Zur Zeitdimension in der Armutsmessung
Abstract
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Full text
Weikard, Hans-Peter Article Zur Zeitdimension in der Armutsmessung Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Weikard, Hans-Peter (2000) : Zur Zeitdimension in der Armutsmessung, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 120, Iss. 1, pp. 25-39, https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291948 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Schmollers Jahrbuch 120 (2000), 25-39 Duncker & Humblot, Berlin Zur Zeitdimension in der Armutsmessung Von Hans-Peter Weikard Abstract Poverty Duration and Poverty Measurement Most studies on poverty measurement rely on cross section data of household income. In recent years panel data have become available for many countries. This paper argues that poverty measures should be modified in order to capture the duration of poverty. How this can be done is shown for the poverty measure suggested by Foster, Greer and Thorbecke (1984). Zusammenfassung Die meisten empirischen Studien zur Armutsmessung beruhen auf Querschnittdaten der Haushaltseinkommen einer Gesellschaft. Allerdings sind in den letzten Jahren vermehrt auch Längsschnittdaten verfügbar geworden, die Aufschluss über Armutsdauern einzelner Haushalte geben. Dieser Beitrag zeigt beispielhaft für das von Foster, Greer und Thorbecke (1984) vorgeschlagene Armutsmaß, wie für Querschnittdaten konzipierte Maße modifiziert werden können, um die zeitliche Dimension der Armut zu erfassen. JEL-Klassifikation: 132,131 1. Einleitung* Armutsmessung ist eine unabdingbare Voraussetzung von Armutsanalysen, die ihrerseits darauf zielen, Bestimmungsfaktoren von Armut aufzudecken und Anforderungen für die Gestaltung von Institutionen zur Armutsbekämpfung zu formulieren. Die Erfassung und Messung von Armut dient der Beschreibung von Armutssituationen, hilft sozialpolitischen Handlungsund Reformbedarf aufzuzeigen und die Wirksamkeit von Reformen abzuschätzen. Die am weitesten verbreitete Methode der Armutsmessung beruht auf Querschnittdaten und verwendet einfache Armutsmaße wie die Armutsquo- * Dieser Aufsatz ist eine überarbeitete Fassung meiner Antrittsvorlesung als Privatdozent an der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam. Ich verdanke Silke Gabbert, Gert G. Wagner und zwei anonymen Gutachtern etliche hilfreiche Hinweise. Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
26 Hans-Peter Weikard te oder die normierte Armutslücke. In den letzten Jahren sind allerdings vermehrt auch Längsschnittdaten verfügbar geworden, die die Situation einzelner Haushalte über die Zeit hinweg beschreiben.1 Dies ermöglicht ein vollständigeres Bild von Armutssituationen. Die Mängel einfacher Armutsmaße sind spätestens seit einer einflussreichen Arbeit von Sen (1976) bekannt. Die Armutsquote beispielsweise erfasst nicht, wie arm die Armen sind, d. h., ob sie weit oder nur wenig von der Armutsgrenze entfernt sind. Daher sind in den vergangenen beiden Jahrzehnten axiomatisch fundierte Armutsmaße entwickelt worden, die die Mängel der einfachen Maße vermeiden. Armutsanalysen können daher heute - im Prinzip - sowohl die Informationen von Längsschnittdaten nutzen als auch auf geeignetere Armutsmaße zurückgreifen. Dies ist bisher nicht geschehen. Studien, die axiomatisch fundierte Armutsmaße verwenden, benutzen nach wie vor Querschnittdaten.2 Studien dagegen, die auf Längsschnittdaten zurückgreifen, verwenden nur einfache Maße.3 Dieser Befund verweist auf eine Lücke in der theoretisch-konzeptionellen Diskussion der Armutsmessung: die Zeitdimension wird nicht adäquat erfasst. In diesem Aufsatz möchte ich zeigen, wie Armutsmaße modifiziert werden können, um der individuell unterschiedlichen Armutsdauer der einzelnen Haushalte Rechnung zu tragen. Im nächsten Abschnitt werden zunächst die begrifflichen, methodischen und konzeptionellen Voraussetzungen der Armutsmessung vorgetragen. In Abschnitt 3 werden dann die besonderen Erfordernisse einer zeitlichen Betrachtung diskutiert. Abschnitt 4 erläutert beispielhaft für das von Foster, Greer und Thorbecke (1984) vorgeschlagene Armutsmaß, wie es modifiziert werden kann, um den Aspekt individueller Armutsdauer zu erfassen. Abschließend möchte ich aufzeigen, welche sozialpolitischen Implikationen sich unmittelbar aus Überlegungen zur Armutsmessung ergeben. 2. Armutsmessung Das Problem der Armutsmessung zerfällt in zwei Teilprobleme, das Identifikationsund das Aggregationsproblem. Bevor wir ein (aggregiertes) Maß 1 Z. B. Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) für Deutschland, des British Household Panel Survey (BHPS) oder entsprechende Paneldaten von Haushaltseinkommen für Ungarn und Polen; vgl. dazu z. B. Habich et al. (1991), Andorka und Speder (1997), Frick et. al. (1997) und Speder (1998) oder Jenkins (1999). 2 Vgl. z. B. Kakwani (1993) oder Zheng et al. (1995). 3 Die Pionierarbeit von Bane und Ellwood (1986) sowie auch z. B. Ruggles und Williams (1989) oder Stevens (1994) betrachten die Dauer der Armut allein mit Blick auf die Armutsquote. Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
Zur Zeitdimension in der Armutsmessung 27 für die Armut in einer Gesellschaft angeben können, müssen wir zunächst die Armen dieser Gesellschaft identifizieren. 2.1 Das Identifikationsproblem Jede Messung von Armut beruht darauf, dass die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft als arm oder nicht-arm klassifiziert werden können. Dies erfordert die Wahl eines Indikators für Armut und für einen gegebenen Indikator die Wahl eines Standards. Der in empirischen Studien zur Armut verbreitetste Indikator ist das Einkommen. In diesem Fall ist ein möglicher Standard der Preis des Warenkorbs, der die Güter des Grundbedarfs enthält. Wer ein Einkommen erzielt, das geringer ist als der Wert dieses Warenkorbs, kann seinen Grundbedarf nicht decken und gilt - nach dieser Definition - als arm. Wie der Standard, die Armutsgrenze, gesetzt wird, ist notorisch strittig. So gibt es einen unaufgelösten Streit darüber, ob der Standard absolut, d. h. an einen Warenkorb gekoppelt, oder relativ, d. h. als ein Prozentsatz des Durchschnittseinkommens, festgesetzt werden sollte. Diese Frage ist in der Literatur ausführlich diskutiert worden und braucht daher hier nicht weiter vertieft zu werden.4 Der Frage nach der Wahl des Indikators hat bisher weniger Aufmerksamkeit erhalten und soll daher im verbleibenden Teil dieses Abschnitts erörtert werden. Jedes Interesse für Fragen der Armut geht von einem normativen Ausgangspunkt aus. Die Werte, die hierbei in Frage stehen, sind individuelle Lebenschancen. Armut hindert die betroffene Person, etwas zu tun oder zu erreichen. Dabei geht es nicht nur um den Zugang zu den auf Märkten gehandelten Gütern, sondern viel grundsätzlicher um Handlungsoptionen. Sen (1985a) hat dafür den Begriff der Befähigungen (capabilities) in die Diskussion eingeführt. Relevant ist nicht allein das Einkommen einer Person, relevant sind vielmehr ihre Möglichkeiten, selbstgesetzte Ziele zu erreichen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen usw. Das Wertkonzept der Befähigungen erweitert die Betrachtung in zwei Richtungen. Erstens werden auch solche Güter und Rechte mit einbezogen, die nicht auf Märkten gehandelt werden, beispielsweise der Zugang zu einer Schulbildung, die ihrerseits weitere Handlungsoptionen eröffnet,5 oder der Zugang zu Gesundheitsleistungen. Bildung und Gesundheit werden in den meisten Gesellschaften nicht oder jedenfalls nicht allein über den Markt zugeteilt und nicht durch Preise rationiert.6 4 Vgl. dazu Sen (1983), (1985b), Townsend (1985) und Atkinson (1998, 18 ff.). 5 Vgl. dazu Basu und Foster (1998), die ein Messkonzept für den individuellen Zugang zu elementarer Bildung entwickeln. 6 Um diese Aspekte zu erfassen, hat das United Nations Development Programme (UNDP) den sogenannten Human Development Index entwickelt - ein Index, der sich Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
28 Hans-Peter Weikard Wird Armut durch den Indikator „Einkommen" erfasst, dann bleibt das Angebot an öffentlichen Gütern in der Armutsanalyse unberücksichtigt. Zweitens lenkt das Konzept der Befähigungen den Blick auf die Verschiedenheit der individuellen „natürlichen Ausstattung". Zum Erreichen bestimmter Ziele benötigen manche Menschen mehr, manche weniger Ressourcen. Aus dieser Perspektive kann man eine Person als arm bezeichnen, deren Einkommen zwar ausreicht, die Waren des Grundbedarfs zu erwerben, aber nicht ausreicht, einen Rollstuhl, Fahrstuhl und fremde Hilfe zu bezahlen, wenn sie ohne diese Hilfen das Haus nicht verlassen kann. Armut ist ein vielschichtiges Phänomen, das sich nicht auf den Mangel von Einkommen reduzieren lässt. Vielmehr sollte ein Armutskonzept auch den Zugang zu Nicht-Marktgütern und den Fall des besonderen Bedarfs berücksichtigen. Sens Konzept der Befähigungen stellt hierfür eine hinreichend breite normative Basis bereit. Die Verwendung komplexer Indikatoren, wie beispielsweise das Konzept der Befähigungen, macht Armutsanalysen nicht einfacher. Für empirische Studien sind Erwägungen der Operationalisierbarkeit und der Datenverfügbarkeit relevant. Dies mag die Verwendung einfacher Indikatoren (z. B. Einkommen) nahelegen.7 Armutsanalysen können sich daher zwar aus pragmatischen Gründen auf die Betrachtung von Einkommensarmut beschränken, aber diese Beschränkung muss stets in dem Bewusstsein erfolgen, dass die Ergebnisse solcher Analysen nur beschränkt Auskunft über die Armutssituation einer Gesellschaft geben. Für die folgenden theoretisch-konzeptionellen Überlegungen spielen Fragen der Datenverfügbarkeit keine unmittelbare Rolle. Gleichwohl möchte ich - pragmatisch -wegen größerer Anschaulichkeit und einfacherer Präsentation nur den Fall der Einkommensarmut betrachten. Allerdings lassen sich alle Überlegungen auf andere Indikatoren, wie z. B. das Konzept der Befähigungen, übertragen.8 aus pro-Kopf-Einkommen, Alphabetisierungsrate, Einschulungsquote und der Lebenserwartung bei Geburt errechnet. Dieser Index ist allerdings kein Armutsmaß, da kein Mindeststandard definiert und von Länderdurchschnitten ausgegangen wird, also die Verteilung des Zugangs zu Marktgütern, Bildung und Gesundheitsleistungen innerhalb der Länder unberücksichtigt bleibt. 7 Allerdings gibt es Versuche, komplexe Indikatoren zu operationalisieren und in empirischen Studien zu verwenden; vgl. beispielsweise Lovell et al. (1994). 8 Ein anderes Beispiel ist die Verwendung des Indikators „Nahrungsenergie" zur Messung von Unterernährung und Hunger. Als Standard werden sogenannte „minimum energy requirements" auf Grund des ernährungsphysiologischen Bedarfs festgelegt; vgl. FAO (1996). Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
Zur Zeitdimension in der Armutsmessung 29 2.2 Das Aggregationsproblem Die Lösung des Identifikationsproblems ergibt eine Beschreibung der Armutssituation der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Zur Beschreibung der gesellschaftlichen Armutssituation muss diese Information zusammengeführt werden. Bei jeder Aggregation geht Information über die einzelnen verloren. Es kommt daher darauf an, die Informationen in geeigneter Weise zusammenzuführen und zu verdichten. Die Struktur dieses Problems soll im folgenden näher erläutert werden. Verfügbar seien Informationen über die Einkommen der Mitglieder der Gesellschaft und deren Mindestbedarf, der zur Vereinfachung als für alle gleich angenommen wird. Wird das Einkommen von Person i mit X{ und die Armutsgrenze mit z bezeichnet, dann ist alle Information über die Armutssituation einer Gesellschaft von n Personen in einem Vektor (xi,x2, ...,xn\z) = (x; z) enthalten.9 Der Einkommensvektor sei aufsteigend sortiert, so dass für i < j gilt, dass Xi < Xj. Es ergibt sich folgende formale Definition von Armut: Person i ist genau dann arm, wenn x\ < z. Armutsmessung zielt nun darauf, eine durch (x; z) beschriebene Armutssituation mit einer beliebigen anderen Situation (x'; z) vergleichen zu können. Ein Armutsmaß A weist jedem möglichen Vektor von Einkommen und Armutsgrenze einen Wert zu. Das einfachste und am weitesten verbreitete Armutsmaß ist die Armutsquote wobei q die Zahl der Armen bezeichnet. Ein anderes einfaches Maß ist die normierte Armutslücke Sie gibt an, welchen Anteil ihres Gesamtbedarfs qz die Armen nicht dekken können. Beide Maße sind zunächst ad hoc gegriffen und es mag beliebig viele andere mehr oder minder aussagekräftige Maße geben. Es kommt daher darauf an, eine Auswahl aus der Vielzahl denkbarer Maße zu treffen und Maße als brauchbar oder adäquat für die Armutsmessung auszuweisen. 9 Meist werden die Einkommen von Haushalten und nicht die der Einzelpersonen erfasst. In diesem Fall finden die unterschiedlichen Haushaltsgrößen durch die Verwendung von Äquivalenzskalen Berücksichtigung; vgl. dazu Faik (1995) sowie Ebert (1997) und (1999). (1) aq = q/n, (2) Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
30 Hans-Peter Weikard Die Methodik, mittels der dies geschehen kann, ist von Sen (1976) ausgearbeitet und erprobt worden. Der entscheidende Schritt ist, Bedingungen oder Axiome zu formulieren, die ein Armutsmaß erfüllen soll. Damit grenzt man den Kreis möglicher Maße ein, im Idealfall so, dass genau ein Maß die geforderten Bedingungen erfüllt. Die folgende Aufstellung enthält eine Auswahl der in der Literatur vorgeschlagenen Axiome.10 Normierung: 0 < A < 1; eine armutsfreie Situation erhält den Wert 0, die schlechtest denkbare Armutssituation den Wert 1. (Sen 1976) Anonymitätsaxiom: Nur die Höhe der Einkommen ist relevant, nicht aber wer dieses Einkommen erzielt.11 (Sen 1976) Eine Änderung der Einkommen der Reichen verändert das Armutsmaß nicht. (Sen 1976) Erhält eine arme Person zusätzliches Einkommen, dann sinkt das Maß, d. h. es zeigt eine Verbesserung der Einkommenssituation an. (Sen 1976) Wird Einkommen von einer armen Person an eine bessergestellte Person übertragen (regressiver Transfer), dann steigt das Maß, d. h. es zeigt eine VerschlechteFokusaxiom: Monotonieaxiom: Transferaxiom: rung der 1976) Armutssituation an. (Dalton 1920, Sen Sensitivitätsaxiom: Das Armutsmaß reagiert bei einem Einkommensverlust um so stärker je ärmer die betroffene Person ist. (Kakwani 1980) Für die verschiedenen denkbaren Armutsmaße kann man jeweils prüfen, welche dieser Bedingungen sie erfüllen. Damit ist die Armutsmessung - zumindest ein Stück weit - der Beliebigkeit enthoben; denn über die Eigenschaften bzw. Axiome, die ein Maß haben soll, lässt sich anders als über die Maße selbst ein rationaler Diskurs führen. Für die Armutsquote und die normierte Armutslücke ist leicht zu zeigen, dass sie weder das Transfernoch das Sensitivitätsaxiom erfüllen.13 Die Armutsquote verletzt ausserdem das Monotonieaxiom.14 Ein Maß, das alle in der Übersicht genannten 10 Einen umfassenden und systematischen Überblick geben Seidl (1988) und Zheng (1997). 11 Dieses Axiom wird auch als Symmetrieaxiom bezeichnet. 12 Es gibt verschiedene (stärkere und schwächere) Transferaxiome vgl. Seidl (1988, 93 ff.) oder Zheng (1997, 132). 13 Ein regressiver Transfer zwischen zwei Armen ändert keines der beiden Maße, wenn der Empfänger auch nach dem Transfer arm ist. Ein Einkommensverlust eines Armen ändert die Armutsquote nicht; die Armutslücke vergrößert sich, allerdings unabhängig von der Ausgangssituation des Armen. Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
Zur Zeitdimension in der Armutsmessung 31 Bedingungen erfüllt und darüber hinaus weitere, besonders für empirische Analysen hilfreiche Eigenschaften besitzt, ist das von Foster, Greer und Thorbecke (1984) vorgeschlagene Maß.15 Es lautet: (3) FGT n \ z i=i Der Parameter a weist der normierten individuellen Armutslücke ein mit der Größe der Lücke überproportional steigendes Gewicht zu. Mithin enthält a ein Werturteil darüber, wie verschiedene individuelle Armutsituationen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Lässt man die Beschränkung a > 2 fallen, dann kann das Foster-Greer-Thorbecke-Maß als Generalisierung einfacherer Maße aufgefasst werden: Für a = 0 ergibt sich die Armutsquote und für a = 1 das Produkt aus Armutslücke und Armutsquote. Ohne die Parameterrestriktion a > 2 wären mehrere der Axiome nicht erfüllt.16 Beispielhaft soll im folgenden für dieses Maß gezeigt werden, wie die Zeitdimension in der Armutsmessung Berücksichtigung finden kann. 3. Die Zeitdimension in der Armutsmessung Die Dauer individueller Armut hat bisher in theoretischen Beiträgen zur Armutsmessung keine Beachtung gefunden. Allerdings gibt es eine Reihe empirischer Studien, die sich mit der Dauer der Armut beschäftigen oder etwa die Dauer des Sozialhilfebezugs untersuchen.17 In diesen Studien wird allerdings nicht versucht, ein analytisches Konzept zu entwickeln, wie Armutssituationen, die sich in der Dauer individueller Armut unterscheiden, vergleichend bewertet werden können. Als Ausgangspunkt der Überlegungen setzen wir den folgenden einfachen Fall: Wir betrachten zwei Situationen s uns s' mit zwei Personen über zwei Perioden (vgl. Abbildung 1). In beiden Situationen, s und s', ist jeweils eine Person arm und eine reich. Bei der Benutzung von Querschnittdaten werden beide Situationen als gleich eingeschätzt. Eine Einschätzung der Armutslage ergibt sich als Aggregat der Armutslagen in den Einzelperioden. Diese 14 Erhält eine arme Person zusätzliches Einkommen, ohne aber die Armutsgrenze zu überschreiten, dann zeigt die Armutsquote keine Verbesserung der Situation an. 15 Das Maß erfüllt z. B. auch das Untergruppenkonsistenzaxiom, das es erlaubt, die Armut der Gesamtbevölkerung aus der Armut einzelner Bevölkerungsgruppen zu errechnen; vgl. Zheng (1997). 16 Vgl. Foster et al. (1984). 17 Vgl. die in Fußnote 3 angegebene Literatur, aber auch z. B. Leibfried et al. (1995), Stelzer-Orthofer (1997), Andreß (1999) oder Leibfried und Leisering (1999). Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
32 Hans-Peter Weikard Einschätzung beruht auf der Annahme, die Betrachtung einzelner Perioden könne voneinander separiert werden. Das Beispiel zeigt aber gerade, dass diese Annahme fragwürdig ist. Es erscheint prima facie plausibel, dass eine Situation wie 5, in der beide Personen von vorübergehender Armut betroffen sind, besser ist als Situation sin der nur eine Person, diese aber dauerhaft in Armut lebt. Allerdings sollten wir diese Intuition genau prüfen. Man könnte zunächst denken, Situation s sei die bessere Situation, weil in s weniger Ungleichheit herrscht als in s'. In Situation s sind Armut und Reichtum gleichmäßiger verteilt. Die Verminderung von Ungleichheit kann ein sozialpolitisches Anliegen sein. Ebenso können Ungleichheit oder eine Benachteiligung Faktoren sein, die Armut subjektiv verschlimmern. Da die Beurteilung von Ungleichheit meist strittig ist, soll dieser Aspekt hier ausgeblendet werden. Ein stärkeres Argument zur Berücksichtigung der Armutsdauer ist, dass es von der Ungleichheit unabhängige Gründe gibt, warum wir Situation s im Vergleich mit s' bevorzugen. Um die Ungleichheit auszublenden, stelle man sich beide Situationen als Situationen der Gleichheit vor: In jeder Periode werden die Chancen neu und fair verteilt. Situation s unterscheidet sich von s' nur dadurch, dass dieselbe Person zweimal das schlechtere Los gezogen hat. Trotz Chancengleichheit erscheint uns die Armutssituation s' als schlechter. Der Grund dafür liegt darin, dass bei fortdauernder Armut die Fähigkeit abnimmt, die Folgen der Armut zu bewältigen und sich aus eigener Kraft aus einer Armutssituation zu befreien.18 Trotz gleichbleibenden Zugangs zu Ressourcen verringern sich bei andauernder Armut im Zeitablauf die Chancen und Handlungsoptionen.19 s Periode 1 Periode 2 Person 1 arm reich Person 2 reich arm 5' Periode 1 Periode 2 Person 1 arm arm Person 2 reich reich Abbildung 1: Armutsdauer 18 Dies zeigen die Arbeiten von Bane und Ellwood (1986) oder Stevens (1994). 19 Die muss nicht in jedem Einzelfall gelten; so können Phasen der Arbeitslosigkeit und Armut zur Weiterbildung genutzt werden; vgl. dazu Andreß (1999). Schmollers Jahrbuch 120 (2000) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.120.1.25 | Generated on 2023-04-04 12:27:12
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