen zur Produktionsförderung im engeren Sinne, nicht mehr und nicht weniger. Es versteht :sich daher, daß es beständiger Anstrengungen bedarf, die Agrarstruktur anpassungsfähig zu halten, um auch in Zukunft den Fortschritt zum Zuge kommen rw lassen und den Erfordernissen des Marktes gerecht werden zu können. Dieser Effekt der Agrarreform wird auch durch subjektive Faktoren begrenzt. Für ,die Beantwortung der Frage, ob die Agrarproduktion nach 'einer Reform auch nur im bisherigen Umfan§e gehalten werden kann, ist unter anderem der Ausbildungsstand der Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Sind die Bauern nicht an einer Besserung der eigenen Lebenshaltung interessiert, kann die Produktion zusammenbrechen. Eine Senkung der Pachtschillinge würde erlauben, den bisherigen Lebensstandard mit weniger Mühe aufrechtzuerhalten. Dem vorzubeugen, wird man sich auf absehbare Zeit hin mit strengen genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, etwa in Form von Produktionsförderungsgenossenschaften, behelfen müssen. Die Frist, innerhalb der die Maßnahmen der Agrarreform zu Produktionserhöhungen 'beitragen, hängt also von den ,genannten objektiven und subjektiven Faktoren ab. In einigen Fällen, zum Beispiel in Mexiko, waren erst nach dreißig bis vierzig Jahren positive Produktionseffekte erkennbar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Agrarreform als Voraussetzung für den Wirtschaftsaufbau 33 Auch die Wirkung auf die Beschäftigung ist nicht in allen Fällen günstig. Selbst wenn, wie in Ägypten, die Flächenerträge noch zu steigern sind, ist es fraglich, ob duZIU auch nennenswert mehr Menschen gebraucht werden. In dünner besiedelten Ländern ist hingegen damit zu rechnen, daß eine offene oder verdeckte Arbeitslosigkeit verschwindet. Jedoch kann auch in solchen Ländern der Beschäftigungseffekt unbefriedigend sein. Die türkischen Grundherren gingen nach der Landreform dazu über, die ihnen verbliebenen Grundstücke in e1gener Regie ZlU bearbeiten und nicht länger zu verpachten. Durch die Anschaffung von Traktoren und Mähdreschern wurde ein großer Teil der ehemaligen Pächter brotlos und mußte in die Städte abwandern. V. Wirkung auf EinkommensverteiIung und -verwendung Landreform verändert auch den Lauf der Einkommensströme. Die be.günstigten ehemaligen Landarbeiter und Pächter erhalten mit ihren Familien einen veI"größerten Anteil an dem Produkt, das sie erstellen. Wegen der großen Zahl unökonomisch kleiner Betriebe wird die Landreform häufig nur von geringem Einfluß auf die absolute Höhe des Familieneinkommens sein. Die Betriebe sind einfach zu klein, um dem Inhaber ein Auskommen zu bieten, ob nun Pacht zu zahlen ist oder nicht. Aber für die Gesamtwirtschaft ist eine andere Sicht erforderlich. Unter der Voraussetzung, daß die Produktion nach der Reform aufrechterhalten werden kann, ibringt eine Reduktion der bäuerlichen Lasten etwa von 65 Prozent auf 30 Prozent der Ernte eine Verdoppelung des Einkommens dieser Bevölkerungsschicht mit sich. Das ist ein sehr wirkungsvolles Instrument zur Beeinflussung der Gesamtwirtschaft, sofern die Verwendung dieser neuen Einkommen gesamtwirtschaftlich richtig gesteuert werden kann. Um diese Steuerung -die übrigens nicht nur verwaltungsmäßig schwierig, sondern auch in den nationalökonomischen Wirkungszusammenhängen heikel ist - bemühen sich einige Entwicklungsländer. Sie zahlen einen Teil der Erlöse in Form von Betriebsmitteln (KunstdÜIlJger) und Konsumgütern aus. Darüber hinaus werden Zwangssparmaßnahmen angewandt. Die Landreform berührt auch die Einnahmen des Staates. In einigen Teilen Indiens verbesserte die Ausschaltung der Zamindari (ursprünglich Steuerpächter der ehemaligen britischen Kolonialverwaltung) und ihrer ZwiJschenpächter nicht so sehr die Einkünfte der Bauern, sondern vor allem die der Staatskasse. Die Pächter haben in Zukunft einen Teil der Beträge, die die Ste'l.lerpächter einzogen, direkt an den Staat zu entrichten. 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolltik 43 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
34 Christian Hofmann Diese Umlenkung der EinkommensstrÖIne läßt auf kurze Frist die stärkste Rille für die gesamtwirt.schaftliche Kapitalakkumulation aus Mitteln der Landwirtschaft erwarten. Voraussetzmng ist ein wirksamer Staatsapparat, um einerseits die Anwendung der Schutzgesetze ~u erzwingen und andererseits eine sinnvolle Verwendung der neuen Einkommen der Begünstigten sicherzustellen. Am Rande sei vermerkt, daß diese neugeschaffene \virksame Nachfrage erfahrungsgemäß nur dann Investitionen induziert, wenn diese schon vorher im Entwicklungsplan (Nationa1budget) enthalten waren. VI. Agrarreform als Methode für den Kapitaltransfer Agrarreform kann als Methode benutzt werden, den Transfer von Kapital aus der Landwirtschaft in nichtlandwirtschaftliche Wirtschaftszweige zu bewerkstelligen. In der Praxis gibt es hierfür viele Möglichkeiten durch die Formen der Ablösung der Eigentumsrechte. So gab man in Korea den Grundherren Staatstitel, die zwar grundsätzlich nicht handelsfähig waren, wohl aber zum Ankauf der beschlagnahmten ehemaligen japanischen Industrieanlagen verwendet werden konnten. Durch eine Vielzahl von anderen Maßnahmen, unter anderem Devisenzwangswirtschaft, gelang es in einigen Ländern, die Grundherren zu ,zwingen, ihre Ersparnisse und Entschädigungen produktiver als in der Vergangenheit anzulegen. Wenn von den Möglichkeiten abgesehen wird, den Eigentumsübergang von einem Großgrundbesitzer zu einem Kleinbauern aus Staatsmitteln oder aus Mitteln ausländischer Geldgeber zu finanzieren - derartige Realkredite sind grundsätzlich abzulehnen -, so ist die Zeitdauer der Kapitalverschiebung abhängig von den Ratenzahlungen der neuen Besitzer. Die Durchführung des Kapitaltransfers nimmt unter diesen Umständen eine Zeitdauer von zehn bis 50 Jahren in Anspruch. Zusammenfassend wird klar: Soll die Landwirtschaft der Entwicklungsländer als Basis für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft dienen, so muß sie in den Einkommensund Güterkreislauf der Gesamtwirtschaft einbezogen werden. Die Einkommen müssen anders als bisher verteilt werden, und zwar sowohl zwischen den privaten Einkommensbeziehern als auch zwischen den Privaten und dem Staate. Die VIerwendung der Einkommen muß in einer gesamtwirtschaftlich erwünschten Weise erfolgen. Wenn das gelingt, ist auf kurze Frist viel erreicht. Mehr ist schlechterdings nicht zu erwarten. Auf längere Sicht ist dieser Anfangserfolg jedoch nur dann zu stabilisieren, wenn Produktion, Produktivität, Beschäftigung und das RealOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Agrarreform als Voraussetzung für den Wirtschaftsaufbau 35 einkommen insgesamt erhöht werden können. Nebenbei sei bemerkt, daß in der Zwischenzeit Nahrungsmittelimporte erforderlich werden können. VII. Agrarreform und Entwicklungshilfe Zur erfolgreichen Durchführung der Veränderungen im Agrarsektor müssen die Regierungen der Entwicldungsländer eingehende Kenntnisse der Einsatzmöglichkeiten der Einzelmaßnahmen einer Agrarreform besitzen oder erwerben. Dazu sind sowohl klare Vorstellungen über die unmittelbaren als auch über die mittelbaren Wirkungen erforderlich. Die Staatsverwaltung sollte außerdem die nötige Durchschlagskraft besitzen, um die Durchführung der Maßnahmen erzwingen zu können. Der Gesamtbereich der Agrarreform ist innenpolitisch ein heißes Eisen. Unabhängig von dem Grundsatz, daß Entwicklungshilfe nur auf Antrag gewährt wird, empfiehlt sich für die Geberländer auf dem Gebiete der Agrarreform daher große Zurückhaltung und Vorsicht. Nachdem die Entwicklungshelfer aus dem hier angedeuteten gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang jedoch an der Agrarreform interessiert sind, ist es unumgänglich, daß sie auch Maßnahmen der Agrarreform fördern. Auch die Bundesrepublik tut das im Rahmen der von ihr gewährten Technischen Hilfe. Bei ihren Projekten handelte es sich bisher in erster Linie um Musterbetriebe zur Weiterbildung der Bauern und um Versuchsbetriebe und Versuchsanstalten zur Vertiefung des technischen Wissens. Die zuständigen Stellen der Bundesrepublik halten sich jedoch sorgfältig von Maßnahmen fern, die die N ehmerländer als Einmischung in ihre inneren Belange werten könnten. Die Vereinigten Staaten gehen einen Schritt weiter und verlangen in gewissen Fällen, daß vor oder gleichzeitig mit der Gewährung von Entwicklungshilfe Maßnahmen zur Veränderung der Agrarverfassung durchgeführt werden. Die Maßnahmen der Technischen Hilfe zur Unterstützung der Landreform haben den Vorzug, daß sie in bestimmten Situationen alternativ zu den Maßnahmen der Finanzhilfe für die Nichtlandwirtschaft eingesetzt werden können. Dies gilt selbstverständlich nur innerhalb gewisser Grenzen, die im Einzelfalle genau untersucht werden müssen und insbesondere nur dann, wenn die verschiedenen Arten der Entwicklungshilfe in allen Bereichen der Wirtschaft kombiniert und konzentriert in zeitlicher und räumlicher Hinsicht angewandt werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
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Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums der Entwicklungsländer anzustreben und welche Grenzen sind solchen Bestrebungen gesteckt? Von Dr. Wilhelm Hankel (Frankfurt) I. Industrialisierung -Warum? Der Wunsch der Entwicklungsländer, sich zu industrialisieren, orientiert sich -soweit er ökonomischen Motiven entspringt -zunächst einmal am Augenschein. Wenn unsere Statistiken nicht trügen, war noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Welteinkommensverteilung, wichtiger noch: die Höhe des Prokopfeinkommens, in der damals ökonomisch erschlossenen Welt annähernd gleich. England war kaum reicher als Indien und Indien kaum ärmer als Japan. Dann begann das Wirtschaftswunder jener Zeit. Die industrielle Revolution ließ nach einer Zwischenphase extremer K,apitalbildung, die zu Lasten der bisherigen Einkommensverteilung ging (Agrarund Arbeitseinnahmen gingen relativ zurück), die Prokopfeinkommen der neuen Industrieländer steil ansteigen - trotz ihres gleichzeitigen beträchtlichen Bevölkerungswachstums. Diese statistisch belegbare, wenn auch theoretisch längst nicht genügend durchleuchtete Parallelität von Industrialisierung und säkularer Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums in den sich industrialisierenden Ländern stellt zweifellos eines der wesentlichsten Motive für die Industrialisierungsbestrebungen der heutigen Entwicklungsländer dar. Doch ist dieses Motiv selber erklärungsbedürftig. Nicht einmal in unserem ökonomischen Zeitalter sind volkswirtschaftliche Dynamik und wirtschaftliches Wachstum Ziele an sich. Das Interesse an der Ausbreitung der Wirtschaft und der Beschleunigung ihres Wachstums, als dessen stärkster Motor in nahezu allen Entwicklungsländern die Industrialisierung angesehen wird, muß seinerseits vor dem Hintergrund zweier historischer Parallelentwicklungen gesehen werden. Die erste ist der mit der Industrialisierung einsetzende Aufstieg der neuen Industrieländer zu politischer WeltmachtsteIlung. Zwar ist die historische Durchdringung dieses Prozesses bis heute die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, ob England im 19. Jahrhundert und die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
38 Wilhelm Hankel Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert nicht auch ohne ihre industriell geprägte und verstärkte Wirtschaftskraft zu weltbeherrschenden Mächten aufgestiegen wären; manches spricht dafür, manches auch dagegen. So lange jedoch diese letzte Klarheit fehlt, wird die von den japanischen Samurais um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Doktrin und von den Sowjets später zum Dogma ausgebaute Lehre, daß keine politische Macht ohne wirtschaftliche Untermauerung möglich sei, ihre Gläubigen nicht verlieren - weder bei uns, die wir die Militärstärken rivalisierender Weltmächte in Sozialprodukten messen, noch in den Entwicklungsländern. Doch geht es den Entwicklungsländern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei ihren Industrialisierungsbestrehungen im Gegensatz zu den Entwicklungsländern der ersten Jahrhunderthälfte (Japan und Sowjetunion) weit weniger um rein außenpolitische Ziele, obwohl auch sie eine Rolle spielen. Den meisten Entwicklungsländern geht es heute um ein mehr innenpolitisches Ziel. Sie alle, vor ,allem aber die asiatischen und lateinamerikanischen Länder, stehen im Bann einer zweiten Parallelentwicklung: ihrem mit Abnahme der Sterblichkeit geradezu lawinenarti<g anschwellenden Bevölkerungsüberschuß. Diese "Herausforderung" (Toynbee), unter der diese Länder stehen, bedarf hier keiner weiteren Kommentierung. Vermag doch auch der Nichtvolkswirt sich vorzustellen, wie schwierig es ist, ein Bruttosozialprodukt jährlich um etwa 21 /2 vH ZIU steigern. Vermehrt sich in dieser Zeit die Bevölkerung um annähernd denselben Prozentsatz, war, bezogen auf den Menschen, auf den es ja ankommt, die ganze wirtschaftliche Anstrengung eines Jahres umsonst; die Verhältnisse bleiben so schlimm wie sie waren. Was Wunder, daß die Entwicklrungsländer in der Industrialisierung mit ihren vergleichsweise hohen Prodcuktionsund Wachstumsraten das Vehikel sehen, das sie am raschesten und wirksamsten aus der Gefahrenzone ihrer drückendsten innerwirtschaftlichen und sozialen Nöte herausführt. Keine Betrachtung über die Industrialisierungsmotive der heutigen Entwicklungsländer kann diese beiden politischen Aspekte auslassen. Doch darf ich meine ,dritte und letzte Selbstbeschränkung darin sehen, es im folgenden trotzdem bei der rein ökonomischen Motiverforschung zu belassen; verlangt doch die politische Analyse zusätzlich noch ein wesentlich anderes Handwerkszeug, als es dem Ökonomen zur Verfügung steht. Kehren wir also zurück zu dem Zusammenhang, der zwischen Industrialisierung, der dadurch veränderten Zusammensetzung des Bruttosozialprodukts, seiner Höhe und seinem Wachstum besteht. Bis in die neueste Zeit hinein wachsen Bruttosozialprodukte mit einem hohen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 39 Anteil von Industrieproduktion und -einkommen rascher und vor allem stetiger als Bruttosozialprodukte mit geringeren Industrialisierungsquoten. Die heutigen Industrieländer Westeuropas beziehen gut 40 vH ihres Bruttosozialprodukts 'aus industrieller Wertschöpfung; da allein die Industrieprodruktion in diesen Ländern jährlich um 7-8 vH real zunimmt, ist damit statistisch bereits eine Wachstumsrate des realen Bruttosozialprodukts um über 3 vH "gesichert". Tatsächlich ist das reale Bruttosozialprodukt dieser Länder in den fünfziger Jahren um jährlich zwischen 6 und 7 vH gewachsen. Bei einer Bevölkerungsvermehrung von gut 1 vH hat sich also das reale Prokopfeinkommen in dieser Zeit um jährlich über 5 vH erhöht. Umgekehrt übersteigt in den heutigen Entwicklungsländern der Anteil von Industrieproduktion und -einkommen am Bruttosozialprodukt (selbst wenn man Bergbau, Energieund Bauwirtschaft dazu rechnet) nur selten 20 vH; rund 80 vH ihres Bruttosozialprodukts entstehen - wie in den Industrieländern vor Beginn der industriellen Revolution - in Landwirtschaft und Handel. Das reale Wachstum, wenn es überhaupt zu verzeichnen ist, übertrifft - wenn man die Gruppe der europäischen Entwicklungsländer außer Betracht läßt - nur in Einzelfällen 3 vH; es liegt dabei nur unwesentlich über der gleichzeitigen Vermehrungsrate der Bevölkerung. In vielen Entwicklungsländern ble~bt jedoch der reale Sozialproduktsanstieg noch hinter diesem Durchschnitt und damit auch hinter dem Bevölkerungszuwachs zurück. Es herrschen buchstäblich die in den Industrieländern seit etwa 120 Jahren ausgestorbenen Bedingungen eines Malthusianischen Armuürgleichgewichts; das Prokopfeinkommen -als Ausdruck des individuellen Lebensstandards - geht zurück. Wie läßt sich diese Beschleunigungswirkung der Industrialisierung auf das wirtschaftliche Wachstum erklären? Geht man das theoretische Schrifttum daraufhin durch, kommt man zu der Feststellung, daß es im Grunde nur die mit der Industrialisierung verbundenen Begleiterscheinungen oder "Nebenwirkungen" sind, die sie hervorrufen. Gewiß, diese Nebenwirkungen bedeuten, sieht man genauer hin, durchweg tiefe Eingriffe, um nicht zu sagen Korrekturen von Wirtschaftskreislauf und -struktur dieser Länder. Beginnen wir mit den wichtigsten Korrekturwirkungen der Industrialisierung auf den Wirtschaftskreislauf der Entwicklungsländer. Erste - und von den gängigen Wachstumstheorien am häufigsten zitierte - Nebenwirkung der Industrialisierung ist, daß sie höhere Investitionen nach sich zieht. Fast noch wichtiger jedoch ist, daß die Industrialisierung über ihren laufenden Ersatzbedarf (Verschrottung) und die entsprechend hohen Abschreibungsquoten die Kontinuität wie auch die Finanzierung der industriell verstärkten Kapitalbildu.l1g OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
46 Wilhelm Hankel übergehen: sie teilen die knappen Drittwährungen strenger zu als ihre "Binnenwährung" - mit dem handelspolitisch oftmals nicht unerwünschten Nebeneffekt, daß die abhäng1gen Gebiete anfangen, Importe und Schuldaufnahmen verstärkt in die Leitwährungsländer umzulagern. Für unser Thema ist jedoch generell bedeutsam: der überbewertete Wechselkurs führt, wo immer er auftritt, zu einer systematischen überschätzung der eigenen Verschuldungsfähigkeit, denn er mißt die Aufnahme von Auslandskapital mit einer kleineren Elle 'als die späteren Entschuldungsmöglich.keiten. Er erleichtert die Verschuldung und erschwert über die erschwerten Verkaufsmöglichkeiten der eigenen Produkte im Ausland die spätere Entschuldung. InfoLgedessen tritt zu der inneren überkapitalisierung eine äußere Überkapitalisierung, eine zu große Auslandsverschuldung, die inzwischen f.ür nahezu alle Entwicklungsländer typisch geworden ist. Diese beiden Tendenzen - der inn'eren und der äußeren Überkapitalisierung -finden ihren gemeinsamen und sich verstärkenden Niederschlag in der Zahlungsbilanz. Die Zahlungsbilanz wird, bildlich gesprochen, zum Esel, der die Lasten beider Fehlentwicklungen zu tragen hat, die aus der inneren Überkapitalisierung resulti,erende Verschlechterung der Exportmöglichkeiten und den aus der äußeren Verschuldung erwachsenden Kapitaldienst. Ein Großteil der prekären Zahlungsbilanzsituation der heutigen Entwicklungsländer muß m. E. auf diese beiden Faktoren zurückgeführt werden. Die betriebswirtschaftlich falsche Industrialisierung verschärft somit die Zahlungsbilanznöte der Entwicklungsländer, statt sie, wie sie es gesollt und gekonnt hätte, davon zu entlasten. 3. Die Wirtschaftsplanung vieler Entwicklungsländer ist zu technokratisch. Es wäre zu einseitig, wenn nicht gar schief, die falsche Produldionsplanung vieler Entwicklungsländer einzi,g und allein aus den verzerrten Kalkulationsmaßstäben zu erklären. Mehrere Faktoren wirken zusammen: sie stehen teilweise hinter den eben genannten Erscheinungen und wirken durch sie hindurch; teilweise wirken sie aber auch neben ihnen, wie beispielsweise gewisse "Verhaltensweisen". Ohne diesen ebenso vielschichtigen wie interessanten Komplex auch nur annähernd ausschöpfen zu wollen, sei nur auf einen Punkt hingewiesen, auf den ich auf meinen Entwicklungsrei:sen aufmerksam geworden bin. Die Produktionsplanung der meisten Entwicklungsländer liegt nicht in den Händen von Volkswirten, sondern von Ingenieuren. Nicht, als ob der Ingenieur keinen Sinn für ökonomische Planung hätte, er sieht die Dinge jedoch durch eine andere Brille. Wo Techniker planen, herrscht die Neigung vor, Industrialisierungsprojekte zunächst einmal OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 47 von ihren mehr natürlichen Voraussetzungen her zu sehen, vor allem vom verfügbaren Rohstoffangebot. Marktund Absatzüberlegungen werden zwar auch angestellt, doch erscheinen sie dem Techniker nicht wie dem Wirtschaftler als Voraussetzungen jeder Planung sondern vielmehr alsFolgemaßnahme und rücken schon deswegen oft nicht nur zeitlich an die zweite Stelle. Wir haben in unserer eigenen Arbeit viele Beispiele dieser Art erlebt: Staudämme, die vom vorhandenen Wasserdargebot technisch einwandfrei (manchmal allerdings auch das nicht) geplant wurden, ohne Rücksicht auf den vorhandenen oder nicht vorhandenen Absatz für die aus der Kultivierung anfallenden Früchte, auf vorhandenes Siedlerpotential, Eignung der Böden, Studium der Anbaumäglichkeiten usw. Nicht zuletzt auch ohne Rücksicht darauf, ob der dem Land verbleibende erhebliche Eigenanteil an der Finanzierung (lokale Kosten) überhaupt gesichert bzw. zumutbar ist. Oder: Ölmühlen in Ländern mit eigener Erdnußproduktion wurden ohne zureichende Kenntnis der Gesamtsituation des Ölfruchtmarktes und der dort vorherrschenden Konkurrenzund Substitutionsverhältnisse geplant. Aber auch der umgekehrte Fall ist häufig: daß zwar vom vorhandenen Marktbedürfnis her geplant wird, beispielsweise eine Textilindustrie, daß diese jedoch dank des gewählten technischen Verfahrens viel zu aufwendig ist -Beispiele, die sich beliebig mehren ließen. Nicht nur, daß es schwerfällt, betriebswirtschaftlich richtige Kalkulationsund damit Plangrößen zu finden. Die "Verhaltensweise" der maßgeblichen Planer ist oftmals so, daß sogar gegen erkennbare natürliche Preise, Kosten und Erträge geplant wird. III. Volkswirtschaftliche Kriterien der Projektauswahl Wenn es in den meisten Entwicklungsländern für eine betriebswirtschaftlich richtige Bestimmung der jeweils besten Produktion und des jeweils besten Produktionsverfahrens buchstäblich noch zu früh ist - an welchen Ersatzkriterien können sich Projektplaner und -prüfer stattdessen orientieren? Läßt sich bei nur unzureichender Kenntnis der "natürlichen" Faktorpreise und -erträge und bei Bestehen eines fehlerhaften Geldumrechnungsmaßstabes überhaupt so etwas wie eine ökonomisch rationale Verfahrensauswahl vornehmen? Es ist eine alte Weisheit, daß immer dann, wenn die Betriebswirtschaftslehre mit guten Gründen die Antwort schuldig bleibt, die Volkswirtschaftslehre in die Bresche springen muß. Da die betriebswirtschaftliche Nutzen- (Rentabilitäts-)ermittlung aus den genannten Gründen nur einen ungefähren Anhalt von der Richtigkeit des gewählten Verfahrens vermittelt (oft noch nicht einmal diesen), muß eine volkswirtschaftliche Analyse mit dem Ziel vorgenommen werden, uns AufOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
48 Wilhelm Hankel schluß über den volkswirtschaftlichen oder sozialen Nutzen der betreffenden Produktion bzw. Produktionsvel'besserung zu geben. Zunächst: Was versteht man unter dem volkswirtschaftlichen oder sozialen Nutzen eines Vorhabens, und wie stellt man ihn fest? Beginnen wir mit dem zweiten Teil der Frage: der volkswirtschaftliche Nutzen ist letztlich keine Sache der Bemessung, sondern eine Sache der Bew-ertung. Bewertungen -das weiß jeder - sind immer heikel, weil sich in ihnen bewußt oder unbewußt die politisch gefärbten Werturteile und Präf'erenzen von Projektplanem und -prüfern niederschlagen. Wir wollen diese Seite der Sache gar nicht bagatellisieren; sie verlangt eigentlich, daß es so etwas wie eine allgemein anerkannte welfare-Theorie der Entwicklungsp1anung gäbe. Doch bestätigt sich in der Praxis tröstlicherweise immer wieder, daß Bewertungsdifferenzen, zumal zwischen Planem und Prüfern, weit weniger in den sachlichen Schwerpunkten der vorgesehenen Maßnahmen zutage treten als vielmehr in ihrer zeitlichen Reihenfolge. Das ist zwar für die praktische Arbeit oft schlimm genug, für unsere theoretische Betrachtung jedoch gottlob nicht ganz so gravierend. Man kann hier nämlich, wenn man die Dinge theoretisch in den Griff bekommen will, 'Von einem unter Volkswirten weitgehend unbestrittenen Ziel und von einem unter Volkswirten ebenso weitgehend unbestrittenen Axiom al\.lSgehen. Das Ziel heißt: in den Entwicklungsländern sollen die als wachstumshemmend empfundenen Disproportionalitäten von Wirtschaftskreislauf und -struktur beseitigt werden, deren ins Gewicht fallendste wir bereits kennengelernt haben. Das Axiom heißt: für die Produktionsplanung sind die Nachfragefaktoren wichtiger als die vorhandenen Angebotsmöglichkeiten. Mineralien, Ölfrüchte, Baumwolle und andere natürliche Voraussetzungen stellen nur insoweit geeignete Ausgangspunkte einer auf ihnen aufbauenden einheimischen Verarbeitung dar, als sich für die neuen Produkte auch eine ausreichende, d. h. die Produktionskosten deckende inund/oder ausländische Nachfrage nachweisen läßt - eine Trivialität zwar, gegen die jedoch nicht selten - wie wir bereits gesehen haben -verstoßen wird. Mit diesem Ziel -Beseitigung der inneren Wachstumshemmnisse - und dieser Richtung -Ausschöpfung des Nachfragestatt des Angebotspotentials - sind bereits die beiden obersten und zugegeben noch etwas allgemeinen Bewertungskriterien der volkswirtschaftlichen Nutzenermittlung gewonnen. Trotrzdem läßt sich mit ihrer Hilfe bereits eine erste und wichtige Vorauswahl treffen. Sie reicht natürlich in den seltensten Fällen aus und muß daher verfeinert werden. Das nächstwichtigste Kriterium ist daher die Unterteilung nach Inund/oder OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 49 A'USlandsnachfrage: Soll die betreffende Produktion bzw. Produktionsverbesserung primär für den Binnenoder den Außenmarkt arbeiten? Auch diese Frage läßt sich noch verhältnismäßig werturteilsfrei beantworten, nämlich mit Böhm-Bawerks, wenn auch in anderem Zusammenhang formulierten Imperativ: die Zahlungsbilanz befiehlt! Wenn, wie heute schon in vielen Entwicklungsländern, die Devisenund Transferlage bis zum äußersten gespannt ist, sollte es auch unter den Entwicklungsplanern keinen Zweifel mehr geben, daß in dieser Situation alle Priorität den unmittelbaren und raschen Devise'llbringern gebührt. Groß angelegte Entwicklungsoffensiven, ausgehend von mit vieler Infrastruktur künstlich geschaffenen Standortoasen (wie sie beispielsweise in Brasilien und Indien zum Konzept erhoben wurden), sind nicht nur eine Sünde wider den natürlichen Zins und die Zahlungsbilanz. Sie gefährden, wie gerade die beiden Beispiele Brasilien und Indien zeigen, mit der Zahlungsbilanz zugleich auch den gesamten Entwicklungsplan und -prozeß. Die Zahlungsbilanz und ihr stabiler Ausgleich sind zwar kein Selbstzweck, wohl aher der neuralgische Punkt aller Binnenexpansionsbestrebungen und -ziele. Die Zahlungsbilanz repräsentiert, wenn man so will, das Bankkonto der Nation, das jederzeit höchst unsentimental Aufschluß darüber gibt, was man sich an innerer Expansion noch leisten kann. Deshalb ist es für jede Administration, die sich ihre Handlungsfreiheit bewahren will, oberstes Gebot, dieses Konto, werm es debitorisch zu werden droht, rechtzeitig genug wieder aufZlUfüllen. Es kommt hinzu, daß die raschen Exportbringer zumeist die Produktionen und Projekte sind, bei denen das betreffende Land über einen komparativen Vorteil verfügt, den es nutzen kann. Umgekehrt folgt daraus, daß in dem Umfang, in dem das Zahlungsbilanzkonto den Spielraum dafür schafft, die Binnenrnarktorientierung an Bedeutung zunimmt. Natürlich muß innerhalb des weiten Feldes der Binnennachfrage gründlich selektiert werden. Als grobe Faustregel kann man feststellen, daß hierbei die Priorität im großen und ganzen der Nachfrageelastizität folgt. Starre Nachfrage, wie z. B. in einer Phase relativer Unterentwicklung die nach den Primärgütern (Lebensmittel, Kleidung), bietet, wie leicht ersichtlich, die relativ größten und sichersten Marktchancen. Viel zu wenig beachtetes historisches Muster dieser Entwicklung ist Japan, das seine Industrialisierung mit der Konsumgüterindustrie (Textil) begann und mit der Schwerindustrie (Eisen und Stahl) beschloß. Zwischen der reinen Zahlungsbilanzund der reinen Binnenmarktorientierung liegt die kombinierte Orientierung an Zahlungsbilanz und Binnenmarkt durch importsubstituierende Produktion. Da die Import4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 43 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
50 Wilhelm Hankel belastung nahezu aller Entwicklungsländer hoch ist und zudem noch ständig zunimmt, der Binnenmarkt jedoch wesentlich bessere und leichtere Verkaufs chancen bietet als der Weltmarkt mit seinem Übermaß an Konkurrenz, hat z. B. Lewis die Importsubstitution grundsätzlich als den vernünftigsten Weg der Eigenindustrialisierung der Entwicklungsländer herausgestellt, zumal dadurch ihr ohnehin hohes terms-of-trade-Risiko von innen heraus vermindert würde. Die Statistik scheint Lewis' These zu bestätigen. In nahezu allen Entwicklungsländern hat sich in den letzten Jahrzehnten ein kräftiger Importsog für Primärprodukte (Lebensmittel, Textilien) herausgebildet, auf die heute fast ein Drittel der gesamten Importausgaben aller Entwicklungsländer entfällt. Diese Nachfrage nach Primärprodukten mehr und mehr aus industrialisierter Eigenproduktion 2lU decken, würde in der Tat uno actu Zahlungsbilanz und Binnenversorgung verbessern. Die theoretische Einschränkung gegen den unbedingten Vorrang der Importsubstitution vor der unmittelbaren und direkten Exportförderung ergibt sich jedoch aus dem Gesetz der komparativen Kosten. Weiß man doch, wenn man diesen Weg beschreitet, mangels exakter Rechengrößen nie genau, wann jener Rubikon überschritten wird, von dem ab weitere Importsubstitution mit dem Verlust bisheriger Vorteile aus der internationalen Arbeitsteilung erkauft wird. Wir verfügen damit über eine hinreichende Anzahl von - wie ich glaube, auch hinreichend werturteilsfreien - Kriterien der volkswirtschaftlichen oder sozialen Nutzenfeststellung. Diese Kriterien erscheinen auf den ersten Blick vielleicht etwas abstrakt und bläßlich. Sie reichen jedoch, wie ich Ihnen nunmehr an konkreten und keineswegs seltenen Beispielen erläutern möchte, in vielen Fällen aus, ein Urteil über konkrete Vorhaben und Projekte in Entwicklungsländern abzugeben. Angenommen, das Land A., ein typisches Entwicklungsland, mit hoch passiver Zahlungsbilanz, drückendem Kapiialmangel und beträchtlichem Arbeitsüberschuß, plane die Rationalisierung seines Fernsprechnetzes durch eine automatische Telefonanlage. Es motiviert diese Investition betriebswirtschaftlich mit den höheren Gewinnen seiner Postverwaltung und volkswirtschaftlich mit den daraus resultierenden Integrationsvorteilen; die bisherige Nachrichtenübermittlung sei unzureichend, z;umal es an einem leistungsfähigen Straßennetz fehle, sie behindere Verwaltung und Wirtschaft und stemple das Land in den Augen der Ausländer als geradezu rückständig ab; auch erspare man sich ein nicht vorhandenes geschultes Personal. Im Lichte unserer volkswirtschaftlichen Kriterien kommt diese Rationalisierung der Postverwaltung weder der schwerbedrängten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 51 Zahlungsbilanz zugute, denn Ferngespräche sind kein gängiger Exportartikel. Auch spricht keine Igroße Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine übergroße Binnennachfrage nach Ferngesprächen vorliegt. Der Effekt auf den Arbeitsmarkt ist eindeutig negativ, denn es werden keine neuen Al'beitsplätze geschaffen, eher welche vernichtet. Mit anderen Worten, statt arbeitsintensiv zu sein, ist das neue Verfahren außerordentlich kapitalintensiv und belastet somit sowohl den ,inneren Kapitalmarkt wie auch die äußere Verschuldung des Landes relativ stark. Daß die Postverwaltung höhere Gewinne erzielt, kann daher kaum etwas mit optimaler Faktorkombination zu tun haben. Der Volkswirt bzw. volkswirtschaftlich geschulte Betriebswirt sieht natürlich, daß es 'Sich bei dieser Art von Rentabilität nicht um einen Maßstab für richtige Faktorkombination und minimale Ko.sten handelt, sondern um ein Stück Monopolrente, deren prod'llktionsverzerrende Wirkung in den Entwicklungsländern wohl kaum minder schädlich sein dürfte als in den Industrieländern. Die volkswirtschaftliche Nutzenermittlung zeigt also, daß und warum hier etwas abzulehnen ist, obwohl die betriebswirtschaftlichen Indizien -oberflächlich betrachtet -zunächst für dieses Projekt sprechen. Gleichzeitig wird jedoch an 'illlSerem Beispiel deutlich, daß die volkswirtschaftliche Analyse mehr ist als eine bloße Ersatzkalkulation, wenn betriebswirtschaftliche Maßstäbe fehlen oder verzerrt sind. Die volkswirtschaftliche Betrachtung liefert im Gegensatz zur betriebswirtschaft_ lichen, die naturgemäß immer an "ihrem" Projekt haftet, mit der Ablehnung des einen Projekts 7JUgleich die Anhaltspunkte dafür, wo die besseren Alternativen gesucht werden müssen. Im Falle unseres Landes A. wäre danach ein Projekt zu bevorzugen, das den Export stärkt, die Integration verbessert, zugleich aber arbeitsstatt kapitalintensiv ist. Das könnte der Bau eines Hafens sein, wenn das Land an der Küste gelegen wäre und die Standortvorteile dafür sprächen; es könnte jedoch auch die Anlage einer Eisenbahn sein, wenn die natürlichen Voraussetzungen dafür vorlägen. Es ist aber auch möglich, daß in unserem Beispielland weder das eine noch das andere zutrifft. Das wahrscheinlich beste Projekt wäre hier der Bau einer Allwetterstraße zum nächsten Küstenplatz, auf der die Hauptexportprodukte Häute, Felle, Teppiche und Trockenobst mit Lastkraftwagen transportiert llIld zur Verschiffung gebracht werden könnten. Damit wird zugleich der dritte Nutzen der volkswirtschaftlichen Betrachtung für die Gewinnung richtiger Industrialisierungsvorstellungen und -maßstäbe deutlich:sie hebt die betriebswirtschaftlich ebenfalls nicht zu erfassende Bedeutung einer volkswirtschaftlichen Infrastruktur hervor. Um zu den für betriebswirtschaftliches Disponieren unerläßlichen richtigen Faktorkosten und -erträgen zu gelangen, bedarf es letztlich funk4' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
52 Wilhelm Hankel tionsfähiger Güterund Faktormärkte mit raschem Umschlag und demgemäß ebenso raschem Preisausgleich. Diese Funktionsfähigkeit der Märkte setzt jedoch ein Mindestmaß an Infrastruktur voraus, wie beispielsweise ein Verkehrsund Wohnungswesen, um die Mobilität der Arbeitskräfte zu erleichtern, ein relativ entwickeltes Bankwesen, um den Kapitalaustausch innerhalb der betreffenden Volkswirtschaft zu ermöglichen und die Zinssätze zu vereinheitlichen usw. Man kann daher sagen, daß es ohne ein Mindestmaß an Infrastruktur auch kein Mindestmaß an betriebswirtschaftlich exakten Rechengrößen gibt. Das Fehlen oder nur ungenügende Vorhandensein einer leistungsfähigen Infrastruktur entpuppt sich daher als die letzte Ursache des für nahezu alle Entwicklungsländer charakteristischen Auseinanderfallens von betriebswirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Nutzen. Insoweit die Infrastruktur zum Zustandekommen besserer und richtiger betriebswirtschaftlicher Kalkulationsmaßstäbe beiträgt, ist sie daher eine ebenso nützliche wie vordringliche gesamtwirtschaftliche Produktionsverbesserung -eine Erkenntnis, die uns ebenfalls die volkswirtschaftliche Analyse liefert. Auf einem anderen Blatt steht freilich, ob die Finanzierung der dafür erforderlichen Aufwendungen, wie immer wieder gefordert wird, in erster Linie eine Sache ausländischer Kapitalzuführung darstellt. Das Beispiel der Industrieländer weist eher in die andere Richtung - hier war die Finanzierung der Infrastruktur weitgehend eine Sache der eigenen Staatsfinallzen. Manches spricht dafür, daß dies auch für die Entwicklungsländer gilt, zum al wenn sie sich beim Bau ihrer Straßen, Eisenbahnen und Häfen mehr der rgebotenen arbeitsals der auch hier in vielen Fällen zu kapitalund devisenaufwendigen Verfahren bedienen. IV. Zusammenfassung Meine theoretische Gewissenserforschung hat jetzt den Punkt erreicht, an dem es gerechtfertigt ist, eine erste Bilanz des zutage Geförderten zu ziehen. Wir sahen, daß die Entwicklungsländer die Industrialisierung unter ökonomischen Motiven als einen Motor zu rascherem wirtschaftlichen Wachstum betrachten. Das ist insoweit berechtigt, als Industrialisierung -wie die Theorie zeigt - in der Tat eine rasch wirkende Medizin gegen bestimmte wachstumshemmende innere Disproportionalitäten darstellt. Sie ist jedoch, - wie wir dazu feststellten - weniger eine Sache des Was als des Wie; denn ihre beispiellose Effizienz liegt nicht in einem Sortiment bestimmter Industriegüter; sie liegt vielmehr in der Überlegenheit technisch-industrieller Produktionsmethoden und ihrer grundsätzlichen besseren Eignung für "optimale OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 53 Faktorkombination". FoLglich kommt es in den Entwicklungsländern auch nicht so sehr darauf an, neue Industrieproduktionen aufzubauen; es geht vielmehr - und sehr viel vordringlicher - um die Ablösung traditioneller durch rationelle Fertigungsmethoden, insbesondere in den vorhandenen Produktionsbereichen, was in den meisten (wenn auch keineswegs allen) Fällen Industrialisierung bedeutet. Wie wir weiter sahen, lassen sich rationelle Fertigungsmethoden jedoch nur auf der Grundlage einigermaßen exakter betriebswirtschaftlicher Daten einführen, wie insbesondere richtiger Faktorpreise und -erträge und eines richtigen Geldrechnungsmaßstabes mit dem Ausland. Aber gerade daran fehlt es in den meisten Entwicklungsländern. Die beiden grundlegenden Faktorpreise (Lohnund Zinssätze) weisen eine gemeinsame Abweichung in die jeweils falsche Richtung auf. Die Lohnsätze sind, gemessen am "natürlichen" (Produktivitäts-)Lohn zu hoch, die Zinssätze, gemessen am "natürlichen" (Produktivitäts-)Zins, zu niedrig. Dazu kommt, daß die Wechselkurse infolge der inneren Inflation zumeist überhöht sind. Infolgedessen besteht ein natürlicher, aber unökonomischer Trend zu kapitalintensiven Produktionen, der durch den nach oben verfälschten Wechselkurs, der zu hoher Kapitalaufnahme im Ausland verführt, noch verstärkt wird. Die Produktionskosten fallen daher in vielen Fällen von vornherein zu teuer aus, was wiederum zu protektionistischen Praktiken verführt, wodurch an sich bestehende komparative Kostenvorteile dieser Länder wieder verloren gehen. Diese Tendenzen werden oft noch durch eine marktbzw. weltmarktfremde "technokratische" Produktionsplanung verstärkt, die den natürlichen Produktionsgrundlagen (Rohstoffen) zu starkes Gewicht beilegt. Das Ergebnis ist, daß die falsche Industrialisierung die vorhandenen Zahlungsbilanzschwierigkeiten vergrößert, statt sie, wie es eine ihrer wichtigsten Aufgaben wäre, 2lU erleichtern. Infolgedessen kommt man in den meisten Entwicklungsländern ohne eine volkswirtschaftliche Bewertung der einzelnen Produktionsbzw. Produktionsverbesserungsvorhaben nicht aus. Als oberste, und zunächst noch recht allgemeine Kriterien bieten sich dafür als Ziel: die BeseItigung der wachstumshenunenden inneren Disproportionalitäten und als Richtung: die Ausschöpfung der vorhandenen Nachfragemöglichkeiten am Inund Auslandsmarkt an. Die Zahlungsbilanz entscheidet sodann, welcher der beiden Orientierungen - der am Außenmarkt (Zahlungsbilanz) oder der am Binnenmarkt - der Vorzug zu geben ist. Eine besondere Präferenz kommt in all den Fällen, in denen die Zahlungsbilanz ein Problem, aber kein ganz so akutes ist, den importsubstituierenden Produktionen zu, insbesondere bei Primärprodukten (LebensOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
54 Wilhelm Hankel mittel, Kleidung usw.) -freilich nur innerhalb der Grenzen, die durch die Nutzung der komparativen Außenhandelsvorleile gezogen sind. Die volkswirtschaftliche Nutzenund Prioritätenfeststellung stellt jedoch nicht nur einen Ersatz oder eine Ergänzung für unzureichende betriebswirtschaftliche Kalkulationen dar. Sie dient darüber hinaus der Nutzenfeststellung eines Investitionstyps, der sich betriebswirtschaftlich überhaupt nicht erfassen läßt: der Infrastruktrur. Ein Mindestmaß an Infrastruktur ist wesentliche Voraussetzung für das Zustandekommen funktionsfähiger Güterund Faktormärkte, die wiederum für raschen Marktausgleich und die volle Faktormobilität unerläßlich sind. Je leistungsfähiger diese Infrastruktur, desto mehr fallen auch betriebsund volkswirtschaftlicher Investition'SIlutzen wieder - wie in den Industrieländern -zusammen, desto mehr kann man sich in einem entwickelteren Stadium auch wieder auf die rein betriebswirtschaftliche Nutzenmessung verla'ssen. Aus all dem folgt ein sachliches (qualitatives) Vier-SchwerpunkteIndustrialisierungs-Programm für die Entwicklungsländer: Erstens: Im Vordergrund sollte die Rationalisierung vorhandener Produktionen stehen. Sie müssen wettbewerbsfähiger werden. Erst dann sollte der Aufbau neuer Industrieproduktionen Vorrang bekommen. Zweitens: Verlangt es die Zahlungsbilanz, müssen jene Produktionen in den Vordergrund rücken, die die Exportfähigkeit der Volkswirtschaft unmittelbar stei.gern. (Rasche Devisenbringer mit komparativem Vorteil.) Drittens: Läßt es die Zahlungsbilanz 2JU, kommt es weniger auf die vorhandenen Rohstoffe, als auf die Bedürfnisse des Binnenmarktes an, wobei importsubstituierende Produktionen die Zahlungsbilanz indirekt entlasten (Grenzen setzt das Gesetz der komparativen Kosten). Viertens: Schließlich sind auch jene Infrastrukturinvestitionen nicht zu vernachlässigen, die zur Herstellung funktionsfähiger Güterund Faktormärkte und damit richtigerer Faktorpreis- 'llIld -ertragsrelationen beitragen, wobei ein Großteil dieser Ausgaben allerdings aus eigenen Mitteln der betreffenden Länder bestritten werden sollte. Wo liegen die Grenzen, die einem so konzipierten Industrialisierungsprogramm gezogen sind? Meines Erachtens weniger in dem soviel zitierten Mangel an Mitteln und an geschultem Fachpersonal, das die neuen Produktionsmethoden und -formen einführt und betreut - wenn es sich auch zweifelsfrei um zwei für nahezu alle Entwicklungsländer typische Engpässe handelt. Die Grenzen liegen heute noch viel mehr darin, daß sich die Gedanken der für die Produktionsplanung der Entwicklungsländer VerantOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Ist eine vorrangige Förderung des industriellen Wachstums anzustreben? 55 wortlichen noch vielfach in anderen Bahnen und Richtungen bewegen als denen, die wir hier aufgezeigt haben. Bei noch größerer Berücksichtigung des Datums inund ausländischer Nachfrage sOIWie der übrigen theoretischen Kriterien, die wir hier aufz.eigten, hätte sich schon in der Vergangenheit mit den eingesetzten Mitteln ein größerer volksund betriebswirtschaftlicher Nutzen erzielen lassen. Erziehung der Entwicklun:gsplaner im Sinne der eingangs besprochenen ökonomischen Kriterien, um auf diese Weise -sozusagen von der "Verhaltensweise" her - zu ,einer besseren Verwendung der Mittel zu gelangen, ist daher m. E. ein noch wichtigeres Anliegen für die Entwicklungsländer als die stereotype Forderung nach noch mehr und noch billigeren Mitteln für die Entwicklungshilfe. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
62 Albrecht Kruse-Rodenacker Hier wird eine gewisse Systematisierung und Vervollständigung der Gesichtspunkte erforderlich. Erstens sollte der Grad der Beschäftigung berücksichtigt werden. Zweitens ist die Priorität für arbeitsintensive bzw. kapitalintensive Projekte häufig genug durch technische Daten vorgegeben. Bestimmte Industriezweige verlangen einen kapitalintensiven Produktionsprozeß (Chemie), während andere Industriezweige auch arbeitsintensive Produktionsprozesse erlauben (Feinmechanik). Drittens ist zu beachten, daß die 'Qualität der Erzeugnisse immer in einer gewissen Abhängigkeit von dem jeweiligen Entwicklungsland steht, im übrigen aber die Frage entscheidet, ob die Erzeugnisse für den Binnenmarkt oder aber für den Export bestimmt sind. Im ersteren Falle wird man sich häufig genug mit einem relativ niedrigen Qualitätsniveau begnügen können. In vielen Entwicklungsländern sind sowohl arbeitsintensive als auch kapitalintensive Produktionsprozesse nebeneinander auf dem Markte anzutreffen, und zwar in der Weise, daß erstere für den Binnenmarkt und letztere für den Weltmarkt produzieren. Viertens müssen bei den kapitalintensiven Projekten von vornherein die typischen Störungsfaktoren im Kostenvergleich Berücksichtigung finden. Wenn vielfach den kapitalintensiven Produktions~ prozessen der Vorzug gegeben wird, weil das "technical know how" und die gesamte Produktionsund Absatzerfahrung der Industrieländer wesentlich leichter in das Entwicklungsland "importiert" werden können als bei arbeitsintensiven Projekten, so gilt das nur in den Grenzen, die durch die auftretenden Störungsfaktoren gesetzt werden. Erst in einem "modern sector", der von der übrigen Volkswirtschaft des Landes weitgehend isoliert ist, können derartige Störungen zu einem großen Teil ausgeschaltet werden. Aber mit der Errichtung eines solchen isolierten Sektors in einer unentwickelten Volkswirtschaft treten dann zugleich andere Probleme auf, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann l1 • Fünftens ist zu prüfen, ob in dem betreffenden Entwicklungsland eine gewerbliche Tradition lebendig ist, die eine wesentliche Voraussetzung für arbeitsintensive Projekte darstellt. Zahlreiche Entwicklungsländer entbehren einer solchen gewerblichen Tradition, die entweder nie ausgebildet gewesen oder aber durch die Kolonisation aufgehoben worden ist. Sechstens ist noch hervorzuheben, daß arbeitsintensive Projekte häufig "experten-intensiv" sind. Expertenintensiv sind sie in dem Sinne, daß pro Einheit investierten Kapitals eine relativ hohe Zahl von "Investitions-Begleitern" notwendig wird, wie etwa Fachkräfte zur Aufbereitung der Projektenliste, zur Vorprüfung und Hauptprüfung und schließlich zur Durchführung der Projekte, zur Schulung, technischen Beratung und dergleichen mehr. 11 H. Leibenstein, The Theory of Underemployment in Backward Economies, in: Journal of Political Economy, Bd.65, Nr.l, April 1957, S. 96 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Selektions kriterien zur Auswahl von Industrieprojekten 63 Die Realisierung breit gestreuter und arbeitsintensiver Projekte erfordert ungleich mehr inländische und ausländische Fachkräfte als die Errichtung kapitalintensiver Produktionseinheiten. Die arbeitsintensiven Projekte sind ein wesentlicher Bestandteil einer Entwicklungspolitik auf lange Sicht und auf breiter Front und auch mit größeren Produktivitätseinbußen verknüpft als die devisenbringenden und kapitalintensiven Projekte. Die Theorien der "spearpoint programms" und des "big push" fußen teilweise auf einer Präferenz für kapitalintensive Punktprogramme 12 • Bei der Kombination von arbeitsintensiven und kapitalintensiven Projekten sind jedoch vor allen Dingen zwei Dinge zu beachten. Erstens sollte die Kombination beider Methoden zu einer Funktionsteilung führen, wie sie auch in den Industrieländern bekannt ist: die kapitalintensiven Projekte werden mit den zahlreichen "Satelliten" der arbeitsintensiven Kleinund Mittelbetriebe umgeben. Es ist eine Frage des Prinzips und vielfach auch des politischen Temperaments, in welcher Reihenfolge man hier vorgehen will. Die Vertreter des gewerblichen Mittelstandes plädieren für eine vorrangige Errichtung von Kleinund Mittelbetrieben, um zunächst die notwendige Basis für Großbetriebe zu schaffen. Jedoch wird in zahlreichen Entwicklungsländern der Förderung des arbeitsintensiven gewerblichen Mittelstandes wenig Bedeutung beigemessen; das Interesse richtet sich auf kapitalintensive Großbetriebe. Erfahrungsgemäß gewinnen die Argumente für den gewerblichen Mittelstand erst dann an überzeugungskraft, wenn nach der Errichtung der Großbetriebe Engpässe in den Zuliefererund Abnehmerstufen sowie für Install,::üionsund Reparaturleistungen auftreten 13 • Zweitens kann eine richtige Kombination von arbeits-und kapitalintensiven Betrieben nur unter Berücksichtigung der Fristigkeit des Entwicklungsprogrammes getroffen werden. Sind die wirtschaftlichen (Zahlungsbilanz, Pro-Kopf-Einkommen, Beschäftigung, Nahrungsstandard usw.) und politischen (Stabilität) Voraussetzungen für eine auf lange Sicht angelegte Entwicklungsarbeit in einem Lande gegeben, so läßt sich die zeitraubende und expertenintensive Errichtung von arbeitsintensiven Betrieben auf breiter Front wesentlich wirkungsvoller und erfolgreicher durchführen als bei kurzfristigen und politisch gefährdeten Entwicklungsprogrammen. Die Frage der Fristigkeit von Entwicklungsprogrammen und den zur Verfügung stehenden Zeitabschnitten ist fraglos viel zu wenig in der Auswahl von Entwicklungsprojekten berücksichtigt worden. 12 Vgl. die Diskussion der Thesen von Singer, Nurkse und Hirshman bei B. Higgins, Economic Development, a.a.O., S.397-408. 13 Eine übersicht über die Entwicklung der Kleinbetriebe in den Industrieländern 1920-1950 findet sich in: The Size of Industrial Establishments, International Labour Review, ILO, Genf, Bd.73, Nr. 6, Juni 1956, S. 639. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
64 Albrecht Kruse-Rodenacker Importsubstitution und Rentabilität Obschon importsubstituierende Projekte durchaus rentabel sein können, wird ihr Importsubstitutionseffekt aus Zahlungsbilanzgründen häufig höher veranschlagt als ihre Rentabilität. Vielfach müssen in der mehr oder weniger langen Anlaufperiode dieser Projekte hohe Rentabilitätsverluste in Kauf genommen werden. Die Frage, inwieweit die Importsubstitution getrieben werden soll, läßt sich theoretisch mit dem Hinweis auf die Grenzproduktivität importsubstituierender bzw. exportexpandierender Projekte beantworten. Jedoch ist eine solche Antwort in der Praxis von begrenztem Aussagewert, da die Grenzproduktivitäten beider Typen von Projekten mit den in Entwicklungsländern vorliegenden Marktdaten nicht verglichen werden können 14 . Entscheidend für die Beantwortung der hier aufgeworfenen Frage ist nicht nur die Zahlungsbilanzsituation, sondern auch die Angebotsstruktur des betreffenden Entwicklungslandes und die Möglichkeiten, sie zu verbessern. Die verschiedensten Berechnungen, die für das augenblickliche und das zu erwartende Kapitaldefizit der Entwicklungsländer durchgeführt worden sind, zeigen deutlich genug, daß sich der Abstand der Industrieländer von den Entwicklungsländern bezüglich des Pro-Kopf-Einkommens weiterhin vergrößern muß, wenn nicht außergewöhnliche Fortschritte in der Kapitalbildung und Marktexpansion der Entwicklungsländer erzielt werden. Andererseits deutet vieles darauf hin, daß in der überschaubaren Zukunft an eine weitere Steigerung der Kapitalhilfe nicht gedacht wird. Damit entsteht die Frage nach den zu erwartenden Exportaussichten der Entwicklungsländer auf den verschiedenen Warenmärkten. Die für den Export der Entwicklungsländer wichtige Gruppe der Nahrungsmittel zeigt nach Berechnungen auf Grund verschiedener Methoden folgendes Bild 15 : Für die Jahre 1960-1970 kann mit einer Exportsteigerung von 7 Mill. $ gerechnet werden, woran Nahrungsmittel mit 30 vH (d. h. 2,1 Mill. $) beteiligt sind. Bei dem errechneten Importbedarf der Entwicklungsländer für diesen Zeitraum entsteht über die mögliche Exportsteigerung hinaus noch ein Exportdefizit von 17 Mill. $. Insgesamt müßte allein der Nahrungsmittelexport - wobei man noch ein Sinken des Anteils der Nahrungsmittel am Gesamtexport von 35 auf 30 vH annimmt - um nicht weniger als 7,2 Mill. $ gesteigert werden. Trotz der unvermeidlichen Fehlerquellen derartiger Berechnungen zeigt sich hier deutlich genug, daß eine auch drastische Revision 14 Vgl. hierzu die Ausführungen von W. Rankel in diesem Band. 15 A. Kruse-Rodenacker, Die Organisation der Weltagrarmärkte -Eine gemeinsame Aktion der wirtschaftlich entwickelten und unentwickelten Länder. Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Brüssel (im Druck), S. 48 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Selektionskriterien zur Auswahl von Industrieprojekten 65 der Importpolitik wichtiger Industrieländer und namentlich der EWGLänder auf dem Nahrungsmittelsektor keine ausreichende Hilfe bringen könnte. Bei der derzeitigen Angebotsstruktur der Entwicklungsländer auf den Weltmärkten und ihren begrenzten Exportmöglichkeiten wird man deshalb in erster Linie das Augenmerk auf solche Projekte richten müssen, die den Möglichkeiten einer Expansion der inländischen Nachfrage Rechnung tragen. Die Entwicklung dieser Länder mit Hilfe einer binnenwirtschaftlichen Expansion ist theoretisch möglich und - wie die Erfahrung zeigt - auch praktisch realisierbar 16 • Ohne die Fehler einer extrem autarken Wachstumspolitik zu übersehen, wird man bei nüchterner Betrachtung der bestehenden Möglichkeiten einen deutlichen Akzent auf importsubstituierende Projekte setzen. Die Frage der Rentabilität kann hierbei nicht ohne weiteres mit den Maßstäben des Weltmarktes beantwortet werden; eine wirtschaftliche Expansion über die Binnenmärkte der Entwicklungsländer mit relativ hohem Kostenniveau ist seit jeher ein viel begangener Weg gewesen. Produktionsgüter und Verbrauchsgüter Betrachten wir zunächst das Verhältnis der Produktionsgüter als Produktionsumweg zu den Konsumgütern als die letzte wirtschaftliche Leistung für die Deckung des Bedarfs. Hier wird die Selektion einzelner Industrieprojekte in den Entwicklungsländern immer wieder mit der Frage nach dem Wirtschafts system und seinen Prinzipien in Zusammenhang gebracht. Insbesondere wird auf die "einseitige Betonung der Produktionsgüterindustrie" in der Sowjetunion nach dem marxistisch-leninistischen Schema verwiesen. Eine nähere Untersuchung der Verhältnisse zeigt jedoch, daß eine technisch bedingte Proportion zwischen dem Wachstum der Produktionsgüterindustrie und der Konsumgüterindustrie besteht. Selbst die krassen Unterschiede in der Wirtschaftsund Entwicklungspolitik der kommunistischen Planwirtschaften und westlichen Marktwirtschaften können nicht darüber hinwegtäuschen. So betrug in dem Zeitraum 1938-1958 17 das Verhältnis der Wachstumsraten im Produktionsgütersektor zu dem im Konsumgütersektor 2,6 für die Welt insgesamt. Mit anderen Worten, der 16 Zu den außerordentlich starken Wachstumsimpulsen in der mexikanischen Wirtschaft in den Vorkriegsjahren, als Enteignungen und Verstaatlichungen zu einem Boykott der Industrieländer führten, vgl. A. Nawarrete, Mexico's Growth: Prospects and Problems, in: B. Higgins, Economic Development, a.a.O., S. 68 f. 17 Berechnet aus UN, Pattern of Industrial Growth, New York 1960, Narodnoje Closzaistuo SSSR w 1960 godu, Moskau 1961 und statistischen Quellen für das Deutsche Reich verschiedener Jahrgänge. 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 43 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
66 Albrecht Kruse-Rodenacker Produktionsgütersektor wuchs 2,6 mal so schnell als der Konsumgütersektor. In den Ländern der EWG betrug dieses Verhältnis ebenfalls genau 2,6. Im selben Zeitraum belief sich das Verhältnis der Wachstumsraten in den UdSSR auf 2,8. Das heißt also, daß das Wachstum in dem Produktionsgütersektor der Wirtschaft der UdSSR kaum stärker gewesen ist im Verhältnis zum Konsumgütersektor als in der westlichen Welt. Hierbei ist außerdem noch zu berücksichtigen, daß wir nicht nur verschiedene Wirtschaftssysteme, sondern auch verschiedene Entwicklungsniveaus miteinander vergleichen. Zahlreiche Irrtümer im Vergleich der Planwirtschaft mit der Marktwirtschaft entstehen tatsächlich dadurch, daß Länder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand verglichen werden. Nehmen wir beispielsweise die Zahlen des Deutschen Reiches von 1860 bis 1910, wo keineswegs das gesamtwirtschaftliche Wachstum außerordentlich groß gewesen ist, so stellen wir fest, daß hier das Verhältnis sogar 2,9 betrug. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß gerade das Deutsche Reich traditionsgemäß die Entwicklung der Produktionsgüterindustrie vorrangig betrieb. Die Bundesrepublik hat insbesondere während und nach dem Korea-Boom die Früchte dieser Produktionsgüter-orientierten Entwicklungspolitik ernten können, zumal trotz der Kriegszerstörungen und Demontagen die gesamte Produktionskapazität unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg größer war als vor seinem Beginn. Jedoch sollte der Produktionsgüterindustrie in den Entwicklungsländern nicht unbedingt ein absoluter Vorrang eingeräumt werden. Vielmehr ist der weitverbreiteten Neigung dieser Länder Rechnung zu tragen, sich vom Handel mit Konsumgütern in die einzelnen Produktionsstufen vorzutasten. Vielfach nimmt diese Entwicklung vom Händler aus ihren Anfang, dessen Kapital in die Vorstufen der Verpackung, Montage, Einzelteilbzw. Ersatzteilfertigung und schließlich in die höheren Produktionsstufen investiert wird. Legt man jedoch eine absolute Priorität für Produktionsgütererzeugung fest, so stellt man das in den Entwicklungsländern bestehende Unternehmertum vor Risiken und vor Produktionsprobleme, die zu tragen und zu lösen es zunächst noch nicht in der Lage ist. Präsentiert sich doch hier vielfach ein Unternehmertyp, der mit unseren Begriffen vom schöpferischen und verantwortungsbewußten Unternehmer nicht viel gemein hat. Ohnehin wird die Expansion der Konsumgütererzeugung zwangsläufig eine Expansion der erforderlichen Produktionsgütererzeugung bei wachsender Kapitalbildung und sich mehrenden Erfahrungen nach sich ziehen. In diesem Zusammenhang zeigen die Länder verschiedenster Wirtschaftssysteme und wirtschaftspolitischer Grundsätze in den höheren Entwicklungsstufen die Tendenz, ihre Investitionen für Produktionsgüterbzw. Konsumgütersektoren in auffallend OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Selektionskriterien zur Auswahl von Industrieprojekten 67 ähnlichen Proportionen (etwa zwei Drittel zu einem Drittel) aufzuteilen. Rohstoffproduktion und Industrialisierung Wir wissen heute, wie irreführend die früheren Thesen von C. Clark und seinen Nachfolgern gewesen sind, wonach den Entwicklungsländern hauptsächlich die Rolle des Rohstofflieferanten zugewiesen werden müßte. Auch der Paley-Report schien diese Forderung nach seinem Erscheinen im Jahre 1952 zu bekräftigen, als sich die Austauschrelationen für Rohstoffe zu folge des Korea-Boom günstig entwickelten 18 • Auch sind immer wieder Stimmen laut geworden, den Entwicklungsländern die Härten des Frühindustrialismus oder überhaupt den Weg der Industrialisierung zu ersparen. Heute braucht über die Notwendigkeit, den Industrialisierungsprozeß in den Entwicklungsländern auf so breiter Basis wie möglich in Gang zu bringen und zu beschleunigen, wohl kaum noch diskutiert zu werden. Ohnehin wird die Rohstofferzeugung aus Gründen des Zahlungsbilanzausgleichs für viele Entwicklungsländer in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nach wie vor eine entscheidende Rolle spielen. Die Industrialisierung kann - soweit wir heute sehen - nicht auf einige Länder beschränkt bleiben und soll die Entwicklungsländer nicht nur auf die Stufen höheren Lebensstandards führen, sondern erzwingt auch zugleich eine Veränderung der Sozialstruktur. Wir kennen kein Land der Erde, in welchem sich der Industrialisierungsprozeß ohne eine gleichzeitige Veränderung der Sozialstruktur vollzogen hat. Wir kennen dagegen Länder, in denen das starre Festhalten an der überlieferten Sozialstruktur zu einer deutlichen Behinderung des Industrialisierungsprozesses führte und noch heute führt 19 • Das ist vielleicht zunächst das wichtigste und greifbarste Ergebnisse eines jeden Industrialisierungsprozesses, daß nämlich die Länder aus dem statischen Stadium mit den bekannten ausweglosen Situationen (circuli vitiosi) in das dynamische Entwicklungsstadium mit neuer Veränderung der Produktionsund Gesellschaftsstruktur überwechseln. Ob sie in ihrer Gesamtheit eine Chance haben, den Anschluß an die Pro-Kopf-Entwicklung der Industrieländer zu erreichen, ist heute noch zu bezweifeln. Ihre Chance liegt in Wirklichkeit aber darin, den Anschluß an die dynamischen Veränderungen der Industrieländer zu erreichen. Da mit wachsender Industrialisierung die Erzeugung und der Export von Rohstoffen auch später keineswegs 18 Eine zutreffende Kritik hierzu bei W. Guth, Der Kapitalexport in unterentwickelte Länder, Basel-Tübingen, 1957, S. 113 ff. 19 Zur Veränderung der Sozialstruktur, vgl. L. G. Reynolds, Economic Potentials of Africa: Discussion, in: American Economic Review, Vol. 46, No. 2, Mai 1956, S.462-464. 5' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
68 Albrecht Kruse-Rodenacker völlig in den Hintergrund zu treten braucht, zeigt schon das Beispiel der USA, Kanadas und vieler westeuropäischer Länder. Konsequenzen für die Selektion von Industrieprojekten Welche Konsequenzen ergeben sich nun aus diesen Überlegungen für die Auswahl von Industrieprojekten in Entwicklungsländern? Das wichtigste Kriterium ist wohl die Fristigkeit der Entwicklungspolitik, d. h. der Zeitraum, auf den die Entwicklungsprogramme und im einzelnen auch die Entwicklungsprojekte in ihrer Koppelung ("linkage") miteinander angelegt sind. Auf das engste hiermit verknüpft ist die Forderung, Teilleistungen der Geberländer zu Ganzleistungen auszubauen. Mit anderen Worten, es ist zu empfehlen, vom Stückwerk der Entwicklungshilfe zu einer integrierten Entwicklungsprogrammierung und Projekthilfe überzugehen 20 • Zweitens muß bei der Auswahl von Projekten die Frage geklärt werden, wer in der Auswahl, im Auswahlprozeß und vor allen Dingen auch in der Periode der Realisierung des Projektes kompetent beteiligt ist. Hier bedarf es einer Klärung der Kompetenzfragen im Hinblick auf die beteiligten Ministerien, Entwicklungsbanken, Entwicklungsinstitute und auf die beteiligten Institutionen seitens der Geberländer oder seitens internationaler Organisationen. In diesem Zusammenhang muß geprüft werden, ob das betreffende Projekt nicht in den größeren Zusammenhang der laufenden Entwicklungsprogramme des Landes bzw. auch anderer Geberländer und internationaler Institutionen gestellt werden kann. Hierdurch wird nicht nur das Nebenbzw. Gegeneinander der Geberländer und Geberinstitutionen vermieden, sondern die Entwicklungspolitik auf eine breitere Basis gestellt. Drittens empfiehlt es sich, die bei der Durchführung der laufenden und in Vorbereitung befindlichen Projekte vorherrschenden Prinzipien zu beachten. Jede Expertenkommission erhält allein schon durch ihre personelle Zusammensetzung sowie durch die spezifizierten Standpunkte ihrer Mitglieder in ihrer Urteilsfindung einen bestimmten prinzipiellen ,bias'. Daneben spielen auch die diplomatischen Missionen der Geberländer eine Rolle 21 . In diesem Zusammenhange ist darauf hinzuweisen, daß bisher noch nicht der Versuch gemacht worden ist, die Kriterien zu erarbeiten, die für diplomatische Missionen in bezug auf die Beurteilung von Projekten maßgeblich sind! Im übrigen aber geben vielfach auch verwaltungs technische Usancen, mehr oder weniger oberflächliche Reiseberichte, der Streit der Ressorts 20 A. Kruse-Rodenacker, Grundfragen der Entwicklungsplanung, Eine Analyse und die Ergebnisse einer Tagung, Berlin 1961, S. 58 ff. 21 J. K. Galbraith, Economic Development in Perspective, Cambridge/ Mass. 1962, S. 59 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56
Selektionskriterien zur Auswahl von Industrieprojekten 69 in den Entwicklungsländern sowie auch gewisse Präferenzen der Geberländer, die beispielsweise in der Zins differenzierung für verschiedene Projekte zum Ausdruck kommen, den Ausschlag für die Auswahl bestimmter Industrieprojekte. Dieses alles zeigt deutlich genug, daß die Frage der Selektionskriterien auf das engste mit den verschiedenen tendenziellen Richtungen der Entwicklungspolitik und der komplizierten Verwaltungsstruktur in den Entwicklungsländern, Geberländern und internationalen Institutionen verknüpft ist. Die Reduzierung dieser Fragen auf einfache Gegensätze wie Landwirtschaft und Industrie, Schwerindustrie und Leichtindustrie, Infrastruktur und industrielle Projekte, Kleinund Großbetriebe, Projekte ohne Publizitätseffekte und Sichtprojekte und dergleichen mehr wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Für die Strategie in der Auswahl der Industrieprojekte kommt es deshalb in erster Linie darauf an, den Entscheidungsmechanismus zu klären. Wir haben für den modernen Industriebetrieb neuartige Dezisionsmodelle entwickelt. 'über den Prozeß der Entscheidungen für und wider ein bestimmtes Entwicklungsprojekt herrscht wenig Klarheit. Schließlich kann im Zusammenhang mit der Frage der Selektionskriterien nicht unerwähnt bleiben, daß heute zahlreiche Vorhaben in den Entwicklungsländern als sogenannte Konkurrenzprojekte zur Entwicklungshilfe der kommunistischen Planwirtschaften in Angriff genommen werden. Die westlichen Geberländer wären schlecht beraten, durch das "Gleichziehen" mit Konkurrenzprojekten die Initiative aus der Hand zu geben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-41466-6 | Generated on 2023-01-16 13:02:56