Multilokalität als Normalisierungspraxis und synchrone Raumintegrationsleistung bei Fernpendelnden in der Erdöl- und Erdgasindustrie in Russlands Arktis
Abstract
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Saxinger, Gertrude Book Part Multilokalität als Normalisierungspraxis und synchrone Raumintegrationsleistung bei Fernpendelnden in der Erdöl- und Erdgasindustrie in Russlands Arktis Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Saxinger, Gertrude (2020) : Multilokalität als Normalisierungspraxis und synchrone Raumintegrationsleistung bei Fernpendelnden in der Erdöl- und Erdgasindustrie in Russlands Arktis, In: Danielzyk, Rainer Dittrich-Wesbuer, Andrea Hilti, Nicola Tippel, Cornelia (Ed.): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, ISBN 978-3-88838-097-6, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 322-328, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0976449 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/218800 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Saxinger, Gertrude: Multilokalität als Normalisierungspraxis und synchrone Raumintegrationsleistung bei Fernpendelnden in der Erdöl- und Erdgasindustrie in Russlands Arktis URN: urn:nbn:de:0156-0976449 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 322 bis 328 In: Danielzyk, Rainer; Dittrich-Wesbuer, Andrea; Hilti, Nicola; Tippel, Cornelia (Hrsg.) (2020): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium. Hannover = Forschungsberichte der ARL 13
322 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Gertrude Saxinger Multilokalität alS NorMaliSieruNGSpraxiS uNd SyNchroNe rauMiNteGratioNSleiStuNG bei FerNpeNdelNdeN iN der erdöl- uNd erdGaSiNduStrie iN ruSSlaNdS arktiS Gliederung 1 Einleitung 2 Fernpendelnde 3 Problemzentrierte Repräsentation 4 Multiple und erweiterte Räume 5 Verortung 6 Normative von Sesshaftigkeit und Mobilität 7 Flexible Normalität 8 Trennen und Verbinden Literatur Kurzfassung Fernpendeln ist insbesondere in entlegenen Regionen verbreitet, zum Beispiel in der arktischen Erdöl- und Erdgasindustrie, wo Arbeiterinnen und Arbeiter für einmonatige oder halbmonatige Schichten ein- und auspendeln. Die theoretischen Betrachtungen eines mobilen und multilokalen Lebens basieren auf ethnographischer Forschung im polaren Westsibirien, die der Frage nach Bewältigungsstrategien dieser Lebensführung nachgeht. Es gibt zwei wesentliche Hürden, die es für die Herstellung von Lebenszufriedenheit zu nehmen gilt: die Trennung der relevanten sozialen Räume (zu Hause und auf Schicht) sowie die Zuschreibung von sozialer Devianz dieses Lebensstils. Der Beitrag beschreibt zwei Prozesse, die bei Arbeiterinnen und Arbeitern mit positiver Bewältigungsleistung vorliegen: (1) Raumintegrationsleistung, die durch gleichzeitiges Verbinden und Trennen einen erweiterten, für das Leben bedeutungsvollen Raum entstehen lässt und (2) flexible Normalisierung, die die von außen zugeschriebenen Devianzen in Potenziale umwandelt. Schlüsselwörter Fernpendlerinnen und Fernpendler – Erdöl- und Gasindustrie – Russland – Arktis – Bewältigungsstrategien mobiler und multilokaler Lebensweisen – Normalisierungsprozesse
323Multilokalität als NorMalisieruNgspraxis uNd syNchroNe rauMiNtegratioNsleistuNg Multilocality as practices of normalisation and synchronic spatial integration among long-distance commuters (FIFO workers) in the Arctic Russian oil and gas industry Abstract Long-distance commuting (also called fly-in/fly-out or FIFO) is a system of labour-force provision for industrial operations in remote regions; e. g., at oil and gas extraction sites in the Russian Arctic. Employees there commute on a rotational shift basis of 14 days in and 14 days out (14/14) or on a 30/30 roster. This chapter is based on longterm ethnographic research in the northwestern Siberian Arctic. The theoretical considerations relate to coping strategies for the two main constraints inherent to this way of life: the separation of meaningful social spheres (home and on duty) and the ascription of deviance to this lifestyle. People who cope well with this multilocal and mobile way of life pursue two strategies: (1) the conscious integration of space through the simultaneous connecting and separation of the spheres in order to constitute an integrated, enlarged and meaningful social and geographical space and (2) a flexible process of normalisation which turns the ascription of deviance into potential. Keywords Long-distance commuters (FIFO workers) – Oil and gas industry – Russia – Arctic – Coping strategies of mobile and multilocal lives – Normalisation processes 1 Einleitung Europa und die russische Arktis sind eng verstrickt. Pipelines, sei es die seit Jahrzehnten etablierte sogenannte Freundschaftspipeline über die Ukraine (Erdöl) oder sei es die neuere Nord Stream nach Deutschland (Erdgas), um nur zwei zu nennen, bilden eine materielle Verbindung dieser distanten Räume. Doch nicht nur die Rohstoffe sind mobil, sondern auch die Menschen, die sie abbauen. Die in peripheren Gegenden in der Arktis, in den die Fördergebiete liegen, bieten nicht genügend Arbeitskräfte, weshalb Menschen über Hunderte und Tausende von Kilometern pendeln und für eine bestimmte Zeitspanne dort leben (Eilmsteiner-Saxinger 2011). Im Folgenden stelle ich zentrale theoretische Bezüge zum Phänomen Multilokalität anhand ethnographischer Daten vor, die ich zwischen 2007 und 2010 im westsibirischen Norden erhoben habe. Einblicke in die Ergebnisse dieser Forschung über „Vakhtoviki“, wie die mobilen Erdöl- und Erdgasarbeitenden in Russland genannt werden, sollen die Betrachtung von Multilokalität als Normalisierungspraxis und synchrone Raumintegrationsleistung nachvollziehbar machen. Die Datenbasis fußt zum einen auf narrativen und semistrukturierten Interviews mit Fernpendelnden, mit ihren Lebenspartnerinnen und Lebenspartnern sowie mit ihren Kindern, zum anderen auf Beobachtungen während meiner ethnographischen – insgesamt 25.000 km langen – Reisen in Pendlerzügen zwischen Moskau und Novij Urengoij, der sogenannten „Gashauptstadt Russlands“ am nördlichen Polarkeis im Jamal Nenzischen Autonomen Kreis in Sibirien. Die Interviews wurden in Arbeiter-Camps in den Fördergebieten, während der Zugreisen sowie in den Herkunftsorten der Fernpendelnden in der Wolga-Region und in Moskau geführt.
324 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Gleichzeitig wurde eine statistische Erhebung zur Zufriedenheit mit Arbeit, Pendeln und Privatleben mit über einhundert Fernpendelnden durchgeführt. Die Daten sind zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Beitrages vergleichsweise alt, dennoch ist die Aktualität der grundlegenden Ergebnisse und der theoretischen Ableitungen gegeben, was meine kontinuierlichen Beobachtungen des russischen Systems der Fernpendelnden bestätigen. Ebenso sind sie mit meinen aktuellen Forschungen zum Fernpendelwesen im Bergbau der kanadischen Subarktis vergleichbar (Saxinger/Gartler 2017). 2 Fernpendelnde Sogenannte fernpendelnde Arbeitskräfte oder Montagearbeitende leben im russländischen Norden multilokal zwischen dem Zuhause in temperierten südlicheren Regionen und den Arbeiter-Camps im klimatisch harschen Norden. Manche pendeln in einem Zyklus von zwei Wochen auf Schicht am Arbeitsort und zwei Wochen auf Zwischenschicht zu Hause (14/14), andere wieder arbeiten in 30/30- oder 45/30-Schich- ten. Ihnen allen ist gemein, dass sie ein mobiles und multilokales Leben in ständiger Bewegung in und zwischen den bedeutungsvollen sozialen und räumlichen Sphären – dem Zuhause, der Schicht und der Reise – führen (Saxinger 2016a). Die Flug- oder Bahnreise dauert zwischen einem und mitunter, je nach Verkehrsmittel und Entfernung, bis zu mehreren Tagen am Stück. Alle drei Sphären bringen unterschiedliche soziale Rollen, Pflichten und Verhaltensregeln mit sich. Insbesondere im Raum der Reise manifestieren sich Ungleichheit ebenso wie geteilte Identitäten der gemeinsam reisenden Arbeiterinnen und Arbeiter (Saxinger 2015; 2016a; 2016b). 3 Problemzentrierte Repräsentation Die wissenschaftliche Frage nach der Bewältigungspraxis eines mobilen und multilokalen Lebens ist auf vielfach verbreitete landläufige Problematik-Diskurse über das Fernpendeln zurückzuführen, die auch in der Forschung ihren Niederschlag finden (Carrington/Hogg/McIntosh et al. 2012; Bykov 2011). Mainstream-Annahmen über fernpendelnde Beschäftigte reichen von zerrütteten Familien bis hin zu Drogen- und Spielsucht und anderen psycho-sozialen Problemen. Ananenkov, Stavkin, Andreyev et al. (2005) sprechen von Fernpendeln als einer Erwerbsform, der solange nachgegangen werde, bis das Maß des Erträglichen erreicht sei und die Vorteile nicht mehr überwiegten. Diese und ähnliche Aussagen, die vor allem von Nicht-Fernpendelnden mir gegenüber getätigt wurden, suggerieren soziale Devianz, die diesem Lebensstil innewohnen würde. Implizit und explizit werden diese Formen von Mobilität und Multilokalität als außerhalb der gesellschaftlichen Norm liegend angenommen und soziale Probleme darauf zurückgeführt. Wie konstituiert sich jedoch erfolgreiche Bewältigung des Fernpendelns? Diese Frage wird in der Forschung nur selten in den Blickpunkt gerückt.
325Multilokalität als NorMalisieruNgspraxis uNd syNchroNe rauMiNtegratioNsleistuNg 4 Multiple und erweiterte Räume Wenn hier von sozialräumlichen Sphären gesprochen wird, so liegt dem die soziale Konstruiertheit von Räumen zugrunde, wie sie im weitesten Sinne bei beispielsweise Massey (2005) zu finden ist. Wie mein ethnographisches Material zeigt, erweitert sich der individuelle Lebensradius enorm, wenn drei Entitäten in ihren Überschneidungen und Abtrennungen den sozialen Aktions- und Wahrnehmungsraum von fernpendelnden Menschen konstituieren. Eine Vielzahl von differierenden und auch widersprüchlichen Normen, Ideen und Erwartungen, die den involvierten Räumen inhärent sind, gilt es zu verhandeln, damit sie ein sozialräumliches Ganzes erlebbar machen können. Dieses Ganze ist von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Lebensbewältigung und widerspiegelt sich in nahezu perfekter Weise in einer Aussage eines Interviewpartners, der meinte, dass er mit dem Fernpendeln höchst zufrieden sei, denn er könne zwei Leben in einer Lebensspanne leben. Ein anderer Arbeiter wiederum nutzte eine ähnliche Symbolik, indem er jedoch meinte, weniger zufrieden zu sein, weil es für ihn schwierig sei, zwei halbe Leben zu leben (Saxinger 2016a; 2016b). 5 Verortung Das bringt uns zum nächsten Begriff, der in der Bewältigung des mobilen und multilokalen Lebens zentral ist: der Ort (Cresswell 2004). Die Verwurzelung an den jeweils involvierten Orten, die in den betreffenden Räumen eingeschrieben sind, stellt eine relevante Größe im Leben der Fernpendelnden dar. Denn Ortsgebundenheit und Mobilität finden simultan statt: Menschen in Bewegung antizipieren und imaginieren den kommenden Ort, erinnern den verlassenen und erfahren den aktuellen Ort. Im Fall der Fernpendelnden passiert dies in zyklischer Weise. Die multiplen Verortungen werden zum Sinn und zum Inhalt der mobilen Lebensweise – der Mobilität an sich. In diesem Sinne ist auf die Gleichzeitigkeit von Immobilität und Mobilität, die der Multilokalität inhärent sind (Saxinger/Tošić 2016), hinzuweisen. Das qualitative, ethnographische Datenmaterial zeigt deutlich, dass die örtliche Verbundenheit einen notwendigen Ruhepunkt bildet und somit zur Bewältigung beiträgt. Hier ist darauf zu verweisen, dass alle involvierten Orte als Ressourcen gesehen werden, was mit Weichharts (2009) Begriff der „Standortofferte“ erklärt werden kann. Die Ressourcen des Ortes der Schicht können dabei von der Entlastung von Familienpflichten bis hin zu Anerkennung im Beruf reichen. Das Zuhause als Ort kann nicht nur zum Beispiel das Bedürfnis nach Liebe nähren, sondern auch der Ort sein, in dem die Normalität des russischen Ideals der patriarchalen Familie gelebt wird. Nicht zuletzt hat auch der mobile Ort des Zuges oder des Flugzeuges eine verortende und ressourcenträchtige Eigenschaft. Dort werden Informationen über Arbeitsbedingungen und neue Jobs ausgetauscht, dort wird Gemeinschaft gelebt, wenn die Menschen sich im Übergang von einer Sphäre zur nächsten befinden: wenn sie sich in einer der Liminalität ähnlichen ‚Zeitzone’ von einem Ort graduell verabschieden und sich auf den neuen Ort einstellen.
326 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen 6 Normative von Sesshaftigkeit und Mobilität Die Mobilität, welche die Multilokalität konstituiert, trägt zum Anschein der Devianz, die diesem Leben oft zugeschrieben wird, bei (Saxinger 2016a; 2016b). Dies ist nicht ein alleinig „russisches Phänomen“, wenn wir bedenken, dass „Sesshaftigkeit [ein] Ideal der Moderne [ist]. In der Tat ein ‚Ideal’, denn die historischen Alltagswirklichkeiten der Menschen waren bereits am Vorabend der Industrialisierung hoch mobil“ (Rolshoven 2006: 28). Die Zuschreibungen von Mobilität zeigen sich entlang der extremen Pole von Prestige und Heros – in den Begriffen „Jetset“ oder „Abenteurer“ – und von oftmals gesellschaftlicher Ablehnung wie im Falle von Roma (Breckner 2012) oder indigenen Nomaden (Saxinger 2016a). Jedoch sollte der Blick allein auf die Dialektik von scheinbarer Devianz und Norm den Blick auf die sinnstiftende Gleichzeitigkeit von Ortsgebundenheit und Mobilität nicht verstellen. Beispielsweise zeigt das oben angesprochene Ideal der patriarchal strukturierten Familie, dass mit dem mobilen Lebensstil des Fernpendelns dieses Ideal vollumfänglich bedient werden kann. Die Realisierungsmöglichkeit der sozialen Sorge für die Partnerin und die Kinder- sowie die Großelterngeneration bildet eine Hauptmotivation, einen mobilen Beruf mit überdurchschnittlicher Bezahlung zu ergreifen (Saxinger 2016a; 2016b). Als Ernährer erfüllen die fernpendelnden Männer (sie bilden die Mehrheit der in der Erdöl- und Erdgasindustrie Arbeitenden) in nachgerade perfekter Weise das patriarchale Ideal, das vor allem im sozioökonomisch darniederliegenden ländlichen Raum in Russland heutzutage von sesshaften Männern nur unzulänglich erfüllt werden kann (Öfner 2014). Insbesondere in Regionen mit einer starken fernpendelnden Bevölkerung, beispielsweise die Wolga-Großregion oder Westsibirien, wird auch das Fernpendeln zur gesellschaftlich anerkannten Norm (Saxinger 2016a; Saxinger/Nuykina/Öfner 2016). Ein mobiler und multilokaler Habitus (Bourdieu 1984) etabliert sich Generationen und familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke übergreifend. Dort entstanden sogenannte Fernpendlerdynastien sowie umgekehrte Werte: Wer nicht fernpendelt und sesshaft bleibt, „drückt“ sich vor sozialer Verantwortung, die, wie oben gesagt, durch einkommensstarke mobile Jobs erfüllt werden kann. 7 Flexible Normalität Wie wird nun das Empfinden, eben nicht deviant zu sein oder außerhalb der sozialen Normen zu stehen, hergestellt? Hier greife ich den von Link (1997) geprägten Begriff des „Flexibilitäts-Normalismus“ auf. Dies ist ein Alternativkonzept zum gängigen Protonormalisimus, der als ein Gefüge sozialer Formen definiert wird, die im Zentrum einer statistischen Normalitätslinie und Durchschnittswerten liegen (Link/Loer/Neuendorff 2003: 12). Die Außenzuschreibung des problematischen Fernpendelns wird somit durch das Konzept des Protonormalismus hergestellt. Im Falle der Fernpendelnden, die sich selbst als normal bezeichnen und empfinden, kommt jedoch die flexible Normalisierung zum Tragen, die neue Zentren außerhalb einer Normalverteilungskur- ve entstehen lassen. Diese stehen, wie anhand des Beispiels der patriarchalen Normen
327Multilokalität als NorMalisieruNgspraxis uNd syNchroNe rauMiNtegratioNsleistuNg gezeigt, jedoch im dialektischen Austausch mit dem protonormalistischen Zentrum. Diese Oszillation lässt neue soziale Formen zu, wie beispielsweise das Prestige der Mobilität, das dem Fernpendeln innewohnt, und konstituiert diese Formen und flexiblen Normen in ständiger Praxis (Saxinger 2016a; 2016b). Normalität ist also nicht naturgegeben, sondern stellt stets ein Produkt von Normalisierungen dar (Link 1997: 425). 8 Trennen und Verbinden Den fernpendelnden Männern und Frauen ist gemein, dass sie eine in höchstem Maße anspruchsvolle kontinuierliche Verbindungs- und Separierungsarbeit leisten müssen. Wie sich in meiner Studie zu den Bewältigungsstrategien zeigte, lassen erfolgreich langfristig pendelnde Menschen bewusst einen Ort zurück, während sie sich auf den nächsten Ort vorbereiten. Es gilt, von Normen, Idealen und Erwartungen eines sozialen Raumes bewusst Abschied zu nehmen und sich auf die Spezifika des zu Erwartenden einzulassen (Saxinger 2016a; 2016b). Allerdings ist diese Trennungsleistung nicht für jeden oder jede möglich, weshalb gerade nach den ersten paar Schichten oder nach nur wenigen Jahren Menschen wieder aus der Mobilität und Multilokalität aussteigen. Ein nachhaltiges Fernpendeln, das viele in Russland bis zur Pensionierung betreiben, erfordert aber auch, die Gesamtheit der einzelnen räumlichen Komponenten nicht aus den Augen zu verlieren (Saxinger 2016a; 2016b). Ein doppeltes Leben, zwei Leben in einer Lebensspanne leben zu können, wird nur dann möglich, wenn allen involvierten Räumen – der Schicht, dem Zuhause und der Reise als liminalem Bindeglied – sinnstiftende Bedeutungen zugeschrieben werden und multiple Verortung vollzogen wird. Literatur ananenkov, a. G.; Stavkin, G. p.; andreyev, o. p.; Salichov, Z. S.; kramar, V. S.; arabskiy, a. k.; borovikov, V. a.; orlova, i. a.; Fomin, a. N.; okhotnikov, S. V.; Sobakin, a. k. (2005): Sotsial‘nyye aspekty tekhnicheskogo regulirovaniya vakhtovogo metoda rabotu v usloviyakh Kraynego Severa. Moskau. bourdieu, p. (1984): Distinction: A social critique of the judgement of taste. Cambridge, Massachusetts. breckner, i. (2012): Zuhause in Bewegung. Mobile Verortungen von Roma in Europa. In: Rolshoven, J.; Maierhofer, M. (Hrsg.): Das Figurativ der Vagabondage. Bielefeld, 85-98. bykov, V. M. (2011): Formirovaniye konkurentosposobnogo personala v usloviyakh vakhtovogo metoda raboty: Na primere neftegazovoy otrasli. Yaroslavl’. carrington, k.; hogg, r.; Mcintosh, a.; Scott, J. (2012): Crime Talk, FIFO workers and Cultural Conflict on the Mining Boom Frontier. In: Australian Humanities Review 53, 1-14. https://eprints.qut.edu.au/55293/1/55293A.pdf (31.07.2019). cresswell, t. (2004): Place: A short introduction. Malden. eilmsteiner-Saxinger, G. (2011): ‘We Feed the Nation’: Benefits and Challenges of Simultaneous Use of Resident and Long-distance Commuting Labour in Russia’s Northern Hydrocarbon Industry. In: The Journal of Contemporary Issues in Business & Government 17, 53-67. link, J. (1997): Versuch über den Normalismus: Wie Normalität produziert wird. Opladen. link, J.; loer, t.; Neuendorff, h. (2003): „Normalität“ im Diskursnetz soziologischer Begriffe. Heidelberg. Massey, d. b. (2005): For space. London. öfner, e. (2014): Russia’s long-distance commuters in the oil and gas industry: social mobility and current developments – an anthropological perspective from the Republic of Bashkortostan. In: Journal of Rural and Community Development 9 (1), 41-56.
328 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen rolshoven, J. (2006): Woanders daheim. Kulturwissenschaftliche Ansätze zur multilokalen Lebensweise in der Spätmoderne. In: Zeitschrift für Volkskunde II, 179-194. Saxinger, G. (2015): ”To you, to us, to oil and gas” – The symbolic and socio-economic attachment of the workforce to oil, gas and its spaces of extraction in the Yamal-Nenets and Khanty-Mansi Autonomous Districts in Russia. In: Fennia – International Journal of Geography 193 (1), 83-98. Saxinger, G. (2016a): Unterwegs. Mobiles Leben in der Erdgas- und Erdölindustrie in Russlands Arktis / Mobil’nyy obraz zhizni vakhtovykh rabochikh neftegazovoy promyshlennosti na Russkom Kraynem Severe / Lives on the Move – Long-distance Commuting in the Northern Russian Petroleum Industry. Wien/Weimar/Köln. Saxinger, G. (2016b): Lured by oil and gas: labour mobility, multi-locality and negotiating normality & extreme in the Russian Far North. In: The Extractive Industries and Society (3), 50-59. DOI: 10.1016/j.exis.2015.12.002. Saxinger, G.; Gartler, S. (2017): Mobile Workers Guide: coping with FIFO and rotational shift work. Whitehorse. https://fifo-guide.jimdo.com/ (07.05.2019). Saxinger, G.; Nuykina e.; öfner, e. (2016): The Russian North Connected – The Role of Long-Distance Commute Work for Regional Integration. In: Orttung, R. (Hrsg.): Sustaining Russia’s Arctic Cities: Resource Politics, Migration, and Climate Change. London, New York, 112-138. Saxinger, G.; tošić, J. (2016): Thinking through Multilocality: Mobility, Place and Time Reconsidered. Session-Abstract for the 115th AAA Annual Meeting in Minneapolis November 16-20. Weichhart, p. (2009): Multilokalität – Konzepte, Theoriebezüge und Forschungsfragen. In: Informationen zur Raumentwicklung (1/2), 1-14. Autorin Gertrude Saxinger, Dr., ist Post-doc am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, Faculty-Mitglied des Austrian Polar Research Institute (APRI) sowie Adjunct Researcher am Yukon College in Whitehorse/Kanada. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Rohstoffförderung in der Arktis (Sibirien und Kanada) inclusive Mobilitäts- und Arbeitsforschung sowie Themen der Interaktion von Industrie und indigenen und nichtindigenen Anrainergemeinden in den Abbaugebieten. Publikationen u. a. mit A. Taylor et al. (2017) “Settlements at the Edge” bei Edward Elgar Publishing und Open-Access-Monographie: G. Saxinger (2016) “Unterwegs. Mobiles Leben in der Erdgas- und Erdölindustrie in Russlands Arktis” bei Böhlau.