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UniGR-CBS Working Paper Vol. 27 SaarMoselle auf neuen Wegen: Erfahrungen aus dem deutschfranzösischen Bürger:innenbeirat Florian Weber Julia Dittel
2 Florian Weber Universität des Saarlandes Fachrichtung Gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung Europastudien | Westeuropa und Grenzräume [email protected] Julia Dittel Universität des Saarlandes Fachrichtung Gesellschaftswissenschaftliche Europaforschung Europastudien | Westeuropa und Grenzräume [email protected]e UniGR-CBS 2025 DOI: 10.5281/zenodo.16903689 Förderhinweis Die dargestellten Ergebnisse basieren auf einer 2024 und 2025 durch die Arbeitsgruppe Europastudien an der Universität des Saarlandes durchgeführten Begleitung des grenzüberschreitenden Bürger:innenbeirats auf dem Gebiet des Eurodistrict SaarMoselle. Wir danken der Landeshauptstadt Saarbrücken für die finanzielle Förderung sowie Lisa-Marie Oevermann, Nejla Gul Yoltay und Josephine Ehm für den produktiven Austausch.
3 SaarMoselle auf neuen Wegen: Erfahrungen aus dem deutsch-französischen Bürger:innenbeirat Im Rahmen des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekts „Common Ground SaarMoselle“ wurde 2024 in einer Modellphase ein grenzüberschreitender Bürger:innenbeirat auf dem Gebiet des Eurodistrict SaarMoselle eingerichtet. Das Ziel bestand darin, Bürger:innen aus Deutschland und Frankreich aktiv in die Erarbeitung von Entwicklungsperspektiven der gemeinsamen Grenzregion einzubinden. Der aus 40 Personen sich zusammensetzende Beirat entwickelte in einem einjährigen Prozess in Plenarund Vertiefungssitzungen Empfehlungen zu zentralen Themenbereichen. Die Arbeitsgruppe Europastudien der Universität des Saarlandes begleitete das Vorhaben mit quantitativen und qualitativen Befragungen der Mitglieder. Wie die Erhebungen zeigen, bewerten sie das Leben in der Grenzregion sehr positiv und sehen in der Nähe zum Nachbarland persönliche und gesellschaftliche Chancen. Die Zusammenarbeit wird als gelebtes Europa wahrgenommen, wobei die Idee der Grenzregion als „Laboratorium der europäischen Integration“ breite Zustimmung findet. Gleichzeitig zeigen Ereignisse wie die Covid-19-Pandemie oder die seit 2024 erneut eingeführten Grenzkontrollen, dass offene Grenzen nicht selbstverständlich sind. Die Arbeit im Beirat wird als inhaltlich und zwischenmenschlich bereichernd erlebt. Besonders hervorgehoben werden die respektvolle Atmosphäre, die funktionierende Mehrsprachigkeit und die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen. Als Wunsch wird eine stärkere Beteiligung jüngerer Teilnehmender formuliert. Inwiefern die Arbeit des Beirats politische Entscheidungen beeinflussen kann, erscheint den Befragten noch nicht hinreichend geklärt. Ein Großteil der Mitglieder zeigt sich bereit, auch künftig in einem grenzüberschreitenden Beirat mitzuwirken. Der Beirat lässt sich so als innovatives Instrument für mehr Bürger:innenbeteiligung in Grenzregionen betrachten. Grenzüberschreitende Kooperation, Eurodistrict SaarMoselle, Bürger:innenbeirat, Partizipation SaarMoselle sur de nouvelles voies : expériences du conseil franco-allemand des citoyen.ne.s Dans le cadre du projet « Common Ground SaarMoselle » soutenu par la fondation Robert Bosch, un conseil des citoyen.ne.s transfrontalier a été mis en place en 2024 dans une phase pilote sur le territoire de l’Eurodistrict SaarMoselle. L’objectif était d’impliquer activement les citoyen.ne.s venant d’Allemagne et de France dans l’élaboration des perspectives de développement de cette région frontalière commune. Le conseil, composé de 40 personnes, a élaboré des recommandations sur des thèmes centraux au cours d’un processus d’un an, lors de réunions plénières et d’approfondissement. Le groupe de travail Études européennes de l’Université de la Sarre a accompagné le projet par des enquêtes quantitatives et qualitatives. Comme le montrent les enquêtes, les participant.e.s du conseil jugent la vie dans la région frontalière très positive et considèrent la proximité avec le pays voisin comme une opportunité personnelle et sociale. La coopération est perçue comme une Europe vécue, et l’idée de la région frontalière comme « laboratoire de l’intégration européenne » est largement approuvée. Parallèlement, des événements tels que la pandémie de Covid-19 ou la réintroduction des contrôles aux frontières depuis 2024 montrent que les frontières ouvertes ne vont pas de soi. Le travail au sein du conseil des citoyen.ne.s est vécu comme enrichissant, tant sur le plan du contenu que sur le plan des relations humaines. L’atmosphère respectueuse, le multilinguisme fonctionnel et la possibilité d’apporter ses propres idées sont particulièrement soulignés. Un souhait est formulé : une plus grande participation des jeunes participant.e.s. L’influence concrète que le travail du conseil peut avoir sur les décisions politiques semble un peu trop vague. Une grande partie des membres se montre prête à participer à l’avenir à un conseil des citoyen.ne.s transfrontalier. Le conseil peut ainsi être considéré comme un instrument innovant pour une plus grande participation des citoyen.ne.s dans les régions frontalières. Coopération transfrontalière, Eurodistrict SaarMoselle, conseil des citoyen.ne.s, participation
4 SaarMoselle on new paths: Experiences from the Franco-German Citizens’ Advisory Council As part of the “Common Ground SaarMoselle” project funded by the Robert Bosch Foundation, a crossborder citizens’ advisory council was set up in a pilot phase in the Eurodistrict SaarMoselle in 2024. The aim is to actively involve citizens from Germany and France in the development of future perspectives for the shared border region. In a one-year process, the advisory council consisting of 40 people developed recommendations on key topics in plenary and in-depth meetings. The European Studies working group at Saarland University supported the project with quantitative and qualitative surveys. As the surveys show, the participants of the advisory council rate life in the border region very positively and see personal and social opportunities in the proximity to the neighbouring country. Cooperation is perceived as Europe in action, with the idea of the border region as a “living lab of European integration” meeting with broad approval. At the same time, events such as the Covid-19 pandemic or the reintroduction of border controls in 2024 show that open borders cannot be taken for granted. The work in the advisory council is experienced as enriching in terms of content and interpersonal relationships. The respectful atmosphere, the functioning multilingualism and the opportunity to contribute one’s own ideas are particularly emphasised. A wish was expressed for greater involvement of younger participants. The concrete influence that the work of the advisory council can have on political decisions seems a little too vague. The majority of members expressed their willingness to participate in a cross-border citizens’ advisory council in the future. In this light, the advisory council can be seen as an innovative instrument for more citizen participation in border regions. Cross-border cooperation, Eurodistrict SaarMoselle, Citizens’ Advisory Council, participation
5 Einleitung: Grenzüberschreitende Bürger:innenbeteiligung Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist in den letzten Jahrzehnten zwischen vielen Ländern Europas immer mehr zu einer Normalität geworden. Dabei fungiert Westeuropa durchaus als Vorreiter, unter anderem mit Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern. Insbesondere im deutsch-französischen Verhältnis ist dies in der Rückschau im Lichte mehrerer großer Kriege mit der Kulmination im Zweiten Weltkrieg und dem einhergehenden Epochenbruch eine erstaunliche Entwicklung (Defrance, 2021; Hüser, 2017). Neben dem politischen Willen von nationaler bis lokaler Ebene kommt gerade dem Engagement von Bürger:innen eine große Bedeutung zu, was sich recht früh in Städtepartnerschaften niederschlug – als ein Beitrag zu einem ,Europa von unten‘ (Crossey, 2025; Defrance, 2008; Filipová, 2015). In der Zwischenzeit wird grenzüberschreitende Kooperation gerade von politisch-administrativer Seite mit Leben gefüllt, was sich institutionalisiert in der Gründung von Euroregionen, Europaregionen, Eurodistrikten etc. niederschlägt (Reitel et al., 2022; Ulrich, 2021; Weber & Dörrenbächer, 2022). Für die Großregion im ,westeuropäischen Herzen Europas‘ hat diese Institutionalisierung von oben allerdings auch zum Vorwurf einer „Exekutivdominanz“ geführt (Lorig et al., 2016, S.39). Wie sehr ist es hier das Europa der Bürger:innen, das im grenzüberschreitenden Austausch ausgestaltet wird? Passen die politisch-administrativ angestoßenen Entwicklungen zu den Wünschen und Erwartungen derer, die vor Ort leben und arbeiten? Diesen Fragen widmet sich seit 2023 das Vorhaben „Common Ground SaarMoselle – für eine gemeinsame Grenzregion von morgen“, finanziert aus Mitteln der Robert Bosch Stiftung (Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2025). Ziel ist die Schaffung eines „Reallabor[s] für ein bürgernahes Europa“ durch bürgerschaftliche Beteiligung (Robert Bosch Stiftung, 2025, o.S.). Den Ausgangspunkt bildete 2023 eine (nicht-repräsentative) Befragung von Bürger:innen im Grenzgebiet zwischen dem Saarland und dem département Moselle, um Verbesserungswünsche für die Entwicklung des gemeinsamen Grenzraums zu erfassen (Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2024). Im April 2024 folgte dann der Auftakt zur Einrichtung eines deutsch-französischen ,Bürger:innenbeirats‘ auf dem Gebiet des Eurodistrict SaarMoselle (vgl. Abb. 1), der ab Mitte Mai 2024 in eine einjährige Erprobungsphase mündete (Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2025, S.4). Abb. 1: Das Gebiet des Eurodistrict SaarMoselle innerhalb der Großregion und der Region SaarLorLux Quelle: Eigene Darstellung, erstveröffentlicht in Dittel et al. (2024, S.29).
6 Dieser Prozess folgt der grundlegenden Zielsetzung der Robert Bosch Stiftung (2025) mit der Förderung von acht Grenzregionen entlang der deutschen Landesgrenzen, mehr Bürger:innenbeteiligung in grenzüberschreitender Perspektive zu wagen. Lange Zeit erfolgte die Anhöhrung von Bürger:innen in politischen Entscheidungsprozessen und Planungsprozessen in erster Linie in formellen Verfahren – konkrete Raumplanung endet bis heute an den nationalen Grenzen (Lampke & Weber, 2024; Pfundstein, 2025). Eine freiwillige Organisation als informelle Beteiligung ist zwar nicht neu, stieß und stößt aber immer wieder auf Beharrungskräfte (Cordier & Sintomer, 2024; Dienel & Geissel, 2024). Seit einigen Jahren kann nunmehr ein Anstieg von Bürger:innenbeteiligung in vielen Ländern Europas konstatiert werden, was die OECD (2020) zwischenzeitlich als ,deliberative Welle‘ bezeichnete (dazu auch Bach & Dantscher, 2024, S.3). Mit dem Bezug auf das ,Deliberative‘ wird auf den informierten Austausch von Bürger:innen abgehoben, der „das Abwägen und Nachdenken über Präferenzen, Werte und Interessen in Bezug auf Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse beinhaltet“ und das Ziel verfolgt, „zu lernen, zu beraten und gemeinsam Empfehlungen“ zu erarbeiten (Bach & Dantscher, 2024, S.4; vgl. bspw. auch Suntrup, 2010). Ein Bürger:innenbeirat kann ein entsprechendes Format darstellen. Innerhalb des Eurodistrict SaarMoselle, der auf dem 1997 gegründeten Verein „Zukunft SaarMoselle Avenir“ fußt und 2010 als Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) institutionalisiert wurde, existieren mehrere satzungsmäßige Organe, über die Entscheidungen in die Wege geleitet werden: Das Präsidium besteht aus Präsident:in und fünf Vizepräsident:innen. Der Vorstand umfasst 16 Delegierte aus der Versammlung, die wiederum 62 Delegierte aus den Mitgliedsverbänden aufweist, d.h. Regionalverband und Landeshauptstadt Saarbrücken sowie fünf Gemeindeverbände (communautés de communes) auf französischer Seite (Eurodistrict SaarMoselle, 2022; 2025). Es handelt sich jeweils um gewählte politische Vertreter:innen als Mitglieder der Regionalversammlung des Regionalverbands Saarbrücken, Stadtverordnete der Landeshauptstadt Saarbrücken und Beigeordnete bzw. Bürgermeister:innen auf französischer Seite. Eine gemeinsame Geschäftsstelle mit Sitz in Saarbrücken kümmert sich um das operative Geschäft. Die Stimme von Bürger:innen ist damit demokratietheoretisch über die Mitglieder der Versammlung repräsentiert, aber eben nicht in direktdemokratischer Form. Entsprechend zielt die Erprobung eines deutsch-französischen Bürger:innenbeirats darauf ab, noch näher und direkter an die Bürger:innen und deren Gestaltungsideen für die Zukunft der grenzüberschreitenden Kooperation auf dem Gebiet des Eurodistricts heranzukommen. Zwischen Mai 2024 und Mai 2025 erarbeiteten die Mitglieder im Rahmen von sechs thematischen Plenarsitzungen, ergänzenden Vertiefungssitzungen in Kleingruppen und abschließenden Plenarsitzungen zur Bündelung verschiedene Ideen und Handlungsempfehlungen in Auseinandersetzung mit den Handlungsfeldern der ,territorialen Strategie‘ des Eurodistricts (Eurodistrict SaarMoselle, 2022; Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2025). 40 Personen, davon jeweils 20 mit Wohnsitz auf deutscher und französischer Seite, waren nach einem Bewerbungsverfahren hierzu von den Projektträgern der Landeshauptstadt Saarbrücken und der Communauté d’Agglomération Forbach ausgewählt worden. Zu Beginn und gegen Ende konnten durch die Arbeitsgruppe Europastudien an der Universität des Saarlandes Einschätzungen der Mitglieder des Bürger:innenbeirats zur Grenzregion, zu deren Arbeit, zu Zielen und Handlungsbedarfen erhoben werden. Im Kern ging es um die Frage, wie die beteiligten Bürger:innen die Arbeit des grenzüberschreitenden Beirats, eingebettet in den lokal-regionalen Kontext, beurteilten. Die Erhebungen speisen sich aus je einer quantitativen Befragung der beteiligten 40 Bürger:innen und je zehn qualitativen Interviews mit Teilnehmer:innen aus dem deutsch-französischen Grenzraum. Nach einer Darstellung der methodischen Vorgehensweise werden im Folgenden Einblicke in zentrale Ergebnisse gegeben. Das Working Paper schließt mit einem Fazit und Ausblick.
7 Einblicke in den Bürger:innenbeirat: Methodisches Vorgehen Um einen Vergleich zwischen Erwartungen im Vorhinein und Bewertungen in der Retrospektive der Mitglieder des grenzüberschreitenden Bürger:innenbeirats zu ermöglichen, wurden zu Beginn und gegen Ende der Erprobungsphase Erhebungen durchgeführt, die quantitative wie qualitative Elemente umfassten. Quantitativ ausgerichtete Befragungen der Mitglieder des Beirats Die Grundlage bildeten zwei quantitative Befragungen der 40 Mitglieder. Für die erste Befragung wurden Einschätzungen zum Leben in der Grenzregion SaarMoselle, Erwartungen an die Arbeit des Beirats sowie eine Bewertung der Auftaktveranstaltung Mitte Mai 2024 abgefragt. Der Befragungszeitraum begann am 11. Juni 2024 im Rahmen der ersten inhaltlichen Sitzung des Beirats und endete am 30. Juni 2024. Neben der Ausfüllmöglichkeit während der Veranstaltung wurden zwei Reminder per Mail durch Mitarbeitende der Landeshauptstadt Saarbrücken versandt. Der Fragebogen wurde auf der Plattform soscisurvey.de angelegt und konnte von den Mitgliedern in ausgedruckter Form – online nachgetragen – oder direkt digital ausgefüllt werden. Er wurde in deutscher und französischer Sprache angeboten, wobei eine Auswertung der Ergebnisse beider Sprachversionen gemeinsam erfolgte, da die präferierte Sprache nicht zwingend mit der Nationalität der Befragten übereinstimmt. Mit 37 ausgefüllten Fragebögen konnte eine sehr hohe Beteiligungsquote von 93 % erreicht werden. In einzelnen Antwortsets können im Ergebnisteil die Fallzahlen (n=xy) allerdings abweichen, wenn einzelne Antworten von Befragten ausgelassen wurden. Die zweite Befragung gegen Ende der Modellphase beleuchtete verstärkt die Bewertungen der Arbeit im Rahmen des Bürger:innenbeirats sowie Wünsche für die Zukunft. Die Befragung, die zwischen dem 27. Januar 2025 und dem 21. Februar 2025 bearbeitet werden konnte, stand auch hier digital und alternativ auf Papier in deutscher und französischer Sprache zur Verfügung. Im Nachgang wurde erneut ein Reminder per Mail durch Mitarbeitende der Landeshauptstadt versandt. 33 gültige Bearbeitungen resultierten in einer Rücklaufquote von 83 %. Die Auswertung erfolgte separat für den ersten und den zweiten Befragungszeitraum via Excel. Einige soziodemographische Merkmale seien hier kurz angeführt, die für die weiteren Ausführungen zu berücksichtigen sind. Unter den Mitgliedern des Beirats, die an den Erhebungen teilnahmen, haben 52 % (2024) bzw. 44 % (2025) die deutsche, 39 % bzw. 47 % die französische und 6 % die deutsche und französische Staatsangehörigkeit. Es ergibt sich damit ein recht ausgeglichenes Verhältnis der beteiligten Nationalitäten. Ebenso verhält es sich im Hinblick auf die Geschlechterverteilung. 59 % (2024) und 55 % (2025) sind weiblich, 41 % bzw. 45 % männlich. Anders sieht es mit Blick auf das Alter der Mitwirkenden aus. Den größten Anteil der an den Befragungen Teilgenommenen stellen Menschen im Alter von mindestens 66 Jahren dar (vgl. Tab. 1). Rund ein Viertel der Beteiligten ist zwischen 41 und 65 Jahren alt. Mit lediglich 9 % bzw. 6 % der Teilnehmenden in einem Alter unter 41 Jahren sind die entsprechenden Altersgruppen (bis 25 Jahre und 26 bis 40 Jahre) kaum vertreten. Es ergeben sich somit deutliche Abweichungen zu den regionalen Bevölkerungszusammensetzungen: Nach dem deutschen Zensus (Stand 2022) beträgt der Anteil von Menschen bis einschließlich 24 Jahre 25 %, der Anteil der 25bis 39-Jährigen liegt bei 21 %, der 40bis 66Jährigen bei 30 % und der Menschen im Alter von 67 und älter bei 24 % 1 . In der région Grand Est liegt nach Angaben des französischen Statistikinstituts INSEE (Stand 2020) der Anteil der bis 29 Jahre alten Bevölkerung bei 34,4 %, derjenigen zwischen 30 und 59 Jahre bei 38,7 Prozent 2 . Jüngere konnten vor diesem Hintergrund nicht in höherem Maße zur Mitwirkung im Beirat gewonnen werden. Daran anschließend muss es nicht verwundern, dass 72 % (2024) bzw. 80 % (2025) Rentner:innen/Pensionär:innen sind, die sich einbrachten. 16 % bzw. 13 % sind berufstätig, nur ein:e Student:in wirkte mit. Tab. 1: Alterszusammensetzung der befragten Mitglieder des Bürger:innenbeirats Wie alt sind Sie? | Quel âge avez-vous ? 2024 (n=31) 2025 (n=31) bis einschließlich 25 Jahre | 25 ans ou moins 3 % 3 % 26 bis 40 Jahre | entre 26 et 40 ans 6 % 3 % 41 bis 65 Jahre | entre 41 et 65 ans 26 % 29 % 66 und älter | 66 ans ou plus 65 % 65 % SUMME 100 % 100 % Quelle: Eigene Erhebung und Darstellung 2024/2025. 1 https://www.zensus2022.de/DE/Ergebnisse-des-Zensus/_inhalt.html (Stand: 27.02.2025). 2 https://www.insee.fr/fr/statistiques/2011101?geo=REG-44#tableau-POP_G2 (Stand: 27.02.2025).
8 Vertiefende qualitative Gespräche Um die quantitativen Ergebnisse zu unterfüttern, wurden durch eine Mitarbeitende der Landeshauptstadt Saarbrücken zu Beginn und gegen Ende der Modellphase je zehn leitfadengestützte semistrukturierte Interviews mit Mitgliedern des Beirats geführt – jeweils fünf Personen mit Wohnsitz in einer deutschen und einer französischen Mitgliedsgemeinde auf dem Gebiet des Eurodistrict SaarMoselle (zur Übersicht vgl. Tab. 2). Basierend auf den quantitativen Erhebungen wurden Gesprächsleitfäden konzipiert, die die Gespräche anleiteten. Im Zuge der Gespräche zu Beginn des Vorhabens wurden Einstellungen zum Leben in der Grenzregion, Gründe für das Mitwirken und Erwartungen an die Arbeit im Bürger:innenbeirat sowie Herausforderungen und Chancen grenzüberschreitender Kooperation adressiert. Die Gespräche mit einer Dauer zwischen 17 und 79 Minuten fanden zwischen dem 05. Juni und 19. Juli 2024 statt, wobei je fünf Gespräche vor und nach der ersten thematischen Sitzung des Beirats geführt wurden (eines davon per Videokonferenz, die übrigen face-to-face). Die Wahl der Sprache war den Beiratsmitgliedern überlassen, sodass acht deutschund zwei französischsprachige Gespräche geführt wurden. Im zweiten Befragungszeitraum standen insbesondere die Einschätzungen der Arbeit im Beirat und Wünsche für die Zukunft im Fokus der Interviews. Zwischen dem 21. Januar und 25. Februar 2025 wurden Gespräche mit den Mitgliedern geführt, die bereits im ersten Untersuchungszeitraum befragt wurden, um eine bessere Vergleichbarkeit der Aussagen zwischen frühem und spätem Erhebungszeitraum zu ermöglichen. Die Gespräche, von denen erneut acht in deutscher und zwei in französischer Sprache stattfanden, umfassten zwischen 5 und 55 Minuten (drei als Videokonferenz, sieben face-to-face). Alle Gespräche wurden aufgezeichnet und transkribiert. Im Nachgang erfolgte eine Kodierung mithilfe der Software MaxQDA zur inhaltsanalytischen Auswertung (in Anschluss an Mayring, 2022). In den weiteren Ausführungen werden zur Kennzeichnung von Interviewpassagen Kürzel verwendet: Int für Interview, DE/FR für die Verortung des Wohnortes der interviewten Person, 2024 bzw. 2025 zur Unterscheidung des ersten und zweiten Erhebungszeitraums, gefolgt von einer durchlaufenden Nummer. Tab. 2: Übersicht über die geführten Interviews mit Mitgliedern des Bürger:innenbeirats 2024/2025 Interviewpartner:in Datum des Interviews Format des Interviews Sprache des Interviews Länge des Interviews Kürzel Bürger:innen mit Wohnort in Deutschland 05.06.2024 face-to-face Deutsch 26 Min. Int_DE_2024_1 20.02.2025 face-to-face Deutsch 09 Min. Int_DE_2025_1 05.06.2024 face-to-face Deutsch 70 Min. Int_DE_2024_2 21.01.2025 face-to-face Deutsch 15 Min. Int_DE_2025_2 03.07.2024 face-to-face Deutsch 17 Min. Int_DE_2024_3 25.02.2025 face-to-face Deutsch 05 Min. Int_DE_2025_3 08.07.2024 face-to-face Deutsch 28 Min. Int_DE_2024_4 23.01.2025 face-to-face Deutsch 10 Min. Int_DE_2025_4 15.07.2024 face-to-face Deutsch 40 Min. Int_DE_2024_5 19.02.2025 online Deutsch 20 Min. Int_DE_2025_5 Bürger:innen mit Wohnort in Frankreich 05.06.2024 face-to-face Deutsch 79 Min. Int_FR_2024_1 03.02.2025 face-to-face Deutsch 55 Min. Int_FR_2025_1 10.06.2024 face-to-face Französisch 25 Min. Int_FR_2024_2 04.02.2025 online Französisch 15 Min. Int_FR_2025_2 10.06.2024 online Französisch 26 Min. Int_FR_2024_3 17.02.2025 online Französisch 06 Min. Int_FR_2025_3 03.07.2024 face-to-face Deutsch 44 Min. Int_FR_2024_4 17.02.2025 face-to-face Deutsch 10 Min. Int_FR_2025_4 19.07.2024 face-to-face Deutsch 43 Min. Int_FR_2024_5 25.02.2025 face-to-face Deutsch 15 Min. Int_FR_2025_5 Quelle: Eigene Darstellung.
9 Die Grenzregion SaarMoselle aus Perspektive der Mitglieder des Bürger:innenbeirats Bevor auf die Bewertungen der konkreten Arbeit im Bürger:innenbeirat eingegangen wird, rücken einige grundlegende Einschätzungen zum Leben in der Grenzregion SaarMoselle in den Fokus. Diese illustrieren die Haltung, in der Grenznähe und der Grenzregion einen großen Vorteil zu sehen, womit verschiedene Optionen einhergehen. Die Covid-19-Pandemie und neuerliche Grenzkontrollen seit September 2024 haben wiederum gezeigt, dass der Alltag mit offenen und problemlos passierbaren Grenzen nicht gänzlich unantastbar ist. Die Nähe zum Nachbarland als großer und gelebter Vorteil Die Befragungen der Mitglieder des Bürger:innenbeirats zeugen von einer ausgeprägt wertschätzenden Beurteilung des Lebens in der Grenzregion SaarMoselle. 76 % beurteilen es als positiv, nahe der deutsch-französischen Grenze zu leben, weitere 16 % eher positiv (Tab. 3). Negative Bewertungen finden sich gar nicht. Die Mehrwerte überwiegen damit für die Befragten eindeutig, was auch in den vertiefend geführten Interviews deutlich wird: Die Grenznähe sei für das eigene Leben der „absolute[-] Kern“, der genossen würde, auch weil die:der Befragte „schon so aufgewachsen“ sei (Int_FR_2024_5). Die Lage biete „sehr viele Möglichkeiten“, da vieles „wirklich vor der Haustür“ auch im Nachbarland liege (Int_DE_2024_2). In der Saarbrücker Innenstadt sei der „französische[-] Flair“ spürbar, da viele Französ:innen „über die Grenze“ kämen und darüber ein „direkte[r] Kontakt“ entstehe (Int_DE_2024_5). Tab. 3: Beurteilung des Lebens in Grenznähe Wie beurteilen Sie es, nahe der deutsch-französischen Grenze zu leben? | Comment considérezvous le fait de vivre près de la frontière franco-allemande ? (2024; n=37) positiv | positif 76 % eher positiv | plutôt positif 16 % neutral | neutre 8 % eher negativ | plutôt négatif 0 % negativ | négatif 0 % weiß nicht | je ne sais pas 0 % SUMME 100 % Quelle: Eigene Erhebung und Darstellung 2024. Dazu passend wird von den Mitgliedern des Bürger:innenbeirats (2024, n=35) die Nähe zu Frankreich bzw. Deutschland mit 89 % als Chance angesehen. Der Grenzraum wird zu einer „Ressource“, da das DeutschFranzösische gelebt werden könnte und viele Möglichkeiten in unmittelbarer Reichweite lägen (Int_FR_2024_1; zur Grenze als Ressource vgl. allg. Sohn, 2014; 2020). Niemand nimmt die Grenze als starkes Hindernis wahr – normalerweise existiere sie nicht, da „man sich hier und da bewegt“ (Int_DE_2024_1). Nur drei Befragte bringen zum Ausdruck, dass sie bis heute wahrnehmbar sei und damit gewisse Hürden einhergingen. Die deutsch-französische Grenzregion bestimmt sich aus Sicht des Beirats (2024, n=57 Antworten, nachcodiert) über nahezu durchgehend positive Faktoren: Als markantestes Charakteristikum (28 %) werden kulturelle Aspekte, die Interkulturalität bzw. der kulturelle Austausch genannt. 12 % der Nennungen ordnen das Leben in der Grenzregion als Form der persönlichen Bereicherung ein. Ebenso viele heben die generellen Vorteile und Chancen der Grenznähe bzw. des Austauschs hervor, ohne diese Angabe genauer zu spezifizieren. Zudem nennen mehrere Befragte die diversen Alltagspraktiken wie das Einkaufen oder Arbeiten im Nachbarland und die einhergehende Lebensqualität als Merkmale der Grenzregion (11 %). Prägend ist für einige der Befragten auch die Möglichkeit, mit dem Nachbarn in Austausch zu treten, grenzüberschreitend zu kommunizieren und Kontakte zu pflegen (9 %). Zudem wird – in geringerem Maße – auf die Grenzregion als gelebtes Europa, Offenheit und Vielfalt abgehoben.
16 Die Informationen, die im Zuge der Sitzungen zur Verfügung gestellt wurden – auch zu den Rechten als Mitwirkende –, stufen die Mitglieder als verständlich ein. Im Vergleich zur Auftaktveranstaltung 2024 fühlen sie sich noch besser ‚abgeholt‘. Darüber hinaus werden insbesondere der respektvolle Umgang miteinander, die Möglichkeiten, sich in Diskussionen einzubringen und miteinander in Austausch zu treten sowie die insgesamt angenehme Gesprächsatmosphäre während der Sitzungen von den Befragten als positiv hervorgehoben. Gerne hätten viele noch mehr Zeit gehabt, um die anspruchsvollen Themen zu besprechen und gute Empfehlungen für die weitere Arbeit des Eurodistricts zu erarbeiten. Die vertiefenden Gespräche unterstreichen auch hier Eindrücke aus der quantitativen Befragung: Sehr schnell habe sich der Bürger:innenbeirat zusammengefunden und als Team fungiert (Int_DE_2025_2; auch Int_DE_2025_5) – verbunden mit einer hohen Kompetenz der Teilnehmenden (Int_DE_2025_1). Die informellen Vertiefungssitzungen, die die offiziellen Treffen ergänzten, werden von rund 60 % der Beiratsmitglieder als sehr oder eher sinnvoll bewertet, doch stellten sie einen zusätzlichen Zeitfaktor dar, den allerdings nicht alle aufbringen konnten: „[I]ch war bei den Vertiefungssitzungen nie dabei, tatsächlich, weil das irgendwie meinen zeitlichen Rahmen dann auch gesprengt hat“ (Int_DE_2025_5). Die Interviews zeugen ergänzend retrospektiv vom Wunsch, die Zielsetzung des Beirats mit seinen Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungsprozesse vorab klarer zu fassen und transparenter zu machen (Int_FR_2025_2). Diese Erwartung liegt damit automatisch quer zum Ansatz einer Erprobung durch die Verantwortlichen des Common Ground SaarMoselle-Vorhabens. Passend zu den 2024 formulierten Erwartungen und Hoffnungen erachten 2025 (n=31) die meisten die Arbeit im Beirat als eine positive persönliche Bereicherung: 68 % stimmten hier voll und 26 % eher zu. Die Zustimmung ist damit gegenüber dem Beginn sogar noch leicht höher, als 65 % die persönliche Bereicherung des Austauschs betonten. Knapp 60 % sind der Auffassung (23 % volle, 35 % eher Zustimmung), dass die Qualität der Arbeit des Eurodistrict SaarMoselle verbessert werden könne. Etwas größere Skepsis zeigt sich hingegen, was die wirksame Beeinflussung von politischen Debatten und Entscheidungen angeht: 26 % stimmen hier zwar noch eher zu, 42 % sind allerdings ambivalent, je 6 % stimmen eher nicht bzw. nicht zu. Mit dem eigenen Einsatz geht gleichzeitig durchaus sehr explizit die Erwartung einher, Gehör zu finden: „Wir erwarten natürlich als Bürger:innenbeirat, dass die Politik uns anhört. Wir wissen, dass wir keine Entscheidungsbefugnis haben, das ist auch in Ordnung so, weil die Entscheidungen sollten einfach den politischen Gremien vorbehalten bleiben. Auf der anderen Seite […] haben [wir] sehr viel Energie und Engagement in diesen ersten Bürger:innenbeirat gesteckt und wünschen uns natürlich auch, dass unsere Anregungen […] angehört [werden]“ (Int_DE_2025_2). Zukünftiges Engagement und Zukunftserwartungen Zu einem guten ,Gradmesser‘ für den Erfolg des einjährigen Austauschs kann ein Stück die Frage nach einem möglichen künftigen Engagement werden: 87 % der Befragten (2025, n=30) würden sich im Lichte der Eindrücke und Erfahrungen weiter bereit erklären, im Beirat mitzuwirken. Die vertiefenden Interviews zeigen besonders deutlich, dass der Beirat als wichtiger und positiver Schritt angesehen wird, um der Stimme von Bürger:innen mehr Gehör zu verschaffen und so auch dem Eurodistrict SaarMoselle zu dienen. Die geleistete Arbeit wird dahingehend auch als Erfolg betrachtet. Der Beirat stelle „ein sehr wichtiges Organ“ dar (Int_DE_2025_2), in dem ohne parteipolitische Bindung Positionen frei geäußert werden konnten (Int_DE_2025_4). Insofern solle er Fortbestand haben (Int_DE_2025_1) – wie bei einem Marathon sei nur der Anfang gemacht, so dass weiter agiert werden sollte (Int_DE_2025_3). Das Common Ground-Projekt wird als guter Impuls für mehr Beteiligung angesehen, die dauerhaft sichergestellt sein sollte. Daran anschließend wird relevant, welche Erwartungen und Wünsche für die Zukunft bestehen. Grundlegend zeigt sich, dass sich die Mitglieder eine Weiterführung und Verstetigung des Bürger:innenbeirats wünschen. Für eine Folgephase des Beirats erhoffen sich die Befragten eine Intensivierung des Austauschs und leichte Anpassungen des Formats. So erscheint die Arbeit in Untergruppen, die sich zu spezifischen Themen austauschen, zielführend (Int_FR_2025_3; Int_FR_2025_5). Außerdem sollte, so einige Vorschläge aus der quantitativen Befragung 2025 (offene Antworten), eine repräsentativere Zusammensetzung des Beirats angestrebt werden, indem Mitglieder altersmäßig repräsentativ ausgewählt (siehe dazu die Ausführungen zur Alterszusammensetzung im Methodenteil des Working Paper) und neben ‚Überzeugungstäter:innen‘ auch Menschen mit einem geringeren Maß an bisheriger Erfahrung mit grenzüberschreitender Kooperation zur Beteiligung animiert würden. Bezüglich der erarbeiteten Ergebnisse des Beirats hoffen die Mitglieder, über zwischenzeitliche Fortschritte informiert zu werden und ggf. mit Berater:innenfunktion die Stimme der Bürger:innenschaft vertreten zu können. Konkrete Ergebnisse ausgehend von den zwischenzeitlichen Tätigkeiten des Beirats sollten schließlich zur Verbesserung der Grenzregion um den Eurodistrict SaarMoselle beitragen. Entsprechend ist aus der Sicht von Mitgliedern eine Einbettung des Beirats in die Strukturen des Eurodistricts der zielführende Weg (so neben Angaben in der quantitativen Befragung 2025 auch Int_FR_2025_2).
17 Fazit und Ausblick Mit der Einrichtung eines Bürger:innenbeirats haben sich die Landeshauptstadt Saarbrücken und die Communauté d’Agglomération Forbach innerhalb des Common Ground-Projekts gemeinsam mit dem Eurodistrict SaarMoselle auf neue Wege hin zur direkten Bürger:innenbeteiligung in Zeiten deliberativer Demokratie aufgemacht. Die Zusammensetzung des Beirats erfolgte paritätisch mit je 20 Bürger:innen aus den deutschen und französischen Mitgliedskommunen des Eurodistrict SaarMoselle. Soziodemographische Merkmale der Bewerber:innen wurden nicht dahingehend in der Auswahl berücksichtigt, dass eine Repräsentativität der jeweiligen Bevölkerung hätte erreicht werden sollen. Dass bestimmte Merkmale wie Nationalität, Alter oder Geschlecht der Teilnehmenden überbzw. unterproportional im Vergleich zur Gesamtbevölkerung repräsentiert sind, lässt sich auf diesen Umstand zurückführen. Durch den so genannten Selbstselektions-Bias kommt hinzu, dass sich insbesondere jene Menschen zur Beteiligung an dem Beirat beworben haben, die sich für grenzüberschreitende deutsch-französische Belange oder partizipative Verfahren interessieren. Entsprechend fallen zudem die Sprachkenntnisse der jeweiligen Nachbarsprache unter den Mitgliedern des Beirats höher aus, als dies in der Gesamtbevölkerung der Fall ist. Die Ziele der Frankreichstrategie des Saarlandes, Mehrsprachigkeit zu erreichen, sind damit auch für die Arbeit eines grenzüberschreitenden Beirats von hoher praktischer Bedeutung (Landesregierung des Saarlandes, 2014; 2025). Besonders markant wird sichtbar, dass Personen im Ruhestand dominieren, junge Menschen hingegen nur mit einer Stimme vertreten waren. In diesem Lichte lässt sich die Frage der Legitimität von entwickelten Vorschlägen stellen (vgl. allg. Dryzek, 2010, S.21; Saretzki, 2014, S.26). Künftig sollte unter anderem die Jugend mehr berücksichtigt werden (so auch Int_DE_2024_5; Int_FR_2024_3; Int_FR_2024_4), wobei logischerweise Rentner:innen/Pensionär:innen tendenziell einfach über mehr Zeitressourcen verfügen. Die Ergebnisse der quantitativen Erhebungen und der vertiefenden Interviews zeigen, dass die Mitglieder des deutsch-französischen Bürger:innenbeirats das Leben in der Grenzregion als grundsätzlich positiv einschätzen und Chancen aufgrund der Grenzlage wahrnehmen. Die Mitwirkenden stimmen übergreifend der Betitelung der Europäischen Kommission von Grenzregionen als Laboratorien der europäischen Integration zu, womit deren Rolle innerhalb Europas betont wird. Der Bürger:innenbeirat konnte hier, wie im Common Ground-Vorhaben vorgesehen, selbst zu einem Reallabor für neue Formen der bürger:innenschaftlichen Beteiligung in der deutsch-französischen Grenzregion innerhalb Europas werden. Wichtig ist den Mitgliedern des Beirats insbesondere die Weiterentwicklung und Verbesserung der Grenzregion, zudem die Möglichkeit zur Partizipation, Gehör zu finden und Meinungen einzubringen. Als ,Outcome‘ erwartet ein Großteil der befragten Mitglieder entsprechend die Weiterentwicklung der Grenzregion und die Erarbeitung von Impulsen zugunsten der Arbeit des Eurodistrict SaarMoselle. Die Erwartung, mit dem Engagement auf politische Entscheidungsprozesse starken Einfluss zu nehmen, fällt im Vergleich etwas geringer aus. Übergreifend wird der Austausch im Kontext des Beirats gerade als persönlich bereichernd empfunden – Teilen und Diskutieren von Ideen, Mehrsprachigkeit ausleben, Vernetzung etc. stellen Benefits dar. Thematisch relevant und im Lichte der Arbeitssitzungen nochmal zentraler für die Befragten zeigen sich die Themen Zweisprachigkeit, Mobilität und Gesundheit, aber auch Raumentwicklung und Tourismus werden als wichtig eingestuft. Entsprechend kann geschlussfolgert werden, dass neben weiteren Bereichen gerade auch die gesetzten Schwerpunkte des Eurodistrict SaarMoselle jene Themen abdecken, die die beteiligten Bürger:innen bewegen. Mit Blick auf die erarbeiteten Ergebnisse und die Arbeitsbedingungen des Beirats äußern sich die Befragten sehr zufrieden. Die Atmosphäre während der Treffen und die Möglichkeit, mit anderen Grenzraumbewohner:innen in Austausch zu treten, wurde besonders geschätzt. Entsprechend hoffnungsvoll blicken die Beiratsmitglieder auch in Richtung einer Fortführung des grenzüberschreitenden Bürger:innenbeirats, um das Zusammenleben im Eurodistrict SaarMoselle weiter zu entwickeln und gestalten – und sie fordern es auch im Bericht zum Abschluss der Modellphase (Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2025, S.27–28). Dies setzt gleichzeitig voraus, dass ihre Arbeit Gehör findet und zu praktischem Handeln führt. Der Bürger:innenbeirat bietet die Chance, Bürger:innennähe zu erhöhen (Landeshauptstadt Saarbrücken & Communauté d’Agglomération Forbach, 2025, S.26), um über eine ,Exekutivdominanz‘ hinauszukommen.
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borderstudies.org