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Konzessionen an den Barbarismus – John M. Keynes, Arthur Spiethoff und die Kanzlei Rosenberg

Blesgen, Detlef J.

Abstract

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Blesgen, Detlef J. Article Konzessionen an den Barbarismus – John M. Keynes, Arthur Spiethoff und die Kanzlei Rosenberg Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Blesgen, Detlef J. (2001) : Konzessionen an den Barbarismus – John M. Keynes, Arthur Spiethoff und die Kanzlei Rosenberg, Schmollers Jahrbuch – Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Journal of Applied Social Science Studies, ISSN 1865-5742, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 121, Iss. 4, pp. 603-624, https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291999 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Even the chief of the Office for Foreign Affairs of the NSDAP, Reichsleiter Alfred Rosenberg, was engaged on this case. The essay continues Knut Borchardt's research done in 1988. In addition it investigates the responsibility for the manipulation of the German translation. Moreover it explains the role that Arthur Spiethoff, the editor of the journal, played in those days. Against the historic background of the academic discussions about the crisis of capitalism and the political developments at that time, it explains the conflict between politically opportune conformity and trying to keep in touch with the international academic community. Zusammenfassung 1933 erschien in dieser Zeitschrift der Artikel „Nationale Selbstgenügsamkeit" des englischen Nationalökonomen John M. Keynes. Allerdings wies die deutsche Übersetzung gegenüber der englischen Fassung bemerkenswerte Kürzungen und deutliche Überarbeitungen vor allem politisch brisanter Passagen auf, die dem in Deutschland aufgekommenen (Un-)Geist entgegenstanden. Der folgende Beitrag dokumentiert auf der Grundlage bislang nicht ausgewerteter Quellen Hintergründe und Folgen der damaligen Veröffentlichung, mit der sogar der Chef des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, Reichsleiter Alfred Rosenberg, befaßt wurde. In Fortführung einer 1988 von Knut Borchardt vorgenommenen Untersuchung wirft dieser Beitrag die Frage nach der Verantwortung für die Manipulation der deutschen Version erneut auf. Vor dem historischen Hintergrund der akademischen Debatten über die Krise des Kapitalismus und die politischen Entwicklungen jener Zeit wird am Beispiel des damaligen Herausgebers der Zeitschrift, Arthur Spiethoff, zugleich der Konflikt zwischen politisch opportuner Anpassung und dem Erhalt internationaler Kontakte verdeutlicht. JEL Klassifikation: All, B31, N00 Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 604 Detlef J. Blesgen 1. Einleitung1 Im Sommer des Jahres 1933, wenige Monate nachdem die Inauguration der Regierung Hitler für das Deutsche Reich die Epoche des Nationalsozialismus eingeläutet hatte, erschien in dem von Arthur Spiethoff herausgegebenen und nach dessen Lehrer Gustav von Schmoller benannten „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" ein Beitrag des englischen Nationalökonomen John M. Keynes (Keynes, 1933a). Dessen Artikel befaßte sich mit „Nationale[r] Selbstgenügsamkeit" und schien den Protagonisten und Sympathisanten des NS-Regimes hinsichtlich der von diesen geforderten geistig-ökonomischen Neuausrichtung der deutschen (Wirtschafts-)Politik offenkundig Recht zu geben; denn ein Vertreter des traditionell von Freihandelsdoktrin und Konkurrenzkapitalismus geprägten Britischen Empires, ein renommierter Ökonom und erfolgreicher Politiker dazu, forderte hier offen die Abkehr vom wirtschaftlichen Internationalismus des Welthandels, bekundete sein Verständnis für nationale Bestrebungen verschiedener europäischer Staaten und zeigte ein deutliches Entgegenkommen gegenüber wirtschaftspolitischen Experimenten, die einen „neuen Wirtschaftsstil" zum Ziel hatten. Sowohl Keynes' zeitgenössische Bewunderer als auch die vom „Sayschen Theorem" geprägte klassische englische Nationalökonomie werden diese Botschaft zweifellos konsterniert aufgenommen haben. 2. „Nationale Selbstgenügsamkeit" In seinem Beitrag blickte Keynes auf die zurückliegende Depression der Weltwirtschaft und deren besonders in den europäischen Staaten noch allgegenwärtig wahrnehmbaren Folgen zurück. Er konstatierte, daß „der dekadente internationale, aber individualistische Kapitalismus, in dem wir uns nach dem Kriege befanden, (..) zu keinem Erfolg geführt (hat). Er ist nicht klug, nicht schön, nicht gerecht und nicht sittlich - und er liefert nur unzulängliche Güter. Kurz, wir mißbilligen ihn und beginnen ihn zu verachten. Aber wir sind äußerst perplex, wenn wir uns überlegen, was an seine Stelle gesetzt werden soll" (Keynes, 1933a, 565; auch zit. in: Hayek, 1983,48). Eine Fortsetzung oder Intensivierung des liberalen Freihandels bzw. der internationalen finanziellen Verflechtungen versprach für Keynes aber auch 1 Der Verfasser dankt Herrn Professor Karl Georg Zinn, Aachen, für wertvolle Anregungen und einem anonymen Gutachter für konstruktive Kritik. Frau Kristin Hartisch, Mitarbeiterin des Bundesarchivs in Berlin, und Ms. Jacqueline Cox, Modern Archivist der King's College Library, Cambridge / UK, gilt der Dank für die erteilten Auskünfte und die gewährte freundliche Unterstützung. Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 605 aus friedenspolitischen Gründen kaum Aussicht auf Erfolg; denn eine derartige Politik ging in „unruhigen Zeiten" mit einer größeren Empfindlichkeit nationalen Wirtschaftslebens gegenüber wirtschaftspolitischen Schwankungen anderer Staaten einher. Die realwirtschaftlichen Folgen eines ausufernden internationalen Finanz- und Kapitalmarktes führte er eindringlich vor Augen: Die sukzessiv fortschreitende Zersplitterung von (Aktien-)Eigentum und Unternehmensverantwortlichkeit habe vorwiegend die mikroökonomische Betrachtungsweise begünstigt, welche die Kapitalinvestitionen vor allem unter dem Gesichtspunkt des höchsten Grenzertrages beurteile, nicht jedoch nach ihren makroökonomischen Konsequenzen, ihrer moralischen Verantwortung oder der Sachkenntnis gegenüber dem Besitz. Keynes zog hieraus die Schlußfolgerung, daß lediglich „Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen" als internationale „Dinge" zu betrachten, Güter aber, „wenn immer es sinnvoll und praktisch möglich ist", „in der Heimat" zu produzieren seien, vor allem aber müßten die Finanzen „in erster Linie nationale sein" (Keynes, 1933a, 563). Insofern zollte der Autor Verständnis gegenüber den in verschiedenen europäischen Nationen erfolgten bzw. geplanten wirtschaftlichen Experimenten und erwähnte neben Sowjet-Rußland besonders Italien, Deutschland und Irland. Keynes prognostizierte, daß schon sehr bald weitere Nationen zu den neuen „Wirtschaftsgöttern" beten würden. Ja mehr noch: Selbst Länder wie Großbritannien könnten sich nicht nachhaltig an ihre traditionelle Form der Wirtschaftsführung klammern und strebten bereits - wenngleich noch unter ihrer Oberfläche - einem „neuen Wirtschaftsplan" entgegen (Keynes, 1933a, 565 f.). Indes war noch nicht absehbar, welche der neuen Wirtschaftsformen sich letztlich behaupten und welches der wirtschaftspolitischen Experimente sich am besten umsetzen lassen würde. In dieser experimentellen Übergangsphase ungewissen Ausgangs kam es daher für Keynes entscheidend darauf an, Einmischungen einer „fremden Welt" in die nationale Politik zu unterbinden; denn keinesfalls sei man gewillt, sich erneut dem „Zufall des freien Spiels" jener Kräfte in der Welt auszuliefern, die „irgendeinem Gleichgewicht nach den sogenannten idealen Prinzipien des laisser-faire- Kapitalismus" zustrebten oder zuzustreben versuchten. Vor diesem Hintergrund war eine „Politik wachsender nationaler Selbstgenügsamkeit" also kein „Ideal an sich", sondern „ein Mittel zur Schaffung einer Atmosphäre, in der andere Ideale sicher und bequem verfolgt werden können" (Keynes, 1933a, 566). Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 606 Detlef J. Blesgen 3. Der Briefwechsel Keynes-Spiethoff 1933 Warum aber brach dieser namhafte und erfolgreiche englische Wissenschaftler, der schon aufgrund seines erstmals 1919 erschienenen Werkes „The Economic Consequences of the Peace" (Keynes, 19203) in den Verdacht geraten war, „deutschfreundlich" zu sein, mit der liberalen Vergangenheit seines Landes und der eigenen früher geäußerten Grundüberzeugung just zu einer Zeit, in der sich allenthalben in Europa, besonders aber im Deutschen Reich, politische Umwälzungen größten Ausmaßes abzeichneten? War es gar ein Versuch, den neuen Machthabern gleichsam eine argumentative Unterfütterung ihrer - nur zu oft theorielosen - Wirtschaftspolitik anzudienen?2 3.1 Die Untersuchung von Borchardt An dieser Stelle setzte Ende der 80er Jahre die aufschlußreiche Miszelle von Knut Borchardt (1988) an. Sie zeigte auf, daß die deutsche Übersetzung des Keynes-Artikels nicht durchweg wortgetreu erfolgt war und speziell im fünften Abschnitt gegenüber dem englischen Originaltext erhebliche Kürzungen aufwies.3 Daher blieb dem Leser der deutschen Übersetzung insbesondere verborgen, daß in der englischen Version eindringlich vor den drohenden Gefahren eines unkritisch fortgesetzten ökonomischen Nationalismus gewarnt wurde. Der Manipulation des Keynesschen Textes lag offenkundig das Motiv zugrunde, politisch unliebsame Wendungen zu vermeiden, die geeignet erschienen, Mißfallen unter den nationalsozialistischen Machthabern hervorzurufen. Schließlich waren einige Passagen zu brisant, um nicht auch für den Herausgeber der Zeitschrift potentiell gefährlich zu werden: ,,In those countries where the advocates of national self-sufficiency have attained power, it appears to my [sc. Keynes'] judgment that, without exception, many foolish things are being done. Mussolini may be acquiring wisdom 2 Dieser Gedanke wurde bspw. auch in Bezug auf Keynes' Vorwort zu seiner 1936 erschienenen „General Theory" untersucht, das in der deutschen Fassung ebenfalls von der englischen Version abwich. Vgl. hierzu Krause (1969, 159 ff.); Garvy (1975, 403); Schefold (1980 bzw. 1983). Zur allgemeinen Situation der Wirtschaftswissenschaft im „Dritten Reich" s. bspw. Janssen (20002); Kruse (1988); s. ferner Brintzinger (1996) u. Blesgen (2000). 3 Im Juni 1933 war Keynes' „National Self-Sufficiency" bereits im amerikanischen „Yale Review" (Keynes, 1933b) erschienen und einen Monat später, am 8. und 15. VII. 1933, wurde der Beitrag auch in der britischen Zeitschrift „The New Statesman and Nation" (Keynes, 1933c) gedruckt. Diesen Veröffentlichungen lag ein (in einzelnen Formulierungen abweichendes) Manuskript zugrunde, das Keynes für einen im April desselben Jahres am University College zu Dublin gehaltenen Vortrag vorbereitet hatte. Vgl. Borchardt (1988, 273). Allgemein zugänglich ist die englische Originalversion durch deren Wiederabdruck in den „Collected Writings" (Keynes, 1982). Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 607 teeth. But Russia exhibits the worst example which the world, perhaps, has ever seen of administrative incompetence and of the sacrifice of almost everything that makes life worth living to wooden heads. Germany is at the mercy of unchained irresponsibles - though it is too soon to judge her capacity of achievement" (Keynes, 1933c, 66). Urheber dieser „Überarbeitungen" war Arthur Spiethoff, Schmollers früherer Assistent und Erbe in der Herausgeberschaft von „Schmollers Jahrbuch".4 Jener sei zwar - so Borchardt (1988, 278) weiter - kein überzeugter Nationalsozialist gewesen, doch habe Spiethoff „in einer Art ,vorauseilenden Gehorsams4 Selbstzensur geübt (...), um nicht die Zeitschrift oder sein Amt an dieser Zeitschrift in Gefahr zu bringen." Außerdem habe Keynes mit der Billigung der ihm zugesandten Druckfahnen sein Einverständnis für die politisch entschärfte deutsche Version des Beitrages gegeben, so daß ihm als Autor die Verantwortung zugerechnet werden müsse. Die „Nationale Selbstgenügsamkeit" stelle folglich - so das Resümee Borchardts (1988, 283) - „ein bemerkenswertes Beispiel von ,Selbst-Zensur' der Gelehrten im Anfang der NS-Herrschaft [dar], an der sich aber auch ein politisch klarsichtiger, berühmter ausländischer Kollege beteiligte."5 Die Grundlagen für Borchardts Untersuchung bildeten zum einen die englische und die deutsche Version von Keynes' Artikel und zum anderen der im Nachlaß von Keynes aufgefundene Schriftwechsel zwischen diesem und Spiethoff, soweit sich die Korrespondenz in der Marshall Library von Cambridge ermitteln ließ.6 Tatsächlich ist diese dort aber nicht vollständig erhalten; insbesondere fehlt ein Schreiben, das Keynes am 8. August 1933 an Spiethoff sandte und in welchem er sich erstmals zu der erfolgten Textverfremdung äußerte. So konnte Borchardt nur aufgrund des im Nachlaß erhaltenen Antwortbriefes von Spiethoff vom 19. August 1933 Rückschlüsse auf den Inhalt des vorangegangenen Schreibens ziehen.7 Eine Entdeckung des Verfassers bei Recherchen in Beständen des Berliner Bundesarchives ermöglicht es nunmehr, diese Lücke zu schließen: Ein Mikrofilm anfänglich unbekannter Provenienz enthielt ein Dokument, das den um die Bonner Privatanschrift von Arthur Spiethoff ergänzten Geschäftsbriefkopf von „Schmollers Jahrbuch" trug. Dem handgeschriebenen Dokument war zu entnehmen, daß es sich bei den nachfolgenden Texten um die 4 S. dazu etwa Spiethoff (1938). 5 Ihm folgt Hagemann (1991, 44, Fn. 22). 6 Die Verwahrung des Keynes-Nachlasses wechselte inzwischen in den Verantwortungsbereich der King's College Library, Cambridge / UK. Die im folgenden zitierten Faszikel beziehen sich auf deren Bestand. 7 Der Hergang der Kürzungen ließ sich weder durch die Archivbestände des Jahrbuch-Verlages Duncker & Humblot noch durch den Nachlaß von Arthur Spiethoff näher rekonstruieren. Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 608 Detlef J. Blesgen Abschrift und die „wortgetreue Uebersetzung" derjenigen Schreiben handeln sollte, die im Vorfeld der deutschen Veröffentlichung des Keynes-Bei- trages zwischen diesem und Spiethoff gewechselt worden seien. Allerdings waren Verfasser und Zweck der Transkription zunächst ebenso mysteriös wie deren Ursprung im Bundesarchiv, dem Filmbestand „NSDAP".8 Nach recht umfangreichen Nachforschungen stand nicht nur fest, daß die verfilmten Originale der Kanzlei Alfred Rosenbergs entstammten, sondern auch, daß es sich bei dem Fund keineswegs um eine originäre Entdeckung, sondern vielmehr um eine Wiederentdeckung handelte; denn bereits 1980 erwähnten Krause/Rudolph (1980, 500 f., Anm. 165) die im damaligen Zentralen Staatsarchiv Potsdam nachweisbare Korrespondenz zwischen Keynes und Spiethoff. Exkurs: Alfred Rosenberg und seine Kanzlei Rosenberg, ein überzeugter Nationalsozialist von der ersten bis zur letzten Stunde - er wurde 1946 gehängt war seit Februar 1923 alleiniger Schriftleiter des NS-Propagandaorgans „Völkischer Beobachter" und wurde, nachdem er bereits 1930 die NSDAP im Reichstag sowie im dortigen außenpolitischen Ausschuß vertreten hatte, am 1. April 1933 zum Leiter des Außenpolitischen Amtes (APA) der NSDAP ernannt.9 Seine Kanzlei diente 8 Vgl. BArch, Film 13708; neue Zitierweise: NS 8/115. 9 Alfred Rosenberg, 1893 als Sohn von Deutschbalten russischer Staatsbürgerschaft in Reval geboren, studierte in Riga und Moskau Architektur. 1918 reiste er - der Abzug der deutschen Truppen aus dem Baltikum und die Gründung eines estnischen Staates war absehbar geworden - nach Deutschland, wo er 1923 als Deutscher naturalisiert wurde. Noch vor der offiziellen Gründung der NSDAP im Februar 1920 trat Rosenberg der DAP bei. Ein Jahr später wechselte er in die Redaktion der Parteizeitung „Völkischer Beobachter", deren Hauptschriftleitung er 1923 übernahm. Als Hitler im Anschluß an den Marsch auf die Feldherrnhalle, an dem sich auch Rosenberg beteiligte, inhaftiert wurde, beauftragte er seinen Mitstreiter mit der interimistischen Führung der „Bewegung", die Rosenberg sodann als Rolf Eidhalt - einem aus dem Namen Adolf Hitler gewonnenen Anagramm - ausübte. Nach seiner Ernennung zum „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" (Erlaß vom 24.1.1934) begann Alfred Rosenberg mit Vorbereitungen zum Aufbau der „Hohen Schule" der NSDAP, die als zentrale Stätte nationalsozialistischer Erziehung, Lehre und Forschung konzipiert war; hierzu hatte er in seinem 1930 erschienenen (pseudowissenschaftlichen) Hauptwerk, dem „Mythos des 20. Jahrhunderts", erste Grundgedanken entwickelt. Während des Zweiten Weltkrieges ließ Rosenberg jüdische Bibliotheken und Archi- ve plündern, leitete den Raub von Kunstschätzen aus den okkupierten Ländern ein und war zwischen 1941-45 als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete für die Ghettoisierungspolitik und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Er wurde vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zum Tode verurteilt und am 16.X.1946 hingerichtet. Zur „Karriere" und Weltanschauung Rosenbergs vgl. u. a. Bollmus (1970); Baumgärtner (1977); Wistrich (1992, 293 ff.); Killy/ Vierhaus (1998, Bd. 8,391). Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 609 dabei der Koordination der verschiedenen Funktionen, die Alfred Rosenberg als Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters", als Reichsführer des „Kampfbundes für deutsche Kultur" und als Chef des APA ausübte. Die Tätigkeit des APA richtete sich zunächst auf die Betreuung und Information ausländischer Diplomaten, Politiker, Publizisten und Zeitungskorrespondenten. In Anbetracht der starren britischen Bündnispolitik ergab sich für das Amt jedoch alsbald ein vorrangiges Informations- und Forschungsinteresse an der öffentlichen Meinung in England. Ziel der zumeist geheimen Aktionen des APA war es, die dortige Öffentlichkeit von den Vorteilen einer Zusammenarbeit mit Deutschland zu überzeugen. Zur positiven Darstellung deutscher Außenpolitik in der britischen Presse wurden in England einzelne Persönlichkeiten angeworben, die hierzu entsprechend wohlwollende Artikel verfaßten.10 In seiner Funktion als Chef des APA besuchte Alfred Rosenberg schließlich im Mai 1933 London, um dort die Position der neuen deutschen Regierung und deren Haltung gegenüber den Juden zu erläutern. Die Gespräche wurden jedoch von einem Affront überschattet, der die tendenziell reservierte bis deutschfeindliche Stimmung in Großbritannien noch bestärkte: Rosenberg legte am Londoner Zenotaph für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs einen mit Hakenkreuzschärpe und schwarz-weiß-rotem Band versehenen Kranz nieder (den Anhänger „sozialistischer Kreise" alsbald in der Themse entsorgten). Ungeachtet dessen zog Rosenberg insgesamt ein positives Fazit seiner Reise: „Bei allen diesen Dingen glaube ich feststellen zu können, daß die Judenfrage zwar am Anfang zum Aufpeitschen der Meinungen benutzt wurde, jetzt aber in den Hintergrund getreten ist, und wenn die Juden auch nicht aufhören werden zu arbeiten, so ist sogar eine Gegenbewegung gegen ihr überlautes Schreien bemerkbar geworden (...). Ich glaube feststellen zu können, daß der Vorgang am Cenotaph, so unerquicklich er sein mag, für uns doch eine außerordentliche Propaganda gemacht hat. Durch diesen symbolischen Akt sind plötzlich die Leute in England darauf aufmerksam gemacht worden, wie es mit der sogenannten ,Freiheit der Meinung4 wirklich steht" (Rosenberg zit. in: Baumgärtner, 1977, 16). In der öffentlichen Diskussion war dies also etwa der Stand vom Sommer 1933, jenem Zeitpunkt, in welchem John M. Keynes und Arthur Spiethoff ihre Ansichten zu einer nationalen Selbstgenügsamkeit austauschten. Dementsprechend spiegelt sich in ihrer Korrespondenz deutlich der grundsätzliche Dissens der deutschen und englischen Sichtweise hinsichtlich der politischen Vorgänge im „Dritten Reich" wider.11 10 Vgl. Baumgärtner (1977, 14 ff.). 11 Die Situation erfuhr insofern eine Verschärfung, als Keynes seinen Artikel nicht direkt an Spiethoff gesandt hatte, sondern über Eduard Rosenbaum (26. VII. 1887- Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 610 Detlef J. Blesgen 3.2. Die Korrespondenz Der Schriftwechsel legt die Positionen von Keynes und Spiethoff anschaulich dar und erlaubt zugleich einen Einblick in die zeitgenössische Publikationspraxis wissenschaftlicher Zeitschriften nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Er wird daher nachstehend vollständig im deutschen Wortlaut wiedergegeben.12 Spiethoff an Keynes vom 29. Juli 1933: Hochverehrter Herr Keynes! Es war mir eine große Freude, von Direktor Rosenbaum in Hamburg Ihren hervorragenden Aufsatz fürs Jahrbuch angeboten zu erhalten. Ich habe diese erfreuliche Gelegenheit selbstverständlich ergriffen. Sachlich war mir klar, daß, wenn ich die Arbeit im Jahrbuch bringe, sie in dem Ende August erscheinenden Heft veröffentlicht werden muß. Leider geht nun die technische Fertigstellung des Jahrbuchs nicht so vonstatten, wie die einer Tageszeitung, und um den Aufsatz für das Augustheft, das schon im Umbruch begriffen ist, noch fertig zu machen, mußte die Übersetzung schleunigst in unserem Institut in Angriff genommen werden. Sie ist von unserem langjährigen Assistenten, Dr. Theodor Wessels,13 mit Unterstützung von Prof. Herbert von Beckerath14 durchgeführt, und ich selbst habe mich der Überarbeitung des Ganzen angenommen. Ich hoffe, daß es uns gelungen ist, Ihre Absicht richtig aufzufassen und zur Wiedergabe zu bringen. Damit Sie sich davon überzeugen können, lasse ich Ihnen so schnell 22.V. 1979), den Direktor der Hamburger Commerzbibliothek und Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Der Wirtschaftsdienst", dem - als Juden - zur selben Zeit nahegelegt wurde, seine beruflichen Positionen aufzugeben. Rosenbaum emigrierte ein Jahr später nach England und beteiligte sich unter der Fürsorge von Keynes dort zunächst an den Arbeiten der 1934/35 von der Royal Economic Society herausgegebenen Ricardo-Ausgabe, um dann (1935-52) als Bibliothekar an der London School of Economics tätig zu werden. Zu Rosenbaum vgl. Strauss/Röder (1983, 981); Borchardt (1988, 274, Fn. 7); Killy/Vierhaus (1998, Bd. 8, 390); Scheer (1999). 12 Hierzu wird auf die im Nachlaß Keynes' erhaltenen Schreiben Spiethoffs vom 29.VII.1933 und 19.VIII.1933 (Riszikel A/ 33 / 2 /104 und A/ 33 /1 / 271, King's College Library, Cambridge / UK) und die deutsche Übersetzung der Briefe Keynes' aus dem Bestand des Bundesarchivs (BArch, NS 8/115, Bl. 90) zurückgegriffen. is Theodor Wessels (06.V.1902-14.VIII.1972), Promot. bei Leopold v. Wiese (1925), Univ. Köln u. Assist, bei Herbert v. Beckerath, Univ. Bonn; bei diesem Habil. (1933); 1936-39 Privatdoz. Univ. Bonn; 1940 Ordinarius f. VWL an d. Univ. Köln; 1943-70 Leiter des Energiewirtschaftl. Inst., 1946-49 Dekan d. Wirtschafts- u. Sozialwiss. Fakultät daselbst; 1948-72 Mitgl. des Wiss. Beirats bei d. „Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes" bzw. beim Bundesministerium für Wirtschaft; 1951-54 Rektor d. Univ. Köln; 1951 - 72 Präs. d. Rheinisch-Westf. Inst. f. Wirtschaftsforschung, Essen; 1970 Emeritierung. Vgl. Ges. f. Wirtschafts- u. Sozialwiss. (19662, 803 ff.); Blumenberg-Lampe (1986, 617); Killy / Vierhaus (1999, Bd. 10, 456). 14 Herbert v. Beckerath (04.IV.1886-10.III.1966; Vetter Erwin v. Beckeraths), 1909 Promot. (Dr. phil.) Univ. Freiburg i.Br. u. 1914 Habil. f. wirtschaftl. Staatswiss., insbes. ausländische Volkswirtschaften an d. Univ. Frankfurt a.M. 1919 Ordinarius (TH Karlsruhe), 1921 (Univ. Tübingen), 1925 (Univ. Bonn). Emigration in die USA 1934; dort (auf Empfehlung von Schumpeter) Gastprof. am Bowdoin College, Maine; 1935 o. Prof. f. VWL (Univ. North Carolina), 1938-55 Duke University Durham; 1955 Emeritierung. Vgl. Ges. f. Wirtschafts- u. Sozialwiss. (19662, 45); Killy (1995, Bd. 1, 382). Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 617 Spiethoff seine Herausgebertätigkeit auf, die sodann von Jens Jessen übernommen wurde. 5. Positionen und Motive Ein vordergründiger Beweggrund für das Verhalten Arthur Spiethoffs ist sicherlich in Keynes' beispielloser Abwendung von der traditionellen liberalen Wirtschaftsdoktrin seines Landes zu suchen. Von dieser „Sensation" sollte natürlich auch das deutschsprachige Fachpublikum so schnell wie möglich unterrichtet werden. Für diese These spricht ebenfalls die vom Herausgeber diktierte Eile zum Abdruck des Beitrages; denn es gab zu diesem Zeitpunkt keinen aktuellen politischen Bezug, der eine Vertagung des Abdrucks auf ein nachfolgendes Heft unmöglich gemacht hätte.27 Langfristig weitaus bedeutsamer ist allerdings die Untersuchung des Kerns dieser „Sensation". Eine solche Betrachtung berührt die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs laufende akademische Diskussion um die Krise bzw. die Zukunft des Kapitalismus und führt - über deren Analyse aus Keynes' Perspektive - schließlich zu den wirtschafts- und ordnungspolitischen Anfängen britischer Appeasementpolitik gegenüber dem „Dritten Reich". 5.1 Kapitalismuskrise Aufgrund der insbesondere für das Deutsche Reich prägenden Erfahrungen von Inflation, Weltwirtschaftskrise, Destabilisierung des politischen Systems und der sich hieraus nährenden tiefgreifenden Sinn- und Orientierungskrise der Menschen in einer „modernen" Gesellschaft setzte unter deutschen wie ausländischen Wissenschaftlern die Suche nach den Ursachen für den Zusammenbruch des historisch bislang erfolgreichen Modells „liberaler Kapitalismus" ein. Dabei wurde die Debatte - in Abhängigkeit vom politischen Standpunkt und der akademischen Heimat der Protagonisten - als Kampf zwischen Kultur und Barbarei, Ideologie und Religion oder als Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus bzw. Liberalismus und Interventionismus geführt.28 gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern gerade unter Hinweis auf den politisch sanktionierten Verbleib von Spiethoff bei „Schmollers Jahrbuch" als „nicht notwendig" beurteilt. Die fehlende Bereitschaft zu politischen Konzessionen seitens der Autoren endete zuweilen - wie das Schicksal von Paul Siebeck, dem Verleger des ,,Finanzarchiv[s]", zeigt - im Selbstmord. Vgl. Somaiy (1959, 238 f.). 27 Eine plausible Ursache des Dringlichkeitsmotivs sieht Borchardt (1988, 274 f.) in der sich für Spiethoff abzeichnenden Möglichkeit, bei der Übersetzung des Keynes-Artikels nicht auf den soeben aus seinen Ämtern entfernten Hamburger Juden Rosenbaum angewiesen zu sein, sondern auf den räumlich näheren Habilitanden Theodor Wessels, seines Bonner Fakultätskollegen Herbert von Beckerath, zurückgreifen zu können. Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 618 Detlef J. Blesgen Mit seinem ökonomischen Spezialgebiet, der Konjunkturforschung, beteiligte sich auch Arthur Spiethoff an der Deutung des noch allgegenwärtigen Krisenphänomens.29 Weil für ihn aber die abstrakte, d. h. zeitlose, Theorie nicht in der Lage war, zeitgebundene ökonomische Realitäten zu erklären, implementierte er seinem neohistorischen Ansatz einer „allgemeinen Volkswirtschaftslehre als geschichtlichen Theorie" neben anderen Merkmalen auch eine eigenständige zeitliche Komponente „Wirtschaftslauf", um den jeweils zugrundeliegenden „Wirtschaftsstil" durch die „arteigene Gestaltung des Wirtschaftslebens eindeutig zu bestimmen" (Spiethoff, 1932, 913 ff.). Mit seiner Interpretation des Krisen- bzw. Konjunkturphänomens als einem der kapitalistischen Wirtschaft innewohnenden Attribut öffnete Spiethoff zwar einerseits „ein Einfallstor für die moderne makroökonomische Theorie" (Rieter, 19943, 154 f.), lieferte aber mit der Konzeption der Wirtschaftsstile andererseits das logische Rüstzeug für einen dem Nationalsozialismus entgegenkommenden Grundsatz, demzufolge sich „der wahre Sinn der Wirtschaft erst ergebe, wenn sie an den Werturteilen einer bestimmten sozialen Weltanschauung gemessen wird" (Pribram, 1992, 728). Aus der politischen Realität der spezifisch deutschen „Weltanschauung" des Jahres 1933 drohte für die Wissenschaften aber vor allem der unmittelbare Verlust von internationalen Kontakten und ebensolchem Renommee. Trotz eines zunehmend engeren Rahmens von Handlungsmöglichkeiten und erheblicher Einschränkungen durch die nationalsozialistische Administration bemühten sich daher die deutsche Volkswirtschaftslehre und andere Wissenschaftsgebiete, ihre vormals aufgebauten ausländischen Verbindungen und akademischen Kooperationen nicht abreißen zu lassen.30 Folglich lag auch im vorliegenden Fall - ungeachtet dessen, daß Arthur Spiethoff die Auffassung seines britischen Kollegen nicht teilte - ein Abbruch des kollegialen Austauschs weder im Sinne der (Wirtschafts-)Wissenschaften noch in seinem eigenen Interesse als Herausgeber eines anerkannten Fachperiodikums.31 28 Auf deutscher Seite dominierte bspw. in der Diagnose der Ordoliberalen Alexander Rüstow und Alfred Müller-Armack die Auseinandersetzung mit den Bedingungen des aufgekommenen parlamentarisch-demokratischen Systems, unter welchen es dem Staat weitgehend verwehrt blieb, „aus dem wirtschaftlichen Bereich selbst kommende Interventionsinteressen wenn schon nicht zurückzuweisen, so doch zumindest unter seine eigenen Ziele zu subsumieren." Vgl. eingehend Haselbach (1991, 25 ff., hier: 39). 29 S. hierzu Spiethoffs herausragenden Artikel „Krisen" in der 4. Auflage des „Handwörterbuchs der Staats Wissenschaften" (Spiethoff, 1925). 30 S. etwa die Hinweise in Heft 4 des 23. Jgs. von „Geschichte und Gesellschaft" (Langewiesche, 1997). 31 Vielmehr belegt der erstmals im Oktober 1933 in der „Encyclopaedia of the Social Sciences" veröffentlichte Beitrag „Overproduction" (Spiethoff, 195411) deutlich Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 619 Eine abschließende Beurteilung der Frage, ob und inwieweit Arthur Spiethoff vor diesem Hintergrund und seiner persönlichen Bekanntschaft zu bzw. seinem obigen Schreiben an Alfred Rosenberg dem nationalsozialistischen System im Jahr 1933 tatsächlich „mehr oder weniger reserviert" (Rieter, 19943, 156) gegenübergestanden haben mag, kann hier nicht erfolgen, zumal für ihn - im Gegensatz zu vielen seiner Fachvertreter - keine Zugehörigkeit zur NSDAP oder einer ihrer Gliederungen erkennbar ist.32 5.2 Deutschlandproblem Für John M. Keynes stand dagegen die ökonomisch-langfristige Analyse der „deutschen Frage" im Vordergrund, die sich von der primär politischkurzfristigen Betrachtungsweise der britischen Regierung erheblich unterschied. Bekanntermaßen hatte Keynes bereits frühzeitig das Ausmaß der im Versailler Friedensvertrag festgeschriebenen deutschen Reparationsleistungen aus wirtschaftlichen Gründen öffentlich kritisiert.33 In seinen Augen behinderten die dem Deutschen Reich auferlegten immensen Kriegsentschädigungen den wirtschaftlichen Wiederaufbau, bargen damit beträchtliche soziale Risiken und gefährdeten letztlich die fragilen globalen Wirtschaftsbeziehungen.34 Die Verwechselung von ökonomischer Kritik einerseits und vermeintlicher politischer Überzeugung andererseits erklärt wohl auch, warum Keynes aus dem rechten Lager der Weimarer Republik Zustimmung erntete, obwohl ihn mit diesen Kreisen herzlich wenig verband. Allerdings gelang es Keynes nicht, die Befürworter eines „harten" Friedens von seiner Argumentation zu überzeugen. Ja mehr noch: Anstatt die weltweit veränderten ökonomischen Rahmenbedingungen anzuerkennen und die internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen zu reorganisieren, restaurierte das Versailler Vertragswerk - aus Keynes' Perspektive - in der „Tradition der Siegfrieden des 19. Jahrhunderts" geradewegs jenen „wirtschaftspolitischen Status quo ante", dessen Unzulänglichkeiten der Erste Weltkrieg offenbart hatte (Peter, 1997, 33). Mit seinem fortgesetzten Bemühen, die einstmalige Vormachtstellung des Britischen Empires zu erhalten, verharrte Großbritannien folglich nicht nur in den wirtschaftspolitischen Grundsätzen des dekadenten Laissez-faire, sondern verweigerte sich auch der Suche nach modernen Lösungsansätzen für die (wirtschafts-)politischen Transformationsprozesse des neuen 20. Jahrhunderts. Das im Groß- Spiethoffs Bemühen, eigenen Gedanken auch im angelsächsischen Raum zur Wirkung zu verhelfen. Vgl. Salin (1965, 651). 32 Vgl. bspw. Institut für angewandte Wirtschaftswissenschaft (1938, 213). 33 Vgl. Keynes (19203). 34 Vgl. Peter (1997, 31). Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 620 Detlef J. Blesgen britannien der 20er und 30er Jahre dominierende innenpolitische Primat, ausgerichtet auf die Verbesserung der Lebenssituation der eigenen Bevölkerung und eine binnenwirtschaftliche Konsolidierung, ging deshalb einher mit dem spürbaren Defizit einer ordnungspolitischen Alternative gegenüber „wirtschaftspolitischen Experimenten", wie sie auch das nationalsozialistische Deutschland entwickelte. „Insbesondere Hjalmar Schachts Politik der Bilateralisierung des deutschen Außenhandels, dem Kern seines ,Neuen Plans', aber auch die öffentliche Ausgabenpolitik im Inneren erschienen als eine Antwort auf die Krise des Laissez-faire und deutsches Gegenstück zu Keynes' Bemühungen um eine Reformierung des wirtschaftspolitischen Kriseninstrumentariums inWhitehall" (Peter, 1997, 69). Inmitten dieses weltweit offenen Ringens um eine „moderne" Wirtschaftsordnung sprach sich Keynes 1933 für eine Politik nationaler Selbstgenügsamkeit aus, „in order to make our own favourite experiments towards the ideal social republic of the future" (Keynes, 1933c, 65). Mit seinem Beitrag wandte er sich klar gegen eine Fortsetzung britischer Laissezfaire-Politik, warnte aber zugleich andere Nationen vor den wirtschaftspolitischen Folgen unkritischer und überhasteter Experimente. Von denjenigen, „die ein Land aus seiner Verflechtung zu befreien suchen", erwartete Keynes (1933a, 563) vielmehr, daß diese „sehr langsam und vorsichtig zu Werke gehen. Nicht Wurzeln sollen ausgerissen werden, sondern das Wachstum einer Pflanze soll in eine andere Richtung gelenkt werden." Insofern beurteilte Keynes die politischen Verhältnisse im „Dritten Reich" gerade nicht als „eine Basis für die Akzeptierung seiner theoretischen Ansichten" (Krause /Rudolph, 1980, 501), sondern verdeutlichte u. a. anhand der Beispiele Italien, Deutschland und Rußland die ökonomischen Chancen und Risiken des Übergangs zu einem neuen ordnungspolitischen Konzept. Allerdings fiel das mahnende Moment in der deutschen Übersetzung weitgehend der Manipulation Spiethoffs zum Opfer. Davon unabhängig war Keynes von den konkreten politischen Positionen der neuen deutschen Regierung entsetzt und zeigte damit - im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen - frühzeitig eine beeindruckende Weitsicht. Bezogen auf seinen Aufsatz sprach er sich in seinem Schreiben vom 8. August 1933 auch deutlich gegen die sinnverkürzenden Auslassungen aus und billigte (approve) diese, entgegen der Vermutung von Borchardt (1988, 276), ausdrücklich nicht. Die Kürzungen der kritischen Passagen sollten vielmehr ausschließlich in der Verantwortung des deutschen Herausgebers Spiethoff liegen, eben „als reine Konzession an den Barbarismus". Es wird letztlich wohl ungeklärt bleiben, aus welchen Gründen Keynes nicht darauf bestanden hat, die deutsche Übersetzung mit einem - durchaus neutral zu formulierenden - Hinweis auf eine deutsche „Überarbeitung" Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 Konzessionen an den Barbarismus 621 respektive auf „Unterschiede" gegenüber dem englischen Originaltext zu drucken. Tatsächlich findet sich in dem Schriftwechsel kein Hinweis auf eine derartige Lösungsmöglichkeit, die Keynes einen öffentlich erkennbaren und moralisch zumindest akzeptablen Rückzug erlaubt hätte. Das Fehlen einer solchen Anmerkung muß daher Keynes angelastet werden und läßt sich durch die Übertragung seiner Verantwortung auf den Herausgeber nicht befriedigend begründen. Warum aber verzichtete Keynes angesichts der erfolgten Verfremdungen nicht gänzlich auf seine deutsche Veröffentlichung? Möglicherweise war ihm zu diesem Zeitpunkt die an Großbritannien gerichtete Warnung vor den Konsequenzen eines fortgesetzten Laissez-faire wichtiger als ein Hinweis auf die noch undeutlichen Folgen der von den Deutschen eingeleiteten wirtschaftspolitischen Entwicklung. Auf jeden Fall widersetzte sich Keynes nicht energisch den Kürzungen und zeigte sich mit der „überarbeiteten" Druckfahne einverstanden. Auch daß er gegen die Manipulation nur privatim, also in seinem Schriftwechsel mit Arthur Spiethoff, Stellung bezog, muß ihm zur Last gelegt werden. Auf der anderen Seite war die Haltung des britischen Ökonomen hinsichtlich seiner Beurteilung von doktrinären faschistischen Machthabern bekannt und deckte sich darüber hinaus mit derjenigen maßgeblicher britischer Kreise. Insofern ergab sich für Keynes wohl nicht die Notwendigkeit für eine öffentliche Distanzierung - sie war auch nonverbal evident. 6. Fazit Spiethoff und Keynes scheint in diesem Schriftwechsel folglich eines zu verbinden - Berechnung. Denn obgleich Keynes sich des Charakters der politischen Gegebenheiten in Deutschland deutlich bewußt war und die Vorgänge auf das Schärfste verurteilte, bot er sein Manuskript nicht nur einer deutschen Zeitschrift an, deren Herausgeber zu sichtbaren Konzessionen gegenüber den Nationalsozialisten bereit war, sondern war - offenbar im Interesse der Möglichkeit, seiner wirtschaftspolitischen Überzeugung auch im Deutschen Reich Ausdruck verleihen zu können - bereit, Spiethoffs Manipulation an der deutschen Übersetzung hinzunehmen. Für Arthur Spiethoff galt es diesen Beitrag ungeachtet seiner Erbitterung über Keynes' privat geäußerte Kritik schnellstmöglich zu publizieren. Dies sollte freilich ohne Selbstgefährdung vonstatten gehen, und so denunzierte er seinen Autor, dem er noch wenige Monate zuvor in liebenswürdiger Weise für die „überaus wertvolle" Mitwirkung an der eigenen Festschrift gedankt hatte, beim seinerzeit führenden Chefideologen der NSDAP. Schmollers Jahrbuch 121 (2001) 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.121.4.603 | Generated on 2023-04-04 12:29:28 622 Detlef J. Blesgen Quellen- und Literaturverzeichnis Bestand Kanzlei Rosenberg, in: Bundesarchiv Berlin, Faszikel: NS 8/115. Nachlaß John Maynard Keynes, in: King's College Library, Cambridge / UK, Faszikel: A/33/l/271,A/33/2 /104-108, L/33/49. Baumgärtner, R. (1977), Weltanschauungskampf im Dritten Reich. 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