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Die anthropologisch-soziologische Konferenz in Mainz

Jahn, Georg

Abstract

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Full text

Jahn, Georg Article Die anthropologisch-soziologische Konferenz in Mainz Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jahn, Georg (1949) : Die anthropologisch-soziologische Konferenz in Mainz, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 69, Iss. 4, pp. 109-111, https://doi.org/10.3790/schm.69.4.109 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290677 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 4931 109 Berichte Die anthropologisch-soziologische Konferenz in Mainz In dem Geleitwort „Neubeginn im Geiste Schmollers", das ich dem ersten Heft der neuen Folge dieses Jahrbuches vorausschickte, habe ich angekündigt, daß ich die Zeitschrift nicht im Sinne einer wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift engeren Sinnes führen, sondern darin die Probleme der Volkswirtschaft in dem weiten kulturgeschichtlich-gesellschaftswissenschaftlichen Rahmen erörtern lassen wolle, den einst Schmoller dafür gezogen hat. Denn wie Schmollers eigne Arbeit sich nicht in der Darstellung des gesellschaftlich-wirt- schaftlichen Prozesses erschöpfte, sondern zugleich die psychologischen, soziologischen und ethisch-politischen Grundlagen des Wirtschaftslebens auf der einen, die Begründung der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf der anderen Seite umspannte, ja bis in die Vorbereitung der Gesetzgebung und in die Gestaltung der Verwaltung hineinreichte, so sollen auch in Zukunft wieder nicht nur der volkswirtschaftliche Theoretiker, sondern auch der Anthropologe, der Psychologe und der Soziologe, der Wirtschafts- und der Sozialpolitiker, der Jurist und der Verwaltungsfachmann das Wort ergreifen. Ich hoffe, daß es möglich wird, durch eine solche Zusammenführung und Zusammenarbeit benachbarter und ineinander greifender Fächer gerade die Volkswirtschaftslehre aus der fachlichen Enge, in die sie geraten ist, wieder herauszuführen und sie von neuem zum integrierenden Bestandteil einer umfassenden Kulturwissenschaft zu machen, die wir heute mehr denn je brauchen. Fast um die gleiche Zeit hat Prof. L. von Wiese einen ähnlichen Gedanken zur Diskussion gestellt, der sich sofort als fruchtbar erweisen sollte. Auf dem 9. deutschen Soziologentage in Worms, auf dem u. a. die Jugendprobleme zur Erörterung gestanden hatten, war ihm klar geworden, wie viel zu einem solchen Gegenstande außer den Soziologen die Psychologen und Psychiater, die Theologen und die Pädagogen, die Sozialpolitiker und die Juristen zu sagen hätten, wenn sie nicht in die Schauweise der anderen Disziplinen verfallen, sondern umgekehrt die spezifischen Untersuchungsmethoden des eigenen Faches anwenden würden. Wenn der Berg von den verschiedensten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.4.109 | Generated on 2023-04-04 11:01:55 110 Georg Jahn [494 Seiten angegangen werde, müßte es möglich sein, zu einer überfachlichen Synthese zu gelangen. Denn es sei, so meinte er, der eigentliche Mißstand des wissenschaftlichen Lebens in Europa und in Amerika, daß sich fast alle Disziplinen um die Arbeit ihrer Nachbarfächer nicht kümmern, sondern unverbunden nebeneinander herlaufen. Am unbekümmertsten schienen die Vertreter gerade der Fächer zu sein, die ihrer Bedeutung gemäß am meisten für die Gemeinschaftsarbeit eintreten sollten: die Philosophen und nächst ihnen die Juristen. Anzustreben und herzustellen sei in Zukunft ein viel engeres Zusammengehen der Wissenschaften vom Menschen, die man als die anthropologischen im weitesten Sinne bezeichnen kann. Denn nur so werde es gelingen, eine Fülle von Fragen zu klären und zu lösen, die nicht lediglich das eine oder das andere, sondern alle anthropologischen Fächer angehen. Von solchen Erwägungen ausgehend, machte Prof. von Wiese den Vorschlag, neben den vielen, alljährlich wiederkehrenden Fachtagungen alle zwei oder drei Jahre einen interfakultativen Kongreß zu veranstalten, auf dem alle dazu bereiten Wissenschaften vom Menschen vereinigt und nebeneinander in ausgesprochen fachlich gehaltenen Referaten ein oder mehrere allgemein interessierende Themen erörtert werden sollten. Fächer solcher Art seien in erster Linie die allgemeine (philosophische) Anthropologie, die Philosophie, die Psychologie, die Pädagogik, die Geschichtswissenschaft, die Ethnologie, die Soziologie, die Volkswirtschaftslehre, die Sozialpolitik und nicht zuletzt die Rechtswissenschaft. Sie wurden deshalb von ihm aufgerufen, sich zu beteiligen. Da die direkt angesprochenen wissenschaftlichen Vereinigungen — die Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, der Verein für Sozialpolitik (Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften), die Internationale Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie, die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, die Studiengesellschaft für praktische Psychologie, die Kant-Gesellschaft, die Philosophische Gesellschaft — fast alle in sehr ausdrücklicher Form ihre Zustimmung erklärten und sich darüber hinaus auch zahlreiche Vertreter der Theologie, der Pädagogik, der Psychiatrie, der Geschichte und der Rechtswissenschaft zur Mitwirkung bereit fanden, so konnte sofort mit den Vorbereitungen begonnen und ein Kongreßausschuß gebildet werden, in den hervorragende Vertreter aller interessierten Disziplinen berufen wurden. Und Ende Juni schon wurden von Köln aus die Einladungen zu der ersten anthropologisch-soziologischen Ko nferenz versandt, die am 27. und 28. September 1949 in der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz stattfinden soll. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.4.109 | Generated on 2023-04-04 11:01:55 495] Die anthropologisch-soziologische Konferenz in Mainz 111 Das Symposion ist so gedacht, daß am ersten Tage das Thema „Person und Kollektiv" behandelt, am zweiten Tage „D i e sozialen und kulturellen Folgen der großen Bevölkerungsvermehrung des 19. Jahrhunderts" erörtert werden sollen. Dabei sollen nacheinander von je einem Vertreter der interessierten Disziplinen die hauptsächlichen Probleme, Gesichtspunkte und Ergebnisse der fachlichen Arbeit ohne Polemik gegen Nachbarwissenschaften, aber unter Betonung der charakteristischen Auffassung der betreffenden Wissenschaft in möglichst kurzer Form wiedergegeben werden. Auf der Grundlage dieser Referate soll dann der Versuch einer Synthese gemacht oder* wenn das nicht möglich sein sollte, die Differenz zwischen den Schauweisen dargelegt werden. Das Thema „Person und Kollektiv" werden folgende Referenten behandeln a) anthropologisch-soziologisch: Privatdozent Dr. W. E. Mühlmann- Mainz; b) psychologisch: Privatdozent Dr. Alexander Mitscherlich-Heidel- berg; c) psychiatrisch: Direktor Wilhelm Beyel-Köln; d) volkswirtschaftlich: Prof. Dr. Walter Weddigen-Nürnberg; e) sozialpolitisch: Prof. Dr. Ludwig Heyde-Köln; f) rechtlich: Prof. Dr. Thomas Würtenberger-Mainz; g) ethnologisch: Privatdozent Dr. Günter Wagner-Hamburg; h) pädagogisch: Prof. Dr. Fritz Blättner-Kiel; i) philosophisch: Prof. Jean Vial-Paris; k) theologisch: (Referent noch nicht endgültig bestimmt). Das Thema „D ie sozialen und kulturellen Folgen der großen Bevölkerungsvermehrung des 19. Jahrhundert s" sollen erörtern a) statistisch: Dr. K. G. Specht-Köln und Privatdozent Dr. W. E. Mühlmann-Mainz; b) soziologisch-politisch: Prof. Dr. Hans Freyer-Wiesbaden; c) volkswirtschaftlich: Prof. Dr. G. Mackenroth-Kiel; d) psychologisch-psychiatrisch: (Referent noch nicht endgültig bestimmt); e) geschichtlich: Prof. Dr. Peter Rassow-Köln. Die Vorbereitungen sind somit in bester Weise getroffen und viele Interessenten für die Reise nach Mainz gerüstet. Es bleibt nur zu hoffen, daß dieser erste ernsthafte Versuch der Zusammenfassung einer ganzen Reihe sachlich eng verwandter Disziplinen in vollem Umfange glücken und zu einer dauernden Zusammenarbeit der Wissenschaften vom Menschen führen möchte. Georg Jahn -Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.4.109 | Generated on 2023-04-04 11:01:55