Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende
Abstract
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Full text
Woynowski, Boris (Ed.) et al. Working Paper Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende Arbeitsbericht, No. 59-2012 Provided in Cooperation with: Chair of Forestry Economics and Planning, University of Freiburg Suggested Citation: Woynowski, Boris (Ed.) et al. (2012) : Wirtschaft ohne Wachstum?! Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende, Arbeitsbericht, No. 59-2012, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Forstökonomie, Freiburg i. Br., https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:25-opus-86452 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/69631 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/
! ! ! ! ! ! ! ! ! Wirtschaft*ohne*Wachstum?!* Notwendigkeit!und!Ansätze!einer!Wachstumswende! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! Reihe!Arbeitsberichte!des!Instituts!für!Forstökonomie! |!59!–!2012!
Dieses!Werk!ist!entstanden!im!Rahmen!des!Lehrmoduls!„Wirtschaft!ohne!Wachstum?!“,! Wintersemester!2011/2012!am!Institut!für!Forstökonomie,!Universität!Freiburg.! ! ! Betreuung! ! Prof.!Dr.!Dr.!h.c.!Gerhard!Oesten! |[email protected]freiburg.de! Dipl.!Forstw.!Boris!Woynowski!|![email protected]freiburg.de! ! Herausgeber*Boris!Woynowski,!Patrick!Becker,!Alexander!Bertram,!Sarah!Bhandari,! Julia! Burger,! Marilen! Haver,! Alina! Janssen,! Josha! Lange,! Juliana! Miyazaki,!Golo!Peters,!Florian!Ruf,!Julia!Schneider,!Jörn!Sempach!und! Chien!Chih!Wang.! ! ! Kontakt! ! ! ! AlbertULudwigsUUniversität!Freiburg! Institut!für!Forstökonomie! Tennenbacherstrasse!4! DU79106!Freiburg!im!Breisgau! Tel.:!0761/203U3689! Fax:!0761/203U3690! [email protected]freiburg.de! ! ! Titelbild!Fotobeitrag!zu!Fotowettbewerb!auf!www.highspeed.ch!(http://tiny.cc/cUcg2b)! Lizenzbedingungen*Creative!Commons!–!Herkunft!–!Namensnennung!–!Nicht!Kommerziell!–! Keine!Bearbeitung!–!3.0!Deutschland!Lizenz.!Dieses!Buch!enthält!u.a.!Textbeiträge,!die,!mit! freundlicher!Genehmigung!der!jeweiligen!Verlage,!aus!urheberrechtlich!geschützten!Werken! auszugsweise! und! gekürzt! entnommen! wurden.! Eine! Vervielfältigung! dieser! Beiträge! außerhalb! dieses! Buches! ist! daher! nicht! gestattet.! Die! jeweiligen! Beiträge! sind! dementsprechend!gekennzeichnet.!! * * * Druck*Gedruckt!auf!zu!100%!recyceltem!Altpapier.! ISSN!1431U8261
Inhalt! ! ! Inhalt! ! !! Einführung! ! ! I!Anamnese:*Was*ist*hier*los?.......................................................................*1* ! Einleitung! 1! ! *Vom*grünen*Wachstumsmythos*zur*Postwachstumsökonomie! 2! Warum!weiteres!wirtschaftliches!Wachstum!keine!zukunftsfähige!Option!ist! Niko!Paech! ! !Literaturempfehlungen!11! ! II!Diagnose:*Ursachen*des*Wachstumsparadigmas......................................12* ! !!Einleitung!12! ! *******************Abhängigkeit*vom*Wirtschaftswachstum*als*Hindernis*für*eine* * 15* **************************************************************************Politik*in*den*„Limits*to*growth"! !!Perspektiven!einer!Postwachstumsgesellschaft! Irmi!Seidl!und!Angelika!Zahrnt! ! Geld*geht*auch*anders!30! Margrit!Kennedy! ! Wachstum,*Wachstum*über*alles!!34! Welche!Rolle!spielt!das!Geld?! Helmut!Creutz! ! *Wachstumszwang*und*Wachstumsdrang*in*der*modernen*Wirtschaft!45! Hans!Christoph!Binswanger! ! Bankgeheimnis*Geldschöpfung!54! !Die!Weltfinanzkrise!wirft!viele!Fragen!auf! !Bernd!Senf! ! Der*Arbeitsmarkt*im*Spannungsfeld*von*Wachstum,*Ökologie*und*Verteilung!69! !Norbert!Reuter! ! Mentale*Infrastrukturen!76! !Wie!das!Wachstum!in!die!Welt!und!in!die!Seelen!kam! Harald!Welzer! !
Inhalt! ! ! Konsum:*Der*Kern*des*Wachstumsmotors!96! !Inge!Røpke! ! Beschleunigung*und*Wachstum!105! Externe!Triebkräfte!sozialer!Beschleunigung! !Hartmut!Rosa! ! ! !!!Diskussion!119! !!!!!Literaturempfehlungen!122! ! III!Therapieansätze:*Alternativen*und*Visionen.........................................124* ! Einleitung!124! ! *Die*Geldordnung:*Das*100%YGeld!128! Helge!Peukert! ! *Postwachstumsgesellschaft*und*Grundeinkommen!137! !!Ronald!Blaschke! ! Externe*Kosten*als*Treiber*von*Landnutzungsänderungen!152! !!Dirk!Löhr! ! Solidarische*Ökonomie*als*Alternative*zur*Wachstumswirtschaft!175! !Elisabeth!Voß! ! Gemeinwohl*ist*Gewinn!187! Christian!Felber! ! Bürgerschaftliches*Engagement*für*eigenes*Geld!192! !Eva!Koch! ! Wertschätzung*der*Lebensarbeit!201! !!Gerhard!Scherhorn! ! Gutes*Leben*braucht*andere*Arbeit!211! !Andrea!Baier!und!Adelheid!Biesecker! ! Gesellschaftliche*Auswege*aus*der*Ökokrise*–*Konzepte*im*Überblick!217! Frank!Adler!und!Ulrich!Schachtschneider! ! Fortschritt*muss*nachhaltig*werden!231! !!Ernst!Ulrich!von!Weizsäcker! ! **Ökologische*Modernisierung!237! !Joseph!Huber! !
Inhalt! ! ! *Kritik*der*Wachstumskritik!244! !!!!Zur!Unterscheidung!zwischen!wirtschaftlichem!Wachstum!und!! wirtschaftlicher!Entwicklung! !!Rainer!Land! ! *Stoffkreisläufe*–*Von*der*Wiege*zur*Wiege!254! !!!Michael!Braungart! ! Suffizienz*&*Subsistenz!263! !Wege!in!eine!Postwachstumsökonomie!am!Beispiel!von!Urban!Gardening! Christa!Müller!und!Niko!Paech! ! Suffizienz*plus*Subsistenz*ergibt*ökonomische*Souveränität!270! !Björn!Paech!und!Niko!Paech! ! ÖkoYSozialismus!273! Ergebnis!meiner!Suche!nach!einer!Alternative! Saral!Sarkar! ! *Suffizienz*oder*die*Frage*nach*dem*guten*Leben!281! Silke!Kleinhückelkotten! ! Suffizienz!285! Die!Konsumgesellschaft!in!der!ökologischen!Krise! Oliver!Stengel! ! *Wie*der*Motor*der*Beschleunigung*abgeschaltet*werden*kann!298! !!Fritz!Reheis! ! ! !Diskussion!307! !!!Literaturempfehlungen!311! ! IV!Stimmen*des*Wandels:*Change*Maker*im*Gespräch..............................*314* ! Einleitung!314! ! **Niko*Paech!316! Postwachstumsökonomie! ! ***Ludwig*Schuster!322! Regionalwährungen!und!nachhaltiges!Geld! ! Ronald*Blaschke!326! !!Zukunft!der!Arbeit!und!Grundeinkommen! ! *
Inhalt! ! ! Christian*Hiss!329! Bürgeraktiengesellschaft!„Regionalwert!AG“! ! **Ulrich*Schachtschneider!333! !!Gesellschaftliche!Wege!aus!der!Ökokrise! ! Uwe*Schneidewind!338! !Transition!und!Nachhaltigkeit!in!Unternehmen! ! **Oliver*Stengel!342! Suffizienz! ! *Saral*Sarkar!347! Ökosozialismus! ! **Michael*Braungart!351! Kreislaufwirtschaft! ! **Chantal*RuppertYWinkel!357! Regionale!Selbstversorgung!mit!EE! ! ****Norbert*Rost!364! !Regionalentwicklung! ! **Luciano*Ibarra!371! !!Solidarische!Landwirtschaft:!Gartencoop!Freiburg! ! **Nils*Aguilar!378! !!Globale!TransitionUInitiativen! ! **Sven*Giegold!389! !!!!Finanzpolitik!und!Globalisierungskritik! ! **Fritz*Reheis!395! !Entschleunigung! ! **Frank*Spilker!397! !Band!„Die!Sterne“! ! Glossar........................................................................................................*407! !
! ! ! !
!I!|!Anamnese:!Was!ist!hier!los?! ! ! 1! I* Anamnese:*Was*ist*hier*los? Einleitung! ! „Wirtschaft! ohne! Wachstum?!! Notwendigkeit! und! Ansätze! einer! Wachstumswende! –! so! lautet! der! Titel! dieses! Werkes.! Bevor! die! Zwänge,! die! zu! unbegrenztem! Wirtschaftswachstum! führen! dargestellt! (Diagnose)! und! verschiedene! Lösungsbausteine! vorgestellt!(Therapieansätze)!werden,!erscheint!es!von!grundlegender!Bedeutung,!zunächst! den! Stand! des! Wissens! abzubilden! und! eine! Standortbestimmung,! in! Form! einer! Problembeschreibung,!vorzunehmen!(Anamnese).!Oder!zugespitzt!formuliert:!Was!ist!hier! los?! Warum! stellen! sich! die! Fragen! nach! „Wirtschaft! ohne! Wachstum?!“! und! einer! Wachstumswende?!! Im!nachfolgenden!Artikel!liefert!Niko!Paech!hierzu!eine!analytische!Problembeschreibung,! von! auf! unbegrenztem! Wachstum! angelegten! Wirtschaftsstrukturen! und! deren! ökologischen,!sozialen!und!ökonomischen!Risiken.!Dabei!legt!er,!anhand!des!Ansatzes!der! ökologischen!Modernisierung,!die!Entstehungsgeschichte!des!Wachstumsparadigmas!dar.!Er! erörtert! weiterhin,! gestützt! auf! Empirie! und! daraus! abgeleiteten! Hypothesen,! warum! unbegrenztes!wirtschaftliches!Wachstum!keine!zukunftsfähige!Option!ist!und!begründet!so! in! einem! ersten! Schritt! die! Notwendigkeit! einer! Wachstumswende,! hin! zu! sozial! wie! ökologisch!zukunftsfähigen!Wirtschaftsformen.!! Im! weiteren! Verlauf! dieses! Readers! werden! in! Kapitel! II! die! Gründe! und! Zwänge! für! unbegrenztes!Wirtschaftswachstum1!vertiefend!dargestellt,!bevor!in!Kapitel!III,!in!Form!von! Alternativen! und! Visionen,! eine! Auswahl! an! Lösungsansätzen! präsentiert! wird,! um! den! sozialUökologischen! Herausforderungen! eines! Wirtschaftswachstums! ohne! Grenzen! zu! begegnen.! Im! vierten! Kapitel! kommen! schließlich! Menschen! zu! Wort,! die! sich! in! unterschiedlichen!LebensU!und!Fachbereichen!sowie!auf!verschiedenen!Handlungsebenen,! bereits! aktiv! mit! sozialUökologischen! Veränderungsprozessen! auseinandersetzen.! Als! „Change!Maker“!repräsentieren!sie!gleichermaßen!Akteure!wie!Initiativen!im!Kontext!einer! Wachstumswende.! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Der! Begriff! Wirtschaftswachstum! bedeutet! in! diesem! Zusammenhang! einen! Zuwachs! des! Bruttoinlandsprodukts!(BIP).!Nach!Jackson!(2011)!ist!„das!BIP!im!Grunde!eine!buchhalterische!Gleichung,!die! einen!ungefähren!Maßstab!für!die!„Wirtschaftsaktivität“!in!einer!Region!liefert.!Man!kann!es!sich!vorstellen!als! gleichzeitige!Messung!der!Summe!der!gesamten!Wirtschaftsleistung!(Bruttowertschöpfung),!der!Summe!der! gesamten! Einkommen! (Löhne! und! Gehälter! sowie! Dividenden/! Gewinne)! und! der! Summe! aller! Ausgaben! (Konsum! und! Investitionen).“!Das! Problematische! an! der! aktuellen! Verwendung! des! BIP! als! Wohlstandsindikator!ist,!dass!auch!ökologische!und!soziale!Schäden!zu!einem!Zuwachs!beitragen!und!folglich! die! „Wirtschaftsaktivität“! steigern.! So! führen! beispielsweise! Autounfälle! zu! einer! Zunahme! des! BIP,! da! Aufräumarbeiten! durchgeführt,! neue! Autos! gebaut! und! verschiedene! Dienstleistungen! angeboten! und! nachgefragt!werden.!Durch!die!ausschließliche!Koppelung!der!Messung!an!materielle!Zuwächse,!kann!das!BIP! jedoch!keine!oder!nur!sehr!beschränkte!Auskunft!darüber!geben,!ob!Parameter!wie!das!Lebensglück!und!die! Zufriedenheit!der!Menschen!ebenfalls!zunehmen,!obwohl!diese!explizite!Teilziele!von!wirtschaftlicher!Aktivität! bzw.!gesellschaftlichem!Wohlstand!sind.!!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 2! Vom*grünen*Wachstumsmythos*zur* Postwachstumsökonomie* Warum!weiteres!wirtschaftliches!Wachstum!keine!zukunftsfähige!Option!ist! Niko!Paech! ! 1.*Ökologische*Modernisierung*als*radikalisierter*Fortschrittsmythos** Multiple! Krisenszenarien! erschüttern! den! vielleicht! letzten! Konsens,! der! moderne! Gesellschaften! bei! aller! Interessenheterogenität! noch! zusammenhält.! Die! Rede! ist! vom! Wachstumsdogma.! Bis! zum! ersten! Bericht! des! Club! of! Rome! aus! dem! Jahr! 1972! „Die! Grenzen! des! Wachstums“! ließ! sich! gesellschaftlicher! Fortschritt! in! einen! bedingungslosen! Wachstumsimperativ! übersetzen.! Unbehelligt! von! materiellen! oder! ökologischen! Restriktionen! mündeten! wirtschaftsU! und! naturwissenschaftliche! Bestrebungen! in! eine! Steigerungslogik,! die! mit! Schlüsselkategorien! wie! Wohlstand,! Freiheit,! Gerechtigkeit! und! Frieden!assoziiert!werden!konnte.!Mit!der!Verzahnung!von!wirtschaftlichem!Wachstum!und! technischem!Fortschritt!schien!eine!Beseitigung!aller!Knappheiten!und!Hindernisse,!die!dem! modernen!Selbstverwirklichungsgebot!in!Quere!kommen!könnten,!nur!eine!Frage!der!Zeit!zu! sein.!Dabei!galt!es!nicht!nur,!das!Mittelarsenal!der!individuellen!Glückssuche!fortwährend! qualitativ!zu!steigern,!sondern!über!quantitative!Zuwächse!einer!immer!größeren!Anzahl!von! Erdbewohnern!zugänglich!zu!machen,!um!dem!historischen!Großvorhaben!einer!befriedeten! Menschheit!näher!zu!kommen.!! Simmel!spricht!in!diesem!Zusammenhang!von!„substanziellem!Fortschritt“:!Wenn!es!gelingt,! den! Bestand! an! Werten! zu! vermehren,! kann! die! „Menschheitstragödie! der! Konkurrenz“! (Simmel! 1920:! 306)! gelindert! werden,! nämlich! in! Form! einer! Ablenkung! des! Kampfes! zwischen!Menschen!in!einen! Kampf!zwischen! Mensch!und! Natur.!„In! dem!Maße,! in!dem! man!weitere!Substanzen!und!Kräfte!aus!dem!noch!unokkupierten!Vorrat!der!Natur!in!die! menschliche!Nutznießung!hineinzieht,!werden!die!bereits!okkupierten!von!der!Konkurrenz! um!sie!entlastet“!(ebd.:!305).!! Anknüpfend! an! die! bereits! von! Bacon! und! Descartes! begründete! Fortschrittslogik! war! folglich!davon!auszugehen,!dass!die!irdischen!Naturgüter!ihrer!Aneignung!und!Verwertung! harren.!Indes!wird!offenkundig,!dass!die!nach!dieser!Maßgabe!permanent!zu!steigernden! Mittel! im! Dienst! von! Freiheit,! Wohlergehen! und! Frieden! kein! anderes! Erscheinungsbild! hervorgebracht!haben!als!einen!globalen!Konsumtempel,!der!möglichst!allen!offen!stehen! soll.! Drei! Zugänge! sind! es! im! Wesentlichen,! die! jedem! Individuum! das! von! sämtlichen! Schwerkräften! befreite! Navigieren! im! Kosmos! der! Glückssuche! erlauben,! nämlich! Geld,! Kerosin!und!digitale!Kommunikation.!! Anfang!der!1970er!Jahre!wurde!die!Party!von!einem!unfreundlichen!Zwischenruf!gestört.! Dieser! ging! mit! der! Entdeckung! eines! Phänomens! einher,! welches! fortan! „ökologische! Lebensgrundlagen“! genannt! wurde.! Darauf! einsetzende! Übungen! in! kritischer! Reflexion! konnten! den! modernen! IndustrieUund! Konsumkomplex! zwar! als! Verursacher! neuer! Knappheiten! entlarven,! den! Glauben! an! die! Allmacht! von! Technik,! Wissenschaft! und! Wachstum! aber! nicht! wirklich! erschüttern.! Tatsächlich! trat! sogar! das! Gegenteil! ein.! Im! Nachhinein! betrachtet,! kann! für! das! antiquierte! Paradigma! der! Naturbeherrschung! immerhin! der! mildernde! Umstand! geltend! gemacht! werden,! dass! dessen! Vertreter! die!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 3! ökologischen!Fernwirkungen!ihrer!Utopie!nicht!im!Geringsten!antizipieren!konnten.!Folglich! richtete! sich! der! Optimismus! allein! auf! die! Effektivität! der! Aneignung.! Verglichen! damit! mutet!die!neuerdings!Platz!greifende!Fortschrittszuversicht,!welche!eng!mit!der!Idee!einer! nachhaltigen! Entwicklung! verwoben! ist,! weitaus! naiver! an.! Was! sich! als! ökologische! Aufklärung! geriert,! lässt! aus! anderer! Perspektive! geradezu! eine! Verschärfung! des! ökonomischen!und!technischen!Machbarkeitswahns!erkennen.!Denn!letzterer!begnügt!sich! nicht!mehr!damit,!die!materialisierten!Symbole!für!Freiheit!und!Wohlergehen!weiterhin!zu! vermehren,! sondern! gibt! allen! Ernstes! vor,! dies! auf! ökologisch! unschädliche! Weise! bewältigen!zu!können.!! Die!nunmehr!doppelte!Glaubensleistung,!aus!welcher!sich!der!Impetus!einer!ökologischen! Modernisierung!speist,!markiert!die!Geburtsstunde!des!„qualitativen“,!„nachhaltigen“!oder! „decarbonisierten“! Wachstums.! Es! geht! dabei! um! nichts! weniger! als! dies:! Der! in! Geld! transferierte! Output! einer! weltweit! arbeitsteiligen! Industrie! soll! weiterhin! unbegrenzt! wachsen!–!gleichzeitig!soll!die!geschundene!Biosphäre!entlastet!werden.!Ausgangspunkt!ist! die! Unterscheidung! zwischen! qualitativem! und! quantitativem! Wachstum.! Dies! suggeriert,! dass!sich!industrielle!Wertschöpfung!nach! Belieben!in!zwei!Dimensionen!aufspalten!lässt.! Bei! der! einen! handelt! es! sich! um! die! rein! qualitativen! Werte,! genauer:! um! die! nutzenstiftenden!Funktionen,!um!derentwillen!Güter!überhaupt!produziert!werden.!Diese! an! sich! immateriellen! Zwecke! sollen! von! der! zweiten! Dimension,! nämlich! der! dinglichen,! somit! ökologisch! problematischen! Gestalt! des! Outputs! abgeschieden! werden.! Die! solchermaßen! sauber! herausgelöste! Qualität! soll! weiter! wachsen,! weil! sie! ökologisch! unbedenklich!ist,!den!angestrebten!Konsumnutzen!erhöht!und!Marktumsätze!generiert,!die! das!Bruttoinlandsprodukt!(BIP)!erhöhen.!Erinnerungen!an!Bacon!werden!wach,!hatte!dieser! doch!mit!seiner!Formel!„disseccare!naturam“!die!Zerstückelung!der!Natur!zur!Idee!erhoben,! um! die! vermeintlich! separierbaren! Elemente! und! Einzelwirkungen! in! einen! Baukasten! zu! verwandeln,! mit! dem! ungeahnte! Neuschöpfungen! bis! hin! zu! einer! passgenauen! Welt! zu! montieren!seien.!! Der! Nachhaltigkeitsdiskurs! hat! zwei! solcher! Entkopplungsvisionen! hervorgebracht,! die! jeweils! beanspruchen,! die! qualitativen! (wünschenswerten)! von! den! quantitativen! (unerwünschten)! Bestandteilen! der! industriellen! Maschinerie! abtrennen! zu! können.! Es! handelt! sich! zum! einen! um! die! Erhöhung! der! Effizienz! beziehungsweise! Ressourcenproduktivität,!zum!anderen!um!die!ökologische!Konsistenz.!! Effizienzmaßnahmen!orientieren!sich!daran,!den!pro!Leistungseinheit!erforderlichen!Input! an!Energie!und!Material!zu!minimieren.!So!gewährleistet!beispielsweise!ein!Passivhaus!aus! Sicht!seiner!Bewohner!dieselben!Funktionen!wie!ein!konventionelles!Wohnhaus,!verbraucht! aber!nur!einen!Bruchteil!der!Wärmeenergie.!Ähnliches!gilt!für!Energiesparbirnen,!DreiULiterU Autos! oder! Kühlschränke,! deren! Energiebedarf! unter! Wahrung! aller! bisherigen! Wohlstandsmerkmale! reduziert! werden! kann.! Nicht! nur! technischer! Fortschritt,! sondern! auch!veränderte!Arrangements!von!Verfügungsrechten!lassen!eine!Entkopplung!theoretisch! möglich! erscheinen.! So! versinnbildlicht! das! viel! strapazierte! Beispiel! des! Carsharings! ein! Nutzungssystem,! in! welchem! Nachfrager! auf! das! Eigentum! eines! Autos! verzichten! und! stattdessen! ein! temporäres! Verfügungsrecht! konsumieren,! also! den! angestrebten! Nutzen! (Fortbewegung!per!Auto)!in!Reinform!abrufen.!An!gefahrenen!Kilometern!soll!indes!nicht! gespart! werden,! denn! sonst! ließe! sich! das! zentrale! Versprechen! dieser! Dienstleistungsstrategie!nicht!einlösen:!Entlastung!der!Ökologie!ohne!Wohlstandsverlust.!!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 4! Mit!exakt!derselben!Beteuerung!wartet!das!zweite!Entkopplungsszenario!auf,!nämlich!die! ökologische! Konsistenz.! Sie! bezweckt! im! Unterschied! zur! Effizienz! keine! quantitative! Reduktion!materieller!Inputs,!sondern!setzt!am!industriellen!Stoffwechsel!an.!So!sollen!nach! dem! Vorbild! der! Natur! alle! materiellen! Kreisläufe! geschlossen,! insbesondere! die! verwendeten!Substanzen,!Energieträger!und!Umwandlungsprozesse!perfekt!in!die!Ökologie! eingebettet!werden.!Was!biologisch!abbaubar!ist,!zerfällt!nach!seiner!Nutzung!buchstäblich! zu!neuer!Nahrung!für!die!Ökologie.!Auch!jenseits!organischer!Systeme!soll!dieses!Prinzip! angewandt!werden,!nämlich!als!technische!Rezyklierung.!Wenn!das!Design!aller!Produkte,! Technologien!und!Infrastrukturen!deren!rückstandslose!Demontage!und!Wiederverwendung! ermöglichen! würde,! entfiele! nicht! nur! jede! ökologische! Belastung,! sondern! es! entstünde! sogar!industrielle!Nahrung!für!neue!Wertschöpfung.!! Ein! derart! futuristisches! Ressourcenkarussell,! das! sich! schnell! genug! drehen! muss,! weil! andernfalls! kein! Wirtschaftswachstum! denkbar! wäre,! schluckt! viel! Energie.! Kein! Problem,! sagen! deren! Protagonisten,! denn! Wind,! Sonne,! Biomasse! und! Geothermie! sind! reichlich! vorhanden!und!ökologisch!konsistent,!weil!emissionsfrei.!! Die!Vermeidung!unerwünschter!Nebenfolgen!weiterer!Expansionsschübe!wird!so!an!einen! technischen!und!institutionellen!Fortschritt!delegiert,!der!mit!entsprechenden!Innovationen! aufwartet,!um!die!Entkopplung!zu!ermöglichen.!Und!da!diese!Innovationen!selbst!besonders! effektive! Wachstumstreiber! sind,! wie! spätestens! seit! Schumpeters! Darlegungen! zum! Innovationswettbewerb!als!Wesenszug!moderner!Marktwirtschaften!bekannt!ist,!gelingt!so! die!magische!Wandlung!eines!vormals!problematischen!in!ein!nunmehr!„problemlösendes! Wachstum“! (Lehner/SchmidtUBleek! 1990:! 10).! Der! damit! eröffnete! Erwartungshorizont! findet!sich!in!verheißungsvollen!Begriffen!wie!„doppelte!Dividende“!(vgl.!Bovenberg/Mooij! 1994;! Coulder! 1995),! „Doppelter! Wohlstand! –! halber! Naturverbrauch“! (von! Weizäcker/Lovins/Lovins! 1995),! „Dritte! (oder! etwa! schon! vierte?)! Industrielle! Revolution“! (Machnig!2007)!oder!„Green!New!Deal“!(Giegold!2009)!wieder.!! 2.*Wachstumsdämmerung** Allerdings! scheint! sich! diese! Entkopplungseuphorie! seit! neuestem! nicht! mehr! der! gewohnten! Einhelligkeit! zu! erfreuen.! Spätestens! mit! einer! sich! zum! Krisendreigestirn! gemauserten!Gemengelage! –!der!Klimawandel!dramatisiert! sich,! der!Ressourcenbasis!des! Wohlstandsmodells! droht! ein! „Peak! Everything“! (Heinberg! 2007)! und! die! Finanzwelt! durchlebt! ein! nie! da! gewesenes! Chaos! –! polarisiert! sich! der! Diskurs! um! eine! nachhaltige! Zukunftsperspektive.! Während! eine! Seite! die! Flucht! nach! vorn! antritt! und! sich! in! der! Beschwörungsrhetorik!einer!„Wachstumsbeschleunigung“!übt,!mehren!sich!andernorts!die! Anzeichen!für!eine!neue!Wachstumsdiskussion.!Längst!ist!die!Rede!von!einer! „Wirtschaft! jenseits!von!Wachstum“!(Daly!1999),!„La!decrescita!felice“!(Pallante!2005),!„Décroissance“! (Latouche!2006),!einer!„Postwachstumsökonomie“!(Paech!2008,!2009),!„Degrowth“!(Jackson! 2009),! einem! „Vorwärts! zur! Mäßigung“! (Binswanger! 2009),! einer! „Kulturrevolution! des! Alltags“! (Leggewie/Welzer! 2009),! einem! „Exit“! (Miegel! 2010)! aus! dem! Wachstumsdogma! oder! gar! einer! „Postwachstumsgesellschaft“! (Seidel/Zahrnt! 2010).! Was! spricht! für! eine! Überwindung!des!Wachstumsdogmas?!! ! !
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 5! 2.1*Der*geplatzte*Traum*vom*entkoppelten*Wachstums** Leider! lassen! sich! die! Axiome! der! Thermodynamik! auch! in! einer! noch! so! ausgeklügelten! DienstleistungsU!oder!Kreislaufwirtschaft!nicht!einfach!auszutricksen.!Besonders!anschaulich! wird! dies! anhand! des! Klimawandels.! Trotz! enormer! technischer! Fortschritte! sowohl! zur! Steigerung!der!Energieeffizienz!als!auch!zur!Nutzung!regenerativer!Energiequellen!nimmt!die! globale!CO2UBelastung!rasant!zu.!Dies!belegt!unter!anderem!eine!Studie!des!„Global!Carbon! Project“! (vgl.! Raupach! u.a.! 2007).! Hier! zeigt! sich,! dass! sowohl! die! Abnahme! der! Emissionsintensität! einer! Primärenergieeinheit! (ökologische! Konsistenz),! als! auch! die! Abnahme! des! Primärenergiebedarfs! pro! Wertschöpfungseinheit! (ökologische! Effizienz)! ins! Stocken!geraten!sind.!Anstelle!einer!Entkopplung!ist!vielmehr!das!genaue!Gegenteil,!nämlich! eine!ReUMaterialisierung!zu!beobachten.!Aber!selbst!während!vorangegangener!Phasen,!in! denen!ein!Entkopplungseffekt!feststellbar!war,!hat!dieser!nicht!annähernd!den!dramatischen! Anstieg!der!CO2UEmissionen!verhindern!können.!Die!klimapolitisch!notwendige!Verringerung! der!ProUKopfUEmission!auf!mittelfristig!zwei!bis!drei!Tonnen!pro!Jahr!scheint!in!weite!Ferne! gerückt!zu!sein.! Zuweilen!wird!behauptet,!dass!zumindest!in!Teilbereichen!eine!CO2USenkung!gelungen!sei.! Übersehen!werden!darf!jedoch!nicht,!dass!die!im!Zuge!der!wirtschaftlichen!Globalisierung! möglich! gewordene! Verlagerung! CO2Uintensiver! Wertschöpfungsstufen! zu! einer! optischen! Täuschung!führt:!Über!den!Konsum!von!Produkten!und!Dienstleistungen,!deren!teilweiser! Ursprung! in! Indien,! China! etc.! liegt,! werden! CO2UMengen! und! Ressourcenverbräuche! verursacht,! die! in! der! umweltökonomischen! Gesamtrechnung! schwer! zu! berücksichtigen! sind.! Selbst! erneuerbare! Energien! sind! für! sich! genommen! noch! kein! Beitrag! zur! Nachhaltigkeit,!wenn!sich!der!absolute!Energieverbrauch!nicht!zugleich!deutlich!reduziert,! also!fossile!Kraftwerke!abgeschaltet!werden.!! Bislang! wurden! Einsparerfolge! durch! Wachstumseffekte! kompensiert.! Effiziente! Geräte! finden!zwar!Verbreitung,!doch!zugleich!werden!beständig!größere!und!zusätzliche!Apparate! angeschafft.!Die!theoretische!und!empirische!Bearbeitung!aller!inzwischen!aufgedeckten!so! genannten! „ReboundUEffekte“! sprengt! angesichts! seiner! Komplexität! und! zunehmenden! Brisanz! den! Rahmen! des! vorliegenden! Beitrags.! Hier! kristallisiert! sich! bereits! eine! eigene! Theorie! des! systematischen! Scheiterns! der! Entkopplungsidee! heraus! (vgl.! Paech! 2005,! 2005a,!2009a).!! 2.2*Glück*und*Gerechtigkeit*wachsen*nicht*mit*der*Ökonomie** Die! so! genannte! „Glücksforschung“! nährt! die! Einsicht,! dass! eine! Erhöhung! des! ProUKopfU Einkommens! ab! einem! bestimmten! Niveau! keinen! weiteren! Zuwachs! an! subjektiv! empfundenem! Wohlbefinden! stiftet.! Eine! theoretische! Begründung! dieses! Befundes,! der! sich!für!alle!modernen!Konsumgesellschaften!empirisch!verifizieren!lässt!(vgl.!Layard!2005),! lieferte!bereits!der!amerikanische!Ökonom!Hirsch!(1980).!Demnach!ist!der!Konsumnutzen! vieler! Güter! symbolischer! oder! demonstrativer! Art,! beruht! also! auf! sozialem! Prestige,! Distinktion! (vgl.! Bourdieu! 1987)! oder! der! Zugehörigkeit! zu! einer! bestimmten! sozialen! Gruppe.! Derartige! „positionale! Güter“! sind! von! einem! Wettbewerb! geprägt,! „in! dem! es! grundsätzlich!um!einen!höheren!Platz!innerhalb!einer!expliziten!oder!impliziten!Hierarchie! geht! und! somit! Gewinne! für! einzelne! nur! durch! die! Verluste! von! anderen! möglich! sind“! (Hirsch!1980:!84).!!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 6! Folglich!ist!ein!immer!höherer!Konsumaufwand!vonnöten,!um!ein!bestimmtes,!keineswegs! steigerbares! Glücksempfinden! zu! behaupten:! Mit! jedem! Wachstumsschub! können! bestimmte!Konsumenten!ihren!Status!verbessern.!Insoweit!dies!zwangsläufig!zulasten!der! relativen! Position! anderer! geschieht,! wird! weiteres! Wachstum! stimuliert,! um! der! gesteigerten!Konsumnachfrage!der!zuvor!ins!Hintertreffen!Geratenen!zu!entsprechen,!die! ihren! Status! Quo! bewahren! wollen.! Diese! Rückkoppelung! –! Wachstum! erzeugt! die! Notwendigkeit! neuen! Wachstums! –! hat! weitere! Wirkungen,! insoweit! die! Lebenszufriedenheit! auch! auf! zwischenmenschlichen! Beziehungen,! der! Integrität! des! sozialen! Umfeldes,! Erfolg! und! Anerkennung! auf! Basis! eigener! Fähigkeiten,! Gesundheit,! Sicherheit! und! einer! als! intakt! empfundenen! Umwelt! gründet.! Eine! Glück! stiftende! Ausschöpfung!derartiger!Aspekte!erfordert!kein!Geld,!sondern!einen!anderen!Input,!nämlich! Zeit.! Andererseits! bedeutet! die! Finanzierung! eines! immer! höheren! materiellen! Lebensstandards!eine!Maximierung!der!Erwerbsarbeit.!Dies!zeigt!sich!unter!anderem!an!der! Etablierung!doppelt!erwerbstätiger!Haushalte.!Folglich!verbleibt!weniger!Zeit!für!bislang!in! Eigenarbeit! ausgeführte! Tätigkeiten,! wie! etwa! Kindererziehung,! Nahrungszubereitung,! die! Pflege!des!Haushalts!oder!eines!Gartens,!die!nun!ebenfalls!in!Fremdversorgungsleistungen! umgewandelt! und! finanziert! werden! müssen,! was! wiederum! abermals! den! Bedarf! an! monetär!entgoltener!Arbeit!erhöht.!! Wenn! Wachstum! nicht! ohne! ökologischen! Substanzverzehr! zu! haben! ist! und! obendrein! zumindest! in! prosperierenden! Konsumgesellschaften! kein! Zuwachs! dessen! beschert,! was! gemeinhin!„Glück“!genannt!wird,!sorgt!es!dann!wenigstens!für!eine!Milderung!von!Armut!(in! Entwicklungsländern)!und!Gerechtigkeitslücken?!! Ökonomisches! Wachstum! ist! eng! mit! den! Effizienzvorteilen! des! Freihandels! verbunden.! Durch! internationale! Arbeitsteilung! –! jedes! Land! spezialisiert! sich! auf! das,! was! es! am! kostengünstigsten!herstellen!kann!und!importiert!umgekehrt!die!Dinge,!welche!in!anderen! Ländern!billiger!produziert!werden!können!–!kann!insgesamt!mehr!produziert!werden,!als!in! einer!Welt,!deren!Länder!und!Regionen!sich!nur!mit!dem!versorgen,!was!sie!selbst!erzeugen! können.! Allerdings! bedarf! die! überregionale! Spezialisierung! eines! Strukturwandels.! Dieser! bringt! innerhalb! der! daran! beteiligten! Regionen! notwendigerweise! immer! Verlierer! und! Gewinner!hervor!(vgl.!Stolper/Samuelson!1941).!Das!auszugleichen!gelänge!nur!mittels!einer! Umverteilungspolitik,!um!deren!Vermeidung!willen!die!Wachstumsstrategie!jedoch!gerade! propagiert!wird.!Genau!deshalb!findet!eine!Umverteilung!der!Handelsgewinne!praktisch!nie! statt.!Es!stellt!also! nicht! den! geringsten! Widerspruch! dar,! dass! der! Reichtum! bestimmter! Gruppen!systematisch!mit!einer!Verschlechterung!der!Lebensverhältnisse!anderer!Gruppen! erkauft!wird!–!bei!gleichzeitiger!Steigerung!des!Bruttoinlandsproduktes.!! Wenn!etwa!der!Handel!mit!Indien!intensiviert!wird,!begünstigt!dies!einen!Strukturwandel,! der! dazu! führt,! dass! die! Ressourcen! des! Landes! verstärkt! in! jene! Branchen! transferiert! werden,!die!besonders!konkurrenzfähig!auf!dem!Weltmarkt!sind.!In!den!davon!betroffenen! Branchen! steigen! die! Gewinne! und! Arbeitnehmereinkommen.! Aber! durch! diese! Spezialisierung!verlieren!die!Branchen,!welche!weniger!konkurrenzfähig!sind,!an!Bedeutung.! Hier! werden! tendenziell! Ressourcen! abgezogen,! die! Produktion! eingeschränkt,! Arbeitnehmer! freigesetzt.! Wenn! nun! diese! sozialen! Effekte! nicht! dadurch! aufgefangen! werden,!dass!die!freigesetzten!Arbeitnehmer!in!den!boomenden,!meistens!modernen!und! tendenziell!wissensintensiven!Branchen!eine!Beschäftigung!finden!–!wie!sollen!Reisbauern! kurzfristig!zu!Programmierern!werden?!–!oder!durch!ein!halbwegs!funktionsfähiges!soziales! Sicherungssystem!gestützt!werden,!drohen!Verwerfungen.!!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 7! Selbst! wenn! alle! Arbeitskräfte! in! die! spezialisierte,! auf! den! Weltmarkt! ausgerichtete! Produktionsstruktur! integriert! werden! können,! verbleibt! ein! eklatantes! Problem,! nämlich! der! Verlust! jeglicher! „Daseinsmächtigkeit“! (Gronemeyer! 1988).! Die! Abkehr! von! der! Selbstversorgung! mag! dazu! verhelfen,! an! den! Effizienzvorteilen! der! industriellen! Arbeitsteilung!zu!partizipieren,!führt!jedoch!in!die!schicksalhafte!Abhängigkeit!von!globaler! Fremdversorgung.!Deren!Stabilisierung!hängt!von!Bedingungen!ab,!die!absehbar!nicht!mehr! erfüllt! werden! können.! Dazu! zählt! die! unbegrenzte! Verfügbarkeit! fossiler! Energieträger,! ohne! die! ein! weltweites! Transportsystem! nicht! denkbar! ist.! Weiterhin! können! sich! die! Folgen! eines! nicht! mehr! abwendbaren! Klimawandels! besonders! prägnant! auf! weltweite! WertschöpfungsU! und! Logistikketten! auswirken.! StarkregenU,! DürreU,! SturmU,! HochwasserU,! Flutereignisse! etc.! gefährden! mit! umso! höherer! Wahrscheinlichkeit! Wertschöpfungsprozesse,!je!größer!deren!geographischer!Radius!ist.!! Die! Stabilisierung! eines! Lebensstils,! der! vollständig! von! geldvermittelter! und! global! arbeitsteiliger! Fremdversorgung! abhängig! ist,! setzt! überdies! hinreichendes! Wachstum! voraus.! Mit! zunehmender! Spezialisierung! –! um! der! Ausschöpfung! von! Effizienzvorteilen! willen!–,!die!eine!immer!größere!Distanz!zwischen!Verbrauch!und!Produktion!bedingt,!steigt! die!Anzahl!der!dazwischen!liegenden!Wertschöpfungsstufen.!Deren!InvestitionsU!und!damit! Kapitalbedarf!trägt!zur!Notwendigkeit!ökonomischen!Wachstums!bei!(vgl.!Paech!2007).!! Je! höher! das! FremdversorgungsU! oder! Komfortniveau! ist,! umso! teurer! (notwendiges! Einkommen)! und! energieaufwändiger! (materielle! Basis! zur! Produktion)! ist! die! Aufrechterhaltung!dieser!Existenzform.!Individuelle!Schicksale!liegen!damit!zusehends!in!den! Händen!einer!nicht!mehr!steuerbaren!und!zu!Instabilitäten!neigenden!Weltwirtschaft.!Damit! rückt!eine!unausweichliche!Eskalation!immer!näher:!Einerseits!ist!das!System!auf!Gedeih!und! Verderb! von! Wachstum! abhängig,! andererseits! beraubt! sich! das! Wachstum! seiner! materiellen!Basis,!weil!es!nicht!von!Energie!und!anderen!Ressourcenverbräuchen!entkoppelt! werden! kann! (siehe! oben).! Die! soziale! Vulnerabilität! steigt! mit! dem! Grad! der! Fremdversorgung:! Um! Krisen! zu! verursachen,! reicht! bereits! ausbleibendes! oder! nicht! hinreichendes!wirtschaftliches!Wachstum.!! 2.3*Peak*Oil,*Peak*Soil,*Peak*Everything** Der! auf! permanenter! KonsumU! und! Mobilitätssteigerung! basierende! Lebensstil! moderner! Industriestaaten! speist! sich! aus! Rohöl! und! anderen! Ressourcen,! die! zu! Weltmarktpreisen! importiert! werden! müssen.! Mittlerweile! vollzieht! sich! in! ehemaligen! Entwicklungsländern! eine! „Konsumrevolution“! (Myers/Kent! 2005)! durch! eine! neu! entstehende! globale! Mittelschicht.! Mindestens! eine! Milliarde! „neuer! Konsumenten“! treibt! durch! zusätzliche! Güternachfrage!die!Rohstoffpreise!nach!oben.!Der!heftig!diskutierte!„Peak!Oil“!weitet!sich! längst!zum!„Peak!Everything“!(Heinberg!2007)!aus.!Hinzu!tritt!die!Verknappung!von!Flächen,! also!ein!veritabler!„Peak!Soil“.2!Jüngst!hat!eine!im!Auftrag!der!Bundeswehr!erstellte!Studie! für!Furore!gesorgt.!Ein!„ökonomischer!Tipping!Point“!(ZTransfBw!2010:!47)!bestehe!dort,!wo! infolge! des! Peaks! „die! Weltwirtschaft! auf! unbestimmbare! Zeit! schrumpft.! In! diesem! Fall! wäre!eine!Kettenreaktion!die!Folge,!die!das!Wirtschaftssystem!destabilisiert“!(ebd.).!Weiter! heißt! es! dort:! „Mittelfristig! bricht! das! globale! Wirtschaftssystem! und! jede! marktwirtschaftlich! organisierte! Volkswirtschaft! zusammen“! (ebd.:! 49).! Eine! auf! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2!So!lautete!ein!Schwerpunktthema!der!Fachzeitschrift!„Politische!Ökologie“!(Ausgabe!119,!März!2010).!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 8! „unbestimmte! Zeit! schrumpfende! Wirtschaftsleistung“! stelle! einen! „höchst! instabilen! Zustand!dar,!der!unumgänglich!in!einem!Systemkollaps“!ende.!Die!Sicherheitsrisiken!einer! solchen! Entwicklung! seien! nicht! abzuschätzen! (vgl.! auch! Welzer! 2008).! „Ein! hohes! systemisches!Risiko!ist!in!Anbetracht!des!Globalisierungsgrades!Deutschlands!also!auf!jeden! Fall! und! unabhängig! von! der! eigenen! Energiepolitik! gegeben“! (ZTransfBw! 2010:! 50).! Vor! diesem!Hintergrund!werden!LebensU!und!Versorgungsstile,!die!unabhängig!von!Wachstum! und! externer! Ressourcenzufuhr! stabilisierbar! sind! –! folglich! nur! auf! einer! reaktivierten! Balance!zwischen!lokaler!SelbstU!und!industrieller!Fremdversorgung!beruhen!können!–,!zum! reinen! Selbstschutz.! Dieser! Logik! scheint! sich! nicht! einmal! die! Bundeswehr,! wenngleich! strukturell! eher! für! andere! Lösungsansätze! prädestiniert,! verschließen! zu! können:! „Auf! gesellschaftlicher!Ebene!ist!(...)!auch!eine!Stärkung!von!Möglichkeiten!und!Fähigkeiten!zur! Selbstorganisation!von!Bürgern!auf!lokalem!Level!denkbar“!(ebd.:!77).! * Artikelherkunft* Auszug!aus:!Paech,!N.!(2011):!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie,! in:!Welzer,!Harald/Wiegandt,!Klaus!(Hg.):!Perspektiven!einer!nachhaltigen!Entwicklung!U!Wie! sieht!die!Welt!im!Jahr!2050!aus?,!Frankfurt/Main.! ! Über*den*Autor* ! apl.*Prof.*Dr.*Niko*Paech,!Jahrgang!1960,!ist!Volkswirtschaftler!und! seit!2008!außerplanmäßiger!Professor!am!Lehrstuhl!für!Produktion! und!Umwelt!(PUM)!an!der!Universität!Oldenburg.!2006!wurde!ihm! für! seine! Habilitationsschrift! der! KappUForschungspreis! für! Ökologische! Ökonomie! verliehen.! Er! ist! u.a.! Mitglied! im! wissenschaftlichen! Beirat! von! attacUDeutschland,! Agenda21U Beauftragter! der! Stadt! Oldenburg! und! seit! 2010! Vorsitzender! der! Vereinigung! für! Ökologische! Ökonomie! (VÖÖ).!Seine! Forschungsschwerpunkte! liegen! unter! anderem! in! den! Bereichen! der! Umweltökonomik,! der! Postwachstumsökonomik,! der! Konsumforschung,! der! Ökologischen! Ökonomie!und! der! Nachhaltigkeitsforschung.!! ! Verwendete*Literatur** Bello,!Walden:!DeUGlobalisierung.!Widerstand!gegen!die!neue!Weltordnung,!Hamburg!2005.! Binswanger,! Hans! –! Christoph:! Vorwärts! zur! Mäßigung.! Perspektiven! einer! nachhaltigen! Wirtschaft,!Hamburg!2009.! Bourdieu,!Pierre:!Die!feinen!Unterschiede,!Frankfurt!am!Main!1987.!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 9! Bovenberg,!Ary!Lans/Mooij,!Ruud!A.:!“Environmental!Levies!and!Distortionary!Taxation”,!The! American!Economic!Review,!Vol.!94/4,!1994,!S.!1085–1089.! Gigold,!Sven:!„Der!Green!New!Deal!–!Der!grüne!Pakt!mit!dem!Monster“,!Politische!Ökologie,! 27/118,!2009,!S.!42–44.!! Goulder,!Lawrence!H.:!“Effects!of!Carbon!Taxes!in!an!Economy!with!Prior!Tax!Distortions:!An! Intertemporal! General! Equilibrium! Analysis”,! Journal! of! Environmental! Economics! and! Management,!Vol.!29,!1995,!S.!271–297.!! Gronemeyer,!Marianne:!Die!Macht!der!Bedürfnisse,!Reinbek!1988.! Gross,!Peter:!Die!Multioptionsgesellschaft,!Frankfurt!am!Main!1994.!Heinberg,!Richard:!Peak! Everything:!Waking!Up!to!the!Century!of!Declines,!Gabriola!Island!2007.! Hirsch,!Fred:!Die!sozialen!Grenzen!des!Wachstums,!Reinbek!1980.! Jackson,!Tim:!Prosperity!without!Growth:!Economics!for!a!Finite!Planet,!London!2009.! Latouche,!Serge:!Le!pari!de!la!décroissance,!Paris!2006.! Layard,!Richard:!Die!glückliche!Gesellschaft,!Frankfurt!am!Main!2005.!! Leggewie,!Claus/Welzer,!Harald:!Das!Ende!der!Welt,!wie!wir!sie!kannten.!Klima,!Zukunft!und! die!Chancen!der!Demokratie,!Frankfurt!am!Main!2009.!! Machnig,! Matthias:! „Die! dritte! industrielle! Revolution“,! Vorgänge! –! Zeitschrift! für! Bürgerrechte!und!Gesellschaftspolitik,!Heft!3,!2007,!S.!71–82.!! Miegel,!Meinhard:!Exit!–!Wohlstand!ohne!Wachstum,!Berlin!2010.!! Myers,! Norman/Kent,! Jennifer:! „Die! neuen! Konsumenten! in! EntwicklungsU! und! Transformationsländern! und! der! Einfluss! ihres! Wohlstands! auf! die! Umwelt“,! Natur! und! Kultur,!6/1,!2005,!S.!3–22.!! Paech,! Niko:! Nachhaltiges! Wirtschaften! jenseits! von! Innovationsorientierung! und! Wachstum.!Eine!unternehmensbezogene!Transformationstheorie,!Marburg!2005.!! Paech,!Niko:!„Nachhaltigkeit!zwischen!Dematerialisierung!und!Ökologisierung:!Hat!sich!die! Wachstumsfrage!erledigt?“,!Natur!und!Kultur,!6/1,!2005,!2005a!,!S.!52–72.! Paech,!Niko:!„Woher!kommt!der!Wachstumszwang?“,!Gaia,!16/4,!2007,!S.!299!U!300.!! Paech,!Niko:!„Regionalwährungen!als!Bausteine!einer!Postwachstumsökonomie“,!Zeitschrift! für!Sozialökonomie!(ZfSÖ),!45/158U159,!2008,!S.!10U19.!
!I!|!Vom!grünen!Wachstumsmythos!zur!Postwachstumsökonomie! ! ! 10! Paech,! Niko:! „Die! Postwachstumsökonomie! –! ein! Vademecum“,! Zeitschrift! für! Sozialökonomie!(ZfSÖ),!46/160–161,!2009,!S.!28–31.! Paech,! Niko:! „Wachstum! light?! Qualitatives! Wachstum! ist! eine! Utopie“,! Wissenschaft! &! Umwelt!Interdisziplinär,!13/2009a,!S.!84–93.! Pallante,!Maurizio:!La!decrescita!felice.!La!qualità!della!vita!non!dipende!dal!PIL,Roma!2005.!! Raupach,! Michael! R.! u.a.:! “Global! and! Regional! Drivers! of! Accelerating! CO2! Emissions”,! Proceedings! of! The! National! Academy! of! Sciences! of! the! USA,! 104/24,! 2007,! S.! 10288– 10293.!! Samuelson,!Paul!A.:!“Where!Ricardo!and!Mill!Rebut!and!Confirm!Arguments!of!Mainstream! Economists!Supporting!Globalization”,!The!Journal!of!EconomicPerspectives,!18/3,!2004,!S.! 135–146.!! Sen,!Amartya:!Poverty!and!Famines.!An!Assay!on!Entitlement!and!Deprivation,!Oxford!1982.!! Simmel,!Georg:!Philosophie!des!Geldes,!Köln!1929.!! Stolper,!Wolfgang!F./Samuelson,!Paul!A.:!“Protection!and!Real!Wages”,!Review!of!Economic! Studies,!9,!1941,!S.!58–73.! Weizsäcker,! Ernst! Ullrich! von/Lovins,! Amory! B./Lovins,! Hunter! L.:! Faktor! vier.:! Doppelter! Wohlstand!–!halbierter!Naturverbrauch,!München!1995.! Welzer,! Harald:! Klimakriege.! Wofür! im! 21.! Jahrhundert! getötet! wird,! Frankfurt! am! Main! 2008.! Zentrum!für!Transformation!der!Bundeswehr!(ZTransfBw):!Peak!Oil!–!Sicherheitspolitische! Implikationen!knapper!Ressourcen,!Strausberg!2010.!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 17! gegen! die! hohen! Raten! Chinas! oder! Indiens! ausgespielt.! Unbedacht! bleiben! dabei! die! unterschiedlichen! absoluten! Wachstumsgrößen! aufgrund! unterschiedlicher! Dauer! des! Wachstums!und!somit!unterschiedlicher!Ausgangswerte.!Beispielsweise!entsprach!2009!ein! zehnprozentiges! ProUKopfUWachstum! des! Bruttoinlandsprodukts! (BIP)! in! China! mengenmäßig! einem! 0,9Uprozentigen! ProUKopfUWachstum! in! Deutschland! (rund! 367! USU Dollar).! Exponentielles+ Wachstum+ in+ der+ Wirtschaft+ bildeten+ Meadows+ et+ al.+ (1972)+ über+ die+ Industrieproduktion,% also% das% Angebot% ab.% Die% Argumentation:% Die% Produktion% von% Investitionsgütern, fördere, die, Produktion, insgesamt, und, damit, den, Gewinn;, von, diesem, fließe&wieder&ein&Teil&in&Investitionsgüter,&was&die&Produktion&weiter&ankurbele&(Meadows&et& al.! 1972,! S.!31).% Die% Abnutzung% von% Investitionsgütern% verursache% zwar% eine% negative% Rückkopplung,,doch,diese,falle,geringer,aus,als,die,positive.,Eine,von,Meadows,et,al.,nicht, berücksichtigte, Rückkopplung,, die, Wachstumsraten, abnehmen, lässt,, ist, die, Sättigung, der, Nachfrage,!die!Keynes!bereits!1943!voraussah.! Ein$ Antrieb$ für$ ein$ exponentielles$ Wirtschaftswachstum,$ den$ Meadows$ et$ al.$ nicht$ einrechneten,!weil!sie!ihn!ignorierten,!ist!dagegen!das!Geld:!„Unser!Schwerpunkt!liegt!auf! der!materiellen!Wirtschaft,!den!realen"Dingen,"für"welche"die"Grenzen"der"Erde"gelten,"nicht" auf$ der$ Geldwirtschaft;$ diese$ ist$ eine$ gesellschaftliche$ Erfindung,$ die$ die$ physikalischen$ Gesetze&unseres&Planeten&unberücksichtigt&lässt“&(Meadows&et&al.&2006,&S.37).&Zweifellos&ist& Geld!eine!gesellschaftliche*Erfindung*und*berührt*nicht*die*physikalischen*Gesetze.*Aber*es* übt$einen$zentralen$Einfluss$ auf$Umfang$und$Wachstum$der$wirtschaftlichen$ Aktivität$ und$ damit!des!MaterialU!und!Energieverbrauchs!aus!(Binswanger!1985,!2006),!denn!Geld!stellt! einen!Anspruch! auf! eine! Leistung! dar,! die! fast! immer! –! auch! bei! Dienstleistungen! –! eine! materielle!Komponente!besitzt.!Die!Menge!des!Geldes!beeinflusst!folglich!den!Umfang!der! Wirtschaftstätigkeit.! Und! diese! Geldmenge! wächst! exponentiell,! unter! anderem! weil,# wie# Binswanger*(2006)*zeigt,*die*Produktionsmenge*stetig*steigen*muss,*um*die*Verzinsung*des* im# Unternehmen# eingesetzten# EigenU!und$ Fremdkapitals$ zu$ erwirtschaften$ und$ die$ Renditeerwartungen, von, Aktieneigentümern, zu, erfüllen;, in, der, Konsequenz, wachsen! Produktion* und* Geldmenge* parallel.* Deshalb* wird* die* Begrenzung* des* Geldmengenwachstums/von/verschiedenen/Autoren/(etwa/Binswanger/2006,/Daly/und/Cobb/ 1994)% als% zentral% für% die% Begrenzung% des% Wirtschaftswachstums% und% damit% der% Umweltnutzung!erachtet.! Wachsende*Wirtschaft*–*wachsende*Umweltbelastung* Meadows(et(al.(verfügten(Anfang(der(1970er(Jahre(über(relativ(wenig(empirische(Daten(zu( ökologischen, und, sozialen, Wirkungen, der, Wirtschaftstätigkeit, für, ihr, Weltmodell,, um, Projektionen* über* künftige* Auswirkungen) der) zunehmenden) Wirtschaftstätigkeit) und) ihre) Folgen' für' die' Umwelt' empirisch' abzustützen.' Dieser' Sachverhalt' lieferte' hinreichend' Ansatzpunkte+für+Kritik+von+ökonomischer+Seite+(zum+Beispiel+Nordhaus+1973).+Tatsächlich+ aber! konnte! Turner! (2012)# mit# Datenmaterial# für# den# Zeitraum# von# 1970# bis# 2010# das# Standardszenario!von!Meadows!et!al.!(1972)!empirisch!bestätigen.! Die! beobachtete! Korrelation! zwischen! Wirtschaftswachstum! und! Umweltverbrauch! widerlegt!weitgehend!die!Theorie!der!EnvironmentalUKuznetsUKurve!(dazu!Binswanger!et!al.! 2005,!Mills% und% Waite% 2009),% die% besagt,% dass% mit% zunehmendem% BIP% zunächst% die% Umweltbelastung-steigt,-dann-aber-wieder-sinkt,-beispielsweise,-weil-mehr-Ressourcen-für-
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 18! Umweltschutz, zur, Verfügung, stehen,! Technologien! verbessert! werden! und! das! Umweltbewusstsein!zunimmt.!Eine!solche!Reduktion!der!Umweltbelastung!lässt!sich!derzeit! aber!kaum!beobachten.! Damit! ist! jedoch! die! Hypothese! noch! nicht! widerlegt,! Wirtschaftswachstum! und! Umweltbelastung!ließen!sich!prinzipiell!entkoppeln.!Meadows!et!al.!äußern!sich!in!Bezug!auf! eine! solche! Entkopplung! skeptisch:! „Im! Prinzip! lässt! sich! (durch! technische! oder! andere! Mittel)!der!ökologische!Fußabdruck!aller!menschlichen!Aktivitäten!rasch!genug!verringern,! um!weiteres!Wachstum!von!Bevölkerung!und!Industriekapital!zu!ermöglichen.!Wir!glauben! allerdings!nicht,!dass!dies!in!der!Praxis!gelingen!wird.!Beobachtungen!aus!aller!Welt!zeigen! (…),! dass! dieser! Fußabdruck! noch! nicht! ausreichend! verkleinert! wird.! Vielmehr! wächst! er! weiter,!wenn!auch!langsamer!als!die!Wirtschaft“!(2006,!S.!48).!! Zwei%wesentliche%Gründe,%warum%eine%absolute%Entkopplung%bisher%nicht%in%Sicht%und%auch% insgesamt! unwahrscheinlich! ist,! sind! einerseits! der! ReboundUEffekt,! der! bewirkt,! dass! die! tatsächliche! EnergieU!und$ Ressourceneinsparung$ bei$ Effizienzsteigerungen$ unter$ anderem$ durch& veränderte& Nutzungsmuster& geringer& ausfällt,& als& dies& technisch& möglich& wäre& (zum& Beispiel' Maxwell' et' al.' 2011),' und' andererseits' die' Tatsache,' dass' bei' der' zukünftigen' Energiegewinnung% der% sogenannte% EROEI% (Verhältnis% von% energy% returned% on% energy% invested))zunehmend)sinkt)(Murphy)und)Hall)2010,)Turner)2012),)weil)es)aufwendiger)wird,) Energie' zu' gewinnen.' Entsprechend' brachten' bisherige' Bemühungen' um' eine' verbesserte' RessourcenU! und$ Energieeffizienz$ keine$ absolute$ Entkopplung$ des$ Verbrauchs$ vom$ Wirtschaftswachstum.. Darauf. erwidern. die. Befürworter. der. RessourcenU! und! Energieeffizienz,!eine!wirkliche!Effizienzrevolution!sei!noch!nie!ernsthaft!versucht!worden,! vor! allem! weil! höhere! Ressourcenpreise! und/oder! eine! Begrenzung! des! Ressourcenverbrauchs! durch! politische! Mengenfestlegungen! (caps)! bislang! nicht! durchgesetzt!worden!seien!(Meyer!2010,!S.!169).!In!der!Tat,!seit!den!1990er!Jahren!werden! Forderungen!nach!einer!Internalisierung!externer!Kosten!und!einer!adäquaten!Erhöhung!der! Ressourcenpreise!abgelehnt!oder!verwässert.!Zentrales!Argument!dabei!ist,!sie!schadeten! dem!Wirtschaftswachstum.! Die! Orientierung! am! Wirtschaftswachstum! reduziert! auch! die! Möglichkeiten! der! Umweltentlastung! durch$ eine$ entsprechende$ Verbraucherpolitik.$ Denn$ diese$ beschränkt$ sich% bislang% auf% den% Konsum% effizienter% Produkte,% während% die% Förderung% suffizienter% Lebensstile)(die)sich)beispielsweise)durch)die)Merkmale)Genügsamkeit,)Bescheidenheit)und) Achtsamkeit! auszeichnen)! unterbleibt,! weil! diese! dem! Wachstumsparadigma! entgegenstehen!(BUND!et!al.!2009,!Paech!2010).! Hohes*Wirtschaftswachstum*–*ein*historisches*Phänomen* Meadows! et! al.! gingen! als! Systemanalytiker! davon! aus,! dass! verbreitete! und! lange! andauernde! Muster! eines% Systems% ihre% Ursache% in% Rückkopplungsstrukturen% des% Systems% haben.! „Solange! diese! Systemstruktur! nicht! verändert! wird,! kann! sich! auch! das! Verhaltensmuster! nicht! grundsätzlich! ändern“! (2006,! S.! 43).Worin! besteht! die! Systemstruktur,!die!Wirtschaftswachstum& hervor& bringt& und& unterhält?& Hier& erscheint& uns& ein$historischer$Rückblick$sinnvoll.! Das!zunächst!geringe!Wirtschaftswachstum!seit!Beginn!des!20.!Jahrhunderts!erfuhr!in!den! Industrieländern! nach! dem! Ende! des! zweiten! Weltkriegs! einen! starken! Wachstumsschub.!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 19! Diesen!Wachstumsschub!sowie!seine!Ursachen!und!Konsequenzen!bezeichnet!Pfister!(1994)! als! „1950erUSyndrom“.! Pfister! argumentiert,! dass! aufgrund! industriegesellschaftlicher! Entwicklungen!in! der!USUamerikanischen!Vorkriegsära! („fordistische!Konsumgesellschaft“),, der$Erschließung$billiger$Ölquellen$sowie$des$notwendigen$Wiederaufbaus$nach$dem$Krieg$ der$ RessourcenU," der" EnergieU!und$ der$ Umweltverbrauch$ rasant$ zunahmen.$ In$ dieser$ Nachkriegsphase, setzten, gemäß, Hicks, (Nobelpreis, für, Ökonomie, 1972), Wachstumsbezogenheit!und!Ufixierung!der!Wirtschaft!ein.!Er!schrieb!1966:!„It!is!not!by!any! means!necessary!that!economics!should!be!growthUminded.!I!can!indeed!myself!remember!a! time!it!was!not!growthUminded!at!all“!(S.!257).!Zu!den!Themen!und!Zielen,!die!Ökonomen!in! den!1920er!Jahren!bewegten,!stellt!er!fest:!„Nothing!about!it!having!a!high!growth!rate!!(…)! We! were! quite! happy! to! be! static! in! most! of! our! economics“! (S.! 257,! Hervorhebung! im! Original).!! Vor! dem! Hintergrund! von! hohen! Wachstumsraten! und! neuer! Wachstumsorientierung! bauten! die! westlichen! Länder! in! den! 1950er! Jahren! ihre! GesellschaftsU! und! Wirtschaftsordnungen!neu!auf:!soziale!Sicherungssysteme,!Steuersystem,!GeldU,!FinanzU!und! Kreditwesen,!BetriebsU! und! Unternehmensverfassungen,! Finanzverfassung! et!cetera.!Doch! seit!den!1960er!Jahren!begannen!in!den!westlichen!Ländern!die!jährlichen!Wachstumsraten! kontinuierlich! zu! sinken! –! bis! auf! unter! ein! Prozent! pro! Kopf! im! letzten! Jahrzehnt! (s.! Abbildung!2).!! ! ! Abbildung*2:!Rückläufige!Wachstumsraten+des+Bruttoinlandsprodukts+(BIP)+pro+Kopf+seit+den+1960er+ Jahren' in' Zehnjahresschritten' (Durchschnittswerte' der' Dekaden)' für' die' Europäische' Union' und' verschiedene! Länder.! Quelle:! AMECO,! http://ec.europa.eu/economy_finance/ameco/user,! in! Anlehnung!an!Reuter!(2010,!Abbildung!2,!S.!89).! ! Einen% Übergang% in% eine% Gesellschaft% ohne% Wachstum% hatte% Keynes% bereits% 1943% vorausgesehen+ (Reuter+ 2010).+ Keynes+ (1998)+ prognostizierte+ für+ die+ Nachkriegszeit+ drei+ wirtschaftliche, Phasen:, Zunächst, bestünden, ein! hoher! Investitionsbedarf,! eine! hohe! Konsumnachfrage,!ein!geringes!Sparniveau!und!Inflationstendenzen.!In!der!zweiten!Phase! sei!ein!Großteil!der!Investitionen!getätigt,!der!Konsum!steige!weiter!an.!In!der!dritten!Phase!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 20! schließlich! sei! „die! Investitionsnachfrage! soweit! gesättigt,! dass! sie! nicht! mehr! auf! das! angezeigte! Sparniveau! angehoben! werden! kann,! ohne! sich! auf! verschwenderische! oder! unnötige! Unternehmungen! einzulassen“! (S.160).! In! dieser! Phase,! die! Keynes! „goldenes! Zeitalter“!nennt,!„wird!(es)!notwendig,"sinnvollen"Konsum"zu"fördern,"Sparen"zu"missbilligen" –!und$einen$Teil$des$unerwünschten$Überangebots$durch$vermehrte$Freizeit$zu$absorbieren,$ mehr%Urlaub%(welches%ein%wunderbar%angenehmer%Weg%ist,%Geld%loszuwerden)%und%kürzere% Arbeitszeiten“!(S.!162).! Ähnliches,* wenn* auch* weniger* systematisch* ausgearbeitet,* findet* sich* bei* Ludwig* Erhard,* Mitbegründer+ der+ sozialen+ Marktwirtschaft,+ Wirtschaftsminister,+ Bundeskanzler+ der+ deutschen!Nachkriegszeit!und!„Vater!des!deutschen!Wirtschaftswunders“.!Er!prognostizierte$ 1957%in%Wohlstand%für%Alle:%„Mit%steigender%Produktivität%und%mit%der%höheren%Effizienz%der% menschlichen)Arbeit)werden)wir)einmal)in)eine)Phase)der)Entwicklung)kommen,)in)der)wir) uns$ fragen$ müssen,$ was$ denn$ eigentlich$ kostbarer$ oder$ wertvoller$ ist:$ Noch% mehr% zu% arbeiten( oder( ein( bequemeres,( schöneres( und( freieres( Leben( zu( führen,( dabei( vielleicht( bewußt'auf'manchen'güterwirtschaftlichen'Genuß'verzichten'zu'wollen.'Ich'glaube'jedoch,' daß!wir!,so!weit‘!noch!nicht!sind.!Es!wird!wohl!noch!einige!Zeit!vergehen,!bis!wir!uns!mit! dieser!Frage!ehrlich!auseinanderzusetzen!reif!sind“!(S.230,!Hervorhebungen!im!Original).! Gründe*für*Wachstumsfixierung*und*Wachstumsabhängigkeit* Trotz! hohem! Wohlstandsniveau,! zahlreichen! negativen! Wirkungen! von! Wirtschaftswachstum!und$fundierter$wissenschaftlicher$Kritik$halten$Politik,$Wirtschaft$und$ Gesellschaft*am*Ziel*des*Wirtschaftswachstums*fest.*Einen*wesentlichen*Grund*dafür*sehen* wir! darin,! dass! ausbleibendes! Wirtschaftswachstum! zentrale! gesellschaftliche! und! ökonomische! Subsysteme! in! Bedrängnis! bringt,! weil! diese! Bereiche! –! so! wie! sie! heute! gestaltet! sind! –! existenziell! auf! Wirtschaftswachstum! angewiesen! sind.! Besonders! wachstumsabhängig! erscheinen! uns! die! Systeme! Gesundheitswesen,! Alterssicherung,! Arbeitsmarkt,! Konsum,! Verteilungsgerechtigkeit,! Unternehmen,! vor! allem! börsennotierte! Aktiengesellschaften,!Banken!und!Finanzmärkte!sowie!Staatsfinanzen.!Dabei!ist!zu!beachten,! dass! die! Subsysteme! miteinander! verbunden! sind,! sich! Wachstumsabhängigkeiten! und! U effekte! deshalb! verstärken) und) Einzelmaßnahmen) sich) an) anderen) Stellen) auswirken) können.& Eine& Gefährdung& der& genannten& Subsysteme& würde& politische,& ökonomische& und& soziale!Unzufriedenheit! und!Unruhe!aus! lösen,!was! jede!Politikerin!und! jeder!Politiker! zu! vermeiden!versuchen!wird.!Im!Folgenden!zeigen!wir!kurz!die!Wachstumsabhängigkeit!der! ersten!vier!genannten!Subsysteme!auf.2! Das! Gesundheitswesen!ist$ einer$ der$ wenigen$ verbliebenen$ Wachstumssektoren$ mit$ einer$ Wachstumsrate,, die, über, jener, des, BIP, liegt.3!Künftig( dürften( die! Gesundheitsausgaben! aufgrund! von! Zivilisationskrankheiten,! medizinischUtechnischem! Fortschritt! und! demografischem! Wandel! weiter! steigen.! An! Wachstum! interessiert! sind! viele! am! Gesundheitswesen! beteiligte! Bereiche! (wie! PharmaU! und! Medizinalindustrie,! Ärzteschaft,* !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2!Ausführlicher!zu!den!einzelnen!Bereichen!in!Seidl!und!Zahrnt!(2010).! 3!Jährliche!Wachstumsrate!der!realen!ProUKopfUGesundheitsausgaben!1997!bis!2007:!Österreich:!2,6!Prozent,! Schweiz:! 2,3! Prozent,! Deutschland:! 1,7! Prozent.! Der! Anteil! der! Gesundheitsausgaben! am! BIP! beträgt! in! Österreich,!der!Schweiz!und!Deutschland!je!rund!elf!Prozent!(OECD!2009a).!Die$öffentliche$Hand$beteiligt$sich$ an# den# Kosten# des# Gesundheitswesens# in# Deutschland# (2006)# mit# 17# Prozent# (Böhm# und# Müller# 2009,# Abbildung!6),!in!der!Schweiz!(2009)!mit!19!Prozent!(BFS!2012).!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 21! Krankenhausträger- und- teilweise- Krankenkassen).- Bleibtdas- Wachstumaus,- sind- Beitragserhöhungen- fürdie- Prämienzahler- und- dieöffentliche- Handpolitisch- schwererdurchsetzbar.!Einschnitte!im!Leistungskatalog!erscheinen!ähnlich!konfliktträchtig.! Die! beiden! großen! Modelle! gesellschaftlicher! Alterssicherung!–!das$ UmlageU!wie$ das$ Kapitaldeckungsverfahren3 –!sind% auf% Wirtschaftswachstum% angewiesen.% Darüber% hinaus% erfordern!die!älter!werdende!Gesellschaft!und!die!steigende!individuelle!Lebenserwartung" zukünftig* zusätzliche* Finanzmittel.* Dabei* wäre* das* Umlageverfahren* nicht* vom* Wirtschaftswachstum! abhängig,! fände! eine! reine! Umlage! von! der! ErwerbstätigenU! zur! Rentnergeneration!statt.!Doch!weil!diese!Umlage!variable!und!sinkende!Renten!bedeuten! könnte! und! die! Politik! meist! mindestens! stabile! Renten! verspricht,! ist! auch! das! Umlageverfahren! auf! Wirtschaftswachstum! angewiesen.! Ein! staatliches! Interesse! an! Wirtschaftswachstum! besteht! auch! deshalb,! weil! in! das! Umlageverfahren! öffentliche! Haushaltsgelder! fließen.4! Definitiv! abhängig! vom! Wirtschaftswachstum! ist! das! Kapitaldeckungsverfahren,! weil! es! mit! Kapitalerträgen! arbeitet! („Kapitalmarkt! als! Beitragszahler“).5! Die! Bedeutung! von! Wirtschaftswachstum! zeigt! sich! etwa! deutlich! am! Schweizer!System!der!Pensionskassen:$Langfristig$wird$eine$Kapitalrendite$von$4,6$Prozent$ angestrebt,*doch*zwischen*2006*und*2010*wurde*nur*eine*Rendite*von*1,1*bis*1,7*Prozent* erreicht' (Swisscanto' 2011).' Entsprechend' verfügen' die' Pensionskassen' aktuell' nicht' über' ausreichend!Kapital,!um!ihren!zugesagten!Verpflichtungen!nachzukommen.! Arbeitsmarkt:!Ein$ zentrales$ Argument$ für$ Wirtschaftswachstum$ ist$ die$ Schaffung$ und$ Sicherung!von!Arbeitsplätzen.!Doch!dies!gelingt!mit!Wachstum!nicht!per!se,!liegt!doch!die! Beschäftigungsschwelle!bei!1,1!bis"2,4"Prozent"Wachstum"(Schirwitz"2005;"für" die"Schweiz" gemäß! Credit! Suisse! 2009! bei! 1,8! Prozent).! Liegt! das! Wachstum! darunter,! so! steigt! die! Arbeitslosenquote,! vor! allem! aufgrund! von! Fortschritten! in! der! Arbeitsproduktivität.! Wichtige! Rahmenbedingungen! für# die# Höhe# der# Beschäftigungsschwelle# sind# das# Preisverhältnis! der! Produktionsfaktoren! Arbeit! und! Energie! sowie! die! Art! der! Wachstumseffekte,! die! mit! dem! Einsatz! dieser! Produktionsfaktoren! verbunden! sind! (Brunnhuber! und! Grahl! 2006):! Weil! diese! Wachstumseffekte% beim% Einsatz% von% Energie% deutlich) höher) sind) als) beim) Einsatz) von) Arbeit) und) Energie) zugleich) günstig,) Arbeit) aber) teuer%ist,%wird%Arbeit%durch%Energie%substituiert.%Eine%ausreichende%Zahl%an%Arbeitsplätzen%ist% aber% ausschlaggebend% für% die% Einkommenssicherung,+ als+ Quelle+ für+ Steuern+ und+ Sozialversicherungsbeiträge,4 für4 eine4 ausreichende4 Konsumnachfrage4 –!die$ wiederum$ wichtige(Grundlage(für(Wachstum(ist(–!und$schließlich$für$sozialen$Frieden.$! Konsum!ist$ ein$ zentraler$ Faktor$ für$ Wirtschaftswachstum.& Dies& zeigen& die& genaue& wirtschaftspolitische. Beobachtung. des. Konsumklimas. als. Wirtschaftsbarometer. und. die. verbreiteten( Maßnahmen( zur( Ankurbelung( der( privaten( Nachfrage,( zum( Beispiel( über( SteuerU!oder!Zinssenkungen.!Von!Unternehmensseite!wird!die!Nachfrage(angekurbelt(durch( die$ Schaffung$ neuer$ Bedürfnisse,$ neuer$ Produkte$ und$ neuer$ Moden$ sowie$ durch$ den$ „geplanten!Verschleiß“!(Produkte!mit!von!vornherein!begrenzter!Haltbarkeit).!Letzterer!wird! seit! der! globalen! Wirtschaftskrise! der! Jahre! 1929! bis! 1932! systematisch! in! den! USA,! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 4!Bundesanteil!an! den!deutschen! Rentenversicherungsausgaben:!32!Prozent!(Deutscher! Bundestag!2009,! S.! 88);!Bundesanteil!an!der!Schweizer!AltersU!und!Hinterbliebenenversicherung!(AHV):!19!Prozent!(Bruchez!und! Matter!Schaffner!2011).! 5!Die!Bedeutung!dieses!Verfahrens!variiert:!In!der!Schweiz!beträgt!das!angesparte!Kapital&der&Pensionskassen& 112#Prozent#des#BIP,#in#Deutschland#und#Österreich#fünf#Prozent#(OECD#2009b).!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 22! mittlerweile! auch! weltweit! eingesetzt,! um! die! Absatzmöglichkeiten! von! Unternehmen! zu! erhöhen! (Slade! 2007).! Konsum! ist! also! ein! zentraler! Motor! des! Wirtschaftswachstums,! umgekehrt! bedarf! die! Konsumindustrie! des! Wirtschaftswachstums,! um! expandieren! zu! können.! Davon! profitiert' auch' die' konsumgüternahe% Investitionsgüterindustrie.% Hoher% Konsum!wiederum!schafft!Arbeitsplätze!und!Steuereinnahmen!und!sichert!Beiträge!zu!den! Sozialversicherungen.! Die! existenzielle! Wachstumsabhängigkeit! zentraler' Subsysteme' westlicher' Gesellschaften' begründet) deren) Wachstumspolitiken.) Diese) reichen) in) zahlreiche) Gesellschaftsbereiche) hinein,!wie!ein!Blick!auf!wachstumspolitische!Ziele!und!Maßnahmen!zeigt.!Die!Abbildung!3! listet! Ziele! der! LissabonUStrategie! der! Europäischen! Union! von! 2000! auf,! die! im! Folgejahrzehnt! eine! durchschnittliche! Wachstumsrate! von! drei! Prozent! generieren! sollte! (Europäisches!Parlament!2000).6! ! ! Abbildung*3:!Ausgewählte!Ziele!der!LissabonUStrategie! Ansätze*zur*Überwindung*der*Wachstumsabhängigkeit* !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 6!Zu#den#wachstumspolitischen#Zielen#und# Maßnahmen#des#Schweizer#Wachstumspakets#2004,#mit#dem#die# Wachstumsschwäche, der, 1990er, Jahre, überwunden, sowie, die! damaligen! schwachen! Wachstumsaussichten! verbessert!werden!sollten,!siehe!seco!(2004).!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 23! Um!das!permanente!Wachstum!zu!reduzieren!und!zu!stoppen,!empfahlen!Meadows!et!al.! 1972!vor!allem,!das!Wachstum!der!Bevölkerung!und!des!Industriekapitals!zu!beschränken.!In! „Die!neuen!Grenzen!des!Wachstums“!von$1992$(Meadows$et$al.1992)$und$im$Update$nach$ 30#Jahren#(Meadows#et#al.#2006)#fordern#die#Autor(inn)en#nach#der#landwirtschaftlichen#und# industriellen* Revolution* eine* neue* Menschheitsrevolution.* Diese* müsse* zu* einer* nachhaltigen*Gesellschaft*führen.*Dazu!seien!entsprechende!Visionen!zu!entwickeln!und!zu! realisieren,! Netzwerke! aufzubauen,! die! Wachstumsproblematik! offen! und! ehrlich! anzusprechen! und! zu! vermitteln! sowie! Lernbereitschaft! und! Nächstenliebe! zu! entwickeln! (Meadows!et!al.!2006,!S.!275–294).! Wir" gehen" davon" aus," dass" die" Politik" erst" dann" von" der" Wachstumsfixierung" und" Upolitik' abrücken) wird,) wenn) die) genannten) Subsysteme) so) umgestaltet) werden,) dass) sie) vom) Wachstum)unabhängig)sind.)Um)die)Bedingungen)für)entsprechendes)politisches)Handeln)zu) benennen,% scheint% uns% das% Erklärungsmodell% des% Politologen% J.W.% Kingdon% (2003)% aufschlussreich., Demnach, müssen, für, politische, Entscheidungen, drei, sogenannte, Ströme, (streams)! zusammenkommen.! Erstens! muss! ein! Problem! die! Aufmerksamkeit! der! Politik! haben! und" es" muss" definiert" und" kategorisiert" sein." Zweitens" muss" das" Thema" auf" der" Agenda' der' Regierung' stehen,' unterstützt' von' politischen' Akteuren,' Medien' und' Lobbygruppen., Drittens, müssen, politische, Entscheidungsvorlagen,, Ideen, und, erfolgversprechende! Konzepte! vorhanden! sein,! getragen! von! Personen,! die! politisch! zu! handeln!bereit!sind.!Kommen!diese!drei!Ströme!zusammen,!wird!die!Entscheidungsagenda! strukturiert!und!es!erfolgen!politische!Entscheidungen!und!deren!Implementierung.7! Am!Beispiel!der!Energiepolitik!mag!das!Modell!von!Kingdon!bestätigt!werden:!Der!Ausstieg! aus! der! Kernenergie! und! die! Zielsetzung,! den! Anteil! erneuerbarer! Energien! massiv! auszubauen,!hatten!in!Deutschland!und!der!Schweiz!nur!deshalb!politische!Chancen,!weil! seit!vielen!Jahren!eine!breite#gesellschaftliche#Debatte#zur#Energiepolitik#stattfindet,#Akteure# dieses% Thema% –!mit$ Rückenwind$ von$ Klimawandel,$ peak$ oil$ und$ zuletzt$ Fukushima$ –!auf$ Entscheidungsagendenbrachten- undschließlich- zahlreiche- Konzepte- und- Erfahrungen- füreinen! technisch! und! gesellschaftlich! machbaren! Atomausstieg! und! Ausbau! erneuerbarer! Energien!vorlagen.! Im# dritten# Punkt# von# Kingdons# Modell# scheint# für# die# hier# diskutierte# Thematik# eine# besondere! Herausforderung! zu! liegen:! Wie! kommen! wir! zu! politischen! Entscheidungsvorlagen,! Ideen! und! Konzepten,! aufgrund! derer! die! wachstumsabhängigen! Subsysteme!wachstumsunabhängig!werden!können?!Schon!Keynes!und!Erhard!deuteten!an,! dass! eine! Postwachstumsgesellschaft! große! Umgestaltungsaufgaben! mit! sich! bringt.! Und! auch! aktuell! sehen! Autor(inn)en) eine) „große) Transformation“) als) Voraussetzung) für) eine) notwendige!Reorientierung!von!Gesellschaft!und!Ökonomie!(zum!Beispiel!Haberl!et!al.!2011,! WBGU!2011).!Parallel!zu!diesen!Forderungen!nach!grundlegender!Veränderung!scheinen!uns! die! zahlreichen! Experimente,! Initiativen! und! Erfahrungen! –! zunächst! meist! in! Nischen! –! wichtige! Ansatzpunkte! zur! Veränderung! der! relevanten! Subsysteme! zu! sein.! Erst! die! Erfahrungen! aus! Modellprojekten! und! die! erfolgreiche! Umsetzung! von! konkreten! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 7!Nach%unserer%Einschätzung%gab%es%in%den%letzten%Jahren%im%Hinblick%auf%die%ersten%zwei%Ströme%eine%breite% öffentliche*und*akademische*Diskussion*zu*Wachstum*(für*einen$Literaturüberblick$siehe$Pennekamp$2011;$zu$ nennen! ist! auch! die! seit! 2011! tagende! Enquetekommission! „Wachstum,! Wohlstand,! Lebensqualität“! des! Deutschen!Bundestags).!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 24! Reformideen! geben! Politik! und! Gesellschaft! das! Vertrauen,! Neues! ohne! größere! Verwerfungen!und!Risiken!wagen!zu!können.! Im# Folgenden# seien# zu# den# vier# beschriebenen# wachstumsabhängigen# Subsystemen# Beispiele'für'solche'Ansatzpunkte'genannt'(weitere'siehe'zum'Beispiel'in'Seidl'und!Zahrnt! 2010):! • Im! Gesundheitsbereich! werden! kosteneffiziente! Systeme! der! managed! care! entwickelt.!Das!Potenzial!von! Gesundheitsförderung! ist! schon! lange! erkannt,! doch! noch! unzureichend! in! das! System! integriert.! PrämiensplittingUModelle! fördern! die! individuelle$ Gesundheitsfürsorge,$ ohne$ den$ Risikoschutz$ zu$ verringern$ (Studer$ 2010).8! • In!der!Alterssicherung!entstehen&„Pflegezeitkonten“,&die&im&Alter&Rückgriff&auf&selbst& geleistete,( unbezahlte( Pflegearbeit( in( früheren( Jahren( ermöglichen( (Lang( und( Wintergerst" 2011)." Mehrgenerationenhäuser" mit" Strukturen" der" gegenseitigen" Unterstützung+ erweitern+ den+ bisher+ weitgehend+ monetär+ ausgestalteten+ Generationenvertrag!um!nichtmonetäre,!soziale!Elemente!(Höpflinger!2010).! • Im! Hinblick! auf! den! Arbeitsmarkt! können! Erfahrungen$ mit$ Arbeitszeitreduktionen$ sowie& Angeboten& für& die& Nutzung& der& neuen& freien& Zeit& Ängste& und& Widerstände& gegen$ Arbeitszeitverkürzungen$ abbauen$ (Hielscher$ und$ Hildebrandt$ 1999).$ Der$ Ausbau!des!Dienstleistungsbereichs!–!wie!in!skandinavischen!Ländern!–!schafft!neue! Arbeitsplätze!(Reuter!2010).! • Im!Bereich!Konsum!entstehen!durch!gesellschaftliche!Bewegungen!wie!Eigenarbeit,! „repair! revolution“! oder! „urban! gardening“!neue$ Strukturen,$ die$ den$ Konsum$ von$ Marktgütern* reduzieren* und* die* Herstellung* qualitativ!hochwertiger* Produkte* fördern.(Weitere(Ansatzpunkte(liegen(hier(in(der(Förderung(von(Gemeingütern(und( regionalen!Kreisläufen!(Røpke!2010).! Über%die%konkreten%Ansätze%zur%Umgestaltung%der%Subsysteme%hinaus%sind%übergeordnete% Maßnahmen!nötig,!um!die!Wachstumsabhängigkeit!zu!reduzieren.!Zentral!erscheinen!eine! ökologische!Finanzreform!und!eine!Begrenzung!der!in!Geldschöpfung!und!Zins!angelegten! Wachstumsdynamik.! Bei! der! Umgestaltung! der! Subsysteme! ist! die! Verzahnung! verschiedener! PolitikU! und! Lebensbereiche!zwingend( zu( berücksichtigen.( So( hängen( zum( Beispiel'Gesundheit,'Alter'und'Arbeitswelt'eng'zusammen;'eine'Verkürzung'der'Arbeitszeit' dürfte' der' Gesundheit' vieler' zuträglich' sein,' was' Gesundheitskosten' reduzieren' würde;' zugleich) entstehen) Freiräume) für!Ehrenamt,* Arbeit* im* informellen* Bereich* sowie* generationenübergreifenden-Austausch-und-Unterstützung.-Kosten-in-der-Sozialfürsorge-und- im!Gesundheitssystem!können!durch!eine!größere!Verteilungsgerechtigkeit!gesenkt!werden,! wie!Wilkinson!und!Pickett!(2009)!zeigen.! ! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 8!Dabei! wird! die! Versicherungsprämie! auf! ein! Risikokonto! und! ein! persönliches! Konto! aufgeteilt.) Gesundheitskosten, werden, zuerst, vom, persönlichen, Konto,, dann, vom, Risikokonto, finanziert;, ein, wenig, beanspruchtes,persönliches,Konto,führt,zu,einer,Prämienreduktion.!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 25! Die$ Analyse$ der$ Wachstumsabhängigkeit$ und$ die$ möglichen$ Ansatzpunkte$ zu$ deren$ Überwindung+führen+zu+den+zentralen+Leitlinien+für+eine+Postwachstumsgesellschaft:! ! 1. Es!findet!keine!Politik!zur!Erhöhung!des!Wirtschaftswachstums!statt.! 2. Wachstumsabhängige!und!Utreibende!Bereiche,!Institutionen!und!Strukturen!werden! umgebaut,!so!dass!sie!vom!Wirtschaftswachstum!unabhängig!werden.! 3. Das!Wachstum!des!EnergieU!und!Ressourcenverbrauchs!wird!gestoppt!und!der! Verbrauch!entsprechend!den!Nachhaltigkeitszielen!zurückgefahren.! Somit! gilt:! In! einer! Postwachstumsgesellschaft! wird! die! Abhängigkeit! von! Wachstum! abgebaut.! Das! bedeutet! auch,! es! gibt! weder! ein! Wachstumsverbot! noch! ein! Wachstumsgebot.! ! Artikelherkunft* Seidl,!I.!und!Zahrnt,!A.!(2012):!Wirtschaftswachstum:!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits! to!growth“.!GAIA!21/2!(2012):!108U115.! ! Über*die*Autorinnen* PD*Dr.*oec.*Irmi*Seidl,!Jahrgang!1962,!ist!Ökonomin!und!leitet!die! Forschungseinheit! WirtschaftsU! und! Sozialwissenschaften! der! Eidgenössischen.!Forschungsanstalt!für!Wald,!Schnee!und!Landschaft! (WSL),! in! Birmensdorf,! Schweiz.! Zu! ihren! Schwerpunkten! gehören! umweltökonomische! Instrumente,! die! Postwachstumsgesellschaft,! Ökonomik! der! Flächennutzung! und! Siedlungsentwicklung! sowie! Naturschutz!und!Biodiversität.! ! ! Prof.* Dr.* rer.* pol.* Angelika* Zahrnt,! Jahrgang! 1944,! hat! Ökonomie! studiert! und! ist! Ehrenvorsitzende! des! Bundes! für! Umwelt! und! Naturschutz! Deutschland! (BUND),! Mitglied! im! Rat! für! Nachhaltige! Entwicklung! der! deutschen! Bundesregierung! sowie! Mitglied! im! Strategieberat! SozialUÖkologische! Forschung! des! deutschen! Bundesforschungsministeriums.!Sie!ist!Trägerin!des!BundesverdienstU kreuzes!und!des!deutschen!Umweltpreises.!Ihre! Schwerpunkte! sind! Postwachstumsgesellschaft,! Nachhaltigkeitsforschung,! die! SozialU Ökologische! Forschung! und! Studien! über! die! Zukunftsfähigkeit! Deutschlands.!
II!|!Abhängigkeit!vom!Wirtschaftswachstum!als!Hindernis!für!eine!Politik!in!den!„Limits!to!growth“! ! ! 26! Verwendete*Literatur* BFS$ (Bundesamt$ für$ Statistik).$ 2012.$ Kosten$ des$ Gesundheitswesens$ 2010.$ Bern:$ BFS.$ www.bfs.admin.ch!(abgerufen!30.05.2012).! Binswanger,! H.! C.! 1985.! Geld! und! Magie.! Deutung! und! Kritik! der! modernen! Wirtschaft.! Stuttgart:!Edition!Weitbrecht.! Binswanger,! H.! C.! 2006.! Die! Wachstumsspirale.! Geld,! Energie! und! Imagination! in! der! Dynamik!des!Marktprozesses.!Marburg:!Metropolis.! Binswanger,#M.,#G.#Beltrani,#A.#Jochem,#O.#Schelske.#2005.#Wachstum#und#Umweltbelastung.# Findet'eine'Entkopplung'statt?'UmweltUMaterialien)198.)Herausgegeben)vom)Bundesamt)für) Umwelt,!Wald!und!Landschaft.!Bern.!178.! Böhm,& K.,& M.& Müller.& 2009.& Ausgaben& und& Finanzierung! des! Gesundheitswesens.! Gesundheitsberichterstattung!des!Bundes!45.!Berlin:!RobertUKochUInstitut.! Braun,' H.UG.# 2010.# Armut# überwinden# durch# Soziale# Marktwirtschaft# und# Mittlere# Technologie.+Ein+Strategieentwurf+für+Entwicklungsländer.+Berlin:+LIT.! Brot$ für$ die$ Welt,$ EED$ (Evangelischer$ Entwicklungsdienst$ e.V.).$ 2011.$ Darf’s$ ein$ bisschen$ mehr% sein?% Von% der% Wachstumsgesellschaft% und% der% Frage% nach% ihrer% Überwindung.% Stuttgart:(Brot(für(die(Welt,(EED.! Bruchez,! P.UA.,! E.! Matter! Schaffner.! 2011.! Fiskalregeln% für% die% Sozialversicherungen.% Die% Volkswirtschaft!1/2:!27–30.!! Brunnhuber,!S.,!J.!Grahl.!2006.!Jenseits!des!Wachstumszwangs.!Zum!Verhältnis!von!Energie,! Kapital!und!Arbeit.!GAIA!15/2:!96–101.! BUND!(Bund& für& Umwelt& und& Naturschutz& Deutschland& e.V.),& Brot% für% die% Welt,% EED% (Evangelischer!Entwicklungsdienst!e.V.).!2009.!Zukunftsfähiges!Deutschland!in!einer!globali! sierten!Welt.!Ein!Anstoß!zur!gesellschaftlichen!Debatte.!Frankfurt!am!Main:!Fischer.! Credit' Suisse.' 2009.' Research' News,' 24.02.2009.' Zürich:! Credit! Suisse,! osec! (Business! Network!Switzerland).! Daly,!H.! E.,! J.!B.!Cobb,! Jr.! 1994.!For!the! common!good.!Redirecting!the! economy!toward! community,!the!environment,!and!a!sustainable!future.!Boston:!Beacon.! Deutscher! Bundestag.! 2009.! Unterrichtung! durch! den! Bundesrechnungshof.! Bundestagsdrucksache!17/77.!Berlin:!Deutscher!Bundestag.! Erhard,'L.'1957.'Wohlstand'für'Alle.'Düsseldorf:'Econ.! Europäisches!Parlament.!2000.!LissabonUStrategie.!Straßburg:!Europäisches!Parlament.!
II!|!Geld!geht!auch!anders! ! ! 33! •! Auf! der! internationalen! Ebene! gibt! es! den! Vorschlag! von! Bernard! Lietaer! für! eine! auf! Waren! und! Dienstleistungen! abgesicherte! globale! Währung,! den! »Terra«! (www.terratrc.org).! Er! würde! –! weltweit! eingeführt! –! die! vorhandenen! BarterU! oder! Tauschsysteme! (www.barterportal.net)! und! CounterUTradeUGeschäfte! (z.B.! ein! russischer! Lieferant! verkauft! Wodka! gegen! einen! koffeinhaltigen! Limonadensirup! einer! USU amerikanischen!Firma)!ergänzen!und!teilweise!ersetzen.! Diese! neuen! Geldentwürfe! arbeiten! ohne! Zins! und! berechnen! nur! die! Kosten! für! Transaktionen! und! Risiko.! Sie! bieten! zinsfreie! Zahlungssysteme! für! verschiedene! geographische! Größenordnungen! und! werden! ergänzt! von! sektoralen! Komplementärwährungen.!Letztere!werden!so!gestaltet,!dass!das!Geld!dahin!fließen!kann,! wo!es!den!größten!sozialen!und!wirtschaftlichen!Nutzen!stiftet!(www.monneta.org).! Anstelle!sozialer!Programme,!die!sich!mit!dem!Transfer!finanzieller!Ressourcen!von!Reich!zu! Arm! begnügen,! sind! Komplementärwährungen! ein! völlig! neuer! Weg,! dem! Anspruch! auf! soziale!Leistungen!und!mehr!sozialer!Gerechtigkeit!zu!genügen.!Wenn!sie!einmal!eingeführt! sind! und! funktionieren,! können! sie! sich! selbst! finanzieren,! ohne! den! Staatshaushalt! zu! belasten.! Das! heißt,! sie! können! den! Wohlfahrtsstaat! ergänzen,! ohne! selbst! ein! Wohlfahrtssystem! zu! sein.! Sie! sind! in! diesem! Sinne! hoch! innovative! Selbsthilfemittel,! die! durch! kreatives! Handeln! im! Sinne! einer! »kollektiven! Intelligenz«! die! Eigeninitiative! von! Einzelnen!und!Gruppen!fördern,!ihren!Selbstwert!und!damit!insgesamt!unser!»Sozialkapital«! stärken.! […]! ! Artikelherkunft:** Auszug!aus:!Kennedy,!M.!(2012):!Geld!geht!auch!anders.!Gute!Gründe!Geld!neu!zu!gestalten.! In:!Erziehungskunst!–!Waldorfpädagogik!heute.!1/2012! ! Über*die*Autorin* ! Prof.* Dr.* Margrit* Kennedy,!Jahrgang!1939,!ist!Architektin,!StadtU! und! Regionalplanerin,!Ökologin!und!Geldexpertin.!Sie!arbeitet!seit!den!80er! Jahren!an!der!Entwicklung!alternativer!Geldsysteme!und!ist!Gründerin! von! MonNetA! (Money! Netzwork! Alliance).! Sie! hat! zahlreiche! Bücher,! Aufsätze!und!Interviews!veröffentlicht!und!hält!Vorträge!zu!monetären! Themen.!Ihre!Arbeitsschwerpunkte!sind!die!Umsetzung!wie!Erprobung! von!Komplementärwährungen.!! ! !
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 34! Wachstum,*Wachstum.....über*alles!*** Welche!Rolle!spielt!das!Geld?! Helmut!Creutz! ! „Unsere! Wirtschaft! ist! auf! niedrigeres! oder! gar! `Nullwachstum´! nicht! eingestellt.! Wachstumsstillstand! bedeutet! Massenarbeitslosigkeit! und! damit! den! katastrophalen! wirtschaftlichen!Zusammenbruch!der!Bundesrepublik!Deutschland“! Finanzminister!Hans!Matthöfer!–!Wege!aus!der!Wohlstandsfalle,!1980! ! Jeder!weiß,!dass!es!in!der!Natur!für!jedes!Wachstum!eine!optimale!Obergrenze!gibt.!Kein! Baum!wächst!in!den!Himmel!und!kein!Mensch!über!das!20.!Lebensjahr!hinaus.! Jeder!weiß!auch,!dass!man!bei!gleich!bleibender!Leistung!und!gleich!bleibendem!Einkommen! nicht!ärmer!werden!kann.!Im!Gegenteil:!Auch!ohne!Wachstum!der!Wirtschaft!kommen!im! nächsten! Jahr! wieder! die! gleichen! Mengen! an! Häusern,! Autos,! Handys! usw.! hinzu!! Jeder! kann!also,!auch!ohne!Wachstum,!seinen!Wohlstand!durch!weitere!Anhäufungen!langlebiger! materieller! Güter! vermehren,! Jahr! für! Jahr,! und! im! Rahmen! der! ständigen! Produktivitätssteigerungen!sogar!bei!laufend!sinkenden!Arbeitszeiten!!! Warum! drohen! uns! aber! Politiker! und! Ökonomen! Verluste! an,! wenn! sich! die! Wirtschaftsleistung! stabilisiert?! Warum! rufen! Gewerkschaften! und! Unternehmerverbände! unisono!nach!Wirtschaftswachstum!und!warum!wagen!selbst!die!Grünen!kaum!noch!auf!die! damit! zwangsläufig! verbundenen! Umweltfolgen! hinzuweisen?! Welchen! Grund! gibt! es! für! dieses!fragwürdige!Verhalten?!–!Eine!erste!Antwort!finden!wir!bei!einer!Untersuchung!der! Einkommensverteilung.! Die*Modalitäten*der*Einkommensverteilung*und*Yumverteilung* Bekanntlich!wird!das!Sozialprodukt!bzw.!Volkseinkommen!in!jedem!Jahr!zwischen!Kapital! und!Arbeit!aufgeteilt.!Der!Staat!greift!mit!seinen! Ansprüchen!wiederum! auf!diese!beiden! Einkommensgruppen! zurück.! Beim! Kapital! bekanntlich! mit! nachlassendem! Erfolg,! bei! der! Arbeit! dafür! umso! gründlicher.! Die! Natur,! die! Grundlage! allen! Wirtschaftens! und! Wohlstands,!wird!dagegen!immer!noch!als!kostenU!und!grenzenlose!Quelle!betrachtet.!Ihre! Knappheit! und! Vernichtung! geht! weder! in! die! Kalkulationen! noch! in! die! Verteilungsrechnungen!ein!! Wachsen!nun!Wirtschaft!und!Volkseinkommen!zum!Beispiel!um!zwei!Prozent!im!Jahr,!dann! können! auch! die! KapitalU! und! Arbeitseinkommen! und! ebenfalls! die! Staatseinnahmen! um! zwei! Prozent! zunehmen,! ohne! dass! es! zu! irgendwelchen! Verteilungsspannungen! kommt.! Verlangt! aber! eine! der! Beziehergruppen! mehr! als! jene! zusätzlich! erwirtschafteten! zwei! Prozent,!dann!müssen!sich!die!anderen!zwangsläufig!mit!weniger!Zuwachs!zufrieden!geben.! Überprüft! man! vor! diesem! Hintergrund! die! LeistungsU! und! Verteilungsentwicklungen! in! Deutschland!in!den!50!Jahren!von!1955!bis!2005!(und!damit!bewusst!unter!Ausklammerung!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 35! der!AnfangsU!wie!auch!der!letzten!turbulenten!Krisenjahre!),!dann!zeigt!sich!vor!allem!an!den! Multiplikatoren,!wo!die!Sache!aus!dem!Ruder!läuft:! ! ! Tabelle*1:*Entwicklung!volkswirtschaftlicher!Größen!1955U2005!in!Mrd!Euro!u.!pro!Kopf* ! So!fällt!z.!B.!auf,!dass!diese!bei!den!fünf!realwirtschaftlichen!Milliardenwerten!in!Teil!A!der! Tabelle!1!mit!dem!23U!und!24Ufachen!relativ!ähnlich!sind!und!nur!die!Zunahme!der!LohnU Nettogröße!mit!dem!18Ufachen!deutlich!darunter!liegt.!Völlig!aus!dem!Rahmen!aber!fallen! die! fast! explosiven! Anstiegsquoten! der! zusätzlich! angeführten! monetären! Größen! im! unteren! Teil! der! Tabelle,! wobei! man! die! Zinserträge! der! Banken! in! etwa! mit! den! Schuldenzinsbelastungen!in!unserer!Volkswirtschaft!gleich!setzen!kann.!! Waren! diese! BankUZinserträge! 1955! mit! rund! drei! Milliarden! und! Prozent! der! Wirtschaftsleistung!(BIP)!noch!ziemlich!belanglos,!hatten!sie!im!Jahr!2005!mit!329!Milliarden! Euro! bereits! 15! Prozent! des! BIP! erreicht! und! gemessen! am! Volkseinkommen! sogar! 20! Prozent!!! Die*VerteilungsYVeränderungen*pro*Kopf* Diese!Wiedergabe!der!Milliardengrößen!berücksichtigt!jedoch!nicht,!dass!die!Bevölkerung!in! Deutschland!in!den!herangezogenen!50!Jahren!von!53!auf!82!Millionen!und!damit!auf!das! 1,6Ufache!angestiegen!ist!und!die!Zahl!der!Arbeitnehmer!und!Lohnempfänger!von!17!auf!34! Millionen! und! damit! sogar! auf! das! Doppelte!! Deshalb! werden! die! maßgebenden! Entwicklungsunterschiede!erst!in!Teil!B*der!Tabelle!1!deutlich,!in!der!die!Milliardenbeträge! auf!die!Einwohner!bzw.!Arbeitnehmer!in!Euro!umrechnet!sind.!!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 36! Wie!diesem!Teil!B!zu!entnehmen,!sind!die!BruttolohnUEinkommen!pro!Kopf!deutlich!hinter! den!Steigerungen!der!Wirtschaftsleistung!bzw.!des!Volkseinkommens!zurückgeblieben,!noch! deutlicher! die! Nettolöhne! und! damit! die! Kaufkraft! der! breiten! Bevölkerungsschichten:! Gemessen! an! der! Entwicklung! des! BIP! nahmen! die! ProUKopfUBruttoeinkommen! je! Arbeitnehmer!in!den!50!Jahren!nur!um!74!Prozent!zu!und!die!Nettoeinkommen!sogar!nur! um!57!Prozent!!! Die! Erklärung! für! diese! gravierenden! Diskrepanzen! ergibt! sich! wieder! aus! den! zusätzlich! eingetragenen!Entwicklungen!der!monetären!Größen:!Während!das!BIP!in!den!50!Jahren!auf! das!24Ufache!zunahm,!stiegen!die!Geldvermögen!auf!das!79Ufache!und!damit!um!mehr!als! das!Dreifache!an,!die!Einlagen!bei!den!Banken!und!die!damit!verbundenen!Zinserträge!und!U belastungen!sogar!um!mehr!als!das!Vierfache!!!! Welche*Folgen*hat*diese*Auseinanderentwicklung*zwischen*dem*realwirtschaftlichen*und* dem*monetären*Bereich?** Auf!Grund!dieser!unterschiedlichen!Entwicklungen,!kommt!es!auch!bei!der!Verteilung!der! Lasten!und!Einkommen!zu!unterschiedlichen!Ergebnissen!und!in!deren!Folge!wiederum!zu! einer! zunehmenden! Diskrepanz! zwischen! ArbeitsU! und! Kapitaleinkommen!! Und! diese! Einkommensverschiebungen!werden!außerdem!durch!die!ständig!wachsende!Konzentration! der!Vermögen!bei!einer!Minderheit!der!Haushalte!nochmals!verstärkt.!So!verfügt!–!!nach! den!alle!fünf!Jahre!durchgeführten!Erhebungen!des!Statistischen!Bundesamtes!–!!die!ärmere! Bevölkerungshälfte!nur!noch!über!vier!Prozent!der!gesamten!Geldvermögen,!während!auf! die!verbleibende!zweite!Hälfte!96!Prozent!entfallen!!Doch!auch!bei!dieser!zweiten!Hälfte! konzentrieren! sich! die! Geldvermögen! wiederum! zu! zwei! Dritteln! bei! dem! reichsten! HaushaltsUZehntel.!! Diese!Verteilung!und!deren!Konzentration!gehen!aus!der!Darstellung! 1!hervor,!in!der!die! Jahreseinkommen!und!Geldvermögen!auf!zehn!gleich!große!Haushaltsgruppen!verteilt!sind.! Während!die!Einkommen!von!der!ersten!bis!zu!zehnten!Gruppe!von!12.000!auf!101.000!Euro! ansteigen,!werden!die!Geldvermögen!erst!bei!der!vierten!Gruppe!mit!3.000!Euro!sichtbar,! um!dann,!bis!zur!zehnten!Gruppe,!auf!1.965.000,!also!rund!zwei!Millionen!!anzusteigen.!Das! heißt,!bei!diesem!reichsten!Zehntel!resultiert!das!gesamte!Haushaltseinkommen!praktisch! aus! jenen! Zinserträgen,! die! den! Vermögenswerten! jeweils! aufgesetzt! sind!! –! ! Mit! diesen! Diskrepanzen!zwischen!Einkommen!und!Vermögen!erklären!sich!nicht!nur!die!wachsenden! Scherenöffnungen!zwischen!Arm!und!Reich,!sondern!auch!die!laufenden!Verdoppelungen! der!Vermögen!bei!den!MillionärsU!und!Milliardärshaushalten!durchweg!alle!zehn!Jahre!! Erschwerend!kommt!noch!hinzu,!dass!das!Kapital!–!!und!hier!vor!allem!das!Geldkapital!!–!! bei!der!Verteilung!der!Einkommen!immer!den!Erstzugriff!hat.!Das!heißt,!seine!Ansprüche,! resultierend!aus!Vermögen!mal!Zinssatz,!sind!nicht!nur!vorab!vertraglich!festgelegt,!sondern! sie!nehmen!–!!bedingt!durch!den!Automatismus!des!ZinsU!und!Zinseszinseffekts!–!!auch!noch! von!Jahr!zu!Jahr!rascher!zu!als!die!Wirtschaftsleistung!!Und!wie!wir!gerade!in!den!letzten! Jahren!erlebt!haben,!sind!diese!vertraglich!fixierten!Ansprüche!unausweichlich!einzuhalten,! gleichgültig!ob!die!Wirtschaft!ausreichend,!unzureichend!oder!gar!nicht!gewachsen!ist!!Das! aber!heißt:!!Je!geringer!das!Wirtschaftswachstum!umso!dramatischer!wirken!sich!die!Folgen! der!ständig!wachsenden!Ansprüche!des!Geldkapitals!und!dessen!Konzentrationen!bei!einer! Minderheit!auf!die!Gesamtverteilung!der!volkswirtschaftlichen!Leistung!aus!!!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 37! ! Darstellung*1:*Einkommen!und!zinsbringende!Gesamtvermögen* ! Die*unterschiedlichen*Zuwachsraten*im*Vergleich! Diese! unterschiedlichen! Entwicklungen! und! die! Größenordnungen! der! Verschiebungen! zwischen!ArbeitsU!und!Kapitaleinkommen!werden!besonders!deutlich,!wenn!man!–!wie!in! der! Darstellung! 2! –! einmal! die! jährlichen! Zuwachsraten! in! den! einzelnen! Dekaden! miteinander! vergleicht,! also! die! Zunahmen! des! BIP! und! der! Nettolöhne! mit! jenen! der! Geldvermögen! und! Zinserträge!! Dabei! stehen! die! hier! herangezogenen! Zinsertragsgrößen! nur!für!die!Geldvermögen!bei!den!Banken.!Die!Zinseinkünfte!bzw.!Gewinne!aus!den!darüber! hinaus! gehenden! Geldanlagen,! sowie! die! Zinsen! aus! dem! schuldenfreien! Sachkapital,!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 38! einschl.!des!Bodens!(für!die!es!bis!heute!keine!ausreichenden!statistischen!Unterlagen!gibt),! sind!also!hier!noch!nicht!einmal!erfasst!!! ! ! Darstellung*2:*Zuwachsraten!im!Vergleich* ! Wie!aus!den! Zahlen!unterhalb!der!Grafik!zu!entnehmen,!stieg!das!BIP!in!den!ersten!fünf! Jahrzehnten!im!ZehnjahresUDurchschnitt!von!9!auf!58!Milliarden!und!damit!auf!das!6,4Ufache! an,!während!die!GeldvermögensUZuwächse!in!der!gleichen!Zeit,!von!13!auf!336!Milliarden! ansteigend,! auf! das! 26Ufache! zunahmen! und! damit! gut! vier! Mal! rascher! als! die! Wirtschaftsleistung!! Die! Zinsgutschriften! auf! diese! Geldvermögen! stiegen! sogar! noch! explosiver!von!3!auf!189!Mrd!und!damit!auf!das!63Ufache!an,!also!rund!zehn!Mal!schneller! als! die! Wirtschaftsleistung,! während! die! Zuwachsraten! der! Nettolöhne! bereits! ab! dem! dritten!Jahrzehnt!sogar!rückläufig!sind!!!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 39! Im!sechsten!und!letzten!KrisenUJahrzehnt,!in!dem!sowohl!die!Zuwachsraten!das!BIP!als!auch! die!der!Geldvermögen!einbrachen,!stiegen!die!Zinsgutschriften!sogar!noch!einmal!von!189! auf!257!Mrd!an!!Das!heißt,!die!Banken!haben!in!diesem!letzten!Jahrzehnt!an!jedem!Werktag! rund!eine!Milliarde!Euro!Zinsen!an!die!bereits!Vermögenden!in!unserem!Lande!ausgezahlt!!–!! Und! dass! diese! Zinsauszahlungen! in! der! sechsten! Dekade! sogar! die! Ausweitungen! der! Geldersparnisse! überstiegen,! lässt! erkennen,! in! welchem! Umfang! die! Anleger! in! diesen! Krisenjahren!in!dritte!Werte!umgestiegen!sind,!gleichgültig!ob!Aktien,!Immobilien,!andere! Währungen!oder!sogar!verstärkt!in!die!Hortungen!von!Geld!! Auf!diese!„Selbstalimentation!der!Geldvermögensbildung“!durch!die!Zinsgutschriften!hatte! übrigens!die!Deutsche!Bundesbank!bereits!einmal!im!Oktober!1993!hingewiesen!und!ebenso! darauf,! dass! diese! Selbstvermehrung! damals! schon! bei! 80! Prozent! der! Neuersparnisse! gelegen! hat!! Da! jedoch! alle! Einkommen! letztendlich! immer! zwischen! Kapital! und! Arbeit! aufgeteilt! werden,! bedeutet! diese! „Selbstalimentation“,! dass! in! jeweils! gleicher! Höhe! die! Arbeitseinkommen!gekürzt!werden!mussten,!wenn!auch!zumeist!indirekt!und!versteckt!über! die! Zinsanteile,! die! mit! allen! Ausgaben! zu! bedienen! sind!! Und! das! daraus! resultierende! VerteilungsUDilemma!zwischen!Kapital!und!Arbeit!und!dessen!Folgen!für!die!Beschäftigung,! wurde! von! dem! Präsidenten! der! Landeszentralbank! Niedersachsen,! Prof.! Helmut! Kotz,! in! seiner!Neujahrsansprache!2001!einmal!so!umschrieben:! "In!der!unvollständigen!Welt,!in!der!wir!leben,....ist!Arbeitslosigkeit!der!Mechanismus,!der!die! Ansprüche!von!Lohn_!und!Kapitaleinkommensbeziehern,!die!in!der!Summe!bisweilen!höher! als!die!Wertschöpfung!sind,!in!Übereinstimmung!bringt....Nur!dann,!wenn!der!Reallohn,!der! von!den!Arbeitnehmern!gefordert!wird,!zu!der!Mindestkapitalverzinsung!passt,....wird!auch! die!Inflationsrate!stabil!bleiben."!! Das! heißt:! Wenn! das! Wachstum! der! Wirtschaft! nicht! mit! jenem! des! Kapitals! Schritt! hält,! müssen! die! steigenden! Kapitalansprüche! entweder! über! Arbeitslosigkeit! oder! sinkende! Löhne!ausgeglichen!werden,!so!wie!das!bei!der!„Agenda!2010“!unter!Kanzler!Schröder!auch! praktiziert! wurde.! Klappt! das! nicht,! dann! bleibt! eben! nur! eine! Inflationierung! des! Geldes! übrig!! Das! aber! bedeutet,! dass! unter! den! heutigen! Bedingungen! Vollbeschäftigung! und! Kaufkraftstabilität! nur! durch! Wirtschaftswachstum! in! den! Griff! zu! bekommen! sind,! ein! Wachstum! das! mindestens! so! hoch! sein! muss,! wie! die! von! Jahr! zu! Jahr! exponentiell! wachsenden!Ansprüche!des!Kapitals!! Die*Folgen*in*der*Wirtschaft* Auf! Grund! dieser! Vorrangstellung! der! Bedienung! des! Geldkapitals! bleiben! den! Unternehmen,! vor! allem! den! hoch! verschuldeten,! als! Ausweg! aus! dem! Dilemma! nur! Einsparungen! im! Lohnbereich! bzw.! bei! den! Investitionen! übrig.! Beides! führt! zu! einem! Anstieg! der! Arbeitslosigkeit! und! damit! zu! einem! weiteren! Rückgang! der! Massekaufkraft,! wodurch!sich!die!Folgen!der!Einkommensumverteilungen!wiederum!verstärken.!Außerdem! schwinden!die!Steuereinnahmen!und!damit!die!Möglichkeiten!der!Staaten!zur!Förderung!der! Konjunktur.!Das!vor!allem,!wenn!der!Staat!bereits!selbst!in!der!Schuldenfalle!steckt!und!–!! wie!bei!uns!der!Fall!–!!zwischen!1970!und!2000!alle!Zinszahlungen!mit!Neukreditaufnahmen! finanziert!hat,!wie!aus!der!Darstellung!3!ersichtlich.!! ! !
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 40! ! Darstellung*3:*Zinszahlungen!und!Kreditaufnahmen* ! Diesen!fast!unglaublichen!Tatbestand,!dass!die!ganzen!Kreditaufnahmen!in!diesen!30!Jahren! für!den!Staat!zu!nichts!nutze!waren!und!nur!die!Reichen!über!Zinszahlungen!in!gleicher!Höhe! um! rund! 1.500! Mrd.! reicher! gemacht! haben,! hat! Prof.! Reimund! Jochimsen,! Direktor! der! Landeszentralbank!von!NRW,!bereits!im!Frühjahr!1999!einmal!bestätigt:! "In! einer! langfristigen! Betrachtung! kann! man! also! ganz! klar! sagen,! dass! sich! diese! ganze! Veranstaltung!nicht!gelohnt!hat.!Denn!hätten!wir!dauerhaft!auf!Kredite!verzichtet,!müssten! wir! heute! keine! Zinsausgaben! leisten! und! hätten! auch! keine! Zinsrisiken! zu! fürchten.! Wir! hätten!aber!für!Investitionen!genau!so!viel!ausgegeben!wie!bisher."!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 41! Die*Auswirkungen*im*Sozialbereich* Bisher! wurden! nur! die! Überansprüche! des! Kapitals! vor! dem! Hintergrund! der! Gesamtentwicklungen!in!der!Wirtschaft!behandelt.!In!sozialer!Hinsicht!kommt!jedoch!noch! ein!Wirkungsmechanismus!hinzu,!dessen!Größenordnung!und!Folgewirkung!uns!bisher!kaum! bewusst!ist:!Die!durch!die!Zinsströme!ausgelösten!EinkommensUUmverteilungen:! Dass!alle!Kosten!des!Kapitals,!genau!so!wie!die!des!Personals!und!des!Materials,!in!die!Preise! eingehen,!ist!uns!meist!geläufig.!Denn!jeder!Unternehmer,!dem!es!nicht!gelingt!alle!diese! Kosten!in!voller!Höhe!in!die!Preise!zu!überwälzen,!ist!sehr!schnell!pleite.!Das!aber!heißt,!der! Normalverbraucher! zahlt! mit! seiner! Nachfrage! am! Ende! der! Kette! auch! sämtliche! in! der! Wirtschaft! anfallende! Zinsen!! Rechnet! man! die! Verzinsungen! des! schuldenfreien! Eigenkapitals! der! Unternehmen! mit! ein,! liegen! diese! weitergereichten! Kapitalkosten! inzwischen! mindestens! bei! 35! bis! 40! Prozent! der! gesamten! Haushaltsausgaben!! Bedenkt! man,!dass!alleine!die!Wohnungsmieten!zu!60!bis!80!Prozent!aus!Zinsen!bestehen!und!dass! die!zu!verzinsenden!Gesamtverschuldungen!in!unserer!Volkswirtschaft!bereits!das!Dreifache! des! BIP! überstiegen! haben,! ist! dieser! Durchschnittsanteil! nachvollziehbar.! –! Auch! wenn! dieser! Anteil! derzeit! auf! Grund! der! extrem! niedrigen! Zinsen! in! Deutschland! geringer! ausfallen!dürfte:!Spätestens!beim!Einsatz!der!so!genannten!Rettungsschirme!werden!wir!mit! den!ansonsten!höheren!Zinssätzen!sehr!bald!wieder!in!Berührung!kommen.! Natürlich! nehmen! im! Gleichschritt! mit! den! Zinslasten! auch! die! Zinserträge! der! Endverbraucher! zu,! wenn! auch! um! die! Bankmarge! verkürzt.! Aber! wie! bereits! aus! der! Darstellung!1!ersichtlich,!ist!der!Verteilungsschlüssel!für!diesen!ZinsURückfluss!nicht!die!Höhe! der! Haushaltsausgaben,! sondern! die! der! jeweiligen! Vermögenswerte,! die! sich! wesentlich! ungleicher!als!die!Ausgaben!verteilen!!Die!Folge!ist,!dass!gut!acht!Zehntel!der!Haushalte!bei! diesem!ZinsUUmverteilungsUMonopoly!höhere!Zinsen!zahlen!als!sie!selbst!–!wenn!überhaupt!! –!erhalten!!Bei!dem!neunten!Zehntel!gleichen!sich!die!Zinsströme!in!etwa!aus,!während!bei! dem!reichsten!Zehntel!die!Nettoverluste!der!Mehrheit!als!Nettogewinne!zu!Buche!schlagen,! wie!aus!der!Darstellung!4!ersichtlich.! Bei!jedem!Zehntel!der!Haushalte!sind!im!Hintergrund!die!Säulen!der!Ausgaben!angeführt,! aus! denen! sich! –! ! mit! dem! hier! ermittelten! DurchschnittsUAnteil! von! 34,8! Prozent! –! ! die! Zinszahlungen! ergeben! (dunkle! Säulen).! Zieht! man! davon! die! erhaltenen! Zinsen! ab! (helle! Säulen),!ergeben!sich!in!jedem!HaushaltsUZehntel!als!Saldo!der!Umverteilung!die!jeweiligen! Verluste!und!Gewinne,!die!in!der!untersten!Tabelle!auch!in!Zahlen!wiedergegeben!sind.!Wie! ersichtlich,! gehören! auf! jeden! Fall! die! ersten! acht! ärmeren! HaushaltsUZehntel! zu! den! Verlierern.!! Auf! diese! Weise! werden! über! die! indirekten! Zinszahlungen! und! die! diesen! gegenüber! stehenden!Zinseinkünfte!in!Deutschland!täglich!etwa!600!bis!1000!Millionen!Euro!von!der! Mehrheit! zur! Minderheit! umgeschichtet,! und! das! in! ständig! zunehmenden! Größenordnungen!! Und! diese! Diskrepanzen! zwischen! Arm! und! Reich! nehmen! aufgrund! einfacher! mathematischer! Gesetzmäßigkeiten! so! lange! zu,! wie! die! Wachstumsraten! des! Kapitals! über! jenen! der! Wirtschaft! liegen,! wie! bei! uns! seit! den! 1950er! Jahren! mit! zunehmendem!Tempo!der!Fall!!Und!der!heute!oft!strapazierte!und!kaum!noch!vorhandene! Spielraum! in! der! Politik,! entweder! mehr! Wachstum! auf! Kosten! der! Umwelt! oder! mehr! Umweltschutz! auf! Kosten! des! sozialen! Friedens,! wird! immer! enger.! Denn! nicht! die! wachsenden!Ansprüche! der! Arbeit!an!den! Sozialstaat!sind!die!Ursache! unserer!Engpässe,!
II!|!Wachstum,!Wachstum.....über!alles!! ! ! 42! sondern! die! seit! Jahrzehnten! im! Übermaß! wachsenden! Ansprüche! des! Kapitals! an! das! Sozialprodukt!! Und! vor! diesem! Hintergrund! traut! sich! kaum! noch! ein! Politiker! z.! B.! Ökosteuern! vorzuschlagen,! die! den! Verbrauch! tatsächlich! drosseln,! die! Umwelt! entlasten! und!uns!damit!den!Weg!in!eine!Wirtschaft!ohne!Wachstum!öffnen!würden.!! ! ! Darstellung*4:*Ausgaben,!Zinslasten!und!Zinserträge! ! Was*müsste*geschehen?* Zur! Schließung! des! Kreislaufs! müssen! in! jeder! Volkswirtschaft! alle! GeldvermögensU Ausweitungen!über!Kredite!wieder!in!die!Wirtschaft!zurückgeführt!werden.!Da!dies!heute!
II!|!Wachstumszwang!und!Wachstumsdrang!in!der!modernen!Wirtschaft! ! ! 49! das!die!Unternehmungen!den!Haushalten!für!ihre!Produktionsleistungen!bezahlen,!einfach! wieder! von! den! Haushalten! dazu! verwendet! wird,! um! die! Produkte! zu! kaufen,! die! die! Unternehmungen!mit!ihrer!Hilfe!hergestellt!haben.!Denn!dann!würden!sich!Einnahmen!und! Ausgaben! der! Unternehmungen! nur! immer! gerade! ausgleichen.! Es! entstünde! also! in! der! Summe!von!Gewinnen!und!Verlusten!kein!positiver!Gewinnsaldo.!Es!könnten!dann!weder! Zinsen!bezahlt!noch!Reingewinne!erzielt!werden,!die!das!Risiko!des!Kapitaleinsatzes!decken.! Ein! positiver! Gewinnsaldo! und! damit! die! Möglichkeit,! Zinsen! für! das! Fremdkapital! zu! bezahlen! und! Reingewinne! zu! erzielen,! kann! gesamtwirtschaftlich! nur! entstehen,! wenn! ständig!Geld!zufließt.! Wie! fließt! aber! in! der! modernen! Wirtschaft! Geld! zu?! Wir! wissen! es! bereits:! indem! die! Unternehmungen!bei!den!Banken!Kredite!aufnehmen,!die!die!Banken!mindestens!zum!Teil! durch! Geldschöpfung! bereitstellen,! also! durch! Vermehrung! der! Geldmenge! auf! dem! Kreditweg.!Die!Unternehmungen!brauchen!die!Kredite!–!wie!gesagt!–!,!um!zu!investieren,! d.h.,!um!das!aufgenommene!Geld,!zusammen!mit!dem!reinvestierten!Reingewinn,!für!den! Kauf! zusätzlicher! Arbeitsleistungen! und! Produktionsmittel! zu! verwenden,! also! um! zu! wachsen.! Die! Einkommen! der! Haushalte! als! Anbieter! dieser! Arbeits! –! und! Produktionsvorleistungen!steigen!auf!diese!Weise!mit!dem!Wachstum!des!Sozialprodukts,! und! die! Gewinne! der! Unternehmungen! steigen! ihrerseits! mit! dem! Wachstum! der! Einkommen! der! Haushalte,! die! für! den! Kauf! der! Produkte! ausgegeben! werden,! die! die! Unternehmungen!hergestellt!haben.! Dabei! ist! zu! beachten:! Die! Haushalte! geben! ihr! Einkommen! für! den! Kauf! der! Produkte,! welche!die!Unternehmungen!herstellen,!sofort!aus.!Ihre!Einkommen!werden!daher!sofort!zu! Einnahmen! der! Unternehmungen,! die! aus! dem! Verkauf! der! Produkte! an! die! Haushalte! resultieren.!Der!Einkommenseffekt!der! Investitionen! tritt! also! unmittelbar! ein.! Zu! diesem! Zeitpunkt! können! die! Unternehmungen! aber! nur! die! Produkte! verkaufen,! die! schon! produziert!worden!sind,!die!sie!also!vor!der!neuen!Investition!hergestellt!haben;!für!deren! Herstellung! sie! also! im! Betrag! der! neuen! Investitionssumme! weniger! Geld! ausgegeben! haben.! Der! KapazitätsU! bzw.! Produktionseffekt! hinkt! somit! dem! Einkommenseffekt! hinterher.! Der! Vorsprung! des! Einkommens! vor! dem! KapazitätsU! bzw.! Produktionseffekt! bedeutet,!dass!die!Einnahmen!der!Unternehmungen!vor!den!Ausgaben!für!die!Produkte,!die! sie! verkaufen,! steigen.! So! entsteht! in! der! Volkswirtschaft! gesamthaft,! d.h.! im! Saldo! aller! Gewinne!und!Verluste,!stets!ein!Gewinn,!wenn!sich!das!Wachstum!der!Wirtschaft!fortsetzt.! Dies! sind! die! drei! Schritte! zur! Erklärung! der! Wachstumsspirale! und! der! ihr! zugrunde! liegenden!Magie.!Der!Wirtschaftskreislauf!weitet!sich!zu!einer!Wachstumsspirale!aus.!Auf! diese! Weise! hält! sich! der! Wachstumsprozess! mit! Hilfe! stets! neuer! Schulden,! die! zu! Geld! werden,!selbst!im!Gange.!Er!wird!zu!einem!Perpetuum!mobile!(Vgl.!Abb.!1).!
II!|!Wachstumszwang!und!Wachstumsdrang!in!der!modernen!Wirtschaft! ! ! 50! ! Abbildung*1:!Die!Wachstumsspirale.!Der!wirtschaftliche!Kreislauf!zwischen!Haushalten!und!Unternehmungen!– ! Kauf!der!von!Haushalten!erbrachten!ArbeitsU!und!Produktionsleistungen!durch!die!Unternehmungen!und!Kauf! der! von! den! Unternehmungen! produzierten! Konsumgüter! durch! die! Haushalte! –! weitet! sich! durch! die! Investitionen! der! Unternehmungen! sowie! durch! die! Einkommenssteigerung! der! Haushalte! bei! jeder! »Umdrehung«! aus.! So! wird! aus! dem! Kreislauf! eine! Spirale.! Die! Zahlungen! der! Unternehmungen! an! die! Haushalte! und! die! der! Haushalte! an! die! Unternehmungen! erfolgen! über! das! Bankensystem! (PapierU! und! Bankgeld).!Das!Bankensystem!weitet!sich!aus!durch!das!Wachstum!der!Bankbilanzen!aufgrund!der!Erhöhung! der!KreditU!und!Geldmenge.!Die!Ausweitung!des!Kreislaufs!zur!Spirale!wird!ermöglicht!durch!die!Entnahme!von! Ressourcen!aus!der!Natur!(bei!gleichzeitiger! Abgabe!von!Abfällen!und!Emissionen!an! die! Natur),! durch!die! Imagination! des!Menschen,! der!neue!Produkte!und!Verfahren!erfindet,!sowie! durch! die!Geldschöpfung!auf! dem!Kreditweg!(dicke!Pfeile).! ! 4.*Der*Wachstumszwang:*Die*Alternative*zum*Wachstum*ist*Schrumpfung!*! Das!Wachstum!des!Sozialprodukts!mündet!allerdings!–!das!ist!die!Kehrseite!der!Medaille!–!in! einen!Wachstumszwang.!Der!Wachstumsprozess!muss!immer!weitergehen,!denn!wenn!nicht! immer!eine!neue!Ausweitung!der!Geldmenge!aufgrund!neuer!Investitionen!erfolgt,!die!eine! zusätzliche! Nachfrage! erzeugt,! fällt! die! aus! der! letzten! Investition! nachrückende! Angebotserhöhung! sozusagen! ins! Leere.! Dann! steht! dem! schon! erfolgten! Zuwachs! des! Angebots! kein! entsprechender! Zuwachs! der! Nachfrage! gegenüber.! Der! KapazitätsU! bzw.! Produktionseffekt! der! Investitionen! der! vergangenen! Periode! tritt! ein,! ohne! dass! er! vom! Einkommenseffekt! einer! neuen! Investition! aufgenommen! wird.! Entsprechend! sinkt! die! Gewinnrate.!
II!|!Wachstumszwang!und!Wachstumsdrang!in!der!modernen!Wirtschaft! ! ! 51! Dabei! ist! zusätzlich! zu! berücksichtigen,! dass! sich! durch! die! Zinszahlungen! der! Unternehmungen! an! die! Banken! die! Geldmenge! ständig! reduziert.! Dieser! Geldschwund! muss!wieder!durch!eine!zusätzliche!Erhöhung!der!Bankkredite!ausgeglichen!werden.!Sonst! sinkt! die! Gewinnrate! schließlich! unter! die! Höhe,! welche! die! Unternehmungen! bzw.! die! Kapitalgeber!im!Minimum!für!das!Eingehen!des!Investitionsrisikos!erwarten.!Dann!werden! die! Unternehmungen! nicht! mehr! für! Ersatzinvestitionen! sorgen! und! so! allmählich! die! Produktion!auslaufen!lassen.!Schließlich!können!auch!die!Zinsen!nicht!mehr!bezahlt!werden.! Ein! immer! größerer! Teil! der! Unternehmungen! wird! Verluste! machen! und! daher! durch! Bankrott! aus! dem! Produktionsprozess! ausscheiden.! An! die! Stelle! des! Wachstums! der! Wirtschaft!tritt!eine!fortlaufende!Schrumpfung!der!Wirtschaft.!Die!Wachstumsspirale!kehrt! sich! um! und! mündet! in! eine! Schrumpfungsspirale.! Offenbar! besteht! also! im! heutigen! Geldsystem!ein!Wachstumszwang!in!dem!Sinne,!dass,!wenn!eine!minimale!Wachstumsrate! unterschritten!wird,!die!Alternative!zum!Wachstum!Schrumpfung!ist.!(Vgl.!Abb.!2)!Das!heißt:! Stabilität!und!Nullwachstum!sind!im!heute!gegebenen!Geldsystem!nicht!möglich.!! ! ! Abbildung*2:!Der!Wachstumszwang.!Die!Alternative!zum!Wachstum!ist!Schrumpfung.! ! Es! darf! bei! den! gegebenen! Bedingungen! unseres! Geldsystems! kein! Ende! des! Wachstums! geben.!Dieser!Zwang!ist!sozusagen!der!Preis,!den!wir!für!die!Magie!zahlen!müssen,!die!unser! Geldsystem!mit!dem!ihm!immanenten!wirtschaftlichen!Wachstum!kennzeichnet.! !
II!|!Wachstumszwang!und!Wachstumsdrang!in!der!modernen!Wirtschaft! ! ! 52! 5.*Der*Wachstumsdrang:*Gewinnmaximierung*und*Spekulation*führen*zu*Finanzblasen*und* Wirtschaftskrisen! Dem!Wachstumszwang!steht!ein!Wachstumsdrang!zur!Seite.!Dieser!ergibt!sich!daraus,!dass! die! Unternehmungen! bzw.! die! Eigenkapitalgeber,! also! vor! allem! die! Aktionäre! der! Aktiengesellschaften,!wenn! sie!schon!das! Risiko!der!Investition! eingehen,!nicht!nur! einen! minimalen,! sondern! einen! möglichst! großen! Reingewinn! erzielen! wollen.! Dieses! Streben! nach!Gewinnmaximierung!wird!dadurch!verstärkt,!dass!der!Wert!des!Eigenkapitals!bzw.!der! Aktien! gleich! dem! Gegenwartswert! der! Summe! der! mit! dem! Zinssatz! abdiskontierten! erwarteten!künftigen!Reingewinne!ist,!und!weil!die!Gewinnerwartung!und!damit!auch!die! Dividendenerwartung!umso!höher!ist,!je!größer!die! Investitionen! sind,!je!größer! also! das! Wachstum!der!Produktion!ist.! Der! Wachstumsdrang! macht! aber! nicht! bei! der! Forcierung! des! realen! Wachstums! halt.! Vielmehr!werden!in!der!Dynamik!der!Geldvermehrung!auch!Bankkredite!aufgenommen,!die! nicht! der! Finanzierung! produktiver! Investitionen! dienen,! sondern! dazu,! spekulative! Vermögenswerte!zu!kaufen.!Man!kauft!Vermögenswerte,!von!denen!man!annehmen!darf,! dass! sie! im! Preis! steigen! werden,! wenn! sich! die! Nachfrage! wegen! der! ständigen! Geldausweitung!weiter!erhöht.!Wenn!man!sie!jetzt!kauft,!kann!man!daher!sozusagen!gratis! einen!Vermögensgewinn!erzielen.!Dies!gilt!insbesondere!für!Aktien,!deren!Wert!sich!wegen! der!Reinvestition! eines!Teils!der!Gewinne!erwartungsgemäß! ständig!erhöht.!Es! lohnt!sich! daher,!sich!zu!verschulden,!also!Kredite!aufzunehmen!und!dafür!Zinsen!zu!zahlen,!solange! die! erwartete! Kurssteigerung! höher! ist! als! der! Zins.! Diese! Erwartung! ist! allerdings! eine! Spekulation.!Wie!jede!Spekulation!ist!sie!gefährdet,!und!zwar!insbesondere!dadurch,!dass! die!Zinsen,!die!man!für!die!spekulativen!Kredite!aufgenommen!hat,!steigen!können.!Dies!ist! dann! der! Fall,! wenn! die! Zentralbank! den! Geschäftsbanken! zur! Ausweitung! von! deren! Krediten! nur! noch! gegen! höhere! Zinsen! Kredit! gewährt! und! die! Banken! ihrerseits! entsprechend!höhere!Zinsen!verlangen.!Die!Zentralbanken!erhöhen!die!Zinsen,!wenn!sie!–! gerade!wegen!der!spekulativen!Geldvermehrung!–!eine!inflationäre!Entwicklung!befürchten.! Wenn! die! Zinssätze! für! Bankkredite! die! erwartete! Steigerung! der! Vermögenswerte! übersteigen,! kommt! es! zum! Zusammenbruch! der! Spekulation! und! damit! der! Finanzblase,! woraus!eine!Wirtschaftskrise!folgen!kann.!! 6.*Wachstumszwang,*Wachstumsdrang*und*die*Knappheit*der*Natur*! Was!wäre!aber,! wenn! es! keine!Finanzkrisen!geben!würde?!Wäre! dann! alles! in! Ordnung?! Nein,! weil! sich! Wachstumszwang! und! Wachstumsdrang! nur! durchsetzen! lassen,! wenn! genügend!natürliche!Ressourcen!vorhanden!sind,!aus!denen!die!Rohstoffe!und!die!Energie! gewonnen!werden,! welche!die!Basis! der!Produktion! bilden.! Dabei!gilt:!Die! Rohstoffe!und! Energieträger!können!der!Natur!entnommen!werden,!ohne!dass!der!Eigentümer!etwas!dafür! bezahlen! muss.! Der! Verbrauch! der! Natur! ist! gratis.! Dies! kommt! einer! Verschuldung! gegenüber! der! Natur! gleich,! die! man! nie! begleichen! muss.! Das! macht! es! lukrativ,! sich! möglichst!viele!Ressourcen!der!Natur!anzueignen!und!diese!produktiv!zu!verwerten,!denn!es! entstehen!selbstverständlich!dort!die!größten!Gewinne,!wo!man!etwas!verkaufen!kann,!das! man!nicht!gekauft!hat,!weil!man!es!einfach!ohne!Bezahlung!in!Besitz!nehmen!kann.! Mehr!und!mehr!wird!jedoch!das!Wirtschaftswachstum!mit!der!langfristigen!Knappheit!der! Natur!konfrontiert,!denn!die!Welt!und!damit!die!Natur!ist!nicht!unendlich!groß.!Ihre!Nutzung! kann!nicht!beliebig!ausgedehnt!werden.!Im!Gegensatz!zum!PapierU!und!Bankgeld,!das!der!
II!|!Wachstumszwang!und!Wachstumsdrang!in!der!modernen!Wirtschaft! ! ! 53! Mensch!selber!herzustellen!vermag,!ist!die!Welt!–!die!Natur!–!dem!Menschen!vorgegeben! und!damit!begrenzt.!! Er!sollte!haushälterisch!damit!umgehen,!d.h.!die!Natur!nachhaltig!bewirtschaften.!Diesem! Imperativ! stehen! aber! der! Wachstumszwang! und! der! Wachstumsdrang! entgegen.!! Bei! Licht! betrachtet! ist! die! Wachstumsspirale! der! Wirtschaft! ein! Schneeballsystem,! das! darauf!beruht,!dass!die!Gewinnauszahlungen!an!frühere!Investoren!aus!den!Einzahlungen! neuer! Investoren! gespeist! werden.! Man! zahlt! alte! Schulden! mit! neuen! Schulden.! Im! Unterschied! allerdings! zu! kriminellen! Schneeballsystemen,! wie! sie! immer! wieder! durch! betrügerische! Kettenbriefaktionen! lanciert! werden! entstehen! im! gesamtwirtschaftlichen! Schneeballsystem!der!Wachstumsspirale!reale!Gewinne!und!Einkommenszuwächse,!weil!die! Natur!gezwungen!wird!mitzuspielen.!Die!Schulden!an!die!Natur!müssen!ja!nicht!beglichen! werden.! Wenn! aber! die! Natur! nicht! mehr! mitspielt,! d.h.,! wenn! sich! die! natürlichen! Ressourcen!und!unser!Lebensraum!verknappen,!weil!wir!die!Natur!bzw.!die!Naturleistungen! nicht!nachhaltig!bewirtschaften,!sondern!vergeuden,!dann!macht!sich!dies!schließlich!auch! wirtschaftlich!bemerkbar.!Die!Ressourcenpreise!steigen!tendenziell!an,!wodurch!entweder! die! Inflation! weiter! angeheizt! wird! oder! die! Gewinne! der! Unternehmungen! bzw.! die! Einkommen! der! Haushalte! sich! schmälern.! Gleichzeitig! erhöhen! sich! die! Kosten! für! den! Umweltschutz,! d.h.! die! Reparationskosten! für! die! Natur,! soweit! Reparaturen! überhaupt! möglich! sind.! Oder! wir! gehen! der! direkten! Naturleistungen! verlustig,! indem! wir! auf! gute! Luft,! sauberes! Wasser,! schöne! Landschaften,! Artenvielfalt! und! ein! menschenverträgliches! Klima! verzichten! müssen.! Damit! drohen! aber! schließlich! unsere! Existenzgrundlagen! zu! schwinden.! Die! Herausforderung,! vor! der! wir! stehen,! ist! es,! das! Schneeballsystem,! d.h.! die! sich! kumulierende! ökonomische! und! ökologische! Verschuldung,! rechtzeitig! zu! bremsen.! Wir! müssen! uns! mehr! der! Qualifizierung! des! Reichtums! als! der! Steigerung! seiner! Quantität! widmen,!um!so,!wenn!auch!in!quantitativ!bescheidenerer!Weise!als!bisher,!reich!zu!bleiben.! ! Artikelherkunft* Auszug! aus:! Binswanger,! H.C.! (2010):! Vorwärts! zur! Mäßigung.! Perspektiven! einer! nachhaltigen!Wirtschaft.!MurmannUVerlag.!2.Auflage,!Hamburg.! ! Über*den*Autor* ! Prof.* Dr.* em.* Hans* Christoph!Binswanger,! Jahrgang! 1929,! studierte! Volkswirtschaftslehre! in! Zürich! und! Kiel! und! lehrte! von! 1969! bis! zu! seiner! Emeritierung! 1994! als! ordentlicher! Professor! für! Volkswirtschaftslehre!an!der!Universität!St.!Gallen.!Von!1967!bis!1992! war!er!Direktor!der!Forschungsgemeinschaft!für!Nationalökonomie,!seit! 1980! geschäftsführend.! Von! 1992! bis! 1995! wirkte! er! als! Direktor! des! Instituts!für!Wirtschaft!und!Ökologie.!Seine!Arbeitsschwerpunkte! sind! Geldtheorie,! Dogmengeschichte,! UmweltU! und! Ressourcenökonomie! und!allgemeine!Volkswirtschaftslehre.!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 54! Bankgeheimnis*Geldschöpfung* Die!Weltfinanzkrise!wirft!viele!Fragen!auf! Bernd!Senf! ! Jahre! lang! war! in! den! politischen! Diskussionen! immer! wieder! zu! hören,! zu! lesen! und! zu! sehen!(dass!einem!schon!fast!Hören!und!Sehen!vergingen),!die!öffentlichen!Kassen!seien! leer.!An!allen!Ecken!und!Enden!fehlten!die!Mittel,!um!dringende!öffentliche!Aufgaben!zu! erfüllen.!Und!nun!auf!einmal!–!seit!Ausbruch!der!Weltfinanzkrise!–!überschlagen!sich!die! Meldungen! über! staatliche! Rettungsschirme! für! angeschlagene! Banken! und! über! Konjunkturpakete!in!Billionen!Höhe!(Dollar!bzw.!Euro).!Eine!Billion!–!das!sind!Millionen!mal! Millionen!! Entsprechende! Programme! wurden! in! kürzester! Zeit! unter! unglaublichem! Zeitdruck!und!sonstigem!Druck!durch!die!Parlamente!gepeitscht,!und!in!den!USA!wurden! Blankoschecks!an!den!Finanzminister!ausgestellt!ohne!jede!weitere!Kontrollmöglichkeit!des! Kongresses!über!die!konkrete!Verwendung!der!Mittel.!Dem!voraus!ging!das!Platzen!riesiger! Spekulationsblasen! an! den! internationalen! Finanzmärkten,! beginnend! mit! der! Immobilienkrise! in! den! USA.! Es! kam! zu! dramatischen! Kursverlusten,! und! vermeintliche! Geldvermögen!und!Forderungen!von!Banken!gegenüber!Schuldnern!lösten!sich!in!Luft!auf! bzw.! wurden! zu! „finanziellem! Giftmüll“,! der! viel! zu! lange! mit! üblen! Bilanzfälschungen! verschleiert!wurde,!bis!er!schließlich!immer!mehr!zum!Himmel!stank!–!und!der!nun!in!so! genannten! „bad! banks“! mit! öffentlichen! Geldern! entsorgt! werden! soll.! Immer! mehr! Menschen!beginnen!sich!zu!fragen,!wie!das!alles!zusammen!hängt.!Die!tieferen!Ursachen! der! Weltfinanzkrise! und! die! Fragwürdigkeit! der! Mittel! zu! ihrer! Bekämpfung! sind! bisher! allerdings!viel!zu!wenig!aufgezeigt!und!diskutiert!worden.! Im! Gegensatz! zu! den! meisten! Wirtschafts!! und! Finanzexperten,! Politikern! und! Gewerkschaftlern,!die!von!der!Krise!völlig!überrascht!wurden,!kam!sie!für!mich!überhaupt! nicht! unerwartet,! im! Gegenteil:! Seit! vielen! Jahren! habe! ich! auf! die! im! bestehenden! Geldsystem! verankerten! problematischen! Strukturen! und! auf! notwendige! Veränderungen! hingewiesen!–!wie!schon!auf!dem!Titelbild!meines!1996!erschienen!Buches!„Der!Nebel!um! das!Geld“!erkennbar!wird.!Zu!den!wesentlichen!Problempunkten!gehören!die!Struktur!und! langfristig!destruktive!Dynamik!des!Zinssystems;!die!bestehende!Art!der!Geldschöpfung!aus! dem!Nichts!durch!(zum!Teil!private)!Zentralbanken!und!durch!private!Geschäftsbanken.! Zur*Problematik*des*Zinssystems* Die!Problematik!des!Zinssystems!soll!hier!nur!ganz!kurz!angedeutet!werden.!Der!scheinbar! selbstverständliche!Zins!und!Zinseszins!lässt!die!Geldvermögen!exponentiell,!das!heißt!in!sich! beschleunigendem!Maße!anwachsen.!Bei!5!%!Zinseszins!kommt!es!nach!jeweils!knapp!15! Jahren!zu!einer!Verdoppelung.!Nach!ungefähr!15,!30,!45,!60,!75,!90,!105,!120,!135,!150...! Jahren!wächst!demnach!1!Euro!auf!2,!4,!8,!16,!32,!64,!128,!256,!512,!1024...!Euro!an.!(Die! genaue! Zahl! nach! 150! Jahren! liegt! sogar! bei! 1.507! Euro.)! Aus! einer! Milliarde! würden! entsprechend!1,507!Billionen.!So!schön!das!aus!der!Sicht!der!Geldanleger!erscheinen!mag,! so! problematisch! ist! dieses! immer! schneller! werdende! Wachstum! aus! der! Sicht! der! Schuldner!–!und!aus!gesamtwirtschaftlicher!Sicht.!Denn!das!Anwachsen!der!Geldvermögen! hat!zur!Grundlage!(und!treibt!hervor)!ein!entsprechendes!Wachstum!der!Schulden!irgend! woanders! im! Gesamtsystem:! bei! privaten! Unternehmen,! privaten! Haushalten! und! beim! Staat!innerhalb!eines!Landes!oder!im!Ausland.!!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 55! Die! Schulden! sind! das! Spiegelbild! der! Geldvermögen! und! sie! wachsen! wie! ein! Tumor! im! menschlichen! Körper.! Der! Zins! wirkt! demnach! wie! Krebs! im! sozialen! Organismus.! Exponentiell! wachsende! Zinslasten,! die! aus! dem! jährlichen! Sozialprodukt! aufgebracht! werden!müssen,!können!von!den!Schuldnern!im!Durchschnitt!immer!weniger!erwirtschaftet! werden,! weil! in! einer! Welt! begrenzter! Ressourcen! und! Absatzmärkte! ein! exponentielles! Wachstum!der!Realwirtschaft!auf!Dauer!nicht!möglich!ist.!Es!muss!sich!vielmehr!–!auch!bei! größten! Anstrengungen! –! nach! einigen! Jahrzehnten! abschwächen,! und! die! Durchschnittsrenditen!in!der!Realwirtschaft!werden!sinken.!! Weil! die! Geldvermögen! trotzdem! weiter! wachsen! wollen,! suchen! sie! –! vermittelt! durch! Banken,!Investmentfonds!oder!Hedgefonds!–!ihr!Glück!an!den!spekulativen!Finanzmärkten! und!treiben!dort!die!Kurse!immer!mehr!in!die!Höhe,!mal!an!den!Aktienbörsen,!mal!an!den! Anleihemärkten,!mal!an!den!Rohstoff!!oder!Agrarmärkten,!mal!an!den!Devisenmärkten!und! Hypothekenmärkten!und!mal!bei!den!Finanzderivaten,!dem!globalen!„Wetten!dass“!–!wohin! sie!jeweils!unter!dem!„monetären!Stauungsdruck“!auf!ihrer!Suche!nach!maximaler!Rendite! rund!um!den!Globus!vagabundieren.!Dies!alles!wurde!seit!Anfang!der!80er!Jahre!möglich,! seitdem! der! Neoliberalismus! und! die! Fanatiker! der! Globalisierung! begannen,! alle! traditionellen!nationalen!Beschränkungen!spekulativen!Kapitalverkehrs!nieder!zu!reißen!und! dies!als!Weg!zum!weltweit!wachsenden!Wohlstand!propagierten.!Die!spekulativ!in!die!Höhe! getriebenen! Kurse! entfernten! sich! auf! diese! Weise! immer! weiter! von! den! realwirtschaftlichen! Grundlagen! und! erzeugten! die! Spekulationsblasen.! In! völliger! Verkennung!des!Gefahrenpotenzials!wurden!Jahre!lang!die!Kurssteigerungen!an!den!Börsen! gefeiert,!und!wachsende!Teile!der!Bevölkerung!ließen!sich!in!das!Börsenfieber!hinein!ziehen,! bis! zum! bösen! Erwachen,! als! die! Blasen! mehr! und! mehr! platzten! –! zunächst! an! der! Peripherie!des!globalen!Kapitalismus,!dann!zunehmend!auch!in!den!Metropolen.!! Wo!kamen!die!Unsummen!von!Geldern!her,!mit!denen!die!Spekulationsblasen!aufgepumpt! wurden,!wer!hat!sie!wie!geschöpft!und!in!Umlauf!gebracht?!Und!wo!sind!die!Quellen!für!die! ganzen!Rettungsschirme!und!Konjunkturpakete!in!!BillionenUHöhe?! Schon! vor! Jahren! (2004)! habe! ich! in! meinem! Buch! „Der! Tanz! um! den! Gewinn“! über! „Börsenfieber! und! kollektiver! Wahn“! geschrieben! –! und! über! die! im! bestehenden! Geldsystem!angelegte!Tendenz!zum!Super!Gau!des!Weltfinanzsystems.!Der!Art!und!Weise! der! Geldschöpfung! kommt! in! diesem! Zusammenhang! eine! wesentliche! Bedeutung! als! Krisenursache! bzw.! als! verstärkender! Faktor! zu.! Um! so! erstaunlicher! ist! es,! dass! die! Geldschöpfung! durch! Jahrhunderte! hindurch! und! bis! heute! eines! der! best! gehüteten! Bankgeheimnisse! war! und! ist! –! und! eines! der! folgenschwersten.! Im! Folgenden! soll! grob! skizziert! werden,! wie! und! woraus! sich! die! Geldschöpfung! entwickelt! hat! und! auf! welche! Weisen!sie!immer!wieder!verschleiert!wurde.![…]! Die*Ursprünge*der*Geldschöpfung* Der! Übergang! von! der! Goldmünzwährung! zur! Papiergeldwährung! –! mit! anfangs! voller,! später!nur!noch!teilweiser!Golddeckung!bis!hin!zur!vollständigen!Loslösung!vom!Gold!–!ist!es! wert,! näher! betrachtet! zu! werden.! Denn! hier! liegen! die! historischen! Anfänge! der! Geldschöpfung!aus!dem!Nichts!–!und!des!Bankgeheimnisses!um!eben!diese!Geldschöpfung.! Begonnen!hat!das!alles!vor!einigen!hundert!Jahren!damit,!dass!die!Händler!ihre!Goldmünzen! zur!Sicherheit!bei!den!Goldschmieden!deponierten,!die!schon!von!Berufs!wegen!Erfahrungen! in! der! sicheren! Aufbewahrung! ihres! wertvollen! Arbeitsmaterials! Gold! hatten! und! über!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 56! entsprechende!Tresore!verfügten.!Die!Händler!bekamen!für!die!Deponierung!ihres!Goldes! eine! möglichst! fälschungssichere! Quittung! aus! Papier! –! verbunden! mit! dem! Recht! auf! jederzeitige!Einlösung!dieser!Quittung!in!Gold!(Goldeinlösegarantie).! Aus! diesen! Anfängen! entwickelten! sich! später! Banken,! und! die! Quittungen! wurden! zu! Banknoten,! die! nicht! personengebunden! waren,! sondern! an! Dritte,! Vierte! usw.! weiter! gereicht!werden!konnten,!also!übertragbar!waren.!Wenn!Händler!A!seinen!Lieferanten!B!im! Wert!von!100!bezahlen!wollte,!konnte!er!die!100er!Banknote!in!Gold!einlösen,!dem!B!das! Gold! übergeben,! und! B! brachte! es! zur! Sicherheit! wieder! zur! (gleichen)! Bank! und! bekam! seinerseits! eine! entsprechende! 100er!Banknote.! Einfacher! war! es! jedoch,! wenn! A! dem! B! gleich!seine!100er!Banknote!weiter!reichte!und!B!darauf!vertraute,!dass!sich!diese!Banknote! jederzeit!in!Gold!einlösen!ließ.!Das!Gold!blieb!dabei!also!bei!der!Bank,!und!die!Banknote! wanderte!von!Hand!zu!Hand!und!erfüllte!die!Funktion!eines!Zahlungsmittels.! Je! mehr! sich! das! Vertrauen! in! die! Goldeinlösegarantie! der! Bank! festigte,! um! so! weniger! wurde!von!der!Goldeinlösegarantie!Gebrauch!gemacht!und!um!so!mehr!Zahlungsvorgänge! wurden! über! die! Weitergabe! der! Banknoten! abgewickelt.! Für! den! Fall,! dass! im! Normalbetrieb!maximal!1/3!der!Banknoten!noch!in!Gold!eingelöst!!wurden,!hatte!die!Bank! noch! 2/3! des! Goldes! übrig,! eine! Überschussreserve! in! Gold,! das! ihr! eigentlich! gar! nicht! gehörte,! sondern! das! sie! nur! zur! Sicherung! eingelagert! hatte.! Dennoch! wurde! die! Versuchung! groß,! diese! 2/3! Gold! anderweitig! zu! verwenden! und! daraus! ein! Geschäft! zu! machen.!Eine!Möglichkeit!wäre!gewesen,!sie!an!andere!als!Kredit!auszuleihen,!verbunden! mit! der! Forderung! nach! Zinsen,! Tilgung! und! dinglicher! Sicherung! des! Kredits.! Das! wäre! übrigens!gerade!so,!als!würde!ein!an!der!Garderobe!der!Philharmonie!abgegebener!Mantel! während! des! Konzerts! an! Dritte! gegen! Leihgebühr! ausgeliehen! werden,! die! von! der! Garderobe!eingesteckt!wird.!Korrekt!scheint!das!nicht!zu!sein.!Und!vor!allem:!Was!ist,!wenn! der!Konzertbesucher!unerwartet!schon!in!der!Pause!seinen!Mantel!abholen!will!–!und!der! Mantel!gar!nicht!da!ist?!In!diesem!Moment!würde!der!Schwindel!auffliegen.!! Die! Banken! wurden! aber! noch! einfallsreicher:! Anstatt! die! Gold!Überschussreserve! weiter! auszuleihen,! wurde! diese! als! Grundlage! für! die! Schöpfung! weiterer! Banknoten! aus! dem! Nichts! verwendet.! Auf! den! 2/3! Goldreserven! konnten! zwei! weitere! 100er!" Banknoten! gedruckt!und!in!Umlauf!gebracht!werden!–!unter!der!Annahme,!dass!auch!von!ihnen!nur! maximal! jeweils! 1/3! in! Gold! eingefordert! würde.! Aus! Gold! im! Wert! von! 100! wurden! auf! diese! Weise! insgesamt! 3! x! 100er!Banknoten,! von! denen! die! zwei! neu! geschöpften! Banknoten!als!Kredit!(mit!Zinsen,!Tilgung!und!Sicherung)!in!Umlauf!gebracht!wurden.!Das! aus! dem! Nichts! geschöpfte! Geld! (in! Höhe! von! 200),! das! genauso! aussah! wie! die! erste! (anfangs! noch! voll! durch! Gold! gedeckte)! 100er!Banknote,! verwandelte! sich! in! eine! Forderung!der!Bank!gegenüber!den!Kreditnehmern,!die!erbarmungslos!eingetrieben!wurde,! und!sei!es!auch!–!bei!Zahlungsunfähigkeit!des!Schuldners!–!durch!Zwangsvollstreckung!von! dessen!beliehenem!Eigentum.! Die*Verschleierung*der*Papiergeldschöpfung*aus*dem*Nichts* Während! die! erste! Banknote! noch! eine! Forderung! des! Inhabers! gegenüber! der! Bank! auf! Goldeinlösung! beinhaltete,! haben! sich! die! zwei! aus! dem! Nichts! geschöpften! 100er!" Banknoten!zusätzlich!in!Forderungen!der!Bank!gegenüber!den!Schuldnern!verwandelt.!Die! Bank!hat!dadurch!sozusagen!den!Spieß!umgedreht.!Obwohl!also!die!zweite!und!dritte!100er! Banknote!einen!völlig!anderen!Ursprung!und!Charakter!hatten!als!die!erste,!sahen!alle!drei!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 57! Banknoten!gleich!aus.!Hierin!lag!bereits!eine!Täuschung.!Die!aus!dem!Nichts!geschöpften! Banknoten!erzeugten!nur!den!falschen!Schein!eines!durch!Gold!gedeckten!Geldes.!Heißt!der! Geldschein!seitdem!vielleicht!deswegen!„Geld!Schein“?!! Aus! der! Sicht! der! Banken! war! diese! Konstruktion! geradezu! genial.! Ebenso! genial! war! es,! diese! Form! der! Geldschöpfung! aus! dem! Nichts! –! und! des! In!Umlauf!Bringens! als! Kredit! gegen!Zinsen,!Tilgung!und!Sicherung!–!geheim!zu!halten!und!darauf!hinzuwirken,!dass!sie! nicht! durch! irgendwelche! Gesetze! des! Staates! unterbunden! wurde.! Einen! Teil! der! Verschleierung! besorgte! die! begriffliche! Verklausulierung! des! Sachverhalts! und! die! Entwicklung! einer! Fachsprache,! die! vom! normalen! Bürger! und! auch! von! den! meisten! Politikern! nicht! verstanden! wurde.! Schließlich! wurden! derartige! Bankgeschäfte! so! selbstverständlich,!dass!kaum!noch!jemand!danach!fragte,!wie!sie!funktionieren!und!ob!sie! überhaupt! vertretbar! sind.! An! diesem! Tatbestand! hat! sich! im! Prinzip! bis! heute! wenig! geändert.! Geldschöpfung*und*Wirtschaftswachstum*–*Hans*Christoph*Binswanger* Volkswirtschaftlich!bedeutsam!ist!die!Tatsache,!dass!sich!mit!dem!Übergang!von!der!vollen! Golddeckung! zur! nur! noch! teilweisen! Golddeckung! des! Papiergeldes! der! Geldmantel! vergrößerte,! und! zwar! weit! mehr,! als! es! im! Rahmen! der! vollen! Golddeckung! möglich! gewesen!wäre.!Das!gab!von!der!monetären!Seite!her!Raum!für!eine!stärkere!Entfaltung!der! industriellen! Produktion! und! für! das! Wecken! von! bis! dahin! noch! schlummerndem! Produktionspotenzial.!Die!Geldschöpfung!hat!insofern!nicht!nur!ein!stärkeres!Wachstum!der! Wirtschaft! ermöglicht,! sondern! dieses! sogar! aktiv! mit! hervor! getrieben.! Denn! zur! Finanzierung!von!Neu!Investitionen!waren!die!Unternehmen!und!auch!der!Staat!nicht!mehr! auf!entsprechende!Spargelder!angewiesen,!die!von!den!Banken!gesammelt!und!als!Kredite! weiter! geleitet! wurden.! Volkswirtschaftliches! Sparen! war! nicht! mehr! allein! die! Voraussetzung! für! Investitionen! und! Wirtschaftswachstum,! sondern! das! aus! dem! Nichts! geschöpfte!und!als!Kredit!in!Umlauf!gebrachte!(„emittierte“)!Geld!schaffte!in!den!Händen! der! Kreditnehmer! zusätzliche! Nachfrage! und! mobilisierte! auf! diese! Weise! ein! Produktionspotenzial,! das! ohne! die! Geldschöpfung! brach! gelegen! hätte.! Erst! wenn! die! Geldschöpfung! das! Maß! des! Produktionspotenzials! übersteigt,! entsteht! die! Gefahr! einer! Inflation.! Insofern! könnte! man! dem! Bankensystem! das! Verdienst! zusprechen,! dass! es! mit! der! Geldschöpfung! zur! Entfesselung! der! Produktivkräfte! wesentlich! beigetragen! und! sie! in! diesem! Ausmaß! erst! ermöglicht! hat.! So! wurde! es! auch! oft! würdigend! dargestellt:! das! Bankensystem! habe! die! zum! Wachstum! erforderliche! „Liquidität“! bereitgestellt.! Aber! wie! und!mit!welchen!Konsequenzen,!was!den!Einfluss!und!die!Macht!der!Banken!anlangt,!wurde! kaum! jemals! hinterfragt.! Und! schon! gar! nicht,! ob! es! dazu! vielleicht! Alternativen! geben! könnte,!die!weniger!problembehaftet!sind.!Hans!Christoph!Binswanger!ist!einer!der!wenigen! Ökonomen,! die! den! Zusammenhang! zwischen! Geldschöpfung! und! Wirtschaftswachstum! kritisch!aufgezeigt!haben.! Bei!aller!Würdigung!der!Rolle!der!Banken!bleibt!etwas!höchst!Fragwürdiges!an!dieser!Form! der!Geldschöpfung!–!und!an!dem!Geheimnis,!das!um!sie!aufgebaut!und!Jahrhunderte!lang! gehütet!wurde.!Nichts!rechtfertigt!die!Tatsache,!dass!mit!aus!dem!Nichts!geschöpftem!Geld! Forderungen! gegenüber! Schuldnern! –! verbunden! mit! Zins,! Tilgung! und! Sicherung! –! begründet! und! erbarmungslos! eingetrieben! werden.! Entgegen! allem! vordergründigen!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 58! Anschein,!dass!auf!diese!Weise!eine!WertUSchöpfung!durch!das!Bankensystem!stattgefunden! habe,! handelt! es! sich! vielmehr! um! die! Schaffung! von! Rechtstiteln! (also! rechtlich! einklagbaren! Ansprüchen)! zur! Wert!Abschöpfung,! das! heißt! von! Werten,! die! in! anderen! Teilen!der!Volkswirtschaft!oder!Weltwirtschaft!–!zum!Beispiel!in!Form!von!realen!Gütern!und! Dienstleistungen!–!geschaffen!wurden.!Über!die!Geldschöpfung!ist!das!Bankensystem!in!eine! Rolle!hinein! gewachsen,!die!weit!über!die!bloße! Durchleitung! von! Spargeldern! zu! KreditU zwecken! hinaus! geht.! Und! kaum! jemand! hat! es! bemerkt,! nicht! einmal! die! meisten! Ökonomen!der!letzten!250!Jahre.! Geldschöpfung*–*ein*blinder*Fleck*in*vielen*Wirtschaftstheorien* In! der! klassischen! Wirtschaftstheorie! von! Adam! Smith! –! und! selbst! noch! in! der! Mehrwerttheorie!von!Karl!Marx!–!wird!die!Rolle!des!Geldes!so!behandelt,!als!sei!es!eine! Goldmünzwährung! oder! allenfalls! ein! Papiergeld! mit! voller! Golddeckung.! Investitionen! schienen!demnach!nur!möglich!auf!der!Grundlage!voran!gegangenen!volkswirtschaftlichen! Sparens!und!des!Anhäufens!von!Geldvermögen!(bei!Marx!„Kapitalakkumulation“).!Und!dies,! obwohl!schon!zu!Smith´s!Zeiten!längst!die!Papiergeldschöpfung!aus!dem!Nichts!in!großem! Maßstab! existierte.! In! England! gab! es! sogar! schon! seit! 1694! die! Bank! von! England,! eine! Zentralbank!mit!Papiergeldschöpfung,!die!eine!höchst!fragwürdige!Rolle!in!der!Geschichte! des!Geldes!und!des!britischen!Kolonialismus!gespielt!hat.!Auch!ihre!Rolle!wurde!von!kaum! einem! der! großen! Ökonomen! kritisch! hinterfragt,! und! wenn! doch! (wie! bei! David! Ricardo! Anfang!des!19.!Jahrhunderts),!dann!wurde!alsbald!darüber!geschwiegen.!Um!die!Bank!von! England,! ihre! Art! der! Geldschöpfung! und! ihre! Anteilseigner! wurde! ein! Bankgeheimnis! aufgebaut! –! wie! übrigens! um! viele! der! später! gegründeten! Zentralbanken! oder! „Nationalbanken“.! Gründung*und*Tarnung*der*Bank*von*England*als*einer*privaten*Zentralbank* Entgegen!dem!äußeren!Schein!war!die!Bank!von!England!als!eine!Privatbank!von!William! Patterson!gegründet!worden!und!bekam!vom!englischen!König!Wilhelm!III.!von!Oranien!das! Privileg!zum!Drucken!und!zur!Ausgabe!des!allgemeinen!gesetzlichen!Zahlungsmittels!erteilt.! Auf!der!Grundlage!von!Goldreserven,!die!über!die!Emission!von!Aktien!der!Bank!von!England! zugeflossen!waren,!wurde!ein!Vielfaches!an!Papiergeld!geschöpft!und!als!verzinste!Kredite!in! Umlauf!gebracht.!Auf!diese!Weise!flossen!auch!dem!Staatshaushalt!des!Königs!neue!Gelder! zu,! der! sich! in! dramatischer! Geldnot! befunden! und! deshalb! dem! Plan! von! Patterson! zugestimmt!hatte.!Das!Absurde!daran!ist,!dass!der!König!–!und!später!allgemein!der!Staat!–! sich!gegenüber!einer!privaten!Zentralbank!mit!zinsbelastetem!Geld!verschulden!musste!und! in! Abhängigkeit! von! der! Bank! von! England! geriet,! der! er! vorher! das! Privileg! der! Geldschöpfung!übertragen!hatte.! Eine!zusätzliche!Absurdität!bestand!darin,!dass!unter!diesen!Bedingungen!!zusätzliches!Geld! nur! auf! dem! Weg! über! Kredit! und! Schuld! –! unter! anderem! durch! wachsende! Staatsverschuldung! –! in! den! Wirtschaftskreislauf! gelangte.! Eine! Rückzahlung! der! Staatsschuld! ist! in! einem! solchen! Kreditgeldsystem! prinzipiell! gar! nicht! möglich,! weil! dadurch! die! Geldmenge! in! gleichem! Maße! reduziert! und! ein! Geldmangel! im! Wirtschaftskreislauf! ausgelöst! würde,! der! die! Wirtschaft! in! eine! Deflation! treiben! würde.! Eine!derart!einflussreiche!Zentralbank!(im!wahren!und!übertragenen!Sinn!des!Wortes)!kann! auch!die!Politik!wesentlich!beeinflussen,!indem!sie!darüber!entscheidet,!für!welche!Zwecke! dem! Staat! Kredite! bereit! gestellt! werden! und! für! welche! nicht.! Zur! Bedienung! der!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 65! so! dass! die! Gläubiger! die! Kontrolle! über! Menschen! und! Ressourcen! bekommen.! Die! zugrunde!liegende!Abfolge!„Kreditbedarf!–!Verschuldung!und!Enteignung“!zieht!sich!wie!ein! roter! Faden,! wie! ein! Thema! mit! Variationen! durch! einige! Tausend! Jahre! Geldgeschichte,! aber!sie!wird!besonders!grotesk,!wenn!die!Mittel!zur!Kreditvergabe!–!wenn!auch!in!gewissen! Grenzen!–!aus!dem!Nichts!geschöpft!werden.!Man!kann!diesen!Zusammenhang!auf!einen! kurzen!Nenner!bringen:! Mit*selbst*geschöpftem*Geld*–*kaufen*sie*die*Welt* Und!sie!tragen!auf!diese!Weise!mit!dazu!bei,!dass!die!exponentiell!wachsenden!Forderungen! der!Geldvermögen!ermöglicht!werden!durch!entsprechend!wachsende!Verschuldung,!für!die! immer!wieder!Kredite!bereit!gestellt!und!Schuldner!immer!tiefer!in!die!Schuldenfalle!gelockt! oder!getrieben!werden,!so!dass!eine!wachsende!Zahl!von!ihnen!zusammen!brechen!muss.! Diese!Tendenz!ist!im!bestehenden!Zinssystem!in!Kombination!mit!der!Geldschöpfung!des! Bankensystems! angelegt.! Und! für! den! Fall,! dass! die! Forderungen! ausfallen! und! die! faul! gewordenen! Kredite! die! Bilanzen! der! Banken! in! die! roten! Zahlen! geraten! lassen,! gibt! es! mittlerweile!staatliche!!Rettungsschirme,!für!die!die!Zentralbanken!das!nötige!Geld!aus!dem! Nichts! schöpft! und! den! Staaten! als! wachsende! Staatsschuld! „bereit! stellt“! –! bis! hin! zum! Staatsbankrott!oder!zur!Hyperinflation!(um!nur!zwei!mögliche!Verlaufsformen!zu!nennen).!! Es! kommt! noch! eine! weitere! Problematik! der! Giralgeldschöpfung! hinzu:! Das! Geldsystem! insgesamt!steht!unter!diesen!Bedingungen!auf!einem!äußerst!unsicheren!Fundament.!Wird! aus!irgend!welchen!Gründen!der!schmale!Bargeld!Sockel!der!Geschäftsbanken!vermindert,! so! müssen! die! darauf! aufgebauten! Kredite! in! Form! von! Sichtguthaben! um! ein! Vielfaches! zurück! gefahren! werden! (beim! Verhältnis! 1:10! um! das! Zehnfache! des! Bargeldabflusses).! Dadurch!entsteht!die!in!letzter!Zeit!viel!beklagte,!aber!wenig!verstandene!Kreditklemme!im! Bankensystem.!Vor!diesem!Hintergrund!wird!auch!verständlich,!warum!sowohl!die!Banken! als!auch!die!Regierung!panische!Angst!vor!einem!Ansturm!der!Bankkunden!auf!die!Banken! haben.!Wenn!nämlich!alle!Inhaber!von!Girokonten!einer!Bank!ihre!Guthaben!gleichzeitig!in! bar! abheben! wollen,! würde! sich! auf! dramatische! Weise! heraus! stellen,! dass! ihr! Geld! gar! nicht!bei!der!Bank!ist!–!oder!jedenfalls!nur!ein!Bruchteil!davon.!Die!betreffende!Bank!müsste! ihren!Laden!dicht!machen,!und!die!Gefahr!besteht,!dass!dann!auch!andere!Banken!von!den! Kunden!gestürmt!werden!–!mit!dem!gleichen!Ergebnis.!Wenn!es!erst!einmal!so!weit!kommt,! nützen! auch! keine! Einlagensicherungsfonds! oder! staatliche! Garantien! –! ähnlich,! wie! eine! Feuerwehr! einzelne! Brände! wirksam! bekämpfen! kann,! aber! einem! Flächenbrand! hilflos! gegenüber! steht.! Auf! derart! fragwürdigem! Fundament! ist! das! bestehende! Geldsystem! aufgebaut! –! und! das! weltweit.! Und! lange! Zeit! wollte! kaum! jemand! etwas! von! diesem! unerhörten!Gefahrenpotenzial!wissen.![…]! Die*Theorie*der*multiplen*Kreditschöpfung*–*Verschleierung*statt*Aufklärung* Warum!trägt!die!VWL!Lehrbuchtheorie!der!multiplen!Kreditschöpfung!nicht!zum!wirklichen! Verständnis!der!Giralgeldschöpfung!und!ihrer!Problematik!bei?!Diese!Theorie!hat!Modelle! entwickelt,!in!denen!die!Geldschöpfung!aus!dem!Nichts!verborgen!bleibt,!und!täuscht!mit! ihrer!exakten!mathematischen!Formulierung!über!ihre!groben!inhaltlichen!Mängel!hinweg.! Ihre! Argumentation! soll! wieder! an! einem! Beispiel! erläutert! werden.! Am! Anfang! der! Überlegungen! steht! eine! Bareinzahlung! auf! ein! Girokonto! von! 100! Euro.! Wegen! der! erforderlichen! Mindestreserve! für! eventuelle! Barabhebungen! (und! vielleicht! auch! zur! Erfüllung! gesetzlicher! Mindestreserve!Verpflichtungen)! –! zum! Beispiel! in! Höhe! von! 1/3! –!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 66! würde! 2/3! des! Bargeldes! als! Kredit! an! einen! Dritten! ausgeliehen.! Dieser! würde! mit! dem! Kredit! Nachfrage! entfalten! und! bei! einem! Vierten! kaufen,! und! dieser! Vierte! wiederum! würde!die!Erlöse!auf!sein!Girokonto!bei!einer!Bank!in!bar!einzahlen.!! Also! kämen! in! diesem! einfachen! Beispiel! in! der! nächsten! Runde! 66,66! Euro! neue! Bareinzahlung!zur!Bank,!von!denen!wiederum!(abzüglich!der!Mindestreserve!von!1/3)!die! übrigen!2/3!(also!44,44!Euro)!als!neue!Kredite!ausgeliehen!werden!–!und!so!weiter.!Wegen! der! jedes! Mal! einbehaltenen! Mindestreserve! ebben! die! zusätzlich! vergebenen! Kredite! immer! weiter! ab,! aber! aufsummiert! über! unendlich! lange! Zeit! (mit! der! mathematischen! Formel! für! unendliche! Reihen)! ergibt! sich! schließlich! ein! Kreditvolumen! in! Höhe! des! Dreifachen!der!anfänglichen!Bareinzahlung.!(Allgemein!ist!das!Ergebnis!immer!der!Kehrwert! des! Mindestreservesatzes! –! bei! 1/10! sind! es! also! 10,! bei! 1/20! sind! es! 20! usw.! Diese! so! errechnete! Zahl! wird! „Kreditschöpfungs!Multiplikator“! genannt! und! der! Vorgang! selbst! „multiple!Kreditschöpfung“.)! Dieser!Vorgang!grenzt!fast!an!Zauberei,!und!vor!lauter!Bewunderung!kommt!kaum!jemand! mal! auf! die! Frage,! wie! das! Ergebnis! eigentlich! zustande! gekommen! und! was! von! den! Grundannahmen! zu! halten! ist.! Die! Aufsummierung! ökonomischer! Größen! –! die! immer! zeitbezogen! sind! –! über! unendlich! lange! Zeit! macht! keinen! Sinn.! Auf! eine! sinnlose! Frage! kann!es!entsprechend!auch!keine!sinnvolle!Antwort!geben.!So!einfach!ist!das!–!und!doch!so! schwer!zu!durchschauen.!Was!würde!sich!denn!an!Umsätzen!aus!einem!Euro!ergeben,!wenn! der!Euro!über!unendlich!lange!Zeit!durch!unendlich!viele!Hände!gehen!würde?!Umsätze!in! Höhe!von!unendlich!!Na!und?!Da!wird!der!Unsinn!der!Fragestellung!offensichtlich.!In!der! mathematisch! verklausulierten! Theorie! der! multiplen! Kreditschöpfung! bleibt! er! hingegen! verborgen.!Das!Irreführende!an!dieser!Theorie!liegt!darin,!dass!der!falsche!Eindruck!erweckt! wird,! die! jeweils! neu! vergebenen! Kredite! würden! jedes! Mal! auf! voran! gegangenen! Bareinzahlungen!beruhen.!Genau!das!ist!aber!bei!der!Giralgeldschöpfung!nicht!der!Fall,!denn! sie! wird! –! wie! oben! dargestellt! –! ohne! jeweils! neue! Bareinzahlungen! aus! dem! Nichts! geschöpft.!Aus!einer!falschen!Theorie!über!die!Giralgeldschöpfung!folgt!allerdings!nicht,!dass! es!die!Giralgeldschöpfung!nicht!gibt!–!ebenso!wenig,!wie!aus!einer!falschen!Theorie!über!die! Bewegungen! der! Himmelskörper! gefolgert! werden! kann,! dass! es! die! Himmelskörper! und! ihre! Bewegungen! nicht! gibt.! Vielmehr! gilt! es! nach! Erklärungen! zu! suchen,! die! die! Phänomene!zutreffender!beschreiben.!In!der!Astronomie!war!das!die!Wende!vom!Weltbild! des!Ptolomäus!zu!dem!des!Kopernikus!–!die!kopernikanische!Wende.! Begriffsverwirrung*als*Mittel*der*Verschleierung* Warum!liegt!aber!die!Realität!der!Giralgeldschöpfung!nicht!offen!zu!Tage,!warum!ist!sie!nicht! direkt!aus!den!Bankbilanzen!und!den!daraus!abgeleiteten!Statistiken!unmittelbar!erkennbar?! Weil!die!aus!dem!Nichts!geschöpften!Sichtguthaben!irreführender!Weise!mit!dem!gleichen! Begriff!bezeichnet!werden!wie!das!anfänglich!auf!Bareinzahlung!begründete!Sichtguthaben,! nämlich!mit!dem!Begriff!„Sichteinlagen“!–!obwohl!das!von!der!Bank!zusätzlich!geschaffene!2.! und! 3.! Sichtguthaben! von! jeweils! 100! Euro! nicht! auf! weiteren! Bareinzahlungen! oder! Bareinlagen!beruhen,!sondern!lediglich!aus!einem!Buchungsvorgang!entstanden!sind.!(Diese! Täuschung!–!ob!bewusst!oder!unbewusst!–!ist!ganz!ähnlich!wie!seinerzeit!die!Täuschung!bei! der!Schöpfung!zusätzlicher!Banknoten!aus!dem!Nichts,!die!äußerlich!genau!so!aussahen!wie! die!anfängliche!Banknote,!die!durch!Einzahlung!von!Gold!entstanden!und!zunächst!zu!100!%! durch! Gold! gedeckt! war.)! Wer! in! den! Bankbilanzen! und! Statistiken! danach! sucht,! ob! das! Volumen!der!Kreditausleihungen!die!„Einlagen“!übersteigt,!wird!nicht!fündig!werden.!Und!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 67! also!scheint!es!für!ihn!keine!Kreditschöpfung!aus!dem!Nichts!zu!geben.!Dass!sich!aber!unter! dem! Begriff! „Sichteinlagen“! auch! solche! Guthaben! verbergen,! die! gar! nicht! auf! Einlagen! beruhen,! sondern! aus! dem! Nichts! geschaffen! wurden,! bleibt! dadurch! verschleiert! –! und! damit! die! ganze! Ungeheuerlichkeit,! die! mit! dem! Bankgeheimnis! Geldschöpfung! und! dem! dahinter!Verborgenen!verbunden!ist.! Diese!Begriffsverwirrung!bezüglich!des!Geldsystems!und!der!falsche!äußere!Schein!können! kaum!Zufall!sein.!Es!sieht!eher!nach!bewusster!Täuschung!aus,!die!!irgendwann!einmal!auf! den!Weg! gebracht! wurde.!Später!hat! man!sich!einfach!an! die! Begriffe!und!Praktiken! der! Bankgeschäfte! gewöhnt! und! sie! überhaupt! nicht! mehr! hinterfragt.! Zu! vieles! in! der! Geldgeschichte!deutet!darauf!hin,!dass!es!von!bestimmten!Seiten!eher!ein!Interesse!an!der! Verschleierung!wesentlicher!Zusammenhänge!gegeben!hat!als!an!deren!Aufklärung.!Es!ist! auch!bemerkenswert,!dass!diejenigen!Sichtweisen,!die!den!Nebel!um!das!Geld!gelichtet!und! das! Bankgeheimnis! gelüftet! haben,! in! der! Wirtschaftswissenschaft,! der! Politik! und! den! Medien!schlicht!und!einfach!immer!wieder!tot!geschwiegen!wurden.* Das*Ende*des*Bankgeheimnisses*Geldschöpfung* Aber!die!Mauer!des!Schweigens,!der!Ignoranz!und!der!Abwehr!gegenüber!diesen!kritischen! Sichtweisen! und! gegenüber! konstruktiven! Alternativen! ist! am! Bröckeln.! Dazu! hat! die! Weltfinanzkrise! wesentlich! beigetragen.! In! verstärktem! Maße! erfolgt! eine! Rückbesinnung! auf!lange! Zeit!Verschüttetes!und!Ignoriertes,!zum! Beispiel!auf!das!Buch!„100%!Geld“!des! weltberühmten! Geldtheoretikers! Irving! Fisher! aus! den! 30er! Jahren,! der! in! den! VWL! Lehrbüchern! vor! allem! für! seine! Quantitätstheorie! des! Geldes! gewürdigt! wird! (Handelsvolumen!x!Preisniveau!=!Geldmenge!x!Umlaufgeschwindigkeit),!nicht!aber!für!seine! Richtung!weisenden!Vorschläge!zur!Reform!der!Geldschöpfung.!Er!kommt!zu!dem!Ergebnis,! dass!die!Geldschöpfung!nicht!in!die!Hände!privater!Geschäftsbanken!gehört,!sondern!in!die! Hand!der!Zentralbank,!die!staatlich!sein!muss.!Er!verdichtete!seine!Auffassung!in!dem!Satz:! Verstaatlichung*des*Geldes:*ja!*Verstaatlichung*der*Banken:*nein!* Ein! anderes! Richtung! weisendes! Buch! betreffend! die! Problematik! der! Geldschöpfung! stammt! von! dem! langjährigen! Mitglied! des! Direktoriums! der! Deutschen! Bundesbank! Rolf! Gocht! aus! dem! Jahre! 1974! mit! dem! Titel! „Kritische! Betrachtungen! zur! nationalen! und! internationalen! Geldordnung“.! Darin! werden! auch! Funktionsweise! und! Problematik! der! Giralgeldschöpfung!sehr!klar!heraus!gearbeitet!und!Vorschläge!für!einen!sanften!Übergang! zu! einem! anderen! Geldsystem! aufgezeigt,! in! dem! die! Giralgeldschöpfung! der! Geschäftsbanken!keinen!Platz!mehr!hat.!Und!schließlich!sei!auf!eine!neuere!Veröffentlichung! von!Joseph!Huber!und!James!Robertson!(„Geldschöpfung!in!öffentlicher!Hand“)!verwiesen,! in!der!nach!klarer!Analyse!der!Giralgeldschöpfung!und!ihrer!Problematik!konkrete!Schritte!in! Richtung! einer! „Vollgeld!Reform“! beschrieben! werden.! Darin! wird! das! Giralgeld! –! neben! dem! bisherigen! Zentralbankgeld! –! zu! vollwertigem! Geld! im! Sinne! eines! gesetzlichen! Zahlungsmittels! erklärt.! Die! Giralgeld!Verwaltung! soll! dabei! aus! den! Händen! der! Geschäftsbanken!genommen! und! in!die!Hand! einer!vom!privaten! Bankensystem! und!von! privaten! Anteilseignern! unabhängigen! staatlichen! Zentralbank! gelegt! werden,! und! unabhängig!auch!von!der!Regierung!–!das,!was!ich!„Monetative“!nenne.!! Das!Bankgeheimnis!Geldschöpfung!neigt!sich!wohl!mehr!und!mehr!seinem!Ende!zu.!Schon! bald!werden!immer!mehr!Menschen!verstehen,!woraus!des!Kaisers!neue!Gelder!bestehen:!
II!|!Bankgeheimnis!Geldschöpfung! ! ! 68! aus!einer!gigantischen!Täuschung.!Es!ist!zu!hoffen,!dass!es!einen!friedlichen!Übergang!in!ein! langfristig!tragfähiges!und!dem!Gemeinwohl!verpflichtetes!Geldsystem!geben! wird,!damit! der! Welt! ähnliche! Krisen! und! Katastrophen! wie! die! derzeitige! Weltfinanzkrise! und! Weltwirtschaftskrise!in!Zukunft!erspart!bleiben.!! ! Artikelherkunft* Auszug!aus:!http://www.berndsenf.de/pdf/Bankgeheimnis%20Geldschoepfung%204.pdf! ! Über*den*Autor* ! Prof.* em.* Dr.* Bernd* Senf,! Jahrgang! 1944,! ist! u.a.! mit! Vorträgen,! Seminaren,! Workshops! und! Veröffentlichungen! freischaffend! tätig.! Er! hat!Volkswirtschaftslehre!an!der!Universität!Bonn!studiert!und!war!von! 1973!–!2009!Professor!für!Volkswirtschaftslehre!an!der!Fachhochschule! für!Wirtschaft!Berlin.!Seine!Arbeitsschwerpunkte!sind!die!Problematik! des!herrschenden!Geldsystems!und!NOTUwendige!Alternativen!und!die! blinden!Flecken!der!Ökonomie.! ! !
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 69! Der*Arbeitsmarkt*im*Spannungsfeld*von*Wachstum,* Ökologie*und*Verteilung* Norbert!Reuter! ! Zusammenfassung* Trotz!aller!Wachstumsbeschwörungen!besteht!in!allen!fortgeschrittenen!Gesellschaften!ein! Trend!abnehmender!Wachstumsraten.!Insofern!befinden!wir!uns!bereits!–!von!vielen!noch! unbemerkt! –! auf! dem!Weg!in!die! Postwachstumsgesellschaft.! Gleichzeitig! sinkt!die! Bedeutung! des! industriellen! Sektors! für!die! Wertschöpfung! wie!für!die! Beschäftigung! bei! gleichzeitig! wachsendem! Dienstleistungssektor.! Diese!Trends!gilt!es! zu! nutzen! und! wirtschaftspolitisch!zu!unterstützen.!Mehr!–!vor!allem!staatsnahe!–!Dienstleistungen!und!ein! Wiedereinstieg!in!die!Arbeitszeitverkürzung!treten!als!entscheidende!Zukunftsstrategien!in! den!Vordergrund.!! Ein! wachsendes! Bruttoinlandsprodukt! gilt! nach! wie!vor! als! wichtigstes! Kennzeichen! erfolgreicher! wirtschaftlicher! Entwicklung.! Über!Art!und! Qualität,! gar! über!eine! „Postwachstumsökonomie“! (Paech! 2009),!wird! kaum! debattiert.! Tatsächlich! wirken!sich! hohe!Wachstumsraten!positiv!auf!Beschäftigung,!Steuereinnahmen!oder!Sozialsysteme!aus.! In! der! gegenwärtigen! Weltwirtschaftskrise! setzen! denn! auch! wirtschaftspolitische! Maßnahmen!aller!von!der!Krise!betroffenen!Länder!darauf,!die!Wirtschaft!möglichst!schnell! wieder!auf!Wachstumskurs!zu!bringen.!! Auf!der!anderen!Seite!geht!Wirtschaftswachstum!mit!steigender!Umweltbelastung!einher.! Die! Entkoppelung! von! Wirtschaftsleistung! und! Umweltbelastung! ist!in!den! letzten! Jahrzehnten!allenfalls!relativ!gelungen,!was!angesichts!von!Klimakrise!und!der!absehbaren! Erschöpfung!vieler! Ressourcen! nicht! weiterhilft.! Wachstum! des!herkömmlichen,!nichtU qualitativen!Typs!darf!zumindest!für!die!Länder!mit!hohem!ProUKopfUEinkommen!kein!Ziel! der! Wirtschaftspolitik! mehr!sein!(Bund!für!Umwelt!und! Naturschutz! et! al.,! 2008,!insbes.! 112ff.,!Reuter!2002).!! Doch,!was!ist!mit!den!apokalyptischen!Szenarien,!die!im!Falle!ausbleibenden!Wachstums!ein! massives! Unternehmenssterben! und!einen! weiteren! Anstieg! der! Arbeitslosigkeit! vorhersagen?1!Wird!der!Abbau!der!in!vielen!Ländern!bestehenden!Arbeitslosigkeit!vollends! zur! Illusion?! Oder! lassen! sich!Ökologie,!Ökonomie!und! Vollbeschäftigung! miteinander! versöhnen?!Um!diese! Fragen! beantworten! zu! können,!ist!es! notwendig,! Trends!und! ökonomische! Rahmenbedingungen! zu! diagnostizieren.! Auf!dieser! Grundlage! lassen! sich! politische!Handlungsoptionen!aufzeigen,!und!die!gegenwärtige!Wirtschaftskrise!lässt!sich!als! Chance!für!einen!ökologischen!Umbau!und!einen!quantitativen!und!qualitativen!Ausbau!des! privaten!und!vor!allem!des!öffentlichen!Dienstleistungssektors!sehen.!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Immer!noch!scheint!die!Einschätzung!der!ehemaligen!spanischen!Regierung!unter!José!María!Aznar! salonfähig,!deren!Position!von!dem!damaligen!Staatssekretär!Folgado!in!dem!prägnanten!Satz! zusammengefasst!wurde:!„‚Niemand!wird!uns!zwingen,!die!Kyoto_Vorgaben!auf!einem!Unternehmensfriedhof! zu!erfüllen.!Erst!sollte!die!Wirtschaft!brummen,!die!Zukunft!hatte!zu!warten.“! Zitiert!nach!Frankfurter! Rundschau,!20.11.2005,!1.!!
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 70! 1.*Megatrends*der*wirtschaftlichen*Entwicklung** Alle!Gesellschaften!mit!steigenden!ProUKopfUEinkommen!sind!von!zwei!überragenden!Trends! gekennzeichnet:! dem!Trend! zur! Dienstleistungsgesellschaft! und!dem!Trend! abnehmender! Wachstumsraten.!! 1.1*Der*Trend*zur*Dienstleistungsgesellschaft** Der!langfristige!Sektorenwandel!vollzieht!sich!von!der!Vorherrschaft!des!primären!Sektors! (LandU!und!Forstwirtschaft,!Bergbau,!Fischerei)!über!die!Dominanz!des!sekundären!Sektors! (produzierendes! Gewerbe)!hin! zum! zunehmend! dominierenden! tertiären! Sektor! (Dienstleistungen).! In! Deutschland! war! 1950!noch!rund!ein! Viertel! aller! Beschäftigten! im! landwirtschaftlichen!Sektor!tätig.!Seitdem!ging!der!Anteil!konstant!bis!auf!heute!nur!noch! gut! 2! Prozent! zurück.! Bis! Anfang! der!1970er! Jahre! erfüllte! der! sekundäre! Sektor! seine! Funktion! als! Arbeitsplätzereservoir! für!die!im! primären! Sektor! nicht!mehr! benötigten! Arbeitskräfte.! Sukzessive! wurde!er! darin! dann! jedoch!vom! tertiären! bzw.! Dienstleistungssektor!abgelöst.!! Erstmals! arbeiteten! 1972!mit!einem! Anteil! von!gut!47! Prozent! mehr! Beschäftigte! im! DienstleistungsU!als!im!industriellen!Sektor.!Bis!2009!ist!dieser!Anteil!nach!der!Klassifikation! des!Statistischen!Bundesamtes!auf!73!Prozent!gestiegen,!während!im!industriellen!Sektor! nur!noch!knapp!25!Prozent!der!Beschäftigten!arbeiten!(vgl.!Abbildung!1).! ! ! !
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 71! Da!die!einzelnen!Länder!Beschäftigung!in!unterschiedlicher!Weise!den!jeweiligen!Sektoren! zurechnen,!sind!für!internationale!Vergleiche!Zahlen!des!europäischen!Statistischen!Amtes! und!der!International!Labour!Organisation!(ILO)!heranzuziehen.!Ohne!dass!sich!hierdurch!an! den!beschriebenen!Trends! etwas! ändert,! waren! nach! diesen! international! vergleichbaren! Angaben! in! Deutschland! 2008!68,1! Prozent! der! Erwerbstätigen! im! Dienstleistungssektor! beschäftigt,! was! –! insbesondere!gegenüber!den! skandinavischen! Ländern! –! ein!sehr! niedriger!Wert!ist.2! Prognostiziert! und! theoretisch! gedeutet! wurde!dieser! Sektorenwandel! bereits! kurz! nach! dem!Zweiten!Weltkrieg!von!Jean!Fourastié!(1949/54)3!zu!einer!Zeit,!als!im!primären!Sektor! noch!ein! Viertel! aller! Menschen! beschäftigt! war.! Offensichtlich! hatte! Fourastié! die! Triebkräfte! der! Entwicklung! richtig! erkannt:! Produktivitätsfortschritt! und! SättigungsU tendenzen.! Der! Produktivitätsfortschritt,! also! die! technische! und! organisatorische! Entwicklung,!ermöglichte!eine!immer!größere!Produktion!pro!Arbeitskraft.!Allerdings!erklärt! dies! alleine! noch!keinen! Sektorenwandel.! Solange! das! Mehrprodukt! sich! als! absetzbar! erweist,! führt!der! Produktivitätsfortschritt! lediglich! zu! einer! fortgesetzten! Expansion! des! Sektors.!Erst!zusammen!mit!dem!zweiten!Faktor,!nämlich!der!Nachfragesättigung,!kommt!es! wegen!zunehmender!Überkapazitäten!zu!Absatzproblemen!und!in!der!Folge!zu!wachsenden! Beschäftigungsverlusten!in!diesem!Sektor.! Wegen!der! großen! Nachfrage! nach! industriellen! Gütern! konnte! der! industrielle! Sektor! in! dieser! Phase! des! Sektorenwandels! Arbeitskräfte,! die!im! primären! Sektor! nicht!mehr! unterkamen,!auffangen.!Entsprechend!expandierte!der!sekundäre!Sektor.!Da!jedoch!auch!in! diesem! Sektor! die!beiden! Triebkräfte! Produktivitätsfortschritt! und! Sättigung! wirken,! prognostizierte! Fourastié! hier!eine! analoge! Entwicklung:! Zunächst! erfolgte! eine! Zunahme! des! Beschäftigungsanteils! dieses! Sektors! verbunden!mit!einer! steigenden! Produktion! von! industriell!erzeugten!Gütern.!Früher!oder!später!aber!stünde!das!gesteigerte!Angebot!auch! hier!einer! zurückbleibenden! Nachfrage! gegenüber.!Erneut! entstehende! Überkapazitäten! markierten! für! Fourastié! den! Zeitpunkt! des! zweiten! großen! Sektorenwandels,! bei!dem! Beschäftigungsverluste! im! industriellen! Bereich!durch! Beschäftigungsgewinne! im! Dienstleistungsbereich!aufgefangen!würden.!! Dienstleistungen!unterscheiden!sich!für!Fourastié!aber!in!zwei!entscheidenden!Punkten!von! Produkten!des!primären!und!des!sekundären!Sektors:!Sie!unterliegen!erstens!keinem!oder! nur!einem!vergleichsweise!geringen!Produktivitätsfortschritt.!Zweitens!unterstellte!Fourastié! einen!unstillbaren!„Hunger!nach!Tertiärem“,!also!ein!Ausbleiben!von!Sättigung.! Fourastié!(1967,!29)!begründete!dies!damit,!dass!„der!tertiäre!Sektor!entweder!das!Leben! des! Konsumenten! sehr!angenehm! gestaltet! (Theater,! Schauspiel,! Kunst,! Tourismus,! Dienstleistungen! im! Handelsverkehr)! oder!er!(...)!für!die! Gemeinschaft! und!sogar!für!die! Herstellung!von!Produkten!des!primären!und!sekundären!Sektors!(Bildungswesen,!Forschung,! Verwaltung!usw.)!absolut!unerläßlich!ist.“!Insofern!stellte!die!Dienstleistungswirtschaft!für! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2! Die! vergleichbaren! Werte! lauten! für! Belgien! 73,5%,! Dänemark! 74,4%,! Finnland! 69,5%,! Frankreich! 73,0%,! Großbritannien!76,9%,!Luxemburg!82,9%,!Niederlande!73,7%,!Norwegen!76,1%,!Österreich!68,4%,!Schweden! 75,8%,! Schweiz! 73,0%.! Deutschland! liegt! noch! weiter! hinten,! wenn! man! nur! den! Teilsektor! „sonstige! öffentliche!und!private!Dienste“!betrachtet.!Vgl.!Statistisches!Bundesamt!2009,!696.!! 3!!Vgl.!hierzu!ausführlich!Reuter!2000,!178U206.!
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 72! ihn!ein! unbegrenztes! Beschäftigungsreservoir! dar,! eben! „die!große! Hoffnung! des!20.! Jahrhunderts“.! 1.2*Der*Trend*abnehmender*Wachstumsraten** Der! Sektorenwandel! vollzog! und! vollzieht! sich!in!einem!Umfeld! abnehmender! Wachstumsraten.!Insofern!verstärken!die!weltweiten!Wachstumseinbrüche!im!Kontext!der! gegenwärtigen! Weltwirtschaftskrise! lediglich!einen! dekadenübergreifenden! Trend,!der!in! allen! fortgeschrittenen! Gesellschaften! zu! beobachten! ist!(so! auch! der!Befund!bei!Afheldt! 1994,!Bandholz!et!al.!2005)!(vgl.!Abbildung!2).! ! ! ! Durch!den! jetzigen! weltweiten! Einbruch!der! Wachstumsraten! schwächt! sich!der! Wachstumstrend!lediglich!weiter!ab.!Für!die!meisten!Länder!lässt!sich!sogar!feststellen,!dass! sie!in!den!ersten!Jahren!des!neuen!Jahrtausends!im!Durchschnitt!ein!Wachstum!von!weniger! als! einem! Prozent! aufweisen.! Deutschlands! wirtschaftliche! Entwicklung! steht!hierfür! geradezu!symptomatisch!(vgl.!Abbildung!3,!für!Österreich!und!die!Schweiz!seit!1981!siehe! Abbildung!2!in!der! Einleitung).! Insofern! befinden!wir!uns! bereits! auf! dem!Weg!in!eine! Postwachstumsgesellschaft.! Erstaunlicherweise! ist! das! bislang! kaum! thematisiert! oder! wissenschaftlich!aufgearbeitet!worden.!!
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 73! ! ! Eine! theoretische! Begründung!für!eine! derartige,! mehr!oder!weniger! ausgeprägte! Stagnationstendenz!in!allen!fortgeschrittenen!Gesellschaften!lieferte!John!Maynard!Keynes! bereits!Anfang!der!1940er!Jahre.!In!einem!1943!veröffentlichten!Memorandum!legte!er!eine! Langfristprognose! vor,!in!der!der!empirische!Trend!beschrieben! war! (Keynes!1943).! In! diesem!Dokument!findet!sich! gewissermaßen! die! Quintessenz! seiner! langjährigen! wirtschaftstheoretischen!und!Upolitischen!Erkenntnisse.!In!kondensierter!Form!dokumentiert! das!Dokument!seine! Sichtweise!grundsätzlicher!Entwicklungsphasen! des!Kapitalismus.!Für! die!Zeit!nach!dem!Krieg!prognostizierte!Keynes!drei!voneinander!abgrenzbare!Phasen:! 1.!Phase:!Es! besteht! ein!erheblicher! Bedarf! an! Investitionen,! um!die!hohe! Nachfrage! (bedingt!vor! allem! durch! Wiederaufbau,! Nachholbedarf,! Mangel! an! Grundbedarfsgütern)! decken!zu!können.!Das!„Akkumulationskarussell“,!also!die!Abfolge!von!Gewinnerwartung,! Investitionen! und!Gewinnen,!kommt! marktendogen! initiiert! in! Fahrt! und!führt! zu! einem! kontinuierlichen! Kapazitätsaufbau.! Die!hohen! Wachstumsraten! ermöglichen!eine!hohe! Rendite!der!Investitionen,!gewährleisten!Vollbeschäftigung!mit!steigenden!Realeinkommen! und!bescheren!dem!Staat!ein!wachsendes!Steueraufkommen,!das!wiederum!zur!Steigerung! der!kollektiven!Wohlfahrt,!zum!Ausbau!der!Infrastruktur,!zur!Absicherung!und!Erweiterung! der!sozialen!Sicherungssysteme!etc.!verwendet!werden!kann.!! 2.!Phase:!Übergang! in!ein!neues! Investitionsregime.! Investitionsabsichten! und! gesamtwirtschaftliche! Ersparnis! nähern! sich!immer!mehr! an:! Einerseits! lässt! wegen!des! Rückgangs! renditeträchtiger! Investitionsgelegenheiten! der! privatwirtschaftliche! KapitalU bedarf! nach,! andererseits! sind!die! drängendsten! Bedürfnisse! zunehmend! befriedigt,! was! eine!relativ!sinkende!Nachfrage!und!eine!höhere!Ersparnisbildung!nach!sich!zieht.! 3.!Phase:!Dieses! Zeitalter! ist!von!einem!im!Vergleich! zum! Investitionsvolumen! (auf! Vollbeschäftigungsniveau)!höheren!Sparniveau!geprägt.!Keynes!sah!dies!als!Ergebnis!einer!
II!|!Der!Arbeitsmarkt!im!Spannungsfeld!von!Wachstum,!Ökologie!und!Verteilung! ! ! 74! sinkenden! Attraktivität! des!Konsums!infolge!einer! zwischenzeitlich! erreichten! hohen! Güterausstattung! der! Haushalte.! Der!verbleibende! Investitionsbedarf! kann! aus! den! Abschreibungen! finanziert! werden,!sodass! es! sukzessive! zum! „sanften! Tod!des! Rentiers“4! (Keynes!1936,!317)! kommt.! Sättigungstendenzen! auf! immer!mehr! Märkten! führen! dazu,! dass!privatwirtschaftliche!Investitionen!an!Dynamik!verlieren!und!das!Wachstum!sukzessive! schwindet.!! Als!notwendige!Reaktion!auf!diese!sich!verändernden!wirtschaftlichen!Grundbedingungen! empfahl!Keynes!eine!zunehmend!stärkere!öffentliche!Koordinierung!ökonomischer!Abläufe.! Um! Arbeitslosigkeit! in!dieser! dritten! Phase! zu! vermeiden,!müsse!die! Wirtschaftspolitik! zunächst!für!einen!hohen!–!und!wie!Keynes!ausdrücklich!betonte! „sinnvollen“!–!privaten! Konsum!sorgen!und!so!einer!steigenden!Sparquote!entgegenwirken.!Allerdings!sah!er!hierfür! nur!zeitlich!begrenzte!Möglichkeiten.!! Keynes!ging!von!einer!aufscheinenden!Gesellschaft!aus,!die!in!zunehmendem!Maße!endogen! hinter! ihren! Produktionsmöglichkeiten! zurückbleibt,! also! weniger! akkumuliert! und! produziert,! als! sie! akkumulieren! und! produzieren! könnte.! Da! zusätzliche! Produktion! aufgrund! zunehmender! Sättigung! immer!schwerer! Absatz! findet,! betonte! Keynes!die! Notwendigkeit! der! Umsteuerung! auf! die!Befriedigung! öffentlicher! Bedarfe! (Bildung,! Infrastruktur,! Umwelt).! Hier! sah! er!den! Staat! gefordert.! Parallel! –! vor! allem! vor!dem! Hintergrund! des! gleichzeitig! voranschreitenden! Produktivitätsfortschritts! –! hielt!er!eine! sukzessive!Verkürzung!der!Arbeitszeit!für!unumgänglich.!Auf!dieser!Entwicklungsprognose! gründet!sich! auch! seine! Charakterisierung! dieser! Phase! als! „goldenes! Zeitalter“! (Keynes! 1943,!162).!Am!Horizont!sah!Keynes!deutlich!die!Umrisse!einer!Postwachstumsgesellschaft! mit!hohem!Zeitwohlstand!(Zinn!1984,!Zinn!1994,!63ff.,!Reuter!2000,!151U162).!! 2.*Bekämpfung*der*Massenarbeitslosigkeit** Die! Fourastiésche! wie!die!Keynessche!Prognose! haben! sich! als! zutreffend! erwiesen.!Von! einem!„goldenen!Zeitalter“!spürt!ein!Großteil!der!Bevölkerung!allerdings!nichts.!Hierfür!sind! vor! allem! die! parallel! zu! den! geschilderten! Megatrends! seit! Anfang! der!1970er! Jahre! entstandene!hohe!Arbeitslosigkeit!und!die!dadurch!noch!einmal!verstärkten!EinkommensU! und!Vermögensdisparitäten!verantwortlich.!2009!waren!in!Deutschland!rund!3,4!Millionen! Menschen! offiziell! als! arbeitslos! registriert.! Die! tatsächliche! Arbeitslosigkeit5!ist!jedoch! deutlich!höher!und!lag!2009!bei!rund!5,4!Millionen.! Vor!dem!Hintergrund!der!beschriebenen!Megatrends!und!ihrer!theoretischen!Erläuterung! durch!Fourastié!und!Keynes!lässt!sich!diese!Massenarbeitslosigkeit!vor!allem!als!Folge!des! Zusammenwirkens! einer! mangelnden! Expansion! des! Dienstleistungssektors,! einer! zu! geringen! Schaffung! von! öffentlichen! oder! öffentlich! finanzierten! Arbeitsplätzen! und!einer! unzureichenden! Verkürzung! der! Arbeitszeit! diagnostizieren.! Zur!Schließung!dieser! Beschäftigungslücke! gibt!es!im! Wesentlichen! zwei! Möglichkeiten:! ein!höheres! BIP! –! also! Wachstum! –! oder!eine! andere! Verteilung! des! vorhandenen! Arbeitsvolumens,! also! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 4!Mit!dem!französischen!Wort!„Rentier“! wird!eine!Person!bezeichnet,!die! alleine!von!ihren!Kapitalerträgen! leben!kann.!! 5! Die!tatsächliche!Arbeitslosigkeit!erfasst!die!Menschen,!die!sich!wegen!Aussichtslosigkeit!nicht!melden!oder! nicht! (mehr)! mitgezählt! werden,! weil! sie! sich! z.B.! in! ArbeitsbeschaffungsU,! EingliederungsU! und! Trainingsmaßnahmen!oder!in!EinUEuroUJobs!befinden.!!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 81! Individuen!bedeutsam,!wo!man!nicht!nur!«etwas!aus!sich!machen»!kann,!sondern!eben!auch! muss.!Denn!wie!der!Lohnarbeiter!frei!ist,!sich!jenseits!feudaler!Zwänge!dort!zu!verdingen,! wo!es!für!ihn!am!günstigsten!ist,!so!ist!er,!wie!es!bei!Marx!heißt,!zugleich!frei,!«seine!Haut!zu! Markte! zu! tragen»! –! also! auch! den! OrientierungsU! und! ! Versorgungssicherheiten! der! unfreien! Existenz! entbunden.! «Der! historische! Prozess! der! Individualisierung! bedeutet! in! dieser!Perspektive,!dass!die!Person!sich!nicht!mehr!über!die!Zugehörigkeit!zu!einer!sozialen! Position!bzw.!die!Mitgliedschaft!in!einem!sozialen!Aggregat!konstituiert,!sondern!über!ein! eigenständiges!Lebensprogramm»!(Kohli!1988,!S.!35).! War! vormodern! der! Lebensweg! eine! weitgehend! variationslose! Zeitspanne! vor! dem! Tod,! nach!dem!immerhin!die!erfreuliche!Perspektive!auf!ein!jenseitiges!Glück!wartete,!ergab!sich! mit! der! Freiheit! der! Gestaltung! des! eigenen! Lebenswegs! eben! auch! der! Zwang,! «ein! Lebenswerk! auf! Erden»! vorweisen! zu! müssen! (Brose/Hildenbrand! 1988,! S.! 13).! Und! mit! diesem! Zwang! entsteht! ein! permanenter! Bedarf! nach! Orientierung! und! Selbstvergewisserung.!Die!faktische!und!gefühlte!Notwendigkeit,!«in!sich!selbst!soviel!Welt! als! möglich! zu! ergreifen»,! wie! es! Wilhelm! von! Humboldt! formulierte,! erzeugt! einen! wachsenden! Druck,! ökonomisch! auch! mit! sich! selbst! und! seinem! Leben! umzugehen.! Nunmehr! kann! auch! dies! mehr! oder! weniger! erfolgreich! «geführt»! werden,! und! solche! Lebensführung! erfordert! Kontrolle,! Maß! und! Beobachtung,! kurz:! ein! hohes! Selbstzwangniveau.!! «So!viel!Welt!als!möglich»!–!in!dieser!emphatischen!Formulierung!scheint!der!bürgerlichU kapitalistische!Wertehorizont!des!unendlichen!«besser,!weiter,!mehr»!nach!innen!gewendet! auf:!Auch!das!Selbst!wird!zu!einer!kontinuierlichen!Entwicklungsaufgabe!mit!festgelegten! Stufen!und!Zielen!–!der! biographische! Erfolg! wird! messbar.! Der! «ökonomische! Mensch»2! (Joseph!Vogl)!zeichnet!sich,!wie!wir!alle,!dadurch!aus,!dass!er!in!einem!genau!und!immer! fester! gefügten! Universum! von! Prüfungen,! Bilanzierungen! und! Rechenschaften! seine! eigenen! Entwicklungsfortschritte! zu! dokumentieren! und! nach! innen! wie! nach! außen! zu! rechtfertigen!hat.!! Joseph! Vogl! beschreibt! die! kaufmännische! Praxis! des! Buchhaltens! als! Dispositiv,! das! eine! ständige! Beobachtung! und! Kontrolle! wechselnder! Ereignisse! ermöglicht.! Die! Buchhaltung! verwaltet! Ereignisse,! indem! sie! diese! selektiv! in! verschiedenen! Registern! –! Memorial,! Journal,! Hauptbuch! –! aufschreibt! und! nach! Gewinn! und! Verlust! sortiert.! Aufgezeichnet! werden! die! Ereignisse! auf! der! Achse! der! Zeit! und! innerhalb! von! bestimmten,! für! alle! Ereignisse! gleichermaßen! gültigen! Zeiteinheiten.! Eine! solche! Notationstechnik! sichert! Kontinuität!und!ist!damit!erst!die!Voraussetzung!einer!Wachstumserfahrung.!! Für! den! Kaufmann! bedeutet! die! Einführung! der! Buchhaltung,! dass! er! ! gewissermaßen! schlaflos!wird,!stets!unruhig!und!wachsam,!«ein!Subjekt!der!kontinuierlichen!Selbstkontrolle! und!der!Jahresabrechnungen,!ein!Subjekt,!das!sich!damit!einen!innerweltlichen!Lebenslauf! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2!Der!ökonomische!Mensch!ist!nicht!mit!der!wirtschaftswissenschaftlichen!Fiktion!des!«homo!oeconomicus»!zu! verwechseln,!jenem!Reaktionsbündel,!das!auf!Reize!reagiert,!wenn!sie!ihm!einen!Vorteil!versprechen.!Es!ist! erstaunlich,!wie!lange!sich!dieses!Menschenbild!in!der!Vorstellungswelt!der!Ökonomen!gehalten!hat,!obwohl! der!Behaviorismus!in!anderen!Disziplinen!schon!vor!vielen!Jahrzehnten!abgedankt!hatte.!Darin!kann!man!einen! weiteren! Indikator! für! die! inhaltliche! Sklerose! der! Wirtschaftswissenschaften! sehen! und! hoffen,! dass! der! Vitalisierungsschub,!der!seit!einigen!Jahren!durch!die!«behavioral!economics!»!stattfindet,!nachhaltig!sein!wird.
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 82! verpasst»!(Vogl!2009).!Keine!Zeiteinheit!darf!vergeudet!und!keine!Handlung!unergiebig!sein,! und! da! der! geschäftliche! Erfolg! identisch! mit! dem! biographischen! ist,! gelten! dieselben! protokollierbaren!Erfolgsmaße!für!das!Geschäft!wie!für!das!Leben.! Interessant! dabei! ist,! dass! sich! mit! der! Herausbildung! solcher! «innerweltlicher! Askese»! zugunsten!der!Kontrolle!und!Werthaltigkeit!jeder!Lebenseinheit!zugleich!der!Stellenwert!der! Produkte!wie!auch!die!Qualität!der!für!ihre!Herstellung!erforderlichen!Arbeit!verändert:!Dem! vorindustriellen!Handwerker!wie!dem!Künstler!ging!es!ebenso!wie!ihrem!Auftraggeber!um! die! Erstellung! eines! spezifischen! Gegenstands! oder! Werkes.! Die! Arbeit! war! mit! der! Fertigstellung!beendet!und!wurde!auch!exakt!dafür!entgolten!–!fand!also!ihren!Zweck!im! finalen! Produkt,! das! vom! Auftraggeber! ! konsumiert! wurde! wie! der! Lohn! vom! Auftragnehmer.!In!der!industriellen!Produktion!geht!es!dagegen!keineswegs!mehr!um!die! Herstellung!des!einzelnen!Produkts!als!eines!Zweckes!an!sich!und!um!die!Arbeit!als!Mittel! zur!Erreichung!dieses!Zwecks,!sondern!um!ein!System,!in!dem!unablässig!gearbeitet!wird,! um! eine! prinzipiell! unendliche! Reihe! von! Produkten! zur! Gewinnung! von! Mehrwert! zu! generieren! –! also! von! investivem! Kapitel,! dass! sofort! wieder! in! die! Verbesserung! der! Produktion! oder! Erweiterung! der! Produktpalette! gesteckt! wird,! um! den! Unendlichkeitshorizont! noch! weiter! hinauszuschieben.! Nichts! ist! jemals! fertig,! die! Arbeit! hört!niemals!auf.!In!diesem!Modell!liegt!nicht!nur!eine!Verkehrung!der!Mittel!und!Zwecke!–! Arbeit! und! Geld! werden! zum! Zweck,! die! Produkte! und! ihre! Herstellung! bloße! Mittel! –,! sondern! auch! die! prinzipielle! «Unabschließbarkeit! des! Tuns»! und! eine! grundsätzliche! «Vergeblichkeit!von!Produktion»!(Vogl!2008,!S.!336).!Hier!liegt,!wie!man!sieht,!nicht!nur!die! Wurzel!der!Vorstellung!vom!grenzenlosen!Wachstum,!das!zur!Ausstattung!des!grenzenlosen! Universums! der! konsumierbaren! Dinge! nötig! ist,! sondern! auch!der! Urgrund! für! die! Mentalität! eines! niemals! fertigen,! eines! immer! wachsenden! Menschen! –! eben! des! ökonomischen!Menschen.! Arbeit*und*Wachstum* Ganz! unabhängig! davon,! was! die! ausschlaggebenden! Faktoren! bei! der! Genese! der! beschriebenen! prinzipiellen! Grenzenlosigkeit! von! Selbst,! Arbeit,! Produktion! und! Ressourcennutzung!war!–!«die!industrielle!Revolution,!der!Einsatz!von!Dampfmaschinen,!die! Organisierung! der! Arbeitsteilung,! eine! Industriepädagogik,! physiologische! Modelle»! (Vogl! 2008,!S.!336),!die!Individualisierung!und!Biographisierung,!die!Übertragung!biologischer!und! evolutionärer!Prinzipien!in!den!Bereich!der!Ökonomie!sowie!das!protestantische!Modell!der! innerweltlichen! Askese! und! Rechenschaft! –,! ihr! Ergebnis! jedenfalls! ist! die! erstaunliche! Verwandlung!von!Substantiellem!in!bloße!Durchlaufzustände:!jeder!Herstellungsvorgang!ist! nur! der! Vorläufer! des! Nächsten,! jedes! Produkt! der! Vorgänger! des! folgenden,! jeder! Arbeitsgang!nur!der!vorläufige!Akt!in!einer!unendlichen!Kette!von!Wiederholungen.! Kein!Zweck!wird!je!erreicht,!aber!das!Geld!ist!unendlich!vermehrbar!und!die!Produktivität! grenzenlos!zu!steigern.!Galt!Arbeit!zuvor!als!«molestia»,!als!Mühe!und!Beschwernis,!so!wird! sie!nun!nobilitiert!zum!«opus»,!zum!hervorbringenden!Tun,!!dem,!wie!Joseph!Vogl!schreibt,! anthropologischen! Leitbegriff! des! 19.! Jahrhunderts! (S.! 337):! «Produktiv! diesem! neuen! Verständnis!nach!ist!ein!Reichtum,!der!die!Bedürfnisse!aller!übersteigt;!und!produktiv!ist! eine!Arbeit,!die!nicht!mit!der!Stillung!eines!Bedürfnisses!endet»!(S.!338).!Und!genau!in!dieser! Gestalt! geht! Arbeit! in! die! nationalökonomische! Theoriebildung! ein:! als! eine! in! sich! unbegrenzte! endlose! Tätigkeit,! die! kein! spezifisches,! abgegrenztes,! im! Produkt! aufgehobenes!Ziel!hat,!sondern!der!unablässigen!Schöpfung!von!Wert!dient!–!mithin!der!nie!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 83! endenden!Produktion!von!«Wachstum».!Diesen!Vorgang!hat!Marx!mit!dem!Verschwinden! der!konkreten!Arbeit!im!Tauschwert!bezeichnet.!So!wie!die!Arbeit!damit!unaufhörlich!wird,! so! wird! jeder! Augenblick! im! Leben,! jede! Stufe! im! Lebenslauf,! jeder! Euro! auf! dem! Konto! lediglich!zur!Vorstufe!jedes!nächsten!Abschnitts,!jedes!weiteren!Euro.!Und!das!Selbst!ist!in! jeder!Biographie!immer!nur!Vorstufe!eines!Selbst,!das!noch!Weiteres!zu!erreichen!hat.! Diese! Form! der! Güterproduktion! und! Mehrwerterzeugung! generiert! eine! permanente! Selbsttranszendenz! in! Wirtschaft! und! Persönlichkeit.! Beide! sind! prinzipiell! auf! Selbstüberschreitung,! Unabschließbarkeit,! also! Unendlichkeit! gestellt! und! damit! systematisch!auf!pausenloses!Wachstum.!Eine!stationäre!Wirtschaft!ist!das!exakte!Gegenteil! davon,!daher!gänzlich!undenkbar!–!sie!wird!sofort!mit!Stillstand!in!der!WohlstandsU!wie!in! der!Persönlichkeitsentwicklung!assoziiert.!Der!Affekt,!der!immer!dann!auftritt,!wenn!man!in! den! einschlägigen! Debatten! vorschlägt,! man! könne! einfach! aufhören! zu! wachsen,! spricht! Bände!über!die!Rolle,!die!das!Wachstum!in!den!emotionalen!Haushalten!eingenommen!hat.! Das!sich!selbst!überschreitende!Wachstum!hat!sein!Korrelat!in!jedem!einzelnen!modernen! Lebenslauf:!Das!Prinzip!der!Unendlichkeit!herrscht!nicht!nur!draußen,!sondern!eben!auch!in! einem! selbst.! Schon! Hegel! hatte! den! skizzierten! Typ! von! Arbeit! als! beständig! aufgeschobenes! Genießen! und! gehemmte! Begierde! (vgl.! Vogl,! S.! 339)! charakterisiert! und! Max! Weber! den! zugehörigen! Sozialcharakter! als! «Fachmenschen! ohne! Geist,! Genussmenschen!ohne!Herz»!bezeichnet!und!bitter!resümiert:!«Dies!Nichts!bildet!sich!ein,! eine! nie! vorher! erreichte! Stufe! des! Menschentums! erstiegen! zu! haben»! (Weber! 2006,! S.! 201).! Der!«Berufsmensch»!tritt!mit!dem!kapitalistischen!Wirtschaftsmodell!erstmals!auf!den!Plan! und! mit! ihm! die! Kategorie! des! unendlichen! Wachstums,! in! der! Außenwelt! wie! in! der! Innenwelt.!Die!Formierung!dieses!Sozialcharakters!startet!vor!200!Jahren,!seitdem!erfährt!er! eine!beständige!Fortentwicklung.!Die!mentale!Infrastruktur!des!sich!immer!nur!als!Vorstufe! des! nächsten! Entwicklungsschritts! begreifenden! ! Subjekts! lässt! sich! in! den! Figuren! des! «lebenslangen! Lernens»,! des! «produktiven! Alterns»! ebenso! wiederfinden! wie! in! den! esoterischen! Selbstfindungssuchen! nach! dem! «wahren! Ich»,! dem! «positiven! Leben»,! die! systematisch! genauso! wenig! jemals! an! ein! Ende! kommen! können! wie! die! Selbstausbeutungsfetischismen! der! LaptopUMänner,! die! alle! Züge,! Flugzeuge! und! WarteU Lounges!dieser!Welt!bevölkern:!Alle!werden!niemals!fertig.!! Endlichkeit*der*Ressourcen*und*Tod* Max! Weber! war! klar,! dass! diese! große! neue! Maschine! zur! permanenten! Steigerung! von! Produktivität! und! Erzeugung! von! Mehrwert! auch! unablässig! Treibstoff! brauchte,! um! in! Betrieb!zu!bleiben:!eben!die!fossilen!Energien!–!Kohle,!Öl!und!Gas.!Erst!das!Ende!von!deren! Verfügbarkeit!könne!das!Ende!dieses!Modells!vom!grenzenlosen!Wachstum!bedeuten!–!bis! dahin!bildet!es!ein!Universum,!dass!die!Existenzform!und!das!Innenleben!all!jener!bestimmt,! die!in!einer!solchen!WirtschaftsU! und!Gesellschaftsformation!leben!–!da!gibt!es!gar!keine! Wahlmöglichkeit.!«Die!Puritaner»,!schreibt!Weber,!«wollten!Berufsmensch!sein,!wir!müssen! es!sein.!Denn!indem!die!Askese!aus!den!Mönchszellen!heraus!in!das!Berufsleben!übertragen! wurde!und!die!innerweltliche!Sittlichkeit!zu!beherrschen!begann,!half!sie!an!ihrem!Teile!mit! daran,! jenen! mächtigen! Kosmos! der! modernen,! an! die! technischen! und! ökonomischen! Voraussetzungen!mechanischUmaschineller!Produktion!gebundenen,!Wirtschaftsordnung!zu! erbauen,! der! heute! den! Lebensstil! aller! einzelnen,! die! in! dies! Triebwerk! hineingeboren!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 84! werden!–!nicht!nur!der!direkt!ökonomisch!Erwerbstätigen!–,!mit!überwältigendem!Zwange! bestimmt!und!vielleicht!bestimmen!wird,!bis!der!letzte!Zentner!fossilen!Brennstoffs!verglüht! ist»!(Weber!2006,!S.!200ff.).! Hier! kommen! alle! Elemente! zusammen,! die! die! Gestalt! der! Gegenwart! der! frühindustrialisierten! Gesellschaften! bestimmen:! ein! WirtschaftsU,! GesellschaftsU! und! Subjektmodell,! das! sich! als! eine! Kultur! des! permanenten! Vorstadiums! eines! fiktiven! nächsten!Stadiums!begreift;!eine!Technologie,!die!den!Produktivitätsfortschritt!!unablässig! weiter!befördert;!ein!Treibstoff,!der!die!Maschine!am!Laufen!hält;!und!eine!Zivilisationsform,! die!alle!ihre!Mitglieder!mit!einer!Biographie!ausstattet,!die!ein!unabschließbares!Wachsen! über! sich! selbst! hinaus! bedeutet.! Was! Weber! noch! nicht! sehen! konnte,! war,! dass! die! allumfassende! Wachstumskultur! nicht! erst! mit! dem! Ende! der! Ressourcen! an! jenen! furchterregenden!Punkt!der!Endlichkeit!kommt,!an!der!sie!nicht!mehr!funktioniert,!sondern! schon! durch! die! Schäden,! die! sie! angerichtet! hat! und! die! ihre! eigenen! Überlebensbedingungen!unterminiert.!Aber!die!Kategorie!der!Endlichkeit!ist!dieser!Kultur!so! unheimlich!wie!der!eigene!Tod!dem!Individuum.!Beides!ist!kulturell!nicht!vorgesehen!–!sonst! könnte!man!wohl!kaum!noch!allen!Ernstes!«lebenslanges!Lernen»!propagieren!–!hilft!das! dabei,!mit!den!Würmern!im!Grab!besser!zurechtzukommen?! So!kurz!und!verkürzt!diese!historische!Rekonstruktion!sein!mag,!so!zeigt!sie!doch,!dass!mit! der! Errichtung! der! materiellen! und! institutionellen! Infrastrukturen! der! Moderne! sich! zugleich!die!mentalen!Infrastrukturen!ihrer!Bewohner!verändert!haben!–!und!zwar!so,!dass! ihnen! die! Zwänge! zur! permanenten! Fortentwicklung! und! Selbstoptimierung! längst! und! unbemerkt!zum!Selbstzwang!geworden!sind,!so!sehr,!dass!kaum!noch!jemand!auf!die!Idee! kommt! zu! fragen,! wozu! das! alles! eigentlich! gut! sein! soll.! Wenn! also! das! Problem! aufgeworfen!wird,!dass!uns!das!Wirtschaftswachstum!immer!näher!an!die!Funktionsgrenze! des!Systems,!mithin!an!den!Kollaps!bringt,!dann!sprechen!wir!nicht!nur!über!die!äußeren! Manifestationen! des! Wachstumsdenkens! –! also! über! gebaute! oder! in! Regularien! und! Verfahren! gegossene! Infrastrukturen! –,! sondern! über! die! Verankerung! des! WachstumsU konzepts! in! den! basalen! Vorstellungen! über! uns! selbst.! In! diesem! Zusammenhang! mag! erwähnenswert!sein,!dass!auch!die!ehemals!sozialistischen!Länder!inklusive!der!DDR!vom! Wachstumsfetisch! beseelt! waren! und! nicht! nur! der! Westen.! Sie! alle! verstanden! sich! ja! dezidiert!als!Vorstufe!zur!kommunistischen!Heilswelt,!und!Wachstumsindikatoren!waren!die! Wegmarken!auf!der!(immerhin!auch!ziemlich!endlosen)!Strecke!dorthin!(Weiding!u.a.!1986).! Paradigmatisch! hierfür! steht! etwa! die! Parole! «Überholen! ohne! einzuholen»,! die! Walter! Ulbricht! bereits! 1959! ausgegeben! hatte,! um! das! unendliche! Wachstum! auch! in! den! realsozialistischen!Ländern!zur!Staatsaufgabe!zu!erklären.! Der*globalisierte*und*flexibilisierte*Mensch* Mit!der!Steigerung!der!ökonomischen!und!technologischen!Innovationsgeschwindigkeit!und! der!Flexibilisierung!und!Globalisierung!der!!Kapitalströme!und!Produktionsstandorte!haben! sich! auch! die! Lebensläufe! und! Biographien! weiter! flexibilisiert! und! globalisiert.! Galt! die! kapitalistische! ! Normalbiographie,! gegliedert! in! eine! schulische,! vorberufliche! oder! akademische!Ausbildungsphase,!eine!Berufsphase!und!eine!relativ!kurze!Ruhestandsphase! für!einige!Nachkriegsjahrzehnte!als!erwartbarer!Lebenslauf,!so!hat!sie!sich!seit!den!1980erU Jahren!weitgehend!aufgelöst!und!ist!zu!einem!permanenten!Projekt!der!Selbstoptimierung! in! Anpassung! an! sich! beständig! verändernde! Bedingungen! und! Anforderungen! der! Arbeitswelt!geworden:!nicht!nur,!was!man!ist,!unterliegt!einer!chronischen!ÜberprüfungsU,!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 85! InnovationsU! und! Veränderungsanforderung,! sondern! auch! wo! man! das! ist! –! das! flexible! Selbst,!das!am!Ende!lediglich!eine!Relaisstation!der!diversen!Funktionserfordernisse!ist,!die! sich!mit! seiner!Lebenszeit!kreuzen.! Als!Träger!einer! solchen!Biographie!ist! man!nicht!nur! unablässig!sein!eigener!permanenter!Vorentwurf!auf!der!ZeitU,!sondern!nunmehr!auch!auf! der!Raumebene.! Man! kann! hier! mit! Hartmut! Rosa! von! einem! sich! beschleunigenden! Prozess! der! Gegenwartsschrumpfung! sprechen:! der! «generellen! Abnahme! der! Zeitdauer»,! wo! Erwartungssicherheit! hinsichtlich! der! Stabilität! von! Handlungsbedingungen! herrscht! (Rosa! 2005,!S.!184)3.!Diese!Schrumpfung!ist!keineswegs!darauf!beschränkt,!welche!Zeithorizonte! hinsichtlich!der!positionalen!und!örtlichen!Bedingungen!einer!!Biographiesequenz!bestehen,! sondern!gilt!auch!für!die!Beziehungsformen,!die!schon!seit!den!1970erUJahren!zunehmend! Patchworkstrukturen!(Keupp!1999)!annehmen!–!und!das!sind!immer!solche!mit!größerer! Varianz! und! geringerer! Festigkeit.! Keupp! wie! Rosa! betonen,! dass! sich! diese! äußere! Veränderung! von! TemporalU! und! Raumstrukturen! in! Innenverhältnisse! übersetzt:! «Wenn! Familie,!Berufe,!Wohnorte,!politische!und!religiöse!Überzeugungen!und!Praktiken!im!Prinzip! jederzeit! gewechselt! werden! bzw.! sich! verändern! können,! dann! ist! man! nicht! Bäcker,! Ehemann! von! Y,! Münchener,! Konservativer! und! Katholik! per! se,! sondern! nur! für! die! Perioden!von!nicht!genau!vorhersagbarer!Dauer!–!man!ist!alle!diese!Dinge!‹im!Moment›,! d.h.! in! einer! Gegenwart,! die! zu! schrumpfen! tendiert;! man! war! etwas! anderes! und! wird! (möglicherweise)!jemand!anderer!sein.!Der!soziale!Wandel!verlagert!sich!damit!gleichsam!in! die!Subjekte!hinein.!Interessant!ist!dabei!die!Frage,!ob!jene!Beziehungen!dann!überhaupt! noch! Identität! definieren! können! oder! ob! wir! in! unserer! Selbstbeschreibung! von! Identitätsprädikaten!absehen,!weil!sie!eine!nicht!einlösbare!Stabilität!suggerieren:!Man!ist! nicht!Bäcker,!sondern!man!arbeitet!(seit!zwei!Jahren)!als!Bäcker,!man!ist!nicht!Ehemann!von! Y,! sondern! lebt! mit! Y! zusammen,! man! ist! nicht! Münchener! und! Konservativer,! sondern! wohnt!(für!die!nächsten!Jahre)!in!München!und!wählt!konservativ»!(Rosa!2005,!S.!238).! Wichtig! ist! dabei,! dass! diese! Verflüssigungstendenzen! den! Gegenwartsmoment! zugleich! immer!bedeutsamer!und!immer!fluider!machen:!jede!Station!in!der!Gegenwart!ist!immer! schon!putative!Durchgangsstation!für!etwas,!was!danach!kommt.!In!der!Gegenwart!ist!man! daher!nicht!da,!sondern!nur!auf!der!Durchreise.! Konsumismus.*Was*Produkte*über*uns*erzählen* Mentale!Infrastrukturen!sind!also!nicht!nur!gebunden!an!soziokulturelle!Großformationen! wie! Lebenslaufregime,! sondern! werden! auch! –! und! vielleicht! vor! allem! –! geprägt! in! Alltagsroutinen,! Gewohnheiten,! WahrnehmungsU! und! Deutungsmustern,! die! ihrerseits! an! den! materiellen! und! institutionellen! Infrastrukturen! der! Außenwelt! gebildet! sind.! Diese! Infrastrukturen! sind! in! modernen! Gesellschaften! nicht! nur! bestimmt! von! spezifischen! ProduktionsU,!sondern!auch!von!Konsumtionsverhältnissen.! Die!sinnstiftende!Funktion!des!Konsums!ist!schon!sehr!früh!beschrieben!worden.!Das!aus! den!traditionalen,!vor!allem!religiösen!Sinnzusammenhängen!entbundene!Individuum,!das! sowohl!Gestalter!seines!Lebens!als!auch!Verantwortlicher!für!seinen!Lebenssinn!zu!sein!hat,! bedarf! neuer! äußerer! Stützen,! um! sich! als! jemand! definieren! zu! können,! der! ein! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 3!Vgl.!dazu!den!Beitrag!von!Hartmut!Rosa!am!Ende!dieses!Kapitels!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 86! «erfolgreiches! Leben»! führt.! In! Konsumgesellschaften! werden! diese! Stützen! aus! dem! gebildet,! was! man! «sich! leisten»! kann.! Thorstein! Veblen! hat! schon! 1899! auf! die! Rolle! hingewiesen,!die!demonstrativer!Konsum!für!die!Statussicherung!bedeutet!(Veblen!2007,!S.! 79);!Jürgen!Osterhammel!(2009,!S.!324)!hat!am!Beispiel!der!zur!selben!Zeit!entstehenden! Klasse! von! Superreichen! die! ! Entwicklung! von! «Normen! und! Leitbildern! des! Verbrauchs»! nachgezeichnet.! Und! Georg! Simmel! hat! schon! 1907! den! Zusammenhang! zwischen! Konsummöglichkeiten! und! der! neuen! Persönlichkeitsformation! gesehen,! die! die! kapitalistische!!Industriegesellschaft!hervorgebracht!hat:!«Man!könnte!sagen,!das!Erwerben! von!Besitz!sei!gleichsam!ein!Wachstum!der!Persönlichkeit!über!das!Maß!des!Individuums! hinaus!–!wie!man!die!Zeugung!als!ein!solches!Wachstum!bezeichnet!hat.!In!diesem!wie!in! jenem!Falle!dehnt!sich!die!individuelle!Sphäre!über!die!Grenze!hinaus,!die!sie!ursprünglich! bezeichnete,!das!Ich!setzt!sich!jenseits! seines!unmittelbaren! Umfanges!fort! und!erstreckt! sich!in!ein!AußerUSich,!das!dennoch!im!weiteren!Sinne!‹sein›!ist»!(Simmel!2009,!S.499).! Tatsächlich!hat!sich!diese!Selbstextension!durch!Konsum!in!den!folgenden!hundert!Jahren! über! die! Klassen! hinweg! immer! weiter! verstetigt! und! ist! zum! Charakteristikum! des! Sozialtypus!des!21.!Jahrhunderts!geworden!–!nunmehr!nicht!nur!des!westlichen,!sondern! mit!expansiver!Tendenz!auch!in!den!ehemals!realsozialistischen!Gesellschaften!und!in!den!so! genannten!Schwellenländern.!Inzwischen!hat!sich!der!innere!Konsumismus!so!fest!installiert,! dass!sogar!Strategien!zur!Transformation!der!Gesellschaft!in!Konsumstilen!gesucht!werden!–! eine!folgenreiche!Verwechselung!von!politischem!Subjekt!und!kritischem!Verbraucher.! Nicht! zufällig! gilt! es! heute! als! Freizeitvergnügen,! «shoppen»! zu! gehen,! und! nicht! zufällig! werden!viele!Produkte,!die!in!den!reichen!Gesellschaften!gekauft!werden,!gar!nicht!mehr! konsumiert.! Schätzungen! gehen! davon! aus,! dass! in! den! USA! mehr! als! 40! Prozent! aller! gekauften! Nahrungsmittel! weggeworfen! werden;! in! den! reichen! westeuropäischen! Gesellschaften! werden! die! Quoten! nicht! viel! niedriger! sein.! Der! Soziologie! Hartmut! Rosa! vermutet!generell!eine!Verschiebung!vom!Konsumieren!hin!zum!Kaufen!–!die!angeschafften! Dinge!würden!höchstens!nur!noch!wenige!Male!oder!gar!nicht!mehr!benutzt!(Rosa!2009).! Wenn!die!Dinge!nicht!mehr!konsumiert!werden,!die!man!kauft,!wird!der!Kaufakt!selbst!zur! sinnstiftenden!Handlung!–!übrigens!auch!zunehmend!zur!gemeinschaftsstiftenden.!! Wenn!der!Gebrauchswert,!also!die!qualitative!Dimension!einer!Ware,!verschwindet,!bleibt! nur!noch!ihr!symbolischer!Wert,!also!ihre!im!Preis!dargestellte!quantitative!Dimension!übrig:! insofern!wird!Wachstum!paradoxerweise!desto!wichtiger,!je!weiter!die!materielle!Sättigung! vorangeschritten! ist! und! die! vitalen! Bedürfnisse! abgedeckt! sind.! Das! Wachstumssystem! perpetuiert!sich!im!Konsumismus!selbst,!und!gerade!darin!manifestiert!sich!die!immanente! Grenzenlosigkeit! der! Wachstumsgesellschaften:! sie! können! nur! dann! an! eine! Grenze! kommen,!wenn!es!nichts!mehr!zu!konsumieren!gibt,!weil!alle!Ressourcen!verbraucht!sind.! Genau! deshalb! aber,! weil! Konsumgesellschaften! Sinn! über! die! Gewährleistung! von! Konsummöglichkeiten!und!Aufstieg!realisieren,!stehen!sie!vor!einem!existentiellen!Problem,! wenn!ihnen!dafür!die!Mittel!ausgehen!–!wie!es!in!der!FinanzU!und!Wirtschaftskrise!kurzzeitig! der!Fall!zu!sein!schien.!Und!das!ist!insgeheim!das,!was!den!Leuten!Angst!macht:!dass!alles! sinnlos! war,! was! man! sich! aufgebaut,! worauf! man! hingearbeitet,! wofür! man! sich! vorausentworfen!und!woran!man!geglaubt!hatte.!Die!Formate!von!Sinn!und!Identität,!die! kapitalistische! Gesellschaften! des! westlichen! Typs! liefern,! stehen! und! fallen! mit! dem! Funktionieren!des!Marktes.!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 87! Hinzu!kommt,!dass!unsere!Lebenswelt!nicht!nur!in!den!kognitiven!Operationen!reflektiert! wird.!Das!allermeiste!von!dem,!was!wir!sind!und!über!uns!selbst!aussagen,!steckt!in!den! Produkten! selbst:! Jedes! Duschgel! erzählt,! wie! Wolfgang! Ullrich! klargemacht! hat! (Ullrich! 2006),! mit! seiner! präzise! designten! Flasche! und! dem! von! Sounddesignern! entwickelten! «Plopp»,!mit!dem!wir!es!öffnen,!eine!Geschichte!über!uns!selbst,!wenn!wir!es!benutzen.! Genau! wie! jedes! Autohaus! eine! Geschichte! über! unsere! Liebe! zur! Technik! und! zur! Geschwindigkeit! und! jeder! Flughafen! eine! Geschichte! über! unsere! Wünsche! und! Mobilitätsvorstellungen!erzählt.! Diese!Geschichten!machen!rein!quantitativ!ein!Vielfaches!von!dem!aus,!was!wir!als!eigens! dafür!vorgesehene!und!bezahlte!professionelle!Erzählerinnen!und!Erzähler!von!Seiten!der! Wissenschaft!oder!der!Publizistik!dagegen!erzählen!können,!aber!noch!etwas!anderes!macht! sie!viel!stärker!als!unsere!Narrationen:!Sie!sind!nonUreflexiv,!bestätigen!unsere!Auffassungen! von! der! Wirklichkeit! durch! ihr! pures! SoU! und! DaUSein,! während! die! Geschichten,! die! intentional! erzählt! werden,! zwar! reflexiv! sind,! aber! gerade! darum! durchschaut,! kritisiert,! abgelehnt!werden!können.!! Das! täglich! neu! aufgeblätterte! Journal! aller! verfügbaren! Dinge! bildet! ein! selbstevidentes! Universum,!gegen!das!schwerlich!anerzählt!werden!kann,!vor!allem,!weil!der!größte!Anteil! der! mentalen! Infrastrukturen! eben! gar! nicht! reflexiv,! keine! Frage! von! Wahl! und! Entscheidung!und!gar!kein!Angebot!ist,!sondern!schlicht!eine!massiv!soUseiende!Welt,!in!die! man!hineingeboren!wird!und!deren!Geschichte!über!sich!selbst!man!pausenlos!mit!seiner! eigenen! Biographie,! seinen! Werten,! seinen! Konsumentscheidungen,! seiner! Karriere! weitererzählt.! Über! diese! Qualität! der! mentalen! Infrastrukturen! muss! man! sich! bewusst! sein,!wenn!man!sich!daran!machen!möchte,!sie!zu!verändern.!In!gewisser!Hinsicht!sind!sie,! zumal!wenn!der!materielle!Reichtum!so!groß!und!die!gesellschaftliche!Benutzeroberfläche! so! attraktiv! ist! wie! in! den! frühindustrialisierten! Gesellschaften,! sogar! massiver! als! die! materiellen!Infrastrukturen,!von!denen!sie!geprägt!sind.! Man! kann! sich! das! etwa! an! der! routinierten! Weise! klarmachen,! mit! der! wir! mit! den! neuesten! Nachrichten! aus! dem! Umweltbereich! umgehen.! Ein! großartiges! Beispiel! lieferte! die!Wochenendausgabe!der!Süddeutschen!Zeitung!am!31.!Juli!2010!mit!einem!ganzseitigen! Artikel! über! die! Erfolge! der! Umweltbewegung,! die! sich! etwa! in! der! Verbreitung! phosphatfreier! Waschmittel,! dem! Verbot! von! DDT! oder! dem! Einsatz! von! Katalysatoren! verkörpern.! Neben! den! Untergangsszenarien,! heißt! es! in! dem! Artikel,! gäbe! es! auch! erfreuliche! Botschaften! –! und! der! Untertitel! verkündete:! «Klare! Luft,! saubere! Flüsse,! blühende! Landschaften:! Der! Mensch! kann! die! Umwelt! nicht! nur! zerstören,! sondern! auch! schützen! –! die! größten! ÖkoUErfolge».! Solches! lesend,! freut! sich! der! Leser! über! all! die! erzielten! Fortschritte,! übersieht! dabei! aber! leicht,! dass! jeder! einzelne! nichts! anderes! darstellt!als!eine!relative!Verringerung!der!Schäden,!die!ohne!Unterlass!angerichtet!werden.! So!wie!ein!Katalysator!der!Umwelt!nicht!gut!tut,!sondern!lediglich!die!Schadstoffe!besser! filtert,! die! ein! Verbrennungsmotor! produziert,! so! übersieht! die! Umweltkommunikation! chronisch,! dass! man! bei! Erfolgen! lediglich! über! die! Verringerung! von! Schadensmengen! spricht,! noch! keineswegs! über! Konservierung! oder! gar! Restitution! von! natürlichen! Ressourcen.! So! wie! bei! der! jährlichen! Veröffentlichung! des! Bundeshaushalts! übersehbar! gemacht!wird,!dass!allenfalls!Verringerungen!im!Maß!des!Schuldenanstiegs!erreicht!werden! und! keineswegs! ein! Rückbau! des! Schuldenbergs,! so! erwecken! die! meisten! ÖkoU! und! Nachhaltigkeitskommunikationen! den! Eindruck,! an! der! systematischen! Steigerung! des! Raubbaus! an! den! natürlichen! Ressourcen! sei! schon! etwas! verändert,! wenn! man!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 88! «nachhaltiger»!konsumiert.!!Das!ist!keine!moralische!Aussage,!sondern!eine!darüber,!wie! unsere!mentalen!Infrastrukturen!funktionieren:!sie!sind!nämlich!derart!durch!das!Gegebene! formatiert,! dass! sie! nur! selten! eine! distanzierte! Betrachtung! erlauben.! Wir! verbleiben! gewissermaßen!immer!in!der!Nahsicht!auf!uns!selbst,!wenn!wir!unsere!Praktiken!betrachten,! und!die!zeigt!naturgemäß!nie!das!ganze!Bild.! Der*LockYIn*Effekt* Nehmen! wir! eine! der! zentralen! materiellen! und! institutionellen! Infrastrukturen,! nämlich! Mobilität,!dann!lässt!sich!unsere!tiefe!mentale,!habituelle!und!emotionale!Gebundenheit!an! die! Mobilitätsparadigmen! der! Nachkriegsmoderne! immerhin! ausschnitthaft,! impressionistisch!verdeutlichen!–!zum!Beispiel!an!den!Utopien!der!Sachwalter!des!«business! as!usual».!In!der!ADACUMotorwelt!vom!September!2010!schreibt!Peter!Voser,!CEO!der!Royal! Dutch!Shell,!über!die!Zukunft!der!Mobilität!das!Folgende:!«Fahren!heute!noch!weniger!als! eine!Milliarde!Kraftfahrzeuge!auf!den!Straßen!weltweit,!werden!es!bis!2050!voraussichtlich! wenigstens!zwei!Milliarden!sein!–!bei!dann!neun!Milliarden!Menschen.![…]!Mehr!Menschen,! mehr!Autos!und!mehr!Wohlstand!tragen!zu!einer!steigenden!Energienachfrage!bei!–!allein! bis! 2050! könnte! sie! sich! global! verdoppeln!»! Diese! Perspektive! ist! für! den! Vorstandsvorsitzenden! eines! Mineralölkonzerns! keine! Dystopie,! sondern! eine! erfreuliche! Aussicht! –! und! sein! Vorstellungshorizont! bleibt! entsprechend! auch! für! die! nächsten! vier! Jahrzehnte! trotz! «peak! oil»,! Klimaerwärmung,! Ressourcenkonflikten! an! die! Welt! der! Gegenwart!gebunden.!Seine!Utopie!formuliert!sich!nämlich!in!einem!moderaten!technischen! Fortschritt:!«Wir!werden!eine!stärkere!Diversifizierung!von!Antrieben!und!Kraftstoffen!bzw.! Energiequellen!sehen.!! Dabei! werden! Automobilkonzepte! und! die! eingesetzten! Technologien! immer! stärker! vom! Einsatzzweck!bestimmt:!StadtU!und!Kurzstreckenverkehr!erfolgen!immer!stärker!hybridisiert! oder! elektrifiziert;! über! Land! und! auf! Langstrecken! sind! moderne! Dieselfahrzeuge! weiter! erste!Wahl.!Rückgrat!des!Straßenverkehrs!ist!und!bleibt!der!klassische!Verbrennungsmotor.! Das!nächste! und!übernächste!Neufahrzeug,! das!sich!ein! Autofahrer!kauft,!wird! sich!nicht! grundsätzlich! von! heutiger! Technologie! unterscheiden.! Wenn! kurzU! bis! mittelfristig! Klimaerfolge!erzielt!werden!sollen,!können!diese!nur!über!den!Verbrennungsmotor!führen»! (Voser!2010,!S.!22).! Eine!solche!Perspektive!bedarf!kaum!des!Kommentars!–!der!Verbrennungsmotor!rettet!das! Klima,! übrigens! nur! der! Verbrennungsmotor.! Dies! ist! eine! Utopie,! wie! sie! den! mentalen! Infrastrukturen! der! Industriegesellschaft! auf! das! Genaueste! entspricht.! Die! an! das! Wachstum!gebundenen!Vorstellungshorizonte!lassen!sich!in!der!Formel!bündeln:!Wie!jetzt,! nur! mehr!! In! der! Tat! ist! die! industrielle! Moderne! durch! exakt! jene! expansiven! Zukunftsstrategien!gekennzeichnet,!wie!Voser!sie!zeichnet:!Nicht!nur!ist!die!Gegenwart!eine! bloße!Durchgangsstation!auf!dem!Weg!zu!einer!Welt,!die!von!allem!noch!mehr!bereithält;! sie!bewältigt!Zukunftsprobleme!auch!regelmäßig!durch!expansive!Strategien.!Wenn!also!das! Öl!weniger!wird,!bohrt!man!tiefer;!wenn!das!Wasser!knapp!wird,!entsalzt!man!das!Meer;! wenn! die! Fischbestände! schwinden,! fährt! man! weiter! hinaus.! Man! kann! die! Wachstumsraten! im! Flugverkehr! oder! das! kontinuierliche! Anwachsen! der! internationalen! Warenströme! nehmen! –! überall! zeigt! sich! derselbe! Befund:! Steigerung! des! Ressourcenaufwands,!Anwachsen!von!Mobilität,!vermehrter!Landschaftsverbrauch,!erhöhte! Emissionen.!Und!kein!Plan!B.!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 89! Was*heißt*„Umbau*der*carbonen*Gesellschaft“?* Die! Nachricht! ist! nicht! neu:! Wir! befinden! uns! am! Ende! eines! 200! Jahre! lang! extrem! erfolgreichen!LebensU!und!Wirtschaftsmodells,!das!unter!alten!Bedingungen!ganz!prächtig! funktioniert!hat.!Diese!alten!Bedingungen!existieren!nicht!mehr.!Die!alten!Bedingungen,!das! war!die!Verfügbarkeit!eines!ganzen!Planeten!für!einen!kleinen!Teil!der!Menschheit!und!seine! Wirtschaftsform.!Mit!Hilfe!von!Ressourcen!aus!aller!Welt!konnten!die!Industriestaaten!eine! phantastische! Zivilisationsmaschine!!betreiben:! eine! Maschine,! die! mit! fossilen! Energien! läuft,! und! GesundheitsU! und! Versorgungssysteme,! sozialen! Frieden,! Sicherheit,! Bildung,! Wissenschaft!und!Rechtsstaatlichkeit!hervorbringt.!Dass!diese!Maschine!unser!Klimasystem! aus!dem!Gleichgewicht!bringen!würde,!hat!kaum!jemand!geahnt!und!wollen!bis!heute!die! wenigsten!hören.!Etwas!anderes!schon:!Diese!Form!des!Wirtschaftens,!das!immer!ein!Außen! braucht,! aus! dem! es! Ressourcen! bezieht,! implodiert! in! dem! Augenblick,! in! dem! sie! sich! globalisiert.! Denn!der! globalisierten! Welt,!die!dem! Prinzip!der!grenzenlosen! Ressourcennutzung!folgt,! schwindet! das! Außen,! aus! dem! sie! den! nötigen! Treibstoff! beziehen! könnte.! Je! ! mehr! Gesellschaften! der! kapitalistischen! Wirtschaftskultur! und! den! mit! ihr! ! verbundenen! Leitbildern! des! Verbrauchs! folgen,! desto! kleiner! werden! die! Räume! zur! problemlosen! Ressourcenentnahme!–!deshalb!wächst!die!internationale!Konkurrenz!um!die!Rohstoffe!und! ihre!Transportwege,!deshalb!wird!tiefer!und!gefährlicher!nach!Öl!gebohrt.!Aber!immer!noch! sind!nur!Teile!der!Welt!«globalisiert»,!ein!erheblicher!Rest!lebt!in!vormoderner!Armut!und! dient! den! «globalisierten»! Ländern! als! «Außen».! Aber! die! Gegenwart! der! Globalisierten! konsumiert!nicht!mehr!nur!die!Gegenwart!der!Marginalisierten!(Sachs!und!Santarius!2007)!–! die!Ausbeutung!des!Planeten!!verlagert!sich!zunehmend!vom!Raum!in!die!Zeit.!Es!ist!die! Zukunft!derjenigen,!die!heute!Kinder!oder!Jugendliche!sind!oder!noch!gar!nicht!geboren,!an! der!Raubbau!betrieben!wird!(Koschorke!2008).!Die!Gegenwart!konsumiert!die!Zukunft.!Hier! kommt!das!Prinzip!des!sich!selbst!überschreitenden!Wachstums!final!zu!sich!selbst.!Das!wird! an!der!Staatsverschuldung!ebenso!deutlich!wie!an!der!Verwahrlosung!mancher!Schulen!und! Universitäten! und! an! der! unablässigen! Kreditaufnahme! bei! der! Umwelt.! Zu! der! zählt! die! Überfischung!der!Meere!genauso!wie!die!Überladung!der!!Atmosphäre!mit!CO2!oder!die! Überdüngung! der! Böden.! Für! alle! diese! Kredite! haben! nicht! wir! heute! geradezustehen,! sondern!die,!denen!morgen!die!Reste!übrig!bleiben.!! Die!Herrschaft!der!Gegenwart!über!die!Zukunft!ist!der!kapitalistischen!Wirtschaftsform,!wie! gezeigt,!inhärent.!Der!historische!Abriss!zur!Entstehung!jener!mentalen!Infrastrukturen,!die! die! Gegenwart! prägen,! hat! gezeigt,! dass! die! erste! industrielle! Revolution! sich! nicht! im! Modus!des!Technologischen!oder!des!Ökonomischen!allein!vollzogen!hat.!Sie!ging!einher!mit! der! Entstehung! eines! ganz! neuen! Typs! von! Individuum,! mit! einem! zuvor! gänzlich! unbekannten! Sozialtypus! des! Gestalters! seiner! eigenen! Biographie.! Und! sie! ging! deshalb! einher! mit! gänzlich! neuen! individuellen! und! politischen! Assoziationsformen,! mit! neuen! Zeitregimen,!mit!neuen!Waren,!neuen!Kommunikationsformen,!neuen!Denkformen.!! Damit!wird!deutlich,!dass!der!Totalumbau!von!der!carbonen!zur!postcarbonen!Gesellschaft! ein!Projekt!ist,!das!von!seiner!Eindringtiefe!in!die!Lebenswelten!und!kulturellen!Praktiken!her! gigantisch! ist.! Die! an! der! industriellen! Moderne! gebildeten! Konzepte! von! Wachstum,! Mobilität,!Fortschritt!etc.!haben!sich!in!die!kleinsten!Nischen!unserer!Lebenswelt!eingenistet! und!stellen!einen!festen!Bestandteil!unseres!mentalen!und!emotionalen!Haushalts!dar.!Dies! ist!exakt!der!Punkt,!an!dem!Aufklärung!an!ihre!Grenze!stößt!und!immer!gestoßen!ist:!Sie!
II!|!Mentale!Infrastrukturen! ! ! 90! erreicht! nämlich! lediglich! den! kognitiven! Teil! unseres! Orientierungsapparats;! der! weitaus! größere!Teil!unserer!Orientierungen,!der,!wie!gesagt,!über!Routinen,!Deutungsmuster!und! unbewusste! Referenzen! –! kurz:! über! den! Habitus! –! organisiert! ist,! bleibt! davon! völlig! unbeschadet.! Deshalb!ist!die!Geschichte,!die!man!gegen!den!Status!quo!setzen!könnte,!grundsätzlich!ganz! unvollständig! und! unrettbar! hilflos,! wenn! sie! die! Geschichten,! die! die! Produkte! und! ihre! Infrastrukturen!immer!schon!erzählen,!ignorieren!zu!können!glaubt.!Die!Geschichte,!die!die! Aufklärung!erzählt,!setzt!auf!der!intentionalen!und!leider!auch!moralischen!Ebene!an!und! hat!die! wenig!überzeugende!Botschaft! mitzuteilen,!dass!das! Leben!zwar!weniger! lustvoll,! aber! für! künftige! Generationen! aussichtsreicher! wäre,! wenn! man! es! veränderte.! Deshalb! kann!man!noch!so!viele!«Grenzen!des!Wachstums»!schreiben!und!sich!wundern,!dass!die! Entwicklung! moderner! und! sich! modernisierender! Gesellschaften! ihre! Richtung! nicht! wechselt:!weil!wir!uns!in!einer!Geschichte!befinden,!die!uns!in!den!Begriffen!von!Fortschritt,! Unendlichkeit! und! Wachstum! konstruiert.! Bevor! wir! etwas! gegen! diese! Geschichte! einwenden!können,!hat!sie!uns!immer!schon!erzählt.! Vor! diesem! Hintergrund! möge! bitte! niemand! so! naiv! sein! zu! glauben,! so! etwas! wie! eine! «Dritte!industrielle!Revolution»!käme!damit!hin,!hier!ein!bisschen!Technologie!und!dort!ein! bisschen! Steueranreize! zu! verändern.! Das! Projekt,! um! das! es! heute! geht,! ist! ein! wenig! größer,!und!nicht!anders!als!im!18.!und!19.!Jahrhundert!wird!es!vieles!mit!sich!bringen,!was! heute!noch!gar!nicht!antizipierbar!ist.!Planungsstäbe!in!Ministerien!jedenfalls!sind!mit!der! Gestaltung!solcher!Zukunft!ebenso!überfordert!wie!die!Vorstände!von!Konzernen,!und!seien! sie! auch! noch! so! mächtig.! Sie! alle! ! operieren! im! Modus! eines! auslaufenden! Fortschrittsmodells.!In!diesem!Modus!macht!man!keine!Revolution,!nicht!mal!eine!Evolution! –!man!bewegt!sich!nur!weiter!in!die!falsche!Richtung.!! Der!Habitus,!die!Gefühle!und!die!Denkformen!des!ökonomischen!Menschen!haben!sich!nicht! durch! kognitive! Operationen! verändert,! die! Aufklärer! entworfen! und! gefordert! haben,! sondern!durch!die!ökonomische,!industrielle!und!politische!!Praxis!der!sich!entwickelnden! bürgerlichUkapitalistischen! Gesellschaft.! Wollte! man! also! etwas! an! den! mentalen! Infrastrukturen! verändern,! müsste! man! die! Praxis! selbst! verändern,! die! eben! das! Bewusstsein!so!nachhaltig!und!tief!prägt.! Das! bedeutet:! Wir! brauchen! Produkte,! die! uns! in! anderen! Formaten! erzählen,! aber! wir! brauchen!auch!eine!Geschichte,!die!wir!über!uns!selbst!erzählen!können!–!und!zwar!aus!der! Perspektive!einer!möglichen!Zukunft:!Wer!möchte!man!einmal!gewesen!sein?!Wie!möchte! man! die! Welt! eingerichtet! und! hinterlassen! haben?! Geschichten! darüber! erzählt! die! Gegenwartsgesellschaft!nicht;!sie!möchte!einfach!nur!wieder!so!sein!wie!früher!und!blickt! zugleich! furchtsam! auf! die! geopolitischen! Machtverschiebungen! und! die! kommenden! ökologischen!Katastrophen,!die!ihr!dämmern!lassen,!dass!die!Zukunft!nicht!mehr,!wie!in!den! letzten!200!Jahren,!besser!sein!wird!als!die!Gegenwart,!sondern!schlechter.!Darüber!kann! man! keine! Geschichte! erzählen.! Deshalb! sind! die! Sachwalter! des! «Weiter! so»,! die! Fortschrittsapologeten!und!Zukunftsverhinderer!vom!Typ!Voser,!Großmann,!Ackermann!so! stark:!Sie!haben!die!Wirklichkeit!auf!ihrer!Seite.! ! !
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 97! Machtposition,! die! ihnen! erlaubte,! sich! mit! Rohstoffen! zu! versorgen! und! Arbeitskräfte! in! anderen! Teilen! der! Erde! auszubeuten! –! zunächst,! indem! sie! das! alte! ! Kolonialsystem! weiterentwickelten,! später! durch! ausgefeiltere! Methoden:! Globale! Lieferketten! versorgen! die! industrialisierten! Länder! mit! billigen! Gütern! aus! den! „globalen! Sweatshops“! und! politische!Interventionen!sichern!den!Zugang!zu!primären!Rohstoffen,!und!zwar!in!der!Regel! auf!geschicktere!Weise!als!der!Militärputsch,!der!1954!die!„billige!Banane“!brachte!(Schor! 2005).3! ! ! Es! ist! für! Entwicklungsländer! nicht! unmöglich,! ihre! Position! in! der! Weltgesellschaft! zu! verändern,! aber! es! ist! schwierig! und! scheinbar! bedarf! es! eines! starken! Staates! und! nationalistischer!Ambitionen.!Ein!Beispiel!ist!China,!ein!großes!sich!industrialisierendes!Land,! das! inzwischen! erfolgreich! am! Wettrennen! teilnimmt! und! danach! strebt,! den! Zugang! zu! Ressourcen,!z.B.!aus!afrikanischen!Ländern,!zu!sichern.! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 3!J.!Schor!spricht!damit!die!USUamerikanische!Intervention!in!Guatemala!an,!bei!der!der!demokratisch!gewählte,! populäre!Präsident!J.!Arbenz!gestürzt!wurde.!United!Fruits!war!wesentlich!involviert.!In!der!Folge!wurde!die! bislang!luxuriöse,!tropische!Banane!ein!billiges!Massenprodukt.!„Cheap!banana“!steht!für!die!Präsenz!in!den! Märkten!für!Primärprodukte,!um!eine!billige!Versorgung!zu!sichern.!
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 98! 2.*Die*Antriebskräfte*des*Konsumwachstums* Die! grundlegenden! Voraussetzungen! für! ein! hohes! Konsumniveau! –! billige! fossile! Energieträger! sowie! der! Zugang! zu! billigen! Rohstoffen! und! Arbeit! –! werden! durch! eine! weitere! starke! Kraft! ergänzt:! marktwirtschaftlicher! Wettbewerb! (Box! 3).! Im! Kampf! um! ökonomisches! Überleben! und! Rentabilität! sind! Unternehmen! fortwährend! technologisch! und! organisatorisch! innovativ! (Box! 4)! –! einerseits,! um! Kosten! zu! reduzieren,! und! andererseits,! um! Verbraucher! mit! neuen! Produkten! zu! locken.! Während! vieler! Jahre! des! Erdölzeitalters!fokussierten!die!meisten!Kostenreduktionen! auf!eine!steigende!Arbeitsproduktivität!(Box!5).!Diese!Fokussierung!wird!durch!einen!relativ! hohen! Preis! des! Faktors! Arbeit! verstärkt,! der! sich! durch! einen! hohen! gewerkschaftlichen! Organisationsgrad! und! soziale! Kämpfe,! die! den! Wohlfahrtsstaat! begründeten! und! bewahrten,!erklärt!(Box!6).!Auf!diese!Weise!schafften!es!die!Beschäftigten,!einen!Teil!der!aus! der!erhöhten!Arbeitsproduktivität!erzielten!Gewinne!für!sich!zu!reservieren!und!somit!einen! hohen! Lebensstandard! zu! erreichen! –! wodurch! sie! zugleich! die! weitere! Steigerung! der! Arbeitsproduktivität!vorantrieben.! Allerdings! können! nicht! alle! Produktionsprozesse! gleichermaßen! einfach! mechanisiert! werden:! Manche! arbeitsintensiven! Dienstleistungen! wie! Pflege,! Instandhaltung! oder! Theateraufführungen! können! durch! die! Nutzung! fossiler! Energieträger! kaum! effektiver! erbracht!werden.!Eine!Folge!ist!die!relative!Verteuerung!arbeitsintensiver!Dienstleistungen! im!Vergleich!zu!vielen!materiellen!Gütern.!Auf!diese!Weise!werden!die!Verbraucherinnen! und! Verbraucher! darin! bestärkt,! mehr! materielle! Güter! zu! kaufen,! statt! arbeitsintensive! Dienstleistung!zu!konsumieren!(Røpke!1999).! Gleichzeitig! bietet! der! technologische! Wandel! den! Konsumentinnen! und! Konsumenten! immer!neue!und!weiter!diversifizierte!Konsumgüter!(Box!7),!und!Unternehmen!versuchen,! durch!verschiedenste!Maßnahmen!der!Absatzförderung!Kunden!zu!gewinnen!–!etwa!durch! Werbung! oder! die! Möglichkeit! von! Ratenzahlung! (Box! 8).! Dadurch! ist! das! Alltagsleben! zunehmend!in!einen! Rahmen! kommerzieller!Angebote! eingebettet,!wobei!Fernsehen!und! öffentliche!Räume!das!Füllhorn!der!Versuchungen!inszenieren.! Angebot!und!Nachfrage!nach!Konsumgütern!bestärken!sich!wechselseitig!(außer!während! periodischer! Krisen):! Steigende! Löhne! ermöglichen! den! Verbraucherinnen! und! Verbrauchern,!die!neuen!Produkte!zu!kaufen,!welche!die!Industrie!auf!den!Markt!bringt!(Box! 9).! 3.*Stützen*des*Konsumwachstums:*Steigende*Ansprüche*und*LockYin* Die! meisten! Menschen! im! Globalen! Norden! tragen! bereitwillig! ihren! Teil! zum! Wachstumsmotor!Konsum!bei!und!betrachten!ihr!Verhalten!nicht!als!besonders!extravagant.! Zu!einem!gewissen!Grad!ist!dies!der!Gewöhnung!an!Standards!und! sogenannten!LockUinU Effekten! (Pfadabhängigkeiten)! geschuldet! (Box! 10).! Wenn! die! Wirtschaft! boomt,! gibt! es! oftmals! einen! Ansturm! auf! bestimmte! Konsumgüter.! In! der! Mitte! des! Booms! wird! der! Konsum! dieser! Güter! häufig! als! extravagant! wahrgenommen,! doch! mit! der! Zeit! wird! ihr! Konsum!zur!Norm!(Christensen!et!al.!2007).!Diese!Normalisierung!geht!in!vielen!Fällen!mit! weitergehenden! Veränderungen! einher! –! Veränderungen! öffentlicher! Debatten,! bestimmten! politischen! Maßnahmen! und! institutionellen! Reformen,! Ausbau! der! Infrastruktur!und!neuen!wissenschaftlichen!Fragestellungen.!Dies!illustriert!die!Geschichte!
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 99! der! Klimaanlage! (Shove! 2003)! oder! die! aktuelle! Integration! von! InformationsU! und! Kommunikationstechnologien!in!das!Alltagsleben!(Røpke!et!al.!2010).! Wenn!neue!Produkte!und!Lebensstandards!und!die!dazugehörigen!Erwartungen!zur!Norm! werden,!werden!die!neuen!Standards!in!die!soziale!und!materielle!Struktur!der!Gesellschaft! integriert!und!können!damit!zu!Einschränkungen!werden!und!LockUinUEffekte!hervorrufen.!In! einer! autoabhängigen! Gesellschaft! mit! zersiedelten! Vorstädten! und! einem! unterentwickelten! öffentlichen! Verkehrssystem! wird! das! Auto! fast! zur! Notwendigkeit.! Einschränkungen!werden!zur!Kehrseite!von!Freiheit.!Wenn!es!keine!lokalen!Geschäfte!mehr! gibt,!müssen!die!Menschen!in!den!Supermarkt!fahren,!und!wenn!Häuser!so!gebaut!sind,!dass! sie!klimatisiert!werden!müssen,!können!sie!ohne!Klimaanlage!unbewohnbar!sein.!Abgesehen! von! materiellen! Zwängen! und! Anreizen! stützen! Institutionen! etablierte! Standards! und! Verhaltensmuster.!Zum!Beispiel!fördern!gesetzliche!Maßnahmen!wie!Steuererleichterungen! bei! langen! Pendelentfernungen! das! Autofahren.! Hinzu! kommen! normative! und! kognitive! Strukturen! wie! das! Erheben! des! FührerscheinUErwerbs! zu! einem! rituellen! Schritt! ins! Erwachsenenalter!oder!die!Assoziation!des!Autos!mit!persönlicher!Freiheit.! Allgemeiner! formuliert:! Soziale! und! materielle! Rigiditäten! neigen! dazu,! Verbraucherinnen! und! Verbraucher! an! ressourcenintensive! Lebensstile! zu! binden! („lock! in“).! Zum! Beispiel! fördern!Institutionen!des!Arbeitsmarktes!in!vielen!Ländern!die!Vollbeschäftigung!auf!Kosten! von!mehr!Freizeit!–!und!begründen!damit!einen!Zyklus!des!Arbeitens!und!Ausgebens!(Schor! 1991).! Diesen! Zyklus! kurbeln! z.B.! Familien! mit! doppeltem! Einkommen! mit! ihrem! geschäftigen!Leben!an.!Ein!weiterer!Effekt! dieses! Zyklus! ist,! dass! Shopping,! als! „Erlebnis“! inszeniert,!zu!einer!Freizeitaktivität!geworden!ist!(Hochschild!1997;!Wilson/Lande!2005).! 4.*Ideologische*und*politische*Stützen*des*Konsumwachstums* Der! konsumgetriebene! Wachstumsmotor! läuft! innerhalb! unterstützender! kognitiver! Vorstellungen!und!politischer!Maßnahmen.!Die!kognitiven!Vorstellungen!(Box!11)!umfassen! das! Verständnis! von! wirtschaftlichem! Wachstum! als! absolutem! Wert,! unabhängig! vom! erreichten! Lebensstandard.! Weitere! Vorstellungen! sind! z.B.:! Märkte! und! gesunder! Wettbewerb! fördern! das! Allgemeinwohl;! Freihandel! bringt! allen! beteiligten! Akteuren! Vorteile;! technologischer! Fortschritt! ist! gleichbedeutend! mit! sozialem! Fortschritt;! Umweltprobleme! können! durch! effizientere! Technologien! gelöst! werden.! Diese! Vorstellungen! sind! umstritten,! aber! sie! sind! weit! verbreitet! und! gehen! in! politische! Maßnahmen!ein!(siehe!Box!12)!wie!beispielsweise!in!die!Förderung!des!Freihandels!und!des! Wettbewerbs,!die!Privatisierung!und!Liberalisierung!von!Märkten,!den!Bau!von!immer!neuen! Autobahnen!sowie!das!Beharren!auf!niedrigen!Energiepreisen.! 5.*Nutzen*und*Kosten*des*Konsumwachstums* Standards! und! LockUin! erklären! zu! einem! gewissen! Grad,! warum! Verbraucherinnen! und! Verbraucher! ihren! Teil! zum! Wachstumsmotor! beitragen:! „Bedürfnisse“! werden! durch! die! gesellschaftlichen! und! ökonomischen! Umstände! konstruiert.! Aber! die! Verbraucher! profitieren!auch!vom!Konsumwachstum,!das!über!die!Zeit!stark!mit!sozialen!Veränderungen! verknüpft!ist.!Historisch!betrachtet!haben!steigende!Lebensstandards!nicht!nur!die!universell! geschätzten!Annehmlichkeiten!guten!Essens!und!komfortablen!Wohnens!mit!sich!gebracht,! sondern!sich!gemeinsam!mit!individueller!Unabhängigkeit!und!Freiheit!entwickelt!–!also!mit!
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 100! zentralen! Werten! der! Moderne.! Aus! Sicht! des! wohlhabenden! Konsumenten! ergeben! sich! aus!dem!enormen!Rohstoffverbrauch!folgende!Vorteile:! Individuelle! Unabhängigkeit:! Über! viele! Jahre! haben! Individuen! zunehmend! persönliche! Unabhängigkeit! von! ihrem! familiären! Umfeld! erlangt! und! die! durchschnittliche! Haushaltsgröße!hat!sich!verkleinert,!was!die!Nachfrage!nach!Wohnraum!erhöht.!Innerhalb! der! Haushalte! hat! immer! öfter! jede! Person! ein! eigenes! Zimmer,! das! mit! mehreren! elektrischen!Geräten!ausgestattet!ist.! Mobilität:! Der! Bewegungsradius! im! täglichen! Leben! hat! sich! dramatisch! erhöht.! Die! gestiegenen! Geschwindigkeiten! für! Fahrten! zur! Arbeit,! zum! Einkaufen! oder! zu! Freizeitaktivitäten! führen! aber! nicht! zu! Zeitersparnis,! sondern! zu! erhöhten! Entfernungen.! Ferienreisen!sind!häufiger!geworden!und!exotische!Ziele!lassen!sich!leicht!erreichen.! Ernährung:! Die! Ernährung! ist! vielfältiger! geworden! und! der! Anteil! von! Fleisch! und! Milchprodukten! ist! gestiegen.! Das! Essen! kommt! aus! allen! Teilen! der! Welt,! saisonale! Einschränkungen!gibt!es!kaum!mehr.!! Bequemlichkeit:!Die! „drei! C“! comfort,! cleanliness,! convenience! (Komfort,! Sauberkeit,! Bequemlichkeit)! durchdringen! die! Gestaltung! des! Alltags! (Shove! 2003).! Heizung! und! Klimaanlage!bieten!eine!konstante!Temperatur,!unabhängig!von!den!Jahreszeiten!und!den! lokalen!klimatischen!Bedingungen;!viele!Haushaltsarbeiten!werden!von!elektrischen!Geräten! erledigt!oder!zumindest!vereinfacht.! Intensivierte! Zeitnutzung:! In! Gesellschaften! mit! einer! hohen! Arbeitsproduktivität! gelten! Langsamkeit!und!eine!entspannte!Lebensgestaltung!als!sozial!inakzeptabel!(Linder!1970)!und! die! Intensität! des! Arbeitslebens! überträgt! sich! auf! das! Leben! zu! Hause.! Je! mehr! der! monetäre!Wert!der!Zeit!steigt,!desto!verpönter!wird!es,!Zeit!zu!„verschwenden“.! Abwechslung! und! Neuheiten:! Wie! bei! Ernährung! und! Mobilität! werden! in! allen! Lebensbereichen! neue! Erfahrungen,! Erlebnisse! und! Erkenntnisse! möglich.! Was! materielle! Güter!anbelangt,!so!verstärken!spezialisierte!und!diversifizierte!Güter!und!Dienstleistungen! diesen!Trend.! Diese! Veränderungen! sind! langfristige! Trends,! wie! wir! im! Rückblick! erkennen! können.! Beurteilt!man!sie!im!Hinblick!auf!die!Lebensqualität,!finden!viele!sie!wünschenswert!–!auch! die! sogenannten! „neuen! Konsumenten“! aus! schnell! wachsenden! Entwicklungsländern! wie! China,!Indien!und!Brasilien,!die!diesen!Lebensstil!kopieren!(Myers/Kent!2004).! Viele! Menschen! sind! sich! jedoch! auch! der! Probleme! des! steigenden! Konsums! bewusst.! Zunächst:!Die!Umweltauswirkungen!beeinträchtigen!ernsthaft!die!Lebensqualität.!Kurzfristig! entstehen!Gesundheitsprobleme!wie!Lungenkrankheiten!durch!Luftschadstoffe!und!es!sinkt! die! Fruchtbarkeit! aufgrund! von! Stoffen,! die! das! Hormonsystem! beeinträchtigen.! Die! Zerstörung! natürlicher! Lebensräume! bedeutet! einen! großen! Verlust! an! bereichernden! Naturerlebnissen.!Längerfristig!sind!die!Grundvoraussetzungen!menschlichen!Lebens!durch! die! Zerstörung! von! Ökosystemen! und! den! Klimawandel! bedroht.! Neben! den! Umweltauswirkungen! beziehen! sich! weitere! Bedenken! zum! Beispiel! auf! den! sozialen! Zusammenhalt!und!die!gesundheitlichen!Wirkungen!des!modernen!Lebens.!!
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 101! Eine!fundamentale!Kritik!kommt!von!Traditionalisten,!die!über!individuelle!Unabhängigkeit,! ausgeglichenere! Geschlechterbeziehungen! und! sich! wandelnde! Familienstrukturen! klagen.! Modernisten! dagegen! beurteilen! diese! Entwicklungen! als! positiv,! wobei! auch! sie! eingestehen,! dass! die! Individualisierung! negative! Wirkungen! hat! –! etwa! die! Auflösung! lokaler!Gemeinschaften!und!den!großen!Druck!auf!Individuen,!ihr!eigenes!Leben!zu!gestalten! und!Erfolg!zu!haben.!Hinzu!kommt,!dass!der!moderne!Lebensstil!–!gekennzeichnet!durch! eine! hohe! Geschwindigkeit,! mangelnde! körperliche! Betätigung! sowie! ein! Übermaß! an! Kalorien! –! zu! Stress! und! Zivilisationskrankheiten! führen! kann! (Duchin! 2005).! Manche! Gegenstrategien,!zum!Beispiel!der!Kauf!von!Geräten!und!Gegenständen,!die!zeitsparende! und!zeitvariable!Nutzungen!ermöglichen,!können!noch!mehr!Stress!schaffen!und!sich!damit! als!kontraproduktiv!erweisen!(Shove!2003).! Auch! wenn! man! die! positiven! historischen! Errungenschaften! des! Konsumwachstums! und! des!sozialen!Wandels!anerkennt,!ist!festzustellen,!dass!Menschen!durch!ständig!wachsenden! Konsum! nicht! unbedingt! glücklicher! werden.! Viele! kürzlich! erschienene! Studien! über! Lebensqualität! und! Glück! zeigen,! dass! Menschen! in! wohlhabenden! Gesellschaften! im! Durchschnitt!nicht!glücklicher!sind!als!Menschen!in!weniger!wohlhabenden!Gesellschaften.! Bis! zu! einem! gewissen! Bruttoinlandsprodukt! steigt! die! Lebensqualität! in! der! Tat! mit! wirtschaftlichem!Wachstum,!aber!jenseits!dieser!Schwelle!steigert!weiteres!Wachstum!die! Zufriedenheit!nicht.!Vielmehr!bestimmt!der!Grad!an!sozialer!Ungleichheit!in!wohlhabenden! Ländern! die! Lebensqualität:! Fast! alle! Indikatoren! zum! Wohlbefinden! zeigen,! dass! die! Lebensqualität!in!Ländern! mit! größerer!Gleichheit!wesentlich! höher! ist!(Wilkinson/Pickett! 2009).! Im! Allgemeinen! leben! die! Menschen! lieber! in! weniger! wohlhabenden! und! relativ! gleichen!Gesellschaften!als!in!wohlhabenderen!und!vergleichsweise!ungleichen.!Dies!ist!ein! bedeutender!Gesichtspunkt,!wenn!es!darum!geht,!die!Voraussetzungen!und!den!Kontext!des! Wachstumsmotors!zu!ändern,!um!diesen!zu!stoppen.! 6.*Den*Wachstumsmotor*stoppen* Der!Konsum!ist,!wie!beschrieben,!der!Kern!des!Wachstumsmotors!–!und!dieser!Motor!läuft,! trotz! periodischer! Krisen,! relativ! reibungslos! dank! einer! Vielzahl! selbstverstärkender! Mechanismen.! Um! die! doppelte! Herausforderung! –! Umweltprobleme! und! große! soziale! Ungleichheiten! –! zu! meistern,! stehen! grundlegende! Änderungen! an.! Die! folgenden! Ausführungen!sind!weniger!ein!Masterplan!als!Vorschläge!für!einige!Elemente,!die!in!der! Transitionsphase! wichtig! sind,! wobei! auf! die! hohe! Komplexität! und! die! verschiedenen! Interdependenzen!zu!verweisen!ist:! Die!Beziehungen!des!globalen!Systems!verändern!(2)4:!Die!Stärkung!von!Gewerkschaften!und! der!Aufbau!von!wohlfahrtsstaatlichen!Strukturen!in!Entwicklungsländern,!die!Förderung!von! intern! kohärenten! Binnenwirtschaften! in! Entwicklungsländern! anstelle! von! Exportabhängigkeit! und! die! Verbreitung! von! Abkommen! des! fairen! Handels! könnten! Möglichkeiten! sein,! um! in! den! wohlhabenden! Ländern! den! Preis! importierter! Güter! zu! erhöhen!und!in!den!armen!Ländern!den!Lebensstandard!zu!verbessern.! „Falsche! Annahmen“! entkräften,! Ressourcenpreise! erhöhen! (1,! 4):! Jeder! Ansatz! zur! Einschränkung!des!Konsumwachstums!muss!auf!drastischen!Preiserhöhungen!von!Energie! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 4!Die!Nummernhinweise!beziehen!sich!auf!Abb.!1,!die!zugleich!einen!Analysezugang!wie!Veränderungsansätze! darstellt.
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 102! und!anderen!Ressourcen!basieren.!In!der!Folge!würden!die!Preise!aller!ressourcenintensiven! Güter! steigen! und! zunächst! das! Realeinkommen! und! der! reale! Konsum! sinken.5!Die! Verbraucher! würden! darin! bestärkt,! ihr! Verhalten! grundlegend! zu! ändern:! Sie! würden! arbeitsintensive! Güter! wie! Pflege! und! Instandhaltung! bevorzugen! und! Anreize,! durch! technologische!Maßnahmen!Ressourcen!einzusparen,!würden!zunehmen.!Im!Laufe!der!Zeit! würden! es! die! sich! verändernden! materiellen! und! institutionellen! Strukturen! der! Gesellschaft! erleichtern,! mit! weniger! Ressourcenverbrauch! zu! leben.! Da! es! aber! höchst! unwahrscheinlich! ist,! dass! die! Marktkräfte! den! notwendigen! Anstieg! der! Rohstoffpreise! auslösen,!bedarf!es!politischer!Maßnahmen,!um!eine!sukzessive!Verteuerung!von!Energie! und!Ressourcen!sicherzustellen!und!hohe!Preise!langfristig!zu!halten!–!und!um,!national!wie! global,!einen!wirtschaftlichen!Ausgleich!für!die!Armen!zu!schaffen.! Die!Nutzung!von!Gütern!ändern!(4,!7):!Wenn!die!Realeinkommen!und!der!relative!!Preis!von! Arbeit! sinken,! sind! vielfältige! Veränderungen! zu! erwarten:! Produkte! werden! so! gestaltet,! dass! sie! langlebiger,! reparaturfähig! und! rezyklierfähig! sind;! hochwertige! handwerkliche! Produkte! werden! attraktiver;! Methoden! der! gemeinsamen! Nutzung! von! Konsumgütern! breiten! sich! aus! (Beispiele! sind! CarUSharing! und! kollektive! Wohnprojekte! mit! gemeinsam! genutzten!Einrichtungen);!ProduktUServiceUSysteme!werden!populär,!bei!denen!Verbraucher! eine!Dienstleistung!kaufen,!anstatt!die!notwendigen!Geräte!selber!zu!besitzen.! Verkaufsförderung! einschränken! (8):! Das! schnelle! Wechseln! und! Erneuern! von! Konsumgütern! kann! durch! eine! Einschränkung! von! Werbung! und! der! Kommerzialisierung! des!öffentlichen!Raumes!gebremst!werden.! Regionale! Wirtschaftsräume! fördern:! Da! das! Transportwesen! hohe! ökologische! Kosten! verursacht,!sollten!regionale!Wirtschaftsräume!gestärkt!werden,!z.B.!durch!die!Einführung! regionaler!Währungen.! Soziale!Ungleichheiten!reduzieren!(6):!Arbeitsmarktabkommen!und!Steuerreformen!könnten! darauf! abzielen,! Ungleichheiten! durch! Begrenzungen! hoher! Einkommen! zu! reduzieren.! Dadurch! würde! die! Bedeutung! des! Einkommens! als! wichtigster! Faktor! der! Anerkennung! zurückgehen;! eine! Folge! wären! der! Rückgang! von! statusUgetriebenem! Konsum! und! die! Abkehr! von! ständig! steigenden! Standards.! Um! zu! verhindern,! dass! eine! geringere! Orientierung! auf! Lohnsteigerungen! zu! höheren! Profiten! von! Unternehmen! sowie! Kapitaleignern! führt,! sollte! die! Besteuerung! auch! die! neu! entstehenden! Gewinne! abschöpfen.! Langsamerer!Lebensrhythmus!und!Ausweitung!des!informellen!Sektors!(7,!10):!Wenn!höhere! Rohstoffpreise! die! Aufmerksamkeit! stärker! auf! die! RessourcenU! als! auf! die! Arbeitsproduktivität!lenken,!dürfte!der!Zeitdruck!am!Arbeitsplatz!sinken!und!auch!auf!einen! langsameren! Alltagsrhythmus! zurück! wirken.! Dies! dürfte! zu! neuen! Ideen! führen,! wie! die! Lebensqualität! verbessert! werden! kann,! und! in! lokalen! ! Gemeinschaften! die! Entwicklung! informeller!Wirtschaftsaktivitäten!voranbringen,!wodurch!sich!das!Verhältnis!zwischen!dem! formalen!und!informellen!Sektor!verändern!würde.! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 5!Diese! Wirkung! findet! nicht! oder! reduziert! statt,! wenn! im! Rahmen! einer! ökologischen! Steuerreform! eine! Rückvergütung!oder!Entlastung!bei!anderen!Steuern!und!Abgaben!erfolgt. !
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 103! Umgestaltung! der! Investitionen! und! Verlagerung! von! privatem! zu! öffentlichem! Konsum:! Nachhaltigere!Lebensstile!hängen!von!einem!Umbau!der!Infrastruktur!ab,!zum!Beispiel!der! Wärmeisolierung! von! Gebäuden! und! dem! Ausbau! des! öffentlichen! Verkehrswesens.! Weil! solche! Investitionen! für! Private! unrentabel! sein! dürften,! sind! öffentliche! Investitionen! notwendig.! Im! Allgemeinen! ist! es! sinnvoll,! privates! in! öffentliches! Einkommen! zu! überführen,!da!öffentliche!Güter!eine!wesentlich!geringere!Ressourcenintensität!aufweisen! als! private! Güter.! Gleichzeitig! ist! es! im! Hinblick! auf! die! Lebensqualität! wünschenswert,! Pflege,!Bildung,!Gesundheit!und!kulturelle!Aktivitäten!auszubauen.! 7.*Abschließende*Bemerkung* Wenn! sich! ein! OECDULand! auf! den! Versuch! einlässt,! den! konsumgetriebenen! Wachstumsmotor!zu!bremsen!und!zu!stoppen,!besteht!eine!große!Herausforderung!darin,! ernsthafte!ökonomische,!soziale!und!politische!Krisen!zu!vermeiden!und!Lösungen!zu!finden! für!Arbeitslosigkeit,!Wettbewerbsprobleme!und!industriellen!Strukturwandel.!Koordinierte! Anstrengungen,!zum!Beispiel!innerhalb!der!EU,!würden!dies!vereinfachen.!Wichtig!wird!sein,! den! Prozess! durch! ein! gestärktes! soziales! Sicherungsnetz! abzufedern.! Früher! oder! später! wird! es! notwendig! sein,! ohne! Wachstum! klarzukommen! und,! wie! Peter! Victor! (2008)! es! ausgedrückt,!ist!es!„viel!besser,!dies!durch!Planung!statt!Katastrophen“!zu!erreichen.!Daraus! könnte! sich! ein! großes! Transformationsprojekt! entwickeln,! das! uns! alle! einbezieht! und! unsere!Lebensqualität!stark!erhöht!–!trotz!verringertem!Konsum.! ! Artikelherkunft* Auszug!aus:!Røpke,!I.!(2010):!Konsum:!Kern!des!Wachstumsmotors.!In:!Seidl,!I.,!und!Zahrnt,! A.! (Hg.):! Postwachstumsgesellschaft! –! Konzepte! für! die! Zukunft.! MetropolisUVerlag,! Marburg.! ! Über*die*Autorin* ! PhD* Inge* Røpke,! Jahrgang! 1953,! ist! Associate! Professor! im! Department! für! Management! der! Dänischen! Technischen! Universität! in! Lyngby.! Sie! hat! Wirtschaftswissenschaften! an! der! Universität! Kopenhagen! studiert! und! ihr! Doktorat! in! Sozialwissenschaften!an!der!Universität!Roskilde!absolviert.!Zurzeit! arbeitet! sie! zur! Integration! von! InformationsU! und! Kommunikationstechnologien! in! das! Alltagsleben! aus! der! Umweltperspektive.! Ihre! Arbeitsschwerpunkte! sind:! Ökologische! Ökonomik,!Konsum!und!Umwelt!sowie!Technologie!im!Alltagsleben.! * * *
II!|!Konsum:!Der!Kern!des!Wachstumsmotors! ! ! 104! Verwendete*Literatur* ! Christensen,! T.H.,! Godskesen,! M.,! Røpke,! I.,! GramUHanssen,! K.,! Quitzau,! M.UB.! (2007):! „Greening!the!Danes?!Experience!with!consumption!and!environment!policies“,!in:!Journal! of!Consumer!Policy!Nr.!30,!91U116! Common,!M.,!Stagl,!S.!(2005):!Ecological!Economics.!An!Introduction,!Cambridge!! Daly,! H.E.! (2007):! Ecological! Economics! and! Sustainable! Development.! Selected! Essays! of! Herman!Daly,!Cheltenham!! Duchin,!F.!(2005):!„Sustainable!consumption!of!food:!A!framework!for!analyzing!scenarios! about!changes!in!diets“,!in:!Journal!of!Industrial!Ecology!Nr.!9,!99U114! Hochschild,!A.R.! (1997):!The!Time! Bind.!When!Work! Becomes!Home! and!Home!Becomes! Work,!New!York! Linder,!S.B.!(1970):!The!Harried!Leisure!Class,!New!York! Myers,! N.,! Kent,! J.! (2004):! The! New! Consumers.! The! Influence! of! Affluence! on! the! Environment,!Washington/Covelo/London! Røpke,!I.!(1999):!„The!dynamics!of!willingness!to!consume“,!in:!Ecological!Economics!Nr.!28,! 399U420! Røpke,! I.,! Christensen,! T.H.,! Jensen,! J.O.! (2010):! „Information! and! communication! technologies.!A!new!round!of!household!electrification“,!in:!Energy!Policy!Nr.!38,!1764U1773.! Schor,!J.!(1991):!The!Overworked!American.!The!Unexpected!Decline!of!Leisure,!New!York!! Schor,! J.! (2005):! „Prices! and! quantities.! Unsustainable! consumption! and! the! global! economy“,!in:!Ecological!Economics!Nr.!55,!309U320! Shove,! E.! (2003):! Comfort,! Cleanliness! and! Convenience.! The! Social! Organization! of! Normality,!Oxford/New!York! Victor,!P.A.!(2008):!Managing!Without!Growth.!Slower!by!Design,!Not!Disaster,!Cheltenham!! Wilkinson,!R.,!Pickett,!K.!(2009):!The!Spirit!Level.!Why!More!Equal!Societies!Almost!Always! Do!Better,!London! Wilson,! N.H.,! Lande,! B.J.! (2005):! Interview:! „Feeling! capitalism.! A! conversation! with! Arlie! Hochschild“,!in:!Journal!of!Consumer!Culture!Nr.!5,!275U288! !
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 105! Beschleunigung*und*Wachstum* Externe!Triebkräfte!sozialer!Beschleunigung! Hartmut!Rosa! ! Wer! die! Beschleunigungsdynamik! der! modernen! Gesellschaft! verstehen! will,! so! hat! sich! bereits!bei!der!Definition!des!Beschleunigungsbegriffs![…] ! gezeigt,!kommt!nicht!umhin,!sich! mit!ihrer! Wachstumsdynamik! auseinander!zu!setzen.!Es!ist!kein!konzeptueller!Zufall,!dass!sich! ein!über!alle!drei!Akzelerationsdimensionen1!hinweg!generalisierter!Beschleunigungsbegriff! nur!als!Mengenwachstum!pro!Zeitheinheit ! definieren!lässt.!Insbesondere!hat!sich!erwiesen,! dass! aufgrund! des! Verhältnisses! von! freien! und! gebundenen! Zeitressourcen! eine! Beschleunigung!des!Lebenstempos!nur!dann!kompatibel!ist!mit!einer!simultan!auftretenden! technischen! Beschleunigung! zielgerichteter! Vorgänge,! wenn! es! dabei! zu! einer! logisch ! unabhängigen!Steigerung!der!Mengen ! (des!Transportierten,!Kommunizierten,!Produzierten! bzw.! des! Handelns! und! Erlebens)! kommt.! Erst! wenn! die! Wachstumsraten ! die! Beschleunigungsraten ! der! korrespondierenden! Prozesse! übersteigen,! können! sich! Zeitressourcen! trotz! technischer! Zeiteinsparungen! verknappen.! Deshalb! habe! ich! die! moderne! Gesellschaft! als! eine! spezifische! ›Beschleunigungsgesellschaft‹! in! dem! Sinne! charakterisiert,! dass! in! ihr! technische! Beschleunigung! und! die! Beschleunigung! des! Lebenstempos!zugleich!auftreten,!was!bedeutet,!dass!es!zu!einer!nicht!logischUanalytisch,! sondern! kulturell! und/oder! strukturell! begründeten! Verknüpfung! von! WachstumsU! und! Beschleunigungsprozessen! kommt.! Und! in! der! Tat! ist! es! ja! nicht! schwer,! entsprechende! Wachstumsraten! zu! identifizieren;! wozu! etwa! die! Vermehrung! von! Optionen! und! Kontigenzen!ebenso!zu!rechnen!ist!wie!diejenige!von!Waren!und!Dienstleistungen!und!die! korrespondierende! Steigerung! der! HandlungsU! und! Erlebnismöglichkeiten!ebenso! wie! diejenige!der!entsprechenden!Uepisoden.!Tatsächlich ! gibt!es!gute!Gründe!für!die!Annahme,! dass!es!in!vielerlei!Hinsicht!geradezu!zu!einem!exponentiellen!Mengenwachstum!kommt,! dem!eine!›nur‹!lineare!Beschleunigung!!gegenübersteht.2! Die! im! Mittelpunkt! dieser! […]! Untersuchung! stehende! Frage,! was! den! oder! besser:! die ! Beschleunigungsprozesse!in!der!modernen!Gesellschaft!vorantreibt,!ist!daher!unvermeidlich! die! Frage! danach,! auf! welche! strukturellen! und/oder! kulturellen! Weisen! die! quantitative! Steigerungslogik!und!die!Beschleunigungsdynamik!der!Moderne!miteinander!verwoben!sind.!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Rosa! (2005)! definiert! und! unterscheidet! drei! Formen! der! sozialen! Beschleunigung! –! die! technische! Beschleunigung,! die! Beschleunigung! des! sozialen! Wandels! und! die! Beschleunigung! des! LebenstemposU;! zwischen!diesen! drei! Formen! der! sozialen! Beschleunigung! herrschen! laut! Rosa! „eine! Vielzahl! empirischer! Wechselwirkungen!und!kausaler!Interdependenzen“!!wodurch!„die!soziale!Beschleunigung!!in!der!Moderne!zu! einem! sich! selbst! antreibenden! Prozess! geworden! ist,! der! in! gleichsam! zirkulärer! Form! die! drei! Beschleunigungsbereiche! in! ein! wechselseitiges! Steigerungsverhältnis! setzt“.! Diesen! Prozess! zwischen! den! einzelnen! Dimensionen! sozialer! Beschleunigung! definiert! Rosa! als! „Akzelerationszirkel“.! Wie! hier! von! Rosa! definiert! handelt! es! sich! weiterhin! um! drei! „externe! Antriebsmotoren! […]! die! sich! je! einer! der! drei! Beschleunigungsdimensionen!als!primäre!Antriebskraft!zuordnen!lassen.!Im!Folgenden!ist!nur!eine!der!drei! „externen!Triebkräfte“!–!von!Rosa!auch!als!„Motor“!benannt!–!aus,!in!der!Kapiteleinleitung!bereits!erwähnten! Gründen,!aufgeführt:!„der!kulturelle!Motor“.!! 2!Eriksen!2001,!S.!78!ff.;!!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 106! Der! sich! selbst! verstärkende! Akzelerationszirkel! reicht! hier! als! Antwort! nicht! aus,! da! er! Wachstumsprozesse ! in!nur!beschränktem!Maße!begründen!kann3!und!eine!Erklärung!seiner! eigenen!Ingangsetzung!schuldig!bleiben!muss.!! Ich! werde! daher! im! Folgenden! zunächst! drei! analytisch! voneinander! und! vom! Akzelerationszirkel! unabhängige,! also! gleichsam! »externe«! soziale! Antriebsmotoren! identifizieren,! welche! auf! je! spezifische! Weise! SteigerungsU! und! Akzelerationsmomente! miteinander! verknüpfen! und! sich! im! Sinne! einer! ›treibenden! Logik‹,! je! einer! der! drei! Beschleunigungsdimensionen!als!primäre!Antriebskraft!zuordnen!lassen!(vgl.!Abb.!1).! […]! ! ! Abbildung*1:!Externe!Triebkräfte!der!Beschleunigung ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 3!Technische! Beschleunigung! […]! begründet! die! Möglichkeit,! aber! nicht! das! tatsächliche! Auftreten! von! Mengensteigerungen.! Die! Beschleunigung!des! sozialen! Wandels! als! solche! entspricht! keinem! „realen! Wachstum“;!sie!zeitigt!Wachstumsaspekte!erst!dann,!wenn!der!Wandel!kulturell!verarbeitet!werden!und!in!! „Wissen“!bzw.!in!Handlungsorientierung!„übersetzt“!werden!soll.!Diese!Form!des!Wachstums!wirkt!dann!als! ein!Antriebsfaktor!auf!die!Erhöhung!des!Lebenstempos,!die!im!Sinne!einer!Steigerung!der!Zahl!an!HandlungsU oder!Erlebnisepisoden!pro!Zeiteinheit!natürlich!als!Wachstumsprozess!definiert!ist.
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 113! Auch! wenn! man! diese! Ursprungserzählung! nicht! teilen! mag,! bleibt! doch! das! Argument! bestehen,!dass!die!Verabschiedung!des!Gedankens!eines!für!gewiss!geltenden!Lebens!nach! dem!Tod!als!verbindliche!Kulturidee,!auf!die!hin!und!von!der!her!das!Leben! vor! dem!Tod! seine! Bedeutung! und! Ausrichtung! erhielt,! unvermeidlich! die! subjektiven! und! kulturellen! Sinngrundlagen! in! Frage! stellen! musste,! weil! –! in! den! Kategorien! Blumenbergs! –! das! Auseinanderfallen! von! Weltzeit! und! Lebenszeit! (oder! von! Geschichte! und! individueller! Lebensspanne)! nun! zu! einem! kulturell! neu! zu! bewältigenden;! dramatischen! Problem! wird.! Wurde! zuvor! das! je! eigene! Lebensende! perspektivisch! in! eins! gedacht! mit! dem! bevorstehenden!Weltende,!das!zugleich!den!Beginn!der!»wahren!Zeit«!signalisierte,!traten! durch!das!Verblassen!der!Letzteren!die!beiden!Zeithorizonte!nun!unübersehbar!auseinander:!! War!einstmals!die!Dauer!der!Welt,!von!ihrer!Erschaffung!bis!zu!ihrem!Untergang!im!Letzten! Gericht,!die!Zeiteinheit,!mit!der!die!Menschen!rechneten,! so! wird!am!Beginn!der!Neuzeit!die! Dauer! des! Lebens! von! der! Geburt! bis! zum! Tod! zur! bestimmenden! Zeiteinheit.! Was! der! Mensch!jetzt!belangreich!findet,!ist!seine!eigene!Verweildauer!in! der! Zeit.!Der!mittelalterliche! Mensch!war!seiner!eigenen!Anteilhabe!an!der!verbleibenden!Zeit!der!alt!gewordenen!Welt! über!seinen!Tod!hinaus!sicher.![...]!Sorge!bereitete!ihm!nur!die!Frage,!ob!er!zu!guter!Letzt! der!Verdammnis!anheimfiele!oder!in!die!ewige!Seligkeit!einginge.!Aber!diese!Sorge!hat!mit! der!Dauer!seines!Erdenlebens!nichts!zu!tun,!sondern!nur!mit!der!Art!seiner!Lebensführung.! [...]! Seitdem! die! Lebensspanne! so! unsanft! aus! der! WeltU! und! Heilszeit! herausgeschnitten! worden! war,! seit! das! Einzelleben! nicht! mehr! aus! der! Perspektive! der! alternden! Welt,! sondern! umgekehrt! die! Welt! aus! der! Zentralperspektive! des! hinfälligen! Einzellebens! betrachtet!wurde,!entstand!ein!chronischer!Mangel!an!Dauer.23! Nun! gibt! es! prinzipiell! eine! ganze! Reihe! kultureller! Möglichkeiten,! auf! diese! Situation! zu! reagieren!bzw.!sie!sinnstrukturell!zu!bewältigen,!und!die!meisten!dieser!Alternativen!wurden! in!der!Neuzeit!auch!zumindest!ein!Stück!weit!ausprobiert.24!Ein!Ausweg!aus!der!ethischen! Notlage!bestünde!beispielsweise!in!der!Entfaltung!einer!stoischen!Gelassenheit!oder!in!einer! offensiven! WeltU! und! Lebensverneinung:! Wer! die! Welt! und! mit! ihr! das! Leben! darin! für! letztlich!wertlos!oder!gar!für!ein!»Jammertal«!hält,!hat!nichts!zu!verlieren,!der!Tod!nimmt! ihm! nichts.!Eine!andere!Möglichkeit,!auf!die!unwiderrufliche!Kürze!des!individuellen!Lebens! zu!reagieren,!liegt!in!der!Entwicklung!einer!entindividualisierenden!»Gattungsgeduld«,!wie! sie!in!einigen!Strömungen!des!Marxismus!vorgeschlagen!wurde:!! Das!Einzelleben!bezieht!seinen!Sinn!und!Trost!daraus,!das!es!sich!als!Glied!einer!langen!Kette! begreift,!die,!wenn!sie!nicht!in!eine!neue!Art!der!Heilszeit!mündet,!so!doch!zumindest!die! Differenz! zur! Weltzeit! überbrückt.! Weiter! könnte! das! Auseinanderfallen! von! LebensU! und! Weltzeit!subjektiv!durch!den!Versuch!bewältigt!werden,!sich!in!seinen!»Werken«,!seien!sie! künstlerischer,!wissenschaftlicher!oder!etwa!politischer!Art,!gleichsam!zu!»verewigen«,!d.!h.! eine!Spur!zu!hinterlassen,! welche!die!Wirkungsspanne!des!je!eigenen!Lebens!weit!über!seine! Dauer!hinaus!ausdehnte!und!damit!der!Weltzeit!zumindest!annäherte.!Es!ist!nicht!schwer,! auch!dieses!Motiv!in!der!Epoche!der!Neuzeit!als!kulturwirksam!zu!identifizieren.!! Tatsächlich!aber!gelangte! im! Fortgang!der!Neuzeit!eine!andere!Alternative!zur!kulturellen! Hegemonie,! die! in! der! Spätmoderne! zur! konkurrenzlosen! Antwort! auf! das! Todesproblem! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 23!Gronemeyer!1996,!S.!91!f;!vgl.!dazu!Blumenberg!1986,!S.!86!ff.!! 24!Zum!Folgenden!vgl.!Gronemeyer!1996,!S.!92!ff.!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 114! geworden! zu! sein! scheint:! Die! Vorstellung! nämlich,! durch! beschleunigte! Auskostung! der! Weltoptionen,! durch!»schnelleres!Leben«!lasse!sich!die!Kluft!zwischen!Weltzeit!und!Lebenszeit! wieder!verringern.! Um! diesen!Gedanken!zu!begreifen,!muss!man!sich!vor!Augen!halten,!dass! die!Frage!nach!der!Bedeutung!des!Todes!unauflöslich!verknüpft!ist!mit!der!Frage!nach!dem! richtigen!oder!»guten!Leben«.!Denn!die!jener!Antwort!entsprechende,!kulturgeschichtlich! dominant!werdende!Vorstellung!des! guten!Lebens! besteht!darin,!das! Leben!als!Letzte!Gelegenheit! zu! begreifen,!d.!h.,!die!irdische!Zeitspanne,!die!den!Subjekten!zugemessen!ist,!so!intensiv!und! umfassend! wie! möglich! zu! nutzen,! bevor! der! Tod! den! endgültigen! Schlusspunkt! setzt,! so! Gronemeyers!bestechend!einfache!Grundthese.!Daraus!ergibt!sich!als!neuzeitliches!LebensU! und!Zeitideal,!dass!das! gute!Leben! das! erfüllte! Leben!sei,!das!darin!besteht,!möglichst!viel!von! dem,! was! die! Welt! zu! bieten! hat,! auszukosten! und! möglichst! umfassend! von! ihren! Möglichkeiten!und!Angeboten!Gebrauch!zu!machen.!Ebendieses!Lebensprinzip!lässt!Goethe! Faust! auf!folgende,!treffliche!Weise!formulieren!und!dabei,!wie!es!scheint,!mit!seinem!letzten! Satz! auch! bereits! die! sich! erst! im! späten! 20.! Jahrhundert! abzeichnenden,! potenziell! desaströsen!Folgen!dieses!Unterfangens!vorwegnehmen:!»Und!was!der!ganzen!Menschheit! zugeteilt!ist,!will!ich!in!meinem!innern!Selbst!genießen,!mit!meinem!Geist!das!Höchst'!und! Tiefste!greifen,!ihr!Wohl!und!Weh!auf!meinen!Busen!häufen!und!so!mein!eigen!Selbst!zu! ihrem!Selbst!erweitern,!und,!wie!sie!selbst,!am!End!auch!ich!zerscheitern!«25!! Die!anhaltende!Kulturwirksamkeit!dieser!säkularisierten!GlücksU!und!Zeitkonzeption!und!der! ihr! zugrunde! liegenden! Steigerungslogik! hat! in! jüngster! Zeit! vor! allem! Gerhard! Schulze! aufzuzeigen!versucht.!Nach!seiner!Diagnose!richtet!sie!sich!in!der!Spätmoderne!verstärkt!auf! die!Vermehrung!und!Verdichtung!der!Erlebnisepisoden!pro!Zeiteinheit:!! Zwei! Techniken! der! vermeintlichen! Steigerung! des! Erlebnisreichrums! haben! unser! Alltagsleben! in! den! letzten! Jahrzehnten! kontinuierlich! verändert:! Vermehrung! und! Verdichtung! der! Gegenstände! des! Erlebens.! Das! schlichte! Kalkül! lautet:! je! mehr! Erlebnismittel! (Fernsehprogramme,! Kleider,! Urlaubssituationen,! Partner! usw.)! wir! uns! aneignen!(Vermehrung)! und!je!mehr!wir!sie! in!der!Zeit!zusammendrängen!(Verdichtung),! desto!reicher!wird!unser!Innenleben:!SeinsUSteigerung!durch!HabensUSteigerung.26!! Neben! diesen! Gedanken! der! Optionenausschöpfung! tritt! dann! ergänzend! und! in! die! gleiche! Richtung!wirkend!auch!noch!das! humanistische!Bildungsideal,! dem!zufolge!das!gute!Leben!vor! allem!darin!besteht,!die!in!einem!Subjekt!angelegten!Begabungen!und!Potenziale!möglichst! umfassend! zu! entfalten.27! Das! Prinzip! der! Beschleunigung! ist! in! dieser! Idee,! möglichst! alle! WeltU! und! subjektiven! Möglichkeiten! auszuschöpfen,! insofern! angelegt,! als! das! Auseinanderfallen! von! Lebenszeit! und! Weltzeit! aus! dieser! Perspektive! als! Missverhältnis! zwischen! den! nahezu! unausschöpflichen! Weltoptionen! und! der! begrenzten! Zahl! der! in! einem! individuellen! Leben! realisierbaren! Möglichkeiten! erscheint.! Daraus! ergibt! sich! die! Erhöhung! des! Lebenstempos! als! gleichsam! natürliche! Konsequenz:! Weil! sich! umso! mehr! Möglichkeiten! realisieren! lassen,! je! schneller! die! einzelnen! Stationen,! Episoden! oder! Ereignisse! durchlaufen!werden,!stellt!Beschleunigung!die!aussichtsreichste,!ja!die!einzige!Strategie!dar,!Weltzeit!und! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 25!Goethe! 1993b,! S.54.! Zu! Goethes! hellsichtiger! Deutung! des! »! veloziferischen«! Wesens! der! Neuzeit! vgl.! ausführlich!Osten!2003!und!2006.! 26!Schulze!1997b,!S.!90,!vgl.!S.87;!sowie!1997a!und!jetzt!auch!2003.! 27!Diese!Vorstellung,!um!bei!Goethe!zu!bleiben,!findet!etwa!in!Willhelm!Meisters!Lehrjahren!ihren!klassischen! (freilich!zum!Ende!hin!pessimstisch!zurückgenommenen)!literarischen!Ausdruck.!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 115! Lebenszeit!tendenziell!einander!anzunähern.! Wer!doppelt!so!schnell!lebt,!kann!doppelt!so!viele! Weltmöglichkeiten! realisieren,! zweimal! so! viele! Ziele! erreichen,! Erfahrungen! machen,! Erlebnisse!sammeln;!er!verdoppelt!damit!seinen!Ausschöpfungsgrad!an!Weltoptionen.28!Dies! verdeutlicht,! wie! die! technische! Beschleunigung! und! die! Erhöhung! des! Lebenstempos! durch! quantitative!Steigerung! kulturlogisch!verknüpft!sind!und!wie!unauflöslich!sich!damit!auch!aus! der!kulturellen!Perspektive! Wachstum! und! Beschleunigung!verbinden.! Wer!noch!schneller!lebt,! kann! dann! gewissermaßen! eine! Vielzahl! von! »Lebenspensen«! in! einer! einzigen! Lebensspanne!realisieren!und!sich!deren!ErfahrungsU!und!Erlebnismöglichkeiten!erschließen! –!es!ist!unschwer!zu!sehen,!wie!hier!der!Horizont!eines!»ewigen!Lebens«!zurückgewonnen! wird!durch!die!Imagination!unbegrenzter!Beschleunigung.! Wer!unendlich!schnell!wird,! braucht! den!Tod!als!Optionenvernichter!nicht!mehr!zu!fürchten;! es!liegen!unendlich!viele!»Lebenspensen«! zwischen!ihm!und!dessen!Eintreten.!! Es!ist!dieser!Zusammenhang,!der!die!Erhöhung!des!Lebenstempos!zur!modernen!Antwort! auf! den! Tod! macht! und! dabei! der! Akzelerationsidee! jene! eudaimonistischen! Obertöne! verleiht,!die!sich!in!Marinettis!Futurismus!ebenso!wie!in!der!Faszination!der!Formell!oder! den! Werbesprüchen! der! Spätmoderne! U! »Ich! investiere! in! Geschwindigkeit«,! »All! you! need! is! speed!«!U! Ausdruck!verschaffen.!Die!zitierte!Beobachtung!Friedrich!Ancillons,!in!der!Neuzeit! suche! man! das! »wahre! Leben«! in! der! Bewegung! »und! in! ihr! allein«,! bringt! damit! jenes! Glücksversprechen!der!Beschleunigung!auf!den!Punkt,!welches! neben!der!kapitalistischen! Organisation! der! Ökonomie! als! der! zweite! externe,! d.! h.! den! Beschleunigungszirkel! gleichsam!von!außen!antreibende!»Motor«!der!modernen!Akzelerationsdynamik!verstanden! werden! kann.! Sein! Ansatzpunkt! sind! die! subjektiven! und! kulturellen! Sinnmuster! und! Handlungsorientierungen,! was! bedeutet,! dass! er! über! den! Wunsch,! das! Lebenstempo! zu! erhöhen,!um!die!Zahl!der!HandlungsU!und!Erlebnisepisoden!pro!Zeiteinheit!zu!steigern!und! zu! diesem! Zweck! Zeitressourcen! zu! sparen,! den! Beschleunigungsprozess! vorantreibt.! Aus! dieser!Perspektive!erscheint!die!kapitalistische!Organisation!der!Wirtschaft!nicht!als! Ursache! der!Beschleunigungsideologie,!sondern!als!deren! Instrument.! Ganz!in!diesem!Sinne!bemerken! Heintel!und!Macho:!»Unser!Wirtschaftssystem!kann!als!der!Kompensationsversuch!gewertet! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 28!Dass! diese! abstrakte! Idee! durchaus! Wurzeln! geschlagen! hat! in! den! zeitgenössischen! Konzeptionen! der! (guten)! Lebensführung! zeigt! sich! meines! Erachtens! in! den! (in! Zeitbudgetstudien! gut! dokumentierten)! Zeitpraktiken! und! Uproblemen! vor! allem! vieler! Frauen:! Da! sie! den! Wunsch! haben,! das! Leben! einer! ›guten! Mutter‹! und! dasjenige! einer! erfolgreichen! Berufstätigen! zu! führen,! beide! Lebensentwürfe! aber! potenziell! totale! Zeitansprüche! an! sie! stellen,! versuchen! sie! durch! Verdopplung! des! Lebenstempos! gleichsam! zwei! vollständige!Leben!in!einem!zu!führenU!entweder!indem!sie!versuchen,!alle!berechtigten!Anforderungen!an! eine! Mutter! und! alle! legitimen! Ansprüche! aus! der! Berufsarbeit! parallel! zu! erledigen! (was! sie! trotz! aller! Temposteigerungen!in!anhaltende!Zeitnot!bringt)!oder!aber!zuerst!eine!Berufskarriere!verfolgen!und!danach!! das!Leben!einer!Hausfrau!und!Mutter!zu!führen!(oder!umgekehrt;!so!erklärte!man!mir!jüngst!eine!erfolgreiche! britische!Kollegin!im!Blick!auf!ihr!eigenes!Arbeitstempo,!man!müsse!eben!mit!fanatischem!Tempo!arbeiten,! wenn! man! erst! nach! dem! Großziehen! zweier! Kinder! seine! Wissenschaftskarriere! starte).! Gleiches! gilt! in! gewisser!Weise!für!all!jene,!die!planen,!nach!dem!Leben!eines!Unternehmensberaters!noch!dasjenige!eines! Künstlers!zu!beginnen!oder!im!Berufsleben!Manager,!in!der!Freizeit!aber!Lehrer!und!Erzieher!zu!sein.!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 116! werden,! die! absolute! Grenze! Tod! durch! quantitative! Zeiterfüllung! [...]! bewältigen! zu! wollen.«29!! Indessen!zeitigt!die![...]!Verknüpfung!dieser!Beschleunigungsdimension!mit!der!technischen! Beschleunigung! und! dem! sozialen! Wandel! eine! höchst! unliebsame! und! paradoxe! Konsequenz,!welche!die!Umsetzung!des!neuzeitlichen!Beschleunigungsprogramms!zu!einem! Sisyphusunternehmen! macht! und! das! akzelerationsimplizite! »Glücksversprechen«! notwendig! scheitern! lässt:! Dieselben! Erfindungen,! Techniken! und! Methoden! nämlich,! welche! die! beschleunigte! Realisierung! von! Weltmöglichkeiten! erlauben! und! damit! die! Gesamtsumme!der!in!einem!Leben! verwirklichten! Optionen!ansteigen!lassen,!vermehren!auch! die!Zahl!und!Vielfalt!der! verwirklichbaren! Optionen,!also!die! Weltzeit,! und!zwar,!wie!wir!schon! gesehen!haben,!auf!nicht!selten!exponentielle!Weise.30!Man!braucht!sich!nur!vor!Augen!zu! führen,! welche! ungeheuren! Optionsvermehrungen! die! neuen! Medien,! etwa! das! Kabelfernsehen31!und!erst!recht!das! Internet,! das!nicht!nur!herkömmliche!InformationsU!und! Kommunikationsprozesse! beschleunigt,! sondern! ganz! neue! Möglichkeitsräume! an! Dienstleistungen,! Unterhaltungsangeboten! und! Kommunikationsweisen! eröffnet! hat,! hervorgebracht! haben! U! sie! sind! nur! zwei! Beispiele! dafür,! auf! welche! Weise! der! »Verpassensgrad«!in!der!modernen!Gesellschaft!exponentiell!zunimmt.!! Auch! die! vieldimensionalen! Entwicklungen! der! gesellschaftlichen! Flexibilisierung,! DeU Regulierung! und! EntUKonventionalisierung! sowie! die! Fortschritte! der! Naturwissenschaften! vermehren!beständig!die!Zahl!der!viablen!Weltmöglichkeiten!und!Entscheidungsoptionen.! Wofür! immer! sich! ein! spätmoderner! Akteur! entscheiden! mag,! er! entscheidet! sich! dabei! zugleich! gegen! immer!mehr!Alternativen!U!deren!Realisierung!er!sich!dann!nach!der!Logik!der! »Temporalisierung!von!Komplexität«,![...]!durch!Verschiebung!auf!einen!späteren!Zeitpunkt! dennoch!offenhalten!will:! wenn!nicht!jetzt!Kinder,!dann!vielleicht!später;!wenn!nach!dem!Abitur!erst! einmal!eine!Lehre!folgen!soll!dann!lässt!sich!ein!Studium!vielleicht!noch!daran!anschließen;!wenn!der!Film! im!Ersten!nicht!gleich!gesehen!werden!kann,!lässt!er!sich!ja!auf!Video!oder! DVD! aufnehmen! usw.!Zu! jedem!späteren!Zeitpunkt!aber!wird!die!Zahl!der!dann!zur!Verfügung!stehenden!Optionen! (zumindest!im!Verhältnis!zur!durchschnittlich!verbleibenden!Lebenszeit)!in!der!Regel!nicht! geschrumpft,! sondern! weiter! gewachsen! sein! U! die! Temporalisierung! von! Komplexität! beseitigt!den!Akzelerationszwang!nicht,!sondern!verstärkt!ihn!noch:!Abgelehnte!Optionen! kehren!zurück!und!belasten!noch!zukünftige!Entscheidungen.!! Die!Folge!hiervon!ist!offensichtlich:!Der! Ausschöpfungsrad_! das!Verhältnis!der!in!einem!Leben! realisierten! zu! den! realisierbaren! Weltmöglichkeiten! U! verringert! sich! entgegen! der! Beschleunigungsverheißung! beständig,! wie! sehr! wir! uns! auch! abhetzen! mögen,! das! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 29!Heintel/Macho!1985,!S.!66.!Castells!(1996,!S.!452!ff.)!diagnostiziert!an!der!Kultur!des!›Informationszeitalters‹! ebenfalls! den! Versuch,! durch! als! Simultaneität! erscheinende! Hyperbeschleunigung! den! Tod! zu! überwinden! (was!zu!einer!kulturellen!Verdrängung!des!Todes!führe)!und!die!Ewigkeit!innerhalb!unserer!Lebensspanne!zu! erreichen,!doch!betont!er!dabei!explizit,!dass!es!zwischen!dieser!Idee!und!der!kapitalistischen!Ökonomie!keinen! Zusammenhang! gebe.! Er! übersieht! meines! Erachtens! jedoch! die! konstitutive! Verbindung,! die! sich! aus! dem! Akzelerationsprinzip!zwischen!dieser!Kultur!und!jener!Ökonomie!ergibt.! 30!Vgl.!dazu!auch!Nowotny!1993,!S.!139!ff.!! 31!Wer!bis!in!die!Siebzigerjahre!hinein!einen!Fernsehkanal!einschaltete,!verpasste!zur!gleichen!Zeit!zwei!weitere! Programme;!wer!dies!heute!tut,!verpasst!potentiell!Hunderte!–!was!die!beschleunigte!Konsumgewohnheit!des! ›TVU!Zapping‹!!hervorgebracht!hat.!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 117! Lebenstempo! zu! erhöhen.! Die! neuzeitliche! Strategie! zur! Angleichung! von! WeltU! und! Lebenszeit!schlägt!daher!fehl.!Denn!die!(OptionenU) Steigerungsrate! übersteigt!unweigerlich!die! Beschleunigungsrate!–! die!ohnehin!schon!zu!geringen!Zeitressourcen!verknappen!sich!weiter.! Die! sinnlose! Unendlichkeit! des! Fortschritts,! von! der! Max! Weber! für! die! Wissenschaft! spricht,! überträge!sich!so!auf!das!Leben!schlechthin:!Das!(spät)moderne!Subjekt!kommt!niemals!an! den!Punkt,!alt!und!lebensgesättigt,!zu!sterben,!die!Lebenszeit!also!mit!der!Weltzeit!versöhnt! zu! haben,! wie! der! nicht! in! die! linear! fortschreitende,! zukunftsoffene! Zeit,! sondern! in! die! zyklische! Zeit! der! wiederkehrenden! Rhythmen! von! Tag! und! Nacht,! Sommer! und! Winter,! Jugend!und!Alter!gestellte!prämoderne!Bauer!Webers,32!weil!alles,!was!es!erlebt!hat,!längst! überholt! worden! ist! durch! neue! und! gesteigerte! ErlebnisU,! EreignisU! und! Erfahrungsmöglichkeiten.!Damit!aber! ist! die! kulturelle! Seite!des!paradoxen!Phänomens!sich! verknappender!Zeitressourcen!bei!gleichzeitiger!technischer!Beschleunigung!beschrieben.33! Die! Beschleunigungsspirale! wird! durch! sie! mir! gleichsam! verdoppelter! Geschwindigkeit! in! Gang!gehalten.! ! ! Artikelherkunft* Auszüge!aus:! Rosa,!H.!(2005):!Beschleunigung:!Die! Veränderung!der!Zeitstrukturen!in!der! Moderne.!SuhrkampUVerlag,!Frankfurt!am!Main.! ! ! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 32!„Abraham! oder! irgendein! Bauer! der! alten! Zeit! starb! ›alt! und! lebensgesättigt‹,! weil! er! im! organischen! Kreislauf!des!Lebens!stand,!weil!sein!Leben!auch!seinem!Sinn!nach!ihm!an!Abend!seiner!Tage!gebracht!hatte,! was!es!bieten!konnte,!weil!für!ihn!keine!Rätsel,!die!er!zu!lösen!wünschte,!übrigblieben!und!er!deshalb!›genug‹! daran!haben!konnte.!Ein!Kulturmensch!aber!,!hineingestellt!in!die!fortwährende!Anreicherung!der!Zivilisation! mit! Gedanken,! Wissen,! Problemen,! der! kann! ›lebensmüde‹! werden,! aber! nicht:! lebensgesättigt.! Denn! er! erhascht!von!dem,!was!das!Leben“![…]!stets!neu!gebiert,!ja!nur!den! winzigsten!Teil,!und!nur!immer!etwas! Vorläufiges,!nichts!Endgültiges,!und!deshalb!ist!der!Tod!für!ihn!eine!sinnlose!Begebenheit.!Und!weil!der!Tod! sinnlos!ist,!ist!es!auch!das!Kulturleben!als!solches,!welches!ja!eben!durch!seine!sinnlose!»!Fortschrittlichkeit«! den!Tod! zur! Sinnlosigkeit! stempelt.«! Mit! dieser! Beobachtung! über! die! »Sinnlosigkeit«! wissenschaftlichen! Fortschritts! formulierte! Weber! (1988,! S.! 594! f.)! unbemerkt! zugleich! das! Scheitern! des! Beschleunigungsprogramms!als!Antwort!auf!den!Tod.! 33!Wenn!Bálint!Balla!(1978,!S.!26)!meint,!Zeitknappheit!sei!ein!universelles,!!nicht!kulturabhängiges!Phänomen,! weil!stets!ein!»Defizit!zwischen!der!zur!Befriedigung!von!Bedürfnissen,!zur!Verwirklichung!von!angestrebten! Zielen! erforderlichen! Zeit! einerseits! und! der! jeweils! tatsächlich! verfügbaren! Zeit! anderseits«! bestehe,! so! übersieht!er!dabei,!dass!eine!beschleunigungstheoretische!Deutung!seines!Arguments!just!die!Verwurzelung! der! Zeitknappheit! in! dem! beschriebenen! kulturellen! Muster! offenbart.! Durch! die! Beschleunigung! zielgerichteter! Prozesse! lässt! sich! im! Prinzip! das! Zeitknappheitsproblem! sehr! wohl! überwinden:! Die! für! die! Befriedigung! vorhandener! Bedürfnisse! und! Wünsche! benötigte! Zeit! kann! der! verfügbaren! Zeit! sukzessiv! ausgeglichen! werden! –! es! sei! denn,! jene! vermehren! sich! mit! der! gleichen! oder! einer! noch! höheren! Rate.! Letzteres! führt! dann! natürlich! zur! Verschärfung! des! Zeitknappheitsproblems! trotz! der! beschleunigten! Befriedigung!von!Bedürfnissen.!
II!|!Beschleunigung!und!Wachstum! ! ! 118! Über*den*Autor* ! Prof.* Dr.* Hartmut* Rosa,! Jahrgang! 1965,! hat! Politikwissenschaft,! Philosophie!und! Germanistik! an! der! AlbertULudwigsUUniversität! in! Freiburg! im! Breisgau! studiert.! Seit! 2005! ist! Rosa! Professor! für! Allgemeine! und! Theoretische! Soziologie! an! der! FriedrichUSchillerU Universität! Jena.! Seine! Arbeitsschwerpunkte! sind! zeitsoziologische! und! moderntheoretische! Untersuchungen,! die! KommunitarismusU Debatte!und!die!Bildung!von!Mobilisierungsressourcen.! ! !
II!|!Diskussion! ! ! 119! Diskussion! ! „Würden!die!Menschen!des!Landes!das!Geldsystem!verstehen,!so!hätten!wir!eine! Revolution,!noch!vor!morgen!früh."! (Henry!Ford)! Anhand!dieses!Zitates!zeichnet!sich,!beispielhaft!für!das!Thema!Geld,!sowohl!die!Komplexität! der! vorgestellten! Inhalte! ab,! als! auch! deren! wissensbasierte! Veränderungspotentiale! für! gesellschaftliche! Strukturen.! Als! Fazit! lässt! sich! an! dieser! Stelle! zunächst! festhalten,! dass! nicht! nur! unterschiedliche! Auffassungen! darüber! existieren,! welchem! der! beschriebenen! systemimmanenten! Wachstumszwänge! größere! Bedeutung! in! Bezug! auf! die! Wachstumsproblematik!zukommt,!sondern!diese!auch!nicht!klar!voneinander!abzugrenzen! sind.! Dies! erfordert! eine! vertiefende! wie! intensive! Auseinandersetzung! mit! der! Wachstumsthematik! und! führt! weitergehend! zu! der! Frage,! was! eigentlich! mit! „System“! gemeint! ist,! wenn! von! systemimmanenten! Wachstumszwängen! die! Rede! ist.! Die! „Systemfrage“!erscheint!den!HerausgeberInnen!als!Schlüsselfrage,!welche!zum!Verständnis! der! unterschiedlichen! Betrachtungsweisen! und! Schwerpunktsetzungen! der! ausgewählten! Beiträge,!noch!einer!weiteren!Klärung!und!Diskussion!bedarf.! Ansatz!der!ausgewählten!Literatur!war!eine!„diagnostische“!Heranführung!an!die!Ursachen! des! Wachtumsparadigmas,! nicht! zuletzt! auch! über! eine! Systemanalyse,! da! die! beschriebenen!Zwänge!zwar!innerhalb!einzelner!Systeme!wirken,!doch,!wie!bereits!in!Kapitel! I! deutlich! wurde,! keineswegs! ihre! Wirkung! an! den! „Systemgrenzen“! verlieren.! Der! Systemanalyse!steht!an!dieser!Stelle!daher!eine!Systemdefinition!bzw.!Utheorie!voran,!um!zu! verdeutlichen,!auf!welcher!komplexen!und!manchmal!schwer!zugänglichen!Ebene,!sich!die! zuvor!geschilderten!Zwänge!abspielen.!Ein!System!ist!dabei!verkürzt!als!das!Ergebnis!eines! Zusammenspiels! einzelner! Elemente! auf! der! MikroU! wie! auch! Makroebene! zu! verstehen,! welches! über! Zeit! und! Raum! dynamischUflexible! Strukturen! gegenüber! Einwirkung! und! Veränderung!zeigt.!Als!eine!Seite!der!Emergenz!der!Wachstumsdynamik!–!beruhend!u.a.!auf! den! einzelnen! Systemkomponenten! –! können! dabei! die! herausgearbeiteten! Zwänge! verstanden! werden,! da! sie! nur! in! ihrer! Wechselwirkung,! beziehungsweise! in! ihrem! Zusammenspiel!ihre!vollständige!Wirkungsmacht!entfalten!(vgl.!z.B.!GeldU!und!Zinssystem.)! Gemäß!des!systemtheoretischen! Ansatzes! von!Niklas!Luhmann!gilt! es! dabei! zu!beachten,! „daß!kein!System!so!viel!eigene!Komplexität!aufbauen!kann,!daß!es!die!Komplexität!seiner! Umwelt! kontrollieren! kann.“ 1! So! wird! auch! bei! dem! von! Harmut! Rosa! dargestellten! Akzelerationszirkel!deutlich,!dass!die!zuvor!noch!als!einzelne!Elemente!wahrgenommenen! Komponenten,!sich!in!stetiger!wechselseitiger!Beeinflussung!und!Beschleunigung!befinden! und!daher!keineswegs!als!unmittelbar!kontrollierbar!aufzufassen!sind.!Vielmehr!scheint!es! so,!dass!bestehende!direkte!und!indirekte!Kontrollmöglichkeiten,!wie!es!auch!Irmi!Seidl!und! Angelika! Zahrnt! verdeutlichen,! gänzlich! durch! die! starke! Wachstumsabhängigkeit! einer! Gesellschaft! verdrängt! werden.! So! ist! beispielsweise,! wie! Inge! Røpke! ausführlich! darlegt,! persönlicher! Konsum! der! Motor! für! wirtschaftliches! Wachstum.! Gleichzeitig! werden! den! KonsumentInnen!materielle!Bedürfnisse!sprichwörtlich!am!laufenden!Band!suggeriert,!was! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Vgl.!Lumann,!N.!(2004):!Ökologische!Kommunikation.!VSUVerlag.!S.!32.!f.!
II!|!Diskussion! ! ! 120! dem!Kulturwissenschaftler!Wolfgang!Ulrich!zufolge!eine!Konsumkultur!des!„Habenwollen“! ermöglicht!und!verstetigt. 2!!Die!kontinuierliche!Befriedigung!dieses!„Habenwollen“,!jenseits! lebensnotwendiger! Grundbedürfnisse,! wird! wiederum! zum! Motor! individuellen,! wirtschaftlichen!Handelns;!die!Reproduktion!bestehender!Strukturen!ist!die!Folge.!! An!dieser!Stelle!scheint!die!systemische!Dominanz!des!Wachstumsdogmas!bewiesen!und!die! Grenzen! individueller! Handlungsoptionen! werden! offenkundig.! Gleichzeitig! wird! deutlich,! dass! diese! systemischen! Grenzen! wahrgenommener! Handlungsspielräume,! auch! Ergebnis! mentaler!Infrastrukturen!sind,!welche!durch!das!menschliche!Bewusstsein!geprägt!werden.! Bewusst!werden!die!einzelnen!Wirkungsgeflechte!wahrgenommen!und!bewusst!werden!sie,! wie! in! den! Beiträgen! deutlich! wird,! verstanden,! interpretiert,! analysiert! und! als! Ausgangspunkte! des! eigenen! (NichtU)! Handels! verwendet.! Im! „Selbstbewusstsein“! des! Individuums! liegt! demnach! zweierlei;! Zum! Einen! die! Ohnmacht! bzw.! Wahrnehmung! fehlender! Handlungsoptionen! aufgrund! und! innerhalb! bestehender! interdependenter! Strukturen.! Zum! Anderen! aber! auch! die! Möglichkeit! des! „Selbstbewusstwerdens“! und! Aneignens! bislang! (noch)! nicht! wahrgenommener! Handlungsspielräume,! wie! sie! anschließend!in!Kapitel!III!dargestellt!werden.!! Die!Veränderung!bestehender!Strukturen,!scheint!also!mitunter!den!Wechsel!der!eigenen! Perspektive!und!die!Wahrnehmung!unterschiedlicher!Betrachtungsweisen!zu!erfordern,!um! ein!„Verstehen“!und!„Verständnis“!zu!ermöglichen!(vgl.!Zitat!Ford),!was!sich!u.a.!auch!am! Thema! der! Giralgeldschöpfung! zeigt.! Bernd! Senf! vertritt! in! seinem! Artikel! eine! Position,! welche!die!Existenz!dieser!Art!der!Geldschöpfung!bejaht.!Dass!dies!jedoch!nicht!die!einzige! Betrachtungsweise! ist,! belegen! klassische! Volkswirtschaftslehrbücher,! welche! eine! andere! Art!der!Geldschöpfung!darstellen!(multiple!Kreditschöpfung)!und!weitere!Autoren,!wie!u.a.! Helmut!Creutz!oder!Erhard!Glötzl,!welche!diese!gänzlich!verneinen.!Antwortoptionen!sind! hier!in!den!bestehenden!–!und!von!den!Autoren!aufgeführten!–!Praktiken!des!Finanzsystems! zu! suchen.! Weiterhin! können! die! Kontroversen! bezüglich! dieses! Themas! auch! auf! die! unterschiedlichen! Definitionen! der! Begrifflichkeiten! (z.B.! verschiedene! Definitionen! von! Sichteinlagen)!zurückgeführt!werden,!durch!diese!der!Diskurs!zusätzlich!erschwert!wird.! Komplementär! zu! den! Kontroversen! über! allgemeine! Positionen! oder! Definitionen! von! Begrifflichkeiten,! scheint! jedoch! auch! die! Frage! nach! der! persönlichen! Definition! von! Vertrauen!und!sowie!der!Bewertung!von!Vertrauenswürdigkeit!von!Bedeutung.!Denn!wie! Bernd!Senf!bereits!in!seinem!Artikel!festhält,!beruht!das!Finanzsystem!letztendlich!auch!auf! dem!Vertrauen!der!Bankkunden!darauf,!dass!ihre!Forderungen!an!die!Bank!durch!die!selbige! zu!jeder!Zeit!erfüllt!werden!können.!Das!Vertrauen!bildet!somit!das!Fundament!für!dieses! System!und!scheint!–!trotz!starker,!wiederkehrender!Krisen!–!nicht!erschütterbar.!Es!scheint! vielmehr! so,! als! ob! gerade! die! Anonymität! des! Bankwesens,! ebenfalls! zu! der! von! Hans! Christoph!Binswanger!beschriebenen!„Magie!des!Geldes“!beiträgt.!Berechtigt!stellt!sich!an! dieser!Stelle!die!Frage!danach,!ob!dem!subjektivem!Gefühl!Vertrauen,!welches!auf!dieses! System!übertragen!wird!(und!dieses!maßgeblich!der!persönlichen!Existenzsicherung!dienen! soll),! nicht! in! gleichem! Maße! Misstrauen! entgegengesetzt! oder! Vertrauenswürdigkeit! an! anderen!Kriterien,!als!der!Liquidität!festgemacht!werden!sollte.!! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2!Ulrich,!W.!(2009):!Habenwollen.!Wie!funktioniert!die!Konsumkultur?!FischerUVerlag,!Frankfurt.!
II!|!Diskussion! ! ! 121! Für!eine!fundierte!Kritik!und!Überprüfung!bestehender!Strukturen!liegt!es!nahe,!auf!eine!der! grundlegenden! Eigenschaften! von! Systemen! einzugehen:! Deren! Streben! nach! SelbstU erhaltung.!Sie!reagieren!dynamisch!auf!Störungen!und!Einwirkungen!von!außen!und!streben,! nach! einer! Störung,! wieder! die! Rückkehr,! von! einem! nun! instabilen,! in! einen! stabilen! Zustand! an.! Die! eigentlich! positive! Eigenschaft! der! Stabilisierung! kann! sich! jedoch! ins! Gegenteil!verkehren,!wenn!Teile!eines!Systems!den!gegenwärtigen!Zustand,!trotz!Störungen,! kontinuierlich!als!strukturell!stabil!fortschreiben!und!sich!mit!dieser!Annahme!gegen!externe! Variabilitäten,! Betrachtungsweisen! und! Lernprozesse! immunisieren.! Bezogen! auf! ökologische,! soziale! und! ökonomische! Krisensymptome! –! im! Kontext! eines! Wirtschaftssystems! auf! der! Basis! grenzenlosen! Wachstums! –! bestünde! so! die! Gefahr! der! systemischen! Aufrechterhaltung! und! Förderung! instabil! werdender! Strukturen! und! Subsysteme. Hier!kommt!auch!erneut!die!(sozialU)psychologische!Komponente!zum!Tragen,!da!Menschen! selbst!die!Wirklichkeiten!in!Form!von!Strukturen!und!Subsystemen!konstruieren,!in!denen! sie! leben.! Daher! ist! auch! nach! Harald! Welzer! das! “Wachstumskonzept! als! eine! mentale! Konstruktion! aus! Sicht! der! individuellen! und! soziologischen! Psychogenese“! einzustufen,! welches!von!!zeitlicher!und!räumlicher!Variabilität!gekennzeichnet!ist,!die!für!VeränderungsU! oder!auch!Entschleunigungsprozesse3!nötig!scheint.! Abschließend! sei! auf! die! Auffassung! verwiesen,! dass! weiteres! Wachstum! nicht! vehement! verboten! werden! kann:! TeilU! bzw.! Subsysteme,! wie! zum! Beispiel! der! Ausbau! von! regenerativen!Energien,!können!demnach!weiterhin!ihre!Wachstumspotentiale!ausschöpfen,! obwohl!das!Gesamtsystem!die!Grenzen!des!Wachstums!bereits!erreicht!hat.!So!stellt!auch! Hans!Christoph!Binswanger!fest:!„Wir!müssen!uns!mehr!der!Qualifizierung!des!Reichtums!als! der!Steigerung!seiner!Quantität!widmen“.!Denn!der!Preis!für!gleichbleibendes!grenzenloses! Wachstum!–! und! zwar! die! unvermeidbare,! letztendlich! selbstverschuldete! Beraubung! der! eigenen!Existenzgrundlagen!–!kann!offensichtlich!mit!den!erwirtschafteten!Gewinnen!weder! erfasst!noch!bezahlt!werden.! ! ! ! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 3 vgl.!Beitrag!Hartmut!Rosa!!
II!|!Literaturempfehlungen! ! ! 122! Literaturempfehlungen! ! Binswanger,! Hans! Christoph! (2009):! Geld! und! Magie.! Eine! ökonomische! Deutung! von! Goethes!Faust.! von!Braun,!Christina!(2012):!Der!Preis!des!Geldes:!Eine!Kulturgeschichte.!AufbauUVerlag.! Brown,!Ellen!(2008):!Der!Dollar!Crash.!Kopp.! Deutsche!Bundesbank!(2007):!Geld!und!Geldpolitik! (http://web.archive.org/web/20070929090628/http://www.bundesbank.de/download/bild ung/geld_sec2/geld2_gesamt.pdf)! Ernst,! Andreas! (2008):!Zwischen! Risikowahrnehmung! und! Komplexität.! Über! die! Schwierigkeiten!und!Möglichkeiten!kompetenten!Handelns!im!Umweltbereich.!In!I.!Bormann! &! G.! de! Haan! (Hrsg.),! Kompetenzen! der! Bildung! für! nachhaltige! Entwicklung.! Operationalisierung,!Messung,!Rahmenbedingungen,!Befunde!(S.!45U59).!VS!Verlag.! Fisher,!Irving!(2007):!Das!100%!Geld.!GaukeUVerlag.! Gocht,! Rolf! (2011):! Kritische! Betrachtungen! zur! nationalen! und! internationalen! Geldordnung.!Duncker!&!Humblot.! Graeber,!David!(2012):!Schulden.!Die!ersten!5000!Jahre.!KlettUCotta.! Griffin,!G.!Edward!(2006):!Die!Kreatur!von!Jekyll!Island.!Kopp.! Huber,!Joseph!und!Robertson,!James!(2008):!Geldschöpfung!in!öffentlicher!Hand.!Wege!zu! einer!gerechten!Geldordnung!im!Informationszeitalter.!GaukeUVerlag.! Landes,!David!(2009):!Wohlstand!und!Armut!der!Nationen.!Warum!die!Einen!reich!und!die! Anderen!arm!sind.! Luhmann,!Niklas!(2004):!Ökologische!Kommunikation.!VSUVerlag.! Ulrich,!Wolfgang!(2009):!Habenwollen.!Wie!funktioniert!die!Konsumkultur?!FischerUVerlag.! Soddy,!Frederick!(1926):!Wealth,!Virtual!Wealth!and!Debt.!George!Allen!&!Unwin.! Wissenschaftliche! Arbeitsgruppe! Nachhaltiges! Geld! (2012):! Wachstumszwänge! in! der! Geldwirtschaft.!(http://www.geldUundUnachhaltigkeit.de/bericht_2012_05.htm)! Vogel,!Joseph!(2010):!Das!Gespenst!des!Kapitals.!DiaphanesUVerlag.! Zarlenga,!Stephen!(1999):!Der!Mythos!vom!Geld!–!Die!Geschichte!der!Macht.!OeschUVerlag.!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 129! gesellschaftlichen!Geldmechanismen!durch!das!Vorrecht,!neue!Kreditgelder!auszugeben!und! zu!kontrollieren!und!für!private!Darlehen!Zinsen!zu!berechnen“!(ebenda,!224).!! Zur! Veranschaulichung! kann! eine! Rechnung! von! Jens! Reich! dienen:! Unterstellt! sei! ein! einheitlicher!Zinssatz!von!10%!für!Kredite!und!Einlagen.!Mit!20!Euro!Zentralbankgeld!kann! eine!Bank!bei!2%!Mindestreservepflicht!Kredite!in!Höhe!von!1000!Euro!vergeben.!Sofern!sie! sich!das!Geld!bei!der!Zentralbank!holte,!muss!sie!selbst!10%!für!die!Reserve!zahlen.!Den! Zinseinnahmen! von! 100! Euro! (aus! den! 1000! Euro)! stehen! Zinsausgaben! für! die! nötigen! Reserven!von!2!Euro!gegenüber.!„Die!Seigniorage!geht!entsprechend!dem!Reservesatz!zu!2%! an! die! Zentralbank! und! zu! 98%! an! die! Privatbanken! [...]Für! 2009! wiesen! die! EZB! und! die! nationalen!Zentralbanken!eine!Seigniorage!von!knapp!10!Mrd.!Euro!aus.!Dem!stand!folglich! eine!Gesamtseigniorage!von!über!490!Mrd.!Euro!gegenüber.!Die!Privatbanken!wurden!so!mit! 480! Mrd.! €! an! den! Geldschöpfungsgewinnen! beteiligt.! Ein! Abbau! dieser! Subvention! durch! simple!Anhebung!des!Reservesatzes!käme!einer!Bankenabgabe!gleich“!(2011,!1).![…]! Wie!Werner,!De! Soto! und! Huber! fordert! auch! Zarlenga! die! Abschaffung! des! Systems! der! begrenzten!Reservehaltung!und!die!Einführung!einer!Deckungspflicht!von!100%!(2008,!438U 443).!Da!er!bereits!auf!Hunderten,!den!Interessenkämpfen!um!das!Geldsystems!gewidmeten! Seiten!die!Schlachtfronten!identifizierte,!ist!er!sich!der!Gegnerschaft!von!Banken,!Medien! und!ideologisierten!Politikern!bewusst.!Der!Autor!geht!einen!Schritt!weiter!und!beschreibt! den,!auch!mit!dem!heutigen!Geldsystem!zusammenhängenden,!erbärmlichen!Zustand!der! amerikanischen!GesundheitsU,!InfrastrukturU!und!Bildungssystems.!„Eine!zweite!Maßnahme! in!der!meiner!Ansicht!nach!unverzichtbaren!Reform!des!Geldsystems!besteht![daher]!darin,! die!Kontrolle!des!Staates!über!das!nationale!Geldsystem!wiederherzustellen!und!den!Staat! als! alleinigen! Geldemittenten! einzusetzen.! Bei! einer! Reservehaltung! von! 100%! werden! die! Banken!in!Depositeninstitute!verwandelt,!die!ihrem!Wesen!entsprechend!sehr!stabil!sind.!Der! Staat! wird! zum! einzigen! Geldemittenten,! was! ein! hohes! Maß! an! Gerechtigkeit! mit! sich! bringt“!(ebenda,!443;!gleiches!fordert!Werner!2007,!332ff.).![…]! Das! in! Europa! (und! später! auch! in! den! USA)! vorherrschende! Kräftespiel! skizziert! Häring! (2010,!44U45)!anschaulich:!Der!Macht!des!Herrschers!stand!die!der!gut!vernetzten!privaten! Banken!gegenüber.!So!stellte!z.B.!König!Philip!II.!von!Spanien!(1527U1598)!zwar!mehrfach! seine! Zahlungen! ein,! aber! letztlich! konnte! er! es! nicht! wagen,! es! sich! mit! seinen! Hauptkreditgebern!zu!verscherzen,!da!die!Gruppe!der!Genueser!Bankerfamilien!über!ein!eng! geknüpftes!Netzwerk!verfügten.!„Wenn!der!König!sich!weigerte!zu!bezahlen,!bekam!er!kein! Geld! mehr! von! der! Gruppe! und! konnte! seine! Armeen! nicht! mehr! bezahlen! [...]Wenn! die! mächtigsten! Banker! sich! als! zweite! Macht! auf! gleicher! Ebene! mit! Regierungen! etablieren! konnten,!ist!es!kein!Wunder,!dass!das!Bankensystem!und!dessen!Regeln!sich!in!einer!Weise! entwickelten,!die!den!Interessen!der!Finanzgemeinde!sehr!entgegenkam“!(ebenda,!45).!Diese! Pfadabhängigkeit!ließe!sich!bis!zum!Eurosystem!verfolgen.!Rothbard!(1983,!2005/1990!und! 2007/1994)!und!De!Soto!(2009,!635ff.)!charakterisieren!das!Verhältnis!StaatUBanken(system)! als!eine!jahrhundertealte!Beziehung!der!Komplizenschaft!(zur!Gegenwart!siehe!Zeise!2011,! Kapitel!9).![…]! Auch!Werner! tritt!für!eine!entsprechende! Reform!ein.!„Die! Geldpolitik! ist! die! wirksamste! Gestaltungskraft!bei!der!Durchsetzung!makroökonomischer!Ziele.!Denn!sie!beeinflusst!nicht! nur! das! Wirtschaftswachstum,! sondern! vermag! auch! gesellschaftliche! Veränderungen! zu! bewirken.!Wegen!der!ungeheuren!Macht!und!Tragweite!der!Geldpolitik,!die!es!erlaubt,!die! volkswirtschaftlichen! Ressourcen! zu! kontrollieren! und! zu! lenken,! sollte! sie! einer! Institution!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 130! anvertraut! werden,! die! fest! verankert! ist! im! demokratischen! Prozess! –! so! wie! etwa! das! Finanzministerium! [...]Bei! der! Wahrnehmung! ihrer! Aufgaben! muss! die! Geldpolitik! stets! durchsichtig! bleiben,! ob! sie! den! ihr! vorgegebenen! gesamtgesellschaftlichen! Zwecken! nachkommt! und! Abweichungen! zugunsten! bestimmter! Interessengruppen! vorsorglich! oder! schon!in!einem!frühen!Stadium!der!Verselbstständigung!verhindert!werden!können”!(2007,! 451).![…]! Die! heutigen! institutionellen! Arrangements! der! Geldentstehung! und! Vernichtung! durch! Bankkredite!und!damit!einhergehende!privatwirtschaftliche!‚Geldmanipulation‘!können!als! eine!wesentliche!Ursache!der!Instabilitäten!gelten.!„Immerhin!neun!Billionen!Euro!Einlagen! verwalten! die! Banken! im! Euro_Raum.! Dem! stehen! Bankguthaben! bei! der! Europäischen! Zentralbank!von!rund!260!Milliarden!Euro!gegenüber.!Mit!dem!Bargeld,!das!die!Banken!bei! der!Zentralbank!abheben!können,!können!sie!also!nicht!einmal!ein!Dreißigstel!der!Einlagen! auszahlen.! Das! ist! auch! von! der! Zentralbank! so! abgesegnet,! denn! die! Banken! müssen! im! Euro_Raum! nur! absurd! niedrige! zwei! Prozent! der! Kundeneinlagen! in! Reserve! halten.! Die! restlichen!98!Prozent!können!sie!verleihen.!Und!wenn!das!Geld!wieder!auf!einem!Bankkonto! landet,! können! sie! erneut! 98! Prozent! davon! wieder! verleihen,! so! lange,! bis! der! Wert! der! zusätzlich! geschaffenen! Bankguthaben! auf! maximal! das! 50_fache! der! ursprünglichen! Kun_ deneinlage!angewachsen!ist“!(Häring!2009,!1).! Steve!Keen!wies!anhand!von!Zahlenbeispielen!darauf!hin,!dass!zunehmende!Verschuldung! einer!unangenehmen!Logik!folgt:!„(O)nce!debt!becomes!a!significant!fraction!of!GDP,!and!its! growth!rate!substantially!exceeds!that!of!GDP,!the!economy!will!suffer!a!recession!even!if!the! debt!to!GDP!ratio!merely!stabilizes.!A!debt_dependent!economy!has!no!choice!but!to!record! rising!levels!of!debt!to!GDP!every!year!to!avoid!a!recession“!(2010a,!55).!Meist!wird!diese! Problematik! sehr! spät! erkannt,! da! aufgrund! des! exponentiellen! Verlaufs! (Zinseszins)! erst! nach!einiger!Zeit!die!ZinsUSchuldenUKurve,!dann!aber!rasant,!nach!oben!weist.!Keen!(2006)! führt! das! anschauliche! Beispiel! eines! Seerosenteichs! an,! in! dem! die! Seerosen! sich! bei! täglicher! Verdoppelung! erst! unmerklich! vermehren! und! einen! Tag! vor! der! völligen! Bedeckung!erst!die!Hälfte!des!Teiches!ausmachen.! Auch! Häring! legt! plausibel! dar,! dass! die! Ausgabenspielräume! von! Haushalten! und! Unternehmen! nur! erweitert! werden,! wenn! gegenüber! der! Vorperiode! die! Rate! der! Verschuldung!zunimmt!bzw.!des!Kreditvolumens!steigt.!Nimmt!ein!Wirtschaftssubjekt!in!der! ersten!Periode!bei!einem!regelmäßigen!Einkommen!von!1000!Euro!100!Euro!Kredit!auf,!so! kann! er! 1100! Euro! ausgeben.! Nimmt! er! in! der! Folgeperiode! wieder! 100! Euro! Kredit,! so! stagnieren! seine! Ausgaben! bei! 1100! Euro.! „Nur! wenn! er! das! Tempo! des! Verschuldungsaufbaus! steigert,! also! zum! Beispiel! 120! Euro! aufnimmt,! steigt! sein! Ausgabenrahmen.!Die!Steigerung!des!Tempos!der!Kreditexpansion!kann!wegen!der!positiven! Rückkoppelungseffekte!eine!ganze!Weile!lang!funktionieren,!aber!eben!nicht!dauerhaft,!weil! die!Verschuldung!der!Haushalte!und!Unternehmen!dabei!exponentiell!ansteigt.!Irgendwann! muss! die! Zunahme! der! Verschuldung! abnehmen,! und! dann! tritt! der! gegenteilige! Rückkoppelungseffekt!ein“!(2010,!51).!! Der! Vorschlag! des! 100%UGeldes! geht! u.a.! auf! Henry! Simons! zurück! (1934;! der! unveröffentlichte! Appendix! On! Banking! and! Business! Cycles! in! einem! Memorandum! vom! November!1933!war!leider!nicht!zugänglich).!Er!wird!heute!in!der!Variante!des!Vollgeldes! von!Joseph!Huber!vertreten!(Huber!und!Robertson!2008,!Huber!2010),!der!Girokonten!zu!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 131! Vollgeldkonten! umdeklarieren! will,! die! außerhalb! der! Bankbilanzen! zu! führen! sind! (siehe! auch!den!Exkurs!und!für!die!Schweiz!1.)![…]! Der! entscheidende! Punkt! des! Vorschlags! besteht! in! einer! ordnungspolitischen! Kritik! der! multiplen! Geldschöpfung! (und! seines! zwangsläufigen! Pendants:! Der! multiplen! Geldvernichtung)!mit!dem!Ziel!einer!Trennung!der!Tätigkeiten!der!Geldschaffung!und!der! sonstigen!üblichen!Bankgeschäfte.!Bekanntlich!wird!im!heutigen!Geldsystem!Giralgeld!über! den!Prozess!der!Kreditvergabe!geschaffen.!Auf!Sichtguthaben!muss!dem!Vorschlag!gemäß! eine! Barreserve! von! 100%! gehalten! werden,! d.h.! Sichtguthaben! unterliegen! einer! vollständigen! Deckung,! die! Mindestreservepflicht! wird! auf! 100%! gesetzt! (im! Folgenden! werden! die! eher! technischen! Probleme! des! Systemwechsels! und! UÜbergangs! ausgeklamU mert,! z.B.! das! Abkaufen! von! Staatsanleihen! oder! anderen! Wertpapieren! der! Banken! als! Zuführung! notwendigen! Zentralbankgeldes! oder! durch! die! unabhängige! Währungskommission!zur!Umwandlung!des!Giralgeldes!in!Zentralbankgeld).!! Nach! dem! Übergang! gilt:! Banken! „sind! dazu! verpflichtet,! dauerhaft! eine! Barreserve! von! 100%!für!die!Sichtguthaben!ihrer!Kunden!zu!halten.!Oder!anders!gesagt:!Die!Sichtguthaben! wären! wirkliche! Guthaben,! die! aus! Bargeld! bestehen,! das! die! Bank! im! Auftrag! der! Kontoinhaber!verwaltet.!So!würde!das!neu!geschöpfte!Geld!durch!das!Erfordernis!der!100%_ Reserve! strikt! festgelegt“! (Fisher! 2007,! 15).! Häring! bezeichnet! das! heutige! System! als! ‚2U ProzentUGeld‘,!da!auf!Einlagen!im!Euroraum!ein!Mindestreservesatz!von!zwei!Prozent!gilt,! was!praktisch!für!die!Banken!ist,!denn!je!niedriger!der!Mindestreservesatz,!umso!höher!ist! der!Geldschöpfungsmultiplikator!und!der!Gewinn!der!Banken.!„Wenn![aber]!die!Banken!das! 50_Fache! ihrer! Liquiditätsreserven! als! Kredit! ausgeben! können,! dann! ist! das! Risiko! eines! Bankruns!immer!sehr!hoch“!(Häring!2010,!53).!! Die! Folgen! der! 100%URegel,! wobei! die! Mindestreserven! auch! nicht! von! der! Zentralbank! verzinst!werden!sollen,!sind!wahrlich!konservativUrevolutionär:!Bekommt!jemand!„Geld!von! einer! Bank! ausgeliehen,! so! bekommt! er! nur! das,! was! die! Bank! selbst! bei! einem! Dritten! geborgt!hat.!In!dieser!Geldordnung!können!Banken!nur!noch!Kredit!vermitteln,!nicht!mehr! Kredit!‚schöpfen‘!und!Geld!produzieren,!indem!sie!Kredit!schöpfen“!(Gocht!1975,!68).!Bei!der! Expansion! und! Kontraktion! des! Geldvolumens! erfolgt! ein! bloßer! Gestaltwandel.! „Die! Einzahlung!von!Bargeld!zur!Begründung!eines!Giroguthabens!wäre!dann!in!der!Tat!nur!die! Umwandlung!von!Geld!einer!technischen!Gestalt!in!die!andere,!wie!auch!das!Abheben!von! Bargeld! aus! einem! Buchgeldkonto! keine! Geldvernichtung! mehr! bedeutete,! sondern! wiederum!nur!den!Gestaltwandel!ein!und!derselben!Geldmenge“!(ebenda!1975,!79).!! Im! heutigen! System! wird! mit! der! Einräumung! eines! Kredits! Geld! geschaffen.! „Nach! dem! Vorschlag!des!100%!Money!wäre!das!mit!der!Kreditzusage!eingerichtete!Giroguthaben!von! der! Bank! voll! mit! Notenbankgeld! zu! belegen.! Sie! könnte! nur! Geld! ausleihen,! das! sie! sich! anderorts!beschafft!hat![...]Das!hat!die!kreditgebende!Bank!zu!besorgen,!sowohl!dann,!wenn! die!unbare!Zahlung!zugunsten!eines!ihrer!eigenen!Depositenkunden!erfolgt,!als!auch!in!dem! Falle,! dass! der! Zahlungsempfänger! sein! Girokonto! bei! einer! anderen! Bank! hat! oder! bar! abhebt;! diese! letztere! wird! den! Deckungsbeitrag! in! Gestalt! von! Notenbankgeld! decken! müssen.! Oder! richtiger! gesagt:! Sie! können! zwar! weiterhin! ihr! eigenes! Geld,! Giralgeld,! machen,!aber!nur!um!den!Preis,!dass!sie!gleichzeitig!und!in!gleichem!Umfang!Notenbankgeld! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!http://www.vollgeld.ch!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 132! stilllegen;! sie! können! dem! umlaufenden! Geldvolumen! zwar! teilweise! eine! andere! Gestalt! geben,!sie!können!es!aber!nicht!vermehren!oder!vermindern“!(ebenda,!80).![…]! Da! die! Sicherstellung! des! Zahlungsverkehrs! und! die! Stabilität! des! Geldsystems! ein! öffentliches! Gut! sind,! sollten! sie! nicht! mit! nach! privatwirtschaftlicher!Gewinnorientierung! handelnden!Privatfinanzinstituten! vermengt!werden,!die!über!den! Geldschöpfungsprozess! massiven! Einfluss! nehmen.! […]! „Faktisch,! aber! nicht! wörtlich,! druckt! jede! Geschäftsbank! Geld,! und! regulieren! und! kontrollieren! oder! beeinflussen! diese! Banken! als! Gesamtheit! gesehen! den! Wert! des! gesamten! Geldes“!(Gocht!1975,!21).!Der!100%UPlan!bedeutet!eine! dem! öffentlichen! Gutscharakter! entsprechende! ‚Vollverstaatlichung! des! Gelds‘.! Den! Privatbanken! verbleibt! ihre! eigentliche! Funktion! der! Vergabe! von! Krediten,! aber! sie! unterliegen!hierbei!der!100%UBremse!bei!ihrer!Kreditvergabe.!! Eingezahltes! (hier! zur! Vereinfachung:! Bar)Geld! auf! permanent! zur! Verfügung! stehenden! Girokonten!darf!nicht!weiter!verliehen,!sondern!muss!vollständig!‚eingelagert‘!werden.!Die! Umlaufmittel!des!bargeldlosen!Zahlungsverkehrs!sind!somit!‚echtes!Geld‘.!Sollte!eine!Bank!in! die! Insolvenz! gehen,! würden! die! zu! 100%! vorrätigen! Giroguthaben! einfach! auf! eine! (Brücken)Bank!übertragen.!Die!im!fraktionellen!Reservesystem!bestehende!Androhung!des! Zusammenbruchs!des!allgemeinen!Zahlungsverkehrs,!die!zu!immer!neuen!Rettungsschirmen! führt,!entfiele,!da!die!Giroguthaben!dem!Kontoführer!gehören!und!außerhalb!der!Bankbilanz! auf!einem!Konto!der!Zentralbank!zu!halten!sind!und!von!der!Bank!nicht!für!die!Kreditvergabe! genutzt!werden!darf.!!! Da! Giroguthaben! nicht! weiter! verliehen! werden! dürfen,! findet! keine! Verzinsung! statt,! sondern!es!muss!sogar!für!den!Lagerungsservice!eine!Gebühr!entrichtet!werden.![…]!Strikt! zu!trennen!vom!Geld!auf!Girokonten!sind!Spareinlagen,!die!entsprechend!der!Anlagedauer! als!typisches!Bankgeschäft,!das!sich!dem!Modell!der!Hypothekenbanken!annähert,!jenseits! der!Verwahrungsfunktion!entliehen! werden! dürfen.! „Die! zusätzlichen! Ersparnisse! könnten! neben!Spar_!und!Termineinlagen!auch!als!zusätzliches!Bankkapital!angelegt!werden,!um!so! für! Kredite! zur! Verfügung! zu! stehen.! Daneben! könnten! sie! auch! viele! andere! Formen! annehmen,!zum! Beispiel! in! Investments!und! Treuhandgesellschaften! fließen“!(Fisher!2007,! 90).![…]! Ein!im!Vergleich!zum!100%UPlan!separates!und!theoretisch!unabhängiges!Thema!stellt!die! schon!mehrfach!angedeutete!Frage!der!Art!und!Weise!der!nötigen!Geldzufuhr!(Uabnahme)!in! einer!wachsenden!(schrumpfenden)!Wirtschaft!dar.!Fisher!hatte!hinsichtlich!der!quantitaU tiven! Dimensionierung! eine! Indexierung! anhand! der! Lebenshaltungskosten! im! Blick,! er! sprach! sich! aber! insgesamt! für! eine! pragmatischUdiskretionäre! Geldpolitik! aus,! die! auch! WarenU!und!Rohstoffpreise,!Verschuldung,!Konkurse,!die!Beschäftigung!u.a.!berücksichtigen! sollte!(2007,!76).!Der!Idee!eines!tilgungsfreien!Inumlaufbringens!durch!den!Staat!stand!er!als! Gedankenspiel! offen! gegenüber,! er! sah! bei! dieser! Form! auch! die! Möglichkeit! von! Steuersenkungen,!die!nun!nicht!mehr!zur!Bezahlung!der!Staatsanleihen!benötigt!werden.!! Stärker! betont! Pahlke! (1970)! diesen! Aspekt,! der! vorschlägt,! dass! die! Zentralbank! Geldschöpfung!betreiben!sollte,!indem!das!frische!Geld!ohne!Gegenleistung!als!Geschenk!an! den!Staat!geht!und!über!Ausgaben!und!Investitionen!des!Staates!in!Umlauf!gebracht!wird,! als!gute!Alternative!unter!mehreren!denkbaren!(das!Geld!könnte!auch!als!Geschenk!an!die! Banken!oder!anteilig!an! die! Staatsbürger! ausgezahlt! werden).! In! seiner! Version! sollte!die!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 133! Notenbank! über! die! variablen! Zuflüsse! an! den! Staat! aktive! Konjunkturpolitik! unter! Vermeidung!der!üblichen!Schwerfälligkeit!der!Gesetzgebungsmaschinerie!betreiben.!! „Mit!dem!Recht,!dem!Staat!im!Zuge!des!Wachstums!der!Wirtschaft!regelmäßig!Zuschüsse!zu! gewähren,! gewinnt! die! Notenbank! einen! nicht! unerheblich! verstärkten! Einfluss!auf! die! Finanzwirtschaft! des! Staates.! Es! liegt! nahe,! diese! Einflussmöglichkeiten! auch! im! Sinne! der! kurzfristigen,! konjunkturorientierten! Notenbankpolitik! zu! nutzen! und! die! Zuschüsse! den! konjunkturellen! Erfordernissen! entsprechend! festzulegen! bzw.! zu! variieren,! also! in! der! Depression! zu! erhöhen! und! in! der! Hochkonjunktur! bei! inflationistischen! Tendenzen! einzuschränken“!(Pahlke!1970,!103).!Pahlke!geht!so!weit,!bereits!festgelegte!Haushaltspläne! selbst!während!des!Budgetvollzugs!nach!konjunktureller!Lage!in!Abhängigkeit!von!der!GeldU zufuhr! zu! variieren.! Diesem! Vorschlag! aus! den! 1970er! Jahren! sollte! man! wohl! skeptisch! gegenüberstehen.!! Sehr! interessant! ist! allerdings! ein! weiterer! Gedanke,! dass! nämlich! „dem! Staat! die! Verschuldung! grundsätzlich! untersagt! und! damit! das! Ausweichen! auf! andere,! kreditäre! Einnahmequellen!unmöglich!gemacht!würde.!Die!Staatsausgaben!wären!dann!ausschließlich! durch!Steuern!und!Zuschüsse!der!Notenbank!zu!finanzieren!(abgesehen!von!den!relativ!un_ bedeutenden! Einnahmearten! wie! Gebühren,! Beiträgen,! Erwerbseinkünften)“!(ebenda,! 105,! Fn.! 13).! In! gewissem! Maße! ist! dieser! Teil! des! Vorschlags! durch! die! im! Grundgesetz! festgesetzte!Schuldenbremse!in!der!Tendenz!vorweggenommen.!Pahlke!bemerkt!zu!Recht,! dass! diese! Kombination! eine! Art! irenische! Synthese! (MüllerUArmack)! unterschiedlicher! ökonomischer!Schulen!bedeutet.!! „Eine!derartige!Regelung!würde!eine!Form!der!Haushaltspolitik!beinhalten,!die!sowohl!den! Forderungen! der! modernen! keynesianischen! Wirtschaftswissenschaft! als! auch! weitgehend! klassisch_liberalen! Grundsätzen! gerecht! würde“! (ebenda).! Einerseits! würde! man! der! vermeintlichen!Unabhängigkeit!der!Europäischen!Zentralbank!(die!in!den!USA!in!dieser!Form! nie!beansprucht!wurde),!die!sich!ebenso!wie!zentrale!Bausteine!des!EUUVertrages2!im!Zuge! der!sogenannten!EuroU!und!Staatshaushaltskrise!2010!in!wenigen!Tagen!bis!Wochen!in!Luft! auflöste,!ein!sichtbares!Ende!bereiten.!Andererseits! hätte! man! durch! eine! bewusste,! klar! gesetzte,!feste!Mengenregel!der!Verführung!einen!Riegel!vorgeschoben,!nach!Bedarf!Geld! drucken!zu!lassen,!da!es!bekanntlich!keine!natürliche!Bremse!durch!die!Produktionskosten! des!Geldes!gibt.! Auch!der!bereits!zitierte!Rolf!Gocht,!ein!ordoliberal!ausgerichtetes!ehemaliges!Mitglied!des! Direktoriums!der!deutschen!Bundesbank,!machte!sich!Gedanken!zur!Umsetzung!des!100%U Planes! unter! Public! ChoiceUAspekten.! Er! ist! sich! der! Bedenken! eines! staatlich! vollständig! kontrollierten!Geldes!voll!bewusst,!meint!aber,!dass!wir!das!Problem!des!Staatsversagens! auch!im!heutigen!System!vorliegen!haben!und!zusätzlich!noch!eine!heikle!Vermischung!in! einem!staatlichUprivaten!Geldsystem!besteht.!„Wer!–!zu!Recht!–!von!tiefer!Skepsis!gegen!den! staatlich_politischen!Einfluss!auf!das!Geldwesen!erfüllt!ist,!wird!voller!Argwohn!die!Tatsache! registrieren,!dass!hier!ein!ausschließlich!staatliches!Geld!vorgeschlagen!wird.!Er!sollte!freilich! unsere!heutige!Geldordnung!kritisch!im!Auge!behalten,!in!der!staatliches!und!privates!Geld,! Notenbank_! und! Geschäftsbankengeld,! nebeneinander! existieren! und,! wobei! die! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 2 Zum$ Beispiel$das$BailUoutUVerbot' (§#125);# §#123!des$ LissabonUVertrages( untersagt%den% direkten% Erwerb%von% Schuldtiteln+durch+die+EZB+(Europäische+Union+2010),+siehe+auch+Art.+115+Grundgesetz+über+die+Kreditaufnahme+ des$Bundes,$die$nur$zur$Finanzierung$von$Investitionen$in$Deutschland$zulässig$ist.
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 134! Manipulationsinstanz! des! staatlichen! Geldes,! die! Notenbank,! sich! mit! mehr! oder! weniger! Erfolg!bemüht,!im!Interesse!der!Stabilität!des!Wirtschaftsprozesses!ihre!Kontrolle!über!das! private!Geld!auszuüben“!(1975,!69).!! Auch!nach!seiner!Vorstellung!sollte!neues!Geld!zunächst!kostenlos,!als!einfache!Gutschrift! ohne! Gegenleistung,! durch! schlichte! Buchung! auf! das! Konto! des! Staates! fließen.! „Die! Währungsbehörde! wäre! mit! dem! Auftrag! zu! versehen,! [...]neues! Geld! über! den! Staatshaushalt!in!Umlauf!zu!bringen“!(ebenda,!73).!Es!soll!aber!weniger!als!sensibles!KonU junkturinstrument! eingesetzt,! sondern! an! der! Regel,! dass! sich! das! Geldvolumen! (als! idealtypisches! Warengeld! gedacht)! in! Abhängigkeit! vom! realen! Wirtschaftswachstum! zu! entwickeln! habe,! orientiert! werden.! Die! Ausrichtung! am! realen! Sozialprodukt! bedarf! der! Schätzung,!was!heute!als!Aufgabe!einer!reformierten!Eurostat!zufiele.!Die!Schätzung!„wäre! als!unpolitische!Expertise!sicherzustellen!und!dürfte!nicht!Angelegenheit!von!Kabinetts_!oder! Parlamentsbeschlüssen! sein“! (ebenda,! 73).! Er! will! die! Weisungsbefugnis! der! Regierung! gegenüber!dem!Währungsorgan!in!gewissem!Unterschied!zu!Pahlke!ausschließen.![…]! Gocht! betont! wie! Wray! nachdrücklich,! dass! eine! Notenbank! in! jedem! Fall! eine! „Geldschöpfung! ex! nihilo“! (1975,! 85)! betreibt! und! dass! Geld! sich! einer! künstlichen! Institutionalisierung! ganz!im!Sinne!von!Knapps!Staatliche! Theorie! des! Geldes!(1918/1905)! verdankt,! Gutschriften! an! den! Staat! ohne! Gegenleistung! und! Rückzahlung! also! nichts! Schockierendes!anhaftet.!Die!heutige!Praxis!der!Hinterlegung!von!Wertpapieren!bietet!keine! Vorzüge.! „!‚Deckungs‘_Wert! haben! die! Handelswechsel! ebenso! wenig! wie! die! langfristigen! Wertpapiere;!beide!lassen!sich!gegebenenfalls!in!beliebigem!Umfang!produzieren,!und!ein!im! Übermaß!emittiertes!Geldvolumen!ist!nicht!deswegen!unbedenklich,!weil!es!auf!Grund!soge_ nannter!‚Deckungswerte‘!emittiert!worden!ist“!(Gocht!1975,!85).!! Es!gibt!aber!einen!großen!Unterschied!hinsichtlich!der!Verteilung.!„Der!Unterschied!in!der! Technik!der!Geldschöpfung!ändert!am!Geld!selbst!nichts;!wohl!aber!lässt!er!jeweils!andere! Begünstigte! oder! Nutznießer! der! Geldschöpfung! mit! geringerem! Kostenaufwand! –! Nutznießer!des!‚Münzgewinns‘!–!entstehen![...]Da!jede!Form!oder!Richtung!der!Geldemission! ihre! spezifischen! Nutznießer! hat,! scheint! es! unserer! politischen! Verfassung! am! meisten! zu! entsprechen,! wenn! der! Staat! zum! Empfänger! des! ‚Münzgewinns‘,! also! der! Geldschöpfung! abzüglich! der! Kosten! der! Währungsbehörde!gemacht! wird“!(ebenda,!85U86).!Auch!entfällt! die! demokratische! Entscheidungsspielräume! einschränkende! Bedienung! des! Zinsdienstes.! […]! „Die! Zusammensetzung! des! Sozialprodukts! wird! anders! sein,! als! wenn! Unternehmer! die! ersten!Empfänger!der!zusätzlichen!Geldbeträge!sind“!(ebenda,!111).!Auch!im!Fall!des!öffentU lichen! Haushalts! als! Erstempfänger! der! zusätzlichen! Geldbeträge! „wird! in! einem! bescheidenen!Maße!die!Zusammensetzung!des!Sozialprodukts!beeinflusst,!etwa!so,!wie!wenn! eine!zusätzliche!Steuer!von!gleichem!Aufkommen!die!öffentliche!Hand!befähigte,!mehr!Güter! und!Dienste!als!bisher!an!sich!zu!ziehen![...]Ist!es!so!ausgemacht,!daß!jede!von!Unternehmern! zur!Vermehrung!des!Sozialprodukts!ausgegebene!Mark!höheren!Nutzen!für!die!Bevölkerung! stiftet!als!die!vom!öffentlichen!Haushalt!ausgegebene!Mark“!(Gocht!1975,!111U112)![…]! Langfristig! sollte! natürlich! der! 100%UVorschlag! in! ein! gesellschaftliches! neues! Projekt! eingebettet! sein! […],! das! ökologische! Balance,! eine! gleichere! Verteilung,! eine! lebendige! Demokratie! und! Finanzstabilität! verbindet.! So! könnte! regional! orientierten! Geldinstituten! eine!zentrale!Rolle!zukommen,!deren!Geschäftspolitik!demokratisch!von!einer!Vielzahl!von!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 135! Stakeholdern!bestimmt!und!kontrolliert!wird.!Das!frische!Geld!könnte!auch!über!eine!grüne! Rekonstruktionsbank!in!den!Umbau!der!Infrastruktur!für!eine!„Nachwachstumsgesellschaft“! fließen,! in! deren! Entscheidungsgremien! auch! NROs! und! Anwälte! der! Natur! sitzen! und! Finanzexpertokraten!die!technische!Durchführung!vorbehalten!ist.! Die! Entscheidungen! im! Geldsystem! sollten! generell! eine! öffentlichUdemokratische! Angelegenheit! und! z.B.! durch! einen! kritischen! monetären! Ältestenrat! beraten! werden! (siehe! zur! Gesamtvision! NEWG! 2011).! Jedoch! ist! der! durch! die! Wachstumsgesellschaft! geprägte! derzeitige! Durchschnittsmensch!noch!nicht!reif!für!eine!derartige!substantielle!Demokratie.! ! Artikelherkunft* Auszug! aus:! Peukert! H.! (2011):! Die! große! FinanzmarktU! und! Staatsschuldenkrise.! Eine! kritischUheterodoxe!Untersuchung.!3.,!ergänzte!und!aktualisierte!Auflage.!MetropolisUVerlag,! Marburg.! ! Über*den*Autor* ! Apl.* Prof.* Dr.* Dr.* Helge* Peukert,! Jahrgang! 1956,! hat! Volkswirtschaftslehre,! Soziologie,! Philosophie! und! SozialUPsychologie! studiert.! Er! ist! außerplanmäßiger! Professor! an! der! staatsU wissenschaftlichen! Fakultät! der! Universität! Erfurt,! im! Bereich! Wirtschaftswissenschaften.! Seine! Arbeitsschwerpunkte! sind:! Finanzwissenschaft,! Finanzsoziologie,! heterodoxe! Theoriebildung!und! Finanzmärkte.! ! Verwendete*Literatur* Davies,!G.!A!history!of!money.!Cardiff:!University!of!Wales!Press,!2002.! De!Soto,!J.!Money,!bank!credit,!and!economic!cycles.!2.!Aufl.!Auburn:!Mises!Institute,!2009! (1998).! Dyson,!B.!et!al.!Towards!a!twentyUfirst!century!banking!and!monetary!system.!2010.! Fisher,!I.!100%UMoney.!Kiel:!Verlag!für!Sozialökonomie,!2007!(1935).! Gocht,!R.!Kritische!Betrachtungen!zur!nationalen!und!internationalen!Geldordnung.!Berlin:! Duncker!und!Humblot,!1975.! Hankel,!W.!und!Isaak,!R.!Geldherrschaft.!Weinheim:!WileyUVHC,!2011.! Häring,!N.!Es!werde!Geld!–!es!werde!Krise.!24.6.2009.!! (http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/esUwerdeUgeldUesUwerdeU krise;2386105;0).!
III!|!Die!Geldordnung:!Das!100%UGeld! ! ! 136! Häring,!N.!Markt!und!Macht.!Stuttgart:!SchäfferUPoeschel,!2010.! Huber,!J.!Reform!der!Geldschöpfung:!Wiederherstellung!des!staatlichen!Geldregals!und!der! Seigniorage! durch! Vollgeld.! 2004.! (http://www.soziologie.uniUhalle.de/publikationen/pdf/! 0405.pdf).! Huber,! J.! Geldordnung! II:! Reform! der! Geldschöpfung:! VollgeldUKonzept! und! Seigniorage! Reform.!2009.!(http://www.monetative.de/wpUcontent/uploads/geldordnungUiiUreformUderU!!!! geldschopfungUdurchUvollgeldUmUhomepage.pdf).! Huber,!J.!Monetäre!Modernisierung.!Marburg:!Metropolis,!2010.! Huber,!J.!und!Robertson,!J.!Geldschöpfung!in!öffentlicher!Hand.!Kiel:!Gauke,!2008.! Keen,!S.!“Solving!the!paradox!of!monetary!profits”.!Economics,!4!(2010),!1U32.! Keen,!S.!The!lily!and!the!pond.!12.12.2006.!(http://evatt.org.au/news/445.html).! Knapp,!G.F.!Staatliche!Theorie!des!Geldes.!2.,!durchges.!und!verm.!Aufl.!Leipzig:!Duncker!und! Humblot,!1918!(1905).! Pahlke,! J.! Steuerbedarf! und! Geldpolitik! in! der! wachsenden! Wirtschaft:! Geldschöpfung! als! Mittel!der!Staatsfinanzierung.!Berlin:!De!Gruyter,!1970.! Reich,! J.! Subventionsabbau! statt! Besteuerung:! Vorschlag! einer! Bankenabgabe.! Mimeo.! Frankfurt,!2011.!2!S.! Rothbard,!M.!The!mystery!of!banking.!New!York:!Richardson!and!Snyder,!1983.! Rothbard,!M.!Das!ScheinUGeldUSystem.!2.!Aufl.!Gräfelfing:!Resch,!2005!(1990).! Rothbard,!M.!The!case!against!the!FED.!Auburn:!Mises!Institute,!2007!(1994).! Simons,!H.!Economic!policy!for!a!free!society.!Chicago:!Chicago!University!Press,!1948!(darin:! A!positive!program!for!laissez!faire,!1934,!S.!40U77).! Werner,!R.A.!Neue!Wirtschaftspolitik.!München:!Vahlen,!2007!(2005).! Wray,!L.R.!Understanding!modern!money.!Cheltenham:!Edward!Elgar,!1998.! Zarlenga,!S.! Der! Mythos!vom!Geld.!2.,! verb.! Aufl.!Zürich:!Conzett! Verlag! bei!Oesch,!2008! (1999).! Zeise,! L.! Woher! kommen! die! Gewinne! der! Banken?! 8.4.2010.! (http://! blog.zeit.de/herdentrieb/2010/04/08/).! ! !
III!|!Postwachstumsgesellschaft!und!Grundeinkommen! ! ! 137! Postwachstumsgesellschaft*und*Grundeinkommen* Ronald!Blaschke! ! "Was!fehlt!uns,!das!das!Wachstum!uns!bringen!soll?"! (Andrè!Gorz!2009)! "Soll!die!gesellschaftlich!notwendige!Gesamtarbeit!so!organisiert!werden,!daß!sie!keine! überflüssige!Energie!verbraucht!und!keine!überflüssigen!Schadstoffe!freisetzt;!soll!sie,!mit! anderen!Worten,!das!sogenannte!Bruttosozialprodukt!drastisch!vermindern,!dann!ist! Zustimmung!zu!solcher!Politik!nur!vorstellbar,!wenn!sie!gleichzeitig!soziale!Gerechtigkeit!in! bisher!unbekannten!Dimensionen!verwirklicht."! (Carl!Amery!1985)! ! Leitthese:!Es! sind! keine! nachhaltige! Postwachstumsgesellschaft! und! keine! nachhaltige! Postwachstumsökonomie! ohne! Demokratie,! Freiheit! und! Umverteilung,! also! auch! nicht! ohne!bedingungslose!Absicherungen!der!Existenz!und!gesellschaftlichen!Teilhabe!möglich.! Vorwort* Die!Meinung,!dass!der!Zusammenhang!von!Wachstumskritik!und!sozialer!Frage!ein!neues! Thema!wäre,!ist!falsch:!"Die!ökologische!Kritik!am!Industrialismus,!an![…]!der!schrankenlosen! Ausbeutung!der!äußeren!Natur!–!der!Umwelt!–!und!der!inneren!Natur!–!des!Körpers!und!der! Seele!der!Menschen!–,!stellt!die!Organisation!der!gesamten!gesellschaftlichen!Arbeit!wie!des! Soziallebens!qualitativ!in!Frage![…].Hat!die!Industrialisierung!unserer!gesamten!Lebenswelt! nicht! zu! einer! unter! sozialen! und! gesundheitlichen! wie! unter! demokratischen! Gesichtspunkten! höchst! problematischen! Vereinnahmung! und! Kontrolle! unserer! Lebensäußerungen! geführt?! Konnte! sich! der! relative! materielle! Wohlstand! in! den! industrialistischen! Konsumländern! denn! nicht! nur! auf! den! Schultern! der! Dritten! Welt! entwickeln,!mit!Hilfe!einer!durch!militärische!und!wirtschaftliche!Gewalt!aufrechterhaltenen! internationalen!Arbeitsteilung,!dem!sogenannten!'Weltmarkt'?!Ist!die!(ErwerbsU)Arbeit,!von! deren!Verteilung!angesichts!der!Massenerwerbslosigkeit!allein!die!Rede!ist,!nicht!zu!großen! Teilen! Arbeit,! die! unter! ökologischen! Gesichtspunkten! abgeschafft! gehörte?! Geht! es! also! neben!der!Umverteilung!der!Arbeit!auf!die!sich!anbietenden!Arbeitskräfte!nicht!vor!allem! auch!um!eine!Umverteilung!der!volkswirtschaftlich!zur!Verfügung!stehenden!Arbeitskraft!auf! ganz!andere!Arbeitsbereiche!(von!der!Beteiligung!der!Männer!an!HausU!und!Erziehungsarbeit! über! eine! ökologische! Landwirtschaft! bis! hin! zur! Entwicklung! von! umweltverträglichen! Formen! der! Energieversorgung)?"! (Opielka! 1985)! Die! Kritik! an! der! natürliche! Ressourcen! verschlingenden! und! ökologische! Schäden! verursachenden! Ökonomie! war! für! ökosoziale! Wachstumskritiker/innen! auch! immer! eine! soziale! und! feministische! Kritik! an! den! gesellschaftlichen!Verhältnissen.!Entfremdung!des!Menschen,!Ausbeutung!und!Zerstörung! der! Natur,! doppelte! Ausbeutung! der! Frauen! in! Lohnarbeit! und! mit! unentgoltener! HausU,! ErziehungsU!und!Sorgearbeit!–!all!das!waren!Themen!der!Wachstumskritiker/innen!vor!über! 25!Jahren.!Für!viele!war!das!Grundeinkommen!ein!Mittel!für!eine!ökosoziale!Transformation! der!Gesellschaft!hin!zu!einer!Postwachstumsgesellschaft!–!nachzulesen!zum!Beispiel!in!dem! Buch!"Die!ökosoziale!Frage.!Entwürfe!zum!Sozialstaat"!von!1985.!
III!|!Postwachstumsgesellschaft!und!Grundeinkommen! ! ! 138! Definition:!Nachhaltige!Postwachstumsgesellschaft!und!Postwachstumsökonomie! Unter! dem! Begriff! "nachhaltige! Postwachstumsgesellschaft"!wird! im! Folgenden!eine! Gesellschaft! verstanden,! die! sich! unter! der! Bedingung! einer! starken! Reduktion! des! Verbrauchs!von!natürlichen!Ressourcen!stabil!und!dauerhaft!reproduziert.!! Mit! dem! Begriff! "nachhaltige! Postwachstumsökonomie"! wird! im! Folgenden! eine! stabile! Ökonomie!bezeichnet,!die!unter!der!Bedingung!einer!starken!Reduktion!des!Verbrauchs!von! natürlichen!Ressourcen!lebensnotwendige!Güter!produziert!und!Dienstleistungen!anbietet.!! 1.*Postwachstumsgesellschaft*als*eine*Gesellschaft*mit*schrumpfender*Wirtschaft* Wirtschaftliches! Wachstum! (auch! das! Wachstum! von! Dienstleistungen1)! ist! Ursache! des! steigenden! Verbrauchs! natürlicher! Ressourcen! (und! der! damit! verbundenen! ökologischen! Schäden).! Eine! Postwachstumsgesellschaft! ist! daher! eine! Gesellschaft,! die! sich! mit! einer! schrumpfenden!Wirtschaft!reproduziert!(degrowth).!! 2.*Postwachstumsgesellschaft*als*eine*grundlegend*veränderte*Gesellschaft* Es!geht!im!Hinblick!auf!die!Postwachstumsgesellschaft!keineswegs!nur!um!den!Wandel!einer! Ökonomie!hin!zu!einer!Postwachstumsökonomie,!sondern!um!den!qualitativen!Wandel!einer! Gesellschaft!in!ihrer!sozialen,!wirtschaftlichen!Struktur!und!Zielstellung!und!hinsichtlich!ihrer! Stellung! im! gesamten! Oikos.! Oikos! umfasst! die! Beziehungen! zwischen! Lebewesen! untereinander! und! mit! ihrer! unbelebten! Mitwelt! (Ökologie)! und! die! Ökumene! (Menschengemeinschaft,! Beziehung! zwischen! Menschen).! Ein! Bestandteil! des! Ökumenischen! (neben! Kultur,! Recht,! sozialen! und! politischen! Beziehungen! usw.)! ist! die! Ökonomie! (wirtschaftlicher! Haushalt).! Eine! Verengung! des! Themas! Postwachstumsgesellschaft! auf! das! Thema! Postwachstumsökonomie! ist! abzulehnen.! Bei! dem! Thema! Postwachstumsgesellschaft! handelt! es! sich! letztlich! um! ökologische,! ökumenische!und!–!darin!eingebunden!–!um!ökonomische!Fragen.!(Vgl.!Blaschke!2008)! 3.*Ökonomie*ist*bedeutend*mehr*als*im*BIP*ausgedrückte*Produktion*und*Konsumtion** Erstens!finden!sich!ökonomische!Zusammenhänge!und!Produktionen!auch!jenseits!des!im! BIP!ökonomisch!Erfassten.!Viele!nicht!im!BIP!erfassten!MenschUMensch!und!MenschUNaturU Bezüge!haben!eine!ökonomische!Bedeutung!–!von!der!privaten!HausU,!FamilienU,!Sorgearbeit! über! die! Eigenarbeit! bis! hin! zur! Nachbarschaftshilfe! und! zum! bürgerschaftlichen! Engagement,!also!im!gesamten!individuellen!und!kollektiven!Bereich!der!Selbstversorgung.! Im! Jahr! 2001! wurden! in! Deutschland! 96! Milliarden! Stunden! unbezahlte! Arbeit!und! 56! Milliarden!Stunden!bezahlte!Arbeit!geleistet.!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Auch! Bildung! und! Gesundheitsversorgung! produziert! mit! einem! sehr! hohen! und! steigenden! Einsatz! von! ressourcenverbrauchenden! Mitteln.! Das! heißt,! dass! z.! B.! die! Bildung! und! Gesundheitsversorgung! auch! in! Zukunft! mit! weniger! ressourcenverschlingenden! Mitteln! durch! Einbeziehung! moderner! Form! der! Bildung! (Muße,!soziale!Interaktion)!und!moderner!Formen!der!Medizin!(Alternativmedizin,!natürliche!Heilverfahren)! sich! entwickeln! muss.! Auch! ist! in! einer! Postwachstumsgesellschaft! mit! einem! stark! schrumpfenden! Gesundheitsvorsorgeaufwand! zu! rechnen,! weil! die! krank! machende! Wachstumsökonomie! und! Ugesellschaft! überwunden!wird.!
III!|!Ökologische!Modernisierung! ! ! 241! Ordnungspolitische*Reformperspektiven:*Vollgeld*und*Trennbanken* • Beendigung! der! überschießenden! Giralgeldschöpfung! und! der! kreditären! Aufhebelung!der!Finanzmarktspekulation! • Beendigung! des! aktuellen! Giralgeldregimes! der! Banken;! Rückgewinnung! der! geldU! und!währungspolitischen!Hoheit!des!Staates!durch!Übergang!zu!Vollgeld! • Vollwertiges!gesetzliches!Zahlungsmittel.!Wie!Münzen!und!Banknoten,!und!unbare! Zahlungsreserven! der! Banken! bei! der! Zentralbank! für! den! InterbankenU Zahlungsverkehr.!Vollgeld!=!unbares!Zentralbankgeld!auch!im!Publikumsgebrauch.! ! Vorteile:! • Volle!Kontrolle!der!Geldmenge! • Zinsfreie!Geldbasis! • Unterbindung!der!sich!häufenden!spekulativen!Exzesse!mit!ihren!realwirtschaftlich! und!sozial!üblen!Folgen!! • Wegfall!des!ZinsUExtragewinns!der!Banken!aus!der!Giralgeldschöpfung! • Originäre!Seigniorage!zugunsten!der!öffentlichen!Hand!in!voller!Höhe! • Durch! ÜbergangsUExtraseigniorage! Möglichkeit! des! Abbaus! der! Staatsverschuldung! ohne!Heulen!und!Zähneklappern.! ! Das*Leitbild*der*metabolischen*Konsistenz* Das! Leitbild! der! metabolischen! Konsistenz! ergänzt! die! NachhaltigkeitsUStrategien! der! konsumtiven!LebensstilUSuffizienz!und!der!technischen!ÖkoUEffizienz.!! Der! SuffizienzUAnsatz! möchte! das! Verbrauchsniveau! senken! durch! Übergang! zu! einem! bescheideneren! Lebensstil.! Der! Ansatz! beruht! auf! einer! idealistischen! anstelle! der! vorherrschenden! utilitaristischen! Ethik.! Von! daher,! ungeachtet! seines! moralischen! Eigenwertes,!ist!der!SuffizienzUAnsatz!realer!Politik!kaum!zugänglich.!Außerdem!vermag!er! zur! Problemlösung! faktisch! nur! wenig! beizutragen.! Halber! Verbrauch! unter! gegebenen! industrietraditionalen! Produktionsbedingungen! würde! nur! eine! Verdopplung! der! ökologischen!Galgenfrist!bedeuten,!davon!abgesehen,!dass!die!meisten!Menschen!halben! Verbrauch!(noch!zu!höheren!Kosten)!nicht!akzeptieren.! Effizienzsteigerung!vermag!demgegenüber!schon!mehr!zur!Problemlösung!beizutragen,!aber! doch!weniger!als!unterstellt.!Es!macht!wenig!Sinn,!Effizienzsteigerungen!zu!forcieren,!denn! es! handelt! sich! um! den! quantitativen! Aspekt! der! Lernkurve! von! technologischen! Lebenszyklen,! die! ohnedies! ihren! Gang! gehen! (man! kann! einen! Fluss! nicht! schieben).! Effizienzsteigerung! nach! einem! innovativen! TakeUOff! erreicht! bald! ihren! Grenznutzen;! sie! dient! faktisch! dem! weiteren! Systemwachstum! durch! ReboundUEffekte! (BumerangUEffekt),!
III!|!Ökologische!Modernisierung! ! ! 242! nicht!einer!Systembegrenzung!oder!gar!Schrumpfung;!und!sie!kann!außerdem!Fortschritt!am! falschen! Objekt! bedeuten! (Effizienzsteigerung! von! KohleU! und! Atomkraftwerken,! oder! weitere! Intensivierung! der! schon! überintensivierten! Landwirtschaft).! So! gesehen! ist! die! EffizienzURevolution! teilweise! auch! reichlich! konservativ,! jedenfalls! insofern! sie! an! alten! Technologien!oder!Produkten!in!ihrem!ReifungsU!und!Erhaltungsstadium!ansetzt,!nicht!aber! an!technologischen!SystemU!und!Pfadwechseln.! Eben!Letzteres!tut!das!Leitbild!der!metabolischen!Konsistenz!(manchmal!auch!ökologische! Konsistenz!oder!auch!ÖkoUEffektivität!genannt).!Der!KonsistenzUAnsatz!zielt!darauf!ab,!durch! grundlegend! neue! Technologien,! Produkte! oder! Praktiken! die! qualitative! Seite! des! industriellen!Metabolismus!zu!ändern.!! Innovationstheoretisch! betrachtet,! liegt! die! Stoßrichtung! des! KonsistenzUAnsatzes! nicht! darin,! an! der! Steigerung! der! Wirkungsgrade! alter! Technologien! und! Produktlinien! zu! arbeiten,!als!vielmehr,!Strukturwandel!(Pfadwechsel)!zugunsten!grundlegender!TechnikU!und! Produktinnovationen! zu! befördern,! die! darauf! abzielen,! die! ökologische! Qualität! der! industriegesellschaftlichen! Stoff¬¬umUsätze! so! zu! verändern,! dass! sie! sich! in! den! Naturstoffwechsel! wieder! besser! einfügen.! Als! Beispiele! dienen! können! Wasserstoff! statt! Kohlenstoff,! Brennstoffzellen! statt! Öfen/Brennkammern,! ökologischer! Landbau,! Präzisionslandwirtschaft,! grüne! Gentechnik,! StoffUSubstitution! bei! Chemikalien,! Farben/Lacken! und! sonstigen! Materialien,! Biotechnologie! statt! HochtemperaturU /Hochdruck¬UProzessen!in! der! Chemie!und!Pharmazie,!neue! Materialien,! chemikalienfreie! MaterialU!und!Oberflächenbearbeitung!durch!Nanotechnologie,!u.v.a.!!! Es!geht!in!erster!Linie!nicht!um!weniger,!als!vielmehr!um!andere!Arten!der!RessourcenU!und! Senkennutzung,! die! auch! in! großen! Volumina! aufrechterhalten! werden! können.! Das! Erfordernis! großer! Volumina! ergibt! sich! aus! den! großen! Bevölkerungszahlen! und! eher! höheren!als!geringeren!Konsumanspruchsniveaus.!Die!Bezeichnung!metabolische!Konsistenz! wurde! gewählt! zum! einen! in! Anlehnung! an! die! Konsistenzforderung! des! Nachhaltigkeitsleitbildes! („to! achieve! trade,! capital! flows! and! technology! that! are! more! equitable! and! consistent! with! environmental! imperatives“,! wie! es! im! BrundtlandUReport! heißt),!zum!anderen,!um!mit!der!Wortwahl!den!Diskurskontext!mit!Suffizienz!und!Effizienz! zu! verdeutlichen.! Konsistenz! stellt! die! Frage! nach! der! qualitativen! Beschaffenheit! des! industriellen!Metabolismus.!! Dem!KonsistenzUAnsatz!geht!es!nicht!um!weniger!vom!Gleichen,!sondern!um!grundlegenden! Strukturwandel! im! Rahmen! einer! ökologischen! Modernisierung.! Innovative! Technologien! und! Praktiken,! welche! die! metabolische! Konsistenz! verbessern,! sind! zusammen! mit! effizienzsteigernden! Maßnahmen! die! wichtigsten! Ansatzpunkte! für! eine! Strategie! ökologischer! Modernisierung! im! Dienste! der! Zielsetzungen! des! Leitbildes! nachhaltiger! Entwicklung.!SuffizienzUVorgaben!vermögen!dagegen!weniger!beizutragen.! ! ! ! !
III!|!Ökologische!Modernisierung! ! ! 243! Artikelherkunft* Auszug! aus:! Huber,! J.! (2011):! Monetäre! Modernisierung:! Zur! Zukunft! der! Geldordnung.! MetropolisUVerlag,!Marburg.!! ! Über*den*Autor* Prof.* Dr.* rer.* pol.* Joseph* Huber,* Jahrgang! 1948,! ist! DiplomU Sozialwissenschaftler! und! hat! Sozialwissenschaften! in! Heidelberg! und! Bochum! studiert.! An! der! FU! Berlin! hat! er! in! Politikwissenschaft! habilitiert.! Er! ist! heute! ordentlicher! Professor! für! WirtschaftsU! und! Umweltsoziologie! an! der! MartinULutherUUniversität! in! Halle.! Seine! Schwerpunkte!sind!die!Ökologische!Modernisierung!und!die!Reform!der! Geldordnung.! ! ! ! ! !
III!|!Kritik!der!Wachstumskritik! ! ! 244! Kritik*der*Wachstumskritik* Zur!Unterscheidung!zwischen!wirtschaftlichem!Wachstum!und!wirtschaftlicher!Entwicklung! Rainer!Land! ! Heute!ist!es!fast!unstrittig,!dass!ein!weiteres!Wachstum!des!Verbrauchs!von!Primärenergie! und!Rohstoffen!bzw.!der!Emissionen!und!Abprodukte!früher!oder!später!zu!Zusammenbruch! der! Ökosysteme! und! damit! auch! der! wirtschaftlichen! Grundlage! der! Menschheit! führen! wird.! Trotz! wachsender! Weltbevölkerung! –! prognostiziert! sind! etwa! 9! Mrd.! bis! 2050! –! müssen!der!Verbrauch!an!Primärenergie!und!Rohstoffen!sowie!die!Emissionen!(vor!allem! von!C02)!und!Abprodukte!absolut!sinken,!teilweise!bis!auf!Null.! Ein!drastischer!Rückgang!des!Naturverbrauchs!pro!Kopf,!Jahr!für!Jahr,!über!einen!Zeitraum! von!20!bis!50!Jahren,!ein!Rückgang,!der!deutlich!größer!sein!muss!als!die!Rate!des!Zuwachs! der! Weltbevölkerung,! kann! theoretisch! auf! drei! miteinander! kombinierbaren! Wegen! erreicht!werden:!Erstens!durch!Selbstbeschränkung,!also!dem!Rückgang!der!Konsumtion!pro! Kopf,!also!auch!realen!ProU!KopfUEinkommen.!Zweitens!durch!Rückgang!der!höheren!ProU KopfUEinkommen,!also!Abbau!der!Einkommensungleichheit,!wobei!das!Sinken!der!höheren! Einkommen!nicht!vollständig!durch!steigende!Einkommen!im!unteren!Einkommensbereich! kompensiert!werden! dürfte.!Angesichts!der!globalen!Einkommensverteilung!sind! aber!die! Effekte! dieser! beiden! Möglichkeiten! viel! zu! gering.! Eine! Reduzierung! der! unteren! Einkommen! ist! global! gesehen! undenkbar,! die! Reduzierung! nur! der! hohen! Einkommen! würde!aber!nicht!ausreichen,!wie!zu!zeigen!sein!wird.! Trotzdem! sind! beide! Wege! wichtig.! Eine! gerechtere! Verteilung! der! Einkommen! ist! ganz! unmittelbar! eine! Komponente! der! Regulierung! der! Finanzmärkte! und! der! Eindämmung! selbstreferenzieller! (spekulativer)! Geldbewegungen! mit! negativen! Effekten! auf! die! Realwirtschaft.! Zudem! hätte! die! Beschränkung! der! Luxuskonsumtion! auch! direkte! ökologische! Einspareffekte.! Ohne! Beschränkung! der! Luxuskonsumtion! ist! zudem! eine! Selbstbeschränkung! der! EinkommensUMittelschichten,! die! in! den! entwickelten! Industrieländern!den!größten!Teil!der!ökologischen!Lasten!verursachen,!nicht!zu!erwarten.! Allgemeine!Selbstbeschränkung,!vor!allem!dieser!Bevölkerungsgruppen,!beim!Verbrauch!von! Konsumgütern!–!vor!allem!solchen!mit!hohen!ökologischen!Belastungen!–!ist!wichtig,!um! eine! Transformation! der! Konsumstrukturen! durch! Selbstveränderung! des! Verhaltens! einzuleiten.! Dabei! kann! es! nicht! darum! gehen,! emanzipatorische! Voraussetzungen! der! Moderne! wie! Existenzsicherung,! Teilhabe! an! Kommunikation,! Bildung,! Demokratie! und! Mobilität!nicht!weiter!auszubauen!bzw.!denen!zu!verweigern,!die!daran!(noch)!nicht!oder! nur! unzureichend! partizipieren.! Emanzipation,! Freiheit,! Gerechtigkeit,! Gleichheit! und! Individualität!haben!eine!ökonomische!Grundlage,!die!durch!einen!ökosozialen!Umbau!nicht! aufgegeben! werden! darf,! sondern! transformiert! werden! muss,! und! zwar! so,! dass! sie! mit! einem!Zugewinn!an!Verwirklichungschancen!für!die!Individuen!verbunden!ist.! Die! dritte! und! aus! meiner! Sicht! einzig! realistische! Möglichkeit,! erheblich! und! anhaltend! Naturverbrauch! zu! reduzieren,! ist! ein! Wechsel! der! Entwicklungspfades,! des! Innovationsregimes.!
III!|!Kritik!der!Wachstumskritik! ! ! 245! In!der!kapitalismuskritischen!Diskussion,!sofern!sie!von!der!Regulationstheorie!beeinflusst! ist,! wird! zumeist! das! Akkumulationsregime! dargestellt,! wobei! dies! in! der! Regel! wachstumstheoretisch!betrachtet!wird.! In! vielen! wachstumskritischen! Argumentationen! wird! dargestellt,! dass! der! Akkumulationstrieb! des! Kapitals! unbeschränkt,! die! Naturressourcen! aber! endlich! sind.! Möglichkeiten! der! Steigerung! der! Ressourceneffizienz! werden! in! dieser! wachstumstheoretischen! Modellbildung! ebenfalls! als! begrenzt! betrachtet,! weshalb! eine! Lösung!der!ökologischen!Krise!unter!den!Bedingungen!der!Dominanz!von!Kapitalverwertung! nicht!möglich!sei.! Im!Unterschied!dazu!vertrete!ich!eine!andere!wachstumskritische!Position,!in!der!gerade!die! Steigerung! der! Ressourceneffizienz! als! endloser! Prozess! gedacht! wird,! und! zwar! auf! der! Grundlage! einer! evolutorischen! Wirtschaftstheorie! nach! Schumpeter.! Hier! wird! das! Innovationsregime!einer!Produktionsweise,!die!Art!und!Weise,!Inventionen!hervorzubringen,! zu!selektieren,!zu!rekombinieren!und!zu!verbreiten!(dies!zusammen!macht!eine!Innovation! aus),!zum!Zentrum!der!theoretischen!Modellierung!und!der!Akkumulationsprozess,!formell! die! Verwandlung! von! Mehrwert! in! Kapital,! wird! zu! als! nachgeordnete! Folge! von! selektiv! bestimmten!Innovationsprozessen!gedacht.!Der! Fokus! der!Regulation!liegt!dann! nicht! bei! der!Aneignung!von!Wert,!Mehrwert!und!Lohn,!sondern!bei!den!Prozessen,!die!der!Selektion! von!Innovationen!und!damit!der!Richtung!der!technologischen!Veränderung!von!Produktion,! Konsumtion,!Infrastruktur,!Lebensweisen!und!Sozialstrukturen!zugrunde!liegen.!(Genau!dies! Vorgehen!findet!man!übrigens!auch!in!Marx’!„Kapital“,!Abschnitt!Produktion!des!relativen! Mehrwerts).! Für! die! fordistische! Variante! der! Kapitalverwertung,! die! regulationstheoretisch! auf! der! Kombination! von! Massenproduktion! und! produktivitätsorientierter! Lohnentwicklung! beruhte,! sind! Innovationsprozesse! typisch,! die! die! Arbeitsproduktivität! mittels! positiver! Skaleneffekte!steigern.!Sie!sind!weitgehend!blind!für!Ressourceneffizienz.! Der! einzuleitende! Paradigmenwechsel! bedarf! einer! positiven! Rückkopplung! zwischen! sinkendem!Naturverbrauch,!steigenden!Einkommen!(mit!natürlich!qualitativ!neuen!Inhalten)! und! Kapitalverwertung,! also! eines! Regulationssystems,! das! ressourcensteigernde! Innovationen!positiv!selektiert!–!anstelle!der!Fokussierung!auf!Arbeitsproduktivität.! Ein! verändertes! Innovationsregime! ist! m.E.! die! letztlich! tragfähige! wissenschaftliche! Grundlage! für! den! Green! New! Deal,! weil! sie! die! qualitative! Veränderung! der! Wirtschaftsweise! ins! Zentrum! stellt.! Man! muss! aus! einer! WachstumsU! zu! einer! Entwicklungsperspektive! übergehen,! um! die! Voraussetzungen! einer! ökologischen! Kapitalverwertungsökonomie!zu!verstehen.! Es! geht! dann! nicht! mehr! darum,! gegebene! ProduktionsU! und! Konsumtionsweisen! durch! singuläre!Innovationen!punktuell!effektiver!zu!machen!–!etwa!den!Dieselmotor!durch!ein! anderes!Einspritzverfahren!mit!weniger!Treibstoff!oder!durch!einen!Rußfilter!mit!weniger! Emissionen!zu!fahren.!(Obwohl!dies!im!Übergang!durchaus!vernünftig!sein!kann,!löst!es!das! eigentliche!Problem!nicht.)!Einzelne!Innovationen!verändern!Produktionsweisen!immer!nur! im!Rahmen!gegebener!Selektionskriterien,!ändern!also!weder!die!Bedürfnisstrukturen!noch! die!verwertungsrelevanten!Selektionskriterien.!Jede!Einsparung!von!Ressourcen!wird!dann! durch!ReboundUEffekte!des!alten!Wachstumstyps!aufgefressen!und!die!volkswirtschaftliche!
III!|!Kritik!der!Wachstumskritik! ! ! 246! Ressourceneffizienz!steigt!nicht!bzw.!zu!langsam,!langsamer!als!das!preisbereinigte!BIP.!Ein! Green! New! Deal! erfordert! nicht! (nur)! viele! einzelne! Innovationen! zur! Substitution! bzw.! Reduzierung!von!Naturressourcen,!sondern!einen!Wechsel!des!Innovationsregimes.!Green! New! Deal! bedeutet! Veränderung! der! Selektionskriterien! und! Veränderung! der! Entwicklungsrichtung! der! laufenden! technologischen! und! sozioökonomischen! Veränderungen,!eine!andere!Richtung!auch!des!sozialen!Wandels.!Grundlage!des!Konzepts! des! Green! New! Deal! ist! Umweltkompatibilität! oder! auch! Umweltkonsistenz! als! Selektionskriterium! für! Innovationen.! Mit! einer! Transformation! des! Innovationsregimes! werden!die!absolute!Senkung!des!Naturverbrauchs!und!die!Erhaltung!der!Ökosysteme!als! Komponente! des! umweltkompatiblen! Umbaus! der! Industrien,! der! ProduktionsU! und! Konsumtionsmittel,! der! Infrastrukturen! und! der! ProduktionsU! und! Lebensweisen! gedacht.! Auf!dieser!Basis!sind!wirtschaftliche!Entwicklung!und!Ökologie!vereinbar!–!und!zwar!auch! mit! steigenden! Masseneinkommen,! bei! freilich! anderen! Inhalten! und! mit! anderen! Konsumgütern.! Kritik*der*Wachstumskritik*ist*keine*ProYWachstumsYPosition!* Kritik! der! Wachstumskritik! bedeutet! keinesfalls,! dass! das! Gegenteil,! also! eine! ProU! WachstumsUPosition!richtig!wäre.!Kritik!(in!einem!philosophischen!Sinne)!bedeutet!vielmehr! zu! zeigen,! dass! eine! Position! einen! blinden! Fleck! hat,! die! Welt! an! irgendeiner! wichtigen! Stelle! verkehrt! sieht,! weil! sie! auf! der! nicht! reflektierten! Verdinglichung! von! prozessualen! Vorgängen!beruht1,!also!den!wesentlichen!Zusammenhang!nicht!durchschaut.!Dies!gilt!nun! sowohl! für! das! Wachstumsdenken,! sowohl! für! die! Wachstumsideologie! als! auch! für! die! volkswirtschaftlichen! wissenschaftlichen! Wachstumstheorien,! als! auch! für! die! Wachstumskritik,!und!auch!da!sowohl!für!die!ideologische!wie!auch!für!die!wissenschaftliche! Variante.! Verdinglichung! und! blinder! Fleck! besagen! aber! auch,! dass! an! der! jeweiligen! Position!auch!„was!Richtiges!dran!ist“.!Nur!man!weiß!eben!nicht!genau,!was!–!weshalb!sich! Wachstumskritik!und!ProUWachstumsdenken!wie!Glaubensartikel!gegenüber!stehen!und!es! den!Anschein!hat,!als!ginge!es!um!normative!Positionen.! Der! hinter! Wachstum! (oder! auch! Nichtwachstum,! Schrumpfung,! negativem! Wachstum)! stehende! wesentliche! Zusammenhang! aber! ist! Entwicklung.! Entwicklung! ist! Veränderung! überhaupt,! Veränderung! von! Prozessen,! die! in! den! Prozessen! entstehenden! und! vergehenden!Dinge!(Produktionsmittel!und!Produkte)!eingeschlossen!(es!gibt!keine!Prozesse! ohne! Dinge).! Wirtschaftswachstum! ist! immer! Ausdruck! (Erscheinung)! von! wirtschaftlicher! Entwicklung,! und! wenn! man! verschiedene! WachstumsU! bzw.! Schrumpfungsprozesse! verstehen! will,! muss! man! versuchen,! die! ihnen! zugrunde! liegenden! Entwicklungen! zu! analysieren,!also!die!Prozesse!ergründen,!die!den!wachsenden!oder!schrumpfenden!Dingen! (BIP,!Sozialprodukt,!Ressourcen,!Einkommen!usw.)!zugrunde!liegen.!! Zunächst!geht!es!darum!zu!verstehen,!dass!es!nicht!die*WachstumsU,!NullwachstumsU!oder! Schrumpfungsökonomie! gibt,! sondern! dass! es! immer! eine! Vielzahl! von! unterschiedlichen! InputU!und!OutputUKomponenten!sind!(Rohstoffe,!Energie,!Boden,!Arbeit,!Produktionsmittel,! Konsumtionsmittel,! Abprodukte,! Emissionen),! die! in! durchaus! verschiedenen! Relationen! wachsen!oder!schrumpfen!können.!Die!Fokussierung!auf!das!BIP!als!dem!alleinigen!Indikator! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 1!Was! bei! Messungen! (Quantifizierungen)! typischer! Weise! der! Fall! sein! muss,! in! der! Regel! aber! nicht! durchschaut!wird!–!und!Wirtschaftswachstum!hat!viel!mit!Messen!zu!tun.
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