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Post-Autistic Economics. Eine studentische Intervention fuer plurale Oekonomik

Duermeier, Thomas

Abstract

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Full text

Duermeier, Thomas Article Post-Autistic Economics. Eine studentische Intervention fuer plurale Oekonomik Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics Provided in Cooperation with: Edward Elgar Publishing Suggested Citation: Duermeier, Thomas (2005) : Post-Autistic Economics. Eine studentische Intervention fuer plurale Oekonomik, Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics, ISSN 2195-3376, Metropolis-Verlag, Marburg, Vol. 02, Iss. 2, pp. 65-76, https://doi.org/10.4337/ejeep.2005.02.08 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/277053 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Economics as Social Physics, Physics as Nature’s Economics, Cambridge: Cambridge University Press Reder, Melvin W. (): Economics. Th e Culture of a Controversial Science, Chicago: University of Chicago Press Rothschild, Kurt W. (): A Note on Economic Imperialism, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Vol. , No. , pp.  –  Selten, Reinhard (): Bounded Rationality, in: Journal of Institutional and Th eoretical Economics, Vol. , No. , pp.  –  Sen, Amartya K.(): Rational Behaviour, in: Th e New Palgrave Dictionary of Economics, London: Macmillan, Vol. IV, pp.  –  Simon, Herbert A. (): Models of Man. Social and Rational, New York: Wiley Post-Autistic Economics. Eine studentische Intervention für plurale Ökonomik Th omas Dürmeier* Arbeitslosigkeit, Wettbewerbsfähigkeit oder Wirtschaftswachstum bestimmen die Presseschlagzeilen. Bei der Erklärung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen greifen Ökono m|inn|en auf abstrakte Begriffl ichkeiten und mathematische Modelle zurück, die überwie gend dem neoklassischen Paradigma entspringen. Auch Studierende der Wirtschaftswissen schaften verlieren das Vertrauen, mit dieser herrschenden Th eorieschule überzeugende Antworten zu fi nden und die gesellschaftliche Realität zu entschlüsseln (vgl. Colander/ Kla mer ). Seit dem Jahr  engagieren sich Studierende, Intellektuelle und Professor|in n|en in der Protestbewegung »Autisme-Économicie«, um gegen den wissenschaftlichen Autismus der Mainstream-Ökonomik zu intervenieren und eine »Post-Autistische Ökono mik« einzufordern. Die Geschichte der Post-Autistischen Studierendenbewegung Wissenschaftliche Innovationen entstehen normalerweise dann, wenn Professor|inn|en neue Paradigmen an den Hochschulen in einer »scientifi c revolution« (Kuhn ) durchsetzen. Die Post-Autistische Ökonomik hingegen erblickte das Licht der Welt, als Studierende mit ihrem Studienalltag nicht mehr zurechtkamen. * Universität Kassel. Besonderer Dank gilt Tanja von Egan-Krieger und Helge Peukert für die freund liche Unterstützung. 66 Forum  Die Gegenposition ist im Internet abrufbar unter: http://mouv.eco.free.fr/mouvement/tcontre. htm. Alles begann sehr unspektakulär im Juni  an der Sorbonne in Paris. In einer Petition »Autisme-Économie« (Autisme-Économicie ) protestierte eine kleine Gruppe von Wirtschaftsstudierenden gegen »autistische Wissenschaft« im Internet. Die unkontrollierte Anwendung der Mathematik und formaler Modelle dürften nicht Selbstzweck sein. Sie forderten Wissenschaft statt Szientismus, Pluralismus statt neoklassischem Monotheismus, empirischen Realismus statt deduktiver Abstraktionen und riefen ihre Professor|inn|en auf, die Ökonomik aus ihrem autistischen und sozial unverantwortlichen Zustand zu retten (vgl. Fullbrook ). Die Protestierenden forderten eine »Économie Post-Autiste« (Autisme- Économicie ). Eine kleine Gruppe von Lehrenden unterstützte diese Kritik. Der Abdruck der studen tischen Petition in der Tageszeitung Le Monde trat eine landesweite Debatte los. Innerhalb von zwei Wochen hatten sich  Studierende mit ihrer Unterschrift hinter ihre Kolle g|inn|en gestellt. Eine Radiosendung am . September  brachte dann den wissenschafts politischen Durchbruch. Der französische Minister für Erziehungsfragen, Jack Lang, reagierte und setzte eine Kommission zur Überarbeitung der landesweit einheitlichen Curricula ein. Parallel hierzu gründete Edward Fullbrook den elektronischen »Post-Autistic Eco nomics Newsletter« (später Post-Autistic Economics Review), der sich innerhalb kürzester Zeit zu einem wissenschaftlichen Journal weiterentwickelte. Der orthodoxe Mainstream konnte diese Reformbewegung nun nicht länger ignorieren. Am . Oktober meldeten sich der Makroökonom Olivier Blanchard, der Nobelpreisträger Robert Solow und fünfzehn Ökonom|inn|en, wie Christian de Boissieu oder Jean-Jacques Rosa, zu Wort und lehnten öff entlich in Le Monde in ihrer Gegenpetition »Contre-appel pour préserver la scientifi cité de l´économie« die post-autistischen Ideen ab, wobei sie auf die Argumente der Studierenden nicht eingingen. Fullbrook bewertete diese Stellungnahme als zynische Fehlinterpretation der studentischen Anliegen. »Most of all, however, people on all sides seemed surprised at how feeble were the arguments off ered for blocking the reforms proposed by the PAE Movement.« (Full - brook ) James Kenneth Galbraith kam nach Paris und unterstützte die Studierenden. Die Gegenpetition stelle auch den besten Beweis dar, dass die französischen Studierenden mit ihrem Appell für eine fundamentale Reform im Recht sind (vgl. Galbraith ). Die französische Studierendenbewegung internationalisierte sich nun immer stärker. Im November  starteten auch Politikwissenschaftler|innen in den Vereinigten Staaten das »Perestroika-Movement« gegen das Übergewicht von Public-Choice-Ansätzen. Im Winter  gründeten sich Gruppen für Post-Autistische Ökonomik in Australien und China, in der Türkei und Spanien. Im Juni desselben Jahres unterzeichneten  Doktorand|inn|en der Cambridge University die Petition »Open up economics.« Th omas Dürmeier: Arbeitskreis Post-Autistische Ökonomie 67 »We are not arguing against the mainstream approach per se, but against the fact its dominance is taken for granted in the profession. We are not arguing against mainstream methods, but believe in a pluralism of methods and approaches justifi ed by debate.« (Th e Cambridge : ) Auf zahlreichen Tagungen diskutierten Ökonom|inn|en über die Ideen der Post-Autis t|inn|en. Zahlreiche heterodoxe Konferenzen, wie beispielsweise in Kansas City, solidarisierten sich mit der Post-Autistik. Der Abschlussbericht »L’Enseignement supérior de l’économie en question« der französischen Kommission stimmte ihnen zu, indem er die Integration einer Diskussion über gegenwärtige Wirtschaftsthemen in die Struktur und Inhalte universitärer Veranstaltungen in der Volkswirtschaftslehre forderte (vgl. Fullbrook ). Der Bericht erweckte aller dings nicht den Anschein, der Beendigung der Hegemonie der neoklassischen Mikroökono mik zuzustimmen (vgl. Benicourt ). Selbst diese ersten kleinen Reformansätze wurden jedoch nach dem Regierungswechsel nicht umgesetzt. Die weltweite Dynamik ging aber weiter voran und spiegelt sich im Post-Autistic Eco - nomics Review wider, das bis heute Zuspruch von . Abonnent|inn|en aus über  Ländern fand. Zu den Autor|inn|en zählten u. a. Herman Daly, Deirdre McCloskey, Tony Lawson, Geoff Harcourt oder Julie A. Nelson. Diese Erfolgsgeschichte stellt eine der größten Herausforderungen für die Orthodoxie seit der Keynesianischen »Revolution« dar. »Economics has not experienced such pressure to change since the s.« (Fullbrook ) Initiativen des bundesdeutschen Arbeitskreises Post-Autistische Ökonomie Deutschland verschlief lange die französische Revolte und die internationale Dynamik der Post-Autistik. Die Post-Autistik wurde am . April  erstmals in der Süddeutschen Zeitung als »Gestörte Wirtschaftsbeziehungen« erwähnt. Erst auf der Attac-Sommerakade mie  entstand eine studentische Initiative für eine Post-Autistische Ökonomik in der Bundesrepublik. Eine kleine Gruppe von Studierenden aus Berlin, Heidelberg und Regens burg gründete am . November  in Heidelberg den Arbeitskreis Post-Autistische Öko nomie. Durch Vernetzungs- und Informationsaktivitäten entstanden eine erste wissen schaft liche Tagung und zahlreiche Workshops zu Wissenschaftstheorie, Wachstum, Post keynesia nismus, Evolutorik oder Ökologische Ökonomik. Über das verabschiedete Positions papier und Ergebnisse berichtete bislang jedoch nur die »Tageszeitung« am . Mai . Ob die Post-Autistische Ökonomik eine Zukunft im deutschsprachigen Raum hat, wird sich zeigen. Zahlreiche Projekte und Ortsgruppen sind im Entstehen. Eine Vernetzung mit der studentischen Initiative »Kritische Wirtschaftswissenschaft« in Berlin und wissenschaftlichen Innovationen wie der Kulturellen Ökonomik oder der Postkeynesianischen Makroökonomik bestehen. Im Gegensatz zu den Ereignissen in Frankreich hat jedoch der  Die Kritische Wirtschaftswissenschaft veranstaltet Diskussionsrunden und öff entliche Ver anstal tungen. Weitere Informationen unter: http://www.kritische-wirtschaftswissenschaften.de. 68 Forum Verein für Socialpolitik – als die größte Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftler|inne|n in Deutschland – die Anliegen der Studierenden bisher nicht wahrgenommen. Die Kritik an der autistischen Orthodoxie Der Autismus der heutigen Orthodoxie steht in einer Linie mit der Geschichte des ökonomischen Denkens. Die (neo)-klassische Schule beruht auf der Annahme, dass im freien Wechselspiel der Eigeninteressen perfekte Märkte die gesellschaftliche Wohlfahrt maximieren. Die Neoklassik ging ohne wesentliche Veränderungen in mathematische Modellierun gen über, die sich ebenso in der Spieltheorie oder der Neuen Institutionenökonomik wiederfi nden (vgl. Abbildung ). Abbildung : Geschichte des ökonomischen Denkens Quelle: Dürmeier :  Th omas Dürmeier: Arbeitskreis Post-Autistische Ökonomie 69  Für eine Zusammenstellung von empirischen Anomalien zum rationalen Handeln vgl. Reckling : -. Immer mehr theoretische und empirische Erkenntnisse und alternative Denkschulen widersprechen jedoch dem (neo)-klassischen Mainstream und seiner ideengeschichtlichen Kontinuität. Aktuelle Erkenntnisse der experimentellen Ökonomik oder reales Versagen der Wirt schaftspolitik wie in der Asienkrise rütteln an den Grundfesten des Mainstreams. So versucht etwa die Post-Walrassche Ökonomik (vgl. Colander [Hg.] , Stiglitz ) multiple Gleichgewichte zu integrieren. Wir erleben heute eine Verteidigung des orthodoxen Paradigmas mit partiellen Modellerweiterungen gegen die empirischen Falsifi kationen. Nach Th omas Kuhn könnte die Fragmentierung der Orthodoxie als Krise des neoklassischen Paradigmas interpretiert werden (vgl. Dürmeier ). Die dennoch nach wie vor vorherrschende Stellung der orthodoxen Ökonomik lässt sich auf mehrere Ursachen zurückführen. Verbale Sozialwissenschaften können sich nur schwer gegen mathematische Eleganz durchsetzen. Mit der Entstehung des modernen Denkens in der Aufklärung lösten Mathematik und Physik Th eologie und Philosophie als zentrale Wissenschaften ab. Mathematisches und mechanisches Denken wurde zum wissenschaftlichen Ideal. Die orthodoxe Wirtschaftstheorie entwickelt aus moderner Rationalität und Nützlichkeit vereinfachte Modelle und leitet daraus klare Aussagen für zahlreiche Phänomene ab, was das Vordringen des »Ökonomischen Imperialismus« (vgl. Aretz , Becker , Becker ) in andere Bereiche wie Politik oder Familie zeigt. Ökonomische Modelle erlauben im Gegensatz zur Soziologie schnell Prognosen und eignen sich daher besser zur Politikberatung (vgl. Smelser/Swedberg : ). Die Modellvereinfachungen müssen zwar mit einem Realitätsverlust in den Modellwelten erkauft werden, die marktbeherrschende Stellung der Neoklassik in Bezug auf Publikationsmöglichkeiten, in Instituten oder hinsichtlich der fi nanziellen Förderung gibt ihr jedoch einen absoluten Wettbewerbsvorteil gegenüber heterodoxen Th eorien. Es stellt sich nun aber die Frage, warum sich die Orthodoxie in eine autistische Wis - sen schaft verwandelt hat. In der post-autistischen Literatur und der Geschichte des öko no - mischen Denkens lassen sich zahlreiche und widersprüchliche Erklärungen fi nden. Die allgemeine Überzeugung, dass die Neoklassik die bessere Erklärung für wirtschaftliche Prozesse bietet, stimmt teilweise. Häufi g kann eine neoklassische Analyse (partielle) Antwor ten geben. Es könnte somit sogar von einem kumulativen Wissensfortschritt gesprochen werden. Dennoch hat sich eine autistische Selbstreferentialität herausgebildet. Die Neoklassik könnte nach Kuhn das Ende ihres Paradigmas erreicht haben, und ihre Vertreter|innen versuchen nun, sich gegenüber allen Widersprüchen, Falsifi kationen oder empirischen Ano - ma lien zu immunisieren. Andere Wissenschaften haben den Autismus »befördert«. Die Entwicklung des Computers erleichterte das neoklassische Modelldenken (vgl. Mirowski ). Disziplinen wie die Soziologie haben sich lange aus dem wissenschaftlichen Streit mit den Wirtschafts wissen schaften zurückgezogen. Neben diesen Faktoren hat auch die Politik die Wirtschaftswissenschaft verändert. 70 Forum Politische Entwicklungen wie der Kalte Krieg und die Nützlichkeit der Spieltheorie zur Erklärung der in dieser historischen Phase zu beobachtenden Interaktionen zwischen den beteiligten Ländern und Länderblöcken verstärkten die Bedeutung der Neoklassik (vgl. Bernstein ). Andere Schulen, insbesondere kritische Richtungen, gerieten immer stärker an den Rand. Die Stagfl ation der er und der in ihrem Gefolge aufkommende Monetarismus lösten den Keynesianismus ab (vgl. Blyth ) und schwächten heterodoxe Positionen. Ökonomisches Denken diente besonders bis zum Ende des Ost-West-Konfl iktes etwa bei den neoliberal orientierten Ökonom|inn|en der Chicago School zur Absicherung der ideologischen Hegemonie der kapitalistisch geprägten Marktwirtschaften. Auch weitere gesamtgesellschaftliche Prozesse trugen zum Autismus der Orthodoxie bei. Das moderne Denken in Rationalität und positivistischer Statistik verengte volkswirtschaftliches Fragen auf rationales Handeln und ökonometrische Methoden. Die philosophische Kritik der Postmoderne rezipierte der Mainstream außer mit der Arbeit von Mc- Closkey () kaum. Der Kritische Realismus (vgl. Lawson ) wird bis heute nur in der Hetero doxie berücksichtigt. Die gestiegene Komplexität und Fragmentierung der Wirtschafts wis senschaft trugen zu einer Autopoiesis, einem Selbstbezug des wissenschaftlichen Systems der Mainstreamökonomik, bei. Aus wissenschaftssoziologischer Perspektive sind evolutionäre Prozesse, die Sprachspiele und die Machtlogik des volkswirtschaftlichen Feldes zu berücksichtigen. Insbesondere die Volkswirtschaftslehre hat eine intellektuelle Pfadabhängigkeit im wissenschaftlichen Denken ausgebildet, die zu einer Reproduktion fast ausschließlich der heutigen Lehrmeinungen führt (vgl. Marietta/Perlman ). Die zentrale Stellung der Lehrbücher in der Ausbildung, die Marginalisierung von Ideengeschichte und der Verzicht auf das Studieren von Originaltexten verdeutlichen dies. Mit der Feldtheorie von Pierre Bourdieu kann man sagen, dass im volkswirtschaftlichen Feld die mathematischen Naturwissenschaften einen höheren symbolischen Wert besitzen. Es gibt einen besonderen Habitus in der Ökonomik. Mathematische Sprache dient zur sozialen Abgrenzung. Hierarchien und gegenseitige Abhängigkeiten (vgl. Siler ) lassen spezifi sches Sozialkapital und Netzwerke entstehen, mit denen sich der Mainstream von anderen Gruppen abgrenzt. Im Graubereich zwischen orthodoxer und heterodoxer Ökonomik entstehen jedoch oft wissenschaftliche Innovationen, wie etwa die Arbeiten von Akerlof zeigen (vgl. Foldvary ). Diese Grenzgänger|innen im Spannungsfeld verschiedener Schulen stehen aber einem Trade-off aus orthodoxer Akzeptanz und innova tiver Kritik gegenüber (vgl. Frey/Eichenberger ). Die Mathematik spielt bis heute eine besondere Rolle für den Autismus in der Mainstream-Ökonomik. Mathematische Modelle haben gegenüber verbalen Darstellungen zahlreiche Vorteile. Logische Inkonsistenzen kann man leicht erkennen, Variablen sind eindeutige und reduzierte Defi nitionen, und aus einem mathematischen System können leicht weitere Aussagen abgeleitet werden (vgl. Buchholz , Boland ). Mathematik erlaubt  Die aktuelle Übertragung der Hirnforschung aus den naturwissenschaftlichen Teilgebieten der Psychologie als »Neuroeconomics« (vgl. Camerer et al. ) auf die Wirtschaftswissenschaft zeigt z. B. die Dominanz naturwissenschaftlicher Werte. Th omas Dürmeier: Arbeitskreis Post-Autistische Ökonomie 71 auch, Interdependenzen zwischen Variablen sehr kompakt darzustellen. Verbalisierte Th eorien hingegen verwenden off enere und oft mehrdeutige Begriff e, die einer Interpretation bedürfen. Sprache erlaubt damit die Darstellung von Strukturen, die sich nur schwer mathe - matisch darstellen lassen, und verbale Formulierungen ermöglichen aufgrund ihrer Off enheit kreative Weiterentwicklungen. Formale und verbale Darstellungen haben somit ihre je eigenen Vor- und Nachteile (vgl. Woo ). Widerstand gegen neoklassische Ansätze regte sich schon lange. Heute fordern auch Studierende mit dem »Kampfbegriff « post-autistische Ökonomik eine andere Forschung und Lehre. Der aus der Psychologie entlehnte Begriff »Autismus« charakterisiert eine innere Zurückgezogenheit, um sich vorwiegend in der Welt seiner eigenen Vorstellungen und Phantasie zu bewegen. Soziale Kontakte und ihre Kommunikationsfähigkeiten sind stark eingeschränkt, Interessen verzerrt und das Verhalten oft abnormal. Einzelne Begabungen wie mathematisches Denken oder Musik können extrem ausgeprägt sein. Autismus kann man in der heutigen Mainstreamökonomik sowohl im Menschenbild des homo oeconomicus als auch im Wissenschaftsalltag des neoklassischen Mainstreams feststellen. Karl Polanyi wies bereits in seinen wirtschaftsanthropologischen Studien auf den Unter schied von formaler und substantieller Ökonomik hin, wobei letztere den Menschen in soziale Beziehungen einbettet (vgl. Polanyi , Dürmeier ). Der Mensch steht in ständigen Wechselbeziehungen mit seiner sozialen Umwelt und kann nicht als atomistisches Wesen wissenschaftlich sinnvoll gedacht werden, wie es der methodische Individualismus behauptet. Externe Eff ekte, Sozialkapital, Institutionen usw. müssten ständige Bestandteile des Grundmodells sein. Die heutige Wirtschaftswissenschaft arbeitet autistisch in ihren eigenen »mondes imaginaires« (Autisme-Économicie ), wesentliche Elemente wie die Rationaliät des homo oeconomicus werden kaum empirisch überprüft. Erst die experimentelle Ökonomik hat heute zahlreiche »empirische Anomalien« aufgedeckt. Es stellt sich auch die Frage, ob die ökonometrischen Schätzungen von Modellen, die aufgrund der begrenzten empirischen Daten stark vereinfacht werden, die Aussagekraft heutiger Modelle untermauern können. Der Mainstream berücksichtigt oft nur die neoklassische Weltsicht in theoretischer wie methodischer Hinsicht. Interdisziplinarität und Dialog mit anderen Schulen wird weitestgehend vermieden. In einer autistischen Inselbegabung strebt man nach einer mathematischen Physik der Wirtschaft. Es mutet beinahe so an, als ob mathematische Modelle die Trennung von der empirischen Realität überkompensieren sollen. Die neoklassische Mathematik sollte die Schwachstellen ihrer theoretischen Fundierung erkennen (vgl. Keen ). Auch die heutige Lehre beinhaltet antiquierte und autistische Züge. »Scholastische« Lehrbücher und verschulte Veranstaltungen bestimmen den Alltag wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten. Es ist heute allgemein üblich, Ökonom|in zu werden, ohne ein einziges  So ist beispielsweise die verbale Modellentwicklung von Eli Heckscher in seinem Aufsatz »Th e Eff ect of Foreign Trade on the Distribution of Income« (Ekonomisk Tidskrift, ) umfangreicher und unverständlicher als die Lehrbuchdarstellung des Heckscher-Ohlin-Modells.  Über die wachsende Rolle von Mathematik in den führenden Zeitschriften vgl. McCloskey (). 72 Forum Mal Smith, Marx, Keynes oder Hayek gelesen zu haben. Studierende können sich kaum intellektuell mit wirtschaftspolitischen Entwicklungen auseinandersetzen. Die autistische Orthodoxie reproduziert ihren Autismus im Modelldenken des Nachwuchses. Diese wissenschaftsinternen Fragen haben aber eine höchst politische Note, da auf der Grundlage einseitiger Modelle und empirisch vager Th eorien politische Entscheidungsträger|innen bera - ten werden. Post-Autistische Alternativen ohne neues Paradigma? Post-Autist|inn|en kritisieren die theoretische Enge, die Realitätsferne und die methodischen Schwächen der autistischen Orthodoxie. Sie fordern daher eine fundamentale Reform von Wissenschaft, Forschung und Lehre in der heutigen Ökonomik, die heterodoxe Öko nom|inn|en bereits seit langem einfordern. Die Post-Autistische Ökonomik will das autistische Menschenbild des homo oeconomicus überwinden. Wie die Wirklichkeit menschlichen Lebens von Solidarität und sozialem Gruppendruck geprägt ist, so soll auch die Th eorie diese sozialen Züge aufnehmen. Der homo oeconomicus soll nicht nur rational, sondern auch sozial, kommunikativ und politisch handeln: Denn die Kultur, Geschichte und Gesellschaft und die hier langfristig stattfi ndenden Veränderungen beeinfl ussen den methodologisch gedachten Individualisten, und seine Präferenzen sollten sich im Spannungsfeld sozialen Lernens wandeln. Jede Th eorie muss in der Realität geerdet sein. Reale Phänomene geben Prüfsteine für neue und bessere Th eorien. Deduktive Th eorieableitungen aus allgemeinen Annahmen und Axiomen können erst Aussagekraft beanspruchen, wenn sie die Realität besser erklären. Die empirische Fundierung aus Erkenntnissen der Wirtschaftsgeschichte, der experimentellen Ökonomik oder anderen Wissenschaften sollten sich in Th eorien und Modellen wiederfi nden. Neben einem Wandel der Forschung fordern Post-Autist|inn|en auch eine andere Lehre. Lehrbücher und Vorlesungen vermitteln nur Überblickswissen. Eine universitäre Hochschul bildung entsteht jedoch erst durch selbständiges Arbeiten und Denken und der daraus folgenden Auseinandersetzung im Seminar. Intellektuelle Bildung erfordert den Diskurs. Die Forderung nach methodischer Vielfalt löst oft Missverständnisse aus. Solow () warf den Post-Autist|inn|en vor, nicht rechnen zu wollen. Post-Autist|inn|en lehnen aber Mathematik und formale Klarheit nicht ab, sondern wollen die Grenzen formaler Modelle aufzeigen und sich nicht in mathematischen »Traumwelten« verlieren. Mathematik muss zweckdienlich sein, was auch die Integration von mathematischer Komplexität oder Chaostheorie bedeuten kann. Daneben sollten wir verlorene Methodenschätze wiederfi nden. Fallstudien, historische Vergleiche, Befragungen oder Begriff sdekonstruktion ermöglichen »neue« und ebenso richtige Perspektiven auf die Realität. All dies könnte Ökonom|inn|en besser in die Lage versetzen, relevante und zentrale gesellschaftliche Fragen zu beantworten. Lebensqualität (vgl. Sen ) oder die natür lichen Lebensgrundlagen des Menschen (Ökologische Ökonomik) müssen gegenüber Fragen von Effi zienz und Wachstum Vorrang bekommen.