3.0 Senses
Abstract
Die vorliegende Publikation dokumentiert die von der interdisziplinären Themenplattform Materialität@hslu initiierte Veranstaltungsreihe «Senses» und reflektiert mit theoretischen Essays zu Events, über aktuelle Forschungsprojekte und zu praktischen Projekten aus der Lehrtätigkeit Erkenntnisse mit nachhaltigem Mehrwert.
Full text
Materialität@hslu «Materialität + Klima» 3.0 Senses
VORWORT 4 EINLEITUNG 8 Über das Reconnecten mit der Umwelt Cornelia Gassler, Nicole Hartmann, Susanne Triller WALDSPAZIERGANG 14 Ein Wahrnehmungsexperiment Nicole Hartmann IM WALD 20 Ein Holz-Stück Katja Jug RESONANZKÖRPER 26 Integrative Lehrformate – Vom tastenden Dialog zur haptischen Empathie Susanne Triller ROHLING EINES GEFÜGES 36 Der Fügling als Erkundungsmittel auf dem Weg zum Entwurf Matthew Howell IN DER STAUBWOLKE 44 Entlang der Wiederverwendung des Dachziegels Cornelia Gassler GRÜNE WIRKUNG 54 Naturräume im urbanen Alltag Nicole Hartmann DER DRITTE RAUM 60 Reflexionen über die erweiterte Rauheit und deren Peripherie Martin Huwiler SCHLUSSWORT 68 Impressum 70
4 5 VORWORTVORWORT 1 Die Klimakrise prägt die Berichterstattung in den Medien und sie begründet und provoziert tiefgreifende Veränderungen in allen Gesellschaften. Die Reaktion darauf ist für viele Gestalter:innen und Forschende die sinnstiftende Suche nach möglichst schonenden Lösungen im Umgang mit (Bau-) Materialien und Ressourcen. Unser Schlüssel für Entscheidungen in materialgetriebenen Arbeitsprozessen ist die individuelle Wahrnehmung. Mit ihr kalibrieren wir sinnliche Erfahrungen. 2 Die vorliegende Publikation dokumentiert die von der interdisziplinären Themenplattform Materialität@hslu initiierte Veranstaltungsreihe «Senses» und reflektiert mit theoretischen Essays zu Events, über aktuelle Forschungsprojekte und zu praktischen Projekten aus der Lehrtätigkeit Erkenntnisse mit nachhaltigem Mehrwert. 3 «Senses» thematisiert die Möglichkeit, über unsere Sinne eine Verbindung zwischen Körper, Material und Umwelt herzustellen und dadurch unsere Position in der Welt fortwährend neu zu verorten. Unsere Sinneswahrnehmungen sind aktive Vermittlungsprozesse und bilden die Brücke zwischen Innen und Außen, zwischen dem Selbst, dem Kollektiv und der materiellen Welt, zwischen Kultur und Natur. So verstanden, sind unsere Sinne nicht nur Instrumente der Wahrnehmung, sondern Akteure einer nachhaltigen kulturellen Transformation. Sie bilden die Grundlage eines neuen Bewusstseins, das Sein und Werden gleichermaßen umfasst – ein Bewusstsein, durch das Gestaltung politisch ist, indem unsere Wahrnehmung nicht ausschliesst, sondern unsere Aktionen einschliesslich und verantwortungsvoll, sichtbar und unsichtbar eine sinnhafte Welt manifestieren. TEXT: PROF. ISABEL ROSA MÜGGLER ZUMSTEIN; DESIGNERIN, DOZENTIN UND FORSCHERIN
6 7 Veranstaltungen Material z'Mittag 07.03.2024, Daniel Scheuber für Roman Hutter Architekten 11.04.2024, Theo Weber, Kantonsförster 25.04.2024, Sonja Geier, Architektin & Forscherin 03.10.2024, Manuela di Giulio, Zoologing& Naturwissenschtlerin 17.10.2024, Patricia Lehner, Architektin 31.10.2024, Roland Züger, Architekt 05.12.2024, Nicole Hartmann, Landschaftsarchitektin & Forscherin Materialwerkstatt 21.03.2024, Holz-Holz Verbindungen mit Holzbau Küng 11.10.2024, Spaziergang – Wahrnehmungsexperiment organisiert von Materialität@hslu Materialität@hslu Die transdisziplinäre Themenplattform Materialität@hslu beschäftigt sich fokussiert mit dem Thema Materialität + Klima. Forschende der Hochschule Luzern aus den Departementen Technik & Architektur sowie Design Film Kunst setzen sich mit den vielschichtigen Betrachtungsebenen von Materialität und Materialien auseinander, die nicht nur unsere physische, technische Grundlage bilden, sondern Bedeutung für uns Menschen, die Umwelt und eben auch Auswirkungen auf die Klimakrise haben. Plakat Veranstaltung 3.1Plakat Material z'Mittag
8 9 Mit einem Fokus auf die Sinne und das sinnliche Erleben widmet sich diese dritte Publikation in der Reihe «Materialität + Klima» dem «Reconnecten» mit der Umwelt als Nachhaltigkeitsoption. Die Themenplattform Materialität@ hslu fragt sich, inwiefern die sinnliche Erfahrung unsere Wahrnehmung und Empfänglichkeit für einen ökologischen Umgang mit Material sensibilisieren und schulen kann. Im direkten Kontakt mit dem Material beim Hands-on-Entwerfen und Experimentieren oder beim Erleben von Atmosphären vor Ort, wie im Wald als Ursprungsort von Holzbauten oder auch auf der Deponie Typ B als vermeintlicher Endpunkt von mineralischen Abfällen, entsteht (Erfahrungs-)Wissen durch unsere Hände, Ohren und weitere Sinnesorgane. Die Zusammenhänge, die Poesie oder die Eigenarten des jeweiligen spezifischen Kontexts werden erfahrbar und sind Quelle eines reichen Wissens für das nachhaltige Entwerfen – körperlich, sinnlich wie auch verstandesmässig. Seit René Descartes prägt unseren eurozentristischen Blick eine dualistische Trennung zwischen Körper und Geist und darin verankert auch eine Beurteilung, dass der Geist dem Körperlichen oder Materiellen überlegen ist. Das Geistige, Rationale und der erkennende Intellekt werden mit Erkenntnis und Wissen gleichgesetzt, wobei der Körper und das Material untergeordnet werden. In dieser Publikation liebäugeln wir mit der Denkströmung des Neuen Materialismus, die an diesen dualistischen Festungen rüttelt. Das Material ist nicht mehr ein von aussen kontrollierund gestaltbares Gegenüber, vielmehr beschreiben die Beiträge Berührungen mit dem Material und zeigen das sinnliche Verflochtensein von Körper, Material, Geist und Erkenntnis als sozio-materielles Gefüge. Die gegenseitigen Abhängigkeiten und die Verbundenheit von Menschen mit der materiellen Umwelt werden zur Grundlage für die Auseinandersetzung mit den herausfordernden Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels. Die Publikation sucht Möglichkeiten, sich der Welt mit allen Sinnen zuzuwenden, und somit sucht sie eine Form von Erdung, um Architekt:innen , Innenarchitekt:innen und EINLEITUNGEINLEITUNG Über das Re-Connecten mit der Umwelt TEXT: CORNELIA GASSLER, NICOLE HARTMANN, SUSANNE TRILLER; FORSCHERINNEN DER INTERDISZIPLINÄREN THEMENPLATTFORM MATERIALITÄT@HSLU
10 11 Designer:innen trotz aller Unsicherheiten aktueller Zeiten einen fruchtbaren Boden für ihr Handeln und Denken zu bereiten. Der Beitrag «Waldspaziergang» thematisiert die sinnlichen und emotional wahrnehmbaren Qualitäten des Materials Holz als gewachsenes Material an seinem Ursprungsort im Wald, jenseits seiner Funktion als Bauholz. Der Waldspaziergang ist der erste Teil eines Wahrnehmungsexperiments, in dem alle Sinne aktiviert wurden, um die Atmosphäre des Waldes zu erleben und in der Stille den Fokus auf die Umgebung und die individuelle Wahrnehmung zu richten. Im Beitrag «Im Wald» von Katja Jug wird eine Textcollage präsentiert, die sich als imaginierter Dialog zwischen der Performance-Künstlerin Yoko Ono und dem Schriftsteller Franz Kafka auf spielerische Weise auf die Erfahrungen des zweiten Teils des Wahrnehmungsexperiments bezieht. Beim Backen des Kohlebrotes und im Beisammensein an den wärmenden Flammen entstand ein Gespräch über die Wahrnehmung und Verwandlung der vier Elemente Holz, Feuer, Kohle und Rauch. Das Essay «Resonanzkörper» zeigt Bedürfnisse und Erfahrungen zeitgenössischer Ausbildungsphänomene auf und wendet die Beobachtungen in unterschiedlichen Lehrformaten an. Wenn Zeiten des Umbruchs, der Digitalisierung sowie ökologischer Dissonanzen zur Entfremdung von der (gebauten) Umwelt führen, können körperlich-reflexive und dialogisch-offene Arbeitsweisen bei der Wiederverbindung mit uns selbst und der Welt unterstützen. Diese haptischen Lehrformate bauen auf dem selbstständig iterativen Tun und Denken und der folgenden (Selbst-)Reflexion auf. Die dabei gemachten Erfahrung lehren und bilden essenzielle Fähigkeiten, die in einer sinnlichen Resonanz mit der sich stetig wandelnden Umwelt schafft. Dieser experimentelle Ansatz und die Verflechtungen der Akteur:innen hallen weit über die Hochschulgrenzen hinaus. Im Architekturstudium an der Hochschule Luzern wird ein konstruktives Entwerfen gelehrt, das mit dem genauen Erkunden der Materie beginnt, noch bevor eine Idee Gestalt annimmt. «Rohlinge eines Gefüges» beschreibt einen Entwurfsprozess, der im Machen und aus dem Material heraus eine sinnstiftende Fügungslogik sucht. Anhand experimenteller Füglinge im Massstab 1:1 wird das konstruktive und räumliche Potenzial erkundet, um darauf aufbauend räumliche Strukturen zu entwickeln – aus Material wird Architektur. In der sinnlichen Materialgeschichte «In der Staubwolke» rückt ein Gefühl des Eingehülltseins in vielschichtige Bezüge in den Fokus. Der Text hinterfragt die lineare und abstrakte Darstellung von Materialflüssen und lässt laute, schmutzige und komplexe Prozesse und Zusammenhänge auftauchen. Die Lesenden mäandern zwischen unterschiedlichen Zeiten und Materialzuständen mit unterschiedlichen Wirkungspotenzialen und Funktionen. Durch das Atmosphärische und Poetische sucht der Text nach Ansätzen, den Ziegelbruch von alten Dächern der Disqualifikation als Abfall zu entheben, dem Material seine Biografie oder Geschichtlichkeit zurückzugeben und nachhaltige Potenziale aufzuzeigen. Im Essay «Grüne Wirkung» wird am Beispiel von urbanem Grün die Beziehung zwischen Mensch und Natur betrachtet. Der anthropozentrische Ansatz, der die Natur als etwas betrachtet, das der Mensch zu seinem eigenen Vorteil nutzt und kontrolliert, ist überholt. Angesichts des Klimawandels und der immer häufiger auftretenden Extremwetterereignisse wird die Notwendigkeit erkennbar, sich wieder mit der Natur zu verbinden, denn schliesslich leben wir mit ihr und in ihr. Die vermehrte Integration natürlicher Elemente in die gebaute Umwelt hat einerseits klimatische Vorteile, andererseits wird die qualitative Wirkung von sinnlich erfahrbaren Naturelementen im städtischen Alltag zu einem zentralen Mittel für ein gestärktes Umweltbewusstsein.
12 13 Die Erfahrung eines rauen Textes, die einem beim Lesen des Essays «Der dritte Raum» entgegenkommt, spiegelt die inhaltliche Reflexion über das sensorische Phänomen wider. Die Rauheit einer Oberfläche wird unter der Lupe von Martin Huwiler zu einem dritten Raum – einem Zwischenraum, in dem sich Leere und Volumen berühren und gleichsam verzahnen. Die unebene, bewegte oder raue Oberfläche und der darauffolgende Zwischenraum schaffen, wie Widerhaken, einen Widerstand; in ihnen speichert sich die Unmittelbarkeit von Prozessen und zeigt sich Authentizität. Diese Attribute vermitteln auch zwischen dem Betrachter und dem Objekt und erzeugen eine Form von Resonanz. Insofern ist die Rauheit nicht nur eine Prägung der Oberfläche, sondern gleichsam eine Prägung der betrachtenden Person. Der interdisziplinäre Dialog, welcher zwischen den Forschenden der Themenplattform Materialität@ hslu gepflegt wird und sich mit dieser Publikation an eine erweiterte Öffentlichkeit richtet, regt zur Reflexion über materialspezifische Fragestellungen in einem gestalterischen, ökologischen und gesellschaftlichen Kontext an. Von den unterschiedlich skalierten Betrachtungsebenen, die von der Materialoberfläche bis hin zu städtebaulichen Dimensionen reichen, richtet sich der Blick auf die körperliche Materialerfahrung, das sinnliche Erlebnis und die damit verbundenen immateriellen Werte einer neu gewonnenen Umweltsensibilität. 1 1 Sinnliche Erfahrungswelt in der Masoalahalle Foto: Martin Huwiler
14 15 WALDSPAZIERGANGWALDSPAZIERGANG Ein Wahrnehmungsexperiment An einem herbstlichen Freitagabend veranstaltete die interdisziplinäre Themenplattform Materialität@hslu einen choreografierten Spaziergang für Studierende, Mitarbeitende und Dozierende. Dieser führte vom Campus an der Technikumstrasse in den benachbarten Wald. Der Anlass war Teil einer experimentellen Veranstaltungsreihe, welche sich mit übergeordneten Fragestellungen zum Thema Materialien und ihrer Auswirkung auf die Umwelt beschäftigt. Der Waldspaziergang diente dazu, die eigene multisensorische Wahrnehmung zu schulen und dabei das Material Holz im Kontext des Waldes zu erleben – natürlich gewachsen, krumm, verdorrt, feucht und morsch oder auch vital, grün und duftend. Das Baumaterial Holz ist ein natürlicher und nachwachsender Werkstoff, der in der aktuellen Architekturpraxis wegen seiner CO 2 -Speicherfähigkeit und seiner nachhaltigen Eigenschaften zunehmend an Bedeutung gewinnt. Doch nebst der ökologischen Wirksamkeit hat Holz auch zahlreiche sinnliche und emotional wahrnehmbare Qualitäten. Während eines Spaziergangs vom Hochschulcampus Horw in den benachbarten Wald bis zur Bruusthütte wird das Material Holz in seiner natürlichen Umgebung bewusst erlebt. Ganz nach dem Prinzip der Promenadologie oder auch Spaziergangswissenschaft, welche von Lucius und Annemarie Burckhardt entwickelt wurde, werden die Bedingungen der Wahrnehmung während eines Spaziergangs bewusst gemacht und damit die individuelle Umweltwahrnehmung erweitert. Das Spazieren wird auch in unserem Wahrnehmungsexperiment zur Methode, um die sinnliche Wahrnehmung zu schulen – vom Kopf geht es in den Körper und der Weg wird forschend mit allen Sinnen wahrgenommen. Doch welche Sinne sind für die Wahrnehmung der Umwelt relevant? In unserer heutigen Gesellschaft liefert der Sehsinn rund achtzig Prozent aller Informationen aus der Umwelt, die wir im Gehirn verarbeiten. Das war jedoch nicht immer so und wurde durch die digitalen Medien und bildzentrierte Kommunikation verstärkt. Neben dem Sehen gehört das Hören heute im sozialen Kontakt zu den bevorzugten Sinnen, wohingegen das Tasten, Riechen und Schmecken meist vernachlässigt wird. Juhani Pallasmaa beschreibt in dem Buch «Die Augen der Haut» die Wichtigkeit der multisensorischen Wahrnehmung, denn eine tiefgreifende Architekturerfahrung kann die Eigenschaften von Raum, Material und Massstab nur mit allen Sinnen beurteilen. Die Philosophie Rudolf Steiners geht sogar davon aus, dass wir in Wirklichkeit nicht nur fünf, sondern zwölf verschiedene Sinne gebrauchen. Steiner teilt diese Sinne in drei Kategorien ein: die Körpersinne (Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn, Tastsinn), die Umgebungssinne (Wärmesinn, Sehsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn) und die Erkenntnissinne (Ichsinn, Gedankensinn, Sprachsinn, Hörsinn). TEXT: NICOLE HARTMANN; INNEN-/LANDSCHAFTSARCHITEKTIN UND FORSCHERIN Veranstaltung: 3.1; Senses: Holz, Wald, Rauch / Wahrnehmungsexperiment I Mit: Cornelia Gassler, Nicole Hartmann, Matthew Howell, Katja Jug, Susanne Triller, Jana Mulle
16 17 1 1 1 Bei einem Spaziergang durch den Wald werden ganz unmittelbar alle Sinne in Anspruch genommen und eine tiefgreifende körperliche Erfahrung ermöglicht. Shinrin Yoku, die japanische Praxis des Waldbadens, nutzt das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes als therapeutisches Mittel. Dabei geht es darum, durch Achtsamkeitsübungen alle Sinne zu aktivieren und das Bewusstsein sowohl auf die Umgebung als auch auf sein Inneres zu lenken. Die staatliche Waldbehörde Japans entwickelte das Konzept in den 1980er-Jahren aufgrund der voranschreitenden Verstädterung und um der stark urbanisierten Gesellschaft ein natürliches Gegengewicht zu bieten. Shinrin Yoku basiert auf Japans jahrhundertealtem Glauben an die heilende Kraft des Waldes, der rund zwei Drittel des Landes bedeckt und einige der ältesten Bäume der Welt beheimatet. Während des halbstündigen Aufstiegs durch den Wald wurden die Teilnehmenden des Wahrnehmungsexperiments dazu angehalten auf das Sprechen zu verzichten. Der sogenannte Silent Walk diente dazu, die Stille zu nutzen, um die Aufmerksamkeit auf die Umgebung und die individuelle Wahrnehmung zu richten. Auf diese Weise konnte einerseits der Wald und andererseits das Material Holz mit seinen unterschiedlichen Eigenschaften von natürlich gewachsen, krumm, verdorrt, feucht und morsch oder auch vital, grün und duftend, bewusst erlebt werden. In Anlehnung an das Gedicht «Gefunden» von Goethe sammelten die Spaziergänger:innen Blätter, Blüten, Knospen, Wurzeln oder Zweige, denen sie auf dem Weg begegnet sind. Die so entstandene Materialsammlung der Fundstücke diente zur gemeinsamen Reflexion über die individuellen multisensorischen Erfahrungen während des Waldspaziergangs. Bei der Hütte angekommen erwartete die Teilnehmenden ein wärmendes Lagerfeuer, wo beobachtet werden konnte wie sich die Materialzustände des Holzes von einem festen Holzstück, in orange glühende Kohle, feine graue Asche und rauchige Nebelschwaden verwandelte. «Ich ging im Walde So vor mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn » Gedicht «Gefunden» Johann Wolfgang von Goethe, 1813 1
30 31 What makes sense? Vom Embodiment zum Klima In Zeiten digitaler Überlastung werden handwerklich-körperliche Begegnungen zum Vermittler der Beziehungen zur Welt. Was im realen Kontext von Raum und Zeit erfahren wird, bereitet uns den Boden für das Denken und Wahrnehmen. So verwundert die steigende Nachfrage und Dichte von DIY-Workshops, Repaircafés und Keramikateliers nicht – denn hier werden der digitale Hunger und die schwindende Aufmerksamkeit durch Kontemplation unterbewusst und beiläufig durchbrochen. Für den Soziologen Hartmut Rosa sind etwaige Beund Entschleunigungen im modernen Kapitalismus begründet. Wenn eine stetig wachsende Wirtschaft und die zunehmende Technologisierung, der soziale Wandel und das eigene Tempo unsere Beziehungen zum Realen verzerren, führt dies zu einem Gefühl der Entfremdung – während tiefergehende Auseinandersetzungen, die im Bezug zum lokalen und körperbasierten Umfeld und Massstab stehen, uns erden, ergo entschleunigen. Dann fühlen wir uns wirksam. Das Entwickeln lebensnotwendiger Resilienzen und Resonanzen wird nach Rosa möglich, wenn wir MIT der Welt kommunizieren, IN der wir uns spüren. Das Phänomen der intrinsischen Erdung lässt sich bei dialogischen Architekturkollektiven beobachten. Wenn diese aufgrund minimalistischer Bedingungen – ob selbstgewählt oder monetär vorgegeben – bauliche Strukturen collagierend und meist selbst Hand anlegend in eine neue Nutzungszyklus überführen. Dann führt die Ressourcenverknappung zu neuen Handlungsmustern mit positiven Klimaauswirkungen, vor allem zu Selbstwirksamkeit und der Möglichkeit sich der Effizienz und dem Konsum kurzfristig zu entziehen. Denken und Schritte als Korrektiv Während wir den natürlichen RessourcenZenit überschritten haben – um 2020 überwog erstmals die vom Menschen geschaffene «anthropogene» Masse gegenüber der natürlichen Biomasse – expandieren Wirtschaft und Klimaprobleme unaufhaltsam weiter, genährt vom globalen Streben nach Mehr und/oder Hyperkomfort. 5 Mit der Forderung «Mehr denken, weniger bauen!» verweist Eva Stricker auf einen nicht unbekannten Weg, aber auch auf neuartige, komplexe Bauprozesse und fordert das Überdenken unserer misslichen Lage. Sie erinnert an die Zeiten des Baubooms und der Ölkrise, in denen Konzepte wie Garbage Housing und as found aufkamen, aber auch an tradierte und über Jahrhunderte gültige Ansätze des ressourcenschonenden und weitsichtigen – oder weitdenkenden – Handelns. Gewiss: Material und die Frage nach seiner Dauerhaftigkeit und Instandhaltung rücken wieder ins Zentrum der Betrachtung, und wegweisende Materialtransformationen – vom Normalzum Recyclingbeton – werden zum neuen Normal einer ressoucrenschonenenden Bauwirtschaft. Doch wenn Kreislaufwirtschaft ausschliesslich von messbaren Lebenszyklustabellen und CO2-Werten ausgehend unsere Gebäudeperformances dirigiert, wird einmal mehr die Ökonomie begünstigt; der gesellschaftliche «Turn» und die Inklusion sind fern. So verwundert es auch nicht, dass die Honorarordnung für Architekt:innen immer noch an die Baukosten – sprich: den Verbrauch von Material und Energie – gekoppelt ist und nicht an die soziale Teilhabe. Mehr ist mehr!? 5 4 Den Kooperationen und kollektiven Werken fehlt es an äquivalenten Werkzeugen und damit auch an Wertschätzung und Wertsteigerung, egal ob gesellschaftlicher oder ökonomischer Natur. Wie können wir neuartige kollektive und dialogische Bauprozesse messbar und attraktiv gestalten? Wie können offene Arbeitsprozesse zum Werkzeug unserer Gesellschaft werden? Nachhaltigkeit – basierend auf den drei Säulen Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie – bezieht sich auf immaterielle wie materielle Ressourcen. Während sich öknomische Kreislaufstrategien aktuell an sekundärer Materialoptimierung (RE-Fuse, RE-Use, RE-Cycle) abarbeiten, muss die Gesellschaft weit vor der Rohstoffentnahme in die Nachhaltigkeitsstrategien einbezogen werden. Das «Re-Connect» auf psychischer und physischer Ebene kann einen massgebenden Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltigen Baukultur und einer resonanten Gesellschaft leisten. In einer Welt, in der Überfluss und Beschleunigung zur Last geworden sind, wird deutlich: Ressourcen und Zeit sind die Schlüssel für das Fortbestehen moderner Gesellschaften. Es ist an der Zeit, innezuhalten und unserem unaufhörlichen Vorwärtsdrang eine neue Richtung zu weisen. Vielleicht besteht der nächste notwendige Schritt gerade darin, einen Schritt zurückzutreten und mannigfaltige Ressourcen aller AkteurInnen zu schonen. Wie Jane Odell in ihrem Roman Nichts tun 6 dazu aufruft: «Den wahren Wert des Nichtstuns lässt sich nicht in Kennzahlen messen, denn er steht im diametralen Gegensatz zum Konsum. Nichts tun bedeutet Wiederherstellung.» Jenny Odell. Nichts tun. 1 Als sinnliche Intelligenz beschreibt Frank folgendes: «Wenn die Wahrnehmung mehr erkennt als der Verstand versteht, dann liegt es daran das die Sinne untereinader kooperieren. … Zusammenklang in dem übertragenen Sinne, dass verschiedene Sinnesmodalitäten einander anregen, sich aufeinander einstimmen und gegenseitig in Resonanz versetzen. … Wenn unsere Sinne die Möglichkeit haben, am Verstand vorbei direkt miteinander zu kooperieren, dann verfügt die Sinnlichkeit über eine Art Intelligenz.». 2 Caminada, G. (2018). Unterwegs zum Bauen. Ein Gespräch über Architektur mit Florian Aicher. Birkhäuser Verlag, S. 74. 3 Wacker, P. (2025). Circular Time Lab – Ein Reallabor für Zirkularität, iterative Prozesse und Kollaborationen. In: TEC21. 29.10.2025 4 Pallasmaa, J. (2012). Die Augen der Haut – Architektur der Sinne 5 Hyperkomfort bezeichnet einen überhöhten Zustand des Komforts, in dem Körper und Umwelt vollständig auf Bequemlichkeit eingestellt werden («Komfortzone») – Klimatisierung, Akustik, Licht und Sicherheit sind nahezu perfekt geregelt. 6 Odell, J. (2025). Nichts tun. München: C.H. Beck Verlag. Literatur: Caminada, G. (2018). Unterwegs zum Bauen. Ein Gespräch über Architektur mit Florian Aicher. Birkhäuser Verlag. Esch, P. (2020). Lob des Hintergrundes. IN: Werk Bauen Wohnen. Nr. 6/2020, S. 38–40. Herres, U. M. (2016). Spuren des Handwerks: der Einfluss handwerklicher Herstellung auf die Architektur. Dissertation: ETH Zürich. Franck, G., Herzog & de Meuron & Lieshout, J. van (2006). What Moves Architecture? In the Next Five Years. gta Verlag. Odell, J. (2021). Nichts tun. München: C.H. Beck Verlag Pallasmaa, J. (2012). Die Augen der Haut – Architektur der Sinne. Los Angeles: Atara Press Rosa, H. (2019). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Surkamp Verlag Stricker, E. (2023). Mehr Denken, weniger Bauen. In: ARCH+. Nr. 252, S. 124–131. Wacker, P. (2025). Circular Time Lab – Ein Reallabor für Zirkularität, iterative Prozesse und Kollaborationen. In: TEC21. 2025 Dank: An die gesamte Forschungsgruppe materialität@hslu für den stetigen und bereichernden Austausch, die Aktivitäten. An Pascale Wacker für die Zusammenarbeit im Circular Time Lab und die Unterstützung durch die Inhalte. Dem Team des Forschungsprojektes P8, besonders Jara Malevez, Birk Weiberg und Rike Hanke. Dem Werkstatt-Team des IAR insbesondere Oliver Zumbühl und Hubert Bösch. Ebenfalls dem gesamten Lehrteam des Bachelor Basic mit dem Projektmodul Struktur, sowie den externen Unterstützer:innen: Küng Holzbau AG, schaer holzbau ag, Petra Köchli, Manu-ell GmbH, Stobag AG, Lawil Gerüstbau und Corinna Mattner. 1-4 Materialwerkstatt Holz-Holz Verbindungen 5 Materialwerkstatt Holz fügen Fotos: Markus Käch, Sonja Geier
32 33 Weitere Informationen: Lernvideos Alle Lernvideos – teilweise mit Protagonist:innengespräch – sind mit nebenstehendem CR Code abrufbar. Vom Baum zum Bau – ein Werkstattbericht Das Lernvideo in Kooperation mit dem «Hub Viscosi» – Interdisziplinäres Kompetenzzentrum für professionelle Lernvideos und dem Unternehmen Holzbau Küng Autorin: Susanne Triller; Regie: Jara Malevez; Produktion: Birk Weiberg Kasten I Werkstattbericht Das schweizweite Förderprogramm P-8 «Stärkung von Digital Skills in der Lehre» unterstützte von 2019 bis 2024 die Herausforderungen der Digitalisierung im Hochschulkontext. Im Fokus standen die Entwicklung digitaler Formate und der Aufbau der Kompetenzen für die Zielgruppen: Studierende, Lehrende und Institutionen. Der «Werkstattbericht» – ein Vermittlungsformat der Materialbibliothek des Instituts für Architektur – ist Teil des Projekts. Digitaler Wandel bringt immense Veränderungen und Chancen für unsere Gesellschaft und die Hochschulen. Zu Zeiten der coronabedingten Hochschulschliessungen nutzten wir die Chance zur Vernetzung mit baukulturell relevanten Personen und Betrieben, um digitale Vermittlungsformate zu erproben. Der filmisch-dokumentarische «Werkstattbericht» porträtiert Handwerker:innen in ihrer vertrauten Arbeitsumgebung, offenbart den Zuschauenden und -hörenden Einblicke in materielle Transformation und in die Arbeitsprozesse, adressiert das Verständnis von Machen und «Gemachtem» eines Werks. Die Reihe hat einen Fundus an Lehrvideos generiert, die stets abrufbar sind und von Interessierten und Lehrenden (weiter)verwendet werden können. Inhaltlich und finanziell wird die Reihe von der Forschungsgruppe Materialität@hslu getragen, die sich seit 2013 der Vermittlung von Materialität im Kontext von Raum und Gesellschaft vor dem Hintergrund des treibenden Wandels verschrieben hat und sich als ungebundenes Glied zwischen Lehre und Forschung im realen Kontext versteht. TEXT: SUSANNE TRILLER, ARCHITEKTIN UND FORSCHERIN 1 Im internationalen Kooperationsprojekt «BAUHALPS – Building Circular in the Alps» arbeiten 13 Partner:innen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz zusammen. Dabei werden innovative Konzepte und prozessuale Methoden erprobt und zukunftsweisende Lösungen im Bereich des zirkulären Bauens aufgezeigt. Als Ergebnis entsteht nach Abschluss des Projekts ein Toolkit, welches sichtbare und greifbare Impulse setzen soll, um die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Weitere Informationen: Projektleitungen Pascal Wacker, Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) – Projektleitung Forschung Wolfgang Rossbauer, Bachelor in Architektur, Projektmodul Struktur – Projektleitung Lehre Beat Roos, schaerholzbau AG – Projektkoordination Praxis Projektbeteiligte Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP): Pascal Wacker, Sonja Geier Bachelor in Architektur – Projektmodul Struktur: Wolfgang Rossbauer, Matthew Howell, Thomas Summermatter, Rabea Kalbermatten, Norma Tollmann, Ioannis Piertzovanis, Bianca Anna Boeckle, Jana Mulle, Achille Patà Materialbibliothek & Materialität@hslu: Susanne Triller Praxisteam: schaerholzbau AG, Tschopp Holzbau AG, Haupt AG, Dubach Holzbau AG, erni Holzbau AG Kasten II Circular Time Lab: Ein Reallabor für Zirkularität, iterative Prozesse und Kollaboration Im Frühlingssemester 2025 lancierten das Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur und der Bachelorstudiengang Architektur der Hochschule Luzern das dreijährige Design-Build-Projekt «Circular Time Lab». Dabei entwickeln und erproben Architekturstudierende gemeinsam mit Lernenden aus regionalen Holzbaubetrieben hands-on das kreislauffähige Bauen mitten im öffentlichen Raum. In nur sechs Wochen entstehen drei reale Strukturen – von den ersten Entwurfsgedanken bis zur Aufrichte vor Ort. Um Praktiken der Zirkularität heute zu testen, ohne das Versprechen in die ferne Zukunft auszulagern, setzt das Projekt auf die Idee eines Zeitrafferlabors und verkürzt den Lebenszyklus der Bauten auf nur ein Jahr. Dieser zeitlich verdichtetet Ablauf treibt die zirkuläre Logik des ständigen Fügens, Transportierens, Aufbauens, Abbauens und erneuten Fügens auf die Spitze. Die Endprodukte – oder eher Zwischenprodukte – tragen so die prozessualen Gedanken sowohl räumlich als auch gestalterisch weiter. Gleichzeitig fliessen Erkenntnisse und Erfahrungen auch in das internationale Forschungsprojekt «BAUHALPS – Building Circular in the Alps» 1 ein. Dort dient das Circular Time Lab als Pilotprojekt, um Grundlagen und neue Konzepte im kleinen Rahmen zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Während des ganzen Projekts gilt stets, für die aktuelle Bestellung die bestmögliche Struktur zu entwickeln und gleichzeitig Raum für ein spannendes Nachleben offenzuhalten. Die Arbeitsweise ist dabei vom Entwurf bis zur Ausführung nicht linear, sondern ein iterativer und kollaborativer Prozess. Planung und Ausführung verlaufen parallel; Entwurf, Materialbeschaffung und Logistik bedingen sich gegenseitig. Das Arbeiten mit den vorgegebenen Materialien und dem Gedanken an deren zukünftige Weiterverwendung ist planerische Prämisse und die Lösungsvorschläge zeigen eine Kombination aus struktureller und optischer Logik, die das Potenzial hat, einen neuen tektonischen Ausdruck hervorzubringen. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Holzbaubetrieben treffen das Wissen aus der Praxis und die Perspektiven aus dem Studium direkt am Bauteil aufeinander. Dieses Miteinander stärkt das gegenseitige Verständnis, schärft die Kommunikation und zeigt, wie kollaborative Prozesse die Umsetzung tragen. TEXT: PASCAL WACKER, ARCHITEKT UND FORSCHER Filmstills «Vom Baum zum Bau» Filmscreening
34 35 4 3 2 1 Circular Time Lab: Kollaboratives Arbeiten 2 Circular Time Lab: Aufbau Pavillon 3 Circular Time Lab: Aufbau Pavillon 4 Circular Time Lab: Pavillon in Emmenbrücke Fotos: Sonja Geier, Markus Käch 1
36 37 ROHLING EINES GEFÜGES ROHLING EINES GEFÜGES Der Fügling als Erkundungsmittel auf dem Weg zum Entwurf Der Fügling entstand als Lehrinstrument im Rahmen des Moduls «STRUKTUR» des ersten Jahreskurses an der HSLU. Als Vorübung für den Semesterentwurf entwickelten die Studierenden kleine physische 1:1-Experimente zu Material und Konstruktion. Der Fügling ist ein konstruktives, tektonisches Experiment mit räumlichem Potenzial, das es erlaubt, die Eigenschaften der Stoffe zu erforschen und erste Entwurfsentscheidungen zu treffen. TEXT: PROF. MATTHEW HOWELL; ARCHITEKT UND DOZENT Modul: Bachelor Basic – STRUKTUR, Frühlingssemester 2024, Hochschule Luzern – Technik & Architektur Modulverantwortung: Prof. Matthew Howell / Lehrteam: Nina Cattaneo, Boris Gusic, Matthew Howell, Marianne Meister, Jana Mulle, Annika Seifert, Achille Patà, Ioannis Piertzovanis, Jonas Rauber, Thomas Summermatter, Lucrezia Vonzun, Besa Zajmi 1
38 39 Wer sich ernsthaft mit Material im architektonischen Rahmen beschäftigt, erkennt bald, dass Architektur nicht direkt mit dem Entwerfen beginnt, sondern mit dem genauen Erkunden. Noch bevor eine Idee Gestalt annimmt, steht der Stoff mit seiner Masse, seiner Dichte, seiner Widerständigkeit im Raum. Jedes Material trägt eine eigene Logik in sich, eine innere Konstellation von Möglichkeiten und Grenzen. Wer aus dem Material heraus entwerfen will, setzt sich durch Recherche und im Experiment mit dessen Beschaffenheiten aktiv auseinander, aber hinterfragt sie auch. Diese Gesetzmässigkeiten – sowie die bewusste Infragestellung dieser – prägen den Entwurfsprozess ebenso wie sie ihm Widerstand leisten. Die gesammelten Kenntnisse und Erkenntnisse informieren das konstruktive Entwerfen. Zudem wird beim sorgfältigen Konstruieren bereits das spätere Auseinandernehmen und damit der Grundsatz der ökologischen Weiterführung der Materialien mitgedacht. Aber wie sollen diese essenziellen Eigenschaften erkundet werden? Vor allem durch das Machen selbst. Dazu kann der Fügling dienen: ein konstruktives, tektonisches Experiment mit räumlichem Potenzial. Der Rohling eines Gefüges Die Art, wie Materialien gefügt werden, wie sie Raum bilden und Kräfte ableiten, prägt den Charakter jedes Konstrukts. Wenn ein sorgfältiges Fügen auf die Essenz des Materials zurückgeführt wird, kann ein elementares Objekt entstehen – ein gebauter Ausdruck, der noch keine konkrete Anwendung suggerieren muss, aber bereits konstruktives und räumliches Potenzial erkennen lässt. Ein solches Objekt wird hier mit dem interpretationsoffenen Begriff «Fügling» bezeichnet: etwas zwischen Gefüge und Rohling, der Keim einer möglichen konstruktiven Lösung, die noch in viele Richtungen zu Struktur und Raum weiterentwickelt werden kann. Der Fügling ist kein Modell und kein Entwurf im üblichen Sinn, sondern eine Art physisches Nachdenken – zwingend im Massstab 1:1 – über das Werden von Architektur aus Material. Ein tektonisches Kraftpaket Der Fügling kann mehr, als lediglich über das technische Verbinden zu vermitteln. Er dient als Mittel, um die tektonische Dimension einer Konstruktion zu erproben und zu verstehen. Die Tektonik ist der narrative oder poetische Aspekt des Bauens: die Fähigkeit einer Struktur, über sich selbst etwas zu erzählen. Tektonik spricht von Gewicht und Gleichgewicht, von der Art, wie Elemente sich begegnen und zusammenhalten, wie Kräfte durch das Ganze geleitet werden. Oft besteht ein Fügling aus mehr als einem Material, um die Wechselwirkungen, Dialoge und Kontraste zwischen den verschiedenen Materialien sichtbar zu machen: das Harte gegen das Weiche, das Fragile mit dem Soliden. Im Fügling werden diese Beziehungen im Kleinen erfahrbar, bevor sie im Entwurf – später im Bauwerk – Gestalt annehmen. Die bewusste Betonung einer Stütze, eines Trägers oder einer Verbindung kann eine Erzählung eröffnen – eine leise Geschichte über Widerstand, Stabilität oder Ruhe, aber auch Spannung, Widerspruch oder Ironie. So entsteht durch das Sichtbarwerden des Gefüges eine Sprache der Konstruktion, in der das Technische und das Poetische, die Materialität und die Idee untrennbar miteinander verbunden sind. Der Grundsatz eines Kreislaufs Während die Materilatät und die Idee untrennbar sein mögen, sollen die Einzelteile eines gut-gedachten Füglings genau das Gegenteil sein. Der Fügling eröffnet somit auch den Blick auf die ökologische Dimension des Bauens – auf die Zusammenhänge zwischen Materialherkunft, Energieaufwand und den Möglichkeiten der Wiederoder Weiterverwendung. Entscheidend ist dabei das Fügen selbst: Im gekonnten Zusammenfügen ist das spätere Auseinandernehmen bereits mitgedacht. Reversible oder anpassbare Verbindungen ermöglichen nicht nur eine klare Lesbarkeit der Konstruktion, sondern auch deren Rückbau und stoffliche Trennung. Damit werden Materialwahl, Verarbeitungsgrad und Ablauf der Zusammenstellung zu integralen Parametern des Entwurfs. Nachhaltigkeit entsteht so nicht als nachträgliche Massnahme, sondern als Resultat einer konsequenten Auseinandersetzung mit den Eigenschaften und Kreisläufen der Materialien. Der Fügling dient dabei als Werkzeug, um diese Zusammenhänge im Massstab 1:1 erfahrbar zu machen und in ein konstruktives – sowie dekonstruktives - Denken zu überführen. Wer beim Entwerfen diesen Weg verfolgt, bleibt nicht an der Oberfläche der Materialität stehen, sondern sucht nach einer Lesbarkeit des Bauens. Ziel ist ein Ansatz, in dem Konstruktion, Materialität und Tektonik eine Einheit bilden und zugleich im Prinzip kreislauffähig gedacht sind. Vielleicht liegt darin der eigentliche Anfang architektonischen Denkens im materiellen Rahmen: den Dingen zuzuhören, bevor man sie formt. So wird aus Materie sogar ein gedanklicher, poetischer, ökologischer Stoff – und aus Fügung Architektur. 3 2 3 4
40 41 7 6 5 «Im gekonnten Zusammenfügen ist das spätere Auseinandernehmen bereits mitgedacht . » Matthew Howell
42 43 12 8 10 « Die Tektonik ist der narrative oder poetische Aspekt des Bauens: die Fähigkeit einer Struktur, über sich selbst etwas zu erzählen. » Matthew Howell 11 9 Füglinge: 1 Mia Küttel, Jamie Lanz 2 Florian Lutz, Christopher Iff 3 Florian Lutz, Christopher Iff 4 Florian Lutz, Christopher Iff 5 Nils Müller, Pamina Della Casa 6 Csaba Perge, Nancy Esslinger, Daniel Kälin 7 Nils Müller, Pamina Della Casa 8 Esther Steinmann, Fabio Borner 9 Esther Steinmann, Fabio Borner 10 Esther Steinmann, Fabio Borner 11 Marc Häller, Kilian Schilliger 12 Csaba Perge, Nancy Esslinger, Daniel Kälin Fotos: Markus Käch, Studierende FS 2023/24
44 45 IN DER STAUBWOLKE IN DER STAUBWOLKE Entlang der Wiederverwendung des Dachziegels Materialflussdiagramme dokumentieren Stationen in einem definierten System und beziffern Mengen und Qualitäten. Vor, hinter und in diesen linearen Balkenbändern oder angedeuteten Kreisläufen verstecken sich laute, staubige, farbenund geschichtenträchtige Spuren, Wegkreuzungen und Zusammenhänge des Materials. Der Anthropologe Tim Ingold versteht unter «flows of material» nicht Materialflüsse, sondern verweist vielmehr auf ein Grundverständnis, dass Materie kontinuierlich in Bewegung und im Prozess ist. Ihre Bewegungen kreuzen, überlagern, durchmischen sich. Basierend auf dem Geflecht von Bewegungen dokumentiert die Designerin eine sinnliche Materialgeschichte des Ziegels. TEXT: CORNELIA GASSLER; DESIGNERIN UND FORSCHERIN 1
46 47 4 Ein Geflecht von Bezugsebenen Es ist nicht leicht, in Tim Ingolds Grundverständnis von Materie als kontinuierlichem Im-ProzessSein einzutauchen und dabei zu begreifen, wie ihre Bewegungen in andere Bewegungen hineinsickern wie Wasser in die Erde. 1 Prozesse überlagern sich konstant, beeinflussen sich gegenseitig, und daraus entstehen neue Bewegungen. Wie beim Schmetterlingseffekt, bei dem winzige Änderungen in den Ausgangsbedingungen eines komplexen Systems langfristig unvorhersehbare und grosse Auswirkungen haben können. Ingolds Verständnis von Welt, wie auch das von anderen Vertreter:innen des Neuen Materialismus, lenkt den Blick auf die Verbundenheit oder auch die Abhängigkeiten zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen und beschreibt, wie Material uns genauso aktiv prägt wie wir das Material – es liegt nicht alleinig in unserer Hand und Kontrolle. Ich halte also den Ziegelbruch in der Hand und frage dich, liebes steinerne Material, wie kann ich dich als bewegt und aktiv wahrnehmen? Du rieselst aus meinen Fingern, und zurück bleibt eine ziegelrote Spur, ein Farbkörper für Fresken. Ausgelöst durch Assoziationsbrücken, kulturelle Perspektiven wie auch tatsächliche Prozesse des physischen Ziegelmaterials, sickern im Text unterschiedliche Bezugsebenen ineinander. Die Bewegungen, Spuren oder Geschichten des Materials werden nicht linear dokumentiert, sondern mäandern zwischen unterschiedlichen Zeiten, Materialzuständen mit unterschiedlichen Wirkungspotenzialen und Funktionen. Geologische Transporte und LKW-Fahrten Im Hintergrund laufen Videoaufnahmen mit grossen Baggern, die Kies und Erdschichten abbauen, umschichten und verlagern. An den Bordhängen siedeln sich Pionierpflanzen an. Davor stehen zwei Personen mitten in einer dialogischen Führung. Wie wollen wir mit den Kiesgruben umgehen? Als Deponie wieder aufschütten und mit Wiese überdecken? Oder wollen wir sie ähnlich den Rheinufern vor der Kanalisierung als schroffe, weiche Wände der Natur und den Uferschwalben als Lebensraum überlassen? Diese Fragen stellt die Landschaftsarchitektin Céline Baumann vorsichtig in den Ausstellungsraum «BEFORE AND AFTER SAND» im Gewerbemuseum Winterthur. Ich höre zu und vermische das Gehörte mit selbst Erlebtem. Vor meinem inneren Auge wird eine Wiese lebendig, unter der eine Schicht (umgelagerter) Humus liegt und darunter das Ungewisse – oder die Gewissheit, dass menschliche und geologische Transporte sich hier längst vermischen. Unter dieser Wiese können lehmund tonhaltige Schichten sein, die abgebaut und zu Ziegeln verarbeitet werden. Genauso jedoch mit dem LKW-Transport in Schichten deponierte Materialladungen. An einem Dienstagnachmittag im Sommer war es eine Ladung mit 10 Kubik Ziegelbruch, der als Dachsubstrat ca. 130 m 2 Flachdach in Sursee gedeckt hat. Der Transporter kippt die Ladung, und eine rote Staubwolke hüllt alles mit ein. Der Wind kommt aus passender Richtung, um das immersive Umhülltsein zu verstärken. Überall ist der Ziegelstaub – zwischen den Zähnen, in den Haaren, auf der Frontscheibe. Alles überpudert mit einer feinen roten Schicht. In dieser Deponie Typ B schichten sich geschüttete mineralische Abfälle in unterschiedlichen Farben und füllen die Gruben des Kiesabbaus. Die Geschichte des Materials endet nicht hier, sondern ist nun wieder den geologischen Zersetzungsprozessen überlassen. Es siedeln sich Pionierpflanzen an, und auch hier leben Uferschwalben. Die Deponie ist Lebensraum und nicht das Ende. «One’s mind and the earth are in a constant state of erosion, mental rivers wear away abstract banks, brain waves undermine cliffs of thought, ideas decompose into stones of unknowing, and conceptual crystallizations break apart into deposits of gritty reason. (...) This slow flowage makes one conscious of the turbidity of thinking.» Robert Smithson, «A Sedimentation of the Mind: Earth Projects», 1986 2 3
48 49 5 7 Bewegungen des Materials Materie, Material, Körper, Objekt, Haus, Produkt versteht Ingold als «a continuous trajectory of becoming» – eine kontinuierliche Spur von Werdungsoder Veränderungsprozessen. In innerlichen Bildern von Schlammlawinen, wuchtigen, rauschenden Flüssen, die Tonmineralien in Sedimenten ablagern, überfliege ich in Blitzgeschwindigkeit die Verwitterungsprozesse und den Zerfall von Gesteinen zu Tonmineralien. Ich sehe Bilder von Tongruben und von dem Aushub, dem Transport in die Ziegelei und stelle mir vor, wie Abermillionen von feinsten Tonplättchen in die Form eines Ziegels gepresst werden. Jahrtausende sind gleichzeitig in einem Ziegel gespeichert. In den Schweizer Ziegelwerken werden jährlich im Durchschnitt 108'230 t Dachziegel hergestellt 2 und werden in ihrer Funktion als Schutzschicht zu einem prägenden Teil der Dachlandschaften. Das Ziegeldach entfaltet Funktion, Wirkung und bildet einen kulturellen Wert. Diese kulturelle Wirkung wurde gewagt beschrieben: «So entspringt z. B. das steile, weit in den Himmel ragende ‹Gotische Dach› des Mittelalters einem anderen Lebensgefühl der Bürger als der strenge, kubische Baukörper des Bauhauses. Die Formen der Dächer, die Silhouetten der Städte und Dörfer haben die besiedelte Landschaft meist mehr geprägt als die Baukörper darunter.» 3 Von hier aus, wo ich schreibend sitze, im Tessin auf einem Hügel, mit Überblick über die Dächer hinunter zum See, mag dies stimmen. Die roten Dachflächen sind in der Mehrzahl und bilden einen Fleckenteppich bis zum See hinunter – das ziegelrote Dach und der blaue See. Und auch wenn ich von Lissabon schwärme, von dem warmen Licht über den ziegelroten Dächern, ist die Dachlandschaft prägend für ein Lebensgefühl – das ziegelrote Dach und der blaue Himmel. Laut Ziegelindustrie Schweiz haben Ziegel eine Lebensdauer von 75 und mehr Jahren. In der Praxis wird eine Dachsanierung nach 40 bis 60 Jahren empfohlen. Wobei sich diese Zeitdimensionen der Materialbeständigkeit in dem Wissen ausweiten, dass es noch heute erhaltene Ziegelbauten aus der römischen Antike 750 v. Chr. gibt. Nach diesem Lebenszyklus auf dem Dach werden die Dachziegel bei einer Sanierung, bei der Umrüstung oder beim Rückbau teilweise separiert gesammelt. Da die Ziegel ohne Mörtel verbaut und damit ein Vorbild für ein «Design for Disassembly» sind, werden Bruchziegel ohne Fremdanteile abgebaut, und wenn von einem Dach eine genügend grosse Menge an Ziegeln anfällt, kann ein Transport ausschliesslich mit Ziegeln gefüllt werden. 4 Das Verlegeprinzip und die separierte Fraktion begünstigen eine sortenreine Rückholung. Nach der Sammlung und Zwischenlagerung in Recyclingbetrieben oder direkt von privaten Bauprojekten können die Ziegel gratis bei Gerber AG abgegeben oder für 50 – 60 CHF pro m 3 auf die Deponie gebracht werden. Für grössere Anlieferungen von Recyclingwerken zahlt Gerber AG Transportentschädigung von 10 – 15 CHF pro m 3 für weite Anlieferungsweg. Ziegelwerksabfälle werden für 10 – 15 CHF pro m 3 angekauft und zusätzlich abgeholt. So gelangt das Material auf den Umschlagplatz in Roggwil. Die Firma ist in die Verarbeitung von Ziegelbruch zu Dachbegrünungssubstrat hineingewachsen. Der Geschäftszweig mit den Dachsubstraten hat sich entlang der Möglichkeiten der bereits vorhandenen Werkzeuge zum Absaugen bei der Kanalreinigung entwickelt. Die Maschinen wurden nicht nur zum Absaugen, sondern in ihrer Umkehrung auch zum Blasen von Materialien wie bspw. Dachbegrünungssubstraten genutzt. Schritt für Schritt hat sich herauskristallisiert, dass es einfacher ist, das Substrat aus Dachziegeln lokal zu brechen, anstelle eines Einkaufs mit weiten Transportwegen. Peter Gerber schreitet voraus und bemerkt mit einem Rückblick über die Schultern: «Bei schönem Wetter ist es hier staubig, bei schlechtem Wetter ein roter Matsch.» Der Umschlagplatz und alle Maschinen sind mit einer feinen roten Schicht überzogen. Die Ziegel werden mechanisch gebrochen und unter stetem Rütteln in drei Bruchgrössen gesiebt und je auf einen eigenen Haufen geführt (Bild 4). Die gebrochene Korngrösse von 0 bis 3 mm wird aktuell in einer Testphase als Beigabe zu Ton (Schamotte) in der Ziegelei wiederverwendet. Das Dachbegrünungssubstrat als Gerbers Hauptziegelbruchprodukt hat eine Korngrösse von 3 bis 16 mm. Der Ziegelbruch wird mit einem Anteil Tonschiefer, Kompost sowie Lava vermischt. Die grössten Bruchstücke werden zurück in den Brecher befördert und noch einmal verarbeitet. 6
62 63 Die Verzahnung Die Rauheit als Verschränkung zwischen dem gefüllten und dem leeren Raum. Was gefüllt ist und was wir als Leere wahrnehmen, ist sehr spezifisch. Das folgende Beispiel verdeutlicht die Dimensionalität der erweiterten Rauheit in der Wahrnehmung. Die bewegte Verzahnung am Beispiel der Wellen des Meeres. Bei einem Sturm bewirkt die impulsive Bewegung der Luftmasse zusammen mit der Meeresströmung die aufgewühlte und bewegte Oberfläche des Wassers. Dabei entsteht eine stärkere Verbindung zwischen dem gefüllten und dem leeren Raum in Form einer komplexen und bewegten Verzahnung. Der Übergang von der Luft zur Wasseroberfläche entspricht dabei «exakt» dem Gegenüber; das Volumen der Luft verzahnt sich negativ mit dem Volumen des Wassers. Dieser bewegte Grenzbereich, an dem sich ein positiver und ein negativer Raum berühren, entspricht meiner Wahrnehmung nach dem dritten Raum. Es ist ein Sonderraum, da er weder immer gefüllt noch immer leer ist; er ist bewegt und hat je nach Beispiel eine beschreibbare Dimension. Die Rauheit der Wasseroberfläche ist dabei sehr komplex, da die Wellen selbst in einem kleineren Massstab auch eine feinere Rauheit in der Oberfläche besitzen: die die Wellen überlagernden Rippel. Dies ist vergleichbar mit den Tönen in der Musik, die sich ebenfalls aus unterschiedlichen Sub-tönen zusammensetzen. Zudem wird die Wahrnehmung auch überlagert durch die Rauheit des Windes, des Geruchs usw., die wir körperlich spüren bzw. riechen können. Das Spezifische an dieser bewegten Rauheit, die wir ja im alltäglichen Sprachgebrauch vielleicht gar nicht als rau bezeichnen würden, die aber doch «raue See» genannt wird, ist der Grund für eine emotionale Wahrnehmung der Wasseroberfläche, d. h. die Verzahnung erhält eine Vermittlungsfunktion. Die bewegte Oberfläche beginnt zu sprechen und erzeugt eine Resonanz. Dies kann eine emotionale Berührtheit bewirken. Das Lebendige der Welle wird auf das Leben des Gegenübers übertragen. Das heisst, dass die Rauheit vermittelnde Funktionen erzeugt und resoniert. Bezeichnenderweise steht sie in Analogie zur menschlichen Stimme, deren Rauheit ebenfalls im physischen, aber auch emotionalen Sinn Resonanz bewirkt. Darauf werde ich noch zurückkommen. Diese Gegebenheit unterscheidet sich explizit von der Wahrnehmung einer ruhigen und somit glatten Meeresoberfläche, die bestimmt auch eine spezifische, aber unterschiedliche Verbindung bedingt. Das Aufgeraute und Aufgewühlte tendiert zur Kommunikation und Verbindung. Es hat das Potenzial, unsere Sinne zu erreichen und zu bereichern. «Die Rauheit der Oberfläche ist wie ein Spiegel ihrer Seele – sie spricht, wo Worte versagen.» Martin Huwiler 1
64 65 Die Rauheit Unter Rauheit ist mehr als eine Eigenschaft einer bestimmten Oberfläche zu verstehen, und als solche verfügt sie in ihrer Wirksamkeit über unterschiedliche Ebenen. Sie ist ein sensorisches Phänomen mit haptischer Tendenz. Ein ästhetisches, aber auch ein konzeptionelles Phänomen, das unsere Wahrnehmung, wie in der Einführung beschrieben, an der Peripherie des materiellen Volumens moduliert. Vergleichbar einem Stempel, der einen materiellen Grund prägt. Das Wort «prägen» leitet sich von zwei Bedeutungen ab: einerseits vom physikalischen Prägen, bei dem eine weichere Materialoberfläche durch eine etwas härtere Oberfläche verändert wird, und andererseits von einer mentalen Prägung, bei der eine Sinneserfahrung einen mentalen Eindruck hinterlässt. Rauheit vermittelt beim Wahrnehmen einen Widerstand, Unmittelbarkeit und Authentizität. Sie steht im Kontrast zur Glätte, die oft mit Perfektion, Distanz (Abweisung) und Abstraktion assoziiert wird. 1 Husserls Phänomenologie: «Das Ding ist nicht nur gesehen, sondern auch betastet, gefühlt, getragen.» Rauheit ist hier Teil der haptischen Gegebenheit, die nicht nur visuell, sondern leiblich erfahren wird. 2 Maurice Merleau-Ponty : Maurice Merleau-Ponty beschreibt die Welt als fühlbare Oberfläche .3 Der Tastsinn ist nicht bloss ein Sinn unter anderen, sondern die Weise, wie der Leib sich selbst und die Welt berührt. Die Rauheit ist hier nicht nur Materialität, sondern Ausdruck der Verflechtung von Körper und Welt. Die Welt ist nicht vor mir, sondern um mich herum. Ich bin in ihr wie ein fühlender Knoten. («Phänomenologie der Wahrnehmung»). 4 Julia Kristeva: Julia Kristeva beschreibt das Konzept der «Abjektion» als das Rohe, das Ungeformte, das Widerständige. «Das Objekt ist das, was den Körper erschüttert, was ihn berührt, ohne ihn zu berühren.» 5 Die Dimension des dritten Raums Ein weiteres Beispiel für die Resonanz einer Oberfläche stammt aus dem Bereich der Kunst. Alberto Giacometti bearbeitet seine Skulpturen, die er im Original aus Gips mit seinen Händen hergestellt hat. Diese Oberfläche formt er, bis sie im Ausdruck der späteren Skulptur aus Bronze entspricht. Gemäss seiner eigenen Aussage geht es ihm dabei hauptsächlich um den Zwischenraum zum Betrachtenden. Die Rauheit oder Bewegtheit der durch Giacomettis Hände geformten Oberfläche, in die er seine Emotionen, sein selbst erlebtes und in ihm abgespeichertes Wissen gräbt, überträgt sich über die raue Oberfläche, im Zwischenraum zwischen der Skulptur und der Betrachterin. Falls sich die Energien und Emotionen zu übertragen vermögen, schwingen sie im Betrachter und regen seine Emotionalität in Form einer spezifischen Betroffenheit an. Die bewegte Oberfläche der Skulptur, die sehr an die bewegte Oberfläche des Meeres erinnert, dient dabei als Übergangszone. Diese unebene Oberfläche und der darauffolgende Zwischenraum vermitteln zwischen Objekt und Betrachter. Gleichzeitig weist die Erscheinung der Skulptur existenzielle Züge auf. Diese zeigen sich in einer spezifischen Unschärfe, die beim Betrachten irritiert und somit die Wahrnehmung der Betrachterin moduliert. Diese Intervention kann zu einer intensiveren Wahrnehmung führen. Sie hat durch ihre bewegte Oberfläche eine grosse Offenheit in Bezug auf die Interpretation des Volumens. In Analogie zur bewegten Wasseroberfläche entsteht bei Giacometti die Möglichkeit, die Vermittlung zu initiieren und auf eine neue Ebene der Beziehung zu bringen. Die Oberfläche der Skulptur hat eine zeitliche Bewegtheit, da das Modellieren des Künstlers als Handlung die Zeitlichkeit des Produzierens abspeichert und diese somit lesbar bleibt – und selbst durch die Bewegung des Betrachters, der Betrachterin zeitlich in ihrer Wirksamkeit verändert wird. Die Arbeiten von Giacometti, seine Skulpturen und auch seine Malereien, sind ausgemergelt, fast geisterhaft. Sie erzeugen eine emotionale Spannung: der Nähe und der Identifikation, aber auch des Befremdetseins sowie der Distanz. Erst durch das Existenzielle, das Unscharfe in der Skulptur, erzeugen sie eine Berührtheit. Das gelingt, indem die Arbeiten sich der Perfektion verweigern und das Sichtbare korrumpieren, dadurch aber etwas Neues sichtbar machen. Das Raue und das Unscharfe sind zwei Verwandte: das Raue, eher dem Objekt verhaftete, und das Unscharfe, mehr im Bereich des Bildes angesiedelt. Sie sind in der Skulptur von Giacometti auf eine wundersame Weise vereint. Bei anderen Künstlern, wie bei Hans Josephson oder in Rembrandts Malerei, entdeckt man ähnliche Strategien der Bildwirkung und Initiierung von spezifischer Wahrnehmung. 6 Bei Rembrandt führt das «grobe» Fliessen des Farbkörpers zu einer Eigendynamik der Ölfarbe, die vor allem aus der Nähe etwas Zufälliges suggeriert, die aber in ihrer Bildwirkung aus der Ferne die Emotionalität des Bildes mit zu erzeugen vermag. Die Eigendynamik der Ölfarbe verwebt zudem den Akt des figurativen Malens mit dem Wesen der Farbe zu einem neuen, verschränkten, interferierenden Ganzen. Nähe und Distanz und die Dimension des Rauen Die Wirkung von Nähe und Distanz lässt sich in den Dimensionen noch ausweiten, d. h. sie findet in unterschiedlichen Dimensionen statt. Wenn ich beispielsweise im Flugzeug sitze, wirken riesige Strukturen, wie etwa Städte, Wolkenoberflächen oder Bergmassive, wie ein feiner Teppich, ähnlich der Wasseroberfläche im Sturm. Selbst die Berührung dieser Oberfläche ist «erfahrbar». Plötzlich ist das Grosse klein und das Kleine gross. Rauheit in der Musik Rauheit und Diversität ist nicht nur visuell oder taktil, sie lebt auch im Klang, in der Stimme, im musikalischen Ausdruck. Im Soul, Blues oder auch in anderen Sparten, wie zeitgemässer experimenteller Musik, ist Rauheit, Unbestimmtheit, Unschärfe oder die Eigendynamik gewisser Elemente (wie das Fliessen der Farbe) ein ästhetisches und musikalisches Prinzip. Erst wenn wir reine Töne, z. B. eine Sinusschwingung, hören, wird uns bewusst, wie essenziell die Komplexität der musikalischen Töne und deren Obertöne ist. Lebendigkeit hat eben immer eine gewisse Rauheit, wie die Oberfläche eines menschlichen Körpers, die die innere Konstruktion der Knochen, Sehnen und Blutgefässe bzw. Muskeln abbildet. Die glatte, künstliche und nicht lebendige Oberfläche einer Schaufensterpuppe lässt uns die Diversität, Komplexität des lebendigen menschlichen Körpers erst bewusst werden. Die menschliche Stimme ist ein körperliches Instrument, das ebenfalls das Innere, das vom Menschen Erlebte und Gefühlte, nach aussen stülpt und schwingen lässt. Die Stimme offenbart das früher Erfahrene oder Teile davon. Die Stimme vermittelt und transportiert die vergangene Zeit in die Gegenwart. Sie ist ein Ausdruck von Geschichte und lässt das in den Körper Geschriebene, im Klang der Stimme ertönen. Die akustische Verbindung zwischen der Stimme und der Übertragung auf unser Trommelfell und somit auf unser Erleben erzeugt eine doppelte Rauheit in unserer Wahrnehmung – ein Moiré, das uns zu tangieren vermag. Inwieweit eine Interferenz entsteht, ist in ihrem Vermittlungspotenzial offen und individuell gewichtet. Bei Aretha Franklin, Tom Waits, Beth Gibbons (Portishead - Roads, Live From The Roseland Ballroom, NYC) vermittelt die Stimme einen tiefen Schmerz, vitale Kraft und Existenzialität. Die Stimme macht das Erfahrene erst hörbar. Das gelingt ihr durch ihre Tiefe und Verletzbarkeit: Die Stimme spiegelt das im Körper eingeschriebene, Erlebte. Die Rauheit und in diesem Fall das Raue des Erlebten entsteht aus Reibung mit dem Umfeld. Sie überlagert das Erlebte mit dem Erleben der berührten Person auf eine magische Weise. Die Ebenen der Beziehungen im dritten Raum sind nicht steuerbar, sie sind unverfügbar. Sie ereignen sich spontan und sie sind fragil. Dadurch sind sie der Ausdruck von Lebendigkeit. Inwieweit die Betrachtung der Verzahnung mittels verschiedener Strategien des Rauen resoniert, ist offen und nicht vorhersehbar. Allenfalls hilft das intuitive oder experimentelle Vorgehen. Falls die erzeugten Beziehungen wirken, so tun sie es im Zwischenraum zwischen der Skulptur und dem Menschen oder in der Musik durch das Überlagern unerwarteter Welten; dann entstehen neuartige Räume, welche eine neue emotionale Sicht erzeugen, die sich im unerwarteten Feld des Lebendigen zeigen. 7
66 67 1 Lorze bei Maschwanden 2 Wolken über dem Amazonas Fotos: Martin Huwiler 2 Literatur: 1 Gassler, C., Huwiler, M. & Immoos, F. (2023). Geschichten weiterentwerfen – Über das Kultivieren von Spuren, die Prozesse erfahrbar werden lassen. In: HSLU Themenplattform Materialität@hslu (Hrsg.). Von Staub zu Stein. HSLU, Lucerne University of Applied Sciences and Arts, S. 32. https://zenodo. org/records/8422143. 2 Husserl, E. (2009). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Felix Meiner Verlag. 3 Merleau-Ponty, M. (1986). Das Sichtbare und das Unsichtbare. Wilhelm Fink Verlag. 4 Merleau-Ponty, M. (1976). Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter. 5 Kristeva, J. (1984). Powers of Horror: An Essay on Abjection. Columbia University Press. 6 Suthor, N. (2014). Rembrandts Rauheit. Eine Phänomenologische Untersuchung. Fink Verlag. 7 Alexander, C. , (1968). Systemdenken = moderne Version des Gefühls für Wunder. Baumeister. In: Erni, P., Huwiler, M., & Marchand, C. (1999). Transfer: Erkennen und Bewirken; Bilder und Worte; Erkennen und Bewirken ; Austausch und Gleichgewicht ; Aggregate des Entwurfs ; Bild der Energie; Phasen des Objekts. Lars Müller Lars Publishers. Weitere Quellen: Palasmaa, J. (2009). The Thinking Hand. Existential and Embodied Wisdom in Architecture. Wiley and Sons Ltd. Palasmaa, J. (2012). The Eyes of the Skin: Architecture and the Senses. Wiley and Sons Ltd. Rosa, H. ,(2018). Unverfügbarkeit. Wien - Salzburg:. Residenz Verlag GmbH. Zumthor, P. &, Lending, M. (2018). Die Geschichte in den Dingen. Zürich. Scheidegger und Spiess. Zumthor, P. (1998), Architektur denken. Baden. Verlag Lars Müller Publishers. Dank: An Marlis Keller für die Mitarbeit am Text. An Henrike Büscher, Cornelia Gassler und Katja Jug für Korrekturen und Ergänzungen.
68 69 SCHLUSSWORTSCHLUSSWORT Mit dieser dritten Ausgabe endet die Veranstaltungsund Publikationsserie zu «Materialität + Klima» und auch die seit 2015 bestehende Themenplattform Materialität@hslu in ihrer bisherigen Form. Die interdisziplinäre Themenplattform Materialität@hslu wurde 2015 zwischen den Departementen Technik & Architektur sowie Design, Film, Kunst unter der Leitung der Forschenden Dieter Geissbühler und Isabel Rosa Müggler Zumstein mit Unterstützung der Direktor:innen Gabriela Christen und Viktor Sigrist gegründet. In den vergangenen zehn Jahren untersuchten und diskutierten Forschende innerhalb der Themenplattform vielschichtige Betrachtungsebenen von Materialität, mit dem Verständnis, dass Materialien nicht nur unsere physische Umwelt bilden, sondern auch prägende Bedeutung für uns Menschen und die Umwelt haben. Mit den Jahren entwickelte sich daraus ein Fokus auf die Frage, wie wir angesichts der Umweltkrise mit unseren Ressourcen umgehen wollen. Diese Frage wurde in der Serie «Materialität + Klima» vielseitig adressiert. So ist die erste Publikation «Von Staub zu Stein» der Strategie «Recycling» und den Konsequenzen der Wiederverwendung für den Entwurf gewidmet, die zweite Publikation «More with Less(ons)» dem Mehrwert, der sich aus Strategien des «Reduce» ergibt, und die aktuell vorliegende Ausgabe «Senses» mit der Perspektive «Reconnect» thematisiert das Potenzial der sinnlichen Wahrnehmung. Beteiligte Personen 2015-2025 Design Film Kunst Kateryna Basiuk Cornelia Gassler Martina Häusermann Martin Huwiler Isabel Rosa Müggler Zumstein Nora Wagner Technik & Architektur Matthias Bürgin Dieter Geissbühler Nicole Hartmann Matthew Howell Katja Jug Jana Mulle Lando Rossmaier Susanne Triller Die Auseinandersetzung geschah auch in gemeinsamen Forschungsprojekten, wie den Innosuisse-Projekten TexSpace, EXXE oder GreenBrick, und in Lehrmodulen, wie Materiallabor (T&A) oder Positionings (DFK), in welchen Forschende und Dozierende den interdisziplinären Austausch praktiziert und angereichert haben. An dieser Stelle danken wir für Inputs, Beiträge, Kritik und Reaktionen, welche das dynamische Verständnis des Themas Materialität in seiner Vielschichtigkeit über die letzten zehn Jahre hinweg beeinflusst und belebt haben. Materialität@hslu
Wir danken allen Autor:innen und Teilnehmenden der Veranstaltungen für den Diskurs zur Materialität. No. 3 (Dezember 2025) Senses Materialität@hslu Die transdisziplinäre Themenplattform Materialität@ hslu wird getragen durch Forschende der Departemente Design & Kunst und Technik & Architektur. Im Spannungsfeld von Prozess, Entwurf und Wirkung erarbeitet das Team neue Erkenntnisse. Dabei bildet ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen die Grundhaltung zur Erforschung und Vermittlung des vielschichtigen Wissensgebiets der Materialwelt. HSLU T & A, CC Typologie und Planung in Architektur Matthew Howell, Katja Jug, Jana Mulle, Susanne Triller HSLU T & A, CC Innenarchitektur Nicole Hartmann HSLU D & K, CC Produkt und Textil Cornelia Gassler, Martin Huwiler, Nora Wagner, Isabel Rosa Müggler Zumstein Autor:innen Cornelia Gassler, Nicole Hartmann, Matthew Howell, Martin Huwiler, Katja Jug, Susanne Triller, Pascal Wacker, Isabel Rosa Müggler Zumstein Korrektorat Henrike Büscher Titelbild Martin Huwiler Layout Nicole Hartmann Herausgebende HSLU Themenplattform Materialität@hslu mat[email protected] www.hslu.ch/materialitaet Impressum 10.5281/zenodo.17640772
Materialität@hslu «Materialität + Klima»