Output- und Beschäftigungswirkungen einkommens- und währungspolitischer Maßnahmen in sozialistischen Planwirtschaften: Ein rationierungstheoretischer Ansatz
Abstract
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Full text
Hartwig, Karl-Hans Article Output- und Beschäftigungswirkungen einkommens- und währungspolitischer Maßnahmen in sozialistischen Planwirtschaften: Ein rationierungstheoretischer Ansatz Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Hartwig, Karl-Hans (1982) : Output- und Beschäftigungswirkungen einkommens- und währungspolitischer Maßnahmen in sozialistischen Planwirtschaften: Ein rationierungstheoretischer Ansatz, Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 102, Iss. 4, pp. 363-380, https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291525 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Output- und Beschäftigungswirkungen einkommens- und währungspolitischer Maßnahmen in sozialistischen Planwirtschaften: Ein rationierungstheoretischer Ansatz Von Karl-Hans Hartwig Ausgehend von der für sozialistische Planwirtschaften typischen Situation angebotsbedingter Mengenrationierung auf dem Konsumgütermarkt werden alternative wirtschaftspolitische Maßnahmen im Hinblick auf ihre Zielsetzung analysiert, expansive Beschäftigungs- und Outputeffekte zu bewirken. Grundlage ist ein gesamtwirtschaftliches Modell, das in Anlehnung an die theoretischen Ansätze von Barro, .Grossman und Malinvaud entwickelt und den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen sozialistischer Planwirtschaften angepaßt wurde. Im Anschluß an die Wirkungsanalyse verschiedener Instrumente erfolgt eine kritische Würdigung der gewonnenen Ergebnisse. Primärziel wirtschaftspolitischer Maßnahmen in Wirtschaftssystemen mit zentraler Planung der Wirtschaftsprozesse und staatlichem Produktionsmitteleigentum (im folgenden sozialistische Planwirtschaften) ist die Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Outputs. Eine entscheidende Komponente ist dabei die Leistungsbereitschaft des Faktors Arbeit, die sich in Ausmaß und Intensität des Faktoreinsatzes niederschlägt. Da nur in den Frühphasen der Entwicklung sozialistischer Planwirtschaften das Arbeitsangebot exogen durch zentrale Planungs- und Leitungsinstanzen determiniert wurde, mittlerweile also weitgehend Arbeitsmärkte bestehen, werden vor allem lohnpolitische Maßnahmen eingesetzt. Wohl finden auch moral suasion-Strategien, die sich in Appellen und Solidaritätsadressen äußern, oder immaterielle Anreize, wie Orden, Belobigungen usw., Anwendung. Priorität genießt jedoch die „materielle Stimulierung der Arbeit" durch den Arbeitslohn1. Generelle Strategie der Lohnpolitik ist eine am Wachstum der Arbeitsproduktivität orientierte unterproportionale Entwicklung des Lohnwachstums. Damit sollen Disproportionen in Form von Nachfrageüberschüssen auf den Konsumgütermärkten vermieden werden, weil man in ihnen mögliche Ursachen für die Minderung der Leistungsbereitschaft sieht. Wie die Erfahrungen zeigen, wird diese Strategie in den i Vgl. u. a. Autorenkollektiv (1973), 231. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
364 Karl-Hans Hartwig meisten sozialistischen Planwirtschaften allerdings verletzt, wobei Verursacher häufig weniger administrative Anordnungen als betriebsindividuelle Verhaltensweisen sind. Im Kampf um den knappen Faktor Arbeit gewähren die Betriebe außerplanmäßige Lohnzuschläge, wodurch das Lohnniveau steigt. In der Regel erhalten diese Lohnerhöhungen dann im nachhinein offiziellen Status, weil betriebliche Aktivitäten letztlich der Legitimation durch zentrale Organe bedürfen2. Das bedeutet aber, daß bei staatlich fixierten Preisen sowohl Nachfrageüberschüsse kennzeichnend für die Konsumgütermärkte in sozialistischen Planwirtschaften sind — also Diskrepanzen zwischen Kauf- und Warenfonds in der Terminologie der sozialistischen Ökonomie, zurückgestaute bzw. Kassenhaltungsinflation in der Terminologie der nicht-sozialisti- schen ökonomischen Theorie — als auch der stimulierende Einfluß expansiver lohnpolitischer Maßnahmen zweifelhaft ist: Die Verletzung des lohnpolitischen Prinzips hat infolge der demotivierenden Effekte von Kassenhaltungsinflation Konsequenzen für die Effizienz lohnpolitischer Maßnahmen3. Die hier geschilderten Zusammenhänge erfordern eine genauere theoretische Durchdringung. Sie hat, wenn auch zunächst in einfacher Form, die Verhaltensmuster freizulegen, nach denen die Wirtschaftseinheiten auf Datenänderungen reagieren, und damit die Basis zu liefern für eine differenzierte Beurteilung lohnpolitischer Maßnahmen sowie des alternativen Einsatzes konkurrierender wirtschaftspolitischer Instrumente. Dazu bedarf es eines gesamtwirtschaftlichen Modells, etwa vergleichbar mit jenen, wie sie seit langem für kapitalistische Marktwirtschaften entwickelt werden. Da die sozialistische Ökonomie über keine den relevanten Problembezug aufweisenden analytischen Grundlagen verfügt, ist bei seiner Konstruktion zu prüfen, inwiefern das Instrumentarium der nicht-sozialistischen ökonomischen Theorie — nach entsprechender struktureller Relativierung — Anwendung finden kann (I). Im Anschluß an die Konstruktion des Modells (II) sind dann die Outputwirkungen alternativer wirtschaftspolitischer Instrumente zu analysieren (III) und die Anwendungsbedingungen der gewonnenen Ergebnisse freizulegen (IV). 2 Vgl. u. a. Adam (1980), 177 ff. Ebenso schildert Roesler, wie z. B. in der DDR im Zuge hoher Abwanderungsverluste gegen Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre zur Aufrechterhaltung des Beschäftigtenstandes „ungerechtfertigte" Lohnerhöhungen bewilligt wurden. Vgl. Roesler (1978), 301. 3 Vgl. auch Figurnova (1979), 230: „Der aktive, stimulierende Einfluß des Arbeitslohnes auf den Produktionsprozeß ist nur bei der erforderlichen Proportionalität zwischen der zahlungsfähigen Nachfrage und dem Warenangebot und bei geregeltem Geldumlauf gegeben." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
Output- und Beschäftigungswirkungen 365 I. Während die Analysen einzelwirtschaftlichen, insbesondere betrieblichen Verhaltens in sozialistischen Planwirtschaften bereits seit längerem durch den Versuch gekennzeichnet sind, das Instrumentarium der nicht-sozialistischen MikroÖkonomie auf die Ordnungsbedingungen dieser Wirtschaftssysteme anzuwenden, finden sich ähnliche Bestrebungen im makroökonomischen Bereich bislang selten. Wohl existiert eine Vielzahl gesamtwirtschaftlicher Planungsmodelle; analytische Grundlagen für die Analyse makroökonomischer Prozeßabläufe sind jedoch erst in einigen Ansätzen vorhanden4. Die Ursache dürfte darin liegen, daß die Ordnungsbedingungen sozialistischer Planwirtschaften trotz der einzelwirtschaftlichen Dispositionsspielräume, die in der Realität im Gegensatz zum Idealtypus Zentralverwaltungswirtschaft existieren, der Struktur der traditionell nachfrageorientierten Makromodelle „westlicher" Prägung offensichtlich widersprechen. Das wird insbesondere für die Interaktion zwischen zentralen Planinstanzen (Staat und Staatsbetriebe) und privaten Haushalten betont: Zwar befänden letztere über die Entstehung und Verwendung ihrer Einkommen weitgehend autonom, ihr Verhalten habe jedoch nur insofern Einfluß auf die gesamtwirtschaftlichen Aggregate, als bei einem Rückgang der Konsumgüternachfrage ungeplante Lager im staatlichen Einzelhandel entstehen. Umfang und Verwendung des gesamtwirtschaftlichen Outputs sei letztlich ebenso von den zentralen Planungs- und Leitungsinstanzen bestimmt wie die Güter- und Faktorpreise5. Bei einzelnen Gütern durchaus gegeben, werden ungeplante Lager gesamtwirtschaftlich als bedeutungslos angesehen, zeigen die Erfahrungen doch vielmehr dauerhafte Nachfrageüberschüsse auf den Konsumgütermärkten. Der vorhandenen monetären Konsumgüternachfrage der Privaten steht ein nur ungenügendes wertmäßiges Güterangebot gegenüber, wobei das Mengenungleichgewicht in diesem Kontext nur dann überhaupt gemindert werden kann, wenn Märkte mit freier Preisbildung, wie z. B. Kolchosmärkte, existieren. Da im staatlichen Konsumgüterhandel Preisanpassungen nicht erfolgen, akkumulieren die privaten Haushalte nngewünschte Kassenbestände. Im Gegensatz zu marktwirtschaftlichen Systemen, wo der Abbau ungewünschter Kassenhaltung über Portfolioanpassungsprozesse Veränderungen der makroökonomischen Variablen Output, Beschäftigung und Preisniveau bewirkt, entsteht in sozialistischen Planwirtschaften nur zurückgestaute 4 Vgl. dazu im deutschsprachigen Raum den von Thieme (1979) herausgegebenen Band, ß Vgl. u. a. Garvy (1966), 16; Grossman (1968), 5. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
366 Karl-Hans Hartwig Inflation; die Anpassung erfolgt hier passiv über die Ausdehnung der privaten Geldbestände in Form von Bargeld und Spareinlagen6. Diese hier nur in groben Zügen wiedergegebene tradierte Ansicht vom Funktionsmechanismus sozialistischer Planwirtschaften vernachlässigt jedoch eine wesentliche Komponente im Entscheidungskalkül der privaten Haushalte. Ähnlich den Vorstellungen, wie sie mittlerweile auch in den betreffenden Ländern selbst vertreten werden, wies F. D. Holzman bereits Mitte der fünfziger Jahre darauf hin, daß die privaten Haushalte bei zurückgestauter Inflation mit Einschränkungen des Arbeitsangebots reagieren. Bei angebotsbedingten Mengenrestriktionen auf dem Konsumgütermarkt wird somit das Niveau der Konsumgüterversorgung zu einer Determinanten in der Arbeitsangebotsfunktion7. Auch B. Ward und J.Thornton unterstellen in ihren Optimierungsmodellen für zentrale Planer eine funktionale Beziehung zwischen Arbeitsangebot und Konsumgüterversorgung8. Danach haben die zentralen Planinstanzen bei der Bestimmung des gesamtwirtschaftlichen Outputs und seiner optimalen Aufteilung auf staatliche und private Absorption neben Kapitalstock und Produktionsfunktion auch die Abhängigkeit des Arbeitsangebots vom Konsumgüteroutput zu berücksichtigen. Aus diesen Überlegungen folgt, daß die zentralen Planer in sozialistischen Planwirtschaften nicht gleichzeitig Niveau und Verwendungsstruktur des gesamtwirtschaftlichen Outputs bestimmen können9. Die hier beschriebene Interaktion zwischen zentralen Instanzen und privaten Haushalten ist für die Konstruktion makroökonomischer Modelle von grundlegender Bedeutung; sie bedarf jedoch einer genaueren Spezifikation, um gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zumindest in rudimentärer Form analysieren zu können. Zu berücksichtigen ist dabei insbesondere, daß — sozialistische Planwirtschaften monetär organisiert sind, d.h. die privaten Haushalte monetäre Einkommen in Form von Geldlöhnen, -prämien usw. erhalten und ihre Sparentscheidungen, mit denen sie « Vgl. u.a. Bronson, Severin (1973); Bush (1973); Katsenelinboigen (1977). In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß der hier verwendete Inflationsbegriff sich nicht mit demjenigen der modernen Inflationstheorie deckt. Während letztere Inflation als anhaltenden Prozeß versteht, der sich im oben diskutierten Falle in einer dauerhaften Zunahme des Nachfrageüberschusses manifestiert, wird in der Literatur zurückgestaute Inflation noch vielfach als inflatorische Lücke im keynesianischen Sinne definiert. Inflation ist nach dieser Interpretation auch dann vorhanden, wenn der Nachfrageüberschuß sich im Zeitablauf nicht verändert. Vgl. zur Kritik Thieme (1980). 7 Vgl. Holzman (1955), 18 f. 8 Vgl. Ward (1960); Thornton (1976). » Vgl. Miliar, Pickersgill (1977), 6. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
Output- und BeschäftigungsWirkungen 367 den intertemporalen Konsumstrom beeinflussen, sich weitgehend in Veränderungen 'der Geldhaltung niederschlagen; — von den zentralen Planinstanzen durch Einsatz prozeßpolitischer Maßnahmen das Angebots- und Nachfrageverhalten der privaten Haushalte beeinflußt wird; — die privaten Haushalte bei Änderungen der Handlungsbedingungen immer in jenen Bereichen reagieren, die nicht vollständig der Reglementierung durch zentrale Organe unterliegen. Einen diese Aspekte integrierenden analytischen Rahmen bietet die Neue Makroökonomie, die im Anschluß an Patinkin und Clower insbesondere von Barro und Grossman sowie von Malinvaud entwickelt wurde10. Als eine für marktwirtschaftliche Systeme konzipierte Theorie besitzt sie aufgrund ihrer Basisannahmen den Vorteil, prinzipiell auch auf sozialistische Planwirtschaften anwendbar zu sein. Analytische Grundlage sind kurzfristig rigide Preise und Löhne sowie variable Mengen, so daß Mengenungleichgewichte auf den Märkten nicht durch Preisvariationen ausgeglichen werden, sondern Anpassungsprozesse über Mengenreaktionen erfolgen. Da die Wirtschaftssubjekte quantitative Mengenrestriktionen in ihren Entscheidungskalkülen berücksichtigen, Rationierungen also Planrevisionen auslösen, entstehen in Systemen mit untereinander verbundenen Märkten spillover-Effekte. Können die Wirtschaftssubjekte bei gegebenen Preisen und Löhnen somit ihre geplanten Transaktionen, die sich in den „notionalen", unbeschränkten Angebots-und Nachfragefunktionen niederschlagen, aufgrund von Mengenrationierungen nicht in vollem Umfang durchführen, ändern sie ihre ursprünglichen Tauschpläne für jene Märkte, auf denen sie nicht rationiert werden; an die Stelle der notionalen treten die effektiven, beschränkten Funktionen. Analog zum Walrasianischen Gleichgewicht, das durch eine gleichgewichtige Preisstruktur die Kompatibilität der unbeschränkten Angebots- und Nachfragepläne herstellt, kommt bei Konsistenz der effektiven Pläne ein „Rationierungsgleichgewicht" zustande. Es wird über Mengenanpassungen erreicht, wobei die „kürzere Seite" des Marktes über das tatsächliche Transaktionsvolumen entscheidet und die „lange Seite" als Überschußseite rationiert wird. 10 Vgl. Barro, Grossman (1974) und (1976); Malinvaud (1977). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
368 Karl-Hans Hartwig II. Das hier zugrundegelegte stark vereinfachte Standardmodell der Neuen Makroökonomie unterstellt drei ökonomische Güter — ein Outputgut, homogene Arbeit als einzigen variablen Inputfaktor und Geld als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel — und drei Entscheidungseinheiten: private Haushalte, Unternehmen und Staat. In Anlehnung an R. Portes, der neben D. Howard den rationierungstheoretischen Ansatz der Neuen Makroökonomie auf sozialistische Planwirtschaften überträgt, werden Staat und Produzenten zu einem Sektor zusammengefaßt, der vollständig in den zentralen Planungs- und Leitungsmechanismus eingebettet ist. Den folgenden Überlegungen liegen somit zwei Gruppen von Akteuren zugrunde: private Haushalte sowie zentrale Planinstanzen mit ihren Erfüllungsgehilfen, den Betrieben11. Der gesamte Output (Y) entsteht im staatlichen Sektor. Seine Aufteilung auf Staatsverbrauch (X) — hierzu rechnen u. a. Investitionen, Verteidigungsaufwendungen, Nettoexporte sowie gesellschaftlicher Konsum — und privaten Konsum (C) wird ebenso von den zentralen Leitungsorganen festgesetzt wie Lohnsatz (u;) und Güterpreis (p). Der staatliche Sektor bietet im staatlichen Handel Konsumgüter an (Cs) und fragt Arbeit nach (Nd); die privaten Haushalte sind Anbieter auf dem Arbeitsmarkt (Ns), fragen Konsumgüter nach (Cd) und halten Geldbestände (M). 1. Private Haushalte Das Ziel der privaten Haushalte besteht darin, ihren Nutzen aus Konsum und Freizeit bis zum Ende ihres Planungshorizonts zu maximieren. Der optimale Haushaltsplan kann daher in mehrere Komponenten zerlegt werden. Im zweiperiodigen Planungszeitraum mit einer Nutzenfunktion, die Konsum und Freizeit (T — N) in beiden Perioden als Argumente enthält: U (Ct, T — Nt, Ct+i, T — Nt +1) besteht die Zerlegung aus der Zweiteilung der Optimallösung in einen auszuführenden Teil (C^ , T — N*) und einen zu planenden Teil (C?+1, T — mit T als maximal möglicher Arbeitszeit. Entscheidungsparameter sind gegenwärtiger Lohnsatz, Produktpreis und Anfangskassenbestand (M0) sowie der für die Folgeperiode erwartete Lohnsatz und Produktpreis und die erwarteten Mengenbeschränkungen auf dem Konsumgüter- und Arbeitsmarkt12. Handlungsrelevant für die privaten Haushalte sind die auf die gegenwärtige Periode bezogenen beiden Größen Cf und Nf. Damit ist zugleich über die Sparentscheidung (mf) die Höhe des Kassenbestandes u Vgl. Portes (1976); Howard (1979). 12 Vgl. Böhm (1980), 4 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
Output- und BeschäftigungsWirkungen 369 MJ am Ende der Periode 'bestimmt, der in die Folgeperiode transferiert werden soll. Indem M die Substitution zwischen Konsum und Freizeit in der laufenden Periode und Konsum und Freizeit in der Folgeperiode ermöglicht, wird er zur Entscheidungsvariablen für die gegenwärtige Periode. Bei gegebenen Erwartungen läßt sich dann aus der intertemporalen Nutzenfunktion eine indirekte Nutzenfunktion für die laufende Periode ableiten, die neben Konsum und Freizeit auch Geld enthält18. Im folgenden sei unter Vernachlässigung der Zeitindices für den repräsentativen Haushalt eine spezifische Nutzenfunktion unterstellt14: (1) = + miti= l,...,n; N{ > 0; C, >0; Mi = (Mi0 + TTii) > 0. Die Budgetrestriktion des Haushalts lautet: (2) wNt = pC{ + mi . Unterliegt der Haushalt keinen Mengenbeschränkungen auf dem Konsumgüter- oder Arbeitsmarkt, ergibt die Maximierung der Nutzenfunktion bei gegebener Budgetrestriktion folgende notionalen Verhaltensfunktionen: r* 1 ( wT , Mio \ C< " 3 l p + V ) A 2 ( wT \ m« = \ 2 i0 / ' wobei wegen Nj 2> 0 gelten muß: 2 wT 2> Mi0. Sobald der Haushalt auf den Märkten angebots- bzw. nachfragebedingte Mengenrationierungen wahrnimmt, paßt er seine ursprünglichen Pläne den Rationierungsbedingungen an. Bei zurückgestauter Inflation auf dem Gütermarkt unterliegt er der zusätzlichen Restriktion: (4) c{ = c; < Cd { , woraus dem Maximierungskalkül entsprechend die effektiven Angebots- und Nachfragefunktionen resultieren: 13 Vgl. Muellbauer, Portes (1978), 796 ff.; ebenso Schrettl (1979), 284 f. 14 Diese Spezifikation, die weitgehend mit jener von Malinvaud (1977) identisch ist, impliziert eine spezielle Struktur der Erwartungen. Danach hängen die Erwartungen der Folgeperiode nur vom gegenwärtigen Produktpreis und Lohnsatz ab, nicht aber von den gegenwärtigen Mengenrationierungen, und gelten stationäre Preiserwartungen. Vgl. Hildenbrand und Hildenbrand (1977), 305 ff. 24 Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 1982/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
370 Karl-Hans Hartwig N¡' = N¡ - 2w (Cf-C¿) (5) d' d . P ,nd mi = mi + — (Ci - Cò Ein Vergleich mit (3) zeigt, daß der Haushalt bei C* < C? das effektive gegenüber dem notionalen Arbeitsangebot verringert und die Geldhaltung erhöht: Die notionalen Funktionen werden jeweils um eine Komponente, die der Höhe der Überschußnachfrage proportional ist, nach unten bzw. oben korrigiert. 2. Zentrale Planinstanzen Der gesamte Output wird im staatlichen Sektor erwirtschaftet und planmäßig zu Beginn der Periode von den zentralen Planinstanzen hinsichtlich Niveau und Verwendungsstruktur festgelegt: (6) YP = Cp + Xp , wobei P für zentral geplante Größen steht. Für die Produktionsfunktion gelte (7) Y = al/N mit a>0 , woraus für den geplanten Arbeitseinsatz folgt / yp \2 (8) N¿ = (_) . Genießt die staatliche Absorption absolute Priorität, d.h. reagieren die zentralen Instanzen bei Planuntererfüllung nur mit Anpassungen des Konsumgüterangebots, wird X zur exogenen Größe und Cs zum Residuum. Variiert dagegen, wie im folgenden angenommen, der Staatsverbrauch mit Veränderungen von Y (X = bY), ist X ebenfalls eine endogene Variable: (9) Cs = Y - X = (1 - b) Y . Zurückgestaute Inflation bedeutet für die Planer, daß sie sich auf dem Arbeitsmarkt angebotsbedingten Mengenbeschränkungen gegenübersehen (N = Ns < Nd), worauf sie das Konsumgüterangebot und den Staatsverbrauch gegenüber den ursprünglich geplanten Mengen einschränken. Finanzierungsprobleme für den Staat existieren annahmegemäß nicht. Die Betriebe zahlen Lohneinkomnmen (wN) und erzielen Verkaufserlöse (pC), wobei Einkommensüberschüsse an die Staatsbank abgeführt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
Output- und Beschäftigungswirkungen 377 die Wirtschaftssubjekte die fixierten Regelungen durch entschuldigtes oder unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz unterlaufen, dürfte der Zeitraum solcher Praktiken begrenzt sein. Vielmehr schränken die Wirtschaftssubjekte die Arbeitsintensität ein, was sich im Modell in einer Veränderung der Produktionsfunktion bei gegebenem Faktoreinsatz niederschlägt. Das angenommene Erwartungsbildungsmodell impliziert, daß rationierte Wirtschaftssubjekte keine Konsequenzen aus ihren Erfahrungen ziehen. Bei gegebenen Löhnen und Preisen, die im Modell als alleinige Erwartungsdeterminanten fungieren, werden somit keine Mengenbeschränkungen erwartet. Es existiert ein ungebrochenes Zutrauen in die Kaufkraft des Geldes, das — je nach Relation von Löhnen und Preisen — bei Rationierungen in der laufenden Periode verstärkt akkumuliert wird, um in der Folgeperiode vermehrt Ausgaben zu tätigen17. Demgegenüber scheint es plausibel, davon auszugehen, daß die Rationierungserfahrungen aus der gegenwärtigen und den vergangenen Perioden die Erwartungen für die Folgeperiode beeinflussen und für die Entscheidungen der laufenden Priode erwarteter Umfang und — unter Aufgabe des Zweiperiodenmodells — erwartete Rationierungsdauer von Bedeutung sind18. Die Annahme, Mengenrationierungen würden von den betroffenen Wirtschaftseinheiten als Datum betrachtet, korrespondiert vielfach nicht mit der Realität. Wie die Erfahrungen in den sozialistischen Planwirtschaften zeigen, wird häufig versucht, Mengenbeschränkungen durch Aufwendung von Transaktionskosten in Form von Wartezeiten, Suchkosten, Bestechungen usw. zu überwinden19. Weil sich damit der Erwerb rationierter Güter verteuert, wird sich der Nachfrageüberschuß am Konsumgütermarkt verringern. Zudem ist die Minderung von Mengenrestriktionen verschiedentlich an die Ausübung spezifischer Tätigkeiten oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Betrieben gekoppelt, so daß das Arbeitsangebot in den betreffenden Bereichen mit zunehmenden Mengenrestriktionen steigt20. Die Existenz außerstaatlicher Märkte in sozialistischen Planwirtschaften bedingt schließlich eine weitere Einschränkung des Geltungsbereichs der oben angestellten Überlegungen. Als Orte des Tausches von illegalen Gütern und Engpaßgütern des staatlichen Einzelhandels mit weitgehend freier Preisbildung ermöglichen sie eine Absorption unbefriedigter Nachfrage und tragen zur Reduktion angebotsbedingter Mengenbe- 17 Vgl. auch v. Delhaes (1979), 289 f. is Vgl. Barro, Grossman (1974), 96 f.; Hartwig, Thieme (1982). i» Vgl. auch Komai (1980), 89. 20 Vgl. u. a. Portes (1976), 23; Nove (1977), 272. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
378 Karl-Hans Hartwig schränkungen auf dem staatlichen Konsumgütermarkt bei. Anpassungsgrößen sind Preise und Mengen, denn das Angebot auf den außerstaatlichen Märkten wird vielfach in Eigenleistung der privaten Haushalte hergestellt21. Zunehmende Mengenrestriktionen im staatlichen Handel induzieren unter diesen Bedingungen über Preiseffekte auf den außerstaatlichen Märkten expansive Output- und Beschäftigungswirkungen in der second economy, so daß die oben beschriebenen Zusammenhänge sich auf den staatlichen Sektor, d. h. den staatlichen Konsumgüter- und Arbeitsmarkt, beschränken. Das oben vorgestellte Modell ist mit Restriktionen behaftet. Es besteht aus Annahmen über die Beschaffenheit von Wirtschaftssystemen und theoretischen Idealisierungen, die auf diese Annahmen angewendet werden. Damit wird der Geltungsanspruch siner Implikationen reduziert, sein Charakter als Konzept zur Verdeutlichung gesamtwirtschaftlichr Zusammenhänge jedoch keineswegs aufgehoben. In dieser Funktion dient es nicht dazu, ökonomische Zusammenhänge vollständig zu erklären oder empirisch einzeln überprüfbare Sätze abzuleiten. Vielmehr soll mit seiner Hilfe die gesamtwirtschaftliche Bedeutung einzelner Verhaltensmuster systematisch erfaßt werden. Gleichzeitig kann es durch die Übertragung von Theoriebestandteilen der nicht-sozialistischen Ökonomie auf die Organisationsbedingungen sozialistischer Planwirtschaften zur Diskussion über Systemindifferenz und Allgemeinheitsgrad von Hypothesensystemen beitragen. Zusammenfassung Ein wesentliches Instrument zur Steigerung von Output und Beschäftigung in sozialistischen Planwirtschaften sind Lohnerhöhungen. Allerdings wird ihre Wirksamkeit dann kritisch beurteilt, wenn auf dem Konsumgütermarkt angebotsbedingte Mengenrationierung (zurückgestaute Inflation) besteht. Der vorliegende Beitrag befaßt sich mit einer genaueren Analyse dieses Zusammenhangs. Grundlage ist ein gesamtwirtschaftliches Modell, das wesentlich auf dem rationierungstheoretischen Ansatz der Neuen Makroökonomie beruht, wie sie insbesondere von Barro, Grossman und Malinvaud entwickelt wurde. Die Wirkungsanalyse verschiedener wirtschaftspolitischer Maßnahmen zeigt, daß expansive Lohnpolitik bei zurückgestauter Inflation nicht zu eindeutigen Beschäftigungs- und Outputeffekten führt. Im Gegensatz zu Preiserhöhungen, einer Ausdehnung des Konsumgüterangebots und Währungsreformen können Lohnerhöhungen sogar kontraktive Impulse auslösen. 21 Vgl. Katsenelinboigen (1977); Grossman (1979). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
Output- und Beschäftigungs Wirkungen 379 Summary In centrally planned economies, wage policy is an important instrument to increase output and employment. The effectiveness of wage increases is doubtful, however, if private households are rationed on the consumer goods market. Attempting a detailed analysis of the consequences of wage policy under rationing the present contribution is founded on a macroeconomic framework essentially derived from modern "disequilibrium theory" as particularly developed by Bcirro, Grossman and Malinvaud and its application to the institutional characteristics of centrally planned economies. The examination of different type economic instruments shows that wage increases do not necessarily increase employment and output — unlike price increases, extensions of consumer goods supply and currency conversions, they may even have contractional effects. Literatur Adam, J. (1980), Wage Control & Inflation in the Soviet Bloc Countries. New York. Autorenkollektiv (1973), Politische Ökonomie des Sozialismus. Übers, a. d. Russ. Frankfurt a. M. Barro, R. J. and H. I. Grossman (1974), Suppressed Inflation and the Supply Multiplier. Review of Economic Studies 41, 87 - 104. — (1976), Money, Employment and Inflation. Cambridge. Böhm, V. (1980), Preise, Löhne und Beschäftigung. Tübingen. Bronson, D. W. and B. S. Severin (1973), Soviet Consumer Welfare: The Brezhnev Era, in: U.S. Congress, Joint Economic Committee, Soviet Economic Prospects for the Seventies. Washington D.C. Bush, K. (1973), Soviet Inflation, in: Y. Laulan (Hrsg.), Banking, Money and Credit in Eastern Europe, NATO. Brüssel. Delhaes, K. v. (1979), Zentrale Planung und Planung der Haushalte — Eine Stellungnahme zu Schrettls Kritik. Jahrbuch für Sozialwissenschaft 30, 287-291. Figurnova, N. P. (1979), Die Ausnutzung des Wertgesetzes bei der ökonomischen Stimulierung der Produktionskollektive und der einzelnen Werktätigen, in: Autorenkollektiv, Wertgesetz und Wertkategorien. Berlin (O). Garvy, G. (1966), Money, Banking and Credit in Eastern Europe. New York. Grossman, G. (1968), Introduction, in: G. Grossman (Hrsg.), Money and Plan. Berkeley. — (1979), Notes on the Illegal Private Economy and Corruption, in: Joint Economic Committee, Soviet Economy in a Time of Change. Washington D.C. Hartwig, K.-H. und H. J. Thieme (1982), Determinanten der Vermögensstruktur und Anpassungseffekte im Systemvergleich, in: H. G. Krüsselberg (Hrsg.), Vermögen im Systemvergleich. Stuttgart (im Druck). Hilderibrand, K. und W. Hildenbrand (1977), Keynessche Gleichgewichte bei Unterbeschäftigung, in: H. Albach, E. Helmstädter und R. Henn (Hrsg.), Quantitative Wirtschaftsforschung. Tübingen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.102.4.363 | Generated on 2023-04-04 12:00:40
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