Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank
Abstract
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Full text
Ribhegge, Hermann Article Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ribhegge, Hermann (1989) : Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 22, Iss. 2, pp. 197-220, https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293139 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank Von Hermann Ribhegge*, Münster I. Einleitung Die Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank ist immer wieder in das Kreuzfeuer der Kritik geraten. So bezweifelt Schröder (1981), daß die Deutsche Bundesbank überhaupt eine potentialorientierte Geldmengenpolitik verfolgt, so wie sie es mit der Vorgabe eines Geldmengenzieles (Bestimmung einer Zielgröße für die Entwicklung der Zentralbankgeldmenge des jeweils nächsten Jahres) anstrebt. Rohde (1982) kritisiert die Verfahrensweise, wie das Geldmengenziel quantifiziert wird. Buscher / Schröder (1983) bezweifeln, daß aufgrund der Instabilität der Geldnachfrage eine potentialorientierte Geldmengenpolitik überhaupt sinnvoll ist. Und Geigant (1982, S. 117) bezeichnet die Politik als „Bundesbank-Hokuspokus", die nur zur Verunsicherung und zur Destabilisierung führe. Auf all die angeführten Kritikpunkte soll und kann hier nicht eingegangen werden. Vielmehr wird in diesem Beitrag anhand der Verlautbarungen der Deutschen Bundesbank geprüft, inwieweit die Geldpolitik der Bundesbank regelgebunden und in sich konsistent ist. Zuerst wird ein kurzer Überblick über die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank gegeben und aufgezeigt, daß sich zumindest in den Verlautbarungen der Bundesbank ein gewisser Wandel in ihrer theoretischen Ausrichtung andeutet (Abschnitt II). Im anschließenden III. Abschnitt wird untersucht, ob nicht eine gewisse Diskrepanz zwischen den Verlautbarungen der Bundesbank und ihrer faktisch betriebenen Politik besteht. Es wird nachgewiesen, daß, obwohl die Bundesbank eine regelgebundene potentialorientierte Geldpolitik ankündigt, sie sich faktisch durch ihre Zielvorgaben einen umfangreichen diskretionären Spielraum verschafft. Schließlich wird im IV. Abschnitt analysiert, inwieweit durch die Vorgabe eines Zielkorridors überhaupt ein Beitrag zur Sicherung des Geldwertes geleistet wird. * Den Kollegen Prof. Dr. W. Kösters und Prof. Dr. M. Neidner danke ich für wertvolle Hinweise. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
198 Hermann Ribhegge II. Phasen der Geldmengenpolitik Betrachtet man das geldpolitische Konzept, das die Bundesbank seit 1974 verfolgt1, so kann man ihre Geldpolitik in drei Phasen einteilen (siehe Übersicht). In der ersten Phase von 1975 bis 1978 gab sich die Bundesbank ein eindeutig quantifiziertes Punktziel für die Entwicklung der Zentralbankgeldmenge vor (siehe Tabelle 1). Dieses Ziel wurde - von der Zielvorgabe für 1975 abgesehen - als Durchschnittsziel bestimmt. Die Zentralbankgeldmenge sollte im Jahresdurchschnitt um x% zunehmen. Hauptsächliches Anliegen der Bundesbank war es in dieser Phase, inflationären Tendenzen aus dem In- und Ausland entgegenzuwirken, denn die drastischen Ölpreissteigerungen der 70er Jahre stellten eine große Herausforderung für die stabilitätsorientierte Geldmengenpolitik der Bundesbank dar. Um konjunkturelle Fehlsteuerungen zu vermeiden, war die Deutsche Bundesbank bestrebt, eine potentialorientierte Geldmengenpolitik zu betreiben. Die Determinanten dieser potentialorientierten Geldmengenpolitik waren - sieht man von systematischen Änderungen in der Geldumlaufgeschwindigkeit ab - die Änderung des realen Produktionspotentials und des Auslastungsgrades sowie die unvermeidliche Preissteigerungsrate. Nach den Vorstellungen des Sachverständigenrates (1975/76, Ziff. 398), der dieses Konzept der unvermeidlichen Preissteigerungen entwickelt hat, sind diejenigen Preissteigerungen unvermeidlich, „die sich auch bei Stabilisierung des inländischen Kostenniveaus nicht vermeiden lassen, ohne die Beschäftigung zusätzlich zu beeinträchtigen". Mit der Geldmengenzielvorgabe für das Jahr 1979 vollzog die Bundesbank eine Änderung in ihrer geldpolitischen Strategie. In dieser II. Phase von 1979 bis 1983 verzichtete sie darauf, weiter ein festes Punktziel vorzugeben. Die starken Soll-Ist-Abweichungen in der I. Phase und besonders 1978 hatten die Glaubwürdigkeit ihrer Zielvorgaben stark erodieren lassen und waren für sie Anlaß, von vornherein Abweichungen von dem Punktziel zuzulassen. Um die für die II. Phase grundlegende Zielsetzung, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen und Soll-Ist-Abweichungen bei der Zentralbankgeldmenge weitgehend auszuschließen, gab sich die Bundesbank für die Entwicklung der Zentralbankgeldmenge einen Zielkorridor mit einer Bandbreite von 3% vor. Darüber hinaus wurde das Geldmengenziel nicht mehr als Durchschnittsziel, sondern als Verlaufsziel definiert. 1 Siehe hierzu im einzelnen Deutsche Bundesbank (1985), insbesondere bezüglich des Wandels der Geldmengenpolitik S. 93f., sowie die laufenden Monatsberichte und die Geschäftsberichte der Deutschen Bundesbank. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 199 Ö CD tüO c 'ä; aj tUO g d> (H Ü <ü T3 fi O ¿4 X! o CO u o a N ¿J ö O. CO o £ O jQ ^ TJ 3 § N PQ 0> O ¿5 J* T3 3 g N PQ 0 N 3 Q3 Q n a; > v 2> 2 3 Ö £ rt S ^ w ß PQ >H <D 'Ü « 5b g»5 £ S cd O) c/a 'S ß cO cO a; £ £ W) o ä r/i r? O ^ £ 3 h < Ö 0 > , g w « 'C ^ «J aJ 0 £ Ü S ö £ 1 o Ä oss Ö 0 > ß 1 8 's & CO CO O E "Ö fi fl) ß J{ 1 o -i OBS £ . > <u o.i <JJ MH .rH JH ö ft ^ ti cö I £ Ä 2 £ 6 5 S fe 7h ® ® 3 SP 8 ö J? fi o § J3 13 § 0 PL, 3 H ßi s § CO N S - O T3 N s CO (H 'S N a» CO £ S J» 2 •2 E -S a £ 5 ¿i 5 3 u ^ < CO M CO Ö I CO W> öfl^O C M .S ^ ü ü ä 0> fH "So cO i W) ti -ä S S S3 5 S ^ * .S 'S es £ £ Ü to lO CO O) 05 00 t> 05 lO CO 00 00 O) Oi OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
200 Hermann Ribhegge Tabelle 1 Geldmengenziele und ihre Realisierung (in %) Jahr Ziel: Wachstum der Zentralbankgeldmenge Tatsächliche Entwicklung (gerundete Zahlen) Ziel erreicht Ziel erreicht im Verlauf des Jahres1) im Jahresdurch- schnitt Konkretisierung im Verlauf des Jahres im Verlauf des Jahres1) im Jahresdurch- schnitt 1975 8 - - 10 -nein 1976 -8 --9 nein 1977 -8 - - 9 nein 1978 -8 - - 11 nein 1979 6-9 -Unter- grenze 6 -ja 1980 5-8 — Untergrenze 5 — ja 1981 4-7 — untere Hälfte 4 — ja 1982 4-7 -obere Hälfte 6 -ja 1983 4-7 -obere Hälfte 7 -ja 1984 4-6 - - 5 -ja 1985 3-5 -- 1) Jeweils vom vierten Quartal des Vorjahres bis zum vierten Quartal des laufenden Jahres: 1975: Dezember 1974 bis Dezember 1975. Vgl. Quelle: Deutsche Bundesbank (1985, S. 90). Die Bundesbank kündigte nicht mehr an, wie sich die Zentralbankgeldmenge durchschnittlich von Monat zu Monat des nächsten Jahres entwikkeln soll, sondern teilte mit, daß sich die Geldmenge vom vierten Quartal des Vorjahres bis zum vierten Quartal des anstehenden Jahres um x% +/- 1,5% entwickeln sollte2. Kurzfristige Überschreitungen des Geldmengenkorridors in den ersten drei Quartalen des anstehenden Jahres wurden bewußt in Kauf genommen. Durch die Vorgabe eines Korridors und eines Verlaufszieles wollte sich die Deutsche Bundesbank (1985, S. 94) einen Spielraum verschaffen, „um auf unerwartete Störungen in der Entwicklung der Konjunk- 2 Dieses Geldmengenziel wurde zum ersten Mal am 13./14.12.1978 beschlossen. Vgl. Monatsberichte der Deutschen Bundesbank (1979/H. 1, S. 5). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 201 tur, der Preise und des Wechselkurses reagieren zu können, ohne dabei die Glaubwürdigkeit der Geldmengensteuerung aufs Spiel zu setzen". Sie wollte die Voraussetzungen dafür schaffen, flexibel auf die „bestehenden Unsicherheiten hinsichtlich der Dynamik der Konjunktur und der außenwirtschaftlichen Lage"3 reagieren zu können. Zur Jahresmitte sollte jeweils eine Zielüberprüfung stattfinden, um zu klären, ob im weiteren Jahresverlauf die untere oder die obere Grenze des Korridors angesteuert werden soll4. Durch die Vorgabe eines Korridors wollte sich die Bundesbank - so zumindest nach ihren Verlautbarungen - aber keinen Freiraum für eine diskretionäre Geldmengenpolitik verschaffen; vielmehr sollte die Vorgabe eines Geldmengenkorridors den Rahmen für eine konditionale Geldmengenpolitik abgeben, auf die wir später noch eingehen werden5. Die Bundesbank war bestrebt, sich innerhalb des vorgegebenen Korridors bei der Gestaltung ihrer Geldmengenpolitik einer Regel zu unterwerfen, die für die Unternehmen und Verbände kalkulierbar war. „In welcher Weise der Spielraum zwischen der unteren und der oberen Grenze der Bandbreite von der Geldpolitik ausgefüllt wird, hängt von der weiteren konjunkturellen und außenwirtschaftlichen Entwicklung ab"6. Sie sah bei ihrer Politik eine Strategie der Selbstbindung in konditionaler Form („wenn, dann") vor, die nach ihrer Ansicht nur einen geringen Spielraum für diskretionäre Maßnahmen ließ. Einen gewissen Wandel in ihrer Geldmengenpolitik stellte der Übergang von der Phase II zur Phase III dar. Während es in den ersten beiden Phasen der Geldmengenpolitik wohl zu gewissen Modifikationen im Instrumenteneinsatz als auch in der generellen Zielsetzung kam, aber sich die theoretische Grundausrichtung, die man wohl als tendenziell monetaristische (im Sinne des Monetarismus Mark I) interpretieren kann, nicht änderte, sprechen gewisse Maßnahmen und Ankündigungen der Bundesbank, auf die wir noch eingehen werden, dafür, daß sich die Bundesbank einige Politikempfehlungen der Theorie rationaler Erwartungen (Monetarismus Mark II) zu eigen gemacht hat. Dieser Wechsel wurde von der Deutschen Bundesbank nie besonders betont, sondern er wurde nur mehr oder weniger beiläufig bei der Bekanntgabe der Geldmengenziele für 1984 und 1985 erwähnt. Für das Geldmengenziel für 1984 wurde die Bandbreite von 3% auf 2% reduziert, da nach 3 Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank für das Jahr 1979, S. 16. 4 Vgl. Deutsche Bundesbank (1985, S. 93). 5 Diese Charakterisierung findet man auch bei Kloten (1986, S. 2), der von einer Konditionierung spricht. 6 Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank für das Jahr 1978, S. 14. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
202 Hermann Ribhegge Ansicht der Bundesbank im Jahre 1984 die „Unsicherheiten über die allgemeine Wirtschaftsentwicklung und die auf absehbare Zeit erkennbaren Preistendenzen ... weniger ausgeprägt ... als in den vergangenen Jahren"7 seien. Wichtiger als diese mehr technische Maßnahme war aber, daß die Bundesbank auf die Angabe „einer Klausel verzichtet hat, den mit dem Zielkorridor gegebenen Spielraum situationsgebunden zu nutzen" (Sachverständigenrat, 1984/85, Ziff. 211) und so den Weg für eine konsequentere potentialorientierte Geldmengenpolitik ebnete. Der Zielkorridor wurde von der Bundesbank nicht mehr als Rahmen für „wirtschaftspolitische Vorbehaltsklauseln" (Deutsche Bundesbank, 1985, S. 96), sondern als „Unsicherheitsmarge"8 interpretiert und diente dazu, „statistisch bedingte Schwankungen eines so komplexen Aggregats wie der Zentralbankgeldmenge aufzufangen"9. Mit dieser Änderung bei der Bestimmung des Zwischenzieles der Geldmengenpolitik deutet sich auch ein gewisser Wandel in der theoretischen Ausrichtung der Geldmengenpolitik der Bundesbank an. Die neue Formulierung des Zwischenzieles entspricht genau der Interpretation einer Geldmengenregel, wie sie die Theorie rationaler Erwartungen unterstellt. Danach besteht die Geldmengenregel als Politikregel aus einer deterministischen Komponente, dem Geldmengenziel, die vom privaten Sektor voll antizipiert werden kann, und einer Zufallskomponente, die im allgemeinen als normal verteilt angesehen wird10. Daß sich zumindest „rein verbal" eine Anlehnung an die immer mehr an Einfluß gewinnende Theorie rationaler Erwartungen andeutet, wird deutlich, wenn wir berücksichtigen, daß die Bundesbank Ende 1984 das Konzept der unvermeidlichen Preissteigerungsrate aufgegeben hat11 und statt dessen von der erwarteten Entwicklung des Preisniveaus spricht, womit sie den Überlegungen der Theorie rationaler Erwartungen gerecht wird12. Diese stärkere Anlehnung an die Überlegungen der Theorie rationaler Erwartungen wurde dadurch erleichtert, daß sich die stabilitätspolitische 7 Monatsberichte der Deutschen Bundesbank (1983/H. 12, S. 9). 8 Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank für das Jahr 1983, S. 41. 9 Monatsberichte der Deutschen Bundesbank (1986/H. 1, S. 15). 10 Andererseits ist aus der Sicht der Theorie rationaler Erwartungen kritisch darauf hinzuweisen, daß die Marge viel zu groß ist. „Die geldtheoretische Forschung ist inzwischen so weit, zu zeigen, daß die Zentralbankgeldmenge von Monat zu Monat mit einem durchschnittlichen Kontrollfehler von +0,3% p.a. gesteuert werden kann" (Neumann, 1985, S. 90). 11 „Mit der Ende 1984 weitgehend erreichten.Preisstabilität wurde das Konzept des unvermeidlichen Preisanstiegs entbehrlich" (Deutsche Bundesbank, 1985, S. 91). 12 Auch hier ist die Begriffsbildung bei der Bundesbank nicht ganz einheitlich, spricht sie doch in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1986 rückblickend vom tolerierten Anstieg des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus in 1986. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 203 Lage grundlegend geändert hatte. Die verfestigten Inflationserwartungen waren durchbrochen und eine Phase relativer Preisniveaustabilität verwirklicht worden, einhergehend mit einer gestiegenen Glaubwürdigkeit der Bundesbank, die jeweils angekündigte Geldmengenentwicklung auch zu realisieren. Da aber im Jahre 1986 die obere Marge des Zielkorridors um gut 2 % überschritten wurde, was nach Ansicht der Bundesbank zu einer neuen Gefährdung des Geldwertes geführt hatte, sah sich die Bundesbank, wie sie in ihrem Monatsbericht für den Januar 1987 auf S. 14 schreibt, veranlaßt, aufgrund „der ausgeprägten Schwierigkeiten beim geldpolitischen Einstieg" den Zielkorridor für 1987 auf 3% auszuweiten. III. Die Geldmengenpolitik: regelgebunden oder diskretionär? Es wird aber nicht nur die konzeptionelle Ausrichtung der Bundesbank kritisiert, sondern es wird auch bezweifelt, daß die Bundesbank tatsächlich eine trendorientierte und dabei regelgebundene Geldmengenpolitik betreibt. Obwohl die Bundesbank vorgibt, eine solche Geldmengenpolitik zu verfolgen, sehen Schröder (1981, S. 627) und Pohl (1983, S. 308) durchaus diskretionäre Elemente in der Politik der Bundesbank. Stellt man aber z.B. die Entwicklung der Zentralbankgeldmenge und des Produktionspotentials in Beziehung (siehe Abb. 1), so bedarf es zumindest einer eingehenden Untersuchung, ob die Bundesbank tatsächlich keine potentialorientierte Politik betreibt. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft (1973, S. 600) versteht „unter dem Begriff Regelmechanismus wirtschaftspolitische Vorkehrungen, die darauf hinauslaufen, daß an die Stelle fallweise zu treffender Entscheidungen Handlungen treten, die ganz oder teilweise durch im voraus und im Prinzip auf Dauer angelegte Regelungen bestimmt sind". Im Gegensatz dazu beinhaltet eine diskretionäre Politik Entscheidungen von Fall zu Fall, die oft nur schwer antizipierbar sind, weshalb eine solche Politik von den Monetaristen als unzureichend angesehen wird. Die Übergänge zwischen diskretionärer und regelgebundener Politik sind fließend. Je weniger die Handlungsspielräume der wirtschaftspolitischen Entscheidungsinstanzen durch Regelmechanismen eingeschränkt werden, um so eher kann man von einer diskretionären Politik sprechen. „Erst wenn derartige Spielräume auf Null zusammenschrumpfen, kann man von einem vollständigen Regelmechanismus sprechen" (Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft, 1973, S. 602). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
204 Hermann Ribhegge ^Bruttosozialprodukt in jeweiligen Preisen, Zentralbankgeldmenge mit konstanten ReservesAtzen berechnet (Basis Jan. 1974).- 2) Produktionspotential mit Preisen für das Bruttoinlandsprodukt hochgerechnet.- ts) 1984 teilweise geschätzt. BBk Abbildung 1 Quelle: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank (1985/H 1, S. 21). Ob eine regelgebundene Politik vorliegt, hängt davon ab, inwieweit die Entscheidungsinstanzen über einen diskretionären Spielraum verfügen. Nun unterscheidet aber die Bundesbank (1985, S. 101 f.) „drei Ebenen ihrer Politik": die Instrumentenebene, die Geldmarktebene sowie die Zwischenzielebene. Von Interesse ist hier die Instrumenten- und die Zwischenzielebene. Auf beide Ebenen kann sich eine regelgebundene Politik beziehen. Auf der Instrumentenebene betreibt aber die Bundesbank eindeutig eine diskretionäre Politik13. Auf dieser Ebene beeinflußt sie den Wirtschaftsablauf mit 13 „Es wäre ökonomisch sinnlos, die Zentralbank dazu zu verpflichten, etwa den Diskontsatz oder den Lombardsatz oder eine andere Instrumentvariable konstant zu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 211 herein eine Abweichung von dieser unteren Schranke nach oben ein. Abweichungen nach oben sind unter anderem dann vorgesehen, wenn es zu einer besseren Auslastung des Produktionspotentials kommt. Will die Bundesbank keine Überschreitung von pu alimentieren, so müßte sie sich eigentlich fest an die untere Schranke binden. Anstelle einer festen Selbstbindung betreibt die Bundesbank mit ihrer Politik eine flexible Drohstrategie. Damit versucht sie, den Akteuren des privaten wie auch des staatlichen Sektors (der staatliche Sektor soll hier nicht untersucht werden) zu verdeutlichen, daß sie nicht ohne weiteres bereit ist, stabilitätswidrige Lohn- und Preisentwicklungen hinzunehmen. Vielmehr versucht sie, soweit wie möglich, eine permissive Geldmengenpolitik zu verhindern. Um ihre Drohstrategie zu konkretisieren, gibt sich die Bundesbank eine obere Schranke für die Geldmengenentwicklung vor. Bewegt sich die Geldmenge an dieser oberen Schranke, so wird das Preisniveau p0 erwartet. Damit verdeutlicht die Bundesbank, daß sie keine inflationären Tendenzen auch nur minimal alimentieren wird, die diese Schranke p0 überschreiten. Auf einen lohn- bzw. preisbedingten Kostendruck, der im Bereich pu und Po liegt, wird die Bundesbank bei der Alimentierung flexibel mit der Zielsetzung reagieren, den Geldwert dem Wert pu anzunähern. Bei unserer Analyse unterstellen wir - was nicht ganz unproblematisch ist -, daß die Bundesbank in der Lage ist, den inflationären Druck relativ schnell zu bestimmen und mit ihrem geldpolitischen Instrumentarium sofort zu reagieren. Die Annahme, daß die Bundesbank ohne jegliche Berücksichtigung des Lohn- und Preisverhaltens des privaten Sektors ihre Geldmengenpolitik betreibt, ist hingegen wenig realistisch. Unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit ist die Vorgabe eines Geldmengenkorridors unter Umständen durchaus sinnvoll, da dadurch eine Zielerfüllung wahrscheinlicher wird. Es besteht aber die Gefahr, daß sich bei Vorgabe eines Korridors anstelle eines Punktzieles die Wirtschaftssubjekte an der oberen Grenze orientieren, so daß die Geldmengenpolitik der Bundesbank eher inflationär wirken würde25. Um bestimmen zu können, wie sich die Geldmengenpolitik bei Vorgabe eines Korridors auf den Geldwert auswirkt, müssen wir die Entscheidungssituation eines einzelnen Akteurs näher betrachten26. Wir beschränken uns dabei auf die Preis- und Beschäftigungspolitik der Unternehmen sowie 25 Geigant (1982, S. 117 f.) spricht, wie erwähnt, von diesem Zusammenhang von „Bundesbank-Hokuspokus". Die Bundesbank „verunsichert auch die, denen die Zielarithmetik ein Buch mit sieben Siegeln ist und die zunächst vielleicht auf Gläubigkeit gestimmt sind. Am Ende bringt der Zielfirlefanz mehr Destabilisierung als die alte Hauruck-Methode diskretionärer Steuerung, deren gelegentliches Versagen wenigstens nicht so starke Signalwirkung hatte." 26 Eine ähnliche Argumentation findet man bei Phelps (1979, S. 185 f.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
212 Hermann Ribhegge die Lohnpolitik der Beschäftigten und unterstellen rationale Erwartungen bei den Akteuren. Es sei Uit i e [0,1], die Menge der Unternehmen und Bj, j s [0,1], die Menge der Beschäftigten. Wie reagiert nun ein einzelnes Unternehmen oder ein Beschäftigter auf den vorgegebenen Korridor [Pu,Po]? Dazu muß sich jeder Akteur überlegen, wie die Bundesbank auf einen durch den privaten Sektor bewirkten inflationären Druck p reagiert, dessen Bestimmung wir zunächst zurückstellen. Im Falle p < pu wird jeder annehmen, daß die Bundesbank die Geldmenge tatsächlich so ausweiten wird, daß der Wert pu realisiert wird. Ist hingegen der inflationäre Druck p größer als die obere Grenze p0 und von daher für die Bundesbank nicht tolerierbar, so wird der Akteur erwarten, daß die Bundesbank diesen inflationären Druck nicht alimentieren und die Geldmenge höchstens zur Verwirklichung von Po ausweiten wird. Die entscheidende Frage, die sich nun für jeden Akteur stellt, ist: „Welches Preisniveau P strebt die Bundesbank bei einem inflationären Druck im Bereich p e [pU} p0] an?" Um diese Frage beantworten zu können, unterstellen wir, daß sich jeder k-te Akteur subjektive Wahrscheinlichkeiten bezüglich der Alimentationsbereitschaft der Bundesbank bildet. Für den k-ten Akteur sei fk (P/p) : IR2 —» IR die bedingte Dichtefunktion, die die Alimentationsbereitschaft der Bundesbank in Abhängigkeit von dem inflationären Druck p angibt, der annahmegemäß immer größer als pu sein soll27. Für den Bereich p e [pUj p0] gilt: (i) A (P/P) 1 = 0 für P * [Pu,PÌ > 0 für P e [pM,p] mit J fk(P/p)dP = 1 . Pu Eine graphische Darstellung dieser bedingten Dichtefunktion für einen beliebigen inflationären Druck p im Bereich [pu, p0] findet man in Abbildung 5. Für den Bereich [p,p0] nimmt das k-te Wirtschaftssubjekt an, daß keine Alimentierung in diesem Bereich von der Bundesbank vorgenommen wird, es unterstellt also, daß die subjektive Wahrscheinlichkeit für eine Alimentierung gleich Null ist. Bezüglich des Bereiches [pU} p] haben wir eine monoton fallende Dichtefunktion unterstellt. Dies besagt, daß erwartet wird, daß 27 Da die Bundesbank „jeweils die Bedingungen konkretisiert, unter denen sie die eine oder andere Hälfte des Zielkorridors ansteuern würde", ist für Bub (1986, S. 140) „für willkürliche Interpretationen der verkündeten breiten Zielmarge" kein Platz. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 213 Abbildung 5 die Bereitschaft zur Alimentierung bei der Bundesbank um so geringer ist, je mehr das Preisniveau P die untere Marge pu übersteigt. Eine völlig permisse Politik würde bedeuten, daß/fc (p/p) = 1 ist. Erwartet das k-te Wirtschaftssubjekt hingegen, daß die Bundesbank konsequent an ihrem Ziel der Geldwertsicherung festhalten wird und keine Alimentierung des inflationären Drucks zuläßt, so ist (pu/p) = 1 für alle p. Um sich eine Entscheidungsgrundlage für seine Lohn- bzw. Preispolitik zu bilden, muß jeder Akteur Wahrscheinlichkeiten bezüglich des Bundesbankverhaltens bestimmen. Mit diesem Problemkreis beschäftigt sich die Theorie rationaler Erwartungen. In ihr wird unterstellt, daß die Wirtschaftssubjekte bis auf eine zufallsbedingte Störkomponente die tatsächliche Entwicklung der Geldmenge kennen. Für den hier dargestellten Fall reicht es aber nicht aus, daß sich die Akteure objektive Wahrscheinlichkeiten bezüglich des Verhaltens der Bundesbank bilden. Denn hier geht es um bedingte subjektive Wahrscheinlichkeiten, da sich die Bundesbank kein Punktziel vorgibt, wie dies in der Theorie rationaler Erwartungen unterstellt wird, sondern einen Zielkorridor, in dem sie sich strategisch verhält und bei dem die Akteure des privaten Sektors nicht wissen, welche Geldmengenpolitik die Bundesbank letztendlich betreibt. Die bedingte Wahrscheinlichkeit bezüglich des Bundesbankverhaltens hängt von dem Inflationsdruck p ab, den die Wirtschaftssubjekte bewirken und über dessen Höhe sie sich ebenfalls Erwartungen bilden müssen. Um die Entwicklung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
214 Hermann Ribhegge der Geldmenge zu antizipieren, muß sich ein Akteur zum einen subjektive Wahrscheinlichkeiten über das bedingte Verhalten der Bundesbank bilden und zum anderen antizipieren, welcher inflationäre Druck von den anderen Akteuren ausgeht. Betrachten wir die Entscheidungssituation eines einzelnen Akteurs z.B. die des Beschäftigten Bk. Analoge Überlegungen können wir für ein Unternehmen anstellen. Bis jetzt haben wir angenommen, daß jeder Akteur den inflationären Druck p kennt. In der Realität muß sich aber ein Akteur subjektive Erwartungen über den inflationären Druck p bilden, um das Bundesbankverhalten antizipieren zu können. Deshalb wird der k-te Akteur sich die subjektive Erwartung Ek (p) bilden und diese anstelle von p in der Gleichung (1) bei der Bestimmung des erwarteten Preisniveaus verwenden. Angenommen, die subjektive Erwartung Ek (p) des /c-ten Akteurs über den inflationären Druck p bestimme sich folgendermaßen: wobei das erste Integral den Preisdruck und das zweite den Lohndruck wiedergibt, gi und gj entsprechende Gewichtungsfaktoren sind, mit g{ und gj > 0 und J g{ = J gj = 1, und Ek (P*) die subjektive Erwartung über die Preispolitik des i-ten bzw. Ek (Wj) die über die Lohnpolitik des j-ten Akteurs sind. Um weitere Überlegungen anstellen zu können, müssen wir unsere Ökonomie konkretisieren. Im folgenden wollen wir von einer Ökonomie ausgehen, wie wir sie in der Theorie rationaler Erwartungen vorfinden. Aufgrund der Vielzahl der Marktteilnehmer unterstellen wir, daß jeder Akteur allein einen zu vernachlässigenden Einfluß auf den Inflationsdruck ausübt, d.h. der Beschäftigte Bk unterstellt: Welchen Nominalsatz soll nun der Beschäftigte Bk fordern? Um seinen optimalen Lohnsatz bestimmen zu können, muß er das von ihm erwartete Preisniveau Ek (P) bestimmen. Angenommen Ek (P) liegt im Bereich [Pu, Po], dann ist: (2) Ek(p) = J gi Ek (Pi) di + J gjEk(Wi)dj 0 0 Ek(p) (4) Pu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 215 Immer, wenn von der Bundesbank keine vollkommen permissive Politik erwartet wird, bei der f (p/p) = 1 ist, was wir im folgenden ausschließen wollen, ist (5) Ek{P) < Ek (p) . Es sei l* = W* /P der Gleichgewichtsreallohnsatz auf dem Arbeitsmarkt, der sich bei der Realisierung der „natürlichen" Arbeitslosenrate ergibt. Unterstellen wir vollständige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, ist der kte Beschäftigte mit folgender Beschäftigungsfunktion konfrontiert. Fordert er einen Lohnsatz Wk > W*, so erhält er keine Beschäftigung. Für Wk < W* ist für ihn eine Beschäftigungsgarantie gegeben. Unter dieser neoklassischen Annahme ist es für ihn optimal, den Lohnsatz Wk/Ek (P) = l* zu fordern28. Da sich die anderen Beschäftigten ebenfalls rational verhalten werden, muß der k-te Beschäftigte davon ausgehen, daß auch die anderen Beschäftigten versuchen, diesen Reallohnsatz zu verwirklichen. Nach den Überlegungen des k-ten Beschäftigten werden die anderen den Lohnsatz w/Ek(p) = l* gewählt haben. Da aber Ek (p) > Ek (P) ist, würde dies bedeuten, daß die anderen nach Ansicht des /c-ten Beschäftigten einen zu hohen Nominallohnsatz gefordert hätten. Um für sich günstigere Beschäftigungschancen zu realisieren, würde es bei dieser Erwartungsstruktur ausreichen, daß der k-te Beschäftigte einen Lohnsatz verlangt, der unter dem Durchschnittslohnsatz w/Ek (p) liegt und der größer als l* ist. Diese Lösung ist aber kein iVas/i-Gleichgewicht. Der k-te Beschäftigte wird sich überlegen, daß jeder andere Akteur ebenfalls versuchen wird, knapp unter dem Wert w/Ek (p) zu bleiben. Stellen aber alle Akteure diese Überlegung an, so muß, da jeder einen Lohn verlangen wird, der unter w liegt (entsprechendes gilt für die Preise), der ursprüngliche Wert von Ek (p) falsch sein und muß nach unten korrigiert werden. Dieser Korrekturprozeß wird solange vonstatten gehen, bis Ek (p) = pu ist. Denn ist Ek (p) = pu, so ist Ek (P) = Ek (p), und es lohnt sich nicht mehr für den /c-ten Beschäftigten, die Lohnforderungen der anderen Beschäftigten zu unterbieten, da alle den Gleichgewichtslohnsatz l* verlangen und realisieren werden. Es liegt dann nicht im Interesse irgendeines Beschäftigten, den Gleichgewichtsreallohnsatz zu unterbieten, da dieser ihm ein optimales 28 Hier werden nur „situationskonsistente" Erwartungsstrukturen untersucht, bei denen die Modelle der Akteure die Realität erwartungstreu wiedergeben. Den Fall „situationsinkonsistenter" Erwartungsstrukturen, die mit der Theorie rationaler Erwartungen nicht kompatibel sind, behandeln Jander / Menkhoff / Palm (1985, S.1601). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
216 Hermann Ribhegge Beschäftigungsniveau garantiert und ein Unterbieten des Gleichgewichtslohnsatzes nur zu einem Einkommensverlust führen würde29. Zusammenfassend können wir sagen: In einer Welt der neoklassischen Beschäftigungstheorie liegt es im Interesse eines jeden Akteurs, davon auszugehen, daß das Preisniveau bei der unteren Grenze pu liegt. Nur bei dieser Orientierung existiert ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt. Conditio sine qua non für die Existenz dieses Gleichgewichts ist es, daß ein Überschreiten des Gleichgewichtslohnsatzes sofort zur Arbeitslosigkeit führt. Wenn dieser enge Zusammenhang zwischen Entlohnung und Beschäftigung besteht, wie dies in der neoklassischen Beschäftigungstheorie unterstellt wird, ist die Bundesbank mit ihrer Geldmengenpolitik bei der Inflationsbekämpfung erfolgreich, da jede inflationär wirkende Lohn- und Preispolitik entweder zur Arbeitslosigkeit oder zu Absatzeinbrüchen führt. Grundsätzlich anders stellt sich die Situation dar, wenn der enge Zusammenhang zwischen Entlohnung und Beschäftigung zumindest kurzfristig nicht gegeben ist30. Dann existiert nicht mehr der starke Anreiz zu stabilitätskonformem Verhalten, da das Beschäftigungsrisiko zu hoher Lohnforderungen nicht mehr so groß ist. Kann der k-te Beschäftigte erwarten, daß er auch bei einem Lohnsatz Wk/Ek(P) > l* weiter eine Beschäftigung findet, so ist es für ihn attraktiv, hohe Lohnforderungen zu stellen, da durch seine Lohnforderung allein der inflationäre Druck aufgrund seines zu vernachlässigenden Einflusses nicht verstärkt wird. Ist der Zusammenhang zwischen Entlohnung und Beschäftigung nicht so stringent, so lohnt es sich für den kten Beschäftigten eine Lohnforderung zu stellen, die den Konkurrenzgleichgewichtslohnsatz übersteigt. Da aber alle Beschäftigten sich diese Überlegung zu eigen machen, steigt automatisch der inflationäre Druck und damit aufgrund der gewissen Konzessionsbereitschaft der Bundesbank auch die Inflationsrate. Je geringer das Beschäftigungsrisiko zu hoher Lohnforderungen und je stärker die Erwartung ist, daß die Bundesbank von einer vollkommen restriktiven Geldmengenpolitik in Form vonf(pu/p) = 1 abweicht, desto wahrscheinlicher ist es, daß wir ein inflatorisches Gleichgewicht erreichen, bei dem das Preisniveau mit der oberen Marge p0 übereinstimmt31. 29 Ähnlich argumentiert Fellner (1976, S. 106): "It is unconvincing to argue that the decision makers in markets individually have no incentive to adjust to a firm demand policy. While decision makers in the markets cannot collude with a large number of others in this adjustment, they do know they will suffer a significant competitive disadvantage if the others adjust their wage- and pricesetting practice and they individually do not." 30 Zu den Koordinationsproblemen, die in einer solchen Situation auftreten, siehe auch Schnitze (1985, S. 10ff.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 217 V. Resümee Betrachtet man rückschauend die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank, so ist es sinnvoll, zwischen der von ihr angekündigten und der von ihr faktisch betriebenen Politik zu differenzieren. Nach ihren eigenen Verlautbarungen betreibt die Bundesbank eine potentialorientierte, regelgebundene Geldmengenpolitik. Damit dokumentiert sie den politischen Instanzen, daß sie nicht beeinflußbar sei und schützt sich so vor dem staatlichen Druck, bei gesamtwirtschaftlichen Fehlentwicklungen mittels diskretionärer Maßnahmen gegenzusteuern. Versucht die Bundesbank einseits zu dokumentieren, daß sie nur über einen geringen diskretionären Spielraum verfügt, so zeigt andererseits die Analyse dieses Beitrags, daß die Zielvorgaben so von der Bundesbank gewählt worden sind, daß die Bundesbank faktisch - ohne Verletzung ihrer Zielvorgaben - eine diskretionäre Politik in größerem Umfang betreiben kann. Dabei ist festzustellen, daß die Bundesbank durchaus bereit ist, neue theoretische Erkenntnisse und Begriffe bei ihren geldpolitischen Verlautbarungen zu berücksichtigen und zu verwenden, was aber nicht unbedingt bedeutet, daß diese neuen Erkenntnisse auch in die praktische Politik von ihr umgesetzt werden. Vielmehr kann sich mit dieser Verfahrensweise die Bundesbank einer unliebsamen Kritik seitens der Wissenschaft entziehen, neue Erkenntnisse nicht berücksichtigt zu haben. Dies wird z.B. deutlich beim Konzept der unvermeidlichen Preissteigerung, das im Rahmen der Einkommenspolitik zur Inflationsbekämpfung entwickelt worden ist und das von der Bundesbank durch den von der Theorie rationaler Erwartungen geprägten Begriff der erwarteten Inflationsrate ersetzt worden ist, ohne daß dies irgendwelche Verhaltensänderungen bei der Bundesbank bewirkte. Unterstellt man aber, daß die Bundesbank tatsächlich bestrebt ist, eine regelgebundene Politik zu betreiben und ihren diskretionären Spielraum so weit wie möglich nicht zu nutzen, so muß bezweifelt werden, daß ihre konditionale Geldmengenpolitik tatsächlich immer zu einer Stabilisierung des Geldwertes beiträgt. Unter realistischen Verhaltensannahmen ist bei rationalem Verhalten der Wirtschaftssubjekte in konjunkturell günstigen Situationen durchaus zu erwarten, daß diese den durch den Korridor vorgegebenen inflationären Spielraum nutzen werden. 31 In dieser Situation werden die Ergebnisse der Geldpolitik von den subjektiven Erwartungen der Wirtschaftssubjekte beeinflußt. Siehe dazu ausführlich Ribhegge (1987, S. 178ff.). Zum gleichen Ergebnis kommt auch Bagus (1981, S. 280). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
218 Hermann Ribhegge Literaturverzeichnis Bagus, J. (1982): Zum „Zielkorridor" der Deutschen Bundesbank, in: WiST, 11. Jg., S. 278 - 281. - Bub, N. (1986): Geldpolitik zur Sicherung eines inflationsfreien Wachstums, in: H. Tomann (Hrsg.), Wirtschaftspolitische Antworten auf die Stagflation, Berlin, S. 135 - 151. - Buscher, H. S. / Schröder, W. (1983): Instabilität der Geldhaltung stellt Geldmengenregel in Frage, in: Wirtschaftsdienst, 63. Jg., S. 309 - 312. - Deutsche Bundesbank (1985): Die Deutsche Bundesbank - Geldpolitische Aufgaben und Instrumente, Sonderdrucke der Deutschen Bundesbank, Nr. 7, 3. Aufl., Frankfurt. - Deutsche Bundesbank: Geschäftsbericht der Deutschen Bundesbank, versch. Jg., Frankfurt. - Deutsche Bundesbank: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, versch. Jg., Frankfurt. - Fellner, W. (1979): Criteria for Demand Management Policy in View of Past Failures, in W. Fellner (ed.), AEI studies on contemporary economic problems, Washington, S. 85 - 108. - Gaab, W (1987): Diskussion des Beitrags von M. J. M. Neumann und J. von Hagen, Theoretische und empirische Grundlagen von Geldmengenzielen und ihrer Realisierung, in: A. Gutowski (Hrsg.), Geldpolitische Regelbindung: theoretische Entwicklungen und empirische Befunde, Berlin, S. 113 - 121. — Geigant, F. (1982): Der Beitrag der Geldpolitik, in: W. Vogel (Hrsg.), Wirtschaftspolitik der achtziger Jahre, Leitbilder und Strategien, Köln, S. 101 - 122. - Jander, S. / Menkoff, L. / Palm, A. (1985): Situationskonsistente Erwartungsstruktur und Geldpolitik in der Bundesrepublik, in: Kredit und Kapital, 18. Jg.,S.151 - 172.- Ketter er, K.-H. / Grössl-Gschwendtner, I. (1986): Geldpolitik, Verfahrensregeln und Ziele im Spannungsfeld zwischen Theorie und politischer Verantwortung, in: H. Kuhn (Hrsg.), Probleme der Stabilitätspolitik, Göttingen, S. 41 - 56. - King, R. G. (1982): Monetary Policy and the Information Content of Prices, in: Journal of Political Economy, Vol. 90, S. 247 - 279. - Kloten, N. (1986): Notenbankpolitik im Konjunkturaufschwung, in: Deutsche Bundesbank, Auszüge aus Presseartikeln, Nr. 45, S. 2 - 4. - Köhler, C. (1986): „Wir haben den Zinssenkungsspielraum immer ausgeschöpft" (Gespräch mit dem Bundesbank-Direktoriumsmitglied Prof. Dr. Claus Köhler von Hans Hutter), in: Deutsche Bundesbank, Auszüge aus Presseartikeln, Nr. 4, S. 1 - 3. - Neumann, M. J. M. (1985): Auf dem Wege zu einer Realorientierung der Geldpolitik - Geldmengenvorgabe soll ordnungspolitische Rahmensetzung sein, in: Sparkasse, 102. Jg., S. 88 - 91. - Neumann, M. J. M. (1986): Die Grundgeldmenge - Ein neuer Indikator der Geldpolitik, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 122, S. 520 - 532. - Oberhauser, A. (1987): Kritische Thesen zu einer strikt potentialorientierten Geldmengenpolitik, in: A. Gutowski (Hrsg.), Geldpolitische Regelbindung: theoretische Entwicklungen und empirische Befunde, Berlin, S. 123 - 132. - Phelps, E. S. (1979): Obstacles to Curtailing Inflation, in: J. H. Gapinski, Ch. E. Rockwood (eds.), Essays in Post-Keynesian Inflation, Cambridge, S. 179 - 193. - Pohl, R. (1983): Sollte das Geldmengenziel abgeschafft werden?, in: Wirtschaftsdienst, 63. Jg., S. 306 - 308. - Pohl, R. (1986): Die Überschreitung des Geldmengenziels weiter tolerieren, in: Wirtschaftsdienst, 66. Jg., S. 353-356. - Ribhegge, H. (1987): Grenzen der Theorie rationaler Erwartungen - Zur wirtschaftspolitischen Bedeutung rationaler Erwartungen auf walrasianischen und nichtwalrasianischen Märkten, Tübingen. - Rohde, A. (1982): Ist das Geldmengenziel für das Jahr 1982 angemessen?, in: Wirtschaftsdienst, 62. Jg., S. 78 - 84. - Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten, versch. Jahre. - Schröder, W. (1981): Geldpolitik unter veränderten weltwirtschaftlichen Bedingungen, in: Wirtschaftsdienst, 61. Jg., S. 622 - 628. - Schultze, C. L. (1985): Microeconomic Efficiency and Nominal Wage Stickiness, in: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank 219 American Economic Review, Vol. 75, S. 1 - 15.- Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft (1973): Sammelband der Gutachten von 1948 - 1972. Zusammenfassung Widersprüche in der Geldmengenpolitik der Deutschen Bundesbank Der vorliegende Beitrag untersucht, inwieweit die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank regelgebunden und in sich konsistent ist. Es wird aufgezeigt, daß sich die Deutsche Bundesbank durch ihre Zielvorgabe einen umfangreichen diskretionären Spielraum verschafft, auch wenn sie eine regelgebundene, potentialorientierte Geldpolitik ankündigt. Weiter wird nachgewiesen, daß die Bundesbank durchaus bereit ist, neue theoretische Erkenntnisse bei ihren geldpolitischen Verlautbarungen zu berücksichtigen; offen ist aber, ob diese Erkenntnisse auch tatsächlich in ihrer praktischen Politik umgesetzt werden. Inwieweit die Vorgabe eines Zielkorridors für die Entwicklung der Zentralbankgeldmenge zur Stabilität des Geldwertes beiträgt, hängt von den subjektiven Erwartungen der Wirtschaftssubjekte ab. Anhand eines Modells mit rationalen Erwartungen wird der Einfluß der Lohnpolitik und der Erwartungsbildung auf die Wirksamkeit der Geldpolitik untersucht. Je stärker die Beschäftigung auf Reallohnänderungen reagiert, um so eher werden sich die Wirtschaftssubjekte bei ihrer rationalen Erwartungsbildung an dem unteren Rande des von der Bundesbank angekündigten Zielkorridors orientieren. Wird aber das Beschäftigungsrisiko zu hoher Lohnforderungen als gering eingeschätzt und wird erwartet, daß die Bundesbank von einer vollkommen restriktiven Geldpolitik abweicht, dann wird ein unerwünschtes inflatorisches Gleichgewicht realisiert. Summary Contradictions in the Money Supply Policy of the Deutsche Bundesbank The present contribution analyzes the obedience to rules and consistency of the Deutsche Bundesbank's monetary policy. It shows that - through its target ranges - the Deutsche Bundesbank obtains wide scope for discretionary decisionmaking is spite of its announced rule-bound and potentialoriented monetary policy. This contribution also proves that the Bundesbank is well prepared to take account of new theories in its monetary policy announcements, but it is open whether it actually transforms such theories into practical policies. The extent to which ranges defining the development of the central bank money stock help ensure the stability of the value of money depends on market participants' subjective expectations. On the basis of a rational expectations model, the influence of pay policies and emerging expectations on the effectiveness of monetary policy is analyzed. The stronger the response of the level of employment to changes in real wages, the greater the probability that market participants have their rational expec- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54
220 Hermann Ribhegge tations guided by the lower limit of the target range announced by the Bundesbank. However, if the responsiveness of the level of employment to high wage demands is deemed to be low and the Bundesbank is expected to abandon its totally restrictive monetary policy course, the probability of an undesired inflationary equilibrium is correspondingly greater. Résumé Contradictions dans la politique monétaire de la Banque fédérale allemands (Deutsche Bundesbank) L'auteur analyse dans cet article à quel point la politique monétaire de la Deutsche Bundesbank est liée à des règles et est consistante en soi. Il montre que la Deutsche Bundesbank s'accorde une large marge d'action discrétionnaire par les objectifs qu'elles se fixent, même si elle avise une politique monétaire liée à des règles et orientées vers les potentiels. Il prouve en outre que la Bundesbank est entièrement d'accord de tenir compte dans ses divulgations politiques monétaires de nouvelles connaissances théoriques. Mais, on se demande si ces connaissances sont transformées en réalité dans sa politique pratique. Les attentes subjectives des sujets économiques déterminent à quel point la fixation d'un corridor d'objectifs pour l'évolution de la quantité de monnaie en circulation de la banque centrale contribue à stabiliser la valeur de l'argent. A l'aide d'un modèle supposant que les attentes sont rationnelles, l'auteur examine comment la politique des salaires et la formation d'attentes influencent l'efficacité de la politique monétaire. Au plus l'emploi réagit à des changements de salaires réels, au plus les sujets économiques tendent à s'orienter, lorsqu'ils forment leurs attentes rationnelles, vers le bas du corridor d'objectifs avisé par la Bundesbank. Mais, si le risque d'emploi à des salaires élevés est considéré comme faible et si l'on s'attend à ce que la Bundesbank déroge à une politique monétaire restrictive parfaite, un équilibre inflationniste nonsouhaité est alors réalisé. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.22.2.197 | Generated on 2023-01-16 12:57:54