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Editorial: Digital, ökologisch und sozial gerecht? Die dreifache Herausforderung der dualen Transformation

Becke, Guido,Dingeldey, Irene,Klarl, Torben,Schäfer, Dorothea,Schelkle, Waltraud,Seeliger, Martin

Abstract

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Becke, Guido et al. Article Editorial: Digital, ökologisch und sozial gerecht? Die dreifache Herausforderung der dualen Transformation Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung (VAW) Provided in Cooperation with: Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW), Universität Bremen / Arbeitnehmerkammer Bremen Suggested Citation: Becke, Guido et al. (2024) : Editorial: Digital, ökologisch und sozial gerecht? Die dreifache Herausforderung der dualen Transformation, Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung (VAW), ISSN 2942-1470, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 1, Iss. 3, pp. 315-318, https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/317888 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Demgegenüber wird die digitale Transformation eher als evolutionärer Marktprozess im Zuge technischen Fortschritts betrachtet. Bei beiden Formen der Transformation handelt es sich um macht- und aushandlungsbasierte soziale Prozesse, die neue und alte Verteilungsfragen berühren– sowohl in globaler Perspektive wie auch mit Blick auf „Gewinner und Verlierer“ entlang der sozialen Klassen bzw. Betroffenengruppen. Aber die entsprechenden Folgen sowie auch Instrumente der Gegensteuerung werden oftmals nicht konkret thematisiert oder gar untersucht. Diese Leerstelle ist Anlass für die komplementären Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung (VAW) „Digital, ökologisch und sozial gerecht? Die dreifache Herausforderung der dualen Transformation“ (VAW 3-2024) und „Baustelle sozial-ökologische Transformation“ (VAW 4-2024). Der Fokus des vorliegenden Heftes 3-2024 liegt auf der Frage, inwiefern an der Schnittstelle von digitaler und ökologischer Transformation Chancen für eine gerechte Transformation entstehen oder sich Verteilungskonflikte vertiefen und soziale Ungleichheit verstärken. Dabei ist es uns wichtig, verschiedene Ebenen des Transforma tionsgeschehens zu betrachten und Wechselwirkungen oder Widersprüche zwischen digitaler und ökologischer Transformation aufzuzeigen. Wir * Guido Becke, iaw Universität Bremen, [email protected] ** Irene Dingeldey, iaw Universität Bremen, [email protected] *** Torben Klarl, Universität Bremen, [email protected] **** Dorothea Schäfer, iaw Universität Bremen, [email protected] ***** Waltraud Schelkle, European University Institute, Waltra[email protected] ****** Martin Seeliger, iaw Universität Bremen, [email protected] Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung 1 (2024) 3: 315 – 318 https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 316 G. Becke, I. Dingeldey, T. Klarl, D. Schäfer, W. Schelkle und M. Seeliger Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 sind vor allem auch an Aushandlungsprozessen zwischen den betroffenen Akteuren interessiert und versuchen erkennbare Regulierungsansätze hinsichtlich der Gestaltung der doppelten Transformation und ihrer Folgen zu analysieren. Eine globale bzw. europäische Perspektive einnehmend verweisen Sebastian Brandl und Ingo Matuschek im Aufsatz „Just Transition– Konfliktmoderation in der digitalen sozial-ökologischen Transformation“ auf Spannungen zwischen Ökologie, Digitalisierung und sozialen Entwicklungen. Sie betonen einerseits ökologische Folgen der Digitalisierung– aufgrund des damit verbundenen Extraktivismus seltener Erden oder eines ansteigenden Energiebedarfs etc. Andererseits verweisen sie auf Potentiale der regionalen Verlagerung von Arbeit und der Neugestaltung von Arbeitsorganisation und -prozessen. Um den damit einhergehenden Herausforderungen zu begegnen wird das Konzept einer Just Transition mit ‚glokalisierter‘1 Perspektive vorgeschlagen. Anhand der Analyse länderspezifischer Konstellationen vor allem europäischer Provenienz wird dann die Kohärenz partizipativer Entwicklungspfade bezüglich ihrer triangulativen Zielsetzung (sozial, ökologisch, digital) diskutiert. In der Bilanz wird eine noch mangelnde Umsetzung der Just Transition konstatiert, da sowohl die Verknüpfung der verschiedenen Themen wie auch die Einbeziehung aller relevanten Akteure noch nicht in notwendigem Umfang erfolgt. Die Automobilindustrie ist ein Beispiel für die Virulenz des doppelten Transformationsgeschehens mit all seinen verteilungspolitischen Aspekten. Bei den zahlreichen wissenschaftlichen Analysen, aber auch in der öffentlichen Debatte stehen jedoch meist globale Aspekte des Wettbewerbs mit Blick auf die Antriebswende bzw. die E-Mobilität oder der Produktionsverlagerungen entlang der Lieferketten im Vordergrund. Wenig bekannt ist dagegen, wie auf betrieblicher Ebene das Transformationsgeschehen wahrgenommen und ausgehandelt wird, bzw. welche Beschäftigtengruppen aktuell konkret betroffen sind. Sabine Pfeiffer kann in ihrem Beitrag „Doppelte Transformation, Zukunftserwartung und Vertrauen– ungleiche Betroffenheiten und divergierende Einschätzungen der Beschäftigten in der Automobilindustrie“ auf Basis einer empirischen Analyse zeigen, wie heterogen die Belegschaften vom Transformationsgeschehen an mehreren Standorten eines Original Equipment Manufacturers (OEMs) betroffen sind. Deutlich wird auch das unterschiedliche Vertrauen der Belegschaft in die Akteure verschiedener Arenen, nämlich der Politik, der Unternehmensleitung und der betrieblichen Interessenvertretung. Als weitere Erkenntnis der Studie, die im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 2267 „Digitalisierung der Arbeitswelten“ entstanden ist, schält sich zudem heraus, dass Beschäftigte nicht nur von Transformation(en) „betroffen“, sondern auch selbst relevante Akteure bei der Umsetzung sind. 1 Von einer glokalisierten Perspektive spricht man, wenn es um die Folgen globaler Effekte auf der lokalen Ebene geht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 Editorial: Digital, ökologisch und sozial gerecht? 317 Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 Hier knüpft der Beitrag „Ökologische und digitale Transformationsprozesse in der Perspektive organisationaler Gerechtigkeit“ von Guido Becke an, der mit Hilfe einer Sekundäranalyse von Studien auf betrieblicher Ebene darlegt, dass die Beteiligung von Beschäftigten an ökologischen wie digitalen Transformationsprozessen und ihrer Gestaltung eine Schlüsselbedeutung für das Erleben organisationaler Gerechtigkeit hat. Die Unterstützung und Partizipationsbereitschaft solcher Transformationsvorhaben von Seiten der Beschäftigten hängt wesentlich von ihrer Beteiligung und deren Reichweite ab. Damit wird auch die Bedeutung betrieblicher Interessenvertretungen hervorgehoben, da sie in Aushandlungsprozessen mit dem Management förderliche Bedingungen für die Gestal tung von Beteiligungsprozessen schaffen und eine Erwartungskoordination innerhalb von Belegschaften ermöglichen können. Umgekehrt birgt die Missachtung dezidiert gesellschaftlicher Ansprüche – etwa hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und privater Lebenssphäre, oder hinsichtlich nachhaltigen Arbeitens und Wirtschaftens –das Risiko des Scheiterns von betrieblichen Transformationsprozessen. Jenseits von Produktion, Arbeit und Arbeitsorganisation werden auch andere Politikfelder von der sozial-ökologischen und digitalen Transformation tangiert bzw. beeinflussen dieselbe. Hier ist die Politisierung des Geld- und Finanzsystems zu nennen. Dies wird einerseits durch Konflikte hinsichtlich des Finanzierungsbedarf im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe bzw. der Bewertung von Staatschulden begründet. Andererseits wird das Nebeneinander von privatem Bankenbuchgeld und staatlichem Papiergeld tangiert. Nicht zuletzt durch neue digitale Entwicklungen wurden die Potentiale für den Zahlungsverkehr und hierbei auch von Nichtbanken für das E-Geld (z. B. Paypal) oder für Social Finance (z. B. Libra) vorangetrieben. Zudem gewinnen dezentrale Cryptocurrencies, vorwiegend als Anlageform, an Popularität. Elsa Egerer beleuchtet im Artikel „Der öffentliche digitale Euro im historischen Kontext“ vor diesem Hintergrund, welche Veränderungstiefe die gegenwärtigen Diskurse erwarten lassen, sowie ob und inwiefern dabei auch allgemeine Fragen von Teilhabe, Staatlichkeit und Finanzierungsmacht thematisiert werden. Im abschließenden Debattenforum „Sind ökologische und digitale Transformation gerecht und kompatibel?“ greifen Martin Seeliger, Torben Klarl, Waltraud Schelkle und Dorothea Schäfer verschiedene Aspekte der zentralen Frage des Heftes wieder auf, insbesondere ob die Doppeltransformation Chancen für ein Mehr an Gerechtigkeit bietet oder diese Chancen durch neue Verteilungskonflikte und Ungleichheiten überlagert und möglicherweise zunichte gemacht werden. Martin Seeliger macht hier den Anfang mit grundsätzlichen Zweifeln an der sozialökologischen Transformation. Seine „Fünf Thesen zur Politischen Ökonomie der sozialökologischen Transformation“ stellen in Frage, dass die sozialökologische Transformation schon begonnen hat. Demgegenüber liegt der Fokus des Debattenbeitrags von Torben Klarl auf der längst wirkenden digitalen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 | Generated on 2025-05-19 12:46:57 318 G. Becke, I. Dingeldey, T. Klarl, D. Schäfer, W. Schelkle und M. Seeliger Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, 1 (2024) 3 Transformation und deren möglichen negativen Folgen für die gerechte Teilhabe. Im Beitrag „Warum die digitale Transformation kein Selbstläufer ist“ fordert Klarl staatliche Fördermaßnahmen insbesondere im Bereich der Bildung und digitalen Infrastruktur um die Gerechtigkeitsrisiken einzuhegen. Waltraud Schelkle befasst sich im Debattenbeitrag „Why is the double transition politically so difficult and obviously too difficult for the Draghi report?“, mit den möglichen Unvereinbarkeitsrisiken der beiden Transformationsprozesse, die der Draghi Report ausblendet. Schelkle kritisiert, dass die beiden, nicht ohne weiteres kompatiblen, Transformationen kumulative Gewinner und Verlierer haben könnten, die eine simultane Umsetzung politisch nahezu unmöglich machen.2 Abschließend setzt sich Dorothea Schäfer im Beitrag „Warum die Förderung von Elektroautos notwendig ist, aber sozial gerechter werden muss“ mit dem praktischen Problem des Für und Wider der Elektroauto-Förderung auseinander. Schäfer hält die Widereinführung der Förderung von E-Auto Käufen für einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Transformation, der aber in einer sozial gerechteren Form erfolgen muss als bei der ersten Auflage als Umweltbonus. Wie die Beiträge im Heft verdeutlichen, haben die beiden Transformation weitreichende Folgen, die allerdings unterschiedlichen Pfaden folgen. Die digitale Transformation ist im Gange, muss jedoch mit gerechtigkeitsfördernden Maßnahmen flankiert und eventuell verlangsamt werden. Für die sozial-ökolo- gische Transformation gilt das so nicht. Die Entwicklung ist hier offener, vielfältiger und muss beschleunigt werden. Wie es weitergeht, hängt entscheidend von Finanzierung, Vereinbarkeit mit dem Wohlfahrtsstaat und den Optionen für sozial partnerschaftliches Management ab. Die Erfolgschancen dieser Faktoren untersucht das folgende Vierteljahresheft 4-2024 „Baustelle sozial-ökologische Transformation“. 2 https://commission.europa.eu/topics/strengthening-european-competitiveness/eucompetitiveness-looking-ahead_en. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/vaw.2024.1452501 | Generated on 2025-05-19 12:46:57