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Zur Erinnerung an Kurt Messmer (1946 – 2025).

Furrer, Markus; Gautschi, Peter

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Zur Erinnerung an Kurt Messmer (1946–2025) Markus Furrer, Peter Gautschi Am 7. März 2025 verstarb Kurt Messmer, der angesehene Geschichtsdidaktiker und bekannte Luzerner Historiker. Er hat mit seiner Arbeit die Geschichtsdidaktik als Fachdisziplin stark mitgeprägt und war dank seines Engagements in Wissenschaft, Politik und Kultur eine bekannte Persönlichkeit in der Zentralschweiz.1 Sein beruflicher Werdegang als Ausbildner von Lehrpersonen führte ihn, wie das für seine Generation typisch war, vom Volksschullehrer zum Geschichtsdidaktikdozenten an Hochschulen. Er kam über das Lehrerseminar Hitzkirch an die Universität in Zürich und doktorierte zum Luzerner Patriziat. Auf seinem langen Berufsweg sammelte er umfassende Erfahrungen in den historischen Disziplinen, sei dies als Archivar in Sursee, in der Forschung und insbesondere in der Vermittlung der Geschichte auf allen Schulstufen. Kurt Messmer war nach seinem Studium am Kantonalen Lehrerinnenund Lehrerseminar in Luzern tätig und baute im Zug der Tertiarisierung der Lehrerinnenund Lehrerbildung den Fachbereich Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz / Luzern auf. Von 2003 bis 2011 war er dort als Fachleiter Geschichte tätig und wirkte bei der Entwicklung der Studiengänge Geschichte für künftige Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufen I und II mit. An der Universität Fribourg unterrichtete er von 1995 bis 2011 als Geschichtsdidaktiker in der Ausbildung für Sekundarund Gymnasiallehrpersonen. Darüber hinaus wirkte er als Beauftragter für den Geschichtsunterricht im Kanton Luzern und war Mitglied der Denkmalkommission des Kantons von 1995 bis 2018. Mit seiner Methodik prägte Kurt Messmer den Geschichtsunterricht auf der Volksschulstufe sowie den Gymnasien und Mittelschulen. Ein wichtiger Grundstein seines Schaffens war Geschichte im Unterricht, eine Publikation zum Geschichtsunterricht anhand ausgewählter praktischer Beispiele. Sie erschien 1981 und stand für einen sozialgeschichtlichen Zugang.2Kurt Messmer zählt zu den frühen Geschichtsdidaktikern der Schweiz, die aus einem Lehrberuf kommend das Fach Geschichte studiert haben, breite Erfahrungen auf der Zielstufe mitbrachten und sich selbst laufend weiterbildeten. Er wirkte dabei als gewichtiger Promotor der Erneuerung des Geschichtsunterrichts.3Nach dem Studium an der Universität Zürich bei Marcel Beck und Hans Conrad Peyer war für ihn klar, dass aktuelle Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft in geeigneter Form in den 1Siehe zur Entwicklung der Geschichtsdidaktik in der deutschsprachigen Schweiz: Béatrice Ziegler (Hg.), Geschichtsdidaktik –eine eigenständige Disziplin. Institutionalisierung, Verwissenschaftlichung und Professionalisierung in der Deutschschweiz, Bern 2023, https://www.hep-verlag.ch/ geschichtsdidaktik-eigenstaendige-disziplin (1.4.2025). 2Kurt Messmer, Geschichte im Unterricht. Eine Arbeitsmethodik anhand ausgewählter praktischer Beispiele, Luzern 1981. 3Ziegler, Geschichtsdidaktik –eine eigenständige Disziplin, S. 150. 268 Nachruf / Hommage / Necrologio SZG/RSH/RSS 75/2 (2025), 268–270, DOI: 10.24894/2296-6013.00174 Unterricht und in die Lehrmittel Einzug halten mussten, was er als Mitautor beim Reformlehrmittel Weltgeschichte im Bild einbrachte. Kurt Messmer stützte sich bei seinen praktischen und theoretischen Veröffentlichungen sowohl auf seinen reichen Erfahrungsschatz als Geschichtsvermittler in Schule, Hochschule und Öffentlichkeit wie auch auf geschichtsdidaktische und erziehungswissenschaftliche Forschungen. Bereits im Jahr 2000 veröffentlichte er mit Kollegen Warum fuhr Kolumbus nicht nach Afrika? «Geschichte und Politik» messen.4Seine eigenen Forschungen sowie die Rezeption der Erkenntnisse der damals in Deutschland aufkommenden Disziplin Geschichtsdidaktik führten ihn dazu, der Eigenaktivität der Schüler/innen im Geschichtsunterricht grossen Wert beizumessen und Reflexivität als Leitkategorie der Geschichtsvermittlung zu propagieren. «Die Geschichte der Geschichte» zählte so zu seinen Steckenpferden, und er betonte immer wieder, etwa in Geschichte im Unterricht, dass die Lernenden «vor allem durch aktives Suchen und Forschen voran[kommen]».5So blieb für ihn die vermittelte Geschichte letztlich Mittel zum Zweck der Bildung, denn Empathie, Solidarität, Fürsorglichkeit und Mitmenschlichkeit waren für ihn die entscheidenden Grössen. Zusammenarbeit war Kurt Messmer wichtig, was sich in seiner breiten Mitautorenund Mitherausgeberschaft zeigt. Als ein Beispiel sei hier das Handbuch Zeitgeschichte im Unterricht erwähnt, wofür Kurt Messmer viele Kolleginnen und Kollegen als Autorinnen, Autoren gewinnen konnte und selbst die Artikel Sachquellen und Öffentlicher Raum verfasste.6Auf diese und andere Weise baute er die institutionalisierte Geschichtsdidaktik mit auf. Ihm diente der sogenannte «Bodenseekreis» als Austauschplattform mit Kollegen (Kolleginnen waren damals auch in der Geschichtsdidaktik noch selten) aus der Schweiz und angrenzenden Gebieten. Daraus entstanden länderübergreifende Publikationen, zum Beispiel 1992 Historische Gedenkjahre im politischen Bewusstsein. Zum Aufbau der Geschichtsdidaktik als Disziplin trug der enge Austausch mit Kollegen bei, den Kurt Messmer insbesondere mit Wolfgang Hug in Freiburg / Breisgau und mit Rudolf Hadorn von der Universität Bern pflegte. Kurt Messmer erkannte früh die Bedeutung der Geschichtsvermittlung in der Öffentlichkeit. Dabei half ihm besonders, dass er nicht nur ein begnadeter Lehrer und Didaktiker war, sondern auch für die verschiedenen Zielgruppen die angemessene und verständliche Sprache fand. Mit seinen kernigen didaktisierten Slogans brachte er seine Ansätze auf den Punkt, wie «Raus aus dem Haus!».7Er leitete 4Jörg Barth et al., Warum fuhr Kolumbus nicht nach Afrika? «Geschichte und Politik» messen: Vorgehen, Ergebnisse, Folgerungen, Ebikon 2000. 5Messmer, Geschichte im Unterricht, S. 19. 6Markus Furrer, Kurt Messmer (Hg.), Handbuch Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2016. 7Kurt Messmer, «Gwüss ist der Tod, ungwüss sein Zeit». Der Totentanz in der Zentralschweiz. Historisches Lernen am Schauplatz, Luzern 2014, S. 8. Zur Erinnerung an Kurt Messmer (1946–2025) 269 SZG/RSH/RSS 75/2 (2025), 268–270, DOI: 10.24894/2296-6013.00174 zahlreiche Exkursionen, die ebenso sein Markenzeichen waren und die ihn zu einem Public Historian machten, als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab. Wichtig war Kurt Messmer der lokale Bezug. Er war ein grosser und leidenschaftlicher Förderer der Emmer Erinnerungskultur und publizierte zur Emmer Geschichte. Sein grosses Interesse galt der Industriegeschichte der Luzerner Gemeinde. 2017 wurde er mit dem Emmer Kulturpreis ausgezeichnet. Er war darüber hinaus ein profunder Kenner der Luzerner und Zentralschweizer Geschichtslandschaft. Zahlreiche Projekte und Vorhaben zeugen davon. Darunter sind etwa Konzeption und Realisation des Rathausmuseums Sempach, die Ausstellung über Albrecht von Bonstetten im Kabinett des Bruder-Klaus-Museums Sachseln, die Mitarbeit an der Luzerner Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts oder die Dokumentation zum Totentanz in der Zentralschweiz. Hervorzuheben sind zum einen Die Kunst des Möglichen,8ein Buch zur Entstehung der Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert, und zum anderen Zweierlei Freiheiten,9das sich mit dem so genannten «Franzoseneinfall in Nidwalden» beschäftigt. In der Kunst des Möglichen präsentiert Kurt Messmer zuerst den aktuellen Forschungsstand zur mythisch umrankten Geschichte der frühen Eidgenossenschaft und zeigt dann auf, wie sich das Wissen im Verlauf der Zeit verändert hat und wie die Menschen in ihren Erinnerungskulturen damit umgegangen sind. Damit trug er dazu bei, dass auch eine breite Öffentlichkeit die Bedeutung der «Geschichte der Geschichte» erkennen kann. Das Buch Zweierlei Freiheiten ist als Revue bezeichnet und beleuchtet die Zeit des Franzoseneinfalls konsequent aus zwei Perspektiven und entlang von ausgewählten Menschen aus Nidwalden und aus der französischen Armee. Kurt Messmers Handschrift ist auch erkennbar an den vielen Veranschaulichungen und den treffenden Vergleichen. Die Geschichtsvermittlung war eine zentrale Passion von Kurt Messmer, die es ihm ermöglichte, zahlreichen Menschen einen Zugang zur Geschichte zu eröffnen und sie dafür zu begeistern. Nach seiner Pensionierung schätzte Kurt Messmer die Freiheit und Zeit, um sich neuen Projekten zu widmen. Besonders zu erwähnen sind zweifellos seine Artikel für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums. Seit 2017 hat er über 50 Beiträge verfasst, die sich mit verschiedenen Aspekten der Geschichte wie Orte, Personen, Jubiläen, Bräuche, Denkmäler und Bilder auseinandersetzen. Seine Artikel zeichnen sich durch fundierte und wissenschaftlich basierte Inhalte aus und sind gleichzeitig verständlich sowie ansprechend geschrieben, manchmal mit einem Augenzwinkern und haben immer die Menschen im Zentrum. 8Kurt Messmer, Die Kunst des Möglichen. Zur Entstehung der Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert, Baden 2018. 9Kurt Messmer, Peter Gautschi, Zweierlei Freiheiten. Eine historische Revue zum Franzoseneinfall in Nidwalden 1798, Thun 2023. 270 Markus Furrer, Peter Gautschi SZG/RSH/RSS 75/2 (2025), 268–270, DOI: 10.24894/2296-6013.00174