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Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten

Ehrlich, Tobias,Richter, Daniel,Meisel, Michael,Anke, Jürgen

Abstract

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Ehrlich, Tobias; Richter, Daniel; Meisel, Michael; Anke, Jürgen Article — Published Version Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Ehrlich, Tobias; Richter, Daniel; Meisel, Michael; Anke, Jürgen (2021) : Self- Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten, HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, ISSN 2198-2775, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden, Vol. 58, Iss. 2, pp. 247-270, https://doi.org/10.1365/s40702-021-00711-5 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/287632 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Mangels Standards ist zudem die Interoperabilität von digitalen Identitäten eingeschränkt. Dies führt zu einer Reihe von Problemen, die den effizienten und sicheren Umgang mit digitalen Identitäten behindern. Abhilfe verspricht das Konzept der Self-Sovereign Identities (SSI) und den damit verbundenen Standards „Verifiable Credentials“ und „Decentralized Identifiers“. Sie erlauben den flexiblen Austausch von manipulationssicheren digitalen Nachweisen zwischen Benutzern und Systemen und bilden damit die Grundlage für den Aufbau von Vertrauensbeziehungen im digitalen Raum. In diesem Beitrag werden das SSI-Paradigma vorgestellt und die Hürden diskutiert, die dem breitenwirksamen Einsatz dieses Konzepts entgegenstehen. Damit erhält der Leser einen kompakten Überblick verschiedener Ansätze für das Identitätsmanagement und die Potenziale selbst-souveräner Identitäten. Für die T. Ehrlich · J. Anke () Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden, Friedrich-List-Platz 1, 01069 Dresden, Deutschland E-Mail: [email protected] T. Ehrlich E-Mail: [email protected] D. Richter SAP Deutschland SE & Co. KG, Hasso-Plattner-Ring 7, 69190 Walldorf, Deutschland E-Mail: [email protected] M. Meisel Fakultät CB, Hochschule Mittweida, Technikumplatz 17, 09648 Mittweida, Deutschland E-Mail: [email protected] K 248 T. Ehrlich et al. Gestaltung digitaler Dienste in Wirtschaft und Verwaltung sollte dieser Ansatz stärker berücksichtigt werden, um von den damit verbundenen Vorteilen zu profitieren. Schlüsselwörter Digitale Identität · Self-sovereign Identity · Verifiable Credentials · Identity Management Self-Sovereign Identity as the Basis for Universally Applicable Digital Identities Abstract This paper addresses the role of digital identities for a functioning digital economy and outlines requirements for their management. So far, no approach for the management of digital identities has been widely established, which leads to a fragmentation of ID services as well as a variety of user accounts. Due to the lack of standards, the interoperability of digital identities is also limited. This leads to several problems that prevent the efficient and secure handling of digital identities. The concept of Self-Sovereign Identities (SSI) and the associated standards “Verifiable Credentials” and “Decentralized Identifiers” is a promising approach to improve the situation. They allow the flexible exchange of tamper-proof digital proofs between users and systems. Therefore, they form the foundation for building trust relationships in the digital space. This paper introduces the SSI paradigm and discusses the barriers that prevent the wide-scale adoption of this concept. With that, the reader gets a compact overview of different approaches for identity management and the potentials of self-sovereign identities. For the design of digital services in business and administration, this approach should be given greater attention to benefit from the associated advantages. Keywords Digital Identity · Self-sovereign Identity · Verifiable Credentials · Identity Management 1 Einleitung 1.1 Digitale Identitäten als Grundlage für Vertrauen im digitalen Raum Mit zunehmender Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung wächst das Angebot an digitalen Diensten. Um vertrauenswürdige Interaktionen mit solchen Diensten zu gewährleisten, müssen alle Beteiligten sicher digital identifiziert werden. Mit digitalen Identitäten können sich Personen, Organisationen oder Objekte gegenüber einem Softwaresystem ausweisen. Solche digitalen Identitäten sind im Kern eine Sammlung von verschiedenen, möglichst langlebigen Identifizierungsmerkmalen (Identitätsattributen) (Tsolkas und Schmidt 2017). Bei der Entwicklung von digitalen Identitäten wurde zunächst pragmatisch vorgegangen. Dies führt dazu, dass Betreiber von Onlineservices und Anwendungen (Service Provider) die digitalen Identitäten ihrer Nutzer selbst verwalten müssen. Dadurch entstanden zahlreiche „Silos“ mit einer Sammlung von Identitätsmerkma- K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 249 len und eigener Nutzerbasis. Die Anwender müssen in der Folge zahlreiche Nutzerkonten pflegen, deren gespeicherte Identitätsmerkmale vielfach redundant sind. Eine Verbesserung erreicht das Modell der föderierten Identitäten, welches digitale Identitäten systemübergreifend nutzbar macht. Dabei werden zentrale Dienste, so genannte ID-Provider, eingesetzt, die Identitätsmerkmale und Authentifizierungsmethoden für die Nutzung einer Vielzahl von Anwendungen zentral bereitstellen. Somit kann der Fragmentierung der ID-Landschaft zum Preis der Zentralisierung von ID- Informationen bei einigen wenigen gewinnorientierten Unternehmen begegnet werden. Dies birgt wiederum neue Risiken. So können die ID-Provider beim Einsatz der Identitäten durch den Nutzer Daten aus unterschiedlicher Herkunft miteinander korrelieren und somit individuelle Profile von Nutzern erstellen. Diese Sammlung bietet die Grundlage sowohl für eigene wirtschaftliche Zwecke wie beispielsweise auf den Nutzer zugeschnittene Werbeanzeigen als auch für die möglicherweise unerwünschte Weitergabe persönlichen Daten an Dritte. Staatliche, elektronische Authentifizierungsmethoden versuchen die Fragmentierung der ID-Landschaft ebenfalls zu adressieren, indem sie einer Person ermöglichen, sich gegenüber einem Händler oder einer Behörde mit der eID auszuweisen. Die eID ist die elektronische Repräsentation des Personalausweises, die direkt im Ausweis eingebettet ist (BMI 2020a). Sie ist seit 2017 standardmäßig bei allen neu ausgestellten Personalausweisen aktiviert (Bundesregierung Deutschland 14.07.2017) und kann mittels geeigneter Apps, z.B. der AusweisApp2, per Smartphone ausgelesen und an einen berechtigten Anfrager übermittelt werden. Auch Organisationen benötigen digitale Identitäten für die Kundenbetreuung, digitale Finanzverwaltung oder zum Nachweis der Rechtsform. In Deutschland übernehmen solche Registrierungen das Handelsregister, das Finanzamt, die Non-Profit Organisation GS1 Germany und andere Mitglieder der Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF). Die ausgestellten Kennnummern sind jedoch nicht interoperabel. Dementsprechend ermöglicht der Handelsregistereintrag eine Identifizierung auf nationaler Ebene, während der Legal Entity Identifier (LEI) eine Identifizierung auf dem internationalen Finanzmarkt unterstützt. Die Registrierung von technischen Produkten ist ein Sonderfall, denn anders als bei Personen übernimmt selten eine Behörde oder ein Konsortium die Speicherung der Identifikatoren. Ausnahmen bilden hier registrierungspflichtige Waren wie Fahrzeuge mit der Fahrzeug-Identifikationsnummer (FIN) aus der EU-Verordnung 19/2011 und Medizinprodukte mit der Unique Device Identification (UDI) aus der EU MDR2017/745. Hersteller unterhalten daher ihre eigenen Datenbanken mit den jeweiligen Kennnummern zur Identifizierung. Wenn ein Unternehmen seine Waren weltweit identifizierbar machen möchte, kann die GS1 hierfür eine zentral verwaltete Global Trade Item Number (GTIN) vergeben. Vor dem Hintergrund der hohen Bedeutung digitaler Identitäten für die Digitalisierung der Wirtschaft soll der vorliegende Beitrag die bisherigen Herangehensweisen an den Umgang und die Verwaltung mit digitalen Identitäten bewerten und SSI als einen aussichtsreichen Lösungsweg vorstellen. Grundlage dafür sind Veröffentlichungen aus verschiedenen Quellen, vor allem Community- und Standardisierungsaktivitäten. Es ist festzustellen, dass es bislang nur wenige wissenschaftliche Arbeiten gibt, die sich insbesondere mit den neueren Entwicklungen rund um Self- K 250 T. Ehrlich et al. Sovereign Identity und den damit verbundenen Standards des World Wide Web Consortiums (W3C) auseinandersetzen. Der vorliegende Beitrag versucht diese Lücke zu schließen. Praktiker in Wirtschaft und Verwaltung sollen damit einen Einblick in aktuelle Entwicklungen bekommen, um diese in die Gestaltung von Systemen einfließen zu lassen. Für die Wissenschaft, insbesondere die Wirtschaftsinformatik, zeigt der Beitrag den aktuellen Stand der Technik in einem zunehmend wichtigen, aber bislang wissenschaftlich zu wenig beachteten Thema. 1.2 Beteiligte Akteure und ihre Rollen Für eine systematische Betrachtung des Identitätsmanagements ist die Differenzierung verschiedener Rollen hilfreich. Der Herausgeber (Issuer) ist für das korrekte und vertrauenswürdige Erstellen von Identitäten bzw. dem Bestätigen der Korrektheit von behaupteten Identitätsmerkmalen zuständig. In der realen Welt sind das z.B. hoheitliche Dokumente, Urkunden oder Plastikkarten. Digital lassen sich diese in Form kryptografisch gesicherter, digitaler Nachweise repräsentieren. Der Inhaber (Holder) empfängt diese Nachweise und verwaltet sie in einer physischen Geldbörse oder digital in einer Wallet-App. Er hat die alleinige Verfügungsgewalt über diese Nachweise. Das Subjekt ist die Entität, auf die sich das Identitätsmerkmal bezieht. Das kann ein Objekt unter der Kontrolle des Inhabers sein oder eine Person, für die der Inhaber verantwortlich oder bevollmächtigt ist. In vielen Fällen ist das Subjekt jedoch mit dem Inhaber identisch. Die Akzeptanzstelle (Verifier) ist eine Anwendung, ein Onlineservice oder eine Stelle in der physischen Welt, der vom Inhaber Nachweise über bestimmte ID-Merkmale anfordert, um seine Identität oder Berechtigungen zu prüfen. Der Inhaber kann selbst entscheiden, welche Nachweise er präsentiert. Während in der realen Welt die Akzeptanzstelle durch Erfahrung und Fachwissen die Echtheit eines präsentierten Nachweises manuell prüfen muss, ist das bei Verwendung kryptografisch gesicherter, digitaler Nachweise automatisch möglich. Fälschungen sind dadurch deutlich schwieriger als bei physischen Dokumenten. Akteure sind natürliche oder juristische Personen, die je nach konkreter Situation eine oder mehrere der genannten Rollen innehaben. Der Nutzer als natürliche Person hat in der Regel die Rolle Inhaber und meist auch Subjekt, da sich die Mehrzahl der von ihm verwalteten ID-Attribute auf ihn selbst bezieht. Auch juristische Personen (Organisationen) können Nutzer sein, da sie Teil von Rechtsgeschäften sind und eine nachweisbare Identität benötigen. Organisationen können darüber hinaus auch Betreiber von Anwendungen sein, mit denen Nutzer interagieren sollen. Je nach Ausprägung ist eine solche Anwendung Herausgeber und/oder Akzeptanzstelle. Anwendungen, die gegenüber dem Nutzer spezielle Eigenschaften nachweisen müssen, können ihrerseits auch Inhaber sein. Um das Ausstellen, Speichern, Freigeben und Verifizieren von digitalen Identitätsmerkmalen praktisch zu realisieren, bedarf es technischer Infrastruktur und Softwarekomponenten, wie zum Beispiel die oben erwähnte digitale Wallet-App. Diese werden in der Regel von einem Hersteller oder einer Organisation bereitgestellt und im Folgenden unter der Bezeichnung „ID-Dienst“ zusammengefasst. K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 251 1.3 Anforderungen Aus den vorgenannten Ausführungen lassen sich Anforderungen an ein verbessertes Identitätsmanagement ableiten. Aus Sicht der Inhaber ergeben sie sich vor allem aus breiter Anwendbarkeit und Kontrolle über die eigenen Daten: Datenschutzkonformität, d.h. nur notwendige Daten werden übertragen Portabilität von Identitätsmerkmalen zwischen ID-Diensten, um Lock-In Effekte zu vermeiden Hohe Benutzbarkeit (Usability), ohne die Sicherheit zu beschränken. Breite Anwendbarkeit, d.h. Identitätsdaten sollten in vielen Situationen einsetzbar sein Verfügungsmacht über eigene ID-Daten, um ungewünschte Verwertung durch Dritte zu verhindern Für die Akzeptanzstellen ist vor allem wichtig, dass möglichst viele Nutzer einfach ihre Anwendung nutzen können und nicht von komplexen Registrierungsvorgängen abgeschreckt werden. Dennoch müssen Nutzer eindeutig identifiziert werden, um rechtssichere Transaktionen durchführen zu können: Einfacher Zugang für alle berechtigten Nutzer ohne zusätzliche Registrierung Eindeutige Identifikation von Nutzern für rechtssichere Transaktionen Geringer Aufwand für ID-Prüfung und Verwaltung personenbezogener Daten Geringe Kosten bei Einbindung und Verwendung eines ID-Dienstes Die Anbieter von ID-Diensten sind für ihren Markterfolg vor allem darauf angewiesen, eine möglichst große Attraktivität für Nutzer und Anwendungen gleichermaßen zu besitzen. Dies drückt sich in einer großen Anzahl von Akzeptanzstellen aus, d.h. Anwendungen, die eine Authentifizierung mittels des jeweiligen Dienstes unterstützen. Dies ist in direkter Wechselwirkung mit der Anzahl der Nutzer, d.h. es entsteht ein positiver Netzwerkeffekt: Je mehr Akzeptanzstellen, desto attraktiver ist der Dienst für potenzielle Nutzer, und je mehr Nutzer ein Dienst hat, desto eher ist der Betreiber einer Anwendung bereit, diesen Dienst zu unterstützen. Um dies zu erreichen, ist wie bei allen Angeboten, die einen zweiseitigen Markt als Grundlage haben, entsprechend intensives Marketing notwendig. Daneben sind für den Markterfolg auch eine hohe Usability, Vertrauenswürdigkeit, Verfügbarkeit und Sicherheit erforderlich. Die EU-Verordnung für elektronische Identifizierung, Authentifizierung und Vertrauensdienste (eIDAS) enthält verbindliche Regelungen für elektronische Transaktionen im europäischen Binnenmarkt und deckt vor allem die Bereiche „Elektronische Vertrauensdienste“ und „Elektronische Identifizierung“ ab. Für den Einsatz in regulierten Domänen wie der öffentlichen Verwaltung müssen ID-Dienste dementsprechend eine Zertifizierung nachweisen, um für das eIDAS- Vertrauensniveau „substanziell“ oder „hoch“ zugelassen zu werden (BSI 2016). K 252 T. Ehrlich et al. 2 Ansätze zum Management digitaler Identitäten Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Ansätze zur Erzeugung, Verwaltung und dem Einsatz digitaler Identitäten entwickelt. In diesem Abschnitt werden diese erläutert und verglichen. 2.1 Grundlagen des Managements digitaler Identitäten 2.1.1 Isolierte Identitäten Das Modell der isolierten Identitäten ist am weitesten verbreitet und wird z.B. bei Routern, Webseiten und Onlineshops eingesetzt. Jeder Service verwaltet hierbei seine Benutzer in einer eigenen Nutzerdatenbank und führt Authentifizierungen selbst durch. Der Service ist damit Herausgeber und Akzeptanzstelle zugleich. Dies bringt den Vorteil, dass konkurrierende Organisationen nicht von Dritten abhängig sind, Daten optimal an ihre Bedürfnisse anpassen sowie verarbeiten können und die Aktivitäten der Nutzer nicht ohne Weiteres korreliert werden können. Weiterhin ermöglicht diese Flexibilität eine breite Anwendungsmöglichkeit von unterschiedlichen ID-Ar- ten für Personen, Organisationen und technische Produkte. Jedoch müssen Service Provider potenzielle Nutzer zur Registrierung incentivieren. Damit steigt auch die Anzahl an Identitäten mit den dazugehörigen Authentifizierungsmethoden. Für den Nutzer endet das in der Herausforderung, diese Accounts auf effiziente und sichere Weise zu verwalten (Jøsang und Pope 2005). Aber auch Service Provider stehen von der Herausforderung, eine wachsende Zahl von Nutzerkonten datenschutzkonform zu speichern und vor Diebstahl zu sichern. 2.1.2 Föderierte Identitäten Die föderierte Identität adressiert die beschriebenen Nachteile. Dem Nutzer wird ermöglicht, durch zentralisierte Identity Provider dieselbe digitale Identität bei verschiedenen Services zu verwenden, ohne sich neu registrieren zu müssen. Der Identity Provider fungiert dabei sowohl als Herausgeber und Inhaber, da er die Daten des Benutzerkontos verwaltet. Er verifiziert die Identität, wenn sich der Nutzer bei einem angeschlossenen Service anmelden will. Unternehmen können Identitäten demnach mit geringerem Aufwand verwalten. Was aus administrativer Sicht sinnvoll ist, stellt für Privatanwender ein Problem dar, denn Identitäten verbleiben in den Händen der Identity Provider und der Nutzer ist von deren Fortbestand und Zugänglichkeit abhängig (Allen 2016). Die föderiertzentralen ID-Verwaltung, in Verbindung mit der Nutzung unterschiedlicher Services, erleichtert die Zusammenführung von Informationen verschiedener Herkunft, um so ohne Kontrolle des Nutzers umfangreiche Profile anzufertigen. Die Menschen vertreten in der digitalen Welt verschiedene anonyme, pseudonyme oder rechtspersönliche Rollen. Je nach Anwendung differenzieren sie auch, wer welche Inhalte sehen darf. Da die individuellen Grundwerte schon immer Bestandteil des Identitätsmanagements sind, stellt die Korrelierbarkeit ein neues Problem dar. Werden die Informationen in einem falschen Kontext verarbeitet, können dem Nutzer finanzielle K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 253 oder soziale Nachteile entstehen (Priem et al. 2011). Die föderierten Identitäten beziehen sich vor allem auf Personenidentitäten. Technische Produkte oder Identitäten von Organisationen spielen in der Regel eine untergeordnete Rolle. 2.1.3 Elektronischer Personalausweis und andere staatliche Identitäten Der elektronische Personalausweis (nPA) mit elektronischer ID (eID), der elektronische Aufenthaltstitel und der elektronische Reisepass gehören ebenfalls zu den föderierten Identitäten. Denn auch die Regierung hat das Interesse, personalisierte elektronische öffentliche Dienste bereitzustellen und Bürger vor Betrug und Sicherheitsrisiken zu bewahren (Priem et al. 2011). Diese Identität stellt einen Sonderfall dar, denn sie besitzt keinen ID-Managementansatz, sondern ist ein hoheitliches Authentisierungsmittel mit zusätzlicher digitaler Repräsentation. Anders als bei den bisher vorgestellten Modellen werden bei diesem Verfahren keine Identitätsdaten zentral verwaltet. Stattdessen wird eine dedizierte Infrastruktur (eID-Server) verwendet, mit der die eID-Daten vom Personalausweis zur Akzeptanzstelle übermittelt werden. Der Nutzer benötigt dazu sein elektronisches Ausweisdokument mit aktivierter eID-Funktion sowie mindestens die AusweisApp2. Der Identitätsbesitzer kann sich so digital authentisieren, ohne sich neu registrieren zu müssen (Pohlmann 2019a). Die Identifikation geschieht hierbei nach dem Prinzip der eIDAS- Vertrauensniveaus. Je nach Freigabe kann der Dienstleister den Nutzer nur vollständig pseudonym identifizieren, Daten teilweise oder vollständig auslesen. Bei einer pseudonymen Abfrage wird für jeden Online-Dienst eine eigene pseudonyme Kennung generiert (BMI 2020b). Service Provider müssen zur Nutzung der eID zunächst eine Berechtigung beantragen und müssen dafür einen Dienst konzipieren, der vollständig DSGVO- und eIDAS-konform ist. Anschließend können sie nur die Daten auslesen, für die eine Genehmigung vorliegt. Werden weitere Daten benötigt, so müssen die Service Provider diese Informationen separat abfragen und verwalten (BSI 2017). Folglich haben die Bürger mit diesen Identitäten ein sehr hohes Sicherheitsniveau. Von der Privatwirtschaft werden vor allem die regulatorischen Hürden kritisiert, weswegen es gegenwärtig nur wenige Dienstleistungen gibt, die das eID-Verfahren verwenden. Ferner fehlen derzeit zur EU-weiten Anwendung grenzüberschreitende Standards: eID-Verfahren, die in einen Mitgliedsstaat zulässig sind, erfüllen die gesetzliche Bedingungen eines anderen Landes möglicherweise nicht (Winter et al. 2020). Zudem wird aus Nutzersicht die Usability dieses Verfahrens oft kritisiert, was die Verbreitung ebenfalls behindert (Kostic et al. 2016). 2.1.4 Self-Sovereign Identity Ein neuer Ansatz für das Identitätsmanagement ist das auf dezentraler Organisation beruhende Paradigma „Self-Sovereign Identity“ (SSI). Dabei bekommt der Nutzer Identitätsmerkmale und Berechtigungen in Form von kryptografisch gesicherten digitalen Nachweisen („Verifiable Credentials“) ausgestellt und kann diese mittels einer digitalen Brieftasche („Wallet“) selbständig verwalten. Um sich gegenüber Akzeptanzstellen auszuweisen, genügt die Vorlage der geforderten Verifiable Cre- K 254 T. Ehrlich et al. Herausgeber Akzeptanzstelle Inhaber ausstellen Verifiable Credentials präsentieren Verifiable Presentations a91004ed a3cd9e75 ebbcbaa7 261d96c7 registrieren Widerrufe, Öffentliche DIDs, ggf. Schemata Vertrauenswürdige Datenregister Widerrufe, Signaturen, DIDs prüfen SSI-Wallet Vertrauen Abb. 1 SSI-Interaktionsschema, adaptiert von (Mühle et al. 17.07.2018) dentials in Form von so genannten „Verifiable Presentations“, die ohne direkten Kontakt zum Herausgeber überprüfbar sind. Mittels geeigneter Protokolle ist die flexible Übermittlung solcher Verifiable Credentials und Presentations realisierbar (vgl. 3.1.3 DIDcomm). Dabei kann jeder Akteur eine oder mehrere Rollen annehmen und ein Vertrauensdreieck (vgl. Abb. 1) aufbauen (Windley 2018). Für Christopher Allen ist die Unabhängigkeit eines Nutzers von einem zentralen ID-Provider das „Herzstück“ der Self-Sovereign Identity, anstatt nur den Nutzer ins Zentrum zu stellen. Er gilt als Vordenker im Bereich der SSI-Entwicklung und formulierte zehn Prinzipien, die seiner Meinung nach für SSI notwendig sind. Diesen zufolge muss der Benutzer die Möglichkeit haben, seine eigenen digitalen Identitäten zu erstellen, über mehrere Standorte hinweg mit voller Kontrolle zu verwenden und zu verwalten. Die Dienstleister müssen indes ihren Kunden Transparenz bieten, indem sie die Anwender zu den verwendeten Mitteln und zu der Datenverarbeitung informieren. Zusätzlich muss der Nutzer in der Lage sein, persönlich identifizierende Informationen oder Fakten minimalisiert und nur durch explizite Zustimmung einzusetzen. Auch sollte er selbst über die Verwendungsdauer der Verbindungen oder Informationen entscheiden (Allen 2016). Dies begründet ein neues Paradigma für den Umgang mit digitalen Identitäten, in dem Benutzer in die Position von selbst-souveränen Verwaltern ihrer Identität gebracht werden. Diese Unabhängigkeit von Dritten ermöglicht zudem einen neuen Ansatz für die Interoperabilität verschiedener Dienste, vereinfacht die Handhabung personenbezogener Daten auf Seiten der Akzeptanzstellen und verbessert die Nutzererfahrung durch Wegfall von Passwörtern und vermeidet komplexe Registriervorgänge. Weiterhin wird durch eine Peer-to-Peer-Verbindung und dezentrale Verwaltung die Privatsphäre des Identitätsinhabers geschützt. Die Möglichkeiten zur Korrelation von Identitätsdaten zwischen unterschiedlichen Diensten und Service Providern werden vermindert. Gleichzeitig sinkt die Attraktivität für Angriffe auf K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 261 Verbindung Vertrauenswürdiges Datenregister Governance Framework Nachweisaustausch Kommunikationsprotokoll 1 4 3 2 Unveränderbare Datenspeicher Dezentrale Identifikatoren Agent & Wallet Agent & Wallet Herausgeber Akzeptanzstelle Vertrauen Inhaber Verifiable Credentials Verifiable Presentations Vertrauensanker Kontrollorgane Identitäts- Metasystem Kontextspezifisches System RegelnPrinzipien Nachweisregister Abb. 4 Technisches Gesamtkonzept als Vier-Ebenen-Modell, modifiziert nach (Windley 2020) lichkeit (Immutabilität) der Transaktionen bei DLT-basierten Registern erlaubt die Etablierung einer gemeinsamen Vertrauensbasis, ohne eine zentrale Autorität oder Behörde einsetzen zu müssen (Steele und Sporny 2021). Darauf folgt die Schicht der Kommunikationsprotokolle, welche einen grundlegenden dezentralisierten Austausch von Nachrichten erlauben. Dazu lässt sich auch der standardisierte Austausch überprüfbarer Nachweise (VCs) zählen, welcher im Kern des SSI-Ökosystems steht. Innerhalb der Schicht des Nachweisaustauschs werden kontextspezifische Identitätssysteme definiert, welche etwa in Geschäftsnetzwerken oder in Interaktion mit staatlichen Behörden entstehen (Abb. 4). Zu jedem SSI-Ökosystem gehört ein Governance Framework, das Standard-Pro- zesse und Vorgaben wie Datenmodelle im jeweiligen Kontext regelt. Dabei müssen sich die Beteiligten im Vorfeld des Systemaufbaus auf eines solches Regelwerk einigen, um reibungslose Interaktionen zu gewährleisten. Während die Verwendung kryptografisch abgesicherter Informationen Vertrauen herstellen kann, sind Rollenverteilungen und die Festlegung bestimmter Geschäftsregeln Aktivitäten, welche auch unter dem Paradigma SSI in jedem Kontext separat abgestimmt werden müssen. Ein wichtiger Punkt zur gegenseitigen Abstimmung auf der Ebene der Governance sind klar definierte Prozesse, denn die Interoperabilität von Identitäten allein genügt nicht, um interoperable Geschäftsprozesse zu realisieren. Die „Trust Over IP Foundation“ erarbeitet eine Framework-Schablone, die bei der Entwicklung anderer Self-Sovereign-Identity-Systeme helfen soll, unterschiedliche Aspekte für die Beeinflussung in Technologie und Rechtesystem zu beachten. Das Framework ist dabei in vier Ebenen (Layer Stack) unterteilt. Die zugrundeliegenden Richtlinien der Ebenen können sich dabei je nach Nutzung, Geschäftsmodell, Rechtsmodell und technischer Architektur von denen einer Organisation oder zwischen Organisationen unterscheiden (Davie et al. 2019; Hardman 2020a). K 262 T. Ehrlich et al. 3.3 Aktuelle Aktivitäten, Projekte und Initiativen 3.3.1 Bestehende Dienste, Infrastrukturen und Komponenten Auch wenn noch nicht alle Standards vollständig ausformuliert sind, gibt es bereits Dienste und Komponenten zur Umsetzung von SSI. Erste funktionsfähige Identity- Netzwerke werden z.B. von Sovrin und uPort bereitgestellt. SSI-Wallet-Entwickler wie Jolocom zeigen mit ihrer Avalon Testumgebung wie SSI in Zukunft aussehen könnte (Jolocom 2019). Zusätzlich konnten Interessierte im September 2019 an der Präsentation von Telekom Xride teilnehmen, die auf ein speziell entwickeltes Blockchain-Betriebssystem für IoT-Ökosysteme aufbaut (Habel 2019). Mit der Bundesdruckerei entstand im Januar 2020 die erste staatliche SSI-Demo-Umgebung (Jolocom 2020). Auch uPort zeigt mit der Demo-Anwendung zu ihrer Wallet was bereits mit dem entstandenen Netzwerk möglich ist. Wallets der eSatus AG, der Lissi Initiative oder Evernym (Connect.Me) unterstützen das Sovrin Netzwerk und können zur Entwicklung eigener Use Cases eingesetzt werden. Zum Beispiel stellt die Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF) die ersten Legal Entity Identifier (LEIs) in Form von Verifiable Credentials aus (Sopek 2020) und die eSatus AG schlägt mit ihrer SeLF Plattform eine Brücke zwischen den klassischen Enterprise Identity- and Access Management und der SSI-Verwaltung (ESATUS AG 2019). Blockchain-Entwickler und Knotenbetreiber, wie unter anderen Evan, Hyperledger, Multichain, SAP oder die Deutsche Telekom, beteiligen sich an verschiedenen Projekten und können damit ihre Erfahrungen weitergeben sowie neuen Projekten zum Erfolg verhelfen. 3.3.2 Aktivitäten der Europäischen Union Aufgrund des wachsenden Interesses an einer dezentralen Datenverwaltung haben sich 29 europäische Staaten zu einer Blockchain-Partnerschaft zusammengeschlossen und die „European Blockchain Services Infrastructure“ (EBSI) gegründet. Ziel ist es, EU-weit grenzüberschreitende Dienstleistungen auf Basis von Blockchains bereitzustellen. Zusammen mit Self-Sovereign Identity ist es möglich, rechtsverbindliche digitale Dienstleistungen zwischen EU-Bürgern, EU-Institutionen und nationalen Behörden anzubieten (CEF Digital 2020b). 2019 starteten die Next Generation Internet Initiative und die niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO) das „eSSIF-Lab“ Projekt zur Förderung und Spezifizierung von europäischen Self-Sovereign-Identity-Lösungen (van Deventer 2019). In dieser Zusammenarbeit laufen derzeit mehrere Projekte, wie die Unterstützung einer SSI-eID-Lösung (vgl. Domingo 2020) und die eIDAS Bridge. Die 2014 verabschiedete eIDAS-Verordnung reduziert eine Vielzahl analoger und bürokratischer Hemmnisse, damit Behörden, Gewerbe und Verbraucher einen besseren Zugang zum europäischen Markt erhalten (BDR 2018). Die eIDAS Bridge ist hierbei nicht direkt im Self-Sovereign-Identity-Ökosystem verwoben. Das ermöglicht zum einen eine flexible Anwendung und Erweiterung der eSealing/eSignature- Funktionen, zum anderen sind Wallet-Anbieter nicht gezwungen, vollständige eIDAS-konforme digitale Brieftaschen zu entwickeln. Folglich werden weitere bü- K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 263 rokratische Hürden abgebaut. Wo früher nahezu jede interessierte juristische Entität die eIDAS-Notifizierung durchführen musste, soll die eIDAS Bridge für jeden zugänglich sein, auch wenn weiterhin nur Trusted Service Provider1die Berechtigung zu eSignature-Funktionen haben. Die EU-Kommission empfiehlt dementsprechend eine Bereitstellung des Qualified Electronic Certificate Public Keys in einer öffentlichen DID, sowie die Ausstellung einzelner W3C konformer Verifiable Credentials. Die eIDAS Bridge nimmt selbst einen Hash oder ein ganzes Verifiable Credential entgegen (Vila 2020). Die EBSI Blockchain und die eSealing/eSignature-Funktion der eIDAS Bridge ermöglichen es, Verifiable Credentials grenzübergreifend rechtskonform zu signieren. Behörden können somit eIDs als Verifiable Credential verteilen, notarielle Beglaubigungen speichern und ausstellen, oder Informationen sicher austauschen (CEF Digital 2020a). 3.3.3 Aktivitäten in Deutschland Im Jahr 2019 startete das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Rahmen des Förderrahmens „Entwicklung digitaler Technologien“ den Innovationswettbewerb „Sichere Digitale Identitäten“ (BMWi 25.01.2021). Ziel war dabei, die in Deutschland vorhandenen Kompetenzen zu bündeln und innovative Ansätze für den Umgang mit digitalen Identitäten voranzubringen. Dabei wurde explizit auf einen möglichst universellen Einsatz geachtet: Nicht nur sollten verschiedene Anwendungsdomänen wie Kommunalverwaltung, Logistik, Banken und Gesundheitswesen betrachtet werden, sondern neben Personen auch Organisationen und Objekte mit ihren Identitäten in digitalen Interaktionen berücksichtigt werden. Insgesamt bewarben sich elf Konsortien in der Ende 2020 beendeten Wettbewerbsphase mit ihren Umsetzungskonzepten. Von diesen wurden vier ausgewählt und zur Antragstellung aufgefordert. Die Umsetzung über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren verspricht die Entstehung interessanter Schaufenster in verschiedenen Regionen sowie die Schaffung von Grundlagen für die Interoperabilität von ID-Lösungen unterschiedlicher Modelle. Damit könnte auch der Self-Sovereign Identity der Weg für den breitenwirksamen Einsatz gebahnt werden. 4 Hindernisse für den Einsatz Die konzeptionellen Vorteile als auch die weltweiten Standardisierungs- und Entwicklungsaktivitäten zur Etablierung von Self-Sovereign Identity unterstreichen die Relevanz dieses Ansatzes. Dennoch bleibt festzustellen, dass die Verbreitung und praktische Nutzung bislang sehr gering sind. In diesem Abschnitt werden einige der Schwierigkeiten bei der Etablierung von dezentralen Lösungen vorgestellt. 1Ein Trusted Service Provider ist ein eIDAS-notifizierter Aussteller der EU für eSealing/eSignature-Funktion. K 264 T. Ehrlich et al. 4.1 Organisatorische Hürden Föderierte und isolierte Identitäten mit den dazugehörigen Identitätsmanagementsystemen waren bislang die Basis für neue Soft- und Hardwareprodukte. Durch Self- Sovereign Identity werden nicht nur neue Technologien, sondern auch ein komplett neues Paradigma zur Datenverwaltung eingeführt. Durch die Umorientierung in der Datenverwaltung und die fehlenden Erfahrungen benötigen die Entwickler, Herausgeber, Inhaber und Akzeptanzstellen mehr Zeit, um neue Produkte als auch neue Geschäftsmodelle auf den Markt zu bringen oder diese zu akzeptieren. Entsprechend entstehen daher bei der Planung an dieser Stelle oftmals Diskussionen über fehlende technische Standards oder regulatorische Hürden, wie die DSGVO und eIDAS (Doerk et al. 2020). Im Kern ist es erforderlich, dass grundlegend neue Geschäftskonzepte, Prozesse sowie Kooperationen entstehen. Im direkten Vergleich mit dem Aufwand, den Organisationen benötigen, um eine dezentrale Verwaltung umzusetzen, könnten einige Marktteilnehmer zurückschrecken. Denn alle Beteiligten müssen die Einsatzbereiche für eine Dezentralisierung individuell prüfen. Hierbei gilt es zunächst zu klären, welches Problem von SSI gelöst und welcher Mehrwert erreicht werden soll. Des Weiteren sollten Organisationen die Verantwortung des Betriebs der Blockchain-Knoten an mehrere Netzteilnehmer verteilen. Was bei großen Konzernen ein geringeres Problem darstellt, ist bei kleinen oder mittelständischen Unternehmen schwierig umsetzbar. Konkurrierende Unternehmen dürfen keine Möglichkeit erhalten, die Daten zu manipulieren oder Transaktionen zu behindern. Damit stellt sich die Frage: Wohin einzelne Knoten verteilen und wer ist für die Objektregistrierung verantwortlich? Zudem können für Blockchain-Konsortien länderübergreifende Einrichtungsprozesse als Hürden mit sich bringen. Folglich müssen auch außerhalb von Softwareentwicklungen neue Partnerschaften entstehen, die Verwaltungsarbeiten übernehmen. Schlussendlich müssen Entwickler ebenso Konzepte für Prozesse zur Verbesserung der Selbstverantwortlichkeit der Nutzer, Bedienungsfreundlichkeit und Skalierbarkeit schaffen. 4.2 Unklare Mehrwerte Obwohl Blockchain-Entwickler wie Hyperledger oder MultiChain einige Problematiken reduziert haben und Intermediäre den Prozess der Konsensbildung für eine gemeinsame Governance beschleunigen und gegebenenfalls die Verwaltung der Knoten übernehmen, sprechen sowohl die GS1 Germany als auch Greenspan davon, dass Organisationen immer noch stark zur Dezentralisierung motiviert werden müssen. Bisher waren die beiden wesentlichen Triebkräfte das Misstrauen gegenüber anderen Organisationen und die Notwendigkeit zur Umsetzung von Regularien (Compliance). Zum einen möchte niemand von einer zentralen Behörde abhängig sein oder seine Daten einem Konkurrenten anvertrauen und zum anderen erfordern gerade globale Standards oder Regularien eine effektive Zusammenarbeit. (Greenspan 13.05.2019; Uhde 2018). Die Regelung der MDR2017/745 wird sowohl in Europa als auch in ähnlicher Weise in den Vereinigten Staaten umgesetzt. Jedoch übernehmen in der EU zentrale Behörden die Überwachung, in den USA nicht. Die K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 265 Food and Drug Administration (FDA) legt lediglich die Regularien fest, für die jeweilige Umsetzung sind anschließende die Konzerne auf sich gestellt. Da niemand die eigenen Daten einem Konkurrenten anvertrauen möchte und diese Regularien wiederum einen gemeinsamen Mittelweg erfordern, müssen sie eine ähnliche dezentrale Lösung entwickeln (Greenspan 13.05.2019). 4.3 Technische Hürden In Literatur finden sich vor allem technische Hürden. Allen voran die unzureichende Netzinfrastruktur im Bereich Internet und Mobilfunk. In einer dezentralen Verwaltung benötigen alle Nutzer Mobilfunkgeräte mit einer Anbindung an das Internet. In Europa ist jedoch die Netzabdeckung nicht flächendeckend. Während Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, die Geräte in das WLAN-Netz einzubinden, sind z.B. die Fahrer der Logistikunternehmen auf den Mobilfunk angewiesen. Aus technischer Sicht steht einem Gastzugang in ein WLAN-Netz nichts im Weg, grundsätzlich verbieten viele Unternehmen aus Sicherheitsgründen externe Mobilgeräte oder die notwendigen Freigabeprozeduren sind im Vergleich zum Nutzen zu aufwändig (Freda 2019). Wallets müssen hohe Sicherheitsanforderungen erfüllen, damit Angreifer keine Möglichkeit erhalten, unbemerkt Agents, Off-Chain Storages oder Blockchains zu übernehmen. Gleichzeitig müssen sie dem Nutzer komfortabel Zugänge zu unterschiedlichen Blockchain-Netzwerken bieten. Auch die flexible Verwaltung von Credentials und Präsentationen sowie deren Inhalten ist ein essenzieller Bestandteil. Dieser Umstand geht einher mit einem weiteren oft genannten Punkt, dem partiellen Kontrollverlust. Nutzer sind ab diesem Zeitpunkt selbst für die Daten verantwortlich und müssen technologisch sowie pädagogisch sensibilisiert werden. Aktuelle Demo-Wallets bieten oftmals nur eine Akzeptieren-Abbruch-Funktion. Die ist zwar einfach zu verstehen, jedoch vermittelt sie dem Nutzer nicht das Gefühl von Kontrolle. Folglich ist diese Funktion eher vergleichbar mit den Lizenzbestimmungen von Software oder Cookie-Informationen und baut nicht genügend Vertrauen auf. Eine weitere technische Hürde ist die Datenverfügbarkeit. Organisationen sind gewohnt, beliebig auf Informationen zuzugreifen. Mit einer dezentralen Aufbewahrung samt Erlaubniseinforderung werden die gewohnten Arbeitsprozesse unterbunden. Dies führt vor allem zum Problem, wenn sich der Service Provider in einer anderen Zeitzone befindet als der Dateninhaber. Hierbei können Identity Hubs oder entsprechend konfigurierte Agents Abhilfe schaffen, um auf Basis von Regeln selbständig Freigaben zu erteilen. 4.4 Mangelndes Bewusstsein Eine weitere Hürde ist das öffentliche Marketing. Self-Sovereign Identity soll dem Nutzer die Kontrolle über seine Daten wiedergeben. In Kombination mit der Komplexität der Blockchains ist es ratsam, diese Nutzer frühzeitig in derartige Projekte zu integrieren (Wunsch 2018). Beispielsweise ermöglicht die CEF Digital es zwar allen Mitgliedsländern des European Blockchain Partnerships, an verschiedenen Tests zur EBSI teilzunehmen, jedoch bewerben die EU oder die jeweiligen Mitgliedsländer K 266 T. Ehrlich et al. die Plattform nicht (CEF Digital 2020c). Europa sollte seine Bemühungen zur eigenen digitalen Souveränität bewerben und die Erkenntnisse somit auch für andere Interessengruppen, wie für Journalisten und die breite Öffentlichkeit, zugänglich machen (Courcelas et al. 2020). In der Vergangenheit berichteten öffentlich-rechtliche Medien von den Bestrebungen aus der Privatwirtschaft. Die Dokumentarfilme stellen die Vorteile der Blockchain-Technologie nur einseitig dar (Prinzler 2019). Die Autoren behandeln darin oftmals nur überblicksmäßig den wirtschaftlichen Nutzen, während die Vorteile für die Nutzer oder Self-Sovereign Identity als Thematik keine Beachtung fanden. Eine umfangreiche Berichterstattung kann die Vorurteile in der Öffentlichkeit reduzieren und infolgedessen die Akzeptanz des neuen Identitätsmanagements fördern. 5 Diskussion Vor dem Hintergrund der hohen Bedeutung digitaler Identitäten für die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft sollen die gewonnenen Erkenntnisse in diesem Abschnitt aus verschiedenen Perspektiven reflektiert werden. Dabei wird insbesondere auf die Auswirkung von Self-Sovereign Identity auf die bislang vorherrschenden Modelle von isolierten und föderierten Identitäten eingegangen. 5.1 Sicherheit Wie in Abschn. 2.2 gezeigt, sind föderierte Identitäten weit verbreitet und in vielen Organisationen fest verankert. Vor allem die populärsten werden jedoch zunehmend zum Angriffsziel für Cyber-Kriminelle (Pohlmann 2019b; Bleich 15.02.2019), die mit den gestohlenen Identitätsdaten u.a. im Darknet Handel betreiben (Ries 18.10.2019). Hierdurch steigen die Kosten für die Systemsicherheit, ohne einen länger andauernden Mehrwert zu erhalten. Des Weiteren müssen sie regelmäßig die Nutzer zwingen, sich neue schwierigere Passwörter zu merken. Mit der eID wollte die Europäische Union eine echte Alternative schaffen. Hohe Onboarding-Hürden, ungleichmäßige Ausübung verschiedener Regularien in den Mitgliedsstaaten und eine schlechte Usability machten diese Hoffnungen jedoch weitgehend zunichte. Der Ansatz von Self-Sovereign Identity hat einen neuen Impuls in diese Problematik gebracht. So erlaubt der in diesem Umfeld entstandene W3C-Standard DID den Aufbau einer Peer-to-Peer-Verbindung, die Kommunikations- und die Systemsicherheit zwischen beiden Partnern nachhaltig verbessert. Aber auch andere Inhalte, wie eine Governance, könnten dazu beitragen, dass Nutzer ein größeres Vertrau- en zu Service Provider aufbauen. Sollte es dennoch zu illegalen Netzwerkzugriffen kommen, so ermöglichen die neuen Standards ein weiteres Vordringen zu verhindern. Selbst wenn Angreifer an Teilinformationen gelangen oder sich Zugriff mit DID-Spoofing verschaffen wollen, können sie keinen nennenswerten Schaden anrichten. Die DID-to-DID-Kommunikation mit den zugehörigen Public Keys sorgt bereits für ein hohes Sicherheitsniveau, welches durch spezielle Definitionen, mehrere Credentials oder verschlüsselte Inhalte verstärkt werden kann. Überdies ist es K Self-Sovereign Identity als Grundlage für universell einsetzbare digitale Identitäten 267 unwahrscheinlich, dass die meisten Nutzer einen Status als Trust Anchor besitzen und somit keine Credentials über den privaten Gebrauch hinaus ausstellen können. 5.2 Datensouveränität Weiterhin führt das föderierte ID-Management zu einem Verdrängungswettbewerb durch die großen Plattformen, die durch Netzwerkeffekte ihre Marktmacht ausbauen und Nutzer in zunehmende Abhängigkeiten bringen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn sie wie Google, Microsoft, Apple oder Facebook keine reinen ID-Provider sind, sondern eigene Inhalte und Services anbieten. Damit sind Nutzer gezwungen, digitale Identitäten dieser Provider zu nutzen und begeben sich damit in deren Abhängigkeit, wenn sie ihre IDs bei anderen Services verwenden. Ein aktuelles Beispiel ist die Blockade von Apple für die Nutzung seiner ID beim Spieleanbieter Epic Games (Kwan 10.09.2020). Mit einer dezentralen Verwaltung in Verifiable Credentials könnte Apple zwar immer noch den Zugang zu den Spielen sperren, jedoch hätte Epic Games einen größeren Handlungsspielraum, um seinen Kunden alternative Lösungen anzubieten. So kann das Unternehmen weiterhin den Credentials vertrauen, auch wenn sie von Apple als „nicht mehr vertrauenswürdig“ markiert wurden. Im Regelfall müssten sich jetzt staatliche Stellen mit der Problematik auseinandersetzen und neue Gesetze schaffen. Bei einer korrekten Anwendung von Self-Sovereign Identity sind jedoch keinerlei Änderungen in Gesetzestexten erforderlich. Folglich sollte es keine regulatorischen Hürden geben neue nutzerfreundliche Services anzubieten. Ferner kann SSI zu einer Demokratisierung der digitalen Identitäten beitragen, da die Identifier (DIDs) sowie die ausgetauschten Nachweise (VCs) unter der Kontrolle des Nutzers stehen. Er ist damit in der Lage, seine Identität gegenüber Dritten unabhängig von staatlichen Stellen und Wirtschaftsunternehmen nachzuweisen. Die Übermittlung von Daten an Dritte unterliegt ebenso ausschließlich der Kontrolle des Nutzers. Die damit entstehende Datensouveränität realisiert das Prinzip der informationellen Selbstbestimmung, die Datenschutzgesetzgebungen zugrunde liegt. Auch für die Betreiber von Onlinediensten und Anwendungen (Service Provider) bringt dieser Ansatz Vorteile. Sie müssen sich nun nicht mehr von einem oder mehreren spezifischen ID-Providern abhängig machen, sondern müssen nur den Herausgebern von ID-Merkmalen vertrauen. Mit welcher Software ein Nutzer seine Identitätsmerkmale durch VCs zugänglich macht, ist unerheblich. Damit kann eine größere Vielfalt kompatibler Dienste in Koexistenz bestehen. 6 Zusammenfassung Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass SSI und seine damit verbundenen Standards trotz ihres frühen Entwicklungsstadiums zweifellos das Potenzial besitzen, die Erzeugung, Verwaltung und Nutzung digitaler Identitäten zu revolutionieren. Verifiable Credentials sind für eine Vielzahl von Situationen einsetzbar, um kryptografisch gesicherte Daten zu übermitteln. Mit den neuen Standards können Organisationen den Verwaltungsaufwand signifikant reduzieren und zugleich präzise zeitlich be- K 268 T. Ehrlich et al. grenzte organisationsübergreifende Logins ermöglichen. Zugleich ermöglicht diese Verwaltung die Auslagerung von IT-Infrastrukturen, was wiederum zur Kostensenkung beiträgt. Darüber hinaus sind Arbeitnehmer in der Lage, den Vorteil zu nutzen, sich und ihre Organisation zu jeder Zeit bei einem Kunden zu authentifizieren. Die Nutzer hingegen erhalten die Kontrolle über ihre digitalen Identitäten zurück, müssen sich keine langen Passwörter merken und entscheiden selbst, welche Daten sie preisgeben. Darüber stellt Self-Sovereign Identity eine nie dagewesene Durchgängigkeit für Identitäten bereit, die für Personen, Organisationen und technische Objekte gleichermaßen angewendet werden kann. Damit ist es in einer Vielzahl von Anwendungsszenarien möglich, einen rechtssicheren digitalen Raum zu schaffen. In diesem können die Vorteile der Digitalisierung genutzt und dabei gleichzeitig die Datensouveränität der Akteure gestärkt werden. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. 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